Die Sorge der Erwachsenen dämpfte auch die heitere Kinderlust etwas, immerhin gab es auch in diesem harten Sommer manche frohe Stunde für die Kinder in Kloningken. Die Winterangst lastete nicht allzu schwer auf ihnen, und namentlich Hans-Heinrich, Luise und Fritzel fanden immer neue Gründe zum Frohsein. Sacht wandelten sich die Sommertage in Herbsttage und der Wald begann in bunten Farben zu schimmern. Die schlanken Birken hatten ihr lichtgrünes Sommerkleid mit einem goldgleißenden Prachtgewand vertauscht, und im Sonnenschein sah der Wald aus wie der goldene Wald des Märchenlandes. In dem Kloningkener Garten standen die Obstbäume fruchtbeladen und Jungfer Karoline hatte es sehr eilig, den Vorrat von Obst in Sicherheit bringen zu lassen. Die Angst, es könnten neue Truppen kommen und die Bäume plündern, veranlaßte sie, mit allen ihr zu Gebote stehenden Kräften die Obsternte zu halten. Sogar Vogt Schwarze half mit, er tat dies freilich etwas widerwillig und er brummelte genug dabei, denn er dachte an die verwüsteten Felder, die in diesem Sommer wenig genug Korn geliefert hatten.
An einem schönen warmen Oktobertag saßen Renate und Luise unter einem breitästigen Apfelbaum und Renate war eifrig damit beschäftigt, Obst zu schälen, das zum Winterbedarf getrocknet werden sollte. Luise hatte auch ein Messer in der Hand, aber statt zu schälen, biß sie soeben mit ihren weißen Zähnen in einen großen, rotbäckigen Apfel; »wirklich, Renate, er ist zu gut, um ihn zu trocknen,« versicherte sie. Renate lachte, »ich glaube Luise, du hast schon etliche gefunden, die sich besser zum Essen eignen, wenn du dich nicht eilst, werden wir bis zum Vesperbrot nicht fertig mit unserer Arbeit.«
Seufzend begann Luise nun einen Apfel zu schälen, als sie den zweiten ergriff, seufzte sie tiefer, beim dritten aber sank ihr das Messer aus der Hand und sie klagte halb lachend, halb traurig: »Ich weiß gar nicht, wie das kommt, Renate, dir fliegt jede Arbeit von der Hand, du bist darin gerade wie meine Mutter, wenn die nur etwas anschaut, so ist es schon fertig, aber mir gelingt nichts ordentlich. Nun sieh nur einmal, du kannst jeden Apfel schälen, daß seine Schale ganz bleibt, während es bei mir lauter kleine Stücke werden, es ist zum Verzagen, wenn man so ungeschickt ist.« Ein Weilchen schälte sie wieder eifrig, dann sprang sie plötzlich auf und rief stolz: »Da, jetzt habe ich auch eine Schale ordentlich lang bekommen. Sieh nur wie fein! Nun werde ich das Orakel fragen, wie mein künftiger Gemahl heißt.«
Sie trat einige Schritte vor und warf lachend die Schale hinter sich, dann drehte sie sich blitzschnell um, und o weh – die Schale baumelte an einem Strauch.
Renate rief mit schelmischer Neckerei: »Keinen Mann bekommst du, wer wird auch solchen kleinen Quirl zum Weibe nehmen!«
Luise war rot geworden, sie setzte sich schweigend wieder an ihre Arbeit. »Bist du böse, weil ich dich neckte?« Renate bog sich vor und sah forschend in das traurige Gesichtchen der kleinen Freundin.
Die schüttelte betrübt den Kopf. »Böse? Ach nein, ich bin nur schrecklich traurig, weil ich so dumm und ungeschickt bin. Ach, Renate, ich wollte, ich wäre wenigstens auch eine Johanna von Orleans, wie in dem schönen Buch des Herrn Schiller, das uns Vater neulich vorgelesen hat. Ich wollte, ich könnte auch so im Kampf voranziehen. Du lieber Himmel, denke doch nur, Renate, wie wundervoll das wäre, wenn ich auch mit einem goldenen Helm auf dem Kopfe ankäme und sagte: ›Jetzt ziehe ich in den Krieg!‹ Nachher würde ich in Berlin einziehen und vor den König hintreten und sagen: ›Gnädiger Herr König, ich habe den Bonaparte gefangen genommen und alle Franzosen fortgejagt!‹ Hurra, das wäre mal was!«
Luise war aufgesprungen. Die Äpfel, die sie auf dem Schoß gehabt hatte, kollerten auf die Erde, und in ihrem Eifer warf die Kleine noch einen gefüllten Obstkorb um. Sie achtete gar nicht darauf, sie stand mit blitzenden Augen vor der Freundin und schrie: »Sieh, Renate, so würde ich es machen!« Sie schwang in der erhobenen Hand drohend das Obstmesser und rief laut: »Hurra, hurra, nieder mit den Feinden!«
»Bravo, bravo! Johanna von Kloningken!« rief da plötzlich eine freundliche Stimme. Über den Gartenzaun blickte ein Reiter, der hatte anscheinend die Mädchen schon lange beobachtet und er lachte nun laut und herzlich über Luises kühne Haltung. »Sieh, sieh, was das Mariellchen für ein Sprudelkopf ist, recht kriegerische Ansichten hat sie für ein Pfarrtöchterlein!«
Luise war glühend rot geworden, sie vergaß ganz, den Reiter zu begrüßen, Renate jedoch in ihrer ruhigen Art verbeugte sich mit zierlichem Anstand und sagte: »Die Frau Tante ist im roten Zimmer, darf ich vielleicht Ihr Kommen melden, lieber Onkel?«
Freiherr Franz von Seeheim auf Schönheide, ein Vetter Frau Friederikes, reichte ihr über den Zaun herüber die Hand; »laßt euch nicht stören, Mariellchens, ich reite durch den Hof und werde meine Base schon finden!« Er trieb sein Pferd an und nickte noch einmal zu Luise hin. Diese stand verlegen und kämpfte mit den Tränen der Scham, und Renate mußte sie erst liebevoll trösten, ehe sie sich endlich wieder zu ihrer Arbeit hinsetzte. Sie blieb nun wirklich einige Zeit dabei, freilich, so viele Äpfel sie schälte, so viele Seufzer gab es auch. Als Jungfer Karoline nach einer Weile nachsehen kam, da sagte sie unzufrieden: »Vor eine künftige Hausfrau möchte ich dich noch nicht regardieren, Luise. Ein Mädchen, das Äpfel schält, als hätte sie mit 'nem Pflug die Schalen abgerippelt, das hat noch nicht die Qualitäten vor die Hausfrauenschaft!«
Luise kicherte, trotz dieses vernichtenden Urteils, und Jungfer Karoline bekam, sie wußte nicht wie ihr geschah, einen Kuß. Da war sie rasch versöhnt, und sie selbst tröstete: »Was nicht ist, kann noch werden, und mit die Tüchtigkeit ist das so, die kommt manchmal wie'n Donnerwetter im Sommer!«
Frau Friederike saß in ihrem Arbeitszimmer an ihrem Schreibpult und rechnete. Das Gemach, in dem sie sich befand, war mit altertümlich geschnitzten Möbeln angefüllt, die Einrichtung stammte noch aus Frau Friederikes Elternhause in Pommern; nicht recht zu dieser massigen, gediegenen Pracht einer vergangenen Zeit paßten die Ölbilder, die an den Wänden hingen und die einige Herren und Damen in der koketten, zierlichen Tracht des verflossenen Jahrhunderts darstellten. Auf dem Gesicht der Frau lag ein müder, sorgenvoller Ausdruck, und sie schrak aus schwerem Sinnen empor, als draußen ein kräftiger Schritt erklang. Ein kurzes Klopfen, und Herr von Seeheim trat in das Zimmer.
Die Hausfrau schob ihre Papiere zusammen und begrüßte freundlich den eintretenden Vetter. »Hoffentlich zürnt mir meine liebe Base nicht,« sagte dieser, auf seine hohen, mit Schlamm bespritzten Reiterstiefel weisend, »daß ich so das Boudoir einer Dame betrete. Aber, wäre ich ohne einen Gruß von Kloningken heimgekommen, dann hätte ich vielleicht Schelte von meiner Eheliebsten erhalten.«
Friederike lächelte, »ich wußte gar nicht, Vetter, daß du so unter Henriettes Pantoffel stehst; doch wie geht es daheim?« Herr von Seeheim berichtete allerlei aus dem täglichen Leben, »es geht eben, wie es in solchen Zeiten gehen kann,« sagte er, während sein Gesicht sich verdüsterte. »Mein Viehstand ist jämmerlich, und die Felder, die an der Straße liegen, haben keine Ernte gegeben. Aber meinen Bauern ist es nicht besser gegangen, und ich habe vergeblich Beschwerde erhoben, weil man uns einen Teil der Zugtiere, die wir zum Transport stellen mußten, nicht zurückgegeben hat, aber das ver–. Na, ich will lieber nicht fluchen, so gut Henriette ist, dies mag sie doch zu wenig, also, das französische Gesindel kümmert sich nicht im geringsten um unsere Klagen, und unser armer König ist so machtlos wie wir.«
»Hat man Botschaft, Vetter, wie es in Rußland geht, sind wieder Siegesnachrichten eingetroffen?«
Franz von Seeheim bog sich ein wenig vor und dämpfte seine markige Stimme, »die Zeitungen berichten weiter von glänzenden Siegen, sie schreiben, der Zug der großen Armee wäre einem Triumphzug zu vergleichen. Heute früh aber war der alte Levin Moses bei mir, du kennst ihn, er kauft immer die Felle auf und ist bald hier, bald drüben in Rußland. Ich denke mir, er kennt einen Weg über die Grenze, den nicht viele wissen. Kurz, jetzt ist er wieder hier, so recht wollte er ja nicht mit der Sprache heraus, aber als ich ihm versprochen habe, so wenig wie möglich davon zu reden, da hat er mir denn allerlei erzählt. Die Siege, die gemeldet werden, sollen gar nicht immer rechte Siege sein, bei Borodino hätten sich die Russen so heldenmütig geschlagen, daß man kaum von einem Siege sprechen könnte. Und die Russen sollen auch nicht daran zweifeln, daß es ihnen gelingen wird, die feindliche Armee zu vernichten.«
Die Frau hatte atemlos gelauscht, ihre Hände schlangen sich krampfhaft ineinander, »wenn es wahr wäre, wenn es wahr wäre, dann wäre es die gerechte Vergeltung,« murmelte sie.
Herr von Seeheim nickte; »ja, wenn es wahr wäre, wenn wir hoffen dürften in unserer Not, hoffen auf eine kommende Zeit. Mein Haar fängt an zu bleichen, meine Hände sind schwer und hart, aber bei Gott, noch können sie eine Waffe führen, und wenn mein König rufen würde, Franz von Seeheim bleibt nicht hinter dem Ofen hocken!«
»Und dein Weib, deine Kinder?«
»Sie würden mich ziehen lassen, Friederike,« gab er zur Antwort, er sah die Frau fest an. »Henriette ist ein tapferes Weib, sie weiß, was sie ihrem Vaterland schuldig ist, sie würde nicht klagen, und meine drei Mädels denken wie sie.«
»Sie haben auch noch nichts verloren,« sagte Frau Friederike müde.
Einige Minuten herrschte tiefes Schweigen in dem Zimmer, dann sagte Franz von Seeheim, sich zu einem heiteren Tone zwingend: »Es ist eine tapfere Jugend die heranwächst, sogar die Mädels träumen von Krieg.« Und lachend erzählte er von seinem Erlebnis am Gartenzaun, wie Luise Flemming kühn das Obstmesser geschwungen hatte.
Bei der Hausfrau fand seine Heiterkeit keinen Widerhall, sie sagte ziemlich schroff: »So ein Betragen ist gar nicht mädchenhaft, und es ist mir unverständlich, wie die sanfte Charlotte solch einen Unband von Tochter haben kann. Das Mädchen ist zu keiner Hausarbeit zu gebrauchen, es tobt durch Haus und Garten schlimmer als ein Bube, und ich muß ehrlich gestehen, ich sehe es gar nicht gern, daß Hans-Heinrich sich gerade an Luise so anschließt.«
»I was,« sagte der Freiherr, »Luise ist ja noch ein Kind und ein liebes, warmherziges dazu. Meine Mädels waren auch so wild, daß ich schier meinen konnte, ich hätte das Haus voll Buben, nun sind sie doch so sittsam und bescheiden geworden, daß es eine Freude ist, sie anzusehen.«
»Ich wollte es Charlotte Flemming wünschen, daß Luise anders würde,« gab die Hausfrau zur Antwort, aber der Ausdruck ihres Gesichtes zeigte deutlich, daß sie wenig daran glaubte.
Der Eintritt Hans-Heinrichs, der kam, den Oheim zu begrüßen, unterbrach das Gespräch. Seine erste Frage war: »Haben Sie Nachrichten, wie es mit der Armee des Kaisers steht?«
Schon wollte Franz von Seeheim dem Neffen erzählen, was er wußte, denn er meinte, der Knabe sei alt genug dazu, aber da traf ihn ein so trauriger, bittender Blick seiner Base, daß er schwieg. Etwas verlegen räusperte er sich, dann brach er ziemlich hastig auf, das Anerbieten Hans-Heinrichs, ihn ein Stück zu begleiten, lehnte er fast schroff ab.
»Was hatte der Oheim?« fragte der Knabe, als sie beide allein waren, seine Mutter. »Es schien mir, als wollte er mir etwas verheimlichen?«
»Torheit,« sagte Frau Friederike rasch, »er ist schlecht gelaunt, weil er Sorgen hat. Das geht vorüber, kümmere dich nicht darum.« Sie nahm schnell, um ein weiteres Gespräch zu vermeiden, ihre Arbeit wieder auf, und Hans-Heinrich verließ das Zimmer.
»Immer werde ich wie ein Kind behandelt,« murmelte er trotzig, als er in sein Stübchen hinaufstieg. »Und ich ziehe doch mit, wenn es Krieg gibt, ich bleibe nicht daheim!«