Aber auch von dem Lenker und Befehlshaber des Schiffes blühten mir Schwierigkeiten.
Die Anschauungen der Passagiere über Quantität und Qualität des ihnen verabreichten Proviants gaben zuweilen zu Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Kapitän und mir Veranlassung. Jene glaubten fast alle Tage, dass sie zu wenig zu essen bekämen, der Kapitän war stets der entgegengesetzten Ansicht. Wenngleich jene fast nie zufrieden zu stellen und ganz unglaubliche Massen zu vertilgen im Stande waren, auch zweifellos die Mehrzahl hier an Bord besser genährt wurde, als jemals früher in ihrem Dorf zu Hause, so konnte ich doch nicht jedesmal ihnen Unrecht geben. Meine antagonistische Pflicht, dem Schiff und seinem Führer gegenüber die Interessen der Neuseeländischen Regierung und ihrer Immigranten zu vertreten, gebot mir, vom Kapitän die genaue Befolgung der Instruktionen zu verlangen. Dies war ihm unangenehm, er schimpfte und schlug mit der Faust auf den Tisch, ich drohte, die Angelegenheit in meinem Journal niederzulegen, er schimpfte noch ärger und schlug zweimal auf den Tisch – aber die Passagiere erhielten was ich verlangt hatte. So trieben wirs beinahe die ganze viermonatliche Reise hindurch, nur dass später in der zweiten Hälfte derselben die Umstände etwas unangenehmer und die Wuthausbrüche heftiger wurden. Ein- bis dreimal wöchentlich dieselbe Komödie. In mein Journal ist niemals eine Klage gekommen, die blosse Drohung damit genügte.
Andrerseits war es jedoch nicht minder geboten, den Beschwerden gegenüber möglichst vorsichtig zu sein. Kaum war ich dem einen gerecht geworden, und kaum hatten andere gesehen, dass man sich nur an mich zu wenden brauchte, um ein Stück Fleisch oder Speck mehr zu erlangen, als auch gleich Alle kamen und klagten. Da kamen nicht nur Krapülinski und Waschlapski, Schubiakski und Schmieriumski mit Weib und Kind an Backbordseite im Gänsemarsch zu mir aufs Achterdeck anmarschirt, auch die Skandinavier wollten nicht zurückbleiben, und an Steuerbordseite erschien eine Prozession von lauter Nielsen, Christensen, Andresen und Johannsen, und jeder brachte seine Schüssel Salzfleisch, Sauerkraut und Bohnen mit, um sie mir zu zeigen.
Wenn es nun nicht blosse Unverschämtheit und Gefrässigkeit war, der die reichlich zugemessenen Rationen nicht genügten, und die ich energisch zurückweisen oder selbst strafen musste, so stellte sich bei näherer Untersuchung nicht selten heraus, dass man bereits einen Theil verzehrt oder bei Seite gelegt hatte, um mich zu täuschen. Die Skandinavier trollten sich in solchen Fällen beschämt von dannen und nahmen ihre Strafe als etwas Selbstverständliches hin. Die Polen aber, wenn ertappt, geriethen in Verzweiflung. Lautes Zetergeschrei und Schwüre der Unschuld erfüllten die Luft. Die Männer rauften sich in den Haaren, die Weiber rutschten mit ihren blärrenden Kindern auf den Knieen herbei, suchten mir Hände und Rockschoss zu küssen, Erbarmen flehend, obwohl es sich nur um die Entziehung der Bohnen oder des Sauerkrautes für einen Tag handelte.
Wir besassen leider kein Arrestlokal und überhaupt keinen hierzu verwendbaren Raum im ganzen Schiff, und so willigte ich denn einmal mit Widerstreben ein, dass der Kapitän einem Polen, der sich eine grobe Widerspänstigkeit gegen ihn hatte zu Schulden kommen lassen, Handschellen anlegte, um ihn so zum warnenden Beispiel auf zwei Stunden vor dem Grossmast an den Pranger zu stellen. Der Mann geberdete sich wie ein Wahnsinniger in seiner Wuth darüber, versuchte erst mit einem Messer sich in den Hals zu schneiden, und rannte dann voller Verzweiflung nach der Verschanzung, um über Bord zu springen, heftig mit den zwei Matrosen kämpfend, die ihn zu bewachen hatten. Die ganze Polakei bis zu den Säuglingen herab wurde rebellisch, kreischte und heulte, und das Deck bot einen Anblick, als ob ein ernstlicher Aufruhr ausgebrochen sei.
Täglich um 10 Uhr war Proviantausgabe. Die Passagiere waren in Tischgesellschaften von ungefähr je einem Dutzend Köpfen eingetheilt, jede solche Tischgesellschaft, »Back« genannt, hatte ihre Nummer, und der Proviantmeister wog vor Aller Augen die Rationen ab. Das konservirte Fleisch wurde in den Büchsen von bestimmtem Gehalt verabreicht, die Salzfleischportionen wurden mit Blechnummern versehen und über Nacht in einen grossen Bottich zum Auswässern gelegt.
Dieser Bottich machte uns viel Kummer. Bald fanden sich regelmässig Diebe ein und bestahlen seinen Inhalt. Ich entwarf nun eine Wachliste und stellte Posten davor hin. Aber die Posten schliefen ein, und am Morgen fehlten wieder etliche Fleischstücke, wie zuvor. Ich liess nun ein entbehrliches Schloss von einer Thür wegnehmen und an den Bottich befestigen. Nach zwei Tagen hatte der Proviantmeister den Schlüssel verloren, und als ein anderes Schloss angebracht war, wurde der Deckel aufgebrochen.
Diebstähle jeglicher Art gehörten überhaupt zur Tagesordnung. Es war, als ob bei der Beschäftigungslosigkeit unseres Gesindels das Bedürfniss nach Thätigkeit und Unterhaltung sich nur in dieser einen Richtung geltend machen wollte. Sie stahlen aus reinem Sport.
Trotz all dieser fast unaufhörlichen Widerwärtigkeiten meines Amtes boten mir die ersten zwei Monate der Reise doch viel Genuss, und ich habe mich während dieser Zeit nicht ein einziges mal gelangweilt. Eine der Hauptabsichten, die ich ins Auge gefasst, war, die Thiere des Meeres zu studiren, insbesondere jene Unzahl kleinerer Lebensformen, an denen die Salzfluth so reich ist, die zwar dem oberflächlichen Beobachter, weil unscheinbar, meistens entgehen, die aber gerade deshalb nur um so interessanter sind. Auf Dampfern, die rasch hindurch fahren, lernt man die See und ihren Reichthum nicht kennen. Nur auf Segelschiffen bietet sich hiezu Gelegenheit. Hauptsächlich aus diesem Grunde war ich auf die Euphrosyne gegangen.
Schon bei Biscaya hatte ich meine Schleppnetze ausgepackt. Aber lange wollte kein passendes Wetter zum Fischen kommen. Ich verlor die Geduld, und als wir eines Tages kaum eine Meile per Stunde machten, während die See noch ziemlich hoch ging, wagte ich den ersten Versuch.
Nach fünf Minuten war mein Netz abgerissen und verloren. Ich hatte den Fehler begangen, dem fachmännischen Urtheil des Kapitäns mehr zu glauben als es verdiente. Der Kapitän, gerade in guter Laune und beseelt von dem Wunsch, mit mir in gutem Einvernehmen zu leben, unterstützte mich in meinen zoologischen Bemühungen, so sehr sie ihm innerlich auch zuwider sein mussten. Ich legte ihm mein Netz, einen einfachen Sack aus sehr starkem Strammin an einem verzinkten eisernen Ring von ein halb Meter Durchmesser, und die Leine, welche den Ring an drei Strippen hielt, zur Prüfung vor und frug ihn, ob diese wohl den herrschenden Seegang aushalten würde. Er lachte über meine Besorgniss, und ich warf das Netz über Bord. Wie sehr staunte ich, als ich den gewaltigen Zug fühlte, den dieser kleine Körper dem Wasser entgegensetzte. Das Schiffshintertheil stampfte in Schwingungen von etwa drei Meter Bogenlänge auf und nieder, und jedesmal wenn es sich erhob, spannte sich die Leine bis zum Platzen, so dass ich sie kaum mehr halten konnte und ein gutes Stück auslassen und festschlingen musste, um rasch wieder einzuziehen sowie wir wieder hinabtauchten. Ein Dutzend mal hatte ich dieses beschwerliche und ermüdende Manöver vollzogen, da kam eine etwas gröbere Aufwärtsbewegung, ein leichter Knall, und ich hatte die leere Leine in der Hand, das Netz, noch etliche Sekunden hell durch das Dunkelblau der hinten hinwegrollenden Wogen schimmernd, verschwand in die Tiefe.
Von nun an war ich vorsichtiger, folgte mehr meinem eigenen Urtheil, nahm eine stärkere, gut fingerdicke Leine, und versuchte nur bei ganz ruhiger See zu fischen, wenn wir keine schnellere Fahrt als höchstens vier Knoten machten. Schon bei drei Knoten war Ein Mann allein kaum im Stande, das Netz wieder einzuziehen, und man musste immer dabei bleiben und loslassen wenn ein stärkerer Windstoss kam. Es musste dann überhaupt ziemlich viel Leine ausgesteckt werden, sonst fing das Netz, wenn es zu kurz gehalten war, an, über die Oberfläche des Wassers hinwegzutanzen, ohne etwas zu fangen. Ein grosser Missstand war, dass die Baumwollefäden des Strammins aufquollen, wodurch die Maschen verengt wurden und zu viel Widerstand boten. Ich würde deshalb in künftigen Fällen ein Geflecht aus anderem Material vorziehen.
Eines der ersten Thiere, welches mir aufstiess und mich im höchsten Grad überraschte, war ein Insekt, Halobates, ein Wassertreter, ganz ähnlich dem sehr gemeinen Hydrometra, der in unseren Teichen und Sümpfen mit gespreizten Beinen ruckweise auf dem Wasser spazieren geht. Ein Wassertreter, ein so kleines und zartes Wesen, mitten auf dem Ozean über die Wellen schreitend! Von den Kapverden bis einige Grade südlich vom Aequator an der brasilianischen Küste fand ich allenthalben dieses interessante, muthige Thierchen, und es fehlte fast nie im Netz. Noch weiter südlich wurde das Wetter auf lange Zeit zu unruhig, um das Fischen zu gestatten, und im Indischen Ozean erschien es nicht wieder.
Ich hatte sogar das Glück, Halobateseier in jedem Stadium, die ganze Entwickelungsgeschichte des Thierchens, zu erwischen. Im Netz fing sich häufig aller mögliche Unrath vom Schiffe mit, und einmal fand ich auch eine Vogelfeder darin, die sehr gebraucht aussah, so dass ich im Anfang dachte, einer unserer Passagiere habe damit seine Pfeife gereinigt und sie dann über Bord geworfen. Bei näherer Betrachtung aber entdeckte ich, dass sie mit einem hellen Schleim überzogen war, in dem röthliche bis schwärzliche Körperchen steckten. Ich legte einen Theil davon unter das Mikroskop, und siehe da, die Körperchen waren fötale Halobatesindividuen, vom nahezu unentwickelten Ei bis zum vollständig ausgebildeten, sich bereits lebhaft bewegenden Thier von Stecknadelkopfgrösse, das ebenso wie sein Süsswasserbruder bei uns keine Metamorphose durchmacht. Leider ist mir gerade jenes Spiritusglas, in welchem ich die kostbare Feder verwahrte, später in Neuseeland, während ich einige Wochen abwesend war, zerbrochen worden. Ich habe sie zwar abermals in Spiritus gesetzt und nach Hause gebracht, aber als einmal vertrocknet wird das Präparat kaum mehr zu brauchen sein.
Nicht minder merkwürdig, wenn auch minder überraschend, da sie nicht unerwartet kamen, waren mir die Pteropoden, jene eigenthümlich gestalteten Schnecken, welche in den frühen Morgenstunden schaarenweise an die Meeresoberfläche emporzusteigen pflegen, um mit dem Erscheinen des Tages wieder in die Tiefe zu tauchen. Doch fing ich deren auch an trüben Nachmittagen und nie mehr als ein Dutzend auf einmal.
Man darf sich unter diesen »Flügelfüssern« keine Schnecken im gewöhnlichen Sinn des Wortes vorstellen. Ihre Gehäuse, sofern sie überhaupt eines besitzen und nicht ganz nackt sind, haben die verschiedensten Formen, nur keine Schneckenform, sie sind bald glashelle, bald wie Emaille glänzende, braun bis bläulich gefärbte Düten, einfach oder mit 3 bis 4 Stacheln besetzt, glattgewölbt oder kantig, drehrund oder plattgedrückt, mit einer freien oder lippenartig zusammengepressten Oeffnung, aus welcher die Thiere blos ihren zu förmlichen Flügeln oder Flossen umgebildeten Fuss strecken, um damit im Wasser herumzuflattern ähnlich eben flügge gewordenen Vögeln. Wenn ich sie aus dem Netz in einen Glastopf oder in meine weisse Waschschüssel setzte, lagen sie erst wie betäubt einige Minuten regungslos auf dem Grunde. Viele wurden, wahrscheinlich durch die im Netz erlittene Quetschung getödtet, nicht wieder lebendig, andere aber fingen bald an, langsam und allmälig aus dem Gehäuse ihre Flügel herauszustrecken und leise sie auf und nieder zu heben. Bei den meisten blieb es bei diesen schwachen Versuchen, in die Höhe zu fliegen. Einige jedoch, weniger bedeutend verletzt, bewegten sich immer rascher, stiessen sich ab vom Boden, stiegen, emsig flatternd, ruckweise immer höher, bis sie zuletzt an der Oberfläche des Gefässes herumhüpften, nach einigen Sekunden, wie um auszuruhen, wieder hinabsinkend und dann das Aufwärtsstreben von Neuem beginnend.
Es gewährte mir ein unschätzbares Vergnügen, diese kleinen kaum zentimeterlangen Geschöpfe zu beobachten, und ganze Nächte fischte ich oft, durchsuchte mit der Blendlaterne mühselig das Netz und besah meine Beute drunten auf dem Tisch der Kajüte beim Lampenlicht. Wie paradox klingt es, von Schnecken zu hören, die im Wasser herumflattern gleich jungen Vögeln, die ihre ersten Fliegversuche machen. Später auf der Viti-Insel Kandavu sollte ich noch eine Muschel von 3 Zentimeter Länge kennen lernen, die ebenfalls im Glase stossweise herumfuhr, so dass ich sie anfänglich für einen zweischaligen Krebs hielt. Es war eine Lima.
Auch Janthinen fing ich zuweilen, aber immer nur junge, nicht ausgewachsene Individuen. Es sind dies jene bekannten pelagischen Schnecken mit zartem blauem Gehäuse, welche sich aus Luftblasen, die sie durch eine schleimartige Absonderung zusammenkleben, einen Schwimmapparat bereiten. Dieser Schwimmapparat, der auf den ersten Blick aussieht, wie ein Häufchen Schaum und an der stets nach oben gerichteten Bauchseite des Thieres sitzt, ist merkwürdig widerstandsunfähig. Geht er verloren, so sinkt die Schnecke unter und kann die Meeresoberfläche nicht wieder erreichen. Bei allen Janthinen, die ich fing, war derselbe durch den Zug des Netzes mehr oder minder verletzt. Einige fielen in der Schüssel zu Boden und lagen regungslos und in die Schale zurückgezogen unten, ohne einen Versuch zu machen, in die Höhe zu kommen. Andere aber, deren Schwimmapparat sie noch trug, gingen sogleich daran, ihn auszubessern. Mit dem vorderen lappenartig verlängerten Theil ihres Bauchfusses griffen sie aus dem Wasser heraus in die Luft, umfassten wie mit einem Schöpflöffel einen Lufttropfen und drückten ihn an den noch vorhandenen Schaum. Zogen sie den Fuss dann wieder zurück, um dieselbe Bewegung zu wiederholen, so war eine neue Blase angefügt. So schöpften sie Blase um Blase aus der Luft, alle 5 oder 10 Sekunden eine.
Ich würde bedenklich scheitern, wollte ich alle die Lebensformen zu beschreiben versuchen, die oft ein einziger Zug des Netzes mir vor Augen brachte. Wie wimmelte es oft in der Waschschüssel oder im Glastopf von Krustern, Salpen und Quallen, kein Thier länger als höchstens drei Zentimeter. Namentlich erstere lieferten die grösste Anzahl an Individuen und manchmal auch an Arten. Blaue Zyklops- und Gammarusartige Krebse schossen kreuz und quer stürmisch herum, kleine röthliche Garneelen mit grünlich leuchtenden Augen zogen, an einander geklammert, rastlos ihre Kreise, winzige Krabben von Erbsengrösse mit komisch glotzenden unverhältnissmässigen Augen krabbelten bedächtig am Boden, und vollkommen durchsichtig und glashell, nur durch den leichten Schatten, den sie warfen, erkennbar, schlichen gespensterhaft groteske Phyllosomen, die Jugend des Palinurus, oder die seltenere Kaprella durch das Gesindel der gemeinen Verwandten. Man musste rasch nach dem Werthvolleren sich umsehen und es retten. Denn die Garneelen und Zyklopoiden verschonten nichts, und kaum lag ein Fischchen oder eine Salpe todt auf dem Grunde, so hingen sie auch schon dutzendweise daran und frassen. Und hat so ein nichtsnutziger kleiner Krebs einmal etwas erfasst, so lässt er nicht mehr los, und alles Herumstossen und Zerren ist vergeblich.
Fast alle diese Thierchen leuchteten. Schon im Netz, oben auf Deck in der Dunkelheit, verriethen sie sich durch geheimnissvoll phosphoreszirende grünliche Punkte. Es leuchteten die Augen der kleinen Garneelen, die Salpen und Quallen, besonders aber die sehr häufigen formlosen Schleimklümpchen, welche vielleicht Noktiluken waren. Selbst unten in der Kajüte beim Lampenlicht verloren sie ihre Phosphoreszenz nicht vollständig, sondern leuchteten etwas schwächer fort.
Sehr unangenehm war die Gegenwart von Physalien. Wir waren zuweilen Tage lang umgeben von Tausenden junger, kaum wallnussgrosser Individuen dieser nesselnden Quallen, und auch sie wurden dann regelmässig als unwillkommene Beigabe gefangen. Das kleinste abgerissene Partikelchen ihrer blauen Anhängsel, das man kaum sah, genügte, die Hand empfindlich zu stechen, wenn ich die Falten des Netzes durchsuchte. Unter den Seeleuten plaudert einer dem anderen nach, dass solche Berührungen äusserst gefährlich, zuweilen sogar tödtlich seien. Wenn dies auch nicht der Fall ist, so hinterliessen sie doch auf einige Stunden ein höchst lästiges intensives Jucken nebst Röthung und quaddelförmiger Schwellung der Haut.
Nur im Anfang fischte ich häufiger während des Tages, später fast nur mehr bei Nacht. Ich fand bald, dass während des Tages, wenn die Sonne glühend herabbrannte, ausser Wassertretern und Janthinen, kleinen Fischchen und Salpen nicht viel zu erwischen war. Bei Tage wurde auch immer zu viel über Bord geworfen, und Proben von den Abfällen des Schiffes geriethen ins Netz, wenn man nicht fortwährend Acht gab.
Allerdings waren die Schwierigkeiten bei Nacht um so grösser. Es war zuweilen nicht leicht, auf dem fast stets langweilig hin und her schwankenden Achterdeck das Netz zu durchsuchen, in der einen Hand eine schlechtbrennende Diebslaterne, die man nicht hinstellen durfte, weil sie sonst umfiel, mit der anderen Hand zugleich den nicht minder gefährlichen Glastopf beschirmend, in kauernder Stellung und in beständigem Kampf mit dem Rollen unserer Euphrosyne, welches auch bei der ruhigsten See niemals ganz aufhörte.
Erst wenn es dunkel und kühl wurde, kamen mehr Thiere an die Oberfläche, und besonders in der allerersten Frühe vor Sonnenaufgang erhielt ich die reichste Beute. Gar oft sah mich der roth hinter den Wolkenbänken des Horizonts heraufdämmernde Morgen noch bei der Arbeit.
In der Stimmung solcher Stunden lag so viel Erfrischendes und Poesievolles. Träge wälzte die See ihre bleigrauen Wogen und schaukelte leise das Schiff, über dem noch tiefe Ruhe lag. Allmälig regte sichs in den unteren Räumen. Der Zimmermann fing an zu arbeiten und feilte an seiner Säge, und das schrille Geräusch rief Erinnerungen an so manche Ferientage, die ich zu Hause auf dem Lande verlebt, in mir wach. Die Sonne blitzte über das Meer. Ich zog meine Netze ein und ging zu Bett.
Die Seeleute hatten von ihrem Standpunkt ganz recht, wenn sie mich auslachten. Fing ich ja nie etwas was man essen konnte. Gleichwohl wunderten sie sich, dass es im Meere, auf dem sie schon zwanzig Jahre herumfuhren, so viel »Ungeziefer« gebe. Thiere, die kleiner sind als einen Fuss, existiren dem durchschnittlichen Jan Maat, dem schlechtesten Beobachter in naturhistorischen Dingen, den ich kenne, nicht. Als ich auf einer meiner ersten Seereisen einmal zwei ganz gewöhnliche Quallen, von denen im Sommer jeder Hafen wimmelt, in ein Glas geschöpft hatte, fragte mich mein alter Kapitän, was denn das für komische Dinger wären, die er niemals gesehen.
Viel weniger glücklich als mit dem Netz war ich mit der Angel. Ich hatte mich mit Angelhaken jeder Sorte ausgerüstet, und meine ganze Kammer hing voll von Angelzeug verschiedener Grössen. Aber bis auf drei Haie und später im Indischen Ozean zwei Dutzend Albatrosse habe ich nie etwas damit gefangen. Auch hierbei lernte ich den negativen Werth der Rathschläge unserer Seeleute schätzen. Jeder von ihnen wollte bereits unzählige Makrelen, Bonitos und Delphine geangelt haben, jeder wollte mir zeigen, wie man es mache, jeder auf eine andere Methode, und nur der Proviantmeister schien den richtigen Bescheid zu wissen, indem er schwor, alle Fische, die ich erwischte, lebendig mit Haut und Haaren zu fressen.
Einmal als wir ganz ruhig lagen, kam ein Rudel fliegender Fische so nahe ans Schiffshintertheil geschwommen, dass ich sie deutlich von oben beobachten konnte. Das Meer war spiegelglatt, die Sonne glitzerte blendend darauf, kein Laut als das Klappern der Segel regte sich weit und breit. Die Passagiere lagen herum und träumten.
Etwa zehn oder zwölf fliegende Fische schwänzelten zierlich neben dem Steuer unten heran, dicht neben einander sich haltend, hie und da einer die langen Flossen spreizend wie ein Kanarienvogel, der im Käfig den Flügel dehnt, um sich daran zu kratzen. Plötzlich schwirrt der vorderste in die Luft, und die anderen folgen ihm. Ich höre deutlich das Plätschern des abtropfenden Wassers und das Geräusch ihres Fluges, welches an fliegende Heuschrecken erinnert. Nach einiger Zeit kamen sie zurück. Ich warf ihnen kleine Stückchen Speck zu, die sie, sich zankend und beissend, verschlangen, endlich versuchte ich es auch mit einer feinen Angel. Der Köder war ihnen entschieden verführerisch. Wiederholt schnupperten sie an ihm herum, wandten sich ab, schnupperten wieder, spreizten gereizt die langen Flossen und streckten sich lüstern vor. Ich befestigte glitzernde Stanniolblättchen über dem Speck, ich nahm Fleisch, ich nahm Käse – alles umsonst. Sie schnupperten vorsichtig und lange daran herum, aber keiner biss. Ich holte nun meine Pilke, einen schweren Nagel an einer Leine, um den rings Angelhaken gebunden sind, jenes Instrument, mit welchen die Kabeljaufischer auf den Neufundlandbänken durch Anreissen einzelne Kabeljaus aus den Schwärmen herauszuhaken pflegen. Kaum liess ich vorsichtig die Pilke hinab, als die ganze Gesellschaft aus dem Wasser raschelt und hinwegschwirrt wie ein Heuschreckenschwarm. Fort waren sie und kamen nicht wieder.
Oft sollen fliegende Fische auf das Deck oder in die Rüsten von Schiffen fliegen. Unsere Euphrosyne war aber hierzu, weil leicht geladen, zu hoch, und nie gerieth ein fliegender Fisch auf diese Weise an Bord.
Ebenso vergeblich wie das Angelzeug hatte ich eine Harpune mitgenommen. Es glückte mir nie, einen Tümmler damit zu erbeuten. Die Euphrosyne ragte auch hierzu zu weit aus dem Wasser. Selbst einer unserer Matrosen, der im Harpuniren ziemlich erfahren und geschickt zu sein schien, hatte nicht mehr Erfolg.
Das Harpuniren dürfte überhaupt zu den schwierigeren Arten des Sports gehören. Man stellt oder setzt sich auf die beiden untersten Ketten, welche vorne vom Stampfstock unter dem Bugspriet nach den Krahnbalken auseinanderlaufen, mit der Brust an den Stampfstock gelehnt, in der Linken einige schwerwiegende Buchten Tau, in der Rechten den nicht minder gewichtigen drei Meter langen Schaft der Harpune. Will man nicht riskiren, ins Wasser zu fallen, so bindet man sich noch eine Tauschlinge um den Leib, büsst aber dafür diese relative Sicherheit mit einer sehr fühlbaren Erschwerung der ohnehin schon ziemlich unbequemen und belasteten Situation. Oben auf Deck stehen einige Mann bereit, das Tau der Harpune einzuziehen, sobald man geworfen hat. Gewöhnlich erscheinen Tümmler nur bei unruhiger See. Das Schiff stampft auf und nieder, der Schaum, den der in rascher Fahrt durchschneidende Kiel aufwühlt, spritzt hoch empor, man balanzirt mühselig mit seiner Last hin und her.
Nun kommen die Fische. Schon von Weitem haben wir eine lange Schaar von Hunderten auf uns zusteuern sehen, in mehreren Reihen einer hinter dem anderen lustig sich über die Wellen vorwärtswälzend. Kaum dass wir unter das Bugspriet geklettert und mit Harpune und Tau klar zum Gefecht sind, spielen sie auch schon zu unseren Füssen vor dem Kiel herum. Links und rechts eilen sie voran, springen im Bogen empor, schiessen deutlich sichtbar im Wasser fort, kehren zurück, tauchen unter dem Schiff von einer Seite zur anderen und kreuzen sich vor dessen Steven, nach allen Richtungen aufschnellend, übereinander purzelnd und plumpsend gerade senkrecht unter dem Stampfstock, auf dessen Kette ich stehe.
So oft ich auch warf, ich habe nie einen Tümmler getroffen. Meine Harpune fiel langsamer hinab, als sie vorüber schossen, und jeder vergebliche Wurf schien ihre Fröhlichkeit zu vermehren. Zu zweit und zu dritt springen sie manchmal nahe zu mir herauf, dass ich sie fast in der Luft hätte spiessen können, und deutlich hörte ich oft das tönende Geräusch, mit dem sie die feuchte Athemluft aus den Nasenlöchern schnaubten. Es klang mir wie ein höhnisches Johlen.
Bei den Kapverden fing ich meinen ersten Haifisch. Der Mann am Steuer war instruirt, mir zu melden, sobald sich ein solcher zeigen würde. Die Haifischangel, ein fusslanger und schwerer Haken von zehn Zentimeter Bogendurchmesser, mit Kette und einem Wirbel am Ende derselben, an dem sie sich frei drehen konnte, war bereits seit mehreren Tagen mit einem kindskopfgrossen festgebundenen Stück Speck versehen und hing fertig hinten am Bollwerk.
Wir sassen gerade bei unserem kärglichen Mittagsmahl, als der Ruf »Hai achterut« ertönte. Das langweilige Salzfleisch konnte jetzt warten, ich eilte hinaus. »Der Hai ist nach vorne gegangen«, sagte der Mann am Steuer, »er wird aber jedenfalls zurückkommen.« Ich nehme das nächste Tau, das zu Buchten gerollt in der Nähe liegt, stecke es durch die Oese des Wirbels der Angelkette, schlinge einen kunstgerechten Knoten, und die Angel fliegt plumpsend ins Wasser.
Dieser lauten Einladung konnte unser Hai nicht widerstehen. Wir warten keine Minute und er erscheint. Da rechts taucht seine lange spitze Rückenflosse aus der blauen Fläche. Er kommt langsam näher. Jetzt ist auch sein Körper zu erkennen, es ist ein Prachtexemplar, wohl drei Meter lang. Gemessen und würdevoll, als ob ihn der Köder eigentlich gar nicht recht interessire, schwimmt er heran, majestätisch sich wendend, kaum merkbar die gewaltigen Brustflossen bewegend. Er taucht tiefer hinab und je tiefer er geht, desto herrlicher braun färbt ihn der grünliche Glanz des Wassers. Er taucht wieder in die Höhe, und siehe, dicht vor seiner spitzen Schnautze, dicht vor dem unersättlichen Rachen schwimmen geschäftig und zierlich schwänzelnd vier kleine quergeringelte Lootsenmännchen, je nachdem der Hai sich wendet, bald ober ihm, bald vor ihm.
Der Köder scheint übrigens doch nicht so ganz verächtlich zu sein. Der Hai fasst den Speck ins Auge, beschnuppert ihn und wendet sich ab. Er kehrt in einem langsamen Bogen, ohne seiner Würde durch Eile etwas zu vergeben, zurück und beschnuppert wieder den Köder, diesmal aufmerksamer. Ich halte oben das Tau, dessen Ende festgemacht ist, und mir pocht das Herz vor Freude. Welch aufregendes Vergnügen, ein so riesiges Thier an der Angel zu fühlen.
Hinter mir stehen ein halb Dutzend Matrosen, um das Tau einzuholen, sobald der Hai angebissen hat. Plötzlich dreht das Ungeheuer sich auf den Rücken, die helle Bauchseite zeigend, ein mächtiger Ruck, und mit einem wilden Halloh ziehen wir ihn in die Höhe, er zappelt an der Angel. Aber gemach! Leicht kann er abreissen. Nur mit dem Kopf aus dem Wasser gezogen, krümmt er sich wüthend und schlägt und stampft, und schäumender Gischt, wie von den Schlägen einer Dampferschraube, wühlt empor. Ein zweites Tau, in einer Schlinge um das erste gelegt, wird hinabgelassen, stülpt sich ihm um den Kopf, wir hissen ihn ein wenig höher und suchen die Schlinge über die gewaltigen Brustflossen hinabzubringen. Sie gleitet drüber weg und bis zum Schwanze hinab, sie wird angezogen. Jetzt haben wir ihn doppelt gefasst, er kann uns nicht mehr entgehen, so sehr er sich auch krümmt und zappelt und sich bäumend um seine Axe dreht. Wir wollen ihn nicht auf das enge Achterdeck bringen, sondern längsseits schleppen und auf das Hauptdeck niedersetzen.
Im ganzen Schiff hat sich bereits die Kunde des Ereignisses verbreitet, und das ganze Zwischendecksgesindel, barfüssige Kinder, säugende Weiber, pfeifenrauchende Männer, läuft aufgeregt und stürmisch sich vordrängend durcheinander oder klettert in die Wanten und auf die Deckhäuschen. Noch ist der grosse Fisch nicht über dem Horizont des Bollwerks erschienen, und alle strecken erwartungsvoll die Hälse und recken sich auf den Zehen.
Ein paar Offiziere brüllen, Platz zu machen, die Matrosen ziehen heulend an den Tauen, der grosse Fisch kommt herauf und in Sicht, hoch in der Luft noch immer sich krümmend und um sich schlagend. Ein allgemeines Ah des Erstaunens, die Vordersten drängen furchtsam zurück, die Hintersten neugierig vorwärts. Ein paar halberdrückte Weiber fangen an zu schreien, und ein paar Männer zu schimpfen. Die Offiziere hören nicht auf zu brüllen, und das Getümmel vermehrt sich. Nur der Haifisch ist im Stande Platz zu schaffen. Er wird niedergelassen, und man weicht entsetzt vor seinen Schlägen zurück.
Der Matrose ist bekanntlich ein erbitterter Feind des Haies. Die Behandlung, die sich unser Opfer nun gefallen lassen musste, war dementsprechend grausam genug. Es galt zunächst den gefährlichen Schwanz abzuhacken. Man schiebt ein Brett unter, um nicht mit dem Beil das Deck zu verletzen, aber immer wieder schnellt sich das Ungethüm hinweg, sowie der Bootsmann zum wuchtigen Hieb ausholt. Mit einem Pfahl machte man ihn endlich gefügig. Er wurde ihm in den gähnenden Rachen gestossen und mit vereinten Kräften der Länge nach durch den Leib getrieben, um ihn so an dieser festen Axe zu bändigen. Der Schwanz fällt, lange noch auf eigene Faust zuckend und hüpfend, und das Volk der Matrosen wirft sich blutgierig mit Messern über den Wehrlosen, ihn förmlich zu zerfleischen. So scheint es die richtige Seemannsart vorzuschreiben, und auch unsere Jungen beeilten sich, ihre messerbewaffneten Hände zum ersten mal in das Blut des Erbfeindes zu tauchen.
Etwa fünfzig lebende Junge mit frei endigenden Nabelschnüren kamen ans Tageslicht. Der Magen, den ich mir zur Untersuchung ausbat, enthielt nichts als mehr oder weniger verdaute Reste von Sepien und deren papageischnabelartige Gebisse. Der Hai war also durchaus nicht üppig genährt, wie ich aus seinem Vornehmthun dem Speck gegenüber erwartet hatte. Ein paar Schmarotzerkrebse, die ich ihm aus der Haut schnitt, waren die einzige aufhebenswerthe Beute, die er gewährte. Ich versuchte zwar sein Gebiss zu präpariren, gab es aber auf, nachdem ich zwei Messer daran verdorben, meine Hände vielfach an den halbversteckten Zähnen verletzt und mit dem spezifischen widerlichen Geruch des Haifischfleisches verunreinigt hatte.
Die vier Lootsenmännchen blieben noch den ganzen Tag beim Schiff. Sie schienen ihren Hai lebhaft zu vermissen und schwammen ängstlich und aufgeregt um uns herum, eine nach ihnen strebende feine Angel gänzlich ignorirend. Den nächsten Morgen waren sie verschwunden. Welch bizarres Räthsel der Natur, diese Anhänglichkeit und Freundschaft zwischen zwei so verschiedenartigen Wesen.
Der erste Hai von drei Meter Länge war auch der letzte grösseren Kalibers auf der ganzen Reise, den wir an Bord bekamen. Er hatte die schwere, eiserne Angel gerade gebogen, es gelang mir nicht, die richtige Krümmung wieder herzustellen, und der nächste Hai, der bald darauf anbiss, machte sich los ehe wir ihm eine Schlinge um den Schwanz legen konnten.
Später fing ich noch ein sehr jugendliches Individuum mit einer gewöhnlichen Lachsangel. An diesem sass ein ebenfalls sehr jugendlicher Saugefisch. Merkwürdiger Weise kamen uns überhaupt auf der ganzen langen Reise mit ihren vielen windstillen und heissen Tagen nur etwa sechsmal Haie in Sicht.
Wir waren in jenen Tagen der Windstille fast immer in Gesellschaft einiger anderer Segelschiffe, die theils nur eben über dem Horizont sichtbar wurden, theils aber auch zuweilen so nahe kamen, dass wir mit ihnen Flaggensignale wechseln konnten. Wir hissten zum Zeichen, dass wir sprechen wollten, unsere deutsche Flagge, drüben stieg dann die englische, französische, spanische oder portugiesische Flagge in die Höhe. Hierauf tauschten wir die Schiffsnamen, Heimathshäfen, Bestimmungsorte aus und die Länge und Breite, die jeder berechnet hatte. Alles durch die 24 Buchstaben des internationalen Signalkonversationsbuches.
Wir fuhren auf einer Strasse, die sich in allen möglichen Richtungen spaltete, und auf der alle möglichen Schiffe passirten. Sie kamen sämmtlich von Europa oder Nordamerika. Der Rückweg dorthin lag weiter östlich. Da waren Schiffe von London nach Kapstadt, Kalkutta und Melbourne, von Lissabon nach Rio-de-Janeiro, von New-York nach Bahia, nach Montevideo und San Franzisko.
Zum Schluss solcher Unterredungen wünschten wir glückliche Fahrt und dippten höflich dreimal die Trikolore zum Grusse. Manchmal liessen wir uns auch auf längere Gespräche ein. Wir suchten alle möglichen Fragen aus dem Signalbuch zusammen, die für die Gelegenheit passten, so zum Beispiel des Morgens, wenn wir uns noch immer neben einander sahen, »Haben Sie gut geschlafen?« »Wie geht es Ihnen?« oder »Haben Sie Kranke an Bord?« »Ist Ihr Proviant von guter Beschaffenheit?« und ähnliche Dinge, die zwar an sich nicht besonders interessant, uns doch die angenehme Unterhaltung gewährten, uns im Signalisiren zu üben und ihre Antworten oder Gegenfragen im Buch nachzuschlagen und zu erwidern. Einige hatten nicht immer die Geduld, uns Rede zu stehen. Andere aber waren sehr artig und gaben uns schmeichelhafte Aeusserungen zurück. So namentlich eine französische Bark aus Bordeaux, die nach Mauritius wollte. Zwei oder drei Tage lagen wir mit ihr zusammen und trieben. Da kam am Abend etwas Wind, und am Morgen darauf war sie verschwunden. Aber den nächsten Tag hatten wir wieder Stille und ganz nahe lag wieder eine Bark, ganz ähnlich unserm Franzosen. Wir zweifelten keinen Augenblick, dass er es sei und begrüssten ihn sofort mit unserer Flagge. Auch er hisste die seine. Wir konnten sie zwar nicht deutlich erkennen, weil sie bei der regungslosen Luft nicht auswehte und auch das Konversiren wollte heute nicht recht gehen, da die Signale schlaff herabhingen.
Ich bat den Kapitän um ein Boot und vier Mann, um hinüberzufahren und einen Besuch zu machen. Die Jolle wurde hinabgelassen, der Sitz am Steuer hinten zierlich mit buntem Flaggentuch belegt. Vier Matrosen zogen frischgewaschene Hemden an, ich selbst schmückte mich wieder zum erstenmal nach längerer Zeit mit einem gesteiften Hemdkragen, um repräsentabel zu erscheinen, und wir stiessen ab.
Der Franzose lag etwa drei Seemeilen von der Euphrosyne entfernt. Die vier Burschen hatten fast eine Stunde zu rudern, die Sonne stach grell herab, und der Schweiss rieselte ihnen von der Stirne. Das blaue Wasser war spiegelglatt, und fast trübe von Millionen kleiner Thiere, Krebse, Salpen, Quallen und Schleimklümpchen. Eine sanfte lange Dünung hob und senkte das Boot, und unsere Euphrosyne lag, nur leise den Klüverbaum auf und nieder bewegend, so seltsam starr wie ein Kastell und so einsam und verlassen aus der Fläche emporragend auf dem Meere, die Zinnen des Bollwerks und die Wanten gedrängt voll von den neugierigen Köpfen der Passagiere, die uns mit Taschentüchern nachwinkten. Kleine Sturmvögel flogen lautlos hin und her, und eine zauberhafte Ruhe schwebte über dem glitzernden Spiegel.
Die Bark wurde grösser und deutlicher, die Flagge wurde erkennbar – es war kein Franzose, sondern ein Portugiese. Einige Gestalten mit Ferngläsern beobachteten unsere Annäherung. Wir legen längsseits an, ich grüsse mit dem Hute hinauf, mein Gruss wird erwidert, man reicht mir eine Jakobsleiter herab, und ich klimme an Bord.
Der Kapitän, ein noch junger Mann, südlich gebräunt und schwarz bebartet, in weissen Hosen und weisser Jacke, auf dem Kopf einen Strohhut, empfängt mich etwas verlegen und überrascht, und wir schütteln Hände. Ich stelle mich auf Englisch, ich stelle mich auf Französisch vor. Meine höflichen Geberden werden ebenso höflich zurückgegeben, aber meine Worte finden kein Verständniss. Die Verlegenheit steigt. Ich habe die Kühnheit, auf Spanisch zu fragen, ob er Spanisch spreche, ohne zu bedenken, dass mit dieser Frage, welche er freudig bejaht, mein Spanisch eigentlich bereits erschöpft ist, und ohne zu merken, dass alle weiteren meinerseits darangeknüpften Redensarten eigentlich Italienisch sind. Keine Möglichkeit, mich verständlich zu machen. Ich werde nun selbst verlegen. Zwei zivilisirte Menschen aus Europa stehen wir einander gegenüber, fern der Heimath auf dem Atlantischen Ozean, nach den Mienen zu schliessen, einander äusserst wohlwollend gesinnt, aber wir können uns nichts sagen, am meisten unangenehm mir, der ich ganz unmotivirt auf das fremde Schiff gekommen war.
Das Wort »Mediko« schien endlich das Räthsel zu klären, es zuckte wie ein Lichtstrahl in seinen Augen, er lud mich ein, in die Kajüte zu treten. Das Innere war vollgestaut von Ladung, von Fässern und Säcken. Mein Portugiese kramt hastig unter einem alten Segel, auf welchem zwei Katzen schliefen, die ärgerlich über die Störung davontrollen, eine staubbedeckte Kiste hervor, schickt nach dem Schlüssel, der Schlüssel erscheint, er öffnet und zeigt mir den Inhalt, eine Menge durcheinander geworfener Töpfe, Gläser und Schachteln, Pillen, Salben und Tinkturen, mit einer Handbewegung, ich möge nehmen, was ich wolle. Es war die nicht sehr ordentlich gehaltene Medizinkiste des Schiffes. Er glaubte, ich sei um Medikamente zu ihm gekommen.
Grosses Erstaunen auf meine Geberde dankender Ablehnung. Wir zucken abermals verlegen die Achseln und lächeln mitleidig über uns selbst ob unserer Hilflosigkeit. Wir blicken gleichzeitig zu Boden auf unsere gegenseitigen Füsse – er hat Hausschuhe aus Glanzleder an – wir schweifen mit unseren Blicken über die vollgestaute Kajüte, und treffen gleichzeitig auf einer Flasche Portwein, die auf dem Tisch steht, zusammen. Hier kömmt ihm der erste vernünftige Gedanke. Eine Handbewegung seiner-, ein anerkennendes Neigen des Kopfes meinerseits. Zwei Gläser werden gebracht, er schenkt ein, wir stossen an und trinken.
Aeusserst froh, noch einen so günstigen Abschluss meines räthselhaften Besuches gefunden zu haben, hielt ich es jetzt gerathen, mich zurückzuziehen. Ich dankte ihm, erhob mich, deutete auf meine Uhr, dass es höchste Zeit sei, und wir traten auf Deck. Als ob der Wein ihm die Zunge gelöst, fing mein freundlicher Portugiese auf einmal an, mir unter verbindlichen Geberden eine längere portugiesische Rede zu halten, von der ich kein Wort verstand, wenn ich auch nicht anders konnte, als ihm geduldig zuzuhören.
Dies gab mir eine erfreuliche Gelegenheit, sein höchst interessantes Schiff flüchtig zu mustern. Das Deck trug eine malerische Unreinlichkeit zur Schau. Ein halbes Dutzend Schweine trieb sich unter einem ganzen Dutzend halbnackter bräunlicher Matrosen mit phrygischen Mützen auf den Köpfen herum. Vorne hingen zwei grosse Kochtöpfe über einem offenen Feuer und in der Takelage sassen vollkommen frei einige hübsche weisse Tauben, gurrten miteinander und flogen von einem Tau zum anderen, eine reizende Idylle mitten auf hoher See.
Auf dem Rückweg benutzte ich eine der vielen Pausen, die meine Leute machten, um vom Rudern auszurasten, entkleidete mich und stürzte ins Meer. Aber die Furcht vor Haifischen verdarb den Genuss dieses einzigen Bades, es gruselte mir, und ich schwang mich bald wieder ins schützende Boot.
Als wir einige Tage später Wind bekamen, allerdings keinen günstigen, sondern Gegenwind, der uns zu kreuzen zwang, erlebte ich ein recht charakteristisches Symptom der Unsicherheit, die in der Nautik zu herrschen pflegt. Wir waren noch sehr weit von der brasilianischen Küste entfernt, das wussten wir, und die mit uns segelnden Schiffe wussten es hoffentlich ebenfalls. Aber keiner von diesen schien viel Selbstvertrauen auf das eigene Besteck zu haben. Denn so oft wir wendeten, wendeten auch sie und segelten gleichen Kurs. Keiner hatte den Muth auf eigene Faust zu steuern. Mein Kapitän sagte mir, es sei immer so, wenn mehrere Schiffe zusammenkämen. Wie die Schafe gingen alle einem Leithammel nach, und zwar gewöhnlich dem grössten Schiff, weil dieses aller Wahrscheinlichkeit nach am besten ausgerüstet und in den besten Händen sei, und demzufolge den Weg am besten verstehen müsse.
Andere Sterne. Das Passiren der Linie und Neptunsfest. Aequatoriale Schwitzkur. Pantomimik. Weihnachten und Neujahr. Fernando Noronha. Endlich Südostpassat. Typhus, Leichenbestattungen, traurige Aussichten.
Einige gute Tage brachten uns schnell vorwärts. Dann kamen wieder einige schlechte Tage. Der grosse Bär und der Polarstern tauchten immer tiefer hinab, und vor uns stieg das südliche Kreuz in die Höhe.
Der südliche Sternenhimmel ist öde im Vergleich mit dem unsrigen, und um sich für die Schönheit des südlichen Kreuzes begeistern zu können, muss man entweder ein kritikloser Mucker oder ein noch kritikloserer Reiseenthusiast sein, den schon der Gedanke an die grosse Entfernung von zu Hause in Ekstase zu setzen vermag. Viel interessanter und merkwürdiger als jene vier unbedeutenden im Trapezoid gestellten Sterne war mir das schwarze Loch neben ihnen, welches die Seeleute den Kohlensack nennen.
Am 20. Dezember feierten wir das Fest des Passirens der Linie in der altherkömmlichen Weise mit Neptun, Barbiererei und Taufe. Wir hatten zwar seit drei Tagen wieder keine Observation gehabt und wussten nicht bestimmt, ob wir schon so weit waren. Den Himmel bedeckten dunkle Wolken, echt tropische Regengüsse stürzten zuweilen herab, bleiern und todesstill lag der Ozean rings umher, kaum ein Lüftchen regte sich, und wir trieben, hilflos, ohne Steuer, die Spitze des Schiffes rückwärts nach Norden gewendet. Als wir zwei Tage später endlich die Sonne und damit Observation bekamen, stellte sich heraus, dass wir zu früh gefeiert und dass wir noch nicht den Aequator überschritten hatten. Erst nach weiteren vier Tagen gelangten wir am 27. Dezember wirklich und zweifellos auf die südliche Hemisphäre, und zwar ziemlich genau unter dem 29. Grad westlicher Länge von Greenwich. Aber kein Mensch ausser dem Kapitän, dem Steuermann und mir erfuhr unseren Irrthum, vielleicht auch das offizielle Journal nicht.
Schon seit einer Woche waren die Matrosen eifrig daran, die Maskerade für den Neptunszug, einen Dreizack aus Blech und Bärte aus Flachs für ihn und sein Gefolge, einen Fischschwanz aus Pappe und Locken aus Hobelspänen für seine Gemahlin, ein grosses meterlanges Rasirmesser aus Holz für den Barbier und andere derlei Geräthe vorzubereiten.
Einige englische Kolonien haben den äquatorialen Mummenschanz, bei dem es erfahrungsgemäss fast nie ohne Rohheiten und Zänkereien zwischen Mannschaft und Passagieren abgeht, auf ihren Emigrantenschiffen verboten. Neuseeland war damals noch nicht so rigoros, und obwohl ich keinen sonderlichen Werth auf jenes Ueberbleibsel der sogenannten guten alten Zeit legte, so liess ich dasselbe doch seinen Lauf nehmen, aus keinem vernünftigern Grunde, als um einen rothen Strich mehr in den Bädecker meiner Erlebnisse machen zu dürfen.
Da wir eben trieben, und nichts zu thun war, konnte die ganze Mannschaft an dem Scherz sich betheiligen. Der Aufzug verlief, wie er schon oft beschrieben worden ist. Die phantastisch geschmückte Schaar verfügte sich nach dem Vorderdeck und kletterte vorne am Bugspriet über Bord, um scheinbar aus dem Wasser heraufzukommen. Hinten über der Kajüte stunden der Kapitän und die Offiziere. »Schip ahoi!« rief vorne Neptun durch das Sprachrohr, und der Bootsmann wurde abgesandt, ihn zum Besuch einzuladen. Neptun und sein Gefolge bewegten sich langsam und gravitätisch heran, zu beiden Seiten das dichte Gewühl der neugierig sich drängenden Zwischendecker. Eine zackige Krone aus Goldpapier schmückte das Haupt des dreizackbewaffneten Fluthenbeherrschers, von dem eine mächtige flächserne Mähne herab wallte. An seiner Seite trippelte züchtiglich die holde Amphitrite, unser ältester Schiffsjunge, der nicht ohne Geschmack zu einem zinnobergeschminkten, hochbusigen und hobelspähnelockigen Frauenzimmer mit langer Schleppe von Sackleinwand herausstaffirt war. Voran schritt als Herold der Barbier, ein seemännischer Anachronismus, mit riesiger Brille und Vatermördern, das gewaltige bretterne Rasirmesser auf der Schulter. Hinterdrein marschirten die Schergen der maritimen Polizei, mehr oder minder gelungen phantastisch geputzt, hölzerne Säbel in den Händen schwingend.
Neptun hielt nun seine Anrede an den Kapitän, und das übliche Frage- und Antwortspiel, wie das Schiff heisse, woher es käme und wohin es gehe, entwickelte sich. Nach diesen Präliminarien, die sehr ledern waren und sowohl dem Neptun nebst Gefolge als auch dem Kapitän so vorkommen mochten, da sie ziemlich verlegene Gesichter schnitten, nahm ersterer auf einem improvisirten Throne hinter dem Grossmast Platz und schickte seine Schergen aus, um die Opfer, diejenigen an Bord, die zum ersten mal die Linie passirten, vorführen zu lassen. Von den Passagieren durften nur solche ergriffen werden, die sich freiwillig dazu erboten, und um mit gutem Beispiel voranzugehen, unterzog ich mich selbst der peinlichen Prozedur der Aequatortaufe.
Ein grosser Bottich mit Wasser stund vor Neptun, ein darüber gelegtes Brett war der Sitz für den Täufling. Ein Gehilfe des Barbiers frug nach Namen und Alter, registrirte solches in ein dickes Buch, profaner Weise eine alte Bibel, dann kam der Barbier, schmierte aus einem Kübel mit vollen Händen Seifenschaum über das ganze Gesicht und kratzte ihn wieder ab mit seiner Rasirkeule. Der ätzende Seifenschaum verbot die Augen zu öffnen, ein plötzlicher Ruck, das Brett wurde weggezogen, man plumpste rücklings in das Wasser des Bottichs, die Taufe war vollzogen.
Ich hatte mir ausgebeten, nur mit der besten und reinlichsten Seife bedient zu werden und als erster zu leiden. Nicht so glimpflich wie ich wurden diejenigen behandelt, die nach mir kamen. Zunächst Mister Ross und etwa zwanzig andere junge Männer von den Zwischendeckspassagieren, zuletzt die Neulinge unter der Mannschaft, unser Ganymed Hannes, der in der Nordsee so Schreckliches erduldet, mittlerweile jedoch mit dem Meere vertrauter geworden war, jener Decksjunge, der sich damals versteckt hatte, und ein Matrose. Diese drei letzteren wurden auf die alte qualvolle Weise barbiert und getauft. Für sie gab es eine eigens präparirte Seife zweiter Qualität, die stark mit Theer versetzt war und noch etliche Tage Mund und Augen verklebte. Beim Rasiren kam es auf einige Stückchen Haut nicht an, und das Taufen wurde ihnen so gründlich zu Theil, dass sie halberstickt, heftig spuckend und hustend, dem Bottich entstiegen. Auch auf die frommen Missionäre hatten es die Matrosen abgesehen und wollten sie vor Neptuns Thron schleppen, aber sie schrieen so kläglich um Hilfe, dass der Kapitän sie zu retten eilte. Raketen und Bluelights und eine Ration Schnaps für die Matrosen verherrlichten den Abend dieses denkwürdigen Tages.
Wir waren in den äquatorialen Kalmen. Unsere höchste Temperatur im Schiff war damals und überhaupt während der ganzen Reise nicht mehr als 27 Zentigrade, aber die Feuchtigkeit der Luft im Verein mit den lauwarmen Regengüssen, die ab und zu auf uns niederstürzten, liess sie doppelt fühlen.
Thau träufelte von den Wänden, alles Lederzeug, die Stiefel und die Einbände der Bücher überzogen sich mit Schimmel. Die Thüren und Schubladen schwollen an und waren nur mit grösserer Kraftentfaltung zu öffnen. Meinen Nachbar Mister Ross hörte man den ganzen Tag drüben in seiner Kammer an den Schubladen rütteln. Er hatte deren nur zwei, aber sie machten ihm mehr zu schaffen, als zwanzig zu Hause. Selbst der harte Zwieback weichte auf – die einzige Annehmlichkeit dieses dunstigen Zustands. »Alles ist feucht, es ist als ob die Natur Alles in den primordialen Urschleim zurückführen wollte. Die Individualität schwindet, das Denken hört auf, man wird eine willenlose, feuchte, schwammige, indolent schwitzende Moles«, schrieb ich damals ins Tagebuch. Nachts sah es manchmal im Dämmerlichte des Zwischendecks aus wie in mythologischen Sphären. Bunt durcheinander lagen die Passagiere nackt oder halbnackt vor ihren Kojen auf dem Boden und stöhnten vor Hitze. So oft ich auch als Sittenpolizei eine sorgfältigere Bedeckung empfahl, der Genius epidemikus des Schwitzens lähmte jegliche Rücksicht.
Auch bei Tage herrschte jetzt eine wohlthätige Ruhe im Schiff, und Stumpfsinn lagerte über der ganzen Gesellschaft. Mit halbgeöffneten Augen und Mäulern und schlotterigen Knieen, Zwiebackreste im Bart und in den Haaren, lungerten unsere Passagiere halb schlummernd umher, blos zur Essenszeit machte sich etwas Leben geltend. Eine Periode der Versöhnung und des Friedens war eingetreten. Alle Regungen der Gehässigkeit verschwanden. Keine gegenseitigen Verdächtigungen, keine Unzufriedenheit über das Essen, kein Schimpfen mehr. Selbst das Salzfleischstehlen hatte seinen Reiz verloren. Nur die zahlreiche Kinderschaar fuhr fort sich herumzubalgen und amüsirte sich jetzt hauptsächlich damit, aus den Regenlachen auf Deck Wasser in den Mund zu schlürfen und einander ins Gesicht zu spritzen.
Meist war das Wetter trübe und der Himmel bedeckt. Zuweilen aber hatten wir Sonnenschein, und dann boten die vielen isolirten dunklen Wolkenmassen, welche in allen Richtungen inselförmig und scharfbegrenzt als geschlossene graue Schleier auf das blaue Meer herabfielen, ein eigenthümliches anziehendes Schauspiel.
Oft geriethen auch wir in einen solchen Wolkenbruch, dessen Beginn jedesmal von einer heftigen Böe eingeleitet wurde. Wir sahen lange vorher wie sie langsam auf uns zukam. Wir hatten alle Segel bei, aber schlaff hingen sie an den Raaen und klapperten. Plötzlich einige Windstösse, die Segel blähen sich und neigen das Schiff auf die Seite. Im Wasser rauscht es von der Fahrt, die wir machen. Nun schlagen die ersten dicken Tropfen aufs Deck und es rasselt in Strömen herab als ob wir ersäuft werden sollten. Nach wenigen Minuten wird es wieder still, die Fahrt hört auf, und nur mehr das Gurgeln der durch die Speigatten abfliessenden Bäche ist vernehmbar.
Wir benutzten diese Fülle meteorischer Niederschläge um unseren Wasservorrath zu ergänzen. Segel wurden als Trichter an das Dach der Kajüte befestigt und durch Schläuche mit den Wasserfässern unten im Lastraum verbunden. Im Nu hatten wir jedesmal wieder einige Fässer gefüllt.
Zwar besassen wir entsprechend den englischen Vorschriften einen Kondenser zum Destilliren von Meerwasser, jedoch war dieser so schlecht ausgerüstet, dass wir mit ihm nur beim allergünstigsten Wetter zu arbeiten vermochten. Er ersetzte dafür seine geringe Leistungsfähigkeit durch um so grösseren Lärm. Er stampfte gleich einer mächtigen Dampfmaschine, spie die herrlichsten Feuergarben aus seinem Schornstein, was in der Nacht allerdings ziemlich effektvoll aussah, aber zugleich auch der Takelage Gefahr drohte, und entwickelte so viel russigen Qualm, dass man uns von ferne für eine stolze Fregatte halten konnte.
Ganz besonders erspriesslich waren die Regengüsse für die Pflege der Reinlichkeit. Alles musste jetzt waschen, und das ganze Deck schwamm ein paar Tage lang in Seifenschaum. Die Matrosen bedienten sich hiebei eines sehr praktischen abgekürzten Verfahrens, indem sie ihre Wäsche einfach in eine der vielen Lachen warfen und mit blossen Füssen darauf herumtrampelten.
Ausser der Aequatortaufe fielen in jene Periode der Regengüsse und des Schwitzens noch zwei andere Feste, nämlich Weihnachten und Neujahr.
Für den Christbaum hatten wir Lichter sowie billiges und schlechtes Zuckergebäck von Hamburg aus mitbekommen. Den Baum selbst mussten wir uns künstlich aus einer Stange und Besenreisig herstellen. Es war eine wunderbare, laue, sternenklare Tropennacht, als er angezündet wurde. Aber die Lichter wollten nicht brennen in der freien Luft auf Deck, obwohl fast kein Lüftchen sich regte. Unser materieller angelegtes Publikum zeigte auch nicht viel Sinn für die Poesie der heimathlichen Sitte, und der Schwerpunkt der ganzen Feierlichkeit lag für dasselbe mehr in dem grossen, rosinengespickten und schrecklich unverdaulichen Kuchen, den der Koch angefertigt hatte.
Am Sylvesterabend gaben die Matrosen auf einer hinter dem Grossmast improvisirten Bühne eine von ihnen selbst erfundene Pantomime zum besten. Die Fabel des Stückes war sehr einfach und stylvoll. Mehrere Handwerksburschen kommen in ein Wirthshaus, betrinken sich, schlafen ein, müssen aber fortwährend kratzen, sie machen Skandal, der Wirth erscheint und will Geld, sie haben keines, der Wirth schmeisst sie hinaus, eine Prügelei, und der Vorhang fällt. Dieses zeitgemässe dramatische Opus wurde mit viel mimischer Begabung und grossem Erfolg vom Stapel gelassen. Ein wahrer Sturm von Beifall belohnte die Akteurs nach jeder Szene, und namentlich das mit höchster Naturwahrheit und Empfindung dargestellte Kratzen erregte den ausgelassensten Jubel der germanischen Völker, während die Polen sich etwas betroffen fühlten und theils verlegene, theils zornige Gesichter machten, als Alles auf sie deutete.
Auf dieses folgte eine Tanzunterhaltung. Während des Theaters war der Mond aufgegangen. Sein silbernes Licht schimmerte auf den ewig bewegten, hüpfenden Wellen des Meeres und übergoss mit magischem Glanz die Segel und das Deck des Schiffes, so dass die wenigen farbigen Lampen kaum zur Geltung gelangten. Unbekümmert um den draussen gähnenden Wasserschlund, dessen Oberfläche der Kiel langsam durchfurchte, drehten sich auf engem Raum die fröhlichen Paare im Kreise. Eine Ziehharmonika spielte ihre langweilige, misstönende Musik dazu, und eine dichte Zuschauermenge drängte sich nach dem Tanzplatz oder hing in den Wanten.
Noch oft hatten wir an schönen Abenden solche Tanzunterhaltungen. Auch die unverheiratheten Frauenzimmer durften daran Theil nehmen. Es war mir unmöglich, eben so puritanisch zu sein, wie die strengen englischen Vorschriften, und ich konnte unseren Passagieren dieses harmlose Vergnügen nicht versagen, wenn sie mich darum baten. Hoffentlich erfährt die Neuseeländische Regierung nichts davon.
Auf der südlichen Hemisphäre hatten wir im Anfang mit dem Wind nicht mehr Glück als auf der nördlichen. Immerfort mühselig zu kreuzen gezwungen, wendeten wir täglich zwei- oder dreimal und steuerten abwechselnd Westsüdwest und Ostsüdost, ohne wesentlich vorwärts zu kommen, da die leichtgeladene Euphrosyne zu viel Abtrift machte.
Am 29. Dezember bekamen wir das einsame Eiland Fernando Noronha in Sicht. Fernando Noronha ist eine brasilianische Verbrecherkolonie. Wir fuhren Nachts zehn Uhr so nahe daran vorüber, dass wir deutlich die dunklen Umrisse des Piks und der nächsten Hügel und lebhaft am Strande sich hin und her bewegende Lichter erkannten. Vielleicht hielt man uns dort für das von der Regierung gesandte Schiff, welches den auf die Insel Verbannten von Zeit zu Zeit Lebensmittel und Nachrichten bringt.
Der ewige Gegenwind aus Süd hielt an, und am 31. Dezember sahen wir von der Mastspitze aus den Pik von Fernando Noronha abermals, jetzt ungefähr 30 Seemeilen entfernt und von der anderen südlichen Seite.
Endlich am 6. Januar kam der langersehnte Südostpassat. Aber wir hatten die Ostecke Südamerikas noch nicht passirt und waren der Küste so nahe, dass wir noch mehrere Tage kreuzen mussten. Immer wieder führte unser Kurs, wenn wir ihn mit dem Lineal auf der Karte absetzten, gegen Land, und wir mussten wieder wenden und halb rückwärts fahren.
Die dunstige Hitze der Aequatorstillen schwand vor der frischen Brise aus dem Schiff, und eine angenehme Kühle erquickte die erschlafften Nerven. Keine hundert Seemeilen zur Rechten lag Parahyba. Wie mochte es dort drüben im üppigen Dickicht tropischer Vegetation wimmeln von stechenden Moskitos und schillernden Käfern, von schreienden Papageien und giftigen Schlangen, von kletternden Affen und schleichenden Raubthieren, wie mochte die Sonne dort drüben herabglühen auf all das bunte Leben. Und hier auf dem Wasser hatten wir ungefähr die Temperatur eines deutschen Sommers.
Erst jetzt wurde uns der volle Genuss des Segelns im Passat zu Theil, der auf der nördlichen Hemisphäre durch abnorme Witterungsverhältnisse uns so sehr geschmälert worden war. Die See schien ihre ganze Natur verändert zu haben. Ein ewig blauer Himmel wölbte sich über der blauen Fläche und die freundlich strahlende Sonne und der gleichmässige köstliche Wind vereinigten sich zu einer angenehmen, milden Wärme. Nur rings um den Horizont lag die Kette der geballten Passatwolken.
Grosse rosenrothe Schwimmblasen von Physalien, die »Portuguese Men of War« der Seeleute, schaukelten sich auf den munter hüpfenden Wellen. Bläulich schillerten und schossen durch die Fluth vor dem Schaum aufwühlenden Steven flinke Bonitos und Delphine und spotteten unserer Angel. Putzköpfe, jene kleinste Art der Walfische, umspielten zuweilen das Schiff, bliesen ihren Wasserstaub aus den Nasenlöchern, peitschten mit ihren mächtigen Schwanzflossen das Meer und schnellten ihre ganzen ungeschlachten Körper gleichsam jauchzend hoch in die Luft.
Nachts aber glimmte es geheimnissvoll in den dunklen Tiefen der Salzfluth. Unzählige Funken erhellten den schaumigen Streif des Kielwassers, den wir zurückliessen, und wie Wetterleuchten fuhr es zuweilen glitzernd über den ganzen Spiegel der See hin. Ein paar mal fuhren wir Stunden lang durch Schwärme von Pyrosomen. Sie waren nur bei Nacht als feurige Zylinder zu sehen, namentlich deutlich und zahlreich im sprudelnden Kielwasser, da sie, erregt, stärker zu phosphoresziren pflegen. Erst kurz vor Neuseeland gelang es mir, mehrere zu erbeuten.
Alle waren jetzt guter Laune, bis auch das schöne Passatwetter langweilig wurde. Selbst der Kapitän thaute auf, aber erst, als wir die Höhe von Pernambuco hinter uns und wieder freies Wasser vor uns hatten, welches erlaubte, den Kurs beizubehalten. Er mochte sich wohl Gewissensbisse darüber machen, dass er soweit nach Westen herüber gegangen war. Es galt nun mit dem Passat so weit als möglich nach Süden hinab zu gelangen, um erst im Bereich der aus Westen kommenden Strömungen und Winde gegen Ost abzuschwenken.
Bis Mitte Januar war unser Gesundheitszustand ein sehr günstiger gewesen, und ich wiegte mich bereits in der Hoffnung, dass wir ohne Todesfall nach Neuseeland kommen würden. Meine frohe Zuversicht erlitt plötzlich rasch nacheinander heftige Stösse.
Die beiden Hospitäler füllten sich in wenigen Tagen mit fiebernden Kranken, und jeden Tag kamen neue. Die Fieber stiegen stetig höher, und Erscheinungen gesellten sich hinzu, die mir keine andere Diagnose als Abdominaltyphus, die gefürchtete Schiffspest, gestatteten. Anfänglich sträubte ich mich gegen die traurige Wahrheit. Ich suchte mich selbst zu täuschen und anzunehmen, es sei vielleicht doch nur eines jener räthselhaften, noch wenig bekannten Tropenfieber, die uns von der afrikanischen oder brasilianischen Küste zugeweht worden. Die grosse Unregelmässigkeit der meisten Anfangsstadien unterstützte mich in dieser Annahme. Aber bald mussten auch die letzten Zweifel schwinden, und als am 1. Februar fast gleichzeitig zwei Todesfälle eintraten, verschafften mir die Sektionsresultate volle handgreifliche Gewissheit.
Die eigenthümliche Thatsache, dass unsere Epidemie so plötzlich ausbrach, nachdem wir bereits zwei Monate auf See und ohne Berührung von Land gewesen, liess sich vielleicht dadurch erklären, dass das Krankheitsgift, welches zweifellos schon bei der Abreise von Hamburg im Schiff gesteckt haben musste, anfangs zu schwach war, um deutliche Erscheinungen hervorzurufen, und erst unter dem Einfluss der langen tropischen Feuchtigkeit und Hitze zu grösserer Wirksamkeit sich entwickelte.
Es waren zwei junge, kräftige, vor Kurzem noch blühende Weiber, eine Polin und eine Dänin, die als die ersten der tückischen Seuche zum Opfer fielen. So hatten wir denn am folgenden Morgen das trübselige Schauspiel einer doppelten Leichenbestattung. Die Flagge wurde zum Zeichen der Trauer halbstocks gehisst. Eine fremdartige Stille herrschte auf dem Schiff, Passagiere und Mannschaft waren erschüttert und in gedrückter Stimmung. Alles fürchtete sich vor dem unheimlichen Gast, der unsichtbar und unheilschwanger unter uns hauste. Vier Matrosen trugen die in Segeltuch eingenähten und mit Flaggen bedeckten Leichen aus dem Hospital um den Grossmast herum nach Steuerbord, welcher eben Leeseite war, voran die Missionäre, hinterdrein die Angehörigen, der Kapitän und ich und die ganze Bevölkerung. Die Missionäre sprachen ein Gebet, dann glitten von dem Bollwerk unter der Flagge hinweg, an kurzen Tauen gehalten, die Leichen ins Meer und verschwanden, durch Steinkohlen beschwert, gurgelnd in die Tiefe. Einige Luftblasen stiegen an die Oberfläche zurück, und von den theuren Körpern war nichts mehr zu sehen. Zerknirscht stund die Menge herum, und ausser dem Schluchzen und Weinen und ausser dem Rauschen der Fahrt regte sich kein Laut.
Nach der Reihenfolge des Sterbens wurde zuerst die Polin, dann die Dänin zur Ruhe gesenkt. Niemals schnitt eine Melodie mir schriller und schärfer ins Ohr, als der polnische und dann der dänische Grabgesang, welche die Feier beschlossen. Ruhte ja doch auf mir die Hauptlast unseres Unglücks, und wusste doch Niemand an Bord besser als ich, wie unzureichend und ohnmächtig die ganze Medizin einer solchen Epidemie gegenüber ist. Wir hatten noch ungefähr die Hälfte der Reise vor uns, und es war mir gewiss, dass die eben ad Akta gelegten zwei Fälle nur den Anfang einer Reihe anderer bildeten, wenn ich auch gegen Niemand den Namen Typhus aussprach und stets die tröstlichste Zuversicht heuchelte, dass die Krankheit in den nun bevorstehenden kälteren Breiten rasch aufhören würde.
Die Erkrankungen nahmen immer mehr zu. Es wurde unmöglich, sämmtliche Kranke zu isoliren, blos die schwersten konnten im Hospital Unterkunft finden. Häufig brachen ganz plötzlich furibunde Delirien aus bei solchen, die bisher nur leicht ergriffen waren. Heute wurde mir vielleicht ein Frauenzimmer vorgeführt, das auf einmal im Bette herumzuschlagen begonnen hatte, morgen vielleicht ein junger Bursche, der den Versuch gemacht, ins Wasser zu springen. Wenn ich sie mit dem Thermometer mass, hatten sie die höchsten Temperaturen.
Tag und Nacht in Anspruch genommen, ohne geschulte und gewissenhafte Wärter, hatte ich fast Alles selbst zu thun. War es mir gelungen, gegen ansehnliche Geldversprechungen ein wenigstens der Zahl nach genügendes Personal für die Krankenpflege zu engagiren, so liefen sie nach wenigen Tagen eigenmächtig wieder hinweg oder holten mich Nachts aus dem Bett, um mir zu erklären, dass sie sich vor den Delirien fürchteten und es nicht mehr aushalten könnten.
Unter solchen Umständen wurde die Seereise ungemüthlich. Eine mächtige Sehnsucht nach Land, namentlich nach Ruhe und Alleinsein, nach Waldesdunkel und Wiesengrün, ergriff mich. Sie sollte erst in sechs Wochen einigermassen gestillt werden.
Um das Kap herum. Segeln vor dem Sturm. Die Krozet Islands. Unsere Typhusepidemie steigt. Gedrückte Stimmung. Zur Naturgeschichte der Seeleute. Albatrosse und sonstige Vögel. Ventilationseigenthümlichkeiten.
Am 31. Januar passirten wir bei gutem Winde das Kap der guten Hoffnung in 44 Grad südlicher Breite, nachdem wir kurz vorher an Tristan da Kunha vorübergesegelt waren, ohne den Inselvulkan in Sicht zu bekommen.
Wir gingen bis hart an die Grenze des antarktischen Treibeises, beinahe bis zum 50. Grad hinab, um erst in der Höhe von Neuamsterdam uns wieder etwas nördlich zu wenden. Es wurde nun ziemlich kalt, was wir um so bitterer empfanden, verweichlicht durch das äquatoriale Dampfbad der letzten Wochen. Das Thermometer sank Nachts bis auf zehn Zentigrade trotz des Hochsommers der südlichen Hemisphäre.
Mächtige Tangmassen trieben in gleicher Richtung mit uns ostwärts, von Ferne schwimmenden Inseln oder Schiffstrümmern ähnlich. Selten gelang es mir, mit dem nachschleppenden Haifischhaken einzelne Aeste derselben, oft gegen zehn Meter lang, aus dem Meere zu angeln. Eine Menge von Lepadinen und Balaniden, von höheren Krustern und von Mollusken, von Bryozoen und von Polypen, die Passagiere dieser natürlichen Fahrzeuge, wurden dann meine Beute.
In Bezug auf die Windverhältnisse war die Fahrt durch den tiefen Süden des Indischen Ozeans der günstigste Theil unserer ganzen Reise. Häufig hatten wir Sturm von hinten, und dann flogen wir förmlich in grandiosen und langsamen Galoppsprüngen vor den in Kolonnen nachrückenden Wogen her. Die Masten krachten und bogen sich unter dem Druck der gerefften Marssegel. Die vollgespannte Fock schien das Schiff aus dem Wasser lüften zu wollen. Hoch empor spritzte unter dem Steven der Gischt, zu zischenden Schaumhügeln nach beiden Seiten auseinandergepflügt, und über Berg und Thal schlängelte sich hinter uns die schäumende Spur des Weges, den wir im Fluge gemacht. Unwillig rauschte das Meer. Ganze Gebirgsketten wälzten sich mit uns vorwärts. Aber wir liefen allen voran, eine nach der anderen wurde geschlagen, und sie hatten das Nachsehen.
Nur die Krozet Islands verdarben uns auf kurze Zeit die Freude. Wir wollten dicht an ihnen vorüber fahren, aber sie wollten nichts von uns wissen und umhüllten sich mit einer Nebelkappe. Man konnte keine Schiffsbreite sehen, und wir mussten umkehren, beim schönsten Wind umkehren und beidrehen. Wir hatten entschieden Pech. Kaum dass einmal der Wind uns günstig war, stellte sich so ein unnützes Pack kahler Inseln entgegen. Zum Glück klarte nach zwei Tagen die Luft wieder auf und erlaubte Kurs zu steuern. Abgerechnet einige windstille Tage gab es jetzt keine Unterbrechung mehr.
Das Rollen des Schiffes wurde zuweilen wieder so stark, dass ich mich in meiner Koje feststauen musste, um schlafen zu können. An der einen Seite den Sack mit Kamillenthee, an der andern den Sack mit Scharpie, gegen die barbarische Kälte mit allen disponiblen Decken und Mänteln belastet, so bot ich den Schrecken der nächtlichen Stürme Trotz, fest entschlossen nothwendigen Falles lieber im Bett als draussen in der ungemüthlichen freien Natur zu ersaufen, unbekümmert um die Bücher, den Stuhl und etliche Kistchen, welche von einer Wand der Kammer zur anderen purzelten. Nur wenn die Gläser oben in ihren Stellen stärker zu rütteln begannen, machte ich mich los aus meiner Verpackung und klemmte die Papierkeile fester, welche sie hielten.
Seekrankheit gab es aber jetzt nicht mehr an Bord. Auch der Verzagteste war seefest geworden. Man freute sich der wilden Fahrt. Ein Liederkranz hatte sich gebildet und suchte mit dem Toben des Sturmes zu wetteifern, und mitten durch das Rauschen der See, das Brausen des Windes und das Stöhnen des Schiffes schallte trotzig und herausfordernd das alte schöne Kriegslied »Ich bin ein Preusse, kennt ihr meine Farben« in die aufgeregte Natur hinaus, gesungen von dem ganzen Mischmasch unserer Nationalitäten.
Wenn nur nicht aus den Hospitälern das Wimmern des Fieberwahnsinns als schriller Misston dazwischen gedrungen wäre. Unsere Typhusepidemie griff immer mehr um sich. Mein Journal zeigte am Ende der Reise 94 Nummern, alle, auch die leichtesten und deshalb zweifelhaften Fälle mitgezählt. Kaum war die erste Doppelbestattung vorüber, so folgten andere nach, und wir mussten noch fünf Leichen mehr über Bord werfen. Diese gräuliche Epidemie, für den Kapitän die Gewissheit, dass wir auch unter den fortan günstigsten Umständen eine aussergewöhnlich schlechte Reise machten, für mich die unerfreuliche Aussicht, mit der ganzen Zwischendecksgesellschaft, die ich schon so satt hatte, in Quarantäne zu kommen, die immer schlechter werdende Beschaffenheit des Proviants und des Wassers – all dies war geeignet, gar oft die schwärzeste Stimmung heraufzubeschwören. Solange der Wind uns günstig war, und wir rasch vorwärts segelten, ging es noch leidlich. Als jedoch einmal wieder Windstille eintrat und zwei, drei Tage nicht weichen wollte, wirkte die Verzögerung deprimirend wie noch nie. Die Nähe des Frauenhospitals, in welches ich, weil es am besten eingerichtet war, die schwersten Kranken ohne Unterschied des Geschlechts zusammenlegte, wurde dann bei der herrschenden Ruhe doppelt unangenehm, und oft konnte ich nicht schlafen in der Nacht von dem ewigen Geschrei und Gewimmer, das in meine Kammer herüberdrang. Es machte mich nervös immer und immer wieder dieselben quälenden Laute zu hören.
In keiner Lage habe ich die Misere der ärztlichen Unzulänglichkeit schmerzlicher empfunden als damals. Nicht darin liegt ja die Härte des ärztlichen Standes, worin der Laie sie meist zu vermuthen pflegt, in der Aufopferung an Zeit und Mühe, an Schlaf und Erholung, in all den abscheulichen und ekelhaften Dingen, mit denen man in Berührung kommt, sondern in der Unvollkommenheit und Ohnmacht der sogenannten Heilkunde. »Ihr durchstudirt die gross und kleine Welt, um es am Ende gehn zu lassen wies Gott gefällt.« Das Durchstudiren ist sehr schön, dass Gehen lassen müssen aber ist unerträglich.
Am unglücklichsten fühlte sich der Kapitän über unser Missgeschick. Es war nun Alles ganz anders gekommen als er gewünscht hatte. Von Ersparnissen, mit welchen er bei seinem Rheder sich einzuschmeicheln gehofft, keine Rede. Wir mussten froh sein, wenn wir mit unserem Wasser knapp bis Neuseeland reichten, da der Kondenser bei stürmischer Witterung nicht arbeiten konnte. Ich war fast täglich gezwungen, eine Menge Brot, welches sich als verdorben erwies, über Bord werfen zu lassen, und hatte bereits seit längerer Zeit alle Spirituosen und feineren Esswaaren der Euphrosyne für meine Kranken in Beschlag genommen. In der Kajüte herrschte jetzt absolutes Teatotalerthum. Dass mir Solches ohne sonderliche Kämpfe gelang, war dem zerknirschten Zustand des Kapitäns, welcher seine tobsüchtigen Neigungen gänzlich lähmte, zu verdanken.
Der Kapitän war im Grunde ein guter Kerl, aber eben ein Kauffahrteischiffer und von dem ganzen Elend dieses bemitleidenswerthen Standes verbittert und verbost. Er hatte erst kurz vorher geheirathet, und die Sehnsucht nach seiner jungen Frau zu Hause zehrte fortwährend an ihm. Wie oft verfluchte er seinen jugendlichen Leichtsinn, der ihn vor zwanzig Jahren auf das Meer getrieben. Wie oft schwor er, den ersten besten Erwerb auf dem Lande zu ergreifen, wenn er nur kein Wasser mehr zu sehen brauchte. Er besass nichts von jener Schwärmerei für die Poesie des Meeres, die den Seeleuten von Laien manchmal angedichtet wird. Ich habe überhaupt noch keinen älteren, reiferen Seemann kennen gelernt, der an einer derartigen Schwärmerei gelitten hätte, und nichts kann lächerlicher klingen, als was gelegentlich der traurigen Schillerkatastrophe an den Scilly-Inseln dem unglücklichen, mit den 337 Opfern seines Leichtsinns rühmlich untergegangenen Kapitän Thomas in irgend einer Zeitung von irgend einem überspannten Frauenzimmer in den Mund geblaustrumpft worden ist – »Ich kenne nur eine einzige Liebe, und das ist mein Schiff, mein Schiff ist mir meine Braut« oder wie das dumme Zeug gelautet haben mag.[2]
[2]: Das Gehalt des Kapitäns der Euphrosyne, eines Segelschiffes grössten Kalibers, betrug nicht mehr als hundert Mark pro Monat. Aber nur so lange das Schiff auf der Reise war. Lag es ohne Mannschaft im Hafen, so bekam der Kapitän nichts. Ausserdem hatte er 2½ Prozent vom Reingewinn, in den jetzigen Zeiten, wo Schiffe oft Jahre lang nichts verdienen, eine sehr problematische Grösse.
Man muss einen Seemann, insbesondere der Kauffahrtei, viel milder beurtheilen als andere Menschen. Der bösen Einflüsse, die ungünstig auf seinen Charakter wirken, sind zu viele. Jenes erfahrungsgemäss auf jeder längeren Seereise eintretende Stadium der üblen Laune, in dem sich Alles gegenseitig anärgert, bleibt sogar auf Kriegsschiffen mit ihrer strammen Disziplin nicht aus, und die Marineärzte haben dafür einen eigenen Namen »Mania navalis« erfunden.
Während der Atlantik wie ausgestorben gewesen war, belebte sich östlich vom Kap die See wieder mit Möven und Seeschwalben, mit Kaptauben, Sturmvögeln und Albatrossen.
Den Albatrossen wird bekanntlich von den Schiffern aufs Emsigste nachgestellt. Leider ist ihre Zahl dadurch schon merklich verringert, und in hundert Jahren werden sie zu den ausgestorbenen Geschöpfen gehören. Trotz dieser zur Schonung auffordernden Erwägung konnte auch ich mich nicht enthalten, ihren Fang zu versuchen.
Schon bei Tristan da Kunha hatten einzelne sich sehen lassen. Der Ruf »O was für ein grosser Vogel« zog mich hinaus auf Deck, und mein erster Albatross schwebte majestätisch über die Wogen.
Rastlos über Wellenberg und Wellenthal, kaum merklich hie und da die in gerader Linie steif ausgespannten Flügel bewegend, senkrecht bald nach links bald nach rechts geneigt mit den Flügelspitzen die Wellenkämme ritzend, verfolgte in weit gebogenen und gewundenen Linien das gewaltige Thier mühelos unsere Fahrt. Andere gesellten sich ihm bei, schon von ferne erkennbar als geradlinige in der Mitte zu einem Knoten anschwellende kreuz und quer in der Luft hin und her balanzirende Stäbe. Es lag etwas Räthselhaftes in ihrer Stetigkeit und Ruhe, mit der sie gegen den scharfen Wind – nicht kämpften, sondern gelassen und ohne Anstrengung dahinglitten.
Von nun an schleppte stets eine Albatrossangel hinten nach, aber fünf Wochen ohne etwas zu fangen. Die Seeleute hatten zwar jedesmal Gründe zur Hand, warum sie nicht bissen. Einmal weil die Fahrt zu rasch, das andere mal weil zu langsam, heute war das Wasser zu durchsichtig, morgen wieder zu trübe. Ich wusste bereits, was von dieser Weisheit zu halten sei, und es war mir kein geringer Triumph, mit der Flinte einen Albatross zu erbeuten, lange ehe jene mit der Angel einen erwischten.
Als wir eines Tages hart beim Winde segelten, flogen sie zuweilen hoch oben quer über das Schiff, etliche Sekunden schweben bleibend um das Deck zu rekognosziren. Trotz der spöttischen Zweifel des Kapitäns und trotz der äusserst störenden Schaukelbewegung des Bodens lud ich eine gewöhnliche sehr starke Schrotflinte mit doppeltem Pulvermass und der gröbsten Schrotsorte, und schoss, und ein riesiger Albatross plumpste mit gebrochenem Flügel neben mich herab. Dies war übrigens nur ein reiner Zufall. Denn so oft ich auch später das Kunststück zu wiederholen versuchte, und wenn ich auch öfter noch traf, was an dem wegfliegenden Flaum zu erkennen war, die Schrote drangen nie wieder durch, sondern prallten an dem dichten Gefieder ab, und das Ziel meiner erfolglosen Bestrebung entfernte sich schwänzelnd, als ob es ein Kitzeln und Prickeln fühlte.