Motivs, fond, entoilage, fleur war die Bezeichnung für die Blume, champs für den Grund, ob aus brides oder réseau, brode heißt das Cordonet, das die Zeichnung umgibt, modes, fenêtres oder portes heißen die jours und so weiter.
Points d'Alençon sind noch insoferne interessant, weil man an ihnen wie an keiner anderen Spitzenart den jeweilig herrschenden Stil in der Zeichnung verfolgen kann.
Die ältesten vor 1660, volkstümlich »velins« nach dem Pergament, auf dem sie gearbeitet wurden, genannt, unterscheiden sich nicht von den allerorts gemachten points coupés, Reticellas oder primitiven Venetianern. 1660 bis 1700 verlegte man sich auf die getreue Kopie der kostbaren Venetianer Reliefspitzen und anderer, edler Gattungen.
Kleine Dessinänderungen wurden dann später wohl auch versucht, aber erst von 1700 erhalten die points d'Alençon ihr gewohntes Aussehen.
Von 1717 bis 1754 (Louis XV.) füllten die Blumen der Zeichnung bei schmäleren Volants noch die ganze Breite der Spitzen aus. Der Schwerpunkt der modes ist gegen den Rand gedrängt. Der Grund ist in einer der drei Gattungen brides, oder in réseau ausgeführt. Unter Louis XVI. kommt die sehr charakteristische Façons in Streifen und zweierlei champs auf, auch wird später le réseau mouche gemacht, der dann in der Folge wieder aufgenommen wurde.
Oben Gesagtes gilt von den kleineren Volants und den Berthen; betrachtet man jedoch ein größeres Stück wie die damals modernern tabliers und sehr breiten Volants, so kann man nicht genug über den Reichtum und die Üppigkeit der jours und modes staunen, eine solche wohlgeordnete Fülle von Details drängt sich. Und die ganze, große Zeit einer vollkommen höfischen Kunstrichtung, die, man möchte sagen aus der Initiative einzelner Personen entstand und mit diesen verging, zieht an Einem vorbei, Versailles und Petit Trianon unter den drei Louis mit diesen lebt und stirbt der point d'Alençon, Füllhörner, Blumen, Fruttiguirlanden, Rosen und Schmetterlinge, schnäbelnde Vögel, Blumenvasen, Baßgeigen, Mandolinen, Wappen und Menschen, ja oft Medaillonporträts von den Regenten, dies alles wurde häufig unsymmetrisch und doch fein stilisiert angeordnet.
Sehr bemerkenswert ist die stetige Konkurrenz der verschiedenen Spitzengattungen untereinander; sie entlehnen die künstlerischen Wirkungen und ahmen sich nach, bald war point de France, bald wieder die flachen Klöppelspitzen der point d'Angleterre, oder die Malines Königinnen der Mode. Im Wettbewerb trachteten sie sich an Schönheit, Ähnlichkeit und dann Verschiedenheit und Neues bieten zu übertrumpfen. Um 1700 findet man an den »modes« der Alençon häufig einen point angewendet, den réseau rosacé, der, in Nadelstich transponiert, den ursprünglichen point de neige der Malines wiedergibt. Diesen point de neiges oder oeil de perdrix findet man durch das ganze XVIII. Jahrhundert an Brüsseler Spitzen (point d'Angleterre), Valenciennes, Malines, point Alençon und Argentan immer wieder in verschiedenen Ausführungen und Variationen, und es war der kostbarste Grund.
Einen großen Niedergang in der französischen Spitzenindustrie schuf der Widerruf des Edikts von Nantes im Jahre 1685. – Unzählige protestantische Familien verließen ihre Heimat und trugen ihre Fähigkeiten in fremde Länder – und gründeten durch ihre Kenntnisse und Geschicklichkeit neue Gewerbe – überhaupt haben die Religionsverfolgungen im Laufe der Jahrzehnte gerade zur Ausbreitung der Spitzenindustrie sehr viel beigetragen. Wenn Deutschland, Schweden, Dänemark, die Schweiz und das Erzgebirge überhaupt eine Spitzenindustrie haben, so verdanken sie es zum größten Teile den französischen und flämischen Emigranten. – Direkte Vorteile aber gewann Venedig daraus, es erzeugte Spitzen im französischen Geschmacke und beschickte damit wieder die französischen und europäischen Märkte. Den zweiten, verderblichen Einfluß hatte die französische Revolution. –
Während der Revolutionsjahre gingen die meisten Spitzen-Industrien in Frankreich zu Grunde, manche, man sagt mehr wie zwölf, für immer; Sedan, Aurillac, Valenciennes kamen nie mehr in Betrieb. Napoleon förderte, wo er konnte, die durch die Revolution lahmgelegten Gewerbe, auch den points d'Alençon wandte er seine Sympathien zu. Die points d'Alençon im Empire zeigen kleine Blümchen stilisiert im réseau verstreut; und dieses ist mit sogenannten petits pois, larmes oder grains de café, coeurs – oder wie diese kleinen Pünktchen sonst noch im empfindsamen Geschmack der Zeit heißen, verziert, maille bouclée wurde von nun an nicht mehr gemacht. Später wurden die Alençon 1830–60 die Blumen auf Maschintülle appliciert und Br. Mercier nahm einen Musterschutz auf seine Erfindung, die sechseckigen Maschintüll-Maschen mit Knopflochstich in eine maille bouclée zu verwandeln.
Dieses Verfahren hatte aber keine große Lebensfähigkeit in sich. Man sagt, es sei noch mühsamer, wie die eigentliche bride bouclée.
Das Cordonet oder die brode der Alençons war zu allen Zeiten schöner und dichter umschlungen, wie das der Venetianer- und Brüsslerspitzen, auch war das Relief weniger erhaben, obwohl man ihm durch Einlage von Roßhaarfäden manchmal mehr Konsistenz gab. Man unterschied früher points d'Alençon und point d'Argentan; letzterer galt als noch kostbarer wie ersterer. Der Unterschied war meistens in einer sorgfältigeren Ausführung in der Zeichnung, auch machte Argentan häufig die mühsame maille bouclée.
Sedan, Aurillac, Reims, Argentella hatten alle den sogenannten fond oeil de perdrix und dies waren lauter ähnliche Spitzen, die man heute schwer differenzieren kann. Argentella sind, wie der Name schon ahnen läßt, eine Abart, besser gesagt Spielart, der Argentan, möglicherweise sind sie wirklich von Genua stammend; die End-Partikel ihres Namens klingt jedenfalls italienisch; sie hatten den fond réseau rosacé besonders viel in Verwendung, das Cordonet ist zwar nicht niedergenäht, aber nicht ganz übersponnen, was auch auf italienische, nicht französische Fabrikation deuten würde, point de Sedan und point plat de Venise hatten einige Ähnlichkeit, Rokokkospitzen mit breiter, und so dichter Zeichnung, daß sie fast jedweden Grund entbehren konnten. Sie haben hie und da kleine Reliefs wie aufgesetzte Lichter im Genre der Brabante.
Colbert hatte gesiegt. Das Geld blieb im Lande und seine bureaukratische Schöpfung hatte die in ihrer Art einzig dastehenden point d'Alençon ins Leben gerufen. Das Wohlwollen der Regierung blieb ihnen stets treu; im Jahre 1811 wurde die Neuerung gemacht, den Arbeiterinnen Zeichenunterricht geben zu lassen, bisher hatte man das nirgends versucht.
Alençon hat eine jetzt noch lebende Tradition der Spitzenindustrie. Erbgesessene Familien bilden Dynastien, die alle Erinnerungen pflegen, teilweise auch publizistisch hervortreten; es sind dies Namen wie: Duval, Despierre, Baron Mercier.
Vor allem muß hervorgehoben werden, daß unter dem Namen point de Bruxelles vielerlei Spitzen, sowohl Nadel- wie Klöppelspitzen verstanden werden können. Dieser Mißbrauch mit dem Namen entspringt zum Teil aus der Willkür der Händler und Schneiderinnen und aus dem Unverständnis des Publikums. Es werden points à l'aiguille oder point de gaze für Nadelspitzen, alte Brabanter, duchesse und Applikations von Nadel- und Klöppel-Spitzen und fünferlei (!) Arten point d'Angleterre so genannt. Man sieht also, daß auch in der Bezeichnung der point d'Angleterre verwirrend vorgegangen wird, und es ist schwer, bei den vielfachen, widersprechenden Ansichten der Autoren das richtige in diesem Wirrwarr herauszufinden. Möglicherweise hat man früher wirklich mehr wie eine Gattung Spitzen darunter verstanden. Und als die Verwechslungen begannen und sich der Begriff, der einzig mit dem Namen verknüpft war, immer mehr verwischt hatte, wurde das Unverständnis wohl oft von den Händlern ausgenutzt, um die Käufer zu täuschen, insbesondere da der point d'Angleterre sehr kostbar und hochgeschätzt war.
Die Brüsseler Nadelspitzen, point à l'aiguille, wenn alt, point de gaze, wenn neu genannt, sind verhältnismäßig spät aufgekommen.
Die großen Erfolge der Venetianerspitzen und der point d'Alençon waren die unmittelbare Ursache für die Brüsseler Frauen, eine neue Art Nadelspitzen zu schaffen. Da sie erst gegen die Mitte des XVIII. Jahrhunderts (1720) aufkamen, wurden sie nicht mehr mit brides gemacht, sondern gleich mit dem réseau das damals neu und sehr in Mode war. Point à l'aiguille verleugnet nie seine Abkunft von den Alençon, obwohl diese Alençon einen ausgeprägteren, fast könnte man sagen, einen offiziellen Hofstil hatten. Das Cordonet ist bei den point à l'aiguille wie bei den heutigen point de gaze nicht mit einem aus mehreren Fäden gebildeten stark hervortretenden bride mit dichtem, gleichmäßigen Knopflochstich niedergehalten, sondern nur stellenweise mit point clair niedergenäht, ferner ist auch die Masche des réseaus eine andere. Die Brüsselermasche wird nur aus einer gedrehten Fadenschlinge gemacht, während bei dem Alençon-réseau der Faden am Ende einer solchen einfachen Maschenreihe angelangt, durch die Maschen zurückgeführt wird, so daß alle Seiten des Alençon-réseaus aus doppelten Faden bestehen, was natürlich die Dauerhaftigkeit des Grundes sehr erhöht.
Eine der schönsten Zierden des point à l'aiguille ist ein großer Reichtum und Mannigfaltigkeit an jours, jedoch ist die Zeichnung nicht so schwungvoll stilisiert wie die der Venetianer und nicht so zierlich steif wie der Alençon. In der Zeichnung bleiben Brüsselerspitzen stets naturalistischer wie diese. Anfangs wurden die Blumen und der réseau in Einem gearbeitet. Louis XV. Regierungsantritt brachte auch neue Moden – points d'Angleterre und Malines waren die regierenden Spitzen, und da diese ersteren auch in breiten Stücken gemacht wurden, änderte man die Anfertigungsart der point à l'aiguille und machte die Blumen getrennt vom réseau, und in ihrem Rand wurde nachher der reizende Klöppelréseau, ähnlich dem der Malines angeschlagen. Dieses Verfahren eignete sich aber nur für kleinere Stücke. Bei Barben, Krawatten und schmalen Volants,6 die wenig Raum für den Fond hatten, bei breiteren Spitzen verwendete man den am Klöppelpolster angefertigten Droschelstreifen7 in der Breite von drei bis acht Zentimeter, und der wurde mit einem sehr kunstvollen Stich in das Muster hineingenäht und zusammengefügt. Dieser Stich war die Erfindung einer Brüsseler Arbeiterin und war nicht wahrnehmbar. Er blieb lange Zeit hindurch ein wohlgehütetes Metiergeheimnis.
Point à l'aiguille, die kaum ein Jahrhundert in dieser Form und unter dem Namen fabriziert wurden, sind sehr schön und kostbar, insbesondere in der Zusammenstellung der Nadelblumen mit dem sechseckigen, reizenden Droschelgrund wirken sie ungemein gediegen und apart. Alte point à l'aiguille Blumen und réseau, beides aus Nadelarbeit, sind sehr selten, die sechseckige Nadelmasche ist dem Droschelfond ähnlich, das Cordonet ist wie das der Venetianerspitzen, nie so schön und dicht überschlungen wie das ihres gemeinschaftlichen Vorbildes der Alençon, es besteht aus drei bis vier niedergenähten Fäden. Das Cordonet ist auch nicht mit picots in der Zeichnung selbst zwischen dem réseau geschmückt. Diese unzähligen feinen picots bleiben die Spezialität der Alençon.
Als aber im Anfange des XIX. Jahrhunderts der mechanische Tüll in Nottingham erfunden wurde und nun die Nadel- und Klöppel-Applikationen aufkamen, kehrte man zu der ursprünglichen Verfertigung der point à l'aiguille unter dem Namen point de gaze zurück, Blumen und réseau werden wieder in Einem gearbeitet. Das andere Verfahren mit Droscheltüll ist heute gänzlich verloren gegangen. Die Zeichnung ist modern und vielleicht wie die aller modern sein wollenden Brüsselerspitzen etwas zu naturalistisch und zu wenig stilisiert. Die réseaumasche bleibt immer zu leicht, im Gegensatz zu dem etwas roh wirkenden Cordonet. Selbstverständlich werden diese Spitzen heute ebensogut in höchster Vollendung als wie in Marktware ausgeführt, sie stehen, was Popularität anbelangt, in einer Linie mit den duchesses. Point de gaze wird auch häufig auf Tüllapplikations hergestellt. Man nennt sie dann Brüsseler Nadel-Applikation.
Point à l'aiguille werden nicht mehr in Brüssel und Umgebung erzeugt, sondern in den Gegenden von Alost, Gent, Grammont etc.
Belgien hat aber noch etwas Besseres in Nadelspitzen vorzuweisen als den point de gaze, denn es macht alle Gattungen Venetianer Nadelspitzen meisterhaft nach.
Man kann fast sicher annehmen, daß das prunkliebende Spanien die Heimat der guipures ist. Es war das farbenfreudigste europäische Volk und stand am meisten unter östlichem Einfluß, da es doch mit Mauren und Juden nebeneinander wohnte. Die Vorliebe für kostbaren Schmuck und Gewandung mag es sich zum Teil von diesen, zum Teil aus seinem fast parvenuhaft schnell erworbenen Reichtum angewöhnt haben. Man nimmt an, die Mauren hätten die Behandlung der Gold- und Silberfäden den spanischen Juden gelehrt und diese erzeugten die guipures so lange im Lande, bis sie durch die Religionsverfolgungen vertrieben nach anderen Ländern emigrierten. Diese Juden haben wieder ihre Kunst in der neuen Heimat ausgeübt und so wurden die Gold- und Silber-guipures nach Lyon, Marseille, Genua, Mailand, Lucca, Venedig und Ragusa verschleppt. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß in Italien auch schon vorher Goldspitzen gemacht wurden, da besonders die genuesischen und venetianischen Rheder sehr häufig mit allen Kulturen des mittelländischen Meeres in Berührung kamen. Die Venetianer Carpaccios schmückten sich mit Gold- und Silberguipures. Die Seidenguipures, die ein- und buntfarbigen, haben in Spanien ihr Vaterland, sonst war dieses wenig produktiv, was Spitzen anbelangt, zum mindesten hat es die Geschichte der Spitzen mit keiner neuen Type bereichert. Es war stets mehr Käufer als Erzeuger, selbstverständlich wurden, wie in allen Klöstern, so auch dort sehr schöne Nadel- und Klöppelspitzen von den Nonnen verfertigt, doch kamen diese Erzeugnisse selten in weltlichen Gebrauch und waren ganz den Venetianerspitzen ähnlich. Die unglaubliche Anzahl von Kirchen, Altären, Marien-, Jesus- und Heiligen-Statuen wurden mit diesen Klosterwerken geschmückt, und bilden heute noch einen nationalen Schatz. Der Bedarf des Laienstandes wurde aber hauptsächlich vom Auslande besorgt; Venetianerspitzen, point de France, point d'Angleterre, Chantilly und Blonden,8 wie es die Mode mit sich brachte. Die Annahme, daß Spanien selbst im größeren Stil Spitzen erzeugt hat, ist eine irrige und kann, wenn behauptet, nicht genügend bewiesen werden; meistens leitet man dies von der Spitzengattung point d'Espagne genannt, ab. Nun muß man bedenken, daß eine Industrie blühen und vergehen kann, aber niemals verschwindet sie spurlos; Traditionen, Mythen und Dokumente bleiben als sprechende Beweise für die einstige Existenz erhalten. Insbesondere in Spanien mußte die Spitzenindustrie eine sehr ausgebreitete gewesen sein, um den ungeheuren Bedarf dieses reichen und prunkliebenden Volkes und den der Kolonien zu decken. Denn nicht nur der Hof und die Granden trugen Spitzen, sondern auch das ganze Volk, und wie nirgends anderswo wurden die Spitzen als Volants an den Röcken und Mantillen, Volkstracht. Denn die Spitzen-Hauben der Holländerinnen, Fläminnen und französischen Bäuerinnen, erscheinen eine sehr bescheidene Tracht im Vergleich mit dem reichen Aufwand der Spanierin, wo selbst die ärmste immer eine schwarze und weiße Blonden-Mantille besitzt, und welche als unpfändbar gelten.
Point d'Espagne wird ebenso wie point d'Angleterre nur eine Bezeichnung für eine speziell diesen Ländern gelieferte Ware sein und hat sich der letztere nicht von den Brüsslern, der erstere nicht von den Venetianern unterschieden. Point d'Espagne wurde höchstens im Geschmack und Reichtum der Ausführung der sehr streng konservativen Hofetikette zu Gefallen gearbeitet und es liegt sehr nahe, daß der Verkäufer dem gut zahlenden Kunden aus Courtoisie seine Ware als point d'Espagne verkaufte. Dies ist eine so häufig wiederkehrende Erscheinung im Geschäftsverkehr, daß man sich wundern muß, daß diese zwei Bezeichnungen allein die Basis für eine Polemik abgeben können. Wenn die österreichischen Fabrikanten ihre Fez nach dem Balkan exportieren, vermeiden sie es gewiß, das made in austria zu betonen.
Die Spitzen, die man in Spanien in den Klöstern findet, unterscheiden sich höchstens etwas im Dessin von den venetianischen, und nirgends findet man mit Ausnahme der guipures wirklich originelle Erzeugungen. Man muß bedenken, Spaniens Blütezeit fällt vor die große Spitzenperiode – als diese sich verbreiteten, war es bereits, wenn auch noch nicht äußerlich merkbar, im Verfall. Eine sich zersetzende Gesellschaft, ein kriegsdurchwühltes oder durch unglückliche Politik oder wirtschaftliche Verhältnisse gedrücktes Volk, wird zur Not seine alten Industrien erhalten, eine Hausindustrie kann sogar zum Retter in schweren wirtschaftlichen Krisen werden, wenn der auswärtige Handel brach liegt; wie man dies eben bei der Spitzenerzeugung in den Niederlanden in den traurigen und blutigen XVII. und XVIII. Jahrhunderten beobachten kann. Aber niemals werden in solchen Perioden blühende Industrien neu geschaffen und eingebürgert. So wäre auch damit der logische Beweis für die Unzulänglichkeit einer wirklichen Volks-Spitzen-Industrie der Spanier erbracht. Sie lebten und wirtschafteten so lange der Reichtum früherer Jahre reichte, gedankenlos dahin. Der Staat trieb Raubbau mit den nationalen Gaben, verschwendete und verwüstete, was zu verschwenden und zu verwüsten war. Die Ausbeute der Kolonien versiegte auch durch schlechte Wirtschaft mit der Zeit und diese lösten sich vom Mutterlande los.
Spanien hat nur eine Anregung gegeben und eine Eigenart geschaffen, das sind die bunten Seidenspitzen, und etwa noch nebst diesen die guipures, wofür man Seide und Aloefaden, naturfarben oder schwarz für grobe Spitzen verwendete.
Im XVI. und XVII. Jahrhundert werden auf den Inseln des mittelländischen Meeres vielfach dieselben Kultur- und Zivilisationsverhältnisse wie in Spanien und Portugal zu finden gewesen sein. Allan Cole reproduzierte in seinem Werke Ancient Point and Pillow Lace auf Tafel IV eine hervorragend schöne spanische Nadelguipure aus dem XVII. Jahrhundert, die schon sehr viel Ähnlichkeit mit point de Venice zeigt, ein maurisches Dessin und die sehr schmale Zeichnung wird beiderseitig von einer stark erhabenen Cardonet eingefaßt. Nadelguipures werden jetzt gar nicht mehr erzeugt.
Je mehr man sich in das Studium der Spitzen vertieft, desto mehr gewinnt man die Überzeugung, daß auch die Klöppelspitzen ihren Anfang in Italien hatten. Macramé d. h. geknüpfte Fransen und die spanischen Metalldrahtguipuren haben die Grundlage gelegt. Beide Gattungen führen uns in ihren allerfrühesten Anfängen in den Orient. In Italien wurden in vielen Städten wie Lucca, Florenz, Venedig, Mailand, Genua, Ragusa, Goldspitzen geflochten; ob sie diese von Spanien übernommen oder direkt vom Orient empfangen haben, bleibt unentschieden.
Mit der Bezeichnung Guipures wird allgemein ein sehr großer Mißbrauch getrieben. Es werden häufig Spitzen, die keinen réseau haben, oder solche mit réseau, wenn sie aus grobem Material gemacht sind, als Guipure bezeichnet.
Der eigentliche Sinn des Wortes Guipure liegt in dem Begriff des Zeitwortes guiper, welches bedeutet einen Faden um einen Achsfaden zu rollen oder zu drehen. Tatsächlich haben die Guipures alle dasselbe Merkmal, daß ihre Arbeit stets mit einer Unterlage verfertigt wird, sei es nun ein Seiden- oder Leinenfaden, die die Basis bilden, und welche entweder mit gleichem oder anderem Material übersponnen wurden. Wie die Klöppelspitzen von Knüpfarbeit und Weberei, wie die Nadelspitzen von point coupé und filet gelernt haben, lehnen sich die Guipures am meisten an die Passementerietechnik an, doch können sie sowohl mit Nadel als auch mit Klöppel gemacht werden. Die ältesten Guipures sind aus Gold- und Silberdraht oder Seidenfaden, ein- oder mehrfärbig gemacht. Sie waren vor und gleichzeitig mit der Reticella Mode. Sie gehören noch fast dem Mittelalter an. Häufig ist der Achsfaden bei Gold- und Silberguipures eine Seiden- oder Leinenschnur; dies begründet sich einerseits aus der Kostbarkeit des Materials, andererseits aber auch in der besseren Gebrauchsfähigkeit. Eine guipure ganz aus Metalldraht hergestellt, hätte den Nachteil gehabt, daß sie viel steifer und ungraziöser in der Verarbeitung gewesen wäre und schwerer im Tragen. Es sind drei eng nebeneinander laufende Fäden oder Schnürchen, die von einem Faden, lose, gewebeartig zusammengehalten werden, und die wie beim Stopfstich, mit einer Schlinge bei jeder Umkehr enden. Das Ornament ist bandartig in großen Schnörkeln und Ranken gezeichnet und weist meistens früheren Geschmacksstil auf. Diese Zeichnung wird mit brides, die unregelmäßig und ganz nach Bedarf angebracht sind, zusammengehalten. Die brides wie der Weberfaden der guipure ist aus feinerem Draht oder Faden gebildet, dasselbe gilt auch von Seiden- oder Leinen-guipures.
Genua und Mailand gestalteten die guipures aus und es entstanden alle Arten italienischer, französischer und niederländischer guipures in erster Linie und aus diesen entwickelten sich die anderen Arten Klöppelspitzen, die – besonders in Flandern – zur höchsten technischen Vollkommenheit gediehen.
Die ersten italienischen Klöppelspitzen haben häufig von beiden Gattungen den Charakter entlehnt, und in ihrer weiteren Entwicklung dieselben Effekte verwertet; doch sei erwähnt, daß kaum ein anderer Ausdruck in der kommerziellen Spitzensprache so häufig und so unbegrenzt angewendet wird wie das Wort guipure. Alle groben Spitzen, alle torchons und überhaupt alle Arten, die zufällig keinen sehr populären Namen haben und nicht sehr fein sind, und keine réseau haben, werden kurzweg guipure getauft.
Man kann aber nur zwei Familien unterscheiden, solche, die wie oben gesagt, ihren Ursprung von der Seiden- und Gold-guipure ableiten, die also eine getrennte Ausführung haben, das heißt das toilé (Guimp) und der Grund; die beiden werden getrennt am Klöppelpolster gemacht. Der Faden des toilés oder der guimp läuft nicht wie der Faden der Leinwand horizontal und vertikal zum Rande, sondern parallel zu den Rundungen und Schwingungen der Zeichnung und dieses, das toilé, hat nie einen dichten Rand, sondern endet stets mit einem gleichmäßigen à jour, in dessen Rand dann der Grund eingearbeitet wurde, wenn die einzelnen Teile verbunden wurden.
Die zweite Art wird wie die macramè9 in Einem gearbeitet und das Charakteristische derselben ist, daß sie weder fond noch toilé im eigentlichen Sinne, also getrennte Wirkung haben; beide lösen oder konzentrieren sich ineinander. Sie werden stets mit der anfangs aufgeschlagenen Anzahl Klöppel fortgearbeitet und nichts dazugefügt oder weggenommen. Und so leicht manchmal die Technik dieser Spitzen aussieht, so verlangt sie von der Arbeiterin ob geübt oder ungeübt, stets eine große Aufmerksamkeit, da sie fortwährend rechnen muß und die Schönheit der Arbeit davon abhängt, daß sie die Fäden richtig verteilt und verzweigen läßt, trennt und vereint, wie die Zeichnung es verlangt, während der réseau jahrelange Übung erfordert, aber dann mühelos und gedankenlos verfertigt werden kann.
Jedes Land hat die Technik dieser zweierlei guipures in seiner Art weiter gestaltet und Neues geschaffen, und auch parallel mit den anderen Nationen Gleiches geleistet.
Um vorerst bei Italien zu bleiben, sind a) die eigentlichen guipures oft aus groben, ungebleichten Leinenfäden und mit erhabenen – wie aufgenähten – Schnürchen gearbeitet (wie schon oben die spanischen geschildert sind) von ihnen abgeleitet, b) die Bändelspitzen; diese sind ihnen eng verwandt. Das Ornament wird durch eine Art Band gebildet, das vorerst der Zeichnung angepaßt geklöppelt wurde. Die Zeichnungen sind etwas derbe Blumen und Ornamente oder ineinander verschlungene Bänder und die Zwischenräume sind mit Klöppel- oder Nadeljours gefüllt und mit brides vereint.
Diese Spitzen, besonders die mit verschlungenem Bandmuster, werden häufig zu den sogenannten Kirchenspitzen gerechnet. Die Bändelspitzen mit geklöppeltem Band sind oft leicht und zierlich verschlungen, im Italienischen heißen sie vermicelli. Sehr häufig findet man an italienischen Arbeiten dieser Art im toilé in kurzen Abständen kleine Löcher in der Größe eines Stecknadelkopfes.
Die Litzenspitzen sind eine Abart von diesen Bändelspitzen; das geklöppelte Bandornament wird durch eine gewebte Litze ersetzt und dadurch muß diese in der Verarbeitung an den Rundungen und Biegungen eingehalten werden und bildet Fältchen, an den Kreuzungen liegt sie doppelt übereinander. Solche Litzenspitzen sind, wenn auch wirkungsvoll und dekorativ, selbstverständlich stets etwas plump und stellen nicht hohe Kunst vor. Aus dieser Art entstanden zu guter Letzt die schrecklichen point lace, die in ihrem Dilettantismus Europa überschwemmten und als »home made« gepriesen wurden.
Die dritte Art, die sogenannten Mailänderspitzen, haben auch Bandornamente oder Adler, Wappen und dergleichen, die als stilisierte Motive in einem ziemlich groben vier- oder sechseckigen geflochtenen Klöppel-réseau sitzen – manchmal ist dieser réseau in Nadelarbeit, in letzterem Fall, wenn die Techniken gemischt sind, heißen sie mezzo punto. Die Mailänderspitzen sind die einzigen italienischen Spitzen, die einen réseau haben.
Es mag daher sehr häufig vorgekommen sein, daß ein solcher Grund erst in späteren Zeiten auf alte Spitzen, an welchen der Grund zuerst abgenutzt wurde, angewendet wurde, denn im allgemeinen werden sowohl Klöppel- wie Nadelspitzen mit der Nadel ausgebessert.
Nun muß erwähnt werden, daß in vielen Fällen bei italienischen besonders aber auch bei flämischen Spitzen dieser Art, Fond und Motive, wenn auch separat, so doch gleichzeitig gemacht wurde, das heißt man arbeitete ein Motiv, dann sofort den réseau und legte die réseauklöppel beiseite, bis ein neuer Raum zum Füllen geschaffen war, man führte die Klöppelfäden quer über ein Motiv auf der Rückseite und erst in späteren Zeiten entwickelte sich die ganz getrennte Art wie bei Bruges und Applikation etc.
Aus diesen drei oben geschilderten Spitzenarten haben sich die Brüsseler, die Bruges und duchesses entwickelt.
Die zweite Klasse der italienischen Spitzen können nur dann zu den Guipures gerechnet werden, wenn ihre Art kein eigentliches toilé aufweist, wenn sich also die Zeichnung und Ausführung nicht im Grund und guimp trennt, sondern diese ein harmonisches Ganzes bilden und sich in geflochtene Schnüre oder Stäbe verbreiten und in Flächen auflösen. Die ältesten geflochtenen heißen point de Gênes frisé (genuesische Giupures) und wurden vielfach als Ersatz für die sehr teuren Nadelspitzen, die venetianischen Reticella, verwendet; sie sind aus ganz geflochtenen Zöpfchen gebildet und sind meistens Zackenspitzen, sie sehen in der Nähe wie gehäkelt aus, von ferne aber haben sie die größte Ähnlichkeit mit Reticella, ihre Ornamente sind ganz geometrisch. Eine Art Ornament wiederholt sich stereotyp, das sogenannte Gerstkornmotiv, bald zieht es sich wie eine Reihe von Kindern aufgefaßter Beeren im Zickzack durch die Spitzen, bald ist es zum Kleeblatt oder sternartig zusammengesetzt. Eine andere Gattung Zackenspitzen, auch genuesischen Ursprungs, ist offenbar aus der geflochtenen Guipure entstanden, sie sind flach, haben dickes toilé, ebenfalls wie Beeren oder Kugeln, welche aus dem geklöppelten Bandornament entstanden sind, und sind mit brides verbunden. Für unser heutiges Auge wären sie zu plump, um sie für den Schmuck der Kleidung zu verwenden, aber ihre allgemeine Ähnlichkeit mit der Reticella verschafften ihnen im XVII. Jahrhundert große Verbreitung für das bürgerliche Alltagskleid der Minderbemittelten und für die sparsamen Kaufleute der republikanischen Gesellschaften des Westens; man kann sie häufig auf Porträts ehrsamer Ratsherrn und Bürger abgebildet sehen. Sie haben ein neues Element in die Klöppeltechnik gebracht, nämlich die tiefeingekerbten Spitzen und runden Zacken, die bei den Engländern vandyked heißen, nach der auf Van Dyk-Porträts abgebildeten Spitzen, die fast alle diese Formen haben. Aus diesen Spitzen in einem Zug geklöppelt, entwickelten sich die vielen groben Leinenspitzen, welche für den Hausgebrauch in Oberitalien verwendet wurden. Sie sind gute, dauerhafte Spitzen mit einfachen bäuerlichen aber geschmackvollen Motiven, man fand sie vielfach an gestickten Leintüchern und Bettwäsche angenäht, ihre Verbreitung reichte weit über Italien hinaus. In Tirol, Kroatien und Istrien wurden sie ebenfalls gemacht.
Zu dieser Gruppe gehören noch die Malteserspitzen, in schwarzer oder weißer Seide oder aus Leinenfäden geklöppelt. – Die Zeichnung ist sehr einfach: Bandmotive mit Gerstkorn-Gruppen zu Kreuzen gestellt und Räder aus brides sind so ziemlich die hergebrachten Ornamente.
Italien hat seine Technik vernachlässigt, es blieb bei der Fertigkeit des XVII. Jahrhunderts stehen und überließ es anderen Völkern, den Belgiern und Franzosen, darin reiche Ausbeute an Variationen zu schaffen. Der italienische Flachs eignete sich nicht so gut zu feinen regelmäßigen Gespinsten. Daher kann man italienische Klöppelspitzen stets an ihrer relativen Grobheit des Fadens erkennen, wenn nicht an dem Stil der Zeichnung, der etwas Großzügiges und Elegantes hat.
Vermutlich ist es eine Gedankenassoziation, die viele befällt, daß man sich ein altes niederländisches Interieur gar nicht ohne einen Klöppelpolster vorstellen kann; man sieht so viele Spitzen auf allen Porträts und die holländischen Maler sind jedenfalls diejenigen, welche am häufigsten die Spitzenklöpplerinnen in ihren Genre-Bildern dargestellt haben. Und doch will man dafür Beweise erbringen, so erscheint es fast wie ein Trugschluß, man weiß wenig über die holländische Spitzenerzeugung und zur Geschichte der Luxusspitzen haben sie jedenfalls nichts beigetragen; betrachtet man aber die holländischen Pottenkant, denkt man an die Individualität dieses Volkes, an ihre verhältnismäßig ruhige Geschichte, so meint man ohne es völlig beweisen zu können, daß doch früher die Klöppelindustrie sehr stark ausgebreitet war, aber aus irgend welcher Ursache früher versiegte, als die große Blüte-Zeit für die Spitzen anbrach; daß es also bei einfachen Erzeugnissen blieb, die zwar allgemein im Gebrauch waren, aber schon in der dritten oder vierten Generation zugrunde gegangen sein mögen, denn man muß bedenken, daß Spitzen, die älter wie 150 Jahre sind, zu den großen, geschätzten Seltenheiten gehören. Daher erklärt es sich, daß man von den einfacheren alten Spitzen sehr wenig weiß, weil sie zu sehr durch den täglichen Hausgebrauch abgenutzt wurden und viel schneller zugrunde gingen, wie die sehr großen und kostbaren Luxusspitzen. Dies ist zu bedauern, da man gerade an den einfacheren Klöppelspitzen gut die Entwickelungsgeschichte studieren könnte.
Auch der feinste, zarteste holländische Flachs, besonders berühmt von Harlem, der allen nordischen Spitzen ein gewisses Übergewicht an Eleganz gegen die gröberen italienischen Gespinste gab, trägt dazu bei, in Holland Spitzen zu suchen – um – keine zu finden.
Die Klöppelspitzen haben ihre Heimat in Flandern, Brabant, kurzum in ganz Belgien und mit belgischen Klöppelspitzen kann kein Land der Welt in Wettbewerb treten, auch Italien und Frankreich nicht. Belgien hat vor allem sämtliche existierenden Gattungen Klöppelspitzen gepflegt, es hat den réseau erfunden und mit wenigen Ausnahmen wie Frankreich mit Chantilly und Italien mit Mailänder réseauspitzen, auch allein ausgenutzt. Die einheimischen Klöppelspitzen der anderen Länder haben meistens nur brides in allen möglichen Ausführungen oder sind getreue Nachahmungen von flämischen Spitzen. Der réseau wurde aber nirgends so eingebürgert, daß er neue nationale Abarten im Laufe der Jahrzehnte gebildet hätte, und selbst die Imitationen wurden meistens gröber und bäuerlicher wie die Originale des Stammlandes gemacht.
Es erscheint daher unnötig und schwer, wie schon einmal erwähnt, die Spitzen durchwegs nach Nationalitäten zu differenzieren, insbesondere wenn sie kein besonders abweichendes Gepräge zeigen. Ist es nicht logischer, die Valenciennes unter die flämischen Spitzen zu gliedern, als wie unter die französischen zu reihen? Valenciennes gehörte bis zum Jahre 1677, als es durch den Frieden von Nymwegen zu Frankreich kam, zu den Niederlanden. Die vielerlei kleinen Spitzen, die in der Normandie und der Bretagne gemacht wurden, tragen alle Valenciennes oder malineartigen Typus, ebenso die Spitzen des Erzgebirges und nirgends wurden sie vervollkommnet noch liefen sie denen des Mutterlandes irgendwie den Rang ab; sie blieben Epigonen.
Charakteristisch gesondert erscheinen hingegen die Chantilly und Blonden für Frankreich, wenn sie auch heute vielfach nur mehr in Grammont erzeugt werden, so bleiben sie doch ein wesentlich französisches Produkt. Und Spitzen ohne réseau kann man einige anführen, die ganz nationales Aussehen haben, so die russischen und skandinavischen mit ihrem monotonen Muschelornament, das an die versteinerten Ammoniten erinnert, und viele andere.
Klöppelspitzen kann man jedoch in zwei der Technik nach höchst verschiedene Gattungen einteilen, welche beide in Italien, Belgien und Frankreich gepflegt wurden. Es sind erstens die Spitzen, die in einem Zuge fortlaufend gearbeitet wurden, zweitens Spitzen, die in ihren einzelnen Teilen separat angefertigt und dann mittelst Häkelnadel10 und Klöppel zu einem Ganzen vereinigt wurden.
Die ersteren werden in Belgien auf einem viereckigen, leicht geneigten Polster gemacht, in anderen Ländern besonders für schmale Spitzen, auf einem muffartigen, dem die Vorlagzeichnung ringartig angepaßt wird, und auf dem die Spitzen ins Unendliche fortgearbeitet werden können. Man findet in allen Ländern eine Art Spitzen, die man häufig auch Kirchenspitzen nennt, und die untereinander, sei es der point d'Anvers, oder deutsche oder italienische, ein und denselben Ursprung haben und sehr alt sind, es sind Spitzen, die keinen eigentlichen Grund noch Leinwandschlag aufweisen; sie sind locker und die Formen lösen sich auf und gehen ineinander über, kaum bildet sich in dem Gewirre der Klöppel eine kleine Insel als Leinwandschlag, gleich wird sie gelöst und verteilt sich in geflochtenen Stäben (Ganzschlag und Halbschlag) etc. Es sind dies die einfachen Flechtspitzen.
Diese Spitzen bilden die Ahnen für die ganze Gruppe der in Einem gemachten Spitzen. Italien und Deutschland haben sie verhältnismäßig am wenigsten umgebildet und sie blieben Spitzen für Haus- und Kirchengebrauch. In Frankreich entwickelten sich aus ihnen die torchons, die heute noch in der Auvergne tausenden und abertausenden Händen Beschäftigung geben. Am meisten hat aber Belgien diese Spitzen umgestaltet, so sehr, daß man in der primitiven verwischten dentelle d'Auvers kaum mehr die Verwandtschaft mit den réseauspitzen erkennen kann.
In Italien gehören hieher alle bäuerlichen und die Dekorationsspitzen (guipure d'ameublement) wie sie in ganz Oberitalien von den genuesischen Litorale bis zur Adria gemacht werden. Spitzen in spagatgrober, ungebleichter Leinwand sind heute überall in allen Industriebezirken zu finden. In Frankreich wurden sie in der Auvergne gemacht und bilden die torchons und dentelles d'ameublement (guipure d'art). In diese Gruppe gehören für Frankreich noch alle Valenciennes, Lilleartigen, Chantilly und Blonden, aber diese wurden nicht in Frankreich aus den torchons systematisch entwickelt, sondern sie übernahmen die Früchte der belgischen Künste und arbeiteten später erst an der weiteren Entwicklung. In Belgien entstanden aus dentelle d'Anvers, point de Flandre, Trollkant, Pottenkant, point de Paris die primitivsten Valenciennes, moderne Valenciennes, Malines, Binche, Lille. Aus dem aufgelösten Maschengewirr der Antwerpenerspitzen bildete sich vorerst die maille à cinq troux und der fond de neige, später der regelmäßige Maschengrund der Malines, Valenciennes und Lille, die die schönsten, dauerhaftesten und kostbarsten réseauspitzen sind und deren réseau man verschiedene Namen gibt, fond clair ou simple für Lille, Chantilly, Blonden (aus bloß gedrehten Fäden), fond double oder fond chant, aus paarweise laufenden Fäden, wie Pottenkant, point de Paris, Chantilly, torchons und auch Blonden – geflochtenen Masche, wie Malines, Valencienne und maille à cinq troux, Binche, Trollkant. Zur zweiten Gruppe gehören alle Klöppelspitzen, deren Formenschlag getrennt gemacht ist, sie haben mit Ausnahme der point d'Angleterre und point de Milan keinen réseaugrund.
Sie werden auf einem wie eine Scheibe drehbaren Polster gemacht, so daß die Arbeit jeweilig in die für die arbeitende Person bequemste Lage gedreht werden kann, sie haben stets wenig Klöppelpaare in Verwendung und dies vereinfacht die Arbeit in vieler Beziehung insbesondere, da sie die geeignete Technik vorstellen, um größere Stücke, wie sie unter Louis XIV. zweiter Regierungshälfte modern wurden, anzufertigen. Sieht man also einen breiten Volant oder Schleier oder tablier mit Réseaugrund, kann man sicher sein, daß es Spitzen sind, die in der zweiten Gattung Technik gemacht werden mit Ausnahme der Blonden und Chantilly, die in schmalen Streifen einerlei ob fond oder Dessin angefertigt und dann zusammengenäht werden.
Diese Technik wurde von den Mailänder Réseauspitzen übernommen und die älteste Ausführungsart dürfte wohl die eben geschilderte sein: daß man die Motive von Fall zu Fall rund arbeitete und sie gleich mit den brides oder réseaus zusammenfügte. Man legte die Klöppel dann jeweilig beiseite und führte sie auf der Rückseite quer über das Dessin. Diese Art wurde so lange ausgeführt, als die Zeichnung des Toilé noch eine streifenweise war, sobald ganz freie, inselartige Motive gemacht wurden, knüpfte man den réseau nachträglich in den Rand und die Motive wurden auf runden Polster oft von mehreren Arbeiterinnen gleichzeitig hergestellt; so entstanden point d'Angleterre, duchesse, Bruges, applikations etc.
Es ist ferner stets sehr wichtig, die Spitzen darauf hin zu betrachten, ob sie flach gearbeitet sind, also ganz dem Klöppelstil treu bleiben oder ob sie mit Zufügung des Cardonet andere Wirkung ähnlicher textiler Erzeugnisse anstreben, wie der Stickerei, oder der Nadelspitzen oder eigentlichen Guipuren, wie man es an Malines, Trollkant, Lille, Pottenkant, Brabanten etc. findet.
Trollkant sind ganz eigentümliche, flandrische Spitzen, die sich sehr in der Zeichnung an jene Spitzen, genannt points de Flandre, anlehnen; ihre Eigenart ist, daß sie gleich einer Musterkarte alle möglichen (points-)Schläge und Variationen aufweisen. Troll heißt auf Flämisch Kobold (wie im Skandinavischen), aber Trolly bedeutet auch einen groben Faden, etwa dem Sinne nach den französischen »la brode« gleichbedeutend. So mag man sich um den Ursprung dieses Wortes Trollkant streiten, erklärt und gedeutet konnte es nach beiden werden. Kobold und Fee haben dem gewöhnlichen Sterblichen überlegene Phantasie; das Muster ist stets wechselnd, nicht kontinuierlich, sei es nun in der Zeichnung, oder in der technischen Interpretation, doch haben Trollkant immer einen Konturfaden und dies, und die nicht einheitliche Ausführung der Zeichnung, unterscheiden sie hauptsächlich von den points de Flandre; es sind dichte Spitzen mit meistens guten, alten Zeichnungen, in nicht sehr feinem, aber regelmäßigem Faden ausgeführt; jedenfalls sind sie eine Spiel- oder Eigenart Flanderns und gehören zu den Varianten der vielen Stämmlinge der points d'Anvers, points de neige, maille à cinque troux, der einfache Formenschlag, fond chant oder fond double finden sich vereint, aber bilden noch keinen eigentlichen von den Motiven getrennten Grund.
Valenciennes, die Wäschespitzen par excellence, sind leicht erkennbar, toilé und réseau werden gleichzeitig gearbeitet und womöglich mit der gleichen Anzahl Klöppel. Sie gelten mit Recht als die dauerhaftesten Spitzen, das toilé ist das dichteste, welches überhaupt vorkommt, und sieht wie feiner Batist aus. Die Klöppel werden kunstvoll verteilt und in dem réseau fortgeführt, welcher aus einer der Valenciennes charakteristischen Masche besteht; jede Seite derselben ist ein aus vier Fäden geflochtenes Zöpfchen, je dichter dieses ist, desto dauerhafter ist sie.
Das toilé ist von keinem Cordonet-Faden eingefaßt, und ist ganz flach, was ihm beim Waschen und Bügeln sehr zum Vorteil gereicht. Daher hatte sie den Beinamen eternelles Valenciennes. Der Faden des toilé läuft wie bei Leinwand vertikal und horizontal, bei alten Stücken kann man beobachten, daß das toilé und réseau aus derselben Klöppelanzahl bestand, es wurde also nichts geschnitten. Man kann die Valenciennes in dreierlei Gattungen einteilen:
1. Die ganz alten, welche sehr große Ähnlichkeit mit den flandrischen Spitzen zeigen, haben die maille à cinque troux (welche auch geflochten ist). Die Zeichnung bildet nicht den Rand, sondern schlängelt sich durch die ganze Breite in einem großzügigen Muster, Blumen und Ranken, mit Vorliebe Nelken und Tulpen, welches darauf schließen läßt, daß wirklich die flämischen Arbeiterinnen, die unter Louis XIV. in Valenciennes angesiedelt wurden, diese Art eingeführt haben. Der réseau geht bis zum Rand, welcher nur durch ein doppelt breites Zöpfchen (acht Fäden) und picots abgeschlossen ist; sie haben häufig jours mit point de neige.
2. Die Valenciennes wie sie noch heute ist, mit der runden oder fast runden Masche und die Valenciennes mit der viereckigen Masche.
Die Valenciennes mit der runden Masche ist die ältere von den beiden letzteren Gattungen. Ihr réseau wurde in Valenciennes erfunden, weshalb diese les vraies Valenciennes genannt wurde; sie waren schön und fein gearbeitet, das toilé bildet bei beiden Gattungen den Rand, kleine verstreute Blümchen bilden häufig die Zeichnung und im Beginne mögen die Spitzen, in Valenciennes selbst verfertigt, sich durch größere Schönheit ausgezeichnet haben, so daß die in Lille, Aras und so weiter angefertigten Imitationen als fausses Valenciennes oder bâtardes benannt wurden, doch mit dem XVIII. Jahrhundert ging dieser Industriezweig in Valenciennes nieder.
Im belgischen Flandern blühte dafür diese Gattung auf, die Revolution hatte in Frankreich die verderblichsten Folgen für die Spitzenindustrie im allgemeinen.
Auch wurden später in Lille und Aras weniger kostspielige Lille Spitzen gemacht, die unter dem Namen dentelle de Lille den Valenciennes Konkurrenz machten. Um sich ein Bild von dem Unterschiede in der Anfertigung zu machen, sei nur erwähnt: während eine Arbeiterin der Lillespitzen zwei bis drei Meter im Tage fertig stellen konnte, vermochte eine Valenciennes-Klöpplerin höchstens fünf Centimeter bei zwölfstündiger Arbeitszeit zustande zu bringen, man kann also dadurch den bedeutenden Preisunterschied verstehen.
Mme. Paliser erzählt: auf der Weltausstellung im Jahre 1851 waren Valenciennes von Ypres zu 2000 Franks per Meter ausgestellt. Die Arbeiterin konnte in zwölf Stunden täglich nur acht Millimeter anfertigen.
Valenciennes in der Breite von fünf Centimeter benötigen zwei bis dreihundert Klöppel. Jetzt werden in Valenciennes gar keine Spitzen in der Art und dieses Namens gemacht. Fast der ganze Bedarf wird in Belgien gemacht und zwar ist Ypres das Zentrum davon. Im Jahre 1830 wurde dann die viereckige, sehr klare Masche gemacht. Die Zeichnung wurde reformiert, sogar jours mit point d'aiguilles, mit barettes, und point de neige gemacht.
In Bruges, Courtrois, Bailleul und so weiter macht man Valenciennes mit kleinen Abweichungen, zum Beispiel in der Brugher Gegend wird die runde oder fast runde Masche gemacht, anderswo wird das toilé sehr fein geklöppelt und während des Arbeitens werden Nadeln hineingestochen, die dann kleine Löcher bilden. Im Ganzen und Großen gehören aber die Valenciennes zu jenen Spitzengattungen, die in stetiger Abnahme begriffen sind; einerseits ist die Herstellung eine außerordentlich mühsame und langwierige, anderseits werden sie durch die Maschine in stetig besserer Ausführung imitiert, so zwar, daß die feinen Sorten der Maschinenspitzen oft schwer von den echten zu unterscheiden sind. Das toilé und réseau ist schon recht ähnlich, nur an dem Rande und den picots kann man die falschen besonders nach dem Waschen leicht erkennen. Die picots der echten sind aus zwei Paar Fäden geschlungen (vier Fäden), die falschen nur aus zwei einfachen Fadenmaschen, die nebeneinander liegen. Die picots und Ränder bei allen Maschinenspitzen sind der schwächste Teil und der Rand zieht ein und zerreißt zuerst.
Die Zahl der Arbeiterinnen vermindert sich jedes Jahr und die jungen Arbeiterinnen können überhaupt nur mehr die schmalen billigen und gröberen Waren (meistens für den Hausierhandel) machen. Die Valenciennes wurden auch noch im Erzgebirge, der Schweiz und in England und so weiter gemacht, sind aber niemals so fein und schön gearbeitet wie die belgischen. Jahrelang, von Kindesbeinen auf erworbene Übung ist die Grundbedingung der Technik dieser Spitzen.
Wenn die Valenciennes den Beinamen »les eternelles« verdienen, gebührt den Malines hingegen das Prädikat »la reine de dentelles«. Tatsächlich kann mit ihr an Zartheit, Kleidsamkeit und Eleganz nur noch die Binches konkurrieren.
In der ersten Hälfte des XVII. Jahrhunderts wurde der Name Malines im allgemeinen für die verschiedenen flandrischen Spitzen gebraucht und zirka von 1665 an knüpft sich der Name genauer an diese Spitzengattung an, obwohl sie damals noch nicht das Aussehen unserer heute bekannten Malines hatte. Es war auch nach dieser Zeit gegen das XVIII. Jahrhundert, daß sich nach den Versuchen und dem Gebrauche der verschiedenen fonds, in Malines die den Spitzen dieses Namens einzig eigentümliche Masche herauskristallisierte, welche den sogenannten Droschelgrund oder Eisgrund bilden, jene reizende, klare und dabei doch zarte sechsseitige Masche. An vier Seiten ist sie aus doppelten Fäden gewunden, während sie an den zwei Seiten, an welchen die zwei Fadenpaare zusammenlaufen, mehrfach geflochten ist.
Der Leinengrund (toilé) wird gleichzeitig mit dem Grund (réseau) gearbeitet und der Fadenschlag läuft wie bei den Valenciennes vertikal und horizontal. Ein stärkerer Faden (cordonet) umgibt die Contour und akzentuiert die Zeichnung des toilé, welches schütterer, wie bei den Valenciennes, geschlagen wird. Es wird dadurch dieses wolkige und flaumige Gepräge der Spitze hervorgerufen und steht im reizenden Kontrast zu dem Grund der reinen und regelmäßigen Maschen.
Die ältesten Malines haben wie alle älteren Spitzen ein sehr breites Dessin, so daß für den eigentlichen réseau nur wenig Raum bleibt. Sie haben in der Zeichnung große Ähnlichkeit mit den alten Brüsselerspitzen, die Technik der Ausführung ist grundverschieden und bei näherem Betrachten wird sie leicht zu unterscheiden sein. Der Faden des toilé der Brüsselerspitzen läuft stets parallel mit der Zeichnung und paßt und schmiegt sich ihren Rundungen an.
Eine Zeitlang verwendete man in den Malines auch vielfach den »fond de neige« und damals sahen sie den Trollkanten sehr ähnlich, doch kam der fond de neige wieder ab und mit dem geübteren Gebrauch des Droschelgrundes bildete sich auch die Zeichnung zu einem den Malines charakteristischen Stile aus. Es waren kleine Blumen, zarte Ranken und Blätter, Rosen und Margueriten, häufig waren in den Blumen jours ausgespart, welche mit brides und anderen fonds gefüllt waren, meistens bildete die Zeichnung eine ausgeprägte Bordure und der réseau war nur mit kleinen Blümchen, point d'ésprit und so weiter geziert.
Daher nannte man sie Malines à brides, Malines à fond de neige, malines à points d'esprit. In dieser letzten Entwicklung wurden sie ungemein geschätzt und sie waren durch mehr als wie ein Jahrhundert hohe Mode an den Höfen von England und Frankreich. Der feinste Faden, der stets aus Leinen war, gab ihr diesen weichen, milchigen Schimmer, der, wie ein Autor sagte, die Blondinen, welche damals an den Höfen regierten, gut und vornehm kleidete.
Die Ausführung war sehr kostspielig; es erforderte sechs Jahre Lehrzeit, um die Masche des Yisgrondes regelmäßig und zart ausführen zu können. So waren es die Spitzen der Höchsten und Reichsten.
Während der régence unter Louis XV. und Marie Antoinette wurden sie für Ruchen, Jabots, Krawatten und fichus, für Hauben und Kopfputz verwendet. Die Etikette schrieb sie für Sommerfestlichkeiten vor. Die Zeichnung folgte der Mode, für Ruchen brauchte man barbenartige Spitzen, die an beiden Seiten mit picots versehen waren, und diese borduren wurden noch kampaniert, das heißt mit schmalen leichten Spitzen (mignonettes) besetzt, was ihnen, zu Ruchen gelegt, ein ungemein duftiges Aussehen gab.
Maria Antoinette lancierte die Mode der leichten Stoffe, Linon, indischer Mouseline, gestickter Batist wurden für Kleider und fichus verwendet und mit ihnen triumphierten zum letzten Male die Malines.
In England waren sie schon früher aus der Mode gekommen und da die Stadt Malines ihr Absatzgebiet besonders in England hatte, verfiel dieser Industriezweig in ihr am ersten. Die französische Revolution vernichtete sie gänzlich und heute gibt es in Malines gar keine Spitzen dieser Art und an anderen Orten hat sie gleichfalls ganz aufgehört zu existieren. Turnhout mit achthundert Arbeitern fabriziert hauptsächlich nur schmale billige Ware.
Napoleon war ein eifriger Bewunderer der Malines und er wollte diese niedergegangene Industrie wieder beleben, aber es gelang ihm nicht; es war kein Nachwuchs an Arbeiterinnen herangebildet worden, sie verstanden nicht mehr, den Droschelgrund zu formen. Wenige alte Frauen vegetieren noch, die sich mit Anfertigung der Malines beschäftigen.
Und so leben die Malines meist nur mehr in alten Familiensammlungen weiter und nur hie und da sieht man auf einer Ausstellung noch ein schönes Stück moderner Erzeugung.
Eine Art Mittelstellung zwischen den Valenciennes und den Malines nehmen die Lillespitzen ein. In Lille wurde schon sehr früh geklöppelt, gegen 1600 wurden schwarze und weiße Spitzen erzeugt, dann imitierte man die Valenciennes, welche 16 000 Arbeiterinnen beschäftigt haben. Mit der großen Vogue der Malines und dem starken Bedarf derselben änderten die Lillespitzen ihre Art allmählich und anstatt der Valenciennes imitierte man die Malines. Die Lille sind die vulgären Malines, sozusagen eine billige Volksausgabe. Sie sehen in ihrer Zeichnung und der allgemeinen Wirkung ihren vornehmen Schwestern oft zum Verwechseln ähnlich, doch es genügt, sie näher zu betrachten, um zu bemerken, daß ihnen der den Malines eigene Charme fehlt; sie sind steifer und ungraziöser, doch ist ihre Ausführung eine ungemein billigere. Das toilé ist häufig sehr schmal, oft nur gleich so breit, wie der offene grobe Faden, der es umgibt. Die Spitzen haben meistens einen geraden Rand (doch nicht ausnahmslos). Es gibt zwei deutlich getrennte Arten Lilles, die eine, welche für Holland, die andere, die für Frankreich bestimmt sind; gemeinsam sind ihnen die oben erwähnten Merkmale und der stets aus einem fond clair bestehende Grund, das heißt es wird eine aus zwei Fäden mit Hilfe von Stecknadeln gewundene Masche hergestellt, und zwar ist diese für Frankreich stets sechseckig, für Holland häufiger viereckig, außerdem gilt für beide, daß die Maschen stets senkrecht zum Rande der Spitzen stehen, während bei den Malines parallel zu diesem.
Die Lilles, welche für den Handel nach Frankreich bestimmt sind, imitieren die Malines am stärksten; sie haben sehr ähnliche Muster, oft sind jours mit ovalen Medaillons mit verschiedenen fonds gefüllt in der Zeichnung der Bordüren, dann gibt es auch solche, die mehr den Valenciennes ähnlich sind, oder solche, deren Dessin sich um traubenartige Löcher oder Kreise bildet. Es gibt auch sehr feine, zarte Lilles, in welchen das Cordonet durch das toilé läuft, anstatt es einzufassen. Häufig werden die Lilles als Malines verkauft und der Käufer soll genau zusehen, daß er diese Spitzen nicht stark überzahlt.
Die zweite Gattung der holländischen Exportartikel wird als »Dutche« von den Arbeiterinnen benannt. Diese sind sehr volkstümliche ziemlich derbe Spitzen, mit hübschen großzügigen Rankenwerkzeichnungen und ihre Bestimmung ist meistens, für die holländische Nationalhaube verwendet zu werden.
Oft ist die Zeichnung so komponiert, daß sie einen Haubenflügel ausfüllt. Ihr réseau ist mit points d'esprits geziert, und in der ganzen Art liegt etwas Traditionelles, welches kaum von der Mode beeinflußt wird. Wer erinnert sich nicht gerne an jenen reizenden und kleidsamen Kopfputz, der die runden frischen Gesichter der Holländerinnen mit den blendend weißen Flügeln malerisch umgibt? Als Ersatz für die aus Lillespitzen verfertigten Hauben wird auch häufig der billigere gestickte Tüll verwendet.
Wie überhaupt in Frankreich mit dem XIX. Jahrhundert das Klöppeln vielfach abkam, war es wie in Valenciennes auch in Lille, daß diese Industrie ganz nach Belgien übersiedelte, wo sie heute noch einen recht blühenden Zweig der Spitzenindustrie ausmacht und zwar meistens an jenen Orten, wo einstens oder noch jetzt Malines oder points de France oder Valenciennes verfertigt wurden oder werden. Ein Hauptzentrum ist Turnhout im nördlichen Belgien.