24.
Ritt nach Cincinnati.
(19. bis 28. September.)

Fast zu lange schon für den Ueberrest meiner Zeit hatte ich mich in der Kolonie des wackern Hauptmanns verweilt. Ich mußte endlich aufbrechen. Sein trefflicher Sohn wollte mich, was mir sehr angenehm war, noch bis zur Stadt Cincinnati begleiten. Ich miethete ein gutes Pferd, und schon nach zwei Stunden waren wir zu Athen im Ohiostaat.

Dies amerikanische Athens ist eine ganz junge achtjährige Stadt von ohngefähr hundert Häusern. Ich war schon einige Tage früher daselbst zum Besuch gewesen und in einige angenehme Bekanntschaften eingeführt worden. Das Beste hier, und was des Namens der Stadt das Würdigste sein muß, ist die höhere Lehranstalt, oder das Kollegium des Ohiostaates. Das dazu bestimmte große Gebäude ist in einem edeln Styl aufgeführt, und die Zahl der Studirenden schon beträchtlich, so daß dies Athen das Ansehen einer kleinen Universität gewinnt.

Die Regierung der Vereinstaaten, und so hinwieder die Regierungen der einzelnen Freistaaten Nordamerika's, sparen keine Kosten für Erweiterung und Erhebung des öffentlichen Unterrichts. Denn ihnen ist klar, daß, wie der einzelne Mensch sich nur durch höhere Einsicht und Geschicklichkeit gegen Andere in ein Uebergewicht zu setzen im Stande ist, auch nur eine Nation durch allgemeine Bildung und höhere Geistesentwickelung andern Nationen überlegen werden kann, wie es Griechenland einst gegen den Orient, Rom gegen Europa und Afrika war, England jetzt, und noch Frankreich, gegen die neuern Völker ist. Man hat in Amerika nicht blos die gemeinen Anfangs- und Bürgerschulen, oder dann Gymnasien und Universitäten für die, welche sich blos dem gelehrten Stande widmen, sondern eben so viele polytechnische Institute für die, welche sich den Künsten, Gewerben und Fabriken weihen. Denn ein Staat, der leidlich organisirt heißen will, bedarf im Verhältniß seiner Volksmenge bei weitem nicht so viel Juristen, Mediciner, Theologen und Philologen, als Handwerker, Mechaniker, Chemiker, wissenschaftlicher Landökonomen, Fabrikanten, Kaufleute u. s. w.

Auch bemerkt man in Amerika deutlich, daß das Streben nach Bildung, Aufklärung und Kenntnissen im Volk ohne Unterschied der Kirchparteien allgemein ist, und die Katholiken darin den Evangelischen nicht nachstehen, weder von ihren Geistlichen zurückgehalten werden, noch sich zurückhalten lassen. Dadurch wird jener auffallende Unterschied der öffentlichen Bildung und des Wohlstandes zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden, Provinzen und Staaten, der in Europa bemerkt wird, in Amerika verhindert. Es ist allgemein bekannt, wie weit in unserm Welttheil, und zwar in dieser Hinsicht, Spanien, Portugal, Sicilien, Irland, und selbst der Großtheil der österreichischen Länder den evangelischen Staaten nachstehen. Man könnte ähnliche Demarkationslinien in Deutschland und der Schweiz ziehen; und Frankreich dankt den ganzen Ruhm seiner Ueberlegenheit nur seiner nordöstlichen Hälfte, die von jeher dem priesterlichen und mönchischen Einfluß mehr, als die südliche Hälfte widerstand.

Wir ritten längs dem linken Ufer des Hokaking hinauf, der von Norden kömmt, und sich bei Troy unterhalb Belpré in den Ohio ergießt. Durch das Städtchen Nelsonville kamen wir von Wald in Wald. Es ward Abend. Wir sahen uns gezwungen, mitten in den Wäldern, in einer einsamen Hütte, ein Nachtlager zu suchen. Dies Bauerhaus, wie es da so vor uns lag, aus übereinander gelegten, unbehauenen Holzstämmen zusammengefugt, deren Zwischenräume, um Luftzug zu meiden, mit Erde und Moos ausgestopft waren, – machte einen traurigen Anblick und unbehaglichen Eindruck. Indessen wir kehrten ein.

Man kann sich mein Erstaunen leicht denken, als ich in's Haus trat, und den Fußboden der Stube mit einem sehr schönen türkischen Teppich bedeckt, Tisch, Stühle und anderes Zimmergeräth von Akajuholz, und uns nachher in Porzellan- und Silbergeschirr bei Tisch bedient sah. Mehr, als das Alles, erregte aber die sehr saubere Kleidung, die Liebenswürdigkeit und Bildung dieser einsamen Pflanzerfamilie meine Theilnahme. Wir hatten einen genußreichen Abend.

Früh andern Morgens machten wir uns auf, um Mittags in Neu-Landcaster zu sein. Es ist dies eine zehnjährige Stadt, von 2000 Einw., die von meistens Deutschen gegründet worden ist, welche sich aus Lancaster in Pensylvanien größern Vortheils willen hierher begeben hatten. Wir machten von hier aus einen Abstecher zu einem Pflanzer, zwei Stunden von da, der schweizerischer Abkunft war, und bei dem wir übernachteten. Dann gingen wir Tags nachher nach Landcaster zurück, und, um es kurz zumachen, über Chilicothe, Bainbridge, Hillsborough, Williamsborough und Batavia nach Cincinnati.

Dies alles sind ganz neue Städte, die höchstens 3000, wenigstens 1200 Einwohner haben. In Chilicothe, am ziemlich beträchtlichen Scioto-Strom, befremdete uns, mehrere Häuser und Kaufläden gänzlich geschlossen zu sehen. Wir erfuhren, daß eben ein bösartiges Fieber herrschte, welches schon viele Leute weggerafft habe. Mit Ausnahme von Neu-Orleans, welches alljährlich zur Zeit der Hitze, im Juli, August, September seine regelmäßige Fieberzeit hat, ist Chilicothe der einzige Ort in den Vereinstaaten gewesen, wo dies Jahr die bleiche Noth eingekehrt ist.

Eine Stadt von der andern, unter den obengenannten, ist acht bis sechszehn Stunden entlegen. Von einer zur andern führt eine äusserst mittelmäßige Landstraße, fast durch immerwährende Waldungen. Nur in Zwischenräumen von vier, fünf, sechs Stunden erblickt man etwa eine einzelne Pflanzerhütte. Und auch diese ärmlichen Hütten sind noch ganz neu, erst von angekommenen Ansiedlern aufgeschlagen, zwischen Wäldern und wilden Wiesen.

Diese Wiesen sind große Savannen; man heißt sie jetzt noch in Amerika Büffel-Wiesen, weil hier die Büffel ehemals ganz einheimisch waren. Nun aber sind diese Thiere seit zehn Jahren aus den Staaten Ohio und Indiana beinahe gänzlich verschwunden. Auf den Wiesen, obgleich sie mit den Wäldern in gleicher Ebene liegen, wächst kein einziger Baum, kein Gebüsch und Gesträuch. Alles ist mit hohem Grase und Kraut dick überwachsen.

Wohldurchnäßt, bei tüchtigem Regenwetter, kamen wir endlich nach Cincinnati, wo wir im zierlichen Gasthof Washington-Hall ohngefähr dreißig Reisende beim Nachtessen fanden, und uns erquickten.

Cincinnati im Ohiostaat, liegt an der Südgrenze von Kentuky, an der Westgrenze von Indiana, sehr vortheilhaft auf dem rechten Ufer des Ohio. Die Stadt wurde im Jahr 1790 gegründet; hatte noch im Jahr 1798 nur hölzerne, grobgezimmerte Häuser, ist jetzt aber sehr hübsch, und nach dem Plan von Philadelphia gebaut, und zählt 14,000 Einwohner. Sie steht 75 Schuh höher, als der mittlere Stand des Ohio. Denn dieser Fluß steigt, wenn der Schnee schmilzt, oder nach starken Regengüssen, über 45 Schuh hoch, und bespült dann sogar den Fuß der ihm nächstgelegenen Häuser. Von solchen ungeheuern Anschwellungen eines Stroms kennt man in Europa nichts Aehnliches.

Eben diese anmuthige und bequeme Lage Cincinnati's bewirkt schnelle Vergrößerung und lebhaften Verkehr der Stadt. Täglich kommen Dampfboote an, oder gehen ab. Es sind von hier bis Neu-Orleans noch 540 Stunden. Ein Dampfboot fährt stromab in acht Tagen dahin. Hingegen von Cincinnati weg stromauf nach Pittsburg sind nur 280 Stunden; das Dampfboot braucht aber zehn Tage dazu.

Man weiß, am Ohio war in der Urwelt eine recht eigentliche Heimath jener verschwundenen riesenhaften Thierart, die den Namen der Mammuth trägt, und Cuviers Forscherblick und Fleiß schon in mehrere Arten getheilt hat. Ich sah zu Cincinnati eine ganz kostbare Sammlung von Ueberresten dieser ungeheuern Gerippe. Ein Zahn, von der Gestalt eines Elephantenzahns, hat die Länge von 6 Schuh, und ist 150 Pfund schwer. Diese Sammlung ist im hiesigen Museum, wo man auch andere Natur- und Kunstseltenheiten Amerika's, eine lebendige Klapperschlange in einem eisernen Käfig, Mineralien, Kleider, Schmuckwerk und Waffen der Indianer, die noch vor einigen Jahren nicht weit von der Stadt wohnten, schöne Oelgemälde von amerikanischen Künstlern u. s. w. aufgestellt findet. In einem anstoßenden Saale versammelt sich täglich Abends sehr zahlreiche Gesellschaft, um die Zeitschriften und Blätter aus allen Gegenden der Vereinstaaten zu lesen. Viermal wöchentlich hält hier Herr Dorfeuil, der die Güte hatte, mich ins Museum einzuführen, ein gelehrter, liebenswürdiger Canadier, öffentliche Vorlesungen über wissenschaftliche Gegenstände. Die andern Tage sind Konzerte im Musiksaal, dessen Hintergrund eine sehr reichgebaute Orgel ziert, auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt.

An der Gewerbigkeit einer solchen Stadt wird wohl Niemand zweifeln. Da wohnt ein geselliges Mirmidonenvolk, wovon wenigstens die Hälfte aus Engländern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen besteht, die alle mit Freuden ihren alten Vaterlanden entsagt haben. Fast bei allen Gewerben verrichten Dampfmaschinen ihren Dienst, die auch die Brunnen sämmtlicher Stadtviertel mit Wasser versehen müssen. Die größte Dampfmaschine, deren künstlicher Bau bewundernswürdig, ja einzig in seiner Art gewesen sein soll, war wenige Wochen vor unserer Ankunft abgebrannt. Sie hatte zu gleicher Zeit mehrere Mahl- und Sägemühlen, dann ein Distillirwerk, eine Baumwollenspinnerei und endlich noch eine Wollkrämpelmaschine getrieben.

25.
Besuch von Neu-Vevay.
(28. Sept. bis 4. Okt.)

Mein junger Begleiter und Freund verließ mich in Cincinnati und kehrte zur Kolonie seines Vaters zurück. Ich gab ihm mein Pferd mit, und bestieg ein Dampfboot, den Spartaner, das nach Madison, einem Städtchen in Indiana, ohngefähr fünfunddreißig Stunden zu Wasser von Cincinnati, abfuhr. Ich wollte eigentlich nach Neu-Vevay, das zehn Stunden näher liegt, um dort einige alte, europäische Bekannte und Freunde zu besuchen. Der kleine Umweg verschlug mir nichts. Auf dem Spartaner fand ich ein Dutzend Reisende, die bei meinem Eintritt ins Zimmer alle mit Lesen oder Schreiben beschäftigt waren.

Das Boot flog schwalbenschnell längs den hohen, schroffen Waldufern des Ohio dahin. Von Zeit zu Zeit gingen flüchtig, wie Zauberlaternenbilder, schöne Landhäuser und malerische Pflanzer-Einsiedeleien an uns vorbei. Die Dampfboote auf dem Ohio, obgleich die Bedienung der Gäste, wie überall, vortrefflich ist, sind doch minder groß, als auf dem Hudson, und platter, daher auch in ihrer Mechanik anders eingerichtet. Der Grund davon liegt darin, daß sie beim niedrigen Wasserstande, vom Juli bis November, leichter über die zahlreichen Sandbänke hingleiten können.

Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren, den andern Morgen um sechs Uhr befand ich mich in einer der fruchtbarsten Landschaften am Ohio zu Madison. Nachts ging ein Dampfboot stromauf nach Vevay, das ich benutzte.

Bekanntlich wurde Neu-Vevay im Ohiostaate von den drei Brüdern Dufour, aus dem Kanton Waat, im Jahr 1802 gegründet. Diesen Schweizern folgten noch in demselben Jahr, und in den folgenden, mehrere ihrer arbeits- und freiheitslustigen Landsleute. Anfangs legten sie sich besonders auf den Weinbau, wozu sie die Pflanzen aus ihrem Vaterlande mitgebracht hatten. Diese Reben trieben sogleich ausserordentlich, waren sehr saftvoll, aber plötzlich im August starben sie ab. Eben so fruchtlos blieben spätere Versuche mit den Pflanzen vom Ufer des Genfersees. Jetzt aber haben sie, und mit besserm Erfolg, Reben vom Kap der guten Hoffnung und von der Insel Madera angepflanzt. Sie gedeihen gut, und bei achtzig Jucharten Landes sind schon damit bedeckt. Die Rebstöcke sind in lange Reihen, spalierartig gesetzt, und eine Reihe von der andern ist so weit, daß der Pflug zwischen durch kann, weil man sich dessen hier bedient. Ich fand die Trauben damals schon reif. Die Beeren sind von einer dunkeln Schwärze, groß wie Pflaumen, und haben eine dicke Haut. Ihr Geschmack ist himbeerenartig, ziemlich angenehm. Auch der Wein behält diesen Himbeergeschmack lange. Doch trank ich auch einen hellrothen, sehr alten, der wenig vom rothen Neuenburger in der Schweiz verschieden war.

Jetzt wohnen in Vevay ohngefähr hundert Familien aus der Schweiz, und eben so viele amerikanische. Da die Lage des Orts gewiß angenehm, der Boden ergiebig, das Klima mild ist, sollte er wohl bevölkert sein. Denn weit umher und ringsum ist eine Menge von Landhäusern und Pflanzungen. Man sagte mir aber, die Herrn Dufour, die das Land alles von der Regierung an sich gekauft hatten, wären anfangs, mit dem Preis der Grundstücke, bei deren Wiederverkauf zu theuer gewesen. Sie hätten sogleich daran ein Gutes gewinnen wollen, und blos davon meistens an Amerikaner verkaufen können, von denen nachher die wenigsten im Stand gewesen seien, zu zahlen. Viele Schweizer setzten sich daher in der Nachbarschaft an, wo sie eben so gutes und wohlfeiles Land fanden und sich gegenwärtig sehr gut stehen. Wären alle Höfe derselben in Vevay vereint, würde dies eine der beträchtlichsten Kolonien sein.

Trotz dem, daß Vevay nur aus zwei oder drei leidlichen Straßen besteht, führt es doch den Namen einer Stadt. Die Gassen, die noch künftig werden sollen oder können, die einstigen öffentlichen Plätze, Märkte u. s. w. sind schon vorgezeichnet und vorbehalten.

Denn, wie ich's schon gesagt habe, hier zu Lande entstehen die Städte nicht, wie in der alten Welt, durch eine Reihe von Zufälligkeiten im langsamen Gang der Jahrhunderte, sondern durch einen Regierungsbeschluß, ehe sie noch da sind. Die Regierung der Vereinstaaten läßt nämlich die weitläuftigen Landstriche, welche sie durch Eroberung oder Kaufverträge von den Stämmen der Indianer erworben hat, durch angestellte Sachkundige untersuchen, vermessen und chartiren. Dann wird das Ganze in »Stadtschaften« oder, weil man dies deutsche Wort nicht gebraucht, in Stadtgebiete (Town-Ships) eingetheilt. Jede Stadtschaft besteht aus fünfunddreißig Abschnitten; ein Abschnitt enthält 640 Jucharten Landes, die Juchart zu 36,000 Geviertschuh. Einen oder zwei von den in allen Hinsichten am vortheilhaftesten gelegenen Abschnitten, in der Nähe eines Flusses oder Sees, in angemessener Entfernung von bestehenden Städten, liest man zur Gründung der dereinstigen Stadt aus; entwirft dazu die Anlage der Straßen und öffentlichen Plätze; bestimmt die Stellen, wo die öffentlichen Gebäude stehen sollen, und läßt den übrigen Stadtraum frei, sich zur Anlegung von Wohngebäuden u. dergl. zu verkaufen.

Die dem Stadtraume zunächst gelegenen vier Landabschnitte bleiben jedesmal Staatsgut. Es sind diese drittehalbtausend Juchart von der Regierung zur Unterhaltung einer höhern Schulanstalt, eines Kollegiums, oder anderer Staatseinrichtungen für das Gemeinwesen geweiht.

Die noch übrig gebliebenen andern neunundzwanzig oder dreißig Landabschnitte, die zusammen über 19,000 Jucharten betragen, werden vom Staat an die, welche sich ansiedeln wollen, verkauft, die Juchart zu ein bis fünf Dollars, je nach der Güte des Bodens, oder der Nähe einer Stadt, eines Flusses u. s. w. In Indiana, auch in Illinois, wo die Bevölkerung bis jetzt noch schwach ist, kauft man auch die Juchart sehr gut gelegenen Landes um einen halben Dollar. Die halbe Zahlung wird baar geleistet, die andere Hälfte in langen Fristen.

Seit dem Eintritt der fruchtbaren Jahrgänge nach 1817 ist der Werth der Grundstücke, wie in Europa, auch in Amerika beträchtlich gesunken. Bei Athen z. B. ward noch vor fünf Jahren die Juchart mit fünf Dollars bezahlt; gegenwärtig sind ein und zwei Dollars der laufende Preis. Man bot mir in Vevay ein Landgut an; es hatte zwei Häuser von gezimmertem Holz; beim Wohnhaus einen Garten mit 500 reichtragenden Obstbäumen; 192 Juchart Land, davon sechszig urbar gemacht und zwei Rebland waren. Das Alles bot man mir für 1000 Dollars (225 Luisd'ors) baare Zahlung an. Für eben dies Bauergut zahlte die Familie Gaulay vor zehn Jahren 3000 Dollars, wiewohl davon noch nicht halb so viel Boden zum Anbau aufgebrochen war.

So sind die neuern Staaten des Bundes alle in Stadtschaften oder Townships eingetheilt. Jede Stadtschaft mag also ohngefähr zehn Geviertstunden Flächenraums betragen.

Der Grund und Boden bei Vevay, so wie im größern Theil des benachbarten Indiana, ist sehr fruchtbar. Die Rebengelände liegen alle in der Ebene, nirgends an Hügeln. Zwar eine Viertelstunde von der Stadt erhebt sich der Boden hügelartig; er ist aber leicht und sandig, und der Regen, welcher, wenn er hier fällt, stromweis niederrauscht, würde das gute Erdreich bald hinwegwaschen. Man baut hier übrigens alle Getreidearten, wie in Europa; das Obst gedeiht herrlich, besonders sind die Aepfel von ungemeiner Größe, saftreich und kräftig. Man bereitet deswegen viel Aepfelwein, den man mit Whisky (Branntewein), ein Maß auf zwanzig Maß Cidre, versetzt. Es ist ein vortreffliches Getränk und hat daher sehr großen Absatz. Der hiesige Whisky wird aus Korn und Mais gebrannt. Mais gedeiht im Uebermaß. Ich sah Felder, deren Maispflanzen eine Höhe von fünfzehn bis zwanzig Fuß hatten, jede mit dicken, schuhlangen Aehren belastet.

Alle diese ländlichen Erzeugnisse finden aber ihren besten Preis und Absatz nur in Neu-Orleans. Darum gehen mehrere Einwohner von Vevay regelmäßig alle Winter mit großen Schiffsladungen ihrer Aernten dahin. Gewöhnlich fahren sie Ende Oktobers ab und sind sechs Wochen unterwegs. Der Preis ihrer Waaren wechselt, je nachdem viele oder wenig Fahrzeuge aus dem Innern des Landes in gleicher Absicht angekommen, oder viele oder wenig Schiffe von Mexico und Südamerika erschienen sind, um Einkäufe zu machen. Die Natches-Zeitung gab die Zahl der aus dem Innern nach Neu-Orleans gekommenen, mit Feldfrüchten beladenen Fahrzeuge, während des Winters von 1823 auf 1824, zu 12,400 an. Man kann sich daraus einen Begriff von der Masse der ausserordentlichen Aernten machen, die noch im Lande selbst verbraucht wird.

Die Staaten Ohio, Indiana, Illinois, Virginien und Kentuky insgesammt bringen auf den Markt von Neu-Orleans ohngefähr dieselben Erzeugnisse, nämlich Getraide, Semmelmehl, Whisky, Aepfelwein, gemeine und süße Erdäpfel, eingesalzenes Rind- und Schweinefleisch, gedörrte und gegerbte Häute, Potasche, Fett, lebende Schweine, Schafe und Geflügel. – Die Staaten Tennesee und Alabama hingegen liefern Baumwolle; der Missisippi- und Misouri-Staat Ahorn- und Rohr-Zucker.

Die zahlreichen Wasserstraßen Nordamerika's erleichtern die Verbindung und den Verkehr der entlegenen Gegenden ungemein. Und doch sehe ich, was da ist, nur noch als natürliche, rohe Anfänge an, welche, mit Ausnahme der Dampfboote, die Hand der Kunst bisher noch nicht berührt hat. Es sind nur erst ein Paar Hauptkanäle geschnitten; Spielraum bleibt noch für andere übrig. Eine Menge kleinerer Gewässer lassen sich noch zum Verkehr in Werth setzen. Die vornehmsten, das heißt schiffbaren Ströme, welche sich alle in den Ohio und Missisippi werfen, sind der Kanhaway, der Scioto, der Miami, der Kentuky, der Wabash, der Illinois, der Tennesee, der Cumberland, der Missouri, der Acansas und der rothe Strom.

Alle westlichen Staaten haben demnach nur einen einzigen Hauptmarkt, Neu-Orleans, dem sie ihre Waaren zuführen können. Es geschieht dies auf Fahrzeugen, die alle von gleicher Bauart, achtzig Schuh lang, sechszehn breit, und mit zwei Verdecken versehen sind. Man heißt sie Flatboats (Flachboote). Beladen gehen sie 3½ Schuh tief in's Wasser, und ragen eben so weit hervor. Ein Mann mit dem Ruder am Vordertheil, ein anderer hinten am Steuer, lenken das Schiff beständig in die Mitte der Flußströmung. Wo die letztere stark ist, legt man in einer Stunde anderthalb Wegstunden zurück, wo sie gering ist, nur die Hälfte. Nachts wird das Flatboat irgend an einen Baum festgebunden, und stillgehalten. Flußaufwärts wird es nie wieder gebracht, sondern, angelangt an seinem Bestimmungsort, verkauft mans um Spottgeld. Was auf dem Bauplatz 100 bis 120 Dollars gekostet hat, schlägt man um zehn Dollars mit Vergnügen los; die mit solchen Schiffen gekommenen Personen kehren dann auf Dampfbooten wieder in ihre Heimathen zurück.

Leider erfährt man noch jedes Jahr von Unglücksfällen auf diesen gewaltigen Flüssen. Alle Schifffahrtskunst hilft dagegen nicht. Die Strombetten ändern häufig; entwurzelte, riesenartige Bäume lagern sich quer ein. Sandbänke und selbst Inseln treten hervor, wo sonst keine waren. Ein Schweizer, der auf die Art in einem Jahr zwei befrachtete Fahrzeuge verloren hatte, erzählte mir, daß er, nach seinem Unglück, erst vernommen, es hätten wenige Tage zuvor zwölf Fahrzeuge das nämliche Schicksal in der nämlichen Gegend erfahren.

Herr Morero in Neu-Vevay erzählte mir, er sei im Februar 1823 auf dem damals größten Dampfschiff, genannt der »Tennesee«, den Missisippi heraufgefahren. Wie das Fahrzeug in der Höhe der Natches war, schoß es gegen einen Baum, der noch fest an den Wurzeln hangend, mitten im Wasser lag, und mit seinem Wipfelende den Kiel des Schiffs durchbohrte. Es war neun Uhr Abends, finstre Nacht, bei kaltem Regenwetter. Die Piloten und Mechaniker machten sogleich Lärmen. Die Reisenden auf dem Verdeck, ihrer ohngefähr neunzig Personen, hatten den Stoß gespürt und die Gefahr blieb ihnen kein Geheimniß. Der Kapitain, schon im Bett, sprang auf, lief umher zu den Reisenden, die zum Theil auch schon in den Betten im Zwischenverdeck waren, kündigte ihnen die Gefahr an und mahnte sie, an ihre Rettung zu denken. Während er noch redete, ging er zur Thür, die zur Dampfmaschine führt; indem er sie öffnete, um hineinzutreten, stürzte durch die Erschütterung des Fahrzeugs eine Holzbiege in der Nähe zusammen und verrammelte die Thür. In demselben Augenblick ging auch das Schiff unter, um nie wieder zu erscheinen. Alle spätere Nachforschungen, es zu finden, sind fruchtlos geblieben. Die Personen, die zwischen den Verdecken waren, hatten indessen das, was sie in ihren Reisekisten vom Besten besaßen, genommen und sich damit ins Wasser gestürzt, um schwimmend ein Ufer zu erreichen. Da blieben sie, ungewiß ihres Looses, die lange, finstere, regnerische Winternacht, vor sich die brüllende Fluth, hinter sich Felsen, mit den Füßen noch tief im Wasser. Von etwa 150 Personen, die überhaupt auf dem Dampfboot gewesen waren, hatten nur achtzig das Leben davon gebracht. Der junge Morin, der nun seine Reise zu Lande fortsetzte, kam erst Ende Aprils in Vevay an, wo man ihn schon zu den Todten gerechnet hatte.

Auch in Vevay wird die englische Sprache, wie überall in den Vereinstaaten, nach und nach die herrschende Landessprache werden, obgleich mehr als die Hälfte der Einwohner nur die deutsche und französische aus Europa mitbrachten. Schon jetzt werden die Sitzungen des Gerichts, in denen ein Herr Dufour erster Richter ist, in englischer Sprache gehalten. Derselbe Fall ist in den öffentlichen Schulen und bei den gottesdienstlichen Versammlungen. Diese Uebung waltet in allen Umgegenden von Vevay, tief ins Gebiet von Kentuky hinein, obgleich auch dort die Hälfte der Bevölkerung aus Deutschen und Franzosen zusammengesetzt ist. Man findet da nicht einen einzigen Geistlichen, der in diesen beiden Sprachen predigt.

Man läßt sich diese anfangs peinliche Unbequemlichkeit, eine neue Sprache zu lernen, gern gefallen, weil sie zweckmäßig ist. Zudem sind die Vortheile zu groß, Bürger dieses neuen und väterlichen Vaterlandes zu sein. Bürger ist man nach fünfjährigem Aufenthalt in demselben, wenn man den Eid der Treue geleistet und geschworen hat, nicht in Dienst, Amt, Gehalt irgend einer europäischen Regierung zu stehen. Dann hat man an allen Rechten des Staatsbürgers Theil, wählt in den Versammlungen die Obrigkeiten und läßt sich wählen, sei es unmittelbar durchs Volk oder von den durchs Volk ernannten Wahlherrn. Dabei ist jeder waffenfähige junge Mann von zwanzig Jahren, zur Zeit des Kriegs, Streiter fürs Vaterland. Er übt sich in Waffen. Jährlich etwa ein dutzendmal werden Kriegsübungen vorgenommen.

Als sich die Schweizer von Vevay das erstemal zu diesen Waffenübungen stellen mußten, es war einige Tage vor dem »vierten Juli«, dem Denktag und Fest der amerikanischen Unabhängigkeit, verlangten sie dem Artillerie-Corps einverleibt zu werden, weil ihrer die meisten schon in der Schweiz in dieser Waffengattung gedient hatten. Die Regierung schickte ihnen darauf sogleich eine Achtpfünderkanone zu, die von einer Feste des Illinois-Staates genommen war. Dies Geschütz, nebst allem Zubehör, ward den amerikanischen Schweizern mit Feierlichkeit und ermunternden Wünschen übergeben. Sie übten sich sogleich wieder freudig ein, und zehn Tage nachher erschienen mit ihrer Kanone, zum mächtigen Erstaunen der Altamerikaner, die in ihrem Leben keine Uniformen gesehen hatten, fünfundzwanzig Mann in blauer Kriegstracht mit rothen Aufschlägen und Bärenmützen. Noch mehr verwunderte man sich über die Gewandtheit dieser Schützen, und über die Schnelligkeit ihrer hintereinander folgenden Schüsse. Beim Gastmahl, das dem Waffenfeste den Schluß gab, erhielten alle diese Schweizer Offiziersrang.

26.
Einsame Wanderung in der Wildniß.
(4. bis 7. Oktober.)

Noch hatte ich einen ansehnlichen Reisestrich vor mir durch die stillen, unbevölkerten Wildnisse von Kentuky und Virginien, um wieder in die angebautern Landschaften der östlichen Staaten zu gelangen. Die Jahreszeit war vorgerückt, die Witterung schon unzuverlässig. Ich wünschte, der weite Raum von Wäldern, Strömen, Ebenen und Hügeln zwischen dem Ohio und dem freundlichen Baltimore läge schon hinter mir.

Darum zauderte ich nicht länger, überwand mich, sagte meinen lieben Bekannten im amerikanischen Vevay Lebewohl, und setzte in einer Fähre (Ferryboat) über den Fluß, die da immer zur Ueberfahrt von Menschen und Vieh bereit liegt. Jetzt stand ich auf dem Boden des Kentukygebiets. In einer Stunde war ich zu Gand, einem kleinen Flecken, der gegen Vevay über liegt. Ich hatte versprochen, hier noch den Herrn Agnel zu besuchen, der auf seiner Niederlassung eine schöne Weinrebenpflanzung unter Aufsicht des Herrn Oboussier von Lausanne hat.

Da und in den Umgebungen sah ich zum erstenmale Neger-Sklaven auf dem Felde arbeiten. Der Anblick war mir widerlich. Noch inmitten der großen, schönen Freistätten des Menschenrechts auf Erden Sauerteig aus dem zivilisirten Europa! – O dies gelehrte, feinsittige, philosophische, glaubensstrenge, schönrednerische, bücherreiche, heldenmüthige, christliche Europa, wie ist es doch mit seinen Verfassungen, Gesetzen, Kasten, mit seinen Timurlengs und Dschengiskhanen, mit seinen Confutsen und Zoroastern, Sadi's und Bidhay's, mit seinen Lama's, Braminen und Suder's so auffallend der Großmutter Asia Zug um Zug verwandt!

Indessen die Negersklaverei wird nun in Nordamerika gänzlich abgethan; und schon gegenwärtig ist das Loos der Schwarzen sehr mild.

Den Sonntag vor meiner Ankunft hatte eine Negerin des Herrn Agnel Hochzeit mit einem Schwarzen aus einer andern Niederlassung gehabt. Das ist ein hoher Tag für diese Kinder Afrika's, denn, ausser allen andern Genüssen, wird ihnen auch für diesen Tag, aber nur für diesen, die Freiheit, wie ein flüchtiges, süßes Naschwerk, gelassen. Es ist Sitte, daß an solchem Tage der Herr der Pflanzung und seine Familie das Haus verlassen. Die verlobte Negerin ladet aus der Nachbarschaft so viele ihrer Freundinnen ein, als sie will; der schwarze Bräutigam thut desgleichen.

Zeitig erscheinen die Gäste insgesammt Morgens, aufs Beste ausgeschmückt, größtentheils zu Pferde oder in leichten Reisewagen. Eine kleine Negerin an der Hausthür meldet die Ankommenden, wie sie nacheinander erscheinen, mit ihrem Namen (am meisten sind Dschin und Jak) und dem Familiennamen des Pflanzers, welchem sie angehören. Sie legen nun in ihre Begrüßungen, in ihre Gespräche und Unterhaltungen die möglichste Artigkeit. Alles nennt einander Herr, Frau, Fräulein (Gentleman, Lady etc.). Da ist nicht das Rohe, Plumpe, Steife, wie allenfalls bei Leibeigenen in Europa oder an Bauernhochzeiten. – Die Mahlzeit, die im Einzelnen und Ganzen wohlgewählt und wohlgeordnet ist, dauert gemeinlich bis gegen Abend, dann beginnt die Lust der Tänze durch die Nacht bis zum Morgen, wo jeder in seine Pflanzung heimkehrt, um im Schlaf die Maske der Freiheit wieder abzulegen, die er für einen Tag getragen hatte.

Die Pflanzer begünstigen dergleichen Heirathen gern. Verheirathete Neger, weil sie einander anhangen, arbeiten fleißiger, betragen sich anständiger, aus Furcht, von ihren Herren verkauft und von der Geliebten getrennt zu werden. Der verheirathete Neger wohnt oft drei bis vier Stunden Wegs von seiner Frau. Alle Woche einmal besucht er sie und seine Kinder, denen er mit voller Seele gehört.

Es gilt, wie bei den Sklaven oder Leibeigenen Europens, auch hier die Uebung des barbarischen Mittelalters: partus sequitur ventrem. Nämlich die Kinder aus diesen Ehen gehören demjenigen Pflanzer, dem die Mutter angehört. Und sind die Kinder erwachsen, hat er für seinen Bedarf zu viel Neger, kann er sie anderswohin verkaufen. Nicht nur Neger, auch Mulatten (von Europäern und Negerinnen), und Quarterons (von Europäern und Mulattinnen oder Mestizinnen, Töchtern eines Europäers und einer Indianerin) sind unter den Sklaven.

Drittehalb Stunden Wegs von der Niederlassung des Hrn. Agnel, nicht weit von Frederiksburg, fand ich mitten in Wildniß und Wald vier einsame Schweizerfamilien aus dem Neuenburgerlande angesiedelt. Sie wohnten hier ganz behaglich nun schon seit sechs Jahren, aber im vollsten Sinn des Wortes, geschieden von der übrigen Welt der Lebendigen, sich selbst ihre Welt bildend. Es waren die Familien Guinand, Vater und Sohn, Persot und Rochat. Sie hatten keine Sehnsucht nach dem Treiben draussen. Sie schienen in ihrer Einsiedelei ganz zufrieden. Warum hätten sie es nicht sein sollen? Der dankbare Boden, den sie bauten, die kleinen Heerden ihres Hausviehs, die nahe Jagd umher, stillten ihre einfachen Bedürfnisse im Ueberfluß, und ihre Wohnungen gewährten ihnen jede Bequemlichkeit, die sie fordern mochten. Sie nahmen mich mit Herzlichkeit bei sich auf.

Ich aber wollte eigentlich noch die Gruben von Bigbone sehen, die nicht gar entfernt sein sollten, und wo die vielen Mammuthsgebeine gefunden werden. Ich machte den Weg zu Fuß, weil ich nur dem Ufer des Flusses nachzugehen hatte, um eins der Dampfboote ansichtig zu werden, die alltäglich den Ohio herauffahren.

Indem ich also durch Wald und Wilde sinnend hinwanderte, mit den Gedanken noch die Einsiedelei der vier Familien umschwebend, sah ich plötzlich, zwischen den Bäumen hervor, als wäre ein Umhang weggezogen, eine unerwartete Erscheinung. Auf einem prächtigen Rosse saß in fremder aber kostbarer Tracht ein junges, schöngewachsenes Frauenzimmer, mir entgegenreitend, und von zwei andern, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, als wären es Dienerinnen. Die eine von diesen schien hiesigen Landes zu sein. Die reizende Gebieterin voran trug ein bläuliches, nettes Jagdkleid, reichverziert, zu schmuckvoll für diese Einöden; dazu einen feinen, breiten Strohhut, von welchem seitwärts ein grüner Schleier herabfloß.

In Wielands, Ariostos und Tassos Gedichten kann man wohl solchen Feengestalten oder irrenden Damen mitten in unbekannten Wildnissen begegnen. Aber in einem der amerikanischen Urwälder, wo kaum der Weg recht erkennbar war, wo weit umher Todesschweigen herrschte, welches das Wellengeräusch des Ohio nur feierlicher machte, wo ich für solche Tracht und Pracht kein Schloß, keine große Stadt in der Nähe wußte, glaubte ich dergleichen nie erwarten zu können. Ich war auch in der That so überrascht, ich muß sagen, verblüfft, daß ich, ohne an diese neue Diana ein Wort zu richten, sie nur anstaunte. Ich konnte mich nicht erwehren, sogar meinen Hut, ganz gegen Landessitte, höflich vor ihr abzuziehen. Sie erwiederte mit einem artigen Gegengruß und verschwand hinter mir zwischen den Bäumen. Es verdrießt mich noch jetzt, daß ich die Geistesgegenwart in dem Grade verlor, sie nicht einmal anzureden.

Ich wanderte weiter. Der Weg war übel. Von Zeit zu Zeit ging er mir unter den Füßen gänzlich aus, und ich behielt nur die Sonne zur Gehülfin, meine Richtung zu wählen. Länger, als ich vermuthet hatte, mußte ich in der Einöde dahin pilgern. Nach viertehalb Stunden kam ich endlich zu einem einsamen Weiler, der Sugarcreek hieß. Meine Ermüdung machte mich zufrieden, nur ein Obdach und Menschen zu sehen.

Freundlich ward ich von den gutmüthigen Pflanzern in ihrer saubern Wohnung empfangen. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Massachusets sich hierher begeben und angesiedelt hatte. Die Leutchen wohnten erst seit zwei Jahren in Sugarcreek und schienen mit ihrem Aufenthalt wohl vergnügt. Ich verlangte etwas zu essen. Man bediente mich nicht nur sehr reinlich, sondern auch mit ausgewählten, wohlbereiteten Speisen, wie ich gerade hier nicht zu erblicken gedacht hatte.

Jetzt erfuhr ich, daß ich bis nach Bigbone noch sieben Stunden Wegs zu machen habe, und mich ohne Pferd und ohne Wegweiser kaum dahin finden würde. Da sagte ich in meinem Herzen den Mammuths-Gräbern Valet, und beschloß, bei meinen freundlichen Wirthen zu übernachten, um von da auf einem Dampfboot geradeswegs nach Cincinnati zurückzukehren. – Schon Abends hörte man zwei Kanonenschüsse vom Ohio, die von den weiten Wäldern umher den Gegengruß in sekundenlangem Wiederhall zurück empfingen. Die Zeichen kamen von zwei Dampfbooten, General Pike und Ostrich, welche den Fluß hinab gen Laurencebourg fuhren, und in der Morgenfrühe wiederkehren mußten.

Der Abend verfloß in traulicher Unterhaltung. Wie viel läßt sich aus den Gesprächen einfacher Menschen lernen, die in gleichweiter Entfernung von der Thierheit des Wildenthums und der Thierheit des verkünstelten, überfeinen Städterwesens, groß, bescheiden, frei und wahrhaft, wie die Natur sind! Als ich zu meinem Nachtlager ging, war der reine Himmel schwer von Sternen. Der aufgegangene Mond zitterte hinter den Wipfeln riesenhafter Bäume, die er schon seit Jahrhunderten beschienen. Ein weites Schweigen waltete um die Pflanzerwohnung in den Wäldern und längs dem Ufer des Ohio. Es war aber das alte Schweigen der Einöden, welches auch der Tag selbst nicht stört, es sei denn, daß ein Sturm durch die endlosen Forsten zieht.

Morgens sechs Uhr kam das Dampfboot General Pike schon wieder den Fluß aufwärts. Ich hörte das Zischen der Dämpfe schon aus der Ferne. Auf ein Zeichen, das ich vom Ufer gab, erschien ein Kanot, das mich zum Schiffe brachte. Abends fünf Uhr stieg ich schon in Cincinnati ans Land. Einer meiner neuerworbenen Freunde, Herr Perret, nahm mich sogleich mit sich in ein Konzert, das zu Ehren Lafayettes gegeben wurde. Dieser Anlaß, diese Töne, und die Gesänge hatten auf mein Gemüth tiefen Eindruck. Es wurden die Namen Wilhelm Tells und Lafayettes und Washingtons gefeiert. Es ist doch das Göttliche in der Brust der Sterblichen, zu allen Zeiten, unter allen Himmelsstrichen, das hoch Vorwaltende, und das, was immerdar am innigsten ergreift. Die Welttheile und die Jahrtausende erkennen keine andere Heroen, als die Heroen der Menschheit und ihres ewigen Rechts. Was weiß man doch nach Jahrtausenden von unsern Tags- und Schlachthelden, den Massenas und Moreaus, den Wellingtons und Blüchers und wie sie heißen mögen? Höchstens beschäftigt sich mit ihnen ein müßiger Geschichtsklitterer, oder der Knabe schleppt sie mit hundert ähnlichen im dürren Kompendium zur Schule, um sie wieder zu vergessen.

27.
Fortsetzung des Wegs in der Wildniß.
(8. bis 12. Oktober.)

Es war mir darum zu thun, die französische Kolonie Gallipolis zu sehen. Man rieth mir, das linke Ufer des Ohio zu verfolgen bis ins Gebiet von Virginien, und dann bei Bigsandi wieder über den Fluß zurückzugehen, um nach Gallipolis zu kommen. Ich kaufte mir zu dem Ende ein braves Reitpferd, ließ mich damit von Cincinnati auf einer Fähre nach Neu-Port im Staat Kentuky über den Ohio setzen, und reisete so dem linken Stromufer nach, ohne besondern Merkwürdigkeiten oder Abentheuern zu begegnen. Am dritten Tag Abends war ich neunundzwanzig Stunden von Cincinnati in einem geringen Städtchen, Namens Washington.

Hier vernahm ich vom Wirth, der von Straßburg gebürtig war, aber nicht drei Worte mehr deutsch verstand, daß ich ganz irre gefahren sei. Ich gerieth in nicht geringe aber keineswegs angenehme Verwunderung, als ich hörte, ich müsse wieder eine gute Strecke zurück, und habe einen Umweg von zwölf bis dreizehn Stunden gemacht. Man muß es gar nicht übel deuten, wenn die Leute in diesem neuen Lande die vaterländische Geographie schlecht inne haben. Sie lernen sie nur aus dem Munde der Reisenden, und pflanzen sie überlieferungsweise fort.

Also kehrte ich den andern Tag, in mein Schicksal ergeben, geduldig um, wandte mich gerade gegen den Ohio, setzte zu Maysville, vier Stunden oberhalb Augusta, über den Fluß, und kam dann, nach sechs Wegstunden, in West-Union, auf der Landstraße nach Cincinnati gelegen, an.

In den meisten Pflanzungen und Niederlassungen, durch die ich während der letzten vier Tage im Gebiet von Kentuky gekommen war, wurden zahlreiche Sklaven gehalten, welche zur schweren Landarbeit gebraucht werden. Der Anblick dieser Unglücklichen, in welchem Menschen, die sich veredelter halten, die heilige Würde, die ewigen Rechtsame der menschlichen Natur entweihen und verletzen, gab mir jedesmal eine üble Stimmung. Saß ich zu Tisch, stand beständig eine Negerin hinter mir, um mich zu bedienen; etwas Unbehagliches für den, der nicht gewohnt ist, sich von Sklaven aufwarten zu lassen. Die Negerinnen verrichten die häuslichen Dienste. Immer auf jede Bewegung des Herrn oder der Gebieterin aufmerksam, können diese keinen Blick thun, den die Negerin nicht versteht, und augenblicklich als Befehl betrachtet und vollstreckt.

Was müssen sich die armen Geschöpfe doch Alles gefallen lassen! Die amerikanischen Zeitungen vom vergangenen Monat erzählten, die Gemahlin des Augustin Iturbide, des bekannten Kaisers von Mexico, sei so kaiserlich-vornehm oder bequem gewesen, daß wenn eine Mücke auf ihrer Hand saß, sie eine ihrer Sklavinnen rief, sie fortzublasen. In mehreren Häusern hörte ich die Hausfrauen stets über ihre Negerinnen klagen, wenn etwas im Hause nicht war, wie es sein sollte. Fehlte etwas an der rechten Bereitung der Speisen, hatte das Linnenzeug nicht die gehörige Weiße u. s. w. – immer waren die Negerinnen schuld. Nicht nur die Kaiserinnen, sondern selbst die gemeinen Pflanzerinnen werden durch das Sklavenbesitzen unglaublich bequem.

In den Ansiedelungen von Kentuky gehen die Kinder der Sklaven ganz nackt, bis zum zehnten Jahr, ohne Unterschied des Geschlechts. Es ist oft ein possirliches Schauspiel, vor einer Hütte ein ganzes Nest voll Negerchen spielen und sich im Staube herumrollen zu sehen. Die Erwachsenen, alle barfuß, haben keine andere Bekleidung, als ein sehr grobes, um den Leib zusammengebundenes Hemd.

Ich blieb nicht in West-Union, sondern übernachtete zwei Stunden Wegs von da, in einem Bauernhause. Als ich meinen Bewirther fragte, wes Landes er sei, antwortete er gar treuherzig: »I have the misfortune to be an Irishman.« (Ich bin so unglücklich, Irländer zu sein.) Die Irländer sind nämlich in den Vereinstaaten am wenigsten geachtet. Unter sämmtlichen Ankömmlingen aus Europa gelten sie für die verderbtesten. Schweizer und Deutsche sind in Nordamerika, als gute Landarbeiter, zum Sprüchwort geworden; der Engländer gilt als Spekulant; der Franzose macht sich zum Jäger und klagt über Langeweile. Der Irländer aber, erstaunt über die Wohlfeilheit des Whisky, ergibt sich dem Trunk und den Folgen desselben.

Ueber meinen Irländer hatte ich, soviel mich betraf, keine Klage zu führen. Er war eine gute Haut. Mein Roß hingegen hätte mehr Grund zur Unzufriedenheit gehabt, denn es mußte die ganze Nacht, da der Himmel den Regen stromweis herabschüttete, im Freien stehen. Obwohl mein Wirth ein Dutzend Kühe, fünf bis sechs Pferde, über hundert Schafe und eine Heerde von Gänsen, Welschhühnern, Enten und Hühnern besaß, hatte er doch keinen Stall. Indeß schien das Pferd dieser amerikanischen Sitteneinfalt ganz gewohnt zu sein; denn ich fand es am Morgen ganz frisch und lustig.

Die aufeinanderfolgenden Regenschauer erlaubten mir erst gegen Mittag, mich auf den Weg zu machen. Ich hatte noch vierzehn Wegstunden bis Portsmouth zurückzulegen. Ein kleiner Strom, Namens Turkycreek, mußte mir anfangs lange Zeit als Führer dienen. Mehrmals war ich genöthigt, durch ihn bald an sein linkes bald an sein rechtes Ufer zu reiten, um vorwärts zu kommen. Er war vom anhaltenden Regen mächtig angeschwollen. Das Pferd verlor oft den Grund unter seinen Füßen, und wir mußten es beide mit Schwimmen versuchen. Ich bewunderte die Geduld des guten Thiers, das sich gar nicht abschrecken ließ, aus einem Schlammloch ins andere, und von einer Seite des Wassers zur andern überzusetzen.

Es ist, bei naßkaltem, trübem Wetter, selbst im Paradiese kein anmuthiges Reisen; um so weniger, wenn man ohne Weg und Steg durch ein unbekanntes, einsames Land hinabentheuert. Ich machte mich immer dabei noch auf das Zusammentreffen mit einem Bären gefaßt; denn mein irländischer Wirth hatte mir des Morgens den Rath gegeben, meine Pistolen gut zu laden, weil sich mir vielleicht dergleichen Reisegefährten durch den Wald aufdringen könnten. Sie seien gar nicht selten. Allein es zeigte sich keiner. Doch am Aussenende des wilden Forstes sah ich wenigstens eine frische, blutige Bärenhaut. Ein Jäger spannte sie zum Trocknen auf.

Noch ziemlich zeitig traf ich endlich in Portsmouth ein, von Müdigkeit und Hunger erschöpft. Zwei Aepfel waren binnen vierundzwanzig Stunden meine Nahrung gewesen. Aber ein artiges Wirthshaus, gefällige Wirthe, ein treffliches Nachtmahl, ein gutes Bett ließen mich bald alle Entbehrungen wieder vergessen.

Ich hatte jetzt noch bis Gallipolis vierundzwanzig Wegstunden vor mir, und nur bis zum nächsten Ort, wo ich übernachten konnte, vierzehn Stunden. Drum begab ich mich andern Morgens früh genug auf die Reise. In einem Bauernhause, vier Stunden von Portsmouth, hielt ich an, um mich und mein Pferd gehörig vorzubereiten, zehn Stunden lang keine menschliche Wohnung zu erblicken.

Wirklich gings von da ununterbrochen durch ewigen Wald, so hoch, so dicht, daß auch die Sonnenstrahlen nur selten durch die verwachsenen Wipfel der Bäume brachen. Landstraße war keine, man mußte auf die halbverwischten Tapsen der Vorgänger genau achten. Hinwieder nahm ich Schnitte und Einkerbungen in den Stämmen links und rechts wahr, die dem Wanderer eine Richtung andeuteten, welche er zu nehmen hatte.

So verging der Tag in steter Beschäftigung, die Spuren der Vorangegangenen oder die Zeichen an Bäumen zu entdecken und zu verfolgen, um mir als Wegweiser zu dienen. Das brave Roß lief beständig seinen Trab, als wüßte es, wie weit noch seine Krippe wäre. Aber Abends, schon war es fünf Uhr, stieß ich plötzlich auf zwei Fußwege, von denen einer links, der andere rechts zog. Ich zauderte lange unentschlossen, wog alle Für und Wider gegen einander ab, und schlug zuletzt rechts ein.

Ich war kaum eine Viertelstunde fortgetrottet, sah ich plötzlich, nur noch fünf Schritte von mir, eine dicke Schlange am Boden liegen. Sie hatte sich kreisförmig zusammengerollt, und streckte den Kopf auf, mit der Zunge mir entgegenspielend. Es war, der Farbe nach, die hier Landes bekannte »Coppersnake« oder Kupferschlange. Sie hatte die Dicke eines mittelmäßigen Mannsarmes und eine Leibeslänge von ohngefähr fünf bis sechs Schuh. Sie richtete sich im gleichen Augenblick weiter auf. Die Bewegungen ihres Kopfes und Halses dabei waren sehr schnell.

Unangenehm überrascht gab ich meinem Pferd den Sporn in die Rippen, seitwärts lenkend. Das Roß aber, erschrockener noch als ich, nahm einen gewaltigen Satz und jagte davon. Ich behielt immer das Gesicht, wie Bürgers wilder Jäger, im Nacken, um zu gewahren, ob uns das Unthier verfolge. Ich verlor es aber bald aus den Augen.

Man erzählte mir nachher, daß die Kupferschlange, an ihrer Dicke und grünröthlichen Farbe leicht kennbar, das gefährlichste Thier in diesen Gegenden sei. Sie ist sehr gefräßig und nimmt es mit den größten Thieren auf. Ihr giftiger Biß wird nach einigen Stunden tödtlich, nachdem der Körper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Indeß vermindert sich diese wüste Brut überall in gleichem Verhältniß, wie sich die Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser nützlichen Hausthiere hätte, die sich ohne seine Sorge vermehren und beköstigen. Ein einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stück. Sie laufen fast beständig im Wald umher und nähren sich da von Pflanzen, Wurzeln und Gewürmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Biß Schaden zu leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft wohl nur selten ein Blutgefäß.

Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler und der Wald immer dichter. Mein Fußweg lief noch immer in seiner alten Richtung rechts, abweichend von meiner frühern. Ich tröstete mich damit, daß ich auf die Art dem Ohio aufwärts gelangte. Denn wieder umzukehren spürte ich in mir auch nicht die mindeste Lust.

Weil mir aber mit dem erlöschenden Tageslicht auch die Hoffnung erlosch, irgend eine Menschenwohnung zu erreichen, und mir es schien, daß ich schon eine lange Strecke Wegs mehr gemacht hätte, als erforderlich gewesen, um der mir zum Uebernachten bestimmte Pflanzerei zu begegnen, fügte ich mich in mein Verhängniß. Ich musterte im Vorbereiten links und rechts die Plätze, wo ich Nachtherberge nehmen könnte. Ich besaß allenfalls gegen Kälte einen guten Mantel; konnte auch Feuer anschlagen und hatte meine geladene Doppelpistole bei mir. Nur mit der Küche zum Nachtessen bliebs übel bestellt. Ich hatte Dammhirsche, Welschhühner und anderes Geflügel unterwegs erblickt, aber weder Jagd darauf machen wollen, noch mit meinem kurzen Feuergewehr machen können.

In diesen trübseligen Ueberlegungen einer verzweifelnden Verzichtung auf alles Heil, verdünnerte und öffnete sich mit einemmale vor mir der Wald, und vor meinen Augen lag ein Bauerhof. Freudiger, als ein abentheuernder Ritter nach langen Irrfahrten einem Feenschlosse, trabte ich dem bescheidenen Holzpalaste entgegen und hielt vor demselben, als mein eigener Herold, mit lauter Stimme rufend: »Holla! kann hier ein Reisender über Nacht bleiben?«

Eine ältliche Frau, begleitet von zwei jungen Frauen, trat hervor. Sie bedauerten, mich nicht empfangen zu können, weil sie allein, und ihre Männer abwesend wären. Sie beruhigten mich inzwischen damit, daß ich, den Weg fortsetzend, in einer guten halben Stunde eine andere Pflanzerwohnung antreffen würde. Nebenbei erfuhr ich auch noch, daß ich wirklich irre geritten sei, und beinahe zwei Stunden lang einen Querweg durch die Waldung verfolgt habe.

Wie unlieb mir auch alle diese Erklärungen, Fingerzeige und Nachrichten lauteten, wollte ich doch nicht zudringlich werden. Ich trabte also frischerdings wieder in die Nacht der vor mir gelegenen Wälder hinein, auf einem Pfad, den mir die Frauen angewiesen hatten. Im schlimmsten Fall blieb mir doch das nun einmal gesehene Haus und die Rückkehr dahin.

Es ward mir jedoch mit jedem Augenblick unheimlicher, je tiefer ich ins Gehölz eindrang und je stärker die Finsterniß wurde. Ich mußte vom Pferde steigen, und von Baum zu Baum die Einkerbungen der Stämme mit den Fingern ertasten. – Welche Seligkeit aber, als mir nach einer halben Stunde, durch die Säulen der Waldung spielend, röthliches Licht entgegenschien. Ich verdoppelte den Schritt, und stand bald vor der roh aus Baumstämmen gezimmerten Hütte eines Pflanzers. Auf meinen Anruf erschien ein Mann. Auf die gewöhnliche Anfrage öffnete er mit dem freundlichen Wort: Walk in, Sir! (treten Sie ein, Herr!) den Pfahlhag, mit dem jede Hütte eines amerikanischen Ansiedlers umgürtet zu sein pflegt. Ich trat ein. Beim Feuer saß eine Frau. Sie stand auf, bot mir ihren Sessel und sagte: Sit down, Sir! (setzen Sie sich, Herr.) Diese beiden Redensarten, Walk in und Sit down, sind in Amerika beim Empfang eines Fremden, ohne alle andere Höflichkeitsbezeugungen, die gebräuchlichen, man mag zum schlichten Bauer oder zum reichsten und vornehmsten Manne der Vereinstaaten kommen.

Ich habe meinen Ritt durch die Wildniß etwas umständlich erzählt, nicht eben weil er so gar merkwürdig wäre, sondern um doch eine Vorstellung zu geben, wie man in unangebauten Gegenden des Innern dieses Welttheils reiset, wo ohne Zweifel, bevor ein Jahrhundert verfließt, Städte, Dörfer, Paläste und Landgüter durch die besten Kunststraßen verbunden sein und die Erzählungen von heut fast mährchenhaft scheinen werden.

28.
Nach Gallipolis und Point Pleasant.
(12. bis 14. Oktober.)

Man muß mehrere Tage sich selbst überlassen, ich möchte sagen, verlassen, durch unwirthbare Einöden, in Unruhe für das Entkommen aus verirrlichen Waldlabyrinthen, oft nicht ohne Sorge für das arme Leben selbst, die Reise gemacht haben, um die Wollust zu verstehen, die man fühlt, wenn man sich endlich in einer engen, sichern Hütte unter freundlichen Menschengesichtern erblickt.

Wie ich mich recht umsah und mit der Familie nähere Bekanntschaft machte, zählte ich zehn Kinder; das älteste mochte fünfzehn Jahre haben, das jüngste lag am Busen der Mutter. Die gute Frau fragte mich, ob ich zum Nachtessen Kaffee oder Thee verlange und welche Gattung Geflügels? Sie machte kleine Brödchen in einer Tortenpfanne, kochte feine Schinkenschnitte und röstete sie in heißzerlassener Butter. Es gab dazu Fricassee von Geflügel, rothe Rüben als Salat, frische Butter, eingemachte Pfirsiche und statt des Brodes – Hoekake. Ich schildere die Bestandtheile meines Abendmahls nicht darum, damit man wisse, was eine einsame Pflanzerhütte dem unverhofften Gaste leisten könne, sondern um zu sagen, daß dies ohngefähr die Gerichte sind, mit denen man überall im Innern der Vereinstaaten Abends bewirthet zu werden pflegt. Das Frühstück ist meistens aus denselben Platten zusammengesetzt.

Das Tischzeug bestand auch hier, wie immer, aus sauberm Linnen; das Tafelgeschirr, Teller, Schüsseln, aus englischer Erde. Nur die Hausfrau, sehr reinlich gekleidet, sitzt mit zu Tisch, um den Gast bedienen zu können. Sie beginnt ganz gewöhnlich mit der Frage: »Lieben Sie Milch und Zucker zum Thee?« damit ist die Mahlzeit eröffnet. Von den Speisen nimmt sich nachher der Gast nach Belieben selber. Die Wirthin aber ermuntert fleißig mit dem Zuspruch: Help your self! (bedienen Sie sich selbst.) Erst wenn der Fremde gegessen hat, sitzen Vater und Kinder zu Tisch. Die Kinder betiteln ihre Aeltern aber nicht mit Vater- und Mutternamen, sondern auch in der Bauerhütte mit Sir und Maam.

Das Zimmer, welches erst Küche, dann Speisesaal geworden, ward dann Unterhaltungszimmer. Es überraschte mich jedesmal in den Vereinstaaten und auch diesmal, einen schlichten Landmann über die Politik, über die Staatsverfassungen und Nationalverschiedenheiten Europens so unterrichtet und verständig reden zu hören. Viel trägt zu diesen Kenntnissen, die in Amerika eine Hauptstütze der Vaterlandsliebe werden, ohne Zweifel das allgemein verbreitete Lesen der öffentlichen Blätter und Zeitschriften bei. In Europa, wo der Landmann, oft der Städter, wenig vom Ausland, noch weniger vom Inland erfahren darf, weil man es zu hindern wünscht und zu hindern weiß, wo sich die Regierungen durch besoldete Schreiber und durch Zensoren die Vormundschaft über den Volksverstand anmaßen, erzeugt sich eine stinkende Selbstsucht, die nur für das eigene Haus, nicht für das Allgemeine, nicht für Thron und Vaterland, Interesse hat, und, wie das Thier, nur sein Futter und seinen Stall kennt. Es ist wahr, bei der in Amerika bestehenden Preßfreiheit wird auch das unsinnigste Zeug, das leidenschaftlichste, gehässigste Geschwätz gedruckt und verbreitet. Die Feinheit und Artigkeit der Amerikaner im persönlichen Umgang wird häufig in ihren Zeitschriften durch ekelhafte Derbheit, Rohheit und Gemeinheit ganz verdrängt. Aber gerade die unter dem Segen der Preßfreiheit mannigfaltiger gewordene Kenntniß der Menschen, ihrer Leidenschaften und Umtriebe, und die reifere Entwickelung der Verstandesthätigkeit macht die Versuche der schriftstellerischen Bosheit, Unvernunft und Parteisucht kraftlos, die Plumpheit der Blättchenschmierer verächtlich; – während der in kindische Unmündigkeit ängstlich zurückgehaltene Verstand des gemeinen Mannes in Europa sich an Geschmacklosigkeiten am innigsten ergötzt, das Alberne und Unglaubliche am leichtgläubigsten aufnimmt, und der verleumderischen Bosheit in seiner Unerfahrenheit das Ohr am liebsten entgegenspitzt.

Nachdem ich mit meinem Pflanzer einige Stunden in die Nacht hinein geplaudert hatte, verwandelte sich das Sprachzimmer in das allgemeine Schlafgemach. Wir waren unserer vierzehn Personen. Es wurden drei Betten gemacht; das beste mir mit den reinlichsten Ueberzügen. Den Kindern breitete man baumwollene Decken am Boden aus. Die offenen Fugen der Balken von den Zimmerwänden liessen der frischen Luft freien Umlauf.

Ich verließ die zahlreiche Familie schon vor Sonnenaufgang. Der Pflanzer gab mir noch Empfehlung an einen andern Pflanzer mit, bei dem ich unterwegs einkehren konnte. Es war dies ein Herr Thevenot, der fünf Stunden von da entfernt und nur noch zwei Stunden von Gallipolis wohnte. Ich fand ihn und nahm mein Frühstück bei ihm.

Dieser Mann war aus Frankreich, mit einigen tausend seiner Landsleute, zur Zeit der Revolution nach Amerika ausgewandert. Er gehörte ehemals zur französischen Niederlassung von Gallipolis, wo man Land mit Geldtiteln und Schriften kaufte, die nachher in Frankreich allen Werth verloren, als man sie in Münze umsetzen wollte. Man bezahlte die Juchart zu jener Zeit mit fünf Dollars. Gleich zu Anfang ihrer Ansiedelung hatten die Franzosen da mit den Indianern einen Krieg zu bestehen, der ihnen mehrerer Menschen Leben kostete. Zehn Jahre später fing man gegen sie einen Rechtsstreit über ihr Eigenthum an, weil die Titel, womit sie gezahlt hatten, meistens ungültig geworden waren und sie auch selbst noch nicht über ihre Grundstücke die Kaufbriefe urkundlich in Händen hatten. Sie mußten oder sollten zum Theil noch einmal Zahlung leisten. Die Regierung aber nahm doch Rücksicht auf ihren unverschuldeten Verlust, und bewilligte denen, welche nicht kaufen konnten, einen Landstrich, etwa dreizehn Stunden Weges von Gallipolis entlegen, unter dem Namen »French-grant« (französische Einräumung). Auch die Franzosen, welche einst den Unabhängigkeitskrieg mitgemacht, und seitdem kein Glück gehabt hatten, erhielten dort Ländereien. Aber diese Niederlassungen wollten nicht gedeihen.

Auch Gallipolis, wohin ich zeitig ankam, obgleich gar vortheilhaft am rechten Ufer des Ohio hingebaut, ist nur eine kleine Stadt von höchstens hundert Häusern. Die einzigen öffentlichen Gebäude sind ein Kollegium, ein Mettinghouse (Versammlungshaus zum Gottesdienst) und ein Gemeinds- oder Rathhaus. Dampfboote und andere Schiffe halten hier regelmäßig an. Ich hatte mehr von dem Ort erwartet, machte zwar einige werthe Bekanntschaften mit Hrn. Monod, Burcau etc., denen ich empfohlen worden, hielt mich aber doch nicht auf, sondern setzte, eine Stunde weiter aufwärts am Fluß, in einer Fähre über den Ohio und übernachtete zu Point-Pleasant in Virginien. Der Ort liegt am Zusammenfluß des Kanhaway, eines beträchtlichen, schiffbaren Stroms, mit dem Ohio. Große Fahrzeuge gehen noch den Kanhaway hinauf bis zu den Salzwerken von Charlestown, ohngefähr zweiundzwanzig Stunden von Point-Pleasant.

Der Menge von Schiffen nach zu urtheilen, die man, mit Salzfässern befrachtet, überall auf den Flüssen sieht, müssen die Charlestowner Salzwerke sehr ergiebig sein. Der Zentner Salz kostet einen halben Dollar. In den Kaufläden, wo man damit Kleinhandel treibt, zahlt man fürs Pfund zwei Kreuzer. In den Vereinstaaten sind alle und jede Salzwerke Partikulareigenthum, und Staat und Volk stehen sich ganz natürlich besser dabei, als wenn sie Monopol, das heißt, Auflage fürs Volk, in den Händen der Regierung gewesen wären, wie bei den Europäern. Partikularen beuten sorgfältiger aus, und liefern, um gegen die Nebenbuhler zu bestehen, bessere Waare und in wohlfeilerm Preis, als Regierungen; können auch wohlfeiler liefern, weil sie dafür keine Schaar von Intendanten, Direktoren, Ober- und Unterspektoren, Faktoren, Auswägern u. s. w. zu besolden und wohl gar zu pensioniren haben. Es sind in Europa wenig Völker, die nicht unter der Last von Abgaben seufzen, während doch die Regierungen davon nur einen sehr mäßigen Theil empfangen und ihrerseits ebenfalls in beständiger Geldverlegenheit seufzen. Der Schwarm der Beamten, die Summe der Erhebungs- und Einzugskosten verschlingt den vierten oder dritten Theil der gesammten Abgaben. Trotz unserer gelehrten Professoren und dicken Bücher über Finanzwesen, herrschen bei uns daheim noch unglaubliche, starrsinnige Vorurtheile. Man künstelt und vermindert das Naturgemäße, nämlich die höchste Vereinfachung der Geschäfte. Aber man will diese nicht, um immer Gelegenheit zu behalten, guten Freunden oder Verwandten ein Aemtchen zu verschaffen, oder sich einen Troß abhängiger Kreaturen zu machen, oder auch, weil man nicht weiß, was mit der Schaar dadurch brodlos werdender Angestellten zu beginnen sei? Am bequemsten, man läßt diese Leute vom Schweiß des fleißigen Volks mitzehren.

29.
Auf der Turnpikeroad nach Geneva und Baltimore.
(18. Okt. bis 4. Nov.)

Ich verweilte gern ein paar Tage in Point-Pleasant. Ein Hr. Smith daselbst, dem ich Briefe vom Hause Bruen in New-York brachte, hatte viele Güte für mich. Ich mußte auch einen Theil der weitläuftigen Besitzungen des Hrn. Bruen in jenen Gegenden sehen. Mit seinem Sohn und einem seiner Nachbarn fuhr ich folgenden Tags den Kanhaway zehn Stunden weit aufwärts, wo wir ohnweit Potalia übernachteten, dann andern Morgens ans linke Ufer des Kanhaway überstießen. Wir durchirrten hier die großen, meist noch unurbaren Ländereien des Hrn. Bruen, für welche er sich Ankäufer und Ansiedler wünscht. Erst einen Tag später kamen wir nach Point-Pleasant zurück.

Noch war der ganze weitläuftige Landstrich, den ich jetzt gesehen hatte, Wald und Wildniß, von einzelnen Bauernhöfen unterbrochen. Der Boden, wenn gleich nicht von erster Güte, ist im Durchschnitt doch nicht schlecht, oder ganz mittelmäßig, und natürlich längs Flußufern am vortheilhaftesten.

Die Zeit, welche ich der Besichtigung dieser Landschaft gegeben, sparte ich in den nächsten Tagen wieder ein. Ich reisete den 18. Oktober an einem Montag von Point-Pleasant ab, und eilte in vier Tagen über Mariette, Newport, Fischingcreek, Elisabethtown nach Whelling, eine Strecke von dreiundfünfzig Stunden Wegs, bald am linken, bald am rechten Ufer des Ohio. Die Amerikaner setzen, bei niedrigem Wasserstande, häufig zu Pferde über diesen Fluß, wenn sie sich auf des Rosses Gebein verlassen können.

Man hatte mir unterwegs an vielen Orten von einer Ansiedelung gesprochen, die man für eine der schönsten des Landes hielt, und durch welche mich der Weg führen würde. Als ich mich derselben wirklich endlich näherte, sah ich innerhalb einer wahrhaften Waldung von üppigen und reichtragenden Fruchtbäumen einige Wohnhäuser von sehr gefälligem Aeussern. Vor einem derselben stand ein großer, starker Mann mit langem, grauen Bart, der ein Schurzfell vor hatte. Der Beschreibung nach, die man mir gegeben, konnte dies kein anderer, als der Eigenthümer des Gebäudes, Master Homelong, der Wiedertäufer, sein.

Also fragte ich ihn auf deutsch, ob er mir ein wenig Haber für das Pferd spenden könne. Da verklärte sich sein ganzes Antlitz: »Grüß Gott,« rief er, »bist du a Landsmann?« Und ohne meine Antwort setzte er hinzu: »Walk in, Sir!« holte seinen Sohn, der das Roß nehmen mußte, führte mich ins Haus, und richtete nun in seiner Sprache, halb englisch halb deutsch, wie die Deutschen Amerika's immer zu reden pflegen, tausend Fragen an mich. Ich mußte diesem guten Einsiedler von Allem erzählen, von der alten Welt, von meiner Fahrt übers Meer, von der Reise durch die Vereinstaaten u. s. w. Sein Erstaunen war so groß, daß ich mehrmals wiederholen mußte, was ich schon gesagt hatte, und was er mir kaum glauben konnte. »Min Gott, ist denn das möglich! to be shure that's wonderfull journey!« schrie er einmal ums andere. Er setzte mir Kuchen und den köstlichsten Aepfelwein vor, den ich in Amerika getrunken; ich mußte bei ihm zu Mittag speisen. Er war seines Gewerbes ein Schuhmacher, baute daneben seine herrliche Pflanzung mit Einsicht und Fleiß und galt bei seiner Kirchparthei als ein guter Prediger. Als ein kleiner Knabe war er mit seinen Aeltern vor sechszig Jahren von den Ufern des Rheines zu den Ufern des Ohio gekommen, wo man wegen kirchlicher Ansichten, Lehren und Gebräuche keine Mitchristen und redliche, arbeitsame Leute gehässig verfolgt. Die Schnelligkeit meines Reisens erregte seine Verwunderung mehr denn alles Uebrige. Denn er und seine Aeltern hatten zur Ueberfahrt von Europa auf dem Meere fünf Monate zugebracht, und ein Jahr gebraucht, um von der Küste bis zu diesem Platz ihrer Niederlassung zu gelangen.

In einer andern Ansiedelung, wo ich übernachtete, wohnte eine erst vor Kurzem aus England hier ansäßig gewordene Familie. Das Haus war von Backsteinen erbaut; das Innere köstlich, mit zierlichem Haus- und Zimmergeräth versehen. Zwei hölzerne Hütten neben den Stallungen waren der Aufenthalt zahlreicher Negersklaven. Ohnweit dieser Pflanzung war es, wo mir die unheilbringende Paradiesesfrucht einen übeln Streich spielte. Aepfel, von ungeheurer Größe in einem Baumgarten hinter einem Pfahlhag, verlockten mich zur Neugier und Lüsternheit. Durch einen Fall gewann ich dabei eine schmerzvolle Verrenkung, von deren Plage ich erst nach fünf Monaten in Europa durch Mitleid und Kenntniß einer liebenswürdigen Person vollständig befreit werden konnte. Das mag meinen Lesern sehr gleichgültig sein, aber ein wenig dankbar zu sein, ist mir nicht gleichgültig.

Von Whelling hinweg kam ich zum erstenmal auf einen sogenannten »Turnpikeroad« oder Meilenstein-Weg. Eine kunstmäßige Hochstraße ist für den Wanderer das erste Zeichen von der Zivilisation, die in einem Staate herrscht, und der Maßstab ihrer Stufe. Nach wochenlangem Umherfahren in Wäldern und Wildnissen that mir dies sich freundliche Verkünden einer bewohnten und angebauten Welt unendlich wohl. Es gibt dieser Turnpikeroads jetzt mehrere mir bekannt gewordene. Die drei vorzüglichsten sind die von Philadelphia, die von Baltimore und die von New-York. Alle drei gehen in der Richtung von Osten nach Westen, und laufen also über die weitläuftige Verkettung der Alleghanygebirge hin.

Jede dieser Hochstraßen hat fünfundzwanzig Schuh Breite, und die Länge von 100 bis 130 Wegstunden. Von einer Drittelstunde (mile) zur andern ist ein Meilenstein, der die Entfernung desselben von den beiden Städten anzeigt, welche an den Aussenenden der Hochstraßen liegen.

Auch das ist eine mir bemerkenswerth scheinende Eigenthümlichkeit der Vereinstaaten, daß der Bau der Hochstraßen, schiffbaren Kanäle und der Brücken keine Regierungsangelegenheit ist. Unsere europäischen Staatsmänner mögen dazu lächelnd den Kopf schütteln. Aber das Volk des amerikanischen Freilandes befindet sich dabei gar wohl. Es empfängt sehr gute Straßen; die Gemeinden haben darum keine Plagerei von fetten oder fettwerdenwollenden Beamten, von Frohndiensten u. s. w. zu erdulden, und was die Hauptsache ist, die Kosten sind ungleich geringer, schon auch weil kein Brücken-, Straßen- und Bau-Departement, mit seinen Inspektoren, Kommissären, Kassaführern, Controlleurs, Archivaren, Sekretären und Kopisten zu besolden ist.

Es bildet sich für jede Unternehmung eines Brücken- oder Straßen- oder Kanalbaus eine Gesellschaft von Aktienbesitzern. Diese setzt einen Preis für den besten Plan zu ihrem Werk aus. Gewöhnlich sind die Eigenthümer der Güter und Ländereien, welche dem künftigen Kanal, oder der künftigen Hochstraße zunächst wohnen, meistens selbst Annehmer von Aktien, weil die Erleichterung des Waarenverkehrs den Werth ihrer landwirthschaftlichen Erzeugnisse im Preise steigen muß und somit auch den Werth ihrer Grundstücke. – Nach Vollendung der Arbeit wird die ausführliche Rechnung nebst allen Belegen, über die gehabten Unkosten, der Regierung vorgelegt, und diese bewilligt dann, nach einer annähernden Berechnung, den Aktien-Inhabern die Erhebung eines Weggeldes, gemeinlich streckenweis von ohngefähr drei Stunden zu drei Stunden des Wegs.

Die Kosten der Straße von Whelling nach Baltimore sollen ausserordentlich groß gewesen sein. Aber man sieht da auch eine Menge sehr schöner, starker, steinerner Brücken, und der Straßenzug über die Gebirge ist meisterhaft. Dieser läßt sich etwa mit der schönen Simplonstraße in Europa vergleichen, nur daß in den Alleghanybergen die durch Felsen gehauenen Gewölbwege nicht vorhanden sind.

Ueber Braunville, einer Stadt mit zahlreichen Fabriken am Manongehalaflusse, und durch Uniontown kam ich, auf einer Nebenstraße, in vier Stunden nach Geneva.