Soll nun diese Erziehung Nationalerziehung der Deutschen schlechtweg sein, und soll die große Mehrheit aller, die die deutsche Sprache reden, keineswegs aber etwa nur die Bürgerschaft dieses oder jenes besonderen deutschen Staates, dastehen als ein neues Menschengeschlecht, so müssen alle deutsche Staaten, jeder für sich und unabhängig von allen andern, diese Aufgabe ergreifen. Die Sprache, in der diese Angelegenheit zuerst in Anregung gebracht worden, in der die Hilfsmittel verfaßt sind und ferner werden verfaßt werden, in der die Lehrer geübt werden, der durch alles dieses hindurchgehende eine Gang der Sinnbildlichkeit, ist allen Deutschen gemeinsam. Ich kann mir kaum denken, wie und mit welchen Umwandlungen diese Bildungsmittel insgesamt, besonders in derjenigen Ausdehnung, die wir dem Plane gegeben haben, in irgendeine Sprache des Auslandes übertragen werden könnten, also, daß es nicht als fremdes und übersetztes Ding, sondern als einheimisch und aus dem eignen Leben ihrer Sprache hervorgehend, erschiene. Für alle Deutsche ist diese Schwierigkeit auf die gleiche Weise gehoben; für sie ist die Sache fertig, und sie dürfen nur dieselbe ergreifen.

Wohl uns hierbei, daß es noch verschiedene und voneinander abgetrennte deutsche Staaten gibt! Was so oft zu unserm Nachteile gereicht hat, kann bei dieser wichtigen Nationalangelegenheit vielleicht zu unserm Vorteile dienen. Vielleicht kann Nacheiferung der mehreren und die Begierde, einander zuvorzukommen, bewirken, was die ruhige Selbstgenügsamkeit des einzelnen nicht hervorgebracht hätte; denn es ist klar, daß derjenige unter allen deutschen Staaten, der in dieser Sache den Anfang machen wird, an Achtung, an Liebe, an Dankbarkeit des Ganzen für ihn, den Vorrang gewinnen wird, daß er dastehen wird als der höchste Wohltäter und der eigentliche Stifter der Nation. Er wird den übrigen Mut machen, ihnen ein belehrendes Beispiel geben und ihr Muster werden; er wird Bedenklichkeiten, in denen die andern hängen blieben, beseitigen; aus seinem Schoße werden die Lehrbücher und die ersten Lehrer ausgehen und den andern geliehen werden; und wer nach ihm der zweite sein wird, wird den zweiten Ruhm erwerben. Zum erfreulichen Zeugnisse, daß unter den Deutschen ein Sinn für das Höhere noch nie ganz ausgestorben, haben bisher mehrere deutsche Stämme und Staaten miteinander um den Ruhm größerer Bildung gestritten; diese haben ausgedehntere Preßfreiheit, freiere Hinwegsetzung über die hergebrachte Meinung, andre besser eingerichtete Schulen und Universitäten, andre ehemaligen Ruhm und Verdienste, andre etwas andres für sich angeführt, und der Streit hat nicht entschieden werden können. Bei der gegenwärtigen Veranlassung wird er es werden. Diejenige Bildung allein, die da strebt, und die es wagt, sich allgemein zu machen und alle Menschen ohne Unterschied zu erfassen, ist ein wirkliches Bestandteil des Lebens, und ist ihrer selbst sicher. Jede andre ist eine fremde Zutat, die man bloß zum Prunk anlegt, und die man nicht einmal mit recht gutem Gewissen an sich trägt. Es wird sich bei dieser Gelegenheit verraten müssen, wo etwa die Bildung, deren man sich rühmt, nur bei wenigen Personen des Mittelstandes stattfindet, die dieselbe in Schriften darlegen, dergleichen Männer alle deutschen Staaten aufzuweisen haben; und wo hingegen dieselbe auch zu den höhern Ständen, welche den Staat beraten, hinaufgestiegen sei. Es wird sich sodann auch zeigen, wie man den hier und da gezeigten Eifer für die Errichtung und den Flor höherer Lehranstalten zu beurteilen habe, und ob demselben reine Liebe zur Menschenbildung, die ja wohl jedweden Zweig und besonders die allererste Grundlage derselben, mit dem gleichen Eifer ergreifen würde, oder ob ihm bloß Sucht zu glänzen, und vielleicht dürftige Finanzspekulationen, zugrunde gelegen haben.

Welcher deutsche Staat in Ausführung dieses Vorschlags der erste sein wird, der wird den größten Ruhm davon haben, sagte ich. Aber ferner, es wird dieser deutsche Staat nicht lange allein stehen, sondern ohne allen Zweifel bald Nachfolger und Nacheiferer finden. Daß nur der Anfang gemacht werde, ist die Hauptsache. Wäre es auch nichts andres, so wird Ehrgefühl, Eifersucht, die Begierde auch zu haben, was ein andrer hat, und, womöglich, es noch besser zu haben, einen nach dem andern treiben, dem Beispiele zu folgen. Auch werden sodann die oben von uns beigebrachten Betrachtungen über den eignen Vorteil des Staates, die vielleicht dermalen manchem zweifelhaft vorkommen dürften, in der lebendigen Anschauung bewährt, einleuchtender werden.

Wäre zu erwarten, daß sogleich jetzt und von Stund an alle deutsche Staaten ernstliche Anstalten machten, jenen Plan auszuführen, so könnte schon nach fünfundzwanzig Jahren das bessere Geschlecht, dessen wir bedürfen, dastehen, und wer hoffen dürfte, noch so lange zu leben, könnte hoffen, es mit seinen Augen zu sehen.

Sollte aber, wie wir denn freilich auch auf diesen Fall rechnen müssen, unter allen dermalen bestehenden deutschen Staaten kein einziger sein, der unter seinen höchsten Beratern einen Mann hätte, der da fähig wäre, alles das oben Vorausgesetzte einzusehen und davon ergriffen zu werden, und in welchem die Mehrheit der Berater diesem einen sich wenigstens nicht widersetzte: so würde freilich diese Angelegenheit wohlgesinnten Privatpersonen anheimfallen, und es wäre nun von diesen zu wünschen, daß sie einen Anfang mit der vorgeschlagenen neuen Erziehung machten. Zuvörderst haben wir hierbei im Auge große Gutsbesitzer, die auf ihren Landgütern dergleichen Erziehungsanstalten für die Kinder ihrer Untertanen errichten könnten. Es gereicht Deutschland zum Ruhme und zur sehr ehrenvollen Auszeichnung vor den übrigen Nationen des neuern Europa, daß es unter dem genannten Stande immerfort hier und da mehrere gegeben hat, die sich's zum ernstlichen Geschäfte machten, für den Unterricht und die Bildung der Kinder auf ihren Besitzungen zu sorgen, und die gern das Beste, was sie wußten, dafür tun wollten. Es ist von diesen zu hoffen, daß sie auch jetzt geneigt sein werden, über das Vollkommene, das ihnen angetragen wird, sich zu belehren und das Größere und Durchgreifende ebenso gern zu tun, als sie bisher das Kleinere und Unvollständige taten. Wohl mag hier und da die Einsicht dazu beigetragen haben, daß es vorteilhafter für sie selbst sei, gebildete Untertanen zu haben, denn ungebildete. Wo etwa der Staat durch Aufhebung des Verhältnisses der Untertänigkeit diesen letzten Antrieb weggenommen hat — möge er da desto ernstlicher seine unerläßliche Pflicht bedenken, nicht zugleich das einzige Gute, das bei Wohldenkenden an dieses Verhältnis geknüpft wurde, mit aufzuheben, und möge er in diesem Falle ja nicht versäumen zu tun, was ohnedies seine Schuldigkeit ist, nachdem er diejenigen, die es freiwillig statt seiner taten, dessen erledigt hat. Wir richten ferner, in Absicht der Städte, hierbei unsre Augen auf freiwillige Verbindungen gut gesinnter Bürger für diesen Zweck. Der Hang zur Wohltätigkeit ist noch immer, so weit ich habe blicken können, unter keinem Drucke der Not in deutschen Gemütern erloschen. Durch eine Anzahl von Mängeln in unsern Einrichtungen, die sich insgesamt unter der Einheit der vernachlässigten Erziehung würden zusammenfassen lassen, hilft diese Wohltätigkeit der Not dennoch selten ab, sondern scheint oft sie noch zu vermehren. Möchte man jenen trefflichen Hang endlich vorzüglich auf diejenige Wohltat richten, die aller Not und aller fernern Wohltätigkeit ein Ende macht, auf die Wohltat der Erziehung. — Noch aber bedürfen wir, und rechnen wir auf eine Wohltat und Aufopferung andrer Art, die nicht im Geben, sondern im Tun und Leisten besteht. Möchten angehende Gelehrte, denen es ihre Lage verstattet, den Zeitraum, der ihnen zwischen der Universität und ihrer Anstellung in einem öffentlichen Amte übrigbleibt, dem Geschäfte, über diese Lehrweise an diesen Anstalten sich zu belehren und an denselben selbst zu lehren, widmen! Abgerechnet, daß sie sich hierdurch höchst verdient um das Ganze machen werden, kann man ihnen noch überdies versichern, daß sie selbst den allerhöchsten Gewinn davontragen werden. Ihre gesamten Kenntnisse, die sie aus dem gewöhnlichen Universitätsunterricht oft so erstorben mit hinwegtragen, werden im Elemente der allgemeinen Anschauung, in welches sie hier hineinkommen, Klarheit und Lebendigkeit erhalten, sie werden lernen, dieselben mit Fertigkeit wiederzugeben und zu gebrauchen, sie werden sich, da im Kinde die ganze Fülle der Menschheit unschuldig und offen daliegt, einen Schatz von der wahren Menschenkenntnis, die allein diesen Namen verdient, erwerben, sie werden zu der großen Kunst des Lebens und Wirkens angeleitet werden, zu welcher in der Regel die hohe Schule keine Anweisung gibt.

Läßt der Staat die ihm angetragene Aufgabe liegen, so ist es für die Privatpersonen, welche dieselbe aufnehmen, ein desto größerer Ruhm. Fern sei es von uns, der Zukunft durch Mutmaßungen vorzugreifen, oder den Ton des Zweifels und des Mangels an Vertrauen selber anzuheben; worauf unsre Wünsche zunächst gehen, haben wir deutlich ausgesprochen; nur dies sei uns erlaubt anzumerken: daß, wenn es wirklich also kommen sollte, daß der Staat und die Fürsten die Sache Privatpersonen überließen, dies dem bisherigen schon oben angemerkten und mit Beispielen belegten Gange der deutschen Entwicklung und Bildung gemäß sein, und dieser bis ans Ende sich gleich bleiben würde. Auch in diesem Falle würde der Staat zu seiner Zeit nachfolgen fürs erste wie ein einzelner, der den auf seinen Teil fallenden Beitrag eben auch leisten will, bis er sich etwa später besinnt, daß er kein Teil, sondern das Ganze sei, und daß das Ganze zu besorgen er so Pflicht als Recht habe. Von Stund an fallen alle selbständige Bemühungen der Privatpersonen weg und unterordnen sich dem allgemeinen Plane des Staates.

Sollte die Angelegenheit diesen Gang nehmen, so wird es mit der beabsichtigten Verbesserung unsers Geschlechts freilich nur langsam, und ohne eine sichere und feste Uebersicht und mögliche Berechnung des Ganzen, vorwärts schreiten. Aber lasse man sich ja dadurch nicht abhalten, einen Anfang zu machen! Es liegt in der Natur der Sache selbst, daß sie niemals untergehen könne, sondern, nur einmal ins Werk gesetzt, durch sich selbst fortlebe, und immer weiter um sich greifend sich verbreite. Jeder, der durch diese Bildung hindurchgegangen ist, wird ein Zeuge für sie und ein eifriger Verbreiter; jeder wird den Lohn der erhaltenen Lehre dadurch abtragen, daß er selbst wieder Lehrer wird, und so viele Schüler, die einst auch wieder Lehrer werden, macht, als er kann; und dies geht notwendig so lange fort, bis das Ganze ohne alle Ausnahme ergriffen sei.

Im Falle der Staat sich mit der Sache nicht befassen sollte, so haben Privatunternehmungen zu befürchten, daß alle nur irgend vermögende Eltern ihre Kinder dieser Erziehung nicht überlassen werden. Wende man sich sodann in Gottes Namen und mit voller Zuversicht an die armen Verwaisten, an die im Elende auf den Straßen Herumliegenden, an alles, was die erwachsene Menschheit ausgestoßen und weggeworfen hat! So wie bisher, besonders in denjenigen deutschen Staaten, in denen die Frömmigkeit der Vorfahren die öffentlichen Erziehungsanstalten sehr vermehrt und reichlich ausgestattet hatte, eine Menge von Eltern den Ihrigen den Unterricht angedeihen ließen, weil sie dabei zugleich, wie bei keinem andern Gewerbe, den Unterhalt fanden: so laßt es uns notgedrungen umkehren und Brot geben denen, denen kein andrer es gibt, damit sie mit dem Brote zugleich auch Geistesbildung annehmen. Befürchten wir nicht, daß die Armseligkeit und die Verwilderung ihres vorigen Zustandes unsrer Absicht hinderlich sein werde! Reißen wir sie nur plötzlich und gänzlich heraus aus demselben und bringen sie in eine durchaus neue Welt; lassen wir nichts an ihnen, das sie an das Alte erinnern könnte, so werden sie ihrer selbst vergessen und dastehen als neue soeben erst erschaffene Wesen. Daß in diese frische und reine Tafel nur das Gute eingegraben werde, dafür muß unser Unterrichtsgang bürgen und unsre Hausordnung. Es wird ein für alle Nachwelt warnendes Zeugnis sein über unsre Zeit, wenn gerade diejenigen, die sie ausgestoßen hat, durch diese Ausstoßung allein das Vorrecht erhalten, ein besseres Geschlecht anzuheben; wenn diese den Kindern derer, die mit ihnen nicht zusammen sein mochten, die beseligende Bildung bringen, und wenn sie die Stammväter werden unsrer künftigen Helden, Weisen, Gesetzgeber, Heilande der Menschheit.

Für die erste Errichtung bedarf es zuvörderst tauglicher Lehrer und Erzieher. Dergleichen hat die Pestalozzische Schule gebildet und ist stets erbötig, mehrere zu bilden. Ein Hauptaugenmerk wird anfangs sein, daß jede Anstalt der Art sich zugleich betrachte als eine Pflanzschule für Lehrer, und daß außer den schon fertigen Lehrern um diese herum sich eine Menge junger Männer versammle, die das Lehren lernen und ausüben zu gleicher Zeit, und in der Ausübung es immer besser lernen. Dies wird auch, falls diese Anstalten anfangs mit der Dürftigkeit zu ringen haben sollten, die Erhaltung der Lehrer sehr erleichtern. Die meisten sind doch in der Absicht gegenwärtig, um selbst zu lernen; dafür mögen sie denn auch ohne anderweitige Entschädigung das Gelernte eine Zeitlang zum Vorteil der Anstalt, wo sie es lernten, anwenden.

Ferner bedarf eine solche Anstalt Dach und Fach, die erste Ausstattung und ein hinlängliches Stück Land. Daß im weitern Fortgange dieser Einrichtungen, wenn die verhältnismäßige Menge von schon herangewachsener Jugend in den Jahren, wo sie nach der bisherigen Einrichtung als Dienstboten nicht bloß ihren Unterhalt, sondern zugleich auch ein Jahrlohn erwerben, sich in diesen Anstalten befinden wird, diese die schwächere Jugend übertragen, und bei der ohnedies notwendigen Arbeitsamkeit und weisen Wirtschaft, diese Anstalten sich größtenteils selbst werden erhalten können, scheint einzuleuchten. Fürs erste, solange die erstgenannte Art der Zöglinge noch nicht vorhanden ist, dürften dieselben größerer Zuschüsse bedürfen. Es ist zu hoffen, daß man sich zu Beiträgen, deren Ende man absieht, williger finden werde. Sparsamkeit, die dem Zwecke Eintrag tut, bleibe fern von uns; und ehe wir diese uns erlauben, ist es weit besser, daß wir gar nichts tun.

Und so halte ich denn dafür, daß, bloß guten Willen vorausgesetzt, bei der Ausführung dieses Plans keine Schwierigkeit ist, die nicht durch die Vereinigung mehrerer und durch die Richtung aller ihrer Kräfte auf diesen einigen Zweck leichtlich sollte überwunden werden können.


Zwölfte Rede.
Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung unsers Hauptzwecks aufrecht zu erhalten.

Diejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer künftigen Nationalerziehung vorschlagen, ist nun sattsam beschrieben. Wird das Geschlecht, das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal dastehen, dieses lediglich durch seinen Geschmack am Rechten und Guten, und schlechthin durch nichts andres getriebene, dieses mit einem Verstande, der für seinen Standpunkt ausreichend das Rechte allemal sicher erkennt, versehene, dieses mit jeder geistigen und körperlichen Kraft, das Gewollte allemal durchzusetzen, ausgerüstete Geschlecht: so wird alles, was wir mit unsern kühnsten Wünschen begehren können, aus dem Dasein desselben von selbst sich ergeben, und aus ihm natürlich hervorwachsen. Diese Zeit bedarf unsrer Vorschriften so wenig, daß wir vielmehr von derselben zu lernen haben würden.

Da inzwischen dieses Geschlecht noch nicht gegenwärtig ist, sondern erst heraufgezogen werden soll, und, wenn auch alles über unser Erwarten trefflich gehen sollte, wir dennoch eines beträchtlichen Zwischenraums bedürfen werden, um in jene Zeit hinüber zu kommen, so entsteht die näherliegende Frage: Wie sollen wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurch bringen? Wie sollen wir, da wir nichts Besseres können, uns erhalten, wenigstens als den Boden, auf dem die Verbesserung vorgehen, und als den Ausgangspunkt, an welchen dieselbe sich anknüpfen könne? Wie sollten wir verhindern, daß, wenn einst das also gebildete Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter uns träte, es nicht an uns eine Wirklichkeit vor sich finde, die nicht die mindeste Verwandtschaft habe zu der Ordnung der Dinge, welche es als das Rechte begriffen, und in welcher niemand dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsch und Bedürfnis einer solchen Ordnung der Dinge hege, sondern das Vorhandene als das ganz Natürliche und das einzig Mögliche ansehe? Würden nicht diese eine andre Welt im Busen Tragenden gar bald irrewerden, und würde so nicht die neue Bildung ebenso unnütz für die Verbesserung des wirklichen Lebens verhallen, wie die bisherige Bildung verhallt ist?

Geht die Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit, Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit so ferner hin, so ist gerade dieses, als das notwendig sich Ergebende, zu erwarten. Wer sich ohne Aufmerksamkeit auf sich selbst gehen läßt, und von den Umständen sich gestalten, wie sie wollen, der gewöhnt sich bald an jede mögliche Ordnung der Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas beleidigt werden mochte, als er es das erstemal erblickte, laßt es nur täglich auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewöhnt er sich daran und findet es späterhin natürlich und als ebenso sein müssend, gewinnt es zuletzt gar lieb, und es würde ihm mit der Herstellung des erstern bessern Zustandes wenig gedient sein, weil dieser ihn aus seiner nun einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse. Auf diese Weise gewöhnt man sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsre sinnliche Fortdauer dabei ungekränkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb; und dies ist eben das Gefährlichste an der Unterworfenheit, daß sie für alle wahre Ehre abstumpft und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat für den Trägen, indem sie ihn mancher Sorge und manches Selbstdenkens überhebt.

Laßt uns auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der Süßigkeit des Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen die Hoffnung künftiger Befreiung. Wird unser äußeres Wirken in hemmende Fesseln geschlagen, laßt uns desto kühner unsern Geist erheben zum Gedanken der Freiheit, zum Leben in diesem Gedanken, zum Wünschen und Begehren nur dieses einigen. Laßt die Freiheit auf einige Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt; geben wir ihr eine Zuflucht im innersten unsrer Gedanken, so lange, bis um uns herum die neue Welt emporwachse, die da Kraft habe, diese Gedanken auch äußerlich darzustellen. Machen wir uns mit demjenigen, was ohne Zweifel unserm Ermessen frei bleiben muß, mit unserm Gemüte zum Vorbilde, zur Weissagung, zum Bürgen desjenigen, was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur nicht mit unserm Körper zugleich auch unsern Geist niedergebeugt und unterworfen und in die Gefangenschaft gebracht werden!

Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die einzige, alles in sich fassende Antwort diese: wir müssen eben zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, und einen festen und gewissen Geist; wir müssen ernst werden in allen Dingen, und nicht fortfahren bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir müssen uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden, die allem unserm übrigen Denken und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken muß bei uns aus einem Stücke sein, und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden, und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache keinen besondern Namen, weil sie eben ohne alles unser Wissen und Besinnung aus unserm Sein unmittelbar hervorgehen soll.

Wir müssen zuvörderst über die großen Ereignisse unsrer Tage, ihre Beziehung auf uns, und das, was wir von ihnen zu erwarten haben, mit eigner Bewegung unsrer Gedanken nachdenken, und uns eine klare und feste Ansicht von allen diesen Gegenständen, und ein entschiedenes und unwandelbares Ja oder Nein über die hierher fallenden Fragen verschaffen; jeder, der den mindesten Anspruch auf Bildung macht, soll das. Das tierische Leben des Menschen läuft in allen Zeitaltern ab nach denselben Gesetzen, und hierin ist alle Zeit sich gleich. Verschiedene Zeiten sind da nur für den Verstand, und nur derjenige, der sie mit dem Begriffe durchdringt, lebt sie mit, und ist da zu dieser seiner Zeit; ein andres Leben ist nur ein Tier- und Pflanzenleben. Alles, was da geschieht, unvernommen an sich vorübergehen zu lassen, gegen dessen Andrang wohl gar geflissentlich Auge und Ohr zu verstopfen, sich dieser Gedankenlosigkeit wohl gar noch als großer Weisheit zu rühmen, mag anständig sein einem Felsen, an den die Meereswellen schlagen, ohne daß er es fühlt, oder einem Baumstamme, den Stürme hin und her reißen, ohne daß er es bemerkt, keineswegs aber einem denkenden Wesen. — Selbst das Schweben in höhern Kreisen des Denkens spricht nicht los von dieser allgemeinen Verbindlichkeit, seine Zeit zu verstehen. Alles Höhere muß eingreifen wollen auf seine Weise in die unmittelbare Gegenwart, und wer wahrhaftig in jenem lebt, lebt zugleich auch in der letztern; lebte er nicht auch in dieser, so wäre dies der Beweis, daß er auch in jenem nicht lebte, sondern in ihm nur träumte. Jene Achtlosigkeit auf das, was unter unsern Augen vorgeht, und die künstliche Ableitung der allenfalls entstandenen Aufmerksamkeit auf andre Gegenstände, wäre das Erwünschteste, was einem Feinde unsrer Selbständigkeit begegnen könnte. Ist er sicher, daß wir uns bei keinem Dinge etwas denken, so kann er eben, wie mit leblosen Werkzeugen, alles mit uns vornehmen, was er will; die Gedankenlosigkeit eben ist es, die sich an alles gewöhnt: wo aber der klare und umfassende Gedanke, und in diesem das Bild dessen, was da sein sollte, immerfort wachsam bleibt, da kommt es zu keiner Gewöhnung.

Diese Reden haben zunächst Sie eingeladen, und sie werden einladen die ganze deutsche Nation, inwieweit es dermalen möglich ist, dieselbe durch den Bücherdruck um sich zu versammeln, bei sich selbst eine feste Entscheidung zu fassen, und innerlich mit sich einig zu werden über folgende Fragen: 1. ob es wahr sei, oder nicht wahr, daß es eine deutsche Nation gebe, und daß deren Fortdauer in ihrem eigentümlichen und selbständigen Wesen dermalen in Gefahr sei? 2. Ob es der Mühe wert sei, oder nicht wert sei, dieselbe zu erhalten? 3. Ob es irgendein sicheres und durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und welches dieses Mittel sei?

Vorher war die hergebrachte Sitte unter uns diese, daß, wenn irgendein ernsthaftes Wort, mündlich oder im Drucke, sich vernehmen ließ, das tägliche Geschwätz sich desselben bemächtigte, und es in einen spaßhaften Unterhaltungsstoff seiner drückenden Langeweile verwandelte. Zunächst um mich herum habe ich dermalen, nicht so wie ehemals, bemerkt, daß man von meinen gegenwärtigen Vorträgen denselben Gebrauch gemacht hätte; von dem zeitigen Tone aber der geselligen Zusammenkünfte auf dem Boden des Bücherdrucks, ich meine die Literaturzeitungen und andres Journalwesen, habe ich keine Kunde genommen, und weiß nicht, ob von diesem sich Scherz oder Ernst erwarten lassen. Wie dies sich verhalten möge, meine Absicht wenigstens ist es nicht gewesen, zu scherzen, und den bekannten Witz, den unser Zeitalter besitzt, wieder in den Gang zu bringen.

Tiefer unter uns eingewurzelt, fast zur andern Natur geworden, und das Gegenteil, beinahe unerhört, war unter den Deutschen die Sitte, daß man alles, was auf die Bahn gebracht wurde, betrachtete als eine Aufforderung an jeden, der einen Mund hätte, nur geschwind und auf der Stelle sein Wort auch dazu zu geben und uns zu berichten, ob er auch derselben Meinung sei, oder nicht; nach welcher Abstimmung denn die ganze Sache vorbei sei, und das öffentliche Gespräch zu einem neuen Gegenstande eilen müsse. Auf diese Weise hatte sich aller literarischer Verkehr unter den Deutschen verwandelt, so wie die Echo der alten Fabel, in einen bloßen reinen Laut, ohne allen Leib und körperlichen Gehalt. Wie in den bekannten schlechten Gesellschaften des persönlichen Verkehrs, so kam es auch in dieser nur darauf an, daß die Menschenstimme forthalle, und daß jeder ohne Stocken sie aufnehme, und sie dem Nachbar zuwerfe, keineswegs aber darauf, was da ertönte. Was ist Charakterlosigkeit und Undeutschheit, wenn es das nicht ist? Auch dies ist nicht meine Absicht gewesen, dieser Sitte zu huldigen, und nur das öffentliche Gespräch rege zu erhalten. Ich habe, eben auch, indem ich etwas andres wollte, meinen persönlichen Anteil zu dieser öffentlichen Unterhaltung schon vorlängst hinlänglich abgetragen, und man könnte mich endlich davon lossprechen. Ich will nicht gerade auf der Stelle wissen, wie dieser oder jener über die in Anregung gebrachten Fragen denke, d. h. wie er bisher darüber gedacht, oder auch nicht gedacht habe. Er soll es bei sich selbst überlegen und durchdenken, so lange bis sein Urteil fertig ist und vollkommen klar, und soll sich die nötige Zeit dazu nehmen; und gehen ihm etwa die gehörigen Vorkenntnisse und der ganze Grad der Bildung, der zu einem Urteile in diesen Angelegenheiten erfordert wird, noch ab, so soll er sich auch dazu die Zeit nehmen, sich dieselben zu erwerben. Hat nun einer auf diese Weise sein Urteil fertig und klar, so wird nicht gerade verlangt, daß er es auch öffentlich abgebe; sollte dasselbe mit dem hier Gesagten übereinstimmen, so ist dieses eben schon gesagt, und es bedarf nicht eines zweiten Sagens, nur wer etwas andres und besseres sagen kann, ist aufgefordert zu reden; dagegen aber soll es jeder in jedem Falle nach seiner Weise und Lage wirklich leben und treiben.

Am allerwenigsten endlich ist es meine Absicht gewesen, an diesen Reden unsern deutschen Meistern in Lehre und Schrift eine Schreibeübung vorzulegen, damit sie dieselbe verbessern, und ich bei dieser Gelegenheit erfahre, was sich etwa von mir hoffen läßt. Auch in dieser Rücksicht ist guter Lehre und Rates schon sattsam an mich gewendet worden, und es müßte sich schon jetzt gezeigt haben, wenn Besserung zu erwarten wäre.

Nein, das war zunächst meine Absicht, aus dem Schwarme von Fragen und Untersuchungen und aus dem Heere widersprechender Meinungen über dieselben, in welchem die Gebildeten unter uns bisher herumgeworfen worden sind, so viele derselben ich könnte auf einen Punkt zu führen, bei welchem sie sich selbst standhielten, und zwar auf denjenigen, der uns am allernächsten liegt, den unsrer eignen gemeinschaftlichen Angelegenheiten; in diesem einigen Punkte sie zu einer festen Meinung, bei der es nun unverrückt bleibe, und zu einer Klarheit, in der sie wirklich sich zurecht finden, zu bringen; so viel andres auch zwischen ihnen streitig sein möge, wenigstens über dieses eine sie zur Einmütigkeit des Sinnes zu verbinden; auf diese Weise endlich einen festen Grundzug des Deutschen hervorzubringen, den, daß er es gewürdigt habe, sich über die Angelegenheit der Deutschen eine Meinung zu bilden; dagegen derjenige, der über diesen Gegenstand nichts hören und nichts denken möchte, von nun an mit Recht angesehen werden könnte als nicht zu uns gehörend.

Die Erzeugung einer solchen festen Meinung, und die Vereinigung und das gegenseitige Sichverstehen mehrerer über diesen Gegenstand, wird, so wie es unmittelbar die Rettung ist unsers Charakters aus der unsrer unwürdigen Zerflossenheit, zugleich auch ein kräftiges Mittel werden, unsern Hauptzweck, die Einführung der neuen Nationalerziehung zu erreichen. Besonders darum, weil wir selber, sowohl jeder mit sich, als alle untereinander, niemals einig waren, heute dieses und morgen etwas andres wollten, und jeder anders hineinschrie in das dumpfe Geräusch, sind auch unsre Regierungen, die allerdings, und oft mehr als ratsam war, auf uns hörten, irregemacht worden, und haben hin und her geschwankt, ebenso wie unsre Meinung. Soll endlich einmal ein fester und gewisser Gang in die gemeinsamen Angelegenheiten kommen: was verhindert, daß wir zunächst bei uns selbst anfangen, und das Beispiel der Entschiedenheit und Festigkeit geben? Lasse sich nur einmal eine übereinstimmende und sich gleichbleibende Meinung hören, lasse ein entschiedenes und als allgemein sich ankündigendes Bedürfnis sich vernehmen, das der Nationalerziehung, wie wir voraussetzen; ich halte dafür, unsre Regierungen werden uns hören, sie werden uns helfen, wenn wir die Neigung zeigen, uns helfen zu lassen. Wenigstens würden wir im entgegengesetzten Falle sodann erst das Recht haben, uns über sie zu beklagen; dermalen, da unsre Regierungen ungefähr also sind, wie wir sie wollen, steht uns das Klagen übel an.

Ob es ein sicheres und durchgreifendes Mittel gebe zur Erhaltung der deutschen Nation, und welches dieses Mittel sei, ist die bedeutendste unter den Fragen, die ich dieser Nation zur Entscheidung vorgelegt habe. Ich habe diese Frage beantwortet, und die Gründe meiner Art der Beantwortung dargelegt, keineswegs um das Endurteil vorzuschreiben, was zu nichts helfen könnte, indem jeder, der in dieser Sache Hand anlegen soll, in seinem eignen Innern durch eigne Tätigkeit sich überzeugt haben muß, sondern nur, um zum eignen Nachdenken und Urteilen anzuregen. Ich muß von nun an jeden sich selbst überlassen. Nur warnen kann ich noch, daß man durch seichte und oberflächliche Gedanken, die auch über diesen Gegenstand sich im Umlaufe befinden, sich nicht täuschen, vom tiefern Nachdenken sich nicht abhalten und durch nichtige Vertröstungen sich nicht abfinden lasse.

Wir haben zum Beispiel schon lange vor den letzten Ereignissen, gleichsam auf den Vorrat, hören müssen, und es ist uns seitdem häufig wiederholt worden, daß, wenn auch unsre politische Selbständigkeit verloren sei, wir dennoch unsre Sprache behielten, und unsre Literatur, und in diesen immer eine Nation blieben, und damit über alles andre uns leichtlich trösten könnten.

Worauf gründet sich denn zuvörderst die Hoffnung, daß wir auch ohne politische Selbständigkeit dennoch unsre Sprache behalten werden? Jene, die also sagen, schreiben doch wohl nicht ihrem Zureden und ihren Ermahnungen auf Kind und Kindeskind hinaus und auf alle künftigen Jahrhunderte, diese wunderwirkende Kraft zu? Was von den jetztlebenden und gemachten Männern sich gewöhnt hat, in deutscher Sprache zu reden, zu schreiben, zu lesen, wird ohne Zweifel also fortfahren; aber was wird das nächstkünftige Geschlecht tun, und was erst das dritte? Welches Gegengewicht gedenken wir denn in diese Geschlechter hineinzulegen, das ihrer Begierde, demjenigen, bei welchem aller Glanz ist, und das alle Begünstigungen austeilt, auch durch Sprache und Schrift zu gefallen, die Wage halte? Haben wir denn niemals von einer Sprache gehört, welche die erste der Welt ist, unerachtet bekannt wird, daß die ersten Werke in derselben noch zu schreiben sind, und sehen wir nicht schon jetzt unter unsern Augen, daß Schriften, durch deren Inhalt man zu gefallen hofft, in ihr erscheinen? Man beruft sich auf das Beispiel zweier andern Sprachen, eine der alten, eine der neuen Welt, welche, unerachtet des politischen Unterganges der Völker, die sie redeten, dennoch als lebendige Sprachen fortgedauert. Ich will in die Weise dieser Fortdauer nicht einmal hineingehen; so viel aber ist auf den ersten Blick klar, daß beide Sprachen etwas in sich hatten, das die unsrige nicht hat, wodurch sie vor den Ueberwindern Gnade fanden, welche die unsrige niemals finden kann. Hätten diese Vertröster besser um sich geschaut, so würden sie ein andres, unsres Erachtens hier durchaus passendes Beispiel gefunden haben, das der wendischen Sprache. Auch diese dauert seit der Reihe von Jahrhunderten, daß das Volk derselben seine Freiheit verloren hat, noch immer fort, in den ärmlichen Hütten des an die Scholle gebundenen Leibeigenen nämlich, damit er in ihr, unverstanden von seinem Bedrücker, sein Schicksal beklagen könne.

Oder setze man den Fall, daß unsre Sprache lebendig und eine Schriftstellersprache bleibe, und so ihre Literatur behalte; was kann denn das für eine Literatur sein, die Literatur eines Volkes ohne politische Selbständigkeit? Was will denn der vernünftige Schriftsteller, und was kann er wollen? Nichts andres, denn eingreifen in das allgemeine und öffentliche Leben, und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut zum Kitzel müßiger Ohren. Er will ursprünglich und aus der Wurzel des geistigen Lebens heraus denken für diejenigen, die ebenso ursprünglich wirken, d. i. regieren. Er kann deswegen nur in einer solchen Sprache schreiben, in der auch die Regierenden denken, in einer Sprache, in der regiert wird, in der eines Volkes, das einen selbständigen Staat ausmacht. Was wollen denn zuletzt alle unsre Bemühungen selbst um die abgezogensten Wissenschaften? Lasset sein, der nächste Zweck dieser Bemühungen sei der, die Wissenschaft fortzupflanzen von Geschlecht zu Geschlecht, und in der Welt zu erhalten; warum soll sie denn auch erhalten werden? Offenbar nur, um zu rechter Zeit das allgemeine Leben und die ganze menschliche Ordnung der Dinge zu gestalten. Dies ist ihr letzter Zweck; mittelbar dient sonach, sei es auch erst in einer spätern Zukunft, jede wissenschaftliche Bestrebung dem Staate. Gibt sie diesen Zweck auf, so ist auch ihre Würde und ihre Selbständigkeit verloren. Wer aber diesen Zweck hat, der muß schreiben in der Sprache des herrschenden Volkes.

Wie es ohne Zweifel wahr ist, daß allenthalben, wo eine besondere Sprache angetroffen wird, auch eine besondere Nation vorhanden ist, die das Recht hat, selbständig ihre Angelegenheiten zu besorgen und sich selber zu regieren; so kann man umgekehrt sagen, daß, wie ein Volk aufgehört hat, sich selbst zu regieren, es eben auch schuldig sei, seine Sprache aufzugeben und mit den Ueberwindern zusammenzufließen, damit Einheit, innerer Friede und die gänzliche Vergessenheit der Verhältnisse, die nicht mehr sind, entstehe. Ein nur halbverständiger Anführer einer solchen Mischung muß hierauf dringen, und wir können uns sicher darauf verlassen, daß in unserm Falle darauf gedrungen werden wird. Bis diese Verschmelzung erfolgt sei, wird es Uebersetzungen der verstatteten Schulbücher in die Sprache der Barbaren geben, d. i. derjenigen, die zu ungeschickt sind, die Sprache des herrschenden Volkes zu lernen, und die eben dadurch von allem Einflusse auf die öffentlichen Angelegenheiten sich ausschließen und sich zur lebenslänglichen Unterwürfigkeit verdammen; auch wird es diesen, die zur Stummheit über die wirklichen Begebenheiten sich selbst verurteilt haben, verstattet werden, an erdichteten Welthändeln ihre Redefertigkeit zu üben, oder ehemalige und alte Formen sich selber nachzuahmen, wo man für das erste an der zum Beispiel angeführten alten, für das letztere an der neuen Sprache die Belege aufsuchen mag. Eine solche Literatur möchten wir vielleicht noch auf einige Zeit behalten, und mit derselben mag sich trösten der, der keinen bessern Trost hat; daß aber auch solche, die wohl fähig wären, sich zu ermannen, die Wahrheit zu sehen und aufgeschreckt zu werden durch ihren Anblick zu Entschluß und Tat, durch solchen nichtigen Trost, mit welchem einem Feinde unsrer Selbständigkeit recht eigentlich gedient sein würde, in dem trägen Schlummer erhalten werden: dieses möchte ich verhindern, wenn ich es könnte.

Man verheißt uns also die Fortdauer einer deutschen Literatur auf die künftigen Geschlechter. Um die Hoffnungen, die wir hierüber fassen können, näher zu beurteilen, würde es sehr zuträglich sein, sich umzusehen, ob wir denn auch nur bis auf diesen Augenblick eine deutsche Literatur im wahren Sinne des Wortes noch haben. Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt des Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammeln und mit ihr über ihre wichtigsten Angelegenheiten zu beratschlagen; ganz besonders aber ist dies von jeher das ausschließende Amt des Schriftstellers gewesen in Deutschland, indem dieses in mehrere abgesonderte Staaten zertrennt war, und als gemeinsames Ganzes fast nur durch das Werkzeug des Schriftstellers, durch Sprache und Schrift, zusammengehalten wurde; am eigentlichsten und dringendsten wird es sein Amt in dieser Zeit, nachdem das letzte äußere Band, das die Deutschen vereinigte, die Reichsverfassung, auch zerrissen ist. Sollte es sich nun etwa zeigen — wir sprechen hieran nicht etwa aus, was wir wüßten oder befürchteten, sondern nur einen möglichen Fall, auf den wir jedoch ebenfalls im voraus Bedacht nehmen müssen — sollte es sich, sage ich, etwa zeigen, daß schon jetzt Diener besonderer Staaten von Angst, Furcht und Schrecken so eingenommen wären, daß sie solchen, eine Nation eben noch als daseiend voraussetzenden, und an dieselbe sich wendenden Stimmen, zuerst das Lautwerden, oder durch Verbote die Verbreitung versagten: so wäre dies ein Beweis, daß wir schon jetzt keine deutsche Schriftstellerei mehr hätten, und wir wüßten, wie wir mit den Aussichten auf eine künftige Literatur daran wären.

Was könnte es doch sein, das diese fürchteten? Etwa, daß dieser und jener dergleichen Stimmen nicht gern hören werde? Sie würden für ihre zarte Besorgtheit wenigstens die Zeit übel gewählt haben. Schmähungen und Herabwürdigungen des Vaterländischen, abgeschmackte Lobpreisungen des Ausländischen können sie ja doch nicht verhindern; seien sie doch nicht so strenge gegen ein dazwischen tönendes vaterländisches Wort! Es ist wohl möglich, daß nicht alle alles gleich gern hören; aber dafür können wir zurzeit nicht sorgen, uns treibt die Not, und wir müssen eben sagen, was diese zu sagen gebietet. Wir ringen ums Leben; wollen sie, daß wir unsre Schritte abmessen, damit nicht etwa durch den erregten Staub irgendein Staatskleid bestäubt werde? Wir gehen unter in den Fluten; sollen wir nicht um Hilfe rufen, damit nicht irgendein schwachnerviger Nachbar erschreckt werde?

Wer sind denn diejenigen, die es nicht gern hören könnten, und unter welcher Bedingung könnten sie es denn nicht gern hören? Allenthalben ist es nur die Unklarheit und die Finsternis, die da schreckt. Jedes Schreckbild verschwindet, wenn man es fest ins Auge faßt. Lasset uns mit derselben Unbefangenheit und Unumwundenheit, mit der wir bisher jeden in diese Vorträge fallenden Gegenstand zerlegt haben, auch diesem Schrecknisse unter die Augen treten.

Man nimmt an, entweder, daß das Wesen, dem dermalen die Leitung eines großen Teils der Weltangelegenheiten anheimgefallen ist, ein wahrhaft großes Gemüt sei, oder man nimmt das Gegenteil an, und ein drittes ist nicht möglich. Im ersten Falle: worauf beruht denn alle menschliche Größe, außer auf der Selbständigkeit und Ursprünglichkeit der Person, und daß sie nicht sei ein erkünsteltes Gemächte ihres Zeitalters, sondern ein Gewächs aus der ewigen und ursprünglichen Geisterwelt, ganz so wie es ist hervorgewachsen, daß ihr eine neue und eigentümliche Ansicht des Weltganzen aufgegangen sei, und daß sie festen Willen habe und eiserne Kraft, diese ihre Ansicht einzuführen in die Wirklichkeit? Aber es ist schlechthin unmöglich, daß ein solches Gemüt nicht auch außer sich, an Völkern und einzelnen, ehre, was in seinem Innern seine eigne Größe ausmacht, die Selbständigkeit, die Festigkeit, die Eigentümlichkeit des Daseins. So gewiß es sich in seiner Größe fühlt und derselben vertraut, verschmäht es über armseligen Knechtssinn zu herrschen und groß zu sein unter Zwergen; es verschmäht den Gedanken, daß es die Menschen erst herabwürdigen müsse, um über sie zu gebieten; es ist gedrückt durch den Anblick des dasselbe umgebenden Verderbens, es tut ihm weh, die Menschen nicht achten zu können; alles aber, was sein verbrüdertes Geschlecht erhebt, veredelt, in ein würdigeres Licht setzt, tut wohl seinem selbst edlen Geiste, und ist sein höchster Genuß. Ein solches Gemüt sollte ungern vernehmen, daß die Erschütterungen, die die Zeiten herbeigeführt haben, benutzt werden, um eine alte ehrwürdige Nation, den Stamm der mehrsten Völker des neuen Europa, und die Bildnerin aller, aus dem tiefen Schlummer aufzuregen und dieselbe zu bewegen, daß sie ein sicheres Verwahrungsmittel ergreifen, um sich zu erheben aus dem Verderben, welches dieselbe zugleich sichert, nie wieder herabzusinken, und mit sich selbst zugleich alle übrigen Völker zu erheben? Es wird hier nicht angeregt zu ruhestörenden Auftritten; es wird vielmehr vor diesen, als sicher zum Verderben führend, gewarnt, es wird eine feste unwandelbare Grundlage angegeben, worauf endlich in einem Volke der Welt die höchste, reinste und noch niemals also unter den Menschen gewesene Sittlichkeit aufgebaut, für alle folgende Zeiten gesichert, und von da aus über andre Völker verbreitet werde; es wird eine Umschaffung des Menschengeschlechts angegeben aus irdischen und sinnlichen Geschöpfen, zu reinen und edlen Geistern. Durch einen solchen Vorschlag, meint man, könne ein Geist, der selbst rein ist und edel und groß, oder irgend jemand, der nach ihm sich bildet, beleidigt werden?

Was würden dagegen diejenigen, welche diese Furcht hegten und dieselbe durch ihr Handeln zugeständen, annehmen, und laut vor aller Welt bekennen, daß sie es annehmen? Sie würden bekennen, daß sie glaubten, daß ein menschenfeindliches und ein sehr kleines und niedriges Prinzip über uns herrsche, dem jede Regung selbständiger Kraft bange mache, der von Sittlichkeit, Religion, Veredlung der Gemüter nicht ohne Angst hören könne, indem allein in der Herabwürdigung der Menschen, in ihrer Dumpfheit und ihren Lastern für ihn Heil sei und Hoffnung, sich zu erhalten. Mit diesem ihrem Glauben, der unsern andern Uebeln noch die drückende Schmach hinzufügen würde, von einem solchen beherrscht zu sein, sollen wir nun ohne weiteres und ohne die vorhergegangene einleuchtende Beweisführung einverstanden sein und in demselben handeln?

Den schlimmsten Fall gesetzt, daß sie recht hätten, keineswegs aber wir, die wir das erstere durch unsre Tat annehmen: soll denn nun wirklich, einem zu Gefallen, dem damit gedient ist, und ihnen zu Gefallen, die sich fürchten, das Menschengeschlecht herabgewürdigt werden und versinken, und soll keinem, dem sein Herz es gebietet, erlaubt sein, sie vor dem Verfalle zu warnen? Gesetzt, daß sie nicht bloß recht hätten, sondern daß man sich auch noch entschließen sollte, im Angesichte der Mitwelt und der Nachwelt ihnen recht zu geben, und das eben hingelegte Urteil über sich selbst laut aussprechen: was wäre denn nun das Höchste und Letzte, das für den unwillkommenen Warner daraus erfolgen könnte? Kennen sie etwas Höheres, denn den Tod? Dieser erwartet uns ohnedies alle, und es haben vom Anbeginn der Menschheit an Edle um geringerer Angelegenheit willen — denn wo gab es jemals eine höhere, als die gegenwärtige? — der Gefahr desselben getrotzt. Wer hat das Recht zwischen ein Unternehmen, das auf diese Gefahr begonnen ist, zu treten?

Sollte es, wie ich nicht hoffe, solche unter uns Deutschen geben, so würden diese ungebeten, ohne Dank, und, wie ich hoffe, zurückgewiesen, ihren Hals dem Joche der geistigen Knechtschaft darbieten; sie würden, bitter schmähend, indem sie staatsklug zu schmeicheln glauben, weil sie nicht wissen, wie wahrer Größe zumute ist, und die Gedanken derselben nach denen ihrer eignen Klarheit messen — sie würden die Literatur, mit der sie nichts andres anzufangen wissen, gebrauchen, um durch die Abschlachtung derselben als Opfertier ihren Hof zu machen. Wir dagegen preisen durch die Tat unsers Vertrauens und unsers Mutes weit mehr, denn Worte es je vermöchten, die Größe des Gemüts, bei dem die Gewalt ist. Ueber das ganze Gebiet der ganzen deutschen Zunge hinweg, wo irgendhin unsre Stimme frei und unaufgehalten ertönt, ruft sie durch ihr bloßes Dasein den Deutschen zu: niemand will eure Unterdrückung, euren Knechtssinn, eure sklavische Unterwürfigkeit, sondern eure Selbständigkeit, eure wahre Freiheit, eure Erhebung und Veredlung will man, denn man hindert nicht, daß man sich öffentlich mit euch darüber beratschlage, und euch das unfehlbare Mittel dazu zeige. Findet diese Stimme Gehör und den beabsichtigten Erfolg, so setzt sie ein Denkmal dieser Größe und unsers Glaubens an dieselbe ein in den Fortlauf der Jahrhunderte, welches keine Zeit zu zerstören vermag, sondern das mit jedem neuen Geschlechte höher wächst und sich weiter verbreitet. Wer darf sich gegen den Versuch setzen, ein solches Denkmal zu errichten?

Anstatt also mit der zukünftigen Blüte unsrer Literatur über unsre verlorne Selbständigkeit uns zu trösten, und von der Aufsuchung eines Mittels, dieselbe wiederherzustellen, uns durch dergleichen Trost abhalten zu lassen, wollen wir lieber wissen, ob diejenigen Deutschen, denen eine Art von Bevormundung der Literatur zugefallen ist, den übrigen selbst schreibenden oder lesenden Deutschen eine Literatur im wahren Sinne des Worts noch bis diesen Tag erlauben, und ob sie dafür halten, daß eine solche Literatur dermalen in Deutschland noch erlaubt sei, oder nicht; wie sie aber wirklich darüber denken, das wird sich demnächst entscheiden müssen.

Nach allem ist das nächste, was wir zu tun haben, um bis zur völligen und gründlichen Verbesserung unsres Stammes uns auch nur aufzubehalten, dies, daß wir uns Charakter anschaffen, und diesen zunächst dadurch bewähren, daß wir uns durch eignes Nachdenken eine feste Meinung bilden über unsre wahre Lage, und über das sichere Mittel, dieselbe zu verbessern. Die Nichtigkeit des Trostes aus der Fortdauer unsrer Sprache und Literatur ist gezeigt. Noch aber gibt es andre, in diesen Reden noch nicht erwähnte Vorspiegelungen, welche die Bildung einer solchen festen Meinung verhindern. Es ist zweckmäßig, daß wir auch auf diese Rücksicht nehmen; jedoch behalten wir dieses Geschäft vor der nächsten Rede.


Dreizehnte Rede.
Fortsetzung der angefangenen Betrachtung.

Es sei noch ein Mehreres von nichtigen Gedanken und täuschenden Lehrgebäuden über die Angelegenheiten der Völker unter uns im Umlaufe, welches die Deutschen verhindere, eine ihrer Eigentümlichkeit gemäße feste Ansicht über ihre gegenwärtige Lage zu fassen, äußerten wir am Ende unsrer vorigen Rede. Da diese Traumbilder gerade jetzt mit größerem Eifer zur öffentlichen Verehrung herumgeboten werden, und, nachdem so vieles andre wankend geworden, von manchem lediglich zur Ausfüllung der entstandenen leeren Stellen aufgefaßt werden könnten: so scheint es zur Sache zu gehören, dieselben mit größerem Ernste, als außerdem ihre Wichtigkeit verdienen dürfte, einer Prüfung zu unterwerfen.

Zuvörderst und vor allen Dingen: Die ersten, ursprünglichen und wahrhaft natürlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre innern Grenzen. Was dieselbe Sprache redet, das ist schon vor aller menschlichen Kunst vorher durch die bloße Natur mit einer Menge von unsichtbaren Banden aneinandergeknüpft; es versteht sich untereinander und ist fähig, sich immerfort klarer zu verständigen, es gehört zusammen und ist natürlich eins und ein unzertrennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk andrer Abkunft und Sprache in sich aufnehmen und mit sich vermischen wollen, ohne wenigstens fürs erste sich zu verwirren und den gleichmäßigen Fortgang seiner Bildung mächtig zu stören. Aus dieser innern, durch die geistige Natur des Menschen selbst gezogenen Grenze ergibt sich erst die äußere Begrenzung der Wohnsitze, als die Folge von jener, und in der natürlichen Ansicht der Dinge sind keineswegs die Menschen, welche innerhalb gewisser Berge und Flüsse wohnen, um deswillen ein Volk, sondern umgekehrt wohnen die Menschen beisammen, und wenn ihr Glück es so gefügt hat, durch Flüsse und Berge gedeckt, weil sie schon früher durch ein weit höheres Naturgesetz ein Volk waren.

So saß die deutsche Nation, durch gemeinschaftliche Sprache und Denkart sattsam unter sich vereinigt und scharf genug abgeschnitten von den andern Völkern, in der Mitte von Europa da als scheidender Wall nicht verwandter Stämme, zahlreich und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremden Anfall zu schützen, sich selbst überlassen, durch ihre ganze Denkart wenig geneigt, Kunde von den benachbarten Völkerschaften zu nehmen, in derselben Angelegenheiten sich zu mischen und durch Beunruhigungen sie zur Feindseligkeit aufzureizen. Im Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr günstiges Geschick vor dem unmittelbaren Anteile am Raube der andern Welten; dieser Begebenheit, durch welche vor allen andern die Weise der Fortentwicklung der neuern Weltgeschichte, die Schicksale der Völker und der größte Teil ihrer Begriffe und Meinungen begründet worden sind. Seit dieser Begebenheit erst zerteilte sich das christliche Europa, das vorher auch ohne sein eignes deutliches Bewußtsein eins gewesen war, und als solches in gemeinschaftlichen Unternehmungen sich gezeigt hatte, in mehrere abgesonderte Teile; seit jener Begebenheit erst war eine gemeinschaftliche Beute aufgestellt, nach der jeder auf die gleiche Weise begehrte, weil alle sie auf die gleiche Weise brauchen konnten, und die jeder mit Eifersucht in den Händen des andern erblickte; erst nun war ein Grund vorhanden zu geheimer Feindschaft und Kriegslust aller gegen alle. Auch wurde es nun erst zum Gewinne für Völker, Völker auch andrer Abkunft und Sprachen durch Eroberung, oder, wenn dies nicht möglich wäre, durch Bündnisse sich einzuverleiben und ihre Kräfte sich zuzueignen. Ein der Natur treugebliebnes Volk kann, wenn seine Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben durch Eroberung des benachbarten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu gewinnen, und es wird sodann die frühern Bewohner vertreiben; es kann einen rauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen mildern und gesegnetern vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle abermals die frühern Besitzer austreiben; es kann, wenn es auch ausartet, bloße Raubzüge unternehmen, auf denen es, ohne des Bodens oder der Bewohner zu begehren, bloß alles Brauchbaren sich bemächtigt und die ausgeleerten Länder wieder verläßt; es kann endlich die frühern Bewohner des eroberten Bodens als eine gleichfalls brauchbare Sache, wie Sklaven der einzelnen unter sich verteilen: aber daß es die fremde Völkerschaft, so wie dieselbe besteht, als Bestandteile des Staates sich anfüge, dabei hat es nicht den geringsten Gewinn, und es wird niemals in Versuchung kommen, dies zu tun. Ist aber der Fall der, daß einem gleich starken, oder wohl noch stärkern Nebenbuhler eine reizende gemeinschaftliche Beute abgekämpft werden soll, so steht die Rechnung anders. Wie auch übrigens sonst das überwundene Volk zu uns passen möge, so sind wenigstens seine Fäuste zur Bekämpfung des von uns zu beraubenden Gegners brauchbar, und jedermann ist uns, als eine Vermehrung der öffentlichen Streitkraft, willkommen. So nun irgendeinem Weisen, der Friede und Ruhe gewünscht hätte, über diese Lage der Dinge die Augen klar aufgegangen wären, wovon hätte derselbe Ruhe erwarten können? Offenbar nicht von der natürlichen Beschränkung der menschlichen Habsucht dadurch, daß das Ueberflüssige keinem nütze; denn eine Beute, wodurch alle versucht werden, war vorhanden, und ebensowenig hätte er sie erwarten können von dem sich selbst eine Grenze setzenden Willen; denn unter solchen, von denen jedweder alles an sich reißt, was er vermag, muß der sich selbst Beschränkende notwendig zugrunde gehen. Keiner will mit dem andern teilen, was er dermalen zu eigen besitzt; jeder will dem andern das Seinige rauben, wenn er irgend kann. Ruht einer, so geschieht dies nur darum, weil er sich nicht für stark genug hält, Streit anzufangen; er wird ihn sicher anfangen, sobald er die erforderliche Stärke in sich verspürt. Somit ist das einzige Mittel die Ruhe zu erhalten dieses, daß niemals einer zu der Macht gelange, dieselbe stören zu können, und daß jedweder wisse, es sei auf der andern Seite gerade so viel Kraft zum Widerstande, als auf seiner Seite sei zum Angriffe; daß also ein Gleichgewicht und Gegengewicht der gesamten Macht entstehe, wodurch allein, nachdem alle andre Mittel verschwunden sind, jeder in seinem gegenwärtigen Besitzstande und alle in Ruhe erhalten werden. Diese beiden Stücke demnach: einen Raub, auf den kein einziger einiges Recht habe, alle aber nach ihm die gleiche Begierde, sodann die allgemeine, immerfort tätig sich regende wirkliche Raubsucht, setzt jenes bekannte System eines Gleichgewichts der Macht in Europa voraus; und unter diesen Voraussetzungen würde dieses Gleichgewicht freilich das einzige Mittel sein, die Ruhe zu erhalten, wenn nur erst das zweite Mittel gefunden wäre, jenes Gleichgewicht hervorzubringen und es aus einem leeren Gedanken in ein wirkliches Ding zu verwandeln.

Aber waren denn auch jene Voraussetzungen allgemein und ohne alle Ausnahme zu machen? War nicht im Mittelpunkte von Europa die übermächtige deutsche Nation rein geblieben von dieser Beute und von der Ansteckung mit der Lust danach, und fast ohne Vermögen, Anspruch auf dieselbe zu machen? Wäre nur diese zu einem gemeinschaftlichen Willen und einer gemeinschaftlichen Kraft vereinigt geblieben; hätten doch dann die übrigen Europäer sich morden mögen in allen Meeren und auf allen Inseln und Küsten: in der Mitte von Europa hätte der feste Wall der Deutschen sie verhindert aneinander zu kommen — hier wäre Friede geblieben, und die Deutschen hätten sich, und mit sich zugleich einen Teil der übrigen europäischen Völker in Ruhe und Wohlstand erhalten.

Es war dem nur den nächsten Augenblick berechnenden Eigennutze des Auslandes nicht gemäß, daß es also bliebe. Sie fanden die deutsche Tapferkeit brauchbar, um durch sie ihre Kriege zu führen, und die Hände derselben, um mit ihnen ihren Nebenbuhlern die Beute zu entreißen; es mußte ein Mittel gefunden werden, um diesen Zweck zu erreichen, und die ausländische Schlauheit siegte leicht über die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit. Das Ausland war es, welches zuerst der über Religionsstreitigkeiten entstandenen Entzweiung der Gemüter in Deutschland sich bediente, um diesen Inbegriff des gesamten christlichen Europa im kleinen aus der innig verwachsenen Einheit ebenso in abgesonderte und für sich bestehende Teile künstlich zu zertrennen, wie erst jenes über einen gemeinsamen Raub sich natürlich zertrennt hatte; das Ausland wußte diese also entstandenen besondern Staaten im Schoße der einen Nation, die keinen Feind hatte, denn das Ausland selbst, und keine Angelegenheit, denn die gemeinsame, gegen die Verführungen und die Hinterlist dieses mit vereinigter Kraft sich zu setzen — es wußte diese einander gegenseitig vorzustellen, als natürliche Feinde, gegen die jeder immerfort auf der Hut sein müsse, sich selbst dagegen darzustellen als die natürlichen Verbündeten gegen diese von den eignen Landsleuten drohende Gefahr; als die Verbündeten, mit denen allein sie selbst ständen oder fielen, und die sie daher gleichfalls in ihren Unternehmungen mit aller ihrer Macht unterstützen müßten. Nur durch dieses künstliche Bildungsmittel wurden alle Zwiste, die über irgendeinen Gegenstand in der Alten oder Neuen Welt sich entspinnen mochten, zu eignen Zwisten der deutschen Stämme untereinander; jeder aus irgendeinem Grunde entstandene Krieg mußte auf deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten werden, jede Verrückung des Gleichgewichts in derjenigen Nation, der der ganze Urquell dieser Verhältnisse fremd war, ausgeglichen werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes Dasein schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, mußten, damit sie doch etwas wären, zu Zulagen gemacht werden zu den Hauptgewichten in der Wage des europäischen Gleichgewichts, deren Zuge sie blind und willenlos folgten. So wie man in manchem ausländischen Staate die Bürger bezeichnet dadurch, daß sie von dieser oder einer andern fremden Partei seien und für dieses oder jenes auswärtige Bündnis stimmten, solche aber, die von der vaterländischen Partei seien, nicht namhaft zu machen weiß: so waren die Deutschen schon längst nur für irgendeine fremde Partei, und man traf selten auf einen, der die Partei der Deutschen gehalten und gemeint hätte, daß dieses Land sich mit sich selbst verbünden sollte.

Dies also ist der wahre Ursprung und die Bedeutung, dies der Erfolg für Deutschland und für die Welt von dem berüchtigten Lehrgebäude eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts der Macht unter den europäischen Staaten. Wäre das christliche Europa eins geblieben, wie es sollte und wie es ursprünglich war, so hätte man nie Veranlassung gehabt, einen solchen Gedanken zu erzeugen; das eine ruht auf sich selbst und trägt sich selbst, und zerteilt sich nicht in streitende Kräfte, die miteinander in ein Gleichgewicht gebracht werden müßten; nur für das unrechtlich gewordene und zerteilte Europa erhielt jener Gedanke eine notdürftige Bedeutung. Zu diesem unrechtlich gewordenen und zerteilten Europa gehörte Deutschland nicht. Wäre nur wenigstens dieses eins geblieben, so hätte es auf sich selbst geruht im Mittelpunkte der gebildeten Erde, so wie die Sonne im Mittelpunkte der Welt; es hätte sich in Ruhe erhalten und durch sich seine nächste Umgebung, und hätte ohne alle künstliche Vorkehrung durch sein bloßes natürliches Dasein allem das Gleichgewicht gegeben. Nur der Trug des Auslandes mischte dasselbe in seine Unrechtlichkeit und seine Zwiste, und brachte ihm jenen hinterlistigen Begriff bei, als eins der wirksamsten Mittel, dasselbe über seinen wahren Vorteil zu täuschen und es in der Täuschung zu erhalten. Dieser Zweck ist nun hinlänglich erreicht, und der beabsichtigte Erfolg liegt vollendet da vor unsern Augen. Können wir nun auch diesen nicht aufheben: warum sollen wir nicht wenigstens die Quelle desselben in unserm eignen Verstande, der fast noch das einzige ist, das unsrer Botmäßigkeit überlassen geblieben, austilgen? Warum soll das alte Traumbild noch immer uns vor die Augen gestellt werden, nachdem das Uebel uns aus dem Schlafe geweckt hat? Warum sollen wir nicht wenigstens jetzt die Wahrheit sehen und das einzige Mittel, das uns hätte erretten können, erblicken — ob vielleicht unsre Nachkommen tun möchten, was wir einsehen; so wie wir jetzt leiden, weil unsre Väter träumten. Lasset uns begreifen, daß der Gedanke eines künstlich zu erhaltenden Gleichgewichts zwar für das Ausland ein tröstender Traum sein konnte bei der Schuld und dem Uebel, welche dasselbe drückten; daß er aber, als ein durchaus ausländisches Erzeugnis, niemals in dem Gemüte eines Deutschen hätte Wurzel fassen, und die Deutschen niemals in die Lage hätten kommen sollen, daß er bei ihnen Wurzel fassen gekonnt hätte; daß wir wenigstens jetzt in seiner Nichtigkeit ihn durchdringen, und daß wir einsehen müssen, daß nicht bei ihm, sondern allein bei der Einigkeit der Deutschen unter sich selber das allgemeine Heil zu finden sei.

Ebenso fremd ist dem Deutschen die in unsern Tagen so häufig gepredigte Freiheit der Meere; ob nun wirklich diese Freiheit oder ob bloß das Vermögen, daß man selbst alle andern von derselben ausschließen könne, beabsichtigt werde. Jahrhunderte hindurch, während des Wetteifers aller andern Nationen, hat der Deutsche wenig Begierde gezeigt, an derselben in einem ausgedehnten Maße teilzunehmen, und er wird es nie. Auch bedarf er derselben nicht. Sein reichlich ausgestattetes Land und sein Fleiß gewährt ihm alles, dessen der gebildete Mensch zum Leben bedarf; an Kunstfertigkeit, dasselbe für den Zweck zu verarbeiten, gebricht es ihm auch nicht; und um den einigen wahrhaften Gewinn, den der Welthandel mit sich führt, die Erweiterung der wissenschaftlichen Kenntnis der Erde und ihrer Bewohner an sich zu bringen, wird es sein eigner wissenschaftlicher Geist ihm nicht an einem Tauschmittel fehlen lassen. — O, möchte doch nur den Deutschen sein günstiges Geschick ebenso vor dem mittelbaren Anteile an der Beute der andern Welt bewahrt haben, wie es ihn vor dem unmittelbaren bewahrte! Möchte Leichtgläubigkeit und die Sucht, auch fein und vornehm zu leben, wie die andern Völker, uns nicht die entbehrlichen Waren, die in fremden Welten erzeugt werden, zum Bedürfnisse gemacht haben; möchten wir in Absicht der weniger entbehrlichen lieber unserm freien Mitbürger erträgliche Bedingungen haben machen, als von dem Schweiße und Blute eines armen Sklaven jenseit der Meere Gewinn ziehen wollen: so hätten wir wenigstens nicht selbst den Vorwand geliefert zu unserm dermaligen Schicksale und würden nicht bekriegt als Abkäufer und zugrunde gerichtet als ein Marktplatz. Fast vor einem Jahrzehnt, ehe irgend jemand voraussehen konnte, was seitdem sich ereignet, ist den Deutschen geraten worden, vom Welthandel sich unabhängig zu machen und als Handelsstaat sich zu schließen. Dieser Vorschlag verstieß gegen unsre Gewöhnungen, besonders aber gegen unsre abgöttische Verehrung der ausgeprägten Metalle, und wurde leidenschaftlich angefeindet und beiseite geschoben. Seitdem lernen wir, durch fremde Gewalt genötigt und mit Unehre, das und noch weit mehr entbehren, was wir damals mit Freiheit und zu unsrer höchsten Ehre nicht entbehren zu können versicherten. Möchten wir diese Gelegenheit, da der Genuß wenigstens uns nicht besticht, ergreifen, um auf immer unsre Begriffe zu berichtigen! Möchten wir endlich einsehen, daß alle jene schwindelnden Lehrgebäude über Welthandel und Fabrikation für die Welt zwar für den Ausländer passen und gerade unter die Waffen desselben gehören, womit er von jeher uns bekriegt hat, daß sie aber bei den Deutschen keine Anwendung haben, und daß, nächst der Einigkeit dieser unter sich selber, ihre innere Selbständigkeit und Handelsunabhängigkeit das zweite Mittel ist ihres Heils, und durch sie des Heils von Europa.

Wage man es endlich auch noch das Traumbild einer Universalmonarchie, das an die Stelle des seit einiger Zeit immer unglaublicher werdenden Gleichgewichts der öffentlichen Verehrung dargeboten zu werden anfängt, in seiner Hassenswürdigkeit und Vernunftlosigkeit zu erblicken! Die geistige Natur vermochte das Wesen der Menschheit nur in höchst mannigfaltigen Abstufungen an einzelnen, und an der Einzelheit im großen und ganzen, an Völkern, darzustellen. Nur wie jedes dieser letzten, sich selbst überlassen, seiner Eigenheit gemäß, und in jedem derselben jeder einzelne jener Gemeinsamen, so wie seiner besondern Eigenheit gemäß, sich entwickelt und gestaltet, tritt die Erscheinung der Gottheit in ihrem eigentlichen Spiegel heraus, so wie sie soll; und nur der, der entweder ohne alle Ahnung für Gesetzmäßigkeit und göttliche Ordnung oder ein verstockter Feind derselben wäre, könnte einen Eingriff in jenes höchste Gesetz der Geisterwelt wagen wollen. Nur in den unsichtbaren und den eignen Augen verborgenen Eigentümlichkeiten der Nation, als demjenigen, wodurch sie mit der Quelle ursprünglichen Lebens zusammenhängen, liegt die Bürgschaft ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Würde, Tugend, Verdienstes; werden diese durch Vermischung und Verreibung abgestumpft, so entsteht Abtrennung von der geistigen Natur aus dieser Flachheit, aus dieser die Verschmelzung aller zu dem gleichmäßigen und aneinander hängenden Verderben. Sollen wir es den Schriftstellern, die über alle unsre Uebel uns mit der Aussicht trösten, daß wir dafür auch Untertanen der beginnenden neuen Universalmonarchie sein werden, glauben, daß irgend jemand eine solche Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit beschlossen habe, um den zerfließenden Teig in irgendeine Form zu drücken; und daß eine so ungeheure Roheit oder Feindseligkeit gegen das menschliche Geschlecht in unserm Zeitalter möglich sei? Oder wenn wir uns auch entschließen wollten, dieses durchaus Unglaubliche fürs erste zu glauben: durch welches Werkzeug soll denn ferner ein solcher Plan ausgeführt werden; welche Art von Volk soll es denn sein, die bei dem gegenwärtigen Bildungszustande von Europa für irgendeinen neuen Universalmonarchen die Welt erobere? Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben die Völker Europas aufgehört, Wilde zu sein und einer zerstörenden Tätigkeit um ihrer selbst willen sich zu freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen endlichen Frieden; hinter der Anstrengung die Ruhe, hinter der Verwirrung die Ordnung; und alle wollen ihre Laufbahn mit dem Frieden eines häuslichen und stillen Lebens gekrönt sehen. Auf eine Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter Nationalvorteil sie zum Kriege begeistern; wenn die Aufforderung immer auf dieselbe Weise zurückkehrt, verschwindet das Traumbild und die Fieberkraft, die dasselbe gegeben hat; die Sehnsucht nach ruhiger Ordnung kehrt zurück, und die Frage: für welchen Zweck tue und trage ich denn nun dies alles? erhebt sich. Diese Gefühle alle müßte zuvörderst ein Welteroberer unsrer Zeit austilgen, und in dieses Zeitalter, das durch seine Natur ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener Kunst eins hineinbilden. Aber noch mehr. Dem von Jugend auf an einen gebildeten Anbau der Länder, an Wohlstand und Ordnung gewöhnten Auge tut, wenn man den Menschen nur ein wenig zur Ruhe kommen läßt, der Anblick derselben allenthalben, wo er ihn antrifft, wohl, indem er ihm den Hintergrund seiner eignen, doch niemals ganz auszurottenden Sehnsucht darstellt, und es schmerzt ihn selbst, denselben zerstören zu müssen. Auch gegen dieses dem gesellschaftlichen Menschen tief eingeprägte Wohlwollen und gegen die Wehmut über die Uebel, die der Krieger über die eroberten Länder bringt, muß ein Gegengewicht gefunden werden. Es gibt kein andres, denn die Raubsucht. Wird es zum herrschenden Antrieb des Kriegers, sich einen Schatz zu machen, und wird er gewöhnt, bei Verheerung blühender Länder an nichts andres mehr zu denken, denn daran, was er für seine Person bei dem allgemeinen Elende gewinnen könne, so ist zu erwarten, daß die Gefühle des Mitleids und des Erbarmens in ihm verstummen. Außer jener barbarischen Roheit müßte demnach ein Welteroberer unsrer Zeit die Seinigen auch noch zur kühlen und besonnenen Raubsucht bilden; er müßte Erpressungen nicht bestrafen, sondern vielmehr aufmuntern. Auch müßte die Schande, die natürlich auf der Sache ruht, erst wegfallen, und Rauben müßte für ein ehrenvolles Zeichen eines feinen Verstandes gelten, zu den Großtaten gezählt werden und den Weg zu allen Ehren und Würden bahnen. Wo ist eine Nation im neuern Europa also ehrlos, daß man sie auf diese Weise abrichten könnte? Oder setzet, daß ihm selbst diese Umbildung gelänge, so wird nun gerade durch sein Mittel die Erreichung seines Zwecks vereitelt werden. Ein solches Volk erblickt von nun an in eroberten Menschen, Ländern und Kunsterzeugungen nichts mehr, denn ein Mittel, in höchster Eile Geld zu machen, um weiter zu gehen und abermals Geld zu machen; es erpreßt schnell und wirft das Ausgesogene weg auf jedes mögliche Schicksal; es haut ab den Baum, zu dessen Früchten es gelangen will: wer mit solchen Werkzeugen handelt, dem werden alle Künste der Verführung, der Ueberredung und des Truges vereitelt; nur aus der Entfernung können sie täuschen, wie man sie in der Nähe erblickt, fällt die tierische Roheit und die schamlose und freche Raubsucht selbst dem Blödsinnigsten in die Augen, und der Abscheu des ganzen menschlichen Geschlechts erklärt sich laut. Mit solchen kann man die Erde zwar ausplündern und wüste machen und sie zu einem dumpfen Chaos zerreiben, nimmermehr aber sie zu einer Universalmonarchie ordnen.

Die genannten Gedanken und alle Gedanken dieser Art sind Erzeugnisse eines bloß mit sich selber spielenden und in seinem Gespinste zuweilen auch hängenbleibenden Denkens, unwert deutscher Gründlichkeit und Ernstes. Höchstens sind einige dieser Bilder, wie zum Beispiel das eines politischen Gleichgewichts, taugliche Hilfslinien, um in einem ausgedehnten und verworrenen Mannigfaltigen der Erscheinung sich zurecht zu finden und es zu ordnen; aber an das natürliche Vorhandensein dieser Dinge zu glauben oder ihre Verwirklichung anzustreben ist ebenso, als ob jemand die Pole, die Mittagslinie, die Wendekreise, durch die seine Betrachtung auf der Erde sich zurecht findet, an der wirklichen Erdkugel ausgedrückt und bezeichnet aufsuchte. Möchte es Sitte werden in unsrer Nation, nicht bloß zum Scherze und gleichsam versuchend, was dabei herauskommen werde, zu denken, sondern also, als ob wahr sein solle und wirklich gelten im Leben, was wir denken: so wird es überflüssig werden, vor solchen Truggestalten einer ursprünglich ausländischen und die Deutschen bloß berückenden Staatsklugheit zu warnen.

Diese Gründlichkeit, Ernst und Gewicht unsrer Denkweise wird, wenn wir sie einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserm Leben. Besiegt sind wir; ob wir nun zugleich auch verachtet und mit Recht verachtet sein wollen, ob wir zu allem andern Verluste auch noch die Ehre verlieren wollen: das wird noch immer von uns abhängen. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der Sitten, des Charakters.

Geben wir unsern Gästen ein Bild treuer Anhänglichkeit an Vaterland und Freunde, unbestechlicher Rechtschaffenheit und Pflichtliebe, aller bürgerlichen und häuslichen Tugenden, als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Heimat, zu der sie doch wohl endlich einmal zurückkehren werden. Hüten wir uns, sie zur Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber würden wir es sicherer, als wenn wir sie entweder übermäßig fürchteten, oder unsre Weise dazusein aufzugeben, und in der ihrigen ihnen ähnlich zu werden strebten. Fern zwar sei von uns die Ungebühr, daß der einzelne die einzelnen herausfordere und reize; übrigens aber wird es die sicherste Maßregel sein, allenthalben unsern Weg also fortzugehen, als ob wir mit uns selber allein wären, und durchaus kein Verhältnis anzuknüpfen, das uns die Notwendigkeit nicht schlechthin auflegt; und das sicherste Mittel hierzu wird sein, daß jeder sich mit dem begnüge, was die alten vaterländischen Verhältnisse ihm zu leisten vermögen, die gemeinschaftliche Last nach seinen Kräften mit trage, jede Begünstigung aber durch das Ausland für eine entehrende Schmach halte. Leider ist es beinahe allgemeine europäische und so auch deutsche Sitte geworden, daß man im Falle der Wahl lieber sich wegwerfen, denn als das erscheinen wolle, was man imponierend nennt, und es dürfte vielleicht das ganze Lehrgebäude der angenommenen guten Lebensart auf die Einheit jenes Grundsatzes sich zurückführen lassen. Möchten wir Deutsche bei der gegenwärtigen Veranlassung lieber gegen diese Lebensart, denn gegen etwas Höheres verstoßen! Möchten wir, obwohl dies ein solcher Verstoß sein dürfte, bleiben, so wie wir sind, ja, wenn wir es vermöchten, noch stärker und entschiedener werden, also wie wir sein sollen! Möchten wir der Ausstellungen, die man uns zu machen pflegt, daß es uns gar sehr an Schnelligkeit und leichter Fertigkeit gebreche, und daß wir über allem zu ernst, zu schwer und zu gewichtig werden, uns so wenig schämen, daß wir uns vielmehr bestrebten, sie immer mit größerem Rechte und in weiterer Ausdehnung zu verdienen! Es befestige uns in diesem Entschlusse die leicht zu erlangende Ueberzeugung, daß wir mit aller unsrer Mühe dennoch niemals jenen recht sein werden, wenn wir nicht ganz aufhören wir selber zu sein, was dem überhaupt gar nicht mehr Dasein gleich gilt. Es gibt nämlich Völker, welche, indem sie selbst ihre Eigentümlichkeit beibehalten und dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Völkern die ihrigen zugestehen, und sie ihnen gönnen und verstatten; zu diesen gehören ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug in ihrem ganzen vergangenen und gegenwärtigen Weltleben so tief begründet, daß sie sehr oft, um gerecht zu sein, sowohl gegen das gleichzeitige Ausland als gegen das Altertum, ungerecht gewesen sind gegen sich selbst. Wiederum gibt es andre Völker, denen ihr eng in sich selbst verwachsenes Selbst niemals die Freiheit gestattet, sich zu kalter und ruhiger Betrachtung des Fremden abzusondern, und die daher zu glauben genötigt sind, es gebe nur eine einzige mögliche Weise als gebildeter Mensch zu bestehen, und dies sei jedesmal die, welche in diesem Zeitpunkte gerade ihnen irgendein Zufall angeworfen; alle übrigen Menschen in der Welt hätten keine andre Bestimmung, denn also zu werden, wie sie sind, und sie hätten ihnen den größten Dank abzustatten, wenn sie die Mühe über sich nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen Völkern der ersten Art findet eine der Ausbildung zum Menschen überhaupt höchst wohltätige Wechselwirkung der gegenseitigen Bildung und Erziehung statt, und eine Durchdringung, bei welcher dennoch jeder, mit dem guten Willen des andern, sich selbst gleich bleibt. Völker von der zweiten Art vermögen nichts zu bilden, denn sie vermögen nichts in seinem vorhandenen Sein anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende vernichten und außer sich allenthalben eine leere Stätte hervorbringen, in der sie nur immer die eigne Gestalt wiederholen können; selbst ihr anfängliches scheinbares Hineingehen in fremde Sitte ist nur die gutmütige Herablassung des Erziehers zum jetzt noch schwachen, aber gute Hoffnung gebenden Lehrlinge; selbst die Gestalten der vollendeten Vorwelt gefallen ihnen nicht, bis sie dieselben in ihr Gewand gehüllt haben, und sie würden, wenn sie könnten, dieselben aus den Gräbern aufwecken, um sie nach ihrer Weise zu erziehen. Ferne zwar bleibe von mir die Vermessenheit, irgendeine vorhandene Nation im ganzen und ohne Ausnahme jener Beschränktheit zu beschuldigen. Laßt uns vielmehr annehmen, daß auch hier diejenigen, die sich nicht äußern, die bessern sind. Soll man aber die, die unter uns erschienen sind und sich geäußert haben, nach diesen ihren Aeußerungen beurteilen, so scheint zu folgen, daß sie in die geschilderte Klasse zu setzen sind. Eine solche Aeußerung scheint eines Beleges zu bedürfen, und ich führe, von den übrigen Ausflüssen dieses Geistes, die vor den Augen von Europa liegen, schweigend, nur den einigen Umstand an, den folgenden: — Wir haben miteinander Krieg geführt; wir unsersteils sind die Ueberwundenen, jene die Sieger; dies ist wahr und wird zugestanden. Damit nun könnten jene ohne Zweifel sich begnügen. Ob nun etwa jemand unter uns fortführe, dafür zu halten, wir hätten dennoch die gerechte Sache für uns gehabt und den Sieg verdient, und es sei zu beklagen, daß er nicht uns zuteil geworden: wäre denn dies so übel, und könnten es uns denn jene, die ja von ihrer Seite gleichfalls denken mögen, was sie wollen, so sehr verargen? Aber nein, jenes zu denken, sollen wir uns nicht unterstehen. Wir sollen zugleich erkennen, welch ein Unrecht es sei, jemals anders zu wollen, denn sie, und ihnen zu widerstehen; wir sollen unsre Niederlagen als das heilsamste Ereignis für uns selbst, und sie als unsre größten Wohltäter segnen. Anders kann es ja nicht sein, und man hat diese Hoffnung zu unserm guten Verstande! — Doch was spreche ich länger aus, was beinahe vor zweitausend Jahren mit vieler Genauigkeit zum Beispiel in den Geschichtsbüchern des Tacitus ausgesprochen worden ist? Jene Ansicht der Römer von dem Verhältnisse der bekriegten Barbaren gegen sie, welche Ansicht bei diesen denn doch auf einen einige Entschuldigung verdienenden Schein sich gründete, daß es verbrecherische Rebellion und Auflehnung gegen göttliche und menschliche Gesetze sei, ihnen Widerstand zu leisten, und daß ihre Waffen den Völkern nichts andres zu bringen vermöchten, denn Segen, und ihre Ketten nichts andres, denn Ehre — diese Ansicht ist es, die man in diesen Tagen von uns gewonnen, und mit sehr vieler Gutmütigkeit uns selbst angemutet und bei uns vorausgesetzt hat. Ich gebe dergleichen Aeußerungen nicht für übermütigen Hohn aus; ich kann begreifen, wie man bei großem Eigendünkel und Beschränktheit im Ernste also glauben und dem Gegenteile ehrlich denselben Glauben zutrauen könne, wie ich denn zum Beispiel dafürhalte, daß die Römer wirklich so glaubten; aber ich gebe nur zu bedenken, ob diejenigen unter uns, denen es unmöglich fällt, jemals zu jenem Glauben sich zu bekehren, auf irgendeine Ausgleichung rechnen können.