Zanges, Banges, laß ihn gahn,
Wohl hast du dein Amt getan!
Doch ehe Ihr den Bauern oder Nachtschach laufen laßt, sollt Ihr ihn heißen seine Stiefel oder Schuh abtun, dabei mein Knecht ihm trefflich helfen wird, und diese Pfandstück möget Ihr behalten, auch seinerzeit nach Belieben verschenken! Dafern mein Krebs in seiner Pflicht saumselig würde oder sonst sich unnütz machte, schenkt ihm nur etlich gute Tritt’ keck auf die Aberschanz! Ich hoff’, es soll nicht nötig sein. Sonst ist er ganz ein frommes Tier und zäh, man kann Holz auf ihm spalten; nur allein vor der Küchen sollt Ihr ihn hüten: er steigt gern überall herum und fällt einmal in einen Kessel mit heiß Wasser; das vertragt er nicht. Aber ich komme schon wieder und sehe selbst nach, lieber Herr. Gehabt Euch wohl!
Der Doktor Veylland stellte jetzt den Stiefelknecht vor seine Stubentür. Da blieb er stehen bis zum Abend unverregt und sah so dumm wie ein ander Stück Holz. Im Zwielichten aber, wie man just an nichts dachte, ging es auf einmal Holterpolter, Holterpolter die Stiege hinab und durchs Gußloch hinaus in den Garten. Da sahen Herr und Diener ihn vom Fenster aus durchs grüne Gras an der Mauer hinschleichen und kratteln, an allen vier Seiten herum und immer so fort, die ganze liebe lange Nacht.
Der alte Diener hatte seine Lagerstatt im untern Stock gegen den Garten; nun streckt er sich in Kleidern auf sein Lotterbett. Eine Stunde verstrich nach der andern, der Alte hörte nichts, als hin und wieder wie durch das Geäst ein reifes Obst herunterrauscht’ und plumpste. Doch gegen Morgen, eben da er sich aufs andere Ohr hinlegte und sein Zudeck’ besser an sich nahm, denn es war frisch, erscholl von fernen her ein Zetermordgeschrei, als wenn es einem Menschen an das Leben geht. Der Diener sprang hinaus und sah auf sechzig Schritt, wie des Hutzelmanns Knecht einen baumstarken Kerl am Fersen hatte und mit Gewalt gegen das Haus herzerrte, also daß beide Teile rückwärts gingen, Dieb und Büttel (wie ja der Krebse Art auch ohnedem so ist), und war ein Zerren, Würgen, Sperren, Drängen und Reißen, dazu viel Keuchens und Schnaufens, Wimmerns und Bittens, daß es erbärmlich war zu hören und sehen.
Der arme Schächer, so ein Bupsinger Weinschröter war, trachtet’ im Anfang wohl, mitsamt dem Schergen durchzugehen, der aber hatte gut zwo Ochsenstärken und strafte ihn mit Kneipen jedesmal so hart, daß er sich bald gutwillig gab. Auf solche Weise kamen sie bis an das Haus; da hielt der Krebs gerade vor der Tür und stand der Doktor schon daselbst in seinem Schlafrock, lachend; sprach:
Zanges, Banges, laß ihn gahn,
Wohl hast du dein Amt getan!
Dann ließ er den Bauern die Bundschuh austun und mochte der laufen.
Die andere Nacht gleich wurden ihrer zween nacheinander eingebracht, die dritte wieder einer und alsofort bis auf die dreißig, lauter Bupsinger. Denn weil sich jeder schämte, sagt’s keiner, die andern zu warnen. Der gute Knecht verfehlte nicht leicht seinen Mann; ein einzigmal kam er mit einem leeren Stiefel angerutscht und hielt denselben bis zum Morgen unverruckt mit großer Kraft in seinen Zangen, bis ihn von ungefähr der Herr vom Haus erblickte. Das Schuhwerk aber nagelte der Diener alles nach der Reih’ im leeren Pferdstall an der Wand herum. — Es gibt noch ein liebliches Stücklein davon: wie nämlich einst der Graf mit seiner Frauen und zwei Söhnlein auf Besuch bei dem Veylland gewesen. Herr Konrad baute bei dessen Garten eine Stuterei — daher nachmals die Stadt Stuttgarten hieß — beschied seinen Werkmeister her auf den Platz und zeigte selbst, wie alles werden sollte. Es wollte aber gern der Doktor denen kleinen Junkherrn eine Kurzweil schaffen und bat den Hutzelmann derhalben, um daß er ein unschuldig Zinselwerk bereite; der versprach’s. Als nun die Knaben nach der Mahlzeit in dem Garten spielten, da ward’s lebendig in dem Stall, und kam bald aus der Tür hervor ein ganzer Zug von kleinen, zierlichen Rößlein, lauter Rappen mit Sattel und Zeug, und das waren die Stiefel gewesen; sie gingen zwei und zwei und wurden von kleinen Roßbuben geführt, und das waren die Bundschuh. Die Junker hatten ihre Freude mit den ganzen Abend. Auf einmal tat es außen an dem Garten einen Pfiff, der ganze Troß saß wie der Blitz ein jeder in seinem Sattel, die Rößlein aber waren zumal Heupferde geworden, grasgrün, einen Schuh lang, mit Flügeln, die setzten all’ über die Mauer hinweg und kamen nicht mehr. Doch nachderhand fand man so Stiefel als Schuh wie zuvor an die Stallwand genagelt.
Vor Jahren habe ich zu Stuttgart auf dem Markt ein Spiel gesehen in einem Dockenkasten, so auch von diesem handelte. Hätt’ ich nur alles noch so recht im Kopf! Da wird gesagt zum Vorbericht in wohlgesetzten Reimen, was ich Euch erst erzählt, und sonst noch was voraus zu wissen nötig ist, vom Bernd Jobsten, dem Hofnarrn. Der ward denselben Spätling fortgejagt vom Grafen, weil er nicht wollte seiner bösen Zunge Zaum und Zügel anlegen, absonderlich gegen die fremden Herrschaften und Gäste. Nun klagte er sein Mißgeschick dem Doktor, als welcher ihm sonst einmal Gnade beim Herrn derhalben ausgewirkt, jetzt aber sich dessen nicht mehr unterstand; doch steuert’ er ihm etwas auf den Weg und hieß ihn auch die Schuh im Stall mitnehmen, wofern er etwa meinte, sich ein Geldlein mit zu machen. Ja, sagte der Narr, das kommt mir schon recht. Vergelt’ es Gott! — und holte sie gleich ab in einem großmächtigen Kräben und trug sie auf dem Rücken weg, talabwärts, wußte auch schon, was anfangen damit.
Am Neckar unterm Kahlenstein fand er des Grafen Schäfer auf der Weid’ und stellte seine Bürde ein wenig bei ihm ab, erzählte ihm, wie er den Dienst verscherzt, und was er da trage. Hiermit hebt denn die Handlung an, und spricht sofort der Narr:
Narr:
Ich bin jetzt alt und gichtbrüchig,
Und meine Sünden beißen mich;
Drum will ich bau’n ein Klösterlein
Und selber gehn zuerst hinein,
In angenehmer Schauenlichkeit
Verdrönsgen dieses Restlein Zeit.
Spricht der Schäfer:
Klöster bauen kost’t halt viel Geld.
Der Narr:
Just darauf ist mein Sinn gestellt.
Hiezu bedarf es ein Heiltum,
Daß alle Leut’ gleich laufen drum.
Ein Armes bringt sein Scherflein her,
Der Reich’ schenkt Äcker, Hof, Wald und mehr.
Der Schäfer:
Solch Heiltum kriegen ist nichts Kleins.
Hat mancher keins, er schnitzet eins.
Ich, Gott sei Dank! bin wohl versehn.
Diese Schuh’, mußt du verstehn,
Der vielberühmt Doktor Veylland
Nächst an der Stadt Jerusalem fand
Unterm Schutt in einer eisen Truh
Ein gar alt Pergament dazu
Mit Judeng’schrift. Selbes bekennt:
Als Mose nun hätt’ Israels Heer
Geführet durch das Rote Meer
Und König Pharao, Reiter und Wagen
Ersäufet in der Tiefe lagen,
Frohlockt das Volk auf diesen Strauß,
Zog weinend Schuh und Stiefel aus,
Am Stecken sie zu tragen heim
Ins Land, wo Milch und Honigseim,
In ihren Häusern sie aufzuhenken
Zu solches Wunders Angedenken.
Aus sechshunderttausend ohngefahr
Erlas man diese dreißig Paar
Und brachte sie an sichern Ort
Als einen künftigen Segenshort,
Daß, wer das Leder küssen mag,
Sei ledig seiner Lebetag
Von Allerweltsart Wassernot,
Auch Wassersucht und sottem Tod.
Der Schäfer:
Hast du das G’schrift auch bei der Hand?
Der Narr:
Das, meint’ ich, gäb’ dir dein Verstand.
Es liegt im Kräben unterst drin,
Und hätt’ ich’s nicht, gält’s her wie hin.
Die War’ blieb trocken auf Meeres Grund
Und ist brottrocken auf diese Stund’.
Als nun der Narr zum Pater in seine Zelle kommt und ihm den Antrag stellt, begehrt derselbe allererst, das Pergament zu sehen. Ja, sagt der Schelm, vorm Jahr noch hätt’ er’s ihm wohl weisen können; allein ganz schrumpflig, mürb und brüchig, wie er es überkommen, sei es ihm nach und nach zuschanden gegangen. Dafür zieht er aus seinem Korb hervor ein alt, schwer eisen Marschloß, vorgebend, es sei vor der Truchen gelegen. Der Mönch, wie leicht zu denken, hält ihm nichts drauf, verachtet ihm sein ganz Beginnen, verwarnet und bedrohet ihn gar. Der Narr, weil er vermeint, die Sach’ an ihr selbsten gefiel’ ihm schon, sie möchte wahr sein oder nicht, er scheue minder den Betrug als den Genossen — erboset er sich sehr in anzüglichen Reden und spricht mit der Letzt:
Sag, Pfaff! tust du die Bibel les’n?
Der Pater:
War die ganze Wuch’n drüber g’sess’n.
Der Narr:
Ich dacht nur, weil sie in Latein.
Der Pater:
Wohl! daß nit jed’s Vieh stört hinein.
Der Narr:
Wohlan, so weißt du baß dann ich,
Was dort geweissagt ist auf dich
Und die Frau Mutter der Christenheit,
Wie ihr es nämlich treibt die Zeit.
Zum Exempel Proverbia
Im dreiß’gsten, was steht allda?
Die Eigel hat zwo Töchter schnöd:
Bringher, Bringher, heißen alle beed;
Die ein’ hat einen Ablaßkram,
Die ander heischet sonder Scham. —
Ei, das hofft’ ich nur auch zu nutzen.
Pfaff, du tät’st mit, hätt’s nicht sein Butzen!
So zieht er ab mit seinem Kräben unter heftigem Schelten und Drohen des Mönchs. Noch aber läßt er sein Vorhaben nicht, ein Kloster zu erbauen, und sollen ihm die Bundschuh und die Stiefel inallweg dazu helfen. Sobald er wieder auf der Straßen ist, spricht er:
Jetzt, wüßt’ ich nur ’s Pechfisels Haus!
Der macht’ mir ein’ Trupp Münchlein draus;
Die schicket’ ich dann in die Welt,
Zu kollektier’n ein Gottesgeld.
Vielleicht er macht sie mir gleich beritten
Auf Saumrößlein mit frommen Sitten:
Sie kämen doch viel ’ringer so ’rum,
Als wie per pedes apostolorum.
Nachdem er lang vergebens überall dem kleinen Schuster nachgefragt, so findet er denselben von ungefähr beim Bupsinger Brünnlein sitzen, an dem Berg, darin seine Wohnung und Werkstatt ist, und wo er eben einen Becher Wassers schöpfte. Der Narr, mit großer Scheinheiligkeit, entdeckt ihm sein Anliegen, doch der Pechschwitzer antwortet ihm:
Ich dient’ Euch gern, mein guter Freund,
Aber was geistliche Sachen seind,
Laßt meine Kunst mit unverworr’n!
Es brächt’ mir eitel Haß und Zorn.
Mein Rat ist darum: Geht zur Stund’,
Verkauft, so gut Ihr könnt, den Schund!
Bei die Bupsinger droben, hör’ ich, wär’
Großer Mangel eine Weil schon her.
So brauchet es kein lang Hausieren.
Doch müßt ihr nicht Eu’r Geld verlieren;
Woll’n sie mit dem Beutel nit schier heraus,
Droht, es käm’ ihnen der Werr ins Haus,
Der Presser; das werden sie schon verstehn.
Darauf der Narr:
Ich folg’ Euch, Meister, und dank’ Euch schön.
Jetzt kommt das Lustigste, das aber muß man sehen: wie nämlich Bernd Jobst in dem Dorf seinen Korb auf der Gasse ausschüttet, die Bauern aus den Häusern kommen und gleich ein groß Geriß anhebt, da jeder mit Geschrei sein Eigentum aussucht und alle sich untereinander als Diebe verraten. Sie weigern sich der Zahlung gar hartselig, bis sich der Jobst anstellt zu gehen und sich etwas verlauten läßt vom Werr, daß er ihn schicken wolle. Auf dieses ist mit eins ein jeder willig und bereit, ja auch der gröbst Torangel zahlt, was ihn ein neues Paar vom Krämermarkt nicht kostete.
Allmittelst hat der Schäfer bei Gelegenheit dem Grafen erzählt, was Wunderliches der Jobst vorhabe, der Doktor aber bestätiget nach dem, wo er vom Pechschwitzer vernommen, und ist das Ende von dem Lied, daß Herrn Konrad dem Narren für diesmal Vergebung erteilt, weil ihm der Schwank gefallen.“
So erzählte der Seppe. Die Meisterin hörte ihm nur so aus Gefälligkeit zu und insgeheim mit Gähnen. „Ja, ja,“ sprach sie am Ende, „das sind mir einmal Sachen!“ und nahm das Ränftlein in die Hand, das er von seinem Brot übrig gelassen. Nun, muß man wissen, hatte sie am Fenster einen schönen großen Vogel, der saß in seinem Ring frei da. Ihr erster Mann nahm ihn einmal an Zahlungsstatt von einem bösen Kunden an; es war ein weißer Sittich mit einem schwarzen Schnabel und auch dergleichen Füßen. Er sollte, hieß es, alles sprechen, wenn er das rechte Futter bekäme, und ob er zwar die ganze Zeit nicht sprach und sich der Schuster dessenthalb betrogen fand, so ward er doch der Frau Liebling.
Derselbe schaute jetzt der Meisterin, wie sie das Restlein Brot so hielt, mit einem krummen Kopf begierig auf die Finger. Da sagte sie zu ihrem Bräutigam: „Soll es der Heinz nicht haben?“ — Der Seppe dachte freilich: Damit geht manches Hundert schöner Laiblein ungesehen zuschanden; doch gab er ihr zur Antwort: „Was mein ist, das ist Euer, und was Euch hin ist, soll auch mir hin sein.“ — So schnellte sie den Brocken ihrem Heinz hinauf; der schnappte ihn, zerbiß und schluckt’ ihn nieder. Kaum aber war’s geschehn, so hub der Sittich an zu reden und brachte laut und deutlich diese Worte vor:
Gut, gut, gut — ist des Hutzelmanns sein Brot.
Wer einen hat umgebracht und zween, schlägt auch den dritten tot.
Die Meisterin saß bleich, als wie die Wand, auf ihrem Stuhl, der Gesell aber, wähnend, sie sei darob verwundert vielmehr denn entsetzt, lachte und rief: „Der ist kein Narr! Er meint, wenn man es einmal recht verschmeckte, fräß einer leicht auf einen Sitz drei Laib!“ — Darauf die Frau zwar gleichermaßen groß Ergötzen an dem Tier bezeugte; doch mochte es ihr wind und weh inwendig sein, und als der Bräutigam, nachdem er lang genug von dem närrischen Vogel gered’t und Scherz mit ihm getrieben, jetzo von andern, nötigen Dingen zu handeln begann: wie sie es künftighin im Haus einrichten wollten, wen von den Gesellen behalten, wem kündigen und so mehr, war sie mit den Gedanken unstet immer nebenaus; das wollten sie bei guter Zeit ausmachen, sagte sie, tat schläfrig, besah die Haube noch einmal und setzte sie auf vor dem Spiegel. — „Puh! friert’s mich in der Hauben!“ rief sie zumal und schüttelte sich ordentlich. „Das Silber kältet so.“ — Dann sagte sie: „Wenn schwarze Band dran wären, mein! es wär’ recht eine Armesünderhaube für eine fürstliche Person!“ und lachte über diese ihre Rede einen Schochen, daß den Gesellen ein Gräusel ankam. Gleich aber war sie wieder recht und gut, gespräch, liebkoste den Gespons und machte ihn vergnügt, wie er nur je gewesen. Danach so gaben sie einander küssend gute Nacht und ging er, aller guten Dinge voll, auf seine Kammer.
Den andern Morgen, es war am Sonntag, sah er den schönen Sittich nicht mehr sitzen in dem Ring, und die Meisterin sagte mit unholder Miene: „Das Schnitzbrot hat ihm schlecht getan, ich fand ihn unterm Bank da tot und steif und schafft’ ihn mir gleich aus den Augen.“
Das deuchte dem Gesellen doch fast fremde, auch sah er einen Blutfleck am Boden. Am meisten aber wunderte und kränkte ihn, daß ihm die Frau so schnorzig war.
Am Nachmittag, weil seine Braut nicht heim kam von der Kirche aus, spazierte er mit seinen Kameraden um den Wall nach einer neuen Schenke gegen Söflingen. Einer von ihnen schlug ein paarmal bei ihm auf den Busch und stichelte auf seine Liebste; da denn ein anderer, ein loser Hesse, den Scherz aufnahm und sagte: „Der Fang wär’ recht für einen Schwaben, die haben gute Mägen, Schuhnägel zu verdauen.“
Weil nun der Seppe nicht verstand, wie das gemeint sei, blieb er mit seinem Nebenmann, einem ehrlichen Sindelfinger, ein wenig dahinten und frug ihn darum. „Das ist dir eine neue Mär?“ sprach der gar trocken. „Deine Meisterin, sagt man, hab’ in Zeit von drei Jahr ihren zween Männern mit Gift vergeben. Vom letzten soll es sicher sein, vom ersten glaubt’s darum ganz Ulm. Den zweiten hat man erst verwichenes Frühjahr begraben. Die Richter hätten ihr das Urteil gern zum Tod gesprochen, konnten aber nichts machen; denn auf dem Sterbebett sagte ihr Mann, er habe Schuhnägel gefressen. Dergleichen fanden sich nachher auch richtig in dem Leib, allein man glaubt, er habe sie in Schmerzen und Verzweiflungswut, als er das Gift gemerkt, nur kurze Zeit vor seinem End geschluckt.“
Dem Seppe verging das Gesicht. Er schritt und schwankte nur noch so wie auf Wollsäcken bis in die Schenke. Dort stahl er sich hinweg und ließ sein volles Glas dahinten.
Abwegs in einem einsamen Pfad saß er auf einer Gartenstaffel nieder, seine Lebensgeister erst wieder zu sammeln. Alsdann dankte er Gott mit gefalteten Händen, daß er ihn noch so gnädig errettet, überlegte und kam bald zu dem Beschluß, gleich in der nächsten Nacht das Haus der schlimmen Witwe, ja Ulm selbst insgeheim zu verlassen. Er blieb dort sitzen auf dem gleichen Fleck, bis die Sonne hinab und es dunkel war. Dann ging er in die Stadt, strich, wie ein armer Sünder und Meineider, lang in den Straßen hin und her und suchte zuletzt, von Durst und Hunger angetrieben, eine abgelegene Trinkstube, wo viele Gäste zechten, ihn aber niemand kannte. Dort barg er sich in einem dunklen Sorgeneck bei einem Fenster nach den Gärten und der Donau zu.
Er konnte, wie man spricht, von keinem Berg sein Unglück übersehen. Zu allem Herzleid hin nicht gar sechs Batzen im Besitz — denn einen Rest Guthabens bei der Frau, wie hätte er ihn fordern mögen? — dazu sein gutes Hutzelbrot verheillost, das ihm jetzt auf der Reise für Hungersterben hätte dienen können, und endlich Spott und Schande vor und hinter ihm!
Er ging bei sich zu Rat, ob er in seine Heimat solle oder weiterziehen. Das eine kam ihn schier so sauer wie das andere an. Was werden deine Freunde sagen, wenn du schon wiederkommst, als wie der Brogel-Wenz vom welschen Krieg? (derselbe nämlich grüßte die Weinsteig schon wieder am siebenten Tag) — so dachte er; allein die Welt, soweit es in der Fremde heißt, kam ihm jetzt giftig, greulich vor, so öd und traurig wie das Ulmer Elend, das er dort unten in den Gärten liegen sah: aus einem Fenster dämmerte der kleine Schein vom Licht des Siechenwärters, dabei vielleicht ein armer Tropf, fern von dem lieben Vaterland, jetzt seinen Geist aufgab. Darum, es koste, was es wolle, heim ging sein Weg, nur Stuttgart zu! Von keinem Menschen gedachte er Abschied zu nehmen, am wenigsten von ihr, deren Gestalt und Mienen er mit Grauen immer vor sich sah. Deshalb er auch nicht eher aus dem Wirtshaus ging, als bis er sicher war, ihr nicht mehr zu begegnen, und seine Mitgesellen ebenfalls schon schliefen. Es war schon zwölfe, und die Scharwich kam zum zweitenmal, den letzten Gästen abzubieten.
Wie er nun langsam durch die leeren Gassen nach seinem Viertel lenkte, vernahm er oben in dem Giebel eines kleinen Hauses den Gesang von zwo Dirnen, deren eine, eines Kürschners Tochter, Kunigund, er wohl kannte, ein braves und sehr schönes Mädchen, mit welchem er im Pflug manchen Schleifer herumgetanzt hatte. Wär’ er nicht gleich im Anfang so tief in die Witwe verschossen gewesen, die hätte ihm vor allen Ulmer Bürgerskindern wohl gefallen und er ihr auch.
Die Dirnen plauderten, wie es ihm vorkam, finsterlings im Bett und sangen das Lied von dem traurigen Knaben, dem sein Schatz verstarb, das hatte zum Titel „Lieb in den Tod“ und eine so herrliche Weise als sonst vielleicht kein anderes. Da sie es noch einmal von vorn anfingen, stand er still und horchte hinter einer Beuge Faßholz stille zu.
Ufam Kirchhof am Chor
Blüeht a Blo-Holder-Strauß,
Do fleugt a weiß Täuble,
Vor’s taga tuet, aus.
Es streicht wohl a Gässale
Nieder und zwua,
Es fliegt mer ins Fenster,
Es kommt uf mi zua.
Jetzt kenn’ i mein’ Schatz
Und sei linneweiß G’wand
Und sei silberes Ringle
Von mir an der Hand.
Es nickt mer en Grueß,
Setzt se nieder am Bett,
Frei luegt mer’s ins G’sicht,
Aber anrüehrt me’s net.
Drei Wocha vor Ostra,
Wann’s Nachthüehle schreit,
Do macha mer Hochzig,
Mei Schatz hot mer’s g’sait.
In währendem Zuhören dachte der Seppe: Die wird sich auch wohl wundern, wenn sie hört, ich sei bei Nacht und Nebel fort als wie ein Dieb! Und dachte ferner: Wenn diese Gundel deine Liebste hätte werden sollen und wär’ dir heute gestorben, ob du jetzt übler dran wärest denn so oder besser? — Er wußte in der Kürze sich selbst keinen Bescheid darauf, stöhnte nur tief aus der Brust und ging weiter.
Beim Haus der Witwe angekommen, drehte er den Schlüssel in der Tür, so leis er konnte, um, schlich auf den Zehen an ihrer Schlafkammer vorbei, kam in die seinige, von den Gesellen unberufen, und packte seine Sachen ein, nachdem er erst die guten Kleider aus- und andere angezogen, auch mit herzlicher Reue des Hutzelmanns Schuhe, die es so gut mit ihm gemeint, unter dem Stein hervorgenommen und sie nach langer Zeit das erstemal wieder an die Füße getan.
Und also schied er auf zeitlebens aus dem Haus, darin er sich vor wenig Stunden noch als wie in seinem Eigentum vergnüglich umgeschaut hatte. Er kam an das Liebfrauentor und schellte dem Wächter; der ließ ihn hinaus und war der einzige Mensch in ganz Ulm, welcher ihm Glück auf die Reise gewünscht.
Als er so in der Nacht auf trockener Landstraße und bei gelinder Luft nicht völlig eine halbe Stunde weit gewandert war, so regte sich sein Linker allbereits mit Jucken, Treten, Hopsen und sonst viel Ungebühr. So rief der Seppe grimmig: „Moinst, dia Gugelfuahr gang wieder an? I will d’r beizeit d’rfür tua!“, saß nieder, riß den linken ab und faßte auch den rechten — da fiel ihm ein: Den könnt’st du anbehalten; mit einem Fuß im Glück ist besser denn mit keinem! Zog also einen Stiefel an zum andern Schuh, probiert’ es eine Strecke, und wahrlich, es tat gut.
In seinem Innern aber, so arg es auch darin noch durcheinander ging, daß ihm das Heulen näher als das Pfeifen lag, so gab er sich doch selbst schon kühnlicheren Zuspruch mit Vernunft, nahm sein versehrtes Herz, drückt’ es, gleich wie die Hausfrauen pflegen mit einem zertretenen Hühnlein zu tun, in sanften Händen wieder zurecht, und endlich ging sein Trost und letzter Schluß dahin, wie sein Vetter als sagte: „Es hat nur drei gute Weiber gegeben: die eine ist im Bad ersoffen, die ander’ ist aus der Welt geloffen, die dritte sucht man noch.“
Unweit Gerhausen kam schon allgemach der Tag; bald sah er auch Blaubeuren liegen, und auf den Dächern rauchte hie und da schon ein Kamin.
Eine Ackerlänge vor dem Tor geschah ihm etwas unverhofft.
Dort zog der Weg sich unter den Felsen linker Hand an einer Steile hin. Der Seppe dachte eben, wenn er jetzt in das Städtlein käme, ein warmes Frühstück täte seinem Magen wohl, und rechnete, wie weit er damit komme; denn sein Beutel mochte nicht viel leiden. Bei dem Bräumeister konnte er aber mit Ehren nicht wieder einsprechen; er meinte, die Leute möchten sagen: „Dem hat das Handwerksburschen-Einmaleins im Nonnenhof gefallen und mag ihm ganz eine kommode Rechnung sein!“ Dies denkend, schritt er hitziger fürbaß — mit eins aber kann er nicht weiter, und ist er mit dem Schuh wie angenagelt an den Boden, zieht, reißt und schnellt, zockt noch einmal aus Leibeskräften: da fuhr er endlich aus dem Schuh, der aber flog zugleich den Rain hinunter, wohl eines Hauses Höhe, in einen Felsenspalt.
Gern oder ungern mußte ihm der Seppe nach. Als er nun mit Gefahr den Fleck erreicht, wo er ihn hatte fallen sehen, und in dem Steinriß mit der Hand herumsuchte, auch alsbald ihn erwischte, indem so stieß er an ein fremdes Ding, das zog er mit ans Licht. — „Hoho! davon kam dir die Witterung!?“ rief er und hielt das Bleilot in der Hand, betrachtet’ es mit Freuden, schlupft in den Schuh und ist wie der Wind wieder oben. Nachdem er den Fund in den Ranzen gesteckt, der jetzo freilich das Zwiefache wog, ging er nicht wenig getröstet hinein in die Stadt.
Die Leute machten erst die Läden auf und trieben das Vieh an die Tränke. Er kam an einem Bäckerhaus vorbei: da roch gerade so ein guter, warmer Dunst heraus, daß es ihn recht bei der Nase hineinzog. Er ließ sich einen Schnaps und keinen kleinen Ranken Brot dazu geben; das hielt dann wieder Leib und Seele auf etliche Stunden zusammen.
Sofort auf seinem Weg probierte er das Lot auf alle Weise, wenn hin und wieder ein Metzger oder sonst ein Mensch bei ihm vorüberkam, und als er nur den Vorteil erst mit rechts und links weg hatte, vertrieb er sich die Zeit samt seinem Herzensbrast auf das anmutigste und beste.
Auf der Höhe der Feldstätter Markung fuhr hinter ihm daher mit einem leeren Wagen und zween starken Ochsen ein Böhringer Bauer. Der Seppe wollte gern ein Stück weit von ihm mitgenommen sein und sprach ihn gar bescheiden und ziemlich darum an; der aber war ein grober Knollfink, tat, als hört’ er ihn nicht. Ei, denkt mein Schuster, hörst du mich nicht, so hab’ mich auch gesehn, und sollst mich dennoch führen! — verschwand wie ein Luftgeist im Rücken des Manns und setzte sich hinten aufs Brett. Da sprach der Bauer mit sich selbst und maulte: „Hätt’ i viel z’taun wenn i dia Kerle äll uflada wött — Hott ane, Scheck! — dia Scheuraburzler do! äll Hunds-Odam lauft oar d’rher. Miar kommt koar über d’Schwell und uf da Waga, miar ett!“ — Das hörte der Gesell mit großem Ergötzen und hielt sich immer still, gleichwie der andre auch still ward. Nach einer Weile holt der Böhringer just aus, auf schwäbische Manier die Nas’ zu putzen, hielt aber jäh betroffen inn’, denn hinter ihm sprach es, als wie aus einem hohlen Faß heraus die Wort’: „Zehn Ochsen und ein Bauer sind zwölf Stück Rindvieh.“
Der Bauer, mit offenem Maul, schaut um, schaut über sich gen die Sperlachen, horcht, ruft Oha dem Gespann, steigt ab dem Wagen, guckt unterhalb zwischen die Räder, und da kein Mensch zu sehen war und auf der Ebene weit und breit kein Baum oder Grube noch sonst des Orts Gelegenheit danach gewesen wäre, daß sich ein Mensch verbergen mochte: stand ihm das Haar gen Berg, saß eilends auf und trieb die Tiere streng in einem Trott, was sie erlaufen mochten, bis vor seinen Ort; denn er vermeinte nicht anders, als der Teufel habe ihm Spitzfündiges aufgegeben, und wenn er den Verstand nicht dazu habe, so gehe es ihm an das Leben.
Der Seppe stieg nicht bälder von dem Wagen, als bis der Bauer in seiner Hofrait hielt; dann wandelte er durchs Dorf, unsichtbarlich, und hatte mit diesem Abenteuer, die schöne Kurzweil ungerechnet, wohl eine halbe Meil’ Weges Profit.
Er kam ins Tal hinunter und auf Urach, er wußte nicht wie.
Vor dem Gasthaus, demselben, wo er im Herweg übernachtet war, stiegen etliche reisende Herren von Adel samt ihren Knechten gerade zu Roß; er hörte, sie ritten auf Stuttgart. Herrn Eberhards Tochter hatte Hochzeit, als gestern, gehabt mit Graf Rudolf von Hohenberg; auf eben diese Zeit beging ihr Herr Vater, der Graf, seine silberne Hochzeit. Es dauerten die Lustbarkeiten noch drei Tage lang am Hof und in der Stadt: Turnier und andre Spiele. Das hörte der Geselle gern; er dachte: Da hat man deiner nicht viel acht und mögen deine Freunde glauben, du kamst des Lebtags wegen heim. Ihm lüstete nicht sehr danach; demungeachtet säumte er sich nicht auf seinem Weg, und als er sich um die drei Groschen und etliche Heller, so er aus allen Taschen elendiglich zusammenzwickte, noch einmal wacker satt gegessen und getrunken, so setzt’ er seinen Stab gestärkt und mutig weiter. Stets einem flinken Wässerlein, der Erms, nachgehend, befand er sich gar bald vor Metzingen.
Er dachte trutzig und getrost vor jedermanns Augen den Ort zu passieren, wo er vor einem halben Jahr den Schabernack erlitten, und war auf Schimpf und Glimpf gefaßt; nur wollte er zuvor den zweiten Stiefel noch außen vor dem Ort antun, damit er doch nicht mit Gewalt den Spott der Gaffer auf sich ziehe. Aber wie er sich dazu anschicken will, kommt ihm ein anderes dazwischen, das ließ ihm keine Zeit.
Gleich vor dem Flecken, frei auf einem Gutstück lag eines Schönfärbers Haus; an dessen einer Seite hingen allerhand Stück Zeug, in Rot, Blau, Gelb und Grün gefärbt, auf Stangen und im Rahmen aufgezogen, davor ein grüner Grasplatz war. Dort nun, doch näher bei der Straße sah der Seppe nur einen Steinwurf weit von ihm das nasenweise Färberlein stehn, das Gesicht nach dem Flecken gekehrt. Das Bürschlein hatte Gähnaffen feil, weil seine Meistersleute nicht daheim, oder paßte es auf eine hübsche Dirne, sah und hörte deshalb weiter nichts.
„Wohl bei der Heck’, du Laff!“ sagte der Seppe frohlockend vor sich, indem er risch seitab der Straße sprang. „Jetzt will ich dir den Plirum geigen!“ — warf seinen Ranzen links herum, lief eilig zu und stand unsichtbar auf dem Wasen ein Dutzend Schritte hinter dem Färber. Geschwind besann er sich, was er zuerst beginne, trat an das Lattenwerk, zog wie der Blitz einen trockenen Streif des roten Zeugs herab und breitete denselben glatt aufs Gras; alsdann stellte er sich in leibhafter Gestalt ohne Willkomm und Gruß, nicht in gutem noch bösem, ganz dicht vor den Färber hin. Der, seinen Feind erkennend, macht’ ein Gesicht als wie der Esel, wenn er Teig gefressen hat, und plötzlich wollte er auf und davon. Der Schuster aber hatt’ ihn schon gefaßt: kein Schraubstock zwängt ein Werkholz fester, denn unser Geselle das Büblein hielt bei seinen zween Armstecken. Er hieß ihn stilleschweigen, so wolle er ihm aus Barmherzigkeit an seinem Leib nichts tun, nahm ihn sodann gelinde, legt’ ihn aufs eine Tuchend überzwerch, drückt’ ihm die Ellbogen grad am Leib und wergelt ihn mit Händen geschickt im Tuch hinab, wie man ein Mangelholz wälzet, daß er schön glatt gewickelt war bis an das Kinn. Darauf band er ihm ein grünes Band, das er auch von der Latte gezogen, kreuzweis von unten bis hinauf und knüpft’s ihm auf der Brust mit einer schönen Schlaufe. Nach allem diesem aber nahm und trug er ihn, nicht anders als ein Pfätschenkind dahingetragen wird, auf seinen Armen weg (in deren einem er den Wanderstock am Riemen hangen hatte). Weil er jedoch bei diesem ganzen Vornehmen das Lot links trug, und weil der Krackenzahn mehr nicht kann ungesehen machen, als das zum Mann gehört, so war es wunderbarlich, ja grausig, fremd und lustig gleichermaßen anzusehn, wie auf der breiten Straße mitten inne ein gesunder Knab, wie Milch und Blut, mit schwarzem Kräuselhaar, in Wickelkindsgestalt frei in der Luft herschwebte und schrie.
Das Volk lief zu aus allen Gassen, ein jedes lacht’ und jammerte in einem Atem, die Weiblein schrien Mirakel und: „Hilf Gott! es ist des Färbers Knab, der Vite! Springt ihm denn keiner bei von euch Mannsnamen?“ — Doch niemand traute sich hinzu.
Da fing der Seppe an sangweis mit heller Stimme:
Scheraschleifer, wetz, wetz, wetz,
Laß dei Rädle schnurra!
Stuagart ist a grauße Stadt,
Lauft a Gänsbach dura.
Und als das Kind sich ungebärdigt stellte, schwang er’s und flaigert’s hin und her und sang:
Die Leute fanden ihrem Staunen, Schrecken, Dattern und Zagen nicht Worte noch Gebärden mehr. Eins schob und stieß und drängte nur das andere dem Abenteuer immer nach oder voraus. Bei dem Gemeindehaus aber schwenkte sich der Seppe seitwärts nach dem Kirchplatz unversehens, daß alles vor ihm schreiend auseinanderfuhr.
Dort, mitten auf dem Platz sah man den Vite sänftlich an die Erde niederkommen. Da lag denn ein seltsamer Täufling, zornheulend, sonder Hilfe, derweil der Schuster flüchtig durch die Menge wischte. Weit draußen vor dem Ort noch hörte er das Lärmen und Brausen der Leute.
Bei Tolfingen am Neckar spürte er anfangen in den Beinen, daß er verwichene Nacht in keinem Bett gewesen, jetzt fünfzehn Stunden Wegs in einem Strich gemacht, daneben ihn der letzte Possen auch manchen Tropfen Schweiß gekostet haben mag. Der Abend dämmerte schon stark, und er hatte noch fünf gute Stunden heim. Bei frischen Kräften hätte er Stuttgart nicht füglich vor Mitternacht können erlaufen, so schachmatt aber, wie er war, und mit vier Pfennigen Zehrgeld im Sack, schien ihm nicht ratsam, es nur zu probieren. Wo aber bleiben über die Nacht und doch kein Scheurenburzler sein? — Halt! dacht er, dient nicht in der Stadt Nürtingen, nur anderthalb Stund von da, der Kilian aus Münster als Mühlknapp? Das ist die beste Haut von der Welt, der läßt dich nicht auf der Gasse liegen und borgt dir leicht ein Weniges auf den Weg. Jetzt ist lang Tag! — Er tat erst einen frischen Trunk in Tolfingen, wo das Wasser nichts kostet, dann kaufte er sich ein Brot für seinen letzten Kreuzer, verzehrt’ es ungesäumt und lotterte, indem es finster ward, gemächlich die Straße am Neckar hinauf. Mit der Letzte erschleppt’ er sich fast nicht mehr, doch endlich erschienen die Lichter der Stadt und hörte er das große Wuhr ob der Brücke schon rauschen, hart neben welcher jenseits die vielen Werke klapperten.
Der Müller aß eben zu Nacht mit seinen Leuten und Gesind, darunter nur kein Kilian zu sehen war. Man sagte dem Schuster, der sei vor einem Vierteljahr gewandert. Da stand der arme Schlucker mit seinem gottigen Glücksschuh und seinem Stiefel! wußte nicht, was er jetzt machen sollte. Indes hieß ihn die Müllerin ablegen und mitessen, und nach dem Tischgebet, dieweil der Mann leicht merken mochte, es sei ein ordentlicher Mensch und habe Kummer, bot er ihm an, über Nacht im Wartstüblein, wo die Mahlknechte rasten, auf eine der Pritschen zu liegen. Das ließ er sich nicht zweimal sagen und machte sich alsbald hinunter, ein Jung wies ihm den Weg zwischen sechs Gängen hindurch, die gellten ihm die Ohren im Vorbeigehn nicht schlecht aus. Zwei Stieglein hinunter und eins hinauf, kam er in ein gar wohnliches, vertäfertes Gemach und streckte sich auf so ein schmales Lager hin. Wie grausam müd er aber war, ein Schlaf kam nicht in seine Augen: Fenster und Boden zitterten in einem fort, es schellte bald da, bald dort, die Knechte tappten aus und ein, und die ganze Nacht brannte das Licht.
Um eins, da ihn der Oberknecht noch wachen sah, sprach der zu ihm, wenn er auf Nachtruh halte, hier sei er in die unrechte Herberge geraten, das Schlafen in der Mühle woll’ gelernt sein wie das Psalmenbeten in der Hölle; er soll’ aufstehn, sie wollten sich selbdritt die Zeit vertreiben mit Trischacken — langte die Karten vom Wandbrett herunter und stellte einen vollen Bierkrug auf den Tisch. Der Seppe wollte nicht, bekannte auch, daß er Gelds ohne sei; allein da hieß es: „Schuster! dein Schnappsack hat ein leidlich Gewicht, und Stein hast du keineswegs darin; wenn aber, so sei uns ein ehrlicher Schuldner!“ So gab er endlich nach und nahm sein Spiel vor sich. Wetter! wie paßten gleich die Kerl da auf! Was er nur zog und hinwarf: allemal die besten Stiche! Jetzt wurden seine Sinne hell und wach zumal, er dachte: Hei, da springt ein Wandergeld heraus! Das erste Spiel gewonnen, das zweite desgleichen! Beim dritten und beim vierten zog er heimlich den Schuh aus unter dem Tisch, daß es nicht merklich würde, und verspielt’s damit hintereinander, doch brachte er es vier- und sechsfach wieder ein, und pünktlich machte einer jedesmal die Striche auf die Tafel, daß man’s nachher zusammenrechnen könne. Es war ihm über einen Gulden gut geschrieben, und als den andern endlich so die Lust verging, war es ihm eben recht und legte er sich noch ein Stündlein nieder. Da fiel der Schlaf auch bald auf ihn als wie ein Maltersack, doch ohne Letzung. Er war mit seinem Geist in Ulm und träumte nur von Greuel, Gift und peinlichem Gericht. Ein Mahljung, welcher durch das Stüblein lief, vernahm von ungefähr, wie er im Schlaf die Worte redete: „Fürn Galgen hilft kein Goller und fürs Kopfweh kein Kranz!“ — ging hin und hinterbracht’s den Knechten; die kamen juxeshalber und standen um den Schlafenden, sein bitterlich Gesicht bescherzend. Auch nestelten sie ihm den Ranzen auf aus Fürwitz, was er Schatzwerts darin habe, zogen das schwere Blei heraus und lachten ob des Knaben Einfalt solchermaßen, daß ihnen gleich das Schiedfell hätte platzen mögen. „Tropf!“ sprach der eine, „hast du sonst nichts gestohlen, darum springt dir der Strick nicht nach!“ — und packten’s ihm wieder säuberlich ein.
Als nun der Seppe endlich am lichten Tag erwacht war, gürtete er sich gleich, nahm Hut und Stock und fand die beiden Spielgesellen in der Mühle am Geschäft. Er hätte gern sein Geld gehabt, wenn es auch nur die Hälfte oder ein Drittel sein sollte. Sie aber lachten mit Faxen und Zeichen, bedeuteten ihm, sie verstünden nicht über dem Lärm, was er wolle, und hätten unmöglich der Zeit. Nun sah er wohl, er sei betrogen, kehrte den seellosen Schelmen den Rücken und ging hinauf, dem Müller seinen schuldigen Dank abzustatten. Dort in der Küche gab man ihm noch einen glatt geschmälzten Hirsenbrei; damit im Leibe wohl verwarmt, zog er zum Tor hinaus und über die Brücke, dann rechts Oberensingen zu. Gern hätte er zuvor den Herbergvater in der Stadt um eine Wegspend angegangen, er traute aber nicht, weil er in Ulm sich keinen Abschied in sein Büchlein hatte schreiben lassen.
Auf dem Berg, wo der Wolfschluger Wald anfangt, sah man damals auf einem freien Platz ein paar uralte Lindenbäume, ein offen Bethäuslein dabei, samt etlichen Ruhebänken. Allhie beschaute sich der Seppe noch einmal die ausgestreckte blaue Alb, den Breitenstein, den Teckberg mit der großen Burg der Herzoge, so einer Stadt beinah gleichkam, und Hohenneuffen, dessen Fenster er von weitem hell herblinken sah. Er hielt dafür, in allen deutschen Landen möge wohl Herrlicheres nicht viel zu finden sein als dies Gebirg zur Sommerszeit und diese weit gesegnete Gegend. Uns hat an dem Gesellen wohl gefallen, daß er bei aller Uebelfahrt und Kümmernis noch solcher Augenweide pflegen mochte.
Von ungefähr, als er sich wandte, fand er auf einem von den Ruhebänken ein Verslein mit Kreide geschrieben, das konnte er nicht sonder Müh entziffern; denn sichtlich stand es nicht seit jüngst, und Schnee und Regen waren darüber ergangen. Es hieß:
Ich habe Kreuz und Leiden,
Das schreib’ ich mit der Kreiden,
Und wer kein Kreuz und Leiden hat,
Der wische meinen Reimen ab!
Der Seppe ruhte lang’ mit starren Blicken auf der Schrift. Er dachte: Dem, welcher dies geschrieben, war der Mut so weit herunter als wie dir, kann sein: noch weiter. Tröst ihn Gott! — Nachdenksam kehrte er sich zur Kapelle, legte Ranzen, Hut und Stock, wie sich gebührte, haußen ab und ging, seine Andacht zu halten, hinein; nach deren Verrichtung er sich bei den Namen und Sprüchen verweilte, so von allerhand Volk, von frommen Pilgrimen und müßigen Betern, an den Wänden umher mit Rotstein oder mit dem Messer angeschrieben waren. In einem Eck ganz hinten stund zu lesen dieser Reim:
Bitt, Wandrer, für mich!
So bittst du für dich.
Mit Schmerzen ich büße,
In Tränen ich fließe.
Das Erbe der Armen,
Das heißet Erbarmen.
Recht wie ein Blitzstrahl zückten die Worte in ihn, und war ihm eben, als flehet’ es ihn aus den Zeilen an mit gerungenen Händen um seine Fürbitte, als eine letzte Guttat an der Frau, so ihrer vor allen den lebenden Menschen bedürfe. Seit jener Stunde, wo er sich im stillen von ihr schied, war ihm noch kein Bedenken oder Sorge angekommen um das verderbte und verlorene Weib; nun aber fiel das treue Schwabenherz gleich williglich auf seine Knie, vergab an seinem Teil und wünschte redlich, Gott möge ihren bösen Sinn zur Buße kehren und ihr dereinstens gnädig sein; für sich insonderheit bat er, Gott wolle seiner schonen und ihn kein blutig Ende an ihr erleben lassen. Hierauf erhob er sich, die Augen mit dem Aermel wischend, und setzte seine Reise fort.
Nach dreien Stunden, um Bernhausen auf den Fildern, hub sein Magen an mit ihm zu hadern und zu brummen. Er hätte sich mit seinem Lot in manches reichen Bauern Haus und Küche leichtlich wie Rolands Knappe helfen können, welcher vermittelst seines Däumerlings dem Sultan sein Leibessen samt der Schüssel frei vor dem Maul wegnahm. Ihm kam jedoch vor Traurigkeit dergleichen gar nicht in den Sinn: auch hatte er sein Leben lang weder gestohlen noch gebettelt. Kein leiderer Weggenoß ist aber denn der Hunger. Er rauft, wenn er einmal recht anfangt, einem Wandersmann schockweis die Kraft aus dem Gebein, nimmt von dem Herzen Trost und Freudigkeit hinweg, schreit allen alten Jammer wach, recht wie bei Nacht ein Hund den andern aufweckt, daß ihrer sieben miteinander heulen. Das dauerte bei dem Gesellen, bis endlich Degerloch da war und er nun um die Mittagszeit seine Vaterstadt im lichten Sonnenschein und Rauch vom Berg aus liegen sah. Da brannten ihn die salzigen Tropfen vor Freuden im Aug’ und waren seine Füße alsbald wie neugeboren.
Von weitem hörte er Trompetenschall und sah es vor dem Tor und in den Straßen blinken und wimmeln. Die Ritter kamen in Harnisch und Wehr zurück vom großen Stechen: Roß und Mann bis an den Helmbusch voller Staub. Es wogte bunt von Grafen, Edelherrn und Knappen, von Bürgersleuten und vielem Landvolk.
Der Seppe drückte sich, wie er zur Stadt hineinkam, scheu nur an den Häusern hin: denn ob er gleich unsichtbar ging um seiner schlechten Kleidung willen, auch weil er übel, schwach und schwindlig war vor übergroßer Anstrengung, weshalb er nicht viel Grüßens oder Redens brauchen konnte, so war ihm doch bei jedem Schritt, wie wenn die Blicke aller Leute auf ihn zielten, und wurde rot und blaß, so oft als ein guter Bekannter oder ein Mädchen seiner alten Nachbarschaft bei ihm vorüber lachte. Er strebte einem engen Gäßchen zu im Bohnenviertel, wo eine alte Base von ihm wohnte. Am Eck schob er den Ranzen rechts herum, und schon von ihrem Fenster aus begrüßte ihn das gute Fraulein, seine Dot. Er sprang mit letzten Kräften die Stiege noch hinauf, aber unter der Tür knickt’ er in den Knien zusammen und schwanden ihm zumal die Sinne. Die Frau rief ihren Hausmann, holte Wein und was sonst helfen mochte. In Bälde hatten sie den armen Lungerer so weit zurecht gebracht, daß er auf seinen Füßen stehn, sich hinter den Tisch setzen, essen und trinken konnte.
Dabei erzählte ihm das Mütterlein, was sich alle die Zeit her begeben: vom großen Beilager im Schloß wie auch, daß morgen noch ein Haupttag sei. Weil nämlich eben Faßnacht in der Nähe war und die erlauchte Braut nichts lieber sah als einen schönen Mummenschanz, so wurde von dem Rat der Stadt beschlossen, daß ein solcher mit ausnehmender Pracht auf dem Markt gehalten werde. Der Graf dagegen wollte zu Mittag die Bürgerschaft in den Straßen bewirten, welches der Jahreszeit halben wohl geschehen mochte, indem der Winter so gelind und kurz ausfiel, daß wahrlich im Stuttgarter Tal fast die Bäume ausschlugen. „Auf diesen Tag nun, siehst du,“ sprach die Base, „tut jung und alt sein Bestes, der Arme wie der Reiche: wer keinen Heiden oder Mohren machen kann, der findet einen bunten Lappen zum Zigeuner, und wem die Larve fehlt, der färbt sich im Gesicht. Da hat vorhin die Kiderlen, die Vrone, die du kennst, sich Feierwams und Hosen von ihrem Vetter, meines Hausmanns Buben, abgeholt, und er verbutzet sich mit seiner Ahne ihrem Hochzeitstaat. Seppe, wir müssen uns für dich beizeiten auch nach was umtun. Für jetzo, schätz’ ich aber, hast du das Bett am nötigsten.“ — „Ach wohl, Frau Dot!“ sprach er, „und ich wollt’ nur, die Nacht hätt’ ihre achtundvierzig Stund!“ — „Nun,“ meinte sie, „vier hast du, bis wir essen; da läßt sich schon ein schön Stück Schlafs vorweg herunterspinnen!“ — und führte ihn hinauf in eine kleine Kammer, in welcher allezeit ein gutes Gastbett aufgemacht war.
Kaum hatte er sich ausgezogen und sein zerschelltes, zerbrechliches und ganz vermürbtes Knochenrüstwerk behutsam ausgestreckt, da schlief er auch schon wie ein Dachs und so in einem fort bis abends spät, wo ihm die Frau eine Suppe mit Fleisch hinaufbrachte und noch ein wenig mit ihm diskurierte. Nun wünschte sie ihm gute Nacht und ging mit ihrem Licht.
Sie war aber die Stiege noch nicht gar hinunter, so ruckt etwas an seinem Stuhl, ein Lämplein macht die Kammer klar, und eine Stimme sagte: „Grüß dich Gott, Seppe! verschrick nit! der Pechschwitzer ist es, der Hutzelmann, der Tröster. So, so, auch wieder hiesig? Sorg nit, ich plag’ dich lang’! du brauchst der Ruh’. Und auf ein Wort: sag an! gelt, Bursch, hast’s Klötzle?“
„Jo freile han i’s, Meister.“
„Laß sehn! wo steckt’s? im Bündel? — Hab’ es schon! bei meinem Leisten! ja, da glotzt er ’raus, der Krackenzahn. Du erzigs Narrenglückskind, du! Und hast fein nur mit seinem Hund gejagt! Du Malefizglücksspitzbub, du!“ — Mit diesen und viel andern närrischen Ausrufungen bewies das Männlein seine Freude. Drauf sagte es mit Ernst: „Mein Sohn, du hast dies teuere Stück, wie du zwar schuldig warst, deinem Patron getreulich überliefert, da du es nicht allein im Nonnenhof können vertrumpeln um einen Pfifferling aus des Wasserweibs Hafen, sondern konntest vor Kaiser und Könige gehen damit, die hätten dir dies schlechte Blei gern sechsmal und mehr mit Gold aufgewogen. Nun, Seppe, denk an mich! Das sollt du nicht bereuen. Hab gute Nacht!“ — Im Gehen frug er noch: „Wie sicht’s mit dem Laiblein?“
„Ja, Meister, um sell bin i komma, sell ist —“
„Gfressen?“
„Jo, aber ett vo mir!“
„Ei, daß dich! hat das auch müssen verhansleartlet sein! Nun, wenn’s nur gfressen ist! gibt wieder einmal ein anders vielleicht. Bhüt Gott! Morgen bei rechter Zeit siehst mich wieder.“
Die Sonne ging am andern Morgen glatt und schön herauf am Himmel und hatte die Nebel über der Stadt mit Macht in der Früh’ schon vertrieben. Man hörte die Gassen aus und ein vielfach Geläufe, Lachen und Gesprang; es war schon um die Achte, in einer halben Stunde ging der Aufzug an. Da hielt es die Base nun hoch an der Zeit, daß sie ihr Patlein wecke, denn, meinte sie, auf allen Fall muß er die Herrlichkeit mitmachen und soll so gut wie jeder andere Bürgersohn an der Gesellentafel speisen auf des Herrn Grafen Kosten. Mit Mühe hatte sie noch gestern abend einen langen weißen Judenbart samt Mantel und Mütze für ihn bei einer Trödlerin mietweis erlangt. Sie nahm den Plunder auf den Arm, den guten Burschen gleich auf seiner Kammer damit zu erfreuen: da klopft es und kam ein junger Gesell herein, wenig geringer als ein Edelknabe angezogen, mit einem krachneuen, rotbraunen Wams von Samt, schwarzen Pluderhosen, Kniebändern von Seide und gelben Strümpfen. Er hielt sein Barett vors Gesicht gedeckt, und als er es wegnahm, stand da vor seiner lieben Dot der Schuster Seppe mit Blicken, halb beschämt und halb von Freude strahlend. Die Frau schlug in die Hände, rief: „Jemine! was soll das heißen? Bub, sag! wo hast du das geborgt?“ — „Ihr sollt’s schon heut’ noch hören, Bas’: es ist eine weitläufe Sach’, und ich muß gleich fort.“ — „Nun sei’s, woher es wolle: aus einem vornehmen Schrank muß es sein. Nein, aber, Seppe, wie gut dir’s steht, alles, bis auf den feinen Hemdkragen hinaus! Ich sag’ dir, es wär’ Sünd und Schad, wenn du eine Larve umbändest. Mein Jud, so viel ist ausgemacht, darf seinen Spieß jetzt nur wo anders hintragen. Da schau einmal, was ich dir Schönes hatte!“ — Und hiermit lief sie in die Küche, dem Knaben eine gute Eiergerste zum Morgenatz zu bringen.
Derweil er seine Schüssel leerte, zog sich die Base im Alkoven festtägig an. Sie wollte des Getreibes gern auch Zeuge sein, von einem obern Fenster aus bei einem Schneider auf dem Markt. Der Seppe aber eilte ihr voraus, Sankt Leonhards Kapelle und der Wette zu, stracks auf den Platz.
Von keiner Seele unterwegs ward er erkannt noch auch gesehn. Warum? Er wird doch nicht das Lot mitschleppen? Nein, aber seine linke Brusttasche barg eine zierliche Kapsel, darinne lag der ausgezogene Krackenzahn, gefaßt in Gold und überdies in ein goldenes Büchslein geschraubt, samt einer grünen Schnur daran. Der Hutzelmann ließ alles über Nacht von einem Meister in der Stadt, mit welchem er gut Freund war, fertigen und übergab dem Seppe das Kleinod mit der Weisung, dasselbe seinem Landesherrn, dem Grafen, zu Ehren seines Jubeltags nachträglich zu behändigen, sobald er merke, daß der Scherz zu Ende gehe und die Herrschaft am Aufstehen wäre.
Wie der Gesell nunmehr an Ort und Stelle kam, sah er den weiten Markt bereits an dreien Seiten dicht mit Volk besetzt und Kopf an Kopf in allen Fenstern. Er nahm seinen Stand beim Gasthof zum Adler, und zwar zuvörderst unsichtbar, außer den Schranken. Etliche Schritt weit von den Häusern nämlich liefen Planken hin, dahinter mußten sich die Schaulustigen halten, daß innerhalb der ganze Raum frei bleibe für die Faßnachtsspiele, sowie auch für die fremden Tänzer und Springer, welche ihr großes Seil ganz in der Mitte querüber vom Rathaus aufgespannt hatten, dergestalt, daß es an beiden Seiten gleich schräg herunterlief und hüben und drüben noch ein breiter Weg für den Maskenzug blieb.
Am Rathaus auf der großen Altane erhub sich ein Gezelt von safranfarbigem Samt mit golddurchwirkten Quasten, den gräflichen Wappen und prächtigen Bannern geschmückt. Den Eingang schützten sechs Hellebardierer aus der Stadtbürgerschaft. Es hingen aus den Fenstern aller Häuser bunte Teppiche heraus, und an den Schranken standen, gleichweit voneinander, grüne Tännlein aufgerichtet. Von den sechs Straßen am Markt waren viere bewacht: darin sah man die Tische gedeckt für das Volk, Garküchen und Schankbuden, wo nachher Bier und Wein gezapft wurde und fünfzig Keller- und Hofbartzefanten die Speisen empfingen.
Gegen dem Rathaus über sodann, am andern Ende des Markts, war der Spielleute Stand. Dieselben machten jetzo einen großen Tusch, denn aus der Gasse hinter ihnen nahete der Hof, nämlich Graf Eberhard mit dem von Hohenberg, dem Vater, das jüngst vermählte Paar wie auch des Grafen Sohn, Herr Ulrich, auf weißen, köstlich geschirrten Rossen, die Gemahlin des Grafen und andre hohe Frauen aber in Sänften getragen; zu deren beiden Seiten gingen Pagen und ritten Kavaliere hinterdrein.
Sobald die Herrschaften, vom Schultheiß gebührend empfangen und in das Rathaus geleitet, auf der Altane Platz genommen, einige vornehme Gäste jedoch an den Fenstern, begann sogleich der Mummenschanz.
In guter Ordnung kamen aus der Gasse an dem Rathauseck beim Brunnen mit dem steinernen Ritter so einzelne wie ganze Rotten aufgezogen.
Zum Anfang wandelte daher der Winter als ein alter Mann, den lichten Sommer führend bei der Hand, als eine hübsche Frau. Sie hatte einen Rosenkranz auf ihrem ungeflochtenen gelben Haar, ein Knäblein trug den Schlepp ihres Gewands samt einem großen Blumenstrauß, ein anderes trug ihm ein Kohlenbecken nach und einen dürren Dornbusch. Auf seinem Haupt und Pelz war Schnee vom Zuckerbäcken; sie raubte ihm bisweilen einen Bissen mit zierlichem Finger davon zur Letzung bei der Hitze, das er aus Geiz ihr gern gewehrt hätte.
Nun ritt der hörnene Siegfried ein mit einer großen Schar, auch der schreckliche Hagen und Volker.
Dann gingen zwanzig Schellennarren zumal an einer Leine, die stellten sich sehr weise an, da jeder blindlings mit der Hand rückwärts den Hintermann bei seiner Nase zupfen wollte; der letzte griff gar mühlich immer in der Luft herum, wo niemand mehr kam. Auf einem höllischen Wagen, gezogen von vier schwarzen Rossen, fuhr der Saufteufel, der Spielteufel und ihr Geschwisterkind, Frau Hoffahrt, mit zweien Korabellen, und hatten zum Fuhrmann den knöchernen Tod.
Jetzt segelte ein großes Schiff daher auf einem niederen Gestell; dies war mit wasserblauem Zeug bedeckt, und sah man daran keine Räder noch solche, die es schoben. Auf dem Verdeck stund der Patron, ein niederländer Kaufherr, welcher sich die fremde Stadt so im Vorüberziehn beschaute.
Dahinter kam ein Kropfiger und Knegler mit jämmerlichen dünnen Beinen und führte seinen wundersamen Kropf auf einem Schubkarren vor sich her mit Seufzen und häufigen Zähren, daß er der Ware keinen Käufer finde, und rief dem Schiffsherrn nach, sein Fahrzeug hänge schief und mangele Ballasts, er wolle ihm den Kropf um ein Billiges lassen. Gar ehrlich beteuerte jener, desselben nicht benötigt zu sein; doch als ein mitleidiger Herr hielt er ein wenig an und gab dem armen Sotterer viel Trost und guten Rat: er möge seines Pfundes sich nicht äußern, vielmehr fein hüten und pflegen, es sollte ihm wohl wuchern, wenn er nach Schwaben führ auf Cannstadt zum ungeschaffenen Tag; es möge leicht für ihn den Preis dort langen. Da dankte ihm der arm Gansgalli tausendmal und fuhr gleich einen andern Weg; der Kaufmann aber schiffte weiter.
Mit andern Marktweibern, ausländischer Mundart und Tracht kam auch ein frisches Bauermägdlein, rief: „Besen, liebe Frauen! Besen feil!“ — Sogleich erschien auf dem Verdeck des Schiffs ein leichtfertiger Jüngling in abgerissenen Kleidern, eine lange Feder auf dem Hut und eine Laute in der Hand. Sein Falkenauge suchte und fand die Verkäuferin flugs aus dem Haufen der andern heraus, und zum Patron hinspringend, sagte er mit Eifer, in dieser Stadt sei er zu Haus, er habe gerade geschlafen und hätte schier die Zeit verpaßt; er wolle da am Hafendamm aussteigen, wofern der Patron es erlauben und ein wenig anlegen möchte. Der gute Herr rief dem Matrosen, es ward ein Brett vom Schiff ans Land gelegt, der Jüngling küßte dem Kaufmann die Hände mit Dank, daß er ihn mitgenommen, sprang hinüber und auf das Bauernmägdlein zu. Nun führten sie ein Lied selbander auf, dazu er seine Saiten schlug. Während desselben hielt der ganze Zug, und alles horchte still.