Mit uns war der Lootse für Kandavu an Bord, der damals zugleich auch für die Neuseeländischen Häfen lootste und deshalb beständig auf den Dampfern hin- und herfuhr. Er behauptete Viti vollständig zu kennen, und an ihn wendete ich mich zunächst mit meinen Zweifeln. Er rieth mir dringend ab, nach Levuka oder gar nach Vitilevu zu gehen, ich würde sonst höchst wahrscheinlich meine Passage verlieren, da es kaum möglich sei, innerhalb eines Monats wieder in Kandavu einzutreffen. Vielleicht hatte er Recht und sagte die Wahrheit, vielleicht war er an dem Hotel in Kandavu betheiligt. Im Widerspruch mit ihm riethen mir einige Mitpassagiere aus Levuka, die dorthin zurückkehrten ebenso dringend, ich sollte mit ihnen kommen und nicht auf Kandavu bleiben »O auf Kandavu ist nichts los, da werden Sie sich höchstens langweilen und nichts zu essen und nichts zu trinken bekommen«. Jetzt glaube ich annehmen zu dürfen, dass sie hierbei nur an ihre Schnapskneipen in Levuka dachten.

XII.
WAILEVU.

Allgemeines über Viti. Ankunft in Kandavu. Herrn Kleinschmidt kennen gelernt. Gepäckschwierigkeiten. Meine ersten echten Wilden. Das Hotel von Wailevu und seine Eigenthümlichkeiten. Drei junge Flibustier mit trüben Aussichten. Eine interessante Tischgesellschaft. Besuch beim Doktor. Kawa-Gelage. Zauberhafte Tropennacht.

Nach nicht ganz vier Tagen hatten wir die neunzehn Breitengrade oder 1140 Seemeilen zwischen Auckland und Kandavu zurückgelegt, und wir waren in Viti.

Die Viti- oder, wie man gebräuchlicher, aber weniger richtig sagt, Fidschi-Gruppe, die ausgedehnteste der Südsee, besteht aus über 200 Inseln.[7] Diese Inseln, deren Gesammtflächeninhalt von 20 807 Quadratkilometer ungefähr dem des Königreichs Würtemberg (19 504 Quadratkilometer) gleichkommt, lassen sich in mnemotechnischer Rücksicht eintheilen in zwei von erster Grösse, Vitilevu und Vanualevu, zwei von zweiter Grösse, Tawiuni und Kandavu, und eine Menge kleinerer dritter Grösse bis zu wasserlosen und deshalb unbewohnten Felsen herab. Die Bevölkerung wird nach der letzten Schätzung zu 118 000 Eingeborenen und 1500 Weissen angegeben. Davon sollen auf Kandavu etwa 5000 Eingeborene und 50 Weisse treffen.

[7]: Der offizielle englische Name der Kolonie ist »Fiji«, mit dem Akzent auf der letzten Silbe. Unsere deutschen Geographen schreiben überwiegend »Viti«. Die Eingeborenen selbst nennen sich »Kai Viti« (Kai = Mann), mit dem Akzent auf der vorletzten wie überhaupt bei fast allen polynesischen Wörtern. Auch für die Vitisprache gilt die italienische Vokalisation.

Die Regierungshauptstadt Levuka liegt auf einer Insel dritter Grösse, auf Ovalau. Viti ist die jüngste englische Kolonie. Erst vor vier Jahren, am 21. März 1874, haben die Engländer auf Antrag des eingeborenen Königs Thakombau, dem die begonnene moderne konstitutionelle Regierung mit seinen weissen Unterthanen nicht mehr recht gelingen wollte, sie in Besitz genommen. Die Viti-Inseln sind auch noch dadurch interessant, dass unter allen bisher bekannten Menschen der Erde gerade die Viti-Insulaner ehemals am meisten dem Kannibalismus fröhnten.

Als ich am 7. Juli Morgens aufwachte, ging die Maschine bereits langsamer. Ich sprang ans Fenster. Die dunklen Umrisse hoher Berge lagen vor uns im Dämmerlicht, und hie und da brandete die See in weissen Schaumlinien über Korallenriffen.

Trotz der frühen Stunde und trotz des Regens waren bald die meisten Passagiere auf Deck, und auch draussen auf dem Wasser wurde es lebhaft, als wir in die Angaloa Bai einfuhren. Der Dampfer von Sydney, die »City of New York« hatte sich bereits auf dem Ankerplatz eingefunden, und hinter uns drein kam mit einer in diesen Breiten geradezu erstaunlichen Pünktlichkeit der kleine »Star of the South«, welcher die Post von Levuka brachte, und entwickelte eine so mächtige Rauchsäule, dass wir ihn anfangs für den grossen erst in zwei Tagen fälligen Dampfer von Amerika hielten. Aus allen Ecken erschienen beflaggte Segel- und Ruderböte europäischer Konstruktion und Segel- und Ruderkanuus von Vitibauart, und nackte braune Menschen sassen in ihnen. Eine Dampfbarkasse mit den fliegenden Farben der Pacific Mail Steam Shipping Company fuhr kreuz und quer durch die kleine Flottille, scheinbar ohne anderen Zweck als das Durcheinander zu vermehren und die Wirkung des belebten Bildes zu erhöhen. Von den Hügeln, welche mit einer eigenthümlichen, unschön grellgrünen Vegetation bedeckt waren, wie auf schlechten Aquarellen, begannen Palmen zu winken, und auch unten am Ufer tauchten Palmenhaine auf und zwischen ihnen die niedrigen Strohhütten eines Vitidorfes.

Kaum war der Anker hinabgerasselt und die Falltreppe niedergelassen als Dutzende von Fahrzeugen sich an unsere Seite legten. Der Regierungsdoktor kam in seinem Boot, an dessen Stern die blaue Flagge des englischen Zivildienstes flatterte, mit sechs Insulanern, deren frischgewaschene weisse Turbans geschmackvoll von dem satten, glänzenden Braun ihrer muskulösen Körper sich abhob, herangerudert und frug, ob Alles an Bord gesund sei. Agenten und Kaufleute stiegen herauf, und Eingeborene boten von ihren Kanuus aus Früchte, Muscheln und alte Kannibalenwaffen feil.

Rings ums Schiff wimmelte es von den seltsamen Gestalten der Südseekanuus mit ihren Auslegern, die sich so gebrechlich ansehen und so gut segeln. Die See ging ziemlich hoch, schlug sie voll Wasser, warf eines gegen das andere, und verwickelte die dünnen, zusammengebundenen Holzgerüste der Ausleger. Heftiges Geschrei flog hin und her, Körbe mit Früchten wurden über Bord geschwemmt und trieben hinweg, und zwei der Kanuus kenterten, so dass ihre braunen Insassen ins Wasser fielen, woraus sie sich aber viel weniger machten, als aus dem Verluste einiger hundert Apfelsinen, welche ihren ganzen Handelsvorrath bildeten und nun von der Ebbe entführt über die hüpfenden Wellen sich ausbreiteten.

In einem Kanuu befanden sich zwei Frauenzimmer, ebenso wie die Männer kurz geschoren, mit weiter nichts als einem Stück Tuch um die Lenden bekleidet und blos durch ihre vollen Brüste als solche erkennbar. Sie zogen die Aufmerksamkeit unserer Passagiere in nicht geringem Grade auf sich, nicht allein der männlichen, sondern auch der weiblichen, deren Mienen ausser der allgemein weiblichen Neugierde etwas wie Eifersucht und Neid über diese privilegirte Zurschaustellung verriethen trotz des affektirten verächtlichen Naserümpfens.

Ich war noch immer unentschlossen, wohin ich mich wenden, ob ich nach Levuka fahren oder dem Rathe des Lootsen folgen und auf Kandavu bleiben sollte, als ich allen Zweifeln hierüber durch meinen guten Stern sehr angenehm entrissen wurde, indem er mir, eben im Begriff, den Dampfer zu verlassen, einen deutschen Landsmann und Naturforscher zuführte. Herr Kleinschmidt, der als wissenschaftlicher Reisender des Museum Godeffroy in Hamburg sich eben zum Zweck zoologischen Sammelns auf Kandavu aufhielt, kam an Bord des Dampfers, wurde mir vorgestellt und hatte die Güte, mir seine Führung auf gemeinschaftlich zu unternehmenden Streifzügen anzubieten, was ich natürlich mit dem grössten Dank annahm. Ich weiss wahrhaftig nicht, wie ich ohne Herrn Kleinschmidt, der, seit mehreren Jahren in Viti, Land und Leute kannte und der Vitisprache vollständig mächtig war, mit den Insulanern zurecht gekommen wäre, die fast kein Wort Englisch verstehen und sehr geneigt zu sein scheinen, den ihrer Sprache unkundigen Fremdling an der Nase herumzuführen. Ich beschloss also, auf Kandavu zu bleiben und habe es nicht bereut.

Es galt zunächst, mein Gepäck an Land zu schaffen. Ein Boot war bald zur Hand. Aber das Gepäck zu erhalten war nicht so leicht. Es stand unten im Zwischendeck, und um es herauszubekommen, musste eine Pforte in der Schiffswand geöffnet werden. Von Pontius zu Pilatus geschickt, hier mit einem Grobian einige scharfe Worte wechselnd, dort von einem Lümmel auf meine bescheidene Anfrage ohne Antwort gelassen, fand ich endlich jenen dritten oder vierten Offizier, der hiezu allein berechtigt war, und bei dem ich auf weniger Widerstand stiess, als ich erwartet hatte. Die schweren eisernen Barrieren der Pforte wurden losgeschraubt, aber als sie offen war, war das Boot nicht da. Nochmals drängte ich mich durch Gänge und über Treppen, über Treppen und durch Gänge nach dem Deck, das Boot zu suchen und herüberzubeordern, und als es an Ort und Stelle war, war die Pforte wieder zugeschraubt und der betreffende Offizier weg, weiss Gott wo.

Das Wetter hatte sich vorübergehend aufgeklärt, die Sonne brannte glühend heiss herab, von der Stirne rieselte der Schweiss. In der Maschine rasselten die Ketten, an denen die Asche aus dem Feuerraum gehisst wurde, Matrosen und Heizer, lauter Chinesen, Eingeborene und Passagiere rannten durcheinander. Geschrei von allen Seiten, chinesisch und viti, englisch, deutsch und französisch. An allen Eingängen verrammelten Ladies die Passage, waren nur nach mehrmaligen, unterthänigsten Bitten zu bewegen, sie freizugeben und setzten die Kourtoisie auf eine harte Probe. Unter solchen Annehmlichkeiten verging über eine Stunde, ehe ich mit meiner Habe im Boot und bald darauf trotz der bewegten See glücklich und ohne nennenswerthe Havarie gelandet war.

Wailevu, das »grosse Wasser« heisst das Dorf, welches dem Ankerplatz gegenüberliegt und so zum Verkehrsmittelpunkt und zur Hauptstadt der ganzen Insel geworden ist. Ein erst kürzlich entstandenes Hotel, einstöckig, vier Fenster breit und mit Veranda oben und unten nach der Seeseite zu, ist das hervorragendste und zugleich einzige, aus Holz und europäisch gebaute Haus. Sonst sieht man nur Hütten aus Palmblättern, Schilf oder Laub, von denen drei oder vier aussen mit Kalk beworfen sind, und selbst der oberste Beamte und der Regierungsarzt wohnen nur in solchen. Etwa zwölf Hütten sind von Weissen bewohnt, alles Uebrige ist eingeborene Bevölkerung.

Wailevu war voll von den Passagieren der Dampfer, nicht wenig geputzte, kokettirende und die muskulösen Insulaner belorgnettirende Damen waren darunter. Was aber kümmerten mich jetzt diese Blassgesichter, mich, der ich jetzt zum ersten mal unter wirklichen Wilden wandeln durfte, und dem es wie ein Traum vorkam, die Figuren aus den Bilderbüchern der Kindheit verkörpert und leibhaftig vor sich zu sehen. Wie interessant war mir Alles, was sie thaten und an sich trugen.

Hier kauerte ein Dutzend Männer, die Mannschaft eines Bootes, welches gerade beschäftigungslos war, in einer Reihe am Strande, blos mit den Fusssohlen den Boden berührend, während das Gesäss freischwebte, eine Stellung, die ihnen eben so bequem zu sein schien, als sie dem Europäer schwierig und ermüdend wäre. Dort stand ein Anderer, frierend in seiner Kostümlosigkeit – denn wir hatten nur 20 Zentigrade – und klapperte mit den Zähnen und sah so blau aus, dass ich dachte, der arme Mensch hätte einen Fieberanfall, bis mich Herr Kleinschmidt eines Besseren belehrte. Zwei bunte Muscheln hielt er in einer Hand und bot sie den Vorübergehenden zum Kaufe an. Als ich ihn Abends wieder sah, hatte er seine zwei Muscheln noch immer nicht angebracht und klapperte noch immer mit den Zähnen. Er war jedenfalls ein aussergewöhnlicher Pechvogel. Denn im Allgemeinen war die Nachfrage nach Muscheln seitens der Fremden, die ein Andenken mitnehmen wollten, sehr gross, und für die gemeinsten Schneckengehäuse, die man nur vom Strande aufzulesen brauchte, wurden die unverschämtesten Preise verlangt und bezahlt. Selbst auf die Herstellung richtiger »Exportartikel« waren die schlauen Insulaner schon gekommen. Man sah da Bogen, Pfeile und Lanzen, ganz deutlich eben erst flüchtig zurechtgeschnitzt und ohne jeglichen ethnographischen Werth, aber sie wurden gekauft. Nur an Keulen der verschiedensten Formen waren viele echte und alte zu haben.

Es waren lauter schöne, starke, malerische Gestalten, die ich hier sah. Und blieb auch bei den Meisten der Gesichtsausdruck in der Ruhe, wenn sie gerade gedankenlos vor sich hinstarrten und dabei häufig das Maul offen stehen liessen, weit hinter den Anforderungen europäischer Schönheitsbegriffe zurück, so wirkte die Lebhaftigkeit ihrer Züge, das Blitzen der dunklen Augen und der Glanz ihrer weissen Zähne, das Wilde und Natürliche in ihrem ganzen Wesen, wenn sie sprachen und lachten, nur um so angenehmer und anziehender. Namentlich bei den Weibern, von denen in der Bewegung keine absolut hässlich zu nennen war. Doch liessen sich von dem zarteren Geschlecht nur wenige Vertreterinnen blicken. Es trieben sich fast nur Männer auf dem Strande herum.

Alle möglichen Schmucksachen hingen an den braunen Burschen. Ringe, aus grossen Schnecken geschliffen, umspannten die Handgelenke, kreisförmig in sich zurückgebogene Hirscheberzähne, weither von westlicheren Inselgruppen als Handelsartikel gebracht, hingen ihnen an Bändern um den Hals, wie unsere höheren Orden, ebenso mehrfache Schnüre von kleinsten farbigen Glasperlen, zu geschmackvollen mannigfaltigen Mustern gereiht und vorne wie eine Kravatte in zierlichen Knoten mit herabfallenden Enden geschürzt. Viele trugen ein Tuch turbanartig um die Stirne gebunden, welches ihnen bei dem Mangel an Kleidungsstücken als Tasche zur Aufbewahrung der erlösten Geldstücke diente. Ihren Tabak aber trugen sie, gleichwie die Maoris auf Neuseeland, in den durchbohrten Ohrläppchen.

Es war erstaunlich zu sehen, welcher Ausdehnung dieses Anhängsel des menschlichen Hauptes fähig ist. Bei einzelnen war es durch allmälige Erweiterung des Loches zu förmlichen Schlingen umgebildet, welche bis zu den Schultern herabhingen, gross genug, um die fünf Fingerspitzen mehr als drei Zentimeter weit durchzustecken. Zur Herstellung dieser nützlichen Monstrositäten werden wahrscheinlich die Säume der Ohren der halben Länge nach aufgeschlitzt und durch Holzklötzchen an der Wiederverheilung gehindert. Die in den so entstandenen Schlingen getragenen Gegenstände, also vornehmlich ein paar Strünke Tabaksblätter oder auch vielleicht eine Thonpfeife weiten durch ihre Schwere sie immer mehr aus.

Pfeifen sind zwar im Allgemeinen bei den Vitis nicht üblich. Sie rauchen meistens die »Suluka«, eine Zigarette, die sie sich aus einem mittels der Nägel zugeknipsten viereckigen Stück trockenen Bananenblattes und aus zerzupftem Tabak wickeln. »Sulu« heisst der klafterlange Kalikofetzen, den sie um die Hüften wickeln, und diese ihre Bekleidung und die Zigarette scheinen somit in einem ethymologischen Zusammenhang zu stehen.

Doch entbehrten auch die grossen Ohrläppchen nicht des Schmuckes. Blechstückchen, Metallknöpfe, Draht, kurz was sie nur immer aufgabeln konnten, hingen an denselben, einer hatte einen ganz gemeinen Uhrschlüssel mit einem schwarzen Faden daran baumelnd befestigt. Einige, die keinen Tabak besassen, hatten die Leere ihrer Ohrläppchen durch zierlich geringelte Hobelspäne aus der Werkstatt des weissen Zimmermanns zu verbergen gewusst. Hobelspäne staken auch in den Turbans des einen oder anderen und starrten korkzieherlockenartig von den Schläfen herab. Andere hatten Blätterguirlanden vorgezogen, welche zugleich kühlend die Stirne beschatteten.

Ein junger Mann fiel mir auf durch gemessenes ernstes Benehmen. An seinem linken Oberarm glänzte eine schmale weisse Binde, seine Uniform, wie mir Herr Kleinschmidt sagte. Er war Polizeidiener, die Binde das Zeichen seiner Amtswürde.

Was mich jedoch gleich zuerst und am meisten überraschte, das war die Farbe der Haare. Für solche dunkle Menschenkinder passten eigentlich nur schwarze Haare. Fast alle aber hatten braune, mehrere braunrothe, einige wenige sogar in ein goldenes Blond hinüberspielende fuchsfeuerrothe Perrücken, was als Krönung der schokoladefarbenen, bronzeglänzenden Körper seltsam und nicht unmalerisch aussieht, die Folge eines kosmetischen Verfahrens, dem sie sich theils aus Mode, theils zur Vertilgung des Ungeziefers unterziehen, und welchem ich später beizuwohnen Gelegenheit erhalten sollte. Sie beschmieren sich den Kopf von Zeit zu Zeit mit Kalkbrei, und an manchen gerade nicht sehr reinlich gehaltenen Koiffüren konnte ich noch deutlich die Spuren der letzten derartigen Prozedur an puderigen und bröckeligen Ueberresten erkennen.

Eine andere in die Augen springende Eigenthümlichkeit war die Häufigkeit der Narben. Ich sah kaum einen der nackten Körper ohne solche, bei Alt und Jung und bei beiden Geschlechtern. Sie waren alle von der Grösse einer Bohne, etwas oblong und rundlich erhaben und konnten wohl nur durch fortgesetzte Misshandlung kleiner Wunden entstanden sein. Wie ich noch öfter beobachtete, pflegen die Vitis zufällig erhaltene Verletzungen auf ziemlich grausame Weise zu schneiden und zu brennen, theils aus Bravour, theils um sie in dieser Art chirurgisch zu behandeln. Auf manchem Rücken bemerkte ich ferner beiderseits einfache oder doppelte Reihen regelmässig in Abständen von Fingersbreite angeordnete Narben, welche wie die Rückennähte unserer Ulanen, doch mehr gerade, nicht eben so geschwungen, vom Kreuz nach den Schultern verliefen. Sollte dies blos eine Zierde sein, oder war es die Folge therapeutischer, nebenbei auch das ästhetische Moment berücksichtigender Eingriffe, ähnlich unserem Schröpfen oder Moxensetzen?

An den wenigen Ausnahmen von der allgemeinen Nacktheit waren verschiedene Grade europäischer Bekleidung zu würdigen bis zu dem höchsten hinauf, der im Vorhandensein eines Hutes und einer Hose gipfelte. Nur Stiefel waren an keinem der Insulaner zu entdecken und schienen auch bei den Weissen Seltenheiten zu sein, da der nächste Schuster in Levuka, eine zweitägige Seereise entfernt, wohnte.

Hinter einem mit Brotfruchtbäumen, Bananen und Farngestrüpp besetzten Hügel fliesst ein klares Bächlein von den Bergen herab, das von Süsswasserschnecken wimmelt, und dessen Lockungen ich nicht widerstehen konnte, nach mehrtägiger Entbehrung wieder ein Süsswasserbad zu nehmen. Etwas unterhalb, hinter dem nächsten Gebüsch waren einige Weiber mit Waschen beschäftigt. Sie bearbeiteten europäische Hemden mit europäischer Seife, wahrscheinlich für die Offiziere der Schiffe, schlugen sie mit Steinen auf den glatten Felsblöcken, hingen sie an einer quer über den Bach gespannten Liane zum Trocknen auf, klatschten, kreischten und lachten. Ganz wie bei uns.

In Wailevu selbst wars ungemüthlich. Immer mehr Passagiere strömten nach dem Lunch an Land und liessen sich huckepack von den Vitis aus den Böten aufs Trockene tragen. Haufenweise drängten sich die Insulaner zu diesem Dienst heran, um ein paar Pence zu verdienen und rissen sich um die manchmal nicht ganz leichten Bürden. Manche etwas zu üppig geformte Lady sträubte sich zwar ein wenig gegen diesen würdelosen Ritt vor aller Augen auf den braunen Burschen, die keine Idee von europäischer Zartheit besassen. Aber was halfs. Verlegen erröthend schlugen sie sich seitwärts, so wie sie abgesetzt waren.

Weiter innen im Dorfe unter den Palmen kicherte ein Rudel nackter Mädchen über zwei junge unternehmende Engländer, deren Galanterien ihnen sehr komisch vorkommen mussten. Kreischend stoben sie auseinander, so wie der eine etwas zudringlicher wurde und mit der Hand nach ihnen haschte, hinter den Palmstämmen stehen bleibend und zu neuen fruchtlosen Verfolgungen reizend. Die blonden Jünglinge hatten kein Glück. Eine andere Gesellschaft, die mit Revolvern durch Patronenvergeudung zu imponiren suchte, erfreute sich grösserer Erfolge. Der ganze Janhagel von Mädchen, Jungen und Kindern des Dorfes wandte sich dem Schiessvergnügen zu, ängstlich die Ohren zuhaltend, wenn es knallen sollte, bis ein hinkender alter Kerl erschien und unwirsch die ganze junge Weiblichkeit fort und in ihre Hütten zurückjagte.

Es war mir eine grosse Genugthuung, als endlich die »City of San Francisco« den Blue Peter hisste und mit der Dampfpfeife brüllte zum Zeichen, dass die Passagiere an Bord kommen sollten, um die Reise nach Osten fortzusetzen. Auf Grund des projektirten Aufenthaltes erblickte ich in dem Gesindel der Blassgesichter nur unberechtigte Eindringlinge in meine Domäne. Blos die wenigen Passagiere aus Levuka, die mit dem »Star of the South« gekommen waren, der erst nach Eintreffen des Dampfers aus Amerika zurückkehren sollte, blieben in Kandavu. Auch die »City of New-York« blieb, um auf jene zu warten, hatte aber keine Passagiere.

An dem Hotel, welches innen lange nicht so zivilisirt aussah als aussen, und dessen Abtheilungen rohe Bretter bildeten, schien mir die hervorragendste Eigenthümlichkeit zu sein, dass die Gäste fast fortwährend betrunken waren. Doch glaube ich nach Allem, was ich gehört, schliessen zu dürfen, dass der Alkoholismus nicht nur hier, sondern ebenso in Levuka und auf Viti überhaupt in allen Plätzen wo Alkohol zu haben ist, den Genius loci repräsentirt, dem auch ich mich nicht völlig entziehen konnte.

Um meinen Aufenthalt gehörig auszunutzen und möglichst viel zu sehen, musste ich Bekanntschaften machen, und um Bekanntschaften zu machen, musste ich trinken. Jeder Neuvorgestellte treatete mich und ich treatete ihn, und somit kostete mir jeder die Vertilgung mindestens zweier Schnäpse. Unter anderen lernte ich in dem englischen Polizeisergeanten des Ortes einen ehemaligen Bonner Studenten mit etlichen Schmissen und zwei Landsleute kennen, die ihre Muttersprache vergessen hatten und als abgehauste Pflanzer in irgend einem abgelegenen Winkel der Insel seit mehr als dreissig Jahren mit eingeborenen Weibern zusammen lebten. Sie sprachen ein nothdürftiges Seemannsenglisch, dagegen ausgezeichnet Viti.

Als lehrreiche Gegenstücke zu diesen zwei interessanten Halbwilden waren mit dem Dampfer von Sydney drei junge Deutsche gekommen, welche die Absicht hatten, ebenfalls Pflanzer zu werden. Anfangs- und Endstadium eines und desselben Lebenslaufes standen hier nebeneinander.

Die Drei waren die echtesten Grünhörner, die man sich denken kann und ausstaffirt wie zu einem romantischen Flibustierzug. Kein Englisch, keine Idee von der Welt, die ausserhalb des Horizonts ihres preussischen Städtchens lag, aber zwei grosse Neufundländer Hunde hinter sich, Hirschfänger an der Seite, im Gürtel Messer und Revolver, Kanonenstiefel und Flinten, und was das Schlimmste war, sehr wenig Geld in der Tasche, so hofften sie in dem tropischen Lande Reichthümer zu erobern. Sie sahen trotz aller Bewaffnung ziemlich harmlos und ungefährlich aus, und ihre bebrillten Nasen und friedfertigen Gesichter passten mehr in den Typus von deutschen Schullehrern als von kühnen Abenteurern. Sie konnten keine unglücklichere Zeit für ihre Absicht gewählt haben, und Alles gab ihnen den Rath mit der ersten Gelegenheit sofort wieder wegzugehen. Die Regierung hatte auf unbestimmte Zeit alle Landkäufe sistirt, weil eine Menge Unregelmässigkeiten früheren Datums noch zu schlichten waren, es fehlte an Arbeitern, kein Mensch hatte Geld. Aber sie liessen sich nicht abbringen. Möge es ihnen besser gehen als sie verdienen. Die beiden verwilderten Landsleute nahmen sich ihrer gastfreundlich an.

Soweit nach den in Wailevu und auch später allenthalben auf Kandavu gehörten Aeusserungen zu urtheilen war, schien die ganze Kolonie bankerott zu sein und grosse Unzufriedenheit mit dem neuen Gouverneur, Sir A. H. Gordon, und dessen Regierungssystem zu herrschen. Schon in Neuseeland hatte ich vielfach Klagen über ihn gelesen. Man erzählte mir, dass er als hoher Aristokrat die eingeborenen Häuptlinge zu sehr bevorzuge, und dass ihm bei dem höchst schwierigen Streben, die alten angestammten Verhältnisse der Insulaner mit den importirten europäischen Staatsformen in Einklang zu bringen, der komische Fehler passirt sei, in den Parlamentsakten, welche englisch und viti gedruckt werden, den Begriff »Kommoners«, worunter alle nichtadeligen, also auch weissen Bürger zu verstehen sind, mit »Kai si«, dem verächtlichen Ausdruck für »Sklaven«, zu übersetzen.

Ich begann meine Akklimatisation damit, dass ich vor Allem den gesteiften Hemdkragen ablegte. Dem Hemdkragen folgten bald in schleuniger Stufenfolge die anderen Artikel europäischer Uebertünchtheit bis auf Hut, Wollenhemd und Leinenhose.

Sonst hätte ich auch zu sehr von den Tischgenossen, die fast alle barfuss und mit entblössten Armen und entblösster Brust da sassen, abgestochen. Der Kellner war ein nackter Insulaner, welchen eine eingeborene Magd in seinem Dienste unterstützte. An dieser ungeschlachten stämmigen Hebe lernte ich zuerst den sogenannten »Pinafore«, ein loses Busenhemdchen, weches die Brüste verhüllt, die Erfindung der frommen Missionäre, schätzen. Mit dem Pinafore und dem enganliegenden bis zu den Knieen reichenden Sulu konnte ein Kurzsichtiger sie von ferne für eine Altenburger Bauerndirne halten.

Die Tischgesellschaft im Hotel war aus sämmtlichen Himmelsstrichen zusammengewürfelt. Der Stamm hatte sich zu gleichen Theilen aus England und aus Deutschland rekrutirt. Die Uebrigen waren ein amerikanischer Neger, ein Chinese, ein Mexikaner, in dessen Adern mehr indianisches, als weisses Blut fliessen mochte, ein Norweger und ein Italiener. Letztere drei nannten sich »verunglückte Seeleute«, ohne dass die Art ihres Verunglückens genauer festgestellt werden konnte. Ziemlich sicher waren sie zu jener im Pazifischen Ozean so zahlreichen Klasse zu rechnen, welche man Auswurf der Menschheit zu nennen pflegt.

Für den Augenblick war das Wichtigste an ihnen, dass sie kein Geld hatten, um ihren Rausch zu bezahlen, weshalb der Wirth sie noch in der Nacht aus dem Hause schmiss. Der Rausch des Norwegers gehörte, der sinnigen Intuitivität germanischer Rasse entsprechend, zur Art des stillen, nur unverständlich murmelnden Insichversunkenseins, der Italiener und der Mexikaner litten an der schwatzhaften Spezies. Der Italiener behauptete, ich müsse ein Franzose sein, der Mexikaner betheuerte, ich hätte eine fabelhafte Aehnlichkeit mit Bismarck. Durch solche unheimliche Schmeicheleien suchten sie meine Gunst zu gewinnen. Aber ich blieb kalt, und erst als sie meiner Spirituskiste, die im Gastzimmer stand, ein mehr als wissenschaftliches Interesse zu widmen und wiederholt ahnungsvoll dem Plätschern ihres Inhaltes zu lauschen begannen, liess ich mich in ein längeres Gespräch ein, um auf den aussen angemalten gräulichen Todtenkopf hinzuweisen und auf die grässlich qualvolle Todesart, die der Genuss auch nur eines einzigen Tropfens meines vergifteten Alkohols unabwendbar zur Folge haben würde.

Der Mexikaner war sehr musikalisch. Er spielte jedoch auf etwas aussergewöhnlichen Instrumenten, nämlich auf Zimmerthüren, Bretterwänden und Tischplatten, indem er mittels der benetzten Mittelfinger auf- und niederfahrend ein mächtiges Brummen erzeugte, dass manchmal das ganze leichtgebaute Haus zitterte. Dazu trampelte er einen Hornpipe, schnalzte mit der Zunge, jauchzte und sang alle möglichen Lieder in allen möglichen Sprachen. Sein deutsches Lied bestand aus einigen Strophen von Naturlauten mit dem Refrain »Ja, ja«, und zauberte Klänge der Heimath vor mein baiuvarisches Gemüth. Sollte jenes geistvolle Produkt der isaratheniensischen Muse, mit welchem jährlich beim Salvatorbier die Wiederkehr des holden Lenzes begrüsst wird, sollte der »Herr Fischer« jemals Eingang in die Ohren und in das Herz dieser mexikanischen Rothhaut gefunden haben? Welcher engere, ja engste Vaterlandsgenosse hatte ihm diese unvergleichliche Dichtung oder wenigstens die Melodie dazu überliefert? Es unterlag keinem Zweifel, es war die Melodie des »Guten Morgen, Herr Fischer«.

Ausser dem Chinesen waren übrigens die anderen nicht minder betrunken. Der amerikanische Neger fluchte, schlug auf den Tisch und schwor hoch und theuer, er sei der erste »Weisse« gewesen, der auf der Insel Kandavu sich niedergelassen, der Polizeisergeant und ehemalige Bonner Student bestrebte sich, mit mir zu paucksimpeln, der eine verwilderte Landsmann bewies mir zum sechsten mal, dass man in Viti nie reich werden könne, weil das Klima zu viel des kostspieligen Brandygenusses verlange, der andere hörte nicht auf, mich zu versichern, dass er sich schäme, sein Deutsch ganz vergessen zu haben, und weinte.

Da Herr Kleinschmidt auf dem Levuka-Dampfer zu thun hatte, flüchtete ich, um nicht ewig dem wahnwitzigen Wortschwall der Betrunkenen ausgesetzt zu sein, vom Hotel weg und machte dem Regierungsarzt meine Aufwartung. Ausser der nächstliegenden Freude, endlich wieder einmal einen nüchternen Europäer zu sehen, war es mir besonders angenehm, in dem Doktor einen hochgebildeten Engländer kennen zu lernen, der den letzten französischen Krieg in deutschen Diensten mitgemacht hat. Eine stattliche Reihe deutscher Orden, die sich wohl nicht geträumt hatten, dereinst in einem Vitidorfe zu paradiren, befindet sich in seinem Besitz.

Ich blieb den Abend bei ihm und leerte eine kostbare Flasche echten Rheinweines mit dem liebenswürdigen Kollegen, der nur vorübergehend auf Kandavu kommandirt war, um die Eingeborenen zu impfen. Dementsprechend trug auch seine Wohnung vollständig den Charakter des Improvisirten. Es war eine blos etwas höher gebaute Vitihütte aus Palmstroh, die als vorzüglichste Eigenschaft zwei Fenster von Glas besass. Schon seit länger war eine Scheibe zerbrochen ohne Aussicht auf Reparatur dieses Defektes, da es auf Kandavu keinen Glaser giebt. Es wehte ein starker Wind draussen und durch das nur nothdürftig verstopfte Loch im Fenster herein, so dass ein offenes Licht nicht möglich und der Doktor gezwungen war, sich einer Laterne in seiner Studir- und Empfangsstube zu bedienen.

Als ich nach dem Hotel zurückkam, dessen betrunkener Lärm mir weit entgegenschallte, während ich unter dem sternklaren Himmel der lauen Tropennacht und unter rauschenden Palmen dahinwandelte, hatten sich noch mehr Gäste eingefunden. Einem von diesen, einem Perlenfischer, verdankte ich noch an jenem ersten Abend einen ungeahnten Genuss. Er lud mich ein, mit ihm zu kommen, er wolle sehen, ob er nicht irgendwo Kawa auftreiben könne.

Die Kawa ist das allen Polynesiern bis auf die Maoris und unter den Melanesiern auch den Vitis eigenthümliche Getränk, welches durch Kauen und Auslaugen der Wurzel einer Pfefferart, Piper methysticum, bereitet wird. Man liest oft, dass dabei ein Gährungsprozess eine wesentliche Rolle spiele. Dies ist unrichtig. Gährungsvorgänge bedürfen immer einer gewissen Zeit, die Kawa aber wird sofort getrunken sowie sie zubereitet ist. Die Piper methysticum-Wurzel wächst wild im Walde, und wird als Handelsartikel verkauft. Auch viele Europäer auf Viti haben sich das Kawatrinken angewöhnt, wie zum Beispiel mein Führer, der Perlfischer.

Wir gingen hinüber ins Dorf und krochen durch die niedrige Thüre in die Hütte des Häuptlings. Es war fast ganz dunkel innen. Zwei Feuer erhellten nur spärlich den kleinen Raum, entwickelten so viel Rauch, dass uns die Augen thränten, und beleuchteten flackernd etwa zwölf nackte braune Kerls, welche bereits schliefen und aufwachten, als wir über sie hinweg nach dem Hintergrund kletterten, wo etwas isolirt der Häuptling lag. Dieser mochte anfänglich ein wenig ungehalten sein über die Störung seiner Nachtruhe in so später Stunde, doch beschwichtigte ihn mein Führer, und die Vertheilung von Zigarren machte schnell die ganze Gesellschaft munter. Wir nahmen auf dem Boden Platz und kreuzten die Beine. Eine Menge Hände streckten sich mir aus der Dunkelheit entgegen, und ich schüttelte sie alle der Reihe nach, ohne jedesmal den Eigenthümer zu rekognosziren, und sagte dabei »Sa yandre«, was so viel bedeutet, als »Du wachst«, und die landesübliche Begrüssungsformel ist.

Eine grosse, flache Schüssel aus schwarzbraunem Holz wurde in die Mitte gewälzt, und mir gegenüber schienen einige jüngere Männer sich an die Zubereitung unseres Getränkes zu machen. Wurzelstücke wurden mit Messern zerschnitten und vertheilt. Nur auf Augenblicke, wenn gerade die beiden Feuer frisch geschürt höher flackerten, konnte ich davon etwas wahrnehmen. Hatten die Jünglinge ein Stück Wurzel zurechtgekaut, so förderten sie das Resultat ihrer Arbeit mit den Fingern zu Tage und legten es in die Bowle. Schliesslich goss einer der Männer, dem das wichtige Amt des Brauens oblag, Wasser aus hohlen Kokosnüssen darauf, rührte um mit den Fingern und machte sich an die schwierige Operation des Filtrirens. Hierzu dient gewöhnlich der Bast des »Wau«, der einheimischen Baumwollenpflanze, indem man damit wiederholt in die Flüssigkeit taucht, die holzigen Reste der ausgelaugten Wurzel fängt und zwischen den Fasern des Filters auspresst. Dies muss unter gewissen gesetzmässigen Bewegungen der Arme geschehen, worauf noch immer grosses Gewicht gelegt wird.

Einer der Alten, die um uns herumsassen, legte ein Stück Bambus quer über seine Kniee und klopfte mit zwei dünnen Stäbchen einige Takte darauf, zum Zeichen, dass ein Gesang angestimmt werden sollte. Dieser bestand aus mehreren Strophen, zwischen welchen einige Sekunden Pause gemacht wurde und die grösste Stille herrschte. Man hörte dann nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen der Kauenden und das Herumpantschen der Flüssigkeit in der grossen Schüssel. Die einförmige, ewig wiederkehrende Melodie war entschieden wohlklingender, als die in Neuseeland gehörten Lieder der Maoris, endete stets am Schluss einer Strophe mit einem kurz, fast bellend ausgestossenen Vokal und wurde mit symmetrischen Armbewegungen, Hin- und Herbeugen des Oberkörpers und Händeklatschen begleitet, während die Gesichter einen ernsten andächtigen Ausdruck bewahrten. Der Bambusmusikant schlug den Takt dazu, welcher im Daktylustempo sich bewegte.

Auch mein naturalisirter Freund, der Perlfischer, ein geborener Schotte, sang mit und schwang seine Arme und wiegte sich in den Hüften und klatschte in die Hände, ganz ebenso wie die braunen Wilden. Mein laienhaftes Verständniss konnte keinen Unterschied in seinen Leistungen bemerken.

Der Hymnus war zu Ende, und die Kawa war fertig. Ein Junge brachte in gebeugter, geduckter Haltung – denn aufrecht zu gehen in der Hütte eines Höheren wäre eine grosse Frechheit – den Becher, die Hälfte einer Kokosnussschale, und kredenzte ihn dem Häuptling, welcher galant diese Bevorzugung des Erstlingstrunkes an mich abtrat. Der Junge hockte vor mir nieder und klatschte dreimal in die Hände, als ich ihm die Schale abgenommen hatte. Ich war bereits instruirt, dass man jedesmal ganz austrinken müsse. Es nicht zu thun wird von den Wilden der Südsee ebenso übel genommen, wie von den Wilden einer deutschen Studentenkneipe. Ich that meine Pflicht und würgte die ganze Schale hinunter. Es schmeckte abscheulich, ungefähr so, wie Seifenwasser mit etwas Tannin schmecken möchte.

Die Zechgenossen hatten mehr Freude an meiner That als ich selbst. Alle klatschten sichtlich befriedigt dreimal in die Hände und blärrten unisono und läppisch grinsend: »Amala«, worauf mein Führer und Mentor mir zuflüsterte, ich müsse jetzt »Mole, mole« danken, was ich gewissenhaft und gehorsam that, indem ich die geleerte Schale nach der Schüssel zurückwarf.

Nach mir trank der Häuptling, dann der Perlfischer, und dann kam abermals ich an die Reihe. Was von dem zweimaligen Rundgang unter uns dreien übrig blieb, erhielten die Anderen. Jeder Trunk geschah unter dem bereits geschilderten Zeremoniell.

Die Musik des Gelages lockte mehr Bewohner des Dorfes herbei. Noch ein paar Dutzend krochen durch die Thüre herein, dann wars so voll, dass kein Platz mehr übrig war. Einer stellte sich aufrecht vor uns hin und machte militärisch Honneur, indem er die Hand an seinen Turban legte. Es war der nackte Policeman des Ortes, an der weissen Uniformsbinde erkannte ich ihn wieder.

Ich habe später noch oft Kawa oder vielmehr Yankona, wie man auf Viti sagt, getrunken. Sie sieht bei Tageslicht aus wie Thee mit sehr wenig Milch. Ihr Seifenwassergeschmack weicht bald einem Gefühl der Kühle im Gaumen, so dass ich sie manchmal nicht ungern trank, namentlich wenn ich längere Zeit keine Spirituosen zu sehen bekommen hatte. Man sagt der Yankona alle möglichen üblen Wirkungen nach. Lähmungen, Hautausschläge und Augenentzündungen sollen aus ihrem zu häufigen Genuss entstehen. Vorläufig sind hierüber noch keine exakten Beobachtungen vorhanden. Nur ihre schweisstreibende Wirkung scheint mir unzweifelhaft zu sein. Ich habe allerdings nie mehr als vier Kokosnussschalen von je vielleicht ein halb Liter auf einmal getrunken. Nicht ein einziges mal erfuhr ich eine Veränderung in meinem Gemeingefühl. Ich konnte danach lange nicht einschlafen und transspirirte sehr beträchtlich, das war Alles. Die Kawa ist ebensowenig ein berauschendes als ein gegohrenes Getränk, sondern ein reiner Aufguss, wie unser Thee, höchstens vielleicht mit dem Unterschiede, dass der wahrscheinlich geringe Stärkemehlgehalt der Wurzel durch den Speichel in Zucker umgesetzt ist.

Die Yankona erfreut sich nicht nur bei den Eingeborenen, sondern auch bei den weissen Ansiedlern allgemein einer grossen Beliebtheit. Selbst der Gouverneur soll ein Verehrer dieses Getränkes sein. Dabei besteht überall jenes primitive Verfahren der Zubereitung, und es wird keine Maschine gebraucht, die die Zähne der Jungen ersetzte, wie wohl denkbar wäre. In früheren Zeiten allerdings sollen die Wurzeln künstlich geraspelt worden sein, wie alte Männer dem Missionär Williams erzählten. Jetzt zieht man die einfacheren und billigeren Instrumente von unübertrefflicher Qualität vor, die jeder Vitijunge im Munde mit sich herumträgt.

Ich habe es oft erlebt, dass Europäer ihren dienenden Geistern befahlen, schnell eine Bowle zurechtzukauen. Die Weissen sagen für Kawa oder Yankona gewöhnlich »Grog«, und zwar »Fiji Grog« zum Unterschied von »White mans Grog«, was den Schnaps im europäischen Sinn bedeutet. »Was wollen Sie trinken?« ist eine stehende Frage, wenn man irgendwo zu Besuch kommt, »Fiji Grog or White mans Grog?« Und zwar hat diese ursprünglich jedenfalls spasshafte Bezeichnung sich so eingebürgert, dass sie allen humoristischen Klang verloren hat und ganz ernsthaft gebraucht wird, ohne dass es dem Betreffenden einfiele, einen Witz machen zu wollen. Die Bezeichnung »Grog« hat sogar angefangen, auch von den Eingeborenen gebraucht zu werden, und nicht blos für das Getränk, sondern sogar für die Pflanze. Ich wurde oft von Vitis angesprochen »Grog?« indem sie mir die Wurzel zum Verkauf anboten, und »Grog, Grog« machte mich oft unser Junge aufmerksam, wenn wir im Walde an einer Piper methysticum-Staude vorüberkamen. Vielleicht wird dereinst das Wort Grog das alte Vitiwort Yankona ganz verdrängt haben, ein merkwürdiges Beispiel der Uebertragung von Wortbegriffen.

Aeusserst befriedigt von den reichen Erlebnissen dieses ersten Tages legte ich mich zu Bett. Ich war entzückt, noch soviel Ursprünglichkeit der Sitten vorgefunden zu haben. Meine kühnsten Erwartungen waren übertroffen. Die letzte Nacht hatte ich noch auf dem Dampfer zugebracht, und jetzt – es war mir, als ob ich schon Monate unter den Insulanern gelebt hätte. Ich konnte lange nicht einschlafen. War es meine Aufregung, oder war es die genossene Kawa, oder waren es die Moskitos, welche durch die Löcher meines Moskitozeltes zu mir hereinwimmerten, oder das halbe Dutzend Besoffener, welches links und rechts von meinem Zimmer ein schauerliches Konzert zusammenschnarchte, was mich wachhielt, ich wälzte mich schweisstriefend mehrere Stunden auf dem Lager.

Die rohen Bretterwände des Hotels reichten blos bis zu einer gewissen Höhe, oben waren alle Stuben offen, und über uns nichts als das gemeinschaftliche, steil ansteigende Schindeldach. Der Mond sah durch die Glasthüre, welche auf die Veranda führte, herein und verrieth mir das geschäftige Hin- und Herrennen einer Menge schwarzer zweizölliger Schaben über die dünne Gase meines Moskitonetzes. Unter sämmtlichen Thieren ist gerade diese Sorte mit den ewig ruhelosen, ewig nervös gestikulirenden geiselförmigen Fühlern mir die verhassteste, trotz aller Zoologie. Hie und da raschelte eine Eidechse über den Boden.

Einige längere Promenaden auf der Veranda draussen in dem herrlichen Mondschein waren unter solchen Umständen viel genussreicher. Ringsum zirpten Tausende von Zikaden, die See glänzte und wogte und ebenso glänzten und wogten die Palmen. Weit draussen brauste die Brandung über den Korallenriffen, und unten rollten die Wellen gegen das Ufer, so dass ich das Schnarchen der Besoffenen nicht zu hören brauchte, und kein menschlicher Ton die zauberhafte Poesie der Tropennacht störte.

Früh am nächsten Morgen brachen wir auf, um nach Gavatina, Herrn Kleinschmidts Wohnsitz, zu fahren. Auch die zwei biederen ihrer Muttersprache entfremdeten Landsleute waren schon aufgestanden, um uns zum Abschied die Hände zu reichen und mich einzuladen, sie in Waidule, wo sie zu Hause waren, zu besuchen. Ich rieth ihnen dringend, sich wieder ins Bett zu legen. Die peinlichen Folgen ihrer gestrigen Ausschweifung waren nur zu deutlich in ihren verstörten Gesichtern zu lesen. Trotz des unermüdlichen Grimassenschneidens gelang es ihnen nicht, die Augen aufzumachen. Mit einem Auge ging es noch leidlich, aber alle beide auf einmal, das ging nicht, so grosse Mühe sie sich auch gaben.

Aus dem Ziegen- und Hühnerstall hinten, in dem die drei verunglückten Seeleute der Nachtruhe genossen, fing die Thüre rhythmisch zu brummen an, und eine rauhe Bassstimme brüllte die Melodie des »Herrn Fischer« dazu mit dem ewigen »Ja, ja«. Es war der Mexikaner, der sein Morgenlied anstimmte.

Ich erhielt noch Gelegenheit, meine Anthropologie mit zwei Neuhebriden-Insulanern zu bereichern, welche in Diensten eines in Wailevu ansässigen weissen Kaufmanns arbeiteten, und flüchtig zu konstatiren, wie sehr verschieden ihre bläulich schimmernde schwarze Haut von der Farbe der vergleichsweise röthlichen Eingeborenen Kandavus sich abhob. Dann luden wir mein Gepäck und ein für ein Pfund Sterling erhandeltes und entsetzlich schreiendes Schweinchen in zwei Böte und segelten ab.

XIII.
GAVATINA UND SANIMA.

Der Isthmus Yarambali. Das Sonntagspublikum von Namalatta. Bootfahrt an der Nordseite Kandavus entlang. Gavatina, unser idyllisches Thal. Niketi und Ruma. Besuche der Wilden. Der Tui und die Marama. Ethnologisches. Der Busch, seine Mühen und seine Thierwelt. Kanuubau hoch oben auf dem Berge. Riffleben und Fischfang. Spaziergang nach Sanima. Tapa-Bereitung. Doktor Hink und seine Kopra-Projekte. Gottesdienst in Sanima. Das Missionswesen auf den Inseln. Kehrseiten der Tropenpracht. Klimatisches und Kulinarisches. Die Kokospalme und ihre Anwendungen. Enge Verhältnisse.

Der nach Süden geöffneten Angaloa Bai, an welcher Wailevu liegt, tritt im Norden oder genauer Nordwesten die Namalatta Bai entgegen. Beide Buchten nähern sich einander auf etwa 500 Schritt, wodurch die ganze Insel Kandavu in eine kleinere südwestliche und eine grössere nordöstliche Hälfte zerfällt. Ein flacher niedriger Isthmus mit einem schönen Kokospalmenhain stellt die Verbindung her, südlich von einem Mangrovesumpf, nördlich vom ebenen reinlichen Strand aus Korallen und Muschelsand begrenzt. Der Isthmus heisst Yarambali, was so viel bedeutet als »Etwas hinüber heben«, da die Eingeborenen hier ihre Kanuus von einer Seite der Insel nach der anderen zu schaffen pflegen.

Auch wir mussten auf diesem Wege mit den Böten nach der anderen Seite hinüber. Wir hatten uns verspätet, die Ebbe lief bereits stark ab, es war höchste Zeit, den Isthmus zu erreichen. Wir ruderten geradewegs in die Bucht hinein, dem saftigen Grün der Mangroven entgegen. Es dauerte nicht lange so stiess das grössere Boot auf Grund. Die vier rudernden Vitis sprangen ins seichte Wasser, und dadurch wurde es wieder flott. Ein schmutziger Kanal, über dem die Mangroven sich wölbten, nahm uns auf. Links und rechts nichts als stinkender Sumpf mit sperrigen Luftwurzelpyramiden, in dem eine Menge Krebse sich herumtrieben. Soldatenkrabben sassen in runden Löchern, die unverhältnissmässig lange gelbe Scheere zum Zugreifen bereit herausstreckend, und zogen sich schnell ganz zurück, als wir uns näherten, Eremitenkrebse, merkwürdig dicke und schwere Schneckengehäuse schleppend, bummelten an den Zweigen und Wurzeln herum, liessen sich erschreckt vor uns fallen und machten dabei ein Geräusch, als ob es regnete. Kleine Schnecken (Auricularia) bedeckten allenthalben den Boden.

Bald stiessen die Böte alle beide auf Grund, und jetzt mussten auch wir ins Wasser steigen und schieben helfen. Glücklich gelangten wir so bis zum Ende des Kanals, wo der feste Sandboden des Isthmus sich erhob. Wir luden die Kisten und Fässer und das schreiende Schweinchen aus und schafften zunächst die Böte über Land. Der geradlinige Weg durch die Kokospalmen ist für diesen Zweck mit Palmblättern belegt, auf deren glatten Schäften unsere zwei Fahrzeuge, mit vereinten Kräften an Stricken gezogen und von allen Seiten geschoben, rasch dahinglitten. Ein Handelsmann aus Wailevu, ein deutscher Jude mit einem indischen Sonnenhelm auf dem Haupt, begegnete uns, und hinter ihm drein trugen vier Vitis seine kleine Nussschale auf ihren Schultern. Wohl ein Dutzend mal mussten unsere Burschen hin und her laufen, bis das ganze Gepäck auf der anderen Seite war. Ich setzte mich unterdessen auf den schönen Korallensand des nördlichen Ufers und betrachtete die anmuthige Landschaft der Namalatta Bai, die geschützt vor den südlichen Winden und unbewegt in den herrlichsten smaragdgrünen und violetten Tinten prangte.

Es war Sonntag, von der Kirche des nahen Dorfes Namalatta ertönte ein frommer Gesang, und nach dem Gottesdienst strömte die braune Kinderschaar zu uns heraus. Männer und Weiber folgten ihnen, und als wir die Böte wieder zu Wasser gebracht und beladen hatten, war wohl so ziemlich das gesammte Dorf um uns versammelt, erstaunt unsere sabathschänderische Arbeit betrachtend. Von dem ganzen Christenthum vermag nämlich den Wilden kein Gebot intensiver einzuleuchten als das Nichtsthun am Sabath. Ein paar kleine Mädchen von höchstens zwölf Jahren fielen mir auf durch enorm entwickelte, ja eigentlich unanständig grosse und pralle Brüste. Sie waren zur Feier des gottgeweihten Tages mit dem von den Missionären erfundenen Busenhemdchen angethan. Aber die Bedeutung des züchtigen Gewandes schien ihnen unklar zu sein. Denn sie trugen es, aus den lästigen Aermeln herausgeschlüpft, über die Schultern zurückgeworfen.

Wir stiessen ab. Der sandige Boden unter dem klaren Wasser senkte sich, hörte auf und machte Korallenklüften und Klippen Platz. Zum ersten mal schwebte ich dahin über diese merkwürdigen Gebilde, diese geheimnissvollen Gründe, aus denen zarte Baumkronen und Geweihe in den mannigfaltigsten Farbentönen emporstarrten. Himmelblaue und scharlachrothe Fischchen schossen in den phantastisch durcheinander wachsenden Formen herum, und indigoblaue Seesterne klammerten sich mit gespreizten Strahlen an den Abhängen fest, die zu unergründlich dunkelgrünen Schluchten hinunterfielen. Das Wasser, glatt wie ein Spiegel und so durchsichtig, dass es dem Auge kein Hinderniss bot, schien nur die eine Eigenschaft zu besitzen, höheren Farbenreiz zu verleihen.

Eine geraume Weile lag ich so an der Spitze des Fahrzeuges und blickte hinab auf die unten vorübergleitende Märchenwelt, und als ich wieder in die Höhe und um mich sah, waren wir schon weit weg vom Lande. Zu beiden Seiten streckte sich die lange Insel. Zwischen kulissenartig vortretenden Bergrücken, über und über mit dichtem Buschwerk bedeckt, breiteten sich liebliche Thäler mit Palmenhainen, unter denen hie und da eine weissgetünchte Hütte hervorguckte. Wir fuhren nach Osten, und hinter uns trat der Bukelevu heraus, das Haupt in Wolken gehüllt, der westliche Pfeiler Kandavus.

Eine hellglänzende Sanddüne umsäumte die üppige Vegetation der herrlichen Südseeinsel. Smaragdgrüne und violette Tinten schillerten allerwärts über den Untiefen der Korallenbänke, und weit draussen brandete die hohe sattblaue See in leuchtenden Schaumstreifen an dem Wall der Aussenriffe. Ueber dem Ganzen ein strahlender Himmel und strahlender Sonnenschein.

Etwa vier Stunden dauerte diese Bootfahrt an der Nordseite der Insel entlang. Wir hatten keinen stetigen Wind, und nur wenn wir gerade in das Bereich einer Thalschlucht kamen, durch die eine frische Brise herüberblies, konnten unsere Burschen vom Rudern ausruhen und dem schnell aus einer Decke improvisirten Segel die Arbeit überlassen. Noch eine Ecke des Ufers, und das Thal von Gavatina lag vor uns, die Stätte wo Herr Kleinschmidt seinen Wigwam aufgeschlagen hatte, kenntlich schon von Weitem an der schwarzweissrothen Flagge, die vom Maste des vor Anker liegenden Kutters wehte.

Eine weibliche Gestalt mit winkendem Taschentuch, die Gattin meines Freundes, ein eingeborener Junge und einige kleine Hunde tauchten aus dem Unterholz des Palmenhaines und erschienen auf dem Strande uns zu bewillkommnen. Wir waren am Ziele, und es begann nun für mich eine wundersame Idylle in tropischer Naturpracht und wohlthätiger Abgeschiedenheit von europäischer Zivilisation, die leider nur zu kurz währte.

Ganz Kandavu besteht aus Bergzügen von etwa 200 Meter durchschnittlicher Höhe ohne bestimmte allgemeine Richtung und ist 50 bis 60 Kilometer lang und durchschnittlich etwa 5 Kilometer breit. Da wo zwischen den gegen die See vorspringenden bewaldeten Bergrücken Bäche herabkommen und alluviale Dreiecke sich gebildet haben, stehen Palmenhaine und in diesen gewöhnlich auch Dörfer. Gavatina ist ein solcher zur menschlichen Wohnstätte geschaffener Platz. Ein Dorf hat einst hier gestanden, in welchem der jetzt in Wailevu residirende Häuptling der Insel gar manches Kind gebraten haben soll, und von dem gegenwärtig nichts mehr als der Name übrig geblieben ist.

Zwei Hütten aus Palmblättern, von denen die grössere Herrn Kleinschmidt und Gattin als Wohnung, Schlafgemach, Speisesaal, Waarenlager, Arbeitsraum und Museum diente, während in der kleineren die beiden eingeborenen Jungen Niketi und Ruma schliefen und für uns kochten, und ein Zelt, in welchem ich mein hartes Lager aufschlug, bildeten unsere bescheidene Kolonie, rings umwachsen und halb überdeckt von üppig wucherndem Farnkraut, Buschwerk und Schlingpflanzen und beschattet von steifblätterigen Dilobäumen und Kokospalmen, deren Kronen majestätisch im Winde sich schaukelten. Zwanzig Schritte führten auf einem schmalen Pfad nach dem hellglänzenden Seestrand, und draussen auf dem blauen Wasser lag der Kutter, in dessen Miniaturkajüte Mister Daymac, Herrn Kleinschmidts Gehilfe, wohnte.

Nebst den genannten sechs Gliedern der menschlichen Gesellschaft rechneten sich noch zwei Affen, die an einem Pfosten im Gebüsch angekettet waren und sich Nachts in ein altes Segel wickeln durften, zwei Papageien in Käfigen, eine glatthaarige Hündin mit zwei halberwachsenen Sprösslingen, die einem immerfort an den Beinen herumzappelten und vor Freundlichkeit gar nicht wussten, wie sie sich drehen und wenden sollten, ferner etliche Schweine und Hühner zu den berechtigten Einwohnern von Gavatina, zwischen welchen sich noch ein unzählbares illegitimes Gesindel von Ratten, Eidechsen und Eremitenkrebsen, von Moskitos und Fliegen herumtrieb. Eine eigenthümliche Zierde unseres niedlichen Gehöftes bereiteten hundert mächtige langbeinige braunrothe Spinnen, indem sie äusserst regelmässige Netze, so gross wie mittlere Wagenräder, zwischen den Bäumen und Sträuchern um uns spannten.

Herr Kleinschmidt, schon seit mehreren Jahren in Viti ansässig, war erst seit Kurzem von C. Godeffroy in Hamburg als Naturforscher angestellt worden. Er hatte bisher die übrigen grösseren Inseln der Gruppe sammelnd bereist. Kandavu war ihm noch neu, sein Aufenthalt hier auf drei Monate projektirt, und waren diese um, so packte er wieder seine ganze Habe in den Kutter und segelte von dannen, um irgend wo anders seine Hütte aufzuschlagen, ein nomadisirender Pionier der Wissenschaft. Da ich ähnliche Zwecke wie er verfolgte, so konnte mir nichts Glücklicheres passirt sein, als dass mich der Zufall mit ihm zusammenbrachte. Wir gingen miteinander in den Busch um Vögel zu schiessen und Pflanzen und Käfer und andere Thiere einzuheimsen, zur Ebbezeit machten wir Ausflüge auf die Riffe voll tropischen Lebens, und ausserdem setzten wir noch zwei längere Partien, eine nach dem Ostende und eine nach dem Westende der Insel auf unser Programm.

Obwohl mir, der ich zum ersten mal in der reichen Natur der heissen Zone weilte, fast jede Stunde eine Fülle überraschender Eindrücke bot, so fesselten doch auch hier mein Hauptinteresse die eingeborenen Menschen.

Den kleinen sanften Niketi, der etwa 12 Jahre alt sein mochte, hatte ich schon in Wailevu, wohin ihn Herr Kleinschmidt mitgenommen, kennen gelernt. Sein Kollege Ruma, vielleicht zwei Jahre älter als Niketi, war gänzlich von ihm verschieden. Ruma war ein richtiger junger Kannibale, starkknochig und ungeschlacht, mit einem mächtigen vorstehenden Gebiss, finsterem Gesichtsausdruck und schielenden Augen, grausam gegen sich und andere. Sein Körper trug zahlreiche Narben, und so lange ich in Gavatina war und ihn beobachten konnte, beschäftigten ihn oft zwei Haufen von erbsengrossen, eiternden Wunden, die er sich an beiden Oberarmen beigebracht hatte, und mit denen er sich, wenn Besuche aus dem benachbarten Dorfe da waren, produzirte, indem er die Krusten abriss, die so entstandenen frischen Flächen mit Sand einrieb, mit Glasscherben kratzte oder mit einer glühenden Kohle brannte, ohne eine Miene zu verziehen. Wenn er unbeobachtet zu sein glaubte, schnitt er dafür nur um so schlimmere Grimassen, und seine gezwungene Heiterkeit und Lebhaftigkeit dem Publikum gegenüber, jedesmal wenn er eine derartige Operation an sich vollzogen hatte, verriethen nur zu sehr seine schmerzhaften Empfindungen.

Ausser bei Ruma bemerkte ich noch bei einigen anderen braunen Jünglingen solche Verletzungen. Dass sie sich gerade an den beiden Oberarmen quälten, beruhte auf einem ähnlichen psychologischen Vorgang wie die Einführung der Krinoline in Europa. Der Regierungsarzt in Wailevu war eben damit beschäftigt, die Bevölkerung von Kandavu dörferweise zu impfen, und Impfpusteln an beiden Oberarmen waren die neueste Mode. Manche mochten es nun nicht erwarten können, bis sie auf offiziellem Wege des eiterigen Schmuckes theilhaftig werden sollten. Oder wollten sie etwa die gesetzlich angeordnete Impfung umgehen, indem sie simulirten, bereits geimpft zu sein? Welch interessanter Fall für einen simulantengierigen Militärarzt.

Wenn Ruma einen Käfer gebracht hatte, den wir nicht brauchen konnten, so ging er damit hinter den nächsten Busch, riss ihm erst langsam die sechs Beine und die Flügel aus und frass ihn. Hatte er ein Huhn zu schlachten, so wurde es erst gemartert, falls man ihn unbeaufsichtigt liess, und unsere Braten trugen nicht selten die Spuren der an ihnen verübten Grausamkeiten in der Form von Hautabschürfungen und Knochenbrüchen.

Uebrigens attrapirte ich auch einmal den anderen Schlingel, den sanften Niketi mit dem scheinheiligen Gesicht, wie er ein Schweinchen, das er abstechen sollte, zuvor mittels eines scharfen Glasscherben kastrirte, so geschickt, dass kein deutscher Professor der Chirurgie ihn übertroffen hätte.

Grausamkeit und Achtlosigkeit gegen Thiere bildeten überhaupt einen hervorstechenden Charakterzug der Eingeborenen, der sich fast an jedem Huhn oder Schwein dokumentirte, das wir kauften. Aber nicht blos Hühner und Schweine trugen gewöhnlich Verletzungen, sondern auch andere Thiere, die wir wegen ihres naturhistorischen Werthes von ihnen erhandelten, um sie aufzubewahren. Deshalb werden diese Eingeborenen auch stets nur von sehr untergeordnetem Werthe als Beihilfe zum Sammeln für den Naturforscher sein. Ich habe kaum eine Schnecke oder ein Insekt von einem Eingeborenen erhalten, welches unversehrt gewesen wäre. Gewöhnlich fehlten ein paar Beine oder ein Fühler, oder die Schalen waren eingedrückt und an der Mündung schartig.

Ruma und Niketi, deren Hütte an mein Zelt anstiess, wussten sich Nachts immer viel zu erzählen. Sie hatten ein merkwürdig geringes Schlafbedürfniss und plauderten oft Stunden lang miteinander, und wenn sie schliefen, litten sie oft an schweren Träumen und seufzten und stöhnten. Oft auch in kühlen Nächten husteten sie fast beständig. Mich dauerte ihr nackter Zustand, und ich schenkte ihnen zwei alte Unterhemden. Diese benützten sie aber nur, um während des Tages in der Sonnenhitze damit zu paradiren, Nachts lagen sie eben so nackt wie vorher auf ihren Matten.

Obwohl unsere kleine Kolonie wie gesagt sehr versteckt und abgelegen war, so fehlte es doch während des ganzen Tages nicht an Besuchern aus den benachbarten Dörfern. Schon am frühen Morgen, wenn die Sonne noch hinter den Bergen war und ringsum noch tiefes Schweigen herrschte, höchstens von einem vorwitzigen Papagei unterbrochen, der von einer Palme zur anderen fliegend sein unmelodisches Giek gak, Giek gak ertönen liess, und ich mich eben unter meinem Zelte auf der harten Matte dichter in die Decke wickeln wollte, kamen sie in hellen Schaaren heranzogen, lustig wie immer, schon von Weitem durch einen munteren Gesang sich ankündigend.

Dass wir beide, Herr Kleinschmidt und ich, ausgemachte Narren waren, unterlag für sie nicht dem geringsten Zweifel, wir, die wir den ganzen Tag nichts thaten, als Käfer und anderes Gewürm in Gläser zu stecken, Gras und Kräuter zu trocknen und Vögel abzubalgen. Aber wir waren ihnen entschieden höchst interessante Narren. Namentlich ich. Denn Herrn Kleinschmidt kannten sie schon länger und er kannte sie und alle ihre Schliche und sprach auch ihre Sprache. Ich aber war ein ganz echter Papalang, eben erst herzugereist und jedenfalls »sehr weit her«, wenn sie auch ungläubig lachten, so oft Herr Kleinschmidt ihnen sagte, dass ich fünfzig Tage und fünfzig Nächte mit dem grossen Feuerkanuu fahren müsste, um nach Hause zu kommen.

Ich hatte ausserdem noch eine ganz neue verrückte Liebhaberei, nämlich zuweilen mit der Scheere unter sie zu treten und Haarproben aus ihren dicken Perrücken herauszuschneiden und sammt den daranhaftenden Nüsschen in Papierkapseln zu wickeln, was jedesmal ein grosses Halloh erregte. Auch war ich toleranter gegen ihre Neugierde als Herr Kleinschmidt, der sie immer gleich wegjagte, wenn sie ihm zu sehr im Wege standen. Ich liess sie bei Allem zusehen, und höchstens wenn ein paar Mädchen sich mit ihren Brüsten zu dreist über meine Schultern lehnten, machte ich eine rasche Bewegung, als ob ich hineinbeissen wollte, so dass sie zeterschreiend auf einen Augenblick davonliefen.

Für unseren Sammeleifer hatten die Wilden nicht das geringste Verständniss. Als ich einst im Walde einem neugierigen Kerl begegnete, der gerne wissen wollte, was ich in meiner Pflanzenmappe hätte, so dass ich ihm den Inhalt zeigte, kam er bald darauf wieder zu mir mit einem ganzen Korb voll Gras und Blätter und wollte einen Shilling dafür haben.

Nächst uns übten die zwei Affen eine grosse Anziehungskraft auf unsere Besucher. Ganze Nachmittage konnten sie um dieselben herumhocken und sich an ihren zornigen Grimassen und possirlichen Sprüngen ergötzen. Aber sie durften ihnen nicht zu nahe kommen. Denn die Affen hassten wüthend die braune Rasse. Wenn wir alle zusammen ausgingen, konnte die Hütte nicht besser von Neugierde und Unfug geschützt werden, als indem man die Affen unmittelbar vor der Thüre ankettete. Kein Viti wagte sich in ihr Bereich.

Schon am ersten Tage nach meiner Ankunft lernte ich den alten Häuptling der Insel, den »Tui Kandavu«, kennen. Er wollte mit der englischen Regierung nichts zu thun haben und hatte deshalb beim Beginn einer neuen Ordnung der Dinge nach der Annexion seine Würde an einen jüngeren Häuptling, der jetzt in Wailevu residirt, abgetreten, um in stiller Zurückgezogenheit in dem uns benachbarten Dorf Sanima das Ende seiner Tage abzuwarten.

Der Tui ist eine achtunggebietende malerische Erscheinung. Ein würdiger Greis von hoher Statur, den Oberkörper mit einem feinen europäischen Hemd, die Hüften mit einem langhinabreichenden braungemusterten Stück Tapa, welches eine gefranzte Schärpe schneeweisser Tapa festhält, bekleidet, barfuss und unbedeckten kahlen Hauptes erinnert er an etwas dunkel gehaltene Apostelfiguren der Heiligenbilder. Ein weisser Vollbart umrahmt das ernste strenge Gesicht, und ein asthmatischer Husten an dem er litt gaben diesem einen schmerzlichen Ausdruck. Er kam in einem Kanuu herangerudert, um mich zu konsultiren, da die Kunde meiner ärztlichen Eigenschaft bereits nach Sanima gedrungen war.

Unsere Jungen und seine Begleiter, von denen einer eine alte zerrissene amerikanische Uniform aber keine Hose trug, erwiesen ihm die grösste Ehrfurcht und schienen vor ihm viel mehr Respekt zu haben als vor uns Weissen. Er trank eine Tasse Schokolade mit uns, über die er sich wohlgefällig äusserte, und rauchte dann eine Suluka. Zwei Schiffszwiebacke, die ihm vorgesetzt wurden, steckte er wie Pistolen in die Gürtelschärpe um sie seiner Frau zu bringen. Keiner der Jungen wagte es, sich ihm anders als in geduckter Haltung zu nähern, und wenn sie ihm etwas reichten, kauerten sie nieder und klatschten dreimal in die Hände.

Das dreimalige Händeklatschen bei Ueberreichung irgend eines Gegenstandes, einer Schale Wasser, einer Suluka, eines Feuerbrandes oder was es auch sei, beobachtete ich überall auf Kandavu als noch in Geltung. Später einmal sah ich in Sanima eine sehr komische Degeneration jener alten Sitte. Ein Kerl hatte dem Tui eine Zigarette gewickelt, in seinem eigenen Munde angezündet und übergab sie, wobei selbstverständlich geklatscht werden musste. Statt nun aber erst lange niederzuhocken, hob er einfach den rechten Oberschenkel in die Höhe und klatschte dreimal auf dessen Rückseite, nicht etwa zum Spass, sondern nur aus Schlendrian und Faulheit. Denn er machte dabei ein ganz ernsthaftes Gesicht, und keiner der Beistehenden schien Anstoss daran zu nehmen.

So schwindet das alte sehr ausgebildete Zeremoniell der Südseeinsulaner immer mehr dahin, welches ehemals so weit ging, dass alle Untergebenen stolpern und niederfallen mussten, wenn ihrem Höheren Solches passirte. Deshalb waren, wie die ersten Missionäre erzählen, ihre Diener und Begleiter auch immer so ängstlich, wenn es sich um das Passiren einer Brücke handelte, die hierzulande nur aus einem oder zwei dünnen Palmstämmen bestehen. Stürzte der Missionär in den Abgrund, so mussten auch sie ihm folgen.

Meine Anwesenheit in Gavatina war ein wichtiges Ereigniss für die neugierige Einwohnerschaft der Umgebung. Am folgenden Tag kam auch die Gemahlin des Tui, eine noch sehr rüstige alte Dame, die »Marama«, wie sie anzureden ist, von Sanima herüber. Auch ihr bezeugten unsere Jungen und ihre Begleiter die geziemende Ehrfurcht.

Die sogenannten Wilden überraschten mich durch eine viel grössere geistige und gemüthliche Begabung als ich erwartet hatte. In Bezug auf Intelligenz schienen sie mir entschieden nicht tiefer zu stehen als unsere Bauern, in Bezug auf die Anmuth ihrer Erscheinung und ihres Benehmens meist höher. Ihr gutmüthiges, freundliches, heiteres Wesen musste Jeden gewinnen, der über das Vorurtheil der Hautfarbe erhaben war. Allerdings blieb ich nicht lange genug auf Kandavu, um den Reiz der Neuheit, der mir nur die liebenswürdigen Seiten an ihnen wahrnehmen liess, zu verlieren, und gewiss musste ich Herrn Kleinschmidt Recht geben, wenn er mir versicherte, dass meine Vorliebe für die braunen Naturkinder nach wenigen Monaten weichen würde. Wie oft schon haben anderwärts in weniger zahmen Gegenden Reisende durch den ersten Eindruck sich täuschen lassen und ausgerufen »das also sollen die gefürchteten, schrecklichen Menschenfresser sein, es sind harmlose, liebenswürdige Kinder«, und am nächsten Tag wurden sie von den liebenswürdigen Kindern aufgefressen. Diese Gefahr nun ist auf Kandavu und wahrscheinlich auf ganz Viti nicht mehr zu fürchten. Die Vitis gehören dem europäischen Einfluss an, und die einzelnen vagen Behauptungen, dass es im Innern von Vitilevu noch Kannibalen gebe, sind nicht erwiesen.

Man warnte mich oft vor Dieben. Aber obgleich die primitiven Wohnverhältnisse keinen Verschluss gestatteten, ist mir in Gavatina niemals etwas gestohlen worden, ganz im Gegensatz zu den von den Europäern gehörten Behauptungen über die Stehlsucht der Vitiinsulaner, von welchen die mildeste dahin lautete, dass sie nur an Sonntagen eine Ausnahme machten und die Tugend der Ehrlichkeit übten. In Bezug auf Munition mag allerdings Vorsicht nöthig sein. Es ist verboten, den Eingeborenen Gewehre und Schiessbedarf irgend welcher Art abzugeben, und mit solchen Dingen dürfte es sich eben verhalten, wie mit allen verbotenen Früchten.

Im Ganzen schienen mir diese nackten schlanken und muskulösen Insulaner die glücklichsten Menschen zu sein, die man sich denken kann. Die Missionäre haben es noch nicht vermocht, ihnen ihre natürliche kindliche Heiterkeit zu rauben, und es ist erfreulich, dass auch in Bezug auf ihre ursprüngliche einfache Tracht die Christianisirung nicht viel geändert hat – erfreulich, weil europäische Kleider sie nur verweichlichen dürften, da sie dieselben nicht zu gebrauchen verstehen. Sie würden sie wahrscheinlich nur während des Tages anziehen, um in der Sonnenhitze damit Staat zu machen, bei Nacht aber würden sie die kostbaren Gegenstände zur Schonung sorgfältig einpacken und sich nackt auf ihre alten Matten legen, wie mir das Beispiel von Niketi und Ruma und später noch andere bewiesen.

In der vorchristlichen Zeit trugen die Männer ihr starkes und langes krauses Haar in die Höhe und Breite ausgezupft, so dass mächtige Perrücken entstanden, welche sogar geeignet waren die Wucht von Keulenschlägen abzuschwächen. Diese Perrücken wurden in der mannigfaltigsten Weise geformt und verziert, manche glichen dem bayerischen Raupenhelm. Um die Lenden schlangen sie sich aus einem schmalen Stück Basttuch ein Suspensorium, den »Malo«, zurecht. Die Weiber schoren sich auch damals schon die Haare kurz und banden um die Hüften den »Liku«, einen 50 bis 80 Zentimeter langen Rock aus schmalen Schilfblättern, die an einem Strick aus Kokosnussfasern angereiht sind. Dieser vorchristliche heidnische Zustand in der Tracht soll noch im Innern der grossen Insel Vitilevu bei den wenigen noch nicht unterworfenen Stämmen herrschen.

Ueberall wo die Missionäre gebieten, scheeren sich jetzt beide Geschlechter die Haare kurz, und beide tragen den Sulu, ein klafterlanges Stück Baumwollenzeug um die Hüften geschlungen. Zum Fischen indess ziehen die Weiber noch immer den altmodischen Liku an, weil dieser in der Nässe bequemer ist als der anklebende Sulu, und hier sind sie also noch immer so echt wie vor zwanzig oder dreissig Jahren.

Das Tätowiren war bei den Vitis niemals im Schwung. Blos erlauchte Häuptlingsfrauen liessen sich früher an beide Mundwinkel je einen markstückgrossen runden blauen Tupfen eintätowiren, was hie und da noch an alten Individuen zu sehen ist. Dagegen liebten es die vornehmen Krieger, sich das Gesicht mit rother, weisser und schwarzer Farbe in regelmässigen, meist geradlinigen Ornamenten, aber stets möglichst fürchterlich zu bemalen.

Die Wohnungen der Vitis sind niedrige länglich viereckige Hütten aus Laubwerk, Palmblättern oder Schilfrohr, welche Materialien in verschiedenen Mustern über ein festes Pfahlwerk aus Holz gebunden werden. Charakteristisch für die alte echte Bauart sind die beiden Enden des Giebelbaumes, indem sie, aus schwarz gekohlten nach aussen konisch verdickten Baumfarren-Stämmen bestehend, von den Kanten des Daches ein Meter weit hervorragen. Die Thüren sind so niedrig, dass man nur hineinkriechen kann, und gegen die Schweine, die frei in den Dörfern herumlaufen, mit einem Vorbau kurzer Pallisaden geschützt. Der Boden im Innern ist mit Matten belegt, die mit Farnkraut unterpolstert sind, so dass man sehr weich darauf liegt. Er wird äusserst reinlich gehalten. Darauf zu spucken wäre ein grober Verstoss. Wer ausspucken will, muss den nächsten Zipfel einer Matte aufheben und darunter auf das Farnkraut spucken. Dies gilt natürlich nur bei den Vornehmen, arme Leute sind weniger skrupulös.

Ein Bett hat der Viti-Insulaner nicht. Er schläft auf seinem weichen Mattenboden, neben ihm brennt ein kleines Feuer an der Wand, welches er von Zeit zu Zeit mit einem Fächer anwedelt, als Kopfkissen dient ihm ein Stück Bambusrohr, das an beiden Enden auf je zwei Füsschen ruht. So liegt er nackt und meist ohne Decke da, höchstens dass er vielleicht die unter ihm befindliche steife Matte aufbiegt und halb um sich rollt, häufig seinen Schlaf unterbrechend, um das Feuer neben sich anzufachen. Die Nächte sind manchmal sehr kühl, und man hört dann die nackten Menschen beständig husten.

Bei den Aermeren ist in derselben Hütte, in welcher die ganze Familie schläft, gewöhnlich noch ein grösserer Feuerplatz in einer Ecke, zum Kochen bestimmt. Hier liegen horizontal zwei grosse und schwere Töpfe, deren Form ganz genau dem Nest der Töpferbiene nachgeahmt, aber zu dem Durchmesser von einem halben Meter vergrössert ist. In diese Töpfe wird nun alles zusammen hineingeschoben und gegossen was gekocht werden soll, und die enge Oeffnung mit einem Stöpsel aus zusammengebundenen Cordyline-Blättern verstopft. Bei den Reicheren sind zum Kochen eigene Hütten vorhanden, in denen die Frauen schlafen. Der wohlhabende und vornehme Mann schläft nur mit den Männern seines Gefolges zusammen. Ehegatten leben zu Hause getrennt und geben sich draussen im Walde Rendezvous. So will es die alte Viti-Sitte, die noch vielfach in Kraft steht, wenn sie auch jetzt nach Einführung des Christenthums, das jedem gestattet ein Weib zu besitzen, nur noch beim alten Adel zu beobachten ist.

In jeder Hütte findet man hohle Kokosnüsse als Wassergefässe an der Wand hängen. In einem der Löcher am stumpfen Ende der Nuss ist eine Schnur durch einen Pflock festgeklemmt, an jeder Schnur baumeln auf diese Weise zwei Nüsse, so dass sie bequem paarweise um den Nacken gehängt werden können, wenn die Weiber ausgehen um im nächsten Bach Wasser zu holen. Die beiden andern Löcher sind durch kleine Keile von zusammengerollten Blättern verschlossen. Aus diesen Gefässen zu trinken ist nicht ganz leicht. Man muss sich das Wasser aus einer gewissen Entfernung in den Mund giessen. Die Lippen an die Oeffnungen zu legen gilt für sehr unanständig.

Das Mobiliar einer Viti-Hütte ist somit von klassischer Einfachheit. Die unterpolsterten Matten, einige Bambus-Kopfkissen, eine oder zwei Feuerstellen, einige Fächer, die zwei Kochtöpfe und etwa sechs paar Kokosnuss-Wassergefässe, mehr braucht eine Viti-Familie nicht in ihrem Daheim und zu ihrem Glück.

Ueber die Stellung der Viti-Insulaner in der Klassifikation des Menschengeschlechts herrscht grosse Zerfahrenheit unter den Systematikern. Gerland (1872) rechnet sie zu den Melanesiern, zu denen er auch die Papuas zählt, Müller (1873) ebenfalls zu den Melanesiern, die bei ihm eine Unterabtheilung der Malayen sind, welche er in Polynesier, Melanesier und eigentliche Malayen scheidet, Peschel (1874) zu der mittlerweile selbständig gewordenen Rasse der Papuas, Meinicke (1875) zu den Polynesiern. Die Vitis liegen eben gerade noch an der Grenze jenes Erdenwinkels, dessen buntes Gewimmel kleiner Inselvölkchen noch nicht genug aufgeklärt ist. Vielleicht dass man die Begriffe Polynesier, Melanesier und Mikronesier – auch etymologisch und allgemein logisch unglücklich gewählt – aufzugeben und nur noch Malayen und Papuas mit verschiedenen Zwischen- und Mischformen beizubehalten haben wird. Die sehr wohlklingende Sprache der Vitis ist malayo-polynesisch. In der Haarbildung nähern sie sich dem Papua-Typus.

Obgleich ich nur auf Kandavu war, so glaubte ich doch die Bewohner dieser Insel als echte Repräsentanten der ganzen Gruppe betrachten zu dürfen, da ich dort auch viele zugereiste Eingeborene von anderen Vitiinseln sah, ohne einen Unterschied derselben entdecken zu können. Es sind allerdings auf Kandavu auch eingewanderte Tonganer vorhanden, namentlich in dem grossen und wohlhabenden Dorfe Dalingele an der Südseite des Bukelevu. Diese sind aber sofort auf den ersten Blick als solche zu erkennen an ihrer auffallend hellen, fast pomeranzengelben Farbe. Ebenso sind auf Kandavu als Kulis eingeführte Neu-Hebriden-Insulaner zu sehen, deren grauschwarze Haut im Gegensatz zu dem warmen Braun der Vitis, dem man beim Malen entschieden Gelb beimischen muss, einen bläulichen Duft zeigt.

Die Vitis sind wie gesagt schöne, schlanke, muskulöse Menschen. Sie sind wohl im Durchschnitt länger und kräftiger als die Europäer, mehr gleichlang und mehr gleichentwickelt, ohne die Extreme der bei uns vorkommenden Riesen und Zwerge, Dickwänste und Klapperskelette. Ihre Gesichtszüge sind meistens angenehm, oft edel, selten so roh und brutal wie man bei den Söhnen der schlimmsten Kannibalen, welche die Geschichte der Menschheit kennt, erwarten möchte. Die Nase ist breit, die Nüstern sind ebenso wie bei den Polynesiern etwas weit geöffnet, die Jochbogen nur mässig oder wenig vorspringend. Der Mund ist sinnlich voll, ohne unschön zu sein. Die horizontal geschlitzten Augen sind dunkelbraun, die Haare schwarz, in der Regel aber künstlich ins Röthliche gefärbt, die Haut braun, schokolade- bis rothbraun, bald heller, bald dunkler. Von dem bläulichen Schimmer der Haut, der ihnen beigelegt wird (Gerland, Peschel) habe ich nichts wahrnehmen können. Das Haar ist kraus und wird gegenwärtig allgemein sehr kurz gehalten. Ich habe das für die Papuas von A. R. Wallace als charakteristisch angegebene Pudelhaar nur einmal bei einem Mädchen von etwa fünf Jahren gesehen. Das ganze Kopfhaar war hier in einzelne Löckchen von sieben Zentimeter Länge verfilzt, es wuchs aber gleichmässig über den ganzen Kopf aus der Haut, nicht in Büscheln wie bei den Schuhbürsten. Barrow hat nämlich den Hottentotten dieses Schuhbürstenhaar nachgerühmt. Und Hottentotten und Papuas stehen bei Häckel neben einander als Büschelhaarige. Der Bartwuchs ist bei vielen Vitis, namentlich adeligen, reichlich. Greise haben weisse Haare und weissen Bart.