Der Herbst drang immer weiter vor. Die Bäume mußten ihr schönes buntes Laub hergeben, nur die Eichen hielten trotzig ihre braunen Blätter fest; das Obst war in den Kammern geborgen und im Garten blühten nur noch einige kümmerliche Astern. Die Tage waren hell und schön, der Himmel von klarer, durchsichtiger Bläue, die Sonne sah unentwegt leuchtend von dem wolkenlosen Himmel herab. Es war jedoch ein kalter Glanz, früh am Morgen hing weißer Reif an Bäumen und Sträuchern und lag wie ein Schleier auf der Erde. In den großen Öfen des Kloningkener Herrenhauses prasselte schon früher als sonst im Jahre das Feuer.
»Der Schäfer prophezeit einen frühen, harten Winter,« sagte der Vogt zu Frau Friederike, die an seiner Seite über den Hof schritt. »Ein harter Winter wird viel Not ins Land bringen,« setzte er seufzend hinzu.
»Wann wird die Zeit der Not enden?« murmelte die Frau, ihre Augen sahen ins Weite. »Ein früher, harter Winter und die große Armee in Rußland!« Sie schauerte leicht zusammen, »ja, wann wird die Zeit der Not enden?«
Und wirklich trat ein früher Winter ein, eine ruhige, stille, immer mehr und mehr wachsende Kälte, Schnee fiel, und Kloningken lag bald wie abgeschieden von der Welt da. Immer seltener drang eine Nachricht von der Außenwelt in die Stille, und von dem Feldzug in Rußland erfuhren die Kloningkener wenig, so nahe sie auch der Grenze waren. Von dem Brand Moskaus freilich hörten auch die Leute in ihrer Einsamkeit. Man glaubte allgemein, die Stadt sei auf Befehl Napoleons angezündet worden, und voll zorniger Empörung vernahm man die Kunde. Manche Hand ballte sich da heimlich zur Faust, manche bittere, zornige Verwünschung wurde laut. Mitunter kam der Gutsherr von Schönheide, man saß dann entweder bei Pfarrers oder im Wohnzimmer Frau Friederikes, und es waren ernste Worte, die da gesprochen wurden. Manchmal kamen auch die Bauern und der Lehrer zusammen, und sie redeten von der Not der Zeit; sie machten nicht viel Worte, aber aus ihren kurzen, schlichten Reden heraus klang es wie ein Schrei nach Rettung. Nun der Winter eingetreten war, fühlte man erst recht den Mangel an Vorräten. In vielen Häusern in der Stadt und auf dem Lande war in jener Zeit Schmalhans Küchenmeister, und mit Leckerbissen wurden die Kinder nicht großgezogen. Sie waren aber trotzdem guter Dinge. Es gab auch in diesen Wintertagen wundervolle Schlittenfahrten und Schneeballschlachten, bei denen selbst Walter zuweilen all seinen Ernst verlor. Einmal kam Luise auf den Gedanken, ein Regiment Schneemänner zu formen. Dieser Plan fand ungeteilten Beifall, und ein ganzer Sonnabendnachmittag wurde dem Spiel gewidmet. Es wurden freilich nur fünf Männer fertig, aber diese fünf standen so stattlich und drohend gerade vor dem Eingang zum Hühnerstall, daß Jungfer Karoline ordentlich über die fünf weißen Kerle erschrak.
»Der eine hat gerade so ein Gesicht wie Krämer Lorenzen in R…, und solche Ähnlichkeiten sind mir nicht agreable,« behauptete sie.
Der arme Krämer Lorenzen hatte nun zwar nie in seinem Leben eine Holznase und Kohlenaugen besessen, trotzdem behielt der Schneemann seinen Namen. Er behielt ihn so lange, bis Hans-Heinrich eines Tages ein Kriegsspiel angab, da wurde den armen Schneemännern mit Schneebällen und Lanzen aus Bohnenstangen der Garaus gemacht. Vogt Schwarze stand dabei und rief ingrimmig: »Man los, nur feste darauf zu!«
Vom Fenster des Wohnzimmers aus aber sah Frau Friederike mit sorgenvoller Miene dem Spiele zu. Ein Spiel war's nur, kindlich und töricht, aber ihr war das Spiel ein Symbol für ernste Taten. Ihr Mutterherz bangte um den Sohn, den Sohn des heldenmütigen Vaters, der jetzt im Spiel seine junge Kraft erprobte. Am liebsten hätte sie ihn herausgerissen aus der frohen Schar da unten, aber durfte sie ihn denn seiner Freuden berauben? Zuletzt aber hielt sie es nicht mehr aus in ihrer Unruhe. Sie ging hinaus und schalt heftig auf Renate und Luise, es sei unpassend für Mädchen, so wild zu spielen. Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht war in ihrem Zorn, daß sie ohne Grund die Freude der Kinder störte. Es tat ihr dann selbst bitter weh, als alle betrübt auseinandergingen, was war aber doch deren leicht vergessener Schmerz gegen ihre nimmermüde Mutterangst!
Die Freunde vergaßen auch schnell das Sturzbad, wie Luise solche Störungen zu nennen pflegte. Schon der nächste Tag vereinte sie wieder, denn sie hielten treue Freundschaft miteinander. Auch der Unterricht brachte sie zusammen. Den leitete teils Pfarrer Flemming, teils der Lehrer des Dorfes. Dieser, der Magister Ludwig Fürchtegott Richter, war ein etwas wunderlicher Mann. Er hatte Geistlicher werden wollen, er hatte aber seiner Armut wegen sein Studium nicht beenden können. Er war lange Jahre hindurch Hauslehrer gewesen und zuletzt in Frau von Seeheims Haus als Lehrer ihres ältesten Sohnes gekommen. Hier war er geblieben; auf seine Bitte hatte es ihm seine Herrin gern gestattet, die Dorfkinder zu unterrichten, zugleich spielte er die Orgel in der Kirche und versah Küsterdienste. So lebte er nun seit Jahren ein stilles, beschauliches Leben im Dorf. Im Sommer streifte er oft stundenlang in den Wäldern umher, suchte Pflanzen, die er sorgsam studierte und trocknete; spielte dazwischen mitten im Walde ein Stücklein auf seiner Geige, seiner unzertrennlichen Begleiterin, und wenn er in sein kleines Schulhaus heim kam, fand er, er sei einer der glücklichsten Menschen der Welt. Alle liebten ihn seiner rührenden Herzensgüte wegen, am meisten aber die Kinder. Oftmals hielt er Schulstunde in seinem geliebten Wald. Da wurde dann seine Zunge beredt und schließlich wurde weder gerechnet noch gelesen, der alte Lehrer erzählte seinen Schülern die wundersamsten Märchen und Sagen; er erzählte von den Wundern der Schöpfung, von dem Leben der Pflanzen und Tiere, von dem stillen geheimnisvollen Leben im Walde. Seine besondere Freundin war Luise Flemming. Diese brachte es fertig, mitten in der Stunde den Lehrer so lange zu bitten, bis er die Bücher beiseite legte und seine schönen, feinen Geschichten zu erzählen begann. Niemand lauschte dann andächtiger als Luise, in solchen Stunden war sie so still und aufmerksam, als wäre sie von Beruf ein Musterkind.
Sonst aber war es immer Luise, die den heiteren Ton anschlug, die allezeit zu Scherz und Lachen bereit war, die freilich auch nie eine Neckerei übelnahm. Frau Friederike meinte oft mit leisem Kopfschütteln: »Wenn Luise da ist, geht es nie still und gesittet zu.«
Die Kleine, welche im Grunde ihres Herzens eine große Liebe für die ernste Frau empfand, gab sich zwar redlich Mühe, in deren Gegenwart ruhig zu sein, aber ein herunterfallendes Buch, ein davonrollendes Wollknäuel erregte ihre Heiterkeit. Dann waren alle guten Vorsätze vergessen, und unaufhaltsam erscholl ihr perlendes Lachen, und aus ihren Augen blitzte der Kobold. Sie klagte ihrer Mutter oft ihr Leid: »Sie schelten mich doch nicht, wenn ich lustig bin, und die Frau Pate ist immer so böse, ist es denn wirklich ein Unrecht?«
Charlotte Flemming strich dann wohl beruhigend über das lockige Haar ihres kleinen Unbandes und sagte: »Unsere Freundin hat viel Trauriges erlebt, mein Kind, und sie ist darum so ernst. Versuch es immer, daran zu denken, wenn du bei ihr bist, beherrsche deine Lachlust und sei so sanft und bescheiden wie nur möglich. Lerne es verstehen, meine Kleine, daß Menschen, die sehr unglücklich sind, doppelte Rücksicht verdienen!«
Das so wenig liebevolle Wesen der Freundin aber bereitete Frau Charlotte doch großen Kummer. Was hatten ihre Kinder denn nur getan? Traurig sagte sie einmal zu ihrem Manne: »Ich habe oft das Gefühl, daß Friederike den Verkehr mit unseren Kindern überhaupt nicht mehr so gern sieht, auch gegen Walter ist sie so schroff, und er war doch sonst ihr Liebling, nur unseren kleinen Fritz will sie immer um sich haben.«
»Leider ist es so,« sagte der Pfarrer traurig, »unsere Freundin bangt um ihren Sohn. Seit Walter aus Königsberg zurück ist, ist sie auffallend kühl zu ihm, sie fürchtet, daß er Hans-Heinrich aufreizt, und sie hat wohl recht mit ihrer Furcht. Ich wünschte innig, Gott ersparte ihr diese harte Prüfung, ich glaube aber, der Sohn erwählt den Beruf, den Vater und Bruder hatten.«
Pfarrer Flemming hatte recht gesehen. Immer größer wurde die Angst in dem Herzen der Gutsfrau, auch dieser letzte Sohn könnte einst von ihr gehen. Sie vermied es sogar ängstlich, das Gespräch auf den traurigen Krieg zu bringen, sie sprach nie von der Schlacht, die ihr den Gatten geraubt, von dem Sterbelager des Sohnes; jede Äußerung der Klage, des Schmerzes verschloß sie vor ihrem Jüngsten, in seiner Gegenwart kamen ihr sogar versöhnliche Worte von den Lippen. Nur manchmal, wenn sie mit den Freunden allein war oder bei ihrem Vetter weilte, dann brach all der leidenschaftliche, zurückgedrängte Schmerz und Groll sich Bahn, da lieh sie ihrer Empörung über die Lasten, die das Land schweigend tragen mußte, Worte. Franz von Seeheim sagte einst von ihr: »Wenn in jedes deutschen Mannes Herz so viel Haß gegen Napoleon, gegen die fremden Eindringlinge wohnte, wie in dem dieser Frau, dann wehe dir, Frankreich! Aber zu unserer Schmach sei es gesagt, die unten im Rheinland, im Süden fühlen nicht so wie wir.«
»Aber die Zahl derer, die eins mit uns sind, wächst, Freund!« erwiderte der Graf von Lehna, der diese Worte hörte, »gottlob, daß sie wächst!«