»Ihr blicket finster, und euer Auge widerleuchtet Groll und Zorn. Immerhin! Wer hier, wie ich und Elsa, an der Scheide seines Lebens steht, der hat ein Recht zu offenem, freiem Worte. Ich hab's gesagt, ihr habt's gehört. Tut nun, was ihr nicht lassen könnt, an Recht und Pflicht ermahne ich solche Richter nicht.«
Die Räte und der Oberschultheiß sahen in der Tat mit zornglühenden Augen nach der kühnen Maid, die solche Worte sprach, als sei sie Richter und diese die Verbrecher.
»Ihr seid wohl mehr als kühn, Ihr seid geradezu frech,« stieß der Oberschultheiß in heller Wut hervor.
Edeltraut zuckte heftig zusammen, und tiefe Blässe deckte ihre schönen Züge.
»Frech!« rief sie, »frech nennt Ihr eine edle Jungfrau Euerer Stadt! Herr Oberschultheiß, dieses Wort entehrt mich nicht, es schändet den, der es gesprochen. Ich beuge gerne jeder Obrigkeit mein Haupt und meinen Sinn. Doch fordere ich für den Gehorsam, den ich leiste, und für die Achtung, die ich zolle, mein ganzes, unverkürztes Recht. Wo die Obrigkeit jedoch nach blinder Willkür waltet und Unrecht Recht und Wahnsinn Weisheit nennt, da hat der mißhandelte Untergebene wohl noch jenes letzte Recht, das des freien Wortes. Ihr könnt auch dieses nehmen, Ihr dürft ja nur zum Schwerte greifen, zu Galgen, Rad und Scheiterhaufen, denn gegen diesen Eueren letzten Machtspruch schweigt jede Widerrede.«
»Ihr tolles Geschwätze läßt vermuten, daß Sie beim Pater Spee sich Rats erholte,« bemerkte in höhnischem Tone der Oberschultheiß.
Über Elsas Antlitz zog tiefer Unmut. »Herr,« sprach sie, »Herr, wie könnt Ihr jenen schmähen, der nur die Lippen öffnet, um von Liebe und Verzeihung zu uns Gefangenen zu reden? Wie könnt Ihr glauben, das, was Edeltraut gesprochen, sei Widerhall von dem, was Spee uns lehrte? Was Ihr gehört, das war die Sprache eines zum Tod gekränkten Frauenherzens, ein Priester spräche anders. Wenn Euch mein Wort noch Glauben wecken kann und wenn Ihr einer Jungfrau glaubt, die nie der Lüge diente und nun, da sich ihr Leben schnell zur Rüste wendet, sich nicht mit falschem Zeugnisse beflecken will, so nehmt aus meinem Munde die Versicherung, daß nie aus Spees Munde ein bitteres Wort über euch, ihr Herren, kam. Wenn sich die Klagen der Gefangenen zur hellen Zornesflamme steigerten, wenn sie, von Schmerz verwirrt, euch verfluchten und euch Henker, Mörder nannten, dann war es Pater Spee, der solche Rede ernst verwies und mit des Kreuzes Balsam allen Unmut heilte. O seid nicht ungerecht! Jeder Arme, der in eueren Kerkern schmachtet, trägt seine Leiden nur und stirbt nur seinen Tod. Doch Spee trägt aller herbes Leiden in voller Liebe mit und stirbt mit jedem seinen blutigen Tod. Schmäht auf die Priester nicht, die unsere Wunden heilen, und legt nicht neue Dornen ihnen auf den Weg der Liebe! Dankt Gott aus voller Seele, daß noch Priester sühnend in den Abgrund steigen, in welchem die Torheit und die Sünde gleich giftigem Gewürme die Menschheit morden. Nehmt dem tiefsten Elend, das sich hier in eueren Kerkern häuft, den letzten Trost des Priesters, dann mögt ihr sehen, wie der Wahnsinn euere Opfer schüttelt und der Selbstmord sie euerem Spruche entzieht; dann mögt ihr hören, wie euch glühende Lippen fluchen, wie sie euch Henker und Satane nennen. Und habt ihr das geschaut und eueren Fluch gehört, dann ringt die Hände und dann ruft wieder nach Priestern, welche mit der Liebe Wort die Wunden des Herzens heilen und jede Leidenschaft zum stillen Opfer kehren.«
Elsa hatte diese Worte mit einer so hohen Begeisterung, mit solcher Wärme und Innigkeit gesprochen, daß selbst die Richter tief beschämt zur Erde sahen. Der Oberschultheiß blätterte mit fieberhafter Hast in einem Akte, um seinem Zorne Zeit zu gönnen, sich zu legen. Dann erhob er sich in seiner kalten Strenge und sprach:
»Ich frage Euch, Edeltraut Göbel, ob Ihr Euch schuldig gebt des Bundes mit dem Satan, der Hexerei und bösen Zauberkünste?«
»In Ewigkeit, nein!« erwiderte mit unvergleichlicher Würde Edeltraut.
»Euch, Elsa Gering, frage ich dasselbe.«
»Ich diene meinem Gotte; ihm gehöre ich. Ich habe nie dem Bösen einen Teil an mir gegeben, Gott ist mein Zeuge, mein Herz drückt keine Schuld.«
»Und wenn ich euch nicht glaube?« fragte spitz der Oberschultheiß.
Edeltraut warf einen empörten Blick nach demselben.
»Habt Ihr den Glauben an ein reines Herz verloren, so nennt Lüge, was wir sagten. Doch glaubt Ihr noch an Wahrheit und Treue, so ist es Euere Pflicht, daß Ihr Euch unserem Worte beugt.«
»Ich verweise auf den Henker!« drohte der Oberschultheiß.
»Er kann, er wird uns nicht zum Lügner machen,« sprach Elsa mit mildem Ernste.
»Ihr wollt also die Wahrheit nicht gestehen?«
»Wir haben sie gesagt!«
»Der Henker trete ein!«
»Gerechter Gott!« rief Edeltraut und fiel der zitternden Elsa um den Hals. »O laß mich sterben!«
— — Und er trat ein! — —
Das war ein Tag der Schande.
Die Sonne tat wohl gut daran, daß sie hinter dichtes Gewölke trat und nicht mit hellem, vollem Glanze auf ein Schauspiel niederleuchten wollte, das jeden fühlenden Menschen aufs tiefste empören mußte, nur nicht jene erbärmlichen Hexenrichter.
Aus den Wolken fiel erst leichter Regen nieder, der, immer mehr anwachsend, zum strömenden Gusse wurde. Ja, der Himmel verhüllte sein Angesicht und weinte; war doch, was er auf Erden schauen sollte, gleich schändlich und gleich schrecklich.
Der Henker hatte an beiden Jungfrauen sein Werk getan. Nur wer Spees Cautio Criminalis gelesen hat, weiß, welch eine Schmach in jenem Worte liegt. Der Hexenwahn trieb die Richter zu Dingen, die jeder Scham unbarmherzig Hohn sprachen. Es war ja nicht genug, der Mädchen jungen, zarten Leib mit ausgesuchter Pein zu martern, es mußten auch die Peinen der Seele sich noch dazu gesellen!
Aber auch das geschah im Namen des »Gesetzes«, und so heilig dieses Wort an sich dem Menschen sein muß, so große Niedertracht hat es schon in sich geschlossen.
Elsa und Edeltraut ertrugen die Folterqualen, mit denen sie körperlich mißhandelt wurden, mit einer Geduld, die nur als eine besondere Gottesgnade angesehen werden konnte; denn der rohe Henker ließ sich die Gelegenheit, so seltene Delinquenten unter seinen Händen zu haben, ganz besonders angelegen sein. Was sie aber nicht ertrugen, das war jene »gesetzmäßige« Gemeinheit, die ihrer weiblichen Ehre aufs verletzendste Hohn sprach.
Die Geisteskräfte der armen Opfer gingen in diesem schmutzigen Meere von Qualen unter, Nacht und Bewußtlosigkeit hielten ihre Sinne gefangen — es war eine wahre Erbarmung, daß sie eine tiefe Ohnmacht umfing, und daß man sie wie leblos in ihren Kerker zurücktrug.
Da lagen sie auf sprödem Stroh, und neben ihnen kniete des Kerkermeisters Weib und suchte die Wunden zu verbinden und die zarten, so arg mißhandelten Körper durch Balsam und stärkende Wasser neu zu beleben. —
Es war ein eigenes, tiefwehmütiges Bild, die gute Alte, dem sterbenden Herbste gleich, neben den geknickten, mit blutigem Tau bedeckten Blumen des Frühlings zu sehen! —
Ein trüber Morgen dämmerte nach einer leidenvollen Nacht durch die kleinen Fenster des Gefängnisses. Edeltraut lag, das Haupt auf den rechten Arm stützend, in einer Ecke. Ihr sonst so sonnenhelles Auge schien wie mit einem Nebel umzogen und sah glanzlos auf den Estrich nieder. Die langen, goldenen Haare waren dem Schermesser des Schergen zum Opfer gefallen; denn »an den Haaren hängt des Teufels Macht über den Menschen«, so behauptete jener souveräne Blödsinn, den man hohe Weisheit nannte. Zuweilen leuchtete noch der alte, stolze, edle Blick aus den beiden Vergißmeinnichtaugen; aber es war nur mehr das Aufflackern einer sterbenden Kraft, es war das Ringen eines untergehenden Lebens mit dem aufsteigenden Tode, es war wie das hoffnungsleere letzte Aufleuchten des erlöschenden Lichtes.
— — — »Was ist aus dir geworden, arme Edeltraut?« flüsterte das Mädchen in leisem Selbstgespräche. »Was ist aus dir geworden? — — — Ich weiß es nicht. — — — Mir glüht das Hirn, indes mein junges Herz zu Eis erstarrt. — — — Wo bin ich nur? — — — O wie es öde und kalt und schaurig hier in diesen Räumen ist! — — — Vater, lieber Vater!« rief sie schmerzlich und breitete die Hände bittend aus.
»Edeltraut,« entgegnete die blinde Elsa sanft, »rufe auf zum Vater, der im Himmel ist!«
»'s ist Elsas Stimme!« frohlockte Edeltraut. »Wo bist du, liebe Blume? — — — Komm, komm zu mir und küsse meine Lippen; vielleicht bringt es Ruhe in meine arme Seele, wenn eines Engels Hauch mich liebevoll umweht! — — — 's ist gut! Hab' tausend Dank! — — — Sag', liebe Elsa, wie kommt es doch, daß ich noch lebe? Glaubte ich doch, ich sei gestern gestorben, als sie mir im Gerichtssaale — — —«
Sie sprang von ihrem Lager auf und starren Auges sah sie nach der Decke.
— — — »Und du dort im Himmel droben hast es zugelassen, daß die Henker mich mit einer Grausamkeit quälten, daß kein Wort zum Dolmetsch des Schmerzes werden kann. Meinen jungen Leib haben mir die Schergen zerrissen, und alle Pein kam über meine Glieder. Allein darüber wollte ich nicht klagen; denn wer Wölfen und Hyänen in den Rachen fällt, kann nur Schmerz und Blut und Tod erwarten. Aber daß sie mir auch mit frevelhafter Hand in das Heiligtum der Seele gegriffen und eine Flut von Schmach und Schande über mich ausgegossen haben, daß sie auch an meiner Reinheit und Ehre zu Henkern wurden: das klage ich mit gebrochenem Herzen dir, o Gott! Hast du die Blumen nur darum so rein und zart geschaffen, hast du sie nur darum gelehrt, ihren Kelch selbst dem Silberauge des Mondes zu verschließen, damit dann eine rohe Hand den Blütenstaub von ihren Blättern streift und Gift und Tod in ihren Kelch versenkt?«
»O klage nicht!« bat Elsa.
»Und warum nicht?« fuhr stolz das Mädchen auf. »Nimm einem Menschen alles, was er hat und liebt, nimm ihm sein Glück, den Frieden, ja selbst den Himmel: das Recht der Klage kannst und darfst du ihm nicht nehmen. Es ist der letzte, wenn auch arme Trost, welcher jedem Leide bleiben muß. Und diesen letzten Trost will ich in vollen Zügen genießen — es ist der letzte Lichtstrahl vor dem gewissen Tode!«
Edeltraut war wieder in sich zusammengebrochen; seelenlos blickte das Auge aus den rotgeweinten Höhlen, und schlaff hingen die Arme an dem zitternden Körper herab.
»Elsa, du bist so stille,« flüsterte das Mädchen. »Ahnst du die Ruhe des Grabes?«
»Und mehr noch die Wonne des Himmels,« ergänzte lächelnd die Blinde.
»Die Wonne des Himmels!« wiederholte Edeltraut und schüttelte nachdenklich das Haupt. »Qualen, gräßliche Qualen hat meine Seele verkostet, und meinen Leib haben sie gemartert, sie, die Menschen ohne Herz und Ehre und Erbarmen — aber Wonne des Himmels? Ich verstehe das nicht! — — Gut Elschen, arme, süße Blume, was sagst du von Himmelslust?«
»Dein Geist ist wirr und deine Seele müde, liebe Edeltraut,« sprach Elsa. »Darum laß dir von dem Frieden sagen, den wir im Jenseits finden. Dir mag die Erde noch vor kurzer Zeit ein Garten voll Blumenpracht gewesen sein; mir war sie stets ein düsteres Grab. Die Anker, welche der Mensch aus seinem Herzensmeere auf der Erde sandigen Boden senkt — sie halten niemals stand in Sturm und Leiden. Hin über alle Sterne, teure Freundin, muß die Hoffnung schauen. Gott muß unser Kompaß und Anker und Segel sein, das Ziel unserer Sehnsucht und unseres Lebens, unserer Leiden Unterpfand, die goldene Abendröte nach dem wetterschweren Tage. Sieh, teure Schwester, wenn die Stunde gekommen ist, in der wir durch Tod und Grab zum Leben eingehen, in unseren Händen nichts als arg geknicktes Hoffen tragend, das sich in herbem Leide zur Dornenkrone flocht; wenn wir alle die Tränen vor unseres Herrgotts Füßen ausschütten, die wir geweint; wenn wir unser Herz zeigen, das der Schmerz wund gerissen, und, ohne unsere Lippen an dem sündigen Kelche der Erdenfreude je genetzt zu haben, bettelarm an irdischer Lust vor unseren Richter treten; noch mehr, wenn alles Leid, das die Tage unseres Lebens ausgefüllt hat, wenn die Träne und der Seufzer und jede welk gewordene Hoffnung zum stillen Opfer werden, das der Mensch aus seinem Leben in das Jenseits trägt: dann breitet Gott die Arme seiner Liebe zum Willkommen und teilt die angemessene Herrlichkeit, die er in sich genießt, mit einer solchen treuen Seele.«
»Einst hätte ich wohl erfaßt, was mir dein Wort schmeichelnd in das Herz zu reden weiß. Das war in jenen Tagen, da das Leid gleich flüchtigen Wolken über meinem Himmel zog, und noch nicht Schmach und Schande und Entehrung meine reine Seele drückten. Seit sie den Frieden und des Herzens Frühling mir gestohlen haben, ist auch mein Geist gebrochen, und die Schwingen meiner Seele sind erlahmt. Ist's doch, als läge düstere Nacht über meinem Geiste und erstarrte der Gedanke in meinem Gehirne. Es ist, als stünde alles Leben in mir stille, ich weiß, daß ich nicht zu den Toten zähle, und fühle doch mein Leben schon erstorben. O Elsa — Elsa, wenn zu allem Elend, das ich stöhnend trage, auch noch des Wahnsinns Schrecken kämen! Und sie werden kommen, ja, sie müssen kommen; warum soll die stolze Edeltraut nicht auch dieses Leid noch kosten? Vielleicht liegt ein süßes Erbarmen in der Nacht, die meinen Geist umschatten wird, vielleicht sind jene Bilder, die des Wahnsinns Griffel zeichnet, nicht so häßlich, nicht so schrecklich, als was ich zu tragen kaum mit letzter Kraft vermag!«
»Sei dir nicht selbst zur Qual, du müde Taube,« tröstete Elsa. »Frage nicht, was kommen wird. Sage du dir nur, Gott ist's, der Licht und Nacht verteilt, der Kraft dem Schwachen gibt und Mut dem Sinkenden. Wohlan, sei groß und stark, wie du in schöneren Tagen es gewesen bist. Sei du das Opfer mit ganzer Seele, zu dem dich Gott erkoren. Demut stärkt den Geist und schirmt ihn gegen Untergang.«
»Du bist mir unfaßbar, du hohe Seele! Wo andere von Schmerz und Leid verwirrt sich selbst verlieren, da wachsest du an innerer Pracht. Dich stärkt das, was andere schwächt, dich hebt zum Himmel, was andere tief zu Boden drückt.«
»Das tut der Glaube, der hoch über allem Erdenleide steht,« antwortete demütig Elsa.
Tritte vom Gange her unterbrachen das Gespräch der beiden Mädchen. Die Kerkertüre knarrte träge in ihren schweren Angeln, und der Oberschultheiß trat ein. Sein Wesen war heute sanft und geschmeidig, seine Stimme bewegte sich im Gegensatze zu der sonst gewohnten Härte in den weichsten Tönen, und sein Antlitz, dem nur Rad und Galgen und ein erbarmungslos geschriebenes Todesurteil Farbe und Leben geben konnten, war in Traurigkeit und tiefes Mitleid gehüllt.
Die Mädchen empfingen ihren obersten Henker schweigend, ja Edeltraut warf ihm einen Blick zu, in dem ihr ganzer edler Stolz wieder aufzuleben schien. Dann wandte sie sich von ihm ab und trat zum Fenster.
»Ich komme nicht als Richter,« begann der Gestrenge nicht ohne Befangenheit zu sprechen, »ich komme vielmehr als Freund — mein graues Haar gibt mir zu diesem Worte ein Recht, — um euch, edle Jungfrauen, nach Möglichkeit zu trösten und euch zu dienen.«
»Wir danken euch für eueren Willen,« entgegnete Edeltraut mit Würde, ohne ihre Stellung zu ändern. »Wir beide, Elsa sowie ich, verzichten leichten Herzens auf Euere Freundschaft und auf Euere Dienste.«
»Ihr seid stolz!« versetzte überrascht der Oberschultheiß.
»Wir werfen uns wenigstens nicht weg und heucheln nicht.«
Der Gestrenge biß sich auf die Lippen.
»Ich dächte doch, die Macht, die mir als Richter verliehen ist, ließe mich als Freund nicht wertlos erscheinen. In meiner Hand zumeist liegt euer Schicksal, ich kann es wenden, wie ich will.«
Edeltraut drehte sich rasch um. Ihr Auge leuchtete in gerechter Entrüstung.
»Und ich dächte, ein Richter hat zu richten, wie er muß, und nicht so, wie er will.«
»Ich will jetzt nicht Richter sein,« erwiderte etwas ungeduldig der Oberschultheiß. »Ich will euch zeigen, daß auch in mir ein fühlendes Herz schlägt.«
»Gemeine Seele!« rief Edeltraut. »Du, Alter, willst uns lügen, du hättest ein fühlendes Herz? Geh', geh' und suche einen Winkel Erde, wo dich die Schande nicht erreichen kann und wohin der Fluch nicht dringt, der sich an deine Ferse heftet. Du und ein fühlendes Herz? Hörst du die Teufel in der Hölle lachen ob deiner Heuchelei? Ja, hättest du ein Herz in deiner Brust, du hättest nicht mit kalter Stirne unsere Scham und Ehre an den Henker ausgeliefert! Hast du noch einen Tropfen Blut in deinen Adern, der nicht so schlecht geworden ist wie du, so bitte ihn, er möge dir als Schamröte in die Wangen steigen. Doch du hast keinen mehr, du bist durch und durch ein feiler Wicht, der nur als Freund noch schlechter ist denn als Richter.«
»Jungfrau, Ihr vergesset, daß, was ich als Richter tat, im Namen des Gesetzes geschah!«
»Im Namen des Gesetzes? Herr, dieses Wort deckt Euere Schande nicht. Was Ihr Gesetz und Recht nennt, ist zu oft nur rohe Macht, welcher die Gemeinheit zum Gevatter stand. Nennt nicht Gesetz, was allem Rechte Hohn spricht und was dem ewigen Gesetze, das jeder Mensch in seinem Herzen trägt, schroff gegenübersteht wie dunkle Nacht dem sonnenklaren Tage.«
»Ihr, Edeltraut, seid tief verbittert, und Euer Wort kennt keine Schranke. Ich will an Euch, Elsa, meine Rede richten; Euer Geist ist nicht so stürmisch und Euer Wort behutsam und versöhnlich. Es liegt in meiner Macht, für Euch ein gutes Wort zu sprechen und Euerem Lose manchen Trost zu bieten, wenn Ihr dazu Euch verstehen wollt, mir die Namen derjenigen zu nennen, die mit Euch am Kreidenberge waren.«
Der Alte sah mit seinen kleinen, stechenden Augen nach dem blinden Mädchen hinüber, indes er die Lippen erwartungsvoll zusammenpreßte.
»Wenn Euch nichts anderes zu uns geführt hat,« antwortete Elsa, »als diese Frage, so mögt Ihr immerhin wieder nach Hause gehen. Wer selbst jeglicher Schuld bar und ledig ist, kann nicht von Schuldgenossen reden.«
Ein zorniger Blitz wetterleuchtete über des Oberschultheißen Antlitz.
»So nehmt doch Vernunft an,« drängte er. »All Euer Leugnen nützt Euch nichts!«
»Ich würde sagen,« fiel Edeltraut darein, »Ihr solltet Ehre annehmen, wenn es Euch möglich wäre. Doch an solchem Stoffe klebt nur der Schmutz sich an. Ich will Euch Rede und Antwort stehen. Ihr heuchelt Mitleid gegen uns, da Ihr uns doch im Grunde Euerer Seele hasset. Wißt Ihr, was Euch in diesen Kerker geführt hat? Die Habsucht ist es, ganz gemeine Habsucht! Ihr hoffet, unser Geist sei so gebrochen, daß wir zu blinden Werkzeugen Euerer Hände würden und an den letzten Strohhalm uns anklammernd in fremdem Elend unsere Rettung suchten? Nein, selbst Euere Nähe, Herr, macht uns nicht schlecht, obwohl der Raum, den Euer Atem berührt, vergiftet ist. Ihr bezieht von jeder Hexe sieben Gulden Schergenlohn; um dieses Geldes willen seid Ihr gerne bereit, das Kind im Mutterleib zu schlachten und Stadt und Land zur Wüstenei zu machen. Sieben Gulden! Ein schönes Sümmchen jedenfalls für den, der nur nach Stücken rechnet und der nicht Ehre und Gewissen kennt. Ei, wenn wir hundert Namen Euch der Reihe nach anführten, wie sie der Zufall uns erfassen ließe, Ihr dächtet auch nicht einen Augenblick darüber nach, ob Ihr Lüge oder Wahrheit gehört habt, Ihr dächtet einzig nur daran, daß siebenmal hundert ein herrlich Sümmchen sei. Ja, Herr, so ist's; und daß es dahin kommen konnte, daß um des Geldes willen Scheiterhaufen rauchen, ist eine Schmach, so reich an Ekel, daß jene Stunde wahrhaftig zu segnen ist, die uns von solchen Richtern befreit. Doch, wenn Ihr in der Tat uns einen Dienst erzeigen wollt, so geht von dannen. Nie schien mir dieser Kerker häßlicher, als da Ihr, Oberschultheiß, in seiner Mitte standet.«
Der Gestrenge warf einen langen Blick unversöhnlichen Hasses nach dem kühnen Mädchen; dann verließ er polternd den Kerker.
Draußen blieb er stehen und versank in tiefes Sinnen. Was war es, das diese alte, rostige Seele so ernst stimmte? Schlief vielleicht doch ein Funke von Ehre und Gefühl in dieser Brust, und fand in diesem Gehirne vielleicht doch noch ein anderer Gedanke Raum als der an Blut und Geld? Vielleicht stieg es wie Scham und Reue in ihm auf, wenn er zurückdachte an jene zwei armen Opfer, deren Gefängnis er soeben verlassen hatte? O nein! All das bewegte nicht des Richters Sinn und Seele, sein ganzes Denken galt der Zahl sieben, und wie sie sich zu Silber machen ließe!
Er befahl dem Kerkermeister, jenes Verließ zu öffnen, in welchem Zuckerwastl mit seinen Genossen sich befand.
»Wie geht es euch?« sprach er, in den Kerker tretend und einen prüfenden Blick auf die kauernden Gestalten heftend. »'s ist schlimme Wohnung, nicht wahr, Zuckerwastl; aber solchen Vögeln baut man solchen Käfig. Es geht nun in der Welt nicht anders.«
»Was wollt Ihr?« murrte der Zuckerwastl.
»Ei, was werde ich wollen?« sprach unbefangen der Oberschultheiß; »euch besuchen, nach euch sehen, fragen, ob euch nichts fehlt, ob ihr mir nichts zu beichten habt, ha, so ein kleines Geständnis! Hm, Zuckerwastl, wie meinst du?«
Der schüttelte den Kopf und höhnte: »Euch, Herr, sollt' ich beichten? Nein! Hab's überhaupt verlernt; und wollt' ich es je vor meinem Tode noch einmal tun, müßte es doch ein Priester sein und just nicht Ihr.«
»Nun, nun, so war's auch nicht gemeint! Ich dachte nur, der Zuckerwastl ist zwar ein großer Spitzbube —«
»Danke, Herr!«
»— Aber auch ein sehr vernünftiger Mensch.«
»So, und warum paßt es Euch, mich für sehr vernünftig zu halten?«
»Du bist kein Winseler und kein Schwachkopf. Du siehst nur zu gut ein, daß deine Karre unterm Galgen steht.«
»Ihr irrt, das sehe ich gar nicht ein.«
»Beruhige dich nur, es ist doch so!«
Zuckerwastl strich sich mißvergnügt die Stirne und sah nach dem Fensterloche hinüber.
»Die Eisenstäbe dort sind sehr fest,« fuhr der Oberschultheiß, der jenen Blick wohl verstanden hatte, mit scharfer Betonung fort. »Mache dir keine überflüssige Mühe oder Hoffnung. Einmal kommst du noch ins Freie, wenn du deinen Gang nach der Richtstätte machest; das lasse dir genügen. — Aber du könntest,« setzte er freundlicher werdend bei, »die Tage, die du noch zu leben hast, dir angenehmer machen. Was meinst du zu einer Flasche Wein?«
Zuckerwastl schaute sehr mißtrauisch den Schmeichler von der Seite an.
»Hm,« brummte er, »ich habe gegen den Wein nie eine Feindschaft getragen, ich bin ihm auch jetzt noch herzlich gewogen. Aber, verzeiht, ich fürchte, Ihr möchtet mir Eueren Wein zu teuer verkaufen.«
Der Oberschultheiß stieß ein heiseres Lachen aus. »Bewahre Gott! ich frage dich ganz einfach, ob du mir keine Hexlein oder Zauberer zu nennen weißt, und ich zahle dir für den Kopf eine Flasche. Gewiß ein schönes Angebot.«
Zuckerwastl wiegte sein Haupt hin und her und lächelte bitter; dann fuhr er mit dem Rücken seiner Hand über den Mund und sprach ein kurzes »Nein!«
»Wie töricht!« grollte der Gestrenge. »Willst du durstig an den Galgen?«
»Ist mir alles einerlei.«
»So sei vernünftig!« mahnte jener.
»Mag nicht!« war die kurze Antwort.
»So; und warum?«
»Ich will's Euch sagen. Euch liegt wenig daran, ob ich Wasser oder Wein saufe; Ihr wollt nur neue Vögel für den Käfig haben. He, Alter, das ist dein ganzer Plan! Nein, nein, aus meinem Munde sollst du nichts erfahren; da bin ich mir trotz aller Schlechtigkeit doch zu gut dazu, und es müßte wohl ein Teufel sein, der selbst in Euerer heißen Küche sitzend Euch den Braten in dieselbe jagen wollte. Bin mein Lebtag wenig nutz gewesen, aber da meine Lebensuhr auf zwölfe steht, will ich doch nicht zum schlechten Kerl werden. Sauf' deinen Wein nur selbst, du alter Gauner; mich aber laß in Ruhe!«
Der Oberschultheiß warf einen vernichtenden Blick auf den Sprechenden.
»Wir treffen uns,« knirschte er.
»Vielleicht am Galgen?« fragte Zuckerwastl und drehte sich auf die andere Seite, um zu schlafen.
»Ich mag Wein,« stotterte faul der Neunaugen aus einer andern Ecke.
Der Gestrenge wandte sich rasch nach ihm. »Und was kannst du mir dafür sagen? Weißt du Hexen?«
»Hexen? Hexen? Hm, also so etwas möchtest du wissen? Muß alles wahr sein, was ich dir sage? Ich hab' einmal gehört, ihr Herren wäret auch um Lügen froh, wenn sie euch in eueren Kram passen. Ich will Euch vorlügen, soviel Ihr wollt. Das ist doch gewiß so schön als Euer Anerbieten.«
»Ei, zu lügen brauchst du gerade nicht,« tadelte der Oberschultheiß. »Aber es ist auch nicht notwendig, daß du gewiß weißt, was du sagst. Wir Herren vom Gerichte wissen auch aus einem Verdachte etwas zu machen.«
»So, so,« gähnte der Neunaugen. »Was wisset Ihr denn daraus zu machen?«
»Esel,« schimpfte der Pappenheimer, »was man aus uns gemacht hat.«
»So!« grinste der Tölpel.
»Ich kratze dir die Augen aus, wenn du dein Maul dem gegenüber noch einmal aufmachest, alter Taugenichts!« eiferte Helena.
»Sei nur nicht so grob,« knurrte der Neunaugen verdrießlich.
»Und ich haue dir alle Knochen entzwei,« brummte Zuckerwastl in ruhiger, aber sehr überzeugender Weise.
»Ja, dann kann ich Euch freilich nicht anlügen. Tut mir wirklich leid,« stammelte der Neunaugen. »Laßt mich schlafen,« fuhr er gähnend weiter. »Schlafen ist auch gut; aber Wein wäre besser.« —
»Nun will ich's bei den Kindern noch versuchen,« murmelte der Oberschultheiß zwischen den Zähnen. »He, Kerkermeister, führt mich zu den Kleinen!«
Der gute Alte zuckte schmerzlich zusammen.
»Nehmt es nicht ungnädig, hoher Herr,« sprach er, »bringt Ihr wohl den armen Kindern die längst ersehnte Freiheit?«
Der Gestrenge blieb in hellem Erstaunen stehen. »Freiheit?« rief er. »Wer kann hier von Freiheit reden? Ihr seid ein alter Schwachkopf und wäret imstande, gerade den gefährlichsten Hexen und Zauberern das Wort zu reden. Denkt Euch nur, wenn wir die Kinder freiließen, welche Summe von Unheil in dem langen Leben, das noch vor ihnen liegt, sie stiften könnten? Nein, nein, mein Alter! Hier gilt nicht das, was man ein gutes Herz nennt, hier gilt nur kaltes, strenges Recht.«
»Und was wird nach Euerem Rechte aus den Kleinen?« fragte zitternd der Kerkermeister.
»Nun, was wird werden?« entgegnete jener, heftig mit den Armen um sich fahrend; »man verbrennt sie einfach, basta!«
Der Kerkermeister blieb stehen und hielt sich an der Wand des engen Ganges fest.
»Verbrennen?« stammelte er. »Herr, ich habe Euch wohl falsch verbanden, oder Ihr habt Euch nur versprochen?«
»So, und warum? Man verbrennt das Lumpenpack und erweist damit der ganzen Stadt den besten Dienst.«
»Herr, solche harte Rede ertragen meine alten Ohren nicht. Wie mögt Ihr die Kinder unserer besten Bürger Lumpenpack benennen? Vielleicht um des Verdachtes willen, der auf ihnen ruht? Und wenn es nur Verdacht wäre! Herr, es ist Verleumdung, die diesen Kleinen angelogen wurde, es ist Lüge, die sich an die armen Kinder wagte. Glaubt meinen grauen Haaren: die Kinder, die Ihr als Hexen in dem Kerker haltet und für den Scheiterhaufen aufspart, haben ihren Schutzengel noch nicht verloren. Noch hat er nicht trauernd sein Angesicht von ihnen abgewendet, noch hat der Satan nicht des Engels Stelle eingenommen. Ist's nicht genug, daß Laster, Frevel, dummer Wahn an unserem Glücke fressen, daß die Stadt mit Greueln sich erfüllt, ist's nicht genug, daß wir Erwachsene stets mehr und mehr dem tiefsten Elende verfallen, müssen nun auch die Kleinen ermordet und die letzten Engel aus unserer Mitte vertrieben werden? Hier, Herr, hier sind wir an der Stelle, wo die armen Kinder schmachten; geht nur hinein zu ihnen und schauet Euch ihr Elend an. Seht ihnen in die klaren Augen und fragt Euch selbst, ob Teufelslist aus ihnen schaut. Hört ihre Bitten, ihre herzzerreißenden Klagen, zählt all die bitteren Tränen, die sie weinen, und bleibt hart, wenn Ihr's vermögt; verbrennt des armen Würzburg letzte Unschuld; dann aber schüttelt den Staub von Eueren Füßen und meidet Euer Leben lang die Stätte, auf welcher der Fluch Gottes in seiner ganzen Schwere lastet.«
Der Oberschultheiß stand in Gedanken versunken inmitten seiner braungetäfelten Wohnstube. Nun, da er den Nimbus der Amtsherrlichkeit abgelegt und die strenge Miene mit einer mehr häuslich gestimmten vertauscht hatte, war der Ausdruck seines Gesichtes zwar weniger unangenehm als sonst, wenn er seines Amtes waltete und ganz in demselben aufzugehen schien; allein dennoch grinste immer noch ein lauernder Dämon aus seinen Augen. Von Zeit zu Zeit trat er an einen schwerfälligen Schreibtisch, von dem er immer wieder dasselbe Blatt Papier nahm, um es stets mit demselben tiefsinnenden Blicke zu betrachten.
»Sie wollten lange nicht plaudern,« sprach er halblaut vor sich hin, »endlich habe ich doch einigen von den Kindern die Zunge gelöst. Im Grunde ist das, was sie mir zitternd erzählten, nichts, gar nichts, kindliche Einfalt, gejagt von wirren Phantasien, harmloses Geplauder über Geister und Gespenster, vermischt mit Namen, ohne böse Absicht genannt, aber doch in dem großen Gewebe wertvolle Fäden. Es ist mir so eigentümlich zumute; ich möchte fast ärgerlich werden über — ja über was denn? Über mich selbst? Oder über die Hexenprozesse? Oder über der Kinder in blasser Furcht gestammeltes Geplauder? Ei was, dumme Grillen! Ich bleibe bei dem, was ich mir als Pflicht gesetzt habe, mögen andere darüber denken wie immer. Und die Skrupel? Nun, die verachtet man als vorübergehende Schwächen des Geistes, denen man kein Gehör schenken darf, ohne seiner richterlichen Ehre und Unabhängigkeit zu schaden. Es gilt nun, aus dem Gerede der Kinder etwas zu machen; allerdings keine zu leichte Aufgabe, sie erfordert immerhin einen so scharfen Kopf, wie der meinige ist; aber man versteht das, aus nichts etwas Verdächtiges und aus etwas Verdächtigem eine vollendete Tatsache zu machen.«
»Es war mir doch zuletzt recht unheimlich unter den Kindern. Wie sie zitterten und weinten und mit aufgehobenen Händen baten, ich möchte sie ihren Eltern wiedergeben, sie seien gewiß unschuldig. Ich wollte es ihnen auch gerne glauben, wenn ich nicht der Oberschultheiß wäre. Hm, sie sahen wirklich zum Erbarmen aus; das Elend hat ihnen die Wangen gebleicht und eingebrochen, und ihre Augen sind vor Weinen wie tot. Aber was ist da zu machen? Warum sind sie Hexlein? Ob sie's wirklich sind? Ja!«
Er ging einigemal in der Stube mit schnellen Schritten auf und ab; dann blieb er wieder stehen und stützte das Kinn auf die rechte Hand.
»Wir verklagen dich beim Pater Spee, haben mir die Kinder zugerufen, als ich ihnen sagte, ich könne sie nicht freilassen. Dieses Wort hat mich tief geärgert. So muß mir dieser Jesuit überall in den Weg treten, sogar aus Kindesmunde wird er mir zur Drohung. Ob er mir wirklich gefährlich werden könnte? Sein Anhang wächst, wächst unter dem Volke wie bei den Großen. Wie lange noch, und er und seine Ideen sind stärker als ich. Verflucht,« rief er und stampfte den Boden, »wenn mir der junge Naseweis über den Kopf wachsen sollte! Und behält er recht, und verliert das Volk den Glauben ans Hexentum und die dummblöde Furcht vor demselben, fängt es an, an der Gerechtigkeit unserer Urteile zu zweifeln, und beginnen die Lücken, die wir in so viele Familien gebrannt haben, zu schmerzen, und tritt zum Schmerz der Zorn und die Rache, entfesselt sich des Volkes wilder Sinn gegen uns, und werden wir, zu denen es bisher mit scheuer Ehrfurcht aufschaute, ihm als ungerechte Richter erscheinen, und flammt dann hoch des Pöbels Wut, wer schützt uns? Niemand. Hier gibt es nur eine Rettung; Spee muß fallen! Ist er auch Jesuit, so gefeit sind doch diese Herren nicht, daß man sie nicht verderben könnte. Wohlan, er oder ich. Nein, er, er allein!«
Der Eintritt seiner Ehefrau störte den Gestrengen aus seinem Gedankengange auf.
»Du scheinst ganz darauf zu vergessen, daß du heute in der Weinstube erwartet wirst,« sprach sie milden Tones. »Sei vernünftig, Alter, und gönne dir eine Erholung. Je länger diese leidigen Prozesse dauern, desto auffallender wird die Veränderung, die ich an dir wahrnehme.«
Der Oberschultheiß sah verwundert auf.
»Du staunst?« fuhr die geschwätzige Alte fort. »Ja, du siehst nicht, was ich sehe, und du hast auch nicht gehört, was ich hörte.«
»So, und was denn?« platzte der Ehegatte ungeduldig werdend heraus.
»'s war heute nacht,« versetzte jene, etwas befangen an ihrem Rocke die Falten streichend.
»Dummes Zeug! Wir waren heute nacht in unserer Schlafkammer, was kannst du da Sonderliches gehört haben?«
»Ich will dir's erzählen, Alter; aber du mußt nicht unwirsch tun, versprich mir das!«
»Sei ohne Sorge,« versetzte er mit einem Anfluge von Wärme in seiner Stimme.
»Du lagst in deinem Bette,« erzählte die Hausfrau, »und schienst ruhig zu schlafen, indes ich mich ruhelos auf meinem Lager umherwarf. Dein Atmen war erst ruhig; dann ging es in ein ängstliches Stöhnen über, und bald begannst du wirr durcheinander zu reden. Du magst wohl schwer geträumt haben, denn was du sagtest, klang gar schrecklich.«
»Und was war das?« fragte finster der Oberschultheiß entgegen.
»Erst war deine Rede unverständlich, bald aber sprachst du gar vernehmlich. Was ihr nur habt, zanktest du, so laßt mich doch in Ruhe. Geht, geht, bleibt fort in eueren Gräbern, bleibt am Galgen, und ihr, die ihr zu Asche verbrannt seid, wer hat euch denn gelehrt, aus euerem Staube wieder euere Körper zu formen und mich zu quälen? Schweigt, schweigt, ich habe euch nicht gemordet, es ist nicht wahr, ich habe nur nach Recht und nach Gesetz mit euch getan!... Ob ihr auch leugnet und mit eueren hohlen Stimmen ruft, ihr seiet keine Hexen, ja es gäbe keine, ihr seid es doch. Geht hin, woher ihr gekommen seid, und lasset ab, mich so zu quälen!«
Die Alte hielt einen Augenblick inne; ihr Gatte stand abgewandt von ihr mit verschränkten Armen und ließ das Haupt tief auf die Brust herabsinken.
»Weiter!«
»Da plötzlich strecktest du die Hände flehend aus und riefst: O nehmt mich nicht mit euch hinaus zur Richtstätte, ich kann nicht! O wie mir schaudert, laßt mich, laßt mich! — — Du erwachtest, und als ich dir den kalten Schweiß von deiner Stirne trocknete und dich um dein Traumbild befragte, da wandtest du dich unwirsch ab.«
»'s ist wahr, ich hatte einen bösen Traum,« sprach der Gatte und trat ans Fenster, durch das eben die letzten Sonnenstrahlen grüßend in die Stube fielen. »Es war eine schlimme Nacht; allein ich halte ganz gewiß dafür, daß mir die Hexen diese Traumqual angetan haben, um mich zu schrecken und einzuschüchtern.«
»Ei, du mein lieber Gott,« jammerte die Alte händeringend, »so meinst du wirklich, das sei Hexenwerk und Hexenrache gewesen?«
»Ohne Zweifel,« bestätigte, die Brauen hochaufziehend, der Gestrenge. »Übrigens sei ohne Sorge, ich werde mir schon Ruhe zu verschaffen wissen. Ein tüchtig Brennen nach dem andern wird doch wohl endlich mit den Unholden ein Ende machen. Und ist Stadt und Land von diesem Höllengesindel gereinigt, dann wird man mit Stolz und Ruhm meinen Namen nennen als den eines weisen und gerechten Mannes und eines Wohltäters hiesiger Stadt. Gib mir Hut und Mantel und laß mich hinter einem Glase Wein für eine Stunde jener Sorgen vergessen, die zwar meinen Geist erdrücken müßten, wäre er nicht von seltener Stärke, die aber auch einen unvergänglichen Ruhm um meinen Namen flechten. Gott mit dir, liebes Ehegespons!« —
— Über den Gassen und Gäßlein lag tiefes Dämmerlicht. Da und dort brannte schon vor einem Madonnenbilde in der Mauernische ein rötlich flackerndes Öllicht. Munter scherzend zogen die Gesellen, den Arbeitsschurz zurückgeschlagen, Arm in Arm durch die Straßen, ein fröhliches Lied singend oder den vor den Haustüren sitzenden Mädchen ein ehrbar neckisches Wort zum Gruße zurufend.
»Bst, Martin,« stieß einer den andern an, »siehst du ihn dort den Marktplatz herunterkommen?«
»Herrgott, der Oberschultheiß! Gehen wir ihm aus dem Wege!«
»Warum nicht gar? Hat auch nicht mehr Recht auf der Gasse als unsereiner.«
»Mir graut vor dem Menschen.«
»Ja, ja, so recht liebenswürdig sieht er nicht aus!«
»Und sein ewiges Hexenbrennen! Der Mensch muß ein Stück vom Teufel im Leibe haben.«
Der Gestrenge ging vorüber. Die Burschen grüßten kecklich mit einem »Guten Abend, Herr!« Der Gruß ward gar ernst und würdevoll erwidert.
»Möcht' auch nicht mit ihm sterben,« flüsterte der eine Geselle.
»Schau nur, wie er einherschreitet, lauter Macht und Herrlichkeit! Wo der hintritt, wächst auch kein Gras mehr.«
»Pfui Teufel!« sprach der erste wieder und spuckte aus. »Die Luft stinkt nach Blut und Menschenfett, seit der zweibeinige Galgen an uns vorübergegangen ist. Komm mit mir auf einen Schoppen, Kilian; der Henker vertrage den Henker mit leerem Magen!« —
In der Weinstube herrschte bereits fröhliches Leben und Treiben, als der Gestrenge dort eintrat. Der Wirt, ein dicker Mann mit einer sehr bedenklichen Weinnase, empfing seinen Gast mit vielen Bücklingen, so tief, als es eben der stattliche Bauch erlaubte. Er öffnete die Türe eines langgestreckten Kneipgemaches, das, von dem Lärme der allgemeinen Schenkstube abseits liegend, den Herren als heimische Zufluchtsstätte diente, wenn sie Sorgen vertrinken oder einer zänkischen Ehehälfte entgehen wollten. Die niedere, getäfelte Decke hing schwer über dem Gemache, die breiten Fenster waren mit altem, rundem Glaswerke eingelassen, die Mitte des Gelasses nahm ein langer Eichentisch mit gespreizten Beinen ein, um welchen die hochlehnigen, gepolsterten Stühle standen. Die aufgepflanzten zinnernen Kannen, die stillvergnügten Mienen der alten Herren und der lebendige Redefluß der Jüngeren bewiesen, daß die Würzburger auch damals schon ganz prächtig den Wein zu schätzen und zu trinken verstanden. Schmeckt doch guter Wein dreimal wohl und kommt auf einen richtigen Trunk dieses flüssigen Goldes Leib und Seele wieder zusammen!
»Ehrerbietigen Gruß, Euer Gestrengen!« rief der Spittlmeister vom Dietericher Tor, ein gar gelehrter Mann mit einer allzeit frohen Lebensader, dem Eintretenden entgegen. »Laßt es Euch an meiner Seite belieben! Was wollt Ihr trinken? Frankenwein Krankenwein, Neckarwein Schleckerwein, Rheinwein fein Wein. Herrgott, am besten wäre es, es tränke einer alle drei!«
»Ei, ei, macht Euch der Wein schon wild?« neckte der Oberschultheiß mit kaltem Lächeln.
»I bewahre; wollte mir der Wein zu wild werden, ich schlüge ihn mit der Wasserstange. Übrigens drei Kannen für einen Mann, wie ich bin! Hei, seht nur mein Bauchfäßlein an und sagt, ob nicht Wein genug Platz hat.«
»Und der Kopf?« fragte der Gestrenge, mit voller Würde an seiner Kanne nippend.
»Der Kopf? sagt Ihr. Seht, der arme Schädel sitzt den ganzen Tag über den Büchern und brütet Weisheit, daß es ganz erstaunlich ist. Will es aber Abend werden, so geht mir richtig immer das Öl in der Hirnlampe aus, und gösse ich nicht Wein auf, weiß Gott, ich würde trotz all meiner Weisheit in einem Jahre wieder so dumm, als ich war, da mir meine selige Mutter zum dritten Geburtstage Schläge gab, weil ich ihre liebste Katze halbtot geschunden habe. Herr, der Wein ist an sich selber gut; trinkt ihn aber ein Mensch ziemlich und mit Maß, so schärft er den Verstand. So ist's! Komm, alter Junge,« rief er in seliger Weinlaune, »komm und sag' mir was ins Ohr!« Dabei setzte er die Kanne an den Mund, trank, stieß sie auf den Tisch und sprach: »Der Wein allein schon beweist, daß es einen Herrgott im Himmel geben muß.«
Der Oberschultheiß konnte sich eines leichten Lächelns nicht erwehren, als er diese Rede seines Nachbars hörte.
»Ihr seid ein glücklicher Mann,« sprach er, bedächtig mit dem Zeigefinger an seiner Kanne auf- und abfahrend. »Freilich, Ihr wißt kaum, was Sorgen heißen; aber ich kann davon erzählen.«
»Ja, ja, Euere Hexen, nicht wahr, lassen Euch nicht ruhig schlafen,« neckte der Spittlmeister.
Der Gestrenge sah ihn mit einem Blicke voll Erstaunen an.
»Was wißt Ihr?« fuhr er seinen Nachbar an.
Dem aber lachte der Schelm aus den Augen.
»Ei, ich weiß alles,« versetzte der Spittlmeister. »Wenn Ihr den ganzen Tag hinter Eueren Blutakten gesessen seid und kommt nach Hause, so schleichen Euch ein Dutzend Hexlein nach; und legt Ihr Euch zu Bette und vermeint schlafen zu können, so kommen sie über Euch im Traume und quälen Euch zum Lohn dafür, daß Ihr mit ihnen so unbarmherzig verfahret.«
Des Oberschultheißen Augen ruhten stechend auf dem Spittlmeister.
»Hört,« sprach er, »Euere Rede ist vermessen oder verdächtig.«
»Am Ende haltet Ihr mich auch für einen Hexenmeister,« spottete der Spielmeister. »Weiß Gott, man dürfte schier ein Hexenmeister sein, um in diesen Zeiten noch den frohen Sinn aus all dem Elende zu retten, das uns umgibt!«
»Hm,« knurrte der Gestrenge. »Heutzutage kann man von keinem Menschen wissen, wer und was er ist. Denkt an Edeltraut und Elsa; haben diese nicht für die tugendhaftesten Jungfrauen unserer Stadt gegolten und haben sich dennoch als ganz gefährliche Hexen entpuppt?«
Der Spittlmeister trommelte Sturm auf dem Tische mit seinen dicken Fingern. Auch die übrigen Gäste wandten ihre Aufmerksamkeit immer mehr dem Gespräche der beiden zu, um so mehr, als die Hexenbrände das ganze Interesse der Bewohner Würzburgs in Anspruch nahmen.
Am Ende der Tafel saß ein großer, feister Mann. Das rötliche, kurzgeschnittene Haupthaar war schon stark mit Grau untermischt; unter der gebogenen Nase hing, den Mund verdeckend, ein gewaltiger Schnurrbart, den der Alte beständig zwischen den Fingern drehte. Eine schlecht verharschte Narbe zog sich vom rechten Ohre über den Backen nach dem Mundwinkel, die von starken Brauen beschatteten, katzenartigen Augen waren von einer durchbohrenden Kraft. Der heruntergekommene Anzug ließ den ehemaligen Feldhauptmann erraten, einen Menschen, halb Soldat, halb Bramarbas, in Summa aber ein kecker Geselle.
»Alle Wetter,« schrie er mit seiner schnarrenden Baßstimme, »Herr Oberschultheiß, ich habe so etwas gehört, als wollte Euch ein Pfäfflein von den Jesuitern in Euerem Handwerk unbequem werden. Hm, nette Leute das, die Jesuiter! Was? Will Euch was sagen. Der Gescheiteste von euch zweien ist der dritte, das bin ich. Der eine glaubt zuviel an unsern Herrgott, der andere zuviel an den Teufel. Ist beides Unsinn. Ich glaube an mich und für den Augenblick an meine Kanne Wein; ist diese leer getrunken, glaube ich auch nicht mehr an sie, bis sie der Wirt wieder gefüllt hat. Das ist Lebensweisheit, und alles andere ist Narretei. Aber begierig wäre ich doch, wer von euch den andern unterkriegt, Ihr den Spee oder der Spee Euch. Ist wahrlich schade, daß ihr um des Kaisers Bart streitet, und Ihr, Gestrenger, Euere Schrift mit Blut schreibt und mit Menschenasche bestreut; Ihr solltet eigentlich das Ding mit dem Schwerte ausmachen, gäb' ein herrlich Schauen, euch im Kampfe zu sehen.«
Des alten Haudegen plumpe Rede fiel wie ein grober Steinhaufen unter die Gäste. Niemand antwortete. Da räusperte sich gar behutsam eine spindeldürre, hektische Gestalt, ein Aktuarius in Ehren und in Nöten, und sprach:
»Ich möchte für den Augenblick ganz davon absehen, wer in besagter Hexenfrage recht behält. Wollte ich nach den Grundsätzen wahrer Aufklärung urteilen, so müßte ich sagen, der Jesuit hat recht; allein ich halte dafür, daß ein Jesuit auch dann, wenn er das Rechte will, es nie aus guter Absicht will, und daß man allzeit am besten tut, nein zu sagen, sooft ein Jesuit ja sagt. O,« rief er und legte gar gelehrt den Zeigefinger an die Nase, »o, ich sage, man sollte lieber die Hexen sein lassen und auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten. Haben wir sie gebraucht und gerufen? Nein! Wir haben genug an den anderen Mönchen in unserer Stadt. Und was nützen sie? Kaum hatten sie sich ihr Nest warm gerichtet, waren sie auch schon die Herren von ganz Würzburg. Ich rede gar nicht davon, daß sie das Frauenvolk ganz in ihrer Gewalt haben, aber denken die Herren an unsere Studenten, welch verschrobene, andächtige Köpfe aus ihnen gebildet werden! Und die Wissenschaft? Es ist geradezu zum Lachen, was die frommen Jesuiter unter Wissenschaft verstehen, und wieviel sie davon gnädigst zu naschen gestatten. Sie sind wahre Schergen aller freien Forschung. Mit ihrem thomistischen Distinguo, nego, concedo ersticken sie den letzten Funken selbständigen Denkens. Freilich brauchen sie für ihre Zwecke keine Denker, sondern willenlose Maschinen, und daß sie diese sich aus unserer Jugend heranziehen, ist ebenso wahr als traurig. Darum meine ich, man sollte vor allem auf Vertreibung der Jesuiter hinarbeiten, ehe man sich mit untergeordneten Fragen befaßt.«
Der junge Mann ließ seinen Blick triumphierend über die Versammelten schweifen, gleich als wollte er mit voller Genugtuung den Eindruck seiner Rede in einem in sich aufnehmen.
»Herr Aktuarius,« platzte da der Spittlmeister vom Dietericher Tore heraus, »was schwatzt Ihr da für Unsinn! Hätte gemeint, wer als Student Jesuitersuppe gegessen hat, sollte nicht in die Schüssel speien, aus der er sein Futter geholt hat. Wenn die Jesuiter just aus Euch keinen hellen Kopf gemacht haben, so bedankt Euch dafür nur bei Euch selbst. So. Und was Ihr von Vertreibung der Jesuiter meint, das ist, mit Vergunst, barer Blödsinn. Ihr, Herr, solltet Euch mit vernünftigerem Denken befassen und nicht daherschwatzen, als sei Euch ein Rad im Hirnkasten gebrochen.«
»Haut ihn nur gleich in die Pfanne,« rief der Feldhauptmann. »Was ist's, wenn der Aktuarius die schwarzen Raben nicht mag? Mag sie auch nicht leiden, und wäre es mir just ganz lieb und angenehm, so sie aus Stadt und Land davonflögen.«
»Wenigstens einzelne,« ergänzte der Oberschultheiß. »Wenn so zum Beispiele der Pater Spee auf die eine oder andere Weise veranlaßt werden könnte, unsere Stadt zu verlassen, und zwar recht bald, so wäre das ein gar großer Gewinn für uns.«
»Das sehe ich nicht ein,« stritt der Spittlmeister entgegen. »Der Spee ist gerade ein rechter Segen für unsere Stadt. Alle Achtung vor den andern Priestern, aber nennt mir einen, der mit solch rastloser Aufopferung sich der Armen und Kranken annimmt, der so eifrig im Beichtstuhle und auf der Kanzel ist wie unser Spee? Der Mann ist aus reiner Gottesliebe zusammengesetzt, und ich kann gar nicht begreifen, warum gerade der Spee aus Würzburg fort sollte. Oder ist er Euch, Gestrenger, vielleicht unbequem, weil er nicht so dick an Hexen glaubt als Ihr? Ja, ja, in dem Punkte mag er Euch ein wenig im Lichte stehen; ist aber wahrlich kein geringes Verdienst von dem jungen Priester, der Wahrheit auch dann Zeugnis zu geben, wenn man allein gegen viele steht. Übrigens halte auch ich es in der Hexensache mit dem Spee. Ich weiß nicht, hat der edle Mann mehr Verstand oder mehr Liebe, aber Weisheit und Wahrheit ist es, was er gegen das Hexenwüten sagt. Ja, gestrenger Herr, wenn der Spee nicht wäre, Ihr brenntet uns zuletzt noch Stadt und Land aus.«
Der Oberschultheiß schoß Blitze auf den Sprechenden.
»Hätte nimmer geglaubt,« höhnte er, »daß ein reifer Mann so Ungereimtes reden kann. Es mag Euch um des genossenen Weines willen nicht zu hoch angerechnet sein, was Ihr gesprochen. Doch warne ich Euch in Freundschaft vor dem Pater Spee und vor dessen Verteidigung.«
Das war dem Spittlmeister nun zu viel. Voll Zornes fuhr er von seinem Platze auf und maß den Gestrengen mit stolzem Auge.
»Ihr, Herr, vergesset, wer ich bin, und daß Ihr gar kein Recht besitzt, hier guten Rat auszuteilen. Behaltet den für Euch, sonst müßte ich Euch zum Danke auch einen Rat erteilen, der Euch aber weniger zur Ehre gereichte als mir der Euere. Ich habe Euch wohl durchschaut; glaubt mir, was Ihr vermögt, vermag ein anderer auch noch. Und da Ihr Euch einen besonderen Zorn und Grimm auf Pater Spee einbildet, so wisset, daß mit nächstem Morgengrauen mein Weg mich zu dem Jesuiter führt, um ihn zu warnen, und dann zum Fürstbischofe, um auch mit ihm ein ehrliches Wort zu reden.«
Ohne Abschiedsgruß schied der brave Mann aus der Schenkstube. Fest, wie sein Sinn, war auch sein Schritt, und so hochauf auch seine Seele flammte, in seinem Wesen blieb er ruhig und gemessen.
»Wollt Ihr mich begleiten, Herr Aktuarius?« fragte der Oberschultheiß, seinen Mantel umhängend.
»Es soll mir hohe Ehre sein,« antwortete dieser und öffnete dem Gestrengen die Türe.
Und draußen sann über der vieltürmigen Stadt des Himmels nächtige Sternenpracht, wie eine Mutter an der Wiege eines schlummernden Kindes sinnen und Liebesträume denken mag. All die ungezählten flimmernden Lichtäuglein waren wie Gottesgrüße, die zur Erde niederschauten, ein so unendliches Sursum corda für reine Herzen! Zwischen den Türmen des Domes brannte in mildem Silberfeuer des Mondes Sichel, ein Wächter überm Heiligtume, ein Lichtkuß vom Himmel auf die Wohnung des eucharistischen Gottes.
Im Schatten einer Kirche standen zwei Männer in flüsterndem Gespräche. Der Nachtwächter hatte sie angetreten und zum Nachhausegehen ermahnt.
»Schert Euch zum Teufel!« war die kurze Antwort, die er erhielt. Ein Oberschultheiß durfte schon sagen, was in eines einfachen Bürgers Mund sehr verbrecherisch geklungen hätte.
»— Warum nicht?« fuhr der Aktuarius flüsternd im Zwiegespräche weiter. »Man muß eben nicht so engherzig sein und Beweise verlangen, wo einfache Verleumdungen denselben Dienst tun. Man hängt dem Manne etwas Ergiebiges an, hundert gegen eins, er geht, d. h. seine Obern versetzen ihn.«
»Ganz gut,« entgegnete der Oberschultheiß mit teilweiser Befriedigung; »aber was hängt man dem Pater Spee an? Ich gestehe aufrichtig, daß, so sehr ich diesen Mann hasse, ich doch keinen wunden Fleck an ihm finde, an dem sich — 's ist ein elendes Wort — an dem sich die Verleumdung kristallisieren könnte.«
»Ist auch nicht notwendig,« gab der an Leib und Seele Fadenscheinige zurück. »Wir brauchen dem Jesuiten gar nichts Arges nachzusagen; man würde uns seinem heiligmäßigen Wandel gegenüber auch gar nicht Glauben schenken, wollten wir ihm eine Weltsünde anlügen. Wir sagen einfach, der Pater ist gut, der Pater ist fromm, der Pater ist sehr barmherzig, aber —«
»Nun, aber — ich brenne vor Neugierde.«
»Aber er hat nicht den rechten Glauben.«
»Mit Vergunst, Ihr seid ein Esel!« rief der Gestrenge.
»Bitte sehr,« erwiderte der Aktuarius, »Euer Gnaden belieben mir unrecht zu tun. Man beweist dem Volke, der Pater glaubt nicht an Hexen, alle Welt aber glaubt daran — ergo —«
»Hm, das Ding klingt besser, als ich gemeint hatte. Und glaubt Ihr, mit Euerer Sache durchzudringen?«
»Ja. Das Volk ist dumm gemacht durch all die Hexenhetze. In diesem Zustande bringt man ihm alles bei. Es glaubt alles, was nicht vernünftig ist.«
Der Oberschultheiß biß sich auf die Lippen. »Aber der Fürstbischof?«
Der Aktuar lächelte und blies über seine flache Hand.
»Meint Ihr?« fragte der Gestrenge.
»Ich meine nicht. Ich weiß.«
»Gut.«
»Noch eines! Belieben Euer Gestrengen noch etwas Silber an die Sache zu gießen, damit sie einen besseren Klang und Glanz bekomme!«
Der Oberschultheiß räusperte sich sehr unzufrieden.
»Hm, ich kann nicht recht einsehen, wozu das Silber notwendig ist. Mein Kampf gegen den Pater ist ein rein geistiger.«
»Soll ich die Menge bearbeiten, so muß ich sie in den Schenkstuben aufsuchen. Hinter dem Arbeitstische ist der Mensch zu nüchtern und vernünftig. Erst wenn ein Zug über Durst getan ist, findet auch die Dummheit den Schlüssel zum Gehirne.«
»Nun ja, zugestanden. Also geht fleißig in die Schenken.«
Der Aktuar konnte nur mit Mühe seiner Ungeduld Meister werden.
»Herr,« sprach er, »ich weiß nicht, ob Ihr auch schon das Brot eines Aktuars gehungert habt. Wenn nicht, so glaubt mir freundlichst, wenn ich Euch sage, daß unter den Groschen, die ich erschwitzen muß, kein Weingroschen sich befindet.«
»So? Kommt morgen zu mir. Aber ich ersuche Euch, hetzt, was Ihr könnt, die Zeit drängt.«
Die beiden schieden mit stummem Gruße.
Der Oberschultheiß ging nachdenklich seines Weges, der ihn am Kloster der Jesuiter vorüberführte.
Dort angelangt, blieb er mit verschränkten Armen stehen.
»Da wohnen sie und ruhen sie; ruhen gewiß sanfter, als ich je ruhen werde. Diese Jesuiter sind ein Rätsel, das ich nicht zu lösen vermag. Man kann sie in einem Atemzuge hassen und beneiden. Sehe ich einen von ihnen, so komme ich mir vor wie ein schwankendes Schilfrohr neben einer Eiche. Sind denn diese Menschen ohne Leidenschaften geboren, daß sie so ruhigen, sicheren Fußes über die Erde und durch das Leben gehen? Oder ist diese Seelenkraft eine errungene? Weiß Gott, da stünde ich lächerlich klein neben einem Jesuiter da! — — Ich kann sie hassen, aber ich muß sie auch achten; und stünde mir der Pater nicht unausgesetzt im Wege, ihn achtete ich am meisten. Warum kämpft er auch gegen mich, oder besser gesagt, gegen meine Stellung und Amtstätigkeit? Er oder ich! Ich kann, ich will nicht zurück.«
Mit hastigen Schritten ging er seiner Wohnung zu. War es der Wein oder die Aufregung oder der Rest von Gewissen, was ihn so unruhig machte?
In seiner Stube angekommen, zündete er ein Licht an und trat an seinen Schreibtisch.
»Spittlmeister,« sprach er, »wie konntest du wissen, daß mich die Hexen im Schlafe quälen? Alter, Alter, wir werden doch vielleicht noch guten Rat miteinander tauschen, vielleicht auch schlechten.«
Er setzte sich und schrieb.
»Der Spittlmeister am Dieterichertor ist angesichts dieses wegen dringenden Verdachtes der Gemeinschaft mit Hexen und Zauberern zu verhaften und in den Schneidturm abzuführen.«
Ein Diener trug den verhängnisvollen Zettel nach der Wachstube — in einer Stunde lag der Spittlmeister unter dem Dache des Schneidturmes.
Der Mond trat hinter aufsteigendes Gewölke und ein Stern nach dem andern löschte sein Licht aus.
Der Morgen dämmerte trüb und träge aus dem Osten herauf.
Die Aufregung in der Stadt wuchs von Tag zu Tag. Die gefängliche Einziehung des Spittlmeisters am Dietericher Tor beschäftigte die Würzburger aufs lebhafteste. Jedermann war dem hochgelehrten, treuherzigen Herrn aufrichtig gewogen, jedermann dachte sich ihn ohne Fehl und Arg, und besonders die Kinder vermißten ihren lieben Freund sehr schmerzlich.
»Da haben sie just den Rechten eingefangen,« meinte ein Alter, der unter einer Gruppe von Männern und Frauen vor dem Hauptportale des Domes stand, wo sie eben die Frühmesse gehört hatten.
»So, und warum?« fragte ein anderer heftig entgegen. »Will euch was sagen. Wir haben ein wahres Schandregiment in der Stadt; Gauner, Spitzbuben, fahrendes Gesindel lauft lustig in unseren Gassen umher und treibt, was ihm gefällt; die besten Männer dagegen reißt man des Nachts aus ihren Betten und wirft sie in den Kerker! Ist das nicht eine Schmach? Und es wird nicht besser, bis nicht wir Bürger der Stadt fest zusammentreten und zum Fürstbischofe gehen und ihm sagen: Gnädigster Herr, wir Bürger möchten ein anderes Regiment.«
»Und doch sage ich,« wiederholte der erste, »sie haben am Spittlmeister den Rechten eingefangen. Seht, da glotzt ihr mich an und streckt die Hälse und versteht mich nicht. Ich sage euch, der Spittlmeister mit seinem scharfen Verstande und mit seiner gewaltigen Rede wird den Herren beim Malefizgerichte ein solches Licht aufstecken, daß ihnen die Augen aufgehen.«
»Glaub's nicht; denen geht nicht Herz noch Auge und Verstand auf. Die sind hartgesotten wie wahre Teufel, und solange der Fürstbischof nicht unter die ganze Rotte fährt und sie auseinanderfegt, geht kein Ende mit dem Einfangen und Hinrichten her. Herrgott, ist es jetzt doch schon schier, als sollte unsere Stadt zum Grabe werden! Nirgend mehr Lust und froher Sang, überall finstere, traurige Gesichter; und die Geschäfte erst; alle liegen sie danieder, der Henker ist der einzige, der jetzt guten Verdienst hat, Kreuzsternbombenelement — —«
»Ob du ruhig bist,« herrschte ihn seine Alte an und legte ihm die knochige Hand auf den Mund. »Ich will dir als ehrsamer Bürger fluchen!«
»Frau, halte dein Maul,« gab der zurück und stieß die Hand weg; »du verstehst das gar nicht. Gegen einen richtigen Zorn hilft oft gar nichts als ein tüchtig Scheltwort.«
»Das sagen alle Fuhrknechte und Soldaten,« zürnte die Alte vorwurfsvoll.
Der Aktuarius trat fast demütig grüßend zu den Plaudernden. Er trug ein gewaltiges Aktenbündel unter dem Arme und legte sein langes, hageres Gesicht in gar bedenkliche Miene.
»Besten guten Morgen!« sprach er, nach allen Seiten grüßend. »Schon andächtig gewesen? Schön, schön! Ernste Zeiten jetzt; es tut Gebet wirklich not. Jawohl! Ist nur das Traurigste, daß auch unsere Priester zu wanken beginnen. Und was soll aus dem armen Volke werden, wenn die Geistlichkeit aufhört, dessen Stütze und Richtschnur zu sein?«
»Was könnt Ihr über unsere Priester klagen?« murrte der Alte unzufrieden.
Der Aktuarius deutete mit seinen Spinnenfingern nach den Aktenstücken, die er unter seinem Arme hielt. »Heute wird man mit dem Chorherrn Nikodemus Hirsch und dem Vikarius Christophorus Barger ins Gericht gehen. Ich sage Euch, das sind ganz schreckliche Zauberer. Und stünden sie allein! Aber man hat bereits an vierzig Priester im Verdachte, daß sie's mit dem Teufel haben.«
Er ließ den Kopf gar wehmutsvoll auf die flache Brust herabsinken, seufzte tief auf und wischte sich über die halbgeschlossenen Augen.
»Das glaub' ich nicht,« schmähte eine Frau, »und wenn es auch klügere und größere Herren sagten, als Ihr seid. Habt Ihr nicht genug daran, daß Ihr die halbe Stadt bereits um Ehre und guten Namen gebracht habt, wollt Ihr nun auch unsere Priester schlecht machen?«
»Euer Unwille ehrt Euch, beste Frau,« sprach der Aktuarius und verdrehte die Augen. »Ihr habt vollständig recht, daß, wenn alles zu Trümmern geht, wenigstens unsere Priester als Wächter des Glaubens unerschütterlich feststehen sollten; wir haben ein heiliges Recht, dies von ihnen zu fordern; allein dies schließt weiter die Möglichkeit nicht aus, daß auch das Salz der Erde schal wird. Spricht man doch von einem Priester, der sich die Hochachtung aller, die ihn kennen, zu erwerben verstand, daß auch seine Rechtgläubigkeit angefangen hat, verdächtig zu werden.«
»So. Und wer wäre dieser Priester?« fragte gereizt ein Bürger.
»Ein Jesuit ist es,« antwortete der Aktuarius und rieb sich die Hände.
»Was nicht gar?« lachte der andere; »wollt Ihr uns nicht am Ende vormachen, der Pater wolle lutherisch werden?«
Der Aktuar sah mit stolzer Überlegenheit seinen Gegner an.
»Was würdet Ihr sagen,« begann er, seiner Stimme einen besonderen Nachdruck verleihend, »wenn ein katholischer Priester, ein Ordensmann, behaupten würde, es gäbe keinen Teufel?«
Er hielt einen Augenblick inne und blickte forschenden Auges auf seine Zuhörer.
»Bedenkt,« fuhr er sehr gelehrt fort, »bedenkt, daß, wer den Teufel leugnet, notwendig — wir Gelehrte sagen logisch — auch unseren Herrgott leugnen muß. Und ist einer einmal dahin gekommen, so bricht aller Glaube zusammen.«
»Ja, ja,« meinte ein alter Bürger, »soweit habt Ihr ganz recht. Es muß einer alles glauben; Stückwerk führt zum Unglauben. So etwas versteht auch ein einfacher Handwerkerverstand. Aber wer ist denn der Jesuit, von dem Ihr da redet?«
»Das ist der Pater Spee!« entgegnete der Aktuarius.
»Oho, Ihr beliebt mit uns zu scherzen, Herr! Wenn Ihr uns doch ein Märchen aufbinden wolltet, hättet Ihr wenigstens den Spee weglassen sollen; der paßt nun einmal gar nicht hinein.«
»Und doch ist es so, wie ich gesagt habe,« gab mit kaltem Stolze der Aktuar zurück. »Ihr sagt, was ihr wollt und wünschet, ich, was ich weiß.«
Dabei deutete er sehr wichtig tuend auf sein Bündel Akten.
»Es ist bereits so weit, daß sich das Gericht mit dem Pater Spee befassen muß, und es wird am besten sein, wenn man den Pater veranlaßt, Würzburg, je eher je lieber, zu verlassen. Er muß fort,« fuhr er leidenschaftlich werdend weiter, »er ist an all dem Elende schuld, das über unsere Stadt gekommen ist. Der Fürstbischof hat ihm nicht umsonst seine Gnade entzogen; — ein höchst gefährlicher Mann — betet, daß uns Gott von ihm erlöse!«
Leicht grüßend ging er seines Weges weiter und berechnete die Ernte, welche wohl aus dieser Aussaat aufgehen könnte. Und diese war nicht auf ganz unfruchtbaren Boden gefallen. Die Bürgersleute standen gar nachdenklich beieinander, und jeder wog die Zweifel ab, die seine Seele bewegten. Der Pater Spee war ihnen bisher eine höchst ehrwürdige Erscheinung gewesen, der sie mit allem Vertrauen entgegenkamen; eine einzige Rede genügte, um über den Mann einen trüben Schein zu breiten und Zweifel an seiner Ehrenhaftigkeit zu wecken.
»Hätte es mein Lebtag nicht gedacht,« sprach der eine kopfschüttelnd, »daß sogar ein Pater Spee im Glauben verdächtig sein könnte! Hm, was man nicht alles erleben kann.«
»'s ist doch ein wahrer Trost,« meinte ein zweiter, »daß unsere Herren am Gerichte noch auf Strenggläubigkeit halten; um dessentwillen kann man ihnen wieder gar viel verzeihen.«
»Ich glaube es noch nicht ganz fest,« keifte eine Alte, »daß der Spee nicht ganz rechtgläubig ist. Aber ich mag ihn doch nicht mehr recht leiden. Er täte wohl am besten, er ginge fort aus Würzburg. Mit dem Respekt ist es doch zu Ende. Du mein Gott, wenn wir Bürgersfrauen nicht zum rechten Glauben stünden, es wäre zuletzt um unseren Herrgott geschehen. Die richtigen Frommen sind doch immer wir Frauen der Stadt.«
Der Aktuar rieb sich sehr vergnügt die Hände, als er durch die kleinen Scheiblein des Malefizsaales auf die Straße heruntersah. Hatte er doch mit der Lösung seines Versprechens, gegen Spee zu arbeiten, wie er hoffen durfte, mit gutem Erfolge begonnen, und wußte er doch, daß das Volk seiner Zeit nicht weniger wankelmütig sei, als jenes war, das aus einer Kehle »Hosanna« und »Kreuzige« rief.
Der Henker trat in den Saal und ordnete an seinen Marterwerkzeugen herum. Er tat dies mit jener vollen Seelenruhe und Gleichgültigkeit, als wären es Äpfel, die er auf ihren Platz legte.
»Guten Morgen, Herr Aktuarius!« grüßte er. »Die Gestrengen gehen heute frühe ans Tagewerk. Wie ich gehört habe, kommen diesen Morgen die zwei Priester an die Reihe, die im Schneidturme gefangen sitzen.«