Unter den jüngeren Weibern giebt es hübsche, anmuthige Gestalten mit freundlichen Zügen. Ihre Formen sind zuweilen sehr üppig. Im allgemeinen aber fehlt den nicht mehr in der ersten kurzen Blüthe befindlichen Frauen die Grazie der europäischen Weiblichkeit, sie nähern sich zu sehr dem männlichen Typus, wozu auch noch der Umstand beiträgt, dass sie die Haare kurz geschoren tragen, und sie werden sehr rasch welk und alt. Die Brüste, auch der eben erst reif gewordenen Mädchen, zeichnen sich aus durch eine auffallende Hervorragung des Warzentheils, der leicht abgeschnürt erscheint und so dem ganzen Organ etwas Birnförmiges verleiht.
Es ist ein grosser Unterschied ob man diese sogenannten Wilden in der Ruhe oder in der Bewegung betrachtet. In der Ruhe, wenn sie so gerade vor sich hinstieren und vielleicht auch wohl den Mund offen stehen lassen, sehen sie gewiss nicht vortheilhaft aus. In der Bewegung aber, wenn sie lebhaft gestikulirend mit einander sprechen und lachen – und sie lachen fast immer – wenn ihre herrlich weissen Zähne und ihre dunklen Augen blitzen und funkeln, gewähren sie ein höchst anziehendes Bild von Kraft und Frische, Urwüchsigkeit und Wildheit. Desshalb wird auch die beste Photographie immer weit zurückbleiben hinter dem unmittelbaren lebendigen Eindruck, den diese Naturmenschen auf den Beschauer ausüben, und nie eine richtige Vorstellung geben. In den Hütten sitzen sie gewöhnlich mit gekreuzten Beinen auf ihren Matten, im Freien aber kauern sie am liebsten nieder, ohne mit dem Hintertheil den Boden zu berühren, die Sohlen ruhen voll auf der Erde, und sie sitzen dabei förmlich auf ihren Waden.
Die Nahrung der Vitis ist eine vorzugsweise vegetabilische. Taro und Yams, Kumala, Bananen und Brodfrüchte liefern die Hauptgerichte. An Kokosnüssen ist kein Mangel, aber sie sind von den Missionären »tambu« erklärt, und fast vor jedem Kokospalmenhain stecken drei oder vier lange Stangen in der Erde, an deren Spitzen Strohbüschel hängen, das Zeichen des »Tambu«. Denn in Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre und ihre Steuer an die englische Regierung zu zahlen. Der Botaniker Seemann, der 1860 und 1861 die Vitiinseln in offiziellem Auftrage bereiste, sagt dass die Yamswurzel die Hauptnahrung der Vitis sei. Auf der Insel Kandavu scheint mir indess Taro überwiegend gebaut zu werden, vielleicht wegen der hier zahlreicheren kleinen Gebirgsbäche, die zu Sümpfen aufgestaut, sich besonders gut zur Anlegung von Taro-Pflanzungen eignen. Die Taropflanze ist eine Colocasia und die Yamspflanze eine Dioscorea. Letztere wird auf Aeckern in einzelnen Erdhäufchen, welche wie Maulwurfshügel aussehen, gezogen. Die Kumala oder süsse Kartoffel oder Batate ist ein Convolvulus und hat mit unserem Solanum nichts gemein als ihren deutschen und ihren englischen Namen. Taro, Yams und Kumala, Bananen und Brodfrucht werden gekocht gegessen.
Schweine und Hühner sind in jedem Dorfe vorhanden, sie werden aber nur bei hervorragenden festlichen Gelegenheiten, und dann in um so grösseren Quantitäten, verzehrt. Fische alle Tage und Schildkröten ziemlich selten liefert die See. An regelmässige Mahlzeiten scheinen sich die Eingeborenen nicht zu binden. Die auf den Riffen erbeuteten Fische werden entweder in Körbchen nach Hause getragen oder sogleich an Ort und Stelle verzehrt. Die Jungen, die mit hinausbummeln, tragen glimmende Holzscheite mit und schwingen sie von Zeit zu Zeit im Kreise, um sie in Brand zu erhalten. Haben sie einen kleinen Fisch, so wird er kurzweg lebendig auf die Gluth gehalten, um erst die eine Seite, dann die andere ein bischen anzuschmoren, in den Mund geschoben und abgebissen. Vor jedem Dorfe das am Strande liegt sind draussen an einer tieferen Stelle im Wasser Stangen kreisförmig dicht neben einander in den Grund gesteckt und oben durch Stricke verbunden, Käfige in die man die Schildkröten einsperrt bis man sie schlachten will. Die zahlreichen Papageien und Tauben des Waldes tragen nichts zur Küche des Viti-Insulaners bei. Es ist ein grosses Glück für die ornithologische Fauna der Inseln, dass jene mit den Gewehren die sie besitzen nicht umzugehen verstehen. Teller, Gabeln und Messer hat man für gewöhnlich nicht. Man isst mit den Fingern beider Hände, die Speisen werden sehr reinlich auf Blättern servirt. Früher bediente man sich für Menschenfleisch besonderer geheiligter Gabeln aus Holz.
Ihre Sprache, welche eine Abart des Polynesischen ist, während sie selbst dem Körperbau nach zu den Papuas gehören, klang mir womöglich noch wohllautender, als das Maori der Neuseeländer. Dabei lässt ihre Artikulation an Deutlichkeit nichts zu wünschen, ganz im Gegensatz zu jener des Englischen. Welche Mühe kostet es dem Anfänger, das gesprochene Englisch zu verstehen, jeder Engländer scheint ihm anders zu reden. Im Viti aber braucht man ein Wort blos einmal gehört zu haben, um es später sofort wieder zu erkennen.
Die Vitis sprechen alle das reine linguale R, während bei den Hawaiiern, deren Konversation ich später belauschen sollte, das gutturale R vorherrscht. Mit den Samoa-Insulanern haben sie die Ausnahme gemein, ein S zu besitzen, welches den übrigen Polynesiern fehlt. Das aspirirte S dagegen, unser Sch, besitzen sie nicht und scheinen es meist durch das ihnen eben so wie den Arabern, Griechen, Spaniern und Engländern eigenthümliche Theta (scharfes englisches Th) zu ersetzen. Ich hörte statt »Shilling« immer nur »Thilling«. Eine andere Eigenthümlichkeit, welche an die Sprachen der westafrikanischen Neger erinnert, besteht darin, dass sie den Buchstaben D, G, K und M fast immer ein N, und dem B ein M als Vorschlag voransetzen. Die Missionäre als erste Vitigrammatiker haben deshalb die Schreibweise Kadavu, Bega, Bau (drei Inseln), Thakobau (der ehemalige König), Buke (Berg), Dalo (Taro), Malatta, Galoa (die beiden Buchten) eingeführt, während man Kandavu, Mbenga, Mbau, Thakombau, Mbuke, Ndalo, Nmalatta oder Namalatta, Ngaloa oder Angaloa sagt, indem sie, wunderlich komplizirend, die richtige Aussprache von der Kenntniss dieser Regel und der dazugehörigen Ausnahmen abhängig machten. Zur Transskription des Vitilautes Th (= dem englischen weichen Th) haben manche das C verwendet. Deshalb liest man auch Cakobau.
Es giebt eine Menge Dialekte im Viti, wenn man fein unterscheiden will, vielleicht eben so viele als einzelne Inseln. Daher kam es, dass ich für meine gesammelten Pflanzen, wenn ich sie wiederholt verschiedenen Eingeborenen vorlegte, um ihre Namen zu erfahren und festzustellen, oft von jedem einen anderen erhielt, weil die Gefragten von verschiedenen Inseln stammten.
Die Adeligen und Vornehmen der Vitis waren früher die schlimmsten Kannibalen der Erde. Ursprünglich war das Menschenfressen ein religiöser oder patriotischer Gebrauch. Man triumphirte über die erschlagenen Feinde indem man sie auffrass. Später scheinen sich Prahlerei, Leckerei und andere niedrigere Motive geltend gemacht zu haben. Man wollte sich gegenseitig in der Anzahl der gefressenen Menschen überbieten, und es kam so weit, dass die Untergebenen niemals sicher waren, eines schönen Tages den Appetit ihrer Herren zu reizen. Ich glaube nicht, dass man alles für wahr zu halten braucht, was von den Missionären hierüber berichtet wird, von den Missionären, denen daran gelegen sein musste, die Heiden möglichst schwarz und damit den Glorienschein ihrer Bekehrung möglichst strahlend zu machen. Ich vermag auch durchaus nicht vor dem Kannibalismus eben so entsetzt die Augen zu verdrehen, wie diess für manche zum guten Ton zu gehören scheint, wenn ich an die Rechtsgebräuche unserer biederen Vorfahren denke. Mir liegt das Abscheuliche an dem Kannibalismus nur in der willkürlichen Tödtung einzelner Individuen durch die Mächtigen – ein Frevel, an dem es in unserer Geschichte doch wahrlich auch nicht fehlt – nicht in dem Auffressen der Leichen, dem vielleicht bei dem Mangel grösserer Thiere ein physiologisches Bedürfniss zu Grunde lag. Dennoch kann niemand läugnen, dass die Zustände der Vitis in der vorchristlichen Zeit grässlich genug waren. Es wird mit allem Anschein der Glaubwürdigkeit erzählt, dass ein Mann einmal seine Frau, mit der er in Eintracht lebte, lebendig in den Ofen schob, kochte und frass, blos um den Ruf eines fürchterlichen Menschen, eines »verfluchten Kerls«, zu erlangen.
Jetzt giebt es in Viti wohl keine Menschenfresserei mehr. Man behauptet zwar, dass im Innern der grossen Insel derlei noch vorkomme, ohne jedoch Beweise zu haben. Erzählungen hierüber, wie über alles Sensationelle, sind stets mit der grössten Vorsicht aufzunehmen.
Man nimmt auch von den Vitis an, dass sie aussterben. Sollte dies wirklich der Fall sein, was nicht entschieden werden kann, solange noch keine Zählungen sondern blos Schätzungen vorliegen, so geschieht es wahrscheinlich nur durch akut auftretende Epidemieen, nicht aber chronisch und stetig durch immerwährende schädliche Einflüsse, wie bei den Maoris und bei den Hawaiiern. Während die Maoris und die Hawaiier, beide in Folge der Liederlichkeit und Minderzahl ihrer Weiber, erstere ausserdem noch in Folge von Trunksucht, ihrem Untergang entgegensehen, erfreuen sich die Vitis des Rufes grosser Keuschheit und enthalten sich, von der Regierung sorgfältig überwacht, der streng verbotenen Spirituosen. Während auf Neuseeland und namentlich auf Hawaii kleine Kinder unter den Eingeborenen ziemlich selten sind, wimmelt auf Viti jedes Dorf von Nachkommenschaft und lässt sich fast aus jeder Hütte das Quieksen eines Säuglings vernehmen.
Während also unter den Viti-Insulanern die Bedingungen für ein chronisches stetiges Aussterben zu fehlen scheinen, hat bereits einmal ein akutes aber vorübergehendes Moment die Bevölkerung dezimirt, eine Masernepidemie nämlich, welche in der ersten Hälfte des Jahres 1875, mit einer Heftigkeit die bei der weissen Rasse unerhört ist auftretend, in manchen Dörfern die Hälfte der Einwohnerschaft ohne Unterschied des Alters hinwegraffte, kurz nachdem Viti englisch geworden war. Ich fürchte, dass Tuberkulose als die Nachwirkung jener Katastrophe seitdem unter den Viti-Insulanern ziemlich häufig ist, wie ja auch bei uns in den Generationen, welche von grossen Masernepidemieen betroffen wurden, die Prozentsätze der Tuberkulose zu steigen pflegen.
Vor der Ankunft der Europäer gab es auf Viti keine Infektionskrankheiten. Selbst die giftigen Thiere sind hier auf ein Minimum beschränkt, nur zwei Arten, ein Skorpion und ein Skolopender, vertreten dieselben in ziemlich harmloser Weise. Dysenterie soll hie und da vorkommen, aber auch erst durch die Europäer eingeschleppt.
Es war durchaus nicht der beste Schlag von Eingeborenen, der in unserer Nähe wohnte und uns häufiger besuchte. Auf den beiden Ausflügen nach dem Ostende und nach dem Westende der Insel habe ich später viel schönere Vitis kennen gelernt. Einigemal sah ich in Gavatina hässliche Drüsennarben am Halse und schlechte Zähne bei Mädchen und Jungen, was darauf hindeutet, dass auch diese glücklichen Wilden nicht frei sind vom Fluch der Skrophulose.
Was wir von den Eingeborenen kauften, wurde in der Regel mit Waaren bezahlt. Messer und Scheeren, Aexte und Angelhaken, Baumwollenzeug, zwei Ellen mit den ausgespannten Armen gemessen gleich einem Sulu, Glasperlen, Nähfaden und rothe Wolle, womit die Matten aus Pandanusblättern an den Rändern verziert werden, waren die hauptsächlichsten Tauschartikel. Die Insulaner prüften Alles sorgfältig, ob es auch gut sei, ehe sie nahmen. Das »Billig und schlecht« soll auch ihnen bereits bekannt sein. In denselben Artikeln bestanden unsere Gastgeschenke, wenn wir auf Exkursionen bei einem Häuptling übernachteten.
Ueberall wo der schöne hellblinkende Korallensand das Ufer bedeckt, schiebt sich von innen heraus als erste Vegetationszone ein flach auf dem Boden fortkriechender dickblätteriger Convolvulus mit rosenfarbenen Blüthen vor, die schönste und stylvollste Besäumung der Palmenhaine, die man sich denken kann. Dies scheint die einzige kleinere Pflanze zu sein, die selbst des geringsten Schattens entbehren kann, aber auch nur, indem sie in geschlossenen Massen der Sonnenhitze entgegentritt. Die Grenzen ihres Bereiches sind scharf abgeschnitten, und einzelne eigenmächtig vordringende Ranken verfallen dem Tode.
Etliche Schritte einwärts beginnen die Palmen. Der Convolvulusteppich wird spärlicher, und ein verworrenes Strauchwerk von Ricinus, Croton, Farnen und hohem Gras breitet sich unter ihnen aus. Hie und da ragen mächtige durch ihre knorrigen Zweige an unsere Eichen erinnernde Dilobäume mit steifen lorbeerähnlichen Blättern weit über alles Andere hervor. Häufig sieht man die Reste verlassener Baumwollenpflanzungen mitten zwischen Gestrüpp und im ungleichen, hoffnungslosen Kampf mit diesem. Solcher Art ist auch der Charakter unseres stillen Thales von Gavatina.
Einen Büchsenschuss vom Strande entfernt rücken die Berge zu einer schmalen Schlucht zusammen, durch welche ein murmelndes Bächlein herabsteigt. Am Fusse der Berge beginnt der Busch. Schmale und steile Pfade winden sich in ihm aufwärts, von den Eingeborenen ausgetreten, welche dort oben Holz, Lichtnüsse und Zitronen holen oder in ausgebrannten Rodungen Bergtaro bauen. Oft hören diese Pfade plötzlich auf, und will man dann noch weiter im Dickicht dringen, so stemmen sich Hindernisse entgegen, deren Grossartigkeit aller Beschreibung spottet.
Gleich der erste Ausflug, den ich mit meinem Gastfreund und dessen Burschen Niketi unternahm, gab mir einen Begriff von den Schwierigkeiten des Naturforschens in tropischer Vegetation.
Mit Flinten und Schiessbedarf, Schachteln und Gläsern, Pflanzenpapier und Baumwolle ausgerüstet, alle Taschen dick bepackt, kletterten wir durch einen halbvertrockneten Wasserlauf voller Felsblöcke die jungfräulichen Urwaldgründe hinauf, der kleine nackte Niketi gewandt voran, obgleich er der Schwerstbeladene von uns dreien war und bei dem Mangel an Taschen in der einen Hand eine Blechbüchse mit Gypspulver zum Bestreuen der blutenden Wunden geschossener Vögel, in der anderen eine Spiritusflasche zu tragen, überdies einen für ihn viel zu grossen Ranzen umgehängt und später auch noch den ebenfalls viel zu grossen Filzhut seines Herrn, der diesem lästig wurde, auf den Kopf gestülpt hatte.
Je höher wir kamen, desto enger drängte sich das Gewirr der Bäume, Sträucher und Lianen über uns zusammen. Dunkelrothe Papageien flogen, ein langweiliges Giek gak ausstossend und ihren Schwanz breit entfaltend, über uns hin. Aber um diese gemeinen Vögel war es uns heute nicht zu thun. Herr Kleinschmidt wollte eine kleine niedliche hellgrüne Taubenart mit gelben Köpfen schiessen, die nur ganz oben zu finden ist. Noch eine gute Strecke aufwärts war zu überwinden, und wir sahen uns plötzlich mitten im pfadlosen Dickicht. Mein Freund war schon öfter diesen Weg gekommen, aber keine Spur seiner früheren Bahnen liess sich entdecken.
Durch das Laub war gerade noch die Richtung der Sonne zu errathen. Baumstämme jeden Kalibers, Felsblöcke und mannstiefe Löcher, Alles überwuchert von hundert verschiedenen Pflanzen, bildeten den Boden. In allen Richtungen kreuzten sich die Lianen, legten sich bei jedem Schritt vorwärts um Arme und Beine, um die Brust und den Hals und quer über die Nase. Jede einzelne fordert einen eigenen Messerschnitt. Hat man auf diese Weise den Oberkörper sich frei gemacht, kostet es immer noch Anstrengung, den Fuss sammt dem Stiefel aus zahlreichen Schlingen herauszuziehen und vorwärtszusetzen. Harte Felsen sind unter dem ungleichen Boden verborgen und schmerzen heftig den Fuss, wenn man allzu dreist auftritt. Jetzt kommt ein gefallener mächtiger Baumstamm zu überwinden. Man krallt sich hinauf, die morsche Rinde bricht, und man plumpst in den Mulm des hohlen Innern hinab, in dem es von fingerlangen Engerlingen wimmelt. Man hält sich an die Schmarotzerbekleidung eines noch stehenden Baumes, um sich emporzuziehen, die ganze Säule fällt um. Denn der Baum selbst existirt schon lange nicht mehr, nur die Lianen, die ihn umstrickten, haben seine dicht mit parasitären Pflanzen überzogene Rinde bisher gehalten. Gar viele andere todte Stämme sind noch vorhanden und stehen noch, bis sie eines schönen Tages der geringste Anstoss umwirft. Nicht selten hörte ich des Nachts, wenn ich unten in meinem Zelte schlaflos lag, das prasselnde Fallen einer derartigen Leiche oben im Busch durch das Rauschen des Windes.
Unter solchen Mühseligkeiten waren wir endlich dem Gipfel näher gekommen, von wo geheimnissvoll verheissende Flötentöne uns entgegenlockten. Herr Kleinschmidt kennt jedes Vogels Stimme und Gesang im Busch von Viti, er pfeift sie zu Hause sich wieder vor und setzt sie auf Noten, um sie sammt den Bälgen und Eiern der Sänger an sein Museum zu schicken. Es gelang uns mehrere Vögel zu schiessen, doch nicht alle kamen in unseren Besitz. Man sieht die Beute fallen, aber sie bleibt nur zu oft unerreichbar hängen oder fällt in ein Dickicht wo sie selbst der gewandte Niketi nicht findet. Viele Schoten und andere Früchte habe ich aufgelesen, von denen es mir nicht möglich war, die sie liefernden Pflanzen zu eruiren, da sie hundert verschiedenen angehören konnten.
Von aussen, unten am Ufer betrachtet, sah der Busch entschieden viel schöner aus, als im Inneren, dessen Gewirre zwar imponiren musste, aber auch so dicht war, dass man vor lauter Vegetation nichts zu sehen und zu bewundern vermochte. So kam zum Beispiel ein riesiger Banyanenbaum mit all seinen sekundären Stämmen und Säulenhallen, der freistehend einen kolossalen Eindruck gemacht haben würde, durchaus nicht zur Geltung, da man ihn nicht überschauen, sondern immer nur jenen kleinsten Theil, der gerade nicht von dem anderen Pflanzengesindel verdeckt wurde, sehen konnte. Die meisten Bäume hatten steife glänzende Blätter ähnlich unserem Ficus. Von Blüthen war wenig zu sehen. Es war gerade nicht die günstigste Zeit dazu.
Ausser dem fast niemals schweigenden unmelodischen »Giek gak, Giek gak« der gemeinen dunkelrothen Papageien ist noch eine andere Vogelstimme charakteristisch für den Busch von Viti. Es giebt eine grosse Taubenart hier, welche bellt wie ein Hund, und ihr rauhes »Hu hu, Hu hu hu« hat sogar einen bedeutenden Gelehrten verführt, von wilden Hunden zu sprechen, die sich in den Bergen herumtreiben. Eigentliche Sänger des Waldes besitzt Viti nicht. Man hört wohl hie und da ein langgedehntes flötendes Pfeifen, welches die niedliche gelbköpfige Taube ausstösst, oder es piepst ein Fächerschwänzchen im Gebüsch, ärgerlich über unser Nahen mit gespreizten Flügeln hin- und herflatternd, als ob es uns verjagen wollte. Aber Melodien zu singen haben alle diese Vögel nie gelernt.
Viel sympathischer waren mir die zahllosen kleinen Eremitenkrebse, denen ich nicht selten hoch oben im Busch begegnete. Dass diese Kiementhiere in der schattigen, feuchten Atmosphäre der tropischen Vegetation sich gerne ergehen, ist weniger überraschend, als dass sie auch in der Sonnenhitze des Strandes herumzubummeln vermögen. Sie müssen eine starke Fähigkeit, sich den heterogensten Umgebungen anzupassen, besitzen. Sie wählten vorzugsweise die schweren Gehäuse der Neritinen zur Bekleidung ihres weichen Hinterleibs, und bedächtig und sicher steigen sie mit dieser erheblichen Last über alle Hemmnisse. Vorsichtig ducken sie sich oder lassen sich von Erhöhungen herabfallen, wenn sie uns bemerken, und legt man sich nieder um zu lauschen, so knistert es von ihnen überall unter dem Laube. Ihre Bewegungen und ihr Thun macht den Eindruck grosser Intelligenz. Wo sie nur etwas Essbares finden, prüfen sie es erst genau von jeder Seite, dann packen sie zu mit der einen verlängerten Scheere und führen Bissen um Bissen zum Munde. Ganz besonders beliebt sind ihnen wie allen Thieren die Kokosnüsse.
Ausser diesen Eremitenkrebsen, welche dem Meeresufer angehören, findet man etwas seltener im Busch einen echten Landeremitenkrebs, der sich das leichtere Gehäuse des Bulimus Seemanni als Wohnung erkoren hat. Er ist viel behender als jene, und schnell humpelt er unter einen Felsen oder einen Baumstamm, wenn man ihn überrascht.
Einmal führte mich Herr Kleinschmidt an einen Platz im Busch, wo eben ein grosses Kanuu zugehauen wurde. Kandavu ist seit urdenklichen Zeiten berühmt wegen seines vortrefflich hierzu geeigneten Holzes. Viele Häuptlinge besitzen zwar europäische Böte, der gemeine und ärmere Mann nimmt indess immer noch mit dem Kanuu alten Styles vorlieb.
Die Bäume werden zu diesem Zweck hoch oben auf dem Berge gefällt, an Ort und Stelle ausgehöhlt und erst im fertigen Zustande nach dem Ufer hinabgeschleift, was bei den grossen Schwierigkeiten allein oft eine Arbeit mehrerer Wochen ist. Zum Bearbeiten des Holzes dienen jetzt europäische eiserne Beile, die jedoch noch immer in der alten Weise, wie ehemals die Steinäxte, an den Stiel befestigt werden, die Schneide nicht wie bei uns parallel, sondern quer zum Griffe. Als Stiel wird ein junger Baumstamm verwendet, aus welchem spitzwinkelig ein starker Ast hervorwächst. Dieser letztere bildet den Griff, an den hakenförmig zugeschnitzten Stammtheil wird das Beil platt mit der Fläche daraufgelegt, durch Stricke aufs solideste festgebunden.
Bei jenem Kanuubau, den ich beobachtete, war der Baum so gefallen, dass er nur an zwei Punkten den unebenen Boden voll dichter Vegetation und Wurzeln berührte. Nachdem eine Reihe Querbalken untergeschoben war, hatte man diese zwei Stellen abgegraben, so dass der Baum vollständig frei über der Erde schwebte. Die obere Seite wurde zum Kiel zugeschärft, die untere ausgehöhlt, wozu die Zimmerleute sich unter dem Baum auf den Rücken legten.
Ein solch schmaler Kahn aus einem einzigen Baum wäre nun ein sehr schwankes Fahrzeug und kaum tauglich zum Segeln, wenn das labile Gleichgewicht nicht durch eine sinnreiche Vorrichtung unterstützt würde. Es wird nämlich – und diess ist charakteristisch für alle polynesichen Fahrzeuge – ein sogenannter Ausleger »Kama«, ein zweites Kanuu, nur viel kleiner und meist sogar nur aus einem vorn und hinten zugespitzten und mit Kiel versehenen Baumstamm bestehend, zwei bis drei Meter entfernt durch Querstangen neben und parallel dem ersten Kanuu befestigt. Das Fahrzeug wird auf diese Weise breiter und sicherer, ohne durch allzu grossen Körper an Leichtigkeit einzubüssen. Die verbindenden Holzgerüste aus dünnem Lattenwerk, die bei den Vitis nicht gerade zwischen beiden Kanuus von Bord zu Bord gehen, sondern beiderseits erhöht auf gekreuzten Pfosten ruhen, erscheinen sehr gebrechlich und geben dem Ganzen ein spinnenartiges Aussehen.
Diese polynesischen Kanuus segeln sehr schnell. Manche Reisende sprechen von zwanzig und mehr Seemeilen per Stunde, was jedoch zweifellos Uebertreibung ist. Wenn sie gegen den Wind aufkreuzen, muss der Ausleger immer auf der Windseite bleiben. Aus diesem Grund können sie nicht auf unsere Weise wenden, also entweder »über Stag gehen« oder »halsen«, wobei einmal die rechte, das anderemal die linke Seite des Bootes zur Windseite wird. Sie müssen einfach umkehren, rückwärtsgehen, das Vordertheil muss Hintertheil, das Hintertheil Vordertheil werden. Hiebei wird der Mast, der unten wie in einem Scharnier beweglich ist, schräg nach dem jeweiligen Vordertheil geneigt, und das dreieckige lateinische Mattensegel fliegt herum, indem man den Hals desselben nach der entgegengesetzten Seite bringt.
Ein nicht minder reiches Leben wie im Busch, wenn auch gänzlich verschiedenartig, tummelte sich an der anderen Seite unseres Thales, draussen über den Riffen herum.
Keine hundert Schritt vom Ufer, in gleicher Flucht mit der sanften kaum merklichen Böschung des angeschwemmten Sandes und ohne scharfe Grenze, begannen die nackten Korallenbänke, durch das süsse Wasser unseres Bächleins, welches eine tiefe Schlucht einschnitt, in zwei Hauptmassen geschieden, da ja die Korallenthiere nur in der unverdünnten Salzfluth zu gedeihen und zu bauen vermögen.
Vielfach zerklüftet an der Oberfläche, in einzelnen Blöcken über das Niveau der Ebbe hervorragend, durchzogen von geräumigen Höhlen und Löchern, tritt diese interessante Zone, welche eigentlich nur eine Fortsetzung des festen Landes bildet, in die See vor. Nach einer durchschnittlichen Breite von zweihundert Schritt fällt sie steil zur dunklen Tiefe hinab, aus welcher dann noch weiter draussen einige isolirte, gewöhnlich kreisrunde Riffe mit höherer Umwallung und niedrigerem Zentrum, Miniaturatolle, emporsteigen. In der Nähe des Ufers, wo beständig Sand und Geröll und Schlick hin und her gespült wird, ist das animalische Gestein längst todt und verräth nur an einzelnen Stellen durch die Korallenstruktur seinen Ursprung. Erst in grösserer Entfernung vom Schmutz des Landes hausen und bauen die lebenden Generationen. Zur Zeit der Ebbe, welche hier im Stillen Ozean nicht mehr als etwa ein Meter vom Hochwasserstand differirt, konnte ich oft bis fast zum äussersten Absturz des Riffes hinauswaten, und mit einer eisernen Stange die schönsten Korallenbäumchen losbrechen. Die mannigfaltigsten Formen waren vertreten. Leider gelang es mir nie, die Blüthenthiere selbst entfaltet zu sehen. Dass in den einzelnen Kelchen noch lebende Thiere sassen, war unverkennbar, aber sie hatten sich zu gestaltlosen Klumpen von den prachtvollsten hellgrünen, purpurnen und azurblauen Farben zusammen- und zurückgezogen. Wenn ich sie auch sofort ins Aquarium verpflanzte und dessen Wasser fast stündlich erneuerte, sie blieben eigensinnig unsichtbar, zu meiner schmerzlichen Enttäuschung, während doch ihre Verwandten in unserer Nordsee, die Sertularien, mir ihren vollen Anblick niemals missgönnt hatten.
Für diese Sprödigkeit entschädigte übrigens reichlich die ungeahnte Fülle von allen möglichen Meeresbewohnern, denen die von den stillen Baumeistern der Tiefe geschaffenen Schlupfwinkel als geschützter Aufenthalt dienten. Eine Menge kleiner Fische, in den verschiedensten Farben des Spektrums schillernd, merkwürdig intensiv blaue Seesterne, eine Unzahl von Seeigeln und Holothurien, von Würmern und Schnecken, die meisten prachtvoll und glänzend, trieb sich dort in den Löchern und Tümpeln herum. Gelb und schwarz geringelte Wasserschlangen schlängelten sich über den Boden, hinter Steinen verborgen sassen schlüpfrige Aale, nur mit dem Kopf scheu hervorguckend, fuhren blitzschnell zurück, wenn man sich nahte, und bissen wüthend die Hand, wenn man sie griff. Es war überhaupt nicht ungefährlich, mit der Hand unter die Steine zu langen. Da lauerten oft Seeigel mit so feinen und zarten Stacheln, dass sie an der Spitze abbrachen und in der Haut stecken blieben, kaum sichtbar, aber genügend um Geschwüre zu erzeugen, oder es spreizten Skorpänen ihre scharfen Flossenstrahlen und konnten sehr schmerzhafte Verletzungen beibringen.
Am interessantesten waren mir zwei Mollusken durch ihre ausgezeichnete Lebhaftigkeit, eine handgrosse Nacktschnecke, Doris, und eine wallnussgrosse Muschel, Lima. War die Doris, wenn sie mit ihrem rosenfarbenen Körper in eleganter vertikal gerichteter Wellenbewegung das Aquarium durchmass, schon auffallend genug, so wirkte die Behendigkeit der Lima, einer Vertreterin jener Thierklasse, an die wir gewöhnlich den Begriff des Langsamen und Unbehülflichen knüpfen, noch überraschender. Auf den ersten Blick hatte die Lima wenig Aehnlichkeit mit einer gewöhnlichen Muschel. Ueber die beiden Schalen, welche vorn und hinten bedeutend klaffen, ragt der Mantelsaum hervor und trägt mehrere Reihen purpurroth quergeringelter Fransen, deren längste länger sind als das Thier selbst und dieses vollständig einhüllen können, so dass man nichts sieht als einen Knäuel flotirender und sich krümmender wurmartiger Gebilde. Leicht reissen einzelne ab und bewegen sich dann auf eigene Faust noch lange weiter.
Plötzlich geräth Leben in das unerklärliche Wesen. Es erhebt sich vom Grunde und schwimmt ruckweise rings an den Wänden des Glasgefässes hin. Jetzt werden die beiden Schalen sichtbar, und deutlich beobachten wir, wie das Thier durch abwechselndes Oeffnen und Schliessen derselben sich vorwärts stösst, während der Fransenknäuel wie eine feurige Garbe nachschleppt. Nun setzt es sich wieder, und gerade so günstig, dass wir in das klaffende Innere sehen können. Wir sehen die braunen Kiemen, und zwischen ihnen streckt sich der schmale Fuss vor und tastet auf dem Boden herum, einem Blutegel vergleichbar. Der Fuss saugt sich fest mit seinem vorderen Ende, und durch eine rasche Kontraktion zieht er das ganze Thier hinter sich nach. Mehrmals wiederholt sich dieses Manöver. Die Muschel marschirt vorwärts wie eine Raupe.
Von unserer europäischen Lima weiss man, dass sie ein Nest für sich baut und darin den grössten Theil ihres Daseins in beschaulicher Ruhe zubringt. Auf dem Riff von Gavatina habe ich niemals Nester, wohl aber ziemlich häufig das freie Thier im Wasser sich tummelnd gefunden.
Zur Zeit der Ebbe blieben wir selten allein auf den Korallenbänken. Eingeborene schlossen sich uns an, um Fische zu fangen, und so weit wir die Küste überschauen konnten, war sie belebt von Menschen, die unter fröhlichem Geschrei sich dieser Beschäftigung hingaben, die wenigen Reiher, welche gleichfalls zu fischen kamen, nach den äussersten Aussenriffen verscheuchend.
Auch bei Nacht herrschte dann ein reges Treiben dort. Allenthalben bewegten sich brennende Fackeln hin und her, und Bambusgeklapper und laute Stimmen weckten das Echo der finsteren Waldberge. Es schien mir als ob diese lärmende Lustbarkeit grossentheils dazu dienen sollte, Muth einzuflössen, da sich die Insulaner in der Dunkelheit vor allerhand bösen Geistern fürchten.
Die von der Ebbe in den Tümpeln zwischen den Riffen zurückgelassenen Fische wurden mittels kleiner viereckiger Netze gefangen, indem man dieselben auf den Boden der Tümpel legte, die Fische darüberjagte und mit einem schnellen Ruck aufs Trockene warf. Auch bedient man sich zur Betäubung der Fische einer Eugenia-Art, und man sah alte Strünke davon überall auf den Riffen herumgestreut. Wenn eine Gesellschaft junger Männer am Strand entlang zog, waren sie gewöhnlich mit zugespitzten hölzernen Wurflanzen bewaffnet, mit denen sie auf Fische im seichten Wasser zu werfen pflegten. Ich habe aber nie gesehen dass einer einen Fisch getroffen hätte.
Es gab massenhaft Holothurien rings um die Insel, mindestens zehn Arten waren überall gemein. Indess schienen diese Thiere, die anderwärts in der Südsee als Trepang für den chinesischen Markt getrocknet eine so grosse Rolle spielen, hier von den Eingeborenen kaum beachtet zu werden. Am häufigsten war eine grosse armsdicke und vorderarmslange schwarze Seegurke, die zu einer prallen und harten Wurst zusammengezogen überall herumlag. Ihr Gegentheil in Bezug auf Konsistenz bildete eine Synapta, die den Eindruck einer leeren nur mit wässerigem Schleim gefüllten Wursthaut machte.
Auf unseren Riffexpeditionen trafen wir gewöhnlich mit einem hübschen schlankgewachsenen Mädchen zusammen, welches ganz ausgezeichnet schöne Beine besass. Diese Beine wirkten ästhetisch befriedigend namentlich dadurch, dass sie aus einem kurzen Blättergürtel hervorwuchsen, welcher die einzige Bekleidung des hübschen Mädchens war. In der einen Hand ein schmales Netz aus Kokosnussfasern, an der anderen ihren kleinen Bruder, der einherlief so wie ihn Gott erschaffen hatte, bot sie das malenswertheste Modell einer reizenden Wildin.
Einigemal als ich Nachts in Folge von Kawa-Genuss nicht schlafen konnte, nahm ich die Jolle und fuhr hinaus, um das Meerleuchten zu beobachten. Ich konnte aber nie etwas nennenswerth Prächtiges entdecken. Das Wasser war stets zu unruhig um deutlich in die Tiefen zu sehen und der Sternenhimmel zu hell um die bescheidenen phosphoreszirenden Blitze, die wahrscheinlich von Fischen erregt unten hin und her zuckten, nicht zu beeinträchtigen. Ich sah nicht mehr als in jedem Salzwasser und viel weniger als in der Nordsee gewöhnlich am Strande zu sehen ist. Von Korallen sah ich niemals ein Leuchten ausgehen.
Wie bereits erwähnt, springen links und rechts von Gavatina steile Bergrücken in die See vor, und hinter diesen folgen zwei andere Thäler mit Palmenhainen. In dem Thale rechts liegt das Dorf des alten Oberhäuptlings, Sanima, in dem Thale links wohnte ein Engländer, Doktor Hink mit seiner Familie.
Um dem alten Tui meinen Gegenbesuch abzustatten, ging ich an einem der ersten Tage nach Sanima. Der Weg dorthin führt um eine scharfe Ecke der vielgebuchteten Insel dem Ufer des Meeres entlang, das hier zu Lande überhaupt die vorzüglichste Verkehrsstrasse bildet. Bald ist es weicher, hässlich nachgiebiger Sand, bald das Wurzelwerk stinkender Mangrovesümpfe, bald sind es lose gehäufte Felsblöcke, über die sie dahinführt, und es ist schwer zu sagen, welche der drei Arten die beschwerlichste und ermüdendste ist. Pferde oder Wagen giebt es nicht auf Kandavu, sie wären auch zu nichts zu gebrauchen. Zwischen Gavatina und Sanima herrscht grösstentheils die Felsblockkonstruktion. Rechts baut sich der herrliche Wald in die Höhe, hellgrüne Farne und dunkelglänzendes Buschwerk hängt an den Felsenkanten herab, links brandet draussen die blaue See in blitzenden Linien. Aber von all diesen Schönheiten ist im Gehen nichts zu geniessen. Denn die Blöcke sind glatt und schlüpfrig, und eine Menge Fliegen umschwirren zudringlich den Wanderer.
Nach einer halben Stunde tritt der Berg zurück, statt der mühseligen Blöcke knirscht weicher Korallensand unter den Füssen. Palmen wogen durch ein freundliches Thal, wir sind in Sanima.
Einige kleine Nacktfrösche laufen erschrocken davon und schreien »Papalang, Papalang«. Ihnen schliesst sich eine Schaar lustiger Ferkel an und rennt wo möglich noch flinker ins Dorf hinein, aufgeregt die Ringelschwänzchen im Kreise drehend. Ein Köter fängt an zu knurren, zieht aber sogleich feige den Schweif ein und retirirt, sowie wir uns nähern. Der Weisse scheint für sie alle eine gleich unheimliche Erscheinung zu sein.
Diese Vitihunde, die wahrscheinlich zugleich mit den Insulanern eingewandert sind, weichen in ihrem Typus auffallend von ihren europäischen Brüdern ab. Sie gleichen in der Grösse unserem Spitz, haben aber glatte Haare. Ihr Gesicht trägt den Ausdruck der Niederträchtigkeit und Falschheit, und die aufgestülpte Spürnase verleiht ihnen etwas Hyänenartiges.
Die struppigen Hütten des Dorfes sind weit auseinander gebaut und ziehen sich eine gute Strecke dem Ufer parallel im Schatten des Palmenhaines hin. Hie und da stehen kleine Papaya-Gärten angepflanzt. Ein Bach durchschneidet das Thal, grosse Pandaneen ragen aus seiner Schlucht hervor. Der Boden ist festgestampft und ohne Bewachsung. Kleine Eremitenkrebse schleppen auch hier ihre schweren Gehäuse herum.
Sanima ist, obgleich die Residenz des obersten Häuptlings der Insel, keine vornehme Ortschaft. Dies sagt schon der Lärm der Tapaklöppel, welcher überall aus den Hütten dringt. Früher duldeten hohe Aristokraten solche plebeische geräuschvolle Arbeit nirgends in ihrer Umgebung. Sowie ich mich nähere und der Ruf »Papalang« mir vorauseilt, verstummt das Klopfen, und zu allen Thüren strecken neugierige Weiber ihre Köpfe heraus und winkten mir freundlich grinsend, einzutreten. Die Vitis winken nicht, wie wir, mit dem Rücken der Hand, sondern mit dem Handteller nach unten, wie überhaupt die meisten Völker. Schon bei den Süditalienern beginnt diese für uns fremdartige Geberde, die mich im Anfang glauben machte, man wolle mich hinwegweisen. Der Sinn und der Ursprung beider Arten ist schliesslich der gleiche, nämlich die Absicht, einen begehrten Gegenstand zu fassen und heranzuziehen.
Ich ging erst durchs ganze Dorf um mich zu orientiren und fand dann einen so schönen schattigen Pfad, durch den ein kühlender Zephyr von der See hereinwehte, dass ich meinen Spaziergang noch weiter ausdehnte. Unter hohen Dilobäumen standen regelmässig geordnet Bananas und Papayas angepflanzt, und in der Mitte dieses anmuthigen Haines entdeckte ich den kleinen Friedhof von Sanima. Einfache längliche Grabhügel ohne Kreuz oder Denkstein, eingefasst von Korallenbruchstücken und Muscheln, liegen in drei oder vier Reihen neben einander. Hecken von rothblätterigen Cordyline-Bäumchen, die hier zu Lande die Stelle unserer Trauerweide vertreten, was übrigens die Eingeborenen nicht hindert, sich der Blätter auch zum freudigen Schmuck zu bedienen und sie um die Schläfen, Lenden und Waden zu binden, umgeben die Stätte. Durch eine Lücke im dichten Gebüsch blickt die blaue See herein, und schüchtern sendet von oben die Sonne einige zitternde Strahlen herab.
In der Ferne hörte ich abermals Tapa klopfen, und bald darauf kam ich an zwei einzelne Hütten, in denen ein Dutzend Weiber emsig der Tuchbereitung sich hingaben. Ich setzte mich zu ihnen und bat sie, sich nicht stören zu lassen, da ich mich für ihre Arbeit interessirte. Aber sie verstanden aus meiner Mimik nicht was ich wollte, und lachten laut bei jedem Versuche mich ihnen begreiflich zu machen.
Die Bereitung der Tapa, des einheimischen Tuches, wird auf Kandavu von den Weibern noch immer mit grossem Fleisse betrieben, trotz der Einfuhr und der Beliebtheit der europäischen Baumwollenzeuge. Ich weiss nicht, wie es sich hiermit auf den anderen Inseln verhält, und ob nicht vielleicht dieser alte Industriezweig seine Aufrechterhaltung auf Kandavu nur den amerikanischen Dampfern verdankt, die alle Monate zweimal hier anlegen und eine Masse Passagiere aus Australien, Neuseeland und San Francisco bringen, welche gern ein Stück Tapa als Andenken kaufen und theuer bezahlen. Um Tapa zu machen, wird der Bast des Papiermaulbeerbaums, einer Broussonetia, in Streifen von den Stämmen geschält, mit viereckigen Klöppeln aus hartem und schwerem Holz in die Breite und Länge geklopft und mehrere Streifen zu beliebigen Grössen zusammengefilzt durch immerwährendes Klopfen, wobei der eigene Saft des Fasergewebes bindend zu wirken scheint. Dieser schöne Stoff wird theils weiss, theils gefärbt verwendet. Schon seit urdenklichen Zeiten kennen die Insulanerinnen das Verfahren des Zeugdrucks. Sie bedienen sich theils geschnitzter theils geflochtener Matritzen, um die Tapa mit stylvollen Mustern meist von rothbrauner Farbe zu zieren. Der taktmässige Lärm der Tapaklöppel ist für ein Vitidorf eben so charakteristisch und stimmungsvoll wie bei uns auf den Dörfern im Herbste das Dreschen. Schon von weitem hört man daran im Busch, dass man sich einem Dorfe nähert.
An einem mit hohem Gras bewachsenen Hügel fand ich die leere Wohnstätte eines Weissen. Unten standen zwei grosse europäische Fahrzeuge auf Helgen, eines davon noch im Bau. Der Platz gehörte jenem Schiffszimmermann, der eben mit seinem ganzen Kindersegen in Wailevu wohnte und arbeitete. Hier sah ich zum ersten mal die auf Kandavu überall in den brackigen Tümpeln des Ufersaumes vorkommenden Springfische. Diese fingerlangen Geschöpfe vermögen sich mittels ihrer starken Brustflossen hüpfend über die Sandbänke fortzubewegen und so von einem Tümpel in den anderen zu entweichen.
Den Schluss meines Weges bildete ein stinkender Mangrovesumpf, an dem ich umkehrte. Weit draussen segelte ein Vitikanuu vorbei, und Gesang und Getrommel tönte fröhlich wie immer zu mir herüber.
Als ich, verfolgt in respektvoller Entfernung von einer halb scheuen, halb muthwilligen Kinderschaar, den alten Tui aufsuchte, sass er gerade vor seiner ärmlichen Hütte und schnitzelte mit einem funkelnagelneuen Messer, das er erst kürzlich von meinem Gastfreund erhalten, an einem Stück Holz herum, welches sich zu einem Wasserschöpfer für sein Boot gestaltete. Er besass nämlich ein europäisches Boot und war sehr stolz darauf. Er schüttelte mir kräftig die Hand und lud mich ein, neben ihm niederzusitzen. Auch seine Frau kam heraus und begrüsste mich. Eine Konversation wollte jedoch nicht recht gelingen, und so nahm ich denn wieder Abschied, nachdem ich seinen Kutter, der sorgfältig mit einem Theertuch gegen die Sonne geschützt in einem eigenen Hafen lag, bewundert hatte.
Auf den Geröllblöcken kurz vor Gavatina begegneten mir sechs Mädchen aus Wailevu, welche mit schneeweissen Sulus und theils scharlach- theils purpurrothen Pinafores angethan und mit frischen Blätterguirlanden um den Kopf und den Hals und den Gürtel geschmückt, nach Sanima marschirten, um bei Freundinnen vorzusprechen. Sie hatten offenbar die Absicht, in dem weitabgelegenen bescheidenen Sanima, wohin solch gleissende Kleiderpracht und so viel Bekleidung überhaupt noch nicht gedrungen war, als Grossstädterinnen zu imponiren.
Am folgenden Tag ging ich zu Doktor Hink, unserm weissen und nächsten Nachbarn zur Linken.
Doktor Hink war ehemals Arzt in Melbourne und ein reicher Mann gewesen. Durch Spekulation hatte er sein Vermögen verloren und war nach Viti übergesiedelt, um hier Baumwollenpflanzer zu werden. Nach einer kurzen Blüthezeit der Baumwolle auf Viti während des Amerikanischen Bürgerkrieges folgte der Umschlag, machte die ganze Kolonie bankerott, und Doktor Hink war wieder so arm wie zuvor. Jetzt lebte er auf seinem Grundstück, von dem man nicht genau wusste, ob es ihm auch noch gehöre – Besitztitel in so primitiven Ländern sind ja selten unanfechtbar – ohne einen Pfennig in der Tasche zu haben wie so viele Andere. Um ihn herum wuchs eine Menge von Kokosnüssen, Taro und Yams, so dass er eigentlich nie zu hungern brauchte. Auch hatte er etliche Schweine, die sich ohne sein Zuthun vermehrten. Wollte er Geflügel haben, so ging er mit seinem alten Militärgewehr in den Busch, um Papageien zu schiessen, und gelüstete ihn nach Brandy, so kam er zu uns herüber und klagte jämmerlich über Magenschmerzen, worauf in der Regel Herr Kleinschmidt gutherzig genug war, ihm einen Schluck der Universalmedizin zu gewähren.
Man erzählte von dem Doktor, dass seine Vergangenheit keine ganz ungetrübte sei, dass er zu Melbourne den Schnaps nicht blos heimlich geliebt, sondern auch heimlich in grösseren Quantitäten fabrizirt habe, weshalb er sich eines Tages genöthigt sah, nach dem damals noch nicht unter britischer Flagge stehenden Viti zu entweichen. Beweise hierfür waren natürlich nicht beizubringen. Nur Eines musste ich dem Kollegen verübeln, nämlich dass er im Anfang, als er noch nicht recht wusste, zu welchem Zweck ich auf Kandavu weilte, mich zu beschwindeln versuchte, mit ihm ein Kompagniegeschäft zur massenhaften Erzeugung von Kopra zu entriren, wobei ich das Geld, er aber sein zweifelhaftes Besitzthum hergeben sollte. Unter Kopra versteht man das in Streifen geschnittene und an der Sonne gedörrte Fleisch der Kokosnüsse, welches direkt nach Europa verschifft wird, um zur Kokosöl- und Kokosseifenbereitung zu dienen.
Naikorokoro ist der Vitinamen des Thales, in dem der Doktor lebte. Er nannte es indess Tokalau, vielleicht zu Ehren der Eingeborenen der nördlich von Viti gelegenen Gruppe dieses Namens, welche einst als Kulis für ihn hier gearbeitet hatten. Seine Wohnstätte war ein geräumiges luftiges Haus aus Palmblättern im Vitistyl und stand sehr malerisch, umgeben und beschattet von Palmen, Bananas und Papayas, auf einem kleinen Hügel, der eine hübsche Rundschau beherrschte. Gerade im Norden lag Benga, die nächste Insel, und dahinter die blauen Kontouren von Vitilevu und Vanualevu und vielen anderen, aber blos bei hellem Wetter deutlich erkennbar. Rechts trat das unbewohnte Ono hervor, welches, nur getrennt durch eine schmale Untiefe, das östliche Ende Kandavus bildet.
Das Innere sah im Vergleich zu unseren beschränkten Verhältnissen von Gavatina sehr komfortabel aus. Europäische Möbel und elegante messingene Kleiderhaken bildeten einen anmuthigen Kontrast zu den rohen Baumstämmen und Palmstrohwänden, zu dem nackten Erdboden und den Thüröffnungen ohne Thüren. Es musste sich hier sehr idyllisch leben. Doktor Hink dachte darüber freilich anders und wünschte Viti und die ganze Romantik seines Daseins zu allen Teufeln und sich selbst nach Old England zurück. Doch behauptete er noch nicht alle Hoffnung aufgegeben zu haben und schwärmte warm für die Kopra.
So oft ich zu ihm kam, liess er für sich und für mich Kawa von seinen Jungen kauen. Sonst hatte er ja nichts, was er mir vorsetzen konnte. Sein Thal war nicht uninteressant. Ueberall wuchsen noch Baumwollestauden und trugen Blüthen und Früchte zugleich, aber kein Mensch kümmerte sich mehr um sie, und die zahlreichen grossen grünblau schillernden Wanzen die sich auf ihnen herumtrieben, blieben ungestört. Zwei alte Baumwollehandmühlen lagen in Trümmern und moderten, traurige Reste einer besseren Zeit.
Halbumgeben von einem rauschenden Bambusgeröhricht lag hinter dem Hügel das Grab der Familie Hink. Zwei Kinder des Doktors und seine Mutter ruhten darin. Es war ebenso wie die Gräber der Viti-Insulaner aus Korallen aufgebaut und mit der rothen Cordyline bepflanzt.
Ich machte noch öfter Besuch in Sanima, und eines Sonntags liess ich mich nach dem Frühstück von Niketi in der Jolle dorthin rudern, um dem Gottesdienst beizuwohnen.
Heftige Regengüsse wechselten mit Sonnenschein, und ich wurde durch und durch nass. Parallel mit uns strebten Männer, Weiber und Kinder auf den Geröllblöcken des Ufers ebenfalls der Kirche von Sanima zu und hielten sich zum Schutz gegen den Regen grosse Taroblätter über die Köpfe. Ich sah jetzt zum ersten mal vom Wasser aus den schönen steilansteigenden Busch mit seinen Baumfarnen und Palmen und herausragenden Felszacken, in dem ich so oft herumgeklettert war.
»Sa yandre, sa yandre« tönte es mir freundlich entgegen, als ich landete, die Jolle aufs Trockene zog und durch das Dorf ging. In der Kirche war noch Niemand versammelt. Auf dem Tisch für den Prediger lagen ein paar leere Tassen und Teller und eine alte schmierige Sardinenbüchse mit einem angeschmolzenen Stearinkerzenstummel, vielleicht die Geräthe der gestrigen Abendmahlzeit des frommen Mannes. Ausser dem Tisch in der Mitte der einen Hälfte des länglichen Raumes stand in der Ecke rechts davon ein Schaukelstuhl, thronartig etwas erhöht, wahrscheinlich für den greisen Tui, und neben diesem ein aschebedeckter Feuerplatz. Angelschnüre und ein leinenes Segel hingen in einer anderen Ecke. Sonst war nichts innerhalb der kahlen Strohwände. Kein Schmuck verzierte die rohen Balken des Gerüstes. Der Boden war mit Matten und einer weichen Farnkrautpolsterung darunter belegt.
Diese Kirche sah im Vergleich mit anderen, die ich später noch traf, ziemlich armselig aus. Sie unterschied sich wenig von den gewöhnlichen Hütten der Dorfbewohner, nur vielleicht dadurch, dass sie sechs Thüren, je eine vorne und hinten, und zwei an jeder Seite besass.
In der Regel sind auf Kandavu die Kirchen höher und sorgfältiger gebaut und mit weissem Kalk beworfen, wodurch sie schon von Ferne dominirend entgegenglänzen, und die beiden für die Vitibauart charakteristischen konischen Enden der Giebelbäume, welche nach vorne und nach hinten aus der Firste ein Meter hervorragen, sind mit festgebundenen Muscheln, dem weissen Ovulum ovum verziert, oder es hängen Guirlanden dieser Muscheln an Stricken aufgereiht von den Enden herab. Guirlanden von Ovulum ovum waren früher das Wahrzeichen der Häuptlinge. Jetzt dienen sie dazu, die Hoheitsrechte der Kirche auszudrücken. Da es noch keine Glocken giebt, so dienen noch immer zwei kurze backtrogähnlich ausgehöhlte Baumstämme, »Lali« genannt, einer davon grösser und mit tieferem Ton, durch Klöppel an den Kanten angeschlagen, dazu die Gemeinde zum Gottesdienst zu versammeln. Solche Lalis fehlten auch in Sanima nicht.
Ich frug nach dem »Missonari«, und eine Schaar diensteifriger Jungen führte mich zu dem braunen Missionär des Ortes. Ich kannte diesen bereits von früher her, und er empfing mich sehr freundlich. Seine äussere Erscheinung hat nichts Besonderes und ist die aller alten Viti-Insulaner. Er zeigte mir mit Stolz seine dicke in der Vitisprache zu Levuka gedruckte Bibel, die er bereits zur Kirche gerüstet unter dem Arm trug, und eine Kalendertafel, gleichfalls viti, die an der Wand hing. Er bemühte sich, mit mir englisch zu sprechen. Es wurde mir aber nicht recht klar, was er mir sagen wollte. Gleichwohl liess ichs nicht merken. Denn er schien viel auf seine linguistische Begabung zu halten, und die anwesende Jugend blickte bewundernd zu ihm hinauf.
Draussen ertönten die Lalis, und wir gingen zum Gottesdienst. Der Tui sass bereits in seinem Schaukelstuhl. Er wollte ihn grossmüthig und weniger ehrgeizig, als ich erwartet hatte, an mich abtreten, was ich jedoch nicht annahm.
Ich setzte mich auf den Boden zu den alten Männern in der bevorzugten Abtheilung hinter dem Tisch des Missionärs, dem Chor so zu sagen. Uns gegenüber sass die Gemeinde auf dem Boden, rechts von uns die weiblichen, links die männlichen Individuen, alle in frischgewaschenen weissen oder bunten Sulus. Die Weiber trugen sämmtlich den obligaten Pinafore. Nur ein Mädchen, das wahrscheinlich keinen besass, erschien mit unbedeckten Brüsten und suchte sich verlegen hinter die anderen zu verstecken. Ebenso wie der Tui hatten der Missionär und die Alten wohlgeglättete europäische Hemden und darüber den langen Sulu an. Sie sahen viel reinlicher aus als ich, dessen Kleider die Spuren des Regens und des schmutzigen Bootes zeigten. Die »Marama«, die Frau des Tui, kam etwas zu spät und sank in der vordersten Reihe mit derselben ostentativen Frömmigkeit, die bei noblen Damen in Europa Mode ist, zur Erde, das Antlitz tief gebeugt, um sich zu sammeln. Wo sie das wohl gelernt haben mochte. Heute hatte sie ein Hemd und einen gestickten Unterrock an und nahm sich darin affenartig läppisch aus. An Werktagen trägt sie gewöhnlich nur den Sulu.
Der Missionär voran, warfen sich Alle nieder, nicht blos auf die Kniee, sondern auch auf die Ellbogen, und jener sprach sehr ausdrucksvoll und laut ein Gebet.
Die dunkle Gemeinde, die seltsame, demüthige Stellung, in der sie insgesammt auf dem Boden lag, die leidenschaftliche Stimme des Priesters und sein eindringliches, heftiges Flehen, die fremdartigen, sonoren und kraftvollen Laute, von denen ich nur wenige Worte verstehen konnte, bezauberten mich höchst eigenthümlich, wie ich so über die Menschen vor mir hinsah, und ich zuckte nervös zusammen, als ein Hund zur Thüre neben mir hereinschnupperte und mich anbellte.
Die Erwachsenen schienen äusserst andächtig mitzubeten. Nur die liebe Jugend trieb Allotria. Gedankenlos lagen die kleinen braunen Bengel auf dem Bauch, schlegelten mit den Füssen in der Luft herum, musterten sorgfältig die Beine ihrer Vorderleute und zupften sich gegenseitig die Krusten von den zahlreichen Hautabschürfungen. Ein Kirchendiener der zornig hinter ihnen herumschlich und sie mit einem dünnen Drahtstab unsanft in die Weichen stupfte, um sie zur Sittsamkeit zu ermuntern, hatte nur wenig Erfolg. Man kicherte über ihn, sein Drahtstöckchen kam nie zur Ruhe, und draussen vor der Thüre fing ein winziger Nacktfrosch an, auf die Lalis zu trommeln, schleunigst die Flucht ergreifend, als jener mit wüthender Geberde hinaustauchte.
Das Gebet war zu Ende. Der Missionär stand auf, und auch die Gemeinde erhob sich in sitzende Stellung und begann einen wohlklingenden Gesang. Dann folgte eine Predigt. Während des Gebetes kniete der altersschwache Tui vor seinem Schaukelthron, mit ausgestreckten Armen sich an beiden Lehnen festhaltend, wie ein richtiger Asthmatiker, um das mühsame Athmen zu erleichtern. Jetzt setzte er sich in den Sessel, leise schaukelnd, indem er zuhörte.
Von dem Inhalt der Predigt blieb mir das Meiste unverständlich. Aber der leidenschaftliche und doch würdevolle Vortrag des Missionärs, der sonore, tiefe Wohlklang seiner Stimme, die Kraft der vokalreichen, melodiösen Sprache, die mir immer lautete wie italienisch, erbaute mich mehr, als alle in der Muttersprache genossenen Kanzelreden meiner Schulzeit. »Singai« und immer wieder »Singai« (nein) war der öfter wiederkehrende Schluss der Absätze einer längeren Periode, und »Duranga ni Papalang, Duranga ni Tonga, Duranga ni Viti« (der Herr Europa's, der Herr Tonga's, der Herr Viti's – diese drei Länder umfassen die ganze Geographie der Eingeborenen) waren ein paar andere der wenigen Worte, die ich verstand.
Als die Kirche aus war, musste ich noch mit dem Tui, seiner Frau und seiner hübschen Tochter in ihre Hütte treten, die zwar für einen so hohen Fürsten ziemlich eng und düster schien, aber einen grossartigen Moskitovorhang aus buntem europäischem Stoff besass. Da bei dem Mangel eines Interpreten auch diesmal die Konversation nicht recht gedeihen wollte, blieb ich nicht lange. Draussen lauerte bereits ein anderer meiner Freunde auf mich, bei dem ich ebenfalls eintreten musste. Dieser Freund war früher einige Jahre in Levuka gewesen und besass von dort her sein photographisches Konterfei in europäischer Kleidung, und nicht eher durfte ichs aus der Hand legen, als bis ich ihm und seiner Familie meine Bewunderung, was für ein nobler Herr er einstmals gewesen, durch die Geberdensprache verdeutlicht hatte. Er kredenzte mir, in ein Bananenblatt gewickelt, ein Stück langfaserigen gekochten Schildkrötenfleisches, dann gab ich ihm eine Zigarre und liess mir selbst eine von dem Burschen, der nächst dem Feuer hockte, anzünden. Bis sie wieder zu mir kam, ging sie durch drei oder vier Munde, indem jeder, der sie weiterreichte, erst einige Züge daraus für sich in Anspruch nahm.
Der Gottesdienst hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht, und beschäftigte lebhaft meine Gedanken, als ich wieder nach Hause fuhr.
Ich bin weit entfernt, ein Freund der Mucker zu sein. Mir ist keine Sorte von Europäern unsympathischer, als jene scheinheiligen Reverends mit ihren weissen Halsbinden, ihren glattgescheitelten Haaren und ihren himmlisch verklärten Gesichtern, denen man in der Südsee so oft begegnet. Es wäre sehr naiv, sich unter diesen Missionären der Südsee aszetische Gestalten, hagere, von Entbehrungen und von der heiligen Leidenschaft für ihren Glauben abgezehrte Märtyrer vorzustellen. Gerade das entgegengesetzte Bild ist in der Regel das richtige. Es lebt sich unter den Palmenhainen der sonnigen Inselwelt sehr angenehm, wenn man Geld genug hat, und daran scheint es den Wesleyanern, dank dem grossen Humanitätssinn und Reichthum Englands und dank den Steuern, die sie den Eingeborenen abzunehmen verstehen, niemals zu fehlen. Ich werde mich wohl hüten, all das zu wiederholen, was ich von Ansiedlern auf Viti und anderwärts über Missionäre habe erzählen hören. Aber wenn auch nur der zehnte Theil davon wahr ist – dies ist ungefähr der Quotient, den ich von den Erzählungen überseeischer Weisser zu glauben pflege – so genügt mir das vollständig, nicht für Missionäre zu schwärmen, so gerne ich das Gute derselben anerkenne. Wie unwürdig die verschiedenen Sekten sich um ihre Proselyten stritten, ist zu bekannt, als dass es einer Erwähnung bedürfte.
Dennoch bin ich überzeugt, dass die Missionäre grosse Verdienste um die Wohlfahrt der Eingeborenen sich erworben haben. Despotie und Kannibalismus des Adels, gegenseitige Furcht, Unsicherheit des Lebens und des Eigenthums, ein Kriegszustand Aller gegen Alle lag schwer ehemals auf der Bevölkerung. Jetzt, in der christlichen Zeit, ist Friede und Ordnung bei ihr eingekehrt. Wenn man auch nicht Alles buchstäblich zu glauben braucht, was in den Berichten der Missionäre steht, so ist doch nicht zu leugnen, dass die Zustände der Vitis in der vorchristlichen Zeit schlimm genug waren, und dass ihre Christianisirung einen höchst erfreulichen Fortschritt herbeigeführt hat. Und wenn die Muckerei sie glücklicher macht, warum sollte die Muckerei schlecht und zu tadeln sein?
Nur möchte ich rufen: Bis hieher und nicht weiter. Gegenwärtig scheinen mir die Vitis gerade auf jener glücklichen Mitte zu stehen, die ihnen noch viele von den Vorzügen ihres heiteren Naturzustandes und zugleich schon das Wesentlichste von den Wohlthaten europäischer Zivilisation zu Theil werden lässt. Trotzdem will man noch immer nicht aufhören, sie zu beglücken.
Man will sie den Lebensbedingungen der Europäer näher und näher bringen. Sie sollen arbeiten, sollen produziren und Steuern zahlen. Was man ihnen damit nützen will, ist mir unklar. Es scheint mir hinter der Maske der Philanthropie, welche diese sogenannten Zivilisationsbestrebungen zur Schau tragen, nur das pfiffige Gesicht des geldgierigen Kaufmanns, der seine schlechten europäischen Exportartikel absetzen will, oder des feisten Pfaffen, dem es um einträgliche Pfründen zu thun ist – bei den Wesleyanern beide in einer Person vereinigt – zu grinsen. Man will diesen glücklichen Menschen Bedürfnisse einflössen, um sie dann gegen Geld oder Geldeswerth zu befriedigen.
Oder sollte man etwa in Anbetracht der Möglichkeit, dass immer mehr Weisse nach den Inseln strömen werden, die Eingeborenen vorbereiten wollen, den Kampf der Konkurrenz aufzunehmen und nicht zu unterliegen? Wenn wirklich eine solche humane Vorsehung beabsichtigt sein sollte, so ist sie sehr verfrüht und sehr illusorisch. Dass ein starker Strom weisser Einwanderung stattfinden wird, ist bei der Abgelegenheit der Südsee-Inseln sehr unwahrscheinlich, und wenn auch, die verhältnissmässig arm bevölkerten Inseln haben Raum für eine zehnfache Menge. Und sollte wirklich innerhalb kurzer Zeit, noch innerhalb der nächsten hundert Jahre, eine thatsächliche Konkurrenz zwischen der weissen und braunen Rasse entstehen, so werden die Eingeborenen hinschwinden, und keine Macht der Erde wird sie daran hindern.
Zwei Elemente stehen sich auf Viti und anderwärts in der Südsee feindlich gegenüber, die Kaufleute und die Missionäre. Beide haben das gleiche Ziel, das herrliche Land und die arglosen Eingeborenen auszubeuten. Dass in diesem edlen Wettstreit auch unlautere Mittel in Anwendung kommen, und zwar auf beiden Seiten, versteht sich von selbst. Es däucht mir, eben, wie der Donna Blanca zu Toledo, dass der Jude und der Christ, dass sie alle beide – nicht viel werth sind.
Diese wesleyanischen Methodisten, die erste Macht der Südsee, haben ihre Hierarchie mit bewundernswerther Umsicht organisirt. Keine Gemeinde auf Kandavu, dessen Bewohner ja alle wesleyanische Christen sind, ist ohne seine Kirche »Hale ni Lotu« (Haus des Glaubens) geheissen. Nur in Richmond Settlement auf der Westseite der Namalatta Bucht ist ein weisser Oberpriester aus England. In den Dörfern versehen Eingeborene den Gottesdienst als Prediger und Vorbeter. Meist wird von diesen nicht blos an Sonntagen mehrmals, sondern täglich ein- bis zweimal Betstunde und Predigt abgehalten.
Jedes Dorf hat seinen Häuptling, und alle Häuptlinge zusammen stehen unter einem Oberhäuptling, dem Tui Kandavu zu Wailevu, welcher von dem Gouverneur zu Levuka offiziell anerkannt ist und ein jährliches Gehalt als Staatsbeamter bezieht. Aber neben dem Häuptling herrscht in jedem Dorf auch noch ein brauner Missionär.
Es fehlt also keineswegs an Gelegenheiten zur Frömmigkeit, und es soll Prachtexemplare von Betschwestern unter den Wilden geben. Herr Kleinschmidt erzählte mir, dass er einst einen Diener gehabt, der nie anders als die Bibel unterm Arm mit ihm in den Busch ging, um während der Ruhepausen darin zu lesen. Religiöse Lauheit scheint indess häufiger zu sein. Jeden Sonntag kamen zu uns nach Gavatina eine Menge braune Bummler, welche die Kirche schwänzten und sich lieber mit unseren Affen unterhielten oder verdunkelnd ins Fenster hereingafften, bis Herr Kleinschmidt mit einem kräftigen Fluch sie von dannen scheuchte. Für die Insulaner gilt nur Eine grösste und schwerste Hauptsünde, nämlich am Sabath irgend etwas zu thun, was einer Arbeit ähnlich sieht. Dieses »Tabu« ist so stark, dass selbst Herr Kleinschmidt an Sonntagen sich der Jagd enthielt, um es nicht mit den Eingeborenen zu verderben.
An solchen Tagen der Ruhe machte ich mir manchmal ein Vergnügen eigener Art. Ich legte mich auf den Convolvulusteppich in den Schatten, schloss die Augen und zwang meine Phantasie in die Schrecken eines deutschen Novembers. Ich hörte das Rasseln des Regens und das Klappern des Windes in den flackernden Gaslaternen. Ein schlüpfriges Gemenge von Schmutz, Regen und Schnee bedeckte die Strassen. Mit nassen Füssen, den Regenschirm kurz gefasst und gegen den Wind ankämpfend drängte ich mich durch das Gewühl der anderen Menschen und Regenschirme. Alles war grau und düster, mürrisch und grob, die Häuser mit ihrem russigen Ueberzug, die Wagen, die mich mit Koth bespritzten, die Menschen, der Himmel, die kahlen Bäume. Nun öffnete ich wieder die Augen und erblickte die herrliche Wirklichkeit. Oben lachte der blaue Himmel, vor mir lachte das blaue Meer. Palmen wiegten sich im kühlenden Zephyr. Tausende von Zikaden zirpten, und hie und da flog ein Papagei mit heiserem Schrei über die Szene.
Oefters kreuzte draussen der englische Kriegsschooner vorüber, der sich eben mit Lothungen und Vermessungen zwischen Kandavu und Benga zu beschäftigen hatte, und eines Tages erhielten wir den Besuch eines Bootes mit einem Lieutenant und acht Matrosen. Sie trugen gewichste Stiefel an den Füssen und erschienen mir, der ich schon etwas verwildert war, dadurch als distinguirte Leute. Ihr Kommandant hatte allerdings ebenso wie ich schon längst den Gebrauch einer Taschenuhr sich abgewöhnt und schätzte die Stunden, wenn er vom Schiff weg war, nur mehr nach der Sonne.
Es war eine herrliche Zeit, die ich in Gavatina verlebte, und ich werde stets mit Freude und Sehnsucht an jenes ferne, stille winzige Thal der grossen Erde zurückdenken.
Allerdings fehlte es auch dort nicht an unangenehmen Beigaben des Naturgenusses. Moskitos und Fliegen suchten mir namentlich im Anfang das Dasein zu verbittern, bis ich täglich Gesicht und Hände mit Petroleum einrieb. Am lästigsten waren die Legionen von Fliegen, welche die Nähe der faulenden Abfälle unserer Sammlungen herbeizog, indem sie eine besondere Vorliebe und Geschicklichkeit bekundeten, schnell in die Nasenlöcher zu schwirren, wahrscheinlich in der an sich nicht tadelnswerthen Absicht, ihre Eier hineinzulegen. Mit grosser Bewunderung entdeckte ich an Herrn Kleinschmidt, dass er ruhig auf seinem Tisch fortarbeiten konnte, während ihm dichte Fliegenhaufen in beiden Augenwinkeln sassen, ungerechnet die einzelnen Plänkler, welche über das ganze Gesicht hin- und herstreiften. Nach einigen Tagen konnte ich es auch. Das ewige Schütteln wurde ermüdend und machte Kopfweh. Ich zog es schliesslich vor, die Fliegen gewähren zu lassen, und beschränkte mich, sie durch fortwährendes Blinzeln von dem Innern des Auges fern zu halten. Nur in den Nasenlöchern lernte ich sie nie ertragen.
Noch zwei andere Qualen, die zu den berechtigten Eigenthümlichkeiten aller heissen Gegenden zu gehören scheinen, nämlich Geschwüre und der bekannte Hitzausschlag, von den Seeleuten »rother Hund« geheissen, blieben mir nicht erspart. Gleich in den ersten Tagen hatte ich mir an den Knöcheln kleine Wunden gestossen, und die Fliegen nahmen sofort jede Gelegenheit wahr, sich mit ihnen zu beschäftigen. So lange ich auf Kandavu blieb, heilten diese Wunden nicht und wurden immer grösser und entzündeter, da ich mich nicht schonen konnte und wollte. Auch bei den Eingeborenen beobachtete ich häufig solche kleine eiternde Verletzungen. Gar viele Fälle von »Aussatz« in Reisebeschreibungen mögen zu dieser Kategorie zu rechnen sein. Merkwürdig war mir, dass ich nie einen Wilden sich kratzen sah, obwohl die Moskitos sie eben so wenig wie uns verschonten.
Die höchste Lufttemperatur, die ich während meines kurzen Aufenthaltes in Gavatina am Thermometer ablas, war 32 Zentigrade. Auf ziemlich heisse Tage folgten in der Regel kühle Nächte, so dass ich mich zum Schlafen wärmer ankleiden musste, da ich als Bett nur eine mit Farnkraut unterpolsterte Matte mit einer Decke und einem Moskitonetz darüber besass. Die hervorragendste Eigenthümlichkeit im Klima unseres allenthalben von Busch umgebenen Thales war ein exzessiver Reichthum atmosphärischer Feuchtigkeit. Es wollte mir kaum gelingen, Pflanzen zu trocknen, ohne Feuer oder den Bügelstahl zu Hülfe zu nehmen, und liess ich einmal meine Wäsche über Nacht vor dem Zelte draussen hängen, so war sie am Morgen nässer als vorher.
Frau Kleinschmidt sorgte mütterlich für uns, und wir nannten sie deshalb auch immer Mutter. Wenn wir auszogen aufs Riff oder in den Busch, blieb sie mit Ruma allein zu Hause und kochte für uns, und wenn wir am Abend ermüdet und hungrig zurückkehrten, wartete unser bereits ein würziges Mahl. Die Mutter verstand einen famosen Curry zu machen, und Curry mit Reis war eines der häufigsten Gerichte. Schweine und Hühner, Papageien und Tauben, Zwieback, Schokolade und Kaffe lieferten eine Mannichfaltigkeit des Speisezettels, die man in unserer Wüstenei kaum erwarten konnte.
Hatten wir auch keine Milchkuh, so hatten wir Kokosnüsse. Jeden Morgen mussten uns die Jungen etliche herunterholen und schlachten. Spannerraupen vergleichbar zogen und schoben sie ihre geschmeidigen mageren Körper ruckweise mit Armen und Beinen an den glatten Stämmen empor, kletterten in die Kronen und stiessen mit den Füssen die mächtigen Früchte los, dass sie schwer und dröhnend auf den Boden herabplumpsten. Um sie zu öffnen, wurde ein doppelt zugespitzter Pfahl in die Erde getrieben. Dann nahm man die Nuss in beide Hände und hieb sie kräftig gegen die freie Spitze des Pfahls, so dass er tief in die dicke noch grüne und saftige Faserhülse eindrang, stemmte das durchbohrte Segment derselben durch Hebelbewegungen weg, und wiederholte das Hauen und Stemmen bis die Hülse ringsherum abgerissen war. War so die innere harte Schale befreit, so nahm man einen Stein und schlug an dem unteren Ende kreisförmig eine Kappe los, klappte diese zurück und trank das süsse Wasser der Frucht, die sogenannte Kokosnussmilch, die indess durchaus nicht milchig sondern fast klar, nur wenig getrübt, wie frischer Traubensaft aussieht.
Um die eigentliche Milch zum Kaffe zu bereiten, wurde die Schale in Stücke zerschlagen, das an der Innenseite klebende dicke Fleisch mit gezähnelten Muscheln herausgeraspelt und durch ein Tuch gepresst, was eine köstliche Emulsion gab, schmackhafter als Kuhmilch. Dieses Schlachten der Kokosnüsse war täglich unsere erste Arbeit, bei der mich die hierin viel flinkeren Jungen, die gelegentlich auch ihre kräftigen Zähne zu Hülfe nahmen, regelmässig auslachten. Was von dem Fleisch der Nüsse übrig blieb, erhielten die Schweine und Hühner, die Hunde, die Affen und die Papageien, welche alle sehr gierig darauf waren. Die Affen rissen wüthend an ihren Ketten, die Hunde hörten nicht auf in die Höhe zu springen, die Hühner liefen gackernd zusammen, und freudig fingen die Schweine zu grunzen an, wenn man sich ihnen mit Kokosnuss näherte.
Auch die niedrigeren Thiere scheinen diese Nahrung über Alles zu lieben. Lässt man irgendwo ein Stückchen liegen, gleich ist ein Heer von Ameisen und eine grössere Gesellschaft bedächtiger Eremitenkrebse darum versammelt.
Die Kokospalme ist eine der grössten Wohlthaten der Südsee. Ist auch jetzt die schöne Zeit vorüber, wo der Insulaner Kokosnüsse zu seiner Nahrung verwenden durfte, indem jetzt die Missionäre und die Regierung sie als Steuer beanspruchen und deshalb »tambu« erklärt haben, so liefert sie ihm doch noch in ihren Zweigen das Hauptmaterial seiner Hütten, aus den faserigen Hülsen der Nüsse vortreffliche Stricke, die nicht gedreht, sondern wie Zöpfe dreitheilig geflochten werden, aus den Stämmen Brücken und Bauholz, aus den Nüssen Trinkgeschirre und Wasserbehälter, aus den Blättern Körbe, die überall improvisirt werden können. Braucht der Viti einen Korb, um Taro oder Apfelsinen heimzutragen, schnell hat er ihn zurecht gemacht aus einem einzigen Palmblatt. Die langen Fiedern der beiden Seiten werden gekreuzt fest ineinander geflochten, und ist dies geschehen, so schlitzt er den Blattstiel der Länge nach entzwei, und der Korb ist fertig, die beiden Hälften des Stieles bilden die Ränder.
Sehr viel Komfort gab es allerdings bei unseren Mahlzeiten nicht. Ueberall standen Kisten aufeinandergethürmt, und jedes horizontale Plätzchen war mit Spiritusgläsern und Vogelbälgen, mit Schachteln und Blechbüchsen, Büchern und Instrumenten bedeckt. Musste ja selbst das Bett im Hintergrunde der Hütte zugleich als Waarenlager dienen. Schrotbeutel und Säcke mit Glasperlen bildeten die Kopfkissen, Baumwollenzeug für Sulus die Matratze, und jeder Winkel war mit Pulverflaschen und Angelhaken gespickt. Die scharfe Kante einer Kiste oder ein umgestürzter Topf musste als Sitz genügen, auf den Knieen ruhte der Teller, und dass uns überall mit Arsenik vergiftete Bälge umgaben, störte uns wenig.
Die Hütte war viel zu eng, und schon die Thüre so niedrig, dass man sich bücken musste, um durchzukommen. Häufig auch stiess man mit dem Kopf an die Leichen von Hühnern oder Schweinen, welche zum Braten bestimmt, baumelnd dort hingen.
Wir lebten in der grössten Eintracht zusammen. Nur die Spärlichkeit des Raumes und gelegentliche Gebietsüberschreitungen veranlassten manchmal Grenzstreitigkeiten und Kompetenzzänkereien. Es war durchaus nicht gleichgiltig, wer von uns diese oder jene Büchse aus diesem oder jenem Winkel hervorreichen durfte. Der Nächstsitzende allein war hierzu berechtigt, und jeder hatte ein bestimmtes Sektorgebiet als sein Bereich unter sich. Sonst wurde nur zu leicht eine Kostbarkeit umgestossen.
Wenn wir des Abends so beisammen sassen, drehten sich unsere Gespräche gewöhnlich um die ferne Heimath, und da der Mensch sich immer am meisten nach jenen Dingen sehnt, die er nicht haben kann, so gedachten wir auch nicht selten seufzend des herrlichen Bieres, das es dort giebt. Doch ruhte selbst dann nicht der Sammeleifer. Angezogen durch den Schein unserer Lampe kamen immer eine Menge Insekten herein und fielen der grausamen Wissenschaft zum Opfer. Ueber und unter uns raschelten Ratten durch das Palmstroh der Hütte, und jeden Augenblick sprangen deshalb entrüstet die Hunde auf und suchten kläffend herum. Erwischt aber haben sie nie eine Ratte.
Ich theilte Herrn Kleinschmidts und seiner Gattin primitive Lebensweise nur kurze Zeit, und es gefiel mir. Ganz anders aber wäre es wahrscheinlich gewesen, hätte ich eben so wie sie Jahr aus Jahr ein mit den Beschwerden der tropischen Wildniss zu kämpfen gehabt.
Wenn wir zu Hause in unseren Naturalienkabinetten alle die schönen Thiere betrachten, wie wenig denken wir daran, welche Menge von Schweiss und saurer Arbeit, von Entbehrung und Mühseligkeiten sie gekostet haben, ehe wir uns an ihnen erfreuen können. Wie sehr sind die zahllosen Schwierigkeiten der Tropennatur geeignet, den Pionier der Forschung zu lähmen und verzweifeln zu lassen. Ich muss gestehen, dass Herr Kleinschmidt und seine treue Gattin mir die höchste Bewunderung abnöthigten und wie mit dem Glorienschein des Märtyrerthums umgeben erschienen.