Wie sonst, hielt auch Pfarrer Flemming am Neujahrsmorgen des Jahres 1813 die Andacht in der Kirche. Aber nicht wie sonst begleiteten ihn seine Frau und seine Kinder, nur Luise machte den Kirchweg an der Seite des Vaters. Frau Charlotte war bei den Kranken geblieben, die ihrer Hilfe bedurften, und Walter hatte gefehlt, er war nicht mit der Schwester zur Kirche gegangen und war auch, zu deren Verwunderung, nachher nicht erschienen, und so hatte Luise allein in dem alten Kirchenstuhl gesessen. Ihre lebhaften Augen blickten nicht wie sonst von einem zum andern, sie rutschte nicht auf ihrem Stuhl hin und her, etwas, was ihr schon so manchen Tadel der Mutter eingetragen hatte.
Sie saß ganz still, sie hatte so viel zu bedenken, daß sie sich immer wieder dabei ertappte, daß ihre Gedanken von der Predigt abirrten. Und doch sprach der gute Vater so schön, so ernst und eindringlich, trotzdem mußte sie immer an die beiden armen verirrten Franzosen denken, die in der Nacht in das Haus gekommen waren. Luise hatte trotz ihres Übermutes ein weiches, warm empfindendes Herzchen, das jetzt mit tiefem Mitleid erfüllt war. Sie dachte daran, wie es den Bruder erschüttert hatte, als ihnen heute früh die Eltern erzählten, was in der Nacht geschehen war, totenbleich hatte er das Zimmer verlassen, kein Wort hatte er gesprochen. Jetzt half er gewiß der Mutter bei der Pflege, hatte diese nicht allein lassen wollen. »Seinem Nächsten dienen ist auch ein Gottesdienst,« hatte der Vater gesagt; wie gut von dem Bruder, daß er nach diesem Worte handelte. Luise faßte den Plan, der Mutter auch fleißig zur Hand zu gehen, sie wollte nicht mehr spielen, sondern helfen, und da kamen ihr wieder allerlei romantische Gedanken, was sie alles tun wollte. Jede Arbeit wollte sie der Mutter abnehmen, wie ein richtiger kleiner Engel der Barmherzigkeit wollte sie im Hause schalten und walten, und im Geiste hörte sie schon die Mutter sagen: »Ja, wenn wir unsere Luise nicht hätten, wie sollte es werden!« Dann würde auch Tante Friederike nicht mehr schelten, ganz erstaunt würde sie sein über den Fleiß der Nichte. Flugs kamen ihr ein paar Tränlein der Rührung über ihre eigene Vortrefflichkeit. Doch plötzlich intonierte die Gemeinde das Schlußlied, und der Gesang weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Da fielen alle ihre Luftschlösser zusammen und recht beschämt, daß sie so wenig auf die Predigt geachtet hatte, ging sie an ihres Vaters Hand nach Hause.
Nach der Kirche hatte es die Pfarrersmagd dem Oberknecht vom Gute erzählt, daß ihr Herr Franzosen aufgenommen habe, der eine schrie ganz greulich, kein Wort wäre zu verstehen, sie fürchtete sich ordentlich. Bald verbreitete sich diese Kunde im Dorf und drang in das Herrenhaus. Dort hatten es die Dienstleute schon erfahren, daß in der Nacht Fremde an das Tor gepocht hatten. Jungfer Karoline, die munter geworden war, hatte es erzählt, daß sie vor Furcht sich das Deckbett über die Ohren gezogen, davon hatte sie freilich geschwiegen. Zuerst waren alle geneigt gewesen, ihre Herrin für hart zu halten, besonders, da der Vogt diese nicht, wie sonst, in den Schutz nahm, sondern schwieg. Friedrich, der Oberknecht, jedoch schimpfte auf das französische Gesindel, er ließ harte Worte gegen den Pfarrer fallen. Und weil er eine gewichtige Stimme hatte, redeten die andern bald wie er.
Frau Friederike war mit sich selbst unzufrieden. »Ich bin im Recht,« sagte sie sich, und um die mahnende Stimme ihres Gewissens zu übertönen, sprach sie herbe zu Jungfer Karoline darüber, daß es Sünde sei, wenn ein Deutscher Franzosen in sein Haus aufnehme. Das Wort reute sie rasch, aber es war gesprochen, und es ging weiter durch das Dorf. Manch einer zögerte freilich noch, den Pfarrer zu verurteilen. Die Frauen dachten milde und rühmten die Pfarrersleute ob ihrer Tat. Als Stasiu Wietak, der Stellmacher, der einen heimlichen Groll auf den Pfarrer hatte, so wie ihn falsche Menschen manchmal gegen jene haben, die die Lauterkeit selbst sind, höhnisch über die Flüchtlinge im Pfarrhaus spottete, da verwiesen ihm etliche seine Reden. Am Abend aber kamen die Männer bei dem Schmied zusammen, und die redeten miteinander von der Schmach des Landes. Stasiu Wietak war auch dabei, und er war freigebig an diesem Abend und verschenkte Kirschwasser, er hatte eine große Flasche voll mitgebracht. Das ungewohnte Getränk machte die Köpfe heiß, und der Stellmacher wußte geschickt das Feuer zu schüren; da vergaßen die Leute in dieser Stunde alle die treue Sorge, die Pfarrer Flemming seiner Gemeinde erwiesen hatte, und mit wilden Reden schalten sie auf den Geistlichen. Magister Richter versuchte bescheiden, die Tat des Pfarrers als eine gute hinzustellen, aber verächtlich drehte man ihm den Rücken; ja, Stasiu Wietak rief lachend: »Schweigt, Schulmeister, davon versteht Ihr nichts.« Die Männer nahmen ihren Zorn mit heim und hielten den Frauen, die mitleidig dachten und verteidigen wollten, die Tat der gnädigen Frau als Beispiel vor.
Während es so im Dorfe gärte, saß Pfarrer Flemming in seinem Hause und sorgte mit seiner Frau treulich für das Wohl der Kranken. Er wußte noch nichts von der erbitterten Stimmung seiner Gemeinde gegen ihn, aber eine bange Ahnung davon hatte sich seiner bemächtigt. Die Eheleute sprachen nicht darüber, aber wenn sie sich ansahen, da lag in beider Augen tiefes Weh. Sie wußten, sie hatten sich eine schwere Last auf die Schultern gebürdet, sie fühlten, sie würden um ihrer Tat willen von vielen verdammt werden, ach, und der, der ihnen diese Erkenntnis gebracht hatte, war ihr eigener Sohn gewesen. Ihr eigenes Kind hatte zum erstenmal die Ehrfurcht vor seinen Eltern vergessen, der Knabe hatte seinem Vater einen Vorwurf daraus gemacht, daß er die Feinde in sein Haus aufgenommen, trotzig, mit gefalteter Stirn, mit zornsprühenden Augen, hatte er vor seinen Eltern gestanden und weder die ernste Mahnung des Vaters, noch die sanfte Bitte der Mutter hatten vermocht, ihn von seinem Unrecht zu überzeugen.
»So geh denn in deine Kammer,« hatte der Vater endlich gesagt, »und vielleicht kommt dir in der Einsamkeit die Erkenntnis deines Unrechtes.«
Nun saß der Knabe oben in der kleinen Mansardenstube und starrte auf die weißen, glitzernden Eisblumen am Fenster. Er hatte ein Buch in der Hand, ein Buch, das ihm Frau von Seeheim geschenkt, und an dem sich seine feurige Knabenseele berauschte, »Wilhelm Tell von Friedrich von Schiller«.
»Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,« über diese Worte kam er nicht hinweg. Er legte den Kopf auf das Fensterbrett und finstere, unklare Gedanken bewegten seine junge Seele. Ihm war es, als sei plötzlich ein schönes Bildwerk, zu dem er in ehrfurchtsvoller, frommer Bewunderung aufgeschaut hatte, zertrümmert worden. Seine Eltern hatten Feinde in ihr Haus aufgenommen, und sie hatten dadurch in seinen Augen Verrat an dem Vaterland geübt. Er dachte gar nicht darüber nach, was aus den beiden Unglücklichen in der kalten Winternacht hätte werden sollen, alle Worte von Nächstenliebe und Pflicht gegen die Mitmenschen hatte er vergessen. Er redete sich selbst immer tiefer in einen wilden Trotz hinein und kam sich in der kalten Kammer zuletzt fast wie ein Märtyrer einer guten Sache vor. Daß sacht die Dämmerung heraufgekommen war, merkte er gar nicht in seinem Sinnen.
Plötzlich schrak er zusammen, an das Fenster war Schnee geworfen worden, und ein leises Pfeifen klang von unten herauf. Walter sprang auf und öffnete das Fenster, das fest gefroren war und nur schwer nachgab, endlich ging es kreischend auf und Walter sah hinab. Dort unten aus dem Schatten der Bäume heraus löste sich eine Gestalt, und er erkannte Hans-Heinrich, der dort stand und ihm winkte.
Walter sann nach, durch das Haus wagte er nicht zu gehen, er befürchtete, dem Vater zu begegnen oder von der Mutter gesehen zu werden. Das Weinspalier reichte nicht ganz bis zum Fenster, aber immerhin war es für ihn nicht allzu schwer, es zu erreichen, kurz entschlossen stieg er auf das Fensterbrett, und mit einem geschickten Sprung erfaßte er richtig das Spalier und kletterte nun an ihm herab; bald stand er neben dem Freunde, der ihm etwas verlegen die Hand reichte. »Komm hinter in euren Holzstall,« sagte der, »ich muß dich sprechen.«
Die Knaben gingen in den schon dunkeln Schuppen, und dort erzählte Hans-Heinrich, wie böse seine Mutter sei, und daß auch die Leute im Dorfe dem Pfarrer zürnten. »Ich denke, dein Vater hat recht getan, Walter, er hat doch nur ein paar arme Menschen aufgenommen, und das ist doch eigentlich seine Pflicht. Ich ginge am liebsten hinein, um die beiden zu besuchen, aber –« er stockte, »Mutter hat es mir verboten, ich sollte – sie mochte nicht, daß ich heute kommen sollte.« Scheu sah er den Freund an und drückte mit unbeholfener Zärtlichkeit dessen Hand, »grüße deine Eltern und Luise,« bat er.
Walter stand und biß die Lippen zusammen, er hörte gar nicht auf des Freundes letzte Worte, die Glut der Scham brannte in seinen Wangen, der Sohn schämte sich seines Vaters. Verachtet von den Leuten war er nun, der so hochverehrte Vater, ein Schützer, ein Freund der Franzosen war er geworden. Das mußte ihm geschehen, der sein Vaterland so glühend liebte.
»Leb' wohl,« sagte er rauh. Er wandte sich hastig ab, selbst der Freund brauchte nicht zu sehen wie sehr er litt. Niedergeschlagen schlich er sich wieder auf demselben mühsamen Weg, auf dem er gekommen war, in seine Kammer zurück.
Diesen Abend erschien Walter nicht mehr unten im Familienzimmer. Als Frau Charlotte mit schwerem Herzen zu dem Sohne kam, um zu versuchen, ob es ihren milden Worten gelingen würde, ihn zur Einsicht und Abbitte zu bewegen, da fand sie ihn, anscheinend im festen Schlaf, angekleidet auf seinem Bette liegen. Sie deckte ihn sorgsam zu und strich dann mit sanfter Hand über sein dunkles Haar, und ein heißes Gebet stieg aus ihrem Herzen empor, daß Gott den Sinn des Knaben lenken möge. Dann ging sie hinaus, und sie hörte nicht mehr das Aufschluchzen Walters. Dieser sprang auf und eilte zur Tür, er wollte diese aufreißen und der Mutter nacheilen, aber sein Trotz hielt ihn zurück, die Hand sank von der Klinke herab, die Schritte der Mutter verhallten, er war wieder allein und warf sich bitterlich weinend auf sein Lager.
Es war eine traurige Nacht im Pfarrhause.
Die Nacht, die kam, war nicht minder schwer als die vorhergehende für die Pfarrersleute. Sie wachten beide bei den Kranken. Luise hatte zwar flehentlich gebeten, sie pflegen zu lassen, aber Frau Charlotte hatte doch kein rechtes Zutrauen zu des kleinen Irrwischs Pflegekünsten. Luise ahnte aber nicht, wie trostreich ihre Hilfsbereitschaft, ihre zärtliche Liebe den Eltern war. Sie nahm Walters Trotzen nicht allzu schwer, und sie ahnte nicht, wie unsäglich die gütigen Eltern darunter litten. Zur Hand bleiben wollte sie jedoch der Mutter, auf dem harten, steifen Sofa der Wohnstube schlug sie ihr Lager auf, und dann schlief sie nach fünf Minuten wie ein Murmeltier und merkte nichts von aller Sorge und Unruhe, die die Kranken verursachten.
Der jüngere der beiden Flüchtlinge lag noch immer von jenem bleischweren Schlaf umfangen, in den er nach seiner Ankunft verfallen war, der ältere dagegen redete in wirren Fieberphantasien, er war anscheinend Franzose, er mischte aber viele deutsche Brocken in seine Reden. Frau Charlotte, die der französischen Sprache mächtig war, lauschte oft schaudernd den furchtbaren Bildern, die die Fieberträume des Kranken ihr enthüllten. Besorgt schritt sie ab und zu und legte immer wieder im Schnee gekühlte Tücher auf die heiße Stirn des Kranken. »Das Feuer brennt so hell,« schrie dieser, und »fort, fort, seht ihr nicht, alles steht in Flammen, kein Wasser – ach, ich verdurste!« Dann wieder flüsterte er geheimnisvoll: »Seht, da sind Tote, da – da – immer mehr, alle, – alle tot. Kamerad, komm doch, vorwärts, sieh, ein Licht.«
Gegen Morgen erwachte der Jüngere aus seinem Schlaf. Er sah sich erstaunt um in dem schlichten, sauberen Zimmer, wo war er nur? Da erblickte er Frau Charlotte. »Mutter,« flüsterte er wie träumend, »Mutter!« Erschüttert trat die Frau an sein Lager. »Ich bin nicht Ihre Mutter,« sagte sie sanft, »aber,« beruhigte sie, als sie den verstörten Ausdruck seiner Züge gewahrte, »Sie sind in guter Pflege, fürchten Sie nichts!«
Der Kranke bedeckte die Augen mit der Hand und stöhnte, »wo bin ich, ach, Madame sprechen Deutsch.«
»Sie sind auch in Deutschland, nicht mehr in Rußland.«
»Rußland!« Erschrocken fuhr er empor. »Mein Gott, was habe ich gesehen!« Er wandte den Kopf und sah auf seinen Kameraden, der gerade still lag und mit stieren, glänzenden Augen in die Weite sah. »Gréville!« rief er, »mon capitaine!« Aber der hörte ihn nicht, seine Lippen redeten schon wieder im Fieber, angstvoll schrie er auf und fuhr von seinem Lager empor, um dann mit einem Schmerzenslaut wimmernd zusammenzusinken. Der andere seufzte tief, er schaute seine Pflegerin an und wollte sprechen, erzählen. Doch sanft verwehrte es ihm die Frau. »Später, wenn Sie gesund sind, jetzt müssen Sie ruhen,« sagte sie gütig. Da schloß der Kranke wieder seine Augen. Der Ausdruck friedlicher Ruhe breitete sich über seine Züge. »Nicht in Rußland,« murmelte er, »gottlob, nicht mehr in Rußland.«