Im Laufe des Sommers reiste Elisa, um sich etwas zu erholen, da ihre Gesundheit sehr gelitten hatte, mit Fanny Harward, und einer befreundeten Familie von Dresden nach Ems und Schlangenbad. Wieder eine Badereise mit der Jugendfreundin, aber siebzehn Jahre lagen dazwischen, damals war sie voll froher Hoffnung, jetzt resignirt und freudlos! –

In diese Zeit fällt ein Brief von Elisens Onkel Hedemann-Heespen aus Deutsch-Nienhof, den 4. August 1825, in dem es heißt: »Von Lützow weiß ich nichts; wie Du weißt, habe ich ihm auf seine mir gemachte kurze Anzeige geantwortet; nachdem hat er nicht wieder geschrieben. – Seid Ihr denn nun förmlich geschieden? und hat Lützow schon Schritte zu einer neuen Verbindung gemacht? Wäre das erstere, so wünschte ich für Dich das letztere, und daß es ihm damit glücken möchte, damit jeder die wahre Veranlassung erführe, und es nicht länger in der Willkür eines Jeden liegt, eine Auslegung zu machen wie er will. Ein kluger General sondirt doch wohl vorher das Terrain, auf dem er seinen Angriff zu machen gedenkt, bevor er Schritte unternimmt, die nachher nicht zurück geschehen können; man sollte daher von ihm glauben, daß dieses von ihm schon längst geschehen sei, er seines Sieges gewiß war, bevor er die Scheidung veranlaßte. Daß er für Dich nach besten Kräften sorgt, ist seine Pflicht, und das Wenigste, was er für Dich thun muß. Thäte er auch dieses nicht mal, so würde er alle Achtung in den Augen jedes redlich Denkenden verlieren.« –

Während dem war schon den 22. April 1825 die Publikation des Scheidungserkenntnisses erfolgt, dessen Gründe lauteten: »Obgleich diese Ehe anfänglich glücklich war, so ward doch der eheliche Friede späterhin durch verschiedene Ansicht von der Welt und dem menschlichen Leben gestört. – Keinem Theil ist ein Uebergewicht der Schuld beizulegen. Beiden Theilen ist die Wiederverheirathung in unverbotenen Graden gestattet.« –

Die Freunde bedauerten, daß Elisa aus zarter Schonung gegen Lützow den Wenigsten die Ursache ihrer Scheidung mittheilte, und durften mit Recht fürchten, daß Fremde sie sich anders auslegen möchten. »Wäre es doch erst klar,« schrieb Adele von A. aus Keimkallen den 30. November 1825, »weßhalb dieser Schritt geschehen; ich wollte viel darum geben, wenn alle Welt es wissen könnte, weshalb es so gekommen.« –

Elisa war lange unentschlossen, welchen Wohnort sie wählen solle; es war ihr alles gleichgültig, sie wünschte nur Ruhe und Stille. Nach beendigter Badereise, ging sie endlich nach Magdeburg, mit der Absicht, sich dort in der Nähe der Stadt ein kleines Landhaus zu kaufen. Immermann begrüßte die geliebte Freundin, die ihm nun unter so ganz andern Verhältnissen gegenüberstand, mit tausend Freuden; er machte sie mit seiner Mutter und seinen Brüdern bekannt, die sich ihr freundlich anschlossen. Außer diesen wollte sie aber niemanden sehen; niemand kannte sie dort, die Wenigsten wußten wer die verschleierte Dame sei, die man nur flüchtig auf der Straße gesehen hatte. Sie machte mit Immermann im Herbst in den schönen Octobertagen noch einen Ausflug nach dem Harz, und bezog, nach Magdeburg zurückgekehrt, da der Ankauf eines Landhauses noch nicht erfolgt war, einstweilen eine Wohnung in der Stadt.

In jener Zeit ließ Elisa ein junges Mädchen aus Hamburg zu sich kommen, die sie sich zur Gesellschafterin erwählt, und wie eine Pflegetochter behandelte. Dieses Mädchen war eben erwachsen, und trotz großer Verschiedenheit wollte man doch in ihren Gesichtszügen manche Aehnlichkeit mit denjenigen Elisens erkennen. Wer war sie? Wo kam sie her? War da nicht ein geheimnißvoller Zusammenhang? so fragte man neugierig, selbst im Kreise der Bekannten. Wie viele Mährchen wurden da nicht ersonnen, und bald flüsterte man sich zu, daß man hier wahrscheinlich eine natürliche Tochter der Frau Generalin von Lützow vor sich habe, die vielleicht gar den Anlaß zu der Scheidung von ihrem Gemahl gegeben! – Wie falsch dies war, zeigt unter anderem eine Briefstelle Lützow's, in welcher er erwähnt, sie habe sich des jungen Mädchens »so großmüthig angenommen,« und dann hinzufügt: »Wie bleibst Du Dir doch immer gleich, selbst hülflos, findest Du einen Trost, Andern beizustehn!« –

Der Zusammenhang war folgender: Elisens Vater hatte mit einer Schwester von Marianne Philipi, welche auf dem Trannkijörschlosse eine Stelle als Wirthschafterin vertrat, ein Liebesverhältniß gehabt; sie gebar eine Tochter, und Elisa war gleich so großmüthig gewesen, ihrer würdigen Erzieherin zu versprechen, daß sie sich dieses Kindes, dieser Tochter ihres Vaters, annehmen wolle. Man ertheilte ihr die sorgsamste Erziehung, und als sie herangewachsen, nahm Elisa sie in ihre Nähe. Sie äußerte sich nie über die Herkunft des Mädchens, und ließ sich lieber falsch beurtheilen, als daß sie andre angeklagt hätte.

Die belebende Nähe Immermann's war dasjenige, was Elisens einsamem Leben in Magdeburg den meisten Reiz darbot; sie war es wieder, die ihn zum Schaffen anregte, und an allem Antheil nahm, was er dichtete. In jener Zeit vollendete er die Uebersetzung von »Ivanhoe«, von der in den mitgetheilten Briefen die Rede ist, dichtete »Cardenio und Celinde«, und schrieb die Abhandlung über den »rasenden Ajax« des Sophokles. Immermann hat später im dritten Bande der »Epigonen« Elisen in folgender Stelle geschildert, so wie sie ihm damals erschien: »Es giebt nichts Erquickenderes, als den Anblick einer großen, vornehmen Seele, welche das Unglück als etwas ihr Gehöriges, als das ihr von den oberen Mächten verliehene Eigenthum nimmt und hinnimmt, während kleine Gemüther sich gegen dieses Erbtheil unsres Lebens unter Winseln und Wehklagen fruchtlos sperren. Johanna war ruhig, selbst heiter. Sie verhehlte gegen Hermann nicht, daß ihr Loos ihr für immer zerstört zu sein scheine, aber, setzte sie hinzu, wie unendlich wohler ist mir jetzt, wo ich die Brandstätte überschaue, als damals, wo ich noch mit Rauch und Flammen unselig kämpfte! – Ueber die Geheimnisse ihrer unglücklichen Ehe, über Medon's Charakter, und die plötzliche Wendung seines Schicksals beobachtete sie ein strenges Stillschweigen. Einmal hatte Hermann versucht, von weitem und in der bescheidensten Weise ihre Lippen über diese Dinge aufzuschließen, war aber mit den Worten, daß man von unheilbaren Schäden nicht reden müsse, zurückgewiesen worden. Alle diese sonderbaren Verwicklungen blieben ihm also tief zugehüllt, und er brachte von denselben nur in Erfahrung, was die Gerüchte aus der Hauptstadt meldeten.« –

Während Elisa ihrer Schwermuth nachhing, verlebte auch Lützow in Münster keine frohen Tage. Die junge Dame, deren Gunst er so sicher zu sein glaubte, lehnte seine Hand ab; auch seine Leidenschaft verrauschte dadurch schnell, und nun in der Ferne Elisens Werth doppelt empfindend, beklagte er um so tiefer das Unglück, welches er über sie und sich selbst gebracht hatte. Trösten und aufrichten konnte ihn nur Elisens Freundschaft, und die bewahrte sie ihm auch getreulich aus aufrichtigem Herzen. Im Anfang des Jahres 1827 starben schnell hintereinander seine beiden Brüder August und Wilhelm; auch diesen Kummer theilte Elisa mit ihm, die ganz davon ergriffen war.

Immermann wünschte feurig, sich mit Elisen zu verbinden, aber diese konnte sich zu einer zweiten Ehe nicht entschließen. Wohl war sie dem Freunde von Herzen zugethan, der betheuerte, nicht ohne sie leben zu können, wohl war sie von seiner heißen Liebe ergriffen, aber sie hatte nun schon so viel Unglück erlebt, und konnte sich der bangen Vorstellung nicht erwehren, daß seine jetzt so heftige Zuneigung nicht immer die gleiche bleiben würde. Die sechs Jahre, welche sie älter war, als er, schienen hierbei am wenigsten in Betracht kommen zu können, da Schönheit, Geist und Liebenswürdigkeit dies wohl auszugleichen vermochten, aber Elisen flößte diese Ungleichheit Bedenken ein, und dann – war es eine Ahnung, war es eine richtige Kenntniß seines Charakters – sie fürchtete, ihm einstmals eine Fessel werden zu können, und war von ihrer Verneinung nicht abzubringen. Hätte sie diese Scheu, der so edle Ursachen zu Grunde lagen, überwunden, mehr an sich, als an den Freund gedacht, ihr Schicksal hätte wahrscheinlich eine glücklichere Wendung genommen! –

Als Immermann in jener Zeit grade die Ankündigung seiner Versetzung als Landgerichtsrath nach Düsseldorf erhielt, bestürmte er Elisen mit neuen Bitten. Da verhieß sie ihm dann endlich, ihm nach Düsseldorf zu folgen; heirathen wollte sie ihn nicht, dagegen gaben sie sich aber gegenseitig das Gelöbniß, daß keiner von ihnen je eine andre Heirath eingehen würde; dies war die Bedingung, die Elisa stellte, und die Immermann, da sie einmal die Seine zu werden verweigerte, mit Freuden einging. Elisens Nähe war ihm mehr werth, als jede andere Verbindung; durfte er sie nicht zu seiner Gattin machen, so war er doch halb getröstet in dem Gedanken, sie als seine Freundin, seine Gefährtin, seine Muse, an sich zu fesseln.

Elisens ideale Ansprüche an das Leben waren durch diesen Entschluß ganz befriedigt, sie wurde ruhiger, nachdem sie ihn gefaßt hatte. Sie war mehr phantastisch, als leidenschaftlich, sie dachte es sich schön, einem begabten Dichter in solcher Art sein Dasein zu versüßen, mit zarter Sorgfalt und antheilvollem Geiste, und nur für ihn zu leben. Wie dachten sie sich zu erheben über alles Niedere und Gemeine, aus ihrer Umgebung alles Widrige und Gewöhnliche zu verbannen, und nur in der Natur, in Kunst und Poesie, und in der Freundschaft ihre Befriedigung zu suchen! War es nicht eine würdige Bestimmung, die Leonore eines Tasso zu werden? – Ein neuer Sonnenschein verschönte Elisens Tage, ihre Züge verklärten sich in froher Hoffnung, ein neues Lebensglück schien sich ihr reizend aufzuschließen. – Die Welt, und was die urtheilen würde, kam ihr hiebei durchaus nicht in Betracht; diejenigen, welche nicht fähig waren, eine solche Freundschaft zu verstehen, konnten ihr gleichgültig sein, und von ihren Freunden durfte sie gewiß sein, daß sie von ihr nur Edles und Schönes voraussetzten. Da war auch nicht Einer, den ein so ungewöhnliches Verhältniß irre gemacht hätte! Der würdige Consistorialrath Möller, die streng sittliche Henriette Paalzow, alle Freunde und Freundinnen ohne Ausnahme bewahrten Elisen unverändert ihre Verehrung und Liebe. Auch benahm sie sich so zart, so sicher, und so tactvoll, daß Alle sie bewundern mußten.

Immermann ging im Anfang des Jahres 1827 an seinen neuen Bestimmungsort ab; Elisa reiste in Begleitung ihrer Pflegetochter nach Ems, und folgte ihm dann mit dieser nach, die noch mehrere Jahre bei ihr blieb, und sich später verheirathete.


Es war im August 1827, daß Elisa in Düsseldorf anlangte. Ein Landhaus, das sie mit Immermann in dem freundlichen Dorfe Derendorf bezog, schien ganz dazu geeignet, das stille Asyl eines Dichters zu sein. Ein großer Garten, der es umgab, wurde von Elisen anmuthig angepflanzt; bald entfalteten eine Fülle von Rosen darin ihre Pracht, alle Beete waren damit eingefaßt, und am schönsten blühten sie unter des Dichters Fenstern. Zwei Büsten, Plato und Aristoteles darstellend, schimmerten durch die schattigen Gebüsche. Eine hohe Weißdornhecke, die Immermann später in einer Liebesscene seines »Merlin« verewigt hat, erglänzte in duftigen Blüthen. In zwei aneinanderstoßenden Zimmern, die durch seine Bibliothek und Münzsammlung angefüllt, und durch Gemälde, Kupferstiche, Statüetten und mancherlei Zierrathe geschmackvoll ausgeschmückt waren, und deren harmonische Anordnung eine Frauenhand verrieth, überließ sich Immermann seinen Arbeiten. Seine Erholungsstunden brachte er in den Räumen der Freundin zu, bei der er immer Anregung und Erfrischung fand.

Düsseldorf hatte damals grade plötzlich einen frischen Aufschwung genommen, den uns Immermann selbst in seinen »Düsseldorfer Anfängen« im dritten Band der »Memorabilien« so vortrefflich geschildert hat. Wilhelm von Schadow war Ende 1826 eingetroffen, und hatte die Stelle von Cornelius an der Akademie übernommen. Mit ihm waren Lessing, Hildebrandt, Sohn, Mücke und Hübener angelangt. Bendemann und Schirmer folgten bald darauf. Eine neue Kunstepoche blühte unter Schadow's Leitung schnell empor. »Gemälde waren etwas Neues geworden,« sagt Immermann in den »Düsseldorfer Anfängen«, »da die Baiern schon zwanzig Jahre früher die Galerie entführt hatten; die inhaltreiche Conversation des Künstlers, der Menschen, Werke, Welt gesehen hatte, war auch etwas Neues. All dieses Neue erhielt einen pikanten Zusatz durch die Figuren der jungen hübschen, bescheidenen Künstler, welche bloße Hälse und lange Bärte trugen, und von denen der Meister mit Sicherheit den späteren Ruhm vorhersagte.«

Immermann fühlte sich wohl in diesem heiteren Kreis, »dessen Arbeit auf die Schönheit ging«; er nahm Theil an der angenehmen Gesellschaft, die sich in dem Schadow'schen Hause vereinigte. Er hatte eben »Andreas Hofer« vollendet, und wurde bald zu neuem Schaffen angeregt; er schrieb 1828 das Trauerspiel: »Kaiser Friedrich der Zweite,« die Lustspiele: »Die Verkleidungen,« und: »Die schelmische Gräfin,« 1829: »Die Schule der Frommen,« ließ eine neue Folge der »Gedichte« erscheinen und einen Band »Miscellen.« 1830 schrieb er sein »Tulifäntchen,« dieses scherzhafte Heldengedicht, das Heine einen »epischen Kolibri« genannt, dichtete die Trilogie »Alexis,« und den phantastischen, tiefsinnigen »Merlin,« und arbeitete an den »Epigonen.«

Unterdessen wurde der Kunstverein gegründet, Lessing malte sein Königspaar, Bendemann die Ebräer im Exil, Sohn den Hylas, Hübener den Roland, Hildebrandt Judith und Holofernes, Schirmer malte Landschaften, es war ein reges Leben, das Immermann ein zweites Studentenleben nannte, »aber kein rüdes, sondern ein phantasievolles.«

Mit Schadow trat Immermann in lebhafte Beziehung; trotz der großen Verschiedenheit ihrer Naturen zog ihn sein unläugbarer Künstlergeist an, und wenn auch Schadow's eifriger Katholizismus später das Verhältniß erkalten machte, so hörte Immermann doch nie auf, ihn zu schätzen, und seine seltenen Verdienste zu würdigen. Wie sehr dies der Fall war, beweist folgende Stelle in den viel später geschriebenen »Düsseldorfer Anfängen.« – »Wir haben hier Großes werden sehen. Ein Mann kommt vor dreizehn Jahren daher, gefolgt von fünf Schülern, die recht hübsche Sachen gemacht haben, doch aber noch völlig unfertig sind. Er betritt ein fremdes Terrain, ohne mächtige Verbindungen zu haben, er muß sich alles erst selbst schaffen. Sein Gouvernement unterstützt ihn wohl, jedoch nur mäßig; keines Königes mächtiger Arm hält ihn, stellt ihm die geniusentflammenden Aufgaben. Einen Namen bringt er mit, genannt allerdings in der Kunstwelt, keineswegs aber mit der Glorie allgemeiner Berühmtheit. Und nach dreizehn Jahren steht er an der Spitze einer Anstalt, worin die Hunderte nun fast statt der ursprünglichen Einheiten zählen. Die Räume sind zu eng für den Andrang, der Ruf der Anstalt geht durch Europa, und zieht die Lehrlinge aus allen Landen, bis zum hohen Norden hinauf, herbei. Die Werke der Schule zieren Königs- und Kaiserpaläste, die Erben großer Reiche besuchen den Chef, und treten zum Theil unter sein Dach. Der Kunstverein, der doch auch ohne ihn nicht entstanden wäre, hat jährlich zwanzigtausend Thaler zu verwenden. Die Schule sandte Kolonien aus nach Dresden und Frankfurt. Was aber noch mehr: das Haupt wurde längst von den Gliedern überflügelt, und dennoch lösen sich viele der edelsten Glieder nicht ab, wohl wissend, daß der Zusammenhang, wie er war, ihnen auch noch jetzt fromme.« –

Noch andere Gestalten traten in diesen Kreis; Friedrich von Uechtritz, der liebenswürdige Dichter der Trauerspiele: »Alexander und Darius,« und »Rosamunde,« der bald mit Immermann dessen literarische Interessen theilte, und zugleich sich mit den Malern befreundete, denen besonders seine Geschichtskenntnisse werthvoll und anregend waren; Schnaase schloß sich an als Kunstforscher und sinniger Kunstbetrachter, dessen Wissen und combinatorischen Scharfsinn Immermann rühmend anerkannte.

Elisa wollte sich anfänglich von aller Geselligkeit fern halten, aber der frische Strom all dieses Wirkens und Genießens drang doch bis in ihre idyllische grüne Einsamkeit zu Derendorf, vielfach wünschte man in ihre Nähe zu gelangen, und oft vereinigte sich Abends in ihren Räumen ein auserlesener Kreis näherer Freunde: der Maler Hildebrandt, Uechtritz, Schnaase, die Dichterin Elisabeth Grube, und manche Andere. Von der letzteren sei hier ein Gedicht aus ihrem »Liederkranz« mitgetheilt, welches Elisen und Immermann anmuthig schildert:

Der Baum.
Die hohe Frau, die mir gebeut,
Schaut auf zum Blüthenbaum,
Der seine duftigen Flocken streut
Auf einer Wiese Saum,
Und Jedem, der vorüber geht,
Mit weißen Fahnen Grüße weht.
Wie ist der Baum so wunderschön!
Wie freudenreich sein Dach!
Der muntren Vögelein Getön
Ruft träge Käfer wach;
Es schwirrt und girrt, es springt und singt;
Ein Summen, Brummen rings erklingt!
Froh spricht die Herrin: »Mein Poet,
»Der Baum ist liedeswerth!
»Der hier, ein Frühlingswunder, steht
»Und Allen Lust bescheert;
»Wär' ich ein Musenkind wie Du,
»Dem Baum säng' ich ein Liedchen zu.«
Der Sänger sieht allüberall
Der Herrin holdes Bild,
Und von dem Schlag der Nachtigall
Das Herz ihm überquillt;
Beim Baum hat er an sie gedacht,
Zugleich ist dieses Lied erwacht.
Wohl ist der Baum der Herrin Bild
So hehr, so freudenreich!
Wie jener tausend Wünsche stillt
Mit einem Blüthenzweig:
So ist ihr Lächeln Sonnenschein!
So ist ihr Lieben goldner Wein!

Bei Elisen, im traulichen Freundeskreise, fühlte sich Immermann stets am wohlsten, und entfaltete voll froher Laune und heitren Geistes seine ganze Liebenswürdigkeit. Er war befriedigt wie nie zuvor, und gewiß wird jene Zeit, die er in täglichem, beglückendem Verkehr mit der angebeteten Freundin, in Ruhe und Stille dem dichterischen Schaffen hingegeben, und von neuen Kunstanschauungen und belebendem Verkehr getragen, in Derendorf zubrachte, die glänzendste seines Lebens genannt werden müssen. Alle Prosa, über die er so oft in Magdeburg geklagt, war plötzlich verschwunden, er lebte in Wahrheit ein Dichterleben! – Wenn ihn die Kritik mitunter verstimmte, die ihm nicht immer die gewünschte Anerkennung gewährte, wenn ihn der Angriff von Platen ärgerte, den er seinerseits erwiederte, so wußte ihn Elisa doch immer zu erheitern. Nun sollte noch eine neue Wirksamkeit für ihn hinzukommen, die ihn ganz in Beschlag nahm; das Theater.

Die halböffentlichen Vorlesungen dramatischer Werke, die er zwei Winter hintereinander vor einer großen Versammlung hielt, und die förmlich in Düsseldorf Mode geworden waren, bildeten dazu eine Art Uebergang. Die Kunst des Vorlesens, in der zuerst Tieck sich auszeichnete, und in der ihm bald Holtei und Andere nachstrebten, diese Kunst, welche Immermann schon in Münster in Elisens Abendgesellschaften so gern geübt, bildete er nun noch weiter aus. Die befreundeten Maler hatten ihm ein Atelier eingeräumt, das man bemüht war, möglichst würdig für die elegante Welt einzurichten und zu erleuchten, dessen eigentliche Bestimmung aber doch lustig zu Tage kam, durch die Zeichnungen, Cartons und Farbenskizzen, welche die Wände bedeckten, und das gute Einvernehmen anzeigten, in dem hier verschiedene Künste neben einander gingen. Iphigenie, Blaubart, Wallenstein, König Johann, Romeo und Julia, das Leben ein Traum, der standhafte Prinz, das Däumchen, Hamlet, der Prinz von Homburg, der gestiefelte Kater, König Oedipus, und Oedipus in Kolonos wurden dort von Immermann vorgetragen, mit Kraft der Stimme, mit Feuer des Ausdrucks, mit mimischem Talent.

Bald entstand dadurch das Verlangen in ihm, nun auch dergleichen auf der Bühne vorstellen zu lassen, in Wirklichkeit zu sehen, was hier nur in idealen Umrissen sichtbar war. Es wurde ein Theaterverein gestiftet, und mit einer Reihe von Mustervorstellungen Versuche gemacht, die Immermann, unterstützt von seinen Freunden, der Düsseldorfer Schauspielergesellschaft einstudierte. Das neugebaute, hübsche Theater kam ihnen hiebei vortrefflich zu statten; fremde Künstler wurden aus der Ferne dazu herangezogen, Seydelmann kam um den »Nathan« zu spielen, Weymar nahm an der »Braut von Messina« und dem »Andreas Hofer« Theil. Uechtritz leitete die Proben von »Stille Wasser sind tief,« und war thätig mit Rath und Hülfe; Felix Mendelssohn nahm sich der beiden Opern »Don Juan« und »der Wasserträger« an; das meiste leitete Immermann selbst.

Schadow hatte ihm eine abgelegene, klösterliche Zelle auf der Akademie zu den Leseproben abgetreten. »Unter den Fenstern rauschte der Rhein, die weißen Wände röthete die Frühlingssonne. Bei dem Klange der Wellen, in dem rosigen Schein wurden da Sylben gemessen, Accente festgestellt, die Schattirungen der Rede ausgearbeitet,« sagt Immermann davon in den »Düsseldorfer Anfängen.« Zu der Vorstellung des »standhaften Prinzen« entwarf Schirmer die Ansicht von Fez, Hildebrandt stellte die Ausschiffungs- und Kriegsgruppen, Felix Mendelssohn componirte die Musik, zwei herrliche Sclavenchöre, und zur Erscheinung des Geistes einen ganz eigenthümlichen Marsch, der »wie aufgelöste katholische Kirchenhymnen« klang. So reichten sich alle Talente freundschaftlich die Hände zu einem schönen Ganzen. Der Erfolg war überraschend.

Man ging nun weiter; eine bedeutende Summe wurde durch Actien gedeckt, Immermann erhielt auf ein Jahr Urlaub, um sich ganz der Leitung des Theaters widmen zu können. So erstand eine Bühne, die nach edlen Idealen strebte, die poetischen Schöpfungen in ihrer wahren Höhe und Schönheit darzustellen suchte, ohne sie herabzuziehen in die gewöhnliche Bretterwelt. Es war kein geringer Regisseur oder unwissender Cavalier, sondern ein Dichter, der sich in den Geist der darzustellenden Werke versenkte, und ihn voll Begeisterung zur Erscheinung zu bringen sich bemühte. Es war wieder Elisens feiner Hauch, welcher diese Bestrebungen beseelte, denn von ihr empfing ja Immermann die Anregung zum Schaffen und Wirken, an sie und ihren Beifall dachte er dabei unablässig, und so wie die Lützow'sche Freischaar nie geworden wäre, was sie war, ohne Elisen, so ist es auch mit jenen Düsseldorfer Bühnenversuchen, die sich eine Veredlung der Schauspielkunst zum Ziel gewählt hatten, und ohne Elisen niemals einen so hohen Flug genommen hätten, der bei verhältnißmäßig so beschränkten Mitteln doppelt staunenswerth war. Elisa verlangte nie hervorzutreten, und genannt zu werden; sie besaß nicht die geringste Eitelkeit, und es war im Gegentheil ihre Freude, den Glanz, welcher von ihr ausging, auf Andre zu übertragen. So wirkte sie stets im Stillen, aber ihr Einfluß war immerfort wirksam, und den Vertrauten unverkennbar.

Der beständige Fremdenverkehr brachte fortwährend neue, interessante Persönlichkeiten nach Düsseldorf, von denen manche, angezogen durch die künstlerischen und literarischen Kräfte, die sich dort vereinigten, länger verweilten. Zu diesen gehörte besonders der Dichter Michael Beer, mit dem sich Immermann sehr befreundete, wie auch der zwischen ihnen geführte Briefwechsel beweist, der nach Michael Beer's Tode erschienen ist; dann Wilhelm von Normann, Verfasser des Gedichtes: »Mosaik,« ein liebenswürdiger junger Mann, der lange und innig eine schottische Dame liebte, und bald nachdem er sich endlich, nach vielen Hindernissen mit ihr verbunden hatte, noch nicht dreißig Jahre alt, starb. Ferner Felix Mendelssohn, der berühmte, geniale Componist; mehrmals kam auch der gute, begeisterte Möller zum Besuch, so wie Elisens Freundin Johanna, die sich mit Dieffenbach verheirathet hatte, aber nach kurzem Glücke von ihm geschieden worden war, da ihre leidenschaftliche Eifersucht, zu der er übrigens wohl manchen Anlaß geben mochte, ihm unerträglich wurde. Henriette Paalzow, die sich über ein Jahr in Köln aufhielt, sprach gleichfalls mit ihrem Bruder, dem Maler Wilhelm Wach, in dem freundlichen Derendorf ein.

Wir dürfen auch Dietrich Christian Grabbe nicht vergessen, dieses verwilderte Genie, das Immermann vergeblich strebte, zu sich zu erheben. Grabbe, 1801 zu Detmold geboren, war bekanntlich der Sohn eines Zuchtmeisters, er selbst hatte auf dem Zuchthofe das Licht der Welt erblickt; rings um ihn her waren die Zellen der Verbrecher. Sollte man nicht glauben, jene ersten Eindrücke hätten ihm jene Lust am Gräßlichen und Rohen eingeflößt, die sich in seinen Dichtungen ausspricht? – Grabbe eröffnete die Bekanntschaft mit Immermann dadurch, daß er ihm schrieb: »Ich und eine alte Mutter sind verloren, wenn Sie mir nicht zu helfen suchen.« – Immermann forderte ihn sogleich freundlich auf, nach Düsseldorf zu kommen, sorgte für seine häusliche Einrichtung, lud ihn häufig zu sich in größere und kleinere Gesellschaften, führte ihn bei mehreren seiner Bekannten ein, unterstützte ihn mit seinem Rath bei der Tragödie »Hannibal,« die Grabbe unvollendet mitgebracht hatte, und bewies die größte Nachsicht mit seinen Launen und seiner mangelhaften Erziehung. Grabbe seinerseits nahm dagegen den lebhaftesten und eifrigsten Antheil an Immermann's Theaterbestrebungen. Immermann erkannte in Grabbe eine schöpferische Kraft, wenn auch mehr eine Kraft der Häßlichkeit, als der Schönheit, mehr Ungeheuerlichkeit als wahre Größe, mehr Verzerrung als Genialität, wie er denn auch den »Theodor von Gothland« ein »Conzert der Verzweiflung« nannte.

Immermann entwirft in den »Memorabilien« folgendes Bild von Grabbe: »Nichts stimmte in diesem Körper zusammen. Fein und zart – Hände und Füße von solcher Kleinheit, daß sie mir wie unentwickelt vorkamen – regte er sich in eckigten, rohen und ungeschlachten Bewegungen; die Arme wußten nicht, was die Hände thaten, Oberkörper und Füße standen nicht selten im Widerstreite. Diese Contraste erreichten in seinem Gesichte ihren Gipfel. Eine Stirn, hoch, oval, gewölbt, wie ich sie nur in Shakespear's (freilich ganz unhistorischem) Bildnisse von ähnlicher Pracht gesehen habe, darunter große, geisterhaft weite Augenhöhlen und Augen von tiefer, seelenvoller Bläue, eine zierlich gebildete Nase; bis dahin – das dünne, fahle Haar, welches nur einzelne Stellen des Schädels spärlich bedeckte, abgerechnet – Alles schön. Und von da hinunter alles häßlich, verworren, ungereimt! Ein schlaffer Mund, verdrossen über dem Kinn hängend, das Kinn kaum vom Halse sich lösend, der ganze untere Theil des Gesichts überhaupt so scheu zurückkriechend, wie der obere sich frei und stolz hervorbaute.« –

Es muß ein ergötzlicher Anblick gewesen sein, wenn Grabbe zu Immermann zum Besuch kam. Letzterer erzählt davon: »Zuweilen kam er aber auch zu mir, wenn die verdrossenen Füße ihm den Gang nach meiner entlegenen Wohnung erlauben wollten. Da gab es denn den lächerlichsten Anblick. Weil er sich nämlich nie in den Wegen finden lernte, so mußte ihn seine Magd jederzeit zu mir begleiten. Auf diese Weise aber langte das Paar in meinem Garten an: Grabbe mit ernfthaftem Gesichte hinter der Magd unsicher einherschreitend, die Magd aber ihr erröthendes Antlitz halb in der Schürze verborgen, sich schämend, »daß sie einen so großen Herrn bei Tage über die Straße führen müsse.« –

Elisa, an der alles feine Sitte, Anstand und Schönheitssinn war, mußte von der äußeren und inneren Vernachlässigung, und dem wilden und formlosen Wesen des seltsamen Mannes unangenehm berührt werden, nahm sich seiner aber dennoch mit Wohlwollen und Güte an, und zu ihrer Verwunderung über ihn, gesellte sich das Mitleid. In der ersten Zeit seines Aufenthaltes nahm sie ihn mehrmals in ihrem Wagen zu kleinen Ausflügen in die Umgegend mit, wo er dann mit der übrigen Gesellschaft Berge steigen mußte, was er sonst nie that. Einmal improvisirte er bei Sonnenuntergang, auf einem Berge stehend, so schöne Verse, daß Elisa und ihre Begleitung ganz entzückt davon waren. Gleich darauf benahm er sich aber wieder so cynisch, daß das Entzücken sich in Widerwillen verwandelte. Elisa durfte ihm mit ihrer schönen Hand nicht zu nahe kommen, sonst biß er sie hinein, weil sie »so appetitlich« sei. »Er war wie ein Kind,« sagte sie oft von ihm, »so gut, so unartig, so lenksam, aber auch so schmutzig!« – Grabbe verehrte sie sehr, und fühlte sich geschmeichelt durch die Freundlichkeit einer so vornehmen und edlen Frau. Wenn er sich gegen Karl Ziegler rühmte, Elisa habe ihm täglich lange Briefe geschrieben, wie letzterer in seinem Buche: »Grabbe's Leben und Charakter« mittheilt, so halten wir das für eine Uebertreibung von Grabbe.

Leider war der wunderliche Mann schon zu sehr gesunken, als daß es möglich gewesen wäre, ihn an eine thätige und geregelte Lebensweise zu gewöhnen; er wurde bald selbst seiner eigenen Anstrengungen müde, sich zu erheben, ergab sich dem zu häufigen Genuß geistiger Getränke, und zuletzt verkannte sein mißtrauischer Sinn Immermann's wahre, uneigennützige Freundschaft und Güte. Das Verhältniß war ziemlich erkaltet, als er 1836 nach seiner Vaterstadt Detmold zurückkehrte, wo er den 12. September desselben Jahres, erst fünfunddreißig Jahre alt, starb. –

Werfen wir nun wieder einen Blick zurück, auf Lützow! Dieser, der sich in seine vereinsamte häusliche Lage, welche er selbst herbeigeführt, gar nicht finden konnte, hatte sich plötzlich, im Jahre 1828, entschlossen, die Wittwe seines Bruders Wilhelm zu heirathen. In einem Briefe, der seinen aufgeregten Gemüthszustand ausdrückt, und in dem er sich vor Elisen gewissermaßen zu entschuldigen sucht, zeigt er dieser seinen Schritt an; er lautet: »Meine liebe, beste Elise! Es war mir unmöglich, Dir das zu schreiben, was Schlüsser's Brief ausspricht. Ich fühle, daß ich mich eigentlich zu keinem häuslichen Verhältniß passe – sonst wäre ich gewiß vom Anfange an mit Dir unaussprechlich glücklich gewesen, denn wer könnte mehr wünschen, als ich besaß. – Auguste ist allerdings eine angenehme Frau, indessen mehr noch die Wittwe Wilhelms hat eine Lage der Dinge herbeigeführt, wozu ich den Himmel um seinen Schutz anrufe, denn eine verkehrte Persönlichkeit und ein zerrissenes Gefühl machen mir einen höheren Beistand nöthig und unentbehrlich. – Die Liebe und Freundschaft bis in den Tod zu einem Wesen, was ich unendlich verehre, meine beste Elise, die bleibt sich gleich, nichts kann Dich aus meinem Herzen reißen! – Von Deiner Großmuth erwarte ich auch jetzt Liebe, Freundschaft und Theilnahme. – Deine großherzigen Absichten für Wilhelms Tochter erkenne ich mit Dank. Jedoch Dein Vermögen gehört Deiner Familie. Ein kleines Andenken dereinst für die Kleine, nehme ich in ihrem Namen um so lieber an, da unserem Wilhelm alles so lieb war, was von Dir kam. – Glaubst Du Deiner Familie näher zu treten, wenn Du Deinen Geburtsnamen wieder annimmst, so thue dies, meinem Herzen bleibst Du gleich theuer und nahe. – Aus der Fülle meiner Seele Dein Dich unbeschreiblich liebender Freund Adolph. – Schreibe mir nach Münster; Deine Briefe kommen nicht in fremde Hände, darauf rechne!« –

In einem schnell darauf folgenden Briefe aus Münster, den 19. Juli 1828 schrieb er: »Auguste hat gute und ausgezeichnete Eigenschaften; – das Unglückliche ihrer Lage, eine zärtliche Freundschaft für Wilhelm, haben mein Gefühl aufgeregt, meinen Entschluß schnell erzeugt, und machten, daß ich mich sogleich erklärte; schenke Du mir Nachsicht, der Himmel seinen Segen. Wilhelms Tochter wird Elsbeth genannt, und heißt Elisabeth. – Mich zerreißen die widersprechendsten Empfindungen. Dein Andenken, meine beste Elise, bleibt mit eisernen Ketten an mein Herz gefesselt. Adolph.« –

Es ist bereits in dem ersten dieser Schreiben erwähnt, daß Elisa, als sie von Lützow's zweiter Heirath vernahm, wieder ihren Familiennamen Ahlefeldt anzunehmen wünschte, da sie die etwanige Verwechselung mit jener neuen Frau von Lützow aus manchen Gründen vermeiden wollte; sie wandte sich deßhalb an den König von Dänemark mit dem Ansuchen, sich wieder Gräfin von Ahlefeldt nennen zu dürfen.

Auch Lützow's neue Verbindung konnte die freundschaftliche Beziehung zwischen ihm und Elisen nicht hindern; sie wechselten Briefe nach wie vor in herzlicher Weise. Von Elisens Seite kam bald noch Mitleid für den unglücklichen Freund hinzu, der vergeblich Ruhe und Befriedigung suchte. Er bedurfte theilnehmenden Trostes, und Elisa, die geschiedene Gattin, war die Einzige, die ihm solchen bieten konnte. Keine kleinliche Regung war in ihrer Seele; sie hatte ihm alles vergeben.

Man wird nicht ohne Rührung die folgenden Zeilen lesen können, die er ihr aus Münster, den 25. April 1829 schrieb: »Meine liebe, beste Elise! Ich schreibe Dir gleich nach meinem Eintreffen in Münster, und erwarte so sehnlich eine freundliche Antwort von Dir! Wenn Du mir in's Herz sehen könntest, Du würdest mir diese nicht versagen. Ich bin unaussprechlich unglücklich! – Mit Recht kannst Du sagen, ich habe mich selbst unglücklich gemacht; so richtig dies auch ist, so würdest Du mich entschuldigen, wenn Du von allen Verhältnissen unterrichtet wärest. Es gehe mir wie es wolle, nur den Trost Deiner freundschaftlichen Theilnahme, den laß mir, sonst gehe ich unter! – Könnte ich Dich nur einmal wiedersehen! – Noch einmal bitte ich Dich, beglücke mich recht bald mit einigen theilnehmenden Zeilen. – Von ganzem Herzen, selbst wenn ich es nicht wollte, dennoch, ich fühl's, bis an das Ende meines Lebens, Dein Freund Lützow.« –

Das Verlangen, Elisen wiederzusehen, von welcher er sich in einer nur so kurz dauernden Verblendung getrennt hatte, wurde so mächtig in ihm, daß er ihm nicht länger widerstehen konnte, und so schrieb er ihr aus Münster, den 6. Mai 1829: »Meine liebe, beste Elise! Sei mein Verhältniß wie es wolle, ich muß Dich sehen, von Dir Trost und Leben erhalten! – Ich reise von Paderborn mit der Schnellpost nach Düsseldorf, kann von hier nicht wohl ganz genau bestimmen, wann ich ankomme, gegen den 16. oder 17. kannst Du mich erwarten. Du wirst doch nicht so unmenschlich sein, mich abzuweisen? Das wäre schrecklich! – In der Erwartung des hohen Glücks Dich wiederzusehn, von ganzem Herzen der Deinige, Adolph.« –

Er reiste nun wirklich nach Düsseldorf, und mit tiefer Bewegung sahen sich die ehemaligen Gatten wieder. Lützow konnte sich kaum fassen, beklagte tausendmal, die theure Frau durch seine eigene Schuld auf ewig verloren zu haben, und vertraute ihrem treuen Antheil all den Kummer und all das Leid, die ihn drückten. Wie sehr dies Wiedersehn ihm wohlgethan, zeigen die folgenden Worte, die er ihr nach seiner Rückkehr, aus Münster, den 31. Mai 1829 schrieb: »Für mich werden dereinst die Thränen reden, die ich bei Deinem Andenken weine, wenn ich die Schuld verantworten soll, die ich gegen Dich begangen. – Du bist zu großmüthig, zu gütig, und so darf ich denn überzeugt sein, Du verzeihst mir, und läßt mir den Trost Deiner Freundschaft, wie ich bis in den Tod der Deinige bin. – Wie bereitwillig bist Du nicht stets, um Andern nützlich zu sein, das Glück Anderer liegt Dir stets am meisten am Herzen, an Dich denkst Du zuletzt; möchte Dir doch vergolten werden!« –

Ueber seine Versetzung nach Torgau schrieb er ihr aus Münster den 8. April 1830: »Du wirst vielleicht schon erfahren haben, daß ich Brigade-Kommandeur in Torgau geworden bin. – Seitdem Du nicht mehr in Münster bist, habe ich mich immer so sehr von hier weggewünscht, um Erinnerungen los zu werden, die mein Herz zerreißen!« –

Seine Abreise an den neuen Bestimmungsort meldete er ihr in einem Briefe aus Münster, den 15. April 1830, der nichts enthielt, als die Worte: »Meine beste Elise! Morgen verlasse ich Münster, wo ich das Glück meines Lebens eingebüßt habe. – Wenn es Dir nur gut geht, so mag der Himmel über mir zusammenschlagen. Mit den tiefsten Gefühlen, der Deinige, Adolph«. – Wie viel gepreßter Schmerz in diesem Ausruf! – Elisens Antworten las er nie ohne Thränen der Wehmuth, und wenn sie einmal etwas länger mit dem Schreiben zögerte, klagte er immer auf's Neue, es sei ihm so bange um's Herz.

Als nach eingetroffener Erlaubniß des Königs von Dänemark Elisa wieder den Namen Gräfin von Ahlefeldt-Laurwig annahm, schrieb ihr Lützow aus Erfurt, wohin das Armeekorps, dem er angehörte, marschirt war, den 28. Mai 1831: »Sehr angemessen finde ich es, daß Du Deinen Familiennamen angenommen, es bringt Dich Deiner Familie wieder näher, und wird beim äußeren Auftreten manche schmerzhafte Erinnerung vermeiden – und in dieser Beziehung ein neues Leben begründen. – Doch den Menschen beherrschen doppelte Gefühle, und so konnte ich mich der egoistischen Thränen nicht erwehren, als ich erfuhr, daß Du meinen Namen nicht mehr trägst; – ich fürchtete, Du wärest mir dadurch entfernter getreten. – Ueber die Inconsequenz der Menschen, die erst handeln, und dann erst begreifen, was sie gethan haben!«–

Da der Zustand von Elisens Vater damals große Besorgnisse einflößte, und man vermuthen durfte, daß ihr Vetter Christian, der sie dringend zu sich einlud, bald der Besitzer von Langeland sein würde, so drückte Lützow den Wunsch aus, sich dort mit Elisen treffen zu dürfen, denn, sonderbar genug, verbinde er mit Langeland noch immer den Begriff, als wäre er dort in der Familie, und, setzte er hinzu, wäre er frei, so möchte er seinen Abschied nehmen, sich auf Langeland eines der ehemaligen Musikantenhäuser miethen, und im Andenken an Elisen dort ganz still leben. Es ist gewiß sehr ungewöhnlich, daß ein Mann solche Gefühle für seine geschiedene Gattin hegt, wie es in diesem eigenthümlichen Verhältniß der Fall war. –

Die Befürchtungen in Betreff von Elisens Vater trafen bald ein. Den 8. März 1832, in demselben Monat, in dem sie ihre Mutter verloren hatte, erfolgte sein Tod; sanft und ohne Schmerzen entschlief er an den Folgen eines Nervenschlages, zweiundsiebzig Jahre alt. Elisa hatte ihm mehrmals und zu verschiedenen Zeiten angeboten, zu ihm nach Langeland zu kommen, und ihn zu pflegen, aber er hatte dieses Opfer abgelehnt, und ein solches wäre es unläugbar für sie gewesen, da in dem Kreise, in welchem er schon lange Zeit lebte, seit Jahren keine Dame von Erziehung und wirklicher Bildung gewesen war, und ein roher Ton und leichtfertige Sitten herrschten.

Er hinterließ beträchtliche Schulden. Elisa schloß nun mit ihrem Vetter, dem Grafen Christian von Ahlefeldt-Laurwig, an den nun die Grafschaft fiel, einen Vergleich, der darauf hinauslief, daß ihr auf Lebenszeit eine jährliche Rente ausgezahlt wurde; sie erhielt freilich nicht die Reichthümer, die ihr in der Jugendzeit zugedacht gewesen, aber zum wenigsten sah sie sich doch endlich in geordneten und sichren Verhältnissen.

Die erste Anwendung, die sie von einem Theil ihres neuen Einkommens machte, war, daß sie ihrer theuren alten Erzieherin, die bereits sechsundsiebzig Jahre alt, noch in Hamburg lebte, eine jährliche Pension gab, die Graf Friedrich von Ahlefeldt ihr auf Lebenszeit verheißen, aber seit einundzwanzig Jahren nicht mehr ausbezahlt hatte. –

Im Frühjahr 1833 wurde Lützow ganz unerwartet zur Disposition gestellt; er schrieb Elisen hierüber aus Torgau den 1. Mai: »Meine beste Elise! Der König hat meine Brigade dem Prinzen Albrecht gegeben, und wenn es nun allerdings nichts Ungewöhnliches ist, einem Königssohn zu weichen, so bleibt es doch allerdings nichts Angenehmes. – Es sind mir die allerschönsten Versprechungen gemacht worden, indeß ist haben besser als bekommen, die Leute, denen meine Art zu denken eben nicht gefällt, schätzen mich sehr hoch, finden aber, daß es schade sei, so oft verwundet zu sein, u. s. w. Im ersten Augenblick fehlte mir die Kraft nicht, indeß läugne ich nicht, daß ich im Inneren verstimmt bin; meine Absicht ist, eine Wohnung im Thiergarten zu miethen, und dort das Weitere abzuwarten. Erstlich wollte ich nach Dresden gehn, wo ich gewesen bin, und wo es mir ganz besonders gefällt, indeß wünscht Witzleben, daß ich in Berlin bleiben möchte. Ich bin ganz wohl, und habe zu wenig Uebung mich selbst nur allein mit mir zu beschäftigen, um auf eine Anstellung völlig verzichten zu dürfen.« –

Auch über diese Kränkung, die er tief fühlte, sprach er sich am liebsten gegen die Freundin aus; er konnte sich schwer in seine neue Lage finden. Er ging nun nach Berlin, und bezog eine Wohnung im Thiergarten. An die höflichen Redensarten, mit denen man ihn hinhielt, glaubte er wenig, und nahm sich vor, noch einige Zeit die Dinge ruhig zu erwarten, wenn er aber nicht, wie man ihm mündlich und schriftlich zugesichert, auf eine angemessene Art angestellt werde, so wollte er Preußen verlassen, und es nie wiedersehen. –

In einem Briefe aus Berlin, den 28. November 1833 sprach Lützow seinen allerdings gegründeten Unmuth aus; er lautet: »Meine beste Elise! Ich habe lange nicht geschrieben, aber es wird mir schwer, Dir zu sagen, wie ich lebe! Beinahe schäme ich mich, es zu erzählen. Meine Wohnung im Thiergarten ist allerdings angenehm, außerdem bin ich völlig ohne Geschäfte; kein Mensch, sage keine menschliche Seele erinnert sich meiner. Leo ist der einzige, der alle Monat einmal pflichtmäßig zu mir kommt, er ist mehr achtbar als angenehm, und verläßt mich nie, ohne mein Gefühl verletzt zu haben. – Daß der Lützow'sche Name nicht florirt, ist ihm allerdings unangenehm, mir persönlich mag er wohl eine Demüthigung gönnen, wenn er auch darüber – wie die Menschen in so vielen Verhältnissen – nicht ganz klar sich selbst Rechenschaft giebt. – Ich bin stumpf geworden, die Dinge haben ihren Eindruck auf mich verloren. Es bedarf eines äußeren Anklangs, um mich wieder zu erheben, ich werde ihn suchen und finden! – Berlin ist übrigens ein fatales Offiziantenloch. Alles äfft dem Hofe nach. Bildung des Verstandes will ich den Berlinern nicht allgemein absprechen; das Gemüth ist ohne Fülle, sie sind in Vielwisserei, äußeren Schein und Vornehmthun versunken. Der Luxus ist groß. Ein Hausvater läßt seine Kinder nach seinem Tode lieber betteln, als seine Gäste ohne Champagner. Die Frauen bedürfen unaufhörlich neuer Lumpen, und bedenken nicht, daß ihre Kinder dereinst zerlumpt einher wandern müssen. In diesem Augenblick passiren lauter schöne Wagen und Pferde, die Livreen gleichen den Hoflivreen, denn jede arme Lieutenantsfrau glaubt ein Stück des Hofes sein zu müssen. – Hinter dem Wagen steht ein Neufchateller Jäger, der nie einen Hasen geschossen, und noch überdies das Französische seiner gnädigen Frau nicht recht zu deuten versteht, so laut sie auch das ganze Publikum damit unterhält. Vor 1813 hatte das Unglück die Berliner vernünftig gemacht, seitdem die Staatskassen richtig zahlen, und die Orden fliegen, sind sie die alten, und noch schlimmer wie vor 1806. – Darf ich Dich besuchen, wenn ich im Frühjahr nach dem Rhein komme? Gern sagte ich Dir mündlich, daß ich nie aufhören kann der Deinige zu sein.« –

Immer auf's Neue äußerte Lützow den Wunsch Elisen wiederzusehen, um sich bei ihr zu entschädigen für sein häusliches Leid. »Lange bin ich in Dresden gewesen,« schrieb er ihr aus Berlin, den 1. November 1834, »und habe eigentlich die Absicht dort für immer zu leben. Dir hat es ja auch stets dort gefallen, kommst Du nicht vielleicht einmal wieder nach Dresden? Wir wollten recht freundlich zusammen leben. Ueberlege Dir meinen Vorschlag, der aus meinem tiefsten, innersten Gefühl hervorgegangen. – Die Tochter unseres Wilhelms würde Dich interessiren, sie ist stark, kräftig, und ob sie gleich für das ungezogenste Mädchen gehalten wird, und alle Dinge mit ihren eigenen Augen ansieht, so ist dennoch in ihrem kleinen Herzen eine Welt von Empfindungen und unendliche Tiefe des Gefühls. – Meine felsenfeste Gesundheit ist erschüttert, und ich bin oft krank. Gemüthsbewegungen kann ich durchaus nicht vertragen, diese machen, wie Aerger, da ich nicht wie sonst durch heftiges Aufwallen Luft mache, mich stets krank. – Ich erwarte viel von einer gänzlichen Zurückgezogenheit im herrlichen Dresden, besonders wenn auch Du durch Deine Gegenwart das Leben verherrlichen wolltest. Mit tiefer Anhänglichkeit und treuer Freundschaft der Deinige Adolph.« –

Was Lützow hier von seiner Gesundheit sagte, war leider nur zu wahr! Ein Brief aus Berlin, den 18. November 1834, in welchem er Elisen nachträglich auf gewohnte Weise zu ihrem Geburtstag Glück wünschte, und lebhaft über ein dreitägiges Fieber klagte, war der letzte, den er der geliebten Freundin geschrieben, denn schon den 4. Dezember 1834 starb er plötzlich, erst zweiundfünfzig Jahre alt. –

Er wohnte, da seine Frau in Dresden lebte, und er dadurch wieder ganz allein war, die letzte Zeit im Thiergarten beim Hofjäger, wo er ein einzelnes Zimmer seiner früheren Wohnung gemiethet hatte. Er war den Abend, über Unwohlsein klagend, nach Hause gekommen, und den andern Morgen fand ihn sein Diener todt im Bette. Seine Gesichtszüge sahen so ruhig aus, als wenn er schliefe. Auf einem Tische neben ihm lagen einige Bände Shakespear, Tasso, Faust und Wallenstein, Werke, die ihm nur als Erinnerung an Elisen lieb sein konnten, da er sonst an solcher Lectüre keinen Geschmack fand.

Elisa war tief erschüttert von der Nachricht, welche die treue Johanna Dieffenbach sogleich an Immermann schrieb, damit dieser sie in schonender Weise der Freundin mittheile. Allgemein wurde der tapfre und ruhmreiche Freischaarenführer betrauert, der durch seine Unerschrockenheit und Biederkeit, durch seine Gutmüthigkeit und Offenheit viele Freunde besaß, und von der ganzen preußischen Armee hochgeachtet wurde. Für die Handlungen, zu denen ihn Leidenschaft und Charakterschwäche verleitet, hatte er bitter gebüßt durch tiefe Reue, und wenn er selbst sich auch sein Unglück zugezogen, so mußte man ihn doch herzlich darum bedauern. Er wurde vor der Zeit alt. Seine zweite Heirath war es vor allem, die ihm viel Kummer bereitete, nun kam noch seine leidende Gesundheit dazu, und die kränkende Zurücksetzung, die er, der sich um das Vaterland so sehr verdient gemacht hatte, erfahren mußte. – Sein Andenken wird fortleben in der Geschichte, wenn diejenigen, die ihn in den Schatten zu stellen suchten, längst vergessen sind.

Wir müssen verschiedene Reisen erwähnen, welche Elisa während ihres Aufenthalts in Düsseldorf machte, theils begleitet von Immermann, theils allein. Die schönen Rheingegenden forderten zu manchen romantischen Ausflügen auf; in Dresden wurde Tieck besucht, dessen Kreis vielfach Anregung bot, und der mit Immermann das Interesse für die Bühne theilte. Als Immermann 1831 jene Reise machte, die er in seinem gedruckten »Reisejournal« geschildert, schrieb er alle jene darin enthaltenen Briefe an die in Derendorf zurückgebliebene Elisa; sie legen in manchen kleinen Zügen dar, wie auch in der Ferne sich alle seine Gedanken zu der Freundin richteten, wie er nichts genoß und nichts erlebte, was er nicht mit ihr zu theilen verlangte. Im Jahre 1834 unternahmen er und Elisa eine gemeinschaftliche Reise nach Holland, auf der die Malerin Karoline Lauska sie begleitete. Sie gingen über Nymwegen, Rotterdam, Delft, den Haag, nach Scheveningen. Hier hatte Elisa die Freude nach langen, langen Jahren wieder einmal das Meer zu erblicken, das Meer, bei dessen majestätischem Anblick, bei dessen geheimnißvollem Wogen und Brausen sie ihre Kindheit und ihre Mädchenjahre verlebt, und manche goldene Jugendträume geträumt. Froh schlug ihr Herz, als sie am frühen Morgen am Strand von Scheveningen entlang gingen, und ihnen die grünlich silberne Fluth entgegenschäumte; sie jubelte vor Entzücken, sie athmete mit Wonne eine Luft, die sie an die Heimath erinnerte. Ihr scharfes Auge entdeckte zuerst die mächtigen Segelschiffe, die am Saume des Horizonts wie ferne Nebelgestalten grau und geisterhaft erschienen, und die Elisa wie Freunde begrüßte. Die Wellen hatten die zierlichsten Schaumlinien auf dem Strande zurückgelassen, und das Meer warf phantastische grüne Schilfkränze und die leuchtendsten Muscheln und Schneckenhäuser zu Elisens Füßen, wie wenn es ihr, der Tochter des Meeres, damit Geschenke darreichen wollte. Alle diese Schätze wurden als Andenken gesammelt.

Sie gingen weiter über Harlem nach Amsterdam. Als sie an dem letzteren Orte nach Frascati kamen, einem Wirthshaussaal, den man ihnen sehr empfohlen hatte, trafen sie dort in dem hellen Raume ein paar hundert Menschen, welche rauchten und tranken. Sie fanden an einem Tisch in einer Ecke mühsam Platz, und Immermann, mit seinem Sinn und Auge für das Charakteristische ergötzte sich die vielen seltsamen Gruppen ringsumher zu betrachten. Da waren viele Nordholländer und Nordholländerinnen, die letzteren an Kopf, Hals und Nacken mit Goldplatten und Brillanten bedeckt, übrigens in bäuerlicher Tracht. Ihre Begleiter saßen, die Hüte auf dem Kopf, neben ihnen, sahen starr vor sich hin, bliesen den Rauch aus den Thonpfeifen, und gaben keinen Laut von sich. Das Ganze sah aus wie ein gemaltes Bild. Immermann entdeckte hier mit Vergnügen so komische Originale, wie er sie später in seinem »Münchhausen« geschildert, aber Elisa, die stets den größten Widerwillen gegen Wirthshausluft und Tabacksqualm gehabt, wurde es plötzlich so unheimlich dort, daß sie mit Einemmale, ohne sichtbares Motiv sich voll Entsetzen erhob, und mit einem Ausdrucke des Grauens erklärte, daß sie es hier unmöglich länger aushalten könne. Von ihren Gefährten gefolgt, verließ sie eilig den Saal. –

Wie Immermann im Museum zu Amsterdam ein Gemälde von Gerhard Dow, welches man, um es besser zu schützen, unter Glas gebracht hatte, anfaßte, um es in helleres Licht zu bringen, schoß ein langer, wunderlicher Galeriediener wüthend auf ihn zu und rief mit giftigem Blicke: die Schildereien wären zum Bekeeken und nicht zum Anfassen da! Dieser komische Auftritt blieb Elisens lustigste Reiseerinnerung aus Holland. – Ueber Utrecht und Arnheim kehrten sie nach Düsseldorf zurück. –

Immermann dichtete nichts, das er nicht zuerst Elisen vorlas, und ihrem Urtheil unterwarf. So sehr sie sein Talent liebte und anerkannte, so war sie doch keinesweges eine blinde Bewundrerin seiner Werke; weit entfernt, wie so viele Frauen, die den Schriftstellern, welche ihnen nahe stehen, durch ein maßloses Lob, welches größtentheils aus Beschränktheit und Mangel an Geist entsteht, mehr schaden als nützen, sprach sie immer ihre offene Meinung gegen ihn aus, mochte sie nun von der seinigen abweichend oder zustimmend sein. Als sie einmal an seinem »Alexis« etwas tadelte, brach der empfindliche Dichter in den klagenden Ausruf aus: »Wie, auch Sie verstehen mich nicht?« – Elisa ließ sich, so sehr diese Worte sie schmerzten, dadurch nicht irre machen, und hatte die Genugthuung, daß ihr Immermann bald den ungerechten Vorwurf abbat, und an seinem Werk die Veränderung vornahm, die Elisa ihm angerathen hatte. Er schrieb keinen Brief, den er ihr nicht, ehe er ihn abschickte, vorgelesen hätte; alle seine Briefschaften, seine Manuscripte, schenkte er ihr; sie besaß einen Schlüssel zu dem Schrank, in dem er alle seine Papiere verwahrte, er hatte kein Geheimniß vor ihr, und es war ihm lieb, wenn sie in die innerste Werkstätte seiner Gedanken blickte. Mit eigner zarter Hand ordnete sie seinen Schreibtisch, und schmückte ihn auch wohl mit Blumen. Zu wiederholten Malen bat Immermann Elisen, ihm ihre Hand zu reichen, und damit seinem Glück die Krone auszusetzen; er stieß immer auf denselben Widerstand. »Wird er immer so fühlen?« dachte sie zaghaft und bescheiden, und hielt es für das beste, nichts an ihrem schönen Zusammenleben zu ändern. –


Ein großer Schmerz war für Immermann, daß das Düsseldorfer Theater, welches unter seiner Leitung einen so schönen Aufschwung genommen, wegen Mangel an Geldmitteln eingehen mußte. Die Opfer, welche er selbst brachte, es zu erhalten, wollten nicht ausreichen; keine Anstrengung, keinen Verdruß, der bei einer solchen Stellung unvermeidlich war, hatte er gescheut, und mit unermüdetem Eifer sich der Sache gewidmet, die ihm so sehr am Herzen lag. Bis zuletzt hoffte er, daß sich im Publikum so viel Theilnahme finden würde, um die sinkenden Kräfte zu unterstützen, aber mit Bitterkeit mußte er wahrnehmen, daß die Reichen und Großen sich um die Hebung der wahren Kunst viel zu wenig kümmerten, um zu einem solchen Zwecke beizusteuern, und noch viel später, in den »Düsseldorfer Anfängen« klagte er, daß in dem Staate der »Intelligenz« das Gouvernement, während es Hunderttausende für die Frivolitäten des Ballets und der Oper in der Hauptstadt verschwenden, nicht daran dachte, eine jährliche Unterstützung von 4000 Thalern einem Institut zuzuwenden, das bestimmt war, in die Reihe der Rheinischen Kunstanstalten mit einzurücken.

Am 1. April 1837 mußte die Bühne, nach dreijährigem, ruhmreichen Bestehen, geschlossen werden; sie ging unter, aber in höchster Kraft und vollster Blüthe, in einer Weise, die ihrer würdig war. Die Schauspieler fühlten sich so von Eifer beseelt, daß sie bis zuletzt den größten Fleiß auf die schwierigsten Aufgaben verwandten. Immermann sagte selbst, daß sie bis zuletzt so viel leisteten, »weil sie ihre Ehre darein setzten, daß die Bühne im höchsten Glanz ihrer Thätigkeit untergehe.« Die letzte Vorstellung wurde mit einem Epiloge von Immermann geschlossen, den die Schauspielerin, Madame Limbach vortrug, und in welchem, nachdem die Klage ausgedrückt, daß das Glück in dieser bunten Thätigkeit nur so kurz gedauert, es weiter heißt: