»Wenn Fremde sich in unsre Lage fühlen,
Sind sie wohl näher als die Nächsten uns verwandt.«

Mich erfreut und stärkt Ihre Theilnahme, der ich gewiß bin. – Ich verliere eine wackere Mutter, der ich unendlich viel verdanke. – Sie haben mich schreibend gefunden. Erhalten Sie mir Ihre Güte, und lassen Sie dieses Blatt und mein offenes Geständniß, dessen ich mich gegen Sie nicht schäme, ein harmloses Geheimniß sein. – Ich bin nicht gewöhnt mit meiner Lage, mit meinen Wünschen und meinem Unglück zu stören, aber von Ihnen erwarte ich weder Vorwurf noch von mir Reue – die bei Fehlgriffen schmerzlich kränkt. Friesen.«

Friesen eilte nun athemlos nach Berlin, wo er seine Mutter noch lebend antraf, und ihr in ihren letzten Augenblicken beistehen konnte. Nach ihrem Tode schrieb er Elisen aus Berlin, den 6. November 1813: »Meine Freunde suchen meinen Schmerz durch ihre wahrhafte Theilnahme zu mindern. Ich erkenne das mit Dank. Ihnen aber, theure Frau, fühle ich mich besonders verpflichtet für Ihren Zuspruch und Trost. – Unglückliche sind mißtrauisch, gegen Sie bin ich es nicht. Tiefes Gefühl, eigener Verlust, und die unverkennbare Wahrheit Ihres Wesens verbürgt mir Ihre Mitempfindung, und Ihnen die Gewißheit meiner Anerkennung. – Wie geht es Ihrem Gemahl? – Ich bitte Sie recht dringend, versuchen Sie alles ihn seinen Freunden in wahrer Gesundheit zu erhalten, wenn noch eine Prüfung von Muth und Ausdauer beschlossen sein sollte. Ich weiß, was ich von Ihnen fordere und was Sie der Zeit opfern – aber ich kenne Sie, um gewiß zu sein über vieles, was Sie mit Selbstverläugnung und edlem Stolz gegen das Schicksal über sich vermögen. In der jetzigen Zeit wird der Begriff wahrer Weiblichkeit dem ungetrübten Blick erst klar und verständlich. Ich denke an Sie mit unbedingtem Vertrauen. – Ich versuche mich aufzurichten, und freien Blickes in die Zukunft zu sehen, und des eigenen Unglücks zu vergessen, oder es doch mit ruhiger Besonnenheit zu tragen. – Mir ist nicht wohl. – Denken Sie meiner. Ich verehre in Ihnen das erfreuliche Bild einer Frau, die nicht in der Zeitbildung befangen, ein schönes Leben in ruhiger Würde lebt. Friesen.«

Diese wenigen Zeilen, die wir um so lieber mittheilen, da wir wissen, wie besonders theuer Friesen allen seinen Waffengenossen war, sie charakterisiren genau das edle Verhältniß, welches zwischen ihm und Elisen bestand, und zeigen ein feines, tief empfindendes, liebenswürdiges Gemüth.

Wie die Freischaar in's Holsteinische eingerückt war, schrieb Friedrich von Petersdorff an Elisen vom Vorposten zu Syke bei Oldeslohe, den 8. Dezember 1813: »Wir hoffen noch immer, daß mit Dänemark thätig am Frieden gearbeitet wird, und daß dieser Krieg, der nicht unmittelbar gegen den Erbfeind geht, bald geendigt sein werde. – Vergessen Sie uns nicht, liebe, gute Elisa, und rechnen Sie es nicht uns an, wenn Ihre Landsleute etwas hart mitgenommen werden, wir steuern, was wir können, dankt Adolph doch dem Lande das Glück seines Lebens, und ich das Glück der göttlichen Freundschaft. Ihr Friedrich.«

In der Nacht des 15. März 1814 war es Elisen als träte Friesen vor ihr Bett, und zeige ihr eine tiefe Wunde, die er erhalten habe; bewegt und erschrocken rief sie ihr Mädchen herbei, ob sie die blutige Gestalt dort nicht stehen sehe; diese sah jedoch nichts. Fünf Tage später, an ihrem Hochzeitstage, erfuhr Elisa, daß Friesen damals grade, als sie geglaubt hatte, ihn zu sehen, geblieben war. –

Sie war tief ergriffen. In einem kleinen Notizbuche, welches sie bei sich führte, finden wir dieses Ereigniß mit den kurzen, aber schmerzlichen Worten bezeichnet: »Der erste und beste Mann, Deutschlands Stolz und das höchste Glück seiner Freunde, verlor auf die schrecklichste Weise sein Leben.«

Auch Lützow, dessen Adjutant er gewesen war, betrauerte ihn schmerzlich, und äußerte, von allen Menschen, die er kennen gelernt, sei Friesen derjenige, welcher am wenigsten zu missen sei, und an dem das Vaterland am meisten verliere.

Wir können nicht umhin, hier eine Schilderung anzuführen, welche Karl Immermann im zweiten Bande der »Epigonen« von Elisen entworfen hat. Immermann ließ seine Heldin nicht die Freundin, sondern die Geliebte Friesens gewesen sein, und sie, anstatt Vietinghoff's, jenen Sarg mit seinen Ueberresten bei sich aufbewahren. Diese und noch einige andere kleine Abweichungen, welche der Roman erforderte, wird der Leser leicht herauserkennen, außer diesen aber Elisens Bild wie in einem Spiegel wiederfinden.

Es ist von der Zeit des Befreiungskrieges die Rede.

»Sie war die hohe Brautwoche, der süße Honigmonat meines Lebens! rief Johanna und ihre Augen glänzten. Ich war zwanzig Jahre alt, auf meines Vaters Schlosse erwachsen, der, wie ihn die Leute auch beschelten mögen, mir ein guter Vater war, und mich aufstreben ließ, frei und ungezwängt, gleich den Tannen in unserm Park. An seiner Seite zu Pferde, oder im leichten Jagdwagen, wenn der Hirsch verfolgt wurde, war es mir oft, als müßten Flügel mir an beide Schultern wachsen, so leicht und rein rollte in mir das muthige Leben! Daheim horchte ich den Erzählungen der Reisenden und klugen Männer, welche meinen Vater besuchten, und von fremden Ländern und Menschen sprachen, oder ich las Geschichte mit meiner alten, würdigen Erzieherin. Denn, Dank sei es denen, welche über mein Geschick geboten, nichts Gemeines und Eitles durfte mich berühren, und ich erinnere mich noch, daß in meinem Zimmer der Spiegel fehlte. Welt und Vorzeit umgaben mich wie ein schönes, sinnvolles Mährchen, in dessen Mitte ich, allen Helden und Weisen vertraulich nahe, liebe Tage hinspann.«

»Nun erschien jener große Winter mit seinen Eis- und Leichenfeldern, mit seinem Stadt- und Herzensbrande! Meines Vaters Entschluß war sogleich gefaßt, als die ersten Zuckungen des wiedererwachenden Lebens sich verspüren ließen. Obgleich, nach der Sitte seiner Jugend, gern die fremde Sprache redend, war er ein deutscher Mann und Edelmann geblieben; sein Herz hatte bei dem Jammer des Vaterlandes oft geblutet. Wir zogen, damit er thätiger eingreifen könnte, auf eine Zeitlang nach der großen Stadt, welche der Heerd des heiligen Feuers war. Was schwatze ich Ihnen vor? Sie waren ja selbst dabei, haben selbst die Waffen getragen. Welche Tage! Welche Gefühle! Nun waren Rom und Griechenland und die Ritterzeit kein Mährchen mehr für mich, alles Größte strahlte wiedergeboren im grünen, frischen Lichte mich an. Mein Mädchenherz wollte mir oft die Brust zersprengen, wenn ich bis Mitternacht, ja bis an den frühen Morgen die Binden zuschnitt, welche das Blut der Wunden hemmen sollten. Ich weinte, daß mein Vater reich war, daß ich nicht auch mich genöthigt sah, mein Haupthaar auf dem Altare der allgemeinen Begeisterung zu opfern. Nie, nie kann ich das vergessen, und wenn die ganze Welt umher in Zweifel und Klügelei starr wird, so soll der Busen einer armen Frau wenigstens ewig das Fest der Erinnerung feiern!«

»Sie war aufgestanden und ging mit großen Schritten durch das Zimmer. Ihre Züge hatten sich verklärt, sie glich einer Priesterin, einer Velleda. Nach einer Pause, während welcher ihr Antlitz vom herrlichsten Angedenken wie durchsichtig zu werden schien, stand sie still und rief: Ja, wenn es eine Liebe je auf Erden gegeben hat, so habe ich geliebt! Und o des Glücks! Die zärtlichste Empfindung war nur eins mit der heiligsten und größten! Im Waffenschmuck trat er mir entgegen, dem Kampfe sich entgegensehnend, in den er nach wenigen Wochen zog. Mild war er und edeln Zornes zugleich voll, nie hat ein reineres tugendhafteres Herz unter dem Rocke des Kriegers geklopft. Er war wie ein Verschlagner von einer fernen seligen Insel unter uns Andern. Die Augen pflegte er zu senken, als erliege seine Seele unter ihrer eignen Größe. Stumm war unsre Liebe und ohne Erklärung. Nur, als ich ihm beim Abschiede die Feldbinde reichte, verstanden sich unsre Blicke. Er zog dahin und ich sah ihn nicht wieder.«

»Er trug, wie alle jugendliche Frühlingsherzen, die Todesahnung im Busen. Sein einziger Wunsch war, in deutscher Erde zu ruhn, er schauderte vor dem Gedanken, fern unter den Fußtritten des feindlichen Volkes vermodern zu müssen. Das Schicksal ist oft grausam, es kann uns nicht allein das Leben, wie wir es wünschen, sondern auch den Tod, wie wir ihn zu sterben würdig gewesen wären, versagen. Nicht in einer der großen herrlichen Befreiungsschlachten fiel mein Freund, nein, vereinzelt, seiner Schaar nachgeblieben, wurde er von umherstreifendem Gesindel auf dem fremden Boden erschlagen. Ich erfuhr seinen Tod, noch ehe die Nachricht davon zu mir gelangte. In der Nacht aus tiefem Schlummer ohne vorhergegangnen Traum emporschreckend, sah ich das blutige Haupt des Ermordeten am Fuße meines Lagers aufsteigen, und alsobald auch wieder verschwinden. Augenblicklich wußte ich um meinen ungeheuren Verlust, aber zugleich durchdrang mein Herz ein unvergänglicher Trost, der es so ganz erfüllte, daß ich mich kaum erinnere, damals geweint oder sonst getrauert zu haben. Nur jetzt, nach manchem Jahre fließen meine Thränen zuweilen. Als die Ruhe hergestellt war, beschäftigte uns Alle, die wir ihn geliebt hatten, sein Wunsch. Ein treuer Gefährte seiner Tage machte sich endlich in der Stille auf, scheute nicht Mühe noch Gefahr unter dem noch immer schmerzlich empörten Volke, fand die Grube, in welcher man den Körper verscharrt hatte, kaufte die theuren Reste los, und brachte sie in die Heimath.«

»Sie näherte sich einer schmalen, länglichen Kiste, welche in der Ecke des Gemachs stand, öffnete sie und warf sich mit Lauten des tiefsten Schmerzes über sie. Hermann trat hinzu und fuhr zurück; ein menschliches Gerippe starrte ihm aus der Kiste entgegen. Warum erschrickst Du? Was macht Dich zu fürchten? rief sie. Dies ist mein lieber, mein einziger Freund, den ich nun wiederhabe, und nicht von mir lasse. Betrachte den holdseligen Mund, die guten, schönen Augen, die denkende Stirn! Nun ruht er, umweht vom Hauche der Liebe, nun ist ihm wohl!«

»Theure, warum gaben Sie der Erde nicht wieder, was der Erde gehört? fragte Hermann, als er sich einigermaßen von seinem Erstaunen erholt hatte.«

»Sie versetzte nichts. Mit den zärtlichsten Namen rief sie den geschiedenen Freund, schmeichelnd strich sie über den kahlen Schädel, ihre Lippen küßten die leeren Augenhöhlen. Dazwischen führte sie Reden, deren Sinn und Bedeutung Hermann nicht verstand. Sie sprach von dem Vampyr, der, auferstandne Leiche, umhergehe, und den Lebenden das Blut aussauge, und beschwor die Gebeine des Todten, sie wie bisher, so auch ferner vor dem Schreckniß zu schützen.« –

Im Sommer 1814 hielt sich Elisa eine Weile mit Beuth's Mutter in Kleve auf, dann bezog sie ein Landhaus vor der Stadt, wo Lützow mit seinen Kameraden sie Abends zu besuchen pflegte; unter den schattigen, grünen Bäumen, in einer freundlichen Natur kam dort bei Elisen ein Kreis zusammen, bestehend aus Palm, Karl und Friedrich von Petersdorff, Wilhelm von Lützow und Andern, die alle noch spät mit Entzücken von der reizenden Geselligkeit erzählten, die Elisa um sich her zu schaffen, und mit dem Zauber ihres anmuthigen Geistes zu beleben wußte. Aehnliche Abende wiederholten sich etwas später in Aachen, wo sie auf der alten Ketschenburg in einem Zimmerchen, welches so niedrig war, daß die Freunde es scherzend »die Schiffskajüte« nannten, sich ein blumengeschmücktes und überaus wohnliches Asyl geschaffen hatte; hier war auch der Dichter Max von Schenkendorff ein häufig und gern gesehener Gast.

Im Sommer 1815 hatte Lützow das Unglück in der Schlacht von Ligny in französische Gefangenschaft zu gerathen, aus der ihn jedoch der bald darauf erfolgende Frieden wieder befreite. Elisa war sehr in Angst um ihn; sie theilte so gern alle seine Mühen und Gefahren, sie war nur immer darauf bedacht, ihn zu pflegen, und für sein Behagen zu sorgen, um so mehr, da die vielen Verwundungen ihn viel leiden ließen. Heinrich Pröhle sagt, in seiner Biographie Jahn's, von Lützow, daß er fast in jedem Gefecht verwundet wurde; »wenn er ging,« heißt es dort, »so war er durch seine vielen Wunden halb Invalide; stieg er zu Pferde, so bedurfte er ihrethalben einiger Hülfe – aber saß er einmal im Sattel, so war er das Muster eines Husarenoffiziers, ein Ritter ohne Furcht und Tadel.«

Die liebevolle Sorgfalt, welche Elisa ihrem Gatten erwies, konnte dieser ihr wohl nicht in gleichem Grade erwiedern, denn unpraktisch, und in allem, was nicht zu seinem Kriegesberufe gehörte, unkundig oder zerstreut, war er selbst bei dem besten Willen wenig geeignet, eine zarte Frau in seine Obhut zu nehmen; sie, die auf dem Trannkijörschlosse in den glänzendsten Lebensverhältnissen erwachsen war, ertrug aber mit der äußersten Entsagung und ohne Klage Entbehrungen aller Art, und es war wie wenn ihr starker Geist ihrer zarten Gestalt dazu die Kraft verliehe.

Endlich beschloß die blutige Völkerschlacht von Belle-Alliance diese großartige Kriegszeit. In jener Schlacht gehörte ein junger Mann von neunzehn Jahren, von gleicher Begeisterung für die deutsche Sache erfüllt, wie Elisa, zu den Mitkämpfern, welcher dazu bestimmt war später in ihrem Leben eine bedeutende Rolle zu spielen: es war Karl Immermann. Damals wußten sie noch nichts von einander; erst nach Jahren sollte das Geschick sie zusammenführen. –

Nachdem der Krieg beendet, ging Elisa im Anfang des Jahres 1816 nach Berlin, wo Ernst Moritz Arndt sie besuchte, den sie schon das Jahr zuvor in Düsseldorf kennen gelernt hatte; sie war so erfreut über die Erscheinung des gefeierten Mannes, den sie schon lange als patriotischen Dichter und Schriftsteller geliebt und verehrt hatte, daß sie sagte, kein Besuch eines Königs würde sie so glücklich gemacht haben.

Elisa verweilte nicht lange in Berlin, da sie bald Lützow nach Königsberg nachfolgte, welche Stadt seinem Regiment als Garnison angewiesen war. Dort lernte sie den alten Kriegsrath Scheffner kennen, den Freund von Kant und Hippel, der sie sehr hochschätzte, und Johanna Motherby, welche später die Gattin Dieffenbach's wurde, eine energische und ausgezeichnete Frau, von der noch öfter hier die Rede sein wird, und die sogleich zu Elisen eine leidenschaftliche Zuneigung faßte.

Sie begegnete Elisen zuerst in einer Gesellschaft, und bei ihrem lebhaften Gefühl für Schönheit fiel ihr die ungewöhnlich anmuthige und liebreizende Erscheinung sogleich auf. Sie hatte die Eintretende kaum einige Minuten betrachtet, als sie mit den Worten: »Wir werden und wir müssen Freundinnen sein!« auf sie zueilte. Sie wurden es in der That.

Es konnte nicht leicht einen größeren Contrast geben, als diese beiden Frauen; während in Elisen alles Schönheit, Harmonie und Zartheit war, erschien Johanna beim ersten Anblick scharf und eckig; sie war klein, von starker Figur, von scharfgeschnittenen, bedeutenden, aber eher häßlichen als schönen Gesichtszügen; doch war ihr Geist und Schönheitssinn so mächtig, daß im Gespräch und der Begeisterung, welche in demselben über sie kam, Grazien und Amoretten ihr ganzes Wesen zu umgaukeln schienen, so daß sie nicht nur anmuthig, sondern gradezu schön aussehen konnte. Die Häßlichkeit lag nur wie ein Flor auf ihr, unter dem die innere Schönheit siegreich durchschimmerte. Auch besaß sie wahrhaft großartige Charaktereigenschaften, Thatkraft und Entschlossenheit, Aufopferungsfähigkeit und Herzensgüte in seltenem Grade; ihr ganzes Wesen war Leidenschaft und erregte auch die heftigsten Leidenschaften; ihr stürmisches Feuer konnte fortreißen, während Elisens milde Ruhe bezauberte.

Sie lebte damals mit ihrem Gatten, dem Arzte Motherby, einem geistvollen und vorzüglichen Manne, noch im besten Einvernehmen, und auch er trat mit Elisen in freundschaftliche Beziehung.

Auch manche von Lützow's Kriegskameraden besuchten ihn und Elisen in Königsberg, Friedrich von Petersdorff kam aus dem nahen Memel, Helmenstreit wurde dorthin versetzt; mit Palm trafen sie in Graudenz zusammen.

Noch ehe ein Jahr verflossen war, im Mai 1817, wurde Lützow nach Posen versetzt, wo sie aber kaum angelangt waren, als seine Versetzung als Brigade-Kommandeur nach Münster erfolgte.

Auf dem Wege dorthin berührten sie Nenndorf, wo sie unerwartet Karl von Alten sahen, und es war nicht ohne Bewegung, daß er und Elisa sich hier begegneten. Außerdem mochte der Anblick von Nenndorf manche schwermüthige Gefühle in Elisen wecken; wie sie vor neun Jahren als fröhliches Mädchen hier weilte, da hatte sie doch mit andern Erwartungen in die Zukunft geblickt, als sie jetzt erfüllt sah! –

Im Juli langten sie an ihrem neuen Bestimmungsort an. Elisa fühlte sich dort anfänglich sehr fremd, und die kleine Stadt, die engen Verhältnisse sagten ihr wenig zu. Lützow, dem nach dem bewegten Kriegsleben der leere Friedensdienst gar nicht behagte, suchte sich durch seine Leidenschaft für Pferde in seiner freien Zeit möglichst zu zerstreuen; er schaffte sich deren viele an, die der Gegenstand seiner beständigen Beobachtung waren; auch liebte er es sehr mit Elisen auszureiten, welche eine so ausgezeichnete Reiterin war, daß er oft behauptete, von ihr habe er erst die wahren Feinheiten der Reitkunst gelernt. Konnte er sich nun noch dann und wann mit einigen seiner Kameraden unterhalten, wo dann seine ihm so lieben Pferde beinahe immer den Stoff zum Gespräche lieferten, so war für ihn leidlich gesorgt. Aber Elisens feiner und lebhafter Geist, der sich immer nach Anregung sehnte, konnte hier keine Befriedigung finden. In den begeisterten Kriegsjahren, wo ihr ganzes Wesen in der Liebe zum Vaterlande aufging, war es ihr gewissermaßen nicht möglich gewesen, an sich selbst, an ihr persönliches Geschick zu denken. Jetzt aber konnte sie sich nicht mehr verhehlen, daß der Verkehr mit ihrem Gatten den höheren Ansprüchen, die sie zu machen berechtigt war, nicht mehr genügte.

Der Abstand zwischen ihr und Lützow trat immer schärfer hervor; gutmüthig und brav und nicht ohne natürlichen Verstand, war er doch weder an Bildung noch an Geist und Feinheit Elisen ebenbürtig. Im Laufe der Jahre hatte sich ihr Wesen immer reicher entwickelt, und überflügelte immer mehr ihre Umgebung. Ihre Heiterkeit verwandelte sich in wehmüthigen Ernst; sie suchte, wie es ihre Art war, Trost in der Natur und bei ihren Dichtern, aber ihr Herz sehnte sich vergeblich nach einem Glücke, das sie einst geträumt, und das ihr nicht beschieden zu sein schien. Sehr wohlthuend war ihr die Freundschaft ihres Schwagers Wilhelm von Lützow, der ihren ganzen Werth zu würdigen wußte, und mit rückhaltsloser Offenheit sie an allem Theil nehmen ließ, was ihn betraf.

Mochte nun aber auch Münster noch so geistig todt, so steif, so kleinlich und bigott katholisch sein, alles Eigenschaften, die Elisen in tiefster Seele zuwider waren, so konnte sie bei ihrer besonderen Gabe, einen angenehmen und geistig bewegten Kreis um sich zu gestalten, doch nicht lange diesen Ort bewohnen, ohne alle jene Elemente aufgefunden, und um sich gesammelt zu haben, welche sich dazu eigneten.

Hier machte sie die Bekanntschaft von Henriette Paalzow, geb. Wach, die damals noch nicht als Schriftstellerin aufgetreten war, viel anspruchslose Liebenswürdigkeit besaß, und bis an ihr Lebensende mit Elisen befreundet blieb; hier begegnete sie zuerst der edlen, feinen, liebevollen Adele von A. und ihrem Gatten, die sie sehr lieb gewannen; Adele, eine durchaus weibliche und sinnige Natur, wurde bald ihre Herzensfreundin; hier wurde der Consistorialrath und Schulrath Friedrich Kohlrausch, dessen deutsche Geschichte damals alle Gemüther erfreute, ihr Freund; auch mit Wilhelmine von G. trat sie in lebhafte Beziehung. Eine alte Freifrau von Aachen, die sich in Malerei, Dichtkunst und Musik versuchte, und mit dem damaligen Kronprinzen Ludwig von Baiern, den sie in Italien kennen gelernt hatte, im Briefwechsel stand, wurde zuweilen mit in den Kreis gezogen, so wie einige Offiziere, die Bildung und höheren Sinn besaßen. Hier auch lernte Elisa den würdigen Oberconsistorialrath Anton Möller kennen, der ihr besonders theuer wurde, und dessen segensreiche Wirksamkeit als anregender und begeisternder Universitätslehrer, als Schriftsteller und Prediger vorzüglich in Münster, wo er so lange gelebt, in Aller Andenken steht.

Eine so eigenthümliche Erscheinung wie Möller, dürfte selten zu finden sein; damals war er schon in den Fünfzigen, aber vereinigte jugendliche Frische mit einem enthusiastischen Gemüthe. Er war ein eifriger Anhänger der Kantischen Philosophie, liebte feurig das classische Alterthum der Griechen und Römer, die er häufig zu citiren pflegte, las Goethe mit Entzücken, und mit einer Vorurtheilslosigkeit, welche einem geistlichen Herrn doppelt hoch anzurechnen ist; an der Natur, der Musik, den schönen Künsten hatte er die innigste, reinste Freude; er war ein durch und durch edler Mensch, sein ganzes Wesen war von Poesie durchglüht; eine seltene Gabe der Beredtsamkeit, die dem lebhaften Manne fortwährend von den Lippen strömte, verlieh nicht nur seinen Vorträgen, sondern auch seiner Unterhaltung eine fortreißende Gewalt. Ohne alle priesterliche Salbung war er immer menschlich offen, freien Sinnes, natürlich, anspruchslos wie ein Kind, und verbarg nie seine warme Freude an der Schönheit dieser Welt. Eine Schilderung von ihm, die im »Westphälischen Merkur« erschien, beschreibt ihn folgendermaßen: »Von Charakter war Möller ein echter deutscher Mann, und wie gediegen auch sein Geist, so war doch auch sein Gemüth nicht minder tief und zart. Seine äußere Erscheinung war stattlich, freundlich und ehrwürdig. Seine hohe, gewölbte Stirn verrieth sofort den Denker, seine Lippen umschwebten Anmuth und Heiterkeit; seine ganze Persönlichkeit war liebenswürdig und herzgewinnend, und gewährte den Eindruck eines im Dienste der Ideen ergrauten Lebens. Zeigte er schon ein rein menschliches Wohlwollen und eine aus dem Herzen kommende Freundlichkeit gegen Jedermann, so war insbesondere seine Freundschaft ihm selbst ein Seelenbedürfniß – hingebend und treu, und für Geist und Gemüth gleich genußreich. Die Gesellschaft, welche er angenehm zu unterhalten und zu beleben wußte, liebte und suchte er, besonders solche erlesenere Kreise, wo der Geist den Vorsitz führt, und war in ihnen gern gesehen, bis in seine letzten Tage.« –

In Münster sind noch viele Charakterzüge und kleine Anekdoten von dem seltsamen Manne aufbewahrt. Als er einmal bei einem Festmahl einen begeisterten Toast ausbrachte, lehnte er sich in seiner Lebhaftigkeit etwas zu weit zurück, so daß er das Gleichgewicht verlor, und mit sammt seinem Stuhl hinten über auf die Erde fiel; dadurch ließ er sich aber in seiner feurigen Beredtsamkeit nicht stören, und erst als er seinen langen Vortrag ganz beendet hatte, richtete er sich vom Boden auf. – Schon früh zum Wittwer geworden, lebte er lange für sich allein, aber so sehr in seine Studien und Gedanken vertieft, daß er seiner Umgebung wenig achtete. Als später seine würdige Freundin, die alte, vortreffliche Christiane Engels zu ihm zog, um seine Wirthschaft zu führen, fand sie nicht nur, daß er von seinen Leuten um beträchtliche Summen bestohlen worden war, sondern auch, daß in seiner großen, wüsten Wohnung sich Ratten vollauf, groß wie junge Katzen, umhertrieben, die Abends oft drei, vier zugleich, in Gegenwart der Mägde auf den Tisch sprangen, und den Talg von den Leuchtern fraßen. Hatte Möller dies alles nicht bemerkt, so bemerkte er doch das neue Behagen im Hause und den neu geordneten Garten, und dankte der Freundin ihre Fürsorge. – Wie Möller Besuchsreisen zu seinen verheiratheten Kindern machte, geschah es zweimal, daß er nahe daran war, ihnen das Haus anzustecken, da er in seiner Zerstreutheit vergessen hatte, Abends sein Licht auszulöschen; es fehlte wenig, daß in solcher Weise das Feuer, welches er in seinem Gemüthe trug, oben zum Dach herausgeschlagen wäre! –

Für Elisen faßte Möller eine schwärmerische Zuneigung, wie die Briefe beweisen mögen, welche wir von ihm im Anhang mittheilen, da sie, wie wir glauben, von ihm so wie von Elisen ein lebhaftes Bild geben, denn es ist eigenthümlich, daß man diese weit mehr aus den von ihren Freunden an sie gerichteten Briefen, in denen sich der Eindruck, den sie hervorbrachte, abspiegelt, kennen lernt, als aus ihren eigenen Aufzeichnungen und Briefen, die zwar sehr fein und anmuthig sind, aber doch nur einige Seiten ihres Wesens wiedergeben. Sie brauchte darin nie eine leere Phrase, jedes Wort war beseelt, innig, und ihr aus dem Herzen kommend, und entzückte wohl den Empfänger, der sie kannte, und gewissermaßen den Duft ihrer Seele darin empfing, aber die ganze Bedeutsamkeit und Tiefe ihres Innern war daraus nicht wahrzunehmen. Auch in ihrer Art zu sprechen, konnte sie leicht von Andern, selbst von solchen, die geistig weit unter ihr standen, überglänzt werden, denn sie besaß keine Beredtsamkeit, wie zum Beispiel der edle Möller, und wenn sie sich auch wohl graziös und artig auszudrücken wußte, so war dies doch nicht das Hervorstechendste an ihr.

Dagegen konnte sie nicht übertroffen werden an seltenem Schönheitssinn, an Tiefe, Feinheit und Schärfe der Auffassung. Es lag ein Zauber darin, sich mit ihr über Lebensverhältnisse und über Gegenstände der Kunst und Literatur zu unterhalten, weil sie mächtig von allem Schönen ergriffen wurde, und es, wie mit seinen Fühlfäden begabt, überall herausfand; eine edle Regung in einem Menschen, eine bedeutende Idee in einer Dichtung, eine Schönheit in einem Kunstwerk entgingen ihrem Auge nie; sie hatte wie einen sechsten Sinn dafür. Darum war ihr Beifall und ihr Umgang vielen Dichtern und Schriftstellern so unschätzbar, weil sich in Einem Kopfnicken, in Einem zustimmenden Lächeln, in Einem leise hingeworfenen Worte Elisens mehr Verständniß und mehr tiefes Eingehen aussprach, als in mancher geistreichen und wohlgesetzten Rede eines Andern. So sehr wie alles Hohe, Edle und Poetische sie anzog, so sehr war ihr alles Rohe und Gemeine in tiefster Seele zuwider; wenn sie gegen ein Buch, oder einen Menschen ihre Abneigung erklärte, so konnte man sicher sein, daß etwas Unschönes oder Geringes an ihm war. Ihr Urtheil war im Ganzen sehr milde, aber durchaus fest und entschieden; sie ließ sich nie durch fremden Einfluß bestimmen, sondern schöpfte es nur aus ihrem eigenen Geiste und eigenen Gefühl. Eine Dichtung würdigte sie nur als solche, allein vom ästhetischen Standpunkt aus, ohne sich je durch Partheirücksichten dabei beschränken zu lassen. Auf ihre ganze Umgebung wirkte sie so mächtig, daß Jeder, durch sie angefeuert, seine edelsten Seiten herauskehrte, und was von Geist und Talent noch als verschlossene Knospe geruht hatte, ihr gegenüber zur schönsten Blüthe sich entfaltete.

Hiermit glauben wir einigermaßen angedeutet zu haben, wie sehr Elisa befähigt war, der Mittelpunkt einer anregenden und reizvollen Geselligkeit zu sein, ein Talent, das leider immer seltener wird, und beinahe zu verschwinden droht. Sie liebte es, daß man bei ihr vorlas, und dann über das Mitgetheilte seine Gedanken austauschte. Wir nehmen aus dem Briefe einer ihrer Freundinnen die folgende Schilderung jener schönen Abende bei Elisen. »Es bestanden damals Abendcirkel bei der geliebten Elise, an denen sie uns viel, wenn ich nicht sagen will, fast immer Theil nehmen ließ. Es wurde dann vorgelesen, auch mit vertheilten Rollen, wie namentlich »Tasso,« zu dem sie auch uns welche zutheilte. Dabei waren Henriette Paalzow, dann eine würdige, alte, geistreiche Dame, Frau von Aachen, der alte Consistorialrath Möller, zwei Offiziere, Lieutenant Hoffmann und Lieutenant Rördantz, und noch einige Andere, so wie überhaupt dieser Cirkel kein streng abgeschlossener war, und Lützow, so wie noch mehrere ganz heterogene Elemente, den Thee mit dabei tranken, und darauf in abgesonderter Unterhaltung und abgerücktem Platze den Abend auf ihre Weise auch da verlebten. – Sie, die liebliche Sylphe, mit den treuen, blauen Augen, den blonden, klaren Locken, den zarten, durchsichtig weißen, feinen Händen, war die Seele der kleinen Versammlung, und wenn wir uns spät von ihr trennten, und bei Sternenhimmel und Mondenschein der kleine Schwarm heimzog, so war es immer noch in Begeisterung und im Nachhall der schönen Stunden, die wir bei ihr zugebracht, was Eins vom Andern hörte, bis wir uns allgemach auf dem Heimwege von einander abgetrennt hatten. Das war eine liebe, unvergeßliche Zeit!« –

Ein seltsames Mißverständniß war es, daß, als im März 1819 Kotzebue von dem Studenten Sand ermordet worden war, ein ganzer Zug von Münsteranern, die freilich nicht zum nächsten Umgang Elisens gehörten, zu ihr kam, um ihr, die sie an allen Dichtern ein so lebhaftes Interesse nähme, wegen dieses Ereignisses ihr Beileid zu bezeigen. Elisa mußte lächeln, denn grade, weil sie die echten Dichter liebte, war ihr der rohe und gemeine Kotzebue immer zuwider gewesen! –

Im Frühjahr 1819 verließ Adele von A. mit ihrem Gatten Münster, um es gegen Königsberg zu vertauschen. Elisa trat nun mit ihr in eifrigen Briefwechsel, wie sie überhaupt mit allen ihren entfernten Freunden in beständiger Beziehung blieb. Sie vermißte Adelens vertraute Nähe; doch sollte bald darauf eine andere Erscheinung in jenen Kreis voll Empfänglichkeit für alles Schöne und Gute, voll Geist und Leben treten, und dieser schönen Geselligkeit einen neuen Reiz geben; es war dies ein junger Dichter in der ersten Frühlingsfrische seines Daseins, sich des Genius noch kaum ganz bewußt, der eben erst in ihm seine Schwingen zu regen begann. Karl Immermann, geboren 1796 zu Magdeburg, war, nachdem er bei Belle-Alliance den Kampf für das Vaterland mitgekämpft, 1817 in den Staatsdienst getreten, und nachdem er bis 1819 als Referendar in Magdeburg und Groß-Aschersleben gearbeitet, als Auditeur nach Münster versetzt worden.

Der erste Anlaß der Bekanntschaft war ein geschäftlicher. Bei den verwirrten Vermögensverhältnissen des Grafen Friedrich, erhielt Elisa weder ihr mütterliches Erbtheil, noch die ihr von ihrem Vater verheißenen Einkünfte ausgezahlt, und in diesen widrigen Angelegenheiten, die sich jahrelang schon hingezogen hatten, bedurfte Elisa des Raths und der Hülfe eines Rechtskundigen. Der junge Auditeur schien hiezu vorzüglich geeignet, und wurde ihr zugeführt.

Gleich bei dem ersten Besuche war dieser von der neuen Erscheinung, die sich ihm in der reizenden Dame zeigte, wie geblendet und berauscht. Er hatte bisher in ziemlich engen und beschränkten Verhältnissen gelebt, nie war ihm eine Frau vorgekommen, die auch nur entfernt an diese heranreichte. Alle die Eigenschaften, welche wir an ihr geschildert, mußten ihn unwiderstehlich zu ihr hinziehen; er glaubte das Ideal seiner Träume verwirklicht zu sehen. Nie hat Tasso mit mehr Bewunderung und Liebe zu der Prinzessin von Este aufgeblickt, als Karl Immermann zu Elisen. Dieser Vergleich liegt uns um so näher, da Elisens Freunde sie häufig der edlen Leonore ähnlich fanden; sie hatte dieselbe feine, vornehme Seele, den milden Ernst, die mondscheinartige Schwermuth, die sanftglühende Innigkeit wie jene, und die Hoheit ihres Wesens gebot zugleich Scheu, indem sie anzog.

Immermann hatte wohl schon auf der Universität seine ersten dichterischen Versuche gemacht, aber hier in Münster erst, in so begeisternder und fördernder Nähe, erwachte in ihm mächtig die Lust zum dichterischen Schaffen, und in rascher Folge entstanden in den vier Jahren, welche er in Münster zubrachte, unter den Augen Elisens die Gedichte »Jung Osrik« und »das Requiem,« das Lustspiel »die Prinzen von Syracus,« die Trauerspiele »das Thal von Ronceval,« »Edwin,« »Petrarca,« eine Sammlung Gedichte und der viel zu wenig bekannt gewordene Roman »die Papierfenster eines Eremiten,« in dem die Seelenzustände eines feurigen, jungen Herzens mit großer Wahrheit geschildert sind. Dann dichtete er das Trauerspiel »König Periander und sein Haus,« das Lustspiel »das Auge der Liebe« und endlich die feine und geistvolle Novelle, »der neue Pygmalion.«

Er selbst war nicht weniger als seine Freunde erstaunt über diese plötzliche Productionskraft, die wie ein neues Glück über ihn gekommen war; in zarten, lyrischen Ergüssen, die er niemand zu zeigen wagte, feierte er diejenige, welche durch ihre Anregung all diesen Reichthum in ihm geweckt hatte, und in seine entzückte Dankbarkeit mischte sich der Schmerz, daß sie ihm so unerreichbar fern stand, noch ferner als Tasso'n Leonore.

Elisa genoß mit reiner Freude diesen Verkehr mit einem jugendlich strebsamen Geiste, der sich so schön entfaltete. Ihre Gesellschaftsabende nahmen einen noch lebhafteren Aufschwung als zuvor; oft las Immermann dort mit seiner kräftigen, wohltönenden Stimme aus Goethe, Kleist, Shakespear und Calderon vor, und fesselte durch seinen ausdrucksvollen Vortrag; dazwischen las er seine eigenen Werke, in denen er die Empfindungen seines Herzens frei ausströmen ließ; die Gespräche, welche sich daran knüpften, waren für den jungen Dichter von unbeschreiblichem Werth, und besonders Elisens Urtheil entscheidend für ihn. Seine glänzenden Gaben kamen hier zur schönsten Geltung; eine eigenthümliche Mischung von scharfem Verstand und lebhafter Phantasie, eine liebenswürdige Erregtheit, gaben seiner Persönlichkeit etwas ungemein Gewinnendes.

Adolf Stahr, in seiner vortrefflichen Biographie Immermann's, schildert uns den Dichter, wie er ihn gesehen, als er bereits in den Vierzigen war, von mittler Größe, aber stark und kräftig gebaut, eine gedrungene, antike, römische Gestalt mit breiter Brust und starken Schultern, wie einer der alten Imperatoren. »Eine breite, hohe majestätische Stirn,« sagt Stahr weiter, »von dem starken, dunkeln, schon hier und da in's Graue neigenden, schlichten Haare mäßig beschattet, spiegelte eine gehaltene Hoheit und Ruhe, welche durch die kräftig geschlossenen Lippen und das scharf und tief blickende Auge zu dem Charakter strengen Ernstes und fester Entschlossenheit gesteigert wurde.« Damals jedoch, wo Elisa Immermann kennen lernte, war er dreiundzwanzig Jahre, schlank und jugendfrisch, ein poetischer Schmelz verklärte seine Züge, und aus den dunkeln, herrlichen Augen strahlte Geist und Leben.

In dem Freundeskreis, der Elisen umgab, mußte sie umsomehr Trost suchen, da die Betrachtung der allgemeinen Zustände wenig Erfreuliches hatte. Man mußte sich eingestehen, daß die Hoffnungen, welche man auf den Befreiungskrieg gesetzt, nicht in Erfüllung gegangen waren, dem Aufschwung war eine Erschlaffung gefolgt, die verheißenen Freiheiten nicht gewährt worden; die Lützower besonders waren unzufrieden, und hatten Ursache es zu sein, da man sie eher zurücksetzte, als nach Verdienst anerkannte. – Lützow war oft verstimmt, und fühlte sich gekränkt, Friedrich von Petersdorff, den die Gegenwart so wenig befriedigte, daß sein sehnlichster Wunsch dahin ging, sich einmal mit seiner Familie in die tiefste Stille auf's Land zurückziehen zu können, schrieb aus Memel klagend an Elisen: »Seit Friesen nicht mehr ist, sind Sie die Einzige, mit der ich die alten Zeiten mit den neuen vergleichen kann. Das Ideal, das uns damals vorschwebte, worauf wir mit graden Schritten loszugehn glaubten, das wir zu erreichen gewiß hoffen konnten, ist nicht allein weit entfernter von uns, sondern sogar jede Hoffnung es zu erreichen verschwunden. – Meine Idee von der Menschheit Glück ist noch dieselbe wie damals in Breslau, wo die Unterhaltung mit Ihnen darüber mir viele herrliche Stunden bereitete, doch bald nachher, noch in den ersten sechs Monaten, fand ich, daß meine Idee nur Wenige ansprach, und ich zog mich in mich selbst zurück, und ließ geschehn was ich nicht ändern konnte, ohne weiter Theil zu nehmen an dem, was geschah. – Wenn wir uns zu Zeiten einige Stunden sprechen könnten, dann wäre ich ganz glücklich, Elisa! Denn das ist, was mir hier ganz fehlt, ein Freund oder eine Freundin aus jener Zeit der glücklichen Ideenwelt. Die Zeit ist nun ganz vorüber, der schimmernde Stern verlosch schnell, so sehr schnell und bald, daß er nur ein schönes Traumgesicht gewesen, aber Sie, theuerste Elisa, sahen mit mir den Stern hell leuchten, und seine Strahlen werden unsre Herzen bis in den Tod erwärmen.« –

Elisa fühlte mit dem Freunde, daß die damaligen Zeiten verklungen waren, hatte aber doch wirksame Worte des Trostes für ihn, auf die er erwiederte: »Ihre Freundschaft macht mich unendlich glücklich, sie giebt meinem Leben einen goldenen Schein der freudigsten Phantasie, durch den ich immer in jenen Zeiten erhalten werde, wo die Hoffnungen zur Erreichung einer allgemeinen Beglückung uns beseligten. Durch das Andenken an jene Zeit, in welcher mir Ihre Freundschaft zuerst zu Theil wurde, schwindet die allgemeine Gegenwart, und jeder Brief von Ihnen überzeugt mich, daß, obgleich werthlos für's Allgemeine jene Zeit hinabgesunken, ist mir doch ein köstlicher Juwel – Ihre Freundschaft geblieben. Manchmal scheint es mir, als hätte ich in voriger Zeit geträumt, dann denke ich an Sie, an die hohe Begeisterung, die sich in Ihnen aussprach, und ich fühle mich wieder in die Wirklichkeit versetzt, die Ueberzeugung gewinnt neue Stärke in mir, daß, wenn ich es auch nicht erlebe, doch einmal gewiß die Zeit der Wahrheit kommen wird. Ihr Blick strahlte diese Zuversicht in mein Herz, die unveränderliche Verehrung für Sie wird sie mir bis an das Ende meines Lebens erhalten!« –

Von allen Seiten trafen Elisen in jener Zeit betrübende Eindrücke. Von ihrem Vater erhielt sie nur wenig Nachrichten; er war ihr um so mehr entfremdet worden, als er sich schon vor längerer Zeit mit einer Frau verheirathet hatte, die an Stand, Alter und Erziehung sehr verschieden von ihm und wenig seiner würdig war. – Lützow's Bruder Wilhelm verlobte sich Ende 1819, und Elisa konnte sich dabei einer stillen Wehmuth nicht erwehren, weil sie richtig vorausfühlte, daß die künftige Gattin für den Schwager wenig passen, und ihn schwerlich befriedigen würde; doch konnte sie damals noch nicht ahnen, daß jene dazu bestimmt war, später ihre eigene Stelle einzunehmen! –

Im Jahre 1820 trafen von Johanna Motherby beunruhigende Briefe ein; die leidenschaftliche Frau hatte ihren Gatten und ihre beiden Kinder verlassen, um dem jungen Arzte Johann Friedrich Dieffenbach nachzureisen, von dessen eigenthümlich gewinnender Persönlichkeit sie in dem Grade bezaubert war, daß sie glaubte, nicht ohne ihn leben zu können. Viele ihrer Freunde wandten sich in Mißbilligung und Tadel von ihr ab, Elisa aber, die ganz andere Begriffe von Freundschaft hatte, bewahrte ihr nur um so treuer ihre Anhänglichkeit, und erwies sich ihr um so eifriger hülfreich und antheilvoll, da sie die Arme bedauerte, und dabei fürchten mußte, daß das neue Verhältniß ein unglückliches Ende nehmen würde.

Ein Vetter Elisens aus Dänemark kam zum Besuch zu ihr, um sich in ihrer Nähe Trost und Zerstreuung zu suchen gegen häusliche Verdrüsse, da er im Begriff war, sich von seiner Frau scheiden zu lassen. Auch Henriette Paalzow lebte in sehr unglücklicher Ehe.

So sah Elisa, Adele von A. ausgenommen, die in sehr beglückenden Verhältnissen lebte, rings um sich her lauter unglückliche Ehen! –

Eine Reise, die sie mit Lützow an den Rhein machte, dessen poetische Ufer sie sehr liebte, gab einige angenehme Zerstreuung.

Im Herbst dieses Jahres bezog sie mit Lützow das Wittig'sche Haus in Münster, ein ehemaliges Kloster, welches jetzt zur Dienstwohnung eingerichtet war. Die äußeren Mauern des alterthümlichen Gebäudes waren mit Statuen von Heiligen und anderer Schnitzarbeit verziert. Die inneren Räume sahen ernst und feierlich aus; die hohen Fenster, die mächtigen Flügelthüren hatten etwas Schloßartiges; Elisa erschien darin wie eine Ritterdame aus der alten Zeit. Sie besaß ein besonderes Talent, sich ihre Zimmer mit Sinn und Geschmack auszuschmücken. Man glaubte in eine schönere Welt zu gelangen, sicher in eine, in der ein guter Genius waltete, wenn man ihre Wohnung betrat. Dort lebte sie unter Blumen, Büsten, Büchern und Bildern, umgeben von ihren Vögeln und Hunden, unter denen der große, schöne Hector, vom Schlachtfeld von Belle-Alliance, eine Hauptperson war, meist entweder an ihrem Schreibtisch oder dem Stickrahmen beschäftigt, oder auch lesend. Die holde Freundlichkeit, mit der sie jeden Besucher empfing, hatte darum etwas so Herzgewinnendes, weil sie aus dem Herzen kam.

Einen zu ihrer Wohnung gehörenden Garten besorgte Elisa selbst wie eine Gärtnerin, und die Blumen und Gesträuche gediehen auf das schönste unter ihrer Pflege; eine schattige Weinlaube vereinigte oft den Freundeskreis, der sie umgab. Immermann erschien auch oft allein, da Elisa, die des Englischen sehr kundig war, ihm in dieser Sprache Unterricht ertheilte; in artigen, englischen Billetten schalt sie ihn aus, wenn er nicht fleißig genug war, und er entgegnete ihr darauf in scherzhaften englischen Gedichten. Ein deutsches Gedicht Immermann's aus jener Zeit an Elisen theilen wir mit, das, am Todestage ihrer Mutter verfaßt, sie in zarter Weise über diesen Verlust zu trösten sucht. Es lautet:

Die Blumen an eine trauernde Tochter, am 30. März.
Der fromme Schmerz zieht seine Nebelschleier
Vor Deiner Augen himmelvolle Sterne,
Ach, einer theuren Todten gilt die Feier,
Die Wehmuth naht, Du hegst die Wehmuth gerne,
Nun lichtet sich der Blick, nun wird er freier,
Es dringet Sehnsucht in die weitste Ferne –
Allein ermattet sinkt die Seele wieder
Auf jenem öden dunkeln Grabe nieder.
Da treibt es uns, von unten aufzubringen
Uns selbst zu Dir, und Trost zu Deinem Leid!
Wir möchten Dir zu Brust und Herzen dringen
Mit tiefster Treue ganzer Innigkeit!
Uns hat ein Gott in seiner Liebe Ringen
Zu frohen Boten immerdar geweiht:
Daß Leben schlägt und glüht an jedem Orte,
Und daß der Tod ein Wort, wie andre Worte.
Denn lagen wir nicht dürftig eingefaltet
Und stumm und bang in unserm kleinen Grabe?
Denn waren wir nicht ganz und gar erkaltet,
Vom feuchten Frost in unserm schaur'gen Grabe?
Hat nicht das Schweigen räthselvoll gewaltet
Auch über uns, auch über unserm Grabe?
Nun sieh, wie dennoch Wärm' und Licht verbündet,
Zu Farb' und Duft uns wunderbar entzündet!
Und Farb' und Duft, sie wünschen auszusagen
Die eine unbegreiflich hohe Kunde!
Doch weil das Siegel unsre Lippen tragen,
Küßt Ahnung nur sie still von Blumenmunde,
Die Welt hat keine Zeit zu Schmerz und Klagen,
Der reichste Segen keimt aus schwerster Wunde.
Wir täuschen nicht! Das ist nicht eitel Wähnen!
Die Mutter trocknet Dir durch und die Thränen.

Auch die folgenden Verse Immermann's gehören hierher:

Nicht immer füllen
Die schwebenden Horen
Den Becher der Freude
Mit frischem Wein!
Dann geh zum Born
Der heil'gen Erinnrung
Und trinke Dir Muth
Für heut' und morgen!

Im Herbst 1821 reiste Elisa mit Lützow nach Berlin, wo sie alte Freunde und Bekannte wiedersahen. Im Anfang des folgenden Jahres kam Johanna Motherby nach Münster, und ihr scharfer Blick entdeckte bald die heftige Neigung Immermann's, die er bisher möglichst zu verbergen gesucht hatte, und die Elisa noch nicht in ihrem ganzen Umfang ahnte. Hier wären zwei Menschen, die für einander bestimmt seien, äußerte Johanna in ihrer lebhaften Weise, und beklagte, daß die Verhältnisse sie trennten. Sie selbst war damals von den leidenschaftlichsten Empfindungen zerrissen, die durch die Trennung von ihren Kindern, und die mancherlei Hindernisse, welche ihrer Verbindung mit Dieffenbach noch im Wege standen, veranlaßt wurden.

Lützow's Ernennung zum General, die im Jahre 1822 erfolgte, brachte in Elisens Verhältnissen keine Veränderung hervor.

Wir haben schon früher erwähnt, daß die Charaktere von Lützow und Elisen eigentlich wenig zu einander paßten, doch hatte letztere immer in dem Gedanken Beruhigung gefunden, daß sie an ihm einen treuen Freund besäße, der ihr von ganzem Herzen ergeben sei. Um so mehr wurde sie betroffen, als Lützow eines Tages mit einem alten Kriegskameraden plaudernd im Garten saß und in ihrer Gegenwart darauf die Rede kam, daß Lützow, der anwesende Freund und noch zwei andre Offiziere sich als junge Leute verabredet hatten, sie wollten alle darauf ausgehen, reiche Frauen zu heirathen. Es wurde davon ganz offenherzig und in etwas derben Scherzreden gesprochen und zugleich erwähnt, daß keiner von den Vieren sein Ziel erreicht habe, denn zwei blieben unvermählt, und die andern beiden waren in ihren Erwartungen getäuscht worden, indem sie mit ihren Gattinnen nicht so bedeutendes Vermögen erhielten, als sie vermutheten. Zu diesen Letzteren gehörte auch Lützow, da ja Elisen das ihr gebührende Vermögen vorenthalten war.

Wie ein Stich in's Herz traf sie diese Entdeckung! Daß solche Motive bei Lützow's Bewerbungen mitgewirkt, wie hätte sie das je ahnen können! Und hier hörte sie von ihm selbst dieses Geständniß, ohne Rückhalt, wie einen lustigen Spaß, der niemand verletzen könne! – Welche andre Illusionen hatte sie gehegt, als sie bei ihrem Vater so treu und beständig diese Verbindung durchgesetzt! So jung, so schön, so liebenswürdig und begabt, und doch um des Geldes willen geheirathet! – Eine so schmerzliche Täuschung war schwer zu überwinden. –

Wir würden Lützow Unrecht thun, wenn wir glauben wollten, daß nur ein solcher Beweggrund ihn hätte Elisen erwählen lassen, gewiß erkannte er ihre edlen Eigenschaften, aber schlimm genug blieb es immer, daß ihr Reichthum eine so große Rolle dabei gespielt. Johanna Motherby und Adele von A. scheinen die Einzigen gewesen zu sein, denen Elisa ihr Leid anvertraute. Tröstend schrieb ihr die Letztere, den 16. November 1822: »Wehre dem Trübsinn! Fühlst Du es nicht, wie Dein eigentliches Sein und Wesen gewiß nur beglückt und darüber jegliches andere Gut, das doch nur der bloßen Existenz wegen zu berücksichtigen bleibt, gänzlich davon abfallen muß. Traute Elise, sei doch froh! – In Dir liegt ein reicher Schatz, Du hast der köstlichen Gaben so viele – und Du beglückst!« –

Im Sommer 1823 machte Elisa mit Lützow eine Reise nach Bremen, bei welcher Gelegenheit sie ihre alte Erzieherin wiedersah; diese wohnte seit längerer Zeit in Hamburg und war ihrem geliebten Zögling bis nach Rothenburg entgegen geeilt. Wie sehr Marianne Philipi Elisen schätzte, geht unter anderem aus der folgenden Briefstelle hervor: »Auch Du, meine gute, fromme, sanfte Elisa, kannst hoffnungs- und vertrauungsvoll in die Zukunft blicken, denn Du hast viel geliebt, viel gelitten, viel geduldet. Das Geschick, indem es meine Kindheit und Jugend durch rauhe Wege führte, verfuhr ernst mit mir, wodurch sich jedoch manches in meinem Innern glücklicher für mich entwickeln mußte. Wenn die Vorsehung aus uns unbegreiflichen Absichten einen andern Weg mit Dir ging, wer darf sich erkühnen, sie zu tadeln? Auf den Händen der Liebe in Deiner Kindheit getragen, von den Menschen und dem Glück geliebkoset, verzärtelt, Dir unbewußt von tausend Gefahren umringt, mußte das Leben eine ganz andre Gestalt gewinnen, die Täuschungen des schönen Frühlingsalters Dir erst später entschwinden. Setze mich in Deine so vortheilhaft scheinende Lage, ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, aber gewiß keine sanft duldende, genügsame Elisa.« –

Das Jahr 1824 brachte nur düstre und verhängnißvolle Ereignisse. Elisens Vater, welcher trotz aller Bedrängniß seiner Vermögensangelegenheiten sein vergnügungssüchtiges Leben unverändert fortsetzte, war bei einer Gesellschaft, die er am Geburtstage des Königs von Dänemark bei sich vereinigt hatte, von einem Nervenschlag betroffen worden, und man mußte ihn bewußtlos von der Tafel forttragen; er erholte sich zwar wieder, jedoch sehr langsam. Von seiner zweiten Gattin hatte er sich bereits wieder getrennt.

Nun war auch der Zeitpunkt gekommen, wo Immermann Münster verlassen mußte, da er als Kriminalrichter nach seiner Vaterstadt versetzt wurde. Mit schwerem Herzen schied er aus Elisens Nähe, gegen die ihm das prosaische Magdeburg einen traurigen Contrast bieten mußte. Er sollte von dort aus einen Theil von Elisens dänischen Vermögensangelegenheiten weiter führen, außerdem aber hatten sie ausgemacht, daß sie sich wöchentlich schreiben wollten, und sich alles Interessante mittheilen, was ihnen begegnete. Wir geben im Anhang Immermann's Briefe aus Magdeburg, die uns den Dichter in frischer Jugendlichkeit zeigen, und schon jene Lust an der Poesie und jene feine Beobachtung der Schauspielkunst bekunden, die er später so entschieden an den Tag legte. Außerdem tritt uns in diesen Briefen deutlich sein Verhältniß zu Elisa vor die Augen, eine zarte Neigung, welche niemals wagt, über die Gränzen eines freundschaftlichen Gedankenaustausches hinauszugehen.

Grade in jene Zeit, als dieser Briefwechsel zwischen Immermann und Elisen stattfand, fiel ein Ereigniß, welches letztere schmerzlich aufregte. Lützow, der leicht von unbedeutenden und koketten Frauen angezogen wurde, hatte die Bekanntschaft einer jungen reichen Dame gemacht, welche ihm außerordentlich gefiel, und deren Neigung er sich versichert zu haben glaubte; in seiner Schwäche und verliebten Verblendung ging er sogar so weit zu äußern, daß er hier ein Glück vor sich sähe, das ihm über alles werth sei.

Elisen war es nie in den Sinn gekommen, sich von ihrem Gatten zu trennen; trotz der bittern Enttäuschungen, die ihr durch ihn geworden, hielt sie das Band, welches sie an ihn knüpfte, für ein unauflösliches. Als sie aber seinen Wunsch vernahm, jene junge Dame heirathen zu können, erklärte sie sogleich, sie wolle seinem Glücke nicht entgegen sein, und sich von ihm scheiden lassen. Lützow war gerührt von solcher Großmuth und Entsagung, aber so sehr erfüllt von dem Reiz des neuen Verhältnisses, welches er vor sich sah, daß er Elisens Vorschlag annahm.

Kein hartes, leidenschaftliches Wort fiel zwischen den Gatten vor; es wurde alles mit äußerer Ruhe und Würde besprochen und überlegt; Lützow bat dringend, daß Elisa immer seine Freundin bleibe, daß sie einen fortwährenden Briefwechsel unterhalten möchten, daß sie ihm erlaube auch ferner, wie er es bisher gethan, sich um ihre Geschäfte in Dänemark zu bekümmern.

Elisa hatte keinen Augenblick geschwankt, Lützow seine Freiheit anzubieten, aber sie litt tief dabei, sie sah sich plötzlich verlassen und heimathlos, und so fest, wie ihr Entschluß stand, fortzugehen, so wußte sie doch noch nicht, wohin sie sich wenden sollte. Ihr Leid einstweilen still in sich verschließend, scheint sie es damals noch keinem ihrer Freunde mitgetheilt zu haben, und auch Immermann, ohne zu ahnen, was vorgegangen, schrieb ihr noch lange unbefangen und harmlos wie bisher. Erst als sie beschlossen hatte vorerst nach Dresden zu gehen, wo ihre Freundin Henriette Solger als Wittwe lebte, scheint sie ihm über diese Absicht und die Ursache derselben einige unbestimmte Andeutungen gemacht zu haben, wie aus seinen Briefen zu ersehen ist. Bald darauf gerieth Immermann durch die nähere Mittheilung von dem Schicksal der geliebten Freundin in die größte Aufregung; so sehr, wie er sie bedauerte, so hoffnungsvoll machte ihn zugleich der Gedanke, daß sie bald frei sein würde; er schrieb ihr voll Herzlichkeit, aber doch mit zarter Furcht, sie durch dringende Fragen zu verletzen.

Gegen die Mitte des Augusts reiste Elisa von Münster ab, nicht ohne Wehmuth einen Ort verlassend, an dem sie manche Freude, aber auch vielen Kummer erlebt hatte. In Dresden wollte sie außer Henriette Solger wenig Menschen sehen, da sie nach Einsamkeit und Stille verlangte; doch ließ sie sich von ihrer Freundin bei Ludwig Tieck einführen, wo er selbst sowohl als seine Familie und die Gräfin Finckenstein ihr auf das freundlichste entgegenkamen.

Wie sehr Lützow von Elisens Abreise erschüttert war, möge der folgende Brief beweisen, den er ihr von Münster den 26. August 1824 schrieb: »Meine ewig geliebte Elise! Glücklich – nein unglücklich bin ich hier angekommen, und habe freilich alles – nur Dich nicht gefunden. – Besonders vermißte ich die Dir lieben kleinen Gemälde von Solger, seiner Frau, Friesen und Wilhelm – da sie Dir theuer sind, haben sie für mich einen hohen Werth, und krampfhaft fahre ich zurück, wenn ich die leeren Plätze sehe. – Hector ist viel bei mir, und freute sich mehr, mich wiederzusehen, als er sonst zu thun pflegte, – er stieß mich mit der Schnauze und forderte Dich von mir. – Ein altes holsteinisches Schaustück, was ich zum Block an dem Tage unserer Hochzeit gebraucht, findet sich auch wieder vor und macht einen tiefen Eindruck auf mich. – Unser Platz im Garten ist beinah wie eine Laube zusammengewachsen, die Leute machen die Stege rein, und fast möchte ich böse werden und fragen für wen? – Neulich war ich bei G.'s in Loburg, es war Vogelschießen, ich erschien unerwartet und wurde ungewöhnlich freundlich aufgenommen; ich wollte in dieser Gesellschaft, die Dich so sehr liebt, auf Dein Wohl trinken, ich vermochte es aber nicht, denn Thränen würden mich erstickt haben; nur von der lustigen Stimmung der Gesellschaft konnte meine innere Bewegung unbemerkt bleiben. – Mein Urlaub nach Kopenhagen ist angekommen. Auf jeden Fall erwarte ich vor der Abreise noch ein Schreiben von Dir und schreibe noch einmal an Dich. Hast Du die Solger wohl gefunden, bist Du ein wenig froh? Sei es ja – und sei fest überzeugt, daß Dein Glück mein höchster Wunsch ist, und unter allen Umständen bleiben wird, sei offen und wahr gegen mich, ich werde es auch sein, denn es ist nun einmal meine Natur so zu sein. – Lebe ein wenig vergnügt und schreibe bald an Deinen Dich herzlich liebenden Mann Lützow.« –

Nachdem er seine Reise nach Kopenhagen, die er in ihren Angelegenheiten machte, beendet, schrieb er ihr aus Münster, den 26. Oktober 1824, nachstehende Zeilen, in denen sich bereits die Reue über sein Betragen lebhaft ausspricht: – »Schlüsser hat Immermann gesprochen; des ersteren Brief hat mich einigermaßen über Dein künftiges Schicksal beruhigt. – Deine Zufriedenheit wünsche ich von ganzem Herzen, diese zu befördern, ist mein höchster Wunsch, meine heiligste Pflicht; unendlich fühle ich, daß ich nicht immer so gehandelt habe, wie ich gesollt, aber die unglücklichen Geldverhältnisse am Anfang unserer Verbindung, Vaterlandsliebe und Ehrsucht zogen mich aus dem häuslichen Verhältniß störend in eine äußere Welt. – Mit Thränen bereue ich die Art und Weise, wie ich Dich von Aachen in Kleve eingeführt habe. Vergieb mir! – Nun noch eine Bitte; laß Dich von dem besten Maler in Dresden malen – es koste, was es wolle, mir ist kein Preis zu hoch – und schicke mir Dein Bild, Dein ewig unvergeßliches Bild! – Schlüsser wird Immermann in Magdeburg besuchen; ich erwarte ihn mit großer Bewegung. – Lebe wohl, glücklich, und gedenke Deines treuesten Freundes mit Güte und Freundschaft. Adolph.« –

Wie sehr das Andenken an Elisen Lützow ergriff, zeigt ein Schreiben von Wilhelmine von G. an Elisen, aus Loburg, den 29. Oktober 1824, die, noch nicht ahnend, daß Elisa von Münster für immer abgereist sei, sich folgendermaßen äußert: »Ehe Lützow wegreiste, theilte er uns immer mit, wie es Dir ging, er vermißte Dich unendlich, dies war aus allem zu merken, er war immer ganz ergriffen, wenn er von Dir sprach, so daß ich scheute nach Dir zu fragen, auch jetzt, als er nach Hamburg kam, war er ganz glücklich, von mir zu hören, daß Du wohl wärest, und er war kaum im Zimmer, als er fragte: »Was schreibt Elise? Ist sie vergnügt?« Ich konnte nicht unterlassen, ihm Deinen Brief vorzulesen; am Ende sagte er: »Nicht wahr, sie ist vergnügt und wohl?« Nun, Du kennst ja seine Art, wenn ihn etwas sehr interessirt; er war ganz weich und sprach immer über Dich mit vieler Liebe, ich hätte ihn dafür küssen können. Zwar zweifelte ich nie an seiner Liebe zu Dir, denn wer Dich kennt, muß Dich lieb haben, aber an Lützow sucht man so tiefe Empfindungen nicht, er gewinnt, je mehr man ihn sieht, er hat ein herrliches Gemüth, und bei mir hat er den Vogel abgeschossen, nun ich sehe, wie wahrhaft er Dich liebt und jetzt vermißt. Deine Gesundheit haben wir oft getrunken, und Lützow brachte sie immer aus.« –

Von Lützow's Gemüthsstimmung geben die folgenden, auf einer Dienstreise geschriebenen Zeilen ein deutliches Bild: »Meine herzlich geliebte, höchst seltene Elise! Mir geht es unter Pferden, Kuirassieren und Husaren viel besser als es sein sollte! – Nur selten schleiche ich fort, und Thränen müssen meinem zerrissenen Herzen in diesem Augenblick Luft machen. – Nicht was die Zukunft bringen wird, bekümmert mich, denn das fühle ich, daß Dein Glück möglichst zu befördern, meine heiligste Pflicht ist, – aber wie habe ich Dich schon gequält, wie quäle ich Dich noch in diesem Augenblick, – Deine zarte Gesundheit, wie habe ich sie nicht untergraben! – Schreibe mir doch ja mit der zurückkehrenden Ordonanz, wie Du Dich befindest, und tröste den, der ohne Ausnahme in dieser Welt Dein treuester Freund ist.« –

Unterdessen war die Scheidung der beiden Gatten eingeleitet, und ihre Trennung konnte nun niemand mehr ein Geheimniß bleiben; Freunde und Verwandte geriethen dadurch in Sorge und Bestürzung. Lützow's Schwester, die Gräfin Minona von Dohna-Wundlacken, schrieb im ersten Schrecken darüber, nicht an ihren Bruder, sondern an Elisen zu der sie ein unbegränztes Vertrauen hatte; ihr Brief aus Köslin, den 22. Dezbr. 1824, zeigt wie sehr sie die Schwägerin liebte und anerkannte. Es heißt darin: »Ich höre durch Briefe meiner Brüder, die ich eben empfange, Du seist noch in Dresden, es wäre auch möglich Du kämest nach Berlin. Zu gleicher Zeit giebt man mir Nachrichten von Gerüchten, welche mein Herz zerreißen, und mit innigem Schmerz und Betrübniß die Seele erfüllen. Ein dichter Schleier umhüllt noch das Ganze, nur mit banger Besorgniß bin ich befangen, ich bitte Dich um Gotteswillen, reiße mich aus dieser tödtlichen Ungewißheit; mein treuer Dohna theilt meinen Jammer, er bittet mit mir, Dich doch uns anzuvertrauen, und doch recht treu und wahr Dich gegen mich auszusprechen; Du weißt ja, meine theure, einzige Elisa, wie innig ich Dich liebe, schätze und verehre, Du weißt, daß ich nicht einseitig denke, Du weißt, wie ich Dein Verhältniß mit Adolph kenne, und wie ich es beurtheile – Du weißt, wie sehr wir Alle Deine Vorzüge und herrlichen Eigenschaften zu schätzen wissen, Du weißt, wie hoch ich Dich stelle, und wie ich Dein vorzügliches Benehmen gegen Adolph zu würdigen wußte. Ich weiß, daß Dir der Himmel in den Jahren Deiner Verbindung mit Adolph harte Prüfungen und ein schweres Loos auferlegte, mit Bewunderung sah ich, wie schön, zart, liebevoll und nachsichtig Du das Band hieltest, welches ich durch gegenseitiges Reiferwerden immer fester geknüpft glaubte; was kann Euch lieben Menschen bewegen, bestimmen, ein Band zu lösen, eben jetzt, wo, jemehr man in die Zukunft blickt, Ihr Euch immer mehr und mehr bedürfet? Ich bin trostlos über die Möglichkeit dieses Gedankens! Kleine Verirrungen, unbedeutende Mißverständnisse können doch nur die Veranlassung zu demselben gegeben haben! Ich bitte Dich himmelhoch, geliebte Elisa, überlege diesen wichtigen Schritt; könntest Du glücklich, ruhig und zufrieden werden? Gedenke doch der Zeit, wo Du Dich Deinem Manne mit so vieler Aufopferung hingegeben hast, wie Du ihn liebtest und bewundertest! Sollte der Arme nicht mehr derselbe sein? Sollte er Dich jetzt nicht mehr verdienen, Deiner nicht mehr würdig sein? Wolltest Du ihn verlassen, da Ihr endlich im Hafen der Ruhe seid, und so glücklich leben könnt? – Zwei so edle Naturen, so ausgezeichnet, und ich möchte sagen, doch für einander geschaffen! Geliebte, einzige Elisa, flehentlich bitte und beschwöre ich Dich, sag' mir ein tröstliches Wort, und gieb mir Klarheit. – Schreibe mir doch gleich, und halte Dich der treuesten, unwandelbarsten Gesinnungen überzeugt, mit welchen ich ewig bin und sein werde, Deine treue, Dich innig liebende Minona.« – Alle, welche in die näheren Verhältnisse eingeweiht waren, erkannten Elisens uneigennützige Handlungsweise und bedauerten sie, während sie Lützow's Benehmen mißbilligten. »Du hast edel gehandelt, meine Elisa,« schrieb ihre Jugendfreundin Fanny Harward, »und so wie ich es von Dir erwarten konnte. Du hast das größte Opfer gebracht, welches eine Frau bringen kann, Du hast alle Befriedigung und Dein ganzes häusliches Glück aufgegeben, um das Glück dessen zu sichern, der vierzehn Jahre der Gefährte aller Deiner Sorgen und Freuden war. Der große, uneigennützige Charakter meiner Elisa erscheint mir in einem noch höheren Glanze als bisher, während der von Lützow, ich kann es nicht läugnen, in meinen Augen gesunken ist. Es ist unbegreiflich, daß er ein solches Opfer annehmen, daß er sich entschließen konnte die Gattin seiner Jugendtage, die Erwählte seines Herzens freiwillig ihr Glück opfern zu lassen, um das seinige zu sichern. Wäre er noch in dem Alter jugendlicher Leidenschaften, so dürfte man ihn eher entschuldigen, aber er ist ein Mann, der mehr als vierzig Sommer dahinschwinden sah, und im Stande hätte sein müssen, eine Leidenschaft zu beherrschen, die so schnell eine schuldige wurde. Er hätte sich bestreben müssen, sie in ihrem Beginn zu ersticken, anstatt sein, Dein und ihr Glück auf's Spiel zu setzen.« –

Liest man die Briefe von Lützow, so wird man versöhnt durch seine Reue; er schrieb an Elisen aus Münster, den 24. Februar 1825: »Wenn ich lange nichts von Dir erfahre, wird mir immer so bange. – Eine Veränderung des Aufenthalts wünsche ich mir sehr, und denke sie zu erhalten. – Dein Glück ist mein einziger Wunsch, wenn ich weiß, daß Du es bist, habe ich meine Ruhe wieder, meine zerreißenden Gewissensbisse schweigen, denn ich bin zu wahr, um mich selbst zu betrügen. – Aus Mitleid gegen mich sei glücklich!« –

Adele von A., die liebevolle, zärtliche Freundin, schrieb Elisen aus Keimkallen, den 24. Februar 1825: »Ich hatte, wie Du es vermuthest, schon etwas von dem gehört, was Du mir nun selbst geschrieben. Mein Herz war mit großer Betrübniß erfüllt, und ich konnte es nicht glauben, was das Gerücht sagte – nun ist es dennoch wahr! – Ach, denke es doch nicht, Geliebte, daß dieser Schritt, den Du gethan, uns bewogen hätte, lieblos über Dich zu urtheilen. Auch nicht einen Augenblick! Wir kennen ja Dich, und Du hast gehandelt nach langen Kämpfen und bester Einsicht. – Mir ist es sehr wehmüthig, wenn ich daran gedenke, und die Versicherung, die Du mir giebst, daß Deinerseits kein anderer Grund ist, als der, den Du nennst, und den ich von ganzem Herzen ehre, giebt mir einen großen Trost, und eine rechte Freudigkeit. Du liebe Elise, wenn dies doch klar und deutlich der Welt vor Augen stehen könnte, was Dich bewogen – und Du verbietest es zu nennen! Ich erkenne darin Dein edles Herz. – Wie ist es denn mit Lützow, und ist er noch in Münster? Und glaubst Du, daß er hoffen darf, und es auch wirklich seine Absicht ist, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen?« –

Elisens Onkel, von Hedemann-Heespen, bat sie sogleich zu ihm auf sein Gut zu kommen, und ganz bei ihm zu leben. Zugleich schrieb er ihr bei dieser Gelegenheit aus Deutsch-Nienhof, den 1. März 1825: »Nicht leicht hätte eine traurige Nachricht mir unerwarteter kommen können, als wie die, die Du, meine beste Elisa, mir mitgetheilt hast. Auch nicht die entfernteste Ahnung habe ich von einem solchen Stand der Dinge zwischen Dir und Lützow gehabt. Wie wäre dies auch möglich gewesen, keinem Andern wie Dir selbst, würde ich es geglaubt haben. Noch immer kann ich den Gedanken nicht fassen, und mir als möglich denken. Ein Mann wie Lützow, der über die Jahre der Jugend hinaus ist, der nach allen seinen Aeußerungen ein so richtiges Gefühl von Ehre besitzt, der einen so Zutrauen einflößenden, offnen und biedern Charakter zu haben scheint, ein solcher Mann könnte eine solche unwiderstehliche Leidenschaft für eine Andere fassen, daß er seine Frau, die seine eigne Wahl ist, mit der er bereits vierzehn Jahre glücklich gelebt, die ihm keine Veranlassung zu Mißverhältnissen gegeben, ohne allen andern Grund verstoßen könnte, als um eine Leidenschaft zu befriedigen, der Welt auch solches ärgererregendes Schauspiel, als eine Ehescheidung ist, zu geben. Mit kaltem Blut könnte dieser Mann seine Frau, die er doch früher geliebt, unglücklich machen und wissen? Die ganze Sache ist mir wie ein unglücklicher Traum, von dem mir die Wirklichkeit ganz unmöglich scheint. Was hast Du gute, arme Seele, denn verbrochen, daß das Schicksal Dir so hart mitspielt, daß Du, die Du so viele Erwartungen von der Welt zu hegen berechtigt warst, nun isolirt und verlassen darin stehen sollst? Ich bedaure Dich von ganzem Herzen, meine beste, gute Elisa, und um so mehr, da Du nach Deinem Briefe Lützow noch zu lieben und zu achten scheinst. Hast Du, gute, liebe Seele, Dich nicht übereilt, indem Du ihm zu rasch seine Freiheit angeboten? Hätte ich nur irgend etwas der Art ahnen können, ich zweifle fast nicht, daß es mir geglückt wäre, Lützow hier zu bewegen, so daß alles wenigstens wieder in ein ruhiges Geleise gebracht wäre. Ist denn wirklich alles schon zu spät, und sind die Schritte, die zu Eurer Trennung geschehen, nicht wieder rückgängig zu machen?« –

Auch Lützow's Brüder fühlten sich gedrungen Elisen zu schreiben. Leo von Lützow's Brief aus Berlin, den 23. März 1825, lautet: »Die Nachricht, daß Sie, liebe Elisa, sich von Adolph zu trennen beabsichtigen, hat mich sehr erschüttert, und betrübt mich ernsthaft. Ueber dem Zusammenhang dieses Vorgangs liegt für mich noch ein solcher Schleier, daß ich ihn immer noch nicht zu beurtheilen vermag. Ich habe die Hoffnung gehegt, daß vielleicht augenblickliche Verstimmungen die Veranlassung wären, und daß sich noch alles wieder einrichten würde, und noch jetzt möchte ich diese Hoffnung noch nicht ganz aufgeben. Ich habe mich an Adolph gewendet, und um Aufschluß gebeten, seine Briefe sind voller Achtung und Herzlichkeit für Sie, liebe Elisa, aber ohne mir Klarheit zu gewähren. Ich gestehe, daß das Dunkel, welches über dieser Angelegenheit liegt, die Veranlassung gewesen ist, daß ich Ihnen bis jetzt nicht geschrieben habe, ich glaube es Ihnen aber schuldig zu sein, daß ich Ihnen endlich meinen herzlichen Antheil bezeige, und Sie bitte, von meiner Achtung und treuen Anhänglichkeit überzeugt zu sein. Meine Frau ist mit mir von der ganzen Sache innig ergriffen. Seien Sie überzeugt, daß Bertha und ich, daß wir beide für Sie immer recht wahrhaft freundschaftliche Gesinnungen gehabt haben, vielleicht mehr als Sie hin und wieder geglaubt haben, und seien Sie überzeugt, daß die gegenwärtige, traurige Verwicklung in unseren Gesinnungen nichts ändert. August wollte Ihnen schreiben, vielleicht haben Sie seinen Brief schon bekommen, von Wilhelm werden Sie Briefe gehabt haben. Welchen herzlichen Antheil Minona an dem ganzen Vorgang nimmt, und wie sehr Dohna diesen Antheil theilt, hat sie Ihnen selbst ausgesprochen. Daß Ihre Gesundheit gelitten haben muß, ist sehr natürlich; sehr wünsche ich, daß das herannahende Frühjahr vortheilhaft wirken möge. Ich bitte sehr, daß Sie mir sagen, welche Absichten Sie für die nächste Zukunft haben. Seien Sie überzeugt, daß wir uns sehr freuen werden, wenn Sie vielleicht nach Berlin kommen wollten, und daß wir Sie mit der alten Herzlichkeit aufnehmen werden.« –

August von Lützow schrieb Elisen aus Potsdam, den 27. März, 1825 die folgenden anerkennenden Zeilen: »Es ist mir Bedürfniß wenigstens in wenigen Worten mich über den von Ihnen und meinem Bruder gefaßten entscheidenden Entschluß, der von der ersten Zeit an, wo ich ihn in Erfahrung gebracht, ein sehr häufiger und sehr schmerzlicher Gegenstand meiner Gedanken gewesen ist, gegen Sie auszusprechen, indem bei der großen und gewiß von allen Mitgliedern der Familie anerkannten Schonung und Standhaftigkeit, mit welcher Sie von jeher manche Eigenthümlichkeit meines Bruders ertragen haben, und da Adolph uns ihr Andenken jetzt wiederholentlich auf das lebhafteste anempfohlen hat, meine Anhänglichkeit gegen Sie bei diesem betrübenden Ereigniß unverändert geblieben ist. Erlauben Sie mir daher Ihnen hierdurch meine innige Theilnahme über die Sie betroffenen Fügungen des Himmels zu bezeugen, und Sie zu ersuchen, mich ferner mit Ihrer Freundschaft beglücken zu wollen. – Höchst glücklich würde es mich machen, wenn ich je Gelegenheit haben sollte, Ihnen meinerseits Beweise der fortdauernden hohen Achtung, welche ich sowohl, als alle meine Geschwister stets für Sie hegen werden, geben zu können, und bitte ich Sie inständigst, es nicht zu verabsäumen, wenn Sie Ihrerseits dazu auf irgend eine Weise jemals Veranlassung geben können. – Mir von Ihrem ferneren Ergehen Nachricht zu verschaffen, werde ich gewiß jede Gelegenheit benutzen. Zum großen Trost würde es gewiß allen Mitgliedern der Familie gereichen, wenn Sie darüber von Zeit zu Zeit etwas an einen von uns Geschwistern mittheilen wollten, in so fern Sie sich nicht eben entschließen sollten, uns in der Nähe Ihren Wohnsitz aufzuschlagen, was uns gewiß allen sehr angenehm sein würde. – Ich sage Ihnen herzlich lebe wohl. Die Erinnerung an so viele Gegenstände der Vergangenheit und die Zukunft erregt mich in diesem Augenblicke zu lebhaft, als daß ich Ihnen mehr sagen könnte. Meine Frau, welche meine Gefühle ganz theilt, empfiehlt sich Ihnen auf das herzlichste.« –

Während die geschiedene Frau so von allen Seiten Beweise der Zuneigung und Achtung erhielt, bat Lützow Elisen ihn mit ihren Verwandten in gutem Einvernehmen zu erhalten. Als ihr Vetter August von Hedemann, der nachherige General, ihm nicht geantwortet hatte, schrieb Lützow Elisen aus Münster, den 31. März 1825: »August Hedemann hat mir nicht geantwortet; ich will mich nicht entschuldigen, ich thue es bei mir selbst nicht, ich bin nicht ganz schlecht – aber ein Mensch, und es ist unser Schicksal, daß die verschiedensten Gefühle uns peinigen. Ich erbitte mir von Deiner Güte seine Freundschaft zurück. – Ewig werde ich Deinen Werth fühlen, achtend anerkennen, kein Mißton regt sich in mir, nur die herzlichste Theilnahme, die unwandelbarste Freundschaft.« – Unterdessen fuhr Lützow fort, Elisens Geschäfte weiter zu führen, und zum Weihnachten und den Geburtstagen schickten sie sich regelmäßig einander Geschenke.