Auf einem Zweige im Walde saß ein junger Stieglitz. Er hatte sich die Federn aufgeblasen und saß da so stolz und so selbstgefällig und machte sich wirklich dick, wie man im gewöhnlichen Leben zu sagen pflegt.
– Quirewitt! sagte er dann und wann vor sich hin. Was bin ich doch für ein unglücklicher Mensch! Gar nichts habe ich mehr, was mir Freude macht. Das Leben ist doch das Aufstehen und zu Bette gehen nicht werth.
So klagte der Stieglitz, denn wie jung er auch noch war, litt er doch am Weltschmerz, wie es vielen Menschen ergeht, die selbst nicht wissen, was sie wollen.
Da kam ein Zeisig herbei geflogen, der war ein Jugendfreund von ihm, denn er war mit dem Stieglitz, als sie fliegen lernten, auf einem und demselben Zweige in die Schule gegangen.
– Was fehlt Dir denn? fragte der Zeisig.
– Was mir fehlt? Alles! antwortete der Stieglitz. Ich bin europamüde und kann es hier gar nicht mehr aushalten.
– Du bist wohl nicht recht bei Trost, Stieglitz? Du hättest früher lieber weniger lustig in den Tag hinein leben sollen, so könntest Du jetzt mehr Freude am Dasein finden. Du bist entweder blasirt oder Du bist auch verliebt.
– Ach, das Alles haben wir längst hinter uns! sagte der Stieglitz, als wäre er schon ein Greis, während er doch noch im vorigen Jahre wie alle jungen Vögel einen gelben Rand am Schnabel getragen hatte und also eigentlich noch ein rechter Gelbschnabel war.
– Du bist nicht recht klug! rief der Zeisig, flog davon, um nicht auch melancholisch zu werden und ließ den Stieglitz allein sitzen.
– Ich glaube, er hat Recht, ich bin wirklich blasirt! sagte der Stieglitz zu sich selbst. Aber was kann ich denn dagegen thun? Es liegt einmal in meiner Gemüthsart... Ich will mir doch die Sache beschlafen.
Und so schlief er auf dem Zweige ein, denn ein eigenes Nest hatte er gar nicht.
Am andern Morgen, als er am Ufer eines Quells auf einem Kieselstein saß und Kaffee trank, hielt er folgendes Selbstgespräch:
– Ich habe mir das nun während der Nacht überlegt und gefunden, daß es am besten sein wird, wenn ich mich verändere, das heißt, wenn ich mich verheirathe; denn im Grunde langweilt mich das Junggesellenleben. Vielleicht finde ich Zerstreuung in der Ehe. Schön genug bin ich, daß mich Jede nimmt, sagte er, sich selbstgefällig in dem Wasserspiegel betrachtend, aber ich mag nicht eine Jede nehmen. Am klügsten thue ich wohl, wenn ich eine Wittwe heirathe, die schon ein eigenes Nest hat, denn mir erst ein solches zu bauen, das ist mir zu langweilig. Da ist z. B. die junge Dame in dem Erlenbaum, deren Mann im vorigen Monat von dem Jäger erschossen wurde; sie ist eine ganz rechtschaffene Stieglitzenfrau und jung und hübsch ist sie auch noch. Ich will doch um sie freien.
Und der Stieglitz machte sich schön, indem er den Quell als Spiegel benutzte, strich sich namentlich die gelben Federn in seinen Flügeln, auf die er sehr stolz war, durch den Schnabel, kämmte sich sorgfältig sein rothes Käppchen und flog sobald es Mittagszeit war, wo man Damenvisite machen kann, nach dem Erlenbaum.
Die junge Stieglitzen nahm ihn auch ganz freundlich auf, denn sie mochte wohl ahnen, was der blasirte junge Herr wollte, und als er ihr sein Anliegen gesagt hatte, war sie auch ganz einverstanden; aber sie bat ihn doch, mit der Hochzeit noch acht Tage zu warten, denn dann sei ihr Trauermonat abgelaufen. Den Anstand müsse man nie verletzen, sagte sie.
Und richtig war um acht Tage Hochzeit im Erlenbaum, aber keine große; nur die Nachbarn waren geladen, denn der Bräutigam meinte, eine große Hochzeit sei viel zu langweilig.
So war denn der Stieglitz ein Ehemann geworden.
Aber fühlte er sich wohl glücklich? Nein, er war noch ebenso unzufrieden wie vorher, denn als die Flitterwochen vorüber waren, langweilte es ihn, daß seine junge Frau Tag und Nacht im Neste lag und die Eier ausbrütete, was doch ihre Schuldigkeit war. Der Stieglitz aber meinte, das sei gar zu einfältig; überhaupt habe er die Bemerkung gemacht, daß seine Frau nur für die Wirthschaft und zu sonst gar nichts zu gebrauchen sei; hätte er das gewußt, so würde er sie gar nicht geheirathet haben.
Noch mehr aber verdroß es ihn, als nun die Jungen aus den kleinen Eiern schlüpften, die Nahrungssorgen anfingen und er den ganzen Tag hindurch Futter für die Kinder suchen mußte. Ja, als sie größer wurden, hatte er nicht einmal Platz in seinem eignen Neste und mußte die Nächte hindurch am Rande desselben auf einem Beine stehend schlafen. Das sei doch zu dumm, sagte er zu sich selbst.
– Kiriwitt! sprach der Stieglitz eines schönen Abends, als seine Frau die schon flügge werdenden Jungen auf dem Zweige exercirte. Ich bin doch eigentlich gar nicht zum Ehemann geboren!
Und als nun die Jungen ausgeflogen waren, um ihr Glück in der Welt zu versuchen, und er mit seiner Frau wieder allein war, da machte ihr der unzufriedene Stieglitz eines Tages bittre Vorwürfe. Sie sei auch zu gar nichts als zur Wirthschaft zu gebrauchen, sie habe nicht die geringste gesellschaftliche Bildung, sagte er zu ihr; eine solche Frau könne ihn nicht glücklich machen, sie allein sei Schuld daran, daß er seinen Lebenszweck verfehlt habe.
Die arme Frau fing an bitterlich zu weinen, denn sie war ja so herzensgut und hatte ihn auch immer so lieb gehabt; aber da sie seinem Lebensglück nicht hinderlich sein wollte, so willigte sie endlich ein, als er ihr vorschlug, sie wollten sich scheiden lassen.
– Er wird schon wieder zu mir zurückkehren, wenn es ihm einmal schlecht geht, dachte sie bei sich; er weiß das häusliche Glück noch gar nicht zu schätzen.
Und so flogen sie Beide zu einem Dompfaffen, der mußte sie scheiden.
– Gott sei Dank, dachte der Stieglitz; jetzt bin ich wieder frei! Ich will nur mit der nächsten Gelegenheit nach Amerika auswandern, denn hier in Deutschland ist es mir viel zu enge. Vielleicht, sagte er, machst Du in Amerika Dein Glück, und wenn Dir dies gelingen sollte, so giebst Du den Vögeln Gesangunterricht, denn die sollen dort zwar alle sehr schön von Gefieder sein, aber keinen Ton zu singen verstehen; und wie die Drossel mir gesagt hat, wird die Kunst in Amerika sehr hoch bezahlt. Vielleicht kannst Du da noch berühmt werden!....
Das war nun Alles recht gut, aber wie sollte er über das weite Wasser kommen! Er konnte zwar sehr schnell fliegen, aber, ohne ausruhen zu können, war doch die Reise über das große, endlose Meer zu weit.
Stieglitz überlegte sich diesen Punkt und flog nach einem Hafen. Hier lagen viele, viele Schiffe und eins von ihnen war eben im Begriff, mit vollen Segeln in die See zu gehen.
– Das ist gerade eine günstige Gelegenheit, sagte der Stieglitz; mit dem Schiffe willst Du fahren.
Also flog er ihm nach, setzte sich oben in den Mastkorb und fuhr Tage und Nächte, ohne sich was merken zu lassen, daß er auch da sei. Der gute Stieglitz hatte leicht reisen, denn er brauchte kein Passagiergeld zu bezahlen. Tags verhielt er sich oben in seinem Mastkorb ganz still, aber Nachts, wenn die Passagiere und die Matrosen fast alle schliefen, dann flog er auf das Verdeck herab und pickte die Brodkrümel auf, welche die Schiffsmannschaft beim Essen verloren hatten.
So ging die Reise wohl volle sechs Wochen. Dem guten Stieglitz wurde in seinem Mastkorb Zeit und Weile lang, aber hier hieß es: mit gegangen, mit gefangen, und so war er nur froh, daß er nicht seekrank wurde.
Endlich erblickte er eines Morgens in der Ferne eine Küste. Sogleich flog er auf, verließ das Schiff und eilte in das fremde Land hinein.
Ja, wie sah das Alles so anders aus als zu Hause! Das soll ein Leben werden! dachte der Stieglitz; hier kannst Du Dein Glück machen!... Du willst nur gleich einmal die Tonleiter singen, um Dich zu überzeugen, ob Du auch unterwegs nicht Deine Stimme verloren hast!
Er ließ sich auf einen Baum nieder, der war dick mit granatrothen Blüten besetzt und stand mitten in einem Walde.
– Kiriwitt, Kiriwitt! sang er zur Probe... O, es geht noch! Du mußt nur erst wieder in Zug kommen, sagte er zu sich selbst... Kiriwitt, sang er ganz vergnügt, hob den Schwanz in die Höhe und flog von einem Baume zum andern.
– Arrah, Arrah! hörte er plötzlich unter sich schreien und erblickte einen großen, ganz schneeweißen Vogel, der hatte einen gelben Kamm auf dem Kopf, auf den er sich viel einzubilden schien. Und um ihn her saßen eine ganze Menge andrer bunter Vögel, die waren grün, gelb, grau und roth und stimmten ein gefährliches Geschrei an. Stieglitz meinte, wenn er sich nicht irre, müßten dies Papageien sein.
– Aha, dachte er, da sind schon welche von den Wilden! Du mußt ihnen nur gleich einen Begriff von der deutschen Bildung und Kunst beibringen. Wie man sich einführt, so wird man hernach beurtheilt. Was werden Die staunen, wenn sie Dich singen hören.
– Kiriwitt! sang er und setzte sich mitten unter die großen Vögel.
– Ei sieh doch, was bist denn Du für ein kleiner Knirps? fragte der große weiße Vogel. Was soll denn das heißen: Kiriwitt? Wir sprechen keine fremden Sprachen; wir sprechen hier nur englisch.
Und dabei fing er wieder an zu kreischen, daß dem Stieglitz ganz übel wurde.
– Pfui, Ihr solltet Euch schämen mit Eurem Geschrei; das ist ja, als wäre man in einer Judenschule. Ihr seid doch noch gar zu sehr in der Bildung zurück! rief der Stieglitz.
– Mit Erlaubniß zu fragen: was bist Du denn für Einer? sagte ein großer grauer Papagei.
– Ich bin ein Stieglitz und stamme aus einer sehr noblen Familie des Schwarzwaldes in Deutschland, antwortete der Stieglitz. Da ich aber hörte, daß man hier im Gesange noch so weit zurück ist, ja gewissermaßen sogar nichts davon versteht, so bin ich herübergekommen, um Euch in dieser Kunst zu unterrichten.
– Na, dann singe uns 'mal was vor! sagte der Papagei.
Der Stieglitz nahm eine sehr künstlerische Haltung an, wetzte sich den Schnabel und räusperte sich.
– Kiriwitt – witt – witt! stimmte er an, wie es die Sänger zu thun pflegen, ehe sie eigentlich beginnen, und dann quinquilirte er ihnen was vor, das sollte eine deutsche Arie sein, wie er sagte.
– Hahaha! Das ist also eine deutsche Arie? Die kann mir gestohlen werden! rief der große weiße Vogel. Jetzt höre zu, wir wollen Dir eine Arie nach unsrer Weise vorsingen.
Und wieder fingen sie an zu schreien, daß es durch den ganzen Wald schallte und der Stieglitz vor Schreck beinahe von dem Zweige gefallen wäre.
– Das ist ja eine wahre Katzenmusik! rief er, als sie fertig waren mit ihrer Arie. So etwas Gesang zu nennen! Pfui!
Aber kaum hatte er dies gesagt, da fielen sie Alle, als wenn sie sich verabredet hätten, mit ihren dicken Schnäbeln über ihn her und wollten ihn todtbeißen. In seiner Angst flog der Stieglitz davon; sie aber verfolgten ihn und hätten ihn gewiß auch bald erreicht. Wie wäre es dem armen Stieglitz wohl ergangen, wenn er nicht zu seinem Glück hinter dem Walde ein Landhaus gesehen hätte, dessen Fenster offen standen.
Er flüchtete sich in das Zimmer und verbarg sich ängstlich hinter der Gardine.
Aber nun denke man sich seinen Schrecken, als er plötzlich bemerkte, wie sich eine pechschwarze Hand nach ihm ausstreckte, und gleich darauf sah er zu seinem Entsetzen auch einen kohlenschwarzen Kopf, ein paar weiße Augen und große weiße Zähne.
Huh! der arme Stieglitz dachte nicht anders, als daß der Teufel selbst ihn packte. Er wollte davonfliegen und hätte sich lieber von dem bösen weißen Vogel als von der schwarzen Hand greifen lassen, aber er verwickelte sich mit seinen langen Nägeln in den Gardinenfranzen. Da zappelte er nun, und die große schwarze Hand packte ihn und eine andre streichelte ihm das rothe Käppchen.
– Wie schlug dem Stieglitz das kleine Herz! Jetzt ist es vorbei, dachte er; wäre ich doch lieber zu Hause bei meiner Frau geblieben... Nun machen sie mich todt!
Aber die große schwarze Hand, die einer Mohrin gehörte, brachte ihn zu einer Frau, die war ihre Herrin, und zu seiner Freude sah der Stieglitz, daß diese ganz weiß war, ja er hörte, daß sie sogar deutsch sprach.
Die Sache verhielt sich nämlich so: Stieglitz befand sich bei einer deutschen Pflanzerfamilie, die viele Mohren und Mohrinnen als Sklaven hatte.
An seinen Gesangsunterricht dachte der Stieglitz gar nicht mehr, ja er war nur froh, als die Hausfrau ihn in einen Käfig setzte, ihm Hanf und Wasser gab und zu ihrer Dienerin sagte, sie wolle sich den Stieglitz zahm machen, denn sie habe ihn sehr gern, weil er ja aus ihrem Vaterlande komme.
– Hier mußt du klug sein! dachte Stieglitz. Und er stellte sich, als sei er schon ganz zahm und ließ sich alle Tage von der Hausfrau liebkosen, so viel sie wollte. Dabei guckte aber der Schelm immer nach dem Fenster, und als er eines Tages gewahrte, daß dieses offen stand, war er draußen in der freien Luft, eh' sich Einer dessen versah.
– Kiriwitt! sagte er, sich dem Hause gegenüber auf einen Baum setzend. Ihr kriegt mich nicht wieder!
Die Frau aber lief zu ihrem erwachsenen Sohn, der gerade von der Jagd kam, und sagte ihm, daß der Stieglitz entwischt sei und im Baume sitze. Dieser lockte ihn mit allerlei Leckerbissen, Stieglitz aber rief: ich bin nicht so dumm, wie Ihr glaubt! und hüpfte vergnügt im Baume herum.
Da wurde der Sohn so böse, daß er seine Flinte vom Nacken nahm und eh' Stieglitz daran dachte, hörte er einen Schuß und sah, wie der Hagel um ihn her in die Zweige schlug.
– Jetzt machst du dich aus dem Staube! sagte er für sich, flog eine halbe Meile weit weg und ruhte dann aus.
– Ich glaube, dachte er hier, du begiebst dich wieder auf den Heimweg. Hier in dem fremden Lande blüht dein Glück doch nicht; Pulver hast du nun schon gerochen und wenn die ungebildeten bösen Vögel dich wieder zu sehen bekommen, so ergeht es dir auch schlecht.
So flog er denn wieder zum Hafen zurück und sah zu seiner Freude, wie gerade dasselbe Schiff wieder auslaufen wollte, mit dem er gekommen war.
– Kiriwitt! Nehmt mich mit! rief er, flog ihm nach und setzte sich an seinen alten Platz im Mastkorb.
Also kam denn der Stieglitz wieder heim und flog in den Wald, um reuig zu seiner geschiedenen Frau zurückzukehren.
Als er aber in den Erlenbaum kam, da lag seine arme Frau im Sterben. Die hatte sich so viel um ihn gegrämt, daß sie schwer krank geworden war.
Stieglitz setzte sich auf den Rand des Nestes und küßte seine gute Frau, sie aber konnte ihm nur noch einen Blick zuwerfen, und dann war sie todt.
– Das habe ich nun von meiner Thorheit! sagte Stieglitz, sich mit dem einen Fuß die Augen wischend. Hätte ich nur zu schätzen gewußt, was ich besaß, so wäre ich jetzt glücklich!
Und Stieglitz begrub seine arme Frau unten am Fuße des Erlenbaums; dann aber setzte er sich auf den Rand seines Nestes, weinte drei Tage lang und grämte sich so sehr, daß sein rothes Käppchen ganz blaßgelb wurde. Alle seine schönen Federn verlor er, und als es Herbst wurde und die Blätter von den Bäumen fielen, da war auch der Stieglitz todt und lag erstarrt auf dem Grabe seiner Frau.
Diese Geschichte ist buchstäblich wahr und jeder Stieglitz kann sie Euch erzählen.
Es war Sylvesterabend und der Christbaum noch ganz grün. Aber das war im Grunde kein Wunder, denn die Tannenbäume sind ja das ganze Jahr hindurch grün, und das ist wohl das Einzige, worauf sie sich was zu Gute thun können. Das eigentliche Wunder bestand vielmehr darin, daß an Linchens Tannenbaum noch alle die schönen Sachen hingen und er noch ebenso geputzt war, wie am Weihnachtsabend. Herr Gott, was war das für ein schöner Christbaum!
Aber was ich sagen wollte: es war heute der letzte Dezember und der war Linchens Geburtstag. Sechs Jahre war sie alt und seit fünf Jahren wurde der Christbaum regelmäßig am Sylvesterabend noch einmal angezündet und am Neujahrsmorgen geplündert. Die eine Hälfte von den schönen Sachen behielt Linchen, die andere Hälfte mußte sie den armen Kindern im Dorfe bringen; und das that sie gern.
Also war heute Sylvesterabend. Linchen aber schlief bereits bei der Mutter und im Zimmer nebenan stand der Tannenbaum ganz mutterseelenallein. Dunkel war es indeß nicht in dem Zimmer, denn durch die dünnen Vorhänge der Glasthür drang der matte Schimmer von Linchens Nachtlicht herein.
Unter dem Christbaum lag nun Linchens Wachspuppe, Amanda hieß sie, in ihrem Bettchen; sie hatte zu diesem Christfest einen nagelneuen Anzug bekommen und war im Ganzen drei Nasenstüber hoch.
Es dauerte auch nicht lange, bis Amanda sich die Augen rieb, denn sie war von der Freude des Abends noch sehr aufgeregt und konnte nicht schlafen.
Neben ihr stand an den Christbaum gelehnt ein Schornsteinfeger von lauter Pflaumen; er war sehr viel größer als Amanda, aber dafür war er ja auch ein Mann. Sie stieß den Schornsteinfeger mit dem Ellenbogen an und klagte ihm, daß sie nicht schlafen könne.
– Leg' Dich auf die andere Seite! sagte er zu ihr. Der Rath war wohl nicht schlecht, half aber doch nicht, Amanda konnte auch auf der andern Seite nicht schlafen, denn auf der Seite saß gerade das kleine Herz und das wollte sich nicht drücken lassen. Vielleicht genirte sich Amanda auch, zu schlafen, weil eine Mannsperson zugegen war, denn das schickt sich eigentlich nicht.
Amanda richtete sich auf, setzte sich auf den Bettrand und guckte den Schornsteinfeger mit großen Augen an.
– Weißt Du, was ich mir erdacht habe? fragte sie.
– Wird wohl nichts Gescheidtes sein! antwortete er verdrießlich.
– Doch, Du närrischer Schornsteinfeger! Ich will es Dir sagen: wir wollen alle zusammen Linchens Geburtstag feiern.
– Hm, sagte der Pflaumenmann, das ließe sich hören! Aber wie wollen wir es anfangen?
– Ich will's Dir sagen: wir wecken alle unsere Bekannte, die da über uns im Tannenbaum hangen, und machen eine Wasserpartie.
– Wo denkst Du hin? rief der Schornsteinfeger. Eine Wasserpartie mitten im Winter! Das wäre ja, als wollte man mitten im Sommer Schlittschuh laufen!
– Warum denn aber nicht? Ist es doch noch gar nicht Winter geworden! Es ist ja warm wie im Frühjahr und der kleine Weidenbusch im Garten hat mir heute Mittag noch gesagt, wenn es so fortgehe, so könne er es nicht mehr aushalten und sehe sich genöthigt, auszuschlagen.
– Nun meinetwegen! sagte der Pflaumenmann, dem dies noch nicht recht einleuchten wollte; und nun ging es an das Aufwecken.
Zuerst rüttelten sie den Nachtwächter von Chocolade, der am untersten Zweige hing und von Amtswegen wie alle seine Collegen den festesten Schlaf hatte. Der wußte gar nicht, wie ihm geschah, als er das Horn vor den Mund nehmen, die Backen aufblasen und tuten mußte. Man kann sich denken, was für einen Lärm er machte. Darauf wurde der Marzipan-Postillon geweckt, und auch der mußte blasen, was das Zeug halten wollte. Am lautesten aber tutete der Nachtwächter und viele von der kleinen Gesellschaft am Tannenbaum wachten jählings auf und fragten, »wo denn das Feuer sei.«
Nun aber hätte Einer sehen sollen, welche Thätigkeit der Schornsteinfeger entwickelte. Vor allen Dingen stieg er zu der Schwefelholzverkäuferin von Tragant, ließ sich Feuer geben, steckte ein Wachslicht an und brachte es dem Zucker-Eichhorn, das mußte Zweig auf, Zweig ab springen und auf allen Seiten ein Licht anstecken, damit die Herrschaften beim Herabsteigen auch sehen konnten; da ihnen der Schornsteinfeger seine Leiter hinhielt, so kamen sie allmählich alle unten an, ohne Schaden zu nehmen. Nur ein Bonbon war zu neugierig gewesen, hatte sich um hinaus zu schauen, die kleine Papierhülle zu weit geöffnet, war herausgefallen und unten auf der Erde mitten entzwei gebrochen. Das hatte er von seiner Neugier.
Als sie nun Alle unten waren, sagte Amanda zu ihnen, daß sie eine Wasserfahrt nach der Schwaneninsel in dem Teiche machen wollten. Alle waren einverstanden. Der Kellermeister auf dem großen Weinfaß schlug vor, sie wollten sich dort eine Bowle machen, der Ballmeister wollte einen Ball arrangirt wissen, und Beides sollte denn auch geschehen.
Jetzt aber fragte es sich, wie sie aus dem Zimmer kommen sollten. Daran hatte bisher Keiner gedacht.
Der Schornsteinfeger meinte, sie wollten mit Hilfe seiner Leiter auf den Stuhl, von diesem auf das Fenster steigen und sich einzeln an dem Rouleauband in den Hof hinab lassen. Aber das war ihnen denn doch zu halsbrechend: der Schornsteinfeger hatte wohl gut reden, denn er konnte ja klettern, aber das verstanden die Uebrigen nicht.
Da wußte Amanda zu helfen. Die Ratten in den Ställen wühlten sich nämlich zuweilen große Gänge in das Haus und Amanda hatte gesehen, daß Linchens Vater erst heut' Abend ein Stück Holz vor ein solches Rattenloch im Zimmer gelegt hatte, das morgen vom Maurer verstopft werden sollte.
– Hu! Durch das Rattenloch! riefen mehre Damen von Marzipan, die natürlich sehr schwache Nerven hatten. Aber sie waren doch alle zu tanzlustig, und so machten sie sich denn daran, das große Brett vor dem Rattenloche weg zu schaffen. Das war kein kleines Stück Arbeit; und gefährlich war es auch, denn es konnte ja jeden Augenblick eine garstige Ratte herausspringen.
Nun aber entstand in Einigen das Bedenken, daß es doch nicht geheuer sein dürfte, so ohne Schutz durch den Rattengang zu marschiren, denn wenn sie auch ihrer Viele waren, so konnte ja doch der Eine oder der Andere von den Unthieren angefallen werden, denn sie hatten ja Alle so süßes Blut.
– Vorsicht ist zu allen Dingen gut! sagte der furchtsame Schneider, obgleich er doch mit einer großen Stopfnadel bewaffnet war; und da die Furcht ansteckend ist, so beschlossen sie, daß der riesige Marzipan-Ritter mit dem langen Spieß vorangehen und der schwarze Schornsteinfeger, vor dem die Ratten gewiß Respect haben mußten, den Zug beschließen solle.
Aber der Marzipan-Ritter war nicht zu finden; überall suchten sie ihn, bis er endlich an seinem alten Platz am untersten Zweige des Tannenbaums entdeckt wurde.
Der arme Ritter, er konnte nicht von der Stelle, denn Bergmann, der krummbeinige kleine Dachshund, war heute Morgen unter dem Tannenbaum hin gelaufen, was ihm streng verboten worden, er wußte, was gut schmeckt, und hatte im Vorbeigehen dem Ritter ein Bein abgebissen. Da mußte er nun wohl zu Hause bleiben, denn wenn man ihn auch gern mitgenommen hätte, so konnte er doch beim Balle nicht auf einem Beine tanzen, und dann hätten ihn die Ratten ja auch ausgelacht, wenn er sie mit seinem einen Beine hätte graulich machen wollen.
Aber wo in aller Welt sollte man jetzt einen Rattenvertilger hernehmen?
Amanda wußte abermals Rath. Sie ging zu der Schachtel mit Zinnsoldaten, die neben Wilhelms großer Kanone stand, und klopfte höflich an.
– Herein! sagte einer von den langen Gardisten in der Schachtel. Der Deckel that sich auf und vor Amanda stand der Unterofficier in seiner ganzen Länge da. Soldaten sind immer höflich gegen Damen, und so legte denn der Unterofficier die Hand an seine Mütze und salutirte.
Amanda bat ihn mit einem tiefen Knix, er solle es doch ja nicht übel nehmen, daß sie ihn so spät störe, auch wisse sie recht gut, daß sich dies für sie als Dame überhaupt nicht wohl schicke, aber es handle sich um die öffentliche Sicherheit, zu deren Schutze sie ja da seien. Hierauf sagte sie ihm, daß sie eine Wasserpartie zu machen beabsichtigten und sie ihn höflich bitten wolle, er möge doch so gütig sein, ihnen ein paar Mann Soldaten mitzugeben; sie würde ihn gewiß nicht incommodirt haben, aber Bergmann habe dem Ritter ein Bein abgebissen u. s. w.
– Hm! hm! meinte der Unterofficier, sich den großen Schnurbart streichend; das wird nicht angehen, dazu müssen wir erst die Erlaubniß von unsrem Major haben, und der ist heute Mittag ausgeritten.
Amanda aber bat ihn doch gar zu sehr. Endlich sagte der Unterofficier, es sei zwar gegen alle Disciplin, aber da er die Nothwendigkeit einsehe, so wolle er die Sache auf seine eigne Kappe nehmen und ihnen sechs Soldaten mitgeben, die er auch sogleich in Reih' und Glied aufmarschiren ließ.
So war denn Alles gut. Der Kellermeister rollte sein Weinfaß auf einen kleinen Wagen und legte Citronen und Liqueurbonbons für die Bowle hinzu. Amanda räumte ihre Küche aus und legte eine Terrine auf den Wagen, auch Gläser und Teller so viele sie ihrer waren. Endlich wurden auch Biscuit, Kuchen, Nüsse, Rosinen und Mandeln zum Dessert nicht vergessen.
Die Gesellschaft sollte nun Arm in Arm zu Zweien abmarschiren; als sie aber an das Rattenloch kamen, fand es sich, daß dieses zu eng für Zwei war, und sie mußten daher einen Gänsemarsch antreten.
Vorn, in der Mitte und zu Ende des Zuges gingen zwei Soldaten. Hinter den beiden ersten kam die Musik: der Orgeldreher mit seinem Leierkasten, der Nachtwächter mit seinem Tuthorn und der Knarre und der Postillon mit seinem Posthorn. Herr Gott im Himmel, war das eine erschreckliche Musik! Aber sie konnten doch nicht anders, denn sie hatten ja keine Noten!
Indeß hätten sie wenigstens alle drei eine und dieselbe Melodie spielen können, denn der Orgeldreher leierte »o du lieber Augustin«, der Nachtwächter tutete Feuerlärm und sang dazwischen »hört Ihr Herrn und laßt Euch sagen« und der Postillon blies immerweg Schnengterengtengteng. Es war eine gottlose Musik, aber es marschirte sich doch gut darnach, und dann verscheuchte sie ja auch die Ratten, was eine sehr gute Eigenschaft an aller Musik ist.
Also kam man unangefochten über den Hof und an den Teich, an dessen Ufer das kleine Schiff lag, welches des Pächters Sohn immer auf dem Wasser segeln ließ. Es waren auch hölzerne Matrosen auf demselben, die hatten den Sylvesterabend etwas stark gefeiert und einige hatten über den Durst getrunken und sich schon in ihren Kajüten zu Bett legen müssen. Die andern aber brachen in ein lautes Hurrah aus, als sie die Gesellschaft kommen sahen, sie brachten Alle aufs Schiff und zuletzt auch den Wagen mit den Lebensmitteln. Gott sei Dank, daß der nicht vergessen wurde!
Die Matrosen hißten nun die Segel, das Schiff ging ab; die Soldaten machten linksumschwenkt und marschirten trapp, trapp wieder durch das Rattenloch zurück.
Nach einer Viertelstunde landete man an der Insel, lustig ging der Zug in den Pavillon. Der Kellermeister, der auf Alles bedacht gewesen war, zündete eine Menge Lichter an, daß es hell war wie am Tage; die Bowle wurde bereitet und duftete süß wie reiner Maitrank. Der Kellermeister spielte den Wirth, und da zufällig eine Marketenderin aus der »Regimentstochter« sich unter der Gesellschaft befand, so mußte diese die Gläser kredenzen.
Nun ging auch der Ball los. Der Nachtwächter, der Leiermann und der Postillon kletterten auf einen Stuhl, den sie als Orchester benutzten und schmetterten und bliesen und leierten, daß es eine Art hatte; freilich konnte man dabei leicht aus dem Takt kommen, aber wer gern tanzt, dem ist ja leicht gepfiffen.
Den Ball eröffnete der Tanzmeister mit einer feierlichen Polonäse und beschloß ihn mit einem sinnreichen Cotillon.
Da war es denn Zeit geworden, wieder nach Hause zurück zu kehren. Man bestieg das Schiff, landete glücklich und – so viel Courage hatte ihnen die Bowle gemacht! – marschirte lustig ohne Soldatenbedeckung durch den Rattengang, als spaziere man durch einen Rosensteig.
Schließlich versicherte man sich gegenseitig, daß man sich ganz außerordentlich amusirt habe, und daß sie, wenn sie am nächsten Sylvesterabend noch lebten und beisammen seien, wieder ein solches Fest veranstalten wollten.
Mit diesem Versprechen begaben sich alle wieder an ihre respectiven Plätze, nur der Kellermeister hatte des Guten zu viel gethan, er konnte gar nicht mehr stehen und mußte unten am Fuße des Tannenbaums liegen bleiben. Gott, wie schnarchte der dicke Kellermeister! Es war wirklich unanständig.
Wohl hatte man sich zum nächsten Sylvesterabend wieder ein solches Vergnügen verabredet, aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Als das nächste Christfest kam, war Alles still im Hause; Linchen war bei den Engeln droben und freute sich mit diesen an dem Christbaum, den ihnen der liebe Gott bescheert, und an dem er gewiß viele tausend Sternlein angezündet. Keiner wußte zu erzählen, wohin das Schicksal den dicken Kellermeister, den schwarzen Schornsteinfeger und die Anderen verschlagen, und die artigen Zinnsolden mochten längst im Kriege umgekommen sein.
Amanda saß verlassen im Glasschrank, man sah es ihr an, daß sie viel Thränen darum geweint, daß Linchen sie nicht mit sich in den Himmel genommen, wo es ja so schön sein muß; denn ihre Wangen waren ganz blaß und abgehärmt, und wenn die Mutter zuweilen die bleiche Puppe anschaute, dann weinte auch sie um das kleine Linchen, das jetzt bei den Engeln war.
In einem Dorfe dicht am Walde lebte eine alte Wittwe mit ihrer Stieftochter.
Beide bewohnten ein kleines Häuschen am Ende des Dorfes an der Waldscheide. Das Häuschen war so wunderhübsch, denn die großen Buchen wölbten ihre grünen Zweige über das Dach und wilder Wein umrankte es von allen Seiten. Oben in den Zweigen kletterte das Eichhorn und warf so muthwillig die Bucheckern auf alle Vorübergehenden, namentlich auf den dicken, wichtigen Schulzen, den es wohl nicht recht leiden konnte, und oben in der Krone des Baumes hatte ein kleiner Blauspecht sein Nest, der lief den ganzen Tag wie eine Maus an dem Baum auf und ab, als wenn er Wunder was zu besorgen hätte, und pickte mit dem Schnabel in die Rinde, daß es in dem Baum tickte wie in einem Uhrgehäuse.
Das sah nun Alles wol recht friedlich aus, aber drinnen in der Hütte keifte die alte Stiefmutter den ganzen Tag und nichts war ihr nach Wunsch, ja es war ihr ganz unwohl, wenn sie einmal nicht zanken konnte, und da sie Niemanden außer der kleinen zwölfjährigen Meta bei sich hatte, so mußte diese recht viel aushalten. War in der Nacht das Gemüse nicht gewachsen, so war die arme Meta daran Schuld, hatten die Hühner keine Eier gelegt, so war die arme Meta daran Schuld, war dem alten Gaul im Stalle sein Bein lahm geworden, so war Meta daran Schuld – kurz es gab in der ganzen weiten Welt nichts, was die arme Meta nicht verbrochen hatte.
Aber Meta war ein artiges Kind und that Alles gern, wie ihr geheißen wurde, das konnte ihr das ganze Dorf bezeugen, und wenn es der Stiefmutter dennoch nicht gut genug war, so suchte sie es immer besser zu machen, bis die Stiefmutter denn endlich wohl zufrieden sein mußte. Ebenso betete sie jeden Abend beim Schlafengehen zum lieben Gott, daß er doch das Gemüse wachsen, die Hühner recht viel Eier legen und dem alten Gaul seinen Hinterfuß nicht steif werden lasse.
Einen Fehler hatte die kleine Meta aber doch. Sie hatte von ihrem Pathen, der zum Jahrmarkt gewesen war, ein kleines hübsches Federmesser geschenkt bekommen, und mit diesem spielte und schnitzte sie trotz allen Verboten der Stiefmutter, bis es denn das Unglück wollte, das sie sich eines Abends bis tief auf den Knochen in den Finger schnitt.
Das war nun eine schöne Geschichte! Wenn es die böse Stiefmutter erfuhr, so bekam sie ganz erschrecklich viel Schelte. Sie suchte daher, was sie an Leinen finden konnte, und wickelte es um den Finger. Aber das Blut wollte und wollte sich nicht stillen lassen, was sie auch dagegen thun mochte. Damit nun ja kein Tröpfchen auf die Erde fallen sollte, hielt sie die Wunde an den Mund und sog das Blut mit den Lippen auf.
Da, o weh, kam die Stiefmutter herein. Meta hielt in ihrer Angst schnell den schlimmen Finger hinter sich und preßte ihn fest in die Hand.
– Was hast Du denn da Rothes am Mund? fragte die Stiefmutter.
– Ich habe im Garten Himbeeren gegessen, liebe Mutter! antwortete Meta, ward aber dabei so roth, wie alle Himbeeren im Garten zusammen nicht waren.
– Dahinter steckt etwas! dachte die Stiefmutter bei sich und kam näher.
– Was ist das da auf der Erde? fragte die Stiefmutter, auf einen kleinen Blutstropfen zeigend.
– Das ist von der Farbe, mit der wir gestern die Blumentöpfe angestrichen haben, antwortete Meta, und ihr Gesicht wurde wieder so roth, wie alle Blumentöpfe zusammen nicht waren.
Nun höre nur Einer, wie die kleine Meta schon lügen konnte!
Aber die Stiefmutter ließ sich nichts weiß machen und es dauerte auch nicht so lange, da war sie hinter die ganze Bescheerung gekommen. Nun sagte sie der Kleinen sehr viel böse Worte: sie werde acht Tage lang nicht arbeiten können, das dumme Federmesser solle in den Brunnen geworfen werden u. s. w.
Was half das indeß Alles, der Finger blutete noch immer fort, alles Leinen war umsonst, das Blut ließ sich nicht stillen.
Da lief die Stiefmutter in ihrer Angst zu der alten Nachbarin, die konnte dicke Hälse und Backen, Geschwulste und Gott weiß, was sonst noch, an Menschen und Thieren besprechen und galt im ganzen Dorfe für eine sehr gelehrte Person, denn ihr Mann war Kuhhirte gewesen und hatte, während er auf der Weide Strümpfe gestrickt, seine Tage hindurch an viele Dinge denken können, an welche andre Leute, die nicht die Kühe hüten, zu denken keine Zeit haben.
Also: die Nachbarin kam, besah Meta's Finger, murmelte lateinische oder griechische oder hebräische Worte, die sie selbst nicht verstand, spuckte (denn das darf beim Besprechen niemals vergessen werden) dreimal auf den Finger und machte allerlei Kreuze und Zeichen und andern dummen Hocuspocus, um das Blut zu stillen. Aber das Blut stand doch nicht still.
Als die Alte nun sah, daß ihre Kunst betteln ging, schüttelte sie den Kopf, meinte, so etwas sei ihr doch ihre Lebtage noch nicht vorgekommen, und begab sich sammt ihrer Sympathie unverrichteter Sache wieder nach Hause.
Da lief die Stiefmutter in ihrer Angst zu dem Feldscherer des Dorfes, der Morgens den Bauern die Bärte abkratzte und Nachmittags Menschen und Thiere curirte und zur Ader ließ. Der Feldscherer kam, besah sich den Finger, schüttelte auch mit dem Kopf und meinte: Hm! hm!
Aber damit war dem Finger wieder nicht geholfen und je mehr der Feldscherer doctorte, desto mehr blutete der Finger.
Der Gregorius (so nannten sie im Dorfe den Chirurgus) meinte ebenfalls: so etwas sei ihm noch gar nicht vorgekommen, er wolle nach Hause laufen und von seiner unfehlbaren Salbe holen, die müsse helfen.
Er ging, kam aber nicht wieder, denn er mochte wohl selbst an seine unfehlbare Salbe nicht glauben.
Inzwischen saß die arme Meta ganz bleich auf dem Rande ihres Bettchens und hielt den Finger über eine Schüssel. Die alte Stiefmutter war außer sich vor Aerger und da sie diesen doch an irgend Etwas auslassen mußte, so nahm sie das Federmesser, ging in den Hof und warf es in den Brunnen.
In demselben Augenblick aber hörte die kleine Meta eine ganz feine Stimme – und was sah sie? Auf dem Rande ihrer Schüssel saß rittlings ein kleiner Däumling.
– Kleine Meta, sagte er zu ihr, das Federmesser, das eben in unsren Brunnen gefallen, hat mir da unten in unsrer Wohnung unter dem Brunnen gesagt, es habe Dich, ohne selbst dafür zu können, in den Finger geschnitten; Du seist aber ein so liebes, artiges Kind, und deshalb sollte ich Dir doch helfen.
– Du?... Aber wie kannst Du denn das? fragte Meta verwundert.
– Davon sollst Du Dich sogleich überzeugen; höre nur zu! antwortete der kleine Däumling. Sieh, wir sind der Däumlinge da unten im Brunnen sehr viele und helfen guten Menschen sehr gerne, indem wir uns in Däumlinge von Gemsleder verwandeln und uns auf ihre Finger setzen lassen; aber wir müssen immer gewiß sein, daß wir nicht gemißbraucht werden, denn wir haben eine geheime Kraft, die den Menschen gar zu leicht verführt, wenn er davon hört. Setze mich also auf Deinen wunden Finger und das Blut wird sogleich gestillt werden; nimm mich aber ja nicht eher wieder ab, als der Finger ganz geheilt ist, denn sonst fängt der Finger gleich wieder an zu bluten und jeder Bluttropfen wird zu einem blanken doppelten Goldstück. Das Gold kann Dir aber dann nichts mehr nutzen, denn der Finger heilt nie wieder und Du mußt sterben.
Man kann sich denken, wie froh die kleine Meta war, als ihr der kleine possirliche Däumling von dem Schüsselrand auf den Arm hüpfte, auf diesem bis zu ihrer Hand balancirte, sich im Nu in einen Däumling von Gemseleder verwandelte und auf ihrem Finger saß. Mit einem Male war auch das böse Blut gestillt.
Gleich darauf kam die Stiefmutter zurück, die dem Federmesser einen tüchtigen Streich gespielt zu haben glaubte und gar keine Ahnung von der Botschaft hatte, die das Federmesser da unten im Brunnen ausgerichtet.
– Was hast Du denn da auf dem Finger sitzen? fragte sie die kleine Meta.
Diese war anfangs ein wenig verlegen, aber da es ja nichts Böses war und ihr der Däumling auch nicht zu schweigen befohlen hatte, so erzählte sie der Stiefmutter, was vorgefallen war.
Nun hätte Einer sehen sollen, was für Augen die alte Stiefmutter mit ihrer Habichtsnase und dem spitzen Kinn machte, als sie von den blanken doppelten Goldstücken hörte. Die Augen hatten ganz gewiß nichts Gutes zu bedeuten.
Da es schon dunkel geworden war, so sagte sie zu der kleinen Meta: sie solle sich ins Bett legen, denn sie sehe so matt und angegriffen aus; sie wolle ihr beim Auskleiden auch behilflich sein.
Das Letztere that sie nun ganz wider ihre Gewohnheit. Meta legte sich ins Bett und die Stiefmutter ging hinaus und sagte: sie wolle nur den Taubenschlag zumachen, dann gehe sie auch sogleich ins Bett.
Kaum war die arme Meta eingeschlafen, als die Stiefmutter leise wieder hereinkam. Aber was hatte sie bei sich? Einen großen, großen Sack, in den wohl drei Scheffel Erbsen hineingingen. Als sie sich nun überzeugt hatte, daß Meta fest schlafe, legte sie den Sack vor Meta's Bett, so daß die offene Seite nach oben gekehrt war, nahm die Hand der Kleinen vom Bette und betrachtete sich den Däumling mit gierigen Augen.
– Laß mich in Ruh, Alte! rief der Däumling; aber das half ihm nicht, die Alte nahm ihn von Meta's Finger und trug ihn zappelnd in ihre Kommode, die sie doppelt und dreimal verschloß. Dann kehrte sie zu der schlafenden Meta zurück.
Am Bette aber ging es inzwischen: klapp, klapp! Ein Goldstück fiel nach dem andern in den Sack. Mit funkelnden Augen setzte sich die Alte an Meta's Bett und freute sich über die vielen Goldstücke, mit denen sich ihr Sack füllte.
So ging es denn klapp, klapp! die ganze Nacht hindurch. Endlich fielen die Goldstücke immer langsamer; aber auch Meta's kleines unschuldiges Herz klopfte immer langsamer und als der erste matte Strahl der Morgensonne ins Kämmerchen drang, da schwiegen die Goldstücke und auch Meta's Herzchen, denn sie hatte sich verblutet und war todt.
Die Alte überschlug nun, wieviel Goldstücke wohl in dem Sacke seien; ihrer Meinung nach mußten es wenigstens einige Tausend sein und da sie alle doppelt, so war sie eine reiche Frau geworden.
Jetzt mußte aber der Sack bei Seite geschafft werden, und das war gewiß nicht so leicht. Er sollte in die Speisekammer kommen; da er aber so schwer war, daß wohl vier Männer daran zu tragen gehabt hätten, so nahm sie von den Goldstücken immer eine halbe Schürze voll, trug diese in die Speisekammer und schleppte so lange, bis auch nicht ein einziges mehr in dem Sack war. Eine volle Stunde hatte sie zu der Arbeit gebraucht.
Was sollte sie nun mit der kleinen Meta anfangen, die todt auf dem Bette lag und so bleich war, wie ein kleiner trauriger Engel, der vom lieben Gott Schelte bekommen hat. Wenn sie aussagte, Meta habe sich in der Nacht verblutet, so bekam sie die Leute im ganzen Dorf auf den Hals, weil sie keine weitere Hilfe herbeigerufen hatte; aber was sollte sie anders sagen?
Da fiel ihr ein Gedanke ein. Sie wollte die todte Meta in den Brunnen werfen und aussagen, Meta sei gestern in den Wald gegangen, um heilende Kräuter für ihren Finger zu suchen, und nicht wiedergekommen.
So geschah es denn auch, sobald sie Meta heimlich in den Brunnen geworfen und ihre Kleider bei Seite geschafft hatte. Und der Schulze bot die ganze Dorfmannschaft auf, der Pächter und der Pfarrer schickten ihre Knechte, die mußten den ganzen Tag hindurch nach der verlornen Meta im Walde suchen. Aber sie fanden das Mädchen nicht, und das hätte ihnen die garstige Alte wohl vorher sagen können. Desto mehr jedoch weinte sie und stellte sich untröstlich, die böse, alte Hexe!
Acht Tage darauf lud die Alte eines Abends ganz spät, als es recht dunkel war, mehre Säcke und einen kleinen Kasten auf ihren Leiterwagen, mit dem sie immer Gemüse zu Markt zu fahren pflegte, spannte ihren Gaul vor und sagte den Nachbarn, sie wolle Kartoffeln nach der Stadt fahren, die schon am Morgen ganz zeitig abgeliefert werden müßten. Das war aber gar nicht wahr, denn in den Säcken hatte sie ihre Goldstücke und nur oben auf lagen Kartoffeln, in dem Kästchen aber hielt sie den kleinen Däumling verschlossen, den sie bewachte wie ihren Augapfel.
Sie verschloß und verriegelte ihre Hausthür, kutschirte ab und kein Mensch hat sie wieder im Dorfe gesehen. Gott weiß, was für Absichten sie hatte, aber in ihrem Hause konnte sie's nicht mehr aushalten, denn alle Abende sah sie an dem Strick des Brunnens eine Menge kleiner gelber Männchen auf und ab klettern, die waren so groß wie ein Daumen und riefen ihr immer zu:
Wenn sie das hörte, da zitterte sie an Händen und Füßen und war nur froh, daß die Nachbarn nicht so nahe wohnten, es mit anhören zu können.
Inzwischen war die kleine Meta in einem wunderschönen unterirdischen Schlafzimmer erwacht, das war so hell erleuchtet wie am lichten Tage, denn es brannten wohl hundert prächtige Kronleuchter von Bergkrystall darin. Sie besah sich und fand sich auf einem Bette, dessen Laken so fein waren wie Spinngewebe, die Bettstelle aber war von gediegenem Gold und Silber und die Vorhänge des Bettes waren so weiß wie frischgefallener Schnee. Ueber ihr aber bestand die Decke des Himmelbettes aus einem schönen Spiegel. In den schaute sie und erschrak, denn sie war ja so weiß wie die Kreide an der Wand.
Meta richtete sich im Bette auf und blickte umher. Da sah sie denn durch die Glasthür ihres Schlafgemaches mehre wunderschöne Säle, in denen saßen wohl an fünfhundert kleiner gelber Männchen an langen silbernen Tischen. Sie tranken gerade Kaffee und stippten Zwiebacke ein, so klein wie Perlemutterknöpfchen. An Meta's Bette saßen sechs kleine Frauen, die sagten, sie seien zu ihren Kammerzofen ernannt und hätten von dem Obersten der Däumlinge den Auftrag, der kleinen Meta pünktlich Alles zu schaffen, was sie verlangen werde.
Meta wollte jetzt wissen, wo sie sei. Man erzählte ihr, was die böse Stiefmutter mit ihr gemacht und wie diese im Dorfe dann ausgesagt habe, sie sei in den Wald gegangen und nicht wiedergekehrt. Meta weinte nun sehr und wollte doch wieder zu ihrer Stiefmutter. Die Kammerzofen aber zeigten ihr wunderschöne von Gold und Silber und himmelblau gestickte Kleider, die schon für sie bereit lagen. Diese mußte sie anziehen und als das geschehen war, führte man sie zu dem Könige der Däumlinge; der saß auf einem Throne von Perlen, Rubinen und Diamanten und war so klein, daß man ihn recht gut zum Zierrath auf die Kommode hätte stellen können.
Es war possirlich mit anzusehen, wie all die kleinen Däumlinge, an denen sie vorbeikam, aufstanden, ihr einen Kratzfuß machten und dann ehrerbietig den Saum ihres Kleides küßten.
Der König der Däumlinge aber empfing sie sehr freundlich, sie mußte vor ihm niederknien, damit sie ihn recht hören könne, denn sie war wohl an zehnmal größer als er sammt seinem Diamanten- und Rubinen-Thron. Er aber sagte ihr: die Stiefmutter sei ganz plötzlich aus dem Dorfe verschwunden, und wenn das auch nicht der Fall wäre, so hätte sie doch nicht wieder zu ihr gehen können, da sie bei ihr des Lebens nicht mehr sicher sein würde; Meta sei so unvorsichtig gewesen, ihr das Geheimniß des Däumlings zu verrathen, der nun dafür büßen müsse, indem die Alte ihn eingeschlossen halte und sorgfältig bewache, um ihn zur Sättigung ihrer Habsucht zu mißbrauchen. Gehe sie aber wieder zu der alten Stiefmutter, so werde ihr diese doch das Leben wieder nehmen, und einmal könnten die Zwerge sie nur vom Tode erretten.
Meta weinte nun bitterlich darüber, daß sie ihre schönen rothen Wangen verloren habe.
– Ja, sagte der König der Däumlinge achselzuckend, das kommt daher, daß Du all Dein Blut verloren hast; Du wirst Dein ganzes Leben hindurch bleich sein, aber da Du ein so gutes Kind bist, wollen wir dafür sorgen, daß Du glücklich werdest. Einstweilen mußt Du nun bei uns bleiben.
So tröstete sich Meta denn und lebte sechs Jahre lang glücklich bei den Däumlingen unter dem Brunnen; sie wurde auch größer und schöner, aber bleich blieb sie doch.
Wollt Ihr nun wissen, was inzwischen aus der bösen Stiefmutter geworden ist?
Die fuhr mit ihrem Gaul und ihren Kartoffelsäcken immer und immer fort, bis sie in eine fremde Stadt kam. Dort fuhr sie vor ein großes Gasthaus und sagte zu dem Wirth: sie sei eine sehr vornehme Dame, da sie aber viele Schätze bei sich führe, so habe sie diese schlechten Kleider angezogen und sich diesen unscheinbaren Wagen gekauft, um unterweges nicht von Räubern angefallen und geplündert zu werden.
Als der Wirth ihre Säcke von Gold sah, glaubte er ihr aufs Wort, denn wenn die Leute nur Geld sehen, so glauben sie ja Alles.
Die Alte aber kaufte sich seidene und sammetne Kleider, Diamantenschmuck, schöne Ketten und Armspangen, eine mit Gold ausgeschlagene Equipage mit vier Schimmeln, miethete sich stattliche Lakaien, die einen dreieckigen Tressenhut auf hatten und so viel Goldschnüre auf dem Leibe trugen, daß man die Farbe ihrer Röcke nicht unterscheiden konnte, und so fuhr sie dann in eine große Hauptstadt, in welcher der König lebte und sehr viele vornehme Leute wohnten.
Hier gab sie sich für eine Gräfin von altem Adel aus, kaufte sich eins der prächtigsten Häuser, gab glänzende Bälle und Feste und sah Barone, Grafen und Fürsten bei sich, die ihr das viele Geld verzehren halfen.
So ging das Alles gut; aber natürlich kam sie bei diesem Leben ihren Geldsäcken bald auf den Boden. Der Reichthum jedoch hatte schon ihr Herz so schlecht gemacht, daß sie sich vor gar keiner Missethat mehr scheute. Um wieder frisches Geld zu heben, lockte sie sich Abends fremde Kinder ins Haus, denen zeigte sie alle ihre schönen Sachen und gab ihnen Confect, das mit einem Schlaftrunk gefüllt war. Wenn nun diese Kinder einschliefen, so schnitt sie dieselben in den Finger, setzte ihnen einen Augenblick den Däumling auf, den sie dann sorgfältig wieder verschloß, und das Blut der Kinder wurde zu lauter Goldstücken. Viele arme Kinder hatte sie nun schon ums Leben gebracht wie die kleine Meta.
Endlich war wieder einmal ihr Geld erschöpft. Mehre Tage schaute sie aus, ob sie nicht einige Kinder in der Nähe sehen könne; aber es ließ sich kein solches blicken, denn in der Stadt ging das Gespräch, man habe schon mehrmals kleine Kinder in dieses Haus gehen, aber nie wieder herauskommen sehen, deshalb hüteten alle Eltern ihre Kinder vor der Nähe dieses Hauses. Allerdings sagten die Leute dies einander nicht laut, denn behüte, wer konnte es wohl wagen, einer so reichen und mächtigen Dame so etwas laut nachzusagen; aber was sich die Leute nicht laut erzählten, das erzählten sie sich doch leise und auch die Eltern der armen, umgebrachten Kinder wagten es nicht, eine so hohe Dame öffentlich zu beschuldigen.
Genug: es kam kein Kind mehr in die Nähe der Alten. In ihrer Verzweiflung machte sie daher eines Nachts kurzen Proceß, schnitt sich selbst in den Finger, setzte den Däumling auf, nahm ihn wieder ab und hörte zu ihrer Freude alsbald die doppelten Goldstücke klappern.
Als sie nun glaubte, es seien ihrer vorläufig genug, setzte sie den Däumling wieder auf. Da aber bekam sie einen erschrecklichen Schmerz in die Hand; es brannte ihr in allen Fingern, als sitze lebendiges Feuer darin und dieser Schmerz zuckte ihr durch alle Glieder. Eilig lief sie zum Waschbecken und steckte die Hand hinein, um den Schmerz zu kühlen; aber Alles half nichts; der Schmerz wurde ärger und ärger.
Sie warf den Däumling wüthend in die Ecke, der aber fing an zu lachen und rief: Etsch! Siehst Du, Alte, jetzt hast Du Dich selbst angeführt; du mußt sterben!
Da erinnerte sich die Alte der Worte, welche ihr Meta gesagt hatte, nämlich: daß die Wunde nie wieder heile, wenn man den Däumling einmal vom Finger genommen.
Eine entsetzliche Angst überfiel sie; alle ihre Diener mußten zusammen kommen und noch in der Nacht zu den Aerzten laufen. Diese kamen auch, wohl zwanzig an der Zahl. Einer von ihnen war immer klüger als der andre, und wollte noch ein besseres Mittel wissen; indeß die Wunde ward immer schlimmer, der Schmerz immer ärger, trotz all den Aerzten, Professoren und Medicinalräthen der Welt, die sie zusammen holen ließ, und ehe der zehnte Tag verstrichen, war der kalte Brand dazu gekommen; die Hand wurde ihr abgenommen, aber da schlug der Brand in ihren Arm und als der zwölfte Tag gekommen war, starb sie unter den schrecklichsten Schmerzen.
Kaum war sie nun todt, da stellten sich wohl ein Dutzend vornehmer Personen ein, mit denen sie näheren Umgang gehabt und die sie bei ihren Lebzeiten für ihre Verwandten ausgegeben hatte. Diese erklärten, sie seien die Erben der seligen Gräfin und wollten sich in ihren schönen Palast, in die glänzenden Möbeln, Equipagen, Pferde etc. theilen.
Als nun aber diese Theilung gerichtlich vor sich gehen sollte und die Richter und die Erben in dem großen Saale versammelt waren, saß der kleine Däumling, der nun wieder seine Freiheit hatte, in einem Blumentopf versteckt auf dem Fenster und rief immer: »Sie war ja gar keine Gräfin, und Ihr seid auch gar nicht ihre Erben; aber ich weiß Eine, die ihre rechte Erbin ist, und die kann jeden Tag hier sein!«
Die Richter und die falschen Erben horchten hoch auf, wußten jedoch nicht, woher die Stimme kam, und setzten ihr Geschäft ruhig fort; der Däumling aber saß immer in seinem Versteck und wiederholte seine Worte alle Tage. Am letzten Tage nun, als die Theilung zu Ende gehen sollte, rief er: »Ihr seid Alle falsche Erben; die einzige rechte Erbin ist eben vor das Haus gefahren und kann jeden Augenblick hier sein!«
Und wieder horchten die Richter und die Erben hoch auf. Da öffnete sich die Thür und ein wunderschönes Mädchen in einem von Gold und Silber gewirkten Kleide trat ein; sie war so überaus schön, daß es sich gar nicht beschreiben läßt, aber bleich war sie, sehr bleich, und wir wissen auch, warum sie so bleich, denn sie war ja die schöne Meta, die von den Däumlingen hergeschickt worden, um die Erbschaft ihrer Stiefmutter in Empfang zu nehmen.
Meta faßte sich ein Herz und erklärte den Richtern und den falschen Erben, daß sie die rechte Erbin, nämlich die Stieftochter der Verstorbenen sei; dieser Reichthum gehöre ihr, da er aus ihrem Herzblut gekommen sei, und ihn in Empfang zu nehmen, sei sie erschienen. Gleichzeitig erzählte sie ihnen auch, wer die Todte eigentlich gewesen und wie sich Alles zugetragen habe.
Aber die Richter schüttelten ungläubig den Kopf, und die falschen Erben erklärten sie für eine Lügnerin und Betrügerin und verlangten sogar von den Richtern, sie solle als eine solche eingesperrt werden.
Die Richter hingegen erklärten, das könnten sie nicht verantworten, wenn aber Meta wirklich die Stieftochter der Verstorbenen sei, so solle sie dies durch Zeugen beweisen.
Die Erben bestanden jedoch auf ihrem Willen und da sie lauter vornehme Leute waren, so gaben die Richter ihnen endlich nach, und die arme Meta wurde in ein Gefängniß geführt, wo man ihr sagte: sie habe nun vier Wochen Frist, ihre Rechte durch glaubwürdige Zeugen zu beweisen, wenn sie das aber nicht könne, so werde sie als eine Betrügerin zu schwerer Strafe verurtheilt werden. Damit schlossen sie die Gefängnißthür und Meta war allein.
Da hatte sich nun die gute Meta eine schöne Suppe eingebrockt! Sie fühlte sich so unglücklich, so verlassen, und wie sollte sie wohl der Strafe entgehen, da sie ja keine Zeugen aufbringen konnte!
Plötzlich hörte sie leise an's Fenster klopfen; sie öffnete und siehe da: die sechs Däumlinge, welche sie in einem stattlichen Wagen bis zu dieser Stadt geführt hatten, stiegen durch das Fenster herein.
– Ich wußte ja, daß Ihr mich nicht verlassen würdet! rief Meta erfreut und trocknete ihre Thränen.
Die Däumlinge aber meinten, das sei eine böse Geschichte, aus der sie Meta mit allen Ehren herausziehen müßten, denn eine solche Wendung der Dinge hätten sie nicht erwartet.
Nun hielten sie einen Rath und noch an demselben Tage wurde ein Bote nach dem Dorfe geschickt, in welchem Meta früher gelebt hatte. Dieses Dorf aber war so weit, daß der Bote erst in drei Wochen frühestens wieder zurück sein konnte. Meta mußte sich daher in Geduld fassen; die Däumlinge thaten alles Mögliche, ihr die Gefangenschaft zu erleichtern, und die Richter gestatteten ihr, alle Tage zwei Stunden in dem Hofe des Gefängnisses spazieren zu gehen.
Bei solchen Gelegenheiten wurde sie nun von Manchen gesehen und alsbald verbreitete sich der Ruf von ihrer wunderbaren Schönheit in der ganzen Hauptstadt.
Auch der einzige Sohn des Königs, der Kronprinz, hörte davon und war neugierig, die seltene Schönheit zu sehen. Er ließ sich daher eines Tages in das Gefängniß und an ein Fenster führen, von welchem aus er Meta im Hofe sehen konnte. Lange schaute er sie an; dann aber wandte er sich plötzlich vom Fenster, trat mit seinem Begleiter vor die Thür, stieg in den Wagen und fuhr davon. Wahrscheinlich mochte ihm Meta doch nicht so schön erschienen sein, wie er sie dem Gerüchte nach erwartet hatte.
Eine Woche verstrich, zwei, drei und vier Wochen verstrichen. Da kam der lange erwartete Bote am Tage vor Ablauf der Frist zurück; aber Zeugen brachte er nicht mit, denn im Dorfe hatten ihm Alle gesagt, die kleine Meta sei schon vor sechs Jahren gestorben.
Meta weinte wieder und rang in ihrem Gefängniß verzweifelt ihre Hände; die Däumlinge aber suchten sie zu trösten und sagten ihr: sie solle sich nur ruhig von den Richtern verurtheilen lassen, denn wenn sie auch in einen Kerker von Eisen und Granit geworfen würde, so wollten sie Meta dennoch befreien, das sei für sie gar kein Kunststück.
Und der Morgen kam, an welchem Meta als eine Betrügerin vor die Richter geführt und verurtheilt werden sollte. Meta weinte wiederum bitterlich, die Däumlinge aber warfen sich ins Geheim lächelnde Blicke zu und sagten ihr, sie solle nur ganz unbesorgt sein, denn es sei nicht Alles so schlimm, wie es aussehe. Meta aber wäre so gern bei den Menschen geblieben, denn wenn es ihr bei den Däumlingen auch sehr wohl erging, so liebte sie doch die freie Natur und die Sonne und die Sterne so sehr, die sie unter der Erde sechs Jahre lang nicht hatte sehen können.
Da hörte sie einen Wagen vorfahren.
– Jetzt holt man mich! rief sie erschreckt.
– Ja, antworteten die Däumlinge, innerlich lachend; man holt Dich, aber es ist doch nicht Alles so schlimm, wie es aussieht.
Die Thür ging auf. Meta barg ängstlich das Gesicht in den Händen. Aber anstatt der Richter oder der Gefängnißknechte trat, von vier Hofherren mit Orden auf der Brust begleitet, der Kronprinz herein. Der ging auf Meta zu, nahm ihre Hand und sagte zu ihr: er habe sie neulich im Gefängnißhofe gesehen und seiner Mutter, der Königin, von ihr gesagt. Diese sei nun willens, sie zu ihrer Hofdame zu machen, und habe ihm den Auftrag gegeben, sie abzuholen. Sie solle also mit ihm kommen, sein Wagen stehe vor der Thür.
Gleichzeitig hängte ihr einer der Hofherren einen kostbaren Mantel von Hermelin und dunkelrothem Sammet um und der Kronprinz führte die schöne Meta hinab in den Wagen, wo er neben ihr Platz nahm.
Nach einigen Minuten hielten sie vor einem Palast, der war mit Blumen und Kränzen ausgeschmückt, zahllose Herren und Damen, alle wunderschön geputzt, hatten sich versammelt. Der Kronprinz aber führte Meta zu einem Thron, auf welchem sein Vater und seine Mutter saßen; diese umarmten und küßten Meta und nannten sie ihre Tochter.
Jetzt wußte die verwirrte Meta endlich, woran sie war, denn ehe sie sich dessen versah, wurde Hochzeit gehalten und sie war die Frau des schönen Kronprinzen.
So wurde die kleine Meta Kronprinzessin und nach einigen Jahren eine große und glückliche Königin. Bleich aber ist sie immer geblieben – das kam daher, weil sie sich als Kind in den Finger geschnitten; hätte sie das nicht gethan, so wäre allerdings nicht geschehen, was ich hier erzählt, aber da dieses nicht alle Tage passirt und es überhaupt noch nicht erwiesen, ob diese Geschichte wahr ist, so nehme man lieber seine Finger in Acht, das ist das Sicherste.
Auf einem spitzen Felsen im Steyrischen Hochgebirge horstete ein Adler mit seiner Frau und einer einzigen Tochter, die seine größte Freude war.
Das Adlerfräulein war auch schon in dem Alter, daß sie recht gut heirathen konnte, und das hätte sie auch sicherlich gethan, wenn in der ganzen Umgegend noch eine zweite Adlerfamilie gewesen wäre. Aber die war nicht da.
Diesen Umstand benutzten nun der junge Storch, der unten im Bauernhofe ein eignes Nest hatte, und der Sohn einer Eulenfamilie, welche in dem alten verfallenen Kloster ganz in der Nähe wohnte. Beide suchten sich dem Adlerfräulein angenehm zu machen und wollten sie gern heirathen.
Eines Tages also putzte sich der Storch die Federn sehr fein, polirte sich den Schnabel und die Beine, daß sie glänzten wie Karfunkelstein, und flog dann zum Adler hinauf. Der saß gerade mit seiner Tochter und speiste einen Rehbraten zu Abend. Storch mußte an der Mahlzeit Theil nehmen, und als sie gegessen und sich die Schnäbel mit der Serviette gewischt hatten, da meinte der Storch, daß es nun wohl die beste Zeit sei, die Werbung anzubringen. Er faßte sich also ein Herz und hielt bei dem Adlervater um die Hand seiner Tochter an.
Der Vater rollte seine großen Augen sehr und sagte, das komme ihm ganz unerwartet und wie schmeichelhaft ihm auch diese Werbung sei, so müsse er doch den Storch auf Verschiedenes aufmerksam machen, womit seine Tochter gewiß ganz einverstanden sei.
Erstens, meinte er, werde es dem jungen Herrn Storch wohl bekannt sein, daß die Familie der Adler, wie schon der Name andeute, vom ältesten und reinsten Adel sei; die Adler seien alle adlich und ihr Urvater sei bekanntlich noch mehre Tage vor Adam erschaffen worden, wohingegen die Störche nur bürgerlicher Herkunft seien und ja auch stets bei den Bauern wohnten. Indeß, sagte er weiter, er sei nicht stolz und wolle also von diesem Punkte ganz absehen. Aber ein Vater müsse immer auf Anstand halten und deshalb könne er es nicht zugeben, daß seine Tochter einen Mann mit so langen nackten Beinen heirathe, mit denen er sich ja in keiner Gesellschaft von gutem Ton sehen lassen dürfe. Er als Vater müsse sich also gegen diese Heirath erklären und sei überzeugt, daß seine Tochter ihm hierin beipflichte, denn er habe sie stets nach den Grundsätzen des feinsten Anstandes erzogen.
Dabei warf der Vater einen Blick auf seine Tochter; diese machte ein sehr sprödes, zimperliches Gesicht und sagte: »ja, lieber Vater, Du hast ganz Recht!«
Man kann sich denken, wie dem armen Storch zu Muthe war, als er diesen Korb bekam.
Aber der Vater fuhr fort:
– Da hat sich auch schon der Sohn der Frau Eule hier in der Nachbarschaft gemeldet und ich muß sagen, daß mir der junge Herr Eule recht sehr gefällt, denn er hat Geschmack und trägt namentlich seine Beinkleider nach der neuesten Mode bis über die Füße. Aber wie sehr erwünscht es mir auch wäre, meine Tochter mit einem geistlichen Herrn zu vermählen (denn seine Familie wohnt schon seit Menschengedenken in der Abtei hier nebenan) so hat er doch einen großen Fehler: er ist nicht solide genug, er hat zu viel noble Passionen, verschläft den ganzen Tag und schwärmt die ganze Nacht umher. Aus diesem Grunde kann ich auch ihm meine einzige Tochter nicht geben!
Während der Vater noch sprach, kam gerade der junge Herr Eule aus seiner Wohnung, setzte sich auf das Dach des Klosters, gähnte und schaute umher, ob denn die langweilige Sonne noch nicht untergegangen sei. Man sah es dem Nachtschwärmer an, daß er soeben erst aufgestanden war.
Storch musterte prüfend von weitem den Anzug des Herrn Eule, dem die Federn so hübsch bis tief auf die Fußspitzen gewachsen waren, betrachtete dann seine eigenen dünnen Beine und mußte gestehen, daß ihm jener Anzug wohl gefalle. Wenn der also nobel und in der Mode sei, meinte er, so wäre es ihm ein Leichtes, sich auch Beinkleider anzuschaffen.
Der Adlervater sagte, wenn er das könne, so lasse sich über die Sache weiter sprechen, und Storch erklärte, er werde morgen früh pünktlich um 10 Uhr unten auf der Wiese in seinem neuen Anzuge spazieren gehen, der Adler und seine Tochter sollten nur von ihrem Horst aus hinabsehen, so würden sie ihn bemerken.
So weit war man einig und der Storch empfahl sich mit einem tiefen Bückling, wie er ihn gewöhnlich macht.
Noch an demselben Abend traf der Storch den Bauern, als er vom Felde kam. Er ging auf ihn zu und fragte ihn, ob er ihm nicht ein paar Beinkleider borgen könne.
– Hoho!? Was willst Du denn mit Beinkleidern? rief der Bauer und erklärte ihm, für so dünne Beine habe er keine Beinkleider. Indeß ließ er sich doch überreden, ging in das Haus, brachte dem Storch eine weite Pluderhose und sagte ihm, er solle mit derselben ja nicht nach seiner Gewohnheit in den Sumpf gehen, damit sie nicht schmutzig werde, denn sie gehöre seinem Sohn.
Storch flog mit dem Beinkleid in sein Nest, probirte das Ding hier an und meinte, es werde schon gehen, man müsse sich ja an Alles erst gewöhnen.
Am andern Morgen saßen der Adler und seine Tochter auf dem Rande des Felsens und schauten neugierig aus, ob der Storch noch nicht auf der Wiese zu sehen sei. Und richtig, da kam er angewackelt!
Aber, meines Lebens, wie sah der Storch aus! Er hatte so weite Hosen an, als hätte er einen ganzen Sack mit Aepfeln darin stecken, und hob dabei die Beine so hoch und machte so lange Schritte, daß der Adler und seine Tochter sich vor Lachen nicht zu bergen wußten.
Der Storch war aber auch in einer jämmerlichen Lage! Er hatte es sich so schön gedacht, Hosen zu tragen, und was geschah? Kaum kam er auf der Wiese daher spaziert, als sämmtliche Frösche und Kröten laut zu lachen anfingen. Sie hüpften ihm nach und damit er sie nicht kriegen könne, sprangen sie ihm von unten in seine weiten Pluderhosen und in die Taschen hinein, machten sich da über ihn lustig und riefen: