XXIII.
VON HONOLULU NACH SAN FRANCISCO.

Abschied von den glücklichen Inseln. Die Zealandia und ihre Gesellschaft. Unsere schöne Hellena, der alte Schiffsdoktor und eine interessante Geschäftsreisende. Langweile und Kriegsgerüchte. Ankunft des Lootsen. Das Goldene Thor.

Die Zealandia, welche uns nach San Francisco bringen sollte, war erst am 12. September von Australien her fällig. Insgeheim hofften wir, dass sie sich wie gewöhnlich einen Tag verspäten möchte. Aber schon am Morgen des 11. September wurden wir sehr unangenehm durch die Nachricht überrascht, dass sie in Sicht sei.

Wir beeilten uns schleunig einzupacken, Photographien zu kaufen und Abschied zu nehmen. Zum Glück hatte der Kapitän ein Einsehen und verschob die anfänglich für denselben Nachmittag festgesetzte Abfahrt auf morgen. Die Passagiere strömten natürlich wieder schaarenweise an Land, doch nur wenige kamen ins Hotel zum Dinner, was wir als ein günstiges Symptom in Betreff der Zealandia Küche auffassen zu dürfen glaubten. Und wie die Folge lehrte hatte es damit seine Richtigkeit.

Es ist immer schmerzlich, sich von einem Ort losreissen zu müssen, in dem man sich eingelebt hat, namentlich wenn sich an ihn so viele angenehme Erinnerungen knüpfen. Wir waren in Honolulu trotz des kurzen Aufenthalts nicht nur mit den Weissen sondern auch mit den Eingeborenen schnell vertraut geworden, und fast jedes Obstweib, jedes Mädchen auf der Strasse, jeder Pferde verleihende Strolch, kurz das ganze fröhliche, blumenbekränzte Gesindel stand mit uns bereits auf dem freundschaftlichsten Fuss intimer Begrüssung, so oft wir uns begegneten. Zum letzten mal tauschten wir nun mit all diesen liebgewordenen Bekannten unser »Aloha«, während wir nach dem Hafen fuhren.

Ein reizend frischer Morgen lag über den Gärten Honolulus, als die Zealandia pünktlich zur festgesetzten Stunde vom Kai und seiner grellbunten Volksmenge, die Tücher schwingend uns glückliche Reise nachrief, sich löste.

Auch der König hatte sich eingefunden, Zeuge unserer Abfahrt zu sein. Er stand etwas abseits vom grössten Gewühl neben einer eleganten Kalesche, deren Pferde ein Kutscher in Jockeylivree hielt. Sonst hatte er keinen Begleiter. Er sah der Zealandia nach, bis sie langsam über die Riffbarriere gesteuert war. Ein paar Dutzend nackter und schreiender Jungen schwammen zu beiden Seiten des Dampfers mit hinaus und bettelten um Münzen, die sie im Sinken unter dem Wasser erhaschten, ohne die mögliche Anwesenheit von Haien zu fürchten.

Sobald wir die offene See erreicht hatten, wendeten wir uns nach links, gingen im Bogen um Oahu herum, zwischen Oahu und Molokai hindurch, und schlugen dann den Kurs nach San Francisco ein, schnurgerad dem Nordostpassat entgegen.

Wieder glitten die hell blinkenden, gefurchten Wände von Diamond Head, die uns auf jener denkwürdigen nächtlichen Bootfahrt so gespenstig entgegengegrinst, vorüber. Je mehr wir von der feuchten Passatseite Oahus zu sehen bekamen, desto grüner wurde die Insel, desto mehr wichen die dürrgebrannten Flächen aus der Landschaft. Immer undeutlicher wurden die Palmen und die struppigen Hütten am Ufer, der eigenthümliche Silberglanz der Kukuibüsche auf den Höhen. Bald waren nur mehr die blauen Umrisse der Berge sichtbar. Rechts hinter uns tauchte noch auf kurze Zeit die gewaltige Pyramide des Haleakala aus den Wolken, aber rasch legte sich ein feiner duftiger Schleier über ihn und verbarg ihn. Mit dem wehmüthigen Gefühl, dass ich wohl nie mehr diese glücklichen Inseln betreten sollte, blickte ich zurück, bis sie entschwunden waren. Es ging jetzt wieder nach Nord, einem rauheren Klima, dem Zwang europäischer Uebertünchtheit entgegen, und es war mir zu Muth wie ehemals als Schuljungen am Ende der Ferien.

Die Kajüte hatte sich in Honolulu aussergewöhnlich stark gefüllt. Mehrere kindergesegnete Strohwittwen von Offizieren der so lange dort stationirt gewesenen und nun abberufenen amerikanischen Fregatte Lackawanna und einige auf Hawaii ansässige Kaufleute und Plantagenbesitzer, die der jüngst abgeschlossene Zuckervertrag nach San Francisco führte, waren mit eingestiegen. Nicht minder machten sich auf Deck für tausend Dollars Bananen aus Honolulu bemerklich und schmälerten den ohnehin schon hinlänglich knappen Raum. Alle Geländer, Kommandobrücken, Gallerien und Rettungsböte hingen voll von meterlangen in Blättern verpackten Aehren derselben.

Die Verpflegung war jetzt unter englischer Flagge wieder erträglich und jedenfalls sehr viel besser als die niederträchtige Knauserei unter den amerikanischen der Cities of New York und of San Francisco, obgleich die Küche englischer Schiffe im allgemeinen sich keiner grossen Berühmtheit erfreut. Man bekam jetzt wenigstens wieder ein ordentliches Stück Fleisch, anständigen Thee und reines, gekühltes Wasser. Die Zealandia war überhaupt das beste Schiff unter den dreien, mit denen ich den Pacific kreuzte, wenn sie auch nicht so amerikanisch bombastisch aufgeputzt war wie die anderen. Sehr schnell lief sie freilich ebenfalls nicht, und wir erreichten auch mit ihr nie 300 Seemeilen im Tage. Die Mannschaft bestand zum grössten Theil aus Weissen. Nur die Heizer, diese unglückseligen Sklaven der Maschinenhölle, waren lauter Chinesen. Die Stewards liessen an Aufmerksamkeit nichts zu wünschen, die weissen wenigstens. Die zwei unwirschen Chinesen, die darunter waren, durften nicht bis an die Tische kommen. Beständig zankten sich ihre boshaften Mongolengesichter. Das ganze Schiff, welches in Greenock das Licht der Welt erblickt hatte, sprach für die Ueberlegenheit englischer Schiffsbaukunst über die amerikanische. Der Salon lag zwar auch hier im Zwischendeck, war aber ausgezeichnet ventilirt und hatte eine grossartig aussehende Kuppel, die durch die beiden oberen Decke emporragte.

Nur Schade, dass man im Salon eigentlich nie Ruhe hatte um zu lesen oder zu schreiben. Denn den ganzen Tag sassen musikbeflissene Ladies am Piano und klimperten und sangen, um sich für die täglichen Abendkonzerte vorzubereiten. Nirgends mehr auf dem Erdball ist man vor dieser Modemanie schlechter Musizirerei sicher.

Unsere Gesellschaft bestand zum grösseren Theil aus australischen Engländern, zum kleineren aus Amerikanern. Auch ein paar deutsche Landsleute waren vorhanden. Den Mittelpunkt des Salons bildete eine auffallend blondhaarige Operettensängerin aus San Francisco, die als schöne Hellena gepriesen wurde und eben von einer australischen Kunstreise befriedigt zurückkehrte. Sie hatte einige sehr verfängliche Augenblitze, ein noch verfänglicheres Lächeln bei halbgeschlossenen Lidern und eine vielsagende Bewegung des Beines, mit der sie die rauschende Schleppe herumwarf und die an das geschlitzte spartanische Gewand erinnerte, in ihrem Repertoir, wodurch sie auf einige ältere Herren eine bedeutende Anziehungskraft übte. Nur an dem einen echt englisch begangenen Sonntag ruhten alle ihre Künste, und während des Gottesdienstes, den der Kapitän dirigirte, war es interessant die blonde Schlange zu beobachten, wie sie zerflossen in heiliger Inbrunst magdalenenhaft sich hinwarf und, vollständig entrückt in höhere Sphären, aufzustehen vergass, als die Feier zu Ende war.

Die Abendandacht dieses Sonntags musste der Schiffsarzt leiten, ein alter weissbartiger Mann von sechzig Jahren. Man sagte, er sei früher in Victoria ein wohlhabender Squatter und mehrere tausend Schafe werth gewesen, aber unglückliche Spekulationen hätten ihn ruinirt und genöthigt, als nautischer Aeskulap sein kümmerliches Brod zu verdienen, da er in seiner Jugend Medizin getrieben. Am Morgen war vom Kapitän Musterung der ganzen Mannschaft wie auf einem Kriegsschiff abgehalten worden.

Als ziemlich isolirter Salonpassagier befand sich ein feiner Chinese aus San Francisco an Bord, der sich bald an uns anschloss, als er sah dass wir freundlich mit ihm waren. Dies geschah unsererseits weniger aus allgemeiner Menschenliebe, als hauptsächlich in der schnöden Absicht, durch ihn in die Geheimnisse des Chinesenviertels von San Francisco eingeführt zu werden. Er war anfangs ein wenig schüchtern, mit der Zeit aber wurde er dreister, und schliesslich legte er im Rauchzimmer seine Beine mit demselben Bewusstsein auf den Tisch als ob er ein Eingeborener der Vereinigten Staaten gewesen wäre.

Im Zwischendeck trieb sich eine schon ziemlich verwitterte Weibsperson herum, welche meine Aufmerksamkeit erregte, indem sie viel mit den chinesischen Heizern verkehrte und geläufig das englisch-chinesische Kauderwälsch zu sprechen schien. Sie war das Urbild von Gemeinheit und Smartness und gehörte zu einer besonderen Varietät des pazifischen Europäerabschaums. Es sollen nämlich hier nicht selten weisse Frauenzimmer von einer Insel zur anderen vagabundiren, um sich bei heterogenen Rassen einem gewissen kosmopolitischen Erwerbszweig hinzugeben, nachdem sich ihre nur mehr im Kontraste der Hautfarbe bestehenden Reize sonst nirgends mehr verwerthen lassen. Unsere Reisegefährtin nun hatte eben die hawaiische Inselgruppe in solcher Art bereist und rühmte sich, glänzende Geschäfte bei den Kanakas gemacht zu haben. Vorher hatte sie in Peru und in China geabenteuert. Welch interessante Geschichte stak in dieser Person.

Die meisten der männlichen Passagiere vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen um hohe Einsätze, und ein alter knurriger Kauz rannte beständig von einem zum anderen, um Lotteriezettel zu verkaufen und Gewinnste zu verloosen. Da ich an diesen Unterhaltungen keinen Geschmack fand, und weder Lektüre noch Ruhe zum Schreiben vorhanden war, fühlte ich die Langweile des Schiffslebens doppelt empfindlich, und das Reisen zur See wurde mir wieder recht sauer. Wie ganz anders war es auf der Euphrosyne gewesen, als ich meine eigene Kammer, meine Bücher und sonstigen Sport hatte, trotz dem ewigen Salzfleisch. Jetzt musste ich die kleine Passagierkabine mit einem Anderen theilen, und dieser Andere hatte die leidige Gewohnheit, Abends wenn wir zu Bett gingen immer betrunken und redselig zu sein und die ganze Nacht unausstehlich zu schnarchen.

Man sprach viel von einem möglicherweise bereits ausgebrochenen Krieg zwischen England und Russland, da die letzten Nachrichten aus Europa, die die Zealandia von Sydney, ihrem letzten Telegraphenpunkt, erhalten hatte, sehr kriegerisch lauteten. Alle erdenklichen Konjekturen wurden von der müssigen Phantasie so vieler Müssiggänger daran geknüpft, und manche sahen schon ganz Europa in Flammen. Wir Deutsche wussten allerdings nicht, ob es noch der Patriotismus erlaubte, in das stereotype »God save the Queen«, welches jeden Abend das Konzert beschloss, mit einzustimmen. Der Wunsch, sie »glorious« zu sehen, konnte bereits Vaterlandsverrath sein.

Unter dreissig Grad nördlicher Breite, als es bereits ziemlich kühl war, erschienen zu meinem grössten Erstaunen ganz unzweifelhafte Albatrosse draussen über dem Wasser. Ich war immer der Meinung gewesen, dass diese Vögel auf die südliche Hemisphäre beschränkt seien, und in fast allen zoologischen Büchern wird dies behauptet. Es waren deutlich und unverkennbar Albatrosse, die dicht hinterm Schiff nach Abfällen spähend hin und her kreuzten. Ganz derselbe zusammengesetzte Schnabel, dasselbe Profil, derselbe Flug, dieselben kurzen schwach geknickten Flügelspitzen, mit denen sie die Kämme der Wellen ritzten. Sie gehörten einer etwas kleineren Spezies an, braun mit schwarzen Flügeln, weissliche Ringe um die Augen und um den After. Als ich in San Francisco Woodwards Museum besuchte, fand ich ausgestopfte Exemplare die mich überzeugten, dass ich mich nicht getäuscht.

Ein grosser Ball, gegeben vom Kapitän und den Offizieren, sollte das Ende der Reise, dem wir uns näherten, am 18. September festlich begehen. Der Salon war aufs Prächtigste mit Flaggen ausgeschlagen, alle Tische und Bänke waren entfernt, und die Ladies hatten sich mit den heitersten Farben geschmückt. Aber das Wetter verdarb den Abend. Die See wurde unruhig, und das Schiff begann in einer Weise zu rollen, dass es den Klavierspieler von seinem Sitze warf, und die tanzenden Paare sich begnügen mussten in stehender Umarmung gegen die Bewegungen des Bodens anzukämpfen, was übrigens nicht ohne Reiz sein mochte.

Am Nachmittag des 19. September begrüsste uns ein echt kalifornischer Nebel und hielt uns auf, so dass wir erst einen Tag später als wir gehofft nach San Francisco kommen konnten.

Wir waren nahe den Farrallones Inseln, und Alles lag voll von Fischern. Am Morgen hatten wir einen solchen passirt, als er eben beschäftigt war, einen erbeuteten Walfisch zu zerlegen. Es war ein kleines Thier, wahrscheinlich ein Pottwal. Der seiner Haut entblösste blutige Körper schwamm neben dem Fahrzeug, mit Tauen und Ketten an dasselbe befestigt, und zwei Männer standen auf ihm und hieben mit langen Messern die Speckschwarten los. Das einzige mal, dass ich im Stillen Ozean von dem einst so blühenden Walfischfang etwas zu sehen bekam.

Die Dampfpfeife flötete in den Nebel hinaus, und wir steuerten langsam unseren Kurs. Hie und da antwortete uns eine ferne Trompete hinter dem grauen Schleier.

Gegen Mitternacht wurde es heller. Wir warfen Raketen, und bald darauf kam der Lootse in seinem Schuner durch die Finsterniss herangespenstert. Die Ankunft des Lootsen bei Nacht hat immer einen eigenthümlichen Zauber. Die Seereise ist zu Ende, man ist in gehobener Stimmung. Die Maschine stoppt, eine befremdende wohlthuende Stille tritt ein. Die Schritte der Offiziere, die über das Deck eilen, klingen so seltsam, unten plätschern die Wellen, ringsum herrscht tiefes Dunkel. Wir mühen uns vergebens, draussen auf dem Wasser einen Gegenstand zu erspähen. Da taucht ein Licht auf und taucht gleich wieder unter. Wir hören Ruderschläge, die näher kommen, und plötzlich fährt in undeutlichen Umrissen gespensterhaft und riesengross das Segel des Lootsenschuners ganz nahe am Hintertheil vorüber. Der Lootse steigt aus seiner Jolle die Jakobsleiter herauf, und wir bestürmen ihn um Neuigkeiten und Zeitungen.

Es war noch kein Krieg ausgebrochen. Das Wichtigste, was die San Francisco Blätter wussten, war eine grosse Pockenepidemie im Chinesenviertel.

Als ich am frühen Morgen des 20. September erwachte, fuhren wir eben in das Goldene Thor. Die Fahrt von Honolulu hierher hatte somit ziemlich genau acht Tage gedauert.

In Amerika darf man sich nicht von jedem hochtönenden Wortschwall täuschen lassen und ja nicht glauben, dass dahinter auch jedesmal etwas Entsprechendes stecke. Diese Lehre gab mir gleich dieses »Goldene Thor«, die Einfahrt zum Hafen der »Metropole des Westens«. Links und rechts öde, kahle, gelbliche Felsen von gewöhnlichen Formen, ohne den Schmuck der Vegetation oder der Architektur, die nächsten Kanten über und über mit den weissschimmernden Exkrementen Tausender von Wasservögeln bespritzt, an der einen Seite oben ein Leuchtthurm, in der Mitte die schmutzig gelbe Fluth, die sich nach innen wälzt – das ist das »Goldene Thor«. Trüb und kalt lag das Land im grauen Morgenlicht. Nirgends ein grüner Fleck. Ich kam aus dem Paradiese der Südsee, und der erste Anblick Kaliforniens berührte mich so unfreundlich wie noch nie eine mir neue Küste.

Ein rothes Fort glitt vorüber, Batterieeinschnitte auf dünenartigen Sandhügeln daneben und einzelne Häuser. Ein dunkler kompakter Mastenwald tritt hinter der rechten Ecke vorne heraus, die Häuser werden dichter. Noch eine Biegung nach rechts, und San Francisco liegt vor uns, auf und ab über Berge und Hügel gebaut, halb von einem dunstigen Nebel verschleiert.

Das Pier der Pacific Mail ist am innersten Ende des Hafens, und wir mussten ihn deshalb in seiner ganzen Länge passiren. Eine imposante Anzahl von Fahrzeugen aller Art lag vor Anker oder an den überall ihre Arme entgegenstreckenden Piers. Fast alle Flaggen der Erde waren vertreten, auffallend häufig die deutsche. Eine amerikanische Fregatte erwiderte unseren Gruss. Neben ihr lag ein riesiges Segelschiff mit vier vollen Masten. Eine Menge Jollen und kleine Dampfer legten sich an unsere Zealandia, und eine Menge neugierige Zeitungsreporter, Zollbeamte, Hotelagenten und sonstiges Hafengesindel ergossen sich aus ihnen auf unser Deck und rannten durch das Gewühl der zum Landen sich rüstenden Passagiere.

Endlich waren wir fest, und die Landungstreppe fiel. Auch diesmal hatte ich mit dem Customhouse mehr Glück als ich zu hoffen gewagt. In der kürzesten Zeit war ich fertig, und ein Hotelwagen entführte mich ins Innere der Stadt.

XXIV.
SAN FRANCISCO.

Allgemeiner Charakter der Stadt. Die Chinesen und ihr Viertel. Chinesische Hurenhäuser, Opiumbuden und Spielhöllen. Das Yu Henn Choy Theater und das Dschosshaus. Chinesische Dramaturgie. Sabathschänderisches Getriebe der San Franciscaner. Sonstige Sehenswürdigkeiten. Woodwards Garden. Ein gefährlicher Sonntagsspaziergang. Das Cliff House und seine zoologischen Genüsse. Ground Squirrels.

Wenn man Eine amerikanische Stadt gesehen hat, so hat man sie alle gesehen. San Francisco schien mir hierin keine sonderliche Ausnahme zu machen. Ueberall derselbe styllose Bombast der Architektur, dieselbe bunte Farbenmenge schreiender Aufschriften. Die Geschäftsstrassen lotterig und unreinlich gehalten, voll von Kisten und Ballen, Papierfetzen und Packstroh, Telegraphendrähte kreuz und quer, die Wohnstrassen verhältnissmässig still und einsam, anmuthig von Alleebäumen und Gärten beschattet, überall Streetcars mit ihrem monotonen Geklingel.

Das unterscheidende Merkmal San Franciscos liegt in der Beschaffenheit des Bodens, in den vielen Hügeln und in der wüstenartigen Dürre. Die Hügel sind manchmal so steil, dass der Streetcar ausgespannt und durch stabile Dampfmaschinen an Ketten emporgezogen wird. Oben warten bereits andere Pferde und führen ihn weiter. Dünen von Flugsand füllen die Lücken zwischen den Gebäuden, wo noch leere Baustellen stehen und dringen selbst in die Gärten. An ganzen Häuserreihen sah ich die Erdgeschosse der einen Seite bis über die Fenster mit Flugsand verweht. Man findet die schönsten Anpflanzungen und Promenaden, aber jegliches Grün ist mit grauem Staub überzogen. Alles ist trocken und durstig.

Dies ist der Charakter von San Francisco im Sommer und Herbst, in jener Zeit, in der niemals Regen fällt. Erst im Winter, der angenehmsten Saison, darf man sich einer Vegetation erfreuen.

Auch die Menschen schienen mir nicht verschieden von denen New Yorks und anderer Städte des fernen Ostens. Ganz dieselben markigen, gierigen, scharfen, intelligenten Gesichter, dieselbe Eleganz in Wäsche und Kleidung, ganz dasselbe hastige Rennen wie drüben. Nur die vielen Chinesen sind ein eigenartiger Zug. Ich hatte sie schon beim Hereinfahren vom Schiff rudelweise dahinwandeln sehen, die sonst auf dem Hinterhaupt spiralig zusammengerollten Zöpfe galamässig frei fast bis zum Boden herabbaumelnd. Der Zopf wenn er lose ist zwingt sie, um ihn frei schwingen zu lassen, den Kopf höher und steifer zu halten als andere Menschenkinder.

Die Chinesen nahmen denn auch mein Hauptinteresse in Anspruch. Kaum hatte ich mich auf einem Plan orientirt wo ihr Viertel lag, als ich diesem zueilte, ungeachtet der Warnungen vor den Pocken. Es war mir überraschend, das Chinesenviertel mitten in der Stadt zu finden, durchaus nicht abgesondert und in seiner blockförmigen Anordnung nicht unterschieden von anderen Theilen. Man biegt aus Montgomery Street rechtwinklig in Jackson Street ein und ist plötzlich in China.

Eine ganz andere fremdartige Kultur thut sich auf. Der merkwürdige Farbenreiz des Hildebrandt'schen Aquarells aus Tientsin steht verkörpert vor Augen. Die zwei- bis dreistöckigen geradlinigen Häuserfronten sind zwar echt amerikanisch und wohl viel höher als sie in China sein mögen, aber die Ausschmückung von unten bis oben ist chinesisch. Fast jeder Stock hat einen breiten Balkon oder eine Gallerie. Blumen und Strauchwerk in Töpfen stehen auf diesen, und dazwischen gaukeln bunte Papierlaternen im Winde. Rothe, grüne und gelbe Aushängeschilder, senkrecht gestellt und mit den arabeskenhaften Charakteren der chinesischen Schrift bemalt, prunken vor den Läden, in deren Schaufenstern alle möglichen sonderbaren Artikel den Blick auf sich ziehen.

Zu einer fast magischen Wirkung erhöht sich dieses eigenthümliche Bild am Abend. Die bunten papierenen Laternen werfen ihr farbiges Licht durch das Laub der Miniaturgärten auf den Balkonen. Inschriften und Vergoldungen glitzern im Schein der Gasbeleuchtung, alle Fenster sind hell und geöffnet. Besonders schön strahlen die vielen Restaurationen und Theebuden, aus denen die seltsamen quieksenden und klappernden Töne chinesischer Musik auf die Strasse dringen. Dichte Haufen hässlicher Mongolen, alle in dasselbe dunkle bequeme Gewand gekleidet, schwarze Filzhüte auf den kahlen Schädeln, hinten die langen Zöpfe, drängen sich durcheinander und reden in einer Sprache, die aus lauter heftig ausgestossenen Interjektionen wie »Tsching«, »Fu«, »Dschong« zu bestehen scheint, oder lauschen müssig, die Hände in den Hosentaschen und die Mäuler offen, den lieblichen heimischen Melodien. Und mitten durch das asiatische Geklitzer, Gewühl und Geklimper poltert lustig der amerikanische Streetcar den Berg hinauf.

Emsiges Treiben herrscht in den Kaufbuden und Werkstätten. Die Kugeln der Zählmaschinen fliegen hin und her unter den Fingern mongolischer Ladenschwengel, und dickwanstige Patrone, unförmige, rundglasige Brillen auf der Nase, sitzen daneben an ihrem Pult und malen mit senkrecht gehaltenem Pinsel bizarre Schriftzeichen auf eine Rechnung, welche sie danach in ein europäisches Kopirbuch pressen. Hier arbeiten etliche Dutzend Schneidergesellen an schwirrenden Nähmaschinen, zusammengepfercht in einen so engen niedrigen Raum, dass man kaum begreift, wie sie noch athmen können, dort klopfen etliche Dutzend Schustergesellen an Stiefeln und Stiefeletten herum, die für amerikanische Füsse bestimmt sind. Denn Chinesen tragen in der Regel nur chinesische Schuhe. Früchte und Esswaaren aller Art sind vor den Läden aufgestapelt, und an jeder Ecke zupft uns ein anderer Mongole am Rock und bietet unverständlich flüsternd geschmuggelte Zigarren feil, wobei sie ausnahmsweise sich Mühe geben, freundlich zu sein.

Selten begegnet man hie und da einigen chinesischen Weibern auf der Strasse. Es sind Prostituirte und dementsprechend folgt ihnen überall rohes Witzereissen von Seiten des männlichen Publikums. Sie wandeln gewöhnlich mit gekreuzten Armen, die sie in ihre weiten Aermel zurückstecken, so dass sie aussehen wie amputirt, dahin, die bekannte Schmetterlingsfrisur auf den blossen Köpfen.

Während die Blocks, in denen weisse Bevölkerung wohnt, Gärten und Höfe umschliessen, sind sie hier dicht und regellos vollgebaut. Ein wahres Labyrinth elender Holzschuppen, Keller, Dachverschläge, halbvollendeter und halbabgebrochener Häuser, durch Bretter wieder zugedeckt oder zusammengeflickt, kleben an- und übereinander. Gänge, Löcher zum Durchschliefen, Leitern und Wege über die Dächer kreuzen sich in allen Richtungen, und überall wimmelt es von Chinesen, deren die meisten nicht mehr Raum für sich beanspruchen als sie zum Schlafen brauchen, nicht mehr als ein Zwischendecker auf einem Auswandererschiff hat.

Schmale und krumme und schmutzige Gassen sind durch diese Ameisenhaufen gebrochen und gewähren manchmal Einblicke von malerischer Wirkung. Die Willkür der Linien, das auf- und absteigende Terrain, die schwärzliche Bräunung der Mauern und des Holzwerks, rothe, gelbe und grüne Anschlagzettel, bunte Papierlaternen, glimmende Räucherkerzchen vor den Thüren, das ruhelose Gewühl, das Quieksen und Klappern von Musikanten, welches auch hier nicht fehlt, setzen ein wunderbar fremdartiges und zugleich stimmungsvolles Bild zusammen. Vorne folgen auch hier abwechselnd Werkstätten, Spielhöllen, Opiumbuden, Kaufläden und Hurenhäuser auf einander. Hinten mag noch eine grössere Menge gräulichen Schmutzes verborgen sein.

Die Zeitungen wussten damals viel Schaudergeschichten von heimlichen Pockenhospitälern zu erzählen, in denen die Sanitätsbeamten mehrere Wochen alte Leichen aufgefunden haben sollten. Die herrschende Pockenepidemie wurde ergiebig ausgebeutet, um gegen die Chinesen zu hetzen, und man warf den Stadtbehörden unverblümt vor, dass sie von diesen zu einer verbrecherischen Duldsamkeit bestochen worden seien. Die Unreinlichkeit der Chinesen ist zweifellos arg genug. Trotzdem wird hier, vielleicht in Folge des trockenen Klimas, die Nase weniger oft beleidigt, als in den deutschen oder irischen Quartieren New Yorks. Der Qualm der Räucherkerzchen überdeckt alle anderen Düfte, er scheint der spezifische Geruch von ganz China zu sein.

Ein feiner Chinese, mit dem ich bekannt wurde, bat mich, aus dem was ich in San Francisco sah keinen allgemeinen Schluss über seine Landsleute zu ziehen, es gäbe hier zum Beispiel nicht eine einzige anständige Chinesin. Ich will ihm gerne glauben. Wäre es ja doch eben so unrecht, aus dem elenden deutschen Gesindel, welches in New York die Gegend des East River bewohnt, eine Vorstellung von den Deutschen zu Hause sich machen zu wollen.

Die chinesische Prostitution San Franciscos ist das Widerlichste, was man von dieser Kulturkrankheit sehen kann. Ein paar dunkle holperige Gassen bestehen streckenweise nur aus Hurenhäusern. Thüren und Fensterläden sind bis auf ein kleines viereckiges Guckloch verschlossen. In jedem Guckloch lauert das Fratzengesicht einer Mongolin, gierig greift eine dazu gehörige Hand heraus nach dem Vorübergehenden, und von allen Seiten überbieten sich schändliche Anträge in dem komischen Kauderwälsch des Pidschin English.[9] Unter dem verluderten hölzernen Seitenpfad sieht man durch Gitter in spärlich erleuchtete Kellerhöhlen hinab.

[9]: Pidschin English ist das von den Chinesen gesprochene englische Kauderwälsch, nach chinesischer Auffassung zurechtgemodelt und mit chinesischen und portugiesischen Ausdrücken gespickt. Die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten desselben sind das häufige Anfügen der Endung Y, das Fehlen des Buchstaben R, für den immer L eintreten muss, und der Gebrauch des Begriffes Piecy = Piece, Stück bei Zahlen. So zum Beispiel sagt der Chinese nicht »Two Americans« sondern »Two Piecy Amelican Man« – »Zwei Stück Amerikanischer Mann«. »You no sabe (portugiesisch) me talky« heisst »Du verstehst mein Sprechen nicht« und »Me have got Man Numble one« – »Ich bin ein ausgezeichneter Kerl (Mann Nummer eins)«.

Scheuen wir uns nicht, das Menschenthier auch in seiner abstossendsten Gestalt kennen zu lernen, und treten wir in eines dieser Häuser, so werden wir sofort von einem halben Dutzend zierlich trippelnder und affenartig beweglicher Frauenzimmer in Beschlag genommen und mit einem winzigen Schälchen Thee regalirt, zu dem ein Kessel kochenden Wassers immer bereit steht. Jede sagt uns, wie viel die Erneuerung ihrer Schmetterlingsfrisur wöchentlich kostet und dass sie erst seit kurzer Zeit angekommen sei. Sie sind ein blosser Handelsartikel und schon als Kinder in China drüben von älteren Weibern angekauft und aufgefüttert worden, bis sie für den Markt reif waren. Ich glaube nicht, dass ihnen das Bewusstsein ihres niedrigen Zweckes jemals Scham oder Kummer erregt, wie dies bei unseren Prostituirten häufig der Fall ist. Die mongolische Rasse hat kein Gemüth.

Schon auf der Strasse sahen wir vor einigen Thüren glimmende Räucherstäbchen in den Boden gesteckt, welche die Gottheit zur Verleihung von Kundschaft ermuntern sollen. Auch im Innern der Häuser glimmen solche Stäbchen vor kleinen Altärchen. Nebenan steht vielleicht ein etwas europäisch modifizirtes Himmelbett, auf dem die Decke nicht nach unten, sondern quer in sorgsamen Falten zurückgeschlagen ist. Ein paar Tischchen und Stühlchen bilden das übrige Mobiliar. Hinter Gardinen folgt eine Reihe anderer Kammern.

Gleich nebenan ist eine Opiumbude. Zwei alte ausgediente Weiber kauern an der Thüre, sie sind die Inhaberinnen des Geschäftes. Ihr Lokal besteht aus zwei oder drei niedrigen, dumpfigen Stuben, welche in lauter kleine Verschläge mit hölzernen doppelt über einander gebauten Kojen wie das Zwischendeck eines Auswandererschiffes abgetheilt sind. Auf jedem dieser harten Betten ruht die ausgemergelte Gestalt eines Chinesen, dem Genuss des narkotischen Giftes fröhnend. Die einen haben bereits ihren Rausch und liegen regungslos da mit stier geöffneten Augen und schlaffen Gesichtszügen wie Leichen, die anderen sind noch eifrig beschäftigt, sich zu betäuben.

Das Opiumrauchen erfordert viel Arbeit und könnte wahrscheinlich zweckmässiger eingerichtet werden, als das Herkommen vorschreibt. Der übliche Stoff bildet eine schmierige Paste, ein dickes Extrakt, welches in kleinen Hornbüchschen aufbewahrt wird. Der Pfeifenkopf ist ein bauchiges Thongefäss, das senkrecht quer auf dem Rohre sitzt und nur eine ganz kleine Oeffnung von kaum zwei Millimeter Weite hat. Nebst dem Opiumbüchschen und der Pfeife gehört noch eine gläserne Oellampe und eine dünne Drahtnadel zum Opiumrauchen. Aus dem Extrakt wird eine Pille von Erbsengrösse geformt, mit der Nadel an dem Licht der Lampe erwärmt und in das kleine Loch der Pfeife gestrichen. Beständig verstopft sich dieses, und dann muss wieder mit der Nadel nachgestochert und an dem Licht erwärmt werden, um ein paar volle Züge Opiumqualm in die Lunge zu lassen. Stumm und eifrig obliegen die Raucher ihrem mühseligen Geschäfte, keiner spricht ein Wort.

Lebhafter geht es in den Spielhöllen zu, die oft mit Opiumbuden verbunden sind. Hier sitzen eng zusammengedrängt die Spieler an langen schmutzigen Tischen und locken sich gegenseitig mit Dominosteinen das Geld, amerikanische Silberdollars und Cents, aus der Tasche. Haufen von Zuschauern stehen um sie herum und verfolgen eben so erregt und unter denselben wilden Interjektionen wie die direkt Betheiligten den Wechsel des Glücks. Chinesische Münzen sind unter den Chinesen San Franciscos nicht im Gebrauch, man kann sie aber als Andenken in jedem der vielen Läden voll mongolischen Schnickschnacks kaufen.

Die obere bergan steigende Hälfte von Jackson Street ist der vornehmste Theil des Chinesenviertels. Hier setzten sich die Chinesen zuerst fest und schoben von hier aus ihr Gebiet allmälig weiter und weiter in die benachbarten Quer- und Parallelstrassen hinein, so dass es jetzt etwa neun Blocks, die dichtest bevölkerten San Franciscos, umfasst. Die Grenzen sind nicht scharf, sondern bilden eine Zone von sehr gemischter Gesellschaft der gelben und weissen, schwarzen und vielleicht auch rothen Rasse. Im Süden und Osten beginnt sofort das Reich der äusserst ungenirten, nichtchinesischen Prostitution. Im Norden schliesst sich das Deutschthum schlechterer Sorte mit grossen schmutzigen Bierhallen an. Westlich, gegen den Hafen zu, wohnen hauptsächlich Irländer, Franzosen und Italiener.

Die Hauptmerkwürdigkeiten von Jackson Street und Umgebung sind die beiden Theater und das Dschosshaus, die buddistische Kirche. Erstere liegen einander gegenüber ziemlich weit unten im belebtesten Theile von Jackson Street, letzteres ganz oben in Sacramento Street und bereits in der Grenzzone Chinas.

Aeusserlich zeichnen sich die beiden Theater nur durch je zwei Gaskandelaber mit Aufschriften, deren eine »Yu Henn Choy« und deren andere »Imperial Theater« lautet, aus. Innen gleichen sie sich vollständig, blos dass das ältere, das »Yu Henn Choy«, um etliche Grade schmutziger und russiger ist, und in diesem die Gallerie hinten so hoch hinaufgeht, dass man gebeugten Hauptes nach vorne hinabsteigen muss. Die Bühne in beiden ist ein einfaches Podium ohne Vorhang und ohne Koulissen, welches die ganze Breite des Saales einnimmt und durch fünf Oeffnungen, einem mittleren grossen Fenster, zwei Thüren und zwei Guckfensterchen mit dem Raum hinter der Szene in Verbindung steht. Der Bühne gegenüber bauen sich die Sitzreihen, hölzerne Bänke, in die Höhe. An den Seiten sind Logen abgesondert und gewöhnlich mit Frauenzimmern bevölkert. Die Beleuchtung ist Gas.

Es wird hier meist von vier Uhr Nachmittags an bis in die späte Nacht gespielt, manchmal sogar ganze Tage lang. Man braucht sich also um keinen Anfang zu kümmern und an keine Zeit zu binden. Ausserdem sind auch die Wirkungen der chinesischen Dramaturgie auf das Gehörorgan so intensiv, dass ein normaler Durchschnittseuropäer nach einer halben Stunde reichlich genug hat.

Als ich zuerst das Imperial Theater betrat und über die dunkle, schmale und schmutzige Treppe hinaufstolperte, gestossen und gedrängt von einer Schaar ebenfalls hinaufstolpernder Mongolen, machte mir der seltsame Lärm der Musik, der mir entgegentönte, den Eindruck, als ob ich in eine Menagerie voll schreiender Papageien kommen sollte. Ein amerikanischer Rowdy sass vor einem Tisch und nahm mir zwei »Bits« Eintritt ab. Dies ist der Preis für die vorwitzigen Weissen, Chinesen zahlen nur einen halben Bit.[10] Eine schmutzige braune Gardine wurde zurückgeschlagen, und ich war im Theater, auf der obersten Reihe der staffelförmig bis unmittelbar zur Bühne hinabreichenden Bänke. Auf dem Podium unten glitzerten sechs Personen in seidenen gestickten Gewändern und krähten und fistulirten. Hinter ihnen vier Musikanten, quieksend und klappernd, pauckend und rasselnd, schnalzend und pfeifend, dass einem Hören und Sehen verging. Schwieg dieser Höllenspektakel eine Minute, so begannen die sechs Akteurs in der Fistel zu näseln und zu miauen und faxenhafte Geberden zu machen, indem sie halb sangen, halb sprachen und den Schluss jeder Phrase zu einem gellenden Misston steigerten.

[10]: Ein Bit ist 12½ Cents, der alte spanische Real, der in dieser Umtaufung noch immer an die Herkunft Kaliforniens erinnert, aber in Wirklichkeit nicht mehr existirt.

Nur allmälig konnte ich mich von meiner Ueberraschung erholen und versuchen, mich in den räthselhaften Sinn der Vorgänge zu vertiefen. Ich glaubte anfangs, es sei ein lustiges Stück, es war aber ein trauriges, wie mir mein des Chinesischen kundiger Gefährte sagte. Theaterzettel gab es leider nicht. Dagegen wurden Erfrischungen, die aussahen wie geschmorte Nacktschnecken und Regenwürmer, herumgetragen. Ueberall sassen Mongolen, den Hut auf dem Kopf.

Die Hauptrolle schien ein Kerl mit weisslackirtem Gesicht zu spielen. Sein Gebahren drückte protzenhaften Hochmuth und unaufhörliche Zornigkeit aus. Mit gewaltsam gespreizten Beinen, die Arme in die Hüften gestemmt, ritt er auf seinem Thronstuhl und schimpfte fortwährend einen anderen Kerl, der als Frauenzimmer in demüthiger Haltung vor ihm stand und schliesslich von einigen Schergen abgeführt wurde. Jede Steigerung in den Ausbrüchen seines erregten Inneren begleitete die Musik mit einer Steigerung ihres Lärms, der plötzlich anschwoll, um danach langsam abzuklingen. Es war erstaunlich, welch ohrenzerreissendes Chaos von Tönen und Geräuschen die vier Musikanten mit Hackbrett, Viola, Paucken, Klappern und Dschinellen zu erzeugen im Stande waren.

So oft ich auch die chinesischen Theater besuchte, ich vermochte selten den Sinn der Aufführungen zu errathen. Die Stücke, deren manchmal zehn an einem Tag gespielt werden, folgen sich so rasch, dass es dem Fremdling entgehen kann, wann das eine aufhört und das andere beginnt. An den Kostümen ist zuweilen zu erkennen, ob es sich um ein einfaches bürgerliches oder um ein romantisches Schauspiel mit Königen, Feldherrn und Heerschaaren, welche letzteren aber meistens nur aus drei oder vier Mann bestehen, handelt.

Von hervorragender Schönheit, Pracht und Kostbarkeit sind oft die Gewänder, die in diesen Höhlen voll Schmutz, Dunst und Gestank entfaltet werden, und sie allein sind den Besuch mit all seinen Unannehmlichkeiten werth. Namentlich Feldherrn und Könige pflegen in den lebhaftesten Farben und strotzendsten Goldstickereien zu glänzen. Vier meterlange Fasanenfedern zieren fühlerähnlich das Haupt, am Rücken flattern gleich Schmetterlings- oder Libellenflügeln vier glitzernde Fähnchen. Eben so grotesk wie der Putz dieser Gestalten, ist die Art und Weise, wie sie sich einführen, und sind die Bewegungen, mit denen sie Stolz und Tapferkeit auszudrücken suchen. Einer nach dem anderen schwirrt durch die Thüre links herein, bläht seine Brust auf, schlenkert mit den Beinen, lässt die langen Fasanenfedern spielend durch die Finger gleiten, dreht sich mehrmals um seine Axe, schlägt sich auf den Bauch und fängt an zu krähen und zu miauen.

Im »Yu Henn Choy« sah ich einmal verschiedene Pantomimen und gymnastische Künste. Ein Policeman des Chinesenviertels hatte mir am Morgen mitgetheilt, dass dort heute Abend um neun Uhr »a great Tumbling« (eine grossartige Purzelei) aufgeführt werden sollte. Das Tumbling ist die Hauptforce und die spezifische Leistung chinesischer Akrobaten, die nur selten und als etwas Besonderes mitten zwischen dramatischen Stücken zum Besten gegeben wird.

Nach etlichen reizlosen equilibristischen Produktionen auf Stuhlpyramiden und Stangen folgte das bekannte Messerwerfen und nach diesem als Schluss- und Knalleffekt das Tumbling. Alle zwölf Akrobaten, theilweise phantastisch geputzt und mit Fähnchen auf dem Rücken, die sie im weiteren Verlauf abwarfen, traten vor das Orchester und begannen erst einzeln, dann zu zweit und zu dritt oder auch alle auf einmal Luftpurzelbäume zu machen. Immer heftiger und rascher wurden ihre Bewegungen und die Musik. Rücksichtslos sprangen sie mit den kahlen Schädeln auf den harten Boden, dass es laut dröhnte, oder warfen sich platt auf den Rücken nieder, als ob es für sie gar keine Gehirn- oder Rückenmarkerschütterung gäbe.

Immer wilder und ungestümer purzelten sie durch einander, über und unter sich, kreuz und quer, über Tische und Stühle, schmetterten mit den Schädeln gegen einander und gegen den Boden, bis von dem ganzen Dutzend tobender Menschen nur mehr einzelne Arme, Beine und Schädel herumzufliegen schienen, wie von Geisterhänden durcheinander gequirlt, während die Musik immer verrückter wurde und in den schrillsten, gellendsten Dissonanzen sich bemühte, auch die Zuschauer in die auf der Bühne herrschende Tobsucht hineinzuziehen. Mit mir wäre ihnen dies beinahe gelungen. Meine bezopften Genossen aber sahen stumpfsinnig und blöde vor sich hin, ohne ihr Gesicht zu verändern.

Unter den Pantomimen die ich vorher gesehen hatte war namentlich eine interessant und auch für europäische Empfindungsart durch ihren blossen Inhalt von komischer Wirkung.

Zwei Männer schleppen einen Scheintodten herein, werfen ihn auf den Tisch und stellen Belebungsversuche an. Sie blasen ihm in die Nase, sie kitzeln ihn mit einer Feder in der Nase, der Kerl rührt sich nicht. Sie legen ihn auf den Rücken, sie legen ihn auf den Bauch, Kopf und Extremitäten baumeln schlaff herab. Nun wird er bis auf eine Schwimmhose entkleidet. Sie binden ihm Hände und Füsse an den Leib und stossen ihn mit dem Kopf auf den Boden, so dass er fest steht wie das Ei des Columbus. Sie zünden Pulver vor seinem Gesicht an – Alles umsonst. Die Augen bleiben starr geöffnet, kein Muskel zuckt. Grosse gelehrte Berathung, bedenkliches Kopfschütteln. Endlich haben sie das Richtige gefunden und hüpfen frohlockend wieder herbei. Der zusammengeschnürte Körper wird losgebunden und ausgestreckt mit den Beinen an einen Nagel gehängt. Teuflische Grimassen schneidend kitzeln sie mit sämmtlichen zwanzig Fingern an ihm auf und ab, von unten nach oben, von oben nach unten, an den Sohlen, in den Achseln – ohne Erfolg. Sie verlieren die Geduld, werden ärgerlich, entzweien sich, prügeln sich. Jeder möchte allein kitzeln und beansprucht den Kadaver für sich. Sie reissen ihn von der Wand und zerren ihn hin und her, der eine an den Beinen, der andere an den Armen. Sie hauen gegen einander und im Wirrwarr des Gefechts erhält aus Versehen das Objekt des Zwistes eine schallende Ohrfeige. Da springt plötzlich der Scheintodte auf, giebt jedem der Streitenden einen Fusstritt ins Gesicht, dass sie hintüber purzeln, und läuft heulend zur Thüre hinaus.

Man konnte sich nichts Teuflischeres denken, als das Geberdenspiel der beiden mongolischen Fratzengesichter in jener Kitzelszene, und die quicksende Musik gab die entsprechende Tonmalerei dazu so eindringlich und wirksam, dass man sich zu kratzen versucht fühlte.

Die dritte Hauptmerkwürdigkeit, das Dschoss Haus, setzt sich zusammen aus drei verschiedenen Abtheilungen, aus einer offenen Holzbaracke, die in eine schmale Lücke der Häuserreihe etwas zurücktretend hineingebaut ist, und aus zwei Zimmern im ersten Stock des linken Nachbargebäudes, die mit jener durch eine Treppe verbunden sind. Alles glitzert innen von Gold und von Silber, von rothen und gelben, blauen und grünen Farben. Hellebarden, Götterfiguren allein und in Gruppen, Altärchen und Schüsselchen stehen neben- und übereinander, längs den Wänden und in der Mitte. Das eine der Zimmer ist halb dunkel und durch farbige Lämpchen sehr wirkungsvoll magisch düster beleuchtet. Der Totaleindruck erinnert lebhaft an den Geschmack des bunten Aufputzes katholischer Dorfkirchen in Baiern oder Tirol. Es fehlt nur der Weihrauchgeruch, der hier durch das zweifelhafte Aroma unzähliger Räucherkerzchen vertreten ist.

In der Regel herrschte ein starkes Gewühl von Chinesen in den engen Räumen, und man musste sich sehr in acht nehmen, in dem fortwährenden Drängen und Stossen nichts von all dem heiligen Flitterkram umzuwerfen, oder sich an den überall steckenden Räucherkerzchen zu brennen. Zwei weisse Policemen hielten am Eingang barsch und gewaltsam die Ordnung aufrecht. Ich konnte nie eine Spur von andächtiger Stimmung in den Physiognomien der Kirchgänger bemerken. Sie benahmen sich ganz wie auf der Strasse, rauchten Zigarren, hatten den Hut auf dem Kopf und die Hände in den Hosentaschen und gafften gleichgültig umher.

Neben einem der Altärchen in der magisch halbdunklen Ecke war ein thönerner Ofen, und vor ihm knieten einmal zwei Frauenzimmer nieder, küssten den Boden, standen wieder auf, zündeten einige papierene Gebetlein an und warfen sie in den Ofen. Dabei fuhren sie mit der auflodernden Flamme so unerwartet und nahe an meinem Gesicht vorbei, dass ich erschrocken zurücktrat, worüber die Nächststehenden ein lautes Gelächter aufschlugen. Die zwei Damen, Prostituirte wie alle weiblichen Glieder des Chinesenviertels, waren übrigens für die herumgaffenden Burschen die beständige Zielscheibe der Unterhaltung. Ihre Frömmigkeit mochte auch ziemlich unlautere Motive gehabt haben. Der Buddist verlangt von Gott nur Segen für sein Geschäft.

Ein anderes mal kam ich gerade noch recht zu den letzten Akten einer grösseren Feierlichkeit. In der Eingangsbaracke sass halbversteckt hinter allerlei Zierrath eine Musikbande und quiekste und miaute ganz ebenso, wie ich es schon im Theater gehört hatte. Oben im ersten Stock zelebrirte der alte, dünnbärtige Oberbonze, dessen Pilzhut ein Glasknopf zierte, im Verein mit zwei jungen Diakonen, welche rothseidene, gelbbeknöpfte Glatzkäppchen trugen, und mehreren Dienern, die Glatzkäppchen, aber ohne Knopf aufhatten, hinter einer Barriere eine Art Messe. Einige Frauen mit kleinen Kindern drängten sich vor, stiegen über die Barriere und setzten sich stumm auf den Boden. Sie hatten offenbar eine Rolle bei dem Fest zu spielen. Ein langes Brett in der Mitte war mit winzigen Opferschälchen, welche Reis, Weinträubchen, Rübchen und sonstige Gerichtchen enthielten, bedeckt, und über dieses trugen zwei Diener etliche Heiligenfigürchen auf einer Tafel, die sie von den beiden Seiten in die Höhe hielten, langsam herab und hinauf, als ob sich die Figürchen die ganze Bescherung recht genau anschauen sollten. Mein Verständniss dessen, was ich sah, war eben so undeutlich wie meine Schilderung sein dürfte.

Weniger unverständlich hingegen ist das Getriebe, welches gleich ausserhalb des Dschosshauses beginnt. »Mademoiselle Laurence«, »Sennorita Juanita«, »Miss Mary« und so weiter lauten die Aufschriften, die in Sacramento Street und in den nächsten Strassen gegen Süd und West beinahe an jeder Thüre oder an farbigen Gaslaternen in prangenden Lettern das Auge auf sich ziehen. Die Fenster der Erdgeschosse sind geöffnet und hell erleuchtet, und hinter ihnen sitzen im strahlenden Lichte die holden Trägerinnen jener Namen, sticken oder nähen und warten mit resignirter Gelassenheit auf Kundschaft. Unter dem Schatten einer Veranda ladet auch wohl eine Sirene in leichter Balletgewandung flüsternd zum Besuch ein, während verluderte Gaunergestalten rudelweise vorüberziehen und zynische Witze reissen.

San Francisco hat eben von der alten Zügellosigkeit doch noch einige Ueberbleibsel behalten. Zum Glück macht sich auch in Bezug auf den Sonntag diese grössere Freiheit geltend. Während drüben auf der atlantischen Seite Amerikas die englisch-puritanische Sonntagsöde ungemildert über den Städten lagert, und die armen Fremdlinge in den Hotels den ganzen Tag nichts thun können als schlafen oder unten im gemeinschaftlichen Parlour, den Zylinder auf dem Kopf und ein bereits mehrmals gelesenes Blatt in der Hand, mit drei oder vier Stühlen die verschiedensten amerikanischen Posituren durchprobiren – man muss eine solche Gesellschaft von Gentlemen gesehen haben, um zu wissen was Langeweile heisst – freut sich das Volk an der pazifischen Küste lustig des Lebens. Einem frommen Reverend aus England oder aus den östlichen Staaten, den »Staaten« schlechtweg, muss ordentlich die Haut schaudern, wenn er den sabathschänderischen Lärm San Franciscos kennen lernt. Ich selbst, durch längere Gewöhnung anglikanisch entartet, fühlte etwas wie Befremdung, als ich den Heidenspektakel von Drehorgeln, Biermusiken, Volksversammlungen, Aufzügen, Fackelprozessionen und militärischem Pomp sah, der hier an Sonntagen verübt wird.

Sehr beliebt scheint das Soldatenspielen zu sein. Die Milizen haben in Amerika das Recht, ihre Uniformirung selbst zu wählen; gewöhnlich thun sich die Landsmannschaften zusammen und kleiden sich nach heimischem Reglement, und so kann man bald einem Haufen rothblusiger Garibaldianer, bald einem Regiment dunkler Preussen mit Pickelhauben, in dieser Strasse einem Bataillon Franzosen, in jener Schweizern begegnen. Derartige Erscheinungen sind in jeder grösseren Stadt zu haben, am meisten entwickelt und wechselvoll fand ich sie in San Francisco vor. Die dortigen Gardegrenadiere sind nicht weniger stolz als die in Berlin. Was kann es auch für einen jungen Teutonen am Sonntag Schöneres geben, als sich in Uniform zu werfen, die Flinte zu ergreifen und unter den kriegerischen Klängen der Janitscharenmusik hinauszuziehen nach irgend einem Vergnügungslokal. Voran reiten der Oberst und der Regimentsadjutant, die Majore und die Bataillonsadjutanten, auch die Hauptleute sind beritten, und in New York sah ich einmal selbst einen Regimentsarzt mitreiten. Dieser hatte aber keine Pickelhaube sondern einen Federhut auf dem Kopf. Sonst war Alles echt von den Zündnadelgewehren bis zu den Schärpen der Adjutanten und den Säbelquasten, welche die verschiedenen Kompagnien auszeichnen. Draussen wird dann Bier getrunken und getanzt und Abends gehts wieder in derselben Weise nach Hause, nur etwas weniger stramm und oft auch schwankenden Schrittes.

Diese heterogenen Milizen sollen sich bei besonders feierlichen Gelegenheiten oft in die Haare gerathen. Es soll vorkommen, dass die Preussen es unterlassen zu präsentiren, wenn die Franzosen vorbeimarschiren, worauf diese vielleicht zu pfeifen und zu johlen beginnen, und dann ist der Teufel los, und die Konsuln haben ihre liebe Noth, die Empfindlichkeit der beleidigten Nationalitäten zu beschwichtigen und den respektiven Heerführern klar zu machen, dass das Deutsche Reich solche Vorkommnisse noch nicht für ausreichend zu einer offiziellen Kriegserklärung erachten dürfte.

In den zahlreichen und grossartigen Bierpfützen der deutschen Quartiere übrigens herrscht eine rühmenswerthe Neutralität. Dort verschmähen es auch die benachbarten Franzosen nicht, sich mit ihren Erbfeinden in demselben gemüthlichen Schlamm zusammenzufinden. Die in Amerika leider so beliebten Riesendrehorgeln, auf denen Orchestermusik mit Blasinstrumenten, Trommeln und Paucken abgehaspelt wird, spielen abwechselnd die Marseillaise und die Wacht am Rhein dazu.

Was San Francisco ausserhalb des Chinesenviertels an Sehenswürdigkeiten besitzt, ist bald gesehen. Das Palace Hotel repräsentirt das Höchste, was amerikanisches Hotelwesen, weit überlegen dem europäischen, an Eleganz und Solidität zu leisten vermag. Das neue Stadthaus, welches eben im Bau begriffen war, verspricht sich zu einem ganz verrückten, echt amerikanischen Architekturwerk zu gestalten, und in der Münze, deren Einrichtungen täglich zu einer bestimmten Stunde gratis gezeigt werden, kann man sich an der Erzeugung grosser Zwanzigdollarstücke ergötzen. Interessanter indess als der schnöde, gleissende Mammon war mir die Ehrerbietung, die den zwanzig oder dreissig Frauenzimmern, welche in einem geräumigen Saal die Goldstücke auf ihre Makellosigkeit prüften, gezollt wurde. »Bitte die Hüte abzunehmen« sagte unser Führer ehe wir eintraten, »wir kommen jetzt in das Departement der Ladies«, und die Damen, die da an langen Tischen sassen und feine Wagen hantierten, schienen die Artigkeit werth zu sein. Ihr Aeusseres und ihre Haltung litt nicht unter dem Druck der Arbeit um das tägliche Brot.

Nicht unerwähnt darf die kalifornische »Academy of Science« bleiben. Unter diesem Wohlklang ist keine Akademie in unserem Sinn, sondern nur ein Wust von verstaubten Büchern und verstaubten Vogelbälgen, von eingetrockneten Spirituspräparaten und einem durcheinandergeworfenen Herbarium in einer alten baufälligen Kirche zu verstehen. »Science does not pay in California« tröstete mich der hohläugig und halbverhungert blickende Kustos, der das genannte Museum der »Metropole des Westens« zu verwalten hatte. Er war ausnahmsweise ein Vollblutamerikaner. Sonst geben sich meist nur Deutsche zu solch brotlosen Künsten her.

Der bedeutendste Vergnügungsort und zugleich ein ganz eigenartig universelles Institut ist Woodwards Garden, welcher schon beinahe ausserhalb der Stadt liegt, wo die Wüste beginnt. Eine Menagerie mit Löwen, Tigern, Elephanten, Bären und Schlangen und hundert anderen Thieren bis zu den weissen Mäusen herab, ein grosser Robbenteich, ein Papageienhaus, ein See- und Süsswasser-Aquarium, ein Palmenhaus, eine Sammlung von Naturalien und Kuriositäten, eine Gemäldegallerie und was es sonst noch für die Schaulust geben mag, sind hier dem Publikum offen. Tanzsäle, Turngeräthe, Schiessbuden, ein Skating Rink, ein Karoussel von Gondeln und Segelböten auf einem kleinen runden Wasserbassin bieten mannigfaltigen Sport. Man kann hier auf Eseln reiten, mit einem Hirschgespann herumkutschiren, sich wägen lassen und Kraftproben aller Art anstellen.

An Sonntagen produziren sich Akrobaten, Messerverschlinger und Feueresser, und ein Programm von Woodwards Garden, das ich in einem Streetcar bekam, versichert in grossen Buchstaben, ihre Leistungen seien so schauderhaft anzusehen, dass regelmässig darüber die Frauenzimmer in Ohnmacht fallen und die Kinder heulen. »Women faint and Children cry!« »Rel Muab, der wahrhaftige menschliche Salamander spottet aller Naturgesetze! Er beisst glühende Eisenstangen entzwei! Er trinkt kochendes Oel! Er isst geschmolzenes Blei! Er steht mit blossen Füssen auf glühenden Eisenplatten!« »Rollo, der Zahn-Herkules, übertrifft alles bisher Gesehene mit der Kraft seiner Zähne und Kinnbacken!« Und der Eintritt zu all diesen Herrlichkeiten kostet nur einen Bit.

Das zoologische Museum von Woodwards Garden ist musterhaft sauber gehalten, besitzt eine Menge vortrefflicher Spiritusgegenstände und hat wirklichen wissenschaftlichen Werth. Der Konservator desselben ist natürlich ein deutscher Landsmann. Unter dem Kuriositätenappendix befindet sich auch ein Palmstumpf, vor welchem Cook von den Sandwichinsulanern erschlagen worden sein soll. Im Museum zu Honolulu wird die nämliche Reliquie aufbewahrt. Welches von beiden die ächte ist, möge unentschieden bleiben.

Unter den lebenden Thieren sind besonders die riesigen pazifischen Robben oder Seelöwen interessant, welche in einem stark umgitterten Teich gehalten werden. Zweimal täglich zu bestimmten Stunden ist Fütterung. Die scheinbar so plumpen Kolosse gerathen dann in grosse Erregtheit. Unglaublich gewandt klettern und schieben sie sich schnaubend mit ihren zu Flossen verkümmerten Extremitäten den aus der Mitte ragenden Felsen hinauf, wohin der Wärter ihnen ansehnliche Fleischportionen zuwirft, die sie oft noch im Fluge erschnappen, oder stürzen sich von oben kopfüber herab, um die ins Wasser gefallenen Stücke zu holen. Schwimmend nehmen sie den Charakter von Walfischen an, tauchen hie und da in die Höhe um Luft zu schöpfen, tauchen dann wieder in die Tiefe und verschwinden, und nur das Strudeln und Wallen des aufgewühlten schmutzigen Teichs zeigt an, wo ungefähr sie sich herumtreiben.

Die Anlagen von Woodwards Garden sind hübsch und verhältnissmässig geschmackvoll. Eine Menge Kioske und Flaggen zieren die vielen wirr aneinander gefügten Gebäude. Leider will unter dem Staub der benachbarten Wüste kein freundliches Grün gedeihen. Auf hohen Holzgerüsten stehen ringsum blauweissrothe, vielflügelige Windmühlen, die sich durch ihre Steuerung selbst gegen den Wind drehen, und pumpen langweilig knarrend Wasser empor.

Market Street ist die von Nordost nach Südwest gerichtete diagonale Axe San Franciscos. Am Hafen endet dieselbe in dem Hauptpier der Ferryboote. Das andere Ende verliert sich in der Wüstenei der San Pablo Berge, die den Hintergrund ihrer Perspektive bilden. Jenseits der San Pablo Berge liegt die Lagune de la Merced, ein seeartiges, langgestrecktes und seichtes Süsswasserbecken, nur durch einen schmalen Dünensaum von der Meeresküste getrennt.

Dorthin ging ich am letzten Sonntag vor meiner Abreise spazieren, um vom Stillen Ozean Abschied zu nehmen. Es war der erste Oktober, und die Regenzeit schien, etwas früher als gewöhnlich, eben beginnen zu wollen. Bereits in drei Nächten nach einander hatte es geregnet, das Wetter am Tage war noch immer ungetrübt sonnig und heiss.

Ein Sonntagsspaziergang in der nächsten Umgebung San Franciscos ist nicht ohne Gefahren. Da es in diesem freien Lande keine Jagdscheine giebt, strömt dann Alles mit Schiessgewehren bewaffnet ins Freie hinaus, allerwärts knallt es, und hie und da hört man eine Kugel sausen. So wars auch heute. Eine Menge Menschen zu Fuss und zu Wagen begegneten mir oder fuhren an mir vorüber, und jeder hatte ein Schiessgewehr bei sich.

Hier marschiren etliche Schuljungen die Strasse entlang. Der eine trägt eine alte verrostete Flinte, der andere eine Jagdtasche, ein dritter das Pulverhorn umgehängt, und ein vierter hat vielleicht einen Revolver im Gürtel stecken. Dort sitzen vier Sonntagslümmel in einem gemietheten Zweispänner, und ebenso viele Doppelläufe starren neben ihnen aus dem Fuhrwerk heraus. In einem eleganten leichten Buggi kutschirt ein behäbiger Spiessbürger dahin. Sein Pferd sieht aus, als ob es während der Woche Fleisch ziehen müsste. Zur Linken sitzt ihm die Gattin, zur Rechten starrt die Mündung einer Büchse gegen Himmel, und vorne sitzt arrogant ein fetter Mops und schneidet heute ein Gesicht, als ob er ein ganz verflucht gescheidter Hühnerhund wäre, obgleich er weiter nichts versteht als die Kälber seines Herrn anzubellen.

Wenn so ein richtiger amerikanischer Junge gerade in heiterer Laune ist, so macht er sich wohl einmal den Spass, auf einen harmlosen Spaziergänger zu schiessen. Am Ufer der Laguna de la Merced erlebte ich ein Beispiel davon. Halbversteckt im Schilf sammelte ich Süsswasserschnecken, Limnäen und Planorben, da knallte es drüben, und über mir schlug eine Kugel in die Böschung. Ich eilte nach oben, um mich zu zeigen und so den Schützen zu warnen, dass er seinem Vergnügen in einer anderen Richtung genügen möchte. Aber in der nächsten Minute fuhr ein zweites Geschoss neben mir in den Sand, und das fröhliche Lachen zweier Burschen, die jenseits standen, überzeugte mich, dass es nicht absichtslos geschehen war.

In den San Pablo Bergen, die ich zuerst ohne Pfad, nur der Himmelsrichtung folgend, überschritten hatte, war es öde und einsam. Nebelmassen zogen über die kahlen Gipfel und kalte Windstösse fuhren durch die Thäler, an deren Gehängen Kühe den spärlichen Pflanzenwuchs abweideten. Ein isolirtes Gehöft aus lotterig zusammengestoppelten Hütten war die einzige menschliche Wohnstätte, die ich passirte.

Am Meere angelangt, wo es wieder lebendig wurde, bog ich nach Norden dem Cliff House zu. Villen und Vergnügungsorte haben sich dem Strand entlang angesiedelt, unter ihnen ragt das Ocean House durch seine Dimensionen dominirend hervor.

Die Strecke vom Ocean- zum Cliff House ist ein beliebter Korso. In eleganten Buggies und Landaus fahren die Bürger der Metropole auf dem durchfeuchteten und dadurch festen Sande spazieren, links die rastlos rollenden und sich überstürzenden Wogen des Ozeans, die in flachen schaumigen Zungen bis unter die Räder lecken, rechts die eigenthümliche melancholische Landschaft der Dünenhügel, deren Kuppen dunkle Büschel von Fettpflanzen bedecken, Möven kreuzen draussen über dem Wasser, und eine Schaar weiss blinkender Segel unterbricht angenehm die Monotonie des Horizonts.

Ein ganz einziger Punkt ist das Cliff House, das mit Recht berühmte Hauptausflugsziel der San Franciskaner. Hingebaut an den äusseren Absturz der Felsenkette, die den südlichen Pfeiler des Goldenen Thores bildet, beherrscht es die Aussicht über das Meer und auf einige nahe Klippen, welche von einer Menge Seelöwen, Möven und Pelikane bevölkert sind. Dank einem weisen Gesetz dürfen diese Thiere hier nicht geschossen werden und scheinen sich auch ihrer Sicherheit wohl bewusst zu sein.

Schon ehe man von der Strasse aus die elegante Restauration betritt, geben etliche fünfzig schöne Gespanne, die unter einem Dache aufgestellt sind, die Anwesenheit wohlhabender und, was hier gleichbedeutend, vornehmer Gesellschaft kund. Wir gehen durch das Gebäude nach der Seeseite zu und gelangen auf eine Gallerie, auf welcher geputzte Ladies und Gentlemen an sauber gedeckten Tischen sitzen, duftigen Mokka schlürfen und mit Ferngläsern zoologischen Studien über die interessante Bewohnerschaft der Klippen sich hingeben.

Unten donnert die Brandung gegen das schroffe Ufer, hie und da übertönt von dem gellenden Brüllen und Bellen der Seelöwen, die sich durch dasselbe schlangenartige Winden und Drehen, das wir bereits bei den Gefangenen von Woodwards Garden kennen gelernt, an den Felsen hinaufschieben und sich um die besten sonnigsten Plätze zanken. Manchmal sperrt einer den geräumigen Rachen auf und faucht giftig den Nachbar an, als ob er ihn fressen wollte, klappt aber gleich wieder zusammen, während jener eingeschüchtert hinabrutscht. Manchmal beginnen sie alle auf einmal zu brüllen und zu bellen, mit hellen und tiefen Stimmen. Sind ihrer viele, etwa dreissig oder vierzig auf einem der Felsen versammelt, so sehen sie glänzend von Feuchtigkeit aus wie schlüpfrige Reptilien, die sich über- und durcheinander schlängeln. Die günstigste Zeit zum Besuch und zur Beobachtung der »Seal Rocks« ist der Morgen, wenn die Sonne im Osten steht und alle westlich vom Auge liegenden Gegenstände scharf beleuchtet.

Nicht minder interessant für denjenigen, der sie zum ersten mal sieht, sind die zahlreichen Pelikane, die ringsum kreuz und quer die Luft durchmessen. Langnasige Karrikaturen von Vögeln, umkreisen sie unermüdlich die Klippen, deren dunkle Massen sie mit ihren Exkrementen weisslich gestrichelt haben.

Neben und unter dem Cliff House sind terrassenförmige Gärtchen in Felsenstufen gebettet. Ein reicher Flor von Malven stand in voller Blüthe, und braun schillernde Kolibris schwirrten von Blume zu Blume, um Insekten daraus zu erbeuten, zum Verwechseln ähnlich unseren europäischen Sphinxen.

Von Cliff House bis zur Stadt paradirt auf den Plänen bereits ein ansehnliches grünes Rechteck als »Golden Gate Park«. In der Wirklichkeit ist das meiste davon noch Sand und Wüste. Zwei ausgezeichnete breite Strassen führen durch den Zukunftspark, auf denen die vorzüglichsten Traber der Erde die Bewunderung herausfordern. Ich glaube nicht, dass es in London eben so viele herrlich trabende und schöne Wagenpferde giebt wie in San Francisco. Eine Tafel giebt kund, dass zehn Meilen per Stunde (= 16 Kilometer) die höchste erlaubte Fahrgeschwindigkeit sei. Wer aber kontrolirt diese prachtvollen Thiere, die weit übergreifend so leicht und sicher mit den zierlichen Buggies dahinfliegen?

In der Nähe sind eine Rennbahn und die Begräbnissplätze. Ein hohes Kruzifix krönt den bedeutendsten Hügel als weithin sichtbare Landmarke. Auch der chinesische Leichenacker befindet sich hier, kenntlich an einer Windmühle, welche Wasser pumpt, und mehreren weissgetünchten hölzernen Kiosken. Es ist also übertrieben, wenn behauptet wird, dass die Chinesen ihre sämmtlichen Todten in die Heimath verschiffen.

Auf einem anderen Ausflug, den ich nach Berkley, einer kleinen grösstentheils aus Wirthshäusern bestehenden Ortschaft am gegenüberliegenden Ufer des Hafens machte, hatte ich Gelegenheit, einen in Kalifornien sehr gemeinen Nager, der dort die Stelle unseres Hamsters vertritt, kennen zu lernen. Sein Name »Ground Squirrel« – »Erdeichhörnchen« ist die beste Beschreibung desselben. Nur ist das Thier etwas grösser und weniger schlank und geschmeidig als sein Taufpathe, der flinke Bewohner unserer Forste. Alle die weitgedehnten dürr gebrannten Stoppelfelder waren unterminirt von Legionen desselben. Legte man sich auf die Lauer, so kamen sie vorsichtig aus ihren Löchern, machten Männchen und hielten Umschau und versammelten sich. Eine leise Bewegung, und sie verschwanden, indem sie sich durch Pfiffe warnten.

XXV.
VON SAN FRANCISCO NACH SALT LAKE CITY.

Auf der Pacific Bahn. Die Sierra Nevada. Ein phänomenales landschaftliches Scheusal und ein überschwengliches Guidebook. Indianer. Die Mormonenstadt, das Tabernakel und das Mormonenthum. Eine Versammlung der Heiligen des jüngsten Tages. Ausflug nach Lake Point und Bad in dem grossen Salzsee. Camp Douglas.

Die Pacific Bahn beginnt nicht in San Francisco selbst, sondern drüben auf der andern Seite der Bai in Oakland. Man kauft sich das aus mehreren Abschnitten bestehende Ticket nach New York in einer der zahlreichen Agenturen San Franciscos, wobei man sich in acht zu nehmen hat, dass man nicht betrogen werde, indem die Fahrpreise einem gewissen Kurs unterliegen, und schifft sich Morgens um sieben auf der Oakland Ferry ein. Die Expresszüge nach Osten gingen damals täglich um halb acht Uhr von Oakland ab.

Der westliche Anfang dieser riesigen Pacific Bahn ist sehr bescheiden, ganz anders als bei uns, wo prachtliebende Verwaltungsräthe zum Schaden der nun jammernden Aktionäre die Endpunkte verhältnissmässig geringfügiger Bahnstrecken mit Marmorpalästen bezeichnen zu müssen glaubten. Der Amerikaner will eben nur, dass das Ding seinen Zweck erfülle, und frägt nicht wie es aussieht.

Ein Viadukt, fast eine Meile lang, aus Balkenwerk und mit doppeltem Schienengeleise, kommt von Oakland her über den Schlick des Ufers der Dampffähre entgegen. Wir steigen aus, schleppen uns hastig mit dem Handgepäck durch das Gewühl ebenfalls hastiger Mitpassagiere und Sleepingcars offerirender Neger, steigen in irgend einen Wagen des hinter russigen Kohlenschuppen fertig dastehenden Zuges und befinden uns auf dem berühmten, in allen Zungen der Erde als achtes Wunder gepriesenen Eisengürtel. Nach wenigen Minuten setzt sich der Zug in Bewegung. Kein Trompetchen, kein Pfeifchen, kein Fähnchen oder sonst ein Firlefanzchen, womit auf dem europäischen Kontinent dieser Akt gefeiert zu werden pflegt. Nicht einmal die Dampfpfeife entsetzt unsere unwagnerischen Ohren. Ein Ruck und wir fahren, und nur die Glocke auf der amerikanisch kolossalen und farbenreichen Lokomotive warnt, so lange es durch belebtere Gebiete geht, in langsamen Schwingungen begegnende Fuhrwerke.

Ueber den Viadukt und durch die Strassen von Oakland bimmelten wir so dahin. Dann gings schnelleren Tempos ins Freie und erwartungsvoll spähte ich aus dem Fenster nach den landschaftlichen Schönheiten, mit denen mir Kalifornien, ich weiss nicht auf Grund welcher gelesenen Schilderungen, ausgestattet sein zu müssen däuchte. Aber sie kamen nicht. War die Schlickzone, in der sich ein schmutziges Gesindel von Taschenkrebsen mit derselben Behaglichkeit wie an den vaterländischen Ufern des Jadebusens herumtrieb, überwunden, so erschien zunächst eine weite Alluvialebene mit zerstreuten Melonen- und Tomatofeldern, und in schmalen Wasserzungen, welche die Bai tief ins Land hineinstreckt, waren Fischer beschäftigt, künstlich angepflanzte Austern mittels eiserner Rechen einzuheimsen. Bald hatten wir diese letzten Vorposten des mir theueren Pacific Ocean hinter uns, man sah kein Wasser mehr, sondern nur dürre, staubige Stoppelfelder und hie und da eine Gruppe dürftiger, graugepuderter, laubarmer Bäume.

Bis nach Sacramento gab es im Zuge mehr Gesellschaft als angenehm war. Den Rauchwagen, der in Amerika zugleich als Sammelplatz des Lumpengesindels dient, beherrschten die Chinesen, von denen einige stillvergnügt lächelnd in chinesischen Unterhaltungsbüchern lasen, während die Mehrzahl blos rauchte und spuckte und klatschte und stank, die weissen Gentlemen reckten die Beine kreuz und quer nach allen vier Himmelsrichtungen in die Höhe, so dass man von den meisten nur die Stiefelsohlen sah, und im Drawing Room Car, der sich Nachts in den Sleeping Car verwandeln sollte, hatten Ladies und Kinder jeden Sitz in Beschlag genommen.

Ein Tunnel, ein paar schmutzige Flüsse, kahle Hügel, neublinkende Städtchen, chinesische Bahnarbeiter mit pilzförmigen Strohhüten, eine ungeahnte Menge von Staub und Dürre glitten vorüber. Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, Tausende von Zikaden zirpten, so oft wir an einer der vielen kleinen Stationen hielten. Die Berge wurden nun höher, und wir fuhren in die Sierra Nevada hinein. Am nächsten Morgen war sie überwunden, die »Plains« lagen vor uns.

Man kann sich nichts Trostloseres denken, als diese Gegenden des äussersten nordamerikanischen Westens. Hat man das Unglück wie ich, sie von San Francisco aus und ohne Aufenthalt zu durchkreuzen, so passirt man die einzige höchstens zwölf Fahrstunden lange Naturschönheit, die Sierra Nevada, bei Nacht. Und auch bei Tag ist von der Sierra Nevada wohl nur wenig zu sehen. Denn fast ununterbrochen laufen die Schienenstränge unter Schneedächern hin, die bis auf die horizontalen Spalten zwischen den Brettern der Seitenwände nichts von einer Aussicht wahrnehmen lassen. Die Welt ist hier buchstäblich rechts und links mit Brettern vernagelt. Kommt dann endlich einmal eine Lücke, und freut sich das Auge der kühnen, spärliche Fichtenbestände tragenden Felsgründe und zackigen Berge, die wie ein Zauberbild plötzlich sich aufthun – eine halbe Minute, und wieder schiessen die öden, dunklen Bretterwände dicht vor dem Fenster vorüber.

Hat man auf solche Weise die Sierra Nevada genossen, so gelangt man in die gemeinste, niederträchtigste Landschaft der Erde, von deren Erbärmlichkeit keiner sich einen Begriff bilden kann, der nur die anmuthigen Gefilde des schönen Europa kennt.

Eine schmutzig gewordene Kalkgrube, vertrocknet, in lauter kleine Inselchen zerklüftet, bürstenartig besetzt mit dürren, verstaubten Artemisiabüscheln, bis ins Unendliche ausgedehnt – dies ist ungefähr der Boden, über den man zweimal vierundzwanzig Stunden im Tempo eines deutschen Bummelzuges, obgleich man »Express« fährt, sich durchquälen muss. Die kleinste Maus ist auf hundert Schritte bemerkbar, indem sie ein Staubsäulchen emporwirbelt. Staub, fressender alkalinischer Staub, dringt wolkenweise durch alle Oeffnungen in den Wagen, äzt Augen, Lippen und Nase wund, macht die Haut des Gesichts und der Hände spröde und rissig und erzeugt ein Gefühl, als ob man ersticken sollte. Man hat nicht einmal die Erleichterung des Schwitzens. Die durstige Atmosphäre lässt keine tropfbare Flüssigkeit aufkommen. Alles ist heiss und trocken.

Immer und immer frägt man sich wieder: »Wie ist es möglich, dass über dieses phänomenale landschaftliche Scheusal so wenig bei uns bekannt ist, ja dass vielfach gerade die günstigsten Vorstellungen über die Szenerien herrschen, durch welche die Pacific Eisenbahn führt?« Die Antwort darauf und zugleich eine Quelle unerschöpflicher Heiterkeit erhält man, wenn man sich von dem fliegenden Zeitungshändler, der den Zug begleitet, um zwei Dollars »Williams Pacific Tourist« kauft.

Das Buch ist eine echt amerikanische Lektüre. Es nennt sich selbst »the handsomest Guidebook in the World«, »the most beautiful Book of Western Scenery ever issued«, »the most complete, accurate and reliable Transcontinental Guide ever known«, »officially endorsed by the Pacific Rail Road Companies«. Den ersteren Qualitäten liegen etwa dreihundert Seiten Text, mit der unübertroffenen Sauberkeit amerikanischer Typographie gedruckt, und sehr viele theils mittelmässige, theils schlechte Holzschnitte zu Grund. Letztere Eigenschaft ist die beachtenswertheste. Wir haben es mit einem offiziellen Rhapsoden zu thun, der seine Inspirationen auf richtige Yankeeart aus der Kasse der Pacific Rail Road Companies bezogen hat. Mister Williams hat, wie er selbst in der Vorrede sagt, zum Zweck seines Buches neun Monate hier herumgereist, er hat vier grosse »Editorial Parties representing over 150 Journals and a total Circulation of over 3 000 000« zu den »Wonders of the West« geführt und ist in Folge dessen in der Stimmung, die Gegend, die uns scheusslich vorkommt, als »wonderful« und »overwhelming« zu preisen. Wenn die Leistungen der Pacific Rail Road Companies nur halbwegs proportional waren den Leistungen des Mister Williams, so muss dieser Edle schweres Geld gekostet haben.

Es ist bezeichnend für die Gegend, dass fast jeder zerbröckelte, röthlich verwitterte, gemeine Felsblock, der aus der unendlichen Kalkgrube über Mannshöhe herausragt, einen hochtrabenden Namen besitzt. So ein Felsblock hat meist eine gewisse Aehnlichkeit mit alten Ziegelmauern bei uns, die eben abgebrochen werden, ist gewöhnlich sehr unschön geformt, mit Einem Worte gemein. Mister Williams aber vermag das alles bezaubernd, entzückend, überwältigend zu finden und vor jedem derartigen Gebilde wollüstig die Augen zu verdrehen und ein halbes Dutzend frohlockender Bocksprünge zu machen.

Was müssen die armen Emigranten hier ausgestanden haben, als es noch keine Pacific Eisenbahn gab, als sie noch Monate und Monate lang mit Pferden und Karren sich über die endlose Alkaliwüste zu schleppen hatten. Wie viel Jammer und Elend mag hier gelitten, wie viel sehnsüchtige Seufzer mögen hier dem fernen Kalifornien entgegengeschickt worden sein. Und waren sie endlich am Ziel ihrer Qualen, wie oft wurde bitterste Enttäuschung ihr Lohn. Denn auch Kalifornien ist durchaus nicht das Land, wo überall Milch und Honig fliesst. Ein Dritttheil des Staates ist Wüste, und alle die ekstatischen Schilderungen seiner Schönheit und Fruchtbarkeit sind Uebertreibung und von den Pacific Rail Road Companies bezahlter, berechneter und bewusster Schwindel. Aber der Schwindel hat sich rentirt und zwar auf doppelte Weise. Denn es fahren jährlich auf dieser theuren Bahn nicht blos Tausende hoffnungsvoll von Osten nach Westen hinüber, sondern auch Tausende um Vieles ärmer und fluchend wieder zurück.

Der ganze tägliche Verkehr beschränkt sich auf vier Züge, je einen Express- und je einen Emigrantenzug ostwärts und westwärts. Erstere brauchen zwischen New York und San Francisco genau sieben Tage und sieben Nächte, letztere zwei bis drei Wochen. Auch der Expresszug hält auf allen Stationen, oft länger als begreiflich, und seine Schnelligkeit bleibt hinter dem bei uns mit diesem Ausdruck verknüpften Begriff der Eile weit zurück.

Von den Stationen sieht eine so ziemlich aus wie die andere. Täglich drei sind dadurch hervorragend, dass man eine halbe Stunde Zeit hat, die üblichen drei Mahlzeiten zu nehmen. Noch während wir in eine solche Breakfast- oder Dinner- oder Supper-Station einfahren, tönt uns von der Restauration eine Glocke oder ein Gong die Aufforderung zum Besuch in die Ohren. Sind zwei oder drei Konkurrenten vorhanden, so sucht jeder den anderen durch Lärm zu überbieten. Oft erfreut das Auge an solchen Oasen ein plätschernder Springbrunnen, der jedoch nur so lange spielt als der Zug hält, und etliche dünn belaubte Bäumchen, die sich bemühen einen grünenden Garten zu heucheln. Ein grosses Wasserreservoir hoch auf Pfählen errichtet, daneben ein kolossales blauweissrothes Windmühlenrad, welches zuweilen knarrend sich in Bewegung setzt um zu pumpen, ein Dutzend hölzerner Schuppen und drei oder vier Erdhütten von chinesischen Arbeitern bewohnt, ein Pferch zum Verladen von Rindvieh, gleich hinter der nächsten Ecke und überall ringsum die öde Steppe – dies ungefähr ist das Bild von all den kleinen Ansiedelungen, die sich bald Humboldt, Bismarck oder Sherman, bald Winnemuka oder Paiute nennen. Weissgekleidete Chinesen sind die Wärter der Tafel, an der Thür steht der Wirth und lässt sich beim Hinausgehen von den Gästen je einen Dollarzettel in die Hand drücken. Denn seit wir den Staat Nevada betraten, sind wir der kalifornischen Silber- und Goldwährung entrückt und wieder im Gebiete der Greenbacks. Auffallend häufig findet man hier in den Restaurationen als Zeugen des Mineralreichthums der Gegend schöne Sammlungen von Kupfer-, Silber-, Zinn-, Antimon- und Bleierzen hinter Glaskästen ausgestellt.