2. Kapitel.
Ungebetene Gäste.

Man schrieb das Jahr 1812. Seit sechs Jahren war Frau Friederike von Seeheim, die Herrin von Kloningken, Witwe. Ihr Gatte war in der unglückseligen Schlacht bei Jena gefallen und wenige Wochen später war ihr ältester Sohn bei Eylau tödlich verwundet worden. Man hatte den jungen Fähnrich nach Kloningken gebracht und dort war er nach etlichen Tagen in den Armen seiner Mutter gestorben.

Seit jener Zeit hatte Frau von Seeheim das Gut nicht mehr verlassen. Sie widmete sich ganz der Erziehung ihres jüngsten Sohnes Hans-Heinrich, des einzigen, der ihr von vier Söhnen geblieben war. Die anderen beiden waren schon im zartesten Alter gestorben. Tatkräftig, mit starker Hand verwaltete Frau Friederike ihren Besitz, sie war nicht milde und darum oft mehr gefürchtet als geliebt von ihren Untergebenen, aber sie war gerecht. Freilich ihre Liebe konnte sie niemand geben, die gehörte fast ausschließlich ihrem Sohn. Der war ihr Abgott, ihr Liebstes auf der Welt, und im Herzen zitterte immer die heimliche Angst, der Sohn könne eines Tages den Beruf des Vaters ergreifen wollen. Im Äußeren glich Hans-Heinrich seiner Mutter, im Wesen seinem Vater. Er besaß die gleiche heitere Liebenswürdigkeit und den sorglosen Mut wie sein Vater, der am Morgen der Schlacht mit einem Lachen auf den Lippen in den Kampf gezogen war. Wohl blieb der Ernst der Zeit nicht ohne Einfluß auf den Knaben und er konnte mit blitzenden Augen und heißen Wangen mit seinem Freunde Walter Flemming von Krieg und Freiheit sprechen. Dann aber tollte er auch wieder übermütig durch den Park und verschmähte es nicht, mit Luise und Fritz Flemming Ritter und Räuber zu spielen oder auf dem See, der dicht bei dem Gute lag, lustige Wasserfahrten mit ihnen zu unternehmen.

Walter Flemming war viel ernster als Hans-Heinrich, trotzdem er so wenig älter war. Auf dem hochbegabten Knaben lastete die Stille von Kloningken oft schwer, die Heimat erschien ihm oft so eng und klein, und er sehnte sich hinaus in die weite Welt, in den Kampf. Er war vor einem Jahre etliche Wochen in Königsberg gewesen und dort hatte er, durch einen Vetter, einen Kreis junger Männer kennen gelernt, die alle älter als er, eine Art Bund geschlossen hatten, der nur den einen Zweck kannte, Befreiung von dem Joch der Fremdherrschaft. Alle diese jungen Leute waren entschlossen, ihr Leben für die Freiheit des Vaterlandes einzusetzen, sie alle hofften sehnsüchtig auf die Stunde, da der Krieg gegen Frankreich losbrechen würde.

Seither lebte in Walters Seele ein leidenschaftlicher Haß gegen Napoleon, gegen alles was französisch war. Seine Eltern sahen dies oft mit Bangen, und sie versuchten es durch Güte und Strenge, das wilde Wesen des Sohnes in ruhigere Bahnen zu leiten.

In Frau von Seeheims Hause hatte noch eine Nichte von ihr Aufnahme gefunden, Renate von Bergen, eine Waise. Die Kleine war durch die tiefen Schatten, die so früh die Sonne ihres jungen Lebens getrübt hatten, still und ernst geworden. Sie war sehr sanft, aber von scheuem, zurückhaltendem Wesen, und sie verstand es wenig, der Pflegemutter Herz zu gewinnen. Mit großer Liebe aber hingen ihre Gespielen an ihr, und »Mütterchen« Renate, wie sie sie oft nannten, war ihnen Hilfe und Zuflucht in allerlei Kümmernissen des täglichen Lebens.

Wie um die Kinder, so schlang sich auch um die Eltern ein Freundschaftsband, und der Verkehr vom Herrenhaus zum Pfarrhaus in Kloningken war ein reger und kein Tag kam und verging, an dem es nicht ein Hinundher zwischen beiden Häusern gab. Freilich war hier Frau Friederike mehr die Nehmende, sie nahm alle herzliche Liebe und Treue, die ihr Pfarrer Flemming und seine Frau Charlotte darbrachten, als selbstverständlich an, ohne selbst viel Liebe zu geben.

Auch an diesem hellen Frühlingstag dachte Frau Friederike an die Vergangenheit und sie merkte nichts von Renates wachsender Angst.

Aber plötzlich ließ Walter erschrocken sein Buch sinken und lauschte.

»Was war das nur?« Durch die Stille klang es wie ein fernes, dumpfes Gewitterbrausen, es war als erzitterte der Boden unter den Füßen. »Hörst du was, Renate?« flüsterte der Knabe.

Diese nickte beklommen und sah ängstlich zu ihrer Tante hin, auch Frau von Seeheim horchte mit erblaßtem Gesicht. »Hans-Heinrich,« murmelte sie erschrocken, denn in jeder Gefahr galt ihre erste Sorge dem Sohn.

Draußen erschallte auf einmal ein wildes Rufen und Schreien, man hörte Jungfer Karolines jammernde Stimme und jäh riß Hans-Heinrich die Tür auf und stürmte über die Schwelle. Ihm folgte weinend Luise mit dem kleinen Fritz.

»Sie kommen, Mutter, sie kommen,« schrie Hans-Heinrich, und seine grauen Augen blitzten in heftigem Zorn. »Hört ihr es denn nicht, wie es dröhnt, wir haben auf der Erde im Garten gelegen, da hört man es noch deutlicher. Vogt Schwarze sagt, vom Heuboden aus kann man sie kommen sehen, ich will rasch hinaus laufen!«

»Sie kommen, sie kommen,« tönte von draußen das Jammergeschrei, und einige Mägde stürzten verzweifelt in das Zimmer.

Frau Friederike griff entsetzt nach der Hand des Sohnes. »Du bleibst hier,« stieß sie hervor, »ihr Kinder dürft das Haus nicht verlassen.«

Ein rascher, fester Schritt kam draußen über den Flur und Pfarrer Flemming trat hastig ein. Sein freimütiges, kluges Gesicht trug den Ausdruck hoher Erregung, sein Anzug und seine Schuhe waren bestaubt und auf der Stirn perlten ihm große Schweißtropfen. »Ich komme von Schönheide,« sagte er, »ich habe mich so beeilt, um Sie, teure Freundin, vorzubereiten, die Franzosen kommen. Die Generale Regnier und Gouvion St. Cyr sind auf dem Durchmarsch, im Dorf ist bereits eine Abteilung eingetroffen, und sie verlangen Wagen und Pferde bis G., außerdem Lebensmittel. In wenig Minuten werden sie auch hier im Schloß sein.«

»Um hier zu hausen wie eine Räuberbande,« unterbrach ihn Frau Friederike empört. »Mögen sie alles fortschleppen, ihr aber, Kinder, geht in das blaue Zimmer hinauf, eure Augen sollen das französische Gesindel nicht sehen, das ich hasse, hasse wie –«

Der Pfarrer hatte die Hand der Frau ergriffen und sagte traurig: »Hassen ist ein furchtbares Wort, liebe Freundin. Wenn Sie auf diejenigen Ihren Haß werfen, die heute hier durchziehen, dann trifft es unsere eigenen Landsleute, denn diese Armee besteht aus Sachsen und Bayern. Die Leute sind Deutsche wie wir, auch kommen sie nicht als Feinde, unser König, den Gott erhalten möge, ist der Verbündete des Kaisers, wie die meisten deutschen Fürsten.«

»Deutsche, Deutsche,« murmelte Frau Friederike. »Deutsche an seinen Siegeswagen gespannt, o mein Gott, deine Hand ruht schwer auf uns!«

Von draußen erklang jetzt lautes Sprechen und starke Schritte klirrten auf dem Steinboden des Flurs. Man hörte Poltern und Schreien, Waffen rasselten und dazwischen tönte die ängstliche Stimme der Jungfer Karoline. Der Pfarrer öffnete schnell die Tür, und an ihm vorbei drängten sich zwei Offiziere in das Zimmer, während mehrere Soldaten draußen blieben. Der ältere der Offiziere trat auf Frau von Seeheim zu. Er war klein und seine blitzenden, dunkeln Augen, die gebräunte Gesichtsfarbe verrieten den Südländer. Er verneigte sich sehr höflich vor der Hausfrau und sagte mit einem liebenswürdigen Lächeln: »Madame, ick komme zu bitten für meine Soldaten, wir haben noch einen langen Weg, wir brauchen Wagen, Pferde, wir sein hungrik, wir wollen essen, verstehen, Madame?«

Als Frau von Seeheim schwieg und ihn finster ansah, fügte er ein wenig drohend hinzu: »Wir sind Freunde von Ihre Könik, Freunde, verstehen mir?«

»Ich verstehe schon, was an Vorräten vorhanden ist, können Sie erhalten!«

»O, Madame sind liebenswürdik,« sagte er verbindlich, »kann nix for Krieg, ist serr bös, ick verstehen!«

Der andere Offizier, ein junger hochgewachsener Mann, mit offenen Zügen, hellblondem Haar und freundlichen blauen Augen, hatte der Verhandlung wenig Aufmerksamkeit geschenkt, er war zu den Kindern getreten, die sich auf ihrem Platz am Fenster zusammengedrängt hatten, und richtete einige Fragen an sie. Seiner Sprache hörte man den Süddeutschen an und Walter dachte erbittert: »Er ist ein Deutscher!« Renate war die einzige, die Antwort gab. Fritz hatte ängstlich seinen Kopf in ihren Schoß geborgen, Hans-Heinrich und Walter aber setzten allen Fragen des Offiziers trotziges Schweigen entgegen; auch Luises sonst so beredter Plaudermund war geschlossen und scheu sah sie zu dem Offizier empor. »Wie ein richtiger Hasenfuß,« dachte Walter, der sich über die Schwester ärgerte, doch auch Renates ruhige Antworten empörten ihn, und er warf der Freundin einen zornigen Blick zu. Der Offizier merkte wohl den Zorn des Knaben, er lächelte ein wenig spöttisch und sagte mit leichter Neckerei: »Ei, ei, der junge Herr scheint eifersüchtig zu sein.«

Walter sah wohl, wie seines Vaters Augen mahnend auf ihm ruhten, aber er konnte nicht schweigen, heiße Glut stieg ihm ins Gesicht und seine Stimme klang fast rauh vor zorniger Erregung, als er erwiderte: »Ich bin ein Preuße und liebe mein Vaterland, soll ich lachen, wenn – wenn!« Er stockte und fügte dann leise aber fest hinzu: »Die Feinde im Lande sind.«

Renate war totenbleich geworden, sie preßte angstvoll die Hände zusammen, aber doch ruhten ihre Augen stolz auf dem Freund. Hans-Heinrich hatte sich straff emporgerichtet, und seine blauen Augen blitzten und flammten, beinahe hätte er Bravo gerufen.

Von dem Gesicht des Offiziers war das Lächeln geschwunden, er war blaß geworden. Einige Minuten sah er die Knaben fest an, nicht zornig, fast traurig war sein Blick. Dann wandte er sich ohne Gruß ab und schritt auf den Pfarrer zu: »Wer ist jener, mit dem dunkeln Haar?« forschte er.

»Mein Sohn,« gab der Gefragte ruhig zur Antwort.

»Tapferer Junge,« murmelte der Offizier. »Gott erhalte ihn, ich gratuliere zu solchem Sohn.« Er trat rasch, ohne eine Entgegnung abzuwarten, auf seinen Kameraden zu und drängte diesen beinahe schroff zur Eile. Nach wenigen Minuten verließen denn auch die beiden Offiziere das Haus, der Franzose mit höflichen Abschiedsworten, der Deutsche stumm und finster.

Frau von Seeheim aber ging in Vorratskammer und Keller, um die Wünsche der Offiziere zu erfüllen. Der alte Vogt ließ unter schweren Seufzern das Vieh aus den Ställen treiben und die Wagen anschirren. Nach kaum einer Stunde fuhr, von Soldaten eskortiert, ein hochbeladener Wagen nach dem andern von Gut und Dorf Kloningken aus nach der eine halbe Stunde entfernten Straße hin, auf der in endlosen Kolonnen die große Armee Kaiser Napoleons nach der russischen Grenze zog.

Die heimlichen Flüche der Männer, das laute schmerzvolle Klagen der Frauen folgte dem Heere. Das zog mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel dahin und die Waffen und Uniformen blitzten im Sonnenschein. Unabsehbar waren die langen Züge der Wagen und Kanonen, und manch einem ergrauten Krieger wurde das Herz schwer, wenn er die unzähligen Gepäckwagen sah, die das Fortkommen im feindlichen Lande sehr erschweren mußten. Die Landleute wurden gezwungen, mit ihren Pferden zu Hilfe zu kommen, sie mußten auch an Lebensmitteln geben, was sie nur auftreiben konnten. Es waren ja nicht Feinde, Freunde sollten es sein, die das Land durchzogen. Kaiser Napoleon hatte mit dem tiefgebeugten König von Preußen ein Bündnis geschlossen, und die noch zu zahlende Kriegsentschädigung der unglücklichen Jahre von 1806/07 war in Lieferungen von Schlachtvieh, Korn und anderen Lebensmitteln umgewandelt worden. Außerdem durften die durchziehenden Truppen noch Lebensmittel nach Bedarf einziehen.

»Als wäre, wie zu Moses Zeiten, ein Heuschreckenschwarm über das Land gezogen,« so klagte Vogt Schwarze in Kloningken bei seiner Heimkehr. Er ballte die Hände zur Faust, und über sein Gesicht liefen Tränen, die ersten vielleicht, die er seit dem Tode des jungen Herrn geweint hatte. »Seht, Jungfer Karoline,« sagte er zu dieser, »was einem geradezu das Herz im Leibe umdreht, das ist, daß so viele Deutsche dabei sind, Deutsch reden sie, Herrgott, möchten sie auch deutsch denken! Das wurmt mich, wünschen möchte man, daß sie alle drinnen in Rußland ihren Tod fänden; und dann erbarmt's einem wieder das Herz, wenn man an all das ehrliche, deutsche Blut denkt, das da vergossen wird, für was?«

Mit gebeugtem Haupt ging der alte Mann in seine Kammer, und vorsichtig verschloß er hinter sich die Türe. Aus seinem Bettsack wühlte er ein altes, etwas verrostetes Schwert heraus, damit hatte Anno 1758 sein Vater bei Zorndorf unter dem alten Fritz gefochten. Mit finsterer Miene wog der Vogt Erdmann Schwarze das Schwert in der Hand, und dreimal hieb er zu, daß es sausend die Luft durchschnitt, ja er konnte es noch führen. Dann faltete er seine harten Arbeitshände über dem Schwert zusammen und wie ein Schrei brach es aus seiner Brust: »Herr Gott, erbarme dich unserer Not!«

In jenen Tagen klang dieser Ruf aus Tausenden von Herzen angstvoll zum Himmel empor. Bis in den Herbst hinein dauerten die Durchzüge der Truppen, und bei dieser ungeheuren Masse von Soldaten wurde die Angst wach, was wird geschehen, wenn der Siegeszug in Rußland beendet ist, dann bewahre uns der Herr vor dem Übermut des Siegers! Traurig aber sahen die Landbewohner auf ihre zerstampften Felder, in ihre verödeten Ställe und leeren Vorratskammern, und sie dachten voll Sorge an den kommenden Winter.