Hier spielen sich zuweilen gar schnurrige Debatten ab. Unter den vier Ministern des Kabinets sind drei Weisse, die Präsidentschaft ist weiss, und das Haus selbst besteht zu einem Drittel aus Weissen. Es wird sowohl englisch als hawaiisch debattirt. Eine hawaiische Interpellation findet oft eine englische Antwort, oft sprechen zwei Redner zu gleicher Zeit, der eine englisch, der andere hawaiisch, der Hawaiier wüthend, der Engländer kühl und spöttisch. Und ehe des Morgens die Komödie beginnt, wird gebetet. Es machte mir bei wiederholten Besuchen den Eindruck, als ob die Weissen nicht viel Notiz von den Reden der Kanakas nähmen. Sie sind eben Kinder. Man lässt sie schreien und thut schliesslich doch was man will. Erst kürzlich war ein Gesetz durchgegangen, welches den im Hawaiischen Königreich ansässigen Heilkünstlern sehr verderblich werden konnte, nämlich dass jedem Arzt die Lizenz entzogen werden sollte, der einem Ruf zu einem Kranken nicht sofort Folge leistete. Die Zeitungen brachten viel Schmähartikel über dieses Gesetz und drückten dabei ganz unverblümt ihre vollste Verachtung der braunen Gesetzgeber aus.
In den übrigen Räumen des Regierungsgebäudes befinden sich die Kanzleien der verschiedenen höheren Staatsbeamten, eine Staatsbibliothek und ein Staatsmuseum. An den Thüren liest man bis auf einen nur englische Namen, die dazu gehörigen Titel sind zugleich englisch und hawaiisch daruntergeschrieben, so z. B. »His Excellency W. L. Green, Minister of Foreign Affairs, Kuhina no ko na aina e«.
Die für einen so abgelegenen Punkt der Erde überraschend reiche Bibliothek enthält ausser juridischen und theologischen eine ansehnliche Zahl naturwissenschaftlicher und geographischer Werke und wurde mir auf meinen nur leise angedeuteten Wunsch mit der grössten Liberalität zur Verfügung gestellt, was nächst der überhaupt hier herrschenden Zuvorkommenheit gegen Fremde wohl auch dem Umstande zu verdanken war, dass dieselbe sehr wenig benützt wird. Ich war stets der einzige gänzlich ungestörte Leser und unbeschränkte Alleinherrscher. Kein griesgrämiger Bibliothekar trübte den Genuss der Bücher. Das Museum enthält hauptsächlich ethnographisch sehr werthvolle hawaiische Alterthümer. Die Hälfte davon war eben zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt worden und nicht zu sehen. In der Sammlung befindet sich auch ein Palmstumpf, vor welchem in der Kealakeakua-Bai der grosse Cook getödtet worden sein soll, was mir erst später in San Francisco besonders interessant wurde, da dort in einem Museum ein anderer Palmstumpf ausgestellt ist, von dem man dasselbe behauptet.
Dem Regierungsgebäude gegenüber liegt die Residenz des Königs, ein ganzer Block, rings von einer steinernen Mauer mit vier Thoren, an jeder der begrenzenden Strassen eins, umgeben. Nur ein hoher Flaggenmast ist über der Mauer und den Bäumen dahinter sichtbar. Ist die Flagge aufgezogen, so gilt dies als Zeichen, dass der König zu Hause und umgekehrt, gerade wie bei uns. Ein eigentlicher Königspalast existirt gegenwärtig nicht. Man trägt sich schon lange mit dem Gedanken einen zu bauen, aber die Hauptsache, das Geld hierzu, fehlt noch. Einstweilen muss sich das Werk der Zukunft damit begnügen, seinen Schatten in dem Strassennamen »Palace Walk« vorauszuwerfen.
Die Militärmacht Honolulus ist eine sehr bescheidene und besteht nur aus einer Bande Musikanten und zwei Dutzend Palastgardisten. Erstere tragen dunkelblaue Waffenröcke, letztere hellblaue Husarenjacken mit weissen Schnüren, beide weisse Hosen und weisse Käpis. Diese zwei Sorten von Soldaten bummeln den ganzen Tag auf den Strassen herum, so dass man sie überall sieht und auf eine viel grössere Zahl schliessen möchte. Der Kapellmeister ist natürlich ein Deutscher. Seine Bande, lauter junge Kanakas, macht ihm alle Ehre und spielt jeden Samstag auf Queen Emmas Square, einem freien Platz mit Gartenanlagen, auf welchem dann die ganze schöne und vornehme Welt der Residenzstadt promeniren geht. Kurz ehe ich abreiste, streikten die Musikanten, aus welcher Veranlassung und auf wie lange, blieb mir unbekannt.
Der vorige König soll kriegerischer gewesen sein als der jetzige und die allgemeine Wehrpflicht nicht blos eingeführt, sondern sogar bis zur Abhaltung von Manövers getrieben haben, welche einem ansehnlichen Theil des Heeres von Honolulu das Leben kosteten. Die Kavallerie attakirte bei einer derartigen Gelegenheit die Infanterie so naturgetreu wüthend, dass diese genöthigt war, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Aber kaum hatte sich die wackere Infanterie von dem ersten Schrecken erholt, als sie beschloss die erlittene Schmach zu rächen. Die siegreiche Kavallerie zog sich stolz von dem Wahlplatz zurück um nach Honolulu hinein zu triumphiren. Da griff von hinten plötzlich die Infanterie mit dem Bajonnette an und vernichtete sie völlig. Vierzig Pferde und zwanzig Reiter wurden todtgestochen, die übrigen entkamen mit Wunden bedeckt. Seitdem werden keine Manövers mehr abgehalten.
Was nun die Artillerie betrifft, so ist sie durch einen Ritt auf die Punschbowle leicht in Augenschein genommen. So heisst nämlich der kahlgebrannte Berg hinter der Stadt, und ist man oben und blickt hinab in die nun mit Gras ausgepolsterte halbkugelige Höhlung des Kraters, so muss man den Namen gerechtfertigt finden. Ganz Honolulu liegt zu Füssen ausgebreitet. Man überschaut den Hafen und erkennt an der hellen Färbung des Wassers die Lage der Riffe, die nur einen schmalen Kanal frei lassen. Sechs alte Schiffskanonen stehen hier oben zum Salutiren vor einem Flaggenmast. Sie sehen so rostig und morsch aus, dass ich keine abfeuern möchte. An grosse Lavablöcke hingebaut steht daneben das Häuschen des Wächters. Seine Frau war beschäftigt Strohhüte zu flechten, als ich hinaufkam, und ich wartete, bis sie für mich einen fertig hatte.
Die zweite Stelle unter den öffentlichen Gebäuden nimmt das Hawaiian Hotel ein, welches dem König gehört und an Mister Herbert, einen Amerikaner deutscher Abkunft, verpachtet ist. Es liegt umgeben von den Strassen Hotel-, Beretania-, Kahomanu- und Alakea Street und genügt für den billigen Preis von drei Dollars täglich allen Forderungen, die der Amerikaner, in Bezug auf Hotels viel anspruchsvoller als der Europäer, zu stellen pflegt. Alles ist musterhaft amerikanisch bis auf die Bedienung, die aus mürrischen Chinesen besteht.
Man würde in den ausgezeichneten Betten unter den lang herabwallenden Moskitonetzen, über welche manchmal eine grosse haarige Spinne wandelt, vortrefflich schlafen, wenn nicht die eigenthümliche Gewohnheit der Hähne von Honolulu, die ganze Nacht hindurch zu krähen, sehr störend wirkte. Von nah und fern dringt das ewige Kikeriki in helleren und tieferen Stimmen durch die Stille der Nacht und lässt auf Legionen dieser Ruhestörer schliessen.
In Honolulu giebt es sieben Kirchen, alle von amerikanischer Stillosigkeit, und zehn Freimaurerlogen. Die meisten Hawaier sind kongregationalistisch christianisirt. Nach diesen kommen an Zahl die Katholiken, dann die Episkopalen. Neben der Kavaiahaokirche ist das Mausoleum des letztverstorbenen Königs. »Lunalilo ka Moi † 1874« (L. der König) ist die einfache Aufschrift des kapellenartigen gothischen Baues, um welchen innerhalb eines eisernen Gitters sechs vergilbte Kahilis, grosse Sträusse aus Federn und Blumen auf Stangen, in der Erde stecken.
Nur in den drei oder vier Geschäftsstrassen drängen sich die Häuser, grösstentheils aus Holz und einstöckig, ohne Gärten eng aneinander. In Fort Street sind die Läden der Weissen, in Nuuanu Avenue jene der Chinesen.
Denn auch hierher haben die Söhne des Reiches der Mitte ihren Weg gefunden, und keine der grösseren Ortschaften auf den Hawaiischen Inseln ist ohne Mongolen. Sie sind hier hauptsächlich Schuhmacher, Kleinkrämer und Gastwirthe schmutziger Speiselokale. Die Wäscherei, die in Kalifornien ihr Monopol ist, haben sie den Eingeborenen noch nicht zu entreissen vermocht. Ihre offenen Buden sehen sich alle so ähnlich, dass man nur schwierig und selten die richtige wieder findet, wenn man vielleicht von einem der schlitzäugigen Spitzbuben betrogen worden ist. Den ganzen Tag wird emsig gearbeitet. Hier sitzt ein alter verrunzelter Schuster mit einer unförmlichen rundglasigen Brille auf der Nase, und näht im Verein mit einigen jüngeren Gesellen leichte, dünnsohlige, weisse Zeugstiefel zusammen, dort schwirren amerikanische Nähmaschinen, an denen bezopfte Schneider chinesische Gewänder verfertigen. Hier sind Zigarren, Tabak und alle möglichen Gegenstände des häuslichen Bedarfs zu haben, dort eine Menge fremdartiger Büchschen und Schächtelchen mit chinesischen Konserven aufgestapelt. Früchteverkäufer preisen Melonen und Mangos an, und in den kleinen Wirthschaftsspelunken stehen Reihen winziger Schüsselchen mit eigenthümlichen Gerichten, die an geschmorte Regenwürmer erinnern, lockend hinter dem Fenster. Man sieht die Chinesen fast niemals müssig. Selten begegnet man wohl auch einem bezopften Reiter hoch zu Ross oder deren mehreren in Gesellschaft zu Wagen, aber auch dann wohl nur in Geschäften reisend. Es giebt nur wenige Chinesinnen in Honolulu. Die meisten Chinesen sind mit Hawaierinnen verheirathet. Die Regierung sträubt sich zwar gegen die Einwanderung der asiatischen Pest. Aber die durch einen erst jüngst abgeschlossenen Vertrag für freie Einfuhr des Zuckers nach den Vereinigten Staaten wieder aufblühenden Zuckerplantagen brauchen Arbeiter, und die Chinesen sind die billigsten. Ueber kurz oder lang werden die Fluthen dieser hässlichen Rasse mit ihren scheusslichen Lastern, die dem Europäer gegenüber keine Ehrenhaftigkeit kennt und Alles erlaubt hält, zusammenschlagen über der einheimischen schönen und edlen Rasse, welche rapide ausstirbt.
Unter den Weissen herrscht der amerikanische Typus vor. Auch die meisten Waaren tragen das amerikanische Gepräge, sie sind grösstentheils von Kalifornien her eingeführt. In einigen Auslagen glaubte ich auch manchen Schund meines theuren Vaterlandes zu erblicken und als alten Bekannten begrüssen zu dürfen. Keine soliden englischen Fabrikate mehr wie überall in Australien, andere Kleidungsstoffe, anderes Sattel- und Zaumzeug, andere Zündhölzchen, andere Messer. Man ist in Bezug auf Kultur bereits in den Vereinigten Staaten. Man trägt hier ebenso feine, weissglänzende Wäsche und denselben Schnitt des Rockes wie bei den Yankees. Cocktail und Sherry Cobbler und wie sie alle heissen, die amerikanischen »Fancy Drinks«, spielen hier eine ebenso bedeutende Rolle, wie in San Francisco oder in New York.
Ueberall giebt sich der amerikanische Einfluss kund, und das Annektirtwerden durch die Vereinigten Staaten ist für Hawaii wohl nur eine Frage der Zeit. Das offizielle Münzsystem ist das amerikanische. Ein Versuch, hawaiisches Geld mit den Köpfen hawaiischer Könige darauf prägen zu lassen, wurde bald wieder aufgegeben. Merkwürdiger Weise kursiren hauptsächlich französische Fünffrancsstücke als Dollars.
Ganz besonders erfreulich tritt das Deutschthum in den Vordergrund. Es war mir eine äusserst angenehme Ueberraschung, ebenso viel Deutsch als Englisch sprechen zu hören. Wenn ich so durch die Strassen ging, drangen fast aus jedem der offenstehenden Läden, Barbierstuben und Kneipen die Laute der Muttersprache an mein Ohr. Wir sind dort so gut repräsentirt, als wir nur wünschen können, was nicht allenthalben in überseeischen Hafenplätzen der Fall ist. Unter unseren Landsleuten in Honolulu sind die angesehensten und reichsten Kaufleute, und ein reges geistiges Streben, das man in solcher Ferne und Abgelegenheit kaum erwarten möchte, blüht bei ihnen. Ich fand zum ersten mal seit längerer Zeit nicht nur die meisten unserer besseren Zeitschriften, sondern auch eine Menge deutscher Bücher wieder. Ein unschätzbares Vergnügen gewährten mir dort im fernen Pacific Heinrich Noés Alpenbilder.
Es giebt eine mikroskopische Gesellschaft in Honolulu, und bei Herrn Riemschneider, einem jungen Hannoveraner, habe ich manchen genussreichen Abend mit dem Betrachten seiner mikroskopischen Präparate zugebracht. Die Aufnahme, die mir von unserem Konsul und allen Deutschen zu Theil wurde, war die liebenswürdigste, an die ich stets dankbarst zurückdenken werde.
Das Klima von Honolulu ist paradiesisch wie überall auf den glücklichen Inseln des Stillen Ozeans. Die Hitze ist nicht allzu gross und wird häufig gemildert durch erfrischende Regenschauer. Ich habe niemals, obgleich ich im höchsten Sommer dort war, mehr als 35 Zentigrade erlebt, eine Temperatur, die nicht selten auch bei uns vorkommt. Fast ununterbrochen weht der Passat kühlend über den Felsgrat Oahus herüber und durch das Nuuanuthal herab, und als er einmal zwei Tage aussetzte, und die Eisfabrik wegen einer Reparatur ihre täglichen Lieferungen einstellte, klagte Alles über den unerträglichen Zustand. Denn auch hier in dieser herrlichen Natur sind die Menschen unzufrieden und sehnen sich anderswohin. Der ganze Reiz des Lebens liegt eben im Wechsel.
Trotz der beschränkten Geldmittel des Staates scheint es mit dem Sanitätswesen nicht schlimmer zu stehen als anderwärts. Akute Infektionskrankheiten kommen kaum eben so häufig vor wie bei uns in Europa. Die Quarantäne wird strenge gehandhabt. Eine auffallende Menge von Aerzten, lauter Weisse, ist allenthalben zerstreut. Freilich befinden sich auch genug amerikanische »Dakters« darunter.
Das königliche Hospital von Honolulu ist zwar klein, aber musterhaft reinlich gehalten. Es liegt am Fusse des Punschbowlenhügels mitten in einem schönen weiten Garten, in dem Palmen aus allen Gegenden der Erde nebeneinander stehen, und enthält in zwei Stockwerken etwa hundert saubere Betten, jedes mit einem sauberen Moskitonetz überspannt. Die Syphilis stellt ein bedeutendes Kontingent an Kranken, wie in allen Hafenstädten.
Eine weit schrecklichere Plage Hawaiis ist der asiatische Aussatz, die Lepra, welche absolut unheilbar ist. Man behauptet, sie sei von den Chinesen eingeschleppt worden. Sie war im Anfang nur in einzelnen Fällen aufgetreten, bis sie gelegentlich der ersten Blatternepidemie, die ein Walfischfänger brachte, plötzlich die grösste Verbreitung erfuhr. Nicht blos die Aerzte, sondern auch Missionäre und Beamte stürzten sich sofort auf die Eingeborenen, um Alles Hals über Kopf zu impfen ohne die nöthigste Vorsicht zu wahren, und so kam es, dass die Lanzette das Gift der Leprosen auf eine Menge Anderer übertrug. Die Leprosen werden polizeilich gesammelt und in ein abgeschlossenes und unzugängliches Thal der Insel Molokai verbannt, was zwar grausam aber sehr weise ist.
Eben war wieder ein Transport von vierzehn solcher Unglücklichen beisammen und sollte nächstens mit einem eigenen Schuner nach Molokai geschickt werden. Der Regierungsarzt Dr. Mac Kibbin, ein Engländer, hatte die Güte mich zu ihrer Besichtigung mitzunehmen. Sie waren in einem Garten neben dem Polizeigebäude auf einer offenen nur durch Matten abzuschliessenden Veranda untergebracht und schienen die Härte ihres Looses mit stoischer Ruhe zu ertragen. Nur ein einziger Fall der Leontiasisform sah abschreckend aus.
Auf Molokai sollen sich gegenwärtig etwa 800 Leprosen, darunter auch vier Weisse, ein Deutscher und drei Engländer, befinden. Aerztliche Behandlung geniessen sie dort nicht, und auch über ihre Verpflegung wird viel geklagt. Aus obiger Zahl lässt sich schliessen, dass vielleicht zwei Prozent der Gesammtbevölkerung von Hawaii mit Lepra behaftet sind.
Eine besonders hervorragende Merkwürdigkeit Honolulus ist der Fischmarkt. Namentlich an Samstagen herrscht dort ein charakteristisches reges Leben. Aus der ganzen Umgegend strömen dann die Eingeborenen zusammen um Käufe und Verkäufe zu machen, Freunde zu treffen, kurz eine Art Wochenbörse abzuhalten. Reiter und Reiterinnen gallopiren von allen Seiten herbei. Pferde und Wagen und Maulesel und Menschen füllen in bunter Unordnung die nächsten Strassen. Glühend sticht die Sonne herab, und eine grellgeputzte, blumengeschmückte, lärmende, heftig gestikulirende Menge brauner Gesichter drängt sich glänzend von Schweiss durcheinander.
Die Waaren, die unter einer gedeckten Halle und in mehreren Budenreihen feilgeboten werden, entstammen grösstentheils der salzigen Fluth des Meeres, und ihre Mannichfaltigkeit wird dadurch erhöht, dass der Kanaka nichts verschmäht, was überhaupt gegessen werden kann. Getrocknete Sepien, die acht Saugarme zu Zöpfen geflochten, hängen oben herab, unten auf blätterbedeckten Brettern liegen sie frisch in ihrer ganzen natürlichen Schlüpfrigkeit ausgebreitet. Fische gross und klein, mit Papageischnäbeln und in allen Farben schillernd, Krebse, Muscheln und Schnecken, Seesterne, Seeigel und Seegurken, roh und gekocht, in Körben hoch aufgehäuft, suchen die Gourmandise der Kanakas zu reizen. In Kürbisschalen ist der ganze Inhalt dieser Geschöpfe, Gedärme und Alles, zu einem vielfarbigen Brei zusammengepantscht, und mit geheimem Grausen sehen wir, wie diese unappetitlichen Sachen mit wohligem Schmatzen verschlungen werden. Man muss sich in Acht nehmen nirgends anzustreifen, da überall Eingeweide und andere schleimige Dinger kleben, nicht blos an den Buden, sondern auch an den vielen Männern und Weibern, die sich mit grossen Körben durch das Gedränge mühen. Hinter jedem Stand hängen grosse Bündel schmaler Cordylineblätter, welche zum Einwickeln dienen. Im Nu sind sie kreuzweis zusammengeschlungen und zu einem festen Packet geschlossen.
Hier häutet ein Mann wunderbar flink mit den Zähnen seine Fische ab, dort sitzen hübsche grossäugige schlanke Mädchen und winden Blumenkränze und duftende Pandanusguirlanden, während daneben eine fette schwammige Matrone uns ein freundliches »Aloha« zugrinst und einladend auf ihre Mangos und Melonen weist. Ein korpulenter Polizeimann, kenntlich an dem Blechschild auf seinem Rock, überwacht mit ernstem Blick die Ordnung des Marktes, etliche Gardesoldaten in blauweissen Jacken gehen von Bude zu Bude und kokettiren mit den schönen Verkäuferinnen. Mitten in diesem fröhlichen Gewühl und Gekreisch der Hawaiier steht eine Gruppe tückischer Chinesen, umherspähend wohin sie sich wenden sollen, die Hände in beiden Hosentaschen, um das Geld zu bewachen, obwohl es hier keine Pickpockets giebt, dort an der Ecke steht ein einzelner Halbchinese und hat Tabakspfeifen feil, an die Zweige eines Bäumchens gesteckt. Eine eigene Abtheilung dient zum Verkauf des zu Klumpen zusammengebackenen Poimehls. Auf Tischen davor steht fertiger Poi in grossen Kürbisschalen bereit, und unter und zwischen den Tischen sitzen kleine Gesellschaften und erlaben sich an dem säuerlichen Brei, indem sie ihn mit den Fingern heraustunken.
Gleich hinter der einen äussersten Reihe plätschert das Wasser der Rifflagune, getrübt von der Jauche des Marktes, ein beliebter und nie unbenützter Badeplatz der Jugend. Hie und da mischen sich auch wohl die nackten und nassen Jungen ins Gewühl, um mit klatschenden Schlägen verjagt zu werden.
Halbverwilderte Hunde liegen mürrisch in den geschütztesten Winkeln. Sie sind die stehende Bewohnerschaft des Budenplatzes, von dessen Abfällen sie leben, und fast alle sind, vielleicht in Folge der ausschliesslichen Fischnahrung, bedeckt mit Räude. An einem dieser ekelhaften Köter sah ich eine elephantiasis-artige Erkrankung der ganzen Haut, namentlich aber der hinteren Partien. Die Haut der Kreuzgegend war so sehr verdickt, dass der Schwanz aus Falten wie sie für das Rhinoceros normal sind heraushing.
Ausserhalb Honolulu ist die Gegend dürrgebrannt und wüstenartig. Links und rechts von der Stadt führen grellbeleuchtete, staubige Strassen am Ufer des blauen Meeres entlang. Sandebenen, hie und da besetzt mit Gruppen von importirten Opuntias und Agaven, ziehen sich zu den Bergen hinan, welche den Hintergrund bilden. Unten sind diese ebenso kahl wie die Ebenen, erst weiter oben, in der Nähe der an den höheren Spitzen hängenden Wolken, bedecken sie sich mit dem eigenthümlichen hellschimmernden Grün der Kukuibäume.
Zu dieser im Lichte einer glühenden Sonne strahlenden Landschaft liefern die Eingeborenen die schönste und stylvollste Staffage. Blumenbekränzt und in bunten Gewändern jagen sie, Männer und Weiber, auf zähen Pferden über Stock und Stein dahin. Und ihre warmen Farben im Verein mit der Sonnengluth der wüsten und gelben Flächen gaben mir oft ein Bild von wahrhaft orientalischer Lebhaftigkeit.
An der Ostseite gegen die Vorstadt Kapalama zu ergiesst sich der Nuuanu-Bach in die See. Manchmal kauern hier Weiber vollständig bekleidet, einen Strohhut auf dem Kopf, geradeso wie sie auf der Strasse gehen, im schmutzigen, brackischen Wasser des Aestuariums. Nur der Kopf ragt heraus, und im Munde halten sie ein Körbchen, während sie mit den Händen auf dem Grunde nach Krabben herumtasten. Nackte Kinder balgen sich neben ihnen und werden zuweilen durch zornig rollende Blicke verscheucht. Schelten dürfen die Fischerinnen nicht, sonst würde ihnen das Körbchen mit der Beute entfallen. Eine hölzerne Brücke führt hinüber nach dem Staatsgefängniss, einem blendend weiss getünchten zinnengekrönten Kastell, und draussen mitten in der Lagune steht einsam auf Pfählen das Quarantänehospital, ein trostloses Gebäude.
Rechts am Fusse der Berge unweit Lilihi Street liegt das Lunatic Asylum, das Irrenhaus. Ich fand dieses nur von wenigen Geisteskranken bewohnt, als ich einmal hinausritt es zu besichtigen. Eine tobsüchtige Chinesin war der schlimmste Fall. Die anderen waren alle bereits blödsinnig. Die gemüthliche naturgemässere Lebensweise der Eingeborenen, fern von der aufreibenden Hast des Gelderwerbs und des Ehrgeizes in Amerika und Europa, ist nicht geeignet, Erkrankung des Gehirns zu begünstigen. Die Einrichtungen der Anstalt genügen mässigen Ansprüchen.
Westlich gegen Diamond Head zu führt eine zwei Kilometer lange Landstrasse, oft der Schauplatz wilder Kavalkaden, an Salinen, in denen Meersalz durch Abdunsten gewonnen wird, vorüber nach Waikiki, einer kleinen Ortschaft aus einer Kapelle, einigen hölzernen Landhäuschen und einigen struppigen Strohhütten bestehend, alle weit aus einander gestreut, die früher der Lieblingsaufenthalt der Könige gewesen sein soll. Hierhin sollen sie sich, der Komödie europäischer konstitutioneller parlamentarischer Regierung müde, zurückgezogen haben, um der goldstrotzenden Uniform entledigt und nur mit dem Suspensorium angethan in alten Erinnerungen zu schwelgen. Ein kümmerlicher Kokospalmenhain beschattet spärlich den sandigen Boden. Die Bäume sind lebensmüde und tragen keine Früchte mehr. Ein hübscher reinlicher Badestrand zieht sich aussen entlang, und Waikiki ist deshalb als Ausflugspunkt bei der Bevölkerung Honolulus sehr beliebt. Jenseits tritt Diamond Head, das Wahrzeichen von Honolulu, in die See hinaus, auf einer Einsattlung, die den Berg und die Hauptkette der Insel verbindet, die Signalstation für die Ankunft von Schiffen tragend, welche mit dem Postamt der Hauptstadt durch die einzige drei Kilometer lange Telegraphenlinie des Hawaiischen Königreichs zusammenhängt. Diamond Head ist 230 Meter hoch und sieht von unten nicht aus wie ein Vulkan, es scheint vielmehr eine gradlinige steile Felswand zu sein, von zahlreichen tiefen senkrechten Schluchten durchfurcht, an welche sanfter geneigte Geröllböschungen sich anlehnen. Aber wir stehen auf einem so durchaus vulkanischen Boden, dass wir uns nachgerade gewöhnen, in dem Gipfel einer jeden isolirten Erhebung einen erloschenen Krater zu finden.
Als Hauptmerkwürdigkeit der Umgebung gilt der »Pali«, ein steiler Absturz an der Rückseite der Bergkette, welche den Hintergrund Honolulus bildet, 9 Kilometer von der Stadt entfernt. Eine 600 Meter mächtige Schicht der Erdrinde, durch vulkanische Kräfte emporgehoben, zerbarst an den Kanten. Die südliche Hälfte ist stehen geblieben, die nördliche wieder hinabgesunken, beinahe bis zum Niveau des Meeres. Die gewaltige Bruchfläche ist der Pali. Fast kein Passagier des Dampfers, dem ein Nachmittag in Honolulu zu Theil wird, versäumt dort hinauf zu reiten.
An einem der ersten Tage machte ich diese obligate Partie in Gesellschaft jener fünf Engländer, welche dieselben Reiseziele wie ich verfolgten, selbstverständlich zu Pferde. Denn auf Hawaii geht man fast niemals zu Fuss. Der echte Hawaiier, gleichviel ob braun oder weiss, lässt für die unbedeutendsten Wege die er zu machen hat aufsatteln. Die Pferde sind hier lächerlich billig, fünfzig Dollars ist ein anständiger Kaufpreis. Um fünf Dollars die Woche kann man das beste Reitpferd miethen, inklusive Fütterung, Sattel und Zaumzeug. Dabei sind die Thiere unübertrefflich zäh und im Allgemeinen hocherhaben über jene erbärmliche Sorte, die man bei uns gewöhnlich zu miethen bekommt. Mark Twain hat sie schwer verleumdet. Ein einziges mal passirte es mir, dass ich einen faulen und störrischen Häuter erhielt, dem ich beim Gallopiren beständig den Takt dazu auf sein Hintertheil peitschen musste, und der mich an jeder Strassenecke abwarf, indem er blitzschnell herumbog, wenn ich nicht Acht gab.
Eine guterhaltene belebte Strasse führt durch das Nuuanuthal in die Berge hinein. Links und rechts zuerst die nicht enden wollenden Landhäuser und Gärten des vornehmen weissen Viertels. Man passirt die Kirchhöfe, das Mausoleum der fünf Kamehamehas, die Eisfabrik. Mehrmals kreuzt der im Zickzack herabtosende Nuuanubach den Weg, Tarosümpfe, die er bewässern muss, zu beiden Seiten. Es geht immer höher und höher. Eingeborene, Männer und Weiber, auf Pferden und Maulthieren, in bunten Farben und blumenbekränzt begegnen uns und sprengen mit einem freundlichen »Aloha« vorüber. Die Gegend wird schroffer. Auf schmalen Grasterrassen über kahlen Felswänden weiden Rinder und rufen heimathliche Erinnerungen aus den Alpen wach. Nur die fremdartige Erscheinung der silberglänzenden Kukui-Büsche, die in grosser Ausdehnung hie und da die steilen Abhänge dicht überziehen, zerstört die Illusion. Der Kukui ist derselbe Aleurites triloba, aus dessen Nüssen auf Viti so gelungene Kerzen gefertigt werden. Auch hier auf Hawaii soll man sich ihrer in der nämlichen Weise bedient haben.
Es wird feuchter und kühler oben, und der Passat, den wir unten als angenehmen Zephyr empfanden, weht uns durch die Scharten der zackigen Bergesgipfel als ein rauher, frostiger Sturmwind entgegen, zerrissene Nebelmassen vor sich her treibend. Endlich sind wir am Ziel. Noch eine Ecke, und ein Panorama von ergreifender Grossartigkeit thut sich auf. Erschrocken reissen wir die dampfenden Pferde zurück. Der Boden verschwindet plötzlich und stürzt zu einem schauerlichen Abgrund hinab.
Tief unter uns entfaltet sich eine herrliche Ebene. Der dunkelblaue Ozean steigt zum Horizont in die Höhe, weissglänzende Schaumlinien der Brandung umsäumen mäandrisch smaragdene und violette Tinten. Und innerhalb dieser begrenzt ein schimmernder Streif sandigen Ufers das im schönsten Grün prangende Tiefland. Keine dürren wüstenartigen Flächen wie im Süden an der Leeseite der Insel. Alles strahlt im wärmsten Sonnenschein unten, während uns selbst vorüberziehende Wolken beschatten.
Wir stehen auf klassischem Boden. Hier focht der grosse Kamehameha I. die letzte von den sieben Schlachten, durch die er die geeinigte Herrschaft der Hawaiischen Inseln erzwang. Tausend Feinde, der letzte Rest von Widerstand, wurden hier hinabgedrängt. Was für ein gewaltiger Schauplatz für eine Schlacht. Wie mag es getobt haben auf diesen rauhen, felsigen, düster bewölkten Kanten vom wilden Verzweiflungskampf, vom trunkenen Freudengeheul der Sieger, vom ohnmächtigen Wuthgebrüll der Besiegten, die ein letztes mal sich aufrafften, im Angesichte des Todes mit grimmigem Hass noch schnell ihr Leben zu rächen, ehe sie schaarenweise hinabstürzten und in der grausigen Tiefe zerschmettert wurden.
Eine steile Strasse ist jetzt in die Felswand gehauen und führt zickzackförmig hinab. Winzig klein bewegen sich schwarze Pünktchen unten auf ihr entlang. Es sind Reiter, die einem Dorfe am Meeresstrand zueilen, welches halb unter Palmen versteckt mit scharfen Augen eben noch erkennbar ist.
Es war mein erster Ritt wieder nach langer Zeit und unmittelbar nach den erschlaffenden Einwirkungen einer zwölftägigen Seereise in tropischer Hitze. Und da ich überhaupt zu der ehrsamen Zunft der Sonntagsreiter gehöre, vermochte ich kaum mehr mich im Sattel zu halten, als wir durch das belebte Chinesenviertel zurückkehrten. Links und rechts stoben zähnefletschend die bezopften Mongolen auseinander. Schliesslich fiel noch ein armes unvorsichtiges Huhn den Hufen meiner Rosinante zum Opfer. Der Eigenthümer, ebenfalls ein Chinese, kam kreischend ins Hotel gelaufen, das Corpus delicti in der Hand und eine Schaar Freunde als Zeugen im Gefolge. Ich musste bezahlen.
Ihre Königliche Hoheit Ruth Keelikolani. Morgentoilette der Reisegesellschaft. Lahaina und Kawaihae. Das Hotel zu Hilo. Unser Vergnügungskommissär Hapai. Brandungschwimmen. Die höhere weibliche Schuljugend im Bade. Hula Hula und Konzert. Der Rainbow Fall.
Die Verbindung zwischen den Inseln wurde damals hauptsächlich durch den königlichen Poststeamer Kilauea, der etwa so gross wie ein Helgoländer Dampfer und bereits so altersschwach und baufällig war, dass er unterdessen wahrscheinlich zu existiren aufgehört hat, vermittelt. Jeden Montag ging er von Honolulu ab, dreimal im Monat nach Maui und Hawaii und einmal nach Kauai.
Am 21. August schiffte ich mich nebst meinen fünf Engländern auf ihm ein, um nach Hilo, der Hauptstadt der grössten Insel Hawaii, zu fahren und von dort aus den berühmten Vulkan Kilauea zu besuchen. Fast gleichzeitig mit uns verliess der Schuner, der die vierzehn Leprosen nach Molokai bringen sollte, den Hafen von Honolulu. Wir kamen gerade noch recht, um Zeugen einer ergreifenden Abschiedsszene zu sein. Sechs Polizisten eskortirten die traurige Schaar, hinterdrein folgten jammernd und weinend die Angehörigen der armen Verbannten wie bei einem Leichenbegängniss. Sie schieden auf Nimmerwiedersehen.
Es war fünf Uhr Nachmittags, als wir uns an Bord des Kilauea begaben. Eine bunte Menge von Kanakas und Weissen, von Pferden und Wagen umstand die Abfahrtstelle. Ganz Honolulu schien wieder auf den Beinen zu sein, dem Dampfer das Geleit zu geben.
Man sagte, eine Prinzessin sollte mit uns nach Hilo gehen, und bald fand ich unter dem Gewimmel, welches das Schiff erfüllte, Ihre Königliche Hoheit heraus. Es war dieselbe kolossal fette alte Person, welche ich kurz vorher auf der Strasse in einem eleganten Buggi eigenhändig hatte vorbeikutschiren sehen, während ihre Begleiterin respektvoll einen Sonnenschirm über sie hielt. Jetzt sass sie unter dem Leinendach des Achterdecks, umgeben von ein paar vornehmen Hawaiierinnen, schwitzte und athmete mühsam unter der Last ihres Fettes und glich mit ihrer breiten gespaltenen Doppelnase und ihren strotzenden Fettwülsten am Halse einem abgehetzten Bullenbeisser. Stupid sah sie gerade vor sich hin und empfing apathisch die Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, indem mehrere Männer, unter diesen auch der Kronprinz, ehrfurchtsvoll entblössten Hauptes sich zu ihr herandrängten, um ihr die Hand zu küssen. Auch drei oder vier Weisse die ich kannte sah ich auf solche demüthige Weise ihr huldigen, sah wie auch sie mit entblösstem Haupt auf die Hand des stupiden Fettscheusals sich niederbeugten. Ich musste mich abwenden, ich fühlte, dass sie sich vor mir schämten. Ruth Keelikolani wie die Prinzessin, eine Halbschwester der beiden letzten Kamehamehas, heisst ist nämlich sehr reich, und Mancher hofft aus ihrer Gunst Gewinn zu schlagen.
»Acht geben auf die Pferde« lautete das vorsorgliche Kommando des Kapitäns, und die Dampfpfeife brüllte zum Zeichen, dass alle Nichtpassagiere das Schiff zu verlassen hätten. Glücklicher Weise blieben nur Wenige von der grossen Menge an Bord und wir bekamen Luft. Der Dampfer trennte sich von dem Kai, heftiges Winken mit Taschentüchern von hüben und drüben, und wir bewegten uns vorwärts, ein schönes lebensvolles Bild von braunen Gesichtern, glänzenden Augen, grellen Gewändern und Blumenguirlanden am Ufer zurücklassend. Einem von unserer Gesellschaft entführte ein Windstoss seinen Strohhut ins Wasser, und sogleich war ein Kanuu darauf aus, packte den Deserteur und brachte ihn freundlich zurück, ohne dass eine Belohnung gereicht werden konnte. Welcher Jollenführer in Hamburg, New York oder London hätte dasselbe gethan?
Die Prinzessin hatte für sich eine breite Bettstelle mit einem Zeltdach darüber auf Deck stehen. Im weiteren Verlauf unserer Beobachtungen kam auch ein weisser Topf zum Vorschein, dessen mächtiges Kaliber uns anfänglich über seine Bestimmung in Zweifel liess, bis wir durch einen unzweideutigen Akt in Klarheit versetzt wurden. Es dauerte nicht lange, so fing sie an ihre Abendmahlzeit zu nehmen. In einer Kürbisschüssel wurde ihr Poi gereicht, den sie in der üblichen Weise mit Zeige- und Mittelfinger heraustunkte, und auf einem Porzellanteller etliche salzbestreute rohe Fische, die sie schnell mit den Händen packte und einen nach dem anderen gierig verschlang, indem sie wohlig schmatzte. Danach bekam die Dienerschaft, zwei ältliche Burschen und eine junge hübsche Kammerzofe, ein aus denselben Artikeln bestehendes Essen. In dieser Beziehung sind die Hawaiier noch immer die alten Barbaren und werden es bleiben, bis sie vom Erdboden verschwinden, trotz Konstitution und Parlament.
Auch der Gouverneur von Hawaii, Seine Excellenz Samuel Kipi, fuhr mit uns nach Hilo, und ich wurde ihm vorgestellt. Er ist ein äusserst würdig und anständig aussehender strammer alter Herr in untadelhafter europäischer Kleidung. Aber auch er ging nicht wie wir in die Kajüte zur Tafel, sondern blieb oben auf Deck bei der Prinzessin sitzen und schmatzte mit rohen Fischen und Poi herum. Ich habe überhaupt nie einen Hawaiier auf unsere Weise essen sehen. Sie sind hierin konservativer als die Maoris, ihre nahen Verwandten.
Die Nacht brach herein. Wir hatten unsere Betten auf Deck tragen lassen, um kühler zu schlafen. Die See wurde unruhig, ein heftiger Wind blies in das einzige Gaffelsegel und legte das Schiff stark auf die Seite, so dass wir beständig nach dem Geländer hinunterrutschten und nur wenig schlafen konnten. Ueberall regten sich die Qualen Neptuns unter den Passagieren. Rechts von mir stöhnte ein seekranker Chinese, links schnarchte die dicke Königliche Hoheit in ihrer Zeltbettstatt. Ich sah beinahe den ganzen Sternenhimmel sich umdrehen, ohne ein Auge zuzuthun.
Morgens um vier, als es eben dämmerte, ankerten wir vor Lahaina auf der Insel Maui, der ehemaligen Hauptstadt der ganzen Gruppe, einer schönen, gartenreichen Ortschaft mit einer weissgetünchten Kirche und mehreren grösseren Gebäuden, hellgrüne Zuckerfelder zu beiden Seiten und im Hintergrund, der zu den kahlen Bergen ansteigt. Einige Passagiere und Waaren wurden hier in Böten gelandet, dann gings wieder fort.
Vor uns trat die untere Hälfte des mächtigen 3000 Meter hohen Haleakala, des »Hauses der Sonne«, der den grössten erloschenen Krater der Erde von 27 englischen Meilen oder 43 Kilometer Umfang auf seinem Gipfel trägt, immer deutlicher in die Augen, die obere Hälfte mit dunklen Wolken verhüllt. Zur Rechten deckten die Inseln Kahoolawe und Molokini den Meereshorizont, wir waren ringsum von Land umgeben. Ueberall hohe kahle Berge, in deren Geröllböschungen winzig erscheinende Häuser eingestreut sind.
Wir fuhren jetzt unter dem Schutz der Inseln in ruhigem Wasser, und Alles an Bord wurde lebendig. Auch die dicke Königliche Hoheit war schon auf, hatte sich bereits eine Portion roher Fische und eine Schüssel Poi ins Bett reichen lassen, und guckte nun vergnügt mit dem Ausdruck eines gutgelaunten Bulldoggs durch den Spalt ihres Leinwandkäfigs ins Freie.
Als ich unten in der gemeinschaftlichen Kajüte Toilette machte, hatte ich Gelegenheit einer That zartester Galanterie beizuwohnen. Die hübsche Kammerzofe kam die Treppe herab um etwas zu holen. Es wurde an der Thür eben aufgewaschen und der Boden war voll Wasser. Sogleich sprang der Steward, ein Kanaka wie fast die ganze Mannschaft, herbei und setzte seinen Fuss in die Nässe, damit sie auf ihm trocken hinüberschreiten konnte. Allerdings geschah diese Aufmerksamkeit nicht ganz uneigennützig. Denn während sie sich Dank lächelnd des männlichen Fusses als Tritt bediente, umschlang sie der kühne Jüngling und drückte ihr einen lauten Kuss auf die Lippen, was sie sich sehr gerne gefallen liess.
Mit uns auf dem ersten Platz fuhr noch eine weisse Dame mit zwei kleinen Mädchen, die jedoch alle drei grösstentheils in ihren Kojen blieben, da sie seekrank waren, und etwa zwei Dutzend eingeborene Weiber, Männer und Kinder, die auf Deck herumlagen. Vorne auf dem zweiten Platz war es etwas voller. Der Hauptunterschied zwischen der Weiblichkeit erster und zweiter Klasse war, dass die einen des Morgens ihre Unterextremitäten ziemlich ungenirt mit weissen Strümpfen und zierlichen Stiefelchen schmückten, die anderen jedoch barfüssig blieben. Alle aber, selbst die ältesten reizlosesten Matronen, bekränzten sich beim Erwachen des Tages mit frischen Blumen- und Blätterguirlanden. Dann zogen sie enge Holzpfeifen aus dem Busen und liessen sie im Kreise herumgehen. Den Tabak hatten sie in alten blechenen Pulverflaschen bei sich und klopften ihn erst auf die Hand. Spangen von bunten Muscheln wurden um die Arme befestigt, Ringe mit falschen Edelsteinen glitzerten an den Fingern, einige indess hatten nur tätowirte Ringe. Golden stieg die Sonne hinter den Wolkenbänken des Haleakala empor und bestrahlte leuchtend unsere malerische Reisegesellschaft.
In der Makena-Bucht legte sich der Kilauea an eine Boje, um Bauholz zu landen. Da dies einige Zeit in Anspruch nahm, liessen wir uns ans felsige Ufer setzen. Mehrere grosse, breite und schwere Blockwagen mit je acht Paar langhörniger Ochsen bespannt warteten hier, um die Balken ins Innere abzuführen, eine Schaar Bummler lungerte herum, und ein Rudel schwarzäugiger Mädchen lachte mich kichernd aus, als ich zwischen der Brandung nach Schnecken und Krabben suchte.
Wir verliessen den Schutz der Insel Maui und kamen nun wieder, quer nach Hawaii hinübersteuernd, in offenes Wasser. Scharf blies der Nordostpassat durch die 30 Seemeilen breite Lücke über die weissen Kämme der Wellen hin, und wieder fing die Seekrankheit an zu wüthen. Bisher hatten die Kanakafamilien an langen Zuckerrohrstangen gekaut oder aus ihren kurzen dünnen Holzpfeifen Tabak geraucht. Jetzt griffen sie wieder der Reihe nach zu jenen fatalen Gefässen, die hier eine ebenso bedeutende Rolle spielen, wie zwischen Kuxhaven und Helgoland.
Immer deutlicher traten die kolossalen Massen des Haleakala hinter uns heraus. Seine graue Kappe löste sich vor den Strahlen der Sonne, und ein Kegelberg von den gewaltigsten Dimensionen erhob er sich aus dem Ozean. Riesige Schluchten zerklüfteten radienartig seine stetig und fast ohne Brechung ansteigenden Wände in ebensoviele gewaltige Pfeiler von 1000 Meter Höhe, die weit und mächtig in die brandende See vorsprangen. Nicht die Spur einer Vegetation war an ihnen zu entdecken. Die schroffen Flächen schienen vollkommen kahl zu sein. Unten durchbrachen hie und da kleinere sekundäre Vulkane den Boden. Wolkenschatten flogen gleich blauen Inselchen darüber hin.
Gegen Abend ankerten wir in der Kawaihae-Bucht an der Westseite der grossen Insel Hawaii. Von hier kehrten wir wieder zurück und fuhren um das Nordkap herum nach der östlichen Seite, auf deren Mitte ungefähr die Hauptstadt Hilo liegt. Kawaihae war früher ein sehr bevölkerter Platz und besteht jetzt nur mehr aus wenigen Häusern. Die Trümmer eines alten Heidentempels, welcher noch zu Anfang dieses Jahrhunderts zahlreiche Menschenopfer gesehen haben soll, erinnern an die einstige Grösse.
Es wurde rasch dunkel, und wie wir nach einer besseren Nacht als der vorhergehenden erwachten und um uns blickten, hatten wir die bald schroffe, bald anmuthige, stets aber grossartige Nordostküste Hawaiis ganz nahe zu unserer Rechten. Ueberall stieg das Land in steilen Wänden, deren Höhe zwischen 20 und 200 Meter auf und ab undulirte, empor. Wasserfälle stürzten von ihnen in wenigen Absätzen rauschend herab, so häufig, dass wir fast immer einen in Sicht hatten. Von den Kanten zogen sich, hier auf der stets befeuchteten Windseite besser gedeihend, Flächen von dunkeln Ohiawäldern wechselnd mit helleren Zuckerplantagen sanftansteigend zu den beiden Riesen Maunaloa und Maunakea, die noch verschleiert vom Morgendunst den Hintergrund als dunkle Mauer bildeten, hinauf. Ein paar kleine Ortschaften mit reinlich weissgetünchten Kirchen guckten verstohlen aus grünen Schluchten.
Um eine Ecke biegend gelangen wir in die Byron Bai und sehen Hilo vor uns. Ebenso gartenreich oder noch gartenreicher als Honolulu, erhält dieses reizende Städtchen von kaum 1000 Einwohnern durch zwei hohe Kirchen, von welchen die eine, die katholische, Doppelthürme im Jesuitenstyl besitzt, einen fast europäischen Anstrich.[8]
[8]: Durch die grosse Fluthwelle des Erdbebens von Peru im Sommer 1877 wurde Hilo in seinen unteren Partieen gänzlich zerstört, und über 100 Menschen kamen dabei um.
Die ersten Eindrücke, die wir empfingen, als wir in Hilo das Land betraten, liessen nichts zu wünschen. Ueberall freudig mit Blumenkränzen geschmückte hübsche Mädchen, überall freundliche, einladende Gesichter. Selbst die zahlreichen Chinesen, welche beinahe die ganze dem Kai zunächstgelegene Strasse okkupiren, schienen hier weniger abstossend zu sein.
Ein Chinese von sehr anständigem Aussehen war es auch, den uns der liebenswürdige Kapitän des Kilauea als Hotelwirth rekommandirte. Ein Dutzend Kanakas ergriff diensteifrig unser Gepäck und wir folgten ihnen nach dem Hotel, einem einfachen Gartenhaus mit Veranda, welches weiter oben in der dritten oder vierten Parallelstrasse lag und in dem wir aufs beste untergebracht und verpflegt wurden. Zwei Halbchinesen, Vettern des Wirthes, von denen namentlich der Aeltere, Hapai, rühmlichst genannt zu werden verdient, nahmen sich mit grösster Hingebung der Bedienung an.
Unsere erste Sorge war ein Süsswasserbad aufzusuchen, und Hapai führte uns nach dem Wailuku, der sich gleich neben Hilo in das Meer ergiesst. Ein wilder Gebirgsfluss braust der Wailuku durch romantisch zerklüftete Schluchten von Lavafelsen herab aus dem Maunakea, zwischen hohen schwarzen Blöcken in mehrere Arme zersplitternd, sich wieder vereinigend, hier in Wasserfällen hinunterstürzend, dort über breitere Betten von Rollsteinen dahinschäumend, grossartig und wild wie Alles auf diesen Inseln. Seitlich von der reissenden Strömung des Flusses haben sich stufenförmig übereinander mehrere geräumige Tümpel mit ruhigerem Wasser gebildet, welche zum Baden dienen. Bizarre Pandanusbäume, festgeklammert an den Wänden mit ihren sperrigen Wurzelpyramiden, hängen von oben herab und wiegen rauschende Büschelköpfe im lauen Passatwind. Auf dem anderen Ufer wuschen einige Weiber. Sie sassen dabei sammt ihren weissen Hemden bis zum Nabel im Wasser und riefen uns fröhlich »Aloha« herüber.
Nach dem Bade gingen wir an den Strand und liessen uns das berühmte Brandungschwimmen produziren. Leider kommt dieser interessante Wassersport der Kanakas immer mehr ausser Uebung. Namentlich die Bevölkerung von Hilo soll ehemals sehr geschickt darin gewesen sein. Kein Theil der Küste von Hawaii ist geeigneter, jene imposanten bis zu vier Meter hohen lang ausrollenden Wogenketten zu erzeugen, als der flache Strand der Byron Bai, gerade dem Ozean und dem Nordostpassat entgegen geöffnet. Nur drei Brüder verstehen sich noch aufs Brandungschwimmen und erboten sich, gegen je einen Dollar ihre Künste zu zeigen.
Sie holten ihre zu diesem Zweck dienenden Bretter, etwa anderthalb Mannslängen hoch, eine Armlänge breit, aus schwerem Holze, sehr dünn und mit scharfen Rändern, herbei und gingen mit ihnen, bis auf den Maro entkleidet, ins Meer hinaus. Untertauchend, so oft eine überschäumende Woge herankam, durch die Wogenthäler theils schwimmend, theils mit den Füssen vom seichten Grunde sich abstossend, entfernten sie sich schneller als ich es je für menschliche Lungen möglich gehalten hätte immer weiter und weiter vom Lande. Wir setzten uns auf die Spitze eines dem Ufer entsteigenden Lavafelsens und sahen ihnen durch Ferngläser nach, bis sie nur mehr als schwarze Pünktchen im Gischte der flachen Brandung zu erkennen waren. Dann schwangen sie sich plötzlich auf ihre Bretter und kamen langsam wieder näher. Auf welche Weise dies geschah, konnte ich anfänglich nicht unterscheiden. Sie bewegten sich nicht in der Richtung der See dem Lande zu, sondern schräg zu dieser im Zickzack kreuzend, so dass sie einmal auf der uns zugewendeten, dann wieder auf der entgegengesetzten Böschung abwärts und aufwärts glitten. So eilten sie den Wogen voran. Während sie in das Thal hinabschossen, legten sie sich flach mit dem Bauch aufs Brett und nahmen die Hände als Ruder benützend einen Anlauf, um über die vorne rollende Woge hinauf und durch den schäumenden Kamm zu gelangen. Waren sie glücklich oben, so sprangen sie auf die Knie oder auch wohl auf die Füsse und schwebten einen Augenblick aufrecht über dem Wasser. Nicht immer gelang ihnen dies, und zuweilen warfen sie um und verschwanden. Aber gleich waren sie wieder auf ihrem Brett und glitten wieder über die See dahin. Mehrmals gingen sie noch hinaus, um von Neuem ihr anmuthiges Spiel zu zeigen, bis wir genug hatten.
Die drei Dollars, welche die drei Brüder auf solche Weise verdienten, schienen den gesammten Jungen von Hilo einen Impuls zu geben, sich gleichfalls im Brandungschwimmen zu versuchen, und als wir gegen Abend wieder an den Strand kamen, arbeiteten ihrer mehrere Dutzend mit Brettern im Wasser herum, jedoch ohne etwas Nennenswerthes zu leisten. Die schöne Sitte, an der sich früher Alles, auch das zarte Geschlecht nicht ausgenommen, betheiligte, schwindet dahin wie die Hawaiier selbst.
Weiter gegen das östliche Ende der halbkreisförmigen Byron Bai, welches das kleine Coconut-Inselchen markirt, da wo die Brandung weniger stark war, wurde gefischt. Unter lautem Geschrei betheiligten sich Männer und Weiber an diesem Geschäft. Die Männer mit kurzen Hemden bekleidet oder nackt bis auf den niemals fehlenden Maro, die Weiber sammt ihren hellfarbigen, prangend grünen und rothen Gewändern, wateten sie in grösseren Gesellschaften den anrollenden Wellen, die ihnen jedesmal bis zu den Hüften stiegen, entgegen und hielten grosse Netze horizontal ausgespannt unter die Oberfläche des Wassers. Ich konnte jedoch nichts bemerken, was einem gefangenen Fisch glich. Ein dicker Polizist mit Käpi, Messingschild auf der Brust und einem Stock in der Rechten promenirte auf dem Strand und schien die Aufsicht zu führen.
Unser Hapai, der sich zu der Rolle eines Vergnügungskommissärs berufen fühlte, rieth uns, nach Tisch abermals an den Wailuku zu gehen, weil um diese Zeit die höhere weibliche Schuljugend sich dort einzufinden und zu baden pflege, und gerne folgten wir seinem angenehmen Vorschlag.
Der Badeplatz war noch leer. Drüben am anderen Ufer sassen dieselben Frauenzimmer, die wir schon Vormittags gesehen hatten, noch immer im Wasser und wuschen. Wir warteten nicht lange als wir über uns auf der Kante jugendliche Stimmen hörten. Eine Schaar Mädchen von 14 bis 18 Jahren, in hellen Gewändern und blumenbehangen, blickte herab, etwas enttäuscht und betroffen über unsere Anwesenheit. Sie debattirten hin und her, kicherten und zogen sich zurück, aber nur, um nach wenigen Minuten zwischen den schwarzen Blöcken des Ufers wieder zu erscheinen, einen Steinwurf unterhalb der Stelle, an der wir sassen.
Im Nu waren sie entkleidet und schwammen, ihr Bündel mit dem rechten Arm hoch in die Luft haltend und das Gesicht von uns abgewandt, durch die reissende Strömung nach der gegenüberliegenden Seite. Sie schienen in Bezug auf ihre Kleider uns nicht zu trauen und hatten dabei vielleicht nicht ganz Unrecht. Um die Exponirung ihrer Reize waren sie jedoch weniger besorgt. Vollständig nackt sprangen sie glatt und geschmeidig von einem Block zum andern, um oberhalb den Fluss nochmals zu kreuzen und zu unserem Badetümpel zu gelangen. Hier sprangen sie von einem Felsen herab und machten vorwärts und rückwärts Purzelbäume ins Wasser. Sie hatten augenscheinlich die Absicht, uns mit ihren Künsten zu unterhalten, was ihnen gewiss nicht übel gelang. Wir setzten uns nieder auf eine natürliche Felsentribüne, drehten uns Zigaretten und klatschten Beifall, während die liebenswürdigen Mädchen immer eifriger ihre Purzelbäume zum Besten gaben. Es waren fast lauter üppige, verlockende Gestalten im duftigen Reiz der eben vollendeten Formen, kleine bronzene Aphroditen, für die moderne Kunst ohne die leiseste Idealisirung zu sinnlich angekränkelten Statuetten verwendbar.
Auch eine von den Wäscherinnen drüben schwamm in ihrem Hemd herbei, um sich vor uns zu produziren und ebenfalls Purzelbäume ins Wasser zu machen. Bald merkte sie, dass sie im Hemd gegen ihre nackten Konkurrentinnen im Nachtheil war und durchaus nicht denselben Beifall erntete. Sie liess es fallen – eine echte Tochter Evas. Noch mehr Weiber schwammen herbei, auch manche ältere und unvermögend zu reizen, aber auch sie wollten sich produziren und Purzelbäume machen, theils im Hemd theils ohne.
Schliesslich kam ein Kunststück, welches uns fast die Haare zu Berg trieb. Unterhalb des Tümpels, vor dem wir sassen, theilt sich der Wailuku in drei Arme, welche in enge aus mächtigen Lavablöcken gebildete Kanäle eingezwängt, erst eine Strecke heftig dahinschiessen und dann als zehn Meter hohe Wasserfälle frei in ein tieferes von steilen Wänden umschlossenes Becken hinabstürzen. Mit Besorgniss sahen wir, wie die Mädchen den gefährlichen Kanälen sich immer mehr näherten. Wir trauten kaum unseren Augen, sie schienen gerade in die wildeste reissendste Strömung zu steuern. Die Strömung ergriff sie und führte sie fort, sie verschwanden. Entsetzt sprangen wir über die nächsten Blöcke, um, wie wir fest glaubten, die Unvorsichtigen unten zerschmettern zu sehen. Aber zu unserem Erstaunen tauchten sie wieder empor aus dem schäumenden Wasser, riefen lachend uns zu, ihnen zu folgen, und kletterten gewandt an den Wänden in die Höhe, um von Neuem das waghalsige Schauspiel zu unternehmen. Spöttisch freuten sie sich, dass uns ihre Leistungen so sehr imponirten.
»Ich wette, das wagen Sie doch nicht« neckte man mich, und unten winkte gerade eine besonders verführerische kleine Sirene. Ich wettete, warf meine Kleider ab und sprang in den Fluss, und eine Minute später hatte ich etwas gewagt, was ich kurz vorher für Wahnsinn erklärt hätte. Pfeilschnell riss es mich, auf dem Rücken, die Beine voraus, zwischen den Felsblöcken durch. Ich plumpste hinab, es wurde dunkel, es wirbelte mich ein paar mal im Kreise, aber leicht und rasch arbeitete ich mich aus ziemlich beträchtlicher Tiefe an die Oberfläche empor. Zweimal machte ich diese wilde Wasserfahrt, ohne jemals an eine der vielen Unebenheiten zu stossen. Ich fühlte deutlich, wie der heftige Zug der Strömung gleichsam federte über den scharfen Zacken, als ob sie gepolstert wären. Viel schwieriger war es, aus dem Abgrund wieder zurückzuklettern, und kaum würde ich den Weg gefunden haben, wenn nicht die braunen Genossinnen des Bades mich geleitet hätten. Hapai der uns nachgegangen war, warnte mich, dass schon mancher da drunten stecken geblieben und nicht wieder zum Vorschein gekommen sei. Deshalb stand ich von weiteren Experimenten ab, froh um eine interessante Erfahrung reicher zu sein.
Für den Abend hatte unser Hapai die nationale »Hula Hula« genannte Tanzproduktion arrangirt. Zwei Tänzerinnen und drei Musikanten, alle natürlich blumengeschmückt, erschienen im Salon des Hotels, und eine Menge neugieriger Zuschauer folgte ihnen.
Der Hula Hula geniesst den Ruf, unter den vielen lasziven polynesischen Tänzen der laszivste zu sein, und was ich davon, obgleich abgeschwächt durch die dem Fremden gegenüber stets beobachtete grössere Zurückhaltung, zu sehen bekam, schien mir dies wohl zu rechtfertigen.
Zuerst setzten sich die Tänzerinnen sowohl als auch die Musikanten mit gekreuzten Beinen in zwei Reihen auf den Boden und erhoben einen gellenden Wechselgesang, indem sie bald langsam und feierlich, bald rasch und leidenschaftlich den Oberkörper und die Arme hin und her warfen und kleine birnförmige Kalebassen die mit Steinchen gefüllt waren in den Händen schüttelten, was einen heillosen rasselnden Lärm hervorbrachte. Die Melodie, zwar ewig in zwei Sätzen wiederkehrend, war viel komplizirter als die beim Haka der Maoris und beim Meke Meke der Vitis gehörten. Die zwei Tänzerinnen trugen einen dem Hula Hula eigenthümlichen Schmuck um die nackten Knöchel, bauschige Wülste aus dunklen Vogelfedern, zwischen welchen Hundezähne befestigt waren. Sie hatten nicht den gewöhnlichen langen losen Talar an, sondern eine Art Mieder und aufgeschürzte, um die Taille gebundene Röcke. Ehemals beschränkte sich das Tanzkostüm auf Blumenkränze in den Haaren und um die Brüste, auf die Knöchelwülste und auf ein kurzes Röckchen, welches nur dazu diente, empor geschnellt zu werden. Jetzt herrscht beim Hula Hula in der Regel ein höherer Grad von Bekleidung bis zu jener höchsten Dezenz hinauf, welche Pluderhosen vorschreibt. In vertrauten Kreisen soll allerdings die ursprüngliche Einfachheit noch immer sehr beliebt sein.
Nach einiger Zeit sprangen die beiden Frauenzimmer auf und begannen nun stehend, ohne ihre Plätze zu verändern, unter den nämlichen wilden Geberden, unter dem nämlichen wilden Schreien und Rasseln höchst unzüchtige Bewegungen mit dem Becken zu verüben. Immer hastiger und erregter wurde ihr Toben, die Blumenkränze flogen zerrissen zu Boden, und die braunen Zuschauer hinter unseren Stühlen geriethen in Begeisterung, lachten laut und klatschten entzückt in die Hände und betheiligten sich an dem Vergnügen, indem auch sie dieselben Hüftenbewegungen machten, so weit es der dichtgedrängt volle Raum gestattete.
Nach mehrmaligen Pausen ging es immer in derselben Weise fort, die Variationen schienen nur im Texte zu liegen, den wir nicht verstanden. Einmal warfen sich die Musikanten, welche sitzen geblieben waren, auf alle Viere nieder und führten in dieser Stellung wahrhaft bestialische Zuckungen aus.
Wir hatten für die Tänzerinnen und Musikanten und für die zahlreichen uneingeladenen Gäste Thee machen lassen, während wir selbst zu unseren Spirituosen griffen, die wir von Honolulu mitgebracht, weil solche auf Hawaii verboten sind. So kneipten wir eine Zeit lang miteinander während immer mehr Neugierige kamen, zur grossen Entrüstung Hapais, der uns bereden wollte, das ganze braune Publikum aus dem Hause zu jagen. Aber die Kanakas waren so naiv liebenswürdig in ihrer Zudringlichkeit, dass wir ihnen nicht böse sein konnten.
Als der Hula Hula vorüber war, fing draussen im Garten ein Rudel junger Männer an, vierstimmige Lieder vorzutragen, die sie von den Missionären gelernt hatten, und die mir wieder ein glänzendes Zeugniss ablegten von der grossen musikalischen Begabung der Polynesier. Sie hörten schliesslich gar nicht mehr auf zu singen, bis wir ihnen bedeuteten, dass es Zeit sei schlafen zu gehen. Solange wir in Hilo waren, wiederholten sich jeden Abend diese Konzerte.
Am nächsten Tag gingen wir aus, Pferde für die Kilaueapartie zu miethen. Ein in Hilo ansässiger Engländer, an den wir Empfehlungen hatten, war uns dazu behülflich. Fünfzehn Dollars ist der herkömmliche Preis für den fünftägigen Ritt, wobei ausbedungen wird, dass im Fall des Verunglückens eines der Thiere keine Entschädigung verlangt werden dürfe. Man brachte uns etwa zwanzig Pferde und wir trafen unsere Wahl. Dann ritten wir, um sie zu probiren, nach dem eine halbe Stunde entfernten Rainbow Fall. Der Wailuku ergiesst sich dort 20 Meter tief in ein weites Becken. Der von ihm emporgewirbelte Staubregen entwickelt im Glanz der Sonne und von der entsprechenden Stelle aus gesehen jenes zarte Phänomen, dem die Sehenswürdigkeit ihren Namen verdankt.
Nahe dem Wege stehen drei kleine kuppenförmige Hügel nebeneinander, mit grüner Vegetation überzogen. Es sind zweifellos alte Vulkane, obwohl ich nicht oben gewesen bin.
Wilder Ausritt. Das Halfway House zu Olaa. Der Krater thut sich auf. Das Volcano Hotel und seine Vorzüge. Besuch des kochenden Lavakessels. Mondschein und Hölle. Beschwerlicher Abstieg nach Puna. Erstarrte Lavaströme und eingestürzte Lavadome. Kapitän Eldart und sein Gehöft Kapoho. Die warmen Quellen. Awa und Brotfrucht. Glücklich wieder in Hilo.
Früh am folgenden Morgen rief uns ein lebhaftes Getümmel im Garten vor dem Hotel aus den Betten. Obgleich wir schon gestern unsere Wahl getroffen hatten, waren noch einige spekulative Kanakas mehr mit Pferden gekommen, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein Geschäft zu machen.
Ueber eine Stunde verging, ehe wir wegkamen, ehe wir die Ausrüstung der Pferde genau untersucht, ehe hier ein liederlich zusammengestoppeltes Zaumzeug geflickt, dort ein halb durchgerissener Steigbügelriemen durch einen neuen ersetzt, ehe alle die Satteltaschen gepackt und aufgeschnallt waren. Den Kanakas ist in Dingen der Propretät niemals zu trauen, und in Bezug auf ihre Thiere lügen sie wie alle Pferdeverleiher dieser schnöden Erde. Ein paar Mädchen schmückten uns noch schnell mit Blumen und Guirlanden. Dann schwangen wir uns in den Sattel, drückten den Hut fest in die Stirn und gallopirten südwärts zur Ortschaft hinaus. Links und rechts bellten wüthend die Hunde, und die halbe Einwohnerschaft lief auf die Strasse uns ein freundliches »Aloha« nachzurufen.
Würde es einem gesitteten Staatsbürger zu Hause einmal einfallen, in demselben Aufputz auszureiten, in dem wir damals mit Uebertreibung der grelle Farben und Blumenschmuck liebenden Landessitte den Ritt nach dem Kilauea antraten, er würde unfehlbar arretirt werden. Rock und Weste hatten wir zu Hause gelassen, um das Scharlachroth unserer Garibaldihemden zur Geltung zu bringen. Grosse dreizöllige Spornräder starrten uns von den Stiefeln, buntes Troddelwerk und klirrendes Schellengeklingel bedeckte das mexikanische Sattel- und Zaumzeug, und an den Hüten, um Hals und um Brust hingen uns flatternde Guirlanden von Farnkraut und weithin leuchtenden schwefelgelben Blüthen oder pomeranzengelben Pandanusfrüchten.
Eben so wild wie unser Aufputz war unser Ritt. Der Weg war der schlechteste, den man sich denken kann, und so schmal, dass wir eigentlich nur in einer Reihe hätten reiten sollen, zu beiden Seiten Farn und Busch. Ueberall nichts als glasharte Lava, in unzählige Schrunden und Blöcke zerklüftet. Die Pferde drängten alle vorwärts, eines strebte dem anderen zuvorzukommen, und mit einem Leichtsinn, der aller Vernunft Hohn sprach, sprengten wir, eng in einander gekeilt, Knie dicht an Knie und uns gegenseitig mit Armen und Beinen zurückreissend, rücksichtslos über den gefährlichen Boden, durch das zerfetzende Gestrüpp. Unsere hawaiischen Pferde, an solche rauhe Pfade gewöhnt und unübertrefflich zäh, stolperten kaum ein einziges mal und flogen dahin wie auf einer ebenen Chaussee.
Die Hetzjagd dauerte zum Glück nicht lange. Es ging mehrmals in steile Gräben hinab, in denen unten sumpfige Tümpel waren, und Lavablöcke von grösseren Dimensionen stemmten sich uns entgegen. Ueberall nichts als Lava, glasharte, widerlich kratzende und knirschende Lava, die meistens noch deutlich die Faltung ihres Gusses zeigte, als wäre die Masse eben erst jetzt erstarrt. Stellenweise dröhnte es hohl unter den Hufen von unterirdischen Räumen. Trotz der Frische des noch wenig verwitterten Bodens war doch schon eine reichliche Vegetation aus den Schrunden emporgesprosst. Ein nicht sehr dichter Wald von Ohiabäumen, an denen sich Schlingpflanzen mit schönen rothbraunen Blüthen hinaufrankten, mit eingestreuten Pandaneen folgten auf Farnkrautbestände, die an Neuseeland erinnerten. Die Sonne brannte glühend heiss herab, und da wo der Busch nicht dicht und nicht hoch genug war, um Schatten zu gewähren, rieselte uns und den Pferden der Schweiss von den Gliedern.
Die Entfernung von Hilo bis zum Krater beträgt 29 englische Meilen oder 44 Kilometer. Im Halfway House zu Olaa, einem Platz, der nur aus drei oder vier zwischen Felsen, Gebüsch und spärlichen Wiesenfleckchen zerstreuten Hütten besteht, machten wir Mittag. Wir nahmen unseren Pferden Sattel und Zaum ab und liessen sie grasen. Einige Hühner erlitten den Tod, und bis sie gebraten waren, legten wir uns in den kühlen Schatten des Wirthshauses und liessen unter den Händen brauner Mädchen das »Lome lome« über uns ergehen. Diese nach einem anstrengenden Ritt höchst erquickende Prozedur besteht in dem kunstgerechten Kneten der Muskeln des Rumpfes, der Beine und Arme und bildet einen Theil der landesüblichen Gastfreundschaft, der dem eben angekommenen Fremdling auf sein Verlangen und oft auch ohne sein Verlangen geleistet wird. Kaum ist man irgendwo in einem Dorfe vom Pferde gestiegen und hat sich müde auf der Erde ausgestreckt, als auch sogleich ein paar Frauenzimmer nebenan Platz nehmen und erst schüchtern, dann immer dreister und eindringlicher zu kneten beginnen.
Bis zum Ziele unserer Partie ging es immer durch dieselbe Landschaft von dünnem Busch und Farnkraut, immer über denselben knirschenden, glasharten Boden fort. Höchstens dass hier und da in einer Vertiefung so viel Humus angesammelt war, dass die Hufe auf einige Schritte zu kratzen aufhörten und dadurch dem gequälten Ohr eine angenehme Rast gewährten.
Ich war in Bezug auf die Wahl meines Pferdes der glücklichste von uns allen gewesen. Und auch mein Pferd durfte mit seinem Loose zufrieden sein, denn ich war der leichteste Reiter der Gesellschaft. Es war dafür auch allen anderen voran, und während hinter mir ein paar kurzathmige Häuter bereits erbärmlich keuchten, und klatschende Hiebe und Flüche auf die armen Thiere herabregneten, brauchte ich nur ein wenig mit der Zunge zu schnalzen, um meinen Grauschimmel aufzumuntern. Auch verstand er das Terrain viel besser als ich und wusste genau Bescheid, wann er gallopiren oder traben durfte, und wann er im Schritt gehen musste, und kletterte so geschickt über Lavablöcke und stieg so sicher und vorsichtig in die jeden Augenblick unseren Pfad kreuzenden Gräben hinab, dass ich ihn ganz sich selbst überlassen konnte.
So schlängelte sich unser Ritt ermüdend unter beständigem Wechseln der Gangart über Felsen und Schluchten, durch sumpfige Mulden und über glasharte vor wenigen Jahren noch feurigflüssige Lava dahin, links und rechts in den engen Saumpfad hereinreichendes Gebüsch, welches uns ins Gesicht schlug und an den Steigbügeln zerrte. Ein lechzender Durst peinigte uns, und wo wir eine vom Regen der letzten Nacht zurückgelassene Pfütze fanden, stiegen wir ab, legten uns auf den Bauch und schlürften mit dem Munde das schmutzige Wasser. Keine prangenden Blumenguirlanden schmückten mehr unsern Körper, wir hatten sie weggeworfen, und nichts erinnerte mehr an die Farbenpracht des Morgens, als die rothen Hemden, an denen die moorige Erde haftete.
Wir merkten nicht, dass wir höher stiegen. Der Krater Kilauea ist kein Berg im gewöhnlichen Sinne des Wortes, er liegt blos 4000 englische Fuss oder 1200 Meter über dem Meere, und der Weg von Hilo bis hinauf und somit die ganze Erhebung dehnt sich gleichmässig, nur unterbrochen von kleinen welligen Vertiefungen, auf 44 Kilometer aus. Mit gespannter Erwartung spähten wir umsonst nach einem Feuerschein oder nach Rauchsäulen vor uns. Wir näherten uns dem grössten thätigen Vulkan der Erde. Die schwüle Atmosphäre war trübe und düster, und eine dunkle Wolkenwand überlagerte den Horizont in der Richtung, in der er liegen musste, so dass wir berechtigt waren, von den höheren Punkten aus, die eine weitere Umschau gestatteten, doch endlich ein Anzeichen von ihm zu erhalten. Aber keine Spur war zu entdecken.
Eben war der Weg etwas besser geworden, und eben hatten wir voll Freude darüber wieder eine kleine Hetzjagd angeschlagen, mein unübertrefflicher Grauschimmel weit voran, während zwei oder drei Pferde übermüdet zurückblieben, ungerührt von den rasselnden Peitschenhieben, als plötzlich der nun dichtere Busch sich lichtete, eine Grasfläche uns entgegenschimmerte mit einem Haus und einigen Hütten darauf, und links vom Wege ein tausend Fuss tiefer Abgrund sich aufthat, der grosse, 9 Meilen im Umfang zählende Krater, die Behausung der gefürchteten alten hawaiischen Göttin Pele. Wie ein riesiger kreisförmiger Steinbruch lag er unter uns, rings umgeben von senkrechten Wänden. Und auf der erhöhten Mitte dieses gewaltigen Zirkus, etwa 2 englische Meilen von unserem Standpunkt, qualmten aus einem Kessel gelbliche Dämpfe empor, und hier und da erschienen über den schwarzen, zackigen Rändern desselben glühendrothe Massen, die sich deutlich bewegten – flüssige, kochende Lava. Im Hintergrunde streckte sich sanft ansteigend und mit ungebrochenen geraden Linien der Maunaloa in die Wolken, die noch etwa 2000 Meter seiner Höhe verhüllten. Die nächste Umgebung bestand aus Ohiabusch. Rechts neben den menschlichen Wohnstätten dampfte es in einer Vertiefung aus unzähligen Fumarolenlöchern.
Der Kilauea ist bereits ein sehr zivilisirter Krater. Denn sein nördlicher Rand, an dem wir standen, trägt ein gutes Hotel, welches die schönste Aussicht auf ihn hinab bietet. Nur an Touristen ist noch ein bedenklicher Mangel, und wenn es gut geht, kommen im Durchschnitt monatlich einmal Gäste. Wir waren noch im Beschauen des Kilauea begriffen, als die Wirthsleute, ein amerikanisirter Schotte und seine eingeborene Gattin, sowie einige braune Burschen sich daran machten, unsere Pferde abzuzäumen und uns selbst zum Absteigen einzuladen.
Es war kalt hier oben, und ein rauher Wind blies über die öden, todesstillen, buschigen Flächen der Umgebung, so dass wir das im Kamin lodernde Feuer dankbar begrüssten. Durch die Fenster und von der Veranda aus konnten wir den Vulkan überblicken, dessen Schauspiel mit vorrückender Dunkelheit immer glänzender und grossartiger wurde. Als es Nacht war, kamen noch einige feurige Spalten mehr zum Vorschein, die von dem zentralen Feuerbecken nach verschiedenen Richtungen ausstrahlten. Deutlich sahen wir mit dem Fernglas, wie die glühenden Wogen geschmolzener Lava sich schwerfällig über den Rand desselben hinüberwälzten. Das Ganze machte den Eindruck einer brennenden Stadt, und Paris, wie ich es in den letzten Mainächten der Kommune von den Wällen des Forts Nogent aus gesehen, ein prasselnder Höllenpfuhl, kam mir in die Erinnerung.
Als wir nach dem Essen wieder durchs Fenster nach dem Krater ausguckten, lag ein dicker Nebel über ihm, der ihn vollständig verhüllte, so dass keine Spur eines feurigen Scheins zu sehen war. Sollte mich das bisherige Glück mit dem Wetter verlassen wollen, und sollte es uns gehen, wie anderen vor uns, die im Fremdenbuch klagten, gar nichts vom Kilauea gesehen zu haben? Unter solchen Zweifeln gingen wir zu Bett und entschliefen, nachdem wir den Wirth und uns selbst verpflichtet hatten, alle aufzuwecken, falls einer den Vulkan in heftigerer Thätigkeit wahrnehmen würde. Wir wurden auch wirklich um Ein Uhr geweckt, da der Nebel verschwunden war und die Lava in ausnehmend starken Garben über den Rand des feurigen Kessels wallte.
Der Nebel kam nicht wieder, und den nächsten Morgen stiegen wir unter strahlendem Sonnenschein in den Krater hinab. Dies klingt viel gefährlicher, als es in Wirklichkeit war. Denn der Boden des Kilauea, so wie ich ihn damals am 25. Aug. 1876 gesehen habe, war bis auf jene verhältnissmässig kleine Stelle vollständig erstarrt, ein gefrorener See. Entweder durch Senkung der peripherischen oder durch Hebung der zentralen Theile desselben hatte sich nicht ganz in der Mitte, sondern etwas näher der westlichen Wand ein sekundärer Kraterkegel in dem primären Krater von 9 Meilen Umfang gebildet, dessen Spitze den noch nicht gefrorenen feurigflüssigen Lavakessel trug. Wir stiegen also in den primären Krater hinab, der Wirth und einer seiner Kanakas als Führer voran, alle mit tüchtigen Stöcken bewaffnet. Gerade vor dem Hotel ist die hier etwa 180 Meter tiefe Wand eingestürzt und hat so Staffeln von Trümmerhaufen aufgeschüttet, über die steile und geschlängelte Pfade uns rasch hinuntergeleiteten. Grosse rosenfarbige Heidelbeeren wuchsen zwischen dem Geröll und unterbrachen freundlich den rauhen Abhang.
Wir betraten die nackte, frisch wie Metall glänzende Lava und stiegen langsam aufwärts. Erstarrte Lavaströme, in konzentrischen Bogen gewulstet, überlagerten einander in verschiedenen Richtungen und von verschiedenen Farben, schwarz, grünlich und gelbbraun wie Erz. Breite und tiefe Spalten zerklüfteten diese Ströme. In den Ritzen zwischen den Falten des Gusses fanden wir überall jenes eigenthümliche Mineral, das Haar der Göttin Pele oder Pelenit genannt, zu Fäden ausgesponnene Schlacke, welches genau so aussieht, wie die Schlackenwolle unserer Eisenwerke. Die Oberfläche, auf der wir im Gänsemarsch hinter den Führern marschirten, war sehr spröde und voll von grossen Luftblasen, in die wir häufig einbrachen, manchmal über ein Meter tief. In diesen Blasen herrschte eine bedeutende Hitze und Feuchtigkeit. Wenn man sich mit der Hand auf den Boden stützte, um sich herauszuarbeiten, stachen feine splitterige Nadeln, die ihn allenthalben überzogen, die Haut. Es dröhnte beständig hohl unter unseren Schritten. Wir passirten einige alte Nebeneruptionspunkte von jeder Form, so zum Beispiel einen 2 Meter hohen Schornstein, durch aneinander gebackene Schlackentropfen aufgebaut, aus dessen Oeffnung es geheimnissvoll rauchte.
Schon lange ehe wir unser Ziel, den kochenden Kessel erreichten, bereitete uns die aus ihm emporspritzende Lava ein höchst eigenthümliches Phänomen. Die Sonne stach grell auf den metallisch wie Messing blitzenden Pfad herab. Und obwohl bekanntlich unter dem Sonnenlichte jegliches Feuer bedeutend an Wirkung verliert, so war doch die Farbe der flüssigen Lava von einer Gluth, wie ich sie bisher nur an feuerrothen Blumen gesehen hatte. Hinter grossen schwarzen zackigen Blöcken von Schlacke spritzte die flüssige Lava rastlos in grossen Fetzen und Tropfen empor und machte mir den Eindruck, als ob Blüthenbouquets von besonders brennendem Roth beständig in die Höhe geworfen würden.
Wir näherten uns dem Rande bis auf etwa vier Schritte. Der Kessel war bis zum Ueberlaufen mit flüssiger und kochender Lava gefüllt, und wir standen, da der Rand erhöht war, noch unter dem Niveau, welches von unserer Augenhöhe nicht viel überragt wurde. Das ganze Bassin hatte zwei Abtheilungen, von denen jede einen guten Steinwurf im Durchmesser breit war und mit der andern durch eine schmale Verbindung zusammenhing, so dass beide durch eine Achterfigur begrenzt waren.
In jeder der beiden Abtheilungen schwammen Platten halberstarrter, noch glühender Lava, die fast die ganze Oberfläche einnahmen und sich beständig im Kreise drehten. Intensiv glühende fussbreite Spalten zogen sich durch diese Platten, und aus ihnen brachen alternirend bald hier bald dort die feurig flüssigen Garben und spritzten etwa 20 bis 30 Fuss hoch empor. Drei oder vier solche Spritzfontänen waren immer zu gleicher Zeit thätig. Es wallte fortwährend, und die schwimmende Rinde bog sich wellenförmig, ebenso wie dünnes Eis, durch welches ein Dampfer seinen Weg bahnt. Ein dumpfes Rollen erschütterte den Boden unter unseren Füssen. Hier und da donnerte es plötzlich heftiger, die Rinde bekam einen neuen Riss, und nun wallte es aus diesem hervor, da wo eben nichts zu sehen war, als die glühende Rinde.
Wir warfen Schlackenstücke hinein, welche nicht schwer genug waren, um durchzubrechen, sondern liegen blieben, bis sie von einer neuen plötzlich hervorquellenden Lavafontäne verschlungen wurden. Schwere, dichte Steine hätten die Rinde vielleicht durchbrochen. Wir standen auf der Windseite, sonst wären wir nicht sicher gewesen. Wäre der Wind von der anderen Seite gekommen, so konnten die rothen Tropfen und Fetzen auf uns niederfliegen. Wo sie uns gegenüber auf die Schlackenblöcke des Randes fielen, flossen sie entweder flüssig bleibend in das Becken zurück, oder sie kollerten, allmälig verdunkelnd, nach aussen hinab, und es war mir, als könnte ich dann, trotz des unterirdischen Grollens und trotz des pfeifenden Windes, das klappernde Geräusch vernehmen, welches sie dabei machten. Es war ziemlich heiss hier, aber nicht so bedeutend, als die Strahlung so mächtiger feurig flüssiger Massen erwarten liess. Die Luft zitterte über dem Becken, halb undurchsichtig von gelblichen Dämpfen.
Wir blieben nicht lange. Denn über den Rand eines zum Ueberlaufen vollen kochenden Lavakessels zu blicken und dabei auf einem Boden zu stehen, unter dem es beständig donnert, rumort und stampft, ist eine unheimliche Situation. Die Fluth schien höher zu steigen, und wir ergriffen die Flucht.
Den Rückweg nahmen wir in einer anderen Richtung, als von der wir gekommen waren. Wir passirten noch mehrere erstorbene Eruptionspunkte im Krater. Mehrere hundert Schritt lange und gegen zwanzig Meter tiefe Klüfte mit rothen Wänden durchzogen kreuz und quer den westlichen Theil, der aus Terrassen höherer und tieferer Flächen bestand. Eingestürzte, kuppelförmige Gewölbe von dichter Lava lagen neben Schutthügeln von grossen gleichmässigen Steinwürfeln. Ueberall Spalten im älteren Gestein, aus denen jüngere noch ganz frischglänzende Lava herausgequollen war, in konzentrischen Kreisen erstarrt, mit nichts besser zu vergleichen als mit den Verdauungsprodukten weidender Rinder auf unseren Wiesen, nur dass diese Lavafladen 30 bis 50 Schritt im Durchmesser hatten. Mehrere dunkle Höhlen, wie die Bogen grosser Brücken gewölbt, führten in die Tiefe. In einer derselben stiegen wir etwa zwanzig Meter schräg über Schutthaufen hinab. Sie wurde nach unten zu enger, aber wir hätten noch viel weiter hinabsteigen können, wenn nicht eine erdrückende Hitze und ätzender Wasserdampf uns zurückgeschreckt hätten. Der Führer zündete eine Stearinkerze an, welche bald immer wieder zu knistern begann und erlosch. Tropfsteinbildungen aus grauschwarzen und hohlen drusigen Aesten hingen von der Decke herunter, und zarte weisse Krystalle von Alaun hatten sich in den Schrunden ansublimirt.