»Nun ja,« entgegnete der Oberschultheiß höhnisch, »ihr Herren seid die Lämmlein, wir die Wölfe. Wir kennen das! Nur müßt ihr dafür sorgen, daß man euch auch alles glaubt, was ihr von euch behauptet. Kann euch versichern, ihr habt große Gegner hier!«

»Das bringt der Name Jesuit mit sich,« scherzte Spee. »Seid überzeugt, wir fürchten keinen Gegner, wie wir keinen hassen. Das Maß der Liebe ist für alle gleich.«

— — Der Eintritt der beisitzenden Räte unterbrach das Zwiegespräch. Spee verfügte sich in eine Ecke des Saales, um dort dem Gange der Verhandlung folgen zu können, indes die Herren ihre Plätze einnahmen und die Angeklagte, begleitet von zwei Schergen, eintrat.

Der Stuhl des Rates Gering blieb unbesetzt; ein leichtes Unwohlsein hinderte den Ehrenwerten an Erfüllung seiner Richterpflicht.

Die alte Ammfrau stand zitternd vor dem Gerichtshofe. Die Folgen der ausgestandenen Torturen zeigten sich noch deutlich an den geschwollenen Gelenken, das Antlitz deckte eine geisterhafte Blässe.

»Die Angeklagte soll in dem Bekenntnis weiterfahren!« befahl der Oberschultheiß.

Die Alte schüttelte den Kopf und sah mit schmerzlicher Miene zu Boden.

»Ich kann nicht!« seufzte sie.

»Gedenke Sie der Peinen!« mahnte der Richter.

Sie zuckte zusammen und ein glühender Blick traf den Quäler.

»Gibt's keine Gnade?« fragte sie zögernd.

»Nein.«

»Und wenn ich nichts mehr sage? Wenn ich all Euerem Drängen beharrliches Schweigen entgegensetze?«

»Umsonst! Hat Sie denn nicht bereits bekannt daß Sie mit dem Satan einen Bund geschlossen, daß Sie Gott verleugnet hat? Hat Sie nicht damit schon den Tod verdient?«

»Den Tod!« wiederholte tonlos die Ammfrau. »Ein eisigkaltes Wort — der Tod! Ist's nicht schon Schrecken genug, wenn er am Lebensabend sich allmählich in die welken Glieder schleicht und Mark und Kraft mit wachsender Begierde frißt, bis sich die Augen brechend schließen und das kleine Ding da drinnen in der Brust sein Hämmern und sein Pochen endet? — Muß denn der Tod als Flamme, Rad und Schwert das Leben morden? Wohlan,« — und ihre Stimme wuchs an Kraft und schneidender Schärfe — »wohlan, ihr Herren, ich frage euch, wollt ihr mich zwingen, eueren Fragen Rede zu stehen, auch dann zwingen, wenn über diese welken Lippen ein Strom von Jammer fließt, der euere ganze Stadt erzittern macht? Sagt, bebt ihr nicht zurück vor dem Gedanken, daß, wenn mein Mund sein letztes Wort gesprochen, des Klagens und der Tränen unter euch kein Ende sein wird? Ihr könnt mich quälen, foltern, unter euere Füße treten, ich kann es nicht verhindern. Aber eine Macht ist mir geblieben, die, wie der Fels hoch übers Meer, so über mein Elend weit hinausragt — meine Zunge!«

Ein kalter Schauer bemächtigte sich der Richter, als sie des Weibes Worte hörten und in das Antlitz schauten, aus dem die Rache und der Wahnsinn grinsten.

»Hier steht das Kreuz,« sprach der Oberschultheiß mit leicht bebender Stimme. »Gott die Ehre — uns die Wahrheit! Rede Sie!«

Die Alte warf einen schnellen Blick nach dem Kruzifixe. »Laßt unsern Herrgott aus dem Spiele, er hat mit euch und mit mir nichts gemein. Gebt acht auf jegliches Wort, das ich zu euch nun rede, 's ist Blut und Mord. Und wenn es euch das Herz im Leibe erstarren macht, wenn hoch und immer höher des Elendes Fluten steigen, bis Ungezählte sie verschlungen, dann flucht nicht mir, flucht euch!«

»In einer Erchtagnacht war's und um Andreastag, da führte mich der Satan in seinem Gespenste an die Wegscheid auf dem Kreidenberg. Die Nacht war grimmig kalt und rabenschwarz. Da sah ich, wie von allen Seiten rote Flämmchen niederzuckten; ein Licht, wie ich noch keines gesehen, warf seinen Schein rings auf den Plan. Ein Sausen und ein Schwirren zog durch die Luft, und ehe ich mich versah, füllte sich der Kreidenberg mit Hexen an. Es mögen an dreitausend dort gewesen sein. Der Teufel ließ zum Tanze spielen und alles drehte sich, wie wenn der Sturmwind, ist es Herbst geworden, mit dem Laube sein wirbelndes Spiel treibt. Dann ward gezecht. Es war Kinderfleisch, das uns gegeben wurde, doch ohne Salz. Der Wein war gut. Wir stahlen sieben Fuder aus des Fürstbischofs Keller. Darauf hielten wir geheimen Rat, wie wir die Frucht des Feldes verderben, Mensch und Vieh verzaubern und selbst der Kinder nicht verschonen wollten.«

»Schrecklich,« stöhnte der Oberschultheiß.

Das Weib sah ihn durchbohrend an. »Das Schrecklichste kommt erst. Ich soll euch auch wohl sagen, wer mit auf jenem Hexensabbat war? — Daß ihr so schüchtern nickt, seid doch sonst so fest und hart! — Nun hört! Ich habe dort gesehen über zwanzig Mädchen unter dreizehn Jahren. Die haben gräßlich Wehe über ihre Mütter ausgerufen. Dann das Göbel Babelin, die schöne, stolze Dirne, des Ratsherrn Gering blinde Elsa, den dicken Baunach, Batsch, den Gerber, meine Nachbarin, die Hüterin auf der Brücke, den Spittlmeister vom Dietricher Spital und des Dompropstes Vögtin.[M] Habt ihr genug gehört? — Was sitzt ihr da, ihr harten Herren, als wäret ihr zu Stein geworden? — Ich habe euch gewarnt, ihr sollet mich nicht zu reden zwingen. Ihr habt's gewollt — nun sterb' ich nicht allein.«

Die Richter saßen wie gelähmt vor Schrecken und Angst. Selbst der Oberschultheiß war in seinen Stuhl zurückgesunken und glich fast einer Leiche. Die Alte aber ließ einen triumphierenden Blick über alle gleiten, ihr Auge trank mit Wollust die ersten Tropfen eines Wehe, das nur zu bald zum Strome werden sollte.

Pater Spee war bisher stille in seiner Ecke gestanden und hatte der Rede der Alten gelauscht. Seine Seele blutete, als er jene Worte hörte, aus denen die Rache drohend tönte. Dem tiefblickenden Manne war es klar, daß das, was hier als Geständnis gesprochen wurde, nichts anderes war als ein Massenmord, erst mit der Zunge begonnen, um dann mit Rad und Feuer vollbracht zu werden. Sein Herz duldete ihn nicht mehr in dem verborgenen Winkel, er mußte seinem Schmerze, seiner Entrüstung, wie seiner brennenden Liebe Worte leihen.

»Bernin,« sprach er, neben die Angeklagte hintretend, »haben Euere Lippen nichts Böses gesprochen?«

Die Alte fuhr bei seinem Anblicke erschrocken zurück. Dann maß sie ihn mit einem Blicke tiefen Hasses.

»Was wollt Ihr hier?« grinste sie. »Hab' ich nicht an denen dort genug? Laßt mich in Ruhe!«

»Seid nicht hart! Ich will Euch ja nicht quälen. Es ist die Liebe, die mich zu Euch sprechen heißt.«

»Die Liebe?« rief die Ammfrau. »Herr, das Wort ist schön, wunderschön. Aber was Ihr Liebe nennt, das ist schon längst gestorben und begraben. Lügt mich nicht an, es gibt keine Liebe mehr, und auch in Euerem Herzen ist sie tot. Ja,« fuhr sie fort, »wenn die Liebe lebte, dann wäre es nicht Nacht auf Erden, dann rauchte nicht das Blut der Gemordeten und gäbe die Luft nicht alle die Seufzer wieder, die das Unglück ihr vertraut. Es gibt keine Liebe — nein — nein, sie ist gestorben — tot — und steht nicht wieder auf!«

»Armes Weib!« klagte Spee; »wahrhaftig arm, weil sie den Glauben an die Liebe ganz verloren hat. O denket, wenn Ihr an den Menschen zweifelt, an die Gottesliebe, die nicht gemessen, nicht erschöpft werden kann. Legt Euer Elend in sie nieder, Ihr findet dort Heilung — Friede!«

»Zu spät — zu spät!« sprach die Alte und ließ das Haupt auf die Brust herabsinken. — »Ja, es war eine Zeit, da konnte ich glauben, beten und im Gebete glücklich sein! Da war ich noch ein Kind — es ist lange her —, doch die Erinnerung ist in mir nicht gestorben. O schöne Zeit, daß du entschwinden mußtest! Dann kam es anders. Wild, wie die Jagd den Wald durchtobt, durchtaumelte ich das Leben — immer schneller, immer rasender, berauscht von wermutbitterer Lust. Ein böser Mensch brachte mich auf böse Wege, nicht der Satan. Das hat ein Mensch getan! — Er sei verflucht! — Nun herrscht der Teufel über mich und tausend andere, die gleich mir sich ihm ergeben durch das Laster. Hu, wie mich friert, und doch, wie's drinnen brennt und wie im Kopfe hier sich die Gedanken drehen! Ja, ja, der Teufel herrscht!«

Sie hatte die letzten Worte im schrillen Tone wachsenden Wahnsinnes ausgestoßen, dann sank sie auf das Pflaster nieder.

Spee wollte ihr zu Hilfe eilen, doch sie wies ihn mit finsterem Blick zurück.

»Laßt mich,« sprach sie, »ich bin nur müde. — He, ihr Herren dort, setzt euch zu mir, wir wollen Hochzeit halten. Ihr wollt nicht? Was ihr spröde seid!«

»Bernin!« sprach der Oberschultheiß mit zitternder Stimme.

Die Alte horchte auf.

»Wie ist's denn möglich, daß unschuldige Kinder bei eueren Hexentänzen sollen gewesen sein? Sie sprach doch von mehr als zwanzig Mädchen, die mit ihr den Hexentanz am Kreidenberge hielten?«

»Geht mir erst aus den Augen, Pater,« sprach sie, Spee mit dem Arme von sich drängend. »Ich kann nicht reden, wenn ich Euch in meiner Nähe weiß.«

»Ihr sollet auch nicht reden,« entgegnete der Jesuit. »Ihr Herren,« fuhr er, sich an die Richter wendend, fort, »fragt sie nicht mehr, es ist ja Wahnsinn, was sie redet.«

»Pater,« gab stolz der Oberschultheiß zurück, »ich sollte Euch nicht erst darauf aufmerksam machen müssen, daß Ihr hier nichts zu sprechen und zu raten habt. Laßt es Euch belieben und ziehet Euch zurück! Und nun rede Sie!«

»Es gibt Priester, die taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Dann setzen sie dazu: und in des Teufels Namen! Dadurch verfallen die Kleinen dem Satan.«[N]

»Es ist nicht möglich!« rief Spee, vom Unwillen überwältigt, und verbarg das tränenfeuchte Antlitz in seinen Händen.

»Warum nicht möglich?« gab der Oberschultheiß in spitzem Tone zurück. »Heutzutage ist alles möglich. Die Angeklagte nenne Namen!«

»Die ich weiß, die will ich Euch wohl sagen. Da ist erstlich der Schwerdt, Vikarius im Dom, dann der Nikodemus Hirsch, Chorherr im neuen Münster, der Melchior Hammelmann, Vikarius zu Hach, und endlich Christophorus Barger, Vikarius im neuen Münster.[O] Mehr weiß ich nicht. Laßt's Euch genügen!«

Die Ammfrau verfiel nach diesen Worten in ein dumpfes Brüten, aus dem sie nichts zu wecken vermochte. Sie kauerte auf dem Estrich und fuhr mit dem Zeigefinger der rechten Hand an den Fugen der Steinplatten auf und ab, schüttelte den Kopf, daß die grauen Haare über das Gesicht herunterhingen, und brach dann plötzlich in ein lautes Lachen aus, das grausig vom Gewölbe widerhallte.

Zwei Schergen faßten sie und trugen sie auf des Oberschultheißen Befehl nach dem Kerker zurück.


7. Kapitel: Edle Menschen

In einem prächtigen Gemache des alten Bischofshofes spielt ein einsamer, später Sonnenstrahl um reichvergoldete Möbel, seinen Glanz an ihrem Glanze messend. Dann hüpft er, froh des gewonnenen Sieges, über die schweren gewirkten Tapeten, tanzt auf den massigen Skulpturen des Plafonds und springt dann wieder auf den Boden nieder, um das Windspiel zu necken, das dort auf seidenen Kissen ruht.

In der Mitte des Gemaches steht ein großer, ernster Mann. Der Sonnenstrahl huscht scheu an ihm vorüber, nur an den Diamanten des goldenen Pektorales tippt er mit flüchtigen Blitzen. Dann verkriecht er sich wie ein zu Tod erschrecktes Kind am Himmel hinter einer Wolke und will sich nicht mehr sehen lassen.

Der Abend dämmert nieder und pflückt die letzten Lichter von der Erde.

Der Fürstbischof Philipp Adolf von Ehrenberg tritt, aus seinen Gedanken erwachend, an den Schreibtisch, auf dem sich Aktenstücke befinden. Sein Auge ruht auf einem Blatte mit tiefem Ernste. Es sind nur wenige Zeilen, die, wie sie leblos ihm entgegenstarren, so ihm auch vom Tode reden.

»Ein Urteil!« spricht der Kirchenfürst in halblautem Tone.... »Und allda an der Säulen durch den Nachrichter vom Leben zum Tode strangulieret, auch alsbald darauf der Körper mit dem Feuer zu Pulver verbrannt werden soll!«... »Mit dem Feuer zu Pulver verbrannt,« fuhr der Fürstbischof nach einer Pause, die letzten Worte des Urteils wiederholend, fort. — »Es ist doch ein schreckliches Amt, zu richten über Leben und Tod! Gott gab die Gewalt dazu — 's ist wahr; aber liegt in der berechtigten Gewalt auch schon die Bürgschaft, daß sie nicht irrt, ja, daß sie nicht von menschlicher Leidenschaft sich auf falsche Bahnen drängen läßt und zum gemeinen Mörder wird? Was geschah nicht alles im Namen des Rechtes und der Macht, daß es sich nicht getrost neben das Schlechteste stellen darf, das die Erde gesehen? Was ist Gesetz und Recht und Macht, wenn sie nicht ein reiner Ausfluß von Gottes Willen sind? Kann nicht auch das Gesetz zur Schmach der Menschheit werden, zum fluchwürdigen Tyrannen, der nicht das Gute will, sondern die Guten entehrt und knechtet? Hätte die Menschheit nicht immer mehr und mehr verlernt, in Gottes Wort Gesetz und Wahrheit zu erkennen, wir brauchten all den Wust von Menschensatzung nicht.....«

»Ich kann nicht unterzeichnen, wenigstens heute nicht! Die Seele sträubt sich und der Wille! Wie schön, wie beneidenswert wäre des Fürsten Los, wenn er nur Liebe zu verteilen hätte, wenn nie die Hand, der Mund, das Auge strafen müßten! Das ist ein frommer Wunsch, wie ihrer Tausende im Menschenherzen leben; doch, kann er auch nicht ganz zur Wahrheit werden, so soll er doch soweit Gestalt und Leben haben, als es der Liebe möglich ist.«

Zwei Edelknaben mit brennenden Wachskerzen traten ein und blieben ehrerbietig zu beiden Seiten der Türe stehen.

Philipp Adolf wandte sich wohlwollend zu ihnen.

»Nun, Kurt von Ratzenstein, wie gefällt dir der neue Dienst?«

»Sehr gut, durchlauchtigster Herr,« entgegnete der frische, prächtige Knabe mit den großen, dunkeln Augen. »'s ist alles gar herrlich hier, hab' auch dem Heimweh Valet gesagt, nur —«

»Nun, was fehlt?«

»Ein Roß!« platzte der Junge heraus. »Seht, hoher Herr, es ist bei aller Pracht ein trostloses Leben, so fein demütig auf eigenen Socken schreiten müssen, sachte Schritt für Schritt und schön bedächtig, wie der Hofmarschall es will, statt auf einem stolzen Rosse reiten, wie ein Ritter alter Zeit oder ein kühner Feldhauptmann vor seinem Fähnlein Soldaten!«

»Bist noch zu klein für Roß und Bügel,« scherzte der Fürstbischof.

»Nein, nein, Durchlaucht! Bin nicht zu jung und klein,« rief der Page und streckte seine geschmeidige Gestalt. »Seht nur, wie groß ich bin!«

»Und du, mein lieber Fischbaum,« sprach der Fürstbischof, sich zum andern Pagen wendend, »willst du auch gleich deinem Genossen dich auf einem Pferde tummeln?«

Der Knabe schüttelte leicht das Haupt mit den langen, blonden Locken. »Verzeiht die offene Rede, mich lockt nicht Pracht, nicht Saitenspiel, nicht Schwerterklirren. Mein Sinn steht nach der Einsamkeit. Ich möchte Priester werden, kein so hoher Herr wie Ihr, auch nicht ein Domherr oder Propst; ein schlichter Priester ohne Namen und Rang, doch voll des heiligen Feuereifers für Gottes Ehre und für der Menschen Heil!«

»Ein großes Wort aus Knabenmunde!« versetzte wohlwollend Philipp Adolf. »Gott segne dich und gebe deinem Wunsche gnädige Erfüllung! — Sind die Herren schon versammelt?«

»Ja, Durchlaucht!«

In einem großen Saale, von dessen reichgeschmückter Decke schwere Kronleuchter mit brennenden Wachskerzen hingen, bewegte sich eine flüsternde Gesellschaft: Adelige, Domherren, Prälaten, Professoren, Gelehrte und Künstler. Das buntfarbige Bild der glänzend geputzten Menschen, wie der in ihrem einfachen Habite doppelt ehrwürdig schreitenden Mönche stach gar eigen von den Gobelins der Wände ab, von denen Saul und Salomon und David in starrer Verwunderung auf die wogende Menge herabsahen. Rings an den Wänden zogen sich mit roter Seide bezogene Stühle hin, deren schnörkelreiches Schnitzwerk und künstlich gebogene Füße in dem hellglänzenden Parkettboden widerstrahlten. In zwanglosen Gruppen standen die Herren beisammen, die Neuigkeit des Tages oder ihres Amtes oder eine weise Meinung bald mit einfacher Würde, bald mit hochgezogenen Augenbrauen und gar wichtiger Gebärde dem minder weisen oder erfahrenen Zuhörer gnädigst auseinandersetzend.

»Seht, werte Herren,« sprach einer vom Adel, den Degen wagrecht an der linken Seite haltend und mit der Rechten, wohl dem goldenen Ringe mit dem großen Solitär zuliebe, beständig in den Lüften fuchtelnd, »ich liebe mein Vaterland gewiß aufrichtig, gar kein Zweifel, anerkenne auch, daß einige Kunst und Wissenschaft in Deutschland blüht, jawohl, aber fein, elegant, mit Genuß versteht man nur in Frankreich das Leben sich auszuschmücken. Mon Dieu, wir haben Schneider; was können sie? Einen Bürgerrock zusammenflicken! Sonst nichts! Ich frage, wo wird in Deutschland eine Leinwand gewoben, die so zart wäre wie die aus Frankreich? Ah, messieurs, ich beziehe seit einiger Zeit alles — alles aus Frankreich, selbst Rasiermesser und Scheren, auch meine Hemden; sind sie doch schon darum besser als die deutschen, weil sie ein wenig von der französischen Luft parfümiert worden sind. Ja. Und erst unsere deutsche Sprache, ah, messieurs, wie barbarisch sie klingt, man kann wahrlich nur mehr Französisch sprechen, wenn man auf Anstand Anspruch machen will.[P] Ja. Es ist nur auf das tiefste zu bedauern, daß Durchlaucht diesen Ideen nicht zugänglich ist, seinen Hof nicht französisiert und ausländische Gelehrte, Künstler und Musiker beruft! — Voilà, messieurs, sehen Sie nur unsere ehrenwerten Professoren da drüben in der Ecke an, sind sie nicht wie Eisbären oder wie die dicken schweinsledernen Bücher, aus denen sie ihre Weisheit holen? Wahre Nachteulen — n'est-ce pas

Der feine Herr war nicht wenig verblüfft, als ihn seine Zuhörer mit einer Miene ansahen, die alles eher als Zustimmung oder gar Bewunderung ausdrückte.

»Laßt das tolle Zeug, Herr Graf,« antwortete ziemlich polternd der Ratsvogt Hillmann; »was soll das fremde Wesen bei uns? Verdamme mich Gott — verzeiht, ihr Herren, ich glaube gar, ich hab' geflucht —, mir dreht sich immer Seele und Magen um, wenn ich von deutschem Maul auf deutschen Fleiß und deutsches Wissen schimpfen höre. Tut nicht gut. Wißt Ihr, was unser Walther von der Vogelweide singt? Ich will's Euch sagen, wenn's auch barbarisch Euren Ohren klingen mag. Gebt acht!

Diutsche Mann sind wol gezogen,
Rehte als Engel sind diu Wib getan,
S' wer sie schiltet, der 'st betrogen:
Ich enkan sie anders nicht verstan.
Tugend und reine Minne,
S' wer die suochen wil,
Der soll kommen in unser Land:
Da ist Wünne viel!

So ist's! Deutsche Zucht geht vor allem, und nicht fremdes Zeug. Deutscher Mann — Ehrenmann, deutscher Sinn ist Ehrenpreis, deutsches Herz Vergißmeinnicht, deutsche Treue Augentrost.«

Der Edelmann wollte eben Antwort stehen, und daß diese nicht so fein geduftet hätte als sein Batisttaschentuch, dafür bürgten seine zornglühenden Augen; allein der Eintritt des Fürstbischofs ließ jede Unterhaltung verstummen, und so begnügte er sich damit, den deutschen Bären wenigstens mit einem Blicke tiefster Verachtung zu strafen.

Philipp Adolf liebte es, von Zeit zu Zeit die hervorragenden Männer seiner Residenz um sich zu versammeln, um durch sie mit seinen Untertanen in steter Berührung und Fühlung zu bleiben, deren Wünsche, Klagen und Ansichten kennen zu lernen und überall nach Möglichkeit helfend, aufmunternd oder hemmend dazwischenzutreten.

Die Zeit, zu welcher er über das schöne Frankenland herrschte, war eine sehr bewegte. Die Greuel des Dreißigjährigen Krieges befleckten deutschen Boden, Tilly hatte bei Lutter am Barenberge einen glänzenden Sieg über König Christians Heeresmassen erfochten, unbegreiflicherweise aber denselben nicht ausgenützt. Und wie die Erfolge der einzelnen Feldherren wechselten, so auch die Sorge der deutschen Reichsfürsten und ganz besonders der geistlichen Regenten, welche dem Verlaufe dieser langen, grausen Kriegszeit mit doppelt lebhaftem Interesse folgten.

Zu dieser Sorge kam nun für Philipp Adolf eine weitere und wohl noch schwerere. Der Hexenwahn hatte sich im Bambergischen und Würzburgischen mit einer solchen reißenden Schnelligkeit verbreitet und eine so gräßliche Gestaltung angenommen, daß ein Ende der Schrecken kaum abzusehen war. Das arme Volk ward von dem Hexenwahne wie von einer erblichen Krankheit erfaßt, und das schreckliche Übel griff in immer weitere Kreise, schlug immer tiefere Wurzeln, trug immer blutigere Früchte.

Man glaube nicht, daß man es hier mit einer psychischen Erscheinung zu tun habe, die auf katholischem Boden allein möglich war. Liebt man es doch, alle möglichen Erscheinungen schlimmer Art als eine notwendige Folge katholischen Glaubens und Denkens oder — wie man noch geistreicher meint — »Nichtdenkens« hinzustellen. Sowenig wir leugnen wollen, daß in katholischen Ländern die Verfolgung der Hexen stattfand, sowenig können wir — und zwar zur richtigen Zeichnung jener bald finster dahinschleichenden, bald lawinenartig alles überflutenden Völkerkrankheit — es verschweigen, daß auch in protestantischen Ländern jene Verfolgungen mit größtem Eifer und eiserner Härte geführt wurden. Der Hexenprozeß blühte so gut unter Calvin in Genf, wie unter dem hochkirchlichen Heinrich VIII. von England, im protestantischen Wolfenbüttel und Braunschweig, wie im katholischen Bamberg und Würzburg. Jakob I. von England sagt in seiner »Dämonologia«: »Es hat zwar mehr Gespenster im Papsttum gegeben, von denen man nach der Reformation nichts weiß, aber dafür ist jetzt die teuflische Macht der Hexen mehr kund geworden.«

So waren denn die im Glauben Gespaltenen in der Hexenverfolgung einig. Kepler und Gustav Adolf glaubten an Hexen und Zauberer, und Tilly, der strenggläubige Katholik, galt seinen Gegnern als gefroren und im Bunde mit dem Teufel.

Anfangs mag hüben wie drüben dem aufdämmernden Hexenglauben noch ein grübelnder, rechnender Gedanke gegenübergestanden haben; als aber jenes über alle Maßen traurige Völkerübel an Maß und Ausdehnung zunahm, gab sich nur zu bald auch das widerstrebende Denken gefangen, und wie man zu den Zeiten der Pest jeden mit dem größten Mißtrauen betrachtete und beim geringsten Anzeichen als der Krankheit verfallen ansah und ängstlich mied, so war auch in dieser Zeit niemand sicher vor dem Verdachte der Hexerei und Zauberei, und das Geringste genügte, den Verdacht zur häßlichen Gewißheit und dann zum Todesurteile zu steigern. War's doch, als hätte es dortmals keine erbarmende Liebe mehr unter den Menschen gegeben, sondern nur finstern Wahn und blasse Furcht, die ihre letzte Rettung in lodernden Scheiterhaufen sah. —

Nachdem der Fürstbischof einige der anwesenden Herren mit besonderem Gruße geehrt, den übrigen aber gnädig zugewinkt hatte, ließ er sich auf einen Stuhl nieder und befahl einige von den Gästen zu sich, die anderen bildeten nach Belieben plaudernde Gruppen oder ließen sich zum Brettspiele an einem der feingeschnitzten Tischchen nieder, die in den Ecken des Saales aufgestellt waren.

Philipp Adolf befand sich in Unterhaltung mit einem Domherrn, dem Oberschultheißen und dem Kanonikus Philipp Schönborn.

»Nun, mein Ehrenwerter,« sprach der Fürstbischof, »was könnt Ihr mir über den Verlauf der schwebenden Hexenprozesse mitteilen?«

»Fürstbischöfliche Durchlaucht,« antwortete der Oberschultheiß mit gewichtiger Miene, »ich bin überglücklich, melden zu können, daß diese Angelegenheit endlich einmal nach meinem Wunsche geht!«

»Ihr meint damit doch wohl,« unterbrach der Fürstbischof, »daß es damit zu Ende gehe?«

»Zu Ende, gnädigster Herr? Nein, ich denke, wir sind jetzt glücklich bei einem tüchtigen Anfange angelangt. Ja, ich sage das mit großer Befriedigung, denn es kann kein ruhmvolleres Werk geschehen, als alle Hexen mit Schwert und Feuer zu vernichten.«

»Ein schreckliches Wort!« seufzte Philipp Adolf.

»Wie man es nehmen will,« fuhr achselzuckend der Oberschultheiß fort. »'s ist schrecklich, ja, daß es so arg verkommene Menschen gibt, die mit dem Satan sich verbinden; daß wir sie ausrotten, das ist Wohltat.«

»Und glaubt Ihr, daß Ihr Euch in solchem Amte niemals irrt?«

»Irren?« rief der Gestrenge und streckte seine schmächtige Gestalt — »irren? Nein, ich irre nicht! Ich rede nicht zu meinem Lobe, es geziemt sich nicht in Euerer hohen Gegenwart; allein aus meinen Händen kommt nicht einer wieder in die Freiheit, denn jedem ringe ich das Geständnis seiner Schuld ab. Ich habe einen tiefen Blick, mit dem ich in die Tiefe der Seele schaue; ich habe einen Schlüssel, der mir jegliches Geheimnis offenbart, das ist unser unvergleichliches peinliches Recht, und endlich habe ich das rechte Richterherz, das nicht von des Mitleids Schwäche angekränkelt und zwischen Gerechtigkeit und Erbarmen weibisch schwankt. Nein — kalt wie des Todes Hand ist auch mein Herz, wenn es zu richten hat, und ich wollte ihm nicht folgen, wenn es mir Mitleid flüsterte, und säße ich auch übers eigene Weib und über meine Kinder zu Gericht.«

Der Fürstbischof sah mit einem Blicke voll Entsetzen nach dem Oberschultheiß.

»Ihr, hoher Herr,« fuhr dieser eifrig fort, »Ihr fasset und begreift das nicht. Ihr seid gewohnt, dem Mitleid volle Herrschaft einzuräumen und dem Erbarmen Euere Macht zu leihen. Ich kann — ich darf das nicht! Für mich ist jeder Mensch, der unterm Schwerte oder auf dem Scheiterhaufen stirbt, ein gesühnter Paragraph — sonst nichts. Fragt der Mensch nicht sein Gefühl nach allen Seiten, ehe er zum Verbrecher wird, warum soll ich nach dem Gefühle fragen, wenn das Verbrechen seine Sühne fordert?«

»Was Ihr da sagt, gestrenger Herr,« fiel Schönborn ein, »das hat nur einen Schein von Recht und Wahrheit. Ihr braucht aus Mitleid die Gerechtigkeit nicht zu verraten, Ihr sollt aber auch nicht aus Herzlosigkeit zu unbeugsamen Sklaven Euerer Gesetze werden. Ihr Herren seid zu hart, ihr seid wie totes Gestein, aus dem nicht eine Blume sprießt; ihr starrt verderbenbringend in das Leben rings um euch, und wo ihr glaubt, daß euer Recht verletzt sei, da stürzt ihr euch zermalmend auf das Opfer. Euch Richtern fehlt die Liebe, und doch sollte sie mit euch zu Gerichte sitzen, denn wo die Liebe fehlt, da fehlt auch die Gerechtigkeit.«

»Euere fürstlichen Gnaden werden hoffentlich des jungen Herrn Kanonikus Ansichten gleich mir sehr kühne nennen?« sprach der Oberschultheiß, mit lauernder Miene nach Adolf Philipp schauend.

»Immerhin,« antwortete dieser, »denn es gehört Mut dazu, euch Herren zu widersprechen. Und doch, was Schönborn sagt, versteht mein Herz viel besser, als mein Verstand, was Ihr gesprochen.«

»Erlaubt,« fuhr Schönborn fort, »eine Frage aufzuwerfen. Gesetzt, es wären wirklich alle, die Ihr Hexen nennt, auch dieses Lasters schuldig. Kann man sie denn dann nicht vom Irrwege heim zum wahren Glauben, vom Satansdienste zur Gottesliebe führen? Warum dem Henker übergeben, was doch dem Priester angehört? Warum in Elend enden lassen, was doch vielleicht zu retten ist?«

Der Oberschultheiß blickte hellen Zornes auf den jungen Priester. »Ihr wolltet wohl die Hexen leben lassen,« höhnte er, »und sie durch Euer Wort bekehren?«

»Mit Gottes Hilfe, ja!« entgegnete Schönborn.

»Und glaubt Ihr, daß Ihr Macht hättet über alle Teufel?«

»Wenn sie der gottgeweihte Priester nicht besitzt, wer sollte dann in Gottes Namen noch dem Geist der Finsternis gebieten können? Und erst müßtet Ihr mir noch beweisen, daß wirklich hier der Teufel im Spiele ist. Ich glaube es nicht!«

»Hm, und wenn der Priester die Teufel doch nicht besiegt? Was dann?«

»Ihr zweifelt, weil Euch solcher Zweifel zum Systeme paßt.«

»Hat nicht der Pater Spee, sooft er will, ganz freien Zutritt zu den Hexen?« fragte triumphierend der Oberschultheiß.

Schönborns Auge leuchtete, als seines Freundes Name genannt wurde.

»Ich glaube, ja. Doch klingt es fast wie Hohn, wenn Ihr verlangt, er solle unten in der Kerker grauser Nacht, und während die armen Opfer von Stumpfsinn, Gram, Verzweiflung gefesselt sind, wunde Seelen heilen! Gebt erst den Kerkern Licht, daß es das Kreuz bescheine, das der Priester rettend zu den Armen trägt. Gebt Licht, gebt Sonnenlicht, damit sie aus des Priesters Auge die Hoffnung der Erlösung lesen können; gebt Licht der schauerlich schwarzen Nacht, in der Ihr Euere Hexen lebendig begrabt, bis sie der Wahnsinn und die Verzweiflung am Herzen und am Verstande angefressen haben. Ist's da noch ein Wunder, wenn der Priester in des Kerkers tiefer Nacht nicht mehr verstanden wird, wenn dort das Wort der Liebe fruchtlos verhallt und wie vom fühllosen Gesteine, so auch von den zertretenen Herzen unverstanden abprallt? Schafft andere Kerker, wo der Mensch nicht dem Gewürme gleicht, vergeßt auch im Verbrecher nicht das Gottesbild; ist es auch verzerrt, so seid doch menschlich gegen Menschen, und das Erbarmen wird die Herzen heilen, es wird die Schuld versöhnen und den Wahnsinn bannen und das Elend enden.«

»Wo ist Pater Spee?« fragte der Fürstbischof, aus tiefem Nachdenken erwachend. »Man sende nach ihm! Ich will aus seinem Munde Aufschluß haben über das, was Schönborn eben berührte.«

Über des Oberschultheißen Angesicht flog dunkle Zornesröte. Er warf einen Blick unversöhnlichen Hasses auf den mutigen Kanonikus. Dieser aber hielt den Blick mit aller Ruhe aus, und so sehr ihn auch des Fürsten Wunsch, mit Spee selbst zu sprechen, mit hoher Freude und großer Befriedigung erfüllte, so war er doch edel genug, seine Freude nicht am Zorne seines Gegners zu messen.

Das Erscheinen des Paters Spee am Hofe erregte allgemeines Aufsehen. Man hatte bisher noch nie einen Jesuiten bei den Abendzirkeln des Fürstbischofs gesehen; nicht als ob dieser jenen Ordensmännern nicht mit ganzer Liebe zugetan gewesen wäre, sondern weil diese es sich zum Grundsatze gemacht hatten, nie unbegehrt am Hofe zu erscheinen. Spee war keine imposante Gestalt. Die große Weichheit seines Gemüts hatte sich auch dem Körper mitgeteilt, der von einer Zartheit war, die auch das lange Habit nicht zu verbergen vermochte. Das einfache, aber edel geschnittene Gesicht widerstrahlte jene beneidenswerte Ruhe, die der Stempel einer mit sich und dem Schöpfer fertigen Seele ist. Aus seinem Auge leuchtete Friede, aber dennoch war ein leiser, schmerzlicher Zug über dasselbe gehaucht, der ihm einen eigenen Reiz der Liebe lieh.

Philipp Adolf empfing den Jesuiten mit jener Herzlichkeit, mit der immer ein Priester den andern begrüßen soll. Spee war nicht frei von einiger Befangenheit, als er sich mitten in dem Prachtgemache als Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit sah, und dieses Gefühl wuchs noch, als ihm der Fürstbischof die Ursache mitteilte, um derentwillen er nach ihm gesendet hatte.

»Ich soll Euch Rede stehen, gnädigster Herr, über meine Erfahrungen mit den Armen, die unter der Anklage böser Zauberei den Kerkern verfallen sind. Ich segne diese Stunde, da mein Mund vor einem edlen Fürsten der Wahrheit Zeugnis geben darf. Und doch — ich bange! Glaubt nicht, daß mir der Mut gebricht, glaubt nicht, daß Menschenfurcht meine Zunge lähmt und meinen Worten klug berechnend die Spitze bricht. Nein! Gott und die Wahrheit über alles! Aber mein Wort wird nicht gesprochen werden können, ohne da und dort zu verwunden. Ich will nicht wehe tun, ich will nicht verletzen.«

»Der Aberglaube, jener finstere Geist, der wie der Rost am Eisen, so am wahren Glauben frißt, hat über unser Volk, gleichviel welchen Glaubens, eine nicht genug zu beklagende Herrschaft gewonnen. Dazu gesellt sich der Neid, der nicht nur auf das Glück mit scheelem Auge schaut, sondern auch auf betende Lippen sein fressendes Gift träufelt; ihm steht zur Seite zischelnde Verleumdung, Ehrabschneidung und die ganze trübe Flut der Zungensünden, die ein verdorbenes Herz nach Tausenden erzeugt. Und keine Obrigkeit, kein Gottesmann erkennt hierin den Samen zum aufkeimenden Verdachte böser Zauberei! Nicht Gott, nicht die Natur sind die Quellen dessen, was wir sehen — alles — alles ist ein Zauberwerk und ist Hexentat. Und nicht bedenkend, daß in Herzen, die dem Glauben und der Liebe abgestorben sind, alles Böse keimt, daß all das wüste Flüstern von des Teufels Macht und seinen Verbündeten nur in der Menschen bösen Zungen, in ihren arg verworrenen Köpfen wurzelt und nicht in reiner Wahrheit, befehlen doch die Fürsten gegen Zauberer und Hexen einzuschreiten, als ob das wirklich lebte, was des Menschen böses Herz, sein wahnwitzig gewordenes Gehirn und seine schlechte Zunge schaffen. Da drängt sich alles dann mit Richterspruch und Schwert und Feuer an das arme Opfer. Der Fürst hat ja befohlen, das Volk hat mit Fingern da- und dorthin in flüsternder Anklage gedeutet — das scheint Grund genug, zu glauben, daß es Hexen gibt, und dem Beklagten ohne weiteres jenen Stempel aufzudrücken. Da mag die Quelle noch so trüb und schmutzig sein, der Mund, welcher Kläger ist, von Gift und Neid geschwollen, der Kopf so wirr, wie der eines Fieberkranken — was tut's? Die Hexe ist geschaffen! Und wenn den Richter nicht die reine Liebe zur Gerechtigkeit bewegt, wenn Ehrgeiz ihm das Auge blendet und Unerfahrenheit mit stolzem Geist sich paart; ja, wenn selbst gierige Habsucht mit im Spiele ist:[Q] dann wachsen rings die Hexen gleich dem Laub an den Bäumen!«

»Und der Beweis, daß alle jene wirklich Hexen sind und Zauberer, die dem Gerichte verfallen? Dem Mörder gegenüber ist die blutige Tat, die er begangen, der bindende Beweis. Da liefert der Verbrecher ihn. Ganz anders bei den Hexen. Hier macht der Richter selbst sich den Beweis. Guter Ruf und reine Sitten, so sagen sie, sind stets der Deckmantel, mit dem die Hexen ihre Bosheit verhüllen; ein schlechter Ruf und ein zügelloses Leben sind nicht minderer Beweis, denn Schlechtigkeit erzeugt Schlechtes. Starkmut bei der Folter Qualen ist nur des Teufels Hilfe, der seine Getreuen gefühllos macht; Bekenntnis, das der Schmerz erpreßt, gilt aber für volle Wahrheit. So wird nicht aus dem Menschen heraus die Schuld bewiesen, sondern dieselbe um jeden Preis hineingelogen.«

»Doch nicht genug! Man forscht nach Menschen, seien sie auch noch so schlecht, die über der Angeklagten Vorleben aussagen sollen. Und wissen sie eine üble Tat, ein unbesonnenes Wort zu erzählen, so wird das zum Beweis, ein solcher Mensch sei auch des Bundes mit dem Teufel fähig. Wie viele tragen Groll und Haß im Herzen! Ihr Feind ist in des Richters Gewalt; welch eine Gelegenheit, der Rache ungehinderten Lauf zu lassen! Der Richter aber leiht dem Feindesmunde offenes Ohr, als spräche dieser die Wahrheit! Es mag der Angeklagte unter der Wucht der auf ihm lastenden Ungerechtigkeit laut aufschreien, er mag bei Gott und seiner Seligkeit seine Unschuld beteuern, man glaubt ihm nicht! Und wenn ein anderer für ihn sprechen wollte, man hört ihn nicht! Dem Diebe und Mörder ist ein Fürsprecher gestattet, der Hexe nicht! Freilich wehe dem, der mutig vor die Richter träte als Anwalt jener Armen, welche die Dummheit Hexen nennt: er gälte jenen Weisen nur als Mitschuldiger, der sich selbst dem Tode überliefert. Und so schweigen jene, welche reden sollten; geschlossen sind die Lippen der Guten und Einsichtsvollen, und der Wahnwitz und die Bosheit triumphieren!«

»Da möchte ich doch um des Allerbarmers willen wissen, welcher Weg, mag nun die Angeschuldigte mit oder ohne Bekenntnis sterben, sich hier zum Entrinnen öffne, ist auch das Herz so rein und schuldlos gleich dem eines Kindes? Unglückliche, worauf hast du gehofft? Warum hast du nicht beim ersten Schritte in den Kerker dich als schuldig bekannt? Armes Weib, warum willst du vielmals sterben, wenn du mit einem Male dich des Lebens entledigen kannst? Folge meinem Rate: ehe alle Pein in deinem Körper wütet, gib dich gefangen, schuldig — und stirb! Entrinnen kannst du nicht mehr; du weißt ja, welches das Ziel des Gerechtigkeitseifers in Deutschland ist.«

»Und die Richter möchte ich fragen: warum habt ihr euch doch erst umgesehen, warum nach Zauberern und Hexen gesucht? Ich will euch zeigen, wo sie sind! Wohlan, nehmt den ersten besten Kapuziner oder Jesuiten, den ersten besten Priester! Schlagt ihn an die Folter, quält ihn mit eueren Marterwerkzeugen — sofort wird er bekennen. Und ist er anfangs stumm und schützt er sich nach euerer Meinung durch Zaubermittel, so fahrt mit eueren Martern fort: endlich werdet ihr ihn brechen. Wenn ihr noch mehr wollt, so nehmt die Prälaten, Domherren, nehmet Gottesgelehrte, und ich versichere euch, sie alle — alle werden schnell bekennen.«

Spee schwieg einen Augenblick. Sein Antlitz ging aus dem Feuer heiligen Eifers wieder in die gewohnte schmerzliche Weichheit über. Er nahm das Kreuz von seinem Rosenkranze und sprach, dasselbe küssend, mit milder Stimme: »Du, Herr am Kreuze, du weißt es allein, wie meine Seele blutet, daß ich dem Leid nicht Hilfe bringen kann. Wie gerne wollte ich niederknien und mein Haupt zum Opfer geben, könnte ich damit dem Wahn ein Ende machen und tausend Fesseln lösen! Du Quell der Milde, süßer Jesus, wie kannst du dulden, daß Unschuldige solche Qualen leiden? O komme durch dein Blut den tief Bedrängten zu Hilfe! Gib du Erkenntnis aller Obrigkeit, daß sie wohl sehe, wie sie richte, und nicht Gerechtigkeit in Grausamkeit und Gottlosigkeit verkehrt werde![R] Gib Priester, die den Ärmsten wahre Väter sind, und Tröster diesen Leidenden! Ja, ihr Priester Gottes, hebt die Hände bittend zu jenen Unglücklichen auf, damit sie euch vertrauen, sagt ihnen, daß ihr sie in euer Herz schließen wollt.

O lernet Mitleid haben mit dem Jammer, fühlt die Leiden, als wären sie die eueren. Sagt, ihr wolltet euer Leben für sie opfern, wenn es euch gestattet wäre; versprechet, daß ihr sie niemals verlassen werdet. Es wäre schrecklich, könnten jene Opfer klagen, sie hätten selbst aus Priestermund keinen Trost empfangen. Wenn ihr der Gottesliebe Boten seid, dann bringt den Armen das, was Heilung jedem Schmerze ist, bringt Liebe!«[S]

Des Paters Worte verursachten eine große Bewegung. Während der Fürstbischof sein sinnendes Haupt auf die Rechte stützte und in seinem Auge eine Träne glänzte, und während Schönborn in heiliger Begeisterung des Jesuiten Hände küßte, standen die anderen Herren rings mit finsteren Mienen, aus denen Groll, Zorn und Rache glühte. Spee aber war gleich dem Fels im brandungswilden Meere und blickte ruhigen Auges nach dem Fürsten.

»Nun, ihr Herren,« sprach Philipp Adolf, den Blick langsam erhebend, »was sagt ihr zu des Paters Rede?«

»Erlaubt, mein Herr und Fürst,« nahm, mühevoll nach Fassung ringend, der Oberschultheiß das Wort, »erlaubt, daß ich Euch Red' und Antwort stehe. Der Pater Spee hat früher schon in einer Weise sich der Hexen angenommen, die sehr verdächtig ist. Mit dem, was er vor Euch und uns gesagt, hat er sich offen auf ihre Seite gestellt. Das ist doch sehr auffällig. Während alle Welt, gleichviel ob katholisch oder lutherisch, mit Schwert und Feuer gegen das Hexenwesen zu Felde zieht, nimmt der fromme Pater die Unholde unter seinen Schutz. Das ist sehr bedenklich, gnädigster Fürst! Es ist nur eine Wahl: entweder wir bleiben bei unserer ausgezeichneten Praxis und töten alle Hexen und Zauberer und retten dadurch die Menschheit, oder wir folgen dem Rate des Paters, entsagen dem, was er in seiner Weisheit Hexenwahn nennt, und lassen uns dafür vom aufrührerischen Volk ermorden, das an Hexen glaubt und Schutz vor ihnen bei uns sucht. Ist's besser, daß ein junger Jesuiter recht behält, dafür aber das ganze Volk zugrunde gehe? Soll er allein die Wahrheit kennen, da doch die ganze Welt an Hexen glaubt? Soll alles des Satans werden, weil einer anderer Meinung ist? Wenn wir das Schwert, mein Fürst, aus unseren Händen legen, dann begebt Euch auch Eueres Zepters und Euerer Lande und laßt, verzeiht das Wort, den Satan herrschen. Es scheint,« fuhr er mit leisem Spotte fort, »die Herren Jesuiter haben unseres Heilandes Evangelium nicht gelesen, wo doch von Besessenen die Rede ist. Wir, die wir nicht jener Gesellschaft angehören, glauben noch an Teufel und an Hexen und lassen uns darin auch durch den Pater Spee nicht irremachen.«

»Ganz richtig!« nahm ein Prälat das Wort. »Der junge Pater ist ein junger Brausekopf und mischt sich ungerufen in den Gang irdischer Gerechtigkeit. Ich rate ihm, sich seiner klösterlichen Einsamkeit mehr zu befleißen und mit seiner Zelle sich zu begnügen. Was draußen geschieht, was für ein Elend in den Kerkern ist, wie schwer die Ketten lasten, wie sehr die Werkzeuge der Tortur peinigen und wie groß die Klagen der Gefangenen sind, das überlasse er den Richtern und schweige über Hexentum; was kann er von solchen Dingen verstehen?«[T]

»Er mehr als jeder andere!« rief Schönborn in hellem Eifer aus. »Wohlan, ihr Herren, steigt gleich ihm hinab in jene gräßlichen Gefängnisse, schaut kalten Herzens, wenn ihr's vermögt, das ungeheure Elend, hört unbewegt die Klagen und die Seufzer, hört, wie sie in rührenden Gebeten ihre Unschuld Gott befehlen und dann, von Grimm und Schmerz getrieben, ihren Henkern fluchen! Stellt euch hinein, ihr weisen Herren, ins Meer des tiefsten Elendes, laßt seine Wogen über eueren Häuptern branden, sprecht nicht hier unterm hellen Sonnenlichte solche kalte Sprache, nein, steigt hinab in rabenfinstere Nacht und hört den Aufschrei der armen Menschen! Und wenn ihr das getan habt gleich unserm Pater Spee, wenn ihr gleich ihm dem tiefsten Jammer euer Ohr und Herz geliehen habt, dann werdet ihr gleich ihm die Sprache der Erbarmung und Gerechtigkeit reden.«

»Hab' Dank, mein edler Schönborn, für das Zeugnis, das du der Wahrheit gabst!« sprach Spee, dem jungen Kanonikus mit Innigkeit die Hand drückend. »Euch aber, hoher Fürst, und euch, ihr werten Herren, gebe ich ein offenes Geständnis, das so treu und wahr ist, als stünde ich vor Gott! Wenn ich mit größtem Fleiße untersucht und auch des Ansehens der Beichte mich bedient hatte, so habe ich doch noch in keinem der Unglücklichen, die ich zum Feuer begleitet habe, etwas entdeckt, was mich hätte überzeugen können, daß derselbe mit Recht des Verbrechens der Zauberei sei angeklagt worden. Alle haben mit herzzerreißendem Jammergeschrei die Bosheit und Unwissenheit der Richter und ihr Elend beweint und in ihren letzten Nöten zu Gott als dem Zeugen ihrer Unschuld gerufen.[U] Ich schwöre es bei Gott, daß ich wenigstens bis jetzt keine Hexe zum Scheiterhaufen geleitete, von der ich nach allseitiger Erwägung vernünftigerweise behaupten könnte, sie sei schuldig gewesen.«[V]


Hinter zerrissenem Gewölke glänzt in mildem Scheine die silberne Sichel des Mondes. Ihr Licht fließt wie Geisterkuß an den Kirchtürmen und Häusern herab und in manches stille Gemach, wo ein Ruheloser zu ihr aufschaut. Und da kommt der leise schreitende Wächter der Nacht zu einem Fürsten, den quälende Zweifel nicht schlafen lassen, zu einem Richter, der an einem finstern Racheplan gegen den Pater Spee brütet, und zu diesem selbst, der auf den Knien liegend betet: