Title: Meine Reise nach Siam 1888-1889.
Author: James Camille Samson
Annotator: Carl von Gsiller
Illustrator: Ludwig Hans Fischer
Release date: February 27, 2015 [eBook #48374]
Most recently updated: October 24, 2024
Language: German
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AUFZEICHNUNGEN
DES K. UND K. LEGATIONSRATHES
DR. J. CAMILLE SAMSON
(† 9. SEPTEMBER 1896).
ILLUSTRIRT VON LUDWIG HANS FISCHER.
ALS MANUSCRIPT GEDRUCKT.
Adolf Holzhausen in Wien.
James Camille Samson
Die folgenden Blätter enthalten Aufzeichnungen unseres früh verschiedenen Freundes über eine im Jahre 1888 unternommene Reise nach Siam. Er war damals dem für die drei ostasiatischen Höfe ernannten Gesandten Freiherrn Rüdiger von Biegeleben, und zwar speciell für Siam zugetheilt; so, dass seine officielle Mission in Bangkok ihr Ende erreichte.
Diese unter dem Eindrucke des Augenblickes hingeworfenen Skizzen waren nur für seine geliebte Mutter bestimmt, die sich nun entschlossen hat, sie einem Kreise von Freunden als Erinnerungsgabe zu widmen.
Ich würde mich glücklich schätzen, wenn meine Bitten zu diesem Entschlusse meiner verehrten Freundin beigetragen hätten.
Eine reiche Fülle lebensvoller Bilder und Scenen rollt sich vor uns auf, alle mit wenigen Strichen rasch und sicher festgehalten. Ein ebenso empfängliches als im Sehen geübtes Auge hat sie aufgenommen; überall ist das Wesentliche und Charakteristische herausgegriffen.
Die Intensität und Unmittelbarkeit der Auffassung spiegelt sich in dem knappen, frischen, glücklichen Ausdrucke wieder; überall herrscht die gleiche Fülle; nirgends ein Uebermass, nirgends eine Abnahme, überall ein richtiges Verhältnis zwischen der launigen Erzählung persönlicher Erlebnisse und der objectiven Darstellung.
Als Höhepunkt des Ganzen erscheint der höchst interessante Bericht über den Empfang am siamesischen Hofe, sowie die prächtige, an treffenden Zügen so reiche Schilderung von Bangkok, dem Venedig des fernen Ostens.
Die täglichen kleinen Leiden und Freuden der auf dem »Poseidon« zusammengedrängten Reisegesellschaft bilden einen wirkungsvollen Gegensatz zu der stillen Majestät grossartiger Naturgebilde, an denen diese kleine unruhige Menschenwelt vorüberzieht.
Die liebe Gestalt unseres Freundes bildet für uns den Mittelpunkt dieser kleinen Welt, die er mit dem gleichen Humor zu zeichnen weiss, mit dem er alle Beschwerden der Reise erträgt.
Keine Anstrengung ist ihm zu gross, wenn Gelegenheit geboten ist, den Kreis seiner Anschauungen zu erweitern.
Seine gute Laune macht nur dann der Entrüstung Platz, wenn er Menschen begegnet, die mitten unter den Wundern einer fremden Welt in stumpfer Gleichgiltigkeit und unbegreiflicher Unwissenheit verharren und nur für ihre nächsten Interessen Sinn haben.
Vor Allem aber ist er darauf bedacht, allen amtlichen und socialen Pflichten seiner Stellung im vollsten Umfange gerecht zu werden; auch die grösste Ermüdung, vereint mit der heissesten Temperatur der Tropen, vermag in ihm, der das bereits vorgeschrittene schwere Leiden in sich trug, nicht einmal den Gedanken eines Nachgebens hervorzurufen.
So hat unser Freund unabsichtlich sich selbst dargestellt, wie wir ihn kannten, liebten und schätzten, und wie er in unserem Andenken fortlebt.
Mögen die Blätter, denen diese schlichten Worte zur Einleitung dienen, auch nach uns empfänglichen Lesern in die Hände kommen, die sich daran erfreuen und vielleicht manche fruchtbringende Anregung daraus schöpfen. Diesen späteren Lesern wird die nachstehende biographische Skizze gewiss willkommen sein.
Noch möchte ich hinzufügen, dass an dem Manuscripte nur die bei jeder Drucklegung unvermeidlichen kleinen Correcturen vorgenommen wurden.
Hie und da vorkommende heimische Redewendungen wurden belassen, um das Gepräge frischer Ursprünglichkeit nirgends zu verwischen.
Venedig, im März 1901.
Carl Ritter von Gsiller.
James Camille Samson wurde am 18. October 1856 zu New-York geboren, das seine Eltern jedoch zwei Jahre nach seiner Geburt verliessen, um in Wien ihren Wohnsitz aufzuschlagen.
Im Alter von 18 Jahren verlor er seinen Vater.
Nach Absolvirung der rechts- und staatswissenschaftlichen Studien widmete er sich zunächst dem diplomatischen Dienste der Vereinigten Staaten, deren Bürger er noch war, und wurde der amerikanischen Gesandtschaft in Wien zugetheilt.
Sein damaliger Chef Mr. Kasson ist zeitlebens sein Freund geblieben.
Im Jahre 1879 trat er eine mehrmonatliche Reise an, die ihn nach den Vereinigten Staaten, nach Canada und bis zum Stillen Ocean führte.
Mit erweitertem Horizonte zurückgekehrt, beschloss er, unserem Lande ganz anzugehören und ihm seine Kräfte zu weihen.
Er erlangte die österreichische Staatsbürgerschaft und trat, durch seine frühere Verwendung, seine Sprachkenntnisse und Reisen auf das Entschiedenste vorgebildet, in den Dienst des k. und k. Ministeriums des Aeussern, der seinen Neigungen und seiner ganzen Lebensrichtung entsprach.
Während seiner 16jährigen Dienstzeit war es ihm gegönnt, verschiedene längere Reisen zu unternehmen; so nach Lappland mit dem bekannten Forscher Köchlin, nach Egypten, Griechenland, Spanien, Kleinasien, nach Palmyra, abermals nach Amerika und zuletzt nach Indien und Siam.
Allerwärts sammelte er mit grossem Verständnisse Kunst- und ethnographische Gegenstände, die gegenwärtig, seinen letztwilligen Verfügungen entsprechend, zum grössten Theile im k. k. Hofmuseum zur Aufstellung gelangen.
Im Laufe der Jahre stellte sich ein schweres Lungenleiden ein, das ihn aber nicht hinderte, seinem Drange zu folgen, die Kunst- und Naturschönheiten aller Länder zu sehen und zu geniessen. Die letzte Reise nach Siam, von der die nachfolgenden Blätter erzählen, hat er bereits als schwerkranker Mann angetreten.
Bis zuletzt kam er seinen Berufspflichten mit peinlicher Genauigkeit nach.
Er war seiner Mutter ein treuer, unendlich liebevoller Sohn und bewahrte seinen Freunden ein offenes, theilnehmendes Herz bis zum letzten Athemzuge.
Endlich überwältigte die Krankheit seinen schier unbeugsamen Willen und seine starke Natur, und er erlag seinen Leiden am 9. September 1896 in Neuwaldegg bei Wien.
HILDEBRANDT PINX
L. H. FISHER SC.
AM MENAM.
Das Wasser ist wieder ruhig und still, die Sonne scheint warm, und wir fahren lustig bei Lesina und Lissa vorüber, im Hintergrunde der weisse Kamm des Vellebich. – Viermal bin ich schon hier gewesen, 1876 auf dem Wege nach Corfù, von wo aus ich mit den Professoren Adolf und Franz Exner die Morea und dann allein Anatolien durchritt; 1880 mit dem amerikanischen Gesandten Kasson die dalmatinische Küste entlang nach den Bocche und Cetinje; 1884 mit Felix Karo nach Egypten, wo ich mit dem Gesandten Baron Thömmel zusammentraf und hierauf Palästina und Syrien durchzog; 1885 endlich zum zweiten Male nach Cairo, diesmal im Dienste, um dort den Winter bei der diplomatischen Agentie zuzubringen. Nun fahre ich zum fünften Male die schöne Küste hinunter, freundlich grüsst Lesina, wo ich 1880 landete und das alte Kloster mit seinem schönen Palmbaume bewundern durfte. Mittags ist schon die albanesische Küste in Sicht: auch hier ist noch Alles voll Schnee, wohl der letzte, den wir längere Zeit hindurch sehen dürften.
Der »Poseidon« ist ein famoses Boot, 3874 Tonnen Gehalt, Compoundmaschine (leider keine Triplex wie am »Imperator«), elektrisches Licht in allen Räumen, ein grosser Speisesaal mit zwei, manchmal drei langen Tischen; an einem präsidirt der edle Mersa, am andern der zweite Capitän, ein junger lustiger Triestiner, übrigens der einzige unter den Schiffsofficieren, der deutsch spricht. Oberhalb des Speisesaales ist das Musik- und Lesezimmer, darüber das kleine Rauchcabinet, welches auf das breite Oberdeck mündet; hier sitzen und liegen in ihren bequemen oder unbequemen Stühlen die etlichen 30 Passagiere, die viele Wochen lang unsere einzige Gesellschaft bilden sollen; noch sind alle in Decken und Pelze gehüllt, das dürfte in wenigen Tagen wohl anders werden. Ein stattliches Contingent liefert das hohe k. u. k. Ministerium des Aeussern! Da ist der Gesandte Biegeleben, schlank, 40 Jahre alt, mit kleinem Schnurrbarte, das Monocle stets eingeklemmt, höchst intelligent, einer der tüchtigsten unserer jüngeren Diplomaten, – dann sein ergebenster Secretär: ich! – Rittmeister Rudolf Fuchs, der nach Zanzibar als Consul geht und uns bis Aden begleitet; – Consul Goracucchi aus Port Said, der vom Urlaube auf seinen Posten zurückkehrt, – mit ihm ist seine Frau, eine Tochter des mir aus Cairo wohlbekannten khedivialen Leibarztes Abbate Pascha, – dann ein anglo-indischer Officier, Captain Vivian mit charmanter kleiner Frau, – ein Kamerad desselben, Captain Bunker, – ein Privatdocent aus Jena, Dr. Johannes Walther, der als Geologe mit Schweinfurth gereist ist und jetzt nach Ceylon fährt, – ein junger Kaufmann aus Madras, Mr. Scott, – ein dicker deutscher Kaufmann mit mehreren dünneren Berufsgenossen, – Signor Gino Pertile, der Procurist unseres Consuls Brand in Singapore, der mir viele Auskünfte über dortige Verhältnisse gibt, – der Director der Eastern Telegraph Co. in Kurrachee (Sind) mit seiner Frau zweifelhaften Alters, ein Ehepaar Namens Possmann, welches Fuchs vor Jahren in Bushehr in Persien gekannt hatte, ein Constantinopolitanischer Photograph aus Bombay, Vuccino, ein grosser, starker brünetter Grieche, der mein Tischnachbar zur Rechten ist (mein linker ist Biegeleben) – endlich und schliesslich 7, sage sieben Missionäre, welche nach der Nordküste Australiens zurückkehren, meist Tiroler oder Italiener.
Der Koch ist ein Cordon bleu, der wahre Vatel, der uns mit Delicatessen überschüttet, – wie soll das werden? Heute Nacht sollen wir in Brindisi sein, dort kommen wohl noch Passagiere mit, wenigstens glaubt es der Commandant. – Biegeleben ist in seinem »stateroom« eingesperrt, um noch Briefe und Berichte nach Wien vorzubereiten.
Gestern hatte sich das Meer wieder geglättet, in der Frühe kamen schon die griechischen Berge in Sicht mit ihren wundervollen Farbentönen; ein Einblick in den Golf von Korinth und auf die südlich davon gelegene Clarenza, die einstige Residenz der burgundischen Villehardouin, wo ich mit Exners am Wege nach Olympia übernachtet, wecken alte Erinnerungen an meine erste Orientreise, wir gleiten an Kephalonia und Zante vorüber, dem köstlichen »Fior di Levante«. Ithaka bleibt leider dieses Mal verdeckt; dafür fahren wir nachmittags kaum einen Büchsenschuss entfernt an Navarino und Sphakteria vorbei, wo der kleine Leuchtthurm an Stelle eines türkischen Castells ein neues Wahrzeichen bildet; spät am Abend erscheint im Osten Cap Matapan, und bald leuchten die Feuer von Candia herüber. – Ein kleines Cayenne mit Biegeleben, Goracucchi und Pertile hat brillanten Erfolg und beschliesst würdig diesen schönen Tag! Heute, welcher Contrast! Lange, heftige Wellen rollen südlich von Kreta gegen die syrische Küste zu, und der gute »Poseidon« hat seine gewohnte Ruhe gegen die Bewegungen einer Prima Ballerina vertauscht: er springt, tanzt, stampft, schüttelt seine Schraube aus dem Wasser, stöhnt und kracht! Wie ruhig würde die norddeutsche »Saale«, welche ich vor drei Monaten von New-York nach Bremen benützte, in diesen verhältnismässig stillen Gewässern sein? Die meisten Genossen sind auch krank, alle Damen sind unsichtbar, ebenso Biegeleben, Pertile, Vuccino e tutti quanti. – Beim Speisen erscheinen nebst dem Commandanten und mir blos die beiden Consuln! Und auch ich werde mich freuen, wenn wir die Rollerei los sind! Gestern überreichte Biegeleben dem dicken, gesprächigen Pertile eine reizende silberne Cigarettendose, sowie ein Zündetui vom Erzherzog Carl Ludwig, als Dank für die den Bardi's erwiesenen Freundlichkeiten. – Der Gesandte hatte die Geschenke nach Singapore bringen sollen, da wir ihn aber mit am Bord haben, so gab er sie ihm schon hier. – Heute kein Whist, manque de partenaires! Hoffentlich morgen! O, diese Missionarii!!
I. GOZZO
Port Saïd. – Ein alter Bekannter, in dem ich 1884 mit Thömmel und Leo Karo eine unvergessliche Nacht mit ungezählten Wanzen zugebracht: der »Poseidon« liegt gerade beim New Hotel verankert, ich stürze auf Deck und ans Land, um Gewehrpatronen zu kaufen; hélas, es sind keine aufzutreiben; ganz Port Saïd wird abgelaufen, doch umsonst; so muss ich denn den Gesandten als unbewaffneter Führer begleiten: was nutzt das Gewehr, wenn es nicht gerollt ist! Wie ich wieder am Bord bin, fällt mir Borheck, unser Legationssecretär in Cairo, in die Arme; er war herübergefahren, um den ihm aus Persien befreundeten Fuchs zu begrüssen; von meiner Anwesenheit wusste er natürlich nichts. – Schnell wurden de part et d'autre Fragen über alte Freunde gestellt und beantwortet, er erzählt von Cairo und den dortigen Insassen, – das mir so lieb gewordene Egypten ist wieder da, oder besser »ich bin wieder dort«! Indes wartet schon ein schönes, neu lackirtes Boot mit 8 Matrosen, um uns (Biegeleben und mich) nach dem Menzalehsee zu führen: der Hafenadmiral Privilegio Pascha, ein früherer Lloydcapitän, hat sich eingefunden, um den Gesandten zu begrüssen und ihm seine »Gig« zur Verfügung zu stellen. – Mit kräftigen Ruderschlägen führen uns die in weisse Uniformen gekleideten Schwarzen eine Meile ungefähr den Canal hinein, hier wird festgemacht und durch den Sand über einen schmalen Hügelrücken gewatet, um dann auf einer elenden Fischerbarke eine vis-à-vis liegende kleine Insel zu erreichen. Doch scheint mein Jagdpech den Gesandten angesteckt zu haben: von den vielen Reihern, Wildgänsen und Flamingos fällt keines, – ich strecke mich im Sande und träume von den vielen in Egypten verlebten schönen Tagen; mit den Matrosen suche ich meine paar Brocken Arabisch zu verwerten und so die Rückkehr des Chefs abzuwarten. Endlich kommt er wieder, und wir segeln und rudern zum Dampfer zurück. – Es ist spät, ein Besuch bei Goracucchi's ist nicht mehr möglich, denn um 3 Uhr dampfen wir langsam in den Canal, – Sand, Wasser, Menzalehseen, Ballahseen; Tausende von rosafarbigen Flamingos, Riesenschwärme von Pelikanen, ungezählte Enten! Dabei muss man ruhig zusehen! Bei einbrechender Dunkelheit wird am Bug eine grosse elektrische Lampe angezündet, und so fahren wir auch die Nacht fort. Diese Lampen werden sammt den dazugehörigen Maschinisten den einzelnen Dampfern um wenige Pfunde vermiethet, und kommt dies den Letzteren ebenso zu statten wie den Besitzern der Lampen. Bei El-Kantara halten wir, um einen Zug entgegenkommender Schiffe, P. & O., Niederländer, Deutsche, vorbeizulassen, – die Wüste, die elektrischen Lichtstreifen, das glänzende Band des Canales bieten einen merkwürdigen Anblick. Vor vier Jahren fuhren wir in entgegengesetzter Richtung auf der kleinen egyptischen Postbarkasse bei Vollmond – es war wohl weniger interessant, aber viel stimmungsvoller. Der Lloydagent Terenzio aus Port Saïd fährt mit grosser Familie nach Suez mit. – Der Salon war dadurch überfüllt, und wir mussten auf Deck, was heute nicht gerade angenehm war, da ein eiskalter Wind aus der Wüste daherstrich; trotzdem haben Borheck, Fuchs und ich mehrere Flaschen dem alten Lesseps geopfert.
Suez. – Die letzte bekannte Etappe auf meiner Tour; von morgen an ist Alles neu! Als wir in der Frühe beim Ausgang des Canales anlegen und Borheck mit Aufträgen und Grüssen für Cairo beladen ans Land gehen will, carambolire ich auf der Salontreppe mit einem schlanken, eleganten, in weisse Flanells gekleideten Jüngling. Gegenseitiges Aufschreien, Erstaunen und Händeschütteln: es ist ein alter Jagdgenosse, Prinz Paul Sapieha, der nach Indien will und schon einen ganzen Tag in Suez mit meinem constantinopolitanischen Collegen Grafen Heinrich Coudenhove auf den »Poseidon« wartet. Letzterer reist nach Mysore und eventuell nach Cuch-Behar, um Tiger zu schiessen, und scheint eine gute Vorschule dafür durchgemacht zu haben, da er Jahre in Argentinien und Paraguay zugebracht hat. – Noch ein neues Gesicht taucht unter den Passagieren auf, das mir aber gleichfalls bekannt scheint: endlich erkenne ich es, Professor Franz Seraphin Exner, mit dem ich vor vielen Jahren den Peloponnes bereist und den ich seit 1876 in Athen nicht wieder gesehen, fährt nach Ceylon, um dort im Auftrage der kaiserl. Akademie der Wissenschaften den Erd- und Luftmagnetismus und die Erdelektricität zu studiren, währenddem ein anderer Gelehrter die gleiche Aufgabe unter demselben Meridian in Sibirien durchführt. Dieses zufällige Wiederzusammentreffen nach so langer Zeit an einem so ausgefallenen Orte ist doch merkwürdig! Sapieha und ich miethen noch rasch zwei Esel und gallopiren kühn in die Stadt, um beim ersten Kafinion noch zu guter Letzt einen egyptischen »Schwarzen« einzunehmen. – Wie heimlich kommt mir hier Alles vor, die Fellachen in blauen Kitteln, die bekannten verschmitzten braunen Gesichter, die verschleierten Weiber und mit Fliegen bedeckten Kinder, die tapferen Esel und zudringlichen Eseljungen! Dazu die ausgestorbenen Strassen mit den zerfallenen Moscheen. Eine Schar lärmender »Poseidonier«, die auch nach Suez geritten, überholt uns jetzt, es sind die deutschen Kaufleute, die auf ihren Eseln höchst komisch aussehen; auch wir ziehen zurück und erreichen nach einem erbitterten Kampfe mit den bakschischlüsternen Treibern das Schiff. Um 2 Uhr dampfen wir ab, links die Mosesquellen heiteren Angedenkens, rechts die prächtigen Berge des Gebel Ataka, – bald kommt das Gebirge der Sinaitischen Halbinsel in Sicht, prachtvoll geformte Felsen, dunkelroth, kahl und öde, aber von unbeschreiblicher Grossartigkeit, – eine Spitze weit im Süden ist vielleicht der Gebel Serbal; der Gebel Musa jedenfalls nicht; diesen bekommen wir leider nicht zu Gesicht. Vor Tor ist es schon ganz finster, aber ein Sonnenuntergang »allererster Güte« hat noch die Küste mit den prachtvollsten Tinten belebt; – der ganze Himmel mit rosa, rothen, gelben und orangefarbigen Wolken bedeckt – wunderbar schön. – Dr. Walther erzählt vom Guardiano des Leuchtthurmes von Tor, bei dem er einst einige Zeit gewohnt, als er die dortigen Korallenriffe untersuchte; der Mann soll eine höchst interessante Sammlung von Hüten besitzen, die, von den Reisenden hier über Bord geworfen, bei seinem Thurme angeschwemmt werden; die nach Süden Fahrenden entledigen sich ihrer europäischen Kopfbedeckungen um Solar Topees aufzusetzen, – die Heimeilenden vertrauen wieder die Sonnenhüte dem Meere an, – so hat der Thurmwächter die reichhaltigste Collection aller möglichen und unmöglichen Hüte!
NAHE DEM SINAI
Ueber das Promenadedeck ist ein doppeltes Leinenzelt gespannt, wobei sorgsam auch die kleinsten Sonnenstrahlen durchlassenden Oeffnungen verdeckt werden; eine einfache Tenda würde gegen Sonnenstich keinen genügenden Schutz bieten. – Alle dicken Kleider sind abgelegt, und sämmtliche Passagiere erscheinen in abenteuerlichen Sommeranzügen, – die Hitze fängt schon an, 27° C. – In der Frühe sehen wir weit hinter uns die Insel Shadwan, vor der Einfahrt in den Golf von Akabah, – sonst ist kein Land in der Nähe. Abends Musik! Coudenhove singt den »Trompeter von Säckingen« und Mme. Possmann begleitet.
Unseres Kaisers 40jähriges Regierungsjubiläum: bei Tische erscheinen wir Oesterreicher alle im Fracke mit Orden, auch der Commandant hat sich in Gala geworfen. Biegeleben hält auf deutsch und französisch eine kurze, aber sehr gute, kernige und fesche Rede; auch einer der Anglo-Indier spricht einen Toast, und so kommt mit Hilfe des Sects eine sehr gehobene Stimmung in unsere kleine Kaiserfeier, – dies bei der angenehmen Temperatur von 35° C. in dem Speisesaale. – Nach Tisch erzählt mir der liebe Pertile wieder seinen Streit mit Brand!
GEBEL TÜR
Sapieha weiss nicht, wohin er eigentlich reisen soll; jagen kann er nicht, da er nur mit einem kleincalibrigen Express ausgerüstet ist; er spricht kein Englisch, dürfte demnach allein schwer fortkommen; ich schildere ihm die Wunder des Hofes von Siam und bitte den Gesandten, ihn zur Mitreise als Honorar-Attaché aufzufordern; dies geschieht, und so ist allen geholfen. Sapieha ist glücklich, auf so bequeme Weise nach Ostasien zu kommen, Biegeleben hat für die Mission ein sehr schätzbares Mitglied und ich habe einen angenehmen jungen Collegen erworben! Wir passirten heute den Gebel Tür, einen aus dem Meere aufragenden unbewohnten vulcanischen Felsen; bald darauf eine ganze Reihe solcher dunkelbrauner Inseln, lauter erloschene Krater, einige mit üppiger Vegetation, die sogenannten »zwölf Apostel«. – Dr. Walther hatte einige hübsche Skizzen derselben gemacht, als ein unerwarteter Windstoss sein Zeichenbuch davonträgt!
DIE 12 APOSTEL
Bei Nacht ist die Hitze in den Cabinen unerträglich; ich schleppe meine Matratze auf das obere Deck, wo es erträglicher ist, und entdecke, dass viele andere auch so klug waren!
Hohe See, mit kurzen, unangenehmen Wellen, – der »Poseidon« kommt nicht von der Stelle, wir machen kaum 10 Knoten in der Stunde, vor einigen Monaten machten wir auf der »Gascogne« 18! Trotzdem 36° C., in der Cabine 38°! das ist schon nicht zum Aushalten, Alles schwitzt und stöhnt und jammert.
In der Frühe sehen wir die Minarets von Mocha. Arabien erscheint als ein kahler gelber Streif, im Hintergrunde eine bläuliche Gebirgskette. Um Mittag nähern sich beide Ufer, das arabische ist ganz nahe; öde röthliche Felsen, sehr zerklüftet, nicht ein Haus, kein Baum; das afrikanische, von dem wir etwas weiter entfernt sind, scheint auch nicht fruchtbarer zu sein. Vor uns die Insel Perim mit ihrer kleinen Festung, an der Nordspitze ragen die Maste eines grossen Dampfers aus dem Wasser, daneben liegen noch drei Wracks, – wir sind eben in Bab-el-Mandeb, im Thore der Thränen, wo seit Jahrtausenden die Schiffe zugrunde gehen. Auf Perim ist eine Garnison von 30 Sepoys und einem Lieutenant, der – einer Erzählung der Mrs. Mackenzie zufolge – zuweilen ruhig in England wohnen soll, indessen seine vorher sorgsam vorbereiteten Berichte alle Monate von Perim aus abgeschickt werden. Der Verkehr mit der Insel ist sehr dürftig, in letzterer Zeit halten allerdings einige nach Australien und Ceylon bestimmte Dampfer lieber dort als in dem entfernten Aden, um die nöthigen Kohlen einzunehmen. Im Jahre 1855 kam ein französisches Kanonenboot nach Aden, wo die Officiere auf das gastlichste aufgenommen wurden; bei einem vom Militärcommandanten gegebenen Bankette erzählten die Franzosen von ihrer am kommenden Morgen bevorstehenden Abfahrt, – um das Ziel ihrer Reise befragt, entwischte dem bereits angeheiterten Capitän der Name »Perim«! Als am nächsten Tage die Franzosen vor dieser Insel erschienen, war daselbst bereits die englische Flagge gehisst, und englische Soldaten waren eifrigst beschäftigt, Erdarbeiten aufzuwerfen. So wurde Napoleons Plan vereitelt, und die Engländer beherrschen den Eingang ins Rothe Meer. – Links an der äussersten Südspitze des Festlandes erscheinen die neuen weissgetünchten Kasernen von Scheik Selim, »Saleya«, welche soeben von der türkischen Regierung errichtet worden sind, – ein grauenvoller Posten für die armen Nizams. – Perim bleibt rechts liegen, wir ändern unsere Richtung nach Osten und befinden uns im indischen Ocean. – Es ist verhältnismässig kalt, 31° C. im Schatten, und wir athmen alle erleichtert auf, der Nordost-Monsum ist unser Retter! Um Mitternacht fällt die Ankerkette rasselnd ins Meer: wir sind in Aden.
Um 6 Uhr früh sind schon alle auf den Beinen, die ersten Kohlenleichter kommen auf uns zu, und wir entgehen dem Schmutz und Lärm, indem wir alle ans Land übersetzen. Der »Poseidon« liegt 2 Meilen von Steamer-Point, dem Hafen von Aden, die rothen vulcanischen Felsen des Gebel Shamshan machen sich prächtig; auch hier kein Baum, kein Grashalm, hie und da ein kleines, in den Berg hineingebautes Bungalow; neben uns eine Menge Dampfer, ein indisches Wachtschiff, der riesige Truppentransport »Euphrates«, eine französische Corvette, die deutsche Glattdeckcorvette »Victoria«, daneben viele arabische Segler, in der Luft Tausende von Möven. Wir landen unter grossem Geschrei der Somalis, welche die Hauptbevölkerung auszumachen scheinen, und fahren in einem netten, mit einem Zeltdache versehenen Einspänner nach rechts zur Post, dann wieder zurück und weiter zu den räthselhaften »Water-Tanks«, die, wahrscheinlich 600 a. D. errichtet, von den Engländern theilweise hergestellt worden sind und jeden auf der Halbinsel Aden fallenden Regentropfen auffangen sollen. Wer die ursprünglichen Erbauer dieser riesigen Reservoire waren, ist unbekannt – vielleicht die Sabäer? Vor den Tanks ist ein kleiner Garten, Victoriapark, der mit unsäglicher Mühe und fortwährender Bewässerung grün erhalten wird. Die Stadt Aden ist eine sehr grosse, reinliche arabische Stadt; ganz im Osten liegt Aden Camp, die Residenz der Officiere, wo die Kasernen, Kirche, Spital u. s. w. stehen. Der felsige Weg zum Hafen ist ganz an den Bergwänden und durch dieselben hindurch ausgehauen, lange Tunnels bilden einen sicheren Schutz gegen jeden Ueberfall, Züge von Kameelen aus dem Innern, schlanke, gut gewachsene Araber in weissen Mänteln, nackte Derwische, prächtige Somalis und Suahelis, Juden in langen Kaftanen, auch indische Soldaten beleben die Strasse, die 5 Meilen bis Steamer Point sich hinwindet. – Biegeleben, Sapieha und ich kaufen in einem Parsiladen schöne rothe Leibbinden (Kummerbands) und schlürfen dann im grossen, kühlen Salon des Hôtel de l'Europe deliciösen arabischen Kaffee, während Coudenhove die Somaliweiber näher untersuchen will. – Die Hitze ist hier wieder kolossal, 38° C. im Schatten, wie denn Aden der heisseste Fleck der ganzen Erde sein soll, – seit 2½ Jahren hat es nicht geregnet! Um Mittag wandern wir zurück zum »Gun Wharf«, der indische Polizist verschafft uns ein Boot, und wir werden wieder zum alten »Poseidon« gerudert. Hier ist am Promenadedeck reges Leben: jüdische Händler mit schlechten Straussfedern, indische Geldwechsler mit Rupien, mexicanischen Dollars und Maria Theresia-Thalern; Suahelis mit hübschgefärbten Graskörben, Araber aus Hadramaut mit merkwürdigen Fischen und Krabben drängen sich heran, und kleine Somalijungen mit gelbgefärbten Haaren springen für Silberstücke ins Wasser, die sie geschickt herausbringen, – für eine Rupie springen sie auf einer Seite hinein, tauchen unter das Schiff und kommen auf der anderen Seite wieder herauf, – andere umschwärmen in schmalen Canoes den Dampfer, bereit, jeden Augenblick ein weisses Geldstück aus der Tiefe herauszufischen, und alle füllen die Luft mit fürchterlichem Lärm: »Have a dive, have a dive, ha-hi, ha-hi, have a dive, à la mer, à la mer«, so geht es im Takt fort, am lautesten ein etwa 10 Jahre alter Bub mit einem Beine, das andere hat ein Haifisch gefressen, trotzdem schwimmt er frech wie alle anderen herum. Endlich sind wir fertig, die »Natives« werden mit Strickenden zum Schiff hinausgejagt, und wir gleiten um 2 Uhr hinaus in den Ocean; den ganzen Abend höre ich es aber nachklingen: »have a dive, ha-hi«. – Der kleine einbeinige blondköpfige Schwarze war ein lieber Kerl.
CISTERNEN ADEN
Fuchs hat uns in Aden verlassen recht niedergeschlagen und traurig, nun allein nach dem entsetzlichen Zanzibar zu müssen und vorher eine ganze Woche im Hôtel de l'Europe zu Steamer Point auf den British India Dampfer warten zu sollen, dazu hat er die ganze Zeit der hübschen Rose Mackenzie auf Leben und Tod den Hof gemacht und das Rothe Meer hindurch gebalzt wie ein Auerhahn. Schade um ihn, er ist ein netter Mensch, der den Orient von Grund kennt. Als er bei Maglaj ins Feuer ritt, rief der General Szapáry: »Der Fuchs muss überall dabei sein, bei jeder Jagd, bei jedem Rennen – aber wenn die Kugeln pfeifen, da ist er auch da!« – Mit seinem Momentapparat hat er uns alle photographirt – gruppenweise und einzeln, – hoffentlich ist es gelungen!
Die Hitze ist weniger drückend als im Erythräischen Meere, aber noch immer arg genug, – die angenehmste Zeit ist mein Morgenplausch mit dem Commandanten, da er mir Erlebnisse aus Ostasien und Indien zum Besten gibt, – wir bewundern dann stets den Kammerdiener Harrison, der mit der Pünktlichkeit der Schiffsuhr um 7 Uhr auf Deck mit den zwei Hunden erscheint und bis 8 Uhr mit denselben herumläuft – ob schön ob schlecht, Schlag 7, d. h. 6 Bells, erscheint er, adrett und rasirt, wie aus der Schachtel gezogen – 8 Bells haben noch nicht ausgeklungen, so verschwindet er wieder, und Bompa, eine schöne englische Setterbitch, und Neptun folgen ihm nach. – Es wird viel gelesen, Biegeleben ist mit der »Reise S. M. Corvette Frundsberg« beschäftigt, ich lese Mantegazza's »India«, Häckel's »Ceylon«, Sir John Strachey's »India«, ein famoses Werk, Johnson's »Oriental Religions«, Schlagintweit's »Indien«, – Sapieha studirt Hübner's »A travers l'Empire Britannique« und Coudenhove lernt mit einem in der zweiten Classe befindlichen Hinduarzte, der soeben in Edinburgh promovirt hat, Hindostani.
Das Meer ist wie ein Teich, »not a ripple«, manchmal nur durch fliegende Fische oder durch einen Hai gestört, zuweilen ist eine Schule Delphine zu sehen, auch Black Whales, die ich zuletzt im August an der Küste von Nova Scotia beobachtet. Manche Stunde verbringe ich mit dem Gesandten in der »Steerage«, wo eine ethnologische Sammlung ersten Ranges ausgestellt ist: vor allen fünf Somalis, aus Ebenholz geschnitzte Herculesse, prachtvolle Kerle; zwei Familien aus Hadramaut, der Pater familias hat längere Zeit in Java gelebt und spricht mit Pertile malayisch; ein Jerusalemitanischer Jude, der nur arabisch versteht und uns mit dem wohlbekannten »Marhaba« empfängt, – einige Hindus, die von Aden nach Bombay zurückkehren, schliesslich eine böhmische Musikbande aus Karlsbad, einige der Mädchen sind hübsch, es ist ein Jammer, die armen Leute immer im Freien, ohne Zelt der Sonne ausgesetzt zu wissen; eine der Musikantinnen hat heftiges Fieber, das unser Schiffsarzt, ein alter Südtiroler Dorfbader, der nie aus seinem Canton herausgekommen, kaum heilen dürfte. – Die II. Classe besteht aus dem erwähnten Hindudoctor, aus Harrison und fünf weiteren Missionären, welche sich durch besonderen Bekehrungseifer hervorthun; sie trachten nicht nur die Somalis, die gute Mohammedaner sind, zu convertiren, sondern versuchen auch die dalmatinische Schiffsmannschaft auf bessere Wege zu bringen; Mersa ist wüthend, da sie seinen Matrosen das Arbeiten am Sonntag als Sünde vorhalten.
Von Cap Guardafui und Sokotra war leider nichts zu sehen, da unser Cours zu nördlich ist, dafür erblickten wir die hadramautische Küste von Makalla, eine jetzt wohl eben so wenig bekannte Gegend wie zu Zeiten Wrede's.
Noch immer 34° C. in der Cabine, also furchtbar! In Bombay soll es aber viel wärmer sein, dazu Tausende von Mosquitos! Die Aussicht ist wahrhaft rührend! Fast alle Männer schlafen auf Deck, sogar Biegeleben habe ich Nachts im Spielsalon entdeckt. – Mrs. Mackenzie hat sich vom Schiffszimmermann einen sehr praktischen Windfang machen lassen, der an ihrem Fenster angebracht ist.
Gestern gaben die Deutschen ein grosses Concert und Ball, wobei unsere Karlsbader zu Ehren kamen. – Heute Abend arrangirte ich im Auftrage der Oesterreicher und Engländer eine Wiederholung des Festes und brachte bei der herrschenden Brathitze einen Cotillon zusammen, der Alle athemlos und todt aufs Deck hinsinken liess; – durch Champagnercup und Eis einigermassen erholt, raubte uns ein bis Mitternacht dauernder »Sir Roger de Coverley« die letzten Kräfte. – Biegeleben und der wackere Commandant rasten wie Studenten.
Heute Nacht sollen wir in Bombay einlaufen, – es ist schon höchste Zeit, da meine gesammte Wäsche erschöpft ist und ich nothwendig einer Neuausrüstung bedarf. – Wir erscheinen auch bei Tisch in den abenteuerlichsten Aufzügen, z. B. Lackschuhe, weisse (?) Flanellhosen, Seidenhemd, schwarzes Smokingjacket, Atlascravatte, u. s. w. – Die Fahrt war im Ganzen äusserst angenehm, die vollkommene Ruhe, das prachtvolle Wetter, die nette Gesellschaft, die zuvorkommenden Officiere, dies Alles wurde nur durch die grosse Hitze beeinträchtigt, die mich so wie die meisten Mitreisenden stark hergenommen hat. –
Bombay. – Der »Poseidon« hat vor dem Apollo Bunder Anker geworfen, von Passagieren und Officieren wird herzlicher Abschied genommen, auch von dem eben erscheinenden Oberst Mackenzie (Bruder des Leiters der East African Co.); – ein dicker Parsee, dem ich ein Trinkgeld geben will, der aber, wie ich höre, der Besitzer von 4 Lacs (400.000 Rupien) sein soll, bringt unser Gepäck in Ordnung, und endlich um 7 Uhr dampfen Biegeleben, Sapieha, Coudenhove und ich in der Barkasse der Lloyd-Agentie ans Land und sind bald darauf in dem riesigen, aber im Umbau begriffenen Watson's Esplanade Hôtel einquartiert. Nun beginnt ein harter Tag. Sapieha und ich stürzen uns sofort in die verschiedensten Läden; es ist keine Zeit zu verlieren, da wir in drei Tagen mit der »Thisbe« weiter fahren sollen; also zuerst zu Asquith & Lord um Solar Topees, grosse Sonnenhüte mit blauen golddurchwirkten Puggarees, um seidene Hemden und Cravatten, zu Treacher & Co. im Rampart Row um Patronen, zu Badham Pile um weisse Leinenschuhe, zum Hinduschneider Lacka in Medow Street um drapfarbige Kháki-Anzüge und Pujamees, zum Zahnarzt Walton und zum Haarschneider u. s. w. Im öst.-ung. Generalconsulat treffen wir den charmanten Stockinger und dessen Viceconsul Prumler, sowie zwei tagsvorher angekommene Landsleute, Grafen Géza Széchényi und Grafen Ernst Hoyos, beide von ihrer amerikanischen Reise aus mir wohlbekannt, – sie kommen zur Tigerjagd und sind mit über 70 Empfehlungsbriefen ausgerüstet, darunter vom deutschen Kaiser, der Königin Victoria u. s. w. Nach dem Tiffin fahre ich mit Biegeleben nach dem wundervoll gelegenen Malabar Point, um beim Gouverneur Lord Reay Karten abzugeben, und dann zum monumentalen Victoria-Terminus, wohl dem schönsten Bahnhofe der Welt, eher einer gothischen Kathedrale gleich, um die Ankunft des aus Indien scheidenden Lord Dufferin mitzumachen. Tausende von Zuschauern, alle Farben in Costümen und Haut, weisse, schwarze, gelbe, braune, röthliche Gesichter, Parsees mit ihren schwarzen Schornsteinhüten, Guzeratees, Bengalees in weissen enganliegenden Mousselinkleidern, Punjabees in Blau und Gold, Afridis in Braun, kurz der Regenbogen in allen Schattirungen, wie Mantegazza sagt: »eine Orgie von Menschenfleisch«. – Vicekönig und Gouverneur rollen in sechsspännigen Wagen vorbei, von prächtigen roth und goldenen Lanzenreitern umgeben, dahinter Punjabees in Roth, Nachkommen der Sikhs, und Ghoorkas zu Fuss in braunen Uniformen und riesigen Turbans, gedrungene kräftige Gestalten von ausgeprägt mongolischem Typus. – Der erste Eindruck Indiens ist überwältigend, viel mehr so als Egypten, da hier die tropische Vegetation beiträgt, die riesigen Banianen, Ficus religiosa, die Cocospalmen, die Toddypalmen, die Arecapalmen, die prachtvollen rothen Blumen, grüne Papageien, welche die Rolle der Spatzen zu übernehmen scheinen, die Flederfüchse, die von den Aesten herabhängen. – Abends Diner im Royal Yachtclub mit Biegeleben, Hoyos und Széchényi und dann mit ersterem zum Theater, wo eine Amateurtruppe zu wohlthätigem Zwecke die »School for Scandal« aufführt. Vicekönig und Marchioness of Dufferin, Maharajas mit Diamanten und anderen Edelsteinen besäet, Reays, enfin »tout Bombay«. – Um 12 Uhr Rückkehr zu Watsons, – ein schöner Arbeitstag! Noch viele solche und ich gleite ins »kühle Grab«, wohl der einzige Ort, der hier kühl ist.
In unserem bequemen Coupé konnten wir bis ½5 Uhr morgens die 78 Meilen ruhig verschlafen, d. h. die Anderen konnten es, ich dagegen musste fortwährend auslugen, um die Station Khamballa nicht zu übersehen. Dort angelangt, werfen wir schnell unser spärliches Gepäck einigen Coolies zu und marschieren in der finsteren Nacht zu dem eine Meile entfernten Dack Bungalow, – prachtvolle kühle, würzige Gebirgsluft, wie wir schon lange keine eingeathmet. – Das Bungalow ist offen, aber leer, in einem Zimmer brennt eine Lampe, wir dringen hinein, legen uns auf die zwei Betten und einen Lehnstuhl und setzen schleunigst den unterbrochenen Schlaf fort. – Um 7 Uhr weckt uns der portugiesische Khitmatgar, bestellt Pferde, servirt uns ein copioses Frühstück, und um 8 Uhr traben wir schon lustig auf netten kleinen Ponnies den Carli Caves zu – 7 Meilen – d. h. 5 Meilen auf der Heerstrasse, dann noch zwei über Felder und dann etwa ½ Stunde Fusskletterei. Der grossartige in den Felsen gehauene Jain-Tempel erinnert lebhaft an eine Kirche, die Schnitzereien sind superb, das daneben ausgehauene Kloster höchst merkwürdig. – Unter Bakschisch- und Salaam- und Sah'b-Rufen der zahllosen Bettelkinder treten wir den Rückweg an und gelangen um 1 Uhr heiss und staubig wieder in Khamballa an, wo ein famoses Tiffin unser harrt. An der Bahn treffen wir einige Tiroler Jesuiten, darunter einen früheren Lehrer Biegeleben's, jetzt Rector der katholischen Universität in Bombay, – und dampfen um 2 Uhr wieder ins Tiefland hinab. – Die Bahn ist herrlich, die Berge prachtvoll, die Aussicht auf die in Sonnengluth liegende Ebene und das glitzernde Meer im Hintergrunde wundervoll. – Um ¾7 Uhr nachmittags rollen wir in den Victoria-Terminus ein, und sofort stürzen wir ins Hôtel, denn um 8 Uhr ist Diner bei Lord Reay, also verdammt wenig Zeit zu verlieren. – Die Einladerei war komisch: Samstag war Sapieha, Sonntag war Biegeleben, Montag war ich (und zwar per Telephon) zu demselben Festessen eingeladen worden! In grösster Eile wird gewaschen, rasirt, angezogen, und um ½8 Uhr fahren wir die schon wohlbekannte Strasse um die Back Bay nach Malabar Point – grosser Park, riesiges einstöckiges Bungalow, an der Treppe roth und goldene Lanzenträger mit blauen Turbans; oben Empfang durch verschiedene Aide-de-Camps mit roth ausgeschlagenen Fräcken. Vorstellung bei Lord und Lady R., grosse Versammlung, Széchényi, Hoyos, ein russischer Admiral mit seinen Officieren und viele Andere; solennes Diner mit Tafelmusik und hinter den Stühlen stehenden, roth und goldene Fächer wedelnden Schwarzen, – alle Diener in Roth und Gold mit weiss und goldenen Turbans, aber ohne Fussbekleidung! Toast Lord Reays auf unseren Kaiser, Volkshymne, kurzer Spruch Biegeleben's auf die Gesundheit der »Queen Empress«, und die Damen räumen endlich das Feld und lassen uns mit Cigarren, Kaffee und etwa 40° C. zurück! Von der grossen, das ganze Haus abschliessenden Veranda entzückender Blick auf die Tausende von Lichtern der Stadt. – Gegen 11 Uhr brechen wir auf, d. h. wir wollen es thun, aber dafür bricht an unserem Wagen die Deichsel, und wir müssen eine halbe Stunde auf die Reparatur warten, indessen uns der erste Aide-de-Camp Captain Bruce Hamilton sehr nett die Honneurs macht und uns mit Wisky pegs überschütten möchte. Der Chef und Sapieha gehen noch zu einem im Yachtclub stattfindenden Ball, ich aber suche erschöpft das wohlverdiente Bett auf.
Vormittags Begleichung aller Rechnungen, Abschied vom Generalconsulate und von Vuccino, auf der Dampfbarkasse zum alten »Poseidon«, wo die Mannschaft in weisser Gala aufgestellt und die Officiere uns an der Treppe empfangen, – in dem Augenblicke, als Biegeleben das Deck betritt, wird am Hauptmast die öst.-ung. Flagge gehisst, Viceconsul Prumler und Lloydagent v. Hofer winken aus ihrem Boote Grüsse zu, und um 6 Uhr werden wir endlich flott und nehmen den Cours direct nach Süden.