Die heissen Quellen und ihre Verwendung. Ein Badeort in des Wortes verwegenster Bedeutung. Legende von der schönen Hinemoa. Maorialterthümer. Ausflug nach Wakarewarewa. Das Labyrinth der Schmutzvulkane. Die Geyser. Der missglückte Haka. Ein interessantes liederliches Kleeblatt. Ausflug nach Rotomahana. Wairoa und seine internationalen Wegelagerer. Stürmische Kanuufahrt über den Tarawera. Streitigkeiten mit den Maoris. Ueberall kocht das Verderben. Ungemüthliche Nacht. Tetarata und Otukapuarangi. Mister Davis und seine Singschule.
Dieses Ohinemutu ist nicht nur der interessanteste Punkt von ganz Neuseeland, sondern auch einer der interessantesten Punkte der ganzen Erde.
Ohinemutu liegt etwas nördlich vom Zentrum der Nordinsel am südlichen Ufer des Sees Rotorua. Die Berge treten hier in einen weiten Kreis zurück. Sumpfige Ebenen, von welchen wir gestern den breitesten Theil durchfahren haben, umgeben den See und lassen auf eine ehemals grössere Ausdehnung desselben schliessen. Soweit das Auge blicken kann, qualmt zwischen Farnkraut und Manukagebüsch weissglänzender Dampf empor, und an kühleren Morgen ist die ganze Ebene mit Dampf überlagert. Allenthalben entspringen kochende Quellen, kochende Schlammpfützen und Schlammvulkane.
Doch nicht blos wegen seines kochenden Untergrunds ist Ohinemutu so hoch interessant, sondern auch wegen seiner Maoribevölkerung, die dort, etwa 300 Köpfe stark, noch viel von den alten Sitten beibehalten hat.
Nahe dem Ufer steigt ein isolirter, kaum 25 Meter hoher Hügel, mit europäischen Weidenbäumen bepflanzt, aus dem heissen Sumpf, und an diesem, dem See zugewendet, baut sich die Ortschaft auf. Am Anfang und am Ende einer sehr primitiven Strasse, die sich oben entlang zieht, sind zwei gute Hotels für Touristen und in der Mitte ein Kaufhaus mit einigen Nebengebäuden. Dies ist das weisse Viertel. Alles übrige ist Maori und besteht aus unregelmässig zerstreuten umzäunten Hütten, zwischen denen sich schmale Pfade hindurchschlängeln. Etwas erhöht thront auf einem Ausläufer des Hügels das Versammlungsgebäude der Gemeinde, ein langgestreckter Holzbau, dessen Dach beiderseits fast den Boden berührt. An der Frontseite sind unter dem vorspringenden Giebel der Eingang und zwei hohe Glasfenster. Alles innen und aussen ist mit schönen stylvollen Holzschnitzereien verziert, und an einem Ornament der Dachränder baumelt eine Glocke.
Die Hütten sind niedrig, mit Wänden aus Flechtwerk und Dächern aus Stroh und sehen sehr formlos und ruppig aus, die zum Wohnen bestimmten wenigstens. Die Vorrathshäuschen jedoch, welche in keiner Umzäunung fehlen, sind zierlicher und von Holz, ruhen auf drei Pfosten ein Meter hoch über der Erde und erinnern durch ihre flachen Dächer an grosse Taubenschläge im Schweizerstyl. Eine geschnitzte Figur schmückt den Giebel, und Schnitzereien verkleiden die Dachränder. An den Thüren hängen anachronistischer Weise europäische Vorhängeschlösser.
Die innere Einrichtung der Wohnhütten ist von der grössten Einfachheit und ebenso rauh und unansehnlich wie das Aeussere derselben. In den Strohwänden stecken ein paar Zahnbürsten, ein Kamm, ein Spiegel, eine Axt, eine Flinte und sonstige Gegenstände mannigfaltigster Art, selten in ordentlichem, meistens in halbzerbrochenem, lotterigem Zustand. Unter dem Dach hängen etliche Pageien (kurze löffelartige Ruder) und einige Bretter, auf welche russige Töpfe gestülpt sind. Den Boden bildet die nackte Erde, und unmittelbar auf dieser liegen ohne Erhöhung in den Ecken die Betten, umschlossen von einem Holzrahmen und aus dicken Polstern elastischen Farnkrautes und wollenen Decken bestehend. Bei Reicheren findet man wohl auch Weisszeug, Bettlaken und Federkissen. Bei diesen herrscht ein höherer Grad von Reinlichkeit, und die wollenen Decken zeichnen sich durch grellere Farben und buntere Muster aus. In der Mitte brennt ein Feuer, welches jedoch weniger zum Kochen als zur Erwärmung dient, da zum Kochen die kochenden Quellen viel bequemer zur Hand sind.
Die unterirdische Hitze wird von den Bewohnern in dreifacher Weise ausgebeutet. Grosse Steinfliesen bedecken hie und da vor und in den Hütten den Boden, durch unter ihnen emportauchende heisse Quellen erwärmt, und auf diesen natürlichen Oefen hocken den ganzen Tag alte Weiber und Männer. Andere Quellen sind sauber mit Blöcken eingefasst und zum Kochen bestimmt. Wieder andere, weniger heisse dienen zum Baden.
Im Sommer ist auch der See bis weit hinaus genügend erwärmt um Stunden lang darin verweilen zu können. Da wir eben Juni, also Winter hatten, war dieses Vergnügen, abgesehen von den vielen zerstreuten Badetümpeln, auf eine 20 Schritt breite und 100 Schritt lange Bucht beschränkt, welche durch zwei vorspringende Landzungen gebildet ins Dorf hineinragt.
Von allen drei Seiten fliessen heisse Quellen herab, aus dem Grunde tauchen heisse Quellen auf, und über dem inneren Ende gähnt, von steilen zerbröckelten Felswänden eingefasst, ein brodelnder Kessel, ein alter Geyser, in dem es beständig kocht und stampft und wallt und hämmert, zwischen wucherndem Farnkraut Verderben drohend empor, gerade gross genug, um etwa fünfzig Menschen auf einmal darin zu kochen. Hier hinein sollen nämlich in der guten alten Zeit die Gefangenen genöthigt worden sein, um zum festlichen Schmause zu dienen sobald sie gar waren – eine Sage, die jedoch nur im Munde der Europäer kursirt, und von der die Maoris selbst nichts wissen wollen.
Jene kleine Bucht ist das famoseste warme Schwimmbad, welches menschliche Ueppigkeit sich wünschen kann, und war damals der allgemeine Zusammenkunfts- und Vergnügungsplatz der Europäer männlichen und der Maoris beiderlei Geschlechts. Namentlich an heiteren Abenden ehe es dunkel wurde, versammelte sich hier Alles was zur Gesellschaft von Ohinemutu gehörte, und gleichwie man in Italien nach Sonnenuntergang promeniren geht, so ging man in Ohinemutu ins warme Wasser, schwamm einigemal hin und her, und setzte sich dann in den schönen warmen und weichen Schlamm der seichteren Stellen, so dass nur der Kopf aus dem Wasser guckte, und plauderte ein paar Stunden im Kreise brauner Herren und Damen. Von einer Art Bekleidung war dort natürlich nicht die geringste Rede, und über einen alten Herrn, der einst in einer Badehose auftrat, wird berichtet, dass er dadurch nur die grösste Heiterkeit und Neugierde der Eingeborenen auf sich gezogen habe, welche nicht eher ruhten als bis sie sich durch Augenschein überzeugten, was denn eigentlich hinter der Badehose Geheimnissvolles verborgen sei. Diese Ursprünglichkeit der Sitten und diese klassische Nudität wirkt doppelt überraschend mitten in einem Lande, in welchem der bibelfromme und bis zum Unerträglichen anständige Brite neun Zehntel der Bevölkerung bildet.
Die Weiber und Mädchen beobachten in der Regel die grösste Sorgfalt, beim Hinein- und Herausgehen so wenig als möglich von ihren Reizen zu exponiren, und jenes Titelbild, welches Lieutenant Meade seinem Buch über Neuseeland voranschickt, auf welchem er badende Nymphen von antiker Formenschönheit und mehr als europäischer Lilienweisse unter dem kochenden Sprühregen eines gewaltigen Geysers sich amüsiren und produziren lässt, fand ich niemals verwirklicht. Nur alte Vetteln geniren sich weniger und zeigen sich oft in der ganzen Länge ihrer nicht sehr aphroditischen Leiber. Maorigreisinnen sind gewöhnlich über alle Massen hässlich. Sie scheeren sich das Kopfhaar ganz kurz wie abrasirt, und die kahlen Schädel mit den hohlwangigen und hohläugigen braunen Gesichtern und die mageren ausgemergelten Körper machen den Eindruck von Todtengerippen.
Es war mir auffallend, dass ich im Bade niemals einen gröberen Verstoss gegen die Dezenz zwischen beiden Geschlechtern, niemals eine Aeusserung erotischer Triebe wahrnahm, obwohl doch die Anschauungen der Maoris in diesem Punkt sehr liberal sind und obwohl die Anwesenheit so vieler einzelner Mädchen in Ohinemutu nur aus einer gewissen mit dem Fremdenverkehr zusammenhängenden kosmopolitischen Erwerbsquelle erklärt werden kann.
Ich lade übrigens hiermit den Leser ein, mit mir ein derartiges Bad zu geniessen.
Wer nichts zu thun hat, was bei den Bewohnern von Ohinemutu so ziemlich ausnahmslos der Fall zu sein scheint, badet nicht selten dreimal des Tages, nämlich gleich nach dem Aufstehen, Abends gegen Sonnenuntergang und Nachts um 11 oder 12 Uhr ehe man ins Bett geht, und oft auch noch später wenn man vielleicht nicht schlafen kann. Die beliebteste Zeit ist der späte Nachmittag. Es ist dann am vollsten und lebhaftesten im Wasser und das schöne Geschlecht am zahlreichsten vertreten.
Schon ehe wir vom Hotel weggehen, wird es gut sein, uns der überflüssigsten Kleidungsstücke zu entledigen, da unten beim Bade nicht viel Raum und Bequemlichkeit zum Aus- und Ankleiden ist, und den Rock, die Weste und den gestärkten Halskragen zu Hause zu lassen. Man kümmert sich hier wenig um alle diese ängstlichen Kleinigkeiten, und würden wir einen längeren Aufenthalt nehmen, wer weiss ob wir es nicht vielleicht ebenso machten, wie die ansässigen Weissen, welche auch die Beinkleider zu Hause lassen, wenn sie baden gehen, und nur in Hemd und Schuhen, nach Maoriart einen bis zu den Knieen reichenden Schal um die Hüften geschlungen und einen faltigen Schlapphut mit Fasanenfeder auf dem Kopf, erscheinen. Dieses leichte Kostüm, das ich zuerst an Mister Jack the Guide of Taupo bewundern musste, hat auch in dem milderen Ohinemutu viel mehr Berechtigung als in dem kalten hochgelegenen Tapuaeharuru.
Die Sonne wird bald hinter die westlichen Berge tauchen und giesst ihr strahlendes Licht mild über den glatten Spiegel des Sees, in dessen Mitte die kuppenförmige Insel Mokoia liegt, so dass wir nicht umhin können öfters bewundernd stehen zu bleiben, während wir den Hügel hinabsteigen. An Mokoia knüpft sich eine poesievolle Maorilegende, welche ich in den verschiedenen Neuseeländischen Reisehandbüchern in so vielen abgeschmackten Versionen gelesen habe, dass es mir beinahe unmöglich ist, sie kurz wiederzugeben.
Hinemoa, das ist »ein Mädchen (Hine) dem grossen Vogel Moa vergleichbar«, war die schönste Maoriprinzessin weit und breit im Lande, und Tutanekai war der schönste Prinz. Tutanekai wohnte auf Mokoia und Hinemoa in Ohinemutu. Sie liebten sich, aber die Väter, mächtige Häuptlinge, hassten sich und wollten nichts davon wissen. Alle Kanuus hüben und drüben wurden strenge bewacht, damit die beiden Liebenden nicht zu einander kommen konnten. Doch ihre Liebe wurde dadurch nur um so heftiger. Eines Abends als es bereits dunkel war, sass die schmachtende Hinemoa vor ihrer Hütte auf einem warmen Stein und seufzte nach der Insel hinüber. Da trug ein sanfter Zephyr die Töne von Tutanekais Flöte an ihr Ohr. Eine mächtige Sehnsucht ergriff sie. Lautlos eilte sie an den See hinab und schwamm nach Mokoia, wo sie zu Tode erschöpft ankam. Selbstverständlich legte sie sich sofort in einen warmen Tümpel am Ufer um sich zu erholen und zu überlegen, wie sie dem Geliebten ihre Nähe kündigen möchte ohne von einem Anderen entdeckt zu werden. Der Zufall und weibliche Tücke halfen ihr aus der Verlegenheit. Ein Sklave Tutanekais kam herab, um Wasser zu holen. Gleich einem bösen Kobold warf sie sich heulend auf den Ahnungslosen, entriss ihm das Gefäss und erschreckte ihn dermassen, dass er bebend von dannen floh, seinem Herrn von dem nächtlichen Spuk zu berichten. Dieser, ein echter Held, kommt sofort Rache schnaubend gelaufen und – findet seine Hinemoa. Nun hatten sie sich und ehelichten sich. Die Väter verziehen nach einiger Zeit, und Hinemoa und Tutanekai lebten lange und glücklich miteinander.
Es ist bereits kühl, und der Dampf der heissen Quellen, welcher bisher, von der höher stehenden Sonne aufgelöst, kaum sichtbar war, ist nun so dicht, dass er wie ein deutscher Herbstnebel über den Vertiefungen des Dorfes lagert. Ueberall, rechts und links, vor uns und hinter uns brodelt es in hundert grösseren und kleineren Löchern. Ueberall steigen Dampfsäulen empor, heisse dampfende Wasserfäden, geschäftig dem See zueilend, kreuzen unseren Pfad, eine Dampfwolke verhüllt ihn auch wohl auf Augenblicke, und wir müssen dann stehen bleiben und warten, bis wir wieder sehen können. Denn ein Fehltritt ist gefährlich und würde vielleicht eine schlimme Verbrühung des Fusses im Gefolge haben.
Das geheimnissvolle Brodeln ringsum, meist unsichtbar, da eine ewig von schwefelig riechendem Dampf bethaute kränkliche Gras- und Farnkrautvegetation die Löcher verbirgt, macht einen befremdenden, unheimlichen Eindruck. Wir stehen über einem kochenden Sumpf, den nur eine dünne Kruste fester Erde bedeckt. Und über diesem kochenden Sumpf lebt ein ganzes Dorf und freut sich des heissen Bodens!
Hier kauern einige Gestalten vor ihrer Strohhütte auf warmen Steinfliesen, in steife wollene Decken gehüllt, schwarzgeräucherte Thonpfeifenstummel im Munde. Manchmal ziehen sie die Decken ganz über den Kopf, so dass man nur eine Gesellschaft formloser Bündel sieht, aus welchen oben Pfeifenstummel herausgucken. Dort in einer heftig dampfenden sprudelnden Quelle, deren saubere Einfassung andeutet, dass sie zum Kochen dient, hängen Körbchen mit Kartoffeln, Krebsen und Süsswassermuscheln an quer darüber gelegten Stangen, und geschwätzige Gruppen von Weibern sitzen herum und beobachten den Prozess der Zubereitung mit sichtlichem Behagen, während sie sich die Zeit mit Rauchen, Schreien und Lachen vertreiben. Wir selbst werden sofort die Zielscheibe ihrer Witze, indem wir vorüberwandeln, und »Pakeha« (Europäer) ist das dritte Wort, was wir hören. Speisereste liegen zu Haufen geschüttet, und wohlgenährte schwarzborstige Schweine schnüffeln und grunzen wohlgefällig von einem zum anderen.
Hinter jenem Gebüsch sind mehrere Badetümpel. In jedem sitzen etliche Dutzend brauner Kinder eng zusammengedrängt, so dass man kaum begreift, wie sie sich noch regen können, prügeln und spritzen und balgen sich, purzeln über einander und verüben ein Geschrei, welches weithin das Dorf durchgellt. »Mat mat« betteln sie um unsere Zigarren, die sie sofort in den Mund stecken, wenn nicht die Mutter kommt, sie für sich zu beanspruchen. »Mat« ist das maorisirte englische »Match«, in übertragener Bedeutung auch auf den verwandten Begriff brennender Zigarren angewendet.
So ein kleiner Junge von Ohinemutu führt ein sehr ungebundenes Leben. Den ganzen Tag läuft er nackt umher, stiehlt sich hier eine Kartoffel, dort eine Muschel oder einen Krebs und setzt sich von Zeit zu Zeit, um sich zu wärmen, ins warme Wasser.
Aber auch die Erwachsenen lieben diese Wohlthat. Man mag zu irgend einer Zeit durch Ohinemutu gehen, es sitzt fast immer die halbe Einwohnerschaft links und rechts vom Wege im Bad. Ohinemutu ist ein Badeort in des Wortes verwegenster Bedeutung, und den ausgedehnten Badegelegenheiten verdankt es nicht blos seine Maoribevölkerung, welche gegenwärtig nicht mehr autochthon, sondern von allen Seiten herbeigewandert ist, weil man hier einen beträchtlichen Theil des Daseins im warmen Wasser zubringen und Kartoffel kochen kann, ohne Feuer zu machen, sondern auch zahlreiche Touristen und einige Kurgäste.
Unser Schwimmbad ist noch ziemlich leer. Einige Jungen vergnügen sich damit, einander zu tauchen und von einem niedrigen Felsen herab ins heisse Wasser zu springen, und ein altes runzeliges Weib mit kahlgeschorenem Kopf hockt nackt am Ufer und gafft uns affenartig entgegen.
Wir suchen eine passende Stelle zum Auskleiden auf dem fortwährend bethauten und feuchten Rasen, wobei wir wieder Acht haben müssen, die vielen heissen Löcher zu meiden, welche allenthalben unter Farngestrüpp verborgen sind und ihre Anwesenheit nur durch das brodelnde Geräusch verrathen. Es kostet etwas Ueberwindung in der kühlen Winterluft sich zu entblössen. Zähneklappernd kriechen wir über das nasskalte Gras hinab, da die vielen spitzen Steine ein freies Auftreten verbieten, und erschrecken über die Hitze des Wassers sobald wir es mit dem Fusse berühren. Aber wir gewöhnen uns an diesen Gegensatz, wagen uns immer tiefer hinein, trotzdem uns oft die Hitze den Athem stockt, und fühlen uns nach längerem Aufenthalt ganz behaglich in dem warmen Medium.
Die Temperatur wechselt jedoch beständig. Kältere und heissere Strömungen von Quellen, die aus dem Grunde kommen, kreuzen sich nach allen Richtungen, und oft fühlen wir uns attakirt von einer so brennenden Hitze, dass wir schleunig die Flucht ergreifen. Als ich einmal mit dem Thermometer ins Bad ging, schwankte an ein und demselben Punkte die Quecksilbersäule ohne zur Ruhe zu gelangen fortwährend zwischen 37 und 44 Zentigraden auf und nieder bei einer Lufttemperatur von 10 Zentigraden. Weiter gegen den See zu wird das Wasser kälter, und näher dem inneren Ende der Bucht und dem Geyserkessel, da wo die Maoris noch mit dem grössten Vergnügen kopfüber hineinspringen, ist es so heiss, dass ein normaler Europäer sich dieser Stelle nur allmälig nähern kann.
Der Boden ist Schlamm, durch welchen weiche Felsenspitzen emporstehen. Ein etwa drei Meter tiefes Loch, 20 Schritt lang und 10 Schritt breit, gewährt die Möglichkeit sich im Schwimmen und Tauchen zu üben, was jedoch manchmal unangenehm ist, da heftigere Bewegungen das Gefühl der Hitze vermehren.
Haben wir das Bad genügend nach allen Dimensionen explorirt, so suchen wir eine seichtere Stelle, setzen uns und erwarten die Ankunft der Damen und der übrigen Gesellschaft. Ganz Ohinemutu ist voll von Lärm und Lustbarkeit, und aus allen Hütten und hinter jedem Gebüsch erschallen laut lachende und schreiende Stimmen. Dampfwolken ziehen langsam dahin die Szenerie verschleiernd und wieder enthüllend. Die Dämmerung senkt sich hernieder, die ersten Sterne beginnen zu funkeln, und eine zauberhafte Stimmung bemächtigt sich unser, die wir im schönen weichen Grundschlamm sitzen und bis zum Kinn von warmem Wasser umspült sind. Man darf sich übrigens nicht zu tief in den Schlamm eingraben, sonst kann es passiren, dass plötzlich ein heisser Wasserfaden sehr unangenehm überraschend von unten hervorbricht. Für gewöhnlich sind dem Gesetz der Schwere entsprechend die unteren Schichten nicht so warm wie die oberen, und man mildert die brennende Hitze der oberen dadurch, dass man mit den Händen kühleres Wasser von unten emporfächelt.
Um die nächste Ecke biegt ein braunes Mädchen mit einem Handtuch über der Schulter, bleibt stehen, lächelt uns grüssend zu und besinnt sich und kokettirt ein wenig, als ob sie sich schämte, vor uns ins Bad zu steigen. Gleich darauf kommen drei oder vier andere Mädchen mit Handtüchern und machen es ebenso. Auch sie besinnen sich und kokettiren ein wenig. Aber nicht lange, und ehe sichs unsere Blicke versehen, sind sie im Wasser und schwimmen zu uns heran. Ein Schal und ein Hemd ist ihre ganze Bekleidung. Mit einer rühmenswerthen Geschicklichkeit wissen sie das letztere gerade nur so weit zu lüften als nothwendig ist, je tiefer sie sich ins Wasser begeben, und zuletzt rasch über den Kopf zu streifen und aufs Ufer zurück zu werfen ohne es nass gemacht zu haben.
Manchmal behalten sie ihr Hemd am Leibe um es auf diese Weise, das Nützliche mit dem Angenehmen vereinigend, zu waschen und stürzen sich mit einem kühnen Salto vom Felsen herab. Sie schwimmen und tauchen vorzüglich, und ich kenne eine braune Schöne von vielleicht 16 Jahren, deren Name Rahia heisst und auf ihrem Oberarm in römischen Lettern eintätowirt ist, welche damals täglich mit weissen und braunen Männern um die Wette schwamm und jedesmal den Sieg davontrug.
Rahia ist auch anthropologisch nicht uninteressant. Denn sie besitzt statt schwarzer dunkelbraune Haare mit einem Stich ins Röthliche, während ihre Haut denselben angenehm satten Ton, wie die der Genossinnen zur Schau trägt. Solche Abweichungen in der Farbe des Hauptschmuckes sind übrigens nicht gar selten, und bei zwei anderen Mädchen bemerkte ich einmal sogar hellere und dunklere Partieen neben einander auf demselben Kopfe.
Rahia ist nicht hübsch, wenn man ihr auf dem Trockenen begegnet, wo sie immer ein sehr ernsthaftes Gesicht macht. Im Wasser aber wird sie reizend durch ihre Geschmeidigkeit und die lebhafte Freude, die ihr die Ueberlegenheit im Schwimmen und Tauchen sichtlich bereitet. Sie weiss auch alle möglichen Kunststücke zu machen. Erst stürzt sie sich einigemal im durchnässten Hemd, welches sich verrätherisch an ihre jugendlich runden Formen schmiegt, von oben herab ins heisse Wasser. Dann formt sie grosse Luftblasen mit ihrer Gewandung und lässt sich ruhig auf dem Rücken liegend wegtreiben, taucht unter und nach wenigen Sekunden wieder auf gerade da wo man sie am wenigsten vermuthet. Wir werden von hinten mit Schlamm beworfen und wenn wir uns umdrehen ist niemand zu entdecken. Ein zweites Schlammgeschoss besudelt unseren Nacken aus entgegengesetzter Richtung. Unter den überhängenden Farnen des Ufers aber taucht Rahia empor und sieht uns so gleichgültig an als ob nichts vorgefallen wäre. Denn sie ist die Thäterin, wofür sie auch tüchtig angespritzt und getaucht wird.
Das Bad füllt sich mit Gästen. Männer jeglichen Alters, Weiber mit Säuglingen auf dem Arme oder in einem Sack um die Schultern gehängt, Mädchen und Jünglinge setzen sich nebeneinander und klatschen.
Ihre Konversation scheint sich häufig mit uns und unseren bleichen Gliedmassen zu beschäftigen, wie aus ihren Mienen und dem immer wiederkehrenden Wort »Pakeha« hervorgeht. Sie fühlen sich offenbar sehr geschmeichelt, wenn wir uns zu ihnen setzen, und will man einer Dame seine ganz besondere Aufmerksamkeit erweisen, so nimmt man ihr ohne viel Worte zu verlieren die nie fehlende Pfeife aus dem Mund, raucht selbst einige Züge daraus und steckt sie dann wieder an ihren Platz zurück.
Kinder und Jungen machen einen betäubenden Lärm, und auch sie möchten gern mit uns anbinden. Forschend welchen Geistes wir seien, nähern sie sich, und haben sie erst bemerkt, dass man ihnen freundlich gesinnt ist, so hat man auch gleich die ganze Schaar auf dem Halse, und jeder der kleinen braunen Frösche bemüht sich an uns emporzuklettern und auf uns zu reiten. »Kopai, kopai« (gut) suchen sie uns zu schmeicheln und um Geduld zu bitten. Unsere Armmuskulatur erregt grosses Interesse bei Alt und Jung, und sind wir im Besitze eines nur halbwegs anständigen Biceps, so können wir ihn nicht oft genug kontrahiren und unter Ausrufen der Bewunderung befühlen lassen. Nur hiedurch wurde ich darauf aufmerksam, wie weich und unausgebildet die Arme auch der robustesten Maoris sind, ganz im Gegensatz zu ihren ausserordentlich starken Unterextremitäten.
Nachdem wir auf solche Weise etwa eine Stunde im Bade zugebracht, verabschieden wir uns, indem wir den Nächstsitzenden die Hände reichen, und begeben uns wieder aufs Trockene. Der Gedanke in die frostige Luft hinauszusteigen hat etwas Abschreckendes. Aber wir sind so mit Wärme gesättigt, dass wir die Kühlung sehr angenehm empfinden, und die naheliegende Befürchtung eines Schnupfens oder eines Rheumatismus soll sich niemals erfüllen.
Die östliche von den beiden Landzungen, welche die eben beschriebene Badebucht bilden, ist eine höchst interessante Fundstätte von Maorialterthümern. Dort wären noch viele werthvolle Dinge für unsere Museen zu retten. Ehemals war sie bewohnt und ein Theil der Ortschaft. Jetzt ist sie »tabu« erklärt, geheiligt, verpönt oder wie man dieses allgemein polynesische Wort übersetzen will. Wahrscheinlich deshalb, weil die Wellenbewegung des Sees, unterstützt von der Wirkung der heissen Quellen, welche den ganzen Boden durchsetzen, sie allmälich hinwegspült. Erst ganz kürzlich sollen in einer stürmischen Nacht mehrere Hütten untergraben und verschlungen worden sein. Hie und da ragen noch vier Pfähle aus dem Wasser.
Es ist von den Maoris verboten, den Platz zu betreten. Ich habe dies gleichwohl mehrmals unbehelligt gethan. Zwei oder drei Hütten stehen noch unversehrt so da wie der letzte Bewohner sie verlassen hat, als er starb. Schwere Bohlen sind vor die verandaartige Frontseite gelegt und verrammeln den Eingang. Lüftet man sie um ins Innere zu blicken, so sieht man alle möglichen Geräthe herumliegen. Wurflanzen und Beile, Kochkessel und Trinkgeschirre alten und modernen Ursprungs sind auf den Boden gestreut oder hängen an der Wand. In einer Hütte sah ich sogar noch zwei Zahnbürsten und einen Kamm in dem Schilfgeflecht stecken. Alles ist tabu, und kein Mensch wagt diese Gegenstände zu berühren.
Aussen herum liegt ein ganzer Trödelmarkt von Ueberresten früherer Zeiten. Zerschlagene eiserne Töpfe, verrostete Flintenläufe, die Trümmer von Holzschnitzereien, Giebelverzierungen, Fratzenbilder, ornamentale Fensterläden und hundert andere Dinge. Auch glaubte ich unter dem Schutt ein Stück von einer grossen Holzschüssel mit einem Fratzengesicht als Handhabe von jener Art, wie sie einst für Menschenfleisch gebraucht wurden, gesehen zu haben. Alle die Schnitzereien zeigten das gröbere Gepräge jener früheren Zeit, als noch mit Muscheln statt mit importirten Messern gearbeitet wurde.
Nahe der Spitze stehen am Rande des Sees, von einem Phormiumgebüsch umgeben, fünf mannshohe Bildsäulen nebeneinander, und auch oben mitten im Dorf findet man deren vereinzelte. Es sind die Konterfeis besonders erlauchter Häuptlinge und Häuptlingsfrauen, Gesichter und Genitalien unförmlich gross und sehr komisch stylisirt.
An den meisten Speicherhäuschen ist vorne die Giebelspitze mit einer festgebundenen, etwa halbmeterlangen geschnitzten Menschenfigur geziert. Einige sind schon locker geworden und drohen zu fallen, andere liegen bereits auf der Erde und vermodern. Kein Mensch, auch die Regierung nicht, scheint sich um diese Schätze zu kümmern, und so stehen sie denn so lange bis sie eines schönen Tages der Wind umwirft und der vollständigen Verrottung preisgiebt. Ganz nahe dem Schwimmbad führt ein Steg über eine tiefere Schlucht, die mit dem stampfenden Kessel zusammenhängt. Diesen Steg bilden Bruchstücke eines alten Kriegskanuus, deren obere konvexe Seiten mit Basreliefs von rudernden Gestalten geschmückt sind.
Wie viel wäre hier noch zu retten, nicht blos auf dem Lande, sondern auch auf dem Grunde des seichten Sees. Wie gerne würde ich hier einen ganzen Wagen voll mitgenommen haben, wenn ich die Mittel dazu gehabt hätte. Aber es fehlte mir an Geld, und dann wäre auch die Auffindung und Feststellung der betreffenden Eigenthümer und ihre Befriedigung allzu zeitraubend und mühevoll gewesen.
Zwei Ausflüge sind in den Neuseeländischen Reisehandbüchern von Ohinemutu aus vorgeschrieben, nach Rotomahana (32 Kilometer) und nach Wakarewarewa (5 Kilometer). Ich besuchte letzteres zuerst und traf dadurch die richtige Reihenfolge aufsteigender Ordnung in den vier Hauptpunkten Tapuaeharuru, Ohinemutu, Wakarewarewa, Rotomahana.
Man sieht die Dampfsäulen der Wakarewarewa-Geyser weithin in der ganzen Niederung von Ohinemutu, was mich verleitete, meinen Weg ohne Führer anzutreten und jenen Pfad einzuschlagen, der in der entsprechenden Richtung lief. Ich sollte dafür durch einen grossen Umweg und noch grössere Verlegenheiten bestraft werden. Ich wusste damals noch nicht wie trügerisch es in diesem Lande ist, aus der Richtung eines Pfades schliessen zu wollen, wohin er gehe, und zu glauben, dass ein Pfad überhaupt irgendwohin führen müsse.
Nichts störte in der ersten halben Stunde meine Zuversicht. Das nie endende Geschrei der badenden Jungen und das Hundegebell von Ohinemutu verstummte hinter mir, und die Oede und Stille der Farn- und Manukalandschaft wurde nur hie und da unterbrochen durch das zimperliche »Tiriririti – Türürürütü« eines einsamen neuseeländischen Ammers. Ein Falke sass stumm und regungslos auf einem Strunk und flog stumm und ohne Geräusch hinweg als ich näher kam.
Enger wurde der Weg, sumpfige Stellen hemmten die Schritte, links und rechts drängte sich das Gestrüpp immer dichter zusammen und riss immer unverschämter an den Kleidern. Auf einmal war es kein Weg mehr, was ich vor mir hatte, sondern eine fast undurchdringliche Farnwildniss, in der ich bis zum Kinn stak und nun nichts mehr von den leitenden Dampfsäulen sah.
Ich ging zurück zu einem Punkt, von dem aus ich wieder die Umgebung überblicken konnte, und entdeckte zu meiner angenehmen Ueberraschung nur vielleicht 300 Schritt jenseits einer Mulde einen Fahrweg, auf den ich sofort zuschritt. Aber die Mulde war tiefer als sie schien. Das Farngestrüpp hörte auf, und vereinzelte dürre Grasbüschel traten an seine Stelle, feine Dampfwölkchen entstiegen plötzlich der Böschung unmittelbar unter mir, und ein kleiner heisser Schlammsee mit eifrig spuckenden Schlammvulkanen bildete den Grund. Ich befand mich unerwartet auf gefährlichem Boden, der wieder eben so geröstet und unheimlich brüchig wurde wie bei den heissen Quellen von Tapuaeharuru. Da ich häufig von einem Grasbüschel zum anderen gesprungen war, hatten meine Schritte keine Fährte hinterlassen, und ich wusste nicht mehr, woher ich gekommen. Es galt also vorsichtig und mühsam aufs Gerathewohl sich weiterzuarbeiten.
Manukagebüsch, geröstete Erde und dampfende Löcher ohne Wasser wechselten mehrmals mit Farngestrüpp, so üppig und dicht, dass ich es erst mit Armen und Beinen niederpressen musste, ehe ich den Fuss vorwärtssetzen durfte, und zu hundert Schritten eine halbe Stunde brauchte. Dann ging es durch Gräben ab und auf, warme Bächlein waren zu überschreiten, wozu ich mir erst Faschinen schneiden musste, da ich sonst wahrscheinlich versunken wäre, dann kam auf einmal wieder eine kochende Schmutzpfütze mit höchst verdächtigen weichen Uferrändern, und schliesslich waren Schmutzpfützen und Schmutzseen rings um mich her und wurden so unübersehbar komplizirt, dass ich alle Orientirung verlor und fast verzweifelte jemals aus diesem brodelnden Labyrinth herauszufinden. Aber Alles ging gut, und ich erreichte dennoch mein vorläufiges Ziel, den Fahrweg und hatte nun ein interessantes Gebiet durchstreift, welches ich nicht oder gewiss nicht so genau kennen gelernt hätte, wenn ich auf dem gewöhnlichen Weg gegangen wäre.
Diese kochenden Schlammseen sind höchst eigenthümliche Phänomene. Die grössten von dem Durchmesser eines guten Steinwurfes, die kleinsten so breit, dass man zur Noth das Hinüberspringen wagen könnte, etwa drei Meter tief in die Farnebene hineingebettet, rundlich gebuchtet und theilweise mit einander zusammenhängend, bestehen sie grösstentheils aus einem weisslichen Brei ähnlich dem Chausseekoth kalkiger Gegenden. In jedem See und in jeder Pfütze wallt in der Mitte oder gleichzeitig an mehreren Punkten diese dicke Masse rastlos kochend und spuckend empor und pflanzt die dadurch erzeugte Bewegung in genau konzentrischen trägen und dicken Wellen um sich fort. Einige wenige solcher Tümpel fand ich gerade unthätig, und in ihnen hatte der Brei sich in die festeren auf dem Grunde abgesetzten Theile und in klares, warmes, dampfendes Wasser darüber gesondert, welches entweder im weichen Ufer voll dampfender Löcher versickerte oder in tiefer gelegene Tümpel abfloss. Alle Blätter und Aestchen, die am Ufer lagen, waren mit Inkrustationen überzogen.
Ich war nun wenigstens wieder auf sicherem Boden. Aber der Fahrweg führte weder nach der einen noch nach der anderen Seite dahin wohin ich wollte und schien sich um Wakarewarewa überhaupt gar nicht zu kümmern. Abermals irrte ich umher, bis ich einen Maoritrack fand, der die gewünschte Richtung hatte und mich nicht betrog. Nur der reissende und gleichfalls warme Wakarewarewafluss setzte ein Hinderniss weniger beunruhigender Art, welches ich überwand, indem ich die untere Hälfte meiner Bekleidung ablegte und ohne Unfall trocken hinüberbrachte, trotzdem die rasche Strömung sich alle Mühe gab, meine Beine von den schlüpfrigen Steinen wegzuziehen.
Es war nicht ganz leicht, auf der anderen Seite emporzuklettern. Ich warf mein Gepäck hinauf ins Gebüsch, und als ich selbst oben war, dankte ich inbrünstig meinem gnädigen Geschick. Denn beinahe hätte ich Hose, Regenschirm und Stiefel in einen tiefen kochenden Kessel geschleudert, der unmittelbar hinter dem hohen Ufer verborgen war und heimtückisch brodelte.
Endlich stand ich vor den Geysern und wurde für alle Mühe reichlich belohnt. Meine Erwartungen waren in Folge der Lektüre eines überschwenglichen Guidebooks sehr niedrig gespannt, aber die Grossartigkeit dessen was ich nun sah, hätte auch viel höhere übertroffen und kam beinahe den Schilderungen des Guidebooks gleich.
Mitten aus dunkelrothem zerrissenem Gestein und dunkelgrünem von den Dämpfen kochender Quellen bethautem Gebüsch erheben sich etwa 10 Meter hoch strahlend zwei weisse Kegel aus Kieselsinter, an der Basis mit dem zarten Gelb von blumigen Schwefelkrystallen geschmückt – ein herrliches Bild voll Farbenpracht und malerischer Wirkung. Man konnte sich für dieses glänzende feenhafte Gebilde keinen besseren Hintergrund denken als jene düsteren rothen und grünen Töne.
Niedrige Stufen, aus Kieselkrystallen[5] gewebt und mit einer dünnen spiegelnden Schicht abfliessenden Wassers bedeckt, führen nach oben zur Mündung der Geyser. Diese sind nicht immer thätig und kündigen eine bevorstehende Explosion vorher durch stärkeres Wallen und Donnern an, so dass man ohne Gefahr ganz nahe an ihren Rand vortreten kann. Der grössere hat einen unregelmässig geformten Schlund von 2 bis 6 Meter in den verschiedenen Durchmessern und das Niveau seines unergründlich dunkelblauen Wassers ist etwa ein Meter unter der Oberfläche.
[5]: Mineralogisch betrachtet ist der Kieselsinter nicht krystallinisch, sondern amorph; dem oberflächlichen Beschauer aber macht dieser in den Formen von Eisblumen und Reifbäumchen erstarrte Stoff den Eindruck von Krystallen.
Als ich zum ersten mal hier hinabsah, war gerade vollständige Ruhe eingetreten. Nach wenigen Sekunden begann es unten leise zu wogen, grosse Luftblasen gurgelten aus der Tiefe herauf und platzten, die ganze blaue Flüssigkeit kam in Wallung und stieg immer höher, der Boden zitterte und donnerte dumpf unter meinen Füssen. Ich trat zurück.
Vielleicht eine Minute mochte dieses unterirdische Rumoren dauern, einzelne Tropfen spritzten zuweilen über den Rand, und plötzlich hob sich eine donnernde und brausende Wassersäule 5 Meter hoch in die Luft, und mehrere dampfende Bäche plätscherten über den Kegel hinab. Dann wurde es ruhiger, es gurgelte schwächer und schwächer in dem Geyserschlund, und die Explosion war vorüber.
In dem zweiten Geyser schien gar keine Bewegung zu sein. Während ich so herumwanderte, kamen drei Weisse aus dem Gebüsch herbei und knüpften ein Gespräch mit mir an. Sie waren Badegäste und von Melbourne, die aus Sparsamkeitsrücksichten nicht in Ohinemutu, sondern in einem einsamen Maorigehöft hinter dem nächsten Hügel Logis genommen hatten. Sie schienen die Gewohnheiten der beiden Geyser eingehend studirt zu haben und sagten mir, dass der kleine zuweilen noch spiele, aber nur dann, wenn er von niemand beobachtet sei, wesshalb er den Namen »der schüchterne Geyser« (the bashful Geyser) erhalten. Der andere grössere würde heute, so hofften sie aus dem Wetter schliessen zu dürfen, mindestens noch 50 Fuss hoch springen. Ich war jedoch skeptisch genug, ihren Prophezeiungen nicht viel zu trauen, und machte mich auf den Heimweg statt mit ihnen hinzusitzen und auf die verheissenen 50 Fuss zu warten.
Eines Abends machte ich im Bade die Bekanntschaft dreier Photographen aus Auckland, welche die berühmten Sinterterrassen von Rotomahana aufzunehmen beabsichtigten. Da ich ebenfalls die Absicht hatte, nächstens dorthin zu fahren, schloss ich mich an sie an.
Am Tage vor unserer Abreise wurde uns durch Vermittlung mehrerer ansässiger Weissen vorgeschlagen, die gesammte tanzfähige Einwohnerschaft von Ohinemutu wolle uns zum Abschied einen »Haka« vortanzen, wenn wir jeder ein Pfund Sterling bezahlten, und wir gingen darauf ein. Im Versammlungsgebäude der Gemeinde sollte die Produktion vor sich gehen.
Es war eben dunkel geworden, als man uns einlud zu kommen. Einige Petroleumlampen erleuchteten spärlich den schwärzlichen Raum, welcher sehr düster aussah. Wir nahmen auf Bänken Platz. Hinter uns drängte sich ein zahlreiches Maoripublikum hin und her.
Das Balletkorps harrte bereits in Schlachtordnung aufgestellt unseres Erscheinens. Es bestand aus etwa 60 Mädchen, 20 Männern und 2 kleinen Jungen von 5 bis 6 Jahren. Die Männer nahmen den rechten, die Weiber den linken Flügel ein, ein alter Häuptling mit einem ganz blau tätowirten Gesicht, der schon manchen Akt des Kannibalismus auf dem Gewissen haben mochte, kommandirte. Er war derselbe, an dem ich jüngst beim Baden Gelegenheit gehabt hatte zu konstatiren, dass auch seine Basis mit einem stylvollen Maorischmuck versehen war. Zwei grosse blaue ammonitenartige Spiralen zierten ihm die Hinterbacken. Heute trug er ausser dem um die Lenden mit einem Ledergurt befestigten Schal am Oberkörper nichts als eine alte zerrissene europäische Weste. Vom Schlitz des Ohrläppchens hing eine Pfauenfeder herab. Die Tänzerinnen trugen Hühnerfedern in den struppigen Haaren, je zwei auf beiden Schläfen wie Fühlhörner emporgerichtet.
Bei allen Polynesiern, ja so ziemlich bei allen Naturvölkern wird beim Tanz auch gesungen, und die Namen für Tanz werden deshalb auch meist im Sinn von Gesang gebraucht. So war es auch mit diesem Haka. Eine Reihe von Strophen oder Figuren folgte einander. In den Pausen kauerte die in drei Gliedern aufgestellte Gesellschaft nieder, um auf Kommando zum Wiederbeginn einer Strophe mit einem gellenden ohrenzerreissenden Schrei aufzuspringen. Sie veränderten beim Tanzen kaum ihre Plätze, traten höchstens einen Schritt vor und zurück, machten einmal rechtsum, dann linksum und trippelten nun im Profil vorwärts und rückwärts. Taktmässiges und gleichzeitiges Hin- und Herwerfen der Arme, Händeklatschen und Hüftenschlagen wechselten erstaunlich präzis und exakt, und was das Hervorstechendste war – die Weiber, namentlich die älteren, bewegten ihre Bäuche im Takt auf und nieder mit einer Biegsamkeit, als ob sie hiefür ein eigenes Gelenk besässen. Wahrscheinlich geschah diese Bewegung in den besonders elastischen Kreuzwirbelbändern, sonst konnte ich sie mir anatomisch nicht erklären. Um ihre Virtuosität recht deutlich zu zeigen, trugen sie die Bäuche über den Röcken oben und unten durch farbige Bänder abgeschnürt, so dass sie wie runde Kugeln sich hervorwölbten.
Jedenfalls hatte ursprünglich auch der Haka wie alle polynesischen Tänze einen geschlechtlich lasziven Sinn. Bei dieser durch halb europäische Kleider modifizirten Darstellung war nichts derartiges mit jener vollen widerlichen Klarheit wahrzunehmen, welche ich später auf Hawaii beim Hulahula beobachten sollte.
Während der ganzen Zeit wurden die Augen in einer wahrhaft fürchterlichen Weise gerollt. Der Gesang liess keine Melodie in unserem Sinn erkennen und bestand nur aus zwei oder drei Noten, er verstieg sich zuweilen in heulende und bellende Töne und endete gewöhnlich in einem gellenden kurz und scharf ausgestossenen Ton, so dass man die plötzliche Stille danach eigenthümlich befremdend empfand. Bei einer Strophe kam eine Blechbüchse als Trommel in Anwendung.
Am besten waren die beiden kleinen Jungen. Sie waren mit einem Lendentuch bekleidet und ihre Köpfe mit einem rothen Stirnband, in welchem Federn staken, geschmückt. Mit gespreizten Beinen und gespreizten Armen, die Finger in krallenförmiger Haltung, gaukelten sie, die unmöglichsten Grimassen schneidend, die Zungen herausschlagend und die Augen verdrehend, so dass man nur mehr das Weisse sah, vor der Front nach links und nach rechts hin und her, geberdeten sich sehr gelungen wie kleine Teufel und erinnerten lebhaft an den so charakteristischen Typus jener Fratzengesichter, welche ein Hauptornament der Maoriskulptur bilden.
Im Anfang gingen die Tanzfiguren ziemlich gut von Statten. Der alte Häuptling hatte sichtlich seine Freude daran und jauchzte vor Vergnügen. Er mochte sich seiner schönen kannibalischen Jugend erinnern. Bald jedoch schien sich Ermüdung und Langweile in dem Balletkorps einzustellen und die Taktmässigkeit der Evolutionen erlahmte. Die Einen machten linksum wenn rechtsum kommandirt war, es gab dann Verwirrung, die Tanzenden fingen an, sich zu schimpfen. Auch der alte Häuptling gerieth ins Schimpfen, die Verwirrung stieg. Er schimpfte immer ärger, er riss seine Weste ab und raste nun nackt hin und her. Aber es half alles nichts mehr. Wüthend legte er das Kommando nieder und mischte sich unter die Zuschauer, um die Tänzer mit höhnischen Zurufen zu schmähen, als sie ohne ihn weiter zu arbeiten versuchten, und ein jüngerer Mann kommandirte. Sowie der alte Häuptling nicht mehr mitspielte, war es um die Vorstellung geschehen. Nichts gelang mehr, und der Tanz löste sich in einen allgemeinen Streit auf.
Der alte Geist des Haka war eben unter dem jüngeren Volk nicht mehr vorhanden, und wenn er jetzt noch hie und da produzirt wird, so geschieht es blos des Geldes wegen und vor Touristen, die nichts davon verstehen.
Nur bei den grossen Staatsversammlungen der Maoris oder auf den jährlichen Rundreisen des Ministers für Maoriangelegenheiten bei den verschiedenen Stämmen, wenn viele Männer vom alten Schlag zusammenkommen, mögen die alten Maoritänze noch ziemlich echt aufgeführt werden, und dann soll es auch nicht an den dazugehörigen Bestialitäten fehlen. Man hat mir hierüber die haarsträubendsten Dinge erzählt. Es wird aber so viel gelogen, dass ich nicht weiss, was ich für wahr halten darf. Positiv ist nur, dass in den Zeitungen damals viel Entrüstung über einige vornehme Damen zu lesen war, die bei einer derartigen Gelegenheit sich vorgedrängt hatten und sich schliesslich gezwungen sahen, in Ohnmacht zu fallen.
Die jüngere Generation von Ohinemutu zieht es vor, Walzer und andere europäische Tänze zu tanzen. Fast alle Abende fanden entweder in einer alten leerstehenden Hütte oder im Freien sehr lustige Bälle statt. Auch jetzt nach dem missglückten Haka wurde ein solches zeitgemässeres Vergnügen arrangirt, und zwar, da wir gerade den schönsten Mondschein hatten, gleich vor dem Versammlungsgebäude. Die Mädchen tanzten ausgezeichnet. Allerdings wirkten die Furcht, ihnen auf die blossen Füsse zu treten, und die Unebenheiten des Bodens etwas störend. Ein Soldat der Konstabulary Force machte mit einer Ziehharmonika die Musik dazu.
Als der Musikant müde war und den Ball durch Aufhören seines Spiels beendete, bat mich eine unserer Tänzerinnen, mit in ihre Hütte zu kommen. Sie hatte gehört, dass ich ein Arzt sei, und bewarb sich eifrig um meine Gunst, damit ich ihr einen bösen Husten, an dem sie litt, wegzaubern möchte.
Sie wohnte mit zwei Freundinnen zusammen in einer Weise, die allen Rücksichten der Hygiene spottete und wieder ein glänzendes Zeugniss ablegte von der bekannten eisernen Gesundheit der Prostituirten überhaupt und dieser braunen insbesondere. An eine bestimmte Essens- und Schlafzeit schien sich das interessante liederliche Kleeblatt nicht zu binden. Eine Stearinkerze, die in einer schmierigen Flasche steckte, wurde angezündet. Der Fussboden war die nackte feuchte Erde. Im Hintergrund der Hütte bildete eine Schicht Farnkraut mit einigen groben wollenen Decken und weiss überzogenen Kopfkissen das gemeinschaflliche Bett für die drei, auf welches wir uns niedersetzten da sonst kein Sitzplatz vorhanden war.
Meine Patientin holte aus einem Winkel etliche kalte gesottene Kartoffeln hervor und schälte mir eine davon. Kartoffeln sind fast die ausschliessliche Speise der Maoris. Aber diese niederträchtige Nahrung hat es noch nicht vermocht, die Schönheit der Rasse merklich zu schädigen. Die eine der Freundinnen ging wieder fort und sagte, sie wolle heute wo anders schlafen, die andere packte ein Stück leichten Stoffes aus einem grossen Papier und fing an, bei dem spärlichen Licht der Kerze zu nähen. Es war ungemüthlich kühl und feucht, man sah den Hauch vor dem Munde. Dabei hatten die Mädchen weiter nichts als ein Hemd und einen möglichst grell und bunt gefärbten Schal auf dem Leibe.
Mehr als diese zwei Kleidungsartikel trägt für gewöhnlich kein Maorifrauenzimmer in Ohinemutu. Bei besonders festlichen Gelegenheiten werden die Füsse vielleicht in ein Paar Stiefeletten und der Oberkörper in ein Mieder gezwängt. Stiefeletten und Mieder sind aber Luxusgegenstände, welche nicht jede besitzt. So frieren sie sich durch den Winter durch, bis der warme Sommer kommt. Wird ihnen die Kälte zu stark, so gehen sie hinaus und legen sich auf ein paar Stunden ins warme Wasser, was wir gemeinschaftlich thaten, nachdem meine Konsultation zu Ende war. Von einer ernsthaften Behandlung des ohnehin geringfügigen Uebels konnte hier natürlich keine Rede sein. Die Patientin erhielt mein letztes Wellingtoner Morphiumpulver.
Ich glaubte unter den Mädchen und Weibern von Ohinemutu zwei Typen unterscheiden zu können, einen mit ernsten ruhigen Zügen von zuweilen sehr edler Bildung, und einen mit unregelmässigen niggerhaften Gesichtern, denen nur eine gewisse hetärenhafte Heiterkeit einen Reiz untergeordneter Art verleihen konnte. Bei den Männern fand ich diese Unterschiede weniger ausgesprochen.
Obgleich auch bei den Maoris der so ziemlich allen Naturvölkern eigene Grundsatz gilt, dass die unverheiratheten Frauenzimmer bis zur Ehe berechtigt sind, frei über sich zu verfügen, ohne deshalb in Schande zu verfallen, eine Freiheit, aus der sich in Berührung mit dem Europäerthum gewöhnlich eine intensive Prostitution zum Zweck des Gelderwerbes gebildet hat, so fehlte es in Ohinemutu doch nicht an einer Art Sittenpolizei, welche die Häupter der Gemeinde ausübten, und mehr als einmal sah ich herumstreunende Mädchen ergriffen und nach Hause geschleppt werden.
Am nächsten Vormittag fuhr ich verabredeter Massen mit den drei Photographen nach Rotomahana, dem Gipfelpunkt der Sehenswürdigkeiten des Lake-Distriktes ab. Es ist herkömmlich, diese Partie über Wairoa, einem Dorf am Tarawerasee, zu machen, bis dorthin auf einer nicht aussergewöhnlich schlechten Strasse zu Wagen und dann über den See in einem Maorikanuu zu fahren.
Hätte ich vorher geahnt, welche Unannehmlichkeiten ich mittels meiner zehn Shillinge für einen Sitz auf dem Fuhrwerk nach Wairoa erkaufte, ich wäre ohne Zweifel zu Fuss gegangen, was mir höchstens eine halbe Stunde mehr gekostet, aber gewiss auch mehr Vergnügen und weniger Qual bereitet hätte. Meine Begleiter schleppten so viel Gepäck mit sich, dass wir in den unnatürlichsten Stellungen auf dem alten Karren, der fusshoch über Steine und Löcher hopste, herumbalanciren mussten, und die Pferde waren so jämmerlich schlecht und altersschwach, dass man es nicht ungerührt mit ansehen konnte, wie schwer ihnen eine raschere Gangart fiel, trotzdem der Kutscher alles Mögliche that, sie aufzumuntern, und schliesslich zu diesem Zweck sogar einen jungen Baum aus der Erde riss. Eine alte graue Stute lief einzeln in der Gabel, vor welche zwei andere Mähren gespannt waren. Diese zeigten noch etwas Empfindung und machten jedesmal drei oder vier Gallopsprünge, so oft das keulenförmige Wurzelende des jungen Baumes durch die Luft brauste. Die alte Stute in der Gabel aber blieb resignirt unter der Wucht der Keulenschläge, veränderte nicht eine Sekunde den sanften Rhythmus ihres unverwüstlichen Zotteltrabs und wischte höchstens einmal gleichgültig mit dem dünnen Schwänzchen über die Lenden, wenn gerade einer besonders heftig auf sie niedergerasselt war.
Das Wetter war kalt und fröstelnd, es begann zu regnen. Wir brauchten beide Hände um uns festzuhalten und konnten nicht daran denken, die Reisedecken um uns zu wickeln, sondern mussten das Unangenehme geduldig ertragen.
Zum Glück nimmt Alles ein Ende, also auch eine Reise nach Wairoa, welches wir freudig begrüssten, nachdem wir zuerst die Niederung von Ohinemutu, dann einige langweilige Farnhügel, dann einen prachtvollen Busch mit riesigen Totaras voller Schmarotzergewächse und eleganten Farnpalmen passirt hatten und zuletzt an zwei kleinen Seen entlang gefahren waren, von denen der erste Tikitapu heisst und 20 Meter höher als der zweite Namens Rotokakahi liegt. Der Spiegel des einen soll bei gutem Wetter herrlich blau sein, ich sah jedoch damals nur Grau.
Einige Partien wandernder Maoris, Männer, Weiber und Kinder zu Pferd und zu Fuss, begegneten uns und grüssten freundlich »Tenakoe« (da bist du). Ein junges Pärchen Hand in Hand eilte laufend vorbei, er einen Stock über der Schulter und sie ein farbiges Bündel herumschlenkernd. Nicht einen Augenblick unterbrachen sie ihr Rennen über den lehmigen Boden, durch Behendigkeit und Mangel an Grazie sehr an das Affenartige streifend, so lange man sie auf der schnurgerade durch den Busch geschnittenen Strasse verfolgen konnte.
Als wir in Wairoa ankamen und in unserem schmälichen Fuhrwerk am Hotel vorfuhren, gab es natürlich wieder den üblichen Zusammenlauf. Die Eingeborenen haben ausser der Bearbeitung einiger Kartoffelfelder nichts zu thun und leben hauptsächlich von den Fremden, welche die nahe Sehenswürdigkeit fast das ganze Jahr hindurch herbeizieht. Dieser Artikel mochte in der letzten Zeit wegen des schlechten Wetters etwas spärlich gewesen sein, wie aus der Aufregung, mit der man wetteiferte, uns Dienste zu offeriren, hervorzugehen schien.
Von verschiedenen Seiten kamen aus den zerstreuten Schilfhütten Männer mit kurzen Pageien auf den Schultern herbei. Ein Rudel Weiber und Kinder pflanzte sich dem Hotel gegenüber längs der Strasse auf, um dem Schauspiel unserer Verhandlungen mit den Kanuubesitzern als passive Theilnehmer beizuwohnen, und den Genuss zu erhöhen, kauerten einige nieder, zündeten ihre Stummel an und schickten kleine Jungen an uns ab, Pakehatabak zu erbetteln.
Die Hotelwirthschaft, drei bejahrte Frauenzimmer und ein stupid aussehender Kerl irischer Nation, welch letzterem übrigens nur selten zu sprechen erlaubt wurde, beschwor uns, doch heute nicht mehr in so vorgerückter Stunde und bei dem heftigen Winde die Fahrt über den Tarawera zu wagen, und ein Mann mit einem blauen Schäfermantel, einer Schirmmütze auf dem Haupt und dicken Holzsandalen an den Füssen eilte schleunigen Schrittes herbei, um sich als anerkannten Guide der Gegend und als Monsieur Procope vorzustellen, dem die Holzhütte gehörte, an welcher uns bereits beim Hereinfahren die Aufschrift »Maison de Paris« aufgefallen war. Kaum hatte er gehört, um was es sich handelte, als er auch gleich, in der Hoffnung engagirt zu werden, den Anschauungen der irischen Partei Opposition machte und, sehr erfreut, statt in dem ihm feindlichen Englisch in seiner Muttersprache konversiren zu können, uns wiederholt versicherte »Elles sont des Anes«. Seine Bemühungen trugen ihm nur etliche Zigarren ein, und wir fuhren ohne ihn nach Rotomahana.
Für die Wasserpartie Wairoa-Rotomahana ist ein Tarif in Geltung, nach welchem jeder Fahrgast zwei Kanuuleute für je fünf Shilling pro Tag zu nehmen verpflichtet ist. Wir hatten bald unsere acht Burschen beisammen und waren mit ihnen bezüglich unserer Personen handelseinig. Da jedoch die Photographen aussergewöhnlich viel Gepäck mitschleppten, weshalb noch eigens Bezahlung verlangt wurde, so führte dieser Punkt zu einer längeren unerquicklichen Zänkerei. Die Maoris versuchten Englisch und die Photographen Maori zu radebrechen, was zur Folge hatte, dass beide sich nicht verstanden. Auch der Franzose krähte zuweilen dazwischen, und die Irländerinnen schimpften dann kreischend auf den Franzosen, so dass die ganze Szene einschliesslich des neugierigen braunen Publikums amüsant sein konnte, hätte nicht die Kälte das Hinstehen und Zeitverlieren zu unangenehm gemacht.
Von Wairoa aus kann man den Tarawerasee noch nicht sehen. Er liegt etwa 30 Meter tiefer, und erst mehrere hundert Schritt weiter gegen Nord fällt das Land plötzlich zu ihm hinab. Bis dorthin folgte uns die ganze Bevölkerung nach sowie auch der Wagen mit dem Gepäck, um dann, voll von schreienden Kindern, zurückzukehren.
In einem Rinnsal kletterten wir den steilen Absturz hinunter. Dann gings durch ein sumpfiges Schilfdickicht und über einen Creek, auf dem zwei kleine Kanuus schwammen und die sehr unsichere schwankende Brücke zusammensetzten.
Diesen Creek werde ich niemals vergessen. Mit meinem Bündel in der einen Hand, dem Höllensteinkasten der Photographen in der anderen, zwischen den Zähnen meinen Regenschirm, betrat ich das diesseitige Kanuu, balancirte glücklich hindurch und war eben im Begriff in das jenseitige zu steigen, als hinter mir ein voreiliger Maori das labile Gleichgewicht störte, und ich lag sammt meiner Ladung rücklings auf dem kalten Grunde des Bächleins, und nur die Beine guckten noch aus dem Wasser, wie man mir später erzählte. Ich war nun vollständig durchnässt und sollte auf der ganzen Partie nicht mehr trocken werden.
Wir machten vergeblich ein Feuer an, um uns zu wärmen, bis die langweiligen Maoris ihre Zurüstungen beendet hatten. Ein hübsches braunes Mädchen, welches um Tabak bettelte und Mitleid mit meinem verunglückten Zustand zu haben schien, war mein einziger Trost.
Endlich, endlich stiessen wir ab, nachdem die Photographen sich noch eine Weile wegen ihres Gepäckes herumgezankt. Etliche schmale und lange, aus Baumstämmen gehöhlte Kanuus lagen im Sumpf des Ufers, und in das längste derselben packten wir uns und unsere Sachen. Es ist unbegreiflich, wie auf einem von englischen Touristen so stark befahrenen Gewässer noch solche schlechte und primitive Fahrzeuge benutzt werden dürfen.
Obgleich unsere Maoris bereits eine halbe Stunde lang ausgeschöpft hatten, war der Grund des Kanuus noch immer voll Wasser, als sie uns einzusteigen nöthigten. Wir setzten uns einer hinter den anderen, mit gespreizten Beinen in einander gefügt wie zu einer Bergwerksfahrt, auf den engen Boden, dessen Härte eine Streu Farnkraut mildern sollte, und dessen Wasserstand sehr fühlbar unsere Basis umspülte. Um mich, auch oberhalb dieses gemeinschaftlichen Pegels Feuchten, zu wärmen, bat ich mir einige Gepäckstücke zur Verschanzung aus. Einen Kartoffelsack auf dem Bauch, den Höllensteinkasten als Brustschild, die Camera obscura und das Dunkelzelt gegen den Rücken gestaut, so verwandelte ich langsam durch thierische Wärme die Nässe der Kleidung in einen verhältnissmässig behaglichen Dunst, resignirt und mir wohlbewusst unfehlbar zu ertrinken, falls das schwanke Kanuu umkippen sollte, wozu es einigemal Miene machte.
Je vier Maoris sassen vor und hinter uns und tauchten nach dem raschen Takte eines melodiösen Gesanges die kurzen Pageien ins Wasser. Ganz hinten ruderte der Kapitän und kommandirte mit heftigen und erregten Worten.
Wir schossen aus der Bucht in den See hinaus, die schön bewaldeten felsigen Ufer flogen zurück, ein scharfer Wind wehte uns entgegen, und höhere Wellen leckten links und rechts ins Kanuu. Die Gefährten übernahmen abwechselnd die Arbeit, mit einer alten Konservenbüchse auszuschöpfen. Ich selber, der ich am tiefsten sass, peilte mit meiner Haut den Stand der Flüssigkeit. Sobald sie die Schenkelbeuge zu überfluthen begann, befahl ich zwei Mann an das Pumpwerk.
Unsere Maoris benahmen sich keineswegs vertrauenerweckend. Bei jedem schärferen Windstoss, bei jedem höheren Wellengang fingen sie laut zu schreien an, debattirten unter einander und hörten nicht mehr auf den Kapitän. Dann schien es ihnen auf einmal zu gefährlich, durch die Mitte des Sees zu steuern, sie bogen gegen Land zu und setzten dadurch die ganze Breitseite den Wellen aus, welche auch nicht versäumten, sofort hereinzuschlagen und sie zur Beibehaltung des alten Kurses zu nöthigen. An einer vorspringenden Felsenzunge kamen wir dem Gestein so nahe, dass wir beinahe scheiterten. Kurz eine Gefahr nach der anderen drohte aus der Unentschlossenheit und Aufgeregtheit des braunen Piratengesindels, dem wir in die Hände gefallen waren. Ihre ganzen Navigationskünste, von denen die Neuseeländischen Reisehandbücher viel Rühmliches zu berichten wissen, äusserten sich mehr in einem ewigen wüsten Geschrei, einem ewigen rathlosen Hin- und Herfackeln, als in einer zweckmässigen ernsten Thätigkeit. Und zu alle dem waren die Kerls noch schmälich faul, ruhten gemächlich aus oder frugen uns durch Geberden, ob wir nicht auch einmal rudern wollten.
Die Landschaft ringsum war trotz des ungünstigen Wetters äusserst malerisch, und das dunkle Grün des Wassers wetteiferte mit dem noch dunkleren Grün des über Felsen hereinhängenden üppigen Busches an Kraft und Tiefe. Hie und da erhob sich ein einsamer scheuer Kormoran aus dem Wasser.
Nach etwa zwei Stunden näherten wir uns dem östlichen Ende des Sees, wo eine Bucht in südlicher Richtung sich zu einem Bache verjüngt, der aus dem Rotomahana herabkommt. An einer Stelle ist ein schönes Echo, welches der Maorisage zufolge den in den schroffen Wänden des Ufers hausenden Dämonen seinen Ursprung verdankt. Früher musste man hier ein kleines Opfer leisten, indem man Geld, Zigarren oder Tabak auf einen niedrigen Felsblock legte. Jetzt hatte sich diese alte Sitte so weit abgeschwächt, dass es genügte, ein Stückchen Farnkraut von unserer Streu im Vorüberfahren darauf zu werfen.
Am Eingang zu dem Bach von Rotomahana, ganz nahe dem Ziele, gabs abermals Streit. Es war spät geworden. Unsere Maoris wollten nicht mehr weiter gehen und in ein paar Hütten neben einer heissen Quelle bei guten Freunden übernachten.
Es war ihnen sichtlich darum zu thun, uns möglichst viel Zeit und damit auch möglichst viel Geld für sich abzugewinnen. Im Hintergrunde der buschigen Berge dampfte es gewaltig und vielversprechend empor, und das Wasser war bereits lauwarm, weshalb wir schon eine halbe Stunde früher unsere Trinkgefässe gefüllt hatten.
Wir bestanden darauf, noch heute an Ort und Stelle zu gelangen, und wenn wir auch das schwerere Gepäck bis morgen zurücklassen mussten. Die Maoris gehorchten wider Erwarten, wir stiegen aus und setzten die Reise zu Fusse weiter, während das Kanuu mit nur vier Mann den Bach hinauffahren sollte.
Aber ganz ohne Prellerei konnte es doch nicht abgehen. Der schmale Pfad im Manukagestrüpp setzt plötzlich über den tiefen Bach. Unsere halbnackten Führer wateten einfach durch, indem sie die Hüftenplaids etwas lüpften. Wir armen Europäer waren nicht so praktisch gekleidet und standen verlegen am Rande, während jene sich höhnisch erboten, für einen Shilling uns hinüberzutragen. Wir waren entrüstet ob dieser Frechheit. Sie waren unsere gemietheten Diener, jeder von den Kerls kostete uns per Tag fünf Shilling und die Verpflegung, und nun wagten sie noch uns extra zu brandschatzen. Gerne hätten wir uns der Stiefel und sonstiger Anhängsel entledigt, allein wir hätten sie sicher wegen ihrer Feuchtigkeit nicht wieder anlegen können. Wir wollten um keinen Preis nachgeben und beschlossen, auf das Kanuu zu warten. Drüben zündeten sich die streikenden Maoris ein Feuer an. Wir versuchten dasselbe herüben, aber nicht ein einziges Zündhölzchen war trocken.
Die Kälte wurde ungemüthlich und wir wurden weich und gewährten den Shilling. Die Maoris kamen und luden uns auf den Rücken. Indess, für mich war heute ein Unglückstag. Mein Bursche glitt aus, und ich lag abermals im Wasser. Dass er dennoch seinen einmal versprochenen Shilling erhielt, schien ihn sehr zu rühren, und von nun an war er die Aufmerksamkeit selbst.
Jetzt galt es eine der schwierigsten und gefährlichsten und schauerlichsten Partieen, die ich jemals gemacht, und wir bedurften jetzt doppelt einer ortskundigen Führung. Es war dunkel in dem Manukadickicht geworden. Die Maoris nahmen uns bei den Händen und zogen uns durch Dick und Dünn. Allenthalben begann es wieder zu brodeln und zu qualmen. Aus schwarzen Abgründen unten stampfte und hämmerte es drohend herauf, heisses Wasser spritzte uns ins Gesicht, und Dampfwolken benahmen jeglichen Blick, während wir, festgehalten und geleitet von den starken Armen der Wilden und willenlos ganz in ihre Gewalt gegeben, über morsche Mauerkanten und schlüpfrige Lehmabhänge vorwärtsstrebten, links und rechts, vor uns und hinter uns das Verderben. Ein einziger Fehltritt und wir kochten in einem der siedenden Kessel.
Durch das Manukagebüsch schimmerte eine weisse Fläche, es lichtete sich, und wir waren am Fusse der berühmten, herrlichen Sinterterrasse Tetarata. Wir schritten über ihren glatten Spiegel den jenseits errichteten Hütten zu, in denen wir übernachten wollten. Rechts dampfte der kleine See Rotomahana. Stimmen von Wasservögeln, deren nächtliche Ruhe wir störten, liessen sich in seinem Schilf vernehmen.
Auch rings um die Hütten sind kochende Quellen und Tümpel zum Baden. Ich beeilte mich, aus den nassen Kleidern und aus der kalten Luft ins warme Wasser zu steigen. Während ich dort das sauer verdiente Abendbrot verzehrte, Schokolade, Eier und Kartoffeln, in irgend einer der vielen natürlichen Kochgelegenheiten zubereitet, trockneten unterdessen meine Kleider auf geheizten Steinfliesen. Wahrscheinlich würde ich auch auf unserem Farnlager ausgezeichnet geschlafen haben, wenn nicht eine kleine Art Stechfliegen uns belästigt, wenn nicht eine Kompagnie Ratten rücksichtslos und ungestüm um den Kartoffelsack der Photographen, auf dem mein müdes Haupt ruhte, hin und her geraschelt, und wenn nicht die Maoris nebenan fortwährend geplaudert hätten.
Früh am Morgen erhoben wir uns, zuerst die gestern in der Dunkelheit passirte weisse Terrasse zu besichtigen. Sie lag von den Hütten nur durch einen niedrigen mit Farn und Manuka bewachsenen Vorsprung getrennt. Wenige Schritte, und das grösste Wunder Neuseelands öffnete sich unseren Augen.
Der kleine vielgebuchtete See Rotomahana, dessen trübe Fläche und struppige dampfende Ufer jeglichen Reizes entbehren, ist in ein enges Thal gebettet, dessen Böschungen allenthalben von kochenden Quellen, kochenden Pfützen und Schlammvulkanen durchwühlt sind. Mitten in diesem Wirrsal von siedendem Schmutz hat die Natur bizarrer Weise zwei so ätherische, mährchenhafte Gebilde aufgebaut, wie vielleicht kein drittes mehr auf der Erde zu finden ist. Einander schräg gegenüberliegend, ungefähr nordöstlich und südwestlich vom See fliessen zwei breite, erstarrte Ströme einer unendlich zart und weichgefärbten Substanz von oben herab, die zwei Kieselsinterterrassen Tetarata und Otukapuarangi. Der Form nach gleichen sie beide gefrorenen Kaskaden, die in einer Höhe von etwa 25 Meter aus dem Berge hervorquellen und in sanften Staffeln sich in den See ergiessen, unten ausgebreitet zu einem flachen etwa 100 Meter betragenden Bogen.
Man steigt, theilweise in einer dünnen spiegelnden Schicht lauen Wassers watend, über die Staffeln empor. Die zarten Krystallblumen, welche den Boden bedecken, knirschen unter den Füssen wie Reif oder hartgefrorener Schnee.
Oben gähnt ein dampfender Kessel, der ab und zu aufwallen soll, von einer Platform umgeben. In jede der vielen regellos gehäuften Staffeln sind Schalen gehöhlt, welche Wasser von allen Temperaturen enthalten, je höher und näher dem Kessel oben, desto wärmer, je niedriger, desto kühler. Wülste von ornamentalen Stalaktiten umfassen diese unübertrefflichen Badebecken, deren Innenflächen gepolstert sind mit zarten Sinterkrystallen, nachgiebig dem geringsten Druck der Haut, ein Stoff würdig des raffinirtesten Sybariten.
Das Wunderbarste jedoch an den beiden Terrassen sind die Farben. Tetarata ist glänzend alabasterweiss und mit schwärzlichen Dendritenzeichnungen geschmückt, Otukapuarangi aber ist von einem wohllüstigen Rosaroth angehaucht. Die mit Wasser gefüllten Schalen beider schillern in mattem Blau, das bei Otukapuarangi oft in die anderen Farben des Regenbogens hinüberspielt. Dunkelrothe Felswände und dunkles Manukagestrüpp bilden den Hintergrund.
Trotzdem wir schlechtes Wetter hatten, und ein feiner Regen uns frösteln machte, badeten wir auf beiden Terrassen in verschiedenen Schalen, mehr aus Pedanterie als aus Gelüste.
Die zweite südöstliche Terrasse konnte man nur mit dem Kanuu erreichen. Leider ist dieselbe mit unzähligen eingekritzelten Namen von Besuchern verunziert. Neben einem durch amerikanische Reklamenhaftigkeit berüchtigten Schneider in Auckland fand ich auch den Herzog von Edinburgh in dieser geschmacklosen Weise verewigt. »Te Plines, te Plines« (the Prince) machte mich mein Führer aufmerksam darauf.
Der Prinz hat hiedurch ein sehr schlechtes Beispiel gegeben. Jeder richtige Engländer thut jetzt dasselbe. Hätte Seine Königliche Hoheit statt dessen lieber sich für die alten nunmehr vermodernden Skulpturen von Ohinemutu interessirt und einige durch Kauf erworben, so würde er dadurch der loyalen Nachahmungssucht des englischen Touristengesindels eine viel vernünftigere und heilsamere Richtung angewiesen haben. Die Maoris hätten dann vielleicht bei gesteigerter Nachfrage sich wieder einer Kunstindustrie zugewendet, für welche ihre Altvordern so viel Neigung und Geschick besassen und für welche auch die jetzige Generation unverkennbar grosse Begabung zeigt, und es wäre vielleicht ein Erwerbszweig wiedererstanden, geeignet, eine edle und liebenswürdige Rasse zu den Segnungen der Arbeit zurückzurufen.
An unserem Lagerplatz erhielt ich noch ein paar heisse Kartoffel, welche mein Bursche mit einer Muschel schälte, und nahm dann Abschied von den Gefährten, ohne sie um den projektirten dreiwöchentlichen Aufenthalt bei diesem Wetter und in dieser Jahreszeit sehr zu beneiden. Ich habe später wieder von ihnen gehört. Sie mussten noch viel von der Geldgier der Wairoabevölkerung ausstehen, welche der Ansicht war, dass Fremde eigentlich nur mit je zwei Mann im Solde (5 Shilling pro Mann und Tag) an den Ufern des Rotomahana verweilen dürften.
Der Bach, durch den wir nach dem Tarawerasee zurückfuhren, hatte so viele Krümmungen, dass das lange Kanuu kaum durchkommen konnte. Wir blieben auch mehrmals stecken und wurden von der starken Strömung halb in die Quere getrieben, was immer viel Geschrei und wenig zweckmässige Anstrengungen der acht braunen Kerls zur Folge hatte, die sich ihrer Kleider entledigten, um gleich hinausspringen und schieben zu können. Unterwegs wurde noch eine Ladung Schilf, die ein plötzlich aus dem Uferdickicht auftauchender Maori von herkulischen Gliedmassen geschnitten hatte, mitgenommen und da wo der Tarawerasee beginnt, angehalten, um in einer nahen Hütte zu plaudern und Kartoffeln zu essen. Ich hatte zwar das Kanuu für den Tag gemiethet und war somit rechtlich Besitzer und Befehlshaber desselben, musste mir aber gefallen lassen, was meinen Maoris gut dünkte und unterliess auf Grund gemachter Erfahrungen jegliche Aeusserung eines Willens.
Auch hier sind warme Quellen. Ein junges Mädchen zum Skelett abgemagert, lag in einer Badepfütze und verzehrte mit dem gierigen Appetit einer Rekonvaleszentin gekochte Teichmuscheln, während ein altes Weib gleich daneben in einem siedenden Sprudel die Kartoffeln für uns bereitete.
Ich war schliesslich doch dankbar für die von meinen Leuten eigenmächtig verfügte Unterbrechung der Heimreise. Denn einer von ihnen hatte die Pause dazu benützt, aus seiner Wollendecke, zwei Stangen und zähen Schilfhalmen ein zwar nicht marinemässiges aber doch sehr wirksames Sprietsegel herzustellen, welches bei der günstigen steifen Brise, die gerade wehte, das lange schmale Kanuu mit einer Schnelligkeit durch die aufspritzenden unwillig zischenden Wellen jagte, die einem ordentlichen breitgebauten Segelboot nie gelungen wäre. Es war trotz Kälte und Nässe ein Hochgenuss, so dahin zu stürmen, ganz nahe an den Felsblöcken und den weit über sie hereinhängenden riesigen Bäumen mit ihren herrlich dunklen Schatten vorbei, so rasch, dass sie oft nicht mehr zu unterscheiden waren, und das ganze Ufer wie verwischt am Auge vorbeihuschte.
Meine Maoris jauchzten vor Vergnügen, schrieen und sangen und klatschten in die Hände, höhnten grinsend die hinten nachrollenden Wellen, die uns nicht einzuholen vermochten und drohten mit der Faust auf jene, welche jeden Augenblick vorwitzig über den niedrigen Rand leckten, so dass sie dann doppelt emsig ausschöpfen mussten. Oder sie stellten sich im flatternden Hemd mit gespreizten Beinen auf die Borde und breiteten ihre Lendenbekleidung, die wollene Decke, als Hilfssegel aus, deren Zipfel sie mit Füssen und Händen festhielten, so dass ihr geschickt balancirender Körper zugleich Mast, Raa und Schoten ersetzte.
Als wir um die Felsenecke, an der wir gestern den Göttern so wohlfeil geopfert hatten, bogen, änderte sich leider der Wind und wurde so unbestimmt, dass es mit dem Segeln nicht mehr gehen wollte. Von allen Seiten schossen Böen aus den Schluchten herab und kräuselten weithin erkennbar kreuz und quer den hüpfenden See. Wir mussten noch über zwei Stunden rudern, was den Maoris viel weniger zu behagen schien als das Segeln, und sichtlich gewährte es ihnen grosse Befriedigung, dass auch ich theils aus Langweile theils aus Frost zuweilen Wasser schöpfte oder mit der Pageie vorwärtslöffelte.
Spät am Nachmittag kam ich nach Wairoa, von wo aus ich sofort zum abermaligen Erstaunen der irischen Hotelfamilie nach Ohinemutu abmarschirte, welches ich erst nach mehreren Stunden todmüde erreichte, nachdem ich mich in der stockfinsteren Nacht zu allem Ueberfluss noch um eine beträchtliche Strecke verirrt hatte.
Nach meiner Rückkehr von Rotomahana lernte ich den Native-Kommissioner Mister Davis kennen, einen würdigen alten Herrn, berühmt in ganz Neuseeland wegen seiner Gelehrsamkeit in Maoriangelegenheiten. Er war von Auckland nach Ohinemutu gekommen, um Streitigkeiten mit den Eingeborenen zu schlichten.
Da Mister Davis hier öfters und dann meistens längere Zeit zu thun hatte, so war unter seiner Leitung eine Art Schule für die zahlreiche Jugend des Dorfes entstanden, die er jedesmal wieder auffrischte. Missionsanstalten wie früher scheinen seit dem letzten Krieg in Neuseeland kaum mehr zu existiren. Ich habe wenigstens niemals von einer solchen gehört. Trotzdem soll es unter der jetzigen Generation der Eingeborenen nur wenige geben, die nicht schreiben und lesen können. Ohne eigentliche Lehrer zu haben lernen sie es einer vom anderen, und an allen Mauern und Zäunen, an allen Felswänden im Walde sieht man Namen und Zeichnungen eingekratzt, welche die bedeutende Vorliebe der Maoris für graphische Künste dokumentiren.
Mister Davis lud mich eines Abends ein, seine Singschule zu besuchen. Ich hörte da ausser echten Maorigesängen auch einige ins Maori übersetzte englische Lieder. Mitten darunter kam ein Hymnus, von drei Mädchen vorgetragen, der mir durch die Fremdartigkeit seiner Melodie und seines Textes sehr vortheilhaft vor den übrigen auffiel. Es war ein tonganischer Gesang, den die Mädchen in Auckland von tonganischen Matrosen erlernt hatten. Als Mister Davis seinen Schülern und Schülerinnen mittheilte, dass ich ein Deutscher sei und ein vom Englischen verschiedenes Idiom spräche, liessen sie mich bitten, ihnen eine deutsche Rede zu halten, was ich gerne that, ohne mich sonderlich kümmern zu müssen, was ich sagte. Mit grosser Befriedigung wurde konstatirt, dass es wirklich ganz anders klinge als Englisch. Eine der jungen Damen, die eine sehr schöne Handschrift besass, schrieb mir noch eine Sentenz auf einen Zettel, dann ging ich nach Hause. Jene Sentenz lautete folgendermassen: »Ki a Tiamana tena koe. Me whakaako koe ki te reo Maori. Heoi ano na Maraea i tuhi. Ki a ora tonu koe« (Deutscher, sei gegrüsst. Lerne doch die Maorisprache. Dieses hat die Maraea geschrieben. Möge deine Gesundheit beständig sein).
Ohinemutu besitzt keinen Arzt, und so wurde ich während meiner Anwesenheit häufig als solcher in Anspruch genommen, was mir sehr lieb war, da ich so tiefer in die Geheimnisse der Maoribevölkerung einzudringen hoffte. Ich wurde indess stets nur von Weissen zu Eingeborenen gerufen. Diese selbst schienen mich nicht zu wünschen und zu mir viel weniger Vertrauen zu haben als zu einem in der Nähe wohnenden Zauberer. Selten erntete ich etwas wie Dankbarkeit. Vielleicht auch fürchteten die Maoris, dass ich Bezahlung verlangen würde.
Zwei mit Knochensyphilis behaftete Weiber waren die einzigen Fälle von Interesse. Sie leugneten hartnäckig, jemals an primären Erscheinungen gelitten zu haben. Es wäre von höchster Wichtigkeit zu beobachten, wie der Verlauf dieser Krankheit unter dem Einfluss der täglichen und langdauernden heissen Bäder, denen die Bevölkerung von Ohinemutu obliegt, sich gestaltet.