Etwas ganz Unschätzbares sind die Waschzimmer auf allen Stationen und zwar geräumige, reinliche Waschzimmer mit grossen Waschschüsseln und einem Ueberfluss von Wasser, der nichts zu wünschen lässt. Neben jedem Becken liegt ein Stück vortrefflicher Seife, und ausgiebige, bettlakengrosse Handtücher auf Rollen hängen an den Wänden. Wer die Kosten dieses höheren Kulturzustandes trägt, ob die Bahn oder der Restaurateur, weiss ich nicht, aber keinem Menschen fällt es in Amerika ein, für solche selbstverständliche Bedürfnisse Zahlung zu verlangen. Wie viel wirklich vornehmer sind doch diese elenden Wüstenstationen als unsere glänzenden Eisenbahnhöfe, die in Bezug auf gewährte Reinlichkeit mehr den Anschauungen jenes polnischen Juden entsprechen, der einmal verwundert äusserte »Es ist doch sonderbar, dass man sich hie und da die Hände wäscht aber nie die Füsse«.

In Humboldt sah ich meine ersten sechs Indianer, sechs braune, schmutzige und zerlumpte Kerls mit finsterem Gesichtsausdruck und langen straff heruntergekämmten Haaren, graue Filzhüte auf dem Kopf und rothe Decken um die Schultern. Auch zwei alte runzelige Squaws mit einigen halbnackten Kindern eilten herbei und machten sich sofort daran, die Passagiere des Zuges abzubetteln, indess die Männer keine Notiz von uns nahmen.

Von nun an fehlten diese sogenannten Rothhäute fast auf keiner Station, aber nirgends kamen mir mehr als höchstens ein Dutzend zu Gesicht. In Winnemuka waren sie schon ächter. Dort hatten die meisten ihre dunklen Wangen mit Zinnober geschminkt, und selbst ein über und über schmieriger Säugling, welchen eine Squaw in dem bekannten Holzgestell mit Dach auf dem Rücken schleppte, trug seine kleine Stumpfnase mit einem Zinnobertupfen verziert, während die Spuren seiner Ausscheidungen eine aus mehreren Schichten gebildete breite Linie über den Rock der Mutter herab gezeichnet hatten.

Ein Mann von etwa vierzig Jahren ragte gebieterisch hervor, eine stattliche stylvolle Erscheinung voll Trotz und Grimmigkeit in den scharfgeschnittenen Zügen. Gegen ihn waren alle die Anderen nur skrophulöses Gesindel. Der Kinnriemen an seinem Hute war mit Silberplättchen beschlagen, in der Hand hielt er eine Flinte.

Später, zu Battle Mountain, trat in der Bemalung eine zur Ornamentik verfeinerte Mode auf. Quer über Wangen und Nase wechselten horizontale rothe und gelbe Streifen, letztere in einem Falle sogar noch regelmässig mit rothen Punkten besetzt. So unsauber und nachlässig der sonstige Anzug war, in diesen Gesichtsmalereien herrschte die grösste Akkuratesse und Symmetrie. Gerne hätte ich die braunen Söhne der Wildniss sprechen gehört, aber sie unterbrachen niemals ihr düsteres Schweigen, wenn ich sie zu belauschen wünschte, ganz anders als die lustigen Südsee-Insulaner. Ausser zwei hübschen Mädchen in reinlicher europäischer Tracht, die mir zu Ogden begegneten, sah ich kein einziges Indianerindividuum, welches Neigung verrieth, sich mit der Zivilisation auszusöhnen.

Der dritte Morgen der Reise dämmerte mir an den Ufern des grossen Salzsees. Schon gestern Abend waren allenthalben Bergzüge aufgetreten, isolirt aus der Ebene ragend. Endlich erscheinen auch wieder Bäume, und wir fahren in die Hauptstation Ogden ein, die zweite Stadt der Mormonen, von wo sich die Bahn nach Salt Lake City abzweigt.

Mit Ogden wird die Gegend wieder einigermassen menschlich geniessbar und bleibt es auch während der zwei Stunden langsamer Fahrt bis Salt Lake City.

Es giebt zwar keine Bäume ausser künstlich gepflanzten, aber doch sind die zahlreichen Gehöfte bereits mit einem nach zweitägiger Entbehrung doppelt anmuthigen Grün umgeben. Selbst die Berge sind mit eigenthümlichem Farbenreiz geziert. Grosse Flecken von duftig rosarothem Heidekraut überziehen die Gipfel, graugrün und gelb ist der übrige Boden, ein kaltes Weiss bezeichnet die schroffen Abstürze der Felsen. Rechts dehnt sich die dunkelblaue salzige Fläche des Sees innerhalb flacher und sumpfiger Ufer. Salzinkrustationen bedecken die ausgedörrten Tümpel an seinem Rande.

Das weite, sanft zu den Höhen ansteigende Thal bevölkert sich mit einer Menge zwischen Gärten zerstreuter freundlich blickender Häuser, und wo sie am dichtesten sich zusammendrängen, taucht aus ihnen das unförmige graue Schindeldach des Tabernakels empor wie ein Elephant aus dem Gewimmel der Jahrmarktsbuden oder wie ein Walfisch aus den hüpfenden Wellen – Salt Lake City.

Hier hoffte ich ein paar Tage auszurasten. Ein Streetcar mit zwei lebhaften Maulthieren entführte mich von den lotterigen Holzschuppen des Bahnhofs in die Stadt. Aussergewöhnlich breite, rechtwinklig sich kreuzende staubige Strassen sind von schattigen Alleen eingefasst. Neben den Seitenpfaden laufen muntere Bächlein. Die Häuser sind von Gärten umgeben und von Bäumen und Buschwerk anmuthig versteckt. Erst in den zwei oder drei Geschäftsstrassen stehen die Gebäude ohne Unterbrechung neben einander.

Salt Lake City hat etwa 25 000 Einwohner und ist bald durchwandert. Main oder East Temple Street ist die Hauptgeschäftsstrasse, die ganz allgemein amerikanisch aussieht. Ein paar Hotels, Kaufläden aller Art, eine Apotheke, mehrere Bierschenken und Schnapsbuden mit hochtrabenden und buntgemalten Namen setzen sie zusammen.

Am meisten fällt eine spezifische Mormoneneigenthümlichkeit in die Augen, der sogenannte Bee Hive Store, ein grosses dreistöckiges Gebäude aus Ziegelstein mit mächtigen Glasfenstern an der Frontseite. Ueber dem Eingang glänzt ein goldenes Auge Gottes und darum herum in goldenen Lettern die Aufschrift »Holiness to the Lord. Zions Cooperative Mercantile Institution«. Treten wir unter diesem geschmacklosen Emblem der Muckerhaftigkeit ins Innere, so kommen wir in einen riesigen Bazar, in dem alle Artikel des menschlichen Bedarfs von der Dreschmaschine bis zur Nähnadel, vom Bärenpelz indianischer Zubereitung bis zur Küchenschürze, vom Oelfarbendruck bis zum Briefpapier zu haben sind. Die Grundfläche und eine dreifache Reihe von Gallerien übereinander sind mit Waaren bedeckt. In einem umgitterten Raum werden Geldgeschäfte abgemacht. Ein lebhaftes Treiben von Käufern und Verkäufern rechtfertigt einigermassen den Namen »Bienenkorb-Lager«. Das Beste von dem Institut ist, dass es auf Kosten und zum Vortheile der ganzen Gemeinde gehalten wird, dass es also einen Konsumverein grössten Massstabes darstellt. Nur Mormonen dürfen an seinen Wohlthaten partizipiren.

Hinter einem Haufen Kleiderstoffe fand ich dort einen alten Bekannten wieder. Ich war mit ihm auf demselben Schiff von Viti nach Honolulu gefahren. Er gehörte damals jener Konzertgesellschaft an, die in Honolulu von jenem Reverend mit seinem Tower von London so schmählich angeführt wurde, und spielte Trompete. Jetzt schwang er die Elle und schien, als ich ihn ansprach, etwas verlegen sich seiner Künstlerrolle entkleidet zu sehen. Ich erinnerte mich nun, dass damals viel gemunkelt wurde, unter der Konzertgesellschaft befände sich auch ein Mormone.

Die Mehrzahl der Strassen trägt einen stillen, friedlichen, ländlichen Charakter. Man begegnet nicht vielen Menschen. Ueberall Alleebäume und Obstgärten, lange Mauern und Zäune, überall murmelnde Bächlein, die geschäftig dem tiefergelegenen Jordanfluss zueilen. Salt Lake City erfreut sich eines sehr glücklichen Wasserreichthums, ohne welchen bei dem trockenen Klima keine Kultur möglich wäre. Der stets wolkenlose Himmel, die glühende Sonne, die Menge von Staub, die roth betroddelten Maulthiere vor den Streetcars erinnern an den Süden und an Mexiko. Von der Quintessenz des Mormonenthums, der Vielweiberei, ist auf den Strassen kaum eine Spur wahrzunehmen. Nicht etwa, dass da Ehemänner mit zehn Frauen und fünfzig Kindern spazieren gingen. Höchstens draussen auf dem Land sieht man zuweilen einen Bauern fahren, der zwei oder drei jüngere Weiber hinter sich sitzen hat.

Eines der merkwürdigsten Gebäude der Erde ist unzweifelhaft das Tabernakel, welches in Mitte eines eigenen Blocks liegt, umgeben von einer hohen Mauer. Ursprünglich war dieser Block bestimmt, Zentrum der Stadt zu werden. Es erging ihm aber wie dem Kapitol zu Washington. Die Stadt wuchs nicht gleichmässig ringsherum, sondern fast ausschliesslich nach Süden und Osten, und so sieht sich jetzt das Tabernakel etwas auf die Seite geschoben, wenngleich die Strassen von ihm aus gezählt werden. Das Quadrat des Tabernakelblocks und somit die ganze Stadt ist genau nach den vier Himmelsgegenden gerichtet. Die dasselbe begrenzenden Strassen heissen Ost Temple Strasse, Süd Temple Strasse, West Temple Strasse, Nord Temple Strasse. Auf diese folgen parallel und rechtwinklig Erste, zweite Ost Strasse, Erste, zweite, dritte Süd Strasse und so weiter.

Das Tabernakel selbst bedeckt ein reguläres Oval von 76 Meter Länge und 46 Meter Breite. Auf die dieses Oval bildenden verhältnissmässig niedrigen Seitenwände, welche eigentlich nur aus Flügelthüren und massiven Pfeilern bestehen, ist das kolossale und plump vorspringende Schindeldach gestülpt wie eine riesige Eischalenhälfte. Das Innere, ein einziger 24 Meter hoher Raum ohne Abtheilungen, gemahnt an einen Kunstreiterzirkus, weshalb die Gentile-Presse, welche das Mormonenthum aufs Heftigste bekämpft, den Spitznamen »The old Ladies Hippodrome« erfunden hat. Unter »the old Lady« ist Brigham Young, der grosse Prophet und Papst, gemeint. »Gentiles« heissen alle Nichtmormonen.

An dem einen Ende, wo bei uns der Altar sein würde, befindet sich eine Orgel mit gelben Pfeifen, die grösste der Vereinigten Staaten und ganz und gar von einem Mormonen gebaut, wie der uns begleitende Küster stolz betont. Davor erhoben sich staffelförmig die Sitzplätze für die Hirten der heiligen Heerde, zu oberst das gepolsterte Sopha des Präsidenten nach unten durch eine Brüstung getrennt, diesem zunächst die lange Bank der zwölf Apostel, dann jene der Bischöfe und eine Art Kanzel für den das Sakrament spendenden Priester, neben welcher vier grosse hölzerne Fässer heiligen Wassers stehen. Zu welchem Zweck dieser Artikel hier vorräthig gehalten wird, konnte ich aus dem misstrauischen Küster nicht herausbringen. Tambu!

Ein kleiner Springbrunnen, der sich in dem imponirenden Raum erbärmlich ausnimmt, mit vier schmächtigen, schlecht modellirten steinernen Löwen bezeichnet die Mitte. Von der gewölbten Decke hängen gewaltige Lüster aus Fichtenzweigen und Papierblumen und verkehrte Christbäume als geschmackvolle Zierden herab, an den Wänden eben solche Guirlanden und geschmacklose Aufschriften im Style des hier ewig wiederkehrenden »Holiness to the Lord«.

Das Tabernakel soll 12 000 Menschen fassen und durch die vielen Thüren in wenigen Minuten gefüllt und geleert werden können. Nur im Sommer wird dasselbe benützt, im Winter ist es hierzu zu kalt, und dann wird der Gottesdienst in den einzelnen Wards abgehalten.

Es traf sich glücklich, dass während meiner Anwesenheit in Salt Lake City gerade eine grössere Versammlung der Heiligen stattfand. Das ganze kolossale Haus war voll von Männern, Weibern und Kindern. An einem der Eingänge kauerten zwei Indianerinnen mit rothgemalten Gesichtern, zerlumpt und starrend von Schmutz. Auch sie gehörten zu den Mormonen.

Unter der Menge herrschte wenig Aufmerksamkeit auf die Worte jenes Apostels, der eben sprach. Ich sah kein einziges, scharfes, entschlossenes Gesicht vom Schlag des typischen Amerikaners, und die meisten Anwesenden hielten das Maul offen. Die Frauenzimmer waren hässlich, und die orthodoxe, fromme Scheulederhaube, die viele aufhatten, trug nichts dazu bei, sie zu verschönern. Kindergeschrei und der Lärm beständigen Kommens und Gehens trieb mich nach vorn, damit ich von den Reden etwas hören konnte.

Auch unter den Aposteln schienen die dummen Gesichter, denen gegenüber drei oder vier Gaunerphysiognomieen eine Art Intelligenz vertraten, zu prädominiren. Mehrere sprachen nacheinander, wobei wenig Geist und viel Gefasel zum Vorschein kam.

Der ewige Refrain war, dass die Mormonen besser seien als alle anderen Menschen. »Wo beginnt das Reich Gottes? Bei den Vätern und Müttern. Lasst die Väter reinen Herzens sein und lasst die Mütter reinen Herzens sein, und auch die Kinder und die ganze Familie werden reinen Herzens sein. Auch Abraham, Isak und Jakob waren reinen Herzens. Denn sie sind die Gründer des Reiches Gottes, und wir sind die Heiligen des letzten Tages, und weil wir die Heiligen des letzten Tages sind, sind wir reinen Herzens. Hier stehen wir vor dem Volk, hier stehen wir vor der ganzen Welt. Aber wir sind reinen Herzens und gehören zum Reiche Gottes«. Solches redete wörtlich in der grössten Gemüthsruhe ein alter Kerl mit einem abgefeimten Galgengesicht. Er sah gescheidter aus als seine Predigt. Für das stupide Gesindel vor ihm mochte sie allerdings gut genug sein, er hielt es offenbar nicht der Mühe werth sich anzustrengen.

Nach ihm stand ein Apostel von der nicht verschmitzten Sorte auf und sprach ungefähr ganz dasselbe, als ob er zeigen wollte, dass er gut aufgepasst habe. Vielleicht auch ist es wahr, was mir ein Gentile anvertraute, dass die Apostel insgesammt nur etwa ein Dutzend Reden im Vorrath haben, mit dem sie Jahr aus Jahr ein ihre geduldige Heerde erbauten. Alle diese Figuren von Krämern und Schlächtern, jedes idealen Zuges baar, die sich da als Gesalbte des Herrn geberdeten und von der Kanzel herab mit auswendig gelernten Phrasen herumwarfen, widerten mich aufs Intensivste an. Welches Mass menschlicher Dummheit setzte die Möglichkeit einer solchen Machtentfaltung solcher Apostel voraus.

Brigham Young sass in seinem Sopha so tief hinabgerutscht, dass nur der oberste Theil seines greisen Hauptes über der Brüstung sichtbar war. Er las eine Zeitung und kümmerte sich nicht um den Unsinn, den unter ihm die Anderen schwatzten.

Endlich richtete er sich etwas auf, als sein Sohn zu ihm trat und neben ihm Platz nahm. Die angelegentliche Konversation, die sich nun zwischen beiden entspann, gab mir Gelegenheit, den alten berühmten Propheten eingehender zu betrachten. Er trug eine dunkle Brille und sah bereits sehr gebrochen und altersschwach aus.[11] Sein unförmig dicker Hals schien kaum mehr die Kraft zu haben, den grossen kahlen Kopf, welchen ein amerikanischer Kehlbart halb umrahmte, zu tragen. Ich konnte nichts Imponirendes oder Ehrwürdiges an ihm entdecken. In seinem Blick lag etwas Giftiges, Boshaftes, und sein Gesammteindruck war mir der eines ganz ordinären, von Gewissensbissen geplagten Wucherers am Rande des Grabes, der niemals in seinem Leben edlerer Gedanken fähig gewesen.

[11]: Brigham Young ist mittlerweile 76 Jahre alt am 29. August 1877 gestorben.

Eine Pause entstand unter den Predigten. Keiner der Heiligen schien sich inspirirt zu fühlen. Da stupfte Brigham Young seinen Sohn an, worauf dieser das Wort ergriff, indem er sich ungeschlacht mit dem Ellbogen auf die Brüstung lümmelte. Auch Young junior hat bereits eine Glatze und mag hoch in den Vierzigen stehen. Er trug einen gewöhnlichen grauen Rock, und auch seine Züge waren gewöhnlich. Die kurze Rede jedoch, die er hielt, hatte allein unter allen, die ich gehört, etwas Feuer und Geist.

Als er zu Ende war, intonirte die Orgel eine Melodie, und ein Chor von Sängern und Sängerinnen hinter dem Prophetensopha sang mit guten und kräftigen Stimmen einen Choral, der mir sehr wohlklingend vorkam, nachdem ich schon lange nichts derartiges mehr gehört hatte. Hierauf ging die ganze Versammlung durch die gleichzeitig geöffneten Thüren nach sämmtlichen Himmelsrichtungen auseinander.

Das Mormonenthum ist wohl jene Konfession, die an Abgeschmacktheit, Verschrobenheit und Lüge alle anderen derartigen Erzeugnisse der so Bedeutendes leistenden anglo-amerikanischen Sektirerei übertrifft. Die Abgeschmacktheit beginnt schon mit der Persönlichkeit des Gründers Joseph Smith, aus dessen Kopf das ganze abstruse Zeug entsprang. Sein Bild ist in jedem Laden von Salt Lake City zu sehen. Man denke sich eine moderne Kellnerfigur mit glattrasirtem Gesicht und ängstlich glattfrisirten Haaren, mit hoher Halsbinde und langem Biedermeierfrack, die sich als Religionsstifter neben Moses, Christus, Mohamed stellt, die plötzlich mit ehernen von Gott mitgetheilten Gesetzestafeln auftritt, nächtliche Besuche von Engeln zu empfangen behauptet und ein neues Evangelium, »the Book of Mormon«, schreibt, in welchem die Sprache des alten Testamentes plump und ungeschickt nachgeahmt wird. Wer sich von der äussersten Widerlichkeit überzeugen will, bis zu der menschlicher Wahnwitz sich verirren kann, der lese einige Seiten aus dieser »Mormon Bible«.

Und das Machwerk einer solchen Karrikatur konnte nicht blos begeisterte Anhänger gewinnen, sondern auch Dinge vollbringen, die in der Kulturgeschichte eine achtenswerthe Rolle spielen. Tausende schaarten sich um den neuen Propheten, trotzten allen Anfeindungen und zogen tausende von Meilen durch die Wüste, um als neues Israel ein neues Jerusalem »Das Reich der Heiligen des jüngsten Tages« zu gründen.

Jetzt freilich ist es vorüber mit der Macht des Mormonenthums, und der grosse sechsthürmige Tempel, den Brigham Young zu bauen geplant hat, wird bis auf die bereits fertigen Mauern und das öde und verlassen gegen Himmel starrende Gerüst unvollendet bleiben. Die Pacific Eisenbahn hat dem Reich der Heiligen den Todesstoss gegeben. Immer mehr Gentiles kommen nach Salt Lake City, und immer mehr muss sich die auserwählte Heerde vor ihnen zurückziehen. Innere Zwistigkeiten nagen an ihrer Lebenskraft, die Apostel werden von der schnöden weltlichen Gerechtigkeit als gemeine Verbrecher, Räuber und Mörder entlarvt, die Proselyten fliessen immer spärlicher, und nur eine grössere Anzahl liederlicher Weiber, die ihren Männern entlaufen sind, namentlich aus Dänemark, Norwegen und Schweden, liefern noch jährlich einen stehenden Zuwachs. Die Gentile Presse leistet an Grobheit, Verachtung und Spott gegen die Mormonen amerikanisch Unübertreffliches. Man braucht nur eine einzige Nummer des »Salt Lake Daily Tribune« in die Hand zu nehmen, um sofort zu erkennen, dass das Mormonenthum jeden Schatten von Macht verloren hat.

An sonstigen Merkwürdigkeiten besitzt Salt Lake City ein Theater, ein Museum für Alles, eine kleine, aber fürchterliche Gemäldesammlung, das Schloss des Propheten, eine gothische Methodistenkirche und warme Quellen mit Badegelegenheit. Brigham Youngs und seiner vielen Weiber Behausung ist eben so geschmacklos wie die meisten Erzeugnisse seines Geistes. Eine dicke Mauer aus Bruchsteinen und Mörtel mit sehr vielen konischen Thürmchen aus demselben Material umgibt dieselbe, über dem Thor sitzt ein schadhafter hölzerner Adler, und unter ihm stiert wieder das so beliebte Auge Jehovas aus seinem dreieckigen Strahlenkranz. Das beste Gebäude der ganzen Stadt ist noch das Theater, wenngleich ein Kunstpedant an den allzu schlanken dorischen Säulen der Eingangshalle sich vielleicht stossen könnte. Auffallend häufig begegnet man hier skandinavischen Namen. Es fehlt indess auch nicht an Deutschen, Franzosen und Italienern, und auch der schlitzäugige »Yun Lee« oder »Sun Wau« ist mit seinem stereotypen »Washing and Ironing« schon bis hierher gedrungen.

Die Mormonen rühmten sich stolz, ein Mikrokosmus für sich zu sein, alle ihre Bedürfnisse selbst zu decken und keine fremden Produkte zu benöthigen. Spuren dieses Strebens sind überall noch bemerkbar, aber vorwiegend die üblen Einflüsse desselben. Mit Abgeschlossenheit und ängstlichem Fernhalten des belebenden Anstosses von Aussen hat es noch kein Gemeinwesen weit gebracht. Nur ein Stagniren der Talente und Kräfte ist die Folge eines solchen Systems.

Ich würde den Abstecher nach Salt Lake City vielleicht gar nicht gemacht haben, wenn mich nicht der Salzsee selbst mit seinen zwanzig Prozent Salzgehalt gereizt hätte, in ihm ein Bad zu nehmen. Früher konnte man aus vier Tonnen seines Wassers eine Tonne Salz durch Abdampfen gewinnen, jetzt sind hierzu fünf Tonnen nöthig. Der See wird dünner, sein Niveau steigt, möglicherweise in Folge eines stetigen Emporrückens des ganzen Landes, dessen höher werdende Berggipfel den Wolken immer mehr Feuchtigkeit abzuzwingen vermögen.

Eine breite gelbe Marschzone, durch die sich der Jordan mit seiner grünen Einfassung von Weiden und Pappeln schlängelt, trennt die Stadt und den See, und um in ihm zu baden, muss man mit der Western Utah Eisenbahn zwei Stunden nach Lake Point fahren, wo die Berge unmittelbar an sein Ufer treten.

Die Western Utah Eisenbahn war erst seit kurzer Zeit im Gang und hatte noch keine starke Frequenz. Sie reichte bis zu einer etwa doppelt so weit als Lake Point entfernten Bleimine »Ophir City« und brachte täglich einen Zug hin und zurück. Wir fuhren so langsam, dass man nebenher hätte laufen können, die Lokomotive hatte nur drei offene Wagen zu schleppen, die mit Minergestalten besetzt waren.

Es war ein herrlich schöner Tag, wolkenlos wie fast alle hier zu Lande im Sommer und Herbst. Die Luft zitterte glühend über den malerischen kahlen Bergketten ringsum, deren warme Farben von einem wunderbar zarten Duft übergossen erschienen. Gegen Norden die prachtvoll tief blaue Fläche des anmuthig gebuchteten und mit Inselbergen besetzten Salzsees – einige im Vordergrund weidende Pferde und Rinder ausgenommen, der dunkelste Ton in der ganzen strahlenden baumlosen Landschaft, das satteste Blau, welches ich je gesehen. Eine mir neue Art weisslicher Moskitos gesellte sich sehr unwillkommen uns bei.

Da wo zwischen den Bergen und dem See nur mehr ein schmaler Saum für die Bahn bleibt, liegt Lake Point. Weiterhin dehnt sich das Ufer wieder zu einer dürrgebrannten sanft ansteigenden Ebene, in deren Hintergrund eine kleine Ortschaft liegt, während in dem Mittelgrund einzelne niedrige Gehöfte zerstreut sind. Staubwolken steigen allenthalben auf, von langsam sich vorwärts bewegenden Pünktchen, welche Reiter oder Wagen vorstellen, erzeugt.

Lake Point besteht nur aus einem zweistöckigen Hotel, einem in den See hinausragenden Pier für ein zu Vergnügungsfahrten bestimmtes Dampfboot, sowie mehreren Badehütten, und ist ein reizend stiller, einsamer Winkel. Nur selten unterbricht das Zwitschern eines Vogels die herrschende Ruhe. Heuschrecken schwirren über die gelben Grasstoppeln hin. Unter diesen sah ich häufig eine Art, welche ich anfangs für Trauermantelfalter hielt. Ganz dieselben schwarzen, gelbgeränderten Flügel, ganz derselbe flatternde aber ausdauernde Flug wie jene Schmetterlinge.

Ich verfügte mich sofort in die dicke Salzlake des Sees und überzeugte mich von der bereits gelesenen Thatsache, dass man in ihr nicht untertauchen kann. Es war ein höchst sonderbares, fremdartiges Gefühl, so getragen zu werden. Gleichwohl würde ein des Schwimmens Unkundiger in dieser zwanzigprozentigen Flüssigkeit eben so sicher ertrinken wie in destillirtem Wasser. Das nachgiebige Medium sucht den Körper beständig horizontal zu legen, und bei der geringsten Bewegung dreht man sich um die eigene Achse, so dass das Gesicht und damit die Oeffnungen für die unentbehrliche Athemluft bald nach oben bald nach unten sehen, wenn man nicht durch zweckmässiges Benehmen dagegen anzukämpfen weiss. Ich fand es nicht schwer, durch sorgfältiges Biegen und Strecken des Körpers auch in aufrechter Stellung mit gekreuzten Armen das labile Gleichgewicht längere Zeit zu erhalten. Man steht dann im tiefen Wasser, nur bis zu den Brustwarzen eintauchend, wie eine lebende Senkwage. Weniger leicht und äusserst ermüdend fand ich das Vorwärtskommen. Ein Leander oder ein Kapitän Webb wäre im Grossen Salzsee von Utah kaum denkbar.

Noch eine andere Erfahrung wurde mir zu Theil. Wenn schon die Salzfluth des gewöhnlichen vierprozentigen Meeres abscheulich schmeckt, so ist dies hier noch viel intensiver der Fall. Bei meinen verschiedenen Experimenten geriethen mir etliche Tropfen durch die Nase in den Schlund, und ein sofortiger Brecherguss war die interessante, aber unangenehme Folge davon. Es soll auch, wie ich mich später erkundigte, noch keinem Menschen vergönnt gewesen sein, einen derartigen Reiz ohne solche Reaktion auf sich wirken zu lassen.

Eine Menge kleiner Krebse aus dem Geschlecht der Artemien tummelte sich um das Pier herum. Ich fing ihrer ein paar Dutzend, und da sie alle ziemlich tief schwammen, und die einzig mögliche Fangmethode mittels der luftgefüllten Flasche, die ich plötzlich umdrehte, so dass das Wasser und zugleich einzelne Thierchen hineinstürzten, umständlich und langweilig und die Temperatur des Sees sehr kalt war, so fror ich beträchtlich, und zähneklappernd entstieg ich dem lehrreichen Bade.

Als der primitive Bummelzug aus Ophir City am Abend mich wieder abgeholt hatte und wir nach Salt Lake City zurückdampften, brauchten wir für die kurze Strecke noch länger wie am Morgen. Einmal fuhren wir auf einer Zweigbahn in einen abseits gelegenen Sandbruch ein, um einen Sandwagen anzuhängen, und zweimal mussten wir mitten in der Ebene halten, zuerst weil ein Bauer seinen leeren Karren auf den Schienen hatte stehen lassen, bis der Lokomotivführer ihn in den Graben hinabschob, und dann weil drei Ochsen eigensinnig darauf bestanden, lustig mit hoch erhobenen Schwänzen vor uns her zu traben. Und während wir gerade im vollen Lauf waren, hatte ich doch noch immer Zeit genug, schnell herab zu springen, eine unvorsichtige Natter, die an der Böschung hinkroch, einzuheimsen, nachzulaufen und wieder aufzusteigen.

Ehe ich Salt Lake City für immer verliess, machte ich noch einen Spaziergang nach Camp Douglas.

Vor ungefähr dreissig Jahren, als Brigham Young sich stark und entfernt genug fühlte, der Regierung in Washington Trotz zu bieten, sandte diese mit riesigen Kosten ein Heer unter General Douglas aus, um ihn zu unterdrücken. Camp Douglas, das ehemals befestigte Lager der Expedition, auf einer die Stadt beherrschenden Höhe im Hintergrunde gegen die Berge zu gelegen, erzählt noch heute von jener Geschichte und beherbergt noch heute eine kleine Besatzung, obwohl die Macht des Mormonenthums längst gebrochen ist.

Links und rechts von der ansteigenden staubigen Strasse eilen tief verborgen unter staubbedeckten Artemisiabüscheln kleine Bäche herab, überraschend mitten in der dürren Wüste. Camp Douglas selbst ist wieder eine grüne Oase, ein schöner quadratischer Exerzierplatz mit Akazienbäumen bepflanzt und umgeben von Barackenkasernen und Offizierswohnungen mit sauberen blumenreichen Gärtchen davor. Am Eingang stehen die Wache und einige alte Geschütze. Der Posten hatte vier scharfe Patronen im Gürtel stecken, zu welchem Zweck, blieb mir bei der Abwesenheit eines Feindes und bei der sonstigen Gemüthlichkeit, mit welcher der Dienst betrieben zu werden schien, räthselhaft.

Es war Abend, und die grosse Flagge, die von der Spitze eines hohen Mastes wehte, sollte niedergeholt werden. Die ganze Besatzung, etwa hundert Mann, lauter Artillerie, versammelte sich in Reih und Glied zum Appell. Vier Offiziere stülpten weisslederne Handschuhe über die Finger und rasselten mit ihren Säbeln, mehrere Soldaten trugen statt des Käpis einen Schlapphut. Die Sonne ging glühend unter. Die Wache trat ins Gewehr, ein Trompetensignal, ein Trommelwirbel, ein Kanonenschuss, und das Sternenbanner stieg langsam und gravitätisch herab.

Unten im weiten ebenen Thale lag friedlich die Stadt mit ihren rechtwinkligen Blöcken von Häusern und Gärten, die vom Schein des wolkenlosen Abendhimmels glitzernde Fläche des Salzsees und der Silberfaden des Jordanflusses. Ringsum die blauen Berge. Nach Osten zieht sich der Telegraphendraht in einen Sattel hinauf. Er geht noch den alten Weg, den einst die Auswandererzüge nach Kalifornien genommen haben, ehe die Pacific Railroad existirte.

XXVI.
VON SALT LAKE CITY NACH NEW YORK.

Frömmigkeit und Prellerei. Emigrantenzüge. Die Prairien. Omaha. Eine unangenehme Nacht. Präsidentenwahl zum Zeitvertreib. Niagara Fall und Stadt. Das Amerikanische und das Kanadische Ufer. Praktischer Sinn der Niagarenser. Herbstliche Färbung.

Ogden ist ungefähr halbwegs zwischen San Francisco und Omaha. Von hier an heisst die Bahn Union Pacific und die Passagiere haben hier die Wagen zu wechseln. Die Leiter dieser Linie scheinen mit grosser Frömmigkeit begnadet zu sein. Denn in jedem Wagen liegt eine Bibel auf. Ich habe aber nie jemand darin lesen sehen. Die Mucker befolgen die nämliche Politik wie die Schneider und Quacksalber. Es bleibt doch immer ein Weniges hängen, auf diesem psychologischen Moment beruhen ebensowohl die überall herumgestreuten Traktätlein und Bibeln, als die überall an die Felsen geklecksten Reklamen.

Als ich in Ogden einstieg, um weitere drei Tage Pacific Bahn abzubüssen, kam der Gepäckmann, nahm mir meine Flinte ab und sagte, ich müsse einen Dollar zahlen dafür dass er sie aufbewahre. Ich war empört über solche Zumuthung, die ich für einen plumpen Schwindel hielt. Und doch war der gute Gepäckmann in seinem Recht. Denn als ich mich bei dem nächsten Superintendent in Evanston beschwerte und frug, was denn dieser Dollar eigentlich zu bedeuten habe, ob Strafe oder Zoll oder Extrafracht, nachdem ich für mich und meine Koffer bereits Alles bezahlt, wurde mir die Antwort zu Theil, die Direktoren der Linie hätten ihren Bediensteten das Privilegium gegeben, jede Flinte der Passagiere aufzubewahren und dafür einen Dollar zu berechnen.

Es war gewiss eine ganz lobenswerthe Vorsicht den Passagieren ihre Waffen einzusperren, in einer Gegend, die vor noch nicht sehr langer Zeit dem Auswurf des Erdballs als Sammelplatz und Schlupfwinkel diente, wo vor Kurzem noch Mord und Todtschlag die Tagesordnung beherrschte und die Hälfte der Bevölkerung »in den Stiefeln«, das heisst auf dem Wege des Todtgeschossen-, Todtgestochen-, Todtgeschlagen- oder auch Lynchweise-gehenktwerdens starb. Dafür aber noch Bezahlung zu verlangen, war eine schmähliche Prellerei. Von Omaha bis Chicago auf der Rock Island Pacific kostete die Flinte abermals einen Dollar Privilegium.

Da die Gegend wieder zu abscheulich und trostlos wurde, um sie anzusehen, nahm ich wieder Mister Williams Pacific Tourist zur Hand, um mich wenigstens an den Schilderungen der mir unfassbaren Schönheiten schadlos zu halten.

Im Thal von Uintah zeigten sich einzelne Fichten auf den Bergen, und Schneestreifen schmückten die Furchen ihrer Gipfel. Im Vordergrunde eine Geröllebene, durch die sich schmutzige Bäche ziehen, gelbe Weiden und Pappeln an den Ufern. Ein Emigrantenkarren stand unten am Bahndamm. Die Pferde waren ausgespannt und weideten das spärliche dürre Gras ab. An einem Feuer sass die Frau mit zwei zerlumpten Kindern und kochte, unweit davon am Rande eines Wasserlaufs sass der Mann und hielt eine Angelruthe in die trübe Flüssigkeit. Ob diese weisse Zigeunerfamilie westwärts oder ostwärts wanderte, war nicht zu entscheiden.

Noch jetzt also giebt es abenteuerliche Existenzen, die trotz der Bahn in der alten beschwerlichen, langsamen Art durch die öden Wildnisse reisen. Später einmal in der Dunkelheit passirten wir ein grösseres Lager von Emigranten mit mehreren Wachtfeuern.

Bedauerlicher Weise kam auch hier wieder die Nacht, als wir den zweiten landschaftlich genussreichen Abschnitt der Bahn, die durch Ausläufer der Rocky Mountains hergestellte Unterbrechung der ewigen Gegend, passirten. In aller Frühe des nächsten Morgens dehnte sich die monotone Ebene der Laramie Prairien vor uns, und im Laufe des Vormittags hielten wir an der Station Sherman, 8242 Feet oder 2510 Meter über dem Spiegel des Meeres. Dies ist der höchste Punkt der Bahn, von dem aus das Land gegen Osten abzudünen beginnt. Sherman war auch damals für mich der höchste Punkt, den ich je erreicht hatte.

Fast alle die elenden primitiven Stationen, durch die wir nun fuhren und an denen wir leider auch hielten, hatten hochtrabende Namen. Nur eine einzige und nicht die schlechteste hiess, wie sie eigentlich insgesammt heissen sollten, nämlich Miser. Etwa zwanzig Blockhütten sind in einer Reihe neben den Schienen aufgepflanzt. Weissgemalte Bretterfronten mit bombastischen Aufschriften in grossen Lettern und allen Farben sollen ihre wahre Natur maskiren. »City Emporium« nennt sich zum Beispiel so ein Bauwerk. Ein Stiefel hängt vorne heraus, und ein krummbeiniger schäbiger Kerl mit einer Schnapsnase und einem Pfeifenstummel steht unter der Thüre. »Drinking Saloon, Drinks 12½ Cents«, worunter aber hier zu Lande 15 Cents zu verstehen sind, da es keine einzelnen Cents und noch viel weniger halbe giebt, lautet der Titel einer anderen, die bei uns zu schlecht für eine Almhütte wäre. Biegt man um die nächste Ecke der Ortschaft, so ist man bereits in der dürrgebrannten Wüste, die auf- und ab undulirend, bis zum Horizont sich ausdehnt, und über welcher sehr wirkungsvoll schöne blaue Berghäupter mit Schneeflecken emportauchen. Hie und da sind vielleicht noch ein paar umzäunte Vierecke für Rinder, umzäunt in jener amerikanischen Art, die ganze Balken zickzackförmig in einander legt, eben so viel Zaunmaterial als Boden verschwendend.

Immer weiter und weiter geht unsere Fahrt. Aber nicht etwa mit der erwarteten rasenden Schnelligkeit des Amerikanerthums, sondern so langsam und mühselig, dass ein deutscher Bummelzug uns einholen könnte. Links und rechts hat die Gluth der Lokomotive einige Grasstoppeln angezündet. Die prasselnden Flammen schreiten jedoch nicht weit, denn es weht kein Wind, und die Stoppeln ragen einzeln und inselweise aus dem trockenen staubigen Schlammboden. Zuweilen lassen sich in der Ferne weidende Antilopen sehen, in kleine Gesellschaften von vier oder sechs Stück vereinigt. Sie nehmen keine Notiz von uns, wenn sie nicht gerade sehr nahe sind, und dann gallopiren sie eilig über die nächste Terrainwelle.

In Medicine Bow kampirte ein kleines Kommando Soldaten unter Zelten und führte offenbar ein sehr armseliges Dasein. Zwei Wachen standen auf beiden Seiten unter Gewehr, als ob der Feind in der Nähe sei. Es war eben wieder einmal Indianerkrieg in den Black Hills, und in Laramie lagerte noch mehr Militär. Auch Bäume gab es hier, sie schienen sich aber nicht wohl zu fühlen.

Endlich kam ein kleines Excitement, die Dale Creek Schlucht nämlich, über die eine äusserst verdächtige Brücke, 40 Meter hoch, 200 Meter lang und aus Holzfachwerk, führt. Der Zug bremste seinen Lauf zu der Geschwindigkeit eines Fusswanderers, dann gings behutsam und sachte auf das morsche Gestell. Die Balken krachten und stöhnten, und das ganze Gebäude, die Brückenpfeiler, das Schienengeleise und unser Zug fingen an hin und her zu wackeln, dass man sich unwillkürlich an den Sitzpolstern festhielt. Nach Mister Williams ist die Brücke »one of the Wonders on the great Transcontinental Route«, und diesmal hatte er Recht.

Bald darauf kam ein einsames Haus in der baumlosen Ebene, welches unter den Passagieren ebenso viel Aufregung verursachte, wie auf hoher See ein Schiff in Sicht. Alle drängten sich an die Fenster um es zu sehen. Interessant wären mir die unglückseligen Geschöpfe gewesen, die es bewohnten und von denen keine Spur zu entdecken war.

Sehr oft unterbrechen Schneegallerien das Tageslicht. Man fährt dann eine Viertelstunde im Dunkeln und sieht weiter nichts als die dünnen Striche Sonnenschein, die durch die Spalten zwischen den Brettern vorbeiblitzen, was übrigens ungefähr eben so amüsant ist als der Anblick der unverhüllten Landschaft. Merkwürdig war mir, dass diese Schneegallerien fast mitten in der Ebene die Eisenbahn überdeckten, an Stellen, die nur ganz unbedeutende Einsenkungen zeigten. Wir hatten auch manchmal weite Umwege um solche flache Mulden zu machen. Allerdings mag der nivellirende Sturmwind, der im Winter über die Steppen braust, gerade in diesen scheinbar so geringen Vertiefungen genug Schnee zusammenfegen, und die Reste vertrockneter Bäche, die sich wie Muren durch sie hinziehen, deuten auf mächtige Wassermengen.

Auf der Station Sidney im Staate Nebraska, von welcher aus der nächste Weg zu den gerade nördlich gelegenen Black Hills abgeht, und zu der wir am zweiten Abend gelangten, trieben sich viele Indianer herum. Es waren regierungsfreundliche Rothhäute unter weissen Offizieren, lauter jugendlich kräftige Gestalten mit scharfgeschnittenen Zügen. Man hatte ihnen eine Art Uniform und Waffen gegeben, die ihnen viel Freude zu machen schienen, indem sie stolz und grimmig mit dem Säbel rasselten, den Revolver im Gürtel. Die meisten trugen grosse Ringe in den Ohren. Einer hatte schwarz und weisse Federn daran befestigt, einem anderen baumelte eine Schnur mit einem Hasenschwänzchen auf der Schulter herum. Ihre Gesichter waren nicht bemalt wie die der übrigen Indianer die ich gesehen. Wachtfeuer brannten neben dem Stationsgebäude, zu denen die wilde Soldateska eine überaus genussreiche malerische Staffage lieferte.

Am Mittag des 9. Oktober mussten wir nach Omaha kommen. Als ich mich Morgens von meinem Lager erhob, war noch nichts von der Annäherung an das Bereich der Kultur zu merken. Immer noch dieselbe trostlose Ebene. Kein Baum oder höchstens ein paar verkrüppelte. Ueberall kurzes, gelbgedörrtes, mit Staub überzogenes Büffelgras, welches indess auch unsere europäischen Rinder gern fressen sollen, wie mir mein Nachbar sagte.

Wenige Stationen vor Omaha begegneten wir einem westwärts fahrenden Zug, aus dessen Fenstern eine Menge Indianergesichter uns anstarrten.

Farmen und Getreidefelder treten auf. Etwas wie Waldesduft dringt in die Nase, die drei Tage lang nichts als Staub zu kosten bekommen hat. Laubbäume und Gebüsch in Menge, ein wirklicher kleiner Wald, und wir sind in Omaha.

Omaha ist jetzt eine Stadt von vielleicht 25 000 Einwohnern und für den europäischen Reisenden hauptsächlich dadurch interessant, dass es der Endpunkt der Union Pacific ist, dass man hier Züge wechselt, und dass hier das Gepäck mit einer beispiellosen Rohheit umgeladen und »recheckt« wird. Dies geschieht drüben am anderen Ufer des schmutziggelben Missouri, über den eine lange eiserne Brücke führt, in Council Bluffs, welches eine Vorstadt von Omaha darstellt, obwohl es bereits zu Iowa gehört. Der Missouri trennt diesen Staat von Nebraska.

Mit Stolz sah ich, wie mein deutscher Koffer, dem ich nicht mehr viel zutraute, die schwere Probe, ohne Umstände kurz aus dem Wagen auf die steinerne Platform herabgeworfen zu werden, ruhmvoll bestand, während einige amerikanische Kollegen erlagen und platzend ihren Inhalt dem Hohngelächter der fröhlichen Packknechte preisgaben.

In Council Bluffs spaltet sich die Pacific Bahn in drei Zweige. Drei Züge stehen neben einander bereit, um nach Uebernahme der Passagiere sofort gleichzeitig in verschiedenen Richtungen abzudampfen. Ich bestieg den mittleren, der über Rock Island nach Chicago ging. Die Gegend wurde nun hübscher als je, und ich war auch jetzt nach der dreitägigen ästhetischen Hungerkur für landschaftliche Anmuth viel empfänglicher denn je. Niedrige Wälder mit jungen Eichen die daraus hervorragen, wie man sie in Frankreich so oft sieht, wechselten mit Farmen, Obstgärten und abgeheimsten Getreidefeldern, auf denen rothe Kürbisse in der Sonnenhitze zeitigten. Alles sehr hausbacken und gewöhnlich, lange nicht so schön wie unsere deutschen Forste und unsere deutschen Fluren, aber die Wirkung des Kontrastes machte bescheiden und dankbar. Die Policemen auf den Stationen hatten jetzt wieder Uniformen, nicht mehr blos einen metallenen Stern auf der Brust wie westlich von Omaha.

Zwischen Davenport auf dem einen und Rock Island auf dem anderen Ufer wälzt sich der Mississippi dem Süden zu, ebenso schmutzig gelb wie sein Bruder Missouri und landschaftlich eben so reizlos wie dieser. Auf einer eisernen Brücke überschreiten wir ihn und betreten den Staat Illinois.

Bis Omaha waren nur wenige Passagiere im Zuge gewesen, und wir hatten uns dabei recht wohl befunden. Jetzt wurde es aber ungemüthlich. Wir fuhren »Express« und hielten trotzdem auf allen Stationen, die Wagen füllten sich immer mehr mit Menschen, die kamen und gingen. Ich hatte unglücklicherweise mein Bett und damit auch die Berechtigung zum Gebrauch des vollständig besetzten Saloon Cars einer Dame abtreten müssen und war somit gezwungen, die Nacht auf einem gewöhnlichen Sitz unter dem gewöhnlichen Eisenbahnpöbel zuzubringen, da es von nun an nur mehr Eine Klasse gab.

Ich bin niemals mit einer widerlicheren Menschensorte in Berührung gekommen als in jenen vierundzwanzig Stunden, in denen ich das nördliche Illinois durchkreuzte. Der ungebildete Durchschnittsamerikaner ist bekanntlich ein geborener Lümmel und rücksichtslos gegen Andere aus Grundsatz. Er hat eine gewisse Vorliebe, Anderen auf die Füsse zu treten, Andere zu rempeln und sich gerade dahin zu setzen, wohin ein Anderer eben seinen Hut gelegt hat. Lässt man irgend einen Gegenstand zu Boden fallen, gleich hat er seine Stiefel darauf und mit einer staunenswerthen Flinkheit hat er ihn vollgespuckt. Von all diesen Liebenswürdigkeiten erfuhr ich reichliche Proben, und ich müsste eben so ekelhaft werden wie jener Theil des souveränen Volkes von Illinois, in dessen Mitte ich jene vierundzwanzig Stunden zuzubringen hatte, wollte ich zu schildern versuchen, was man in solcher Gesellschaft von der nationalen Leidenschaft des Spuckens allein erleben kann.

Die demokratische Gleichberechtigung Aller ist gewiss ein sehr schöner Gedanke. Wenn nur nicht die Geruchswerkzeuge und andere Empfindungsorgane so oft gegen die Praxis desselben protestirten. Auch der amerikanische Frauenkultus ist zweifellos eine schöne Sache. Wenn nur nicht hier zu Lande jede feiertäglich geputzte Stallmagd, die auf zehn Schritt nach ihrem nützlichen Berufe duftet, eine Lady zu sein und ladyhafte Ansprüche machen zu müssen glaubte. Ich sehnte mich lebhaft nach unserem europäischen, sonst so verwerflichen Kupeesystem, bei dem man doch wenigstens nur mit sieben unangenehmen Subjekten zusammengesperrt werden kann.

An manchen Städten und Städtchen gings vorüber, von denen noch nichts in der Geographie steht, die aber doch schon viele tausend Einwohner haben, und in denen ein emsiges Leben von qualmenden Fabriken, von dampfenden Maschinen, von Kanälen, Strassen und Brücken voller Verkehr pulsirt. Bremen (sprich »Brümmin«) hiess eine Station und erinnerte durch die flache, monoton grüne Weidelandschaft und einige Windmühlen an ihre Pathe, das deutsche Bremen. Eine andere hiess Joliet. Der Schaffner rief »Eioleiet«, was jedoch für ein unkundiges Ohr auch »How do you like it« klingen konnte. Joliet ist, wie schon der Name sagt, eine Ansiedlung französischer Abkunft.

Mein ursprünglicher Plan war gewesen, einen oder zwei Tage in Chicago zu bleiben. Ich gab ihn auf, um die lästige Reise so bald als möglich hinter mir zu haben, und fuhr gleich wieder weg. Nur den Niagara durfte ich mir nicht schenken. Ich war wahrscheinlich zum ersten und letzten mal in seiner Nähe.

Ich sah somit von Chicago nur einige Aussenstrassen, durch welche die Lokomotive langsam mit der Glocke bimmelte, und einige Masten und Getreideelevatoren, welche das süsse Meer des Lake Michigan repräsentirten.

Zwischen Chicago und Buffalo in den Staaten Indiana und Ohio bevölkerte ein weit besseres, anständigeres Publikum unseren Zug als im Staate Illinois. Es war viel die Rede von der bevorstehenden Präsidentenwahl, und von allen Seiten ertönten die Schlagworte Tilden und Hayes. Eine mir neue Art von Unterhaltung wurde veranstaltet. Man wettete auf die Chancen der beiden Gegenkandidaten unter den Passagieren, vertheilte Stimmzettel und hielt eine Probewahl. Die Republikaner siegten mit einer sehr geringen Majorität. Grosse Begeisterung und nicht endenwollende Cheers auf Hayes brausten durch sämmtliche Wagen des Zuges, bis wir in Cleveland angekommen waren, wo die Meisten ausstiegen.

Schon gestern, als ich noch in Illinois war, hatte ich viel von Wahlen, von Tilden und Hayes gehört. Und da ich noch nicht wusste, um was es sich handelte, frug ich meinen Nachbarn, einen alten stupid aussehenden Farmer. »Ach, die wollen den Governor von Illinois wählen« war die Antwort. Auch er hatte noch keine Ahnung von der Präsidentenwahl.

Wir fuhren das ganze südliche Ufer des Erie-Sees entlang, manchmal so dicht an seinem Rande, dass wir die Brandung hörten und den aufspritzenden Schaum der sich brechenden Wellen sahen. Einige weissglänzende Segel glitten über die grüne Fläche im Strahle der Morgensonne dahin. Das Land war eben und brach am Ufer mit horizontalen Schichtungsflächen, die an den Solenhofener Schiefer erinnerten, senkrecht hinab. Eichenwälder und Obstgärten wechselten mit Feldern von türkischem Korn, dessen Fruchtähren bereits abgeschnitten waren, und zwischen dem rothe Kürbisse lagen, aus welchen man einen beliebten Kuchen, den Pumpkin Pie, fertigt. Farmen, zierliche Landhäuser und zierliche Dörfchen, alle aus Holz, waren hineingestreut.

Von Buffalo im Staate New York bog ich, wie gesagt, nach Niagara ab. In zwei Stunden war ich am Ziele dieser Seitenexkursion, stieg aus und begab mich sofort nach dem Wasserfall.

Kaum hat man den Bahnhof verlassen und befindet sich in der Stadt, so schlägt der brausende Donner der grossen Sehenswürdigkeit ans Ohr. Dieses Naturwunder beherrscht hier Alles. Ihm verdankt die Stadt Niagara ihre Entstehung und ihre Existenz. Es giebt hier keine Industrie, die sich nicht auf den Wasserfall und den Fremdenverkehr bezöge. Und Tag und Nacht bekundet er weithin tosend seine Nähe.

Am anderen Ende einer breiten fast nur aus Hotels und Kaufläden mit allerhand Souvenirschnickschnack zusammengesetzten und merkwürdig todten Strasse ist der Eingang zu ihm und kostet einen Vierteldollar. Auf einer Säule davor steht ein steinerner amerikanischer Soldat, aus Anlass irgend einer gloriosen Begebenheit verurtheilt, seine traurige Gestalt den Augen aller Vorüberwandelnden preiszugeben. »Prospect Park« heisst der umzäunte, von Restaurationen und Photographenbuden bevölkerte Hain, den man zunächst betritt, und von dessen felsigem Rande aus man den ersten Anblick des gewaltigen sich in eine fünfzig Meter tiefe Schlucht stürzenden Stromes geniesst.

Es ist überwältigend, berückend, in die kolossalen Massen zu schauen, die rastlos ohne Ende sich heranwälzen und in ihrer ganzen mächtigen Dicke von mindestens sechs Meter mit weiter Wölbung in den Abgrund sich hinunterbeugen. Auf halbe Höhe prallt diesem Wassergewölbe von unten herauf der glänzende Gischt entgegen, zu phantastischen, ewig wechselnden, ewig kämpfenden Formen geballt. Man fühlt sich unwillkürlich versucht, Kaulbachs Hunnenschlacht in sie hineinzumalen. Das Grossartige des Phänomens spottet jeglicher Beschreibung.

Ein thurmartiger Vorbau nähert sich so sehr dem Bug des Stromes, dass wir ihn mit der Hand zu greifen wähnen. Feiner Staubregen wirbelt ins Gesicht, brüllender Donner erfüllt die Luft und macht die eigene Stimme unhörbar. Wir können uns den Scherz erlauben, so laut als möglich zu schreien – der Nebenstehende merkt nichts davon.

Die Umgebung des durch eine Insel in zwei grössere Abtheilungen geschiedenen Falles ist flach, und ihr ruhiger hausbackener Charakter lässt eine so schroffe Unterbrechung im Lauf des Niagara gänzlich unmotivirt. Erst eine Viertelstunde oberhalb beginnt der bisher gesetzt und würdevoll durch die Ebene fliessende Strom zu schäumen und zu rumoren und über Felsblöcke zu hüpfen, und verräth dadurch seine wilden Absichten. Die plötzlich und unvermittelt sich aufthuende Schlucht ist sein Werk, seit Jahrtausenden nagt er langsam und stetig an dem harten Gestein, und der Fall schreitet nach rückwärts fort. Dieses Rückwärtsschreiten soll im Jahre etwa ein drittel Meter betragen, so dass er in 70 000 Jahren den Erie See erreichen und tiefer legen wird.

Die Wände der Schlucht sind nahezu senkrecht. Durch einen geneigten Schacht stellen zwei auf- und nieder steigende Wagen die Verbindung zwischen oben und unten her, und mit überraschender Schnelligkeit schweben in ihnen die ängstlich sich festhaltenden Passagiere hinab. Für diejenigen, die sich den Fall auch von hinten betrachten wollen, sind unten Führer und wasserdichte Anzüge bereit.

Wir vertauschen in einer Hütte die ganze Bekleidung gegen Wachstuchhose und Wachstuchjacke, ziehen ein paar plumpe Gummistiefel an und stülpen einen Südwester aufs Haupt. Dann klettern wir in dieser ungeschlachten Vermummung, angestaunt von Ladies und Kindern und belächelt von ähnlich uniformirten Gestalten, die zurückkommend uns begegnen, über schlüpfrige Felsen und über schlüpfrige Stege, um das Opfer eines niederträchtigen Humbugs zu werden.

Dichter und heftiger wird der Regen, Windstösse pfeifen von allen Seiten, die Wasser brüllen und donnern, unter den Füssen zittert die Erde. Wir vermögen nichts mehr zu sehen, hundert stechende Tropfen peitschen Gesicht und Hände wie bei einem Orkan auf See, nur dass das Wasser nicht salzig schmeckt. Wir tasten uns blindlings am schwanken Geländer und am Arme des Führers vorwärts auf einem schmalen Brett in unbekannte Regionen hinein, um uns die tobenden Elemente. Wir sehnen uns nach dem Moment, die Augen öffnen zu dürfen, aber vergebens. Das Duschbad wird immer wüthender, und der Führer kehrt um und zieht uns mit sich. Gehorsam und schweigend folgen wir ihm, denn zu sprechen hat keinen Sinn.

In die Hütte zurückgelangt, wo man sich endlich wieder hören kann, erklärt er, dass wir den Fall nun auch von hinten gesehen hätten, verlangt für den Anzug einen halben Dollar und für seine Bemühung ein Trinkgeld nach Belieben, und reicht uns Handtücher dar, das genossene Vergnügen von unserem Körper zu trocknen. Nun begreifen wir, warum die Begegnenden so eigenthümlich gelächelt, und lächeln nun selbst über neue Opfer.

Von hier aus kann man sich entweder in einem Boot ans jenseitige, Canadische Ufer setzen lassen, oder man fährt auf demselben Wege durch den Schacht wieder nach oben und geht über die einen Büchsenschuss unterhalb befindliche Hängebrücke.

Das einmalige Passiren der Brücke kostet abermals 25 Cents, gleichwie das Auf- und Abrutschen im Schacht, das Uebersetzen, der Eintritt in Prospect Park und zu anderen Aussichtspunkten. Die Niagarenser wissen aus ihrer Naturmerkwürdigkeit vortrefflich Kapital zu schlagen. Will der Fremde die Niagarafälle von allen Seiten beschauen, so kostet ihm der Zutritt allein schon etliche Dollars.

Drüben in Canada unter englischer Flagge herrscht dieses System nicht. Man kann dort frei und ohne Zoll von der am Rande der Schlucht hinführenden Strasse die volle Ausdehnung des Niagara übersehen. Grosse und elegante Hotels stehen an der anderen Seite der Strasse und geben dem Ganzen ein vornehmes, reiches Gepräge.

Kaufbuden und photographische Ateliers fehlen indess auch hier nicht. Photographen lauern mit ihren Apparaten am Wege und fragen, ob man sich nicht mit dem Falle im Hintergrund photographiren lassen wolle. Es scheint hier Mode zu sein, ein solches Dokument zu erwerben, um schlagend beweisen zu können, dass man wirklich in Niagara gewesen. Ich verzichtete darauf, mit dem grossen Naturwunder zusammen verewigt zu werden. Das Wetter war zu unfreundlich und kalt, bitter kalt für mich, der ich vor drei Tagen noch in den Wüsten Nebraskas geröstet worden war.

Niagara selbst machte mir den Eindruck der ödesten und todtesten amerikanischen Stadt, die ich jemals gesehen. Es fehlte selbst das Charakteristikum der Streetcars und der vielen Stroh- und Papierabfälle auf den Strassen, weil es hier eben keinen nennenswerthen Handel gibt. Trotz der Anwesenheit zahlreicher Centennial Vergnügungsreisender aus allen Gegenden der Vereinigten Staaten schienen die Kaufläden mit ihren Schwindelwaaren, mit ihren ausgestopften Vögeln und Hirschgeweihen, ihren Muschelkästchen und Photographien, ihren unechten Indianerwaffen und ihren von der Nähmaschine zusammengestoppelten Phantasie-Indianerkostümen schlechte Geschäfte zu machen. Weitgeöffnet und hellerleuchtet suchten sie am Abend vergeblich Käufer anzulocken. Unter den Thüren aber standen die Besitzer und Besitzerinnen und flöteten in den süssesten Tönen »Step in Sir if you please«, »Would not you come in Sir«, »Please come in Sir« – eine sehnsüchtige Fluth von Einladungen bei jedem Schritt, grade wie ehemals in gewissen dunklen Strassen zu Hamburg.

Am nächsten Morgen fuhr ich nach New York. Immer anmuthiger wurde das Land, bis mein alter Bekannter, der Hudson, erreicht war, dessen Reize nach amerikanischer Anschauung sogar mit denen des Rheins zu wetteifern im Stande sein sollen. Rechts guckten die blauen Catskill Mountains hinter den Hügeln des jenseitigen Ufers heraus, links erhoben sich steile Felswände, unter denen der Schienenstrang, den Krümmungen des Flusses sich anschmiegend, uns südwärts geleitete. Segelfahrzeuge und Dampfer belebten die Fläche des Wassers. Ueber den Wäldern lag jene eigenthümliche herbstliche Färbung, die für Amerika charakteristisch ist und sonst wohl nirgends auf der Erde vorkommt. Während bei uns der scheidende Sommer das Grün der Forste in die bekannten, von den Malern so sehr geschätzten, weich gestimmten und harmonischen braunen Töne abklingen lässt, verwandelt sich dort das Laub in grelles Zinnoberroth und schreiendes Pomeranzengelb. Man würde Amerikanern gegenüber eine arge Ketzerei begehen, wollte man Zweifel äussern, dass dieses bizarre Gewand der Natur schön sei. Trägt es ja doch dieselben Farben, die dem Bürger der grossen Republik an seinen Lokomotiven und Häusern, Reklamen und Krawatten so lieb sind.

XXVII.
HEIMKEHR.

Die Centennial Exhibition in Philadelphia. Abschied von New York. Ankunft in England und Landung in Liverpool. Sonntagsöde. Auffahrt des Mayors. Ueber London nach Hamburg.

New York war mir willkommener als je nach einer stürmischen Atlantikfahrt. Die sieben Tage und sieben Nächte Eisenbahn, die ich, abgerechnet Salt Lake City und Niagara, hinter mir hatte, summten noch weitere drei Tage und drei Nächte in meinem Gehirn herum.

Der anfänglich nur auf kurze Zeit projektirte, aber immer wieder und wieder verlängerte Aufenthalt in dem Hause eines theuren Freundes entschädigte mich für die erlittenen Strapatzen. Dank dem wonnigen Gefühle, ein Daheim zu haben, sah ich diesmal nicht viel von der Empire City, die ich bereits von früher her kannte. Und beinahe hätte ich im Genuss dieser körperlichen, gemüthlichen und geistigen Oase auch den grossen Jahrmarktsleviathan in Philadelphia, die Centennial Exhibition, »the Wonder of the Wonders« vergessen.

Offen gestanden, ich ging nur mit Widerstreben hin, weil ich musste. Ich war so übersatt von der ewigen Bombasterei, von all den Lobpreisungen und all dem Geschrei im Styl der Menageriebudenbesitzer. Ich hatte schon so viel schlechtes erbärmliches Zeug gesehen, was sich centennial nannte, Centennial Akrobates, Centennial Minstrels und Centennial Dancers, hatte in San Francisco eine Centennial Hose gekauft, die eine Woche später in Chicago aus dem Leim ging, und in Buffalo ein paar Centennial Schuhe, deren Sohlen an den Felsen des Niagarafalles zurückblieben, hatte verschiedene Centennial Dinners zu mir genommen, und auf der ganzen Reise so viel saueres Centennial Bier getrunken, und war überdies von so vielen lümmelhaften Centennial Vergnügungsreisenden gerempelt und auf die Füsse getreten worden, dass man es mir nicht verübeln kann, wenn ich ein kleines Vorurtheil gegen das Wort hatte.

Ich ging aber dennoch pflichtschuldigst hin nach Philadelphia und betrachtete Alles in drei Tagen und war sehr zufrieden, als ich wieder nach New York zurückkehren durfte. Ich hatte mir fest vorgenommen, mir nicht imponiren zu lassen, und in Folge davon imponirte mir auch nichts in der ganzen Ausstellung.

Das berühmte »Billig und schlecht« brauchte ich zum Glück nicht erst hier schätzen zu lernen. Wieder sah ich mit Entsetzen verschiedene Bilder, die ich schon in Berlin und in Hamburg vor Jahresfrist mit Entsetzen geschaut. Wieder sah ich auch den amerikanischen Soldaten trauriger Gestalt, den ich kurz zuvor in Niagara kennen gelernt. Hier aber war er ein Riese aus Granit gemeisselt und stand vor dem Haupteingang des gläsernen Industriegebäudes, und an seinem Sockel waren sämmtliche Elemente der Kunstkritik, wie hoch, wie breit, wie schwer und wie theuer das Monstrum sei, für Jedermann leicht verständlich zu lesen. Von dem in den Zeitungen ausposaunten Zusammenströmen sämmtlicher Völker der Erde vermochte ich blos einige Chinesen und etliche deutsche Juden, die mit rothen Fezen auf den Häuptern türkischen Tabak verkauften, der in Virginia gewachsen war, zu entdecken. Ich sah Krupps Killing Engine und die vielen Prinzen und Fürsten aus Erz und aus Thon und aus Pappe, die Riesenhand mit der flammenden Fackel aus Frankreich, die Maschinenhölle, den Palast der Frauen, die Horticultural Hall und den Tempel der Künste, ich fuhr auf der kleinen Eisenbahn mehrmals im Kreise herum, ich speiste jedesmal bei einer anderen Nation, aber lieber als alle diese Herrlichkeiten war mir die Rückkunft in New York.

Nur zu bald war auch hier meine Zeit bis zur äussersten Frist abgelaufen. Ich musste fort nach Europa. Abermals nahm ich Abschied, den schmerzlichsten auf der ganzen Rundreise, und der Cunard Dampfer »Scythia« entführte mich von dannen.

Lange noch blickte ich zurück nach jenem winkenden Taschentuch, welches aus dem Menschengewühl des Piers mir Grüsse nachsandte, während das Schiff vorsichtig die Mitte des Stromes zu gewinnen suchte und sich mühselig dem Ausgang zuwandte, ringsum das heftig pulsirende Leben des unruhigsten Hafens der Erde. Wahrscheinlich zum letzten mal zogen die imposanten Häusermassen der Manhattan Insel, wie ich sie früher so oft mit Wohlgefallen betrachtet, an mir vorüber. Wirr durcheinander strebende Fahrzeuge jeglicher Art, in allen Richtungen kreuzende Ferryboote, rastlos mit den grossen Balancirstangen in der freien Luft arbeitend, kleine kräftige Schleppdampfer, mit rauher Stimme brüllend, hinter sich flache Kähne und etliche Eisenbahnwagen darauf, segelnde Dreimastschuner und Vollschiffe, dunkle Mastenwälder und himmelhohe Lagerschuppen über und über bedeckt mit riesigen Aufschriften in bunten Farben – lichter wurden diese Attribute des handelsreichen Hudson, Staaten Island mit seinen Villen, Gärten und Strandbatterien, eine Biegung links, Sandy Hook – und der Atlantische Ozean dehnte sich vor mir.

Es war der 1. November als ich New York verliess, und am 9. November näherten wir uns der irischen Küste. Trotz der ungünstigen Jahreszeit hatten wir nicht einen einzigen Tag schlechtes Wetter gehabt.

Erst jetzt, unmittelbar vor dem Ziele, erhob sich ein Oststurm gerade gegen uns. Aber er konnte der Scythia weiter nichts schaden, als dass er sie ein bischen stampfen liess und sie verhinderte, in Queenstown anzulegen, so dass die dorthin bestimmten Passagiere mit nach Liverpool mussten. Am 10. November, während wir beim Dinner sassen, kam die bergige Südostecke Irlands in Sicht, und am nächsten Vormittag waren wir bei Holyhead. Grimmig pfiff der Wind durch das Takelwerk und weisser Schaum flog spritzend über die grüne See, als die ersten kahlen Felsen von Wales auftauchten und uns in ihren Schutz nahmen. Ich bemitleidete die Fahrzeuge, die nach aussen steuerten.

Gerade an der Ecke, da wo es westwärts ging, kam der Lootse an Bord. Es wurde natürlich auf Alles gewettet, was ihn betraf, auf die Nummer seines Fahrzeugs, auf Krieg und Frieden, auf die Präsidentenwahl, und dass er von letzterer gar nichts wusste, nahmen ihm die Amerikaner sehr übel.

Liverpool ist mit derselben Kalamität einer bei Niedrigwasser für grosse Schiffe unpassirbaren Barre behaftet wie so viele andere weniger berühmte Häfen, was uns leider durch eine praktische Erfahrung klar wurde, indem wir fern von Land in der breiten Mündung des Mersey ankern und auf die Fluth warten mussten. Erst nach zwei Stunden gingen wir wieder weiter, aber langsam und vorsichtig und immer das Loth in der Hand, so dass es dunkel war, ehe wir etwas von Liverpool zu sehen bekamen.

Unsere Landung wurde in einer so langweiligen, ungeschickten und ungemüthlichen Weise bewerkstelligt, dass die heftigsten Vorwürfe losbrachen, und dass man sich nicht zu verwundern brauchte, wenn die Amerikaner spöttisch und verächtlich über dieses erste Stück Europäerthum die Nase rümpften. Die Scythia legte sich nicht an einen der vielen Kais, sondern kettete sich mitten im Wasser an eine Boje, und ein Dampfboot kam, uns abzuholen. Man schickte uns auf das Dampfboot und liess uns eine halbe Stunde warten, bis auch das Gepäck herübergeschafft wäre. Ein widerlich kalter Sturmwind pfiff uns um die Ohren und peitschte uns den Regen ins Gesicht. Die Kajüte reichte nicht für die Hälfte der Passagiere, wir waren den Unbilden des Wetters preisgegeben, und das kleine Fahrzeug schaukelte, von den Wellen bewegt, so sehr, dass die hochaufgethürmten Kisten und Koffer sammt dem Menschenknäuel über Bord zu rutschen drohten. Das wüste Geschrei der Seeleute flog hin und her, keiner schien den anderen zu verstehen, und schliesslich stellte sich heraus, dass doch nicht alle Passagiere und alles Gepäck Platz, und dass das Dampfboot zweimal zu fahren hatte.

Auch in der Ankunftshalle, wo die Zöllner sich unserer Habe bemächtigten, herrschte Konfusion. Unglücklicher Weise war diese eben im Umbau begriffen und alles Holzwerk frisch gestrichen, die Gasbeleuchtung noch nicht vorhanden und kümmerlich durch schmutzige Petroleumlampen ersetzt. Kaum Raum genug um die Koffer zu öffnen. »Einen netten Geschäftsgang haben Sie hier in Europa« höhnte mich ein Yankee, dem ich gar oft widersprochen hatte, wenn er mir die Vorzüge seines Landes über Gebühr zu lobpreisen schien. Diesmal konnte ich nichts erwidern.

Am nächsten Morgen erwachte ich im North Western Eisenbahn Hotel in einem schönen englischen Bett, über mir an der kahlen Wand die zwei Gesetzestafeln des Hauses, von welchen die eine gegen jede Verantwortlichkeit für Diebstähle protestirte, die andere über die Preise Auskunft gab, Bedienung und Bougies, Bäder und Heizung extra gerechnet. Ja, ich war wieder einmal im alten Europa. Wie viel anständiger sind doch drüben in Amerika die Hotels, wo man einfach seine drei, vier oder fünf Dollars zahlt und dafür alle diese selbstverständlichen Dinge erhält.

Draussen regnete es, und mürrisch guckten vor der prachtvollen Säulenhalle der St. Georges Börse die vier ehernen Löwen zu mir herauf und schienen ewig die Nase zu rümpfen. Hinter ihnen ritten traurig auf gleichfalls ehernen Rossen Queen Victoria und ihr Prince Consort, letzterer genöthigt, mit abgezogenem Hut und entblösstem Haupte unaufhörlich seine Hochachtung vor der englischen Nation zu bezeugen.

Gleich der erste Tag, den ich wieder auf europäischer Erde zubrachte, war eine der grössten Unannehmlichkeiten, die dem Menschen in England passiren können, nämlich ein Sonntag. Liverpool bietet auch sonst wohl nicht viel Herzerfreuendes, wenn man nicht selbst zu den reichen Kaufleuten gehört, die vor der Stadt in üppigen Villen wohnen. Heute aber war es hier doppelt unerträglich öde, alle Strassen und selbst der Hafen wie ausgestorben, alle Museen und alle Läden geschlossen, die Wirthshäuser nur dem Eingeweihten auf Schleichwegen von hinten erreichbar. Kurz, es lagerte eben jene schreckliche Langweiligkeit über Allem, wie sie nur die englische Sabathheiligung hervorzuzaubern im Stande ist. War es die Wirkung dieses gottwohlgefälligen Zustands, oder war es eine Eigenthümlichkeit des alten Europa, die mir erst jetzt nach längerer Entwöhnung zum Bewusstsein kam, dass mir die meisten Gesichter ganz auffallend unintelligent zu sein schienen? Schon gestern war mir dieser Gedanke gekommen, als ich den ersten englischen Policeman wieder erblickte. Ein ähnlich stupides Gesicht hatte ich schon lange nicht mehr und, mit Ausnahme der Mormonenstadt, über dem grossen Wasser drüben niemals geschaut.

Zwei Excitements gabs aber dennoch an jenem Sonntag in Liverpool, nämlich Morgens eine Auffahrt des Bürgermeisters und Abends eine fulminante Feuersbrunst.

Mister Walker, der Mayor, war zum so und sovielten Male wiedergewählt worden und hielt heute seinen feierlichen Kirchengang zum Beginn einer neuen Amtsperiode. Alle Achtung vor Mister Walker. Er hat seine Vaterstadt aus eigenen Mitteln mit einer Bildergallerie beschenkt.

Eine Kompagnie äusserst knotig aussehender Policemen mit einem Trompeter an der Spitze, welcher eine Art Husarenuniform trug, aber ein sehr lederner, steifer und bürgerlicher Husar war, stellte sich vor dem Rathhaus auf. Dann hielten einige aufgeputzte Wagen, und der Festzug entwickelte sich. Sechs oder acht mittelalterlich gekleidete Kerls mit Szeptern schritten Mister Walker voran, welcher ein langes Schwert der Gerechtigkeit in der Hand hielt, mit einem Talar und schweren goldenen Ketten behangen. Hinter ihm etliche Zivilisten mit den gewöhnlichen Komtoirphysiognomien. Die ganze Maskerade erinnerte mich unwillkürlich an meine Doktorpromotion. Nur dass mein Wagen damals nicht so buntscheckig elegant war, dass bei mir statt so vieler unheimlich schwarzer Policemen nur ein paar Professoren in dem erquickenden Grün der medizinischen Fakultät zugegen waren, und dass mir statt des Schwertes der Gerechtigkeit in der Hand ein vom Universitätspedell gemietheter alter Degen an der Linken blinkte.

Der Expresszug der North Western Eisenbahn brachte mich mit Windeseile nach London. Die stinkende Finsterniss eines langen Tunnels, ein Meeresarm und Ebbeschlick, Kanäle und Seefahrzeuge darauf, Thäler voller Schornsteine, voll russigen Kohlenqualms und weissen Maschinendampfes, dann ein bischen Park und ein bischen Feld, italienische Pinien auf einem Hügel, ein vornehmes Schloss hinter Bäumen versteckt, Obstgärten und Wiesen, Alles so sauber und ordentlich eingefasst, Stratford, Shakespeares Geburtsort, flogen vorüber. Herrschaftliche Kutschen hielten unter dem Bahndamm, und am Fusse eines Abhangs lauerten zwei Jäger und ein Hund auf ein armseliges Kaninchen.

Häufiger wurden die rauchenden Fabriken, dichter drängten sich in schnurgeraden Reihen die Häuschen und Höfchen des »My House is my Castle« Systems zusammen, über die wir in der Höhe hinwegbrausten. Gelblicher Dunst erfüllte die Luft, und das Getöse der Riesenstadt verschlang mich.

Sechs Wochen später fuhr ich nach Hamburg und betrat nach mehr als einjähriger Abwesenheit den Boden des Vaterlandes wieder. Ueberall hörte ich nun wieder die Laute der Muttersprache. Die Hamburger Nachtwächter hatten Pickelhauben bekommen und der Petrikirchthurm wurde aufgebaut. Sonst hatte sich nichts verändert.