Seite 71.

Neuntes Kapitel.

Nicht lange konnte unser junger Freund schlafen, indem ein immer stärker werdendes Aechzen des neben ihm ruhenden Capitains ihn weckte. Er fuhr empor, rieb sich die Augen und sah sich nach allen Seiten um. Die erst anbrechende Morgendämmerung ließ ihn die ihn umgebenden Gegenstände kaum noch erkennen und ein angenehmer Traum hatte überdies seine Gedanken verwirrt. Ihm träumte nämlich, daß er wieder in der geliebten Heimath, im Arme seiner theuren Mutter sei, die ihn unter Freudenthränen willkommen hieß, und ihm das Versprechen abnahm, daß er sie nicht wieder verlassen wolle. Auch er hatte im Traume Thränen der Freude und Rührung vergossen, und seine Augen waren beim Erwachen noch feucht davon.

Das immer lauter und schmerzlicher werdende Aechzen des armen Leidenden neben ihm entriß ihn bald seinen angenehmen Vorstellungen und machte ihn darauf aufmerksam, wo er sich befinde. Er sprang schnell auf und trat zu der über dem Körper des Capitains gemachten Laubhütte, außerhalb deren er geschlafen hatte, weil nur Raum für eine Person darin war. Er machte sich die bittersten Vorwürfe, daß er hatte schlafen können, während ein menschliches Wesen so entsetzlich neben ihm litt, und doch war es, besonders bei seinem Alter, so natürlich, daß er nach den gehabten großen Anstrengungen in Schlaf verfiel.

»Wie ist Ihnen, Herr Capitain?« fragte er mit vor Mitleid bebender Stimme, »und kann ich Ihnen mit irgend Etwas zu Hülfe kommen?« Er vergaß in dem Augenblick seine gänzliche Hülfslosigkeit und daß er dem Leidenden nichts zu bieten habe, als höchstens einen Trunk Wasser aus der entdeckten Quelle.

Er erhielt längere Zeit keine Antwort auf seine Frage; dann sagte der Capitain mit kaum vernehmbarer Stimme:

»Laß mich in Ruhe sterben! – Es ist der Tod, mit dem ich kämpfe – und er ist bitter – bitter, wenn man nicht so gelebt hat, wie man gesollt hätte. O meine arme Frau! – mein liebes Kind! – und auch Du, armer Junge!« Er konnte nicht weiter reden; ein lautes Schluchzen unterbrach seine Worte, und auch William, dem sich das Herz in der Brust krampfhaft zusammenzog, vermochte kein Wort hervorzubringen.

»Ja! Ja!« fuhr der Capitain nach einer ziemlich langen Pause fort; »ja, nun kömmt's! Ich wollte in meinem wüsten Leben immer nicht daran glauben, daß eine Stunde kommen würde, wo ich mit Abscheu auf mich selbst, mit Zittern in die Zukunft blicken würde, und nun ist sie doch da! und nun greift die Furcht vor dem unbestechbaren Richter da oben, vor den Strafen, die mich Jenseits erwarten, nach meinem Herzen und ich zittere wie ein armer Sünder, den man zum Hochgerichte führt. – Ich verspottete früher das Alles – ich glaubte weder an Gott, noch an Tugend! ich sprach der letztern Hohn und fröhnte unbedachtsam meinen wilden Trieben; ich spottete über die, die es anders, besser machten, und nun ist die Hölle in meinem Herzen, und nun, wo ich nichts mehr gut machen, mich nicht mehr bessern, reinigen kann, nun muß ich verzweifeln!« Er verzerrte bei den letztern Worten so grausam die Mienen seines Gesichts, daß William, der in Thränen zerfließend neben ihm kniete, entsetzt aufsprang und gern weit, weit weg geflohen wäre.

Der Sterbende wurde jetzt still und William trat ihm schüchtern wieder näher. Mit andächtig gefalteten Händen stand er neben dem Verzweifelnden und schickte heiße Gebete für sein Seelenheil zum Himmel empor.

Nach einer ziemlich langen Pause rief der Capitain, indem er die Augen weit aufriß und William damit anstarrte.

»Wo bist Du? Ich sehe Dich ja nicht mehr? Hast auch Du mich verlassen, und willst mir in meiner Sterbestunde nicht beistehen?«

»Ich bin hier, Herr Capitain,« antwortete ihm William schluchzend; »ich habe Sie nicht verlassen und werde nicht von Ihnen weichen. O könnte ich doch mit meinem armen Leben das Ihrige retten!« fügte er mit dem Tone der Wahrheit hinzu.

»Guter Knabe!« erwiederte ihm der Sterbende mit einer Stimme, die vor Rührung brach; »guter Knabe, ich habe so viele Liebe und Treue nicht von Dir verdient. Ich handelte auch gegen Dich schlecht – ich war hart, war grausam gegen Dich; das kleinste Versehen brachte mich in Zorn und zog Dir Strafe zu – O!«

»Nein!« rief William, indem er mit seiner heißen Hand nach der bereits erkaltenden des Capitains griff, »nein, Herr Capitain, Sie sind so hart nicht gegen mich gewesen, wie Sie selbst sich jetzt anklagen! Erinnern Sie sich noch, wie Sie mir eins von Ihren Hemden gaben, als Sie entdeckten, daß ich nur das einzige habe, was ich auf dem Leibe hatte? O, das war eine große Wohlthat, die Sie mir erwiesen, und so lange ich lebe, werde ich derselben dankbar gedenken.«

»Das ist ein kleiner Trost,« versetzte der Sterbende; »ich war also doch nicht allzu hart auch gegen Dich? Ich hinterlasse doch ein Herz, das nicht in Haß gegen mich schlägt, sondern mir vielmehr dankbare Gefühle weiht? O, wie süß muß es sein, sich in der Sterbestunde sagen zu können: ich that so viel Gutes, als ich vermochte; ich entpreßte keinem Auge Schmerzens-, vielen aber Freudenthränen; ich freute mich mit den Glücklichen, weinte mit den Kummervollen; ich handelte nach dem Gebot des Evangeliums und war ein guter Christ und Mensch! – Könnte ich nur noch einmal von vorne anfangen, wie ganz anders sollte es werden, welch ein gottgefälliges Leben wollte ich führen!« fügte er nach einer langen Pause hinzu. »Aber nun ist es aus – das Ziel, von dem es keine Umkehr mehr gibt, ist erreicht – ich muß vor meinen Richter da oben treten und die Handlungen meines Lebens verantworten! O!« – –

Seine Stimme brach und Thränen schossen ihm aus den Augen hervor, in denen die Sehkraft bereits erloschen war. Ein Mitleid, wie William es in seinem Leben noch nicht empfunden hatte, ergriff sein Herz; er erfaßte die bereits gänzlich erstarrte Hand des Sterbenden und sagte schluchzend:

»Bedenken Sie, lieber Herr Capitain, daß unsere heilige Religion unsern Gott nicht blos einen gerechten, sondern auch gnädigen Gott nennt und sagt, daß der bereuende Sünder Gnade vor seinen Augen finden werde. Vertrauen Sie diesen tröstenden Worten und sterben Sie in Frieden.«

»Dank! Dank! Dir für diesen tröstlichen Zuspruch,« versetzte der Sterbende; »und nun reiche mir Deine Hand, die ich noch fühlen werde, wenn schon mein Auge Dich nicht mehr sehen kann, weil der herannahende Tod seine Sehkraft gelähmt hat; reiche mir Deine Hand und gib mir auch noch den Trost mit auf die große Reise, daß Du mir vergeben hast, was ich an Dir frevelte; dies wird mir den sonst so schweren Tod doch in Etwas erleichtern.«

»Sterben Sie meinetwegen in Frieden,« versetzte William, indem er seine Hand innig drückte, »und möge Gott Ihnen nicht mehr zürnen, als ich es thue.«

»Du bist ein guter Knabe;« war die gerührte Antwort des Sterbenden; »bleibe wie Du bist, werde immer besser und gedenke so lange Du lebst der Sterbestunde und der Verzweiflung eines sündhaften Menschen. Wenn Du kannst, so sage mir ein Gebet oder ein frommes Lied her, unter dem meine Seele hinüberschlummere in das bessere Jenseits.«

William besann sich einige Augenblicke auf ein passendes Gebet oder ein tröstendes Lied; endlich fiel ihm das herrliche Gedicht von einem großen deutschen Dichter, Klopstock, ein, welches so anfängt:

»Auferstehn, ja auferstehn
»Wirst Du
»Mein Staub nach kurzer Ruh!
»Unsterblich Leben
»Wird der Dich schuf
»Dir geben:
»Gelobt sei Gott!«

und da er es gänzlich auswendig wußte, sagte er es mit gerührter Stimme her. Die eben noch so schmerzlich verzerrten Züge des Sterbenden nahmen nach und nach einen mildern, freundlichern Ausdruck an; die bisher starr vor sich hinsehenden, bereits gebrochenen Augen schlossen sich und die Lippen bewegten sich leise, indem sie das herrliche Gedicht nachsprachen.

Es war ein großer, feierlicher Augenblick. Die Sonne ging blutroth am fernsten östlichen Rande des Horizontes auf und bestreute die Meereswellen mit Gold und Purpur. Die feierlichste Stille herrschte rings umher und nichts wurde gehört, als das Rauschen der Wellen, die, nachdem sich der Sturm gelegt, wie spielend an das Ufer kamen und sich an den Steinen und Muscheln des Strandes brachen.

Endlich war William mit dem Hersagen seines Gedichts und der arme Capitain mit dem Leben fertig: er hatte ausgelitten und es blieb jetzt nichts mehr von dem vor Kurzem noch so thatkräftigen Manne übrig, als eine leblose Hülle. Wohl ihm, wenn der Ruf der Tugend und Frömmigkeit, wenn gute, edle Thaten ihn überlebt hätten! Wie fröhlich und getrost hätte er dann eingehen können in das Reich Gottes, wie zuversichtlich vor den Thron des unbestechlichen Richters treten!

William wußte nicht, daß er todt sei und hielt den Todesschlaf für einen gewöhnlichen Schlummer. Zwar fiel ihm die große Veränderung auf, die mit den Gesichtszügen des Sterbenden seit einigen Minuten vorgegangen war; allein er, der noch niemals einen Todten gesehen hatte, wußte nicht, was dieses zu bedeuten habe, und da er den vermeintlich Schlafenden nicht stören wollte, sich auch das Bedürfniß des Hungers wieder mächtig bei ihm meldete, stand er leise vom Boden auf und entfernte sich von der Leiche, um, wo möglich, irgend einen Gegenstand zu suchen, durch den er sich sättigen könnte.

Er schlug den ihm bereits bekannten Weg zur Quelle wieder ein und kam endlich zu einer Gruppe von Bäumen, die ihm schon aus der Ferne bekannt vorgekommen waren; als er ihnen näher kam, sah er, daß er sich in seiner Voraussetzung nicht geirrt habe: es waren Akazien, die er erblickte.

»Akazien?« höre ich Euch, meine Geliebten, rufen. »So war das Schiff durch den Sturm wohl wieder nach Europa verschlagen worden? Denn in unsern Gärten stehen Akazien und erfüllen im Frühlinge die Luft mit dem Dufte ihrer herrlichen schneeweißen Blüten.«

»Allerdings,« antworte ich Euch auf Eure Frage, »haben wir die Akazie in unsern Gärten; allein sie sind nicht heimisch bei uns, sondern aus andern Welttheilen, namentlich aus Australien, dem fünften Welttheile zu uns herübergebracht. Wir haben auf diese Weise uns eine Menge von Bäumen und schönen Zierpflanzen angeeignet, unter andern auch die segensreichen Fruchtbäume, die größtentheils aus Asien herstammen. Die Akazie verpflanzte man nun zwar nicht ihrer labenden Früchte wegen auf unsern Boden, sondern weil sie ein überaus schönes Ansehen, einen hohen, schlanken Wuchs, eine schön gebildete Krone und ein überaus anmuthig geformtes, hellgrünes, gefiedertes Laub, vor allen Dingen aber köstlich duftende Blüten hat. Sie ist eine Zierde unserer Gärten und öffentlichen Plätze, obgleich sie bei uns die Schönheit und Pracht nicht erreicht, die sie in ihrem heimathlichen Lande zur Schau trägt.«

William war nicht wenig erfreut, auf so gute Bekannte in einer so entfernten Gegend zu stoßen und sah die prächtigen Bäume mit wahrem Entzücken an, obschon er glaubte, daß sie ihm keine Nahrung darbieten würden. Darin aber hatte er sich geirrt, denn als er die vor ihm stehenden Bäume genauer betrachtete, sah er, daß fast aus jedem Zweige ein krystallhelles Gummi hervorgeschwitzt war, das vollkommen dem arabischen glich, und da er sich erinnerte, gehört zu haben, daß ein solches Gummi sehr vielen Nahrungsstoff enthalte, bog er einige Zweige zu sich herab und sammelte eine Handvoll Gummi, das ohne allen Geschmack war und ihm sehr leicht auf der Zunge verging. Zwar konnte er sich an diesem Nahrungsmittel nicht vollkommen sättigen; allein schon nach wenigen Minuten ließen die Schmerzen in seinem völlig ausgehungerten Magen nach und ein Gefühl von Wohlbehagen trat an die Stelle desselben, das noch vermehrt wurde, als er vermittelst seines mitgenommenen Beutels einen frischen Trunk aus der schönen Quelle geschöpft hatte.

Jetzt, wo sein dringendstes Bedürfniß wenigstens einigermaßen gestillt war, dachte er wieder an seinen lieben Kranken und in der Hoffnung, daß auch ihm vielleicht beim Erwachen mit einem Nahrungsmittel gedient sein dürfte, sammelte er noch eine gute Handvoll von dem Gummi, füllte seine Ledertasche mit Wasser an und wanderte dem Strande wieder zu.

Zehntes Kapitel.

Der Capitain lag noch, als er bei demselben anlangte, ganz in der Stellung, in der er ihn verlassen hatte. Sein Gesicht war aber wachsbleich geworden und seine leichtgekrümmten, über der Brust liegenden Finger hatten dieselbe Farbe angenommen. Einen höchst widerwärtigen Eindruck machte es auf ihn, daß eine Menge geflügelter Insekten seinen armen Freund umflogen und sich mit Gier auf die verwundeten Stellen seines Kopfs und Gesichts niederließen, von denen sie das Blut zu saugen schienen. Er verjagte sie mit einem breiten und langen Blatte des Farrenkraut-Baumes, das er vom Dache der Hütte abgenommen hatte; allein sie ließen sich nicht vertreiben und kamen immer und immer wieder. Der Capitain aber ließ alles mit sich geschehen, und rührte kein Glied, zuckte nicht einmal mit den Augenwimpern.

»Ach!« sagte jetzt William, nachdem er ihn lange mit Aufmerksamkeit betrachtet hatte, mit schmerzlich bewegter Stimme: »ich glaube, er ist todt!«

Um sich zu überzeugen, ob er es sei, knieete er neben ihm nieder und faßte nach seiner Hand; sie war eiskalt und steif; die Arme und Finger hatten ihre Beweglichkeit verloren; die Brust hob sich nicht mehr wie beim Athmen; die Augen waren fest geschlossen und der Mund stand etwas offen.

»Ja, er hat ausgelitten, er ist todt!« rief jetzt William, dem ein Strom von Thränen über die Wangen schoß; »er ist wirklich todt und ich bin jetzt ganz allein auf der großen, weiten Erde!«

Der Gedanke hatte etwas so Entsetzliches für ihn, daß seine Thränen heißer strömten und er in laute Klagen ausbrach. Niemand trocknete diese Thränen von seinen Wangen; keine menschliche Stimme redete Worte des Trostes zu ihm: er war allein, verlassen von aller Welt; Keiner theilte seinen Schmerz, Keiner würde sich seiner Freude freuen.

Zum ersten Male im Leben begriff er, welche Wohlthat Gott uns Menschen schon allein dadurch erzeigt hat, daß er uns in der Gesellschaft Anderer aufwachsen läßt; daß er uns Eltern, Geschwister, Genossen gab. Er hatte daran nie zuvor gedacht und, wenn gleich Gott für sehr viel Gutes, doch dafür niemals aus der Fülle der Seele gedankt.

Der Anblick der Leiche erfüllte ihn endlich mit einem Gefühle von Grauen, über das er nicht Herr zu werden vermochte. Aber wohin mit ihm? wie ihn, da er kein anderes Geräth, als sein Taschenmesser besaß, ein Grab bereiten? Sie unbestattet am Strande liegen, sie die Beute habsüchtiger Insekten werden zu lassen, dagegen sträubte sich sein Gefühl. Er konnte freilich von dannen, tiefer in das Land hineingehen und für die Folgezeit diesen traurigen Ort vermeiden; allein das würde ihn nicht beruhigt haben; er mußte, um sich zufrieden geben zu können, die Leiche dem heiligen Schooße der Erde anvertrauen, damit sie, wie es in der Schrift heißt, wieder zur Erde würde.

Bald hatte sein erfinderischer Geist ein Hülfsmittel ersonnen. Es bedurfte jetzt, da sein armer Genosse todt war, keiner Hütte zu seinem Schutze mehr; er riß also einen der stärkern Stäbe, die das Laubdach stützten, aus dem Boden und bediente sich seiner statt einer Schaufel. Die Arbeit war, besonders bei dem heißen Sonnenbrande – denn es war in Australien Sommer, während in Europa noch Schnee und Eis zu sehen war – sehr mühsam und ging nur langsam von statten, da der Stecken eine Schaufel oder ein Grabscheit nur sehr unvollkommen ersetzte, allein seine Ausdauer überwand alle Schwierigkeiten und der überaus lockere, so nahe am Meere sandige Boden unterstützte ihn bei der Arbeit, so daß gegen Abend ein Loch bereitet war, in das er den Körper des Verstorbenen zu senken vermochte. Er bedeckte diesen dann nothdürftig mit der ausgeworfenen Erde und zum Ueberflusse auch noch mit den Stäben und Blättern, die seither zur Hütte gedient hatten.

Als das Grab fertig und diese heilige Pflicht von ihm erfüllt war, machte er, zur Bezeichnung der Stätte, wo die irdischen Uebereste des Capitains ruhten, aus zwei kreuzweis zusammengebundenen Stäben ein Kreuz und pflanzte es neben dem Grabe in den Boden.

Seine Kräfte waren völlig erschöpft, als er mit dieser mühsamen Arbeit endlich fertig war. Zwar hatte er sich dadurch zu stärken und den Hunger vom Leibe zu halten gesucht, daß er von Zeit zu Zeit ein Stück von dem mitgenommenen Gummi in den Mund nahm und dazu einen Schluck Wasser trank; allein dieses leichte Nahrungsmittel reichte für die Länge nicht aus, besonders bei so schwerer Arbeit nicht, und sein Magen zeigte ein dringendes Verlangen nach einer nahrhafteren, festeren Speiße. Woher sie aber nehmen? wo sie aufsuchen? Das wußte er sich nicht zu sagen und wünschte sich jetzt den ledernen Riemen der Kaffern, von dem er am Vorgebirge der guten Hoffnung erzählen gehört hatte, um sich den bellenden Magen damit zusammen zu schnüren. Er verzweifelte zwar nicht daran, daß er noch so glücklich sein würde, eine consistentere Nahrung, und wenn es auch nur eine eßbare Wurzel wäre, zu finden; allein seine gänzlich erschöpften Kräfte und die wenige Zeit, die ihm noch bis zum völligen Anbruche der Nacht übrig blieb, reichten nicht dazu aus, sie zu suchen: hatte er doch kaum noch so viele Kraft, den Ort, wo die Leiche ruhte, zu verlassen und den Platz unter den Akazien zu erreichen, wo er die Nacht zuzubringen beschlossen hatte.

Der Boden war hier hart, da, wie schon gesagt, das ziemlich hohe Gras nicht wie bei uns dicht neben einander, sondern in einzelnen Büscheln stand; auch bedeckten weiche Moose den Boden nicht, wie in Europa an schattigen Orten; denn bis jetzt hat man, so viel mir bekannt, noch keine Moose in Australien entdeckt; aber trotz dem verfiel unser Freund bald in einen tiefen Schlaf; denn dem Müden ist leicht gebettet und hätte der Hunger und die auf sein Gesicht fallenden Sonnenstrahlen ihn nicht früh geweckt, so würde er wohl bis zum hellen Mittage auf seinem harten Lager geschlafen haben.

Sein erstes Geschäft nach dem Erwachen war, Gott für den ihm in der Nacht gewährten Schutz und guten Schlaf zu danken. So hatte seine Mutter es ihn gelehrt, und obgleich er jetzt durch mehrere tausend Meilen von ihr getrennt war, so behielt er diesen frommen Gebrauch doch bei. Nachdem er gebetet hatte, ging er zur Quelle, erfrischte sich durch einen Trunk daraus und wusch sich dann Gesicht und Hände in der krystallhellen Fluth. Ihm war so wohl und leicht dadurch geworden, daß er aller schweren Sorgen sich entschlug und seinem Vater im Himmel gänzlich vertraute.

Der Morgen war so schön, wie man sich ihn nur denken kann. Die Sonne stand an einem hohen, tiefblauen, völlig wolkenlosen Himmel; die Erde war mit köstlichem Grün und einer Menge noch nie zuvor gesehener Blumen bedeckt; die durch die Nachtluft erfrischten Bäume hauchten einen winzigen Duft aus und bunte Vögel schüttelten ihr Gefieder in den Zweigen derselben, indem sie zugleich ihr Morgenlied zum Lobe des Schöpfers aller Dinge erschallen ließen.

William hatte, da ihn nichts an den Platz unter den Akazien fesselte, seine Wanderung wieder angetreten und ging, in der Hoffnung, irgend etwas Eßbares zu finden, tiefer ins Land hinein; konnte es ihm doch gleichviel sein, wohin er wanderte.

Auf dieser Wanderung fiel es ihm nicht wenig auf, daß er die Stämme mehrerer ihm unbekannten Bäume völlig von ihrer Rinde entblößt erblickte. Diese lag, wie von der Hand eines Baumschänders abgeschält, unter den Bäumen. Noch auffallender aber war es ihm, daß trotz dem die Krone der Bäume so frisch und grün war, als wäre dem Stamme nichts geschehen. Er wußte, daß bei uns Bäume absterben, deren Stamm man frevelhafter Weise abgeschält hat, und staunte so nicht wenig, hier das Gegentheil zu finden. Unser Freund wußte damals noch nicht – in der Folge erfuhr er es durch angestellte Beobachtungen – daß in Australien die meisten Bäume gegen den dortigen Frühling, der um die Zeit unseres Herbstes fällt, die Rinde von selbst abstreifen, sich also gleichsam wie unsere Krebse und Schlangen häuten, und daß unter der alten, abgestorbenen Rinde schon eine neue, zarte, dem Auge kaum bemerkbare sitzt.

Indem seine Blicke nun überall sorgfältig umher spähten, um wo möglich ein Nahrungsmittel zu entdecken, fiel ihm ein anderer Baum auf, dessen Wuchs dem unserer Kirsche glich und der bei ganz ähnlichen Blättern auch eine ähnliche, hochrothe Frucht trug, nur mit dem Unterschiede, daß der Kern, oder wie wir die holzige Hülle des Kerns nennen, der Stein, statt im Innern der Frucht, an der Seite nach außen saß. Dies fiel ihm so auf, daß er lange in Betrachtung dieser wunderbaren Erscheinung stehen blieb. Endlich wagte er es, auf die Gefahr hin, vielleicht eine giftige Frucht zu genießen, denn das war leicht möglich, da er sie nicht kannte, eine Handvoll davon zu pflücken und sie zu verzehren. Sie hatte allerdings im Geschmacke einige Aehnlichkeit mit unserer Kirsche, allein sie war herber und nicht eben angenehm: trotz dem erfrischte sie ihn und da er, nachdem er einige Zeit unter dem Baume ausgeruht hatte, keine üble Wirkung davon verspürte, wagte er es, sich völlig satt an diesen Kirschen zu essen. Der Baum war allerdings die australische Kirsche.

Als er, etwas gestärkt durch die festere Nahrung, seine Wanderung weiter fortsetzte, nahm er wahr, daß die Stämme vieler Bäume, namentlich ältere, völlig hohl waren. Man findet zwar auch in andern Welttheilen hohle Bäume, aber deren lange nicht so viele, als er hier fand. Diese Erscheinung rührte, wie er späterhin wahrnahm, von zwei Arten in Australien häufig vorkommenden Ameisen, den weißen und den schwarzen, her. Die weißen werfen sich zuerst auf einen solchen Baum, den sie sich zum Sitze ausersehen haben, und bohren ihn von unten bis oben voll Löcher, so daß er fast zum Siebe wird. Haben Sie ihre Brut gemacht, so folgen ihnen die schwarzen nach, die die von ihnen gemachten Löcher wieder so genau mit Erde ausfüllen, daß kein einziges leer bleibt. Aber die so durchbohrten Theile des Stammes sterben mit der Zeit ab und dies macht, daß man in Australien so viele hohle Bäume findet. Noch auffallender dürfte es für Euch, meine Theuren, sein, daß Reisende uns die Mittheilung machten, daß eine Menge Bäume in Australien ein unverbrennliches Holz liefern. Dies soll daher rühren, daß das Holz sehr viele Alauntheile enthält, die dem Verbrennungsprozesse bekanntlich hinderlich sind. Man benutzt diese unverbrennlichen Bäume daher gern zum Zimmerholze, indem sie dem Brande eben so gut widerstehen, als Häuser es thun würden, die ganz von Stein aufgeführt wären.

Auch Mannabäume – der Botaniker nennt sie in der Kunstsprache Eucalyptus mannifera, welchen Namen Ihr Euch merken mögt – fand unser William auf seiner Wanderung; er kannte aber weder ihren Namen, noch wußte er, daß man dieses, in Flocken an den Bäumen hängende Harz in unsern Apotheken als Arzneimittel gebraucht. Ein Glück war es für ihn, daß er dießmal nichts davon genoß, denn es ist ein tüchtiges Abführungsmittel, wie er späterhin gewahr werden sollte, als er sich in einer Anwandlung von Naschhaftigkeit zum Genusse dieses süßlichen Saftes verleiten ließ.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen fand unser William hier, wo Alles so ganz anders, als in Europa war, eine gute alte Bekannte, die Nessel nämlich. Als er sie erblickte, glaubte er, doch vielleicht eine andere, nur der äußern Form nach ähnliche Pflanze vor sich zu haben, auch war sie hier viel größer und üppiger; als er sich aber bückte, um sie leise anzurühren, entdeckte er, daß sie ganz dieselbe Eigenschaft besitze, wie die europäische: er verbrannte sich nämlich recht derb die Hand, an der gleich eine Menge von Pusteln aufliefen, die heftig juckten. Hätte er die Nessel nur recht derbe angegriffen, so würde das nicht geschehen sein, denn dann würden die feinen Härchen, womit Blatt und Stengel dieser Pflanze übersät sind und die durch ihr Eindringen in die Haut eben die Pusteln und das lästige Jucken hervorbringen, von seinen Fingern niedergedrückt worden und hätten ihm nicht schaden können. Den Versuch könnt Ihr jederzeit in unsern Gärten und Feldern machen.

Da das Jucken von der unvorsichtig berührten Nessel fast unerträglich war und William sich erinnerte, daß man es durch Eintauchen in kaltes Wasser lindern könne, sah er sich nach seiner lieben Quelle um: wo aber war die jetzt? Vergebens durchsuchte er die Stellen, wo das Gras etwas dichter, als an den übrigen stand; vergebens durchstreifte er, trotz seiner Müdigkeit, noch eine große Strecke: die Quelle war wie verschwunden und er entdeckte auch keine andere, wenigstens für den Augenblick nicht.

Das war denn sehr traurig für unsern armen jungen Freund. Wenn er das lästige Jucken auch geduldig ertragen hätte, so stellte sich doch ein so brennender Durst bei ihm ein, daß er ihn mit den Kirschen, deren er noch einige fand, nicht zu löschen vermochte, um so weniger, da hier diese Frucht weder so angenehm schmeckend, noch saftig war, wie in Europa.

Zu dieser großen Plage gesellte sich bald eine zweite: eine so große Ermüdung, daß seine Beine ihn nicht weiter zu tragen vermochten. Dabei brannten seine Füße wie Feuer, da sie stets auf einem fast glühend heißen Boden fortgewandelt waren. Zwar war dieser, wie schon gesagt, mit Gras bedeckt; allein es stand in einzelnen Büscheln ziemlich weit auseinander und ließ große freie Zwischenräume, auf die William treten mußte, wenn er nicht alle Augenblicke über die sehr hohen Grasbulte stolpern wollte. Die Ursache, weßhalb das Gras in Australien, trotz der so außerordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens, nur in einzelnen Büscheln steht, ist die, daß es hier nur sehr wenige Arten von Futterkräutern gibt, während ein Naturforscher, Sainclair, auf einen Quadratfuß Wiesenland in England zwei und zwanzig Arten davon entdeckte. Diese große Verschiedenheit der Gräser bewirkt, daß der Rasen in unserm Welttheile so dicht und schön ist; denn jedes dieser Kräuter zieht andere Nahrungsstoffe aus der Erde an sich, folglich können sie sehr gut neben einander bestehen, ohne sich in Hinsicht der Nahrung zu beeinträchtigen. Ich will Euch, meine Geliebten, dies durch ein Beispiel zu erläutern suchen. Gesetzt, man sperrte zwei oder drei verschiedenartige Vögel in einem Käfige ein und gäbe ihnen verschiedenartiges Futter in hinlänglicher Menge, so würden sie recht gut neben einander bestehen und sich lange ernähren können, wenn der eine Vogel diese, der andere jene Körner zu seiner Nahrung erwählte; würden aber alle nur die eine Sorte von Körnern fressen wollen, so würde der Vorrath bald aufgezehrt sein und Mangel für alle entstehen. Aus eben dem Grunde gedeiht der nur mit sehr wenigen Grasarten bedeckte australische Rasen nicht so gut wie der unsrige.

Nachdem William noch über eine Stunde gelaufen war, um seine geliebte Quelle oder auch eine andere wieder zu finden, wollten seine Kräfte zum fernem Umherlaufen nicht mehr ausreichen und er sank in tödtlicher Ermattung unter einem großen Baume nieder, der ihm wenigstens einigen Schatten gewährte. Die Plage, welche der brennende Durst ihm verursachte, war so groß, daß er sich zuerst von seinem bisherigen Muthe verlassen fühlte und sich hinsetzte und bitterlich zu weinen anfing. Was sollte auch in der That aus ihm werden, wenn er kein Wasser mehr fände, um seinen brennenden Durst zu löschen.

Da aber nichts so leicht müde macht, als das Weinen, und er überdies durch das lange Umherstreifen in der brennenden Sonnenhitze völlig ermattet war, fiel er bald in einen tiefen Schlaf und vergaß, wenigstens auf einige Zeit, seine Leiden.

O, welche Wohlthaten der Natur oder vielmehr der Gottheit sind Wasser und Schlaf, und wie Wenige danken doch ihrem himmlischen Vater für beide großen Gaben! Nur der Verschmachtende, der plötzlich eine frisch sprudelnde Quelle, der Kranke, welcher nach langem, den letzten Rest seiner Kräfte verzehrendem Wachen endlich einen erquickenden Schlaf findet, nur sie werden vielleicht die Pflicht des Dankes gegen den Schöpfer aller Dinge erfüllen.

Elftes Kapitel.

William würde, trotz des ihn quälenden Durstes, vielleicht noch länger geschlafen haben, wenn die Berührung eines eiskalten Gegenstandes, der über seine am Boden ruhende Hand hinkroch, ihn nicht geweckt hätte. Diese Berührung weckte ihn auf und er zog die Hand, welche sie erlitten hatte, eilig an sich. In demselben Augenblick schoß eine wohl 12 bis 14 Fuß lange Schlange mit der größesten Schnelligkeit und wie erschreckt durch seine rasche Bewegung durch die hohen Grasbüschel fort. Sein Schrecken bei diesem Anblicke war, wie Ihr Euch vorstellen könnt, nicht gering, denn er wußte, daß es viele giftige Schlangen gibt und fürchtete sich so mit Recht vor der Nähe dieser Thiere. Seine Furcht war dießmal vergeblich gewesen, wie er späterhin erfahren sollte. Die Schlange, welche über seine Hand gekrochen war, war die Diamant-Schlange, die einzige nicht giftige dieser Gegend, weßhalb sie auch von den Eingeborenen als ein Leckerbissen verzehrt wird. Ihr möchtet wohl nicht darauf zu Gaste gehen? – Ich auch nicht.

Die Furcht, eine Beute dieses häßlichen Reptils zu werden, trieb William nicht nur vom Boden empor, sondern sogar zur eiligen Flucht: konnten doch noch mehrere dieser Thiere an dem Orte sein. Da der Schlaf ihn gestärkt hatte, eilte er rasch von dannen; nach welcher Richtung? das wußte er selbst nicht; auch konnte es ihm ja so ziemlich gleichgültig sein, da er nun aufs Geradewohl fortlaufen mußte, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Ihm war nur darum zu thun, so weit als möglich aus dem Bereiche der häßlichen Schlangen zu kommen, vor denen er, ihrer giftigen Eigenschaften wegen, eine große Furcht hatte. Diese war in der That so groß, daß er fast seines Durstes darüber vergaß und erst wieder daran erinnert wurde, als plötzlich ein Rauschen, wie von herabfallendem Wasser, an sein Ohr drang.

Er stand still, um zu lauschen; dann rief er plötzlich mit dem Tone des höchsten Entzückens aus:

»Ja! das ist Wasser!«

Vor ihm lag ein mäßiger Hügel und obgleich, in der Ebene geboren, des Bergsteigens nicht gewohnt, klomm er ihn so schnell hinan, als wäre er ein Kind der Alpen. Auf der Spitze des Hügels angelangt, zeigte sich seinen Blicken ein entzückendes Schauspiel. Zwischen einer Reihe mäßiger Hügel lag ein schönes, mit dem lieblichsten Grün bekleidetes, den herrlichsten, nie zuvor gesehenen Blumen besä'tes Thal, durch das sich ein silberheller Bach murmelnd hinwand. Dieser stürzte sich von der Spitze des Hügels, auf dem er stand, in das schöne Thal hinab und bildete, indem er von Zeit zu Zeit über hervorspringende Felsstücke hinrauschte, die anmuthigsten Wasserfälle, von denen ein schneeweißer Schaum emporspritzte; unten am Fuße des Hügels aber angelangt, wurde das Wasser hell wie Bergkrystall, so daß sich der tiefblaue Himmel darin abspiegelte.

Ein Freudenruf, nur von Gott und der schweigenden Natur gehört, entfuhr bei diesem entzückenden Anblick den Lippen unsers jungen Freundes. Er glaubte das Paradies vor sich zu haben, denn etwas so Reizendes, wie dieses Thal, hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Wie ein Vogel flog er den Hügel hinunter, zu dem schönen Bache hin, legte sich an denselben nieder und schöpfte seine erquickliche Fluth mit der Hand; er ließ sich in seiner Freude und seinem großen Durste nicht erst die Zeit, sein ledernes Trinkgefäß hervorzuziehen, um Wasser darin zu schöpfen, sondern bediente sich lieber des jedem Menschen angebornen Schöpfgefäßes, der hohlen Hand, um zu trinken. Als er seinen Durst gelöscht und somit das erste dringendste Bedürfniß befriedigt hatte, dachte er schon an Luxus, denn so machen es die Menschen in allen Verhältnissen des Lebens. Schnell warf er seine Kleider ab und stand mit einem Sprung mitten im Bache. Welche Erquickung, als die kühle Fluth seine heißen Glieder berührte; aber zugleich auch welche Unvorsichtigkeit, so erhitzt ins Wasser zu springen. Die Folgen davon sollte er nur zu bald empfinden.

Zuerst hatte er nichts als Wohlbehagen und Erquickung davon; allein der hinkende Bote kam nach. Als er sich gehörig erfrischt und längere Zeit im Wasser geplätschert hatte, verließ er den Bach endlich wieder und fühlte sich so leicht und frisch, als wäre er neugeboren. Eines Handtuchs, um sich abzutrocknen, bedurfte er unter diesem Himmelsstriche nicht: die liebe Sonne verrichtete dieses Geschäft in wenigen Minuten, so daß er seine Kleider gleich wieder anziehen konnte. Vielleicht wäre selbst jetzt noch Alles gut gegangen, wenn er sich auf die heftige und plötzliche Abkühlung im Wasser gleich wieder in starke Bewegung, wo möglich in Schweiß gesetzt hätte. Daran dachte aber unser Unbesonnener nicht, sondern er legte sich, etwas ermüdet durch das genommene Bad, neben dem Stamme eines sehr großen und schönen Gummi-Baumes nieder, dessen breite und blätterreiche Krone ihm einen vollkommenen Schutz gegen die Strahlen der Sonne gewährten.

Er schlief nicht, denn er war nur etwas ermüdet und fühlte das Bedürfniß des Schlafes nicht, sondern er ruhte nur und schaute mit aufmerksamem Auge um sich, schon aus Furcht vor den Schlangen, mit denen er keine Gemeinschaft pflegen mochte. Zu seiner nicht geringen Verwunderung sah er zwischen dem Grase Frösche umherhüpfen, die eine schöne, dunkelgrüne Farbe, hellgelbe Streifen über den Rücken und viele schwarzen Punkte hatten. Da Niemand sie in dieser Wildniß störte und verfolgte, thaten sie nicht im geringsten schüchtern, sondern krochen zutraulich heran oder hüpften dicht neben ihm im Grase.

Noch eine andere alte Bekannte, die Eidechse, traf er hier an; sie schlüpfte aus einem kleinen Loche in der Erde hervor und sah ihn mit ihren klugen, glänzenden Augen so verständig an, als wolle sie eine Conversation mit ihm anknüpfen. Wie zudringlich und wenig scheu diese Thiere, sowie auch die Frösche waren, sollte er in der Folge in Erfahrung bringen, da sie sich in Menge in seiner Wohnung einfanden und so bekannt mit ihm thaten, als wären sie eingeladene liebe Gäste. Sie schliefen oft bei ihm auf seinem Graslager, thaten ihm aber nie etwas, so daß er ganz vertraut mit ihnen wurde und sie nicht selten mit gefangenen Fliegen und andern geflügelten Insekten fütterte, die, wie er aus der Naturgeschichte wußte, ihre Lieblingsspeise waren. Er sah sie auch auf die Bäume klettern; allein zu ihrem Verderben; denn hier lauerten einige Raubvögel ihnen auf und verzehrten sie, ohne viele Complimente zu machen.

Nachdem William allerlei Beobachtungen und Betrachtungen angestellt hatte, erhob er sich wieder, um weiter zu wandern; denn kaum war das eine Bedürfniß befriedigt, so meldete sich schon ein anderes, der Hunger.

Indem er so durch das reizende Thal hinstreifte, kam er zu einer Stelle, wo das hohe Gras sichtbar niedergebrannt war, und als er etwas weiter ging, zeigte sich ein Haufen Asche, um den einige Knochen umherlagen, seinen nicht wenig überraschten Blicken; sogar einige halbverbrannte Holzstücke lagen umher. Hier hatten also Menschen gehaus't; – welche Entdeckung!

Vor Erstaunen wurzelte sein Fuß am Boden. Er bückte sich, um die Asche zu befühlen und überzeugte sich auch durch das Gefühl, daß sein Auge ihn nicht getäuscht habe. Hier waren demnach – wie hätte er noch länger daran zweifeln können? – Menschen gewesen und hatten sich aller Wahrscheinlichkeit nach Speise bereitet; denn wozu sonst Feuer anzünden? Es waren vielleicht gar welche ganz in der Nähe, etwa hinter den Hügeln, die das Thal einschlossen? Welcher Art aber waren sie? und hatte er das Begegnen nicht viel mehr zu fürchten, als zu wünschen? Hatte er doch von Menschenfressern unter den Wilden gehört? Er wußte nicht, ob er sich über eine solche Nähe freuen oder betrüben sollte.

Eine andere Entdeckung, die er machte, erfüllte ihn indeß mit der reinsten Freude. Er sah an einer Stelle eine Pflanze aus dem Boden hervorgewachsen, deren Kraut einige Aehnlichkeit mit dem unserer Kartoffel hatte, nur daß der Stamm höher und dicker und die Blätter etwas anders geformt waren. Um sich zu überzeugen, ob er sich nicht in seiner Voraussetzung geirrt habe, grub er mit seinem Taschenmesser ein Loch in die Erde und wühlte bald eine längliche, ziemlich große Knolle daraus hervor. Der Zufall hatte ihn die wilde Patate, die unsern Kartoffeln sehr ähnlich ist, entdecken lassen. Wie glücklich würde ihn dieser Fund gemacht haben, wenn er zugleich Feuer gehabt hätte, um sie zu braten; das aber fehlte ihm, und wie sich welches verschaffen?

Die Noth indessen ist die Mutter der Erfindungen. William hatte noch nicht lange nachgesonnen, so glaubte er es schon zu haben. Er dachte an sein ziemlich großes, starkes, vom besten Stahl gemachtes Taschenmesser, dessen Rücken gar füglich die Stelle eines Feuerstahls vertreten konnte. Es kam also nur noch darauf an, einen Feuerstein und etwas Zunder zu finden, denn um Holz durfte er nicht verlegen sein und nur zu der Brandstätte zurückkehren, um es zu finden; auch für Zunder trug er keine Sorge: ein Eckchen von seinem dünnen baumwollenen Taschentuche konnte gar füglich die Stelle desselben vertreten.

Der Stein aber machte ihm Sorge und so emsig er auch suchte, so konnte er doch keinen entdecken, der dem Kieselsteine nur entfernt ähnlich gewesen wäre. Endlich, als er bereits die Hoffnung aufgeben wollte, das Gewünschte zu finden, fiel ihm ein, daß er beim Baden in dem Bache auf Steinchen getreten war und sich an einem derselben den Fuß leicht geritzt hatte: das konnte möglicherweise ein Kieselstein gewesen sein, und er glaubte dies um so eher, als er von Europa her wußte, daß die Bäche gern ein Bett von Kieseln habe.

Er eilte also mit schnellen Schritten zu seinem geliebten Bache zurück, zog Schuhe und Strümpfe aus und watete mit bloßen Füßen mitten in denselben hinein. Es dauerte auch nicht lange, so fühlte er seine Fußsohlen wieder von einem etwas scharfen Gegenstande berührt; er bückte sich, langte auf den Grund des Baches nieder und brachte mit der Hand eine Menge Steine herauf, worunter sich ein prächtiger Kieselstein befand, der fast die Form eines Flintensteines hatte und also zu dem beabsichtigten Zwecke vollkommen dienen konnte.

Wer war froher als er! Er trocknete den Stein, ging damit zu der Brandstelle, sammelte die angebrannten Holzstückchen zusammen, raufte einige Hände voll gänzlich vertrockneten Grases aus, sammelte ein Häufchen von der abgefallenen Baumrinde, die so trocken wie Stroh war, und riß, als er dieses Alles vorbereitet hatte, ein Stück von seinem Taschentuche ab, das die Stelle des Zunders vertreten sollte.

Er hatte die Sache sich aber leichter gedacht, als sie in der That war: sein Zunder taugte nichts und wenn auch wirklich ein Fünkchen auf das baumwollene Zeug fiel und zündete, so verlosch es doch sogleich wieder. Eine halbe Stunde und länger mühte er sich mit dem Feuerschlagen ab und wollte schon den Gedanken aufgeben, sich Feuer zu verschaffen, als ihm einfiel, das Stückchen Zeug zwischen zwei Steinen gleichsam zu einer Art von Pulver zu zerreiben, was nach seiner Meinung besser zünden würde, als das Läppchen von dem Tuche. Auch diese Arbeit war nicht ohne Mühe und kostete viele Zeit; endlich siegte er aber doch durch Beharrlichkeit über alle Hindernisse und siehe da! der Sieg war sein. Kaum waren ein Paar Fünkchen in den Zunder gefallen, so glimmte das Ganze; er legte schnell erst von dem trockenen Grase darauf und blies es zur Flamme an, dann legte er von der Rinde dazu und endlich die gefundenen angebrannten Holzstückchen, die bald in einer lustigen Flamme emporloderten.

Als er damit zu Stande war, holte er eine gute Hand voll von seinen herrlichen Pataten, wusch sie an der Quelle rein und legte sie an das Feuer, wo sie schnell brieten; ein grüner, sehr biegsamer Baumzweig, den er wie eine Zange zusammenbog, mußte die Stelle der Feuerzange beim Umwenden der Pataten vertreten; mit der Hand konnte er diese nicht anfassen, da sie bereits glühend heiß vom Feuer waren.

Sein Appetit war durch den Anblick der kartoffelartigen Frucht so gestachelt worden, daß er ihn kaum mehr zu zügeln vermochte und wahrscheinlich – er selbst hat nichts davon gesagt – einige davon halbroh verzehrte, welche Gier ihm unter diesen Umständen schon nachzusehen sein durfte, so schlecht eine solche sonst auch für uns Menschen läßt, indem sie uns den Thieren ähnlich macht.

Nie hat wohl dem ärgsten Prasser, dem größesten Leckermaul eine Mahlzeit, mochte sie auch noch so ausgesucht, noch so trefflich bereitet sein, so geschmeckt, wie dieses Gericht Pataten unserm ausgehungerten William mundete. Er hatte weder Butter noch Fett, ja nicht einmal Salz dazu; aber an solche Leckereien dachte der gute Junge gar nicht; überdies hatten die Pataten einen etwas süßlichen, mehr dem Obste ähnlichen Geschmack, als unsere gewöhnlichen Kartoffeln.

Wie schmeckte, nach eingenommenem Mahle, auch ein frischer Trunk aus dem Bache, und wie lustig sangen buntgefiederte Vögel in den Zweigen des Gummi-Baumes, unter dem er sich zur Ruhe niederlegte; wie dufteten Blumen und Kräuter, die ihm zum Lager dienten; O, er wäre vollkommen glücklich gewesen, und hätte kaum noch einen Wunsch übrig gehabt, wenn er seine geliebte Mutter bei sich haben und ihr den Reichthum und die Herrlichkeit dieser Wildniß hätte zeigen können.

Sein erster Gedanke, nachdem er sich unter dem Gummi-Baume zur Ruhe niedergelegt hatte, war ein Gebet an Gott, ein heißes, inniges Dankgebet; sein letzter, bevor er einschlief, der an seine Mutter und die theure Heimath.

Eine empfindliche Kälte erweckte ihn gegen Morgen. Es hatte, wie es in diesen Gegenden der Fall zu sein pflegt, stark gethaut und Gesicht, Haare und Kleidung waren ganz naß davon. Schauder, wie von Fieberfrost, durchströmten sein Gebein; er zitterte vor Kälte und innerem Unbehagen, obgleich es eben nicht kalt, sondern die Luft nur etwas frischer, als gewöhnlich war. Er wollte, trotz dem daß der Tag nur erst zu grauen begann, aufstehen und sich durch Bewegung etwas zu erwärmen suchen; allein es verursachte ihm große Beschwerde, sich vom Boden zu erheben. Seine Glieder wurden steif und so wie er Hand, Fuß oder Nacken bewegte, hatte er den empfindlichsten Schmerz auszustehen.

Trotz dem erhob er sich; allein er wäre bald wieder umgefallen, so schwindelte ihm der Kopf, der obendrein sehr wehe that; auch wurde ihm das Schlucken schwer. Dies waren die traurigen Folgen des kalten Badens nach einer großen Erhitzung. Wenn es nun schon ein großes Ungemach ist, krank zu sein, wenn uns alle erdenkliche Hülfe geleistet, jegliche mögliche Erleichterung verschafft wird, ein wie viel größeres mußte es nicht für unsern William sein, dem Keiner zu Hülfe kommen, den Keiner hegen und pflegen konnte. Trotz dem raffte er sich auf und taumelte eine Strecke fort. Alle Gegenstände drehten sich im Kreise um ihn her; das Sehen fiel ihm schwer; sein Athem war kurz und beengt und Hände und Füße versagten ihm den Dienst; er fühlte sich so krank, wie er noch nie im Leben sich gefühlt hatte, selbst damals nicht, als die Masern bei ihm zum Ausbruche kamen, und er glaubte, daß sein letztes Stündchen gekommen sei, als er in tödtlicher Ermattung und unter den heftigsten Gliederschmerzen in der Nähe des Baches zur Erde sank.

Erst jetzt dachte er über die vermuthliche Ursache einer so plötzlichen Erkrankung nach, und hatte sie bald ausgefunden. Wie oft hatte seine sorgsame Mutter ihn nicht vor plötzlicher Erkältung nach großer Erhitzung gewarnt, und ihm die so leicht schädlichen Folgen einer solchen Erkältung vorgestellt; wie oft hatte sie ihm nicht das Glas vom Munde genommen, wenn er nach einem raschen Gange trinken wollte! Und jetzt hatte er an alle diese wohlgemeinten Warnungen nicht gedacht, sondern war, fast triefend von Schweiß, in das kalte Wasser des Baches gegangen. Mit wie vielen Leiden und Schmerzen mußte der Arme diese Unvorsichtigkeit und ein Gefühl augenblicklichen Wohlbehagens nicht bezahlen!

Bald wechselte der Frost, der seine Glieder geschüttelt hatte, mit einer brennenden Hitze ab. Sein Gesicht, seine Hände, seine Fußsohlen glühten: dabei schmerzte ihn jedes Glied seines Körpers; seine Zunge klebte vor Durst am Gaumen fest; seine Augen waren roth und brannten wie Feuer. Er hatte das größeste Verlangen, aus dem nahen Bache seinen glühenden Durst zu löschen; allein er vermochte nicht aufzustehen, nicht die wenigen Schritte bis zu demselben zu machen.

Seine Lage war in der That die schrecklichste und preßte ihm Wehklagen und Jammern aus. Bedenkt, Kinder, was es sagen will, von aller Welt verlassen, ohne Erquickung, ohne eine Handreichung, ja, ohne liebevollen Zuspruch, so in einer Wüste krank da zu liegen, und schenkt unserm armen Freunde Euer aufrichtiges Bedauern, verargt es ihm auch nicht, daß er wimmerte und weinte. Thut ihr das doch wohl auch einmal in schweren Krankheiten, trotz dem daß Alles liebevoll um Euch bemüht ist und die Kunst Alles aufbietet, Euch Linderung zu verschaffen; ja, klagt und wimmert Ihr vielleicht nicht blos – denn das würde Euch im Uebermaße der Schmerzen schon nachzusehen sein – sondern werdet sogar ungeduldig und gegen Eure Umgebung undankbar und ungerecht! Das Letztere aber ist eine Sünde; jeder Kranke sollte dankbarer sein, als der Gesunde, weil ersterer noch weit mehr Liebe und Sorgfalt bedarf und findet als letzterer.

Unser William konnte aber weder dankbar noch undankbar sein: es nahm sich Keiner seiner an; keine Hand schob ihm ein weiches Kopfkissen unter sein armes, heftig schmerzendes Haupt; keine trocknete ihm die hellen Schweißperlen von der glühenden Stirn; keine reichte ihm den kühlen Trunk, nach dem er schmachtete; er war allein, verlassen von aller Welt und selbst unfähig, irgend Etwas für sich zu thun. Der arme, arme William!

Zwölftes Kapitel.

Trotz der großen Schmerzen, die es ihm verursachte, mußte der Kranke doch aufstehen, um seinen Durst zu löschen, der endlich zu einer unerträglichen Qual für ihn wurde, um so mehr, da er die Rolle des Tantalus zu spielen gezwungen war und ganz in der Nähe des köstlichsten Wassers, das er rieseln und rauschen hörte, vor Durst verschmachten sollte. Er erhob sich also; allein seine Beine versagten ihm den Dienst und er sank mehrere Male um; endlich erreichte er aber doch den Bach und trank nun mit vollen Zügen. Er konnte sich nicht wieder von dem herrlichen erquicklichen Wasser trennen und eingedenk der Mühseligkeiten und Schmerzen, die es ihm gemacht hatte, bis zu demselben zu gelangen, legte er sich ganz in der Nähe des Baches nieder.

Ein Glück war es für ihn, daß er keinen Hunger verspürte, wie man dies bei Kranken in der Regel bemerkt, denn wie hätte er, der kaum seine Hände zu rühren und keine zehn Schritte ohne die entsetzlichsten Schmerzen zu gehen vermochte, sich Nahrungsmittel suchen sollen?

Dieser schreckliche Zustand dauerte volle drei Tage und der arme William glaubte sich dem Tode nahe. Er würde in seiner völlig hülflosen Lage, verlassen von aller Kreatur, völlig haben verzweifeln müssen, wenn er nicht von seiner Mutter zur Frömmigkeit angehalten worden wäre und ein unbegrenztes Vertrauen zu seinem himmlischen Vater gehabt hätte. Dieses Vertrauen und ein inbrünstiges Gebet zu Gott erhielten seinen Muth aufrecht und wurden vielleicht seine Lebensretter; denn wie sehr würde es seinen Zustand verschlimmert haben, wenn er, statt sein Leben und Schicksal in die Hände seines himmlischen Vaters zu legen, sich einer wilden Verzweiflung überlassen hätte.

Seine größte Plage war die Schlaflosigkeit, die theils durch seine großen Schmerzen, theils dadurch herbeigeführt wurde, daß er sich gar keine Bewegung machen konnte. Da war es denn eine gute Sache für ihn, daß er sich zeitig daran gewöhnt hatte, auf Alles Achtung zu geben, was um ihn her vorging, denn sonst würde er die tödtlichste Langeweile gehabt haben. Am Tage schenkte er den ihn umstehenden Gräsern und Blumen, den schöngefärbten Schmetterlingen und Libellen, die ihn umflatterten, den Käfern und Würmchen, die sich auf den Spitzen der Grashalme wiegten, oder am Boden hinkrochen, seine Aufmerksamkeit und jeder Gegenstand gab ihm hinlänglichen Stoff, Betrachtungen anstellen zu können, da Alles hier ganz anders als in Europa war. In der Nacht beschäftigte er sich damit, die Gestirne zu beobachten und mit seinen Blicken ihren Lauf zu verfolgen, sich die Stellung zu bemerken, in der die einzelnen Gestirne gegeneinander standen. Zuweilen gewährte das Flattern oder der Ruf eines Nachtvogels ihm eine angenehme Unterhaltung; selbst das Quacken der Frösche, die am Rande des Baches ihr eintöniges Nachtlied anstimmten, war für sein Ohr jetzt kein unangenehmer Ton, so wenig er früher auch dieser Musik der Sumpf-Nachtigallen Geschmack hatte abgewinnen können: belebte es doch die sonst so schweigsame Natur!

Nachdem unser William drei volle Tage und Nächte so gelegen, ohne irgend Etwas zu sich zu nehmen, als das Wasser, das er aus seinem lieben Bache schöpfte, fing er endlich an, eine leise Anwandlung von Hunger zu verspüren; dies war das erste Zeichen der wiederkehrenden Genesung und er dankte Gott dafür, obgleich er nicht wußte, wie er den erwachenden Appetit stillen solle; war er doch noch zu schwach, um mit seinem Messer sich Pataten aus der Erde graben zu können, und woher hätte er vollends die Kraft nehmen sollen, Feuer anzumachen, um sie zu braten? Er mußte sich also einer neuen Geduldsprobe und Hungerkur unterwerfen, bis er sich wieder etwas stärker fühlen würde. Dieser Mangel an Nahrung – so unglaublich diese Behauptung Euch auch klingen mag – beförderte seine Genesung bedeutend. Ein kranker Körper bedarf in der Regel gar keiner Nahrung, ja sie schadet ihm in den meisten Fällen, und vermöchten alle Kranke es über sich, die strengste Diät zu halten, so würden sie noch einmal so schnell genesen. Zu einer solchen Enthaltsamkeit sah sich aber unser William durch seine Lage gezwungen und erst am fünften Tage, als sein Appetit recht groß geworden war, zwang ihn dieser, den Versuch zum Aufstehen zu machen, und jetzt ging es.

Zwar schwankte er noch wie ein vom Winde hin und her bewegtes Rohr; zwar drehten sich scheinbar alle Gegenstände um ihn her im Kreise, wie es bei großer Schwäche der Fall zu sein pflegt; zwar mußte er sich nach zehn bis zwanzig zurückgelegten Schritten erst niedersetzen, um auszuruhen; allein es ging doch immer besser und besser und in der Zeit von einer Stunde hatte er eine gute Strecke zurückgelegt, indem er immer dem Laufe des Baches folgte.

Ein zwar niedriges, aber dem Anscheine nach dichtes Gebüsch zeigte sich in einiger Entfernung. In der Hoffnung, dort vielleicht irgend etwas Eßbares zu finden, strengte er den letzten Rest seiner Kräfte an, um es zu erreichen. Wie belohnte sich aber diese Anstrengung nicht für unsern armen Hungernden! Als er sich dem Gesträuche bis auf einige wenige Schritte genähert hatte, sah er fast jeden Zweig desselben mit schwellenden, dunkelrothen Beeren bedeckt, die traubenweise daran hingen und auf den ersten Blick von ihm für Himbeeren erkannt wurden. Seine Schwäche gänzlich vergessend, stürzte er auf diese labenden, duftigen Früchte zu und aß eine gute Menge davon. Es war ein Glück für ihn, daß er keine festere Nahrung gefunden hatte, weil er sich mit einer solchen den völlig ausgehungerten Magen gewiß gänzlich verdorben haben würde. Jetzt aber fühlte er sich nach dem Genusse der kühlenden und duftigen Frucht außerordentlich erquickt und so behaglich, wie seit längerer Zeit nicht; ja, er konnte sogar ohne allzugroße Beschwerde zu seiner geliebten Quelle zurück kehren, denn von dieser trennte er sich nur ungern.

Es ging von nun an immer besser; ja er konnte sogar seinen Appetit wieder an den nährenden Pataten stillen, die, nächst dem Wasser, die größeste Wohlthat für ihn waren.

So wie er nun seine ersten Bedürfnisse befriedigt sah, dachte er bereits auf andere. Obgleich der Himmelsstrich, unter dem er sich befand, einer der wärmsten, mildesten der Erde war, so empfand er doch oft, des stark fallenden Thaues wegen, Nachts ein heftiges Frösteln, besonders gegen Morgen, wo die Nachtkühle immer am empfindlichsten ist. Er sah sich also, so wie seine Kräfte es nur erlaubten, nach einem schützenden Obdache um, das aber nicht allzuweit von seinem geliebten Bache entfernt sein durfte.

Er hatte mehrfach gelesen und gehört, daß manche Berge Höhlen enthielten und seine Gedanken waren auf eine solche gerichtet. Er umkreißte also die nächsten Hügel und war bald so glücklich, eine geräumige Höhle zu entdecken. Der Boden derselben war zwar mit Staub und Schmutz, die Seitenwände mit Spinnenweben bedeckt; auch zeigten viele Thierspuren, sowohl von Vögeln als vierfüßigen Thieren, daß die Höhle diesen seither zum Aufenthalte gedient hatte; allein der Unrath konnte leicht beseitigt werden, und dann bot sie ihm einen willkommenen, schützenden Aufenthalt.

Ein Besen war sehr leicht gemacht, indem er eine Handvoll von den ziemlich starken Blättern des Farrenkraut-Baumes vermittelst des zähen und langen Grases zusammenband und in diesen Bündel einen starken Stock steckte, um ihn gehörig handhaben zu können. Er war so ämsig bei der Arbeit und vergaß seine gegenwärtige verlassene Lage so gänzlich, daß er sich mehrere Male auf das Verdeck des Schiffes versetzt glaubte, wo er Arbeiten der Art zu verrichten gehabt hatte und bald mit Diesem, bald mit Jenem der Mannschaft eine Unterhaltung anzuknüpfen im Begriff war. Aber ach! keine Stimme antwortete ihm, kein Auge blickte wohlwollend auf ihn: er war verlassen von aller Welt, gleichsam abgetrennt von aller menschlichen Gesellschaft, und mit einem tiefen Seufzer setzte er bei diesen niederschlagenden Gedanken sein Reinigungsgeschäft fort.

Bald jedoch kehrte, zugleich mit dem unbegrenztesten Vertrauen zu seinem himmlischen Vater, seine ihm angeborene Heiterkeit zurück und mit lauter Stimme sang er demselben ein Dank- und Loblied. Wie angenehm wurde er bei dieser Gelegenheit nicht überrascht, als eine andere Stimme der seinigen gleichsam zu antworten schien. Er stand halb erschrocken, halb erfreut, still und schaute sich nach allen Seiten um; nun aber schwieg die Stimme und ließ sich erst wieder vernehmen, als er sein Lied fortsetzte. Jetzt begriff er, was es war: er hatte das nahe Echo durch seine eigene Stimme geweckt und seine eigenen Laute waren es, die, von einer etwa 60 Schritt von ihm entfernten Felsenwand zurückgeworfen, ihm antworteten. Er lächelte, als er diese Entdeckung machte, und diese Laute in der Einöde, dieser Ton einer menschlichen Stimme, wenn gleich nur seiner eigenen, machten ihm so viele Freude, daß er mehrere Male den geliebten Namen seiner Mutter, so wie der frühern Bekannten, rief, um ihn von dem Echo wiedergegeben zu hören. Daß er keinen menschlichen Laut in dieser ganzen Zeit vernommen, dies hatte ihn besonders in seiner jetzigen Einsamkeit betrübt und so enthob die Entdeckung des Echos ihn eines beklemmenden Gefühls, indem es diese Einöde gleichsam belebte.

Endlich war unser William mit seinem Reinigungs-Geschäfte fertig und jetzt konnte er auf ein weiches, bequemes Lager für die Nacht denken. Auf die Entdeckung eines zu diesem Zwecke besonders sich eignenden Mooses glaubte er verzichten zu müssen, da er auf seiner Wanderung keine Pflanze der Art erblickt hatte; allein das hohe Gras und mehr noch die Blätter des Farrenkraut-Baumes versprachen ihm eine erwünschte Aushülfe. Zwar machte es ihm keine kleine Mühe, mit seinem Taschenmesser so viel Gras abzuschneiden, als er zu einem Lager bedurfte; zwar vergoß er Ströme von Schweiß bei dieser in der brennendsten Sonnenhitze verrichteten Arbeit; aber er ließ doch nicht davon ab: war er doch auf dem Schiffe an eine oft eben so ermüdende Thätigkeit gewöhnt worden. Auch stärkte ihn der Gedanke, wie süß es sich im kühlen Schatten der Höhle, auf dem weichen, duftigen Lager ruhen würde, bei seiner mühevollen Arbeit, und wie schmeckten ihm seine Pataten, wie der Trunk aus kühler Quelle nach derselben.

Er war jedoch so ermüdet, daß er, als er sich mit Anbruch der Nacht zur Ruhe niederlegte, keines Schlummerliedes bedurfte, um einzuschlafen. Wie lange er geschlafen haben mochte, als er sich, noch mitten in der Nacht, und in der größesten Dunkelheit, durch einen rauhen Gegenstand geweckt fühlte, der über sein Gesicht hinstrich, vermochte er nicht zu bestimmen. Er fuhr erschrocken in die Höhe und wußte sich im ersten Augenblick nicht zu besinnen, wo er sich befände, noch weniger aber sich zu sagen, was es gewesen war, das ihn so unerwartet geweckt hatte. Er rieb sich die Augen, als wenn er auch in der ihn umgebenden rabenschwarzen Finsterniß so besser sehen könne, und schaute sich nach allen Seiten mit lautpochendem Herzen um.

Lange sah er nichts; endlich aber erblickte er in einiger Entfernung vor sich zwei glänzende Punkte, die, da sie oft ihre Stelle veränderten, von einem lebenden Geschöpfe herkommen mußten. Dieser Anblick erfüllte ihn mit solcher Angst, daß ihm der Schweiß aus allen Poren seines Körpers hervorbrach und er regungslos nach dem Winkel schaute, wo er die beiden feurigen Punkte erblickte. Bald vernahm er auch ein erst leises, dann immer stärker werdendes Schnurren, wie von einer großen Katze. An eine solche dachte er in seiner Angst nicht, sondern an Löwen und Tiger, die, wie er aus der Naturgeschichte wußte, gleichfalls zum Katzengeschlechte gehörten und, wie er meinte, recht gut Bewohner dieses Landes sein könnten. Sein Wissen reichte nicht so weit, wie ohne Zweifel das eurige, meine geliebten Kinder! Ihr würdet Euch in Australien nicht vor Löwen und Tigern gefürchtet haben, weil Euch gewiß bekannt ist, daß dieser Welttheil keine Thiere der Art besitzt.

Unser William wagte nicht, sich zu bewegen, aus Furcht, die Aufmerksamkeit seines vermeintlichen Feindes und Verschlingers durch das leiseste Geräusch auf sich zu ziehen. Starr waren seine Augen auf die beiden beweglichen leuchtenden Punkte gerichtet und mit immer mehr steigendem Entsetzen erfüllte ihn das Schnurren, das aus demselben Winkel hervorkam. Jeden Augenblick glaubte er die Beute des vermeintlichen Ungeheuers zu werden und seine Angst war so groß, daß er nicht einmal Gott um die Erhaltung seines Lebens zu bitten vermochte.

Unter welchen Empfindungen er den Rest der Nacht verbrachte, vermöcht Ihr Euch nicht vorzustellen. Kein Schlaf kam mehr in seine Augen und um die eben so nöthige als ersehnte Ruhe war es geschehen; ja, er wagte nicht einmal, sich wieder niederzulegen, aus Furcht, daß er durch irgend ein Geräusch die Aufmerksamkeit seines Feindes auf sich ziehen möchte.

Endlich brach der so heiß ersehnte Tag an und zu seiner eigenen Verwunderung lebte er noch. Er sah durch die Oeffnung der Höhle einen schwachen Lichtschimmer dringen, und nicht lange dauerte es, so fiel selbst ein Sonnenstrahl auf den Vordergrund des Einganges. Dieser Anblick, den er nicht mehr zu erleben gehofft hatte, stillte sein Bangen in Etwas und er wagte es jetzt, sich zu erheben, um wo möglich die Höhle zu verlassen und auf irgend einem Baume eine Zuflucht gegen seinen vermeintlichen Feind zu suchen.

So wie er sich aber erhob – o Schrecken! erhob sich dieser auch; allein er sprang nicht auf ihn zu, um ihm seine kralligen Tatzen in den Leib zu schlagen, sondern schlüpfte, schnell und geschmeidig wie ein Aal, zur Höhle hinaus.

»Wer war denn aber dieser böse nächtliche Störenfried?« höre ich Euch neugierig fragen.

»Eine Katze.«

»Eine Katze? Du spaßest mit uns! Wie sollte die dorthin gekommen sein?«

Und doch war es eine Katze, geliebte Kinder; zwar keine gezähmte, wie die, welche wir der Mäuse und Ratten wegen in unsere Wohnungen aufgenommen haben, sondern eine wilde Katze, ähnlich der, die man auch noch in einigen Wäldern Europas antrifft. Sie sind in Australien aber kleiner, als bei uns, braun und schwarz gestreift, lang, dünn und lang geschwänzt; ihre Krallen sind sehr lang und scharf und ihre Schnauze gleicht der eines Ferkels. Sie fallen übrigens nie Menschen und größere Thiere an, sondern begnügen sich mit Vögeln, die sie in ihren Nestern auf den Bäumen im Schlafe überraschen.

Als unser William dieses winzige Thierchen erblickte, das wahrscheinlich eine noch weit größere Furcht vor ihm, als er vor dem vermeintlichen Löwen oder Tiger gehabt hatte, und zugleich seiner ausgestandenen Angst gedachte, mußte er unwillkührlich lächeln; dies war wohl das erste Lächeln, das seit seinem Schiffbruche ihm auf den Lippen schwebte.

Bald zog ihn ein leises Wimmern im Innern der Höhle wieder in diese zurück; er lauschte und vernahm fest deutlich Töne, die nur von jungen Kätzchen herkommen konnten. In dieser Voraussetzung hatte er sich nicht geirrt; schon nach kurzem Suchen entdeckte er in einer Felsenspalte ein Nest mit 7 bis 8 jungen Kätzchen, die wahrscheinlich ein solches Klaggeschrei erhoben, weil ihre Mutter und Ernährerin sie verlassen hatte. Der Anblick dieser artigen Thierchen erfreute Williams Herz: er kroch auf dem Bauche in die Felsenspalte und holte sich eins davon heraus, um es zu streicheln; aber es erhob ein noch lauteres Klaggeschrei, was vermuthlich die draußen ängstlich harrende Mutter vernahm. Mit einem Satze war diese in der Höhle, mit einem zweiten auf Williams Schulter und ehe er es sich versah, hatte sie mit ihrem Maule das schreiende Kätzchen erfaßt und sprang damit zum Neste, wo sie es zu den andern Thierchen legte; bald sogen alle begierig an ihr, sie aber sah sehr zornig aus, und sowie sich William nur der Felsenspalte näherte, erhob sie sich, sträubte das Haar empor, machte einen Katzenbuckel und schlug mit dem Schwanze um sich. Trotz ihrer Furcht vor dem ihr völlig unbekannten Geschöpfe, trotz der großen Ueberlegenheit an Größe und körperlichen Kräften, die dasselbe vor ihr hatte, bereitete sie sich doch aus mütterlicher Liebe auf einen Kampf mit unserm William vor und würde wahrscheinlich lieber ihr Leben, als eins ihrer Kätzchen in seinen Händen gelassen haben. William ehrte ihre Gefühle und erkannte ihre Rechte an. Er beschloß, die arme, so rührend zärtliche Mutter nicht ferner zu beunruhigen, sie aber wo möglich durch Wohlthaten für sich zu gewinnen. Er ließ sie daher in Ruhe; als er aber sein Mittagsessen verzehrte, warf er ihr einige von seinen gebratenen Pataten in die Felsenspalte und suchte zu beobachten, welche Wirkung diese Gabe auf seine Nachbarin hervorbringen würde. Ohne Zweifel hatte unser Freund auf einige Erkenntlichkeit gerechnet; allein er sah sich in dieser Erwartung getäuscht. Zwar beroch die Katze die Pataten, dann aber ließ sie sie unangerührt liegen und kehrte zu ihren Jungen zurück. Dies setzte ihn einigermaßen in Erstaunen: er wußte nicht, daß diese zu den Raubthieren gehörenden Geschöpfe im wilden Zustande nur animalische Nahrung zu sich nehmen und Vegetabilien oder Pflanzenkost gänzlich verschmähen.

Die Katze wollte also von ihm nichts wissen; trotz dem aber war ihm ihre Gesellschaft sehr angenehm, seit er sich nicht mehr vor ihr fürchtete, und als die Nacht heran kam, legte er sich völlig unbesorgt vor seiner Nachbarschaft zur Ruhe nieder; ja, er schlief auf seinem Lager von Gras und Blättern vollkommen so gut, wie in einem weichen Bette: gesünder, naturgemäßer aber gewiß.