XIV.
BESUCH IN WAIDULE.

Begegnung mit dem Tui. Ein Mangrovesumpf und seine Freuden. Tauben und Mimosen. Nachtlager in Wunokene. Fliegende Hunde. Rabuelu. Entzückende Rundsichten. Taropflanzungen. Kawa-Gelage in Soso. Nachtlager in Go Kandavu. Ein Meke Meke. Ankunft bei Charly. Rasch ab nach Wailevu. Ungemüthliche Bootfahrt. Heimkehr.

Wir hatten jenem versoffenen, aber biederen Landsmann, dem Charly, in Wailevu zugesagt, nach Waidule zu kommen und ihn zu besuchen. Da wir für das mitzunehmende Gepäck ausser Niketi noch zwei Träger brauchten, so liess Herr Kleinschmidt den Tui bitten, uns solche zu schicken, und gleich am nächsten Morgen erschienen ihrer drei aus Sanima und meldeten sich zum Dienste.

Die Mutter bereitete noch schnell einen Kuchen, und dann gings fort. Zunächst musste wieder das Felsblockufer bis Sanima überwunden werden. Die Fluth hatte eben angefangen zu weichen, und die noch nassen Blöcke waren so schlüpfrig von einer Algenvegetation, dass ich es vorzog, oberhalb der Fluthgrenze durch das herabwuchernde Gestrüpp zu klettern.

Rege Emsigkeit wie immer herrschte im Dorf des Tui Kandavu. Ein Greis sass am Strande im Schatten eines in die Erde gesteckten Palmzweigs und schnitzelte kindisch an einem Stück Holz herum. Vor den Hütten klopften Männer die Fasern der Kokosnusshülsen rein, um Stricke daraus zu machen, und im Innern der Hütten klopften die Weiber Tapa zurecht, dass es weithin erschallte. Kopra und Lichtnüsse lagen zum Dörren in der Sonne ausgebreitet. Aus letzteren, den öl- und harzreichen Früchten des Aleurites triloba werden sehr originelle Kerzen bereitet. Man reiht sie durchbohrt an Stäbe, der Stab dient als Docht, und die Nüsse brennen mit heller, stark russender Flamme ab. Unsere Erscheinung machte den Lärm verstummen. Man lächelte uns freundlich zu, die Frauenzimmer steckten die Köpfe durch die niedrigen Thüren heraus und bettelten um Tabak, kleine nackte Kinder blickten scheu um die Ecken und liefen entsetzt davon, als ob sie den leibhaftigen Teufel gesehen hätten.

Da der alte Tui nicht zu Hause war, setzten wir unseren Weg ohne Unterbrechung fort. Wir sahen ihn eine halbe Stunde später in seinem Kanuu heimkehren, als wir eben jenen schönen Pfad durch Papayagärten und Palmen hinter uns hatten und in ein Mangrovedickicht bogen. Er stieg aus und watete an Land, um mit uns Hände zu schütteln, und gab unseren Burschen noch einige strenge Aufträge an verschiedene Dorfhäuptlinge zu unserem Komfort, von denen ich nichts als das Selbstbewusstsein verstehen konnte, womit er sich die Faust mehrmals auf die Brust schlug, als ob er sagen wollte »Und das muss geschehen, und das befehle ich«.

Der Pfad schlängelte sich eine Zeit lang am steilen Ufer auf und ab und führte dann in das Mangrovedickicht hinein, dessen Schwierigkeiten so gross wurden, dass wir zu einem Kilometer etwa eine Stunde brauchten. Schlickflächen wechselten mit Felsblöcken, von denen die meisten nicht fest lagen und zu wackeln anfingen, sobald man darauf trat, und Alles war durchzogen von einem nicht nur in der Fläche sondern in allen drei Dimensionen des Raumes gewebten Netzwerk von Mangrovewurzeln, so verknorzt und verschnörkelt, dass die phantasiereichsten Maler der altdeutschen Schule hier noch viel für ihren Faltenwurf hätten lernen können. Sah man auf den Boden, so schlugen einem die von oben herabwachsenden Sprossen ins Gesicht, sah man nach diesen, so blieb man in den Wurzeln hängen oder stolperte über einen Knorz oder glitt von den zu Fallthüren geschaffenen Felsblöcken in den Schmutz. Moskitos wimmerten um die Ohren, und Fliegen umsummten das Gesicht und schwirrten in die Nasenlöcher. Wir kamen übrigens ohne Unfall durch, und nur unsere nackte Dienerschaft blutete aus einigen abgeschürften Hautstellen.

Es ging wieder nach oben und landeinwärts durch einen Busch, der spärlicher wurde, je höher wir kamen, und schliesslich einem dürren Farngestrüpp Platz machte, welches eine neuseeländische Landschaft vortäuschen konnte, wenn nicht gerade schöne Orchideen oder empfindsame Mimosen am Wege wuchsen, oder das Hundegebell der grossen Tauben die Illusion störte.

Einem dieser unmusikalischen Vögel kamen wir so nahe, dass ich deutlich beobachten konnte, wie er hoch oben auf einem kahlen Baum sein rauhes kurzes »Hu hu, Hu hu hu« mit dem Wippen des Schwanzes begleitete. Aber das Knacken des Hahnes störte ihn, er gönnte uns seinen Braten nicht, und er war fort, ehe ich die Flinte angelegt hatte.

Jene merkwürdige Pflanze Mimosa, deren zartgefiederte Blätter sich zusammenfalten, sowie man sie berührt, und der man deshalb den Namen der Schamhaften gegeben hat, sah ich hier zum ersten mal. Sie wuchs in niedrigen dichten und flach ausgebreiteten Stauden, und es gewährte ein merkwürdiges Farbenspiel, wenn ich mit dem Fuss darüber hinstrich und sogleich das helle Grün der oberen Seiten der Fiederblättchen dem matten Grau der unteren Seiten wich, als ob die ganze Staude von einer unsichtbaren Flamme versengt würde.

Der Kamm des Hügels, auf dem wir eine Zeit lang weiter schritten, hatte ausnahmsweise den Vorzug, eine Rundsicht zu gewähren, da er nicht, wie dies meistens zu sein pflegt, bewaldet war, sondern nur stellenweise Gruppen von Kasuarinen trug, deren dünnbenadelte Kronen dem Baum das Aussehen verkümmerter Pinien verleihen. Wir sahen hinab auf beide Meere nördlich und südlich der langgestreckten Insel, in welche zwei Buchten tief einschneiden.

Die freie Bergkante dauerte nicht lange. Der Pfad schlängelte sich nach der südlichen Seite des Kammes hinab, und ein Busch nahm uns auf, der durch wohlthuende Kühle überraschte und so dick mit Lianen und Strauchwerk unterwachsen war, dass wir zwei geschossene Tauben, die wir deutlich fallen gesehen hatten, nicht finden konnten, obwohl wir zu fünft eine Viertelstunde lang suchten. So waren wir abermals um unser Abendmahl gebracht. Wir stiegen auf eine sattelförmige Einsenkung nieder. Der Busch wurde lichter, Rauch flog langsam zwischen den Bäumen empor, Kindergeschrei erhob sich, und ein Dorf lag vor uns, höchst malerisch zwischen Bananenpflanzungen halb versteckt und die prächtigste Aussicht auf die Meere beider Seiten beherrschend.

Wunokene heisst dieser reizende Platz, bei dessen Häuptling wir uns ohne weitere Zeremonien einquartierten. Wir zündeten eine Stearinkerze an, welche so viel Sensation hervorrief, dass nach wenigen Minuten die ganze Hütte voll von Neugierigen war. Dicht gedrängt sassen sie, Männer und Weiber, nebeneinander und bewunderten uns und unsere europäischen Habseligkeiten. Selbst draussen vor der niedrigen Thüre drängte sich eine staunende Menge von Kindern und Mädchen, jedesmal Reissaus nehmend, so oft einer von uns Weissen eine Bewegung in ihrer Richtung machte. Mit dem grössten Interesse wurde Alles beobachtet, was wir thaten, wie wir unseren mageren Zwieback abbissen und Schokolade dazu tranken, und öffneten wir eines der Gepäckstücke, so entstand jedesmal eine nicht geringe Aufregung und man streckte die Hälse so weit als möglich, um hineinzugucken.

Einer von unseren Trägern aus Sanima, ein frecher Bursche, wollte durch seine Familiarität mit unseren Effekten, die er hatte tragen dürfen, imponiren und gab das Feuerwerk einiger schwedischer Zündhölzchen zum besten. Hätte man den Kerl gehen lassen, er würde unseren ganzen Vorrath aufgebraucht haben. Eine Ohrfeige unterbrach indess sein Vergnügen und stellte das Bewusstsein der Inferiorität wieder her, zum grossen Ergötzen des Publikums, welches in ein lautes Gelächter ausbrach.

Da wir müde waren, konnte unsere Zurschaustellung nur so lange gewährt werden, als wir brauchten, um den gröbsten Hunger zu stillen. Das Licht wurde ausgelöscht, und das Publikum verzog sich, zweifellos mit dem Bewusstsein, einen höchst genussreichen Abend zugebracht zu haben. Wir streckten uns auf dem weichen Mattenboden aus, nachdem wir Stiefel und Hose zu einem Kopfkissen zusammengerollt und uns selbst in unsere Decken gewickelt, und schliefen, da es hier oben keine Moskitos gab, so gut, wie man eben nur nach einer längeren Wanderung schläft. Neben uns lag der Häuptling und zu unseren Füssen die Dienerschaft. Bald wars ruhig im ganzen Dorf. Blos im Gebüsch draussen zirpten Tausende von Zikaden, über den Korallenriffen unten donnerte rastlos die Brandung durch die Stille der Nacht, als ob ein Eisenbahnzug ohne Ende über eine ferne Brücke rollte, und Herr Kleinschmidt schnarchte.

Als wir am anderen Morgen unseren Marsch fortsetzten, kam hinter uns drein die ganze Kinderschaar des Dorfes und begleitete uns in respektvoller Entfernung, bis wir einen steilen Abhang hinabstiegen, und es war höchst amüsant, wie die kleinen braunen Bengel uns von oben aus nachspotteten, um schleunigst die Flucht zu ergreifen, so oft ich Miene machte, zurückzukehren, woran ich gewiss nicht im entferntesten dachte. Denn der Weg war so schlecht, dass man froh sein durfte, ihn einmal hinter sich zu haben, und zu beiden Seiten wuchs hohes Gras, scharf wie Rasirmesser, und zerschnitt die Hände wenn man vergass, sie in die Höhe zu halten.

Unten winkten wieder die Freuden eines Mangrovesumpfes mit seinen Moskitos und Fliegen. Auch in diesem lagen Felsblöcke eingestreut, die zwar festgebettet, dafür aber mit Algen überzogen und so schlüpfrig waren, als ob man sie mit Seife beschmiert hätte. Beneidenswerth sicher schritten unsere drei Wilden über sie hinweg. Ihre Füsse dienten ihnen als Greiforgane, mit denen sie sich an den geringsten Rauhigkeiten festklammern konnten, während wir die Talente der unserigen in den steifen Stiefeln der Zivilisation hatten verkommen lassen. Zogen wir die Stiefel aus, so stiessen wir uns an allen Ecken und schnitten vor Schmerz eine Grimasse nach der anderen, und zogen wir sie wieder an, so rutschten und fielen wir jeden Augenblick. Moskitos und Fliegen thaten das Uebrige uns zu erheitern.

Es war gerade Ebbe, und wir beschlossen deshalb, auch die Beinkleider abzulegen und um den Hals zu binden und weiter draussen durch das niedrige Wasser zu waten, wo es keine Fliegen und Moskitos gab, und höchstens scharfrandige Muscheln die Sohlen zerschnitten. Auf diesem nassen Marsche sah ich zum ersten mal eine Schaar fliegender Hunde hoch oben über die Bucht hinweg ihrem Tagquartier zueilen und war sehr erstaunt über die gemessene Sicherheit und Kraft ihres Fluges, der in nichts an das Geflatter unserer Fledermäuse erinnert, wie man wohl erwarten möchte. Man konnte sie in einiger Entfernung für Raben halten, ganz dieselbe Bewegung und derselbe Rhythmus wie bei diesen. Erst als sie senkrecht über uns waren, sah ich, dass sie nicht mit Flügeln wie Vögel, sondern mit Flughäuten arbeiteten, von jener bekannten Kontur, wie sie die Phantasie der christlichen Maler dem Satan zuerkannt hat. Von diesen fliegenden Hunden giebt es fünf Arten auf Viti. Sie sind neben der einheimischen Ratte die einzigen autochthonen Säugethiere der Insel.

Einige hundert Schritte in einem herrlich grünen Tunnel des dichtverschlungenen Mangrovegebüsches, der einem hier mündenden Süsswasserfaden sein Dasein verdankte, brachten uns auf die feste Erde zurück. Palmen erschienen, und abermals ein Dorf, Rabuelu geheissen. Ausser zwei lebensmüden Greisen waren nur Weiber und Kinder zu bemerken. Die Männer mochten auf einen Fischfang ausgezogen sein.

Herr Kleinschmidt schoss einen interessanten Reiher und schickte ihn nach Hause an die Mutter, damit sie ihn abbalge. Dieses Ereigniss lockte die ganze vorhandene Einwohnerschaft herbei, deren Aufmerksamkeit sich alsbald auf mich und meinen schlohweissen Leib ablenkte, der ich den Lockungen eines selten klaren und tiefen Süsswasserbeckens nicht widerstehen konnte, das oben in dem wasserlosen Wunokene versäumte Morgenbad nachzuholen.

Unser nächstes Nachtquartier war Go Kandavu, und bis wir dieses erreichten, passirten wir noch fünf Dörfer, Rota, Eabulu, Soso, Dele Kandavu und Dschome mit Namen. Es ging immerfort bergauf und bergab, meistens sehr steil und auf äusserst beschwerlichen, schlüpfrigen Pfaden voller Löcher, Wurzelschlingen und lose liegender Steine. Regengüsse hatten sie stellenweise zu tiefen Rinnen ausgewaschen, so schmal, dass man nur seitwärts schreitend sich durchdrängen konnte, unbekümmert um den Lehm, der an den Kleidern hängen blieb. Links und rechts dichter, unbezwingbarer Busch.

Nur selten und auf kurze Strecken waren die Höhen kahl und gewährten Aussichten, die dann um so entzückender waren. Die Landschaft glühte in Farben, die einen Maler in Verzweiflung bringen konnten. Tief blau war der Himmel, aber noch viel tiefer blau war die See, hellglänzend besäumt von der weissen Schaumlinie der Brandung, die sich an den Kanten der Korallenriffe brach, und innerhalb dieser, über den seichteren Stellen der Riffe violette, purpurne und smaragdene Tinten. Dann kam tief unter uns ein grellgelber Streif sandigen Ufers oder das wunderbar satte Hellgrün von Mangrovedickichten, die viel schöner von oben zu beschauen als zu durchklettern sind. Palmenhaine füllten den Raum zwischen dem Ufer und den dunkelbewaldeten Bergen und die Thäler, die zwischen diesen ins Innere sich einbuchteten. Rauch entstieg an verschiedenen Punkten der üppigen Vegetation, die Anwesenheit menschlicher Wohnstätten verkündigend, und hie und da guckten ein paar mit Kalk beworfene weisse Hütten durch die Palmen.

Manche Strecken trugen den Stempel höherer Kultur. Der Weg, dessen Schwierigkeiten eben noch aller Beschreibung spotteten, verwandelte sich oft plötzlich in eine breite glatte Strasse, zu beiden Seiten von sauber gehaltenen Bananenhainen begrenzt. Man war dann gewöhnlich in der Nähe eines Dorfes, dessen Kindergeschrei lange hörbar war, ehe man die Hütten selbst gewahr wurde. Oder Baumwollenstauden, vergebens gegen das sie überwuchernde Unkraut ringend, zeigten an, dass ehemals hier eine Plantage bestanden hatte, nun verlassen und dem hoffnungslosen Kampf ums Dasein preisgegeben, seitdem dieser Artikel auf Viti dem amerikanischen Konkurrenten im Preis, nicht in der Güte hat erliegen müssen.

Wo Bäche herabkamen, fanden wir diese gewöhnlich zu terrassenförmig unter einander folgenden Sümpfen aufgestaut, in denen Taro (viti »Ndalo«) gepflanzt war. Der Taro ist eine Colocasia, ganz ähnlich jener Art, die bei uns so häufig in Töpfen mit Wasseruntersatz gezogen wird. In sauber mit Lehmwällen und Steinen eingefassten Beeten von verschiedener Grösse, welche der Bach in mäandrischen Linien zu durchrieseln genöthigt war, standen zu regelmässigen Reihen geordnet die Pflanzen, und Wasserlinsen bedeckten zwischen ihnen die Lachen. Diese Vorrichtungen flössten mir alle Achtung ein vor der Intelligenz und dem Geschick der sogenannten Wilden.

Es giebt übrigens auch eine weniger häufige Sorte Taro, welche keines sumpfigen Bodens bedarf, und oben auf den Bergen in gewöhnlichem ausgerodetem Waldboden angebaut wird. Der Busch wird zu diesem Zweck niedergebrannt, was aber wegen der grossen Feuchtigkeit nicht ganz leicht ist. Man haut das Gebüsch ab, damit es verdorrt, und zündet mehrere grosse Feuer an, wobei immer von Neuem nachgeholfen werden muss.

In Soso machten wir einen grösseren Halt. Auch hier, wie in allen Dörfern, entsetzt davonrennende braune Nacktfrösche, kreischende Weiber, ernste Greise und Männer, welche mit einem freundlichen »Sa yandre« uns begrüssten. Wir gingen auch hier stracks in des Häuptlings Haus, wo zwei sehr hübsche zartgegliederte Mädchen, die Tochter und die Kindsmagd, letztere einen quieksenden Säugling in den Armen, etwas scheu und verlegen uns empfingen.

Sogleich erschien der Häuptling, mit uns Hände zu schütteln, und bald darauf auch seine Frau, die »Marama«, mit einem Korb voll Taroknollen auf dem Rücken. Sie warf ihre Last zu Boden, kroch herein und bemächtigte sich, ohne von uns Notiz zu nehmen, des Säuglings, um ihm seine Nahrung zu reichen, aber erst, nachdem sie an einem von der Kindsmagd hingehaltenen Feuerbrand die Hände gewärmt und ihre Brüste gerieben hatte.

Der Häuptling holte etwas Yankonawurzel aus einer Ecke hervor und lud uns ein, mit ihm Kawa zu trinken. Ich sah dieses Getränk jetzt zum ersten mal bei Tageslicht bereiten und konnte genau den ganzen Prozess verfolgen. Es fügte sich glücklich, dass es ausnahmsweise diesmal zwei reizende Mädchen, die Tochter und die Kindsmagd nämlich, waren, welche für uns kauten. Sonst sah ich auf Kandavu die Kawa stets nur von Knaben und jungen Männern bereiten, während auf anderen Inselgruppen des Stillen Ozeans dieses Geschäft dem schönen Geschlecht obliegt, was mir mehr zusagend erscheint. Einer unserer Träger schleppte die grosse Bowle herbei, jenes altehrwürdige Gefäss, das in keiner vornehmen Vitihaushaltung fehlt, und setzte sie vor sich, um das Brauen und Filtriren der Flüssigkeit zu übernehmen. Einen meterlangen Strick, der an der Bowle in einer Oese befestigt war, warf er demüthig dem Häuptling zu, der solche Ehre mit grosser Höflichkeit an mich abtrat, indem er ihn nach meiner Seite legte. Dieser ehrenvolle Strick dient nämlich dazu, die höchste Person der Gesellschaft zu bezeichnen.

Die doppelt daumendicke, knotige und verästelte grüne Wurzel wurde in mundgerechte Stücke zerschnitten, und die beiden jungen Damen nahmen uns gegenüber Platz und machten sich schweigend daran, sie mit ihren herrlich weissen Zähnen zu zermalmen. War ein Bissen fertig, so holten sie ihn mit Daumen und Zeigefinger aus dem Munde und legten ihn als wohlgeformtes rundliches Häufchen behutsam in die Bowle. Sechs solche Häufchen kauten sie zurecht für uns drei Zecher, den Häuptling, Herrn Kleinschmidt und mich. Dann wurde Wasser aus hohlen Kokosnüssen zugegossen, und das Pantschen und Filtriren begann.

Während wir so Kawa brauten und kneipten, waren ein paar andere Frauenzimmer beschäftigt, unsere Mahlzeit zu bereiten. In einer Ecke der Hütte lagen die zwei grossen Töpfe horizontal über der glimmenden Asche des Feuers. Wasser brodelte bereits darin. Die geschossenen Tauben und Papageien, schon auf dem Marsche ausgeweidet und gerupft, wurden mit Taroknollen durch die weiten Oeffnungen ins Innere derselben geschoben, und diese mit einem Stöpsel aus zusammen gebundenen Cordylineblättern verschlossen.

Die ganze Familie des Häuptlings hatte sich eingefunden und durfte neben und um uns Platz auf dem Boden nehmen. Das übrige Gesindel der Neugierigen musste in respektvoller Entfernung, in der Nähe des Eingangs, sitzen bleiben. Ausser dem hübschen Mädchen und dem Säugling, der einen merkwürdig eckigen Kopf hatte, waren noch zwei Jungen vom Hause vorhanden, von denen der eine, ein ungezogener Bengel von fünf Jahren, seiner Mutter, welche mit ihrem Jüngsten dalag wie eine säugende Löwin, fortwährend zum Zanken Veranlassung gab. Schliesslich kam noch eine andere vornehme Dame, eine Freundin der Marama, ebenfalls mit einem kleinen schreienden Balg, hereingekrochen, warf sich nieder und spielte ebenfalls die säugende Löwin, während sie uns aufmerksam beguckte. Draussen vor der Thüre unterhielten sich einige Kinder mit dem auch bei unserer Schuljugend so beliebten Spiel, aus einem Faden alle möglichen Figuren an den Fingern zu bilden und einander abzunehmen. Sie hatten es von den Missionären gelernt.

Im Hintergrund der Hütte war ein ganzes Arsenal von alten Schiessgewehren an der Wand aufgestapelt, was mir um so mehr auffiel, als es von der Kolonialregierung streng verboten ist, den Eingeborenen Munition irgend welcher Art zu geben. Diese Waffen schienen mir übrigens durchaus ungefährlich zu sein. Es waren Flinten jeder Konstruktion, nur keine Hinterlader, und etwa zwanzig darunter mit Feuersteinzündung weiss Gott aus welcher Zeit und woher, und alle Schlösser waren verrostet. Sollte auch hie und da eines noch losgehen, die Vitis sind so feige Schützen, dass sie in der Regel die Augen zudrücken, wenn sie schiessen wollen, was bei unseren Rekruten allerdings auch zuweilen vorkommt.

Der Tag neigte sich bereits, als wir Dele Kandavu passirten, ein Dorf rechts ab vom Wege, tief versteckt hinter dem üppigsten Grün von Palmen, Bananas und Busch auf einem Hügelvorsprung, der zu einem dichtbewachsenen Thal hinabfiel, aus welchem die zarten fiedrigen Kronen von Farnbäumen ragten. Fröhliche Gesänge schallten zu uns herüber und harmonirten so wunderbar mit der ganzen Stimmung der paradiesischen Landschaft und des herrlichen Abends. Wie glücklich diese Menschen hier leben. Welche unbeschreiblichen Genüsse bietet die Natur hier dem Wanderer, wenn ihm auch dabei der Schweiss von der Stirne tropft und die Kniee vor Ermüdung zu zittern beginnen. Wie bemitleidet man da den Philister zu Hause, der Jahr aus Jahr ein nichts Höheres kennt, als täglich des Abends zur bestimmten Stunde im Tabaksqualm seiner Kneipe zu sitzen und seinen Magen mit den Gährungspilzen des Bieres vollzupumpen.

Wir kamen an einen Bach, und jenseits desselben lag Dschome. Ein Mann aus dem Dorfe erbot sich, mich hinüberzutragen. Ich zog es vor, durchzuwaten, da mich erst kürzlich bei einer ähnlichen Gelegenheit ein Kerl durch einen Fehltritt ins Wasser geworfen hatte.

Beinahe hätten wir schon hier unser Nachtquartier aufgeschlagen. Unsere Burschen wenigstens waren entschieden der Ansicht, dass es für heute genug des Marschirens sei. Sie waren vorausgeeilt und sassen bereits, ihrer Bürden entledigt, neben der Hütte des Häuptlings, als wir sie erreichten. Ein hübsches braunes Mädchen mit einer feuerrothen Hibiscusrose über jedem Ohr stand freundlich lächelnd vor der Thüre und guckte mir, sehr verführerisch aber unschuldsvoll den glänzenden Bronzekörper, der nach Kokosöl duftete, an mich schmiegend über die Schulter, während ich sie in mein Taschenbuch notirte. Die ärmliche etwas unreinliche Behausung des Häuptlings gefiel uns nicht, und wir gingen weiter.

Hätten wir gewusst, welch langer und beschwerlicher Weg uns noch bevorstand, wir wären trotz Allem geblieben. Wohl über zweihundert Meter mussten wir wieder hinauf und an der anderen Seite eben so tief hinunter. Oben beschien die Sonne im Untertauchen golden die Wipfel der Bäume, unten war es bereits dunkel, als wir endlich, triefend von Schweiss und bis zur Erschöpfung müde, in Go Kandavu unseren Einzug hielten, zur grossen Aufregung der neugierig Spalier bildenden Einwohner.

Auch der Häuptling von Go Kandavu liess uns zu Ehren Kawa bereiten. Diesmal waren wieder nur Knaben und Jünglinge zum Kauen kommandirt, die Dunkelheit verhinderte, die Details des Vorganges genauer zu sehen. Es wurde wenig gesprochen. Nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen und später das Herumpantschen in der Flüssigkeit unterbrach die andächtige Stille, welche herrschte, trotzdem die ganze Hütte voll von Menschen war. Ein kleiner, brauner Frosch kletterte in die Bowle, setzte sich mit seinem nackten Hintern auf die für uns zurechtgekauten Häufchen und fing verlegen und erschrocken zu weinen an, als Alles darüber lachte. Dies störte aber das Gelage nicht, und die breit gesessenen Häufchen dienten ebenso gut ihrem Zwecke wie die neu hinzukommenden. Unser Gastfreund, der Häuptling, war aussergewöhnlich wohlhabend. Denn er besass Teller, Gabeln und Messer. Nur Schade, dass wir die seltenen Geräthe an nichts Würdigerem als an süssen Bataten zur Anwendung bringen konnten. Aus diesen sowie aus Schokolade und Zwieback bestand unser frugales Abendbrot.

Ein unerwartetes Schauspiel stand mir noch bevor. Ich sollte ein »Meke Meke«, eine Vititanzunterhaltung zu sehen bekommen.

Ich hörte Gesang weit über das Dorf in unsere Hütte herübertönen, und ich ging hinaus nach der Richtung, von welcher er kam. Tarosümpfe umgaben das Dorf, und erst nach einigen Irrwegen fand ich durch sie hindurch und das was ich suchte.

Auf einem freien Platz brannte flackernd ein grosses Feuer, und etwa ein Dutzend Kinder tanzten um dasselbe herum und sangen dazu nach dem Takt zweier Stäbchen, mit welchen ein Jüngling ein Stück Bambus bearbeitete, das ein kleiner Knabe wagrecht vor ihn hinhielt. Mein Hinzukommen störte sie nicht, sondern schien im Gegentheil mehr Theilnehmer herbeizulocken. Eine Menge Mädchen und junger Männer fand sich allmälig ein. Sie trugen als festlichen Schmuck rothe Cordylineblätter um die Stirne gebunden, und an den Knieen Strumpfbänder von gelb und roth gefärbten Gräsern. Die Mädchen drückten sich scheu an mir vorbei und nahmen schreiend und kichernd Reissaus, sowie ich nur eine Bewegung machte. Auch sie traten in die Reihen der Tanzenden, und immer grösser wurde ihre Zahl, und Zuschauer kamen und gruppirten sich auf dem Boden. Fackeln aus dürren Schilfbündeln wurden gebracht, und bald nahm die Unterhaltung bedeutendere Dimensionen an als ich hier in dem so abgelegenen Dorf erwartet hatte.

Es war eine träumerische laue Tropennacht. Der Mond war aufgegangen, die Sterne funkelten, die Zikaden zirpten, und ein leiser Zephyr milderte höchst angenehm die Wärme. Das Feuer und die Fackeln warfen ihr röthlich flackerndes Licht auf die nackten Gestalten und übergossen das ganze Bild mit einem grotesken Zauber. Mehrmals schloss ich die Augen, als ich so dasass auf einem alten faulen Kanuu, um jedesmal beim Oeffnen mich wieder von dem fremdartigen mährchenhaften Anblick überraschen zu lassen.

Die Wendungen des Tanzes waren höchst anmuthig und konnten manchem altersschwachen Ballet bei uns zum Muster dienen. In doppelten Reihen tanzten Mädchen und Jünglinge, bis auf das Tuch um die Hüften nackt und mit Blumen- und Blattguirlanden geschmückt, die geschmeidigen Bronzekörper mit Oel gesalbt, um ein Feuer, erst nach rechts und nach links, dann beide in entgegengesetzten Richtungen, traten zwischen einander hindurch und wieder zurück, hoben und senkten die Arme, bogen und wogen die Hüften und klatschten in die Hände. Daneben sass der Musikant und trommelte den Takt auf sein Bambusrohr, begleitet von dem Gesang aller Anwesenden, Tänzer sowohl als Zuschauer.

Der Gesang, allerdings auch nur in wenigen Noten auf- und niedersteigend, war viel melodischer, als jener, den ich bei den Maoris auf Neuseeland gehört. Der Rhythmus bewegte sich in einem fast endlos wiederkehrenden Daktylus, bis plötzlich mit einem kurz ausgestossenen, rauhen Ton eine Strophe und zugleich eine Tanzfigur schloss. Einer der Tänzer schien Kommandos zu geben, indem er zuweilen laut in der Fistel krähte, was ungefähr wie »Tirürü« lautete, und worauf sofort eine neue Wendung eintrat. Ich habe niemals etwas Graziöseres gesehen, als die natürliche Anmuth in den freien ungezwungenen Bewegungen jener Mädchen. Diese braunen Naturkinder sind von einer bezaubernden Frische. Und dabei wissen sie eben so gut zu kokettiren wie irgend eine Tochter Evas auf Erden, und besitzen hiezu ganz verflucht grosse, schwarze, langbewimperte Augen, um die sie nicht wenige Europäerinnen beneiden dürften.

Im Anfang der Festivität waren einige mit dem obligaten Busenhemdchen erschienen. Im weiteren Verlauf jedoch entledigten sie sich derselben. Sollte es blosser Zufall gewesen sein, oder war es ihr weiblicher Instinkt, dass sie mir ohne dieses geschmacklose und unnöthige Kleidungsstück besser gefielen, nachdem sie gesehen, dass ich kein verkappter Mucker aus England war? Ich habe derartige Demaskirungen fast in jedem Dorfe erlebt.

Die halbpapuanischen Vitis stehen im Rufe grosser Keuschheit, ganz im Gegensatz zu ihren lasziven Verwandten, den Polynesiern. Dementsprechend unterschied sich dieses Meke Meke auch dadurch von den polynesischen Tänzen, dass es keine obszöne Bedeutung, sondern die reine Freude an rhythmischer Bewegung und an Gesang als Motiv hatte. Nicht die leiseste Spur von zweideutigen, anstössigen Geberden war zu bemerken. Nur etwas sah ich, was mich frappirte und der zu herrschen scheinenden Dezenz widersprach. Mehrere kleine Jungen stellten sich ausserhalb des Reigens paarweise einander gegenüber, umfassten einander auch wohl und machten Bewegungen zusammen nach dem Takt der Musik, die im höchsten Grade obszön waren und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liessen. Die Aeltern aber, namentlich die Weiber, lachten und schrieen ausgelassen vor Freude über die gelungenen Scherze ihrer sechsjährigen Sprösslinge.

Lange sass ich isolirt. Die Scheu vor dem Fremdling hatte eine breite Zone um mich leer gelassen. Nach und nach aber wurde man zutraulicher. Ein Mädchen oder ein Junge kroch herbei und bettelte um Tabak, und Alles lachte und freute sich über die gut abgelaufene Dreistigkeit, wenn ich ihnen Tabak gab, und der Zuschauerkreis rückte dichter an mich heran. Diese Furcht vor dem Weissen ist keine ursprüngliche, sondern die Folge übler Erfahrungen. Die Südsee-Insulaner kommen in der Regel nicht mit der besten Klasse von Europäern in Berührung. Ich habe manchmal Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie selbst der dümmste und erbärmlichste Matrose es für seine Pflicht hält, die sogenannten Wilden verächtlich und gleich Thieren zu behandeln.

Ich blieb über eine Stunde und weidete mich an dem effektvollen Schauspiel. Dann riss ich mich los aus der immer enger um mich sich gruppirenden nackten Gesellschaft. Waren sie ziemlich zutraulich geworden im Bereiche des Feuers, so hatte draussen im Dunkeln meine Erscheinung noch nichts von ihrer Unheimlichkeit eingebüsst, und alle Kinder und Frauenzimmer die mir begegneten ergriffen schleunigst jedesmal wieder die Flucht. Der Tanz wurde unermüdlich fortgesetzt, und noch lange, als ich zu Hause auf der Matte lag, hörte ich den dreitaktigen Lärm der lustigen Schaar herüber.

Ich schätzte mich glücklich, diesem Meke Meke beigewohnt zu haben, da er nicht wie an anderen Orten blos zur Schaustellung und für Geld, sondern zur sichtlichen eigenen Freude der Theilnehmer gehalten worden war.

Als ich am anderen Morgen erwachte, sah ich dass ausnahmsweise auch die Frauenzimmer in derselben Hütte wie wir schliefen. Der alte Häuptling hatte sich aber vorsorglich zwischen sie und uns gelegt. Ein köstliches Bad unter einem Wasserfall, der über senkrechte Felswände herabdonnerte, und das vergebliche Waten durch den Bach und die Tarosümpfe einigen fliegenden Hunden zu liebe, die ich in den Gipfel eines hohen Baumes hatte einfallen sehen, aber im dunklen Laub der Krone nicht wieder entdecken konnte, schufen den prachtvollsten Appetit nach einem substanzielleren Frühstück, als die vegetarianische Lebensweise der Vitis gewähren konnte, und ich fühlte schmerzlich die Entbehrung der Fleischkost. Taroknollen, Zwieback und Schokolade waren nur ein kümmerlicher Ersatz.

Herr Kleinschmidt schacherte noch mit unserem Gastfreund um den Preis eines kunstvoll aus Schildpatt, Knochen und Perlmutter gefertigten Angelhakens, der von dessen Grossvater stammen sollte und den er nur ungern und zaudernd hergab. Aber der Glanz des schnöden Mammons war ihm unwiderstehlich, und er bat nur, nichts von dem Handel seinen Stammesgenossen verlauten zu lassen. Ein paar scharlachrothe Sulus wurden als Gastgeschenk verabreicht, unsere Burschen beluden sich mit dem Gepäck und wir nahmen Abschied. Manch hübsches Mädchen von gestern sah aus den niedrigen Hütten und winkte uns Grüsse nach »Sa yandre, sa yandre«.

Go Kandavu ist umgeben mit Tarosümpfen wie eine Festung und hat nur einen einzigen Zugang. Wir mussten es also auf demselben Wege verlassen, auf dem wir gekommen waren. Abermals über einen dickbewaldeten, hindernissreichen Berg, auf dessen Gipfel wir rasteten. Zwei ärmliche Hütten mit sehr schmutziger Einwohnerschaft standen in einer Lichtung, in welcher Bergtaro wuchs. So elend und verkommen wie diese Vitifamilie die hier hauste habe ich keine mehr sonst auf Kandavu jemals getroffen. Sie erinnerte an die schlechteste Sorte der Maoris von Neuseeland.

Endlich endlich kamen Zeichen, dass wir uns unserem Freund Charly näherten. Zuerst ein festgetretener Weg und etliche verwahrloste Baumwollenstauden. Der Wald hörte auf und eine sonnige Wiese breitete sich über den Abhang aus. In einem reinlich gejäteten Viereck waren zwischen grossen vulkanischen Felsen Ananasse in Reihen gepflanzt. Daneben Kaffegebüsch, aus welchem bereits die rothen Beeren blinkten.

Ein Haus und ein paar Hütten, wir waren am Ziele. Charly kam uns freundlich entgegen, und hinter ihm die drei grünen Landsleute und die zwei grossen Neufundländerhunde. Charly hatte mittlerweile wieder etwas Deutsch gelernt und war sehr stolz darauf. Er zeigte uns seine braune Gemahlin und seine vier hübschen halbbraunen Kinder. Was uns aber im Augenblick viel interessanter war, er gab uns zu essen, und zwar ein wunderbar duftiges Schweinchen. So gut wie bei Charly hatte ich schon lange nicht mehr gelebt. Und fehlte ihm auch jede Spur alkoholischer Flüssigkeit, so gab es bei ihm einen so ausgezeichneten Kaffe eigenen Gewächses wie ich niemals gekostet zu haben glaubte. Jetzt da ich den guten Kerl zum ersten mal nüchtern sah, machte er einen viel besseren Eindruck als damals in Wailevu.

Charly erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er war vor zwanzig Jahren Matrose auf einem Walfischfänger gewesen und seinem Kapitän eines schönen Tages davongelaufen, um sich unter den Viti-Insulanern, die damals noch Menschen frassen, herumzutreiben. Nach vielen Abenteuern hatte er sich hier in Waidule niedergelassen, die Tochter eines benachbarten Dorfhäuptlings geheirathet und dadurch seine Besitzung erhalten. Verbrieft und nach den neuen englischen Gesetzen unzweifelhaft gültig war sein Titel darauf allerdings nicht. Aber er lebte davon. Er hatte Schweine und Hühner, und was er sonst brauchte, wuchs ihm ohne viel Mühe zu machen im Ueberfluss. Monatlich einmal, wenn die Postdampfer kamen, fuhr er mit seinem Boot nach Wailevu, verdiente durch Fährdienste etwas Geld und kaufte sich dafür einen tüchtigen Rausch, um dann in der frohen Erinnerung dieses und in der frohen Erwartung des nächsten die Zwischenzeit nüchtern und idyllisch zu verträumen.

Dieser Platz hier oben heisst Waidule. Unten am Ufer ist eine andere Ansiedelung von Weissen, Nawai mit Namen. Dort wohnte der andere seiner Muttersprache entfremdete Landsmann und ein Engländer, Mister Smith, ebenfalls mit farbigen Weibern zusammen. Es wurde nach ihnen geschickt, und sie kamen herauf, so dass wir bald zahlreiche Gesellschaft hatten.

Die drei grünen Deutschen machten lange Gesichter. Es schien ihnen zu dämmern, dass hier zu Lande doch nicht so leicht Geld zu verdienen sei. Mit der nächsten Post wollten sie nach Levuka gehen um Land zu kaufen, so sehr man ihnen auch allgemein abrieth und die Versicherung gab, dass sie doch wahrscheinlich keines bekämen. Die Regierung hatte in der letzten Zeit alle derartigen Geschäfte suspendirt. Da die Eingeborenen kein Eigenthum in unserem Sinne kannten, so gaben die bereits geschehenen Verkäufe und Verpachtungen von Land zwischen Häuptlingen und Weissen zu allen möglichen Zweifeln und Streitigkeiten Veranlassung. Diese sollten jetzt untersucht und geschlichtet werden, und bis dies geschehen, war kein neuer Vertrag gültig. Am übelsten fühlten sich wohl die beiden Neufundländerhunde auf Viti. Die Zungen hingen ihnen zum Halse heraus, sie sehnten sich offenbar nach dem kühleren Deutschland zurück.

Leider hatte sich Herr Kleinschmidt auf dem letzten Theil des Marsches verletzt und wollte nun mit Charlys Boot über Wailevu nach Hause zurück. Unsere schöne Partie fand somit rasch einen gewaltsamen Abschluss. Es traf sich merkwürdig dass auch Charly und seine Nachbarn die Absicht hatten, heute oder morgen Geschäfte halber dorthin zu fahren. Die ganze Flotte von Nawai, die aus zwei Böten bestand, wurde deshalb schleunig in Dienst gestellt und ausgerüstet.

Wir theilten uns in zwei Partieen. Herr Kleinschmidt und ich, unsere drei Burschen und zwei Leute zum Rudern besetzten das kleinere Boot, die Uebrigen folgten in dem grösseren.

Wir mussten bald einsehen, dass wir eine sehr schlechte Wahl getroffen hatten. Kaum waren wir aus der windgeschützten Bucht hinausgerudert, und kaum kamen die ersten Stösse des Passates um die linke Felsenecke in das Segel geflogen, als sich unser Fahrzeug jäh auf die Seite legte und sich dadurch so rank erwies, dass wir das Segel reffen mussten. Hierbei stellte sich heraus, dass die ganze Takelage in dem lotterigsten Zustand, und dass unsere braune Besatzung eben so ungeschickt als faul war. Mein Freund wurde nervös und hörte nicht mehr zu schelten auf. Zu unserem grössten Verdrusse segelte während dessen das andere Boot glatt an uns vorüber, wir blieben weit zurück und holten es nicht wieder ein.

Es giebt ein kostbares Wort auf Viti, welches den dort von Weissen und Braunen geübten süssen Schlendrian treffend bezeichnet, »Malloa« nämlich. Malloa heisst ursprünglich »Später« oder »Morgen«, jetzt wird es allgemein unter einem leisen Beiklang von Selbstironie angewendet, um mit der obligaten Saumseligkeit auszusöhnen. Drückt man seine Verwunderung aus über den herrschenden Mangel an Pünktlichkeit, frägt man nach dem Zeitpunkt einer zu leistenden Arbeit, dringt man ärgerlich auf rascheres Handeln, man hört stets denselben gemüthlichen Refrain »Malloa«. Auch jetzt mussten wir uns wieder mit »Malloa« vertrösten.

Die Fahrt nach Wailevu wurde ziemlich ungemüthlich, so schön auch der Anblick war, den die in der Abendbeleuchtung ruhenden prächtigen Berge zur Rechten und die an den Korallenriffen sich brechende See zur Linken gewährten. Wir segelten im ruhigen Wasser innerhalb der Riffbarren hin. Gleich einem hohen glänzenden Wall zieht sich draussen die Linie der Brandung parallel den Konturen der vielgebuchteten Insel entlang, rastlos toste und donnerte sie zu uns herüber. Manchmal kamen wir ihr so nahe, dass wir uns kaum noch verstanden. Wir sahen dann, wie jenseits die langen Wogen stetig hinter einander heranrückten, drohend uns zu verschlingen. Aber das Bollwerk stand unerschütterlich, und ohnmächtig zerstoben jene sich nach vorne überstürzend im schäumenden und brüllenden Getümmel.

Ein friedlicheres Bild boten die Palmenhaine und dicht bewaldeten Gründe zur Rechten. Rauchsäulen stiegen überall von den Thälern zum Himmel empor, groteske Felsen sprangen dazwischen zu uns heraus.

Die Nacht senkte sich hernieder, und wir waren noch ziemlich weit von Wailevu. Ueberall konnten Klippen verborgen sein, keiner von uns kannte die Gegend. Die fünf braunen Kerls waren zu nichts zu gebrauchen, und das Boot und die Takelage flössten wenig Vertrauen ein. Haifische sollten hier in Menge lauern, eine unerfreuliche Aussicht im Fall des jede Minute drohenden Kenterns. Ich lag vorne und guckte ins Wasser nach Riffen. Wie war es da anders möglich, als dass mir jede schwarze Stelle des höhlenreichen Grundes ein gefrässiger Haifisch dünkte, der unser Boot zu verfolgen schien.

Zum Glück war der Himmel klar, und die Sterne leuchteten freundlich auf uns herab. Vorne im Westen glühte der Schein eines Waldbrandes. Ich hielt ihn anfänglich für ein besonders schönes Zodiakallicht.

Bis wir in die Angaloa Bai einbogen und die Lichter des Hotels von Wailevu wieder erblickten und mühselig landeten, war es spät geworden. Die Anderen waren schon eine gute Stunde da und hatten bereits Zeit gehabt, sich zu betrinken. Mister Smith hatte sein Frauenzimmer, eine furienartige Erscheinung gemischter Rasse mit triefenden Augen, mitgebracht. Man sagte, er wolle sich ihrer entledigen, indem er sie auf den Kutter nach Levuka zu locken beabsichtige. Ich konnte ihm seinen hinterlistigen Plan bei Gott nicht verdenken. Auch in ihr wütheten die Dämonen des Schnapses. Sie war eben erst in Folge unpassenden Benehmens an die Luft gesetzt worden und durfte für den Augenblick das Wirthshaus nicht betreten. Deshalb lauerte sie draussen vor den Fenstern herum und heulte. Mister Smith, ihr süsser Gemahl, war einmal im Verlauf des Abends so unvorsichtig, hinauszugehen und nach ihr zu schauen. Ein heftiges Gekeife, laut schallende Ohrfeigen draussen im Dunkel der Nacht, und Mister Smith kam mit zerkratztem Gesicht wieder herein, goss sich schnell ein Weinglas voll Schnaps in den Magen und wischte sich langsam vor dem Spiegel das Blut von den Wangen ohne weiter ein Wort zu verlieren.

Am anderen Morgen hatte ich die Genugthuung, zu finden, dass die Brücke über den Bach mittlerweile fertig geworden war, im Gegensatz zu den sonst hier zu Lande allgemein üblichen Vorrichtungen dieser Art, die nur aus zwei drehrunden glatten und dünnen Palmstämmen gebildet sind, ein stolzes Bauwerk. Die beiden Aufgänge waren noch im Entstehen begriffen. Ein Dutzend brauner Bummler trug Steine und Erde herbei, ohne sich allzu sehr anzustrengen. Nach jedem Gang, der zwei faustgrosse Brocken als Resultat hatte, setzten sie sich nieder und bewunderten ihre Leistung. »Malloa«. Unweit davon hockten die Kinder des Dorfes in einer Reihe am Strande und kratzten mit ihren Fingerchen kleine essbare Muscheln aus dem feuchten Boden.

Während Herr Kleinschmidt ein Boot zu leihen nahm, um über den Yarambaly-Isthmus zu setzen und nach Hause zu fahren, denselben Weg, den wir zuerst gemacht, zog ich es vor, zu Fuss der vielfach gewundenen Küste entlang zu gehen. Ich passirte zuerst die Dörfer Nuku und Namalatta. Es war Ebbezeit, und die gesammte weibliche Bevölkerung von Namalatta trieb sich auf den blossgelegten Riffen herum und fischte. Einige alte Weiber sassen am Ufer und schuppten mit scharfen Muscheln unbarmherzig die zappelnden Fische, die ihnen kleine Jungen in Körben herbeitrugen.

Nach einem ermüdenden Marsch, abwechselnd durch weichen hässlich nachgiebigen Sand und über grosse schlüpfrige Blöcke, war ich am Nachmittag wieder in Gavatina. Vor allen Palmenhainen, an denen ich vorüberkam, staken drei oder vier lange Stangen in der Erde, an deren Spitze Strohbüschel hingen, das Zeichen des »Tambu«. Denn in Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre und ihre Steuer an die Regierung zu zahlen. Nicht leicht würde ein Viti sich erkühnen dieses Tambu zu brechen und von den verbotenen Früchten zu stehlen. In den meisten Dörfern kann man selbst gegen gute Bezahlung keine Kokosnüsse bekommen, obwohl sie überall in Fülle vorhanden sind. Ein unerschütterliches »Tambu, tambu« antwortet auf alle Bestechungsversuche, und dabei machen die schwarzen Kerls ein Gesicht, als ob ihnen schon die ganze Hölle im Nacken sässe.

XV.
BESTEIGUNG DES BUKELEVU.

Landung in Dangai. Mandrai und Arrowroot. Improvisirte Naturalienhändler. Ausflug nach Dalingele. Tonganer. Festessen und Kawagelage. Ein schwindsüchtiger Häuptling. Die heissen Quellen. Unfall und Nothzucht. Mühseligkeiten des Bukelevu. Hungersnoth und Kälte. Abstieg. Schneckenfrühstück in Lomadsche. Sonntagstoilette der Insulanerinnen.

Während wir die Partie nach Waidule machten, war Mister Daymac in dem Kutter nach Levuka gefahren, um eine mit der letzten Post von Hamburg über Sydney eingetroffene Sendung von Spiritus und anderen Ausrüstungsgegenständen zu holen. Als wir zurückkehrten war er schon wieder da. Er hatte sehr gutes Wetter gehabt, aber es war ihm das Unglück passirt, in der Nacht auf ein Riff zu stossen. Der Kutter hatte dadurch ein Leck bekommen und musste geflickt werden.

Herr Kleinschmidt requirirte vom Tui etliche zwanzig Burschen, um ihn aufs Trockene zu ziehen, und früh am folgenden Morgen, während ich noch in meinem Zelt auf der Matte lag, kamen dieselben in zwei Kanuus aus Sanima angerudert. Schon von ferne tönte ihr fröhlicher und melodischer Gesang in den herrlichen Morgen unseres stillen noch halb beschatteten Thales herein.

Es galt nun, rasch an die Arbeit zu gehen, ein Brett auf das Leck zu nageln, und schliesslich den ganzen Kutter zu kalfatern und mit Theer anzustreichen. Ein reisender Naturforscher in der Südsee hat sich auf all diese Dinge zu verstehen. Das Reisen ist dort mit Umständlichkeiten und Mühsalen verbunden, von denen man ohne eigene Anschauung nur schwer sich einen Begriff macht. Als der Kutter wieder flott war, zog sein Holz, ausgedörrt von der Sonne, so viel Wasser, dass Herr Kleinschmidt und sein Gehilfe mehrmals in der Nacht aufstehen und in der Jolle hinausfahren mussten, um auszupumpen.

Am 25. Juli endlich war es möglich die zweite Partie unseres Programms, die nach dem Bukelevu, anzutreten. Wir schifften uns auf dem Kutter ein und lichteten Anker. Auch Mister Daymac ging diesmal mit und ausser Niketi noch zwei Kerls von Sanima zum Rudern. Ein günstiger Wind brachte uns rasch über die Korallenriffe und in offene See. Die Ufer wichen zurück, der Bukelevu, der hohe westliche Pfeiler Kandavus, trat uns entgegen.

Allenthalben segelten Kanuus der Eingeborenen, und eines, vollbeladen mit Männern, Weibern und Kindern, fuhr so nahe in gleicher Richtung vorüber, dass ich es flüchtig skizziren konnte, aber auch so rasch, dass ich kaum damit fertig wurde. Der Kutter war ziemlich schwer und durfte es an Schnelligkeit nicht mit den leichten, fast körperlosen Vitifahrzeugen aufnehmen. In allen möglichen Stellungen lag und sass die ob unseres Zurückbleibens laut lachende Gesellschaft auf der Platform zwischen Kanuu und Ausleger vor und hinter dem nach vorne geneigten Mast, häufig von den hüpfenden Wellen bespült. Auf dem Hintertheil standen aufrecht zwei Männer und steuerten mit langen Riemen, die sie im Kielwasser nachschleppen liessen, und die Umrisse ihrer Gestalten zeichneten sich scharf wie Silhouetten gegen den klaren Horizont ab.

Weit im Norden schwammen die duftigen Berge der nächsten Inseln über der blauen Fläche. Links thürmten sich die dunklen Massen des Busches von Kandavu über dem glänzenden Muschelstrand, hie und da kreischten ein paar zänkische oder geschwätzige Papageien aus dem fernen Dickicht bis zu uns herüber. Die glühende Sonne und die frische Brise mischten sich zu einer angenehmen wohlthuenden Wärme. Es war ein Hochgenuss, so dahin zu segeln.

Aber nach kaum vier Seemeilen schlief der schöne vielversprechende Wind ein und machte einer tödtlichen Stille und einer versengenden Hitze Platz. Das Segel fiel von einer Seite zur anderen, und beständig mussten wir uns bücken, um nicht von dem haltlosen Besanbaum bald links bald rechts an den Kopf geschlagen zu werden.

Nun folgten einige recht langweilige Stunden, die wir mit vergeblichem Hoffen auf Wind und kurzen Ruderanstrengungen zubrachten, was aber bei der Schwerfälligkeit des Kutters und bei der Faulheit unserer Burschen nicht viel half. Auch die Eingeborenen in ihren Kanuus mussten jetzt das Segeln aufgeben und sich auf die Riemen werfen. Eines begegnete uns, mit acht grossen Kochtöpfen befrachtet. Hinten standen zwei Männer, jeder mit seinem langen Steuerriemen hin und her arbeitend, sie »frickten«, wie der Seemann sagt, und es sah sehr komisch aus, wie die beiden frei in der Luft stehenden Gestalten dabei gleichmässig hinum und herum wackelten.

Erst gegen Abend erhob sich ein leichtes Lüftchen und brachte uns langsam dem Ziele näher. Jenseits der Namalatta Bai passirten wir den Sitz des weissen Obermissionärs, Richmond Settlement, ein hübsches Gebäude europäischen Styles unter Palmen auf einem Hügel, hinter dem grosse kahle röthliche Flecken in die Berge gebrannt waren, vielleicht um dort Taro zu bauen. Der Bukelevu wurde immer höher und hüllte seinen Gipfel mit dem Sinken der Sonne immer dichter in Wolken. Ein kreisrundes Aussenriff, über welchem die See gleichsam athmend ihre Wogen in tosender Brandung hob und senkte, während wir selbst in unserem Fahrzeug ganz dicht daneben keine Bewegung fühlten, zwang uns zu einem grossen Umweg. Dann machten wir linksum und steuerten geradewegs in die Bucht von Taulalia hinein. Drei Dörfer, rechts Taulalia, links Tanawa und in der Mitte Dangai, lagen vor uns.

Freudig ob des nahen Endes der Fahrt hissten wir unsere deutsche Flagge. Doch wir freuten uns zu voreilig. Kaum waren wir in den Schatten des Bukelevu getreten, als heftige Windstösse vom Lande her in das Segel peitschten und den Kutter rückwärts trieben. Und nicht eher gelang es uns, wieder vorwärts zu kommen, als bis wir die kleine Jolle aussetzten und vorspannten, und alle, auch Herr Kleinschmidt und ich, aus Leibeskräften zu rudern begannen, trotz der unfehlbaren Einbusse die unsere Würde durch solch knechtische Arbeit in den Augen des am Strande versammelten Publikums erleiden musste.

Hinter einer vorspringenden Klippe konnten wir endlich Anker werfen und landen, zum grossen Gaudium des in aufgeregtester Erwartung und lebhaftester Heiterkeit unser harrenden Janhagels. Neugieriges Anstarren, Witze reissen, Kichern und Auslachen seitens der erwachsenen Insulaner, entsetztes Ausreissen der kleinen Nacktfrösche wie immer, einige Grobheiten seitens des Europäerthums. Ein paar Männer kamen, uns die Hände zu reichen und gleich darauf Taro zu unverschämten Preisen anzubieten.

Das Dorf Dangai, vor dem wir gelandet waren, darf sich rühmen, das schmutzigste und ärmlichste zu sein, das ich auf Kandavu gesehen habe. Nachdem wir uns überzeugt, dass in der Unreinlichkeit der Hütten kein Unterschied herrschte, quartierten wir uns in jener ein, die dem Strande am nächsten lag. Das Innere dieser Behausung war braunschwarz geräuchert wie lackirt. Dank dem Rauch, welcher uns die Augen thränen machte, gab es hier keine Moskitos. Dafür wimmelte es von Ameisen, welche sonach weniger empfindlich zu sein schienen und sogleich eifrig die Höhenzüge und Thäler unserer Personen explorirten. Dazu roch es, jedoch nicht nur hier, sondern überhaupt in dem ganzen Dorfe, wie nach einem Gemenge von faulem Käse und faulem Gemüse. Der Stoff, dem dieses scheussliche Odeur entquoll, war Mandrai, das landesübliche Brot, welches hergestellt wird, indem man die Nüsse des Iribaumes zu einem Brei zusammenbäckt und in Bananenblätter gewickelt auf einige Wochen in die Erde vergräbt, um ihn faulen zu lassen. Nur meiner Begeisterung für anthropologische Untersuchungen hatte diese höllische Nahrung es zu verdanken, dass ich meinen Ekel überwand und davon kostete. Der Geschmack war dem Geruch entsprechend.

Es wurde rasch dunkel, und ein langer Abend stand uns bevor. Wir hatten zwar eine Petroleumlampe mitgebracht, bei deren Licht wir lesen konnten, aber der Mandraigeruch trieb mich hinaus. Fröhliches Geschrei und das Fallen von Kokosnüssen lockte mich nach einer Stelle, von wo durch das Ricinusgebüsch unter den Palmen ein lodernder Feuerschein herüberdrang. Nach oftmaligem Stolpern fand ich den Weg dorthin.

Mehrere Männer waren beschäftigt, Arrowroot zu bereiten. In einem Korb lagen die kartoffelähnlichen Wurzelknollen der Amarantha, welche sie auf dem hierzu vortrefflich geeigneten Korallengerüst einer Fungia wie auf einem Reibeisen pulverisirten und in einem halb mit Wasser gefüllten ausgehöhlten Trog sammelten, um es zu schlemmen. Einer der Männer, welcher meine Wissbegierde begriff, zeigte mir die Bedeutung des Trogs, indem er mit der Hand hineinlangte und von dem Pulver heraufholte. Dazu assen sie Kokosnüsse und boten auch mir davon an.

Als ich in die Hütte zurückkam, war man mittlerweile zu dem unvermeidlichen Kawagelage geschritten. Trotz des Mangels an Sauberkeit, der überall auffällig war, that auch ich Bescheid. Hatte ich vorhin Mandrai gegessen, so konnte ich jetzt auch die zweifelhafteste Yankona trinken. Zum Glück wars zu dunkel, als dass ich von dem Vorgang des Brauens etwas zu sehen brauchte.

Lange noch, nachdem die neugierige Menge, die uns bisher Gesellschaft geleistet, sich verzogen, und wir selbst uns zum Schlafen niedergelegt hatten, sangen einige kräftige Stimmen drüben in der Nachbarhütte geistliche Lieder und hielten mich wach. Ich lauschte ihnen und fand abermals, dass die Kirchengesänge dieser Wilden entschieden mindestens ebenso melodisch klingen wie die unserer Bauern. Neugierig, wer denn die Urheber dieses Nachtkonzertes sein möchten, ging ich hinüber, kroch durch die Thüre und fand, als ich bei der spärlichen Beleuchtung die Gestalten allmälig erkannte, dass es unsere Burschen waren, die in sehr unandächtigen Stellungen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem Nacken gekreuzt und mit den Beinen in der Luft herumgaukelnd ihre frommen Lieder zu Ehren meiner Erscheinung mit doppelter Kraft zu brüllen begannen, während zwei Mädchen daneben sassen und stillvergnügt und stumpfen Gesichtsausdruckes mit Maultrommeln musizirten.

Als ich am nächsten Morgen mich erhob und ausging einen Bach zum Baden zu suchen, antichambrirte bereits draussen vor der Thüre eine ganze Reihe von Männern und Weibern mit Töpfen, Flaschen und Bündeln, lauter improvisirte Naturalienhändler, die mit uns ein Geschäft machen wollten. Der eine hatte ein paar zerzauste, halbgerupfte Papageien, der andere Schmetterlinge, deren Flügel nur mehr aus einigen Fetzen bestanden, ein dritter in einem alten Senftopf, der nicht gereinigt war, eine lebende kleine Schlange, die heftig darin herumfuhr und sich über und über mit den Senfresten beschmierte. Vogeleier halb oder ganz zerdrückt, Nester mit Eiern die nicht dazu gehörten, und womit man Herrn Kleinschmidt naiver Weise zu täuschen beabsichtigte, Käfer und Schnecken, jedoch kein einziges Exemplar ohne Beschädigung, viele Dinge, die unverletzt werthvoll, aber in den Händen dieser achtlosen Sammler vollkommen unbrauchbar geworden waren, alles Mögliche boten sie uns feil. Ein paar Mädchen kamen schlau lächelnd herbei und trugen grosse Töpfe, sorgfältig die Deckel zuhaltend, und als sie öffneten, wimmelten und krabbelten hunderte von grossen, schwarzen Schaben darin. Und da sie nun an uns keine Käufer fanden, entledigten sie sich sogleich, indem sie ihre Töpfe ausleerten, der ekelhaften Thiere, die nun nichts eiligeres zu thun hatten, als schaarenweise in unsere Hütte zu flüchten.

Es gab einige seltene Vögel hier. Mister Daymac ging auf die Jagd und schickte durch Jungen die erlegten, sowie er einen geschossen, an Herrn Kleinschmidt, der sie sofort abbalgte. Wir hatten zu dieser Arbeit einen Tisch mitgebracht, aber das Wetter sah trübe aus, hie und da fing es an zu regnen, und häufig mussten wir uns ins Innere der Hütte flüchten, wo man nur auf dem Boden arbeiten konnte, da die Fenster so niedrig waren, dass sie höchstens die untere Fläche des Tisches beleuchteten.

Ich selbst lief einigen Schmetterlingen nach, und ein Eingeborener, der schon den ganzen Vormittag mir gefolgt war, von Zeit zu Zeit, wenn ich mich umdrehte, mich freundlich angrinsend, ohne ein Wort zu sprechen, unterstützte mich leider in meinen Bemühungen. Vergebens suchte ich ihm begreiflich zu machen, dass er mir das Schmetterlingfangen überlassen solle. Sein Eifer mir zu helfen war unabweisbar. Fast jedesmal kam er, gewandter und flinker als ich, mir zuvor und schnappte mit seinen Händen meine Beute weg, um sie dann äusserst befriedigt mir zu überreichen, aber nie ohne sie in seinen täppischen Fingern gründlich ruinirt zu haben.

An der anderen Seite des Dorfes stand ein Ndrallabaum in Blüthe, ein Baum, der im alten Kalender der Vitis eine grosse Rolle spielt. Er gehört zu den wenigen, die alle Jahre ihre Blätter abwerfen, und ehe diese wieder sprossen, treibt er zuerst seine traubenförmigen Blüthen. Sie sind von einer merkwürdig blutrothen Farbe, an die mich später auf Hawaii im Krater des Vulkans Kilauea die kochende Lava des Feuersees lebhaft zurückerinnerte, und prangend in kahlem Astwerk, geben sie mitten in der vollen grünen Vegetation und zwischen den wogenden Palmen einen eigenthümlich fesselnden Anblick. Die Blüthe des Ndrallabaumes bezeichnete ehemals für die Insulaner den Anfang eines neuen Jahres und noch jetzt die Zeit, zu welcher Yams gepflanzt werden muss.

Am Nachmittag unternahmen wir einen Ausflug nach der anderen südlichen Seite der Insel, wo heisse Quellen entspringen sollten. Eine kurze, aber mühselige Wanderung über das Felsengeröll des Ufers, welches den Fuss eines vorspringenden steilen Hügels bildet, brachte uns nach dem Nachbardorf Taulalia, dessen Kirche ebenso wie früher gesehene mit weissen Muschelguirlanden behangen ist. Dann ging es nach links und in südlicher Richtung eine Bergschlucht hinauf, in deren vor den Winden geschützten Tiefen Brotfrucht- und Farnbäume wuchsen, zu beiden Seiten des Weges kunstvoll angelegte Tarosümpfe, die ein geschwätzig murmelndes Wässerchen berieselte.

Hoch oben auf dem Bergsattel, dem Hauptstrebepfeiler des Bukelevu zu unserer Rechten, von wo aus wir wieder vor uns und hinter uns die blaue See mit den herrlich violetten und grünen Korallenriffen und den weissen Schaumlinien erblickten, winkte uns zwischen Bananen eine kleine Ansiedelung, Nambali (vielleicht verwandt mit »Yarambali«), zur wohlverdienten Rast. Zum ersten mal fand ich hier das Innere der Hütten durch nicht ganz bis oben reichende Wände aus Flechtwerk in mehrere Gemächer getheilt, eine höhere Stufe des Baustyls. Dann kam der Abstieg, und rasch gelangten wir auf steilen und engen Pfaden hinunter, theilweise durch einen Forst mit eingestreuten Baumfarnen, wie er schöner selbst in Neuseeland nicht gedacht werden konnte. Eine einsame Hütte, ein paar scheue Mädchen, die eilig ins Gebüsch entfliehen, noch ein Stückchen Wald, ein Palmenhain und wir sind in dem grossen Dorf Dalingele.

Dalingele ist das ansehnlichste und sauberste Vitidorf, welches ich je gesehen habe. Der Häuptling, ein stattlicher Mann von höchstens vierzig Jahren, nur mit dem braungemusterten Sulu aus Tapa bekleidet, kam uns zum Willkomm entgegen.

Von allen bisher kennengelernten Häuptlingen schien dieser am meisten auf seine Würde zu halten. Im Hintergrund seiner Hütte, die durch einen Querbalken und etwas höhere Polsterung unter den Matten von dem übrigen Theile abgesondert war, durften nur er und wir niedersitzen. Vorne sass ein Dutzend Männer jeglichen Alters, seiner Befehle gewärtig, mit denen er nicht sparsam umging, vielleicht nur um uns zu zeigen, wie flink seine Untergebenen gehorchten. Blos ein Junge von etwa zehn Jahren schien das Privilegium strafloser Ungezogenheit zu geniessen und molestirte alle Uebrigen, selbst das Oberhaupt mit seiner frechen, ruhelosen Zudringlichkeit, indem er hier einem den Tabak aus dem Ohrläppchen oder aus dem Turban stahl, dort mit einem Feuerbrand herumfuchtelte und das Gebäude anzuzünden drohte, Alles was er sah für sich in Anspruch nahm und schliesslich auch auf unser Gepäck sein Augenmerk richtete, was er indess nach einer entschiedenen Zurückweisung aufgab. Vielleicht war der ungezogene Junge ein Vasu, jener Neffe des Häuptlings, dem in früheren Zeiten nach einer äusserst merkwürdigen, alten Rechtsüberlieferung der Vitis Alles gehörte, was dem Häuptling untergeben ist. Nur Männer sassen mit uns zusammen, die Weiber des Häuptlings hatten ihre Hütte nebenan für sich, wo sie kochten.

Wir waren gerade zu guter Stunde nach Dalingele gekommen. Denn für denselben Abend war ein grosses Festessen in Vorbereitung. In allen Hütten wurde eifrig gekocht und gepantscht und dabei nicht minder eifrig gelacht und geklatscht. Kokosnüsse, Taroknollen und Tiriwurzeln, Schweine und Hühner sah man in grossen Massen an Stangen von je zwei Männern durch das Dorf tragen und hie und da ganze Kolonnen solcher Träger einherziehen. Weiber mit Haufen frischgewaschener weisser Sulus kamen vom Bache zurück.

Der Priester der Gemeinde war ein Tonganer, und an ihm und seiner Frau sowie an dem achtjährigen Mädchen des frommen Paares, welches allein unter allen Kindern vollständig nackt herumlief, fiel mir zuerst die helle Hautfarbe dieser fremden Einwanderer auf. Es gab überhaupt viele Tonganer hier, und einmal, als ich arglos um eine Ecke biegend plötzlich einer Gesellschaft tonganischer Weiber gegenüberstand, war ich sehr betroffen, da ihre vergleichsweise blassen, fast pomeranzengelben Körper mir momentan den Eindruck machten, als ob ich entkleidete Europäerinnen überrascht hätte. Auch in Bezug auf ihre Gesichtsbildung waren sie wesentlich verschieden von dem Typus der relativ niggerhaften papuanischen Vitis und näherten sich stark den Zügen arischer oder semitischer Rasse. Besonders lebhaft steht mir noch heute ein Mädchen in Erinnerung, das mich durch seine Aehnlichkeit mit jener jüdischen Ladenmamsell frappirte, bei der ich in Hamburg meine Handschuhe zu kaufen pflegte. Ich sah sie zuerst am nächsten Morgen in der Kirche, wo sie züchtiglich das vorgeschriebene Busenschürzchen trug. Als der Gottesdienst aus war, paradirte sie mit einem Bananenblatt ihr orientalisches Lockenköpfchen beschattend so lange vor mir herum, bis ich sie zeichnete, und warf kokett das Busenschürzchen über die Schultern zurück, um mir den Anblick ihrer jungfräulichen pomeranzengelben Formen ungeschmälert zu gönnen.

Ehe die Dunkelheit hereinbrach, ging ich nach dem Badeplatz am Meeresstrand, wo ich grosse Gesellschaft fand. Durch einen wirklichen, echten Wald von Brotfruchtbäumen, in dem ich zum ersten mal einige unreife Brotfrüchte sah, nicht grösser als Pomeranzen, während noch überall Blüthen hingen, schlängelte sich wenige Schritte entfernt ein Süsswasserfaden, sehr bequem gelegen, um nach dem Bad im Meere das Salz von den Gliedern zu spülen. Der ganze Strand war voll von Männern, welche sich nach des Tages Arbeit zum festlichen Mahle wuschen und mit frischen weissblinkenden Sulus schmückten. Sie thaten sehr schamhaft. Denn keinem fehlte ein wenn auch noch so geringfügiges Suspensorium aus schmalen Tapastreifen um die Lenden geschlungen, der »Malo«. Viele gingen mit dem alten schmutzigen Sulu ins Wasser, um ihn danach, sorgfältig wie Weiber sich umblickend, mit dem neuen zu vertauschen.

Wo ich nur ging, folgten mir Kinder in respektvoller Entfernung, und blieb ich stehen und wendete ich mich um, liefen sie furchtsam davon. Als wir am nächsten Morgen die heissen Quellen, die kaum eine Viertelstunde entfernt an dem Wege nach Kamburiki im Mangrovesumpf des Ufers aus der Erde emportauchen, besuchten, waren sie indess schon zutraulicher geworden und trugen mir triumphirend meine Stiefel die ich ausgezogen hatte, Gegenstände ihres höchsten Ehrgeizes, auf Stangen voran.

Am Abend verkündete der weithin schallende Ton der hölzernen backtrogähnlichen Kirchentrommeln, der Lalis, welche zwei Jungen mit Klöppeln bearbeiteten, den Beginn des Festschmauses, und die Männer des Dorfes leere Palmblattkörbe tragend versammelten sich vor der Weiber- und Kochhütte des Häuptlings, um ihre ansehnlichen Rationen an gestobtem Schweine- und Hühnerfleisch, Taro und Pudding in Empfang zu nehmen. Auch wir erhielten unseren Antheil, alles zierlich auf Bananenblättern kredenzt. Messer und Gabel gab es nicht, man bediente sich nur der Finger. Der Pudding, ein einheimisches Nationalgericht, bestand aus einer klebrigen, sehr süssen Masse, die in Massawablätter eingewickelt und aus Taromehl und der zuckerhaltigen Tiriwurzel bereitet war. Dann folgte wieder das obligate Kawagelage.

Herr Kleinschmidt erfuhr, dass ein hochbejahrter und angesehener Häuptling von der Rewa, dem Flussdelta an der Südostecke der grossen Insel Vitilevu, sein alter Freund, seit einem Jahre in Dalingele wohne und kränklich sei. Wir gingen noch vor dem Schlafengehen ihn zu besuchen. Schon bei unserem Einzug in das Dorf waren mir zwei Gebäude durch hervorragende Grösse und geschmackvolle Bauart aufgefallen. Das eine war die Kirche, das andere das Haus jenes alten Häuptlings von der Rewa.

Die innere Einrichtung entsprach ganz dem Gepräge der Wohlhabenheit, das schon die Aussenseite trug. Ich trat zum ersten mal durch die Thüre einer Vitiwohnstätte, ohne mich bücken zu müssen, in einen hohen, weiten Saal, der das ganze Gebäude ausfüllte. Drei Feuer, um welche einige Weiber sassen, flackerten darin, und auf einer erhöhten Platform, welcher ein quergespannter Moskitovorhang aus kunstvoll gefilzter Tapa etwas Bühnenartiges verlieh, lag einsam und allein der ehrwürdige Greis, dem unser Besuch galt. Geflochtene Matten von ausgezeichneter Feinheit bedeckten den weichgepolsterten elastisch federnden Boden. Eine gewisse Feierlichkeit herrschte in dem düsteren, unbestimmt erhellten Raum. Wir schüttelten Hände, und ich wurde als grosser »Kauka Papalang«, europäischer Arzt, vorgestellt. Der Aermste hatte vor zwei Jahren die Masern gehabt und litt jetzt an Phthisis wie so viele Eingeborene seit der grossen Masernepidemie. Um den Kranken besser zu beleuchten, holte seine Frau eine Petroleumlampe herbei und gab sich alle Mühe, sie anzuzünden. Aber der Docht war hinabgerutscht, und sie konnte nicht damit zurechtkommen, so dass ich selbst die über und über schmutzige und verluderte Lampe in Reparatur nahm. Und aus dem Gelingen dieser meiner Bestrebungen erwuchs mir sofort ein neuer Ruf, und die Bewohner des Dorfes brachten mir am folgenden Morgen nicht blos ihre Kranken, sondern auch ein paar in Unordnung gerathene Petroleumlampen, um sie von mir kuriren zu lassen.

Nach Hause zurückgekehrt wurde nochmals Kawa gekneipt. Dann zogen wir Hose und Stiefel aus, wickelten davon ein Kopfkissen zusammen und uns selbst in Decken und streckten uns neben dem Häuptling zum Schlafe, über uns ein ganzes Arsenal verrosteter Flinten und zu unseren Füssen die wie Kraut und Rüben durcheinander liegenden nackten Untergebenen, welche fast die ganze Nacht husteten.

Trotzdem erwachte ich äusserst erquickt, als bereits die Trommeln zum Morgengottesdienst riefen, und Herr Kleinschmidt, mein liebenswürdiger Mentor, war schon aufgestanden und in der Küche nebenan beschäftigt Kaffe zu machen. Nach dem Bad ging ich in die Kirche, blieb aber nicht lange, weil meine Anwesenheit zu sehr die Andacht störte, versuchte eine Partie des schönen Dorfes zu zeichnen, porträtirte etliche Mädchen, kurirte kranke Menschen und Petroleumlampen und besuchte hierauf mit Herrn Kleinschmidt die nahen heissen Quellen.

Wenn nicht gerade Ebbe gewesen wäre, hätten wir diese gar nicht gesehen. Denn sie entspringen, drei an der Zahl, aus dem Boden des Mangrovesumpfes, welcher hier das Ufer bedeckt, noch unterhalb der Fluthmarke und bestehen aus je ein bis zwei Meter im Durchmesser betragenden Wassertümpeln von der Temperatur eines etwas heissen Fussbades, was ich feststellte, indem ich hineinwatete, da kein Thermometer zur Hand war. Die Umgebung wimmelt von Soldatenkrabben, welche hier rothe, nicht gelbe Scheeren wie sonst überall zu ihren Löchern herausstrecken. Dicht neben diesen drei Tümpeln führt der Weg nach Kamburiki durch den Mangrovesumpf, und hinter diesem steigen schroffe und kahle Felsen aus Lava empor. Wir hatten indessen nicht alle heissen Quellen zu sehen bekommen. Weiter gegen Kamburiki sind noch mehr vorhanden. Dies sagte man uns erst einige Stunden später, als wir bereits wieder auf der anderen Seite der Insel in unserem Standquartier angekommen waren.

Ehe wir Dalingele verliessen, sollten wir noch Zeugen eines Unfalles sein, der einem Weissen aus Wailevu beinahe das Leben kostete. Eben im Begriff aufzubrechen lockte uns der Ruf »Sail oh«, womit der Engländer und auch der ihn nachahmende Viti das Erscheinen eines Fahrzeuges zu begrüssen pflegt, auf den Strand. Ein europäisches Boot kam mit vollen Segeln vor dem Winde herangefahren. Es gehörte einem in Wailevu ansässigen Kaufmann.

Zwischen ihm und dem Ufer donnerte die Brandung über dem Barriereriff, nur die kleine, schmale Eingangsöffnung freilassend. Merkwürdiger Weise steuerte das Boot nicht in der Richtung dieser, sondern geradewegs auf uns zu, und ich war gespannt, wie das Manöver ablaufen würde. Da plötzlich bäumt sich das Boot, eine schäumende Welle, und es verschwindet mit Mann und Maus. Die Welle weicht zurück, den Kiel nach oben fällt das gekenterte Boot auf das Riff, ringsherum ein halbes Dutzend zappelnder Menschen, von der nächsten Welle ebenso rasch wieder verschlungen. Herr Kleinschmidt und ich, wir waren starr vor Entsetzen. Die Eingeborenen jedoch, Männer, Weiber und Kinder, an der Spitze der fromme Missionär, lachten und freuten sich des aufregenden Schauspiels, wie sechs Menschen draussen auf dem Riff mit den Wellen kämpften. Keiner dachte an Rettungsversuche. Und erst als Herr Kleinschmidt zornig auf sie losdonnerte, und den faulen Bonzen einen heidnischen Teufel schalt, halfen sie mir, ein altes Kanuu, welches am Ufer lag, ins Wasser zu schieben, und schwammen damit den Schiffbrüchigen zu Hülfe, welche glücklich alle mitsammt dem umgekehrten Boot an Land bugsirt wurden.

Der Kaufmann aus Wailevu, welchen der Unfall getroffen hatte, erfreute sich keines sehr guten Rufes, und als ich ihn eine Viertelstunde später seine schlechten Messer und fadenscheinigen Kalikos zum Trocknen ausbreiten sah, konnte ich mir wohl denken, warum man sich nicht allzu sehr zu seiner Rettung beeilen wollte.

Als wir bald darauf unseren Rückweg nach Dangai antraten und durch den Busch den Bergsattel hinan marschirten, hörten wir unfern von uns im Dickicht eine weibliche Stimme um Hülfe rufen. »O, da wird eben ein Frauenzimmer genothzüchtigt« sagte kaltblütig mein Freund, und wir mischten uns nicht weiter in die Angelegenheit. Wahrscheinlich handelte es sich um die Ausübung ehelicher Pflichten nach alter Vitiart, welche den Ehegatten vorschreibt, zu Hause getrennt zu leben und sich zum Zweck des Coitus im Walde draussen Rendezvous zu geben. Unter solchen Umständen würde eine ritterliche Intervention wenig Dank geerntet haben.

Am Nachmittag waren wir wieder auf der anderen Seite in dem schmutzigen, ärmlichen Dangai, dem Gegensatz des reichen und stattlichen Dalingele, und in unserer alten verräucherten Hütte.

Beim Nachbar gab es gegen Abend grossen Skandal. Er schlug seine Frau, warf sie unter Fusstritten sammt ihrem Säugling hinaus, lief ihr gleich darauf nach und entriss ihr nach heftigem Kampf, wobei sie ihn stark in den Arm biss, das Kind.

Eine Menge Gesindel, darunter auch der Missionär des nächsten Dorfes, der uns gleich im Anfang mit seinem Taro hatte anschwindeln wollen, trieb sich in gewinnsüchtiger Absicht um uns herum. Ein aussergewöhnlich magerer und schlanker, geschniegelter Kerl vom Typus des europäischen Friseurgesellen oder feinen Kellners, ins Viti übersetzt, schlich sich immer hinter mir her, um mich ungestört und allein zu sprechen, und machte mir in gebrochenem Englisch schändliche Anträge bezüglich seiner Schwestern oder Kousinen – das einzige mal, das mir derartiges auf Kandavu passirte.

Früh des folgenden Morgens, den 28. Juli, brachen wir auf nach dem Bukelevu, der heute im herrlichsten Wetter und frei von Wolken emporragte. Sechs Träger gingen gegen eine entsprechende Gegenleistung an Sulus, Angelhaken und Glasperlen mit uns.

Der Bukelevu oder Mount Washington ist kaum höher als 3000 Feet oder 915 Meter. Eine genaue Messung seiner Höhe existirte noch nicht, und man liest für ihn 2600, 2800, ja selbst 3600 und 4000 Fuss auf den Karten angegeben. Trotz der geringen Erhebung war diese Partie doch die beschwerlichste Bergbesteigung die ich jemals unternommen. Wir waren die zweiten Europäer, die den Bukelevu bestiegen. Im Jahre 1869 waren der Botaniker Seemann, ein Deutscher, und der englische Konsul Pritchard zuerst oben gewesen.

Abermals ging es über die beschwerlichen Felsblöcke des Ufers nach Taulalia. Von hier aus begann der Berg. Auf wohlgepflegten Pfaden zwischen niedrigem Buschwerk erreichten wir das etwa 300 Meter hoch gelegene Lomadsche, in welchem der schändliche Stutzer von gestern ein wenig verlegen mir wieder begegnete. Bananen- und Batatenpflanzungen, auch etwas einheimisches Zuckerrohr und der schöne grossblätterige Gebirgstaro begleiteten uns noch etwa 100 Meter aufwärts. Gleich hinter Lomadsche kamen wir an einem Yamsfeld vorüber, das eben angepflanzt wurde. Es war kaum ein Tagwerk gross, aber mehr als ein dutzend Männer waren damit beschäftigt, in der landesüblichen bummeligen Art die kleinen Hügelchen für jede Pflanze herzustellen. Sie hatten dabei europäische eiserne und einheimische hölzerne Hacken.

Die richtige, üppige Tropenwildniss stemmte sich uns entgegen. Hohes, schilfartiges, scharf in die Hände schneidendes Gras wechselte mit Busch, durch den kreuz und quer Schlingpflanzen sich woben und den Füssen Fallstricke legten. Doch schon vorher, noch im Bereich der Pflanzungen, hatte eine Stelle des Weges uns einen Vorgeschmack der zu überwindenden Schwierigkeiten gegeben. An einem mehr als senkrechten, das heisst nach innen sich einbiegenden Absturz, kaum zu erkennen vor Vegetation, hörte der Boden plötzlich auf. Unsere Führer luden sich ihr Gepäck auf den Rücken und kletterten, blos mit den Händen und hie und da auch den Füssen an den überhängenden Zweigen und Halmen sich festklammernd und fast frei in der Luft schwebend, horizontal an der ausgehöhlten Wand entlang, während von oben beständig Erdklumpen sich lösten und herabkollerten. Wir folgten ihrem Beispiel, nicht ohne Selbstbewunderung erfreut, als wir das Kunststück geleistet hatten. Und jenseits dieses halsbrecherischen Uebergangs wuchs noch Taro, und als wir am nächsten Tage zurückkamen, sah ich, wie ein altes Weib, mit einer Menge zusammengebundener Taroknollen beladen, sich an ihm entlang arbeitete. Dann ging es wieder bergauf und bergab, so steil wie nie zuvor. Es war ein heisser Tag, und auch unsere Schwarzen schwitzten, dass sie glänzten wie frisch lackirt.

Wir hatten Kawawurzel mitgenommen, und als wieder ein besonders glühender steiler Grashügel mit eingestreuten schwarzen Lavablöcken überwunden war, setzten wir uns in den Schatten einer Schlucht, in der ein schmutziger, gelbbrauner Wassertümpel, von unzähligen Moskitolarven bewohnt, versteckt lag, und liessen die Burschen kauen und Kawa in einer Schüssel, welche aus grossen Taroblättern improvisirt wurde, zubereiten. Noch mindestens zwei Stunden empfand ich die wohlthuende Kühle im Gaumen, die dieses vom Standpunkt europäischer Zimperlichkeit so ekelhafte, aber entschieden sehr erfrischende Getränk zurückliess.

Die Schlucht, in der eine angenehme Kühle herrschte, setzte sich in hohen Staffeln nach oben fort und erwies sich als ein vertrockneter Wasserlauf, durch den in der Regenzeit imposante Kaskaden herabstürzen mögen. Jetzt waren nur hie und da unter überhängenden Felsen einige schmutzige Tümpel übrig geblieben. In ihr stiegen wir etwa 200 Meter weit empor. Wir hatten vorsorglich ein starkes Tau mitgebracht, welches nun vortreffliche Dienste leistete. Unsere nackten Burschen machten sichs bequem, legten ihre Hüftenbekleidung ab und banden sie als Turban um die Stirne, so dass sie um die Hüften nur mehr mit dem schmalen Suspensorium bekleidet waren, welches jeder erwachsene Viti unter dem Sulu trägt. So kletterten sie die schlüpfrigen Felsenstaffeln hinauf und zogen uns und das Gepäck mit dem Tau nach. Wir kamen nur langsam Absatz um Absatz vorwärts. Aber das Fehlen von dichterem Pflanzenwuchs und die erquickende Kühle zwischen den feuchten, bemoosten Wänden, über die ein majestätischer Busch sich wölbte, erleichterten wesentlich diesen Theil der Besteigung. Unsere Wilden, denen wir Alles, selbst die Gewehre und Stiefel, übergeben hatten, um sämmtliche vier Extremitäten frei zu haben, jodelten laut vor Freude.