Immermann war sehr verstimmt; neben dem Scheitern seiner Bühnenwirksamkeit verdroß es ihn, daß er als Schriftsteller nicht die Anerkennung fand, die er zu verdienen glaubte. Persönliche Verdrüsse kamen hinzu, wie zum Beispiel schon früher das Erkalten seines Freundschaftsverhältnisses mit Schadow. Doch konnten ihn alle solche Verstimmungen nicht an neuem Schaffen hindern; er gab die »Memorabilien« heraus, die »Epigonen,« dichtete an seinem »Münchhausen« und begann »Tristan und Isolde.«
Eine Reise nach der Fränkischen Schweiz, im Jahre 1837, mit der er einen Besuch in Weimar verband, heiterten ihn etwas auf. Er las an dem letzteren Orte sein neuestes Drama »Ghismonda, die Opfer des Schweigens« vor, und leitete dessen spätere Aufführung dort ein. Die Erinnerung an Goethe regte ihn an, und erhob ihn; die freundlichste Aufnahme am Hofe wurde ihm zu Theil, und das Weimarer Theater mochte wohl den Wunsch in ihm erregen, ein solches unter seiner Leitung zu sehen. Die ganze, nach seinem Tode abgedruckte »Fränkische Reise« bestand aus Briefen, die er an Elisen schrieb.
Als bei seiner Rückkehr die Freundin ihn voll Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit empfing, dichtete er die folgenden Strophen an sie:
Im Februar 1838 nahm Immermann an dem Fest der Freiwilligen zu Köln Theil, das zur Feier des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums begangen wurde. Sein Gedicht: »Die silberne Hochzeit,« das er den Kameraden vortrug, zeigt seine Begeisterung für das Vaterland, und wurde mit lautem Beifall aufgenommen. Seine spätere Beschreibung des Festes feierte die große Zeit, deren er und die Freundin so gern gedachten.
Im Laufe des Sommers erschien unter den Fremden in Düsseldorf auch Adolf Stahr, der damals zuerst die Bekanntschaft von Immermann und Elisen machte; er kam aus Oldenburg mit seinem Freunde, dem humoristischen Schriftsteller Theodor von Kobbe, der sich selbst in seiner lustigen Weise Immermann's enragé nannte. Bald darauf schilderte Stahr sehr anziehend im »Bremer Conversationsblatt« seinen Besuch bei dem Dichter, für den er voll Liebe und Verehrung war. –
Im Herbst dieses Jahres wünschte Elisa nach so langer Zeit endlich einmal wieder ihren guten alten Onkel von Hedemann-Heespen in Holstein zu besuchen, der nun bereits den Siebzigen nahe war, und dringend verlangte, sie wiederzusehen. Da Immermann seine Familie in Magdeburg sehen, und eine Taufe bei seinem Bruder wollte mitfeiern helfen, auch einen Ausflug nach Hamburg, wo er Karl Gutzkow und Ludolf Wienbarg aufzusuchen wünschte, und nach Bremen beabsichtigte, so ließ sich die Reise theilweise gemeinschaftlich machen. Immermann blieb in Magdeburg, während Elisa bei ihren Verwandten verweilte.
Auf der Durchreise durch Münster erwartete Elisen der alte, würdige Möller mit der feurigen Sehnsucht eines Jünglings. Wo sie erschien, bezauberte sie wieder alle Herzen; der alte Onkel wurde beinahe wieder jung vor Freude über ihre Gegenwart; in Hamburg begrüßte sie nach so langer Trennung mit gerührtem Herzen ihre Erzieherin, Marianne Philipi, die nun Zweiundachtzigjährige, deren sehnlichster Wunsch es gewesen war, das »holdselige Angesicht« ihrer Elisa vor ihrem Ende noch einmal zu sehen. Wie wohlthuend und beglückend ihre Erscheinung auf ihre alte Freundin wirkte, mögen die folgenden, bald nach diesem Wiedersehen geschriebenen Zeilen der letzteren, aus Hamburg den 31. October 1838 andeuten: »Herzlichen Dank, Du theuerste Elisa, für Deine mich beruhigenden, liebevollen Zeilen, so wie für Deine wohlthuende Nähe, deren ich mich länger und öfterer, als ich zu hoffen mir getraute, während Deines Aufenthalts in Hamburg erfreute. Möge die uns zu Liebe gemachte Reise in ihren Folgen sich eben so beglückend Dir erweisen! In Gedanken blicke ich Dir noch immer, wie das letzte Mal an meinem Schreibtisch, in Dein seelenvolles Auge, Dein freundliches Gesichtchen, dessen Züge ich mit schwärmerischer Mutterliebe in mein Innerstes einzuziehen und unauslöschbar festzuhalten mich bestrebte. Gestehen darf ich Dir wohl, ohne Deine Bescheidenheit, den Grundton des echt weiblichen Wesens, zu verletzen, daß ich Dich liebenswürdiger, meinem Herzen näher als je, wiederfand. – Mit Deiner holden Erscheinung ist mir ein neues, schöneres Dasein wieder geworden So überwiegt ein Stündchen traulicher, mündlicher Mittheilung den ganzen Inhalt eines Briefwechsels mehrerer Jahre, unter der Furcht unheiliger, über die Schulter einkuckender, mitlesender Augen! Auch darf ich Dir ferner nicht verhehlen, daß Du neue Lebenslust und neuen Lebensmuth wieder in mir angefacht. Wem hätte es je einfallen können, daß das vormals ihre Erzieherin so muthwillig umhüpfende Elischen einst derselben eine so wirksame Arznei reichen würde! – Wie ruhig bin ich, Dich jetzt so wohl, und Deine Angelegenheiten in so guten, geschickten Händen zu wissen. Der Himmel erhalte Dir bei Gesundheit und Frohsinn alles, was zu Deiner Zufriedenheit gereicht, und schenke Dir einen so heitern Lebensabend, als der, dessen ich mich durch Deine Liebe erfreue. Dem gefälligen Immermann bitte ich seinen Gruß freundlichst zu erwiedern, und für sein gütiges Anerbieten zu danken. Welch ein Genuß, könnte ich seinen Vorlesungen und seiner geistreichen Unterhaltung lauschen! – Das Sträuschen, das Du mir scheidend gabst, ruft, wohlverwahrt, alle die lieblichen Bilder, womit Deine holde Gegenwart mein Zimmerchen beseelte, wieder zurück, es wird mir immer zur Seite bleiben. – Lebe wohl, geliebte Elisa! Gedenke mein wie bisher mit Liebe, überzeugt, daß Du keinem Wesen theurer sein kannst als mir, die Dich im Herzen trägt, und tragen wird, bis es bricht. Marianne Philipi.« –
Wer läse nicht mit Wehmuth diese liebenden Wünsche in einem Augenblick, wo das Verhängnis schon das Gegentheil beschlossen hatte! –
Immermann hielt sich unterdessen, wie schon bemerkt, in Magdeburg auf. Das Familienfest bei seinem Bruder Ferdinand versetzte alles in frohe Stimmung. Ein junges, achtzehnjähriges Mädchen, dessen Vormund Ferdinand Immermann war, Marianne Niemeyer, aus Halle, befand sich dort im Hause. Als Immermann in seiner gewohnten Art in dem Kreise vorlas, fiel ihm der eifrige Antheil auf, den Marianne daran zu nehmen schien; dadurch interessirte er sich für sie, und beschäftigte sich mit ihr; doch konnte es zu keiner genaueren Bekanntschaft kommen, da er sich nur so kurze Zeit bei den Seinigen aufhielt, und Mariannen nur ein paar Mal gesehen hatte.
Als er wieder mit Elisen zusammentraf, und mit ihr gemeinschaftlich die Rückreise nach Düsseldorf antrat, machte er ihr auf's neue den Vorschlag, ihn zu heirathen; er that es diesmal mit einer Art von beklommener Heftigkeit, die Elisa nicht zu deuten wußte; sie blieb wie immer bei ihrer Weigerung.
Zu Hause angelangt, schrieb Immermann sogleich an Mariannen; sie antwortete auf der Stelle. Immermann fand den Verkehr mit einem so jungen Mädchen pikant und neu, und setzt den Briefwechsel eifrig fort, den er, der sonst kein Geheimniß vor Elisen hatte, vor ihr verschwieg. Seine Beziehung zu Mariannen gewann durch die kurze Bekanntschaft, die Entfernung, die Hast und Ueberstürzung, einen Anflug von Leidenschaftlichkeit.
Ferdinand Immermann, der Vormund Mariannens, äußerte seine entschiedene Mißbilligung; er verlangte zum wenigsten Einsicht in den Briefwechsel, und machte seinem Bruder die heftigsten Vorwürfe, den er durchaus als gebunden ansah. Die Großmutter Mariannens, die alte Kanzlerin Niemeyer in Halle, betrachtete die Sache von einer andern Seite; sie liebte es, Heirathen zu stiften, und behauptete, sie sähe durchaus nicht ein, warum Immermann ihrer Enkelin nicht seine Hand anbieten könne, da er ja nicht verheirathet sei. Es war ihr leicht, es durch ihren Einfluß dahin zu bringen, daß Immermann in einem Briefe anfragte, ob Marianne die Seine werden wolle? Diese gab sogleich ihr Jawort.
Das alles geschah so plötzlich, so rasch hintereinander, wie wenn ein unvorhergesehener Gewitterregen einbricht, und in Einem Augenblick alle Blüthen schonungslos vernichtet. Immermann wagte nicht Elisen zu gestehen, was er gethan; sein böses Gewissen nahm ihm den Muth dazu. Und dennoch ist nichts so schwer, als eine Verlobung lange geheim zu halten! Bald wußten mehrere Personen in dem Düsseldorfer Kreise darum, nur Elisa nicht! –
Immermann las ihr in jener Zeit ein Gedicht vor, das er an Mariannen gerichtet hatte. Elisa blickte ihn an, und sagte mit ihrer wunderbaren Divinationsgabe, halb ruhig, halb scherzend: »Ich glaube diejenige, an welche dies Gedicht gerichtet ist, werden Sie noch einmal heirathen!« – Immermann läugnete dies auf das entschiedenste; sie aber hatte richtig vorausgefühlt! –
Es waren beklommene, unheilverkündende Tage; Immermann fühlte sich nicht mehr frei und unbefangen Elisen gegenüber, wie sonst; er konnte ihr nicht mehr mit der gewohnten Offenheit begegnen; wenn sie die sanften, blauen Augen zu ihm aufschlug, senkte er verlegen die seinigen. Elisa konnte es sich nicht mehr verbergen, daß sich das Betragen des Freundes gegen sie verändert habe. Was war es, das wie eine dunkle Wolke zwischen ihnen lag? – Sie litt in der Stille, und litt unendlich. –
Niemand als der treuen Johanna Dieffenbach vertraute sie ihre Gefühle. Diese, die ihre Freunde nie im Stiche ließ, wo es galt, schrieb sogleich aus Berlin, den 18. Dezember 1838: »In dieser Minute habe ich Deinen Brief erhalten, und rufe Dir auf der Stelle zu, komm, komm hieher, zu mir, zu mir, Du geliebte Elisa! Für's erste würde Dir die Stille hier auch wohlthun, und weitere Pläne lassen sich hier gemeinschaftlich berathen. Soll ich, soll mein Freund Kaufmann Dich holen kommen? Ein Wort, und Du sollst nicht einsam, mit schwerem Herzen, den Weg hieher machen; denn hieher, und nirgends anders gehe zuerst. – Und wenn innige, herzliche Freundschaft Trost gewährt, so findest Du ihn an meinem Herzen, das mehr als ein anderes Dir nachfühlen kann. Gott hat mir beigestanden, wo ich so ganz verzagte, und mir ein ruhigeres Leben geschenkt, als ich's je vorher hatte. Vertraue Du nur, es wird Dir auch nicht fehlen! Ewig Deine Johanna.« –
Es ist schwer zu glauben, daß ein Verhältniß zerstört sei, das für das Leben dauern sollte, daß nach so vielen Jahren einer poetischen, beglückenden Freundschaft ein solches Ende folgen könne. Elisa duldete weiter. Die Freundin schrieb ihr den 24. Januar 1839 wieder, wie folgt: »Wärest Du armes Herz nur erst hier, fort von da, wo Du jede Stunde auf's neue verletzt werden mußt. Kein Schmerz verwundet so tief, als sich getäuscht zu finden, wo man so ganz vertraut hat, erkaltet zu fühlen, was unser Herz so lange mit unwandelbarer Treue festgehalten, sich abwenden zu sehen, was durch Hingebung unseres ganzen Wesens wir für immer uns verbunden glaubten. O, so grausam scheidet nicht der Tod, unsere theuren Gestorbenen leben uns in der Seele fort, wir dürfen ihrer freudig gedenken. Aber Freunde, die dieses Namens unwerth, aller Liebe, Treue, Hingebung, aller Opfer uneingedenk, dies alles mit engherziger Selbstsucht und Undank lohnen können, die verbittern nicht bloß die Gegenwart, auch der schönen Vergangenheit können wir nicht gedenken, ohne daß uns wie eine dunkle Wolke die schmerzliche Erfahrung vor die Seele tritt. Glaube Du Geliebte, Tag und Nacht beschäftigt Dein Schicksal mich, ich fühle Dir alles nach, weil Dein Loos das meine war. Dieser Zustand des Verlassenseins, der Einsamkeit ist furchtbar, auch ich dachte damals verzweifeln zu müssen, keines Menschen Trost fand bei mir Gehör.« – Mit ihrer großartigen Freundschaft stellte sich Johanna Elisen vollständig zur Verfügung; diese sollte bestimmen, ob sie kommen, und Elisen mit sich führen, ob sie zusammen reisen, wie und wo sie leben wollten; sie hoffte, eine Reise in neue, schöne Gegenden solle Elisen zerstreuen und ihren Kummer heilen.
Diese zögerte noch immer, einen Entschluß zu fassen; sie ahnte, daß etwas Entsetzliches vorginge, ohne zu wissen, was es sei. Was Immermann ihr verschwieg, wurde ihr nun von Andern mitgetheilt: daß er verlobt sei. Das konnte sie nicht glauben! Ihr edles Gemüth hielt es für nicht möglich, daß er dasjenige, was er vor allen Andern ihr mitzutheilen schuldig war, ihr verheimlichen könne.
Die Gewißheit ließ nicht lange auf sich warten. Immermann legte ihr eines Tages auf seinen Schreibtisch, den sie, wie bereits gesagt worden, allein zu ordnen pflegte, und dessen Papiere sie alle lesen durfte, einen Brief, der ihr alles entdeckte. Es war der schrecklichste Augenblick ihres Lebens. Nach zwölf Jahren, die sie dem Glücke des Freundes ausschließlich gewidmet hatte, nach zwölf Jahren voll Treue und liebender Sorgfalt, war nun alles zu Ende! – Ihre bangen Ahnungen hatten sie nicht getäuscht! Und der einfachen Jugendlichkeit eines Kindes war es vom Schicksal bestimmt, den Sieg davonzutragen über eine Frau von so feinem und hohen Geist, von so schönem Herzen, von so bezaubernder Liebenswürdigkeit wie Elisa! – Sie, die vertraute Freundin, wollte er aufgeben, für ein fremdes junges Mädchen, das er nur einige Male erblickt hatte! –
Wie Elisa in Magdeburg lebte, hatte sie bei Immermann's Mutter ein Kind gesehen, das dort fröhlich umherspielte: es war Marianne Niemeyer! So war diejenige, die Elisens Freundschaftsverhältniß zu Immermann stören sollte, schon beim Beginne desselben gegenwärtig gewesen. Seltsame Fügung! –
Diesem tragischen Geschick gegenüber, fühlte Elisa unwiderleglich in ihrem Herzen, daß es nur einen Ausweg für sie gebe: fortzugehen auf immer. Immermann hatte das nicht gedacht, sondern die inneren Vorwürfe, die er sich machen mußte, mit der Hoffnung zu besänftigen gesucht, sie werde sich bereden lassen, trotz seiner Heirath, bei ihm zu bleiben; die Freundin könne einen Platz neben der Frau haben. Aber mit edlem Unwillen wies Elisa solch einen Vorschlag zurück, den anzunehmen unter ihrer Würde gewesen wäre. Immermann war bestürzt, außer sich, als er vernahm, daß er sie verlieren sollte! –
Sie schwieg, außer gegen Johannen, gegen alle Welt über das, was vorgefallen; gegen niemand kam ein Wort der Klage über ihre Lippen. Anders er; in der Aufregung lief er zu allen gemeinschaftlichen Freunden, vertraute ihnen, Elisa zürne ihm, und bat um ihre begütigende Vermittelung und Ausgleichung. In so zarte Verhältnisse kann kein Dritter sich mischen, ohne zu verletzen; die Freunde, die nun kamen, und Elisen bestürmten, sie solle doch bei Immermann bleiben, konnten natürlich nichts ausrichten; vergeblich wollten sie es so schön finden, wenn Elisa die mütterliche Freundin der jungen Gattin würde. – Immermann erwartete damals von Düsseldorf versetzt zu werden, Elisa, meinten sie, solle dann das junge Ehepaar an den neuen Wohnort begleiten. – Elisa empfand aber tief das Widrige solchen Vorschlags, und das Unpassende solcher Unterredungen; sie blieb bei ihrem Vorsatz. Alle wollten sie nicht begreifen können, warum Elisa ginge, nicht begreifen, was doch das einfache Gefühl zu begreifen lehrt! Auch ein Theil von Elisens Familie war unzufrieden mit ihrem Entschluß. Sie ließ sich nicht irre machen, und schrieb an Alle: man möge nicht weiter in sie dringen: Immermann habe ihr früher mehrmals seine Hand angeboten, sie habe sie ausgeschlagen; nun heirathe er, das fände sie in der Ordnung, aber die Art, wie er es gethan, habe sie gekränkt. – So übte sie noch bis zuletzt Schonung und Entsagung für ihn. –
Die Einzige, die Elisen ganz verstand, und begriff, daß hier eine Trennung nöthig sei, war die Freundin Johanna; sie schrieb aus Berlin, den 8. April 1839: »Geliebte Elisa! Schon lange weiß ich nichts von Dir, und erwarte auch jetzt kaum Dein Herkommen. Täglich suche ich in der Zeitung nach Immermann's Versetzung, und da sie bis jetzt nicht erfolgt ist, bleibst Du auch wohl noch dort. Ach, ich kann's nur zu deutlich denken, wie schwer Du Deine Wohnung verlassen wirst, und wie gern Du selbst alles verschiebst, wenn auch das frühere Leben darin geendet hat. Daß Immermann wünscht, Du zögest nach seinem künftigen Wohnort, finde ich natürlich – aber ob Dir's heilsam wäre, wage ich nicht zu glauben, Du würdest fortkranken, ihn so ganz anders zu sehen. – Deine Wunde ist nicht mit Rosenwasser zu heilen, da gehört ein noch tieferer Schnitt, ehe Du auf Genesung rechnen kannst. – Sage mir sehr bald, wie Du Dich fühlst, und was Du beschließest, und gebrauche mich, worin Du glaubst, daß ich Dir dienlich wäre. Ich glaube fest, es würde Dir wohler, bei meiner Liebe zu leben, als jetzt – weil unser Band von Herz zu Herzen geht. – An die Verhältnisse in Halle kann und mag ich gar nicht glauben, doch möcht' ich näheres darüber hören. – Gott schenke Dir Kraft und Geduld, Du theuerste Elisa, und mir erhalte er Deine Liebe. Bis in den Tod Deine Johanna.« –
Elisa verabredete nun mit Johannen eine gemeinschaftliche Reise nach dem Süden, auf welcher der letzteren junger Freund, Philipp Kaufmann, der Uebersetzer von Shakespear und Burns, die beiden Damen begleiten und beschützen sollte.
Während dies sich vorbereitete, lebten Elisa und Immermann zusammen weiter, aber ach! wie anders als ehemals! Nach den ersten Stürmen der Aufregung verkehrten sie scheinbar ruhig miteinander, aber was sie innerlich fühlten, läßt sich nicht schildern. Immermann vertraute einem Freund, wenn er sich das alles so vorher vorgestellt hätte, er würde sich nie zu der Heirath entschlossen haben! Nun war es zu spät; er glaubte sich gebunden. So vergingen Wochen, Monate. In der Mitte des Juli erschien Johanna wie eine hülfreiche Retterin aus diesem unseligen Zustand; sie umschlang voll Zärtlichkeit die geliebte Freundin, und ihr mitfühlendes Herz schlug an dem tieftrauernden Elisa's.
Den 14. August 1839 verließ Elisa in Gesellschaft Johannens ihren heitern, ländlichen Wohnort Derendorf, das stille Haus unter den schattigen Bäumen, wo sie zwölf Jahre ihres Lebens zugebracht hatte, auf immer. Mit schwerem Herzen begleitete Immermann die theure Freundin bis Köln; der Abschied war erschütternd; es war, wie wenn die ganze ehemalige, zarte Innigkeit dieses Verhältnisses noch einmal aufflackerte; es war ein Abschied für ewig! –
Bis dahin hatten sich Elisens Schönheit und Jugendreiz wunderbar erhalten, aber dieser Abschnitt ihres Lebens war auch zugleich die Gränze ihrer Jugend; sie war nun neunundvierzig Jahre, und sah mit vollkommener Entsagung in die Zukunft; sie hoffte, sie wollte und wünschte nichts mehr vom Leben. Johannens Liebe suchte sie zu stützen und aufzurichten. Die schöne Natur that ihr wohl. »Es war das Schrecklichste, was mir begegnen konnte,« sagte sie später einmal zu einer Freundin, »aber wenn man es überwunden hat, wird man sehr ruhig.« – Nachdem der junge Philipp Kaufmann sich den beiden Freundinnen angeschlossen, nahmen sie den Weg über Straßburg und Freiburg nach der Schweiz.
Während Elisa so immer weiter in die Ferne ging, blieb Immermann mit Empfindungen zurück, die von denen eines glücklichen Bräutigams weit abwichen. Der Abschied von Elisen hatte die schmerzlichsten Gefühle in ihm erregt, und schon jetzt begann er zu ahnen, daß mit ihr sein guter Genius von ihm gewichen sei. Welch ein Dämon war es, der ihn einen Theil von jenen zerreißenden Seelenzuständen erleben ließ, die er in seinen »Papierfenstern eines Eremiten« in früher Jugend mit vorahnendem Dichtergeist geschildert! – Noch wenige Tage verweilte der Dichter allein in dem romantischen Häuschen zu Derendorf, dem ehemaligen Schauplatze eines idealen Glückes; er fand keine Ruhe mehr zwischen diesen Blumenbeeten und Rosengebüschen, diesen schattigen Gängen und traulichen Ruheplätzchen, alles sprach zu ihm mahnend und eindringlich von der Vergangenheit, er fühlte ein Weh bis in's innerste Herz, und eilte diesen Ort auf immer zu verlassen. –
Bereits den 20. August schrieb eine Freundin von Immermann und von Elisen, Amalie von S. an die letztere aus Düsseldorf die folgenden Zeilen: »Ich gestehe Ihnen offen, daß ich es Immermann gönnte, Sie nicht so weit von ihm getrennt zu wissen. Der Schmerz des Abschiedes von Ihnen hat das Bild Ihrer Treue und Liebe, welches nie verlöscht war, mit einer solchen Gewalt in ihm hervorgerufen, daß Sie, wenn Sie dies in persönlicher Gegenwart sähen, und Ihre Seele noch nicht zum alten Vertrauen zurückgekehrt wäre, schon in, darf ich sagen, christlicher Milde, etwas zu seiner Beruhigung thun würden. Ich kann es wahrhaft sagen, wie es auch in Zwischenstimmungen gewesen sein mag, jetzt lebt Ihnen kein ergebenerer Freund auf Erden.« –
Bald nach Elisens Abreise wurde Immermann's Verlobung öffentlich erklärt; er reiste nach Halle zu seiner Braut, mit der er sich den 2. October 1839 verband.
Auf der Rückreise nach Düsseldorf nahm er mit seiner jungen Frau den Weg über Weimar, wo ihm wieder von allen Seiten die ehrenvollste Aufnahme zu Theil ward. Am Abend seiner Ankunft wurde er im Theater mit einer Aufführung seiner »Ghismonda« bewillkommnet; seine junge Frau wohnte neben ihm der Vorstellung bei. Da ergriff ihn das Gefühl des ungeheuren Abstandes zwischen jetzt und ehemals; er mußte sich vorstellen, welchen warmen Antheil Elisa an der Darstellung dieser seiner Dichtung genommen haben würde, ihm fehlte überall ihr feines Eingehen, ihr tiefes Verständniß seines innersten Lebens. Es lag eine Art von Ungerechtigkeit in solchen Vergleichen, er konnte, er durfte von einem so jungen Wesen zum wenigsten nicht jene volle Reife des Geistes verlangen, die er an Elisen gewohnt war.
Bei einem Aufenthalt in Dresden ging es nicht anders. Als Marianne Morgens in der Galerie sich für die Bilder nicht so lebhaft interessirte, als er erwartet hatte, als sie Abends bei einer Tieck'schen Vorlesung ermüdete, rief er schmerzlich, solche Gleichgültigkeit wäre bei Elisen unmöglich gewesen! – Er vergaß in seiner Aufregung, daß die arme junge Frau keine Schuld daran hatte, daß sie nicht Elisa war, und daß nur Wenigen die hohen und bezaubernden Gaben zuertheilt werden, welche die letztere besaß! – Immermann empfand Augenblicke der Verzweiflung, in denen er mit Leidenschaft nach Elisen verlangte, ja, er veranlaßte sogar Mariannen ihr zu schreiben, und sie flehentlich zu bitten, zu ihnen nach Düsseldorf zurückzukehren. Das war jetzt zu spät; Elisa hatte mit ihrem früheren Leben bereits abgeschlossen! –
Da aus Immermann's von ihm so lebhaft erhoffter Versetzung nichts geworden war, so mußte er in Düsseldorf bleiben, das er sehnlichst zu verlassen wünschte. Er bezog mit seiner Gattin eine kleine Wohnung in der Stadt, in der unschönen Grabenstraße. Die engen Zimmer, die zwei Treppen hoch gelegen waren, beklemmten und bedrückten ihn; er seufzte laut nach Raum und Luft, nach dem freundlichen Derendorfer Garten; er kam sich wie in einem Käfig vor. Er fühlte sich wie Tasso, der aus den Gärten von Belriguardo verbannt ist. – Außer einigen Gesängen von »Tristan und Isolde« hat er auch nichts mehr gedichtet, seit Elisa ihn verließ. Wie schwer lasteten auf ihm die engen, bürgerlich häuslichen Sorgen, die sein neuer Lebensweg mit sich brachte! Jetzt erst fühlte er ganz, wie er verwöhnt worden war durch Elisens zarte Pflege, wie sie alle hemmende Prosa der Wirklichkeit von ihm entfernt, und eine Atmosphäre der Freiheit und der Schönheit um ihn geschaffen hatte, in der er sich ungestört der »süßen Gewohnheit des Daseins und des Wirkens« hingeben konnte. Die tröstende, hülfreiche, begeisternde Muse war von ihm entflohen, wer konnte ihn für solchen Verlust entschädigen! –
Elisa setzte unterdessen mit ihren Gefährten ihre Reise fort. Sie waren über den Gotthard nach dem schönen Italien gelangt, über Genua, Florenz, Bologna, Ferrara und Padua nach Venedig. Die herrlichen Gegenden, die wunderbaren Kunstwerke entzückten Elisen; sie empfand es als einen beglückenden Trost, daß während alle Menschenbeziehungen so unsicher, so wandelbar sind, die Freuden, welche die Natur, die Kunst und die Poesie gewähren, für denjenigen, der einmal wahren und echten Sinn für sie besitzt, wie unerschütterliche Säulen dastehen, an denen man Herz und Geist ewig aufrichten kann; die reiche Fülle des Schönen, die sich ihr hier auf jedem Schritte darbot, sie mußte wie mit mildem Sonnenschein ihr Inneres erhellen und beleben.
Als sie in Ferrara Tasso's Kerker und das alte Schloß der Este, einst der Sitz der Musen und Grazien, betrachtete, mochten wohl wehmüthige Gedanken in ihr aufsteigen über die Vergänglichkeit alles Glückes. In dem alten verzierten Himmelbette des Hôtels träumte sie von den goldenen Tagen, da Tasso, zu den Füßen der Prinzessin sitzend, dieser seine unsterblichen Werke vorlas. War es nicht zugleich ihre eigene Geschichte, die sie träumte? – Mitten aus diesen Phantasien weckte sie ein heftiger Stich am Finger, und wie sie hinfühlte, fehlte ihr der Trauring ihrer Mutter, den sie immer zu tragen pflegte, und nie fand er sich wieder! – Es war einer jener seltsamen, räthselhaften Vorgänge in ihrem Leben, wie wir schon deren mehrere berichteten.
Von den Wundern Venedigs sprach Elisa noch in später Zeit nie ohne Entzücken. Den Rückweg nahmen sie über Tyrol. Alle Erinnerungen aus Elisens Jugendzeit, wo Andreas Hofer sie mit Bewunderung erfüllte, traten hier lebendig vor ihre Seele; auch ohne Bitterkeit das Andenken Immermann's, und sie gedachte mit Freuden seines Drama's »Andreas Hofer,« dessen wahren Schauplatz sie hier betreten hatte.
Im Wirthshaus des hohen Gebirgsdorfes Achenthal waren die Zimmer so überfüllt, daß sie es verzog, in der reinlichen Küche bei der Wirthin ihr Frühstück zu nehmen, die ihr vom Hofer erzählen mußte, während Elisa dagegen ihr sein schönes Denkmal in Inspruck beschrieb, von dem sie eben herkamen. Während dieses Gespräches hatte sich eine Anzahl Tyroler um den Heerd versammelt; sie hörten ruhig und aufmerksam zu, und als Elisa fortging, gaben ihr mehrere von ihnen herzlich und vertraulich die Hand zum Abschied.
In München fand Elisa die Nachricht von dem Tode ihrer geliebten Erzieherin, Marianne Philipi, die dreiundachtzig Jahre alt geworden war. Das Blumensträußchen, welches ihr Elisa das Jahr zuvor beim Abschied gegeben, hatte die zärtliche Freundin, mit dem Datum und Elisens Namen bezeichnet, und sorgfältig getrocknet, seitdem beständig bis zu ihrem letzten Augenblick bei sich liegen gehabt. Elisa betrauerte innig das treue Herz, welches sie in ihr verloren hatte.
Eine Krankheit Johannens, so wie ihres Reisegefährten, die beide Elisa angestrengt pflegte, gab noch außerdem dem Aufenthalt in München eine trübe Färbung. Nachdem sie sich genugsam erholt und gefaßt, nahmen sie ihren Weg weiter nach Berlin, das sie zu ihrem Wohnort bestimmt hatten.
Es war grade der Weihnachtsabend als Elisa bei einer ihr befreundeten Familie, dem jetzigen Oberregierungsrath Albert Solger und seiner Gattin, in Potsdam anlangte. Wir finden in ihrem Reisetagebuch keine Klage, kein Wort, das man gegen irgend einen Menschen als Vorwurf deuten könnte, aber rührend sind die Schlußworte desselben: »Den 24. Dezember Abends bei treuen, lieben Freunden auf's herzlichste empfangen; welch ein Labsal für die Heimathlose!« – –
Wenige Tage darauf, zu Anfang des Jahres 1840, ging sie nach Berlin. Elisa und Johanna hatten beschlossen, sich nie mehr zu trennen; sie waren sich gegenseitig so viel Dank schuldig, daß sich nicht mehr berechnen ließ, welche mehr für die andere gethan hatte, so wie es in der wahren Freundschaft auch sein muß. Sie bezogen, da sie beide einen ländlichen Aufenthalt liebten, eine freundliche Wohnung auf der Potsdamer Chaussee 38, in der Nähe des botanischen Gartens. Für die Rheingegend konnte das freilich kein Ersatz sein, aber für die Berliner Umgegend war es anmuthig genug. Von dem artigen Balkon hatte man die Aussicht in die weite, grüne Ebene nach dem Kreuzberg, aus den hinteren Zimmern den Blick nach dem Thiergarten, den Pichelsbergen und dem Grunewald, und dazu, wie Johanna sagte, »Sonne und Mond immer aus erster Hand.«
Die lebhafte Freundin ließ Elisen keine Zeit zu einer wehmüthig stimmenden Einsamkeit; sie zog eine Menge Menschen in ihren Kreis; Elisa besaß ohnehin von ehemals her viele Freunde und Bekannte in Berlin, und so hatten die beiden Frauen bald eine interessante und mannigfache Gesellschaft um sich versammelt. Philipp Kaufmann war ein täglicher Gast; sein Interesse für Literatur, sein weiches Gemüth machten ihn angenehm. Johanna pflegte von ihm zu sagen: »Die zarteste Frau kann nicht zarter und feiner empfinden als er, und das ist unendlich wohlthuend, er ist eine echte Kinderseele, aber noch kein Mann.« Mit diesen wenigen Worten ist er treffend charakterisirt.
Berlin mit seinem Reichthum an Kunst, Theater, Musik und bedeutenden Menschen, von dem Elisa oft scherzend gesagt hatte, es wäre die Stadt, wo mehr noch als die Schornsteine, die Köpfe rauchten, bot den beiden Freundinnen die mannigfaltigsten Genüsse. Elisa war mit Cornelius bekannt, dessen großartige Schöpfungen sie bewunderte, mit Rauch, dem begabten Bildhauer, dessen schöner, ausdrucksvoller Kopf noch im Alter aussieht, als wenn er aus seinen eigenen Meisterhänden hervorgegangen wäre, mit Wilhelm von Humboldt, der ein feuriger Anbeter Johannens war, und sich auch zu Elisen sehr hingezogen fühlte; sie sah Ludwig Tieck wieder, den der König unterdessen nach Berlin berufen hatte; dann ihre Freundin Henriette Paalzow, die mit ihrem Bruder Wilhelm Wach in vertrauter Gemeinsamkeit lebte, und sich des Beifalls freute, den die damalige Berliner Gesellschaft ihren Romanen so reichlich spendete. Auch Professor Wilhelm Zahn, der thätige Nachbildner der Wandgemälde von Herkulanum und Pompeji, der oft mit freundlicher Bereitwilligkeit seine schönen Prachtwerke in die Gesellschaft mitbrachte, der geistvolle Henrich Steffens und seine liebenswürdige Familie, Friedrich von Raumer, den Elisa sehr schätzte, und dessen spätere geschichtliche Vorlesungen sie immer eifrig besuchte, der muntre Professor Wilhelm Stier, die fleißige Malerin Karoline Lauska, Geheimerath Kortüm und seine Gattin, Beuth und seine Schwester, wären hier zu nennen.
Auch mit ihren entfernten Freunden, mit denen sie durch ihre Abreise von Düsseldorf und ihren Aufenthalt in Italien außer Beziehung gekommen war, erneuerte Elisa ihren Briefwechsel. Nicht viele Frauen in dem Alter, in dem sie jetzt war, dürfen sich so begeisterter und hingebender Verehrung zu rühmen haben, wie zum Beispiel die Briefe Möller's ausdrücken, mit denen er sie nach ihrer Wiederkehr begrüßte. Ein dänischer Graf R. hielt um dieselbe Zeit um ihre Hand an. Ja, wir dürfen es kühn behaupten, sie gewann sich nicht minder alle Herzen, als in ihren früheren Jahren. Wenn auch ihr Jugendreiz dahin war, so hatte sie doch die feine, zierliche Gestalt, die beseelten blauen Augen, die schönen Hände, die Grazie der Bewegungen behalten; in jenem bedenklichen Alter der Frauen, in welchem der Schimmer der Schönheit und Frische sie verläßt, und es nun unabwendbar an den Tag kommt, ob sie außer diesen anmuthigen aber vergänglichen Vorzügen auch einen wahren Kern von Geist, Charakter und Gemüth haben, zeigte sich von neuem Elisens voller Werth; sie war das seltene und schöne Beispiel, daß auch eine Frau mit Anstand und Anmuth alt werden könne.
Das viele Unglück, welches sie erlebt, hatte nicht die geringste Bitterkeit in ihr erregt; sie trug es still für sich allein, und zeigte ihrer Umgebung beinahe immer eine ungetrübte Heiterkeit; ihr lebhafter Geist, ihr reger, empfänglicher Sinn für alles Schöne, ihre Güte, Milde und Liebenswürdigkeit blieben sich stets gleich, eine wunderbare Harmonie ging durch ihr ganzes Wesen. Niemand konnte seine Freunde mehr im Herzen tragen als Elisa es that; sie lebte in ihren Gedanken beständig mit ihnen. Wenn man sie auch längere Zeit nicht gesehen hatte, mußte man durch tausend kleine Aufmerksamkeiten, die sie einem bewies, die Ueberzeugung gewinnen, daß sie sich so lange fortwährend mit dem Abwesenden beschäftigt, daß sie für ihn alles gesammelt, bewahrt, behalten hatte, von dem sie wußte, daß es ihn interessiren konnte. – Niemals fiel ihr ein, eine falsche Würde annehmen zu wollen, sie blieb durchaus anspruchslos, und verlangte nie zu glänzen. Einer geistreichen und anregenden Unterhaltung zuzuhören, war ihr eigentlich noch lieber, als sie selbst mit zu führen; wo ihr dies zu Theil wurde, rief sie oft entzückt: »Welch ein Glück so zuhören zu können! Ach, wiederholte es sich mir doch immer wieder! Die Klugen finden keine dankbarere Zuhörerin als mich!« –
Eben war Elisa etwas aufgelebt, als eine tragische Nachricht sie tief berührte. Immermann war an einem heftigen Fieber erkrankt, und starb nach kurzen Leiden den 25. August 1840 plötzlich an einem Lungenschlag. Wenige Tage zuvor hatte ihm seine junge Frau eine Tochter geschenkt; selbst noch leidend, konnte sie sich nicht einmal seiner Pflege widmen; doch wachten treue Freunde an dem Lager des Kranken.
Zu seinem Arzte, dem wackern, ihm sehr vertrauten Doctor Ebermayer, sprach er noch ganz kurz vor seinem Tode in herzlichster, innigster Weise von Elisen. – Als man ihm zum erstenmale sein Kind brachte, rief er: »Ach! – Wenn doch Elisens Herz mir einmal vergeben könnte, wie glücklich wär' ich dann!« – Sie hatte ihm vergeben. –
Am 28. August, an Goethe's Geburtstag, wurde der ausgezeichnete Dichter bestattet. Die Akademie, die Regierung, das Landgericht, das Gymnasium und zahlreiche Freunde gaben ihm das letzte Geleite; die Künstler stimmten Gesänge an seinem Grabe an, die ganze Stadt war voll Trauer und Antheil. Von einem Lorbeerbäumchen, das Elisa ihm einst in glücklichen Tagen geschenkt, wurde der Kranz genommen, mit dem man seine edle Stirne schmückte. Es lag etwas besonders Tragisches in diesem Tode, und zugleich etwas Versöhnendes, wie in den Tragödien der Dichter. –
Elisa bewies bei diesem schmerzlichen Verlust ihr edles, großartiges Herz nach allen Seiten; sie, selbst des Trostes bedürftig, war der Trost, die Stütze der jungen Wittwe, der ganzen trauernden Familie Immermann's. Sogleich schrieb sie an Mariannen, und bot ihr auf das liebevollste ihr Haus zur Wohnung an. Da Marianne, die in Düsseldorf zu bleiben wünschte, dies Anerbieten nicht annahm, so setzte Elisa, obgleich der König der Wittwe des Dichters eine Pension bewilligte, Immermann's Tochter eine jährliche Rente aus. Auch auf alle ihr gehörigen Manuscripte Immermann's verzichtete sie zum Besten seines Kindes.
Ein Brief von Ferdinand Immermann über den Tod seines Bruders verdient hier eingeschaltet zu werden, als ein schöner Beweis, wie sehr Elisa von Immermann's Angehörigen verehrt und geliebt wurde; er lautet: »Ihr Brief, liebe Frau Gräfin, ist uns die Stimme eines Engels vom Himmel gewesen. Das ist nicht etwa nur so ein Wort: es ist die vollste und lauterste Wahrheit. O hätten Sie es doch sehen können, wie Sie uns beglückt haben! Denn wer darf es wagen, den tiefen, himmlischen Sinn jenes Augenblicks mit einem Worte anzurühren. Meine Mutter läßt Sie vom Grunde ihres Herzens grüßen, und Ihnen in großer Liebe für die Erhebung Dank sagen, die sie in Ihren Zeilen gefunden hat. – Der furchtbare, ganz unvorbereitet auf uns niederfahrende Schlag traf ihr Haupt so zerschmetternd, daß wir mit aller Gewalt ihren Geist, der zu wiederholten Malen die Besinnung verlieren wollte, innerhalb der Gränzen ungestörten Bewußtseins zurückhalten mußten. Als wir die Abwehr dieses Schrecklichsten endlich erzwungen hatten, da begann die Fülle ihrer Liebe in so herzzerreißenden Schmerzenstönen, mit einem so unergründlichen Jammer um den unwiederbringlich Dahingegangenen, ihren lieben ältesten Sohn, ihren lieben, lieben Karl auszuströmen, daß wir allesammt, den tausendköpfigen Schmerz im eignen Herzen dazu, ein ganz elender und zerschlagener Haufen Menschen waren. – O, Sie sollten die Mutter sehen! Das Gesicht, das Sie kennen, ist inzwischen recht klein, und der Kopf ist ganz weiß geworden. Aber sie ist wohl ein recht erbaulicher Anblick; denn seitdem ihr Schmerz stiller geworden, ist sie nichts als Wehmuth, Ergebung, Fürbitte, Liebe, Sanftmuth und Mütterlichkeit. Ich sollte zu Ihnen reisen; ich wollte es auch: ich habe die lebhafteste Sehnsucht nach Ihnen; aber noch bin ich ganz gelähmt und stumm; auch weiß ich ja noch nichts Genaueres von den Tagen von Karls Krankheit und von seinem Tode. – Die Anlagen, die ich Ihnen sende, sind ein schlechter Trost; aber sie sind doch ein Trost. – Lassen Sie uns, die wir ihn am längsten kannten, und am meisten liebten, fest zusammenhalten, und ein rechtes Bündniß des Trostes, der Erinnerung, der Hoffnung, der liebsten Zuflucht, des unbedingtesten Vertrauens, und einer felsenfesten, herrlichen Zugehörigkeit und Gemeinschaft stiften. Der Gott des Lebens sei mit Ihnen, und lasse für Sie und uns sein ewiges Leben in Liebe aus diesem Tode hervorgehen.« –
Mit Mariannen trat Elisa in einen fortgesetzten brieflichen Verkehr, und nahm den wärmsten Antheil an ihr und ihrem Kinde; Marianne war voll Dankbarkeit für Elisens gütigen, herzlichen Zuspruch, der ihre Seele erquickte, und mit süßem Frieden erfüllte; sie äußerte oft, niemand verstände wie Elisa sie in ihrem Schmerze aufzurichten, und zu erheben. Immermann's kleine Tochter wurde von Elisa durch mannigfache sinnige Geschenke, und später auch durch das Bild des Vaters erfreut. –
Ein Jahr nach Immermann's Tode hatte Elisa einen zweiten schweren Verlust zu erleiden, der auf ihr ganzes Dasein einwirken mußte: ihre theure Freundin Johanna starb nach kurzer Krankheit den 22. August 1842 in ihren Armen. In dieser ausgezeichneten Frau verlor Elisa die treue Gefährtin ihres Lebens, die an all ihren Leiden und Freuden warmen Antheil nahm, und durch ihren lebhaften, feurigen Geist beständige Anregung schaffte. Feodor Wehl, der kurz vor Johannens Tode durch diese Letztere mit Elisen bekannt und befreundet wurde, schildert beide Frauen in einem Briefe, wie folgt: »Die Gräfin Ahlefeldt und die Professorin Dieffenbach waren die ersten bedeutenden Frauenerscheinungen, die in mein Leben traten, und wenn die Erstere darin von größerem Einflusse und tieferer Wirkung wurde, so geschah dies nicht nur, weil sie mir länger blieb und näher trat, sondern auch weil ihr milder Ernst und ihre freundliche Würde mir besonders imposant und zusagend waren. Ich erinnere mich noch sehr genau, daß ich die Professorin Dieffenbach schon geraume Zeit kannte, und doch die Gräfin Ahlefeldt, die mit ihr in Einem Hause und in derselben Etage wohnte, noch nicht gesehen, sondern immer nur hatte von ihr reden hören. Die Gräfin Ahlefeldt war der Professorin Dieffenbach wie der Schatz des heiligen Graal's, und man mußte erst viele Proben und Grade der Tüchtigkeit abgelegt haben, um würdig befunden zu werden, ihres Umgangs zu genießen. Erst als ich damals mein erstes Lustspiel: »Alter schützt vor Thorheit nicht« geschrieben, und bei Johanna Dieffenbach gelesen, ward mir gewissermaßen zur Belohnung die Bekanntschaft der Gräfin Ahlefeldt versprochen. Und nie werde ich die Feierlichkeit vergessen, mit der mich Johanna Dieffenbach zu ihr führte! Ach, es war die höchste und letzte Liebe, die sie mir erwies, denn bald nachher starb sie, ebenso in Eil' und Hast, als sie gelebt hatte! Sie war der größeste Contrast, den es der Gräfin Ahlefeldt gegenüber geben konnte. Nicht nur daß sie klein, corpulent und häßlich, nein, auch ungeheuer beweglich und immer fieberhaft erregt war sie. Aber sie hatte eine unendliche Fülle von Geist und Liebenswürdigkeit, einen unerschöpflichen Fond von Gutmüthigkeit und begeisterter Hingabe an alles Schöne und Gute. Beide Frauen ergänzten sich, und zwar in einer Weise, wie es schwerlich so bald wieder der Fall sein wird.« –
Elisens Freunde suchten möglichst sie in ihrer Einsamkeit zu trösten, und ihr Theilnahme und Liebe zu beweisen. Liebe Bekannte aus der Ferne brachten manche neue Freude und Zerstreuung. Nicht lange bevor Johanna starb, kam Adele von A. aus Preußen zum Besuch, und begrüßte ihre Elisa nach zweiundzwanzigjähriger Trennung. Man muß Elisen gekannt haben, um zu wissen, wie lebhaft sie sich solchen Wiedersehens freuen konnte. Später sahen sich die Freundinnen noch öfter, und immer mit gleicher Innigkeit. Ein anderer Besuch war Marianne Immermann, welche seit ihren Kinderjahren in Magdeburg die verehrte Frau nicht wiedergesehen hatte, und ihr nun die kleine Karoline zuführte, deren Züge an die des Vaters lebhaft erinnerten. Auch diese kehrte mehrmals wieder, mit innigem Danke für Elisens unwandelbare Güte.
Auch die Erinnerungen an den Befreiungskrieg sollten durch einen besondern Anlaß wohlthuend in Elisen erneuert werden. August von Bietinghoff hatte sich die Erlaubniß erwirkt, seinen Freund Friedrich Friesen auf dem Invalidenkirchhof in Berlin bestatten zu lassen, und war zu dieser Feierlichkeit, die am 15. März 1843, dreißig Jahre nach dem Tode stattfand, mit den Ueberresten des Gebliebenen, die er so lange mit sich umhergeführt hatte, nach Berlin gekommen. Er suchte Elisen auf, die er innig verehrte. Bald nach diesem kam auch ihr theurer Jugendfreund Leo Palm, der Freund Lützow's und Friesen's, aus Danzig, zum Besuch, den sie in dreiundzwanzig Jahren nicht gesehen hatte. Palm führte ihr den braven Friedrich von Petersdorff wieder zu, der in stiller Zurückgezogenheit in Berlin lebte, ohne zu wissen, daß Elisa auch dort sei. In erneuerter Herzlichkeit schloß man sich aneinander, und gedachte auch Lützow's mit Liebe. Auf Elisens Anregung veranlaßte Palm, daß die noch lebenden ehemaligen Freiwilligen der Lützow'schen Freischaar ihrem tapfern Führer auf dem Garnisonkirchhof zu Berlin ein Denkmal von Granit setzen ließen, welches vier Jahre später, im März 1847, aufgestellt wurde, wozu wieder die alten Waffenbrüder von nah und fern herbeikamen und eine ehrende Gedächtnißrede, so wie der Gesang der Körner'schen »wilden, verwegenen Jagd« das Andenken des ruhmvollen Kriegers feierte.
Im Jahre 1846 verließ Elisa die Wohnung, in der sie mit Johanna gelebt, und bezog eine der Stadt nähere in der Schulgartenstraße 1 a. Die Freunde werden sich noch gern der freundlichen, sonnenhellen Raume mit dem Balkon und der Aussicht in's Grüne, der geschmackvoll eingerichteten Zimmer erinnern, geschmückt mit den schönen Kupferstichen nach Raphael, Gemignano und Andern, mit den Büsten des Apoll und der Niobe, der Graziengruppe von Canova, dem Dornauszieher, der Statuette von Ludwig Tieck und dem Medaillon von Henrich Steffens, mit den hohen Gummibäumen, dem rankenden Epheu, den anmuthigen Schlinggewächsen. Lützow's Portrait hing neben denen anderer Freunde an der Wand; auf dem Schreibtisch standen die kleinen Bildchen von Friesen, Wilhelm von Lützow, dem Philosophen Solger und seiner Frau. Der Tisch, der immer mit den neuesten Büchern bedeckt war, zeigte, daß neben dem treuen Angedenken an die Vergangenheit auch das neueste, frischeste Leben der Gegenwart hier seine Stätte fand. Alles war so harmonisch und sinnig geordnet, daß man sich wohlfühlen mußte, wie man die Schwelle betrat. Welche glückliche, unvergeßliche Stunden bereitete Elisa hier den Freunden! –
Wir haben noch viele Personen von Namen und Auszeichnung zu erwähnen, mit denen sie in freundschaftlicher, geselliger Beziehung stand, Personen, welche die verschiedensten Richtungen vertraten, aber alle in dem Einen übereinkamen, Elisen anzuerkennen und zu verehren: Eduard Schnaase, der verdiente Kunstforscher und seine Gattin, die von Düsseldorf nach Berlin übergesiedelt waren; Friedrich Krummacher, der berühmte Kanzelredner, der bei Elisen mit manchen Schriftstellern der modernen Literatur sich mit weltmännischem Tact friedlich zu unterhalten wußte; Rudolf v. Auerswald, der spätere Minister; Adolf Stahr, dem Elisa schon von Düsseldorf her ein lebhaftes Interesse bewahrt hatte, und dessen vortreffliches Buch: »Ein Jahr in Italien,« das ihr große Freude gewährte, sie an ihre eigene italienische Reise angenehm erinnerte, Fanny Lewald; Theodor Mundt und seine Gattin; der Maler Louis Blanc; Eduard von Bülow; der Dichter Karl Beck, und noch viele Andere. Sogar der alte achtzigjährige Minister von Kamptz, der Verfolger der deutschen Jugend, welcher mit Elisen in Einem Hause wohnte, kam zuweilen in ihren Kreis.
Als Fremde erschienen die liebliche, anmuthige Therese von Bacheracht, die weit mehr noch als durch ihre Romane, durch ihre seltene Schönheit und Liebenswürdigkeit alle Herzen gewann, Betty Paoli, die interessante östreichische Dichterin, Therese Robinson, die gelehrte Schriftstellerin, die sich unter dem Namen Talvj rühmlich bekannt gemacht hat, Fanny Tarnow, die sich noch im Alter in seltenem Grade einen frischen Geist und eine beinahe jugendliche Lebhaftigkeit bewahrt hat, Heinrich Laube, Gustav Kühne und der talentvolle junge Dichter Julius Rodenberg. – Mild und gütig wie Elisa war, verkehrte sie aber auch mit Menschen, die an Geist und Bildung weit unter ihr standen, doch diese wußte sie bis zu einem gewissen Grade zu sich zu erheben; sie verlangte durchaus nicht immer eine gelehrte Unterhaltung, aber geringe Klatscherei und boshafte Medisance, wie sie auch wohl oft in der sogenannten guten Gesellschaft auftaucht, litt sie nicht in ihrer Nähe.
Zu ihren nächsten und liebsten Freunden gehörten Feodor Wehl, Gustav zu Putlitz, Hermann Sagert, Katharina Diez, die sinnige Verfasserin der »Frühlingsmährchen,« Rudolf Gottschall, Emil Palleske und seine schöne liebenswürdige Frau. Auf alle diese übte sie den entschiedensten Einfluß aus, und widmete ihnen die herzlichste Zuneigung. An den Sonntagabenden pflegte sie immer einen kleinen Kreis von jungen Leuten bei sich zu sehen, die sich für Kunst und Literatur interessirten, oder selbst Künstler und Schriftsteller waren; es wurde vorgelesen, man besah mitunter Kupferstiche und Zeichnungen, und immer knüpfte sich ein angeregtes Gespräch an das Mitgetheilte. Man konnte oft von Elisen eingeladen werden, und doch nicht zu jenen bevorzugten Sonntagen von ihr auserwählt sein, von denen sie gern alle nicht dazu passenden Elemente entfernt hielt. Wie manche junge Talente haben dort ihre ersten Werke vorgetragen, und Ermuthigung und Strebelust durch Elisens Antheil empfangen! Sie waren ihr alle mit einer Begeisterung ergeben, wie eine Frau in ihren Jahren sie selten einzuflößen vermag; es war die vollkommene Schönheit und Zartheit ihres Wesens, die auch ihr Alter verklärte. – Hier las Feodor Wehl sein Trauerspiel: »Hölderlin's Liebe,« hier las Gustav zu Putlitz sein erstes hübsches Lustspiel: »Die blaue Schleife,« das unter Elisens Augen entstanden war, und oft noch später pflegte er voll Dankbarkeit zu versichern, das wären doch die glücklichsten Stunden für ihn gewesen, da Elisen das eben fertig Gewordene vorzulesen, ihm der schönste Zweck seiner Production war; hier begeisterte Rudolf Gottschall, der geniale Dichter, die Anwesenden mit dem Vortrag seiner »Lambertine von Méricourt« und seines »Carlo Zeno«; hier las der begabte Dichter Emil Palleske seinen vortrefflichen »König Monmouth« vor, welchen er Elisen zueignete, da sie so warmen Antheil an der Entstehung und Vollendung dieses Drama's genommen hatte und ihm den lebhaftesten Beifall schenkte. Häufig auch las Palleske Shakespear'sche Stücke vor, und bei dem Ton seiner kräftig schönen Stimme, bei seinem lebendigen, geistvollen Vortrag wurde Elisa oft an jene Zeit erinnert, da Immermann ihr diese selben Dramen vorgelesen hatte.
Feodor Wehl stand Elisen unter den jüngeren Freunden am nächsten, sie war ihm mit wahrhaft mütterlicher Zuneigung zugethan, sie freute sich seines Strebens, und seiner neidlosen Anerkennung Anderer, die in der heutigen Literatur so selten ist. Gustav zu Putlitz erheiterte alles durch seine gute Laune und angenehme Munterkeit, während Hermann Sagert, der ebenso bescheidene als talentvolle Künstler, durch seine stets rege Empfänglichkeit wohlthuend wirkte; Rudolf Gottschall belebte den Kreis durch seine frische Liebenswürdigkeit und seinen eigenthümlichen Humor, und Emil Palleske, der feinsinnige, begeisterte Bewunderer Shakespear's gab der Unterhaltung immer neuen Schwung, indem er durch sein tiefes Eindringen in die einzelnen Dramen des großen Dichters den anregendsten Gedankenaustausch veranlaßte.
Wir fügen hier eine Schilderung ein, die Feodor Wehl in einem längeren Artikel in den »Jahreszeiten« von Elisen und ihrer Gesellschaft entworfen hat. Es heißt darin von ihr: »Durchaus maßvollen Geistes, allem Edlen und Schönen schwärmerisch zugewendet, und stets in einem rührenden Cultus für die Größe im menschlichen Herzen sowohl wie im Bereiche der Literatur und bildenden Künste begriffen, erhob dieselbe durch ihren Einfluß eine Gesellschaft von Künstlern, Literatoren, Staatsmännern, Militairs, und selbst geistig untergeordneten Menschen, zu einer Höhe der Unterhaltung, zu einem Aufschwung der Welt- und Kunstanschauung, wie das wohl nur selten wieder nach ihr der Fall sein wird. – Sonderbar und eigenthümlich an dieser außerordentlichen, nicht genug zu würdigenden Frau war, daß sie ihre Gesellschaften wie der Feldherr eine Schlacht aus dem Zelt heraus, das heißt gewissermaßen nur mit anfeuernden Blicken, zustimmendem Lächeln oder abweisenden Mienen dirigirte. – Sie sprach im Ganzen in ihren Gesellschaften nur wenig, aber doch immer und jeder Zeit, wo es nöthig war. Sie wußte mit wunderbarem Geschick das Gespräch zu entfesseln, und an passender Stelle wie mit einem Zauberwort auch aus sonst unergiebigen und spröden Naturen eine Fülle von schönen Anschauungen und tieferen Bemerkungen herauszulocken. Ihre fein organisirte Seele besaß jene Springwurzel des Geistes, mit der sie alle verborgenen Schätze einer Menschenbrust nicht nur für sich zu entdecken, sondern auch für die gesellschaftliche Conversation in Circulation zu setzen vermochte. – Man wird aus ihren Aussprüchen, Briefen und sonstigem Nachlaß in Schriften wenig Frappantes und gewiß nichts derartiges aufzustellen vermögen, daß sich auch nur annäherungsweise die Bedeutung ermessen ließe, die sie persönlich in der That auf ihren Umgang ausgeübt hat. – Es lag eine gewisse stille Sonntäglichkeit in ihrem Innern, die jeden und auch den betäubendsten Lärm der Geister besiegte. Es klang aus ihren Reden etwas wie ein verlorenes Glockenläuten, wie ein ferner Sphärengesang. Man mußte sich unwillkürlich zum Lauschen veranlaßt sehen, wenn man in ihren Umgang kam. Nie hat es eine Frau gegeben, die würdiger war, das Ideal eines Dichters oder Künstlers zu sein, als sie. Ihr helles, schönes, blaues Auge, auch im Alter noch seelenvoll und tief, ihre hohe schlanke, immer und bis zum Tode jugendlich anmuthige Gestalt, ihre lang und edelgeschnittene Hand mit dem unverwischlichen Pfirsichdufte über der zarten Haut, das stumme, nie lautwerdende Lächeln ihres Mundes, der sonst an sich das wenigst Schöne an ihr war, ihre Milde, Güte und Resignation erschienen wahrhaft bezaubernd. Sie machte edel und gut, und besaß einen feinen Tact, wie er nicht oft gefunden werden kann. Die Kunst des Zuhörens besaß sie in einem seltenen Grade. Es war eine Lust ihr vorzulesen oder etwas zu erzählen, denn es entging ihr nichts, und das Subtilste verstand sie, wie es verstanden werden mußte. Wenn auch selbst keine Dichterin, lag doch im Duft und Hauch ihrer Seele die Welt der Dichtung so ahnungsreich und golden ausgebreitet, daß es nur eines leisen Lichtstrahles von außen, das heißt eines echten und rechten Dichterwortes bedurfte, um sie in aller Pracht aus ihr heraus erkennen und wahrnehmen zu machen. Ihr Herz war ein Vineta der Poesie, das vielen, und wir dürfen sagen, den bedeutendsten Menschen einer bewegten Zeit anmuthend und zauberhaft durch das Wogen und Wallen ihrer Tage heraufgeleuchtet und geschimmert hat.« –
In größere, steife Gesellschaften, wo man, wie Elisa zu sagen pflegte, den Geist im Wagen lassen könne, und im besten Kleide die beste Langeweile genösse, ging sie nicht gern. Am liebsten sah sie ihre Freunde im eigenen Hause.
Ueber ihre liebenswürdige Art zu grüßen, sagt Feodor Wehl in einem andern Artikel in den »Jahreszeiten«: »Ihr Gruß war noch der Gruß mit der ganzen Liebenswürdigkeit und Grazie, welche dabei in natürlicher Weise in Anwendung zu bringen sind. Der Gruß war ein Gruß der ganzen Person, ein Gruß, in dem ein Hauch der schönen und edlen Seele lag, von der er gegeben ward. Aus allen Schleiern und Nebeln der Vergangenheit heraus, sehen wir in unvergänglicher Frische ihn sieghaft in unsere Erinnerung hereinlächeln, diesen Gruß, der im Blick des Auges, in den Zügen des Mundes der Beugung des Kopfes, der Bewegung der Hand, kurz durch die ganze, hohe, edelgeformte und anmuthige Gestalt der Gräfin zu gehen pflegte, ohne doch, wie man vielleicht denkt, ein Knix oder eine Verbeugung zu sein. Sie grüßte mit dem vollen und bezaubernden Ausdruck der Freude, die sie darüber empfand, auf der Straße, in der Gesellschaft oder im Theater unter vielen fremden Personen einen Freund oder Bekannten gefunden zu haben. Sie grüßte, wir können nicht anders sagen, als mit einer gewissen Inbrunst des Herzens, das Glauben und Zuversicht zu seinen Verbindungen hat. Ihr Gruß war eine Art Verpflichtung, die einem auferlegt ward, stets nur lieb und gut gegen sie zu sein, denn die Art, wie sie ihn gab, bewies und bekundete, daß sie nur Gutes und Edles von dem erwartete, dem er geboten wurde. Sie grüßte in jeder Frau eine gleichgestimmte, feine Seele, in jedem Mann ein ritterliches Wesen, und zwar that sie es ebenso weit von Ueberhebung als von Unterordnung entfernt.« –
Wenn Elisa von ihrer großen Vergangenheit erzählte, überflog sie eine jugendliche Begeisterung; ihren Vertrauten zeigte sie dann wohl ein Kästchen, in dem sie eine Locke von Friesen bewahrte, die ihr Vietinghoff nach der Auffindung des verstorbenen Freundes schenkte, eine französische Kugel, von der Lützow getroffen worden war, einige ihr besonders werthe Briefe, und noch mehrere Andenken dieser Art.
Von Lützow sprach sie nie anders, als mit herzlicher Achtung und Freundschaft. Als sich einmal jemand herausnehmen wollte, Lützow's Betragen gegen sie zu tadeln, erwiederte sie sanft aber entschieden: »Sie thun Lützow sehr Unrecht, er ist immer sehr gut gegen mich gewesen; wenn alle Menschen so gut mit mir verfahren wären, wie Lützow, so wollte ich mich nicht beklagen, und sehr zufrieden sein.« – Oft sagte sie, sie würde keiner Frau rathen, sich scheiden zu lassen, und wenn sie auch noch so viel zu erdulden habe. »Lützow ist mir immer ein treuer Freund geblieben,« sagte Elisa einmal zu einer Freundin mit bewegter Stimme, »und wir haben beide oft bereut uns getrennt zu haben.« – An seinem Todestage fuhr sie immer nach seinem Grabe, einen Kranz darauf zu legen. Selbst über Immermann kam niemals ein hartes Wort über ihre Lippen, und sie sprach oftmals mit Wärme von seinem Dichtertalent.
Im Jahre 1848, in der Zeit der Revolution, wo so viele Menschen sich wegen Meinungsverschiedenheiten entzweiten, verlor Elisa nicht einen ihrer Freunde; sie war ihrem ganzen Wesen nach freisinnig, ließ aber auch andere Ansichten gelten, sofern man sie ihr nur nicht mit Gewalt aufdringen wollte. Das viele politische Gezänke in den Gesellschaften war ihr zuwider, und oft klagte sie über eine Zeit, in der alle Theilnahme für Kunst und Poesie zu schwinden drohe. Besonders betrübend war für sie der Krieg in Schleswig-Holstein, da dort ihre theils dänischen, theils holsteinischen Familienmitglieder, die ihr alle theuer waren, sich feindlich gegenüber standen, und der Bruder gegen den Bruder kämpfte; sie sehnte sich auf das lebhafteste nach Ruhe und Frieden, nach einem Ende all des traurigen Blutvergießens.
Als den 28. August 1849 Goethe's hundertjähriger Geburtstag gefeiert wurde, war Elisa ziemlich einsam in Berlin, da alle ihre näheren Freunde verreist waren; da zündete sie sich aber dennoch Abends in ihrem stillen Zimmer alle Lampen und Kerzen an, schmückte es festlich mit Blumen, und las allein für sich, die »Iphigenie,« auf diese Weise das Andenken des geliebten Dichters feiernd.
Im Jahre 1851 hatte sie die Freude, daß ihr edler, würdiger Freund, Leo Palm, der als General seinen Abschied genommen hatte, nach Berlin zog. Die frühe Jugendfreundschaft hatte sich durch ein langes, wechselvolles Leben unverändert erhalten, und sollte nun den Abend desselben verschönen und erhellen. Da sich eine Wohnung für ihn in Elisens Hause fand – später zog er mit ihr in die Dessauerstraße 7, wo sie die letzten Jahre wohnte – so hatte sie den Freund nun ganz in ihrer Nähe, der sich ihr auf das liebevollste widmete, an dem sie einen Beschützer und die erwünschteste Gesellschaft hatte. Er ging mit ihr spazieren, er las ihr vor, und bewahrte mit ihr die Erinnerungen der Vergangenheit. Niemals fehlte er in jenem schönen Gesellschaftskreise Elisens, von dem wir vorhin sprachen, wo alles sich an seiner Gegenwart erfreute, weil er wie Elisa die Gabe besaß, mit der frischen Jugend fröhlich zu verkehren, und mit freiem, unbefangenem Geist und edlem und feinem Sinn an allem Guten und Schönem theilzunehmen. Durch seine Freundschaft war Elisa in ihrem Alter von einer zarten Aufmerksamkeit und Sorgfalt umgeben, um die manche jüngere Frauen sie beneideten.
Beinahe jeden Sommer machte Elisa eine Reise; oft besuchte sie ihre lieben Verwandten in Holstein. Ihre leidende Gesundheit erforderte häufige Badekuren; sie ging nach Gastein und später mehrmals nach Karlsbad, wohin der Freund sie begleitete. An letzterem Orte lernte sie den Dichter Alfred Meißner kennen, dessen frische, jugendliche Erscheinung, und angenehmes Wesen ihr sehr wohl gefiel. In Holstein bei ihrer Cousine, der Gräfin Margarethe von Scheel-Plessen auf Sierhagen sah sie viel die Gräfin Ida Hahn-Hahn, deren Geist sie anzog, wenn sie auch ihren politischen und späteren religiösen Fanatismus nicht theilte: dort auch befreundete sie sich mit der Jugendschriftstellerin Margarethe Wulff, deren allerliebste Kinderschriften unter dem Namen A. Stein erschienen, und vortheilhaft bekannt sind.
Die letzten Jahre wurde Elisens Gesundheit immer schwächer; sie fing auch an etwas am Gehör zu leiden, wodurch ihr mancher Genuß entzogen wurde. Im Sommer 1854 reiste sie nach einem leidensvollen Winter nach Teplitz, begleitet von ihrem Freunde, dessen Pflege und Sorgfalt allein es noch möglich machte, eine solche Reise zu unternehmen. Leider kehrte sie ohne merkliche Besserung von dort zurück.
Sie war beinahe nie mehr ohne Schmerzen, aber die harmonische Gleichmäßigkeit und liebliche Heiterkeit ihres Wesens konnte dadurch nicht gestört werden; bei niemand ist jener Schleier, von dem die Prinzessin im »Tasso« spricht »den uns Alter oder Krankheit überwirft,« durchsichtiger gewesen als bei Elisen. Wenn man bei der Leidenden eintrat, fand man sie immer in ihrem Sessel vor dem Tische sitzend, der stets mit frischen Blumen und Büchern bedeckt war. Sie empfing einen Jeden mit freundlichem Lächeln, fragte nach allen neuen Erscheinungen in Kunst und Literatur, und wenn man sich nach ihrem Befinden erkundigen wollte, sagte sie wohl oft leise abwehrend: »Nicht von meiner Krankheit reden! Still davon!« – Sie ahnte, daß sie nicht besser werden würde, und war ruhig und gefaßt, wenn sie wohl auch gern ein Dasein noch weiter gelebt hätte, das so viele ihrer Freunde beglückte, und das ihr grade in diesen letzten ruhigen Lebensjahren bei ihrem regen Sinn noch manches Gute bieten konnte. Kurz vor ihrem Tode, schrieb sie sich noch, obgleich es ihr bereits schwer wurde, die Feder zu führen, die folgenden Verse des edlen Dichters Moritz Hartmann ab: