Wir bedauerten sehr, als die Schlucht oben aufhörte und wieder der Kampf mit dem Buschwerk bevorstand. Zwei Mann mit grossen Faschinenmessern wurden voran beordert, uns durch die Schlingpflanzen einen Weg zu bahnen. In einem langgezogenen Gänsemarsch wanden wir uns steil und mühsam in Schlangenlinien hinauf, wir beide Herr Kleinschmidt und ich zuletzt, in der egoistischen Absicht, die Gesammtwirkung der gemietheten sechs Paar Beine uns zu Nutzen kommen zu lassen. Beständig krachten die Zweige, oft stockte die Karawane, die Schwarzen jodelten jetzt nicht mehr, wir keuchten schweisstriefend, ohne ein Wort zu verlieren, einer hinter dem andern. Meine Geschwüre an den Füssen von den Korallenriffen her schmerzten in den steifen, nassgewordenen Stiefeln zu heftig, als dass ich sie anziehen konnte, und barfuss stiess ich mich jeden Augenblick an Wurzeln und Steinen, was aber immer noch erträglicher war.

Das Dickicht wurde verworrener und schlimmer, so schlimm, wie ich es selbst im Busch von Gavatina noch nicht gesehen, statt unserer Hoffnung, es würde mit der Höhe abnehmen, zu entsprechen. Wir verloren den festen Boden und marschirten nur mehr in krachenden Zweigen, Wurzeln und Lianen, lebenden und abgestorbenen, die wie das Gerüst eines Schwammes in allen Richtungen ineinandergewoben und an einzelnen Stellen so dicht und fest waren, dass bereits Erde sich in den Maschen angesammelt und einen Ausgangspunkt für neues junges Wachsthum gebildet hatte, tiefe Hohlräume unter sich lassend. Bald fielen wir, durchbrechend durch eine morsche Schlinge, etliche Fuss tief hinab, jedes Bein in ein eigenes Loch wirrer Vegetation, und hatten uns wieder herauszuarbeiten, bald kletterten wir nur mit den Händen, während die Beine baumelnd vergebens eine Stütze suchten, um einen überhängenden Wulst, der unter unserem Gewicht sich abwärts bog.

Wir wussten kaum noch die Richtung. Aufwärts, nur immer aufwärts. Wie sehr war ich überrascht, als ich einmal unter mich hinabblickte, und das Wirrsal von Aesten und Wurzeln auf dem ich stand, sich lichtete, und beinahe senkrecht unten in der Tiefe die blaugrüne See heraufschimmerte. Wir waren in einen Knäuel von Maschen gerathen, welcher an einer Felswand herabhing, und schwebten über dem Abgrund. Die schwindelnde Situation war jedoch lange nicht so gefährlich. Denn wären wir auch durchgebrochen, tausend Arme und Schlingen waren bereit, uns aufzufangen.

Endlich gewannen wir wieder Grund, und eine Stunde später waren wir oben auf dem Bukelevu. Wohl niemals war eine mühseligere Bergbesteigung mit weniger Genuss belohnt worden. Nirgends eine Aussicht, überall Bäume und Gebüsch, durch dessen Lücken kaum einzelne blaue Fleckchen des Himmels guckten. Blos das uneigennützige abstrakte Bewusstsein, dass wir auf einem Punkte standen, den vor uns nur wenige Menschen betreten hatten, war unser Preis. Vielleicht sogar waren wir die ersten Menschen hier oben. Denn unsere Diener behaupteten, die Seemannische Gesellschaft sei nicht weiter als bis zum letzten Absatz, eine Stunde tiefer, gekommen. Und von den Eingeborenen wird sich wohl keiner aus reinem Vergnügen hier herauf gequält haben. Dazu sind sie zu praktisch.

Die Sonne war schon hinabgesunken, der Abend brach herein, rauhe Winde fuhren durch die Wipfel, und die Luft war so kalt und so feucht hier oben, dass wir den Hauch vor dem Munde sahen und nach den eben gehabten Anstrengungen einen eisigen Frost in den Gliedern fühlten.

Eigenthümliche grossblätterige, mannshohe Pflanzen wuchsen allenthalben, deren Stengel so weich und wässerig waren, dass man sie wie Butter mit dem Messer durchschneiden und wegmähen konnte. Der Boden war überall nass, schwarz und moorig. Auf ihm mussten wir unser Nachtlager aufschlagen, eine trübselige Perspektive. Die sechs Wilden beeilten sich, ein Feuer anzuzünden, nicht etwa durch Reiben, sondern mittels moderner Zündhölzchen, und wir alle griffen zu Messern und Aexten, um Holz zu schlagen und Aushaue in verschiedenen Richtungen herzustellen, damit wir doch wenigstens, ehe es dunkel wurde, noch etwas von der Aussicht zu sehen bekamen.

Mit vereinten Kräften warfen wir uns auf die jungen Bäume und zerfetzten erbarmungslos ihre Zweige, und war ein Dutzend Laubkronen gefallen, so erhoben sich immer wieder noch ein paar Dutzend hinter ihnen, die uns den Blick begrenzten. Schliesslich waren wir zufrieden, als wir blos einen jämmerlich zersäbelten Baumstumpf etwa sechs Meter hinaufzuklimmen brauchten, um die Höhenzüge der Insel zu überschauen. Von hier aus entdeckte ich, dass wir uns mit der grössten Wahrscheinlichkeit auf der Umwallung eines alten, jetzt allenthalben mit dichtem und hohem Wald bedeckten Kraters befanden, dessen eine Hälfte gegen Osten, also gegen die Insel zu, durchbrochen und hinabgesunken war, während die andere im Westen, wo die Insel aufhörte, sich deutlich im Halbkreis zu uns, die wir an der nördlichen Kante standen, herumzog. Zugleich aber entdeckte ich, dass weiter südlich die Baumwipfel sich höher erhoben, und glaubte daraus den unliebsamen Schluss ziehen zu dürfen, dass wir uns noch nicht auf der höchsten Stelle des Bukelevu befanden.

Hierüber wollte ich mir klar werden. Ich nahm einen Schwarzen mit mir und versuchte, mit seiner Hülfe auf jenen Punkt zu gelangen. Als wir uns ungefähr eine Stunde geplagt hatten, häufig in überwucherte hohle Baumstämme versinkend, häufig in einem Dickicht uns festbeissend, das wir dann doch nicht bewältigen konnten und umgehen mussten, waren wir etwa hundert Schritt weit vorwärts gedrungen, ohne etwas zu sehen. Ich versuchte einen der riesigen Bäume zu erklettern. Alle Stämme waren dick mit Schlinggewächsen überzogen, so dass nirgends eine Spur der Rinde zum Vorschein kam. An den Ranken sich emporzuziehen war indess unmöglich. Sie gaben nach und brachen, und um an ihnen dennoch aufwärts zu kommen, dazu hätte ich vielleicht eine Stunde gebraucht. Meine Kräfte waren zu sehr erschöpft, als dass ich die Sisyphusarbeit hätte fortsetzen mögen.

Es wurde dunkel. Ein gewaltiger Hunger nagte in unserem Innern. Wir befahlen den Proviant auszupacken. Die sechs Burschen suchten in allen Bündeln und Säcken herum, einer stupfte besorgt den anderen, sie schalten sich und wurden verlegen und ängstlich. Aber auch uns wurde ängstlich zu Muth. Die verfluchten Kerls hatten wirklich den Proviant vergessen. Nur die Kaffebüchse hatten sie mitgenommen.

Da sassen wir nun mit knurrendem Magen, ärgerlich über unseren Leichtsinn, die Träger nicht Stück für Stück selbst beladen zu haben. Wonach wir uns schon seit mehreren Stunden so heiss gesehnt, lag unten in Dangai.

Zum Glück fand ich in meiner Hosentasche einige zähe Fasern Salzfleisch und mein Freund in der seinigen einen zerbröckelten Zwieback. Wir theilten redlich diese kostbaren Gaben des Zufalls und kochten Kaffe mit der bräunlichen Flüssigkeit des Moskitolarven-Aquariums in der Kaskadenschlucht, von dem wir unsere Wassergefässe gefüllt hatten, ohne die nahrhaften Bestandtheile derselben zu unterschätzen. In diesem bestand die einzige Erquickung von acht todtmüden und gierig hungrigen Menschen, ohne Aussicht vor sechszehn Stunden wieder zu etwas Essbarem zu gelangen.

Der Boden war so uneben, so voller knorziger Wurzeln und abgehauener spitz emporstehender Stämmchen und Zweige, dass sich kaum etwas herstellen liess, was wie ein molliges Lager zum Schlafen aussah. Farnkraut zur Polsterung gab es hier oben nicht. Wir mussten es also mit jenen eigenthümlich wässerigen Pflanzen versuchen, die ringsherum wuchsen. Aber der Saftreichthum dieser weichlichen Geschöpfe drang sofort aus allen Blättern und Stielen und verwandelte das Lager in ein klebriges Gemüse, sowie man sich darauf niederstreckte.

Unser Feuer war kaum in Brand zu erhalten. Das Holz war alles so grün und feucht, dass es nicht brennen mochte. Ich konnte nicht schlafen vor Kälte und zog es vor beinahe die ganze Nacht mit der Axt zu arbeiten, um mich zu erwärmen.

Die sechs nackten Burschen dagegen zeigten eine wahrhaft heroische Faulheit. Zähneklappernd, Grimassen schneidend und stöhnend kauerten sie sich zusammen, sahen mit grosser Befriedigung zu, wie ich Holz herbeischleppte und das Feuer schürte, und froren lieber bis zu förmlichen Konvulsionen als dass sie eine Hand gerührt hätten. Ich hatte ihnen meine Decke abgetreten, in die sich abwechselnd zwei zusammen wickeln durften. Die anderen mühten sich unterdess mit sehr komischen Experimenten ab, wie man durch gewaltsames Einschrumpfen und Verschränken der Glieder die Körperoberfläche am wirksamsten verkleinern und in den dünnen Sulu einhüllen könne. Eine dunkle Reminiszenz war es vielleicht, die ihnen schliesslich die Haltung des Kindes im Mutterleibe eingab.

Bald setzte ich mich auf einen Baumstumpf und stierte ins Feuer und horchte dem Sieden des Holzes zu und fluchte des vergessenen Proviants, bald ergriff ich wieder die Axt und zerfetzte eines der nächsten Bäumchen. Dann legte ich mich wieder, schläfrig geworden, in das Gemüse, stand aber gleich wieder auf und kletterte auf den Aussicht gewährenden Stamm um zu sehen ob im Osten noch kein blasser Schimmer heraufkäme, dann griff ich wieder zur Axt. So verging langsam diese ungemüthliche Nacht. Heisere Schreie ertönten aus der todesstillen Luft, als es eben anfing zu dämmern. Es mochten Möven sein, die bereits auf dem Wege waren und über unser Feuer erschraken.

Die milden Strahlen der Sonne hauchten neues Leben in unsere erstarrten Glieder. Herr Kleinschmidt und ich kletterten auf den Aussichtsbaum, um die Höhenzüge der Insel Kandavu zu zeichnen, was uns nicht wenig Ueberwindung kostete. Die Dienerschaft war darüber im höchsten Grad unzufrieden. Sie drangen heftig zum schleunigen Aufbruch, und einer ging in seiner naiven Unverschämtheit so weit zu behaupten, dass die Sonne gleich wieder untergehen würde.

Unsere Spuren von gestern brachten uns ziemlich rasch hinab. Jetzt da ich wieder in Schweiss kam, erwachten Hunger und Durst mit zehnfacher Energie und machten mich für die ganze herrliche Morgennatur unempfindlich. Ich litt an der fixen Idee eines Beefsteaks und etlicher Gläser Bier. Es war mir unmöglich an etwas Anderes zu denken, und die prachtvollsten Szenerien gingen eindruckslos an mir vorüber. Ich lechzte nach den braunen Pfützen der Kaskadenschlucht, und nervös und gierig und ohne ein Wort zu sprechen stürzte und stolperte ich die steilen Abhänge hinab durch die krachenden Zweige und Wurzeln.

Ich hatte schon vielfach Gelegenheit gehabt mich im Hungern zu erproben und glaubte mich ganz gut darauf zu verstehen, mehr als die meisten anderen Menschen, mit denen ich um die Wette gehungert. Herr Kleinschmidt aber übertraf mich weit. Wenn wir Tage lang im Busch herumgeklettert waren und Abends erschöpft nach Hause kamen, konnte er sich hinsetzen und ein halbes Dutzend Vogelbälge abziehen ohne ans Essen zu denken. Und auch jetzt musste ich ihn bewundern. Er schien viel weniger zu leiden als ich.

Wir waren glücklich wieder in der Kaskadenschlucht. Aber die braunen Pfützen von gestern, nach denen wir lechzten, schienen über Nacht vertrocknet zu sein. Wir guckten in alle Löcher und Spalten der Felsen. Nichts von trinkbarer Flüssigkeit liess sich entdecken.

Herr Kleinschmidt war etwas zurückgeblieben, und wir anderen warteten auf ihn, indem wir eifrig nach Wasser forschten. Es schien mir, einer der Träger in meiner Nähe hätte Wasser gefunden. Froh darüber rief ich ihm zu, mir davon zu bringen, und es entspann sich zwischen uns beiden folgendes Gespräch. Ich frage, einer längeren Satzbildung im Viti nicht fähig »Wai?« (Wasser?). »Singai« (Nein, nicht, kein, überhaupt allgemeine Negation). Ich glaubte nicht recht verstanden zu haben und frug nochmal »Wai singai?« (Kein Wasser?) Er »Jo« (Ja). Ich »Hele mai Wai« (Bring her Wasser). Er mit ärgerlicher Betonung »Singai, Wai singai«. Ich verwundert »Wai singai?«. »Jo«. Das war mir nun zu arg. Der Kerl wollte mich entweder mit meinem peinlichen Durst verhöhnen oder mir das gefundene Wasser vorenthalten. Ich kletterte zu ihm hinüber und brüllte ihn an so grob ich konnte »Hele mai Wai, Mbativuti« (Faulpelz). Er aber klebt unter mir an seinem Felsen mit der unschuldigsten Miene und antwortet abermals sein fatales »Wai singai«. Jetzt erst fiel mir ein, dass er ganz richtig meine in der Negation gestellte Frage mit »Jo« beantwortet, logischer als wir Europäer, die wir in diesem Falle »Nein« gesagt hätten. Meine Unkenntniss hatte ihm Unrecht gethan.

Endlich ganz unten fanden wir etwas fauliges Wasser. Es schmeckte ekelhaft, aber wir waren darüber doch so sehr erfreut, dass der Finder zur Belohnung eine Flinte abschiessen durfte, sein heissester Wunsch, um dessen Erfüllung er schon die ganze Zeit gebettelt hatte. Zwei Fächerschwänzchen flatterten in der Nähe neckend herum, und diese nahm er aufs Korn. Er traf natürlich nicht ein einziges der hübschen Thierchen, und mit leeren Händen, aber dennoch freudig grinsend und stolz kehrte er aus dem Gebüsch zurück, nachdem er beide Läufe losgeknallt hatte. Er wurde dafür zum »Tamata ndakai«, Meister des Schiessens, ernannt, ein Spitzname, der ihm wohl Zeit seines Lebens bleiben wird, und durch den er sich äusserst geschmeichelt fühlte.

In dem hochgelegenen Dorf Lomadsche angelangt konnten wir endlich auch unseren Hunger einigermassen stillen. Wir kehrten in einer Hütte ein und liessen uns Kokosnüsse und gekochte Schnecken geben.

Es war der in unseren Naturalienkabinetten noch so seltene und nur auf die Insel Kandavu beschränkte, hier aber massenhaft vorkommende Bulimus Seemanni, mit dem wir regalirt wurden. Abgesehen von der langgestreckten Form des Gehäuses erinnert er vielfach an unsere Helix Pomatias. Das Thier sieht ganz ebenso aus, und auch die Epidermis der Schale hat die Eigenschaft sich abzubröckeln, so dass der weissliche Kalk blossgelegt wird. Namentlich an den Hängen des Bukelevu scheint er besonders gut zu gedeihen und als Bewohner höherer Regionen eine stärkere und schlankere Entwickelung des Gehäuses zu zeigen wie in den übrigen weniger hohen Bergwäldern Kandavus.

Ein paar Weiber kamen vom Fischen zurück. Sie waren mit dem Blättergürtel, dem Liku, angethan. Zu Ehren unserer Anwesenheit beeilten sie sich, in einer Ecke dieses altmodische Kleidungsstück schnell mit einem moderneren Baumwollensulu zu vertauschen.

Als wir aufgetriebenen Leibes von den Kokosnüssen und Schnecken und mit qualvollen Bauchschmerzen unser Standquartier Dangai erreichten, verkündeten uns schon von ferne die fröhlichen Farben rother, gelber und grüner Federn, die rings um unsere räucherige Hütte gestreut den Boden bedeckten, dass Mister Daymac eine Menge Papageien zu unserer Nahrung erlegt hatte. Sie kochten bereits den ganzen Tag in einem der grossen Töpfe und bildeten nun, zu einem zarten mit Knochen durchspickten Fleischbrei aufgelöst, ein köstliches Mahl.

Der nächste Tag war ein Sonntag. In aller Frühe krochen die Mädchen des Dorfes aus ihren Hütten, sich festlich zu schmücken. Zuerst wurde draussen in der See ein Bad genommen, wobei sie züchtig den Sulu am Leib behielten. Dann setzten sie sich im Kreise zusammen und zerkratzten sich ihre kurzgeschorenen Häupter mit gestielten hölzernen Kämmen. Da auch ich ganz in der Nähe mit meiner Toilette beschäftigt war, kam eine derselben heran, mich um meinen europäischen Kamm zu bitten, und war sehr glücklich, als ich ihn gewährte. Ich hielt es für gut, ihn danach aufs Sorgfältigste durchzumustern. Eine andere lief nach unserer Hütte und holte sich unseren Wassereimer, den sie dann alle als Spiegel benutzten. Dangai ist eben ein so abgelegener und armseliger Ort, dass man von europäischen Artikeln ausser Sulus und Messern dort noch nicht viel kennt.

Jungen hatten unterdessen eine grosse Schüssel Kalkbrei gebracht, und alle lagerten sich um sie herum, ihre Häupter damit zu beschmieren, und mit den gespreizten Fingern beider Hände den Brei recht gleichmässig in die Haare zu kämmen, immer nach oben streichend, bis Haare und Brei zu einer festen Masse erstarrten und aussahen wie die Frisur einer Gypsbüste. Schliesslich steckten sie Diademe von Papageifedern in den noch weichen Stoff und beguckten sich im Wassereimer, indem sie übergeflossene Theilchen an der Stirn und am Nacken mit Stäbchen abschabten und dadurch scharfe Konturen herstellten. Die dunkelbraunen Gesichter kontrastirten gar merkwürdig mit der glänzend weissen Koiffüre.

Nach Beendigung dieser Prozedur banden sie frischgewaschene Sulus um, schlangen Blätterguirlanden um die Hüften und rothgefärbte Gräser gleich Strumpfbändern um die Waden und salbten sich den Körper mit Kokosöl auf eine ziemlich einfache Weise. Jede nahm ein Stück Kokosfleisch in den Mund und kaute es aus. Dann spuckten sie den milchigen Saft auf die Hände, rieben damit flüchtig Gesicht und Busen, Arme und Beine ein, und der Sonntagsstaat war fertig. Als es zwei Stunden später zur Kirche ging, entfernten sie die bunten Papageifedern aus der Kalkfrisur. Ihr Missionär würde solch frivolen Schmuck beim Gottesdienst übel vermerkt haben.

Man sagt, dass das Einkalken der Haare als Mittel gegen Läuse diene. Wenn dies wirklich der Zweck desselben sein soll, so kann ich mit aller Bestimmtheit behaupten, dass es nicht viel hilft. Denn ich fand gekalktes rothes Haar niemals weniger infizirt von Ungeziefer als ungekalktes schwarzes. Auch theoretisch ist nicht einzusehen, warum der Kalk, welcher den Korallenbänken entstammt und wohl nur sehr oberflächlich gebrannt zur Anwendung kommt, jenen ziemlich robusten Thierchen verderblicher sei als den Haaren. Ein stark gebrannter ätzender Kalk würde nicht nur die Läuse, sondern auch die Haare ruiniren. Vielmehr glaube ich, dass das Verfahren nur einen kosmetischen Zweck hat. Man will damit den schwarzen Haaren eine röthliche Farbe verleihen, die ja auch die Schönen der Tizianischen Zeit so sehr liebten.

Bei einer näheren Untersuchung unserer räucherigen Hütte entdeckte ich auf einem Brett unter dem Dache zwei alte aus Holz geschnitzte Lanzen. Ich bot dem Eigenthümer mein letztes Taschenmesser dafür und erhielt sie. Kaum hatte ich hierdurch meine Liebhaberei für Waffen kundgegeben, so erschien ein Anderer und brachte zwei Lanzen derselben Art, die noch viel schöner waren, als die ersten. Leider besassen wir nichts mehr an Tauschartikeln oder Geld, so dass ich auf die Acquisition verzichten musste. Auch ein prachtvolles grosses Stück bedruckter Tapa, welches mich sehr reizte, musste ich zu meinem lebhaften Bedauern wegen Entblössung von allen Mitteln zurücklassen.

Nach dem Frühstück begab ich mich an den Strand um noch schnell den Bukelevu zu zeichnen, ehe wir abreisten. Da versammelte sich natürlich wieder das ganze Gesindel der Jungen und Mädchen um mich und hörte nicht mehr auf, meine Kunst bewundernd »Ossibi, Ossibi« (schön) zu schreien. Sie wurden mir bald lästig und immer zudringlicher und dreister. Eines der Mädchen, unsere Nachbarin, eine hetärenhafte Person mit aussergewöhnlich groben und hastigen Manieren und ungezogenem Lachen, trieb die Frechheit so weit, sich ganz unverfroren auf meinen Rücken zu lümmeln. Ich zog ruhig mein grosses blankgeschliffenes Messer aus dem Gürtel, und im Nu stob die ganze Gesellschaft kreischend auseinander, um mir nicht wieder in die Nähe zu kommen.

Wir brachten unser Gepäck auf den Kutter und lichteten Anker. Während eine frische Brise uns vom Lande entfernte, strömten am Ufer die Eingeborenen der Umgebung schaarenweise in die Kirche nach Taulalia, von wo das Getrommel der Lalis zum Gottesdienst rief. Es war ein charakteristisches farbenreiches Bild, die hohen braunen Gestalten der graubebarteten Männer und die gypsköpfigen Weiber und Kinder alle in hellen, bunten Gewändern den glänzenden Strand dahinwandeln zu sehen, hinter ihnen das dunkle Gebüsch und die Palmen, vorne die grünblaue schäumende See und über dem Ganzen der strahlende blaue Himmel.

XVI.
LETZTE TAGE AUF KANDAVU.

Mit dem Kutter nach Namalatta. Ein kleiner Albino. Festgäste von Tavuki. Wieder im Hotel zu Wailevu. Packerei und Einkäufe. Der Regierungshäuptling. Ankunft der Zealandia und Gerichtsverhandlung. Das Inselchen Angaloa.

Meine Tage in Gavatina waren gezählt. Ich musste an den Abschied denken und einpacken. Am 4. August sollte der Dampfer von Neuseeland, er konnte aber auch früher kommen, und um ihn nicht zu versäumen, war es gerathen schon vom zweiten an in Wailevu auf ihn zu warten.

Herr Kleinschmidt gab mir das Geleite dorthin. Der Kutter brachte uns zunächst wieder in die Namalatta-Bucht. Auf dieser langweiligen Fahrt, die durch widrigen Wind und durch die von den Korallenriffen auferlegten Umwege beinahe einen ganzen Tag in Anspruch nahm, sah ich zum ersten mal eine Schildkröte im Wasser schwimmen und schlafen. Nur die Schnabelspitze und der oberste Theil ihres Rückenschildes ragten daraus hervor. Sie wachte gerade noch rechtzeitig auf um den gierigen Nachstellungen unserer Burschen zu entgehen. Ein Ruck, und sie war verschwunden. Bald darauf sah ich auch meinen ersten kleinen Walfisch in diesen Gewässern. Es war ein sehr lustiger Walfisch, der sich damit amüsirte, aus dem Wasser in die Höhe zu schnalzen, so nahe unserem Kutter, dass wir die von dem ungeschlachten Thier erregten Wellen fühlten.

Während Niketi über Land nach Wailevu geschickt wurde um ein grösseres Boot entgegenzubringen, sah ich mir die Ortschaft Namalatta an. Sie bot nichts aussergewöhnlich Merkwürdiges. Ein grosses Doppelkanuu mit einem Häuschen darauf lag am Strande. Vor einigen Hütten waren noch ganz frische Töpferwaaren zum Trocknen ausgebreitet. Ich konnte indess keine Lehmgrube entdecken, aus welcher das Material dazu stammte. Unter den Kindern, die mir auf Schritt und Tritt folgten wohin ich ging, befanden sich mehrere, welche Leinwandbinden an beiden Oberarmen trugen. Der Doktor war erst kürzlich hier gewesen und hatte sie geimpft. Unter ihnen sah ich einen kleinen Albino, dessen rosenfarbige Haut, blonde Haare, bläuliche Augen mit entzündeten Lidern und skrophulös gedunsene Lippen eben so gut einem deutschen Bauernjungen angehören konnten. Es war aber ein echter Viti, wie ich in Wailevu auf meine Nachfrage erfuhr. Er schien ganz besonders furchtsam zu sein, und es gelang mir nicht seiner zu näherer Betrachtung habhaft zu werden. Die anderen Jungen versuchten zwar, ihn mir zu Liebe festzuhalten, wobei sie beständig »Papalang lailai« (kleiner Europäer) schrieen. Aber er riss immer wieder aus. Später auf Hawaii habe ich ganz denselben germanischen Typus bei einem albinen Kanaka beobachtet.

Das Boot liess lange auf sich warten, und der Abend brach herein ehe es kam. Als wir noch immer am Strande ungeduldig die Rückkehr unseres Abgesandten erwarteten, erschienen um die linke Ecke der Bucht mehrere Kanuus mit festlich geschmückten Eingeborenen. Heute war zu Tavuki die Ueberreichung des Zehnten an die Missionäre vor sich gegangen und durch ein grosses Meke Meke gefeiert worden. Es sollten hundert Tänzer daran Theil genommen haben. Dieses Meke Meke war aber gewiss lange nicht so schön und echt gewesen, wie jenes, dem ich vor vierzehn Tagen zu Go Kandavu beigewohnt hatte. Denn vor den frommen Missionären durfte nur in züchtiger Gewandung getanzt werden, ein geschmackloser Anachronismus. Bald sah ich auch einige äffisch geputzte Frauenzimmer den Kanuus entsteigen. Männliche Wilde in europäischer Tracht sehen nicht übel aus. Weiber aber in gestärkten Unterröcken, wie ich deren hier sehen musste, haben etwas so widerlich Affenartiges an sich, dass selbst die schönste Gestalt unerträglich wird. Zur Frömmigkeit scheint eben immer ein gewisser Grad von Hässlichkeit zu gehören. Glücklicherweise können nur wenige Insulanerinnen sich den Luxus von gestärkten Unterröcken erlauben, und es war hier das einzige mal, dass ich deren gleich mehrere sah. Die Frauenzimmer gehörten zur Familie des Oberhäuptlings in Wailevu. Die Männer hatten sich, um möglichst schlau und verwegen auszusehen, die Gesichter geschwärzt. Sie machten damit keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck, waren aber sehr zahm und fürchteten sich vor mir, da es dunkel wurde. Die meisten Vitis fürchten sich in der Dunkelheit.

Es war bereits Nacht, als endlich das Boot von der anderen Seite gemeldet wurde, und wir trugen unser Gepäck hinüber. Der Vollmond war aufgegangen, und unendlich schön wogten in seinem Licht die Palmen des Isthmus Yarambali. Unten aber in den schwarzen Dickichten des Buschwerks zogen einsame Leuchtkäfer ihre funkelnden Kreise, schnell erlöschend, sobald sie das helle Gebiet des Mondes betraten.

Als wir das schwerbeladene Boot über die Sandbänke der Angaloa Bai schoben, leistete einer unserer Burschen ein Kunststück, welches alle Achtung verdient. Er blieb plötzlich stehen, tastete mit dem Fusse auf dem Grunde herum, hob ihn auf und brachte einen Sohlfisch zum Vorschein, den er mit den Zehen gefangen hatte. Da er hungrig sein mochte, verzehrte er ihn sofort sammt den Gedärmen. Eine Stunde später erreichten wir unser Ziel.

So war ich denn wieder im Hotel zu Wailevu, diesmal um definitiv Abschied zu nehmen von dem fröhlichen, glücklichen, nackten Insulanergesindel. Wieder besuchte ich den Doktor und sass bei Laternenschein in seinem windigen Studirzimmer. Leider war ihm mittlerweile sein köstlicher Rheinwein ausgegangen. Wieder sah ich Charly und den anderen Landsmann und die ganze übrige versoffene Bande, sah auch die drei verunglückten Seeleute wieder, welche auf Rechnung des amerikanischen Konsuls von Levuka nach San Francisco gebracht werden sollten, und der Mexikaner hatte sich mit dem Wirth versöhnt und spielte wieder seine internationale Musik auf allen Thüren und Holzwänden. Nur den alten Bonner Studenten und jetzigen Polizeisergeanten sah ich nicht wieder. Denn er hatte sich gestern mit einem Freunde geprügelt und lag mit verschwollenem blauem Gesicht zu Hause im Bett.

Der lästigen Pflicht des Einpackens genügend hätte ich es beinahe ernstlich mit der braunen Stubenmagd verdorben. Die vielen nicht sehr reinlichen und geruchlosen Naturalien, die ich in meinem Zimmer ausbreitete um sie zu ordnen und in Kisten zu vertheilen, erregten ihr grosses Missfallen, und jedesmal so oft sie mit der Suluka im breiten Maul eintrat und den Platz immer noch nicht für ihre Arbeit frei fand, blitzte sie mir tadelnde Blicke aus ihrem stupiden Antlitz zu, zog sich zurück und schimpfte.

Bald war das Hotel wieder eben so voll von Betrunkenen wie bei meinen früheren Besuchen und bot zuweilen Szenen dar, als ob es ein Narrenhaus wäre. Unter den Betrunkenen befanden sich zwei Mischlinge, deren einer in der englischen Midshipman-Uniform steckte. Den Vollbluteingeborenen geistige Getränke zu verabreichen ist von der Regierung wohlweislich strenge verboten, und die Ganzwilden sind in der Regel nüchtern. Eine Beimischung weissen Blutes scheint hiervon zu dispensiren. Der Midshipman gehörte zur Besatzung des Vermessungsschooners und war mit einem älteren Matrosen herübergekommen, um auf Briefe zu warten. Der Andere, ein schöner und stattlicher Mann, gerieth mit dem verunglückten Norweger in Streit und forderte ihn zu einem Fight heraus. Dieser aber zog sich feige zurück, indem er behauptete, es sei unter seiner Würde, mit einem Nigger loszugehen. Sich von ihm treaten zu lassen hatte er nicht unter seiner Würde gehalten. Es war nun komisch aber keineswegs vortheilhaft für den Weissen zu beobachten, wie der ritterliche Halbwilde todesmuthig und unermüdlich vor dem Hotel seine Herausforderung wiederholte, und wie sein Gegner, der Norweger, der es nicht mehr wagte ins Freie zu treten, ihn durchs Fenster hartnäckig für einen Nigger und satisfaktionsunfähig erklärte.

Der Levukadampfer erschien und warf Wailevu gegenüber Anker. Auch auf ihm gab es eine grosse Zecherei, wobei es so lustig herging, dass am anderen Morgen im Salon eine kleine Ueberschwemmung angerichtet und Spiegel und Fenster zerschlagen waren. Offiziere und Passagiere hatten sich erst damit amüsirt, durch das Decklicht Wasser auf die Untensitzenden zu giessen und schliesslich sich ein wenig geprügelt.

Bei jenem Kaufmann, der damals in Dalingele beinahe ertrunken wäre, machte ich noch einige Einkäufe. Er hatte seinen Laubhüttenladen mit allen möglichen Vitimerkwürdigkeiten für die von den Dampfern zu erwartenden Fremden kompletirt. Namentlich fiel mir eine Menge verschiedenst gestalteter Keulen auf. Die Eingeborenen müssen diesen Artikel ehemals in ungeheurer Anzahl produzirt haben, da es davon noch so viel giebt. Er hatte auch Photographien von Insulanern, die in Levuka gefertigt waren. Leider fand ich darunter nur wenige gute und typische.

Ich lernte den Regierungshäuptling der Insel kennen, einen Mann in den Vierzigen mit grauem Schnurrbart, Wangen und Kinn rasirt. Ein blaugestreiftes feines Hemd und ein dunkel gemusterter Sulu aus Tapa waren seine Bekleidung. Als weitere Konzession an die Kultur trug er einen Papierkragen um den Hals. Die Beine und Füsse waren nackt wie bei allen Anderen. Man sagte ihm, dass ich derselbe sei, der seinen Freund in Dalingele, den alten Häuptling von der Rewa, behandelt habe, und zum Zeichen seiner Anerkennung hierfür schenkte er mir ein Stück zartester weisser Tapa, welches lose geschürzt um seine Schultern hing. Er hatte ein Frauenzimmer bei sich, eine Tonganerin, deren Kostüm eine wunderbar effektvolle Farbenzusammenstellung zeigte. Die eigenthümlich gelbbraune Haut der Büste und der blossen Arme und Beine, das Haar hellglänzend gelb von hineinfrisirtem Kalk, das hellblaue Busenhemdchen und der frischgewaschene weisse Sulu mit schwarzem Franzengürtel um die Hüften machten sie zu einer äusserst malerischen Erscheinung. Wenn doch einer unserer modernen Farbenvirtuosen zugegen gewesen wäre diese weichen harmonisch gestimmten Töne festzuhalten.

Auch einen weissen Herrn aus Levuka lernte ich kennen, der viel in Inselpolitik zu machen schien. Man sollte kaum glauben, welche Menge von politischer Leidenschaft auf dem kleinsten Fleckchen Erde ihr Spiel treibt. Jener weisse Herr war ein wüthender Gegner des Gouverneurs und der Missionäre. Ich weiss nicht mehr Alles, was er mir erzählte. Einiges aber war so interessant, dass ich es behielt. Er behauptete, was ich indess schon öfters gehört hatte, England habe die Kolonie nur widerwillig und gezwungen durch die ewigen Streitigkeiten zwischen den Europäern und dem König Thakombau an sich genommen und wäre froh, sie wieder los zu sein, Viti habe bisher blos schweres Geld gekostet, ohne einen erheblichen Nutzen zu bringen.

Das Kolonisiren scheint jetzt überhaupt schwieriger zu sein als früher. Früher kümmerte man sich nicht viel um die Rücksichten der Humanität, und die Geschichte wohl jeder Kolonie beginnt mit Gewaltakten und Unterdrückung der Rechte der Eingeborenen. Seitdem die mächtig gewordene öffentliche Meinung laut ihre Stimme zu Gunsten der Menschlichkeit erhebt, seitdem man gezwungen ist, die Landkäufe und die Beschaffung von Arbeit auf ehrliche Weise abzumachen, rentirt sich das Anlegen neuer Plantagen nicht mehr wie früher, und nur auf jenen Inseln der Südsee steht der Handel in höherer Blüthe, auf denen der Kuli-Import noch in der Stille und unkontrolirt fortgetrieben werden kann.

Es ist eine interessante Erscheinung dort, dass die Eingeborenen auf ihren eigenen Inseln sich weigern, mehr als das Nöthigste zu arbeiten, dass sie aber als Kulis auf fremde Inseln versetzt, ganz gute fleissige Arbeiter werden.

Verwandt mit dieser Thatsache dürfte jene andere sein, dass auch der deutsche Handwerker, aus seinem heimathlichen Schlendrian in das frischere amerikanische Medium versetzt, nicht mehr billig und schlecht, sondern ausgezeichnet und jeglicher Konkurrenz gewachsen produzirt. Er bringt die besten Anlagen mit sich auf die Welt, aber im Sumpfe der Alltäglichkeit und des Herkömmlichen bleiben sie unentwickelt, die Zünftigkeit äussert ihren nivellirenden Einfluss und hält jede freiere Regung zum Besseren nieder. Gleichwie in der Entstehung der Arten, so spielt auch in der Kulturgeschichte der Menschheit Isolirung eine wichtige Rolle. Und erst wenn das Experiment der Isolirung zur Genüge angestellt ist, wird man im Stande sein, zu entscheiden, wie viel Berechtigung in dem oft gebrauchten Schlagwort von der Kulturunfähigkeit der sogenannten niedern Rassen steckt.

Die Zealandia kam pünktlich zur bestimmten Zeit von Sydney her eingelaufen. Schaarenweise ergossen sich die Passagiere ans Land. Jetzt wars aus mit der schönen Idylle. Glatt geschniegelte Gentlemen und geschminkte Ladies wohin man blickte. Auch der Kapitän, ein dicker kurzer aber sehr gravitätischer Herr, erschien in voller Uniform, einen Regenschirm unterm Arm, so dass er aussah wie der Amiral Suisse. Leider erfuhr ich die Veranlassung seines pompösen Auftretens zu spät, als sie bereits vorüber war. Es fand nämlich eine Gerichtsverhandlung gegen ihn und den Agenten statt. Er war beschuldigt auf einer früheren Fahrt mehrere Insulaner von Kandavu zur Ergänzung seiner theilweise desertirten Mannschaft nach San Francisco mitgenommen und sie zwar richtig wieder zurückgebracht aber nicht bezahlt zu haben. Jetzt wurde er genöthigt dieses Versäumniss nachzuholen. Als Gerichtssaal fungirte die grösste Laubhütte Wailevus, und um das Gericht abzuhalten, war eigens ein weisser Justice mit zwei Schreibern aus Levuka herübergekommen.

Wailevu gerade gegenüber liegt die kleine, palmengekrönte Insel Angaloa, grösstentheils das Besitzthum der Pacific Mail Steam Shipping Company, welche auch dort am Ufer ihre Office hat, was sehr unbequem ist, da man so nur mittels eines Bootes zum Agenten Mister Woods, dem ehemaligen Premierminister Thakombaus, gelangen kann. Ich fuhr hinüber um ihm, dem grossen Staatsmann einer interessanten Vergangenheit, mein Ticket zu zeigen und mich für die City of New York einschreiben zu lassen. Dann sah ich mich ein wenig auf dem Inselchen um. Hinter der Office ist ein lobenswerther Anfang von Spazierwegen den Hügel hinauf gemacht, und auf der entgegengesetzten Seite fand ich unten ein hübsches Dorf, in dem die Weiber eifrigst beschäftigt waren, Tapa zu klopfen, wahrscheinlich um sie noch zu Markt auf die Dampfer zu bringen. In einer tiefeinschneidenden seichten Bucht, deren Zusammenhang mit der See das prangende Grün eines Mangrovesumpfes versteckte, lagen mehrere Kanuus, und eine Menge von Hühnern und Schweinen gaben Wohlhabenheit kund. Das ganze Dorf ist gegen das Land mit einem Zaun umgeben. In einem schmutzigen Süsswassertümpel lag badend ein alter gebrechlicher Mann.

In Wailevu gab es von nun ab jeden Abend Kawagelage und Meke Meke für die Passagiere der Zealandia, welche auf die von Neuseeland her fällige City of New York warteten, um die Reise nach Osten fortzusetzen. Es scheint sich auf diese Art den Eingeborenen ein neuer Erwerbszweig zu entwickeln.

XVII.
VON KANDAVU NACH HONOLULU.

Gang der Reise. Abermals die schmähliche Knauserei der Pacific Mail Steam Shipping Company. Der Obersteward und sein Servirreglement. Die Aequatorkalmen. Die Passagiergesellschaft. Ausflüsse der Langweile. Zwei Bonzen englischer Rasse.

Erst am frühen Morgen des 6. August erschien endlich die City of New York die mich nach Honolulu bringen sollte. Sie hatte in Neuseeland an der Barre von Port Chalmers wieder Schwierigkeiten und Aufenthalt gehabt. Daher die Verspätung.

Ich verabschiedete mich von Herrn Kleinschmidt, dem ich so grossen Dank schuldig war, nahm ein Boot und schiffte mich ein, was leichter und schneller ging als ich in Anbetracht der vielen Passagiere, die mit Sack und Pack von der Zealandia herüberwimmelten, erwartete. Meine sieben Kisten wurden diesmal merkwürdiger Weise ohne jegliche Schikane untergebracht. Bald darauf dampften wir aus der Angaloa Bai, die schönen Palmenhaine und Wilden hinter uns lassend.

Wir gingen in einem weiten Bogen um die südöstliche Ecke der Vitigruppe herum und nahmen dann einen nördlichen Kurs. Hie und da sah man links die fernen Bergkonturen einer der Inseln. Zwischen Viti und Samoa zieht sich die Datumgrenze des Stillen Ozeans hin. Da wir nach Osten also gegen die Sonne fuhren, musste gleich hinter Viti ein Tag eingeschoben werden. Wir zählten zweimal den 6. August, welcher ein Sonntag war.

Es hiess, der Kapitän beabsichtige durch die Samoagruppe zu steuern. Wind und See wurden jedoch heftiger, so dass wir sie rechts liegen liessen. Am Morgen des dritten Tages, als ich noch schlief, sollte ein Stück davon in Sicht gewesen sein.

In der Nacht darauf passirten wir eine isolirte kleine Insel, welche die Offiziere Swains Island nannten, und auf welcher man ein Feuer bemerkt haben wollte. Dieses Feuer erwärmte die Phantasie der müssigen Passagiere zu den fabelhaftesten Geschichten. Selbstverständlich war das Inselchen von gräulichen Kannibalen bewohnt. Durch das Feuer dachten sie uns vielleicht zum Scheitern zu verlocken. Andere glaubten, dass dort ein Kriegstanz aufgeführt worden sei, und wieder Andere hatten vielleicht einen Menschen braten sehen. Von nun an bis Honolulu erblickten wir nicht die Spur eines Landes mehr, obwohl wir die Inselschaar Polynesiens mitten durchkreuzten.

Am 11. August hatten wir Mittags 48 Minuten nördlicher Breite. Wir hatten somit den Aequator kurz zuvor überschritten. Am 14. August stand die Mittagssonne ungefähr senkrecht über uns, und am Abend vor unserer Ankunft in Honolulu sah ich meinen alten nordischen Freund, den grossen Bären, wieder.

Die City of New York machte im Anfang einen besseren Eindruck als ihre vollständig gleichgebaute Schwester die City of San Francisco, mit der ich von Auckland gekommen war, vielleicht blos deshalb, weil keine Mongolen sondern Weisse und Neger sowie Mischlinge beider in der Kajüte bedienten. Es dauerte indessen nicht lange, bis auch hier aus allen Dingen die kleinliche Sparsamkeit der Pacific Mail Steam Shipping Company guckte, welche auf der australischen Linie schlechte Geschäfte macht.

Das Matrosenvolk zählte kaum zwanzig Köpfe und bestand nur aus Chinesen, die mit einem eigenthümlich schrillen Geheul und mit nervöser Hast an den Tauen rissen. Es scheint etwas Unruhiges und Zappeliges in der Mongolennatur zu liegen. Die Heizer waren natürlich auch nur Chinesen, lauter echte, niederträchtig hässliche Sklavengestalten. Diese Mongolen mögen ganz brauchbare Lastthiere sein, als Matrosen aber erwecken sie kein Vertrauen. Im Fall eines Unglücks werden sie sich stets als feiges, jeder Ehre und jeden Pflichtgefühls baares Gesindel zeigen, was erst unlängst die Strandung eines Dampfers der Pacific Mail an der peruanischen Küste glänzend bewiesen hat.

Die Mahlzeiten waren eben so schlecht und ungenügend wie auf der City of San Francisco. Auch hier beherrschten die kleinen amerikanischen Schüsselchen mit lauter Nichtschen darauf das Menü. Man erreichte sein Verlangen den gesunden Seeappetit zu stillen nur selten. Die ganze Gesellschaft blickte auch hier oft gierig Tafel auf Tafel ab, wo noch etwas zu erhaschen sein möchte, und feindliche Gesinnungen entwickelten sich in diesem Kampf ums Dasein.

Es wurde kein Eis zum Getränk verabreicht. Wir mussten mit warmem, nicht selten unfiltrirtem, trübem und rostigem Wasser dem mit steigender Hitze anwachsenden Durst gerecht zu werden suchen. Um diese schmähliche Knauserei in der Verpflegung, die sich »erster Klasse« nannte und auf den Programmen der Agenten bombastisch gepriesen wurde, gebührend zu würdigen, ist zu betonen, dass wir unter amerikanischer Flagge fuhren, und dass nach amerikanischen Begriffen Eis zu den gewöhnlichsten Bedürfnissen selbst des Aermsten gehört. Ich glaube nicht, dass durch solch peinliches Sparsystem die Verluste der Kompagnie merklich erleichtert wurden. Ich wünsche ihr im Interesse des Verkehrs alles mögliche Gute. Aber eine volle Passagierzahl möchte ich ihr niemals wünschen. Dies wäre inhuman. Obgleich noch etwa ein Viertel der Kabinen unbesetzt war, hatten wir schon genug an Raumbeschränkung zu leiden.

Wie ganz anders ist es dagegen auf den Atlantischen Postdampfern, mit denen sich diese Pacifischen überhaupt in keiner Weise vergleichen lassen. Wir legten niemals 300 Seemeilen in einem Tage zurück trotz des günstigsten Wetters, und was wir durch den Passat an Segelkraft gewannen, wurde gleich wieder an den Kohlen gespart. In den Kalmen machte sich das bedeutende Obergewicht des hoch aus dem Wasser ragenden Schiffes empfindlich geltend, indem es scheinbar ganz unmotivirt niemals aus einem langweiligen trägen Hin- und Herrollen kam, so dass es viel Seekrankheit gab bei einer so ruhigen glatten See, wie man sie auf dem Nordatlantik selbst im Sommer selten sieht. Eine Winterfahrt in jenen rauhen Gewässern würde unser Steamer wohl kaum mit heiler Haut überstanden haben.

Wenn auch die weissen, halbweissen und schwarzen Aufwärter im Salon nichts an Diensteifer zu wünschen liessen, so war doch niemals Ordnung und System bei Tisch. Der ganze Salon war voll, und Streitigkeiten um die Plätze hörten mehrere Tage nicht auf. Der Obersteward, ein brutaler tyrannischer Quarderone, that was er wollte. Er kujonirte seine Untergebenen in der schauderhaftesten Weise, ohne den Passagieren damit zu nützen, und hatte ein raffinirt militärisches Reglement des Servirens eingeführt, welches jedoch nur durch seine komische Seite uns zu Gute kam.

Alle Bewegungen des Personals wurden durch Glockenschläge dirigirt. In der Mitte des Buffets stand wüthend die Augen rollend der Feldherr und lenkte die Schlacht. Erster Glockenschlag – die Aufwärter ergreifen jene ominöse Menge von Schüsselchen und stellen sich in zwei Reihen auf. Zweiter Glockenschlag – sie setzen sich in Bewegung und marschiren jeder an seinen Tisch. Dritter Glockenschlag – sie beugen sich vor und erwarten ängstlich schwitzend den vierten Glockenschlag – der ihnen gestattet, sich ihrer Last zu entledigen. Die Theilung der letzten zwei Momente durch eine längere Pause war ein sehr beliebter Scherz jenes Viertelsnegers, und gewöhnlich schüttelten uns dabei die durch die unbequeme Stellung, das Rollen des Schiffes und die Hitze gequälten Opfer seiner Laune einen förmlichen Schweissregen in unsere Teller. Was für elende Subjekte mussten diese Stewards sein, dass sie sich Solches gefallen liessen.

Wir hatten Viti unter Regen und drückender Treibhausschwüle verlassen, dann waren einige schöne, lachende Passattage gekommen, und jetzt unter der Linie litten wir abermals an unerträglicher Hitze und Dunstigkeit. Bleifarbene Wolken bedeckten den Himmel, und bleifarben wogte schwerfällig die See. Das Schiff hörte niemals zu rollen auf, und öffnete man im Salon ein Fenster, flugs leckte gurgelnd eine Welle herein, begoss die Nächstsitzenden und nöthigte die Ladies zu einem Schrei des Entsetzens. Nie ist mir das Reisen saurer geworden als damals.

Nicht einmal die Wohlthat eines erquickenden Bades konnte man auf dieser City of New York geniessen. Die Badezimmer empfingen von dem hinter ihnen durchgehenden Maschinenraum so viel Hitze, dass sie unübertreffliche Schwitzkästen waren. Die einzige Möglichkeit sich abzukühlen bestand darin, dass man vorn an der äussersten Spitze des Deckes den Wind, welchen die Fahrt des Schiffes selbst erregte, an sich heraufströmen liess.

Dort fehlte es auch sonst nicht an allerlei Unterhaltung. Jede Minute scheuchten wir fliegende Fische auf, die rechts und links aus dem Wasser emporschwirrten und über die nächsten Wellen undulirend dahinflogen, stets in der Haltung eines Vogels, der sich niedersetzen will und um den Flug zu hemmen die Flügel nach vorne stemmt. Oder es kamen lange Züge von Tümmlern herangewälzt, begleiteten ein paar Stunden das Schiff und setzten dann wieder ihre ursprüngliche Richtung weiter.

Ich that einen glücklichen Griff, indem ich mir statt einer der überfüllten aber nobleren Kabinen unten im Salon die vorderste oben gleich neben der Küche und den Vieh- und Hühnerställen geben liess, und zwar rechts auf der Windseite. Es waren sechs Kojen darin, ich bekam aber nur einen einzigen Genossen, einen jungen Kaufmann aus Levuka, der die unschätzbaren Vorzüge hatte, des Morgens die Kabine sofort für den ganzen Tag zu verlassen, nicht seekrank zu sein und nicht einmal zu schnarchen. An Ventilation war hier kein Mangel. Der frische Passat strömte direkt zur Thüre und zu den Fenstern herein, so heftig, dass Handtücher und Vorhänge wild zu flattern begannen, wenn man sie öffnete. Und während die Passagiere der Leeseite und der unteren Kabinen rathlos schwitzten oder auch die Nächte auf Deck zubrachten, hatten wir stets den schönsten kühlenden Luftzug, wenn wir im Bett lagen. Ich hatte diesen Raum gewählt, um ungestört arbeiten zu können. Aber die besten Vorsätze mussten an den Schwierigkeiten der Umstände scheitern. Der Waschtisch mit den zwei hohlen Waschbecken war ein sehr unbequemes Schreibpult, und das mühselig angefertigte Manuskript fiel häufig ins Waschwasser oder flog nach allen Richtungen auseinander, sowie die Thüre aufging.

Als die äquatorialen Stillen kamen, machte sich allerdings die Nähe des lebenden Proviants und anderer Dinge empfindlich bemerkbar. Von links stanken die Ochsen und Schafe, von der Front das Geflügel, von rechts die Küche und von allen Seiten die Chinesen, die Zwischendecker und die Maschine. Die Chinesen hatten hier nicht ihr eigenes Logis, sondern schliefen vorne neben den Ankerketten in Hängematten oder auf dem Boden. Den ganzen Tag lagen dort ihre nackten, ausgemergelten, leichenartigen Körper herum. Ein mitleiderregendes Schauspiel boten die nicht oft genug gereinigten Käfige der Hühner, Enten, Gänse und Puter, die am stärksten von der Hitze litten, und es war kläglich anzusehen, wie sie eng zusammen gesperrt nach den Gittern drängten um Luft zu schnappen.

Deutsche Landsleute fehlen bekanntlich nirgends auf der Erde. Ich fand mich bald mit einem solchen, welcher zugleich Kollege war, zusammen. Er hatte auf den Philippinen als Augenarzt praktizirt und ging nun nach Peru, wo er in Goldminen interessirt war. Wir beide und zwei Franzosen, die von Neukaledonien kamen, bildeten eine intimere Tischgesellschaft zum Kampf ums Dasein gegen die Nachbarn. Auch im Waitemata Hotel zu Auckland hatte ich vorzugsweise mit zwei Franzosen verkehrt. Trotz der politischen, künstlich gemachten Gegensätze werden eben Deutsche und Franzosen sich von einander stets in höherem Grade angezogen fühlen als von den wenig liebenswürdigen Engländern, der steifsten exklusivsten Rasse der Erde. Dreht einem nicht schon jeder kleine englische Balg, den man ob seiner Wohlgestalt freundlich betrachtet, kaum dass er krabbeln kann, hochmüthig und naserümpfend den winzigen Hintern zu, als ob er sagen wollte: »Du bist mir nicht vorgestellt«. Die beiden Franzosen waren recht liebenswürdige Leute, aber entsetzlich ungelehrt und voller naiver Fragen. Wenn sie wissbegierig wurden, wurden sie unangenehm. Denn sie wussten von Gottes grosser Welt schauderhaft wenig. Warum das Englische anders ausgesprochen werde, als das Französische, warum es hier wärmer sei als in Paris, warum man das Seewasser nicht trinken könne, solche und andere Dinge mehr gaben sie uns zu beantworten. Sie verstanden fast kein Wort Englisch, hatten auch wohl nicht übermässig viel Geld auszugeben und wollten allein durch Amerika reisen. Wie es ihnen dort wohl ergangen sein mag.

Fünf junge Engländer, die ich später noch näher kennen lernen sollte, da sie gleichfalls einen Monat auf Hawaii zuzubringen und den Krater Kilauea zu besuchen gedachten, liessen sich aus Langweile von dem Bootsmann britische Flaggen auf die Vorderarme tätowiren und bekamen in Folge dessen eine starke Entzündung der betreffenden Hautpartien. Noch lange eiterten und schmerzten die wehenden Banner, und ich selbst hatte in der Folge, als ich ihr Reisegefährte nach dem Kilauea wurde, darunter zu leiden, indem sie gepeinigt auf den Bootsmann der City of New York schimpften und übler Laune waren. Man ergreift eben auf See jede noch so geringfügige Gelegenheit sich zu beschäftigen. Ich verlegte mich darauf, meinen Körper mehrmals täglich Gewichtsbestimmungen auf der Brückenwage im Gepäckraum zu unterziehen, und hatte die Freude zu konstatiren, dass mein Gewicht trotz des fürchterlichen Schwitzens und trotz der mageren Salonkost auf der zwölftägigen Reise um zwei Pfund zunahm. Mein Aufenthalt in Kandavu mochte mich allerdings um viel mehr leichter gemacht haben.

Auch eine wandernde Konzertgesellschaft aus Kalifornien hatten wir an Bord, welche öfter als mir lieb war oben in der Social Hall eine Produktion zum besten gab. Es wurde Piano gespielt und gesungen, trompetirt und gegeigt. Wir anderen aber sassen herum und schwitzten.

Zuweilen war es interessant und unterhaltend, das Benehmen von Personen zu beobachten, die an jenem leichtesten Grad von Seekrankheit, der sich in einem gewissen Stumpfsinn äussert, litten. Da liegt zum Beispiel Einer den ganzen Tag regungslos in seinem Streckstuhl. Nur von Zeit zu Zeit erwacht auf einmal der Thätigkeitstrieb in ihm, er springt auf, aber gleich wirft er sich wieder in seinen früheren Zustand, sobald er merkt, dass das Schiff noch immer schaukelt. Ein Anderer wandert beständig mit einem Buch unterm Arm herum, von seiner Kabine auf Deck, von Deck nach dem Salon hinunter, nach der Social Hall, nach dem Rauchzimmer, nach der Seitengallerie, nach vorne und nach hinten, setzt sich hierhin und setzt sich dorthin, ohne zur Ruhe und zum Lesen zu gelangen. Man fragt sich dutzendmal, ob Vormittag oder Nachmittag sei und was jetzt nächstens für eine Mahlzeit käme, und hat es nach einer Viertelstunde wieder vergessen.

Die Langweile wäre unerträglich geworden, wenn wir nicht zwei Reverends mit unter den Passagieren gehabt hätten, die sich beständig zankten.

Gleich der erste Tag der Reise, jener durch die profane Institution des Datumwechsels in zwei gespaltene, Vielen unbegreifliche Sonntag, gab Veranlassung zu einem sehr amüsanten frommen Disput zwischen den beiden Gesalbten des Herrn. Der eine behauptete, der erste Sonntag sei der richtige und durch Gottesdienst zu feiern, der andere behauptete dies von dem zweiten, und schliesslich einigten sie sich dahin, dass jeder an dem von ihm verfochtenen Sabath predigte und vorbetete.

Reverend Mister Shark, wie der Verfechter des zweiten Sabaths hiess, ein schlauer, magerer Yankee, entpuppte sich übrigens im weiteren Verlauf der Reise als räudiges Schaf der episkopalen Kirche, dem es nur darum zu thun gewesen war, seinen alten englischen Kollegen, welcher die Würde eines Deacon besass, zu ärgern. Reverend Mister Shark hatte sich schon lange von der Frömmigkeit ab und einem lukrativeren Berufe zugewendet. Er war Wanderprofessor geworden und zog von Land zu Land, um Vorlesungen über drei oder vier historische Gegenstände zu halten, zu welchen er grosse farbige Illustrationen besass. Damit machte der smarte Yankee eine Menge Geld und stand sich sehr wohl dabei ohne viel Mühe zu haben, nachdem die vier Vorlesungen einmal gründlich eingepauckt waren. Um sonstige Wissenschaften schien er sich nicht sonderlich zu kümmern. Er frug mich einmal sehr verwundert, wie es möglich sei, dass wir den senkrechten Stand der Sonne später passirten als den Aequator.

Der Andere aber war ein Bonze vom reinsten Wasser und zugleich ein höchst komischer Kauz, eine Figur, wie sie nur das raffinirte Muckerthum englischer Rasse hervorzubringen vermag. Ewig schwebte ein gottbeseligtes, wehmüthiges Lächeln auf den dicksinnlichen Lippen des kurzen und fetten, glattrasirten und glattgescheitelten Männchens. Wenn ihn ein gesundes Lachen anwandelte, wozu er viel natürliche Neigung hatte, kämpfte sein angenommener Ernst, der solch weltliche Heiterkeit verbot, gewaltsam dagegen, und eine unübertrefflich süsssaure Grimasse kam zum Vorschein. Aus lauter christlicher Demuth hielt er den Kopf stets auf die eine Seite geneigt, und unermüdlich war er darauf bedacht, durch Miene und Benehmen die natürliche Einfalt seiner Gesichtszüge noch zu vermehren.

Er hatte eine lange und kräftige und robuste, eckige und majestätische Ehehälfte bei sich, die ihn kommandirte. Sie war der Typus einer bösen Sieben und übertraf ihn weit an Schulterbreite und Höhe. Ohne sie war er ein hilfloser Greis, nicht etwa an Jahren, sondern aus lauter christlicher Demuth. Sie schleppte ihn täglich mit langen Schritten, so dass er kaum folgen konnte, über Deck auf und ab, sie drückte ihn in seinen amerikanischen Streckstuhl, wenn sie dessen müde war, riss ihn wieder empor und führte ihn zu Tisch, wenn das Gong erschallte. Er gehorchte mechanisch und lautlos. Wo sie ihn hinwarf, da blieb er sitzen. Um sich die Reisemütze aufs Haupt zu stülpen brauchte er immer beide Hände, während die junonische Gattin ihn festhielt und vielleicht noch mit einem derben Schlag auf den Deckel nachhalf.

Nur beim Essen entwickelte er eine grössere Selbständigkeit und Gewandtheit. Juno durchbohrte die Stewards mit giftigen widerstandslosen Augen und herrschte sie an, falls sie ihren Gemahl vernachlässigten. Er aber ass und ass und lächelte wehmüthig dabei über seine menschliche Schwäche und faltete wie zum Gebet die Hände, wenn er wieder mit einer Schüssel fertig war. Ein Lieblingsthema seiner Predigten – er predigte beinahe jeden Abend nach dem Konzert – handelte von der wahren Philosophie des Christenthums, welche über den Tod triumphire. Ich möchte den gefrässigen Bonzen in einem gegebenen Fall gesehen haben, wie schnell er sich alle erreichbaren Rettungsgürtel umgeschnallt hätte, statt erst lange über den Tod zu triumphiren.

Er würde gewiss sich unschätzbare Verdienste um unser aller Seelenheil erworben haben, wenn nicht sein Widersacher, der böse Reverend Mister Shark, unablässig darauf bedacht gewesen wäre, ihm zu widersprechen und ihn zu ärgern, wobei er immer, weniger redegewandt als dieser, den Kürzeren zog. Zuweilen legte sich dann zornglühend die herrschsüchtige Juno ins Mittel, aber auch sie hatte gegen den aalglatten gewandten Yankee, der ihr stets mit der grössten Artigkeit begegnete, keinen Erfolg. Die Partei des dicken Deakon nahm immer mehr ab, die des smarten Yankee immer mehr zu, und an den letzten Abenden vor unserer Ankunft in Honolulu besuchten nur mehr ein paar alte Damen männlichen und weiblichen Geschlechts die Andachtsübungen des hochehrwürdigen Deakon.

Wie gesagt, ohne die zwei Pfaffen wäre es recht langweilig gewesen an Bord, und wohl alle die Reisegefährten von damals werden sie nie vergessen, sondern in dankbarem Andenken bewahren.

XVIII.
HONOLULU.

Ankunft. Wieder der Reverend Mister Shark. Erste Eindrücke von Honolulu. Geschichtliches, Ethnologisches und Erotisches. Sehenswürdigkeiten. Die Regierung, das Parlament, das Militär. Amerikanerthum und Deutschthum. Die Chinesen. Klima und Sanität. Die Leprosen. Der Fischmarkt. Die Umgebung. Ritt nach dem Pali.

Am Morgen des 16. August hatten wir die Insel Oahu, auf welcher Honolulu, die Hauptstadt des Hawaiischen Königreiches liegt, in Sicht. Die Ueberfahrt von Kandavu hatte somit nicht ganz zwölf Tage gedauert.

Die zwölf Hawaiischen oder Sandwich-Inseln erheben sich, der Richtung des vulkanischen Spaltes in der Erdrinde entsprechend, aus welchem sie hervorgequollen sind, in einer gestreckten Reihe von Nordwest nach Südost. Wir kamen aus Südwest, also senkrecht auf sie zu, und konnten in Folge dessen nur jene Insel sehen, die gerade vor uns war, Oahu.

Hohe Berge mit sanft ansteigenden Böschungen, kahl oder mit einer eigenthümlich hellen Vegetation bedeckt, stiegen aus dem indigoblauen Wasser des Ozeans empor. Blendend von der Sonne beleuchtete Schaumstreifen, die Brandung über den Riffen, umsäumten die Ufer. In einer zierlichen Yacht amerikanischer Bauart, von deren Gaffel die Flagge des Königreiches der Hawaiischen Inseln wehte, legte sich der Lootse, ein Amerikaner, an unsere Seite. Sechs wohlgestaltete braune Kanakas, alle in weissen Hemden, weissen Hosen und weissen Marinekäpis, bildeten die Besatzung seines Fahrzeuges, welche echt amerikanisch sofort gedruckte Reklamen von Geschäften in Honolulu vertheilte.

Langsam und mit halber Kraft steuerten wir vorsichtig zwischen Klippen dem Lande zu. Man hatte mir immer so viel von der Vortrefflichkeit des Hafens von Honolulu gesprochen. Ich war erstaunt zu bemerken, wie wir an einer Stelle stoppten, dass die Schraube den Grund aufwühlte und das Wasser trübte.

Erst als wir dem dünnen Mastenwalde des Hafens ziemlich nahe waren, kam Honolulu aus seinem dichten Grün tropischer Gärten, in die es so malerisch gebettet liegt, einigermassen zum Vorschein. Nur die höheren Gebäude, Thürme und Flaggenstangen überragten zwischen schlank emporstrebenden Palmen den üppigen, die kleineren Häuser verbergenden Pflanzenwuchs und liessen die Stadt mehr ahnen als direkt wahrnehmen. Links zogen sich die Gärten und hie und da durchblinkenden Häuser in eine Thalschlucht hinan, rechts trug ein kahler Hügel, röthlich gesengt von den Strahlen der Sonne, ein altes Fort und Kanonen zum Salutiren auf seinem Rücken. Hinter dem Ganzen eine hohe Kette mit Wolken verschleierter Berge. Drei Kriegsschiffe, zwei amerikanische Fregatten und ein englisches Kanonenboot, lagen im Hafen vor Anker. In kleinen Kanuus, einfacher und solider konstruirt als jene der Viti-Insulaner, ruderten nackte Gestalten, blos mit dem suspensoriumartigen Maro bekleidet, uns entgegen. Es war Ebbe, und Weiber fischten über den Riffen, sammt den landesüblichen schwarzen Talaren bis über die Hüften im Wasser umherwandelnd.

In hellen Schaaren standen Europäer und Eingeborene am Landungsplatz, uns in Empfang zu nehmen. Hundert diensteifrige Hände bemächtigten sich der durch die Böte des Dampfers gelandeten schlingenförmigen Enden der Taue, mit welchen unser Koloss langsam an den Kai gewunden werden sollte, und stülpten sie über die Pfosten. Das seemännische Brüllen und Toben des Kapitäns und der Offiziere, welches nie bei dieser endlos langweiligen Prozedur des Anlegens fehlen zu dürfen scheint, vertrieb die mobileren Passagiere vom Schiff. Böte kamen längsseits, und wir flüchteten an der Strickleiter hinunter und an Land, welches wir ungefähr eine halbe Stunde früher betraten als jene, die an Bord geblieben warten mussten, bis der Dampfer am Kai festgemacht war.

Der ganze prangende Reichthum tropischer Früchte begrüsste uns, in grossen Pyramiden von Apfelsinen, Ananassen, Mangos, Bananen, Papayas und Paradiesäpfeln am Ufer aufgestapelt. Eine Menge barfüssiger, aber sonst wohlbekleideter Kanakas, mit rothen Tüchern, Blattguirlanden und Blumenkränzen geschmückt, stürzte auf uns zu und bot uns Wagen und Reitpferde an. Hübsche schwarzäugige Mädchen, mit zierlichen Sonnenschirmchen den dunklen Teint beschattend, über und über mit Blumen behangen, kokettirten sehr verführerisch den frisch angekommenen Fremdlingen zu. Was mir zu allererst an diesen Eingeborenen auffiel, war ihre frappante Aehnlichkeit mit den Maoris von Neuseeland. Es waren ganz und gar die Maoris, nur vielleicht durch das paradiesische Klima ihrer Inseln zu etwas höherer Grazie verfeinert. Lauter herrlich schöne Gestalten. Und mitten in diesem malerischen, das Auge erfreuenden Gewühl die widerwärtigsten, hässlichsten Menschen die ich kenne, bezopfte Chinesen, an den Enden langer Stangen Blechgefässe mit Goldfischen herbeischleppend.

Die Zollformalität wurde von den Beamten auf das Liebenswürdigste abgekürzt. Ich hatte blos eine Deklaration zu schreiben, nichts schmuggeln zu wollen, und durfte sofort mit meinen Kisten passiren. Ein leichtes Buggi führte mich und die theure Habe im Galopp durch die staubigen Strassen nach dem Hotel. Die Ankunft des Dampfers schien für die Bewohner von Honolulu ein Fest zu sein. Männer und Weiber, Knaben und Mädchen und kleine Kinder strömten geputzt und blumenbekränzt zu Fuss, zu Pferd und zu Wagen dem Hafen zu.

Das »Hawaian Hotel«, ein grosses schönes Gebäude in einem Garten von Akazien, Papayas und Bananas, belebte sich bald mit den Passagieren des Dampfers. Der Dampfer hatte hier Ladung zu nehmen und sollte erst morgen die Reise nach San Francisco fortsetzen. Es sprach nicht sehr für seine Küche, dass fast alle Kajütspassagiere die Pause benutzten, sich ihr zu entziehen und dafür auf dem Lande sich schadlos zu halten. Ein zahlreicher Tross von Verkäufern, die Blumenkränze und Korallen, Blattguirlanden und Muscheln und sonstige Artikel feilboten, von Kutschern und Pferdevermiethern belagerte unten im Garten und draussen auf der Strasse das Hotel während des ganzen Tages.

Unsere kalifornische Konzertgesellschaft hatte bereits seit mehreren Tagen Proben abgehalten, um während des kurzen Aufenthalts in Honolulu, wenn es sich günstig mit der Zeit fügte, schnell ein Konzert zu geben und so im Vorübergehen einige hundert Dollars zu machen, was gewiss recht vernünftig und amerikanisch war. Nun traf es sich auch wirklich mit der Zeit so gut, als man nur wünschen konnte, und Alles freute sich auf den genussreichen Abend. Aber ein anderer praktisch denkender Mann an Bord, der Reverend Mister Shark nämlich, war noch viel schlauer und amerikanischer gewesen und hatte bereits einen Monat vorher das königliche Theater, den einzigen hiezu in Honolulu vorhandenen Raum, für eine Vorlesung über den Tower von London in Beschlag genommen. Und als die Konzertgesellschaft nach Honolulu hineinfuhr, hing bereits allenthalben vor den Läden das grosse, schlecht in Holz geschnittene Bildniss des Reverend Mister Shark, seine ganze Lebensbeschreibung voll unendlichen Ruhmes und die Anzeige, dass dieser glänzende Mann, nur um den flehentlichsten Bitten der Bewohner von Honolulu zu entsprechen, sich heute Abend herablassen werde, gegen einen Dollar Eintritt über den Tower von London ungeahnte Enthüllungen zu geben. Die Konzertgesellschaft machte lange Gesichter. Es wurde viel geklatscht und geschimpft, aber ohne wesentlichen Erfolg, und statt musikalischer Gefühlsreize erschütterten am Abend die Gräuel der britischen Königsgeschichte ein kunstsinniges aus braunen und weissen Menschen bunt zusammengewürfeltes Publikum.

Hawaii ist ein konstitutionelles Königreich unter einem eingeborenen König, der über etwa 49 000 eingeborene Vollblutunterthanen herrscht. Ausser diesen leben noch ungefähr 900 Amerikaner, 2000 Chinesen und 2500 Europäer (600 Engländer, 400 Portugiesen, 200 Deutsche, 90 Franzosen) nebst mehr als 2400 Kanakamischlingen theils mit weissem, theils mit chinesischem Blut unter seinem Szepter, so dass sich die Gesammtbevölkerung des Hawaiischen Königreiches auf nahezu 56 900 beläuft. Dasselbe bedeckt einen Flächenraum von 19 757 Quadratkilometer, ist also gleich wie Viti nur um weniges grösser als Württemberg.

Als die Hawaiier zuerst in der Historie auftraten, was vor 100 Jahren geschah, waren sie in lauter kleine Stämme unter eigenen Häuptlingen zersplittert. Ihre berühmteste That seit Anfang bis Jetzt ist die Tödtung des grossen Seefahrers Cook, in der Kealakeakua-Bai 1779, geblieben. Cook ist der Entdecker der Hawaiischen Inseln, und von ihm wurden sie auf den Namen seines Vorgesetzten, des damaligen Chefs der Admiralität in London, Lord Sandwich, getauft. Die Einheit Hawaiis stammt von Kamehameha I., welcher dieselbe im Anfang unseres Jahrhunderts durch Unterwerfung aller anderen Häuptlinge herstellte. Er wird deshalb nach seinem bedeutenderen Zeitgenossen in Europa der Napoleon der Sandwichinseln genannt. Unter ihm kamen die ersten Missionäre, amerikanische Kongregationalisten, ins Land und errangen bald immer mehr Einfluss, so dass schliesslich sie die faktischen Herrscher waren. Gegenwärtig ist ihre Macht im Abnehmen begriffen. Da auch andere Sekten kamen und Konkurrenz machten, so fehlte es auch hier nicht an dem Altweibergezänk der Pfaffen. Eine auffallende Menge von verlassenen Kirchen und Kapellen allenthalben auf den Inseln, welche lebhaft an Tirol erinnert, giebt Zeugniss von jener nunmehr glücklich überwundenen Blüthezeit der Hierarchie.

Auf Kamehameha I. folgten noch vier andere Kamehamehas. Der Fünfte gab 1864 die bestehende Verfassung, nach welcher vier Minister einem aus Ober- und Unterhaus zusammengesetzten Parlament verantwortlich sind. Das Oberhaus zählt 30, das Unterhaus 42 Mitglieder. Da Kamehameha V. ohne Thronerben starb, wählte das Parlament einen gewissen Lunalilo, und als auch Lunalilo ohne Thronerben starb, einen gewissen Kalakaua zum König, und dieser letztere regiert noch jetzt.

Von der grössten Bedeutung für das Emporblühen Hawaiis war früher die Walfischfängerei des Stillen Ozeans. Hawaii bildete eine Hauptstation der Waler, die dort anlegten um sich zu verproviantiren. Gegenwärtig sind die Walfische so selten geworden, dass es sich nicht mehr verlohnt, auf sie Jagd zu machen. Ausser den vielen ehemaligen Kapitäns, welche grösstentheils mit Kanakinnen verheirathet die Insel bevölkern, ist kaum eine Spur jener einst so bedeutenden Industrie mehr vorzufinden.

Die Hawaiier oder Kanakas, wie sie sich selbst nennen, sind reine Polynesier. In ihrer äusseren Erscheinung dürften sie sich kaum von den Eingeborenen Neuseelands unterscheiden, höchstens dass sie vielleicht im Durchschnitt nicht ganz so gross und grobknochig sind wie jene und mehr zur Fettbildung neigen. Die Farbe beider ist ein gesättigtes Braun von verschiedenen Graden der Dunkelheit, sie schien mir niemals so dunkel wie bei den Vitis, niemals so hell und gelblich wie bei den wenigen Tonganern, die ich auf Kandavu gesehen hatte. Ihre Haare sind im Allgemeinen schlicht, zuweilen etwas gekräuselt, aber nicht mehr als dies auch bei uns vorzukommen pflegt. Das Tätowiren, von dem man auf den Gesichtern alter Maoris wahre Kunstwerke bewundern kann, ist bei den Kanakas wohl niemals stark in der Mode gewesen. Man findet nur an alten Weibern hie und da blaue Ringe um die Finger.

Die Sprachen beider haben trotz der 4000 Seemeilen Entfernung so viel Gemeinsames, dass ein Maori und ein Kanaka sich noch verständigen können. Auch dem Hawaiischen fehlen alle mit »S« zusammengesetzten Laute sowie das »F«. Während jedoch das Viti und das Maori höchst wohllautend sind und an das Italienische erinnern, klingt das Hawaiische rauh und barbarisch. Die sehr oft nur aus einem einzigen Vokal gebildeten Silben werden abgesetzt von einander ausgestossen, so dass ein gewisses Gacksen entsteht. Es giebt z. B. eine Ortschaft, welche Maalaea (fünf Silben) heisst. Die vielen Cha, Ka und harten L mit dem R-ähnlichen Vorschlag wie das Schweizer Doppel-L und die Eigenthümlichkeit fast aller Laute, im Gaumen und mit Betheiligung der Nasenhöhle zu klingen, geben der Sprache etwas Unbehülfliches. Ihr Gruss ist hochpoetisch und heisst »Aloha oë« – ich liebe dich.

Ebenso wie bei den Maoris haben auch bei den Kanakas die allzu konsonantenreichen europäischen Namen sich viele Umänderungen gefallen lassen müssen. So ist z. B. aus Britain »Beretania« geworden. Unser Emperor William heisst in Hawaii »Emepela Uilama« und Bismarck »Bihimaka«. Ehe ihre Sprache von den Missionären in die starren Formen der Schriftzeichen eingezwängt wurde, musste natürlich die Möglichkeit der fortwährenden Umbildung eine sehr beträchtliche sein. Dass trotzdem zwischen dem Maori und dem Hawaii so grosse Uebereinstimmung herrscht, ist äusserst merkwürdig und lässt auf eine nur kurze Zeit der Trennung schliessen. Wie wenig auf manche ihrer Laute jene passten, die den Europäern geläufig sind, geht daraus hervor, dass verschiedene Berichterstatter ganz verschieden niederschrieben. Cook schrieb z. B. »Owyhee« statt Hawaii, »Honoruru« statt Honolulu, statt Kauai »Atooi«, statt Molokai »Morotoi«. Das bei so vielen Völkern vorkommende Verwechseln der beiden Buchstaben »L« und »R« gilt auch im Hawaii, und ebenso werden T und K miteinander verwechselt, weshalb man zuweilen auch »Tamehameha« liest. Ich selbst notirte einmal »Rumi rumi« in mein Taschenbuch und fand später dass es »Lome lome« gedruckt wird.

Ehemals ist auch bei ihnen das Nasendrücken (»Hony« jetzt gleichwie im Maori sowohl das erst von den Weissen importirte Küssen als auch Riechen bedeutend) in Geltung gewesen und soll hie und da noch von alten Personen geübt werden. Ebenso wenig fehlt ihnen der Begriff »Tabu« und der bei allen Polynesiern mit Ausnahme der Maoris eine gleich grosse Rolle spielende Gebrauch des Kawatrinkens, nur dass man hier statt »Kawa« »Awa« sagt.

Auch die Hawaiier sind Kannibalen gewesen, aber niemals in demselben Grade wie die Maoris oder gar die Viti-Insulaner. Sie brachten den Göttern Menschenopfer, und diese wurden dann von den Priestern und Vornehmen gefressen.

Auf ihrer gegenwärtigen Kulturstufe sind sie noch immer ein sonderbares Gemisch von alter Barbarei und neuer Zivilisation. Die Kleidung ist im Allgemeinen europäisch, nur dass die Weiber lange lose Talare ohne Taille tragen. In den Städten wie Honolulu auf Oahu, Hilo auf Hawaii, Lahaina und Wailuku auf Maui sind auch die Wohnungen grösstentheils europäisch, in den Dörfern und den einsamen Gehöften jedoch noch nach altem Stil, einfache, ruppige Strohhütten. In der Nahrung hat sich seit Cooks Besuchen nichts Wesentliches geändert. Poi, ein säuerlicher Brei aus Taromehl, ist der Hauptartikel, rohe Fische und Hundefleisch sind noch immer Lieblingsgerichte. Die Mahlzeiten werden auf dem Boden eingenommen, und haben die reicheren, vornehmen Kanakas auch die schönsten Tische und Stühle, sie ziehen es vor, sich daneben auf eine Matte niederzulassen.

Die Hawaiier sind jene Polynesier, welche am raschesten aussterben. In den letzten zwanzig Jahren ist die einheimische Bevölkerung von 80 000 auf 50 000 Köpfe herabgesunken. Der Hauptgrund liegt wohl in der Unsittlichkeit der Weiber und in ihrer Leidenschaft für das Reiten, der sie sich ohne Schonung und Rücksicht, rittlings wie die Männer im Sattel sitzend, hingeben. Die meisten Frauenzimmer reiten sehr geschickt und muthig. Ich sah aber zuweilen auch Reiterinnen mit angsterfüllten Mienen und krampfhaft den Sattelknopf umklammernd dahingaloppiren.

Die Erotik spielt eine grosse Rolle bei den schönen Kanakinnen, und in Honolulu hat sich dieselbe zu einer ziemlich schamlosen Prostitution entfaltet. Dort sind die Missionäre in dieser Beziehung machtlos. Anderwärts aber halten sie ein scharfes Auge auf ihre der Sünde nur zu sehr geneigten weiblichen Lämmer. Während unserer Anwesenheit in Hilo gingen sie in ihrem Misstrauen und in ihrer Vorsicht so weit, uns während der Nacht einen Polizeimann vors Hotel zu postiren.

Man hat im Hawaiischen Königreich reichlich Gelegenheit, Mischlinge aller Grade und Kombinationen aus den drei hauptsächlich vertretenen Rassen, Kanakas, Chinesen und Weissen, zu studiren. Wir Menschen sind bisher in so viele einzelne Stämme isolirt gewesen, dass man bereits an der Einheit unseres Geschlechtes zu zweifeln begann. Jetzt leben wir in einer Uebergangsperiode aus dem Prozess der Differenzirung in jenen des Wiederzusammenfliessens. Die Kommunikationen dehnen sich immer weiter aus. Ueberall wo der Europäer hinkommt, schüttelt er die Stämme durcheinander, kreuzt sich mit dunklem Blut oder unterdrückt es, und vielleicht in einigen tausend Jahren wird es nur mehr Eine Rasse geben.

Honolulu ist eine gartenreiche und deshalb sehr ausgedehnte Stadt mit einer Bevölkerung von 14 000, worunter etwa 1000 Weisse. Die Strassen sind breit und durchschneiden sich nach amerikanischem Muster schachbrettartig, links und rechts begrenzt von Mauern und Zäunen, hinter welchen schlanke Palmen sich wiegen und dichtbelaubte Mangobäume die leicht gebauten luftigen Häuser der weissen und braunen Bewohner verbergen. Die Flora, die sich in den Gärten entfaltet, ist kosmopolitisch. Von allen möglichen Tropenländern haben sich hier Vertreter zusammengefunden. Wohin der Europäer kommt, übt er seinen die Pflanzengeographie nivellirenden Einfluss. Neben der einheimischen Kokospalme steht die königliche Palme aus Westindien, die Dattelpalme aus Afrika. Ostindische Papayas und Mangobäume, chinesische Bambusdickichte und brasilianische Araukarien, Bananas jeglicher Abkunft und hundert andere Pflanzen, von denen man nicht mehr weiss, woher sie stammen, haben sich eingebürgert.

Die Strassen sind staubig, aber die Gärten glänzen stets im frischesten Grün, Dank der reichlichen Wasserversorgung. Ein munterer Gebirgsbach kommt hinter der Stadt in Kaskaden von den wolkenverschleierten, schroffen Höhen herab und vertheilt sich in tausend Aeste und Aestchen, deren Enden aus Kautschuckröhren und transportablen, beständig im Kreise sich drehenden Spritzfontänen überall den Rasen und die Gebüsche bethauen. Hinter den Zäunen sind zuweilen kleine oben offene Verschläge, und häufig stehen in diesen an schwülen Nachmittagen braune Hawaiier und Hawaiierinnen im Kostüm unserer Stammeltern, einen Wasser spendenden Schlauch in der Hand und den Körper berieselnd. Der Zaun deckt ihre Blössen, während sie vergnügt auf die Strasse sehen und mit den Vorübergehenden plaudern.

Unter den öffentlichen Gebäuden ragt das freistehende Regierungsgebäude dominirend hervor. Es ist in Renaissance aus Stein gebaut und trägt in der Mitte einen massiven Thurm, der eine lohnende Aussicht gewährt.

Ein weiter luftiger Saal im Erdgeschoss dient dem Parlament zu seinen Sitzungen. An den einfach weiss getünchten Wänden hängen die Bildnisse der fünf Kamehamehas, des Lunalilo und des Kalakaua, theils in Oel gemalt, theils in lebensgrossen Photographien. Der erste Kamehameha, Hawaiis Napoleon, ist noch mit seinem altheidnischen rothen Federmantel geschmückt, die anderen vier tragen ebensoviele Entwickelungsstufen europäischer Generalsuniformen zur Schau, die zwei letzteren sind im modernen Zivilfrack mit breitem Ordensband und strahlendem Ordensstern erschienen.