Dreizehntes Kapitel.

Das Allernothwendigste hatte unser William jetzt: Wasser, um seinen Durst zu löschen, die Pataten, welche seinen Hunger stillten und endlich gar ein schützendes Obdach mit einem guten Lager; selbst an Leckereien fehlte es ihm nicht, da die schönsten Himbeeren, obschon an so niedrigen Sträuchen wie bei uns die Heidelbeeren, in so großer Fülle vorhanden waren, daß er sich vom Morgen bis zum Abende daran hätte satt essen können. Trotz dem aber fehlte ihm nicht nur Etwas, sondern sogar sehr Viel; besonders trug er ein großes Verlangen nach einer animalischen oder thierischen Kost, an die er von frühester Jugend auf gewöhnt worden war. Wie sich aber eine solche verschaffen? Er hatte weder eine Flinte noch Bogen und Pfeile, ja nicht einmal eine Schlinge vermochte er zu machen, weil er sich nicht darauf verstand, um irgend ein Thier darin zu fangen. Zwar hätte er Nachts, wo die wilde Katze oft auf längere Zeit auf Beute ausging, leicht eines der Kätzchen nehmen und es tödten können, dagegen aber sträubte sich sein Gefühl, auch vielleicht ein ihm selbst kaum bewußter Eckel gegen eine so ungewohnte Kost, und so blieben die wilden Kätzchen ungefährdet von ihrem menschlichen Nachbar.

Da das Verlangen nach einer veränderten Nahrung immer stärker wurde, beschloß er, den Weg zum Strande zu suchen. Er hegte die Hoffnung, dort vielleicht eine Schildkröte oder doch Muscheln zu finden, die er dann am Feuer braten und zur Speise bereiten wollte. Da ihm sehr daran gelegen sein mußte, den Rückweg zu seiner Höhle nicht zu verfehlen, ging er erst immer hart am Bache hin, dann aber, als dieser sich nach und nach zwischen dem immer höher und dichter werdenden Grase verlor, schnitt er mit seinem Messer ziemlich große Kerben an die zu Seiten seines Weges stehenden Bäume, wodurch er sich den Rückweg offen erhielt.

Lange wanderte er fort, ohne das Meer zu entdecken; endlich hörte er es, zu seiner nicht geringen Freude, hinter einem Felsen brausen und rauschen. Schnell erklomm er den Felsen und hatte jetzt das unermeßliche Meer vor sich, das an der Stelle, wo er sich befand, einen ziemlich tief in das Land hineingehenden Meerbusen bildete. Erstaunt und entzückt schaute er auf das großartige Schauspiel, das sich seinen Blicken darbot. Durch die lange Fahrt auf dem Ocean war er so vertraut mit dem Meere und dieses ihm so lieb geworden, daß ihm beim Anblick desselben die hellen Freudenthränen über die Wangen schossen. Hatte er doch auch besondere Ursache, es zu lieben, da ihm allein Rettung durch ein etwa an der Insel landendes Schiff kommen konnte. Nachdem er sich längere Zeit an Betrachtungen vergnügt hatte, stieg er den Felsen hinab, um am Strande nach eßbaren Muscheln – er träumte sogar von Austern, die man ihm in Hamburg als große Leckerbissen gerühmt hatte – zu suchen. Er fand zwar eine Menge der allerschönsten, buntesten Muscheln, die er unter andern Umständen gewiß begierig aufgelesen haben würde, jetzt aber unbeachtet liegen ließ, weil sie leer und von ihren frühern Bewohnern sämmtlich verlassen waren.

Statt des vergebens Gesuchten that er aber einen Fund, dessen Wichtigkeit ihm bald einleuchten sollte. Eine ziemliche Strecke vom Wasser entfernt, aber doch an der Grenze des Strandes, sah er einen Stein liegen – wenigstens hielt er eine Zeitlang den ihm auffallenden Gegenstand dafür – dessen regelmäßige Form seine Aufmerksamkeit erregte. Er näherte sich demselben mit eiligen Schritten und wie ward ihm, als er, statt des erwarteten Steins, eine braunroth angemalte Kiste fand! Er erkannte sie auf den ersten Blick für die des Schiffs-Zimmermanns der »Hoffnung«, auch war der Name dieses Mannes, wenn auch die mit weißer Oelfarbe darauf gemalten Buchstaben zum Theil abgerieben waren, noch ganz deutlich darauf zu lesen; über diesem Namen war das ihm so wohlbekannte Hamburger Wappen, die drei Thürme, mit dem sie haltenden Löwen daneben, in bunten Farben abgebildet.

Die hellen Thränen schossen ihm über die Wangen bei dieser unerwarteten Erinnerung an die geliebte Vaterstadt, an das Schiff, auf dem er den weiten Ocean durchschwommen, an die Mannschaft desselben, die jetzt tief im Meeresgrunde lag oder wohl schon die Beute gefräßiger Hayfische geworden war. Mit unaussprechlicher Rührung mußte er in diesem Augenblicke jedes gütigen, freundlichen Worts gedenken, das der Eine oder Andere dieser Männer während seines langen und steten Beisammenseins mit ihnen zu ihm gesprochen hatten, der fröhlichen Gesänge, die sie in ihren wenigen Musestunden erschallen ließen, der Mährchen und Sagen, deren sie eine so große Menge wußten, und mit anmuthiger Einfachheit zu erzählen verstanden; der kleinen Neckereien, die sie sich im harmlosen Scherze gegen einander erlaubten; der Belehrungen, die er von den Aelteren und Ernsteren empfing, wenn er diese oder jene Sache noch nicht anzugreifen verstand. Und das Alles war nun todt und hin; die fröhlichen Laute der bekannten Stimmen waren für immer erstorben; die bald heitern, bald ernsten Blicke erloschen, die Kraft dieser Muskeln gelähmt – todt! todt war so viel Leben und Regsamkeit!

Wer würde in diesem Augenblick wohl ungerührt geblieben sein? wer hätte in demselben wohl an die, unter den gegenwärtigen Umständen unermeßlichen Schätze denken können, die eben diese Kiste, welche unserm William heiße Thränen entlockte, in ihrem Innern barg? Er dachte gewiß im ersten Augenblick nicht daran, sondern kniete neben derselben nieder, küßte sie unter Thränen und nannte mit leiser, von Schluchzen unterbrochener Stimme den Namen des ehemaligen Besitzers. Dieser war, obschon äußerlich ein ernster, fast rauher Mann, doch im Grunde ein vortrefflicher, wohlmeinender Mensch gewesen, der besonders unserm jungen Freunde sehr gewogen war und ihm manchen Liebesdienst erwiesen hatte.

William war so in Schmerz und Erinnerung versunken, daß er nicht bemerkte, daß es bereits Abend geworden war, und zu dunkeln begann. Als er sich endlich aufraffte und an die Rückkehr nach seiner Höhle dachte, war es bereits zu spät dazu und er mußte sich entschließen, die Nacht am Strande zuzubringen, da er, wenn er den Rückweg angetreten, sich leicht hätte verirren können, weil er die an den Bäumen gemachten Einschnitte nicht mehr erkennen konnte. Er bereitete sich daher ein Lager am Strande, indem er sich gewissermaßen in den warmen Sand einwühlte, und lehnte das müde Haupt gegen die geliebte Kiste.

Erst spät, als bereits der Vollmond hoch am Himmel stand, schlief er ein und träumte von der geliebten Heimath, von der theuren, über Alles theuren Mutter, von seinen Gespielen und Schulgenossen. O, er war noch einmal vollkommen glücklich; aber ach! der erste im Osten sich zeigende Strahl der Sonne verscheuchte dieses holde Glück, indem er ihn weckte. Er rieb sich die Augen, seufzte tief auf, indem er um sich blickte, und erhob sich schwankend von seinem beweglichen Lager.

Der Gedanke, wie nützlich ihm der Inhalt der Kiste werden könne, konnte nicht lange ausbleiben; zugleich aber erhoben sich in seiner Seele Bedenklichkeiten über sein Recht, sich die darin enthaltenen Sachen aneignen zu dürfen, und lange kämpfte er mit sich selbst darüber. Endlich sagte er sich, daß einmal der frühere Besitzer dieser Kiste aller Wahrscheinlichkeit nach todt, dann aber für ihn keine Möglichkeit vorhanden sei, selbst wenn er lebte, sie ihm wieder zuzustellen. Ferner war die Noth, in der er sich befand, so groß und er aller sonstigen Hülfe so gänzlich beraubt, daß er meinte, Gott werde es ihm schon vergeben, daß er sich des Inhalts der Kiste bemächtige und zu seinem Besten verwende.

Eine andere Frage, nachdem er diese beseitigt hatte, war nun die, wie er die Kiste öffnen solle? Der Zimmermann hatte sie aller Wahrscheinlichkeit nach selbst und, da er ein tüchtiger Mann in seinem Geschäfte war, gewiß sehr fest gebaut. Zwar hätte er trotz dem den Deckel leicht mit einem großen und kantigen Steine zerschlagen können; allein zu diesem Auswege, der ihm noch übrig blieb, wenn kein anderer sich erdenken ließ, konnte er immer noch greifen und der Gedanke, die Kiste ganz zu erhalten, war ihm so angenehm, daß er lieber erst alles Andere versuchen, als sie zertrümmern wollte. Er hatte bemerkt, daß die Schlosser mit einem an der Spitze etwas krumm gebogenen Instrumente von Eisen leicht zugesprungene Schlösser aufmachten, und da er als ein kluger und aufmerksamer Knabe sich alle dabei angewandten Handgriffe gemerkt hatte, kam es nur darauf an, daß er einen gehörig starken Nagel fände, der dann vermittelst eines statt des Hammers dienenden Steins leicht die gehörige Form erhalten könnte. Er ging also, um einen Nagel zu suchen, noch etwas weiter den Strand hinauf.

Dieser Weg wurde ihm reichlich belohnt, indem er noch eine Menge Schiffstrümmer, sogar den ganzen Spiegel des gescheiterten Schiffs, und einige Tonnen mit Zwieback am Ufer fand. Seine Freude bei diesem unerwarteten Anblick war nicht gering und er machte sich sogleich ans Werk, die Trümmer weiter auf den Strand hinauf zu ziehen, damit nicht etwa eine höher gehende See sie wieder ins Meer zurückführte. Wie vielen Schweiß vergoß er bei dieser, seine Kräfte fast übersteigenden Arbeit; aber obgleich ihn Hunger und Durst nicht wenig bei derselben quälten, versagte er sich doch die Befriedigung dieser dringenden Bedürfnisse, um seinen Schatz erst in Sicherheit zu bringen. Jedes Stückchen Brett, mochte es auch schon halb zertrümmert sein, war ein Schatz für ihn, dem es an allem fehlte. Nur den Spiegel des Schiffs vermochte er, seiner Schwere wegen, nicht von der Stelle zu bringen, und ihn zu zertrümmern, dazu fehlte es ihm an den gehörigen Geräthschaften. Was hätte er nicht jetzt darum gegeben, einen Genossen zu haben, der ihm hülfreiche Hand bei der sauren Arbeit leistete!

Als er das, was ihm möglich gewesen war zu retten, höher auf den Strand und somit in Sicherheit gebracht hatte, dachte er zunächst daran, seinen Hunger und Durst zu stillen und freute sich in seinem Herzen nicht wenig, den ersteren mit dem in den Tonnen enthaltenen Zwiebacke stillen zu können. Er zerschlug daher eine derselben und die Zwiebacke kamen zu Tage; aber ach! sie hatten sich, aufgeweicht durch das Seewasser, in einen Brei verwandelt und dieser schmeckte so salzig und bitter, daß er nicht einen Mund voll davon herunter zu würgen vermochte.

Die Hoffnung, die er auf diesen Fund gesetzt hatte, war also eine vergebliche gewesen, und er mußte sich nach einem andern Nahrungsmittel umsehen. In der Nähe war dieses nicht zu finden, was ihn sehr betrübte, da er mit dem Aufsuchen so viele Zeit verlieren mußte; denn auch mit der Hoffnung, Muscheln am Strande zu finden, war es nichts gewesen. Erst nach langem, fruchtlosen Umherirren fand er einen Baum, der große Aehnlichkeit mit unserm Birnbaume und eine Frucht wie dieser hatte.

»Ha! Birnen!« rief er bei diesem willkommenen Anblicke mit freudig bewegter Stimme aus, und schon nach wenigen Augenblicken hatte er zehn bis zwölf Stück mit einem Stecken, den er sich geschnitten, heruntergeschlagen. Jetzt sollte es ans Schmausen gehen; aber o weh! wie bitter sah sich unser William abermals in seiner Hoffnung getäuscht! Die ihn so lieblich anlächelnden Birnen waren nichts weiter, als die Saamenkapseln eines dem Birnbaum ähnlichen Baumes und die Schale war so hart, daß sie seinen tüchtigen Zähnen Trotz bot. Er ließ sie also liegen und setzte, etwas entmuthigt, seine Wanderung fort. Die gleichfalls nicht eben einladenden, aber doch genießbaren Kirschen mußten endlich aushelfen und waren deßhalb willkommen, weil sie den Hunger und Durst zugleich stillten. Er aß eine tüchtige Portion davon, legte sich dann unter den Schatten eines prachtvollen, seine Aeste weit ausstreckenden Gummi-Baumes nieder und verfiel in einen sanften Schlaf.

Zwar hatte er sich beim Einschlafen vorgenommen, nur ein Stündchen zu ruhen und dann an den Strand zu gehen, um seine Kiste zu öffnen; allein aus dem sich gegönnten Stündchen wurden drei bis vier Stunden und als er endlich wieder erwachte, sank die Sonne bereits in das Meer hinab, so daß er eilen mußte, wenn er den Strand noch vor Dunkelwerden wieder erreichen wollte. In der Eile mochte unser Freund aber nicht auf den rechten Weg gemerkt haben, denn das Meer wollte sich noch immer seinen Blicken nicht zeigen und doch dunkelte es bereits. Endlich mußte er für diesen Abend die Hoffnung gänzlich aufgeben, seine Schätze noch zu erreichen und es blieb ihm weiter nichts übrig, als Schutz und nächtliche Ruhe unter freiem Himmel oder einem stark belaubten Baume zu suchen. Früh, mit Anbruch des Tages, weckten ihn aber die empfindliche Morgenkühle und der überaus stark gefallene Thau, der bereits seine wenigen Kleidungsstücke gänzlich durchnäßt hatte. Da er jetzt schon die Gefahr einer solchen Durchnässung kannte, sprang er schnell auf und machte sich eilig auf den Weg, um sein Blut wieder in Bewegung zu setzen. Er war noch keine halbe Stunde gegangen, so vernahm er aus der Ferne das Brausen und Rauschen der Wellen, die seinem Ohre wie die lieblichste Musik erklangen, und nicht lange, so stand er wieder an dem heißersehnten Meeresstrande, zwar in einiger Entfernung von den geborgenen Schätzen, aber doch so nahe, daß er sie bereits mit seinen scharfen Blicken erreichen konnte.

Als er ihnen näher kam, fiel es ihm nicht wenig auf, daß er sich etwas Lebendiges zwischen den Schiffstrümmern bewegen und hin und hergehen sah. Sein erster Gedanke war, daß es vermuthlich ein Raubthier sei; denn vor diesen fürchtete er sich immer noch, da er nicht wußte, daß Australien keine fleischfressenden Thiere besitzt, die dem Menschen gefährlich werden. Als er aber, schüchtern und mit großer Vorsicht näher ging, bemerkte er, zu seiner nicht geringen Ueberraschung, daß sein vermeintlicher Feind auf zwei Beinen und aufrecht ging.

»Gewiß ein Affe, vielleicht gar ein Urang-Utang!« sagte er bei sich. Er irrte aber in dieser Voraussetzung, denn auch Thiere dieser Gattung sind in Australien nicht zu Hause.

Sein Erstaunen erreichte aber den höchsten Grad, als er am Strande, unfern der von ihm geborgenen Sachen, ein Canot, oder indianisches Boot, erblickte. Es hatte die Gestalt eines großen Troges und war aus einem ausgehöhlten Baumstamme gemacht. Aus Vorsicht hatte der Besitzer desselben es auf den Strand gezogen, was sich seiner Leichtigkeit und Kleinheit wegen leicht bewerkstelligen ließ.

William, der sich jetzt vor einem vielleicht Menschen fressenden Wilden, wie zuvor vor Löwen und Tigern, fürchtete, ging nur langsam und mit großer Vorsicht auf den Wilden zu, der seinerseits so ämsig mit dem Aufschlagen der Kiste beschäftigt war, daß er die Ankunft unsers Freundes nicht eher bemerkte, als bis dieser ihm ganz nahe stand.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr dem armen Wilden, der ein Knabe von dreizehn bis vierzehn Jahren zu sein schien, krauses Haar und eine ziemlich dunkle Hautfarbe, aber im Uebrigen einen sehr wohlgebildeten Körper hatte, so bald er eines Menschen ansichtig wurde, wie er noch nie zuvor einen gesehen. Er glaubte ohne Zweifel den weißen Geist, eine Gottheit, die von diesen Wilden angebetet und sehr gefürchtet wird, vor sich zu haben und stürzte zur Erde nieder, das Gesicht gegen den Boden drückend und die Hände weit von sich streckend. Dabei stieß er so erbärmliche, seltsam klingende Töne aus, daß William sich kaum eines Lächelns erwehren konnte, so wenig ihm auch sonst darnach zu Muthe war. Der Augenblick, wo er einen Menschen wiederfand, war ja ein großer, überaus wichtiger für ihn.

Da William sah, daß er Furcht einflößte, schwand natürlich die seinige und das Mitleid mit dem armen, zitternden Wilden nahm die Stelle derselben ein. Er bückte sich zu dem armen Kolbi – dies war sein Name, wie er späterhin erfuhr – nieder und berührte seinen nackten Körper sanft mit der Hand, indem er ihm gute Worte gab und ihm Muth einzusprechen suchte. Aber Kolbi verstand ihn nicht und die sanfte Berührung von Seiten des vermeinten Geistes vermehrte dermaßen sein Entsetzen, daß sein armer Körper wie ein Espenlaub zitterte.

William, der nicht wußte, was er anfangen sollte, um den armen Knaben zu beruhigen, kniete neben ihm nieder, streichelte seinen Kopf und sprach in so sanften Tönen zu ihm, daß es dem armen Zitternden, obgleich er seine Worte nicht verstehen konnte, doch begreiflich wurde, daß er nichts Böses von ihm zu befürchten habe. Er erhob also das Haupt etwas vom Boden und sah unsern William von der Seite an; so wie er ihm aber in das Gesicht sah, schauderte er sichtbar zusammen und schloß die Augen wieder, ganz wie der Strauß es machen soll, der seinen Kopf in den Busch steckt und meint, sein Verfolger sehe ihn nicht, weil er diesen nicht mehr sieht.

Endlich gelang es unserm jungen Freunde doch, dem Wilden einiges Vertrauen einzuflößen; Kolbi erhob sich wenn gleich noch leise zitternd, und reichte dem weißen Manne sogar die Hand, als dieser ihm die seinige bot. Beide gingen jetzt wieder zu der Kiste, die William so sehr am Herzen lag. Kolbi hatte ihm die Mühe erspart, das Schloß vermittelst eines krumm gebogenen Nagels zu öffnen, indem er in seinem Unverstande den Deckel mit einem Stein zertrümmert hatte, so daß der Inhalt bereits zu Tage lag. Diesen bildeten, außer Wäsche und Kleidungsstücken, etwas Geld, das für William jetzt ohne allen Werth war, da er nichts dafür kaufen konnte, eine Menge sehr guter Handwerksgeräthe, als Sägen, Hobel, Bohrer, Hammer, ein Beil, Meissel u. dgl. m., einige Seecharten, ein Gebet- und Gesangbuch und endlich eine silberne Uhr, die zwar still stand, weil sie nicht aufgezogen war, aber durchaus nicht gelitten hatte, wie überhaupt die Sachen in der Kiste nicht. Denn der brave Zimmermann hatte seine Lade so tüchtig gearbeitet und sogar das Schlüsselloch mit einem so gut schließenden Schieber versehen, daß auch nicht ein Tropfen Seewasser in das Behältniß gedrungen war.

Der Anblick der Uhr machte William eine außerordentliche Freude, und da der Schlüssel an einer schweren silbernen Kette daran hing, zog er sie gleich auf; sie ging! Kolbi sah Alles, was er that, mit neugierigem Erstaunen an; als ihm William aber die Uhr vor das Ohr hielt, damit er sie picken höre, erschrack er nochmals so, daß er fast wieder zur Erde gefallen wäre, und die Uhr angebetet hätte, wie früher unsern Freund; ja, das lebhafteste Entsetzen spiegelte sich in seinen Blicken ab, als er William den vermeinten Gott in seine Tasche stecken sah.

Unser Schiffbrüchiger war durch das Auffinden der Kiste und der Trümmer des Schiffs, weit mehr aber noch durch das Begegnen Kolbis auf einmal zu einem Reichthum gelangt, den er nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Es gelang ihm auch, dem jungen Wilden ein so großes Vertrauen einzuflößen, daß dieser ihm, als er gegen Abend zu seiner geliebten Höhle zurückkehrte, willig dahin folgte. Kolbi war ihm von sehr großem Nutzen, indem er einen Theil dessen, was William gleich in Sicherheit bringen wollte, auf seine starken Schultern nahm, so daß, da Beide trugen, der werthvolle Inhalt der Kiste gleich in die Höhle geschafft wurde. Nicht wenig erstaunte Kolbi, als er William, so wie sie in derselben angelangt waren, vermittelst eines gleichfalls gefundenen Feuerstahls, Schwamms und Steines Feuer anmachen, und die Pataten daran legen sah. Als diese gehörig gebraten waren, theilte William sein einfaches Mahl mit seinem schwarzen Freunde, der vermuthlich lange keine so gute Kost genossen hatte, denn er ließ es sich vortrefflich schmecken und auch keine einzige Patate blieb übrig. Auch William hatte den besten Appetit von der Welt; in zwei Tagen waren es nur Kirschen gewesen, mit denen er ihn hatte stillen können, und so war ihm die derbere Nahrung jetzt sehr erwünscht.

Als Beide sich gehörig gesättigt und ihren Durst durch einen frischen Trunk aus der Quelle gestillt hatten, legten sie sich auf dem weichen Lager, einträchtig wie Brüder, neben einander nieder und schliefen bald ein; unser William jedoch erst, nachdem er die Pflicht des Dankes gegen seinen so gnädigen und gütigen Vater im Himmel erfüllt hatte, und o! für wie viel Gutes hatte er ihm nicht mit gerührter Seele am Abende dieses Tags zu danken!

Seite 131.

Vierzehntes Kapitel.

Als er am andern Morgen erwachte, hatte er Mühe sich zu überzeugen, daß die Erlebnisse der beiden vorhergehenden Tage nicht ein bloßer Traum gewesen sey, und erst als er Kolbi am Eingange der Höhle erblickte – dieser war etwas früher erwacht und aufgestanden als er – begriff er sein Glück. Auch er erhob sich, ging zu seinem jungen Freunde, gab diesem freundlich die Hand und kniete dann am Eingange der Höhle nieder, um Gott sein Morgen- und Dankgebet darzubringen. Kolbi, der glaubte, daß er Alles nachmachen müsse, was der »gute weiße Geist« – so nannte er unsern William noch – that, kniete neben ihm nieder und faltete eben so andächtig seine Hände, als hätte er gewußt, warum es sich handelte; davon hatte der Arme aber keinen Begriff.

William führte darauf Kolbi zu der Stelle, wo die Pataten wuchsen, damit er ihm behülflich sey, einige davon aus der Erde zu nehmen, weil sie ihr Frühstück damit halten wollten. Wie es schien, verstand sich der junge Wilde besser darauf, als er selbst; er brach einen Stecken vom nächsten Baume, und wühlte die Erde so schnell und geschickt damit auf, daß er eine Menge dieser eßbaren Knollen ans Tageslicht förderte. Als William ihn so gut unterrichtet sah, machte er Feuer an, um sie zu braten; Kolbi verstand auch jetzt, was er wollte, und trug die gewonnenen Früchte eilig herbei; jetzt aber mußte William seiner großen Geschäftigkeit Einhalt thun, denn der Wilde, der weder von Eckel noch Reinlichkeit viel wußte, wollte die Pataten mit aller daranhängender Erde an das Feuer legen und sie würden ihm auch so ganz vortrefflich gemundet haben. Aber nicht so William, dieser riß sie wieder vom Feuer, legte sie Kolbi in die Arme, nahm den Rest und eilte damit dem Bache zu, wohin ihm der Wilde nicht ohne einige Verwunderung folgte. Hier angelangt, wusch er erst die Frucht rein und bedeutete dann Kolbi durch Zeichen, daß er sie jetzt ans Feuer legen und braten lassen dürfe, was dieser auch that, ohne begreifen zu können, wozu die eben gesehene Procedur gut seyn konnte.

Nach eingenommenem Frühstücke führte William erst seinen Freund zu der Stelle, wo die Himbeeren in so großer Fülle wuchsen; auch diese kannte Kolbi und ließ sich nicht lange nöthigen, zuzugreifen. Als man sich gesättigt hatte, füllen sie ein mitgenommenes Beutelchen, das man unter den geretteten Sachen gefunden hatte, mit diesen duftigen Früchten an und auch die Ledertasche wurde mit Wasser angefüllt, worauf Beide wieder den Weg zum Strande antraten, um auch die zurückgebliebenen Bretter, Nägel, Balken u. s. w. zu bergen.

William, der jetzt schon klüger geworden war, hatte einige Endchen starken Bindgarns mitgenommen und befestigte vermittelst desselben einige Bretter so aneinander, daß sie eine Art von Schleife bildeten, worauf man bequem andere Bretter fortbringen konnte, indem man die Schleife hinter sich herzog. Nicht wenig mußte sich unser junger Freund über die Klugheit und Gelehrigkeit des Wilden wundern. So wie William etwas that, richtete er aufmerksam seine Blicke auf jede seiner Bewegungen, und es dauerte nicht lange, so hatte er seine Absicht begriffen, in die er dann eben so klug als geschickt und behende einging.

Welch ein Trost, welch eine Freude war der Besitz Kolbis für William! Zwar konnte er nicht anders, als durch Zeichen zu ihm reden; zwar verstand Keiner die Sprache des Andern; aber trotz dem unterhielten sie sich doch schon durch Blicke und Zeichen, die Kolbi schnell begriff, denn er war ein sehr gescheidter junger Mensch. Welch Entzücken war es für unsern Freund, als er wieder in ein Menschenauge blicken und Liebe und Dankbarkeit daran lesen konnte! Auch that Kolbi gar nicht mehr scheu gegen ihn, sondern bezeigte sich jetzt vollkommen zutraulich, und wenn er gleich William, seiner weißen Hautfarbe wegen, noch für ein überirdisches Wesen hielt, so fürchtete er sich doch nicht mehr vor ihm, wie er zu Anfang ihrer Bekanntschaft gethan hatte. Ihr müßt nämlich wissen, liebe Kinder, daß die Schwarzen sich den bösen Geist weiß malen, während wir den Teufel schwarz. Der Anblick eines Europäers, des ersten, den er in seinem Leben sah, war also wohl dazu geeignet, unserm armen Australier eine ungemessene Furcht einzuflößen. Fast drei Tage bedurfte man, um die geborgenen Schiffstrümmer zu der Höhle zu schaffen; denn auch den Spiegel des Schiffs hatte man fortbringen können, da man ihn vermittelst des gefundenen Beiles kleiner gemacht hatte. Am dritten Tage, als man den letzten Weg zum Strande – wenigstens für diesmal – machte, warf Kolbi plötzlich die Last, womit er seine Schultern beladen hatte, zu Boden, und ehe William es sich versah, hatte er den Stamm eines sehr hohen Baumes, fast bis zum Gipfel desselben, erklettert. William wußte nicht, was diese Erscheinung zu bedeuten habe, und stand erwartungsvoll unter dem Baume, um abzuwarten, was sein Gefährte da oben schaffen würde. Er sah, daß dieser mit der Hand in eine Höhlung des Baumes langte und sie bald wieder hervorzog; er hielt dabei, wie triumphirend, etwas in die Höhe; was es war, konnte aber William nicht unterscheiden, bis Kolbi wieder unten bei ihm anlangte.

Könnt Ihr vielleicht errathen, was der Wilde dort oben in dem Baume gesucht und gefunden hatte? Strengt einmal Euere Denkkraft an; solltet Ihr mein Räthsel aber nicht lösen, so will ich Euch den Schlüssel dazu in die Hand geben. Es gibt in Australien, eben so gut wie bei uns, Bienen.... – »O! nun wissen wir Dein Geheimniß schon!« rufen jetzt gewiß Viele von Euch: »Der Kolbi brachte eine Honigscheibe herunter; nicht wahr?«

Ja, eine Honigscheibe hielt er wirklich in der Hand, und zwar eine mit dem hellsten, schönsten Honig, den man sich nur denken kann. Gewohnt, mit seinen überaus scharfen Augen überall umherzuspähen, hatte er einige wilde Bienen entdeckt, welche die Spitze des Baumes umschwärmten und daraus geschlossen, daß er dort oben ein Nest finden würde. Daß er sich in dieser Voraussetzung nicht geirrt hatte, zeigte die Honigscheibe in seiner Hand. Mit der ihm eigenthümlichen rührenden Gutmüthigkeit bot er den leckern Fund seinem Freunde dar, bevor er selbst noch das Geringste davon gekostet hatte; William nahm das Geschenk zwar an, allein er wollte es mit ihm theilen, was Kolbi jedoch nicht litt, denn er sollte den Honig einmal allein behalten. William, der so vielen Honig nicht auf einmal genießen konnte, kostete etwas davon und beschloß den Rest für eine andere Zeit aufzuheben. Er legte ihn daher, so wie man in der Höhle angelangt war, auf einen Felsenvorsprung, denn Gefäße hatte man ja nicht, um ihn anders aufzuheben.

Mitten in der Nacht wurden beide Schläfer, trotz ihres festen Schlafs, durch ein höchst lästiges Kriechen und Krabbeln, das sie auf allen entblößten Theilen ihres Körpers – der arme Kolbi über seinen ganzen nackten Leib – empfunden, mehreremale aufgeweckt; sie waren aber so schlaftrunken, daß sie sogleich wieder einschliefen und erst gegen Morgen völlig munter wurden. Wie erschracken aber Beide, als sie sich anblickten! Jeder war über den ganzen Leib mit Ameisen bedeckt, die ihnen zwar nichts thaten, sondern nur über die beiden Schläfer weg, zu dem Honig krochen, dessen Geruch die ganze Ameisen-Nachbarschaft in die Höhle gelockt hatte; denn Süßigkeiten sind für diese Thierchen ein wahrhafter Leckerbissen, und sie gehen ihnen emsig nach.

Sobald Kolbi sah, was es gab, sprang er auf, entkleidete sich von der Binde, die er um seine Lenden gewunden hatte, und eilte, die Binde schwankend und schüttelnd, um sie von den lästigen Gästen zu befreien, dem Bache zu, indem er sich tüchtig badete und abwusch, um das lästige Brennen und Jucken los zu werden. William begriff, daß die von seinem Gefährten ergriffene Maßregel eine sehr ersprießliche sey, und folgte seinem Beispiele, was ihn sehr erfrischte.

Ein schlimmer Umstand trat aber jetzt ein: die Höhle war für sie, wenn auch vielleicht nicht für immer, doch für längere Zeit, verloren und man mußte sich beeilen, die darin geborgenen Sachen herauszunehmen. So lange die Ameisen nach dem Geruch des Honigs witterten, drangen sie in großen Zügen in die Höhle und es war nicht darauf zu rechnen, daß dieser Geruch sich sobald wieder verlieren würde, selbst wenn man den Honig herausnähme. Das war dann freilich eine betrübte Sache; sie entmuthigte indeß unsere Beiden nicht; hatte man doch jetzt Holz und Bretter genug, um sich eine Hütte bauen zu können, und noch an demselben Tage wurde der Anfang damit gemacht. William wollte aber eine solche nicht bloß für eine kurze Zeit, sondern gleich gehörig herstellen, und so mußte man es sich gefallen lassen, einige Nächte unter freiem Himmel zuzubringen. Man legte die Hütte auf einem kleinen Vorsprunge des Hügels, von wo aus man eine sehr reizende Aussicht auf das umliegende Thal hatte, an, und machte sie so geräumig, daß man nicht nur selbst Platz darin fand, sondern auch alle Geräthschaften bewahren und gegen die Einflüsse von Luft und Wetter schützen konnte.

Kolbi zeigte sich auch bei diesem Geschäfte überaus thätig und gelehrig. Man sah es ihm an, daß dieß nicht die erste Hütte war, die er erbaute; nur mit den europäischen Geräthschaften wußte er nicht umzugehen, und sah besonders William mit großem Erstaunen zu, als dieser vermittelst einer Säge, die von den Handwerkern der Fuchsschwanz genannt wird, ein Brett durchschnitt, das für den beabsichtigten Zweck zu lang war.

Beim Einrammen der das Dach der Hütte tragen sollenden Pfähle bewies sich Kolbi so geschickt, daß er William weit hinter sich ließ. Dieser war nämlich sehr um eine Schaufel oder eine Grabscheit verlegen, und wußte nicht, wie er ohne diese, ihm unentbehrlich scheinenden Instrumente ein gehörig tiefes Loch in die Erde graben sollte. Das verstand Kolbi aber vortrefflich: er suchte sich unter den vielen umherliegenden Steinen einen Stein aus, der fast die Form einer Schaufel hatte, legte sich neben der Stelle, wohin der Pfahl kommen sollte, auf den Bauch nieder und schaufelte jetzt mit beiden Händen die Erde so schnell weg, daß schon nach wenigen Minuten ein ziemlich tiefes Loch da war. Auch beim Befestigen der Pfähle zeigte er sich eben so geschickt. Erst schaufelte er alle ausgeworfene Erde davon, dann klopfte er den Boden fest und endlich trieb er in diesen noch Steine und Holzsplitter ein, was wesentlich dazu beitrug, die Stäbe recht fest zu machen.

Da William sah, daß er seinem Freunde diese Arbeit ruhig überlassen könne, machte er sich an andere, die er besser verstand. Die Schiffstrümmer enthielten eine große Menge Nägel von fast allen Größen; sie mußten aber erst herausgezogen und auf einem Steine gerade geklopft werden, bevor man sie nochmals gebrauchen konnte. Das war eine sehr schwierige Arbeit; allein William war es bereits gewohnt, mit vielen Hindernissen zu kämpfen, und so überwand er endlich auch diese. Die Menge von Nägeln, die er auf diese Weise gewann, war ein ordentlicher Schatz für ihn, auch verachtete er, die Wichtigkeit desselben einsehend, nicht das kleinste Stiftchen.

Bald standen die Pfähle und an die Bedachung konnte gedacht werden. William machte diese so gut und zierlich und das Ganze hatte überhaupt ein so gefälliges Ansehen, daß er selbst seine Freude daran hatte und Kolbi, der gewohnt war, sie auf andere Weise kund zu thun, die possierlichsten Freudensprünge machte. Sogar an eine Hausthüre konnte man denken, da es an einigen Hängen nicht fehlte, und es zeigte sich bald, wie gut man gethan hatte, die Hütte damit zu versehen. Das Wetter blieb nicht immer gut, sondern es kam eine sehr schlimme Zeit, von der ich Euch, meine Geliebten, späterhin erzählen werde.

Als die Hütte einigermaßen im Stande war, dachte William bereits auf einige Mobilien, als auf Tische und Bänke, die bisher noch gefehlt hatten. Die Arbeit ging zwar langsam von statten, aber er wurde dabei von Kolbi gut unterstützt, indem dieser schnell manchen Handgriff faßte und mit großer Beharrlichkeit bei der Arbeit aushielt. Ein großes Vergnügen war es dabei für William, Kolbi in seiner Muttersprache zu unterrichten. Er zeigte auf die verschiedenen Gegenstände und nannte bloß das Hauptwort, als: Sonne, Mond, Baum, Blume u. s. w., und zu seinem nicht geringen Erstaunen lernte Kolbi gleich nach dem ersten Namen die verschiedenen Namen der Gegenstände auswendig und wandte sie das nächstemal richtig an. Man hat überhaupt die Bemerkung gemacht, daß das Gedächtniß wilder Menschen sehr scharf ist und diese nicht nur schnell lernen, sondern das Gelernte auch gut behalten. Dies war ganz besonders bei Kolbi der Fall, den die Natur überhaupt mit ganz vortrefflichen Gaben ausgestattet hatte. In Hinsicht der Schnelligkeit, Biegsamkeit und Behendigkeit konnte kein Europäer sich mit ihm vergleichen; auch waren Gesicht, Geruch und Gehör von einer wirklich erstaunungswürdigen Schärfe.

Fünfzehntes Kapitel.

Unsre Colonisten hatten jetzt zwar das Nothwendigste: ein schützendes Obdach, die nothdürftige Nahrung und Geselligkeit; aber trotz dem blieb für Beide noch mancher Wunsch unbefriedigt und dahin gehörte vorzüglich der nach einer abwechselnden Speise, an die besonders William sich in seinem frühern Leben gewöhnt hatte. Die Pataten und Früchte, womit sich Beide seither gesättigt hatten, füllten ihnen zwar den Magen, aber sie wurden trotz dem nicht völlig satt davon, und selbst nachdem sie ihren Hunger gestillt hatten, blieb eine empfindliche Leere in demselben zurück.

Sobald William sich seinem Freunde verständlich machen konnte, theilte er ihm seinen Wunsch nach einer nährendern Speise mit. Es machte ihm freilich viele Mühe, Kolbi sein Verlangen mitzutheilen, und dies mußte mehr durch Zeichen, als durch Worte geschehen; endlich aber begriff der gute Wilde ihn und nickte, wie bejahend, mit dem Haupte. Bald darauf forderte er von William das Messer, mit dem er bereits sehr geschickt umzugehen wußte, und entfernte sich damit in das nahe Gebüsch. William wußte nicht, was er im Sinne hatte, ließ ihn aber gewähren und erwartete geduldig seine Rückkehr.

Er blieb ziemlich lange weg, dann kehrte er, in seiner Hand mehre Baumzweige tragend, mit freudigem Gesichte zurück und wies seinem Freunde triumphirend das Mitgebrachte. William begriff erst nicht, was Kolbi mit den geschnittenen Stecken wollte und sah ihm mit einiger Neugierde zu, als er sich auf den Boden niedersetzte und an seinen Stecken zu schnitzen anfing. Bald aber wurde ihm die Absicht seines Freundes klar: Dieser schnitzte aus dem mitgebrachten Holze einen überaus zierlichen Bogen und als dieser fertig war, auch eine Handvoll Pfeile, erstere von einem biegsamen, letztere von sehr hartem, festen Holze. Die Arbeit konnte aber nicht vollendet werden, denn dem Bogen fehlte noch die Sehne, den Pfeilen die scharfe Spitze von Metall und die Federn; William war nicht wenig neugierig, wie Kolbi es anfangen würde, diesem Mangel abzuhelfen.

Schon in der nächsten Nacht sollte diese Neugierde befriedigt werden. Er sah Kolbi, so wie es völlig dunkel geworden war, fortwandern; wohin, konnte er nicht in Erfahrung bringen, da der Wilde sich ihm nicht verständlich machen konnte. Er blieb so lange weg, daß William sich sehr um ihn ängstigte und schon im Begriffe war, ihm nachzugehen und ihn aufzusuchen, als er ihn mit raschen Schritten herbeieilen hörte. Was er gethan, und was er von seiner nächtlichen Wanderung mitgebracht hatte, konnte er nicht in Erfahrung bringen, da, als Kolbi zurückkehrte, der bis dahin leuchtende Mond untergegangen war und eine vollkommene Dunkelheit in der Hütte und selbst draußen herrschte; Licht hatten aber unsre Beiden nicht, um sich die Nacht zu erhellen.

So wie Kolbi wieder angelangt war, warf er sich auf sein Lager nieder, seinem Freunde eine gute Nacht zurufend, denn diese Worte und die Bedeutung derselben hatte er bereits von William gelernt, der sie ihm jeden Abend zurief, so wie er sich zum Schlafen niederlegte. Früh am andern Morgen, als erst William, dann Kolbi erwacht war, ging letzterer aus der Hütte in's Freie hinaus und kehrte gleich darauf mit zwei todten Vögeln in der Hand, die dem Ansehen nach unsern Tauben glichen, nur weit größer und von einem schönen schillernden Gefieder waren, zu seinem Genossen zurück. Mit triumphirenden Blicken zeigte er seinen Fang, bedeutete William, daß er auf seinen Streifereien am vorhergehenden Tage ein Nest dieser Thiere hoch in der Spitze eines sehr hohen Baumes entdeckt, und beide Eltern, die Mutter darin, den Vater daneben, überrascht und getödtet habe. Er hatte sich die Stelle, wo der Baum mit dem Neste stand, und diesen selbst so genau gemerkt, daß er ihn auch während der Nacht wieder zu finden vermochte, wobei ihm freilich der Mondschein etwas zu Hülfe kam.

Man kann sich vorstellen, wie erfreut William über den Anblick dieser Vögel war, die ihm einen leckern Braten verhießen. Er zündete sogleich ein gutes Feuer an, steckte zu beiden Seiten derselben zwei Stäbe in die Erde, die oben durch ihre Zweige eine Gabel bildeten, und schnitzte von starkem Holze einen Spieß, an den er die Tauben stecken und ihn dann auf die beiden Gabeln legen wollte, zwischen denen sich das Feuer befand. Kolbi ließ ihn gewähren und machte sich seinerseits an die Arbeit. Mit einer wirklich bewunderungswürdigen Geschicklichkeit und Schnelligkeit rupfte er die Tauben, wobei er Sorge trug, daß kein Federchen verloren ging, denn diese waren von der größten Wichtigkeit für den von ihm beabsichtigten Zweck. Als er mit dieser Arbeit fertig war, schnitt er den Vögeln den Bauch auf und nahm behutsam aus beiden die Eingeweide heraus, mit welchen er zum nahen Bache ging, um sie von allem Unrathe zu reinigen; die Tauben selbst aber warf er William zu, der sich anschickte, sie an seinem improvisirten Spieße zu braten.

Was Kolbi mit den Federn wollte, hatte William bereits begriffen; aber was er mit den Eingeweiden anzufangen gedachte, blieb ihm so lange ein Räthsel, bis dieser mit den gereinigten Gedärmen vom Bache zurückkehrte, und indem er mehrere davon sehr fest zusammendrehte, eine Bogensehne davon machte. William bewunderte die Geschicklichkeit und Aemsigkeit seines Freundes nicht wenig, und brach in einen Jubelruf aus, als Kolbi ihm triumphirend den fertigen Bogen und die vermittelst der Taubenfedern bereits befiederten Pfeile zeigte, an welchem letztern nichts mehr fehlte, als die tödtende Spitze. Er zweifelte jetzt aber keinen Augenblick mehr daran, daß Kolbi auch dazu Rath schaffen würde, und dieses Vertrauen durfte er, nach den Proben, die er von seiner Geschicklichkeit und Einsicht abgelegt, wohl zu ihm haben.

Die beiden Tauben waren indeß gebraten, und wenn sie gleich nicht so lecker waren, wie die, welche eure gute Mutter, unterstützt von einer geschickten Köchin, zuweilen auf den Tisch bringt, wenn sie auch nicht in einem Meere von Butter schwammen; ja, wenn ihnen sogar das Salz zur Würze fehlte, so glaubte doch William, in seinem ganzen Leben kein so leckeres Mahl gehalten zu haben, als dieses. Auch Kolbi ließ sich seine Taube wohl schmecken, wobei er mit der größten Sorgfalt die Knöchelchen sammelte und auf die Seite legte. Was er damit beginnen, zu welchem Zwecke er sie benutzen wollte, begriff William wieder nicht, bis er seinen Freund die vorher schon geschnitzten und befiederten Pfeile hervornehmen und ihn sie mit kleinen scharfen Spitzen versehen sah, die er von den Knöchelchen vermittelst des Messers geschnitzt hatte.

Jetzt war ihm Alles klar, und seine Freude nicht gering, als er sich nun sogar auch im Besitze einer Waffe sah, die ihm noch viele solche Leckerbissen versprach, wie er eben genossen hatte.

In Hinsicht der Handhabung des Bogens sah er sich aber weit von Kolbi übertroffen, dessen Augen und Hände so sicher waren, daß er fast nie sein Ziel verfehlte, während William, zum nicht geringen Ergötzen des wilden Jägers, unter zehnmal kaum einmal traf. »Uebung macht den Meister,« heißt es im Sprichwort; so ging es auch mit William bald besser, und er wurde lange nicht mehr so oft von dem über seine größere Geschicklichkeit triumphirenden Kolbi ausgelacht.

Jetzt hatte man in der That keine Noth mehr zu leiden. Die Gegend wimmelte von Vögeln aller Art; da gab es nicht nur wilde Tauben und Hühner in Menge, sondern auch Gänse und Enten, worunter die sogenannte Holz-Ente, welche ihre Jungen im Walde ausbrütet, als besonders schmackhaft erfunden wurde. Auf dem Bache erblickte man den schwarzen Schwan; denn in Australien, das fast in allen Dingen gänzlich verschieden von den andern Welttheilen ist, haben die bei uns schneeweißen Schwäne ein schwarzes Gefieder.

Unter den Vögeln fiel unserm William besonders der Emu – so nannte Kolbi dieses Thier – oder der australische Kasuar, auf. Wenn die Kasuare aufrecht stehen und ihre langen Hälse in die Höhe strecken, erreichen sie fast die Größe eines Mannes. Sie sehen in der That wunderbar aus, und William konnte sich sogar einiger Furcht vor diesen riesigen Thieren nicht erwehren, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete. Der Emu hat einen langen Hals und sehr lange Beine, einen plump gebauten Körper und, obgleich er zum Vogelgeschlechte gehört, weder Federn noch Flügel. Die Stelle der Federn vertritt eine Art von Haaren, die aber sehr dünn auf den Körper gesäet und gleichsam ein Mittelding zwischen Haaren und Federn sind; statt der Flügel hat er zwei kurze Lappen an der Seite. Eine Stimme hat man noch nicht an dem Emu bemerkt. Das Fliegen ist diesen Thieren unmöglich, dagegen aber laufen sie, wenn sie verfolgt werden, sehr schnell.

Die Eingeborenen machen mit Hunden Jagd auf sie. Man kann nur die Keulen zur Speise benutzen, diese aber schmecken ganz wie unser Rindfleisch. Auch die Eier sind ein Leckerbissen. Man findet sechs bis sieben in einem Neste, und sie sind so groß, daß man die Schaalen zu Gefäßen benützen kann. William war nicht wenig erfreut, als Kolbi auf einen ihrer Streifereien ein Emunest entdeckte; jubelnd trug man es heim, genoß mit großem Behagen den Inhalt, und hatte noch obendrein mehre ganz artige Gefäße, an denen es ihnen seither sehr gefehlt hatte.

Die wilden Truthähne – zwei Arten entdeckte man bis jetzt davon, die dunkeln und die blaufarbigen – waren ein großer Leckerbissen für unsre Colonisten. Ihr Fleisch war zart und saftig, und hatte den allerbesten Geschmack, da es fetter als das der übrigen wilden Vögel war. Sie bewohnen die buschigen Stellen der Insel und sind nicht leicht zu erlegen, da sie sehr furchtsamer und vorsichtiger Natur sind. Außer diesen Vögeln fand man noch Schnepfen, die große Taube, die von Kolbi Wanga-Wanga genannt wurde; zwei Arten brauner Tauben, und die schöne Federbusch- und grüne Taube. Ein sehr schönes Thier ist auch der Bergfasan, welcher nicht nur vortrefflich schmeckt, sondern auch ein Spottvogel ist, der die Stimmen anderer Vögel nachzumachen versteht. Auch Krähen und Elstern, gute Bekannte unsers Williams von der Heimath her, zeigten sich in großer Menge; allein unsere Schützen machten keine Jagd darauf, da ihr Fleisch nicht genießbar ist. Auf den Gipfeln der Berge hauste der König der Vögel, der Adler, der hier einen weißen Kopf hat; auch an andern Raubthieren, namentlich an Falken, fehlte es nicht. Sie sind die Feinde der andern Vögel und sehr von ihnen gefürchtet.

Auf einem Spaziergange, den William und Kolbi an einem schönen Abende machten, erblickte ersterer einen schneeweißen, schön befiederten Vogel, den er auf den ersten Blick für einen Kakatu erkannte; er hatte nämlich einen solchen früher in einer Menagerie gesehen, und war nicht wenig erfreut, ihn hier im Naturzustande zu erblicken. Späterhin entdeckte er vier Arten von Kakatus: zwei schwarze, ohne Federbüsche, mit gelbgefleckten Flügeln und eben so gestreiften Schwänzen; dann den weißen mit gelben und endlich den schieferfarbigen mit rothem Federbusch. Besonderes Vergnügen gewährten unserm William, für den diese ganze Thierwelt völlig neu war, die vielen Papageien, die er erblickte. Man findet sie in Australien fast von allen Farben und Größen und prächtiger gefiedert, als sonst irgendwo. Er sah diese Thiere, die man in Europa so theuer bezahlt, in ganzen Schwärmen umherfliegen und fast jedes Gebüsch davon belebt. Da war der schöne Königspapagei mit seinem herrlichen grünen Gefieder, dem glänzendrothen Kopf und Nacken – auch ihr werdet ihn schon gesehen haben; – den kleinen Rosehillpapagey mit rothem Kopf und gelber Brust; den Bergpapagei, der blau ist und in allen Farben des Regenbogens schillert. Williams Auge konnte nicht müde werden, diese schönen Thiere zu betrachten und da sie, niemals bisher von den Menschen verfolgt, durchaus nicht scheu thaten, konnte er ihnen ganz nahe kommen und sie mit Muße besehen. Kolbi, der gute Kolbi bemerkte kaum, welche Freude sein Genosse an diesen Vögeln hatte, so war er auch schon darauf bedacht, einige davon für seinen Freund zu fangen. Er legte ihnen sehr geschickt Schlingen, und da er ihre Lieblingsnahrung kannte, lockte er sie vermittelst derselben in diese. William hatte bald eine vollständige Sammlung dieser schönen Geschöpfe, und man sah sich genöthigt, einen Winkel der Hütte mit Brettern abzukleiden, um einen großen Käfig für die lieben Gäste herzustellen. In müßigen Stunden vertrieb William sich die Zeit damit, diese Vögel zu zähmen und ihnen, da er ihre große Gelehrigkeit kannte, Worte aussprechen zu lehren. Hierin zeichnete sich vor allen andern der große Königspapagei aus, der sehr bald, zu Williams nicht geringem Ergötzen, ganz deutlich seinen und Kolbis Namen aussprach und nach und nach auch noch andere Worte, als: Mutter, Vater, guten Morgen erlernte; William wollte ihm auch den Namen seiner geliebten Vaterstadt Hamburg lehren; allein dies war eine zu schwierige Aufgabe für seine kleine Kehle, und das Wort kam nur sehr unvollkommen heraus.

So hatten unsre Beiden in ihrer Einsamkeit und Abgeschiedenheit auch ihre kleinen Genüsse und Freuden, die noch durch das Einfangen eines jungen australischen Hundes, den man Dingo nennt, vermehrt wurden. Diese Hunde sind von den unsrigen sehr verschieden. Sie haben entweder dunkles oder röthliches Haar, das sehr zottig ist, lange, buschige Schwänze, spitzige Ohren, sehr dicke Köpfe und etwas spitzige Schnautzen. Sie laufen mit wahrhaft erstaunenswerther Schnelligkeit und beißen tüchtig um sich, wenn sie sich zu vertheidigen gezwungen sind. Sie bellen nicht wie unsre Hunde, stoßen aber oft ein erbärmliches Geheul aus, das besonders bei Nachtzeiten höchst widerlich klingt. Sie sind Raubthiere und werden von andern Thieren sehr gefürchtet, die sie vermöge ihrer großen Schnelligkeit leicht erreichen. Sie tödten sie nicht, reißen ihnen aber mit ihren scharfen Zähnen ein Stück Fleisch aus und an dieser Wunde sterben dann die armen Gebissenen eines qualvolleren Todes, als wenn sie auf der Stelle von ihnen getödtet worden wären.

Kolbi, der eben kein Kostverächter war, hatte schon mehre Male Dingos erlegt und sich einen für seinen Gaumen höchst schmackhaften Braten davon gemacht; William mochte dabei aber nicht sein Gast sein, weil das Fleisch einen überaus widerlichen Geruch hatte. Die Aehnlichkeit dieser Thiere mit den ihm von der Heimath her so lieb gewordenen Hunden, bewog ihn aber zu dem Wunsche, einen jungen Dingo zu besitzen, um ihn zähmen und abrichten zu können. Kaum war Kolbi dieser Wunsch bekannt geworden, so dachte er auch schon darauf, ihn zu befriedigen. Die Sache war aber nicht eben leicht in's Werk zu richten, indem der Dingo, der sehr scheu ist, sein Nest überaus gut zu verstecken weiß; auch war es, selbst wenn man bewaffnet war, nicht ungefährlich, sich dem Lager zu nähern, wenn die Alten gegenwärtig waren, da diese ihre Jungen wüthend vertheidigten.

Indeß verzagte unser Kolbi trotzdem nicht, und als er erst einmal so glücklich gewesen war, das Nest eines Dingo's zu entdecken, lauerte er so lange auf, bis er die bereits dem Säugen entwachsenen Jungen allein überraschte. Er ergriff eines davon und trug es eilig zur Hütte, sich nicht daran kehrend, daß es sich sträubte und mit den kleinen spitzigen Zähnen tüchtig um sich biß.

Nicht wenig erfreut war William, sowohl über diesen neuen Beweis von der Zuneigung seines Kolbi, als über den Besitz des artigen Thieres; denn obschon im erwachsenen Zustande mehr häßlich als hübsch, sind die jungen Dingos doch ganz allerliebst; auch wollte William das Thier weniger zum Zeitvertreibe haben, als es zum Wächter erziehen.

Der kleine Dingo machte unsern Beiden zu Anfang das Leben sehr schwer. Er biß um sich, so wie man sich seinem Behälter nur nahte, heulte die ganzen Nächte hindurch und verschmähte zuerst sogar jegliche Nahrung, so daß unsre Freunde, die fürchten mußten, ihn elendiglich umkommen zu sehen, aus Mitleid schon im Begriffe waren, ihm seine Freiheit wieder zu geben. Da änderte das kleine Ungethüm, vermuthlich, weil der Hunger ihm allzu sehr zusetzte, plötzlich seine Natur: er genoß nicht nur etwas von dem ihm hingeworfenen Fleische, sondern nahm es schon nach wenigen Tagen begierig aus der Hand Williams oder Kolbis; ja, es waren nun erst einige Wochen verstrichen, so wollte er keine andere Nahrung nehmen, als die einer der beiden Freunde ihm reichte; selbst das Wasser, welches man ihm in einer der von den Kasuar-Eiern gewonnenen Schaalen reichte, mußte ihm hingehalten werden, wenn er es trinken sollte, und statt die ihm hingehaltene Hand, wie früher, zu beißen, leckte er sie dankbar. Jetzt, da er sich so vernünftig und zuthunlich bezeigte, glaubte man ihm die Freiheit schenken zu dürfen. Man öffnete seinen kleinen Kerker und er kroch aus demselben hervor. Er mißbrauchte die ihm gewährte Freiheit auch nicht, sondern trennte sich nicht mehr von seinen Gebietern, die freilich seine volle Zuneigung auch durch ihr liebreiches Betragen verdienten. Es war entschieden beider Liebling und mancher Leckerbissen fiel ihm zu. Wenn sie ihr einfaches Mahl hielten, gesellte er sich allemal zu ihnen und war offenbar »in ihrem Bunde der Dritte.« Mit klugen Augen sah er bald den Einen, bald den Andern an, ob nicht etwa ein Bissen für ihn abfiele, und erhielt er ihn, so leckte er dankbar die Hand des Gebers. William, der ihn nie neckte und zerrte, wie Kolbi zuweilen in seinem kindischen Muthwillen that, schien ganz besonders seine Gunst zu besitzen, denn jede Nacht schlief er ganz dicht neben jenem. Man hatte auf Williams Wunsch dem Dingo den Namen Waldmann gegeben, nach einem artigen Tackelchen, das in der Heimath der Liebling unsers Freundes gewesen war, und das Thier hörte bald sehr verständig auf diesen Namen. Ueberaus schwer war es aber gefallen, den Hund an gekochte oder vielmehr gebratene Speisen, noch schwerer aber, ihn an den Genuß der Pataten zu gewöhnen. Seiner Natur nach fraß er nichts als rohes Fleisch und durchaus keine Pflanzenkost; endlich gewöhnte er sich aber doch daran, die Knochen des gebratenen Fleisches zu nagen, und als man ihn einige Zeit hatte hungern lassen, fraß er sogar mit Begierde die ihm dargereichten Pataten. So fehlte es unsern beiden Einsiedlern keineswegs an kleinen Genüssen und Freuden, ja sogar nicht an Unterhaltung, indem Kolbi nach und nach Williams Sprache verstehen und selbst nothdürftig sprechen lernte. Zwar klang das, was er sagte, oft überaus possierlich und mit den Fürwörtern wußte er namentlich noch immer nicht zurecht zu kommen, auch verwechselte er die Artikel; allein eben dieses Kauderwälsch ergötzte William und überdies verstanden sie einander ganz vollkommen, zumal da letzterer bereits eine Menge Wörter von der Papuas-Sprache – der Volksstamm, zu dem Kolbi gehörte, nennt sich die Papuas – verstand, so daß, wenn Kolbi eine Sache auf deutsch nicht zu nennen wußte, er sie nur in seiner Muttersprache zu nennen brauchte, um sich seinem Freunde verständlich zu machen. William würde sich geschämt haben, sich von Kolbi in der Gelehrigkeit übertreffen zu lassen, und so legte er sich auf die Papuas-Sprache, wie Kolbi auf die deutsche.

Wenn es dunkel wurde und sie folglich keine Arbeit mehr verrichten konnten, vertrieben sie sich die Zeit wechselseitig mit Erzählungen von ihrer Vergangenheit und den Sitten und Gebräuchen der Nation, zu der sie gehörten. William war der Erste, welcher seinem Freunde die von ihm erlebten Schicksale mittheilte, und Kolbi folgte seinem Beispiele.

Er erzählte ihm, daß er auf seinem winzigen, aus einem ausgehöhlten Baumstamme gemachten Canot von der Küste eines großen, großen Landes herübergekommen sei, weil die Feinde seines Stammes, in deren Gefangenschaft er im Kriege gerathen war, ihn hatten braten und verzehren wollen.

– »Verzehren?!« rief William entsetzt bei diesen Worten aus; »verzehren? das wäre ja abscheulich gewesen!«

– »O, Menschenfleisch soll sehr gut schmecken,« versetzte Kolbi ruhig, »und wäre ich nur noch ein Jahr älter gewesen, so würde auch ich es gewiß gekostet haben; denn bei meinem Stamme erhalten es nur die tapfern Krieger, die schon einen Feind erlegt oder gefangen genommen haben. Wäre ich nun größer und stärker geworden, so hätte ich auch schon einen Feind tödten oder mit meinen Händen gefangen nehmen wollen, und dann würde man es mir nicht verwehrt haben, sein Fleisch zu braten und zu verzehren.«

– »Ich danke Gott dafür, Kolbi, daß du eine solche Sünde nicht begingest,« sagte William, der bei dem Gedanken schauderte, daß sein so herzlich geliebter Kolbi ein Menschenfresser hätte werden können.

– »Ich weiß nicht, was eine Sünde für ein Ding ist,« versetzte Kolbi; »aber so viel weiß ich, daß es mir sehr leid thut, daß es hier keine Feinde gibt, die man erlegen und deren Fleisch man essen kann; denn es soll besser schmecken, als das der Kängeruh, selbst wenn diese noch jung und zart sind. So sagte mir wenigstens mein Vater, der oft Menschenfleisch genossen hat, nun aber keins mehr ißt, weil er todt und wahrscheinlich von den Feinden aufgegessen ist. Ich selbst sah ihn in der Schlacht fallen, als ich ihm die Waffen in derselben nachtrug, und da die Feinde den Sieg erhielten, weil der gute Geist, den wir Koyan nennen, sich von uns abgewendet hatte, werden sie ihn wohl gefunden und mit sich geschleppt haben.«

– »Wie geriethest aber du in Gefangenschaft? und wie gelang es dir, dich aus derselben zu befreien und hieher in dem Canot zu retten?« fragte William, der, von Neugierde getrieben, es für ein Andermal versparte, seinen Freund davon zu unterrichten, was eine Sünde sei.

– »Das will ich dir sagen,« versetzte Kolbi. »Als mein Vater von der Lanze eines Feindes getroffen worden war und blutend zu Boden sank, wurde ich so betrübt, daß ich neben ihm niederfiel und vor übergroßer Betrübniß nicht daran dachte, mich zu retten. Zwar rief er mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte zu: »Flieh, mein Sohn! Rette dich! sonst werden die Feinde, wenn sie den Sieg erhalten, auch dich schlachten und verzehren!« allein ich war viel zu betrübt, um diesem Befehle Folge leisten zu können; auch mochte ich meinen Vater nicht verlassen, so lange noch Leben in ihm war. Als aber sein Athem stockte; als er die Augen schloß, um sie nicht mehr aufzuthun, da war es zu spät, mich zu retten. Die Feinde hatten unsern Stamm in die Flucht geschlagen; ich wurde neben der Leiche meines Vaters ergriffen; man band mir die Hände auf den Rücken fest und schleppte mich fort an den Strand des Meeres, wo man ein Siegesfest feiern und die Erschlagenen, mich wahrscheinlich auch, nachdem man mich geschlachtet, verzehren wollte. Ich war sehr traurig, denn ich mochte mich nicht braten und verzehren lassen......«

– »Das verdenke ich dir nicht,« unterbrach William den Erzähler; »ich hätte das auch nicht gemögt. Aber erzähle weiter; ich bin sehr begierig darauf, wie du dich rettetest.«

– »Als die Feinde mich mit sich an's Ufer geschleppt hatten,« fuhr Kolbi fort, »banden sie mich an einen Baum fest, der unfern des Platzes stand, wo sie ihr Siegesfest feiern wollten und wo sie bereits ein großes Feuer angezündet hatten, an dem die Getödteten und ich gebraten werden sollten. Ich weinte bitterlich und erwartete jeden Augenblick den Tod. Sie bereiteten indeß den Kawa, indem sie eine Wurzel kauten und den dadurch erhaltenen Brei mit Wasser vermischten, wie es bei uns Sitte ist; wer aber viel von diesem Getränke trinkt, der wird wie toll und weiß nicht mehr, was er thut; er macht die närrischten Sprünge und ist so ausgelassen lustig, daß es eine Freude ist, ihn zuzusehen. Die Feinde tranken nun vielen Kawa und als ich sie in dem dir eben beschriebenen Zustande sah, glaubte ich, daß es Zeit sei, an meine Rettung zu denken. Ich versuchte, eine meiner Hände aus der Schlinge zu ziehen, mit der beide an den Baum befestigt waren, und nach einiger Anstrengung gelang es mir. Denn, als Alles das bereits hoch empor lodernde Feuer umtanzte und Keiner mehr Acht auf mich gab, warf ich mich auf den Boden nieder und kroch auf dem Bauche, wie eine Schlange, durch das hohe Gras hin, bis ich in einen Wald gelangte. Hier erhob ich mich und eilte so schnell von dannen, daß es den Feinden nicht möglich gewesen sein würde, mich noch wieder einzuholen. Lange irrte ich in dem mir völlig unbekannten Walde umher, nährte mich von Beeren und Wurzeln und schlief des Nachts auf Bäumen, zwischen deren Zweigen ich mich festklemmte, um im Schlafe nicht herunter zu fallen. Endlich gelangte ich wieder an das Meer und da ich, zu meiner Freude, am Strande ein Canot fand, schob ich es in das Wasser, setzte mich hinein und ruderte fort. Wohin? das wußte ich selbst nicht, auch war es mir gleich viel, wenn ich nur nicht wieder in die Gewalt derer fiele, die mich braten und verzehren wollten. Ich hatte gehört, daß gegen Aufgang des großen Gestirns, das du Sonne nennst, nicht allzufern von der Küste, ein Eiland läge, und dahin steuerte ich in der Hoffnung es zu finden. Das Glück verließ mich nicht, und nachdem ich fast einen halben und einen ganzen Tag auf dem Meere umhergeschifft war, erblickte mein Auge in der Abenddämmerung die Küste der Insel, die ich bald glücklich erreichte. Ich zog mein Canot auf den Strand und legte mich darein, um zu schlafen; denn es war dunkel geworden und ich so müde, daß ich kaum an meinen großen Hunger dachte. Am andern Morgen, als ich die an den Strand getriebenen Trümmer des großen Hauses auf dem Meere, das du Schiff nennst, betrachtete, und die gleichfalls entdeckte Kiste öffnete, fandest du mich. Alles Andere aber weißt du auch, daß ich dich zu Anfang für den bösen Geist Potayan hielt, der den armen schwarzen Leuten großen Schaden zufügt, und mich sehr vor dir fürchtete.« Hier schloß Kolbi seine Erzählung, die ich Euch nicht in seiner unvollständigen, kauderwälschen Sprache, sondern in der mitgetheilt habe, die Euer Ohr gewohnt ist.

Sechszehntes Kapitel.

Dadurch, daß unsre Freunde jetzt hinlänglich mit Jagdgeräth versehen waren – denn Kolbi hatte für William auch einen trefflichen Bogen gemacht und Pfeile schnitzte er stets in Menge – konnten sie bereits darauf denken, auch den vierfüßigen Thieren der Insel den Krieg zu erklären. Es gab deren nicht viele auf derselben, wie Australien überhaupt nicht eben reich an vierfüßigen Thieren ist; dafür aber waren sie desto seltsamer, und unser William, dem sie bisher völlig unbekannt geblieben waren, konnte oft vor Erstaunen kein Wort hervorbringen, wenn er ihnen auf seinen Streifereien begegnete.

Da war zuerst das Kängeruh, wovon es wohl fünf bis sechs verschiedene Arten gab, und das größte einheimische Thier Australiens ist, und, obschon es oft an 200 Pfund wiegt, zum Mäusegeschlecht gehört.

– »Zum Mäusegeschlecht sollte ein so großes Thier gehören?« fragt wohl der Eine oder Andere voll Verwunderung.

– Zu keinem andern, ist meine Antwort, und wenn Ihr eine Naturgeschichte zur Hand nehmt, die mit Abbildungen versehen ist, werdet Ihr finden, daß dieses große und seltsam gebildete Thier in seinem Bau, bis auf die langen Hinter- und sehr kurzen Vorderfüße, eine große Aehnlichkeit mit unsern Mäusen hat. Es gibt graue, röthliche und schwarzbraune Kängeruhs, und fast von allen Größen, bis zur Kängeruhratte hinab, die gern in hohlen Bäumen wohnt.

Kaum kann ein Anblick seltsamer sein, als der dieser Thiere. Der Körper derselben ist, wie schon gesagt, wie der einer großen Maus gestaltet, sie haben aber wohl dreimal so lange Hinter- als Vorderfüße und gehen fast beständig auf den ersteren, folglich in aufrechter Stellung.

Der sehr kurzen Vorderfüße bedienen sie sich fast nur, um ihre Nahrung zu erfassen, die in Gras und Kräutern besteht. Ihres überaus langen, starken und dicken Schwanzes bedienen sie sich zum Stützpunkte, er vertritt also gleichsam die Stelle eines dritten Beins. Ihr Gang ist eine Art von beständigem Hüpfen, wobei sie sehr schnell von der Stelle kommen. Sie haben nur ein Junges zur Zeit, das sie, bis es gehörig ausgewachsen, in einem unter ihrem Leibe befindlichen Beutel tragen, weshalb man sie auch zu den Beutelthieren zählt. Sie sind durchaus harmlos und, wo man nicht häufig Jagd auf sie macht, auch wenig scheu. Wenn sie verfolgt werden, machen sie ungeheure Sprünge und setzen oft sogar über breite Bäche und Hecken weg, wobei ihnen ihr starker Schwanz gleichsam als Springstock dient. Man jagt sie, da ihr Fleisch sehr schmackhaft und beliebt ist, mit Hunden, die sie in die Beine beißen, umwerfen und durch Bisse in die Kehle tödten.

Ein anderes seltsames Thier, dem unsere Freunde zuweilen in den Wäldern begegneten, war der Koala oder australische Bär. Er hat die Größe eines erwachsenen Pudels und ist hellgrau von Farbe. Ihm fehlt der Schwanz gänzlich. Die Ohren stehen unten sehr weit und breit, oben spitzig hoch über dem Kopf empor und geben ihm ein seltsames Ansehen. Als Kolbi einst ein solches Thier erblickte, und dieses, um sich durch die Flucht vor ihm zu retten, einen sehr hohen Gummibaum erklomm, was sie, trotz ihres etwas plumpen Körpers mit großer Gewandtheit thun, war auch er nicht träge und ehe zwei Minuten verstrichen waren, hatte er es im höchsten Gipfel des Baumes erreicht, nahm es in seine Arme, drückte ihm die Kehle zu und warf es, da er es todt glaubte, hinunter; denn der Koala gilt bei den Wilden für einen großen Leckerbissen, und man war eben um einen guten Braten verlegen. Dieses Thier vermittelst Pfeilschüsse zu erlegen, wäre nicht gut möglich gewesen, da es ein sehr dickes, zottiges Fell hat.

Kolbi war nicht wenig froh, daß die Expedition ihm so gut gelungen war; er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: der Koala war nicht völlig in seinen Armen erstickt und so glücklich gefallen, daß er, nachdem er einige Augenblicke wie betäubt unter dem Baume gelegen, sich plötzlich aufrichtete und davon lief. Dies rettete ihn jedoch nicht, denn kaum hatte er sich auf die Beine gemacht, so war Waldmann, der Dingo, sein natürlicher Feind, schon hinter ihm, erreichte ihn bald und erwürgte ihn. Auch die Koalas oder Beutel-Bären gehören zu den Thieren, die ihre Jungen in einem Beutel unter ihrem Leibe tragen. Sie sind völlig harmlos wie die Kängeruh's[2] und nähren sich nur von Pflanzenkost, am liebsten von den jungen Sprossen der Gummi-Bäume. Wenn nun gleich unser William bisher schon über die vielen ungewohnten Erscheinungen in der Thierwelt erstaunt gewesen war, so sollte er es durch ein in seiner Art einziges Thier noch mehr werden.

[2]: Der große Naturforscher Oken schreibt den Namen dieses Thieres in seiner Naturgeschichte Känge-Ruh.

Als er mit seinem Kolbi an einem Abende an dem herrlichen Bache entlang spaziren ging, sah er in der kristallhellen Fluth ein Thier sich bewegen, von dem er nicht zu sagen wußte, ob es ein Fisch, ein Vogel oder ein Säugethier sei. Es war ungefähr 1½ Fuß lang, hatte einen mit kurzen braunen Haaren bewachsenen Körper, der in einer Art von Fischschwanz endete, hinten zwei längere, vorn zwei sehr kurze Füße, deren Klauen mit Schwimmhäuten versehen waren, und, was das Wunderbare der Erscheinung vermehrte, ein Maul, das vollkommen einem breiten Eulenschnabel glich, was ihm ein vogelartiges Ansehen gab.

Diese Erscheinung war so auffallend, daß William beim unerwarteten Anblick dieses seltsamen Thieres einen Ruf der Verwunderung erschallen ließ, auf den Kolbi zu ihm trat, um zu sehen, was es gäbe. William zeigte mit der Hand nach der Gegend, wo das Thier sich im Wasser bewegte und sah seinen Freund fragend an, als wolle er von ihm Aufschluß über diese seltsamste aller Erscheinungen verlangen. Kolbi zeigte aber kein Erstaunen in seinen Mienen, denn für ihn war das Thier kein Fremdling und mit gleichgültigem Tone sprach er das Wort Mouflengong aus, mit welchem Namen die Eingeborenen es benennen. Es war aber das sogenannte Schnabelthier (Ornithorhynchus paradoxus), über das von den Naturforschern schon so viel geschrieben worden ist. Nach langem Streiten, ob das Thier ein Fisch, ein Vogel oder ein Säugethier sei, ist ausgemacht worden, daß es zu den Säugethieren gehört, denn es bringt lebendige Junge zur Welt und säugt sie.

Gern hätte William dieses seltsame Geschöpf noch länger beobachtet, allein Kolbi warf aus Muthwillen mit einem Steine darnach, und alsobald tauchte es unter, kam auch nicht wieder zum Vorschein, was William sehr leid that, denn er konnte sich nicht satt daran sehen.

Das Schnabelthier wird nur in den Flüssen und Seen Australiens gefunden, wo es sich von Insecten und deren Eiern nährt, die es unter den Wurzeln der Wasserpflanzen sucht. Ein Naturforscher, Herr Bennett, ein Engländer, reiste eigends in der Absicht nach Australien, die Natur dieses seltsamen Geschöpfes zu erforschen, und ihm verdanken wir größtentheils, was wir darüber wissen.

Außer den Euch bereits genannten und zum Theil beschriebenen Thieren, sah unser William auch noch die sogenannten fliegenden Füchse, harmlose Thiere, die aber ein gar häßliches Ansehen und Aehnlichkeit mit unsern Fledermäusen haben, fliegende Eichhörnchen, Opossums, Bandikuts, die viermal so groß wie unsere Ratten und den Wilden eine angenehme Speise sind. Auch an Stachelschweinen fehlte es nicht; sie hatten Aehnlichkeit mit den europäischen.

Kolbi, dem diese Thierwelt schon bekannt war, konnte nicht begreifen, wie William so großes Vergnügen daran finden konnte, diese für ihn so völlig neuen Gegenstände genau in Augenschein zu nehmen, und mehre Male meinte er, es müsse wohl in dem Vaterlande seines Freundes weder Thiere noch Pflanzen geben, da William so oft sein Erstaunen über dieses oder Jenes an den Tag legte. Dieser belehrte ihn zwar eines andern, indem er ihm sagte, daß man zwar in Europa auch Thiere und Pflanzen, aber ganz anderer Art habe.

– »Nun,« versetzte Kolbi, »so begreife ich nicht, weshalb du dich bei den unsrigen so lange aufhältst: Thier ist Thier, und Pflanze, Pflanze!«

Daß es ein großes Vergnügen für einen denkenden Menschen sei, sich zu belehren, davon hatte unser Wilder keinen Begriff. Für ihn hatten nur solche Dinge Bedeutsamkeit, von denen er mehr oder minder Nutzen ziehen konnte. In dieser Zeit machte Kolbi, der die Augen überall hatte, die Entdeckung, daß ein Thier, welches er Wombat nannte, in der Nähe ihrer Hütte sein müsse, und er pries seinem Freunde dasselbe als eine sehr leckere Speise. Er hatte nämlich eine Höhle dieses Thiers entdeckt; denn es gräbt sich solche in die Erde, um während des Tages darin zu schlafen. Der Wombat oder das Beutel-Murmelthier, ist bis jetzt nur in Australien gefunden worden, und gehört zu den Pflanzen fressenden Thieren. Es ist fast so groß, wie eine englische Dogge, grau von Farbe und sehr plump gebaut; in seinen Bewegungen ist es äußerst langsam. Man brachte zwei dieser Thiere nach Paris, um ihre Lebensweise zu erforschen, und sie waren bald so zahm, wie unsre Hunde; allein sie zeigten weder den Verstand noch die Gelehrigkeit derselben, sondern waren dumm und so träge, daß man sie selbst durch Schläge nicht zum schnellerem Fortlaufen zu bewegen vermochte. Sie gehören zu den Beutelthieren, d. h. zu den Thieren, die ihre Jungen in einem an ihrem Leibe befindlichen Beutel bei sich tragen, bis diese selbstständig sind und sich selbst ernähren können.

Die Wilden stellen ihnen besonders ihres Fetts wegen nach, und eben deshalb war unser Kolbi auch so begierig, eins zu fangen und zum leckern Mahle zu bereiten. Lange entzog es sich seinen Bemühungen und der Dingo, der tief in seine Höhle einkroch und es mit dem Maule aus derselben hervorzog, mußte endlich das Beste dabei thun. Kolbi tödtete es jetzt, zog ihm das Fell ab und zertheilte es in kleinere Stücke. Das Fleisch des Wombats war in der That ein Leckerbissen und so fett, daß beim Braten sehr viel Fett in's Feuer trof. Was hätte unser William nicht darum gegeben, dieses auffangen und statt des Oels oder Talgs gebrauchen zu können; es fehlte ihm aber an einer Bratpfanne, um es aufzufangen. Er hätte dieses Fett aus dem Grunde so gern aufgehoben, weil es die bereits sehr langen Abende, die man völlig müßig wegen Mangel an Licht zubringen mußte, ihm verkürzt haben würde; denn der Müßiggang war für unsern Freund eine entsetzliche Plage.

Am Tage gab es freilich Beschäftigung für Beide genug. Man hatte immer noch mit der Hütte zu thun, in der man diese oder jene Bequemlichkeit anbrachte, und deren Ritzen man sorgfältig mit Gras verstopfte, weil Kolbi geäußert hatte, es werde nun bald eine sehr schlimme Zeit kommen, in der »viel, viel Wasser« – so drückte er sich aus, vom Himmel herabfallen würde. Daß er darunter den Regen verstand, werdet Ihr, meine Geliebten, wohl schon begriffen haben.

Ferner hatte man angefangen, einen Garten auf dem Abhange des Hügels, worauf die Hütte lag, anzulegen und ihn, zum Schutze gegen die wilden Thiere mit einer steinernen Mauer zu umgeben. An Steinen dazu fehlte es nicht, nur machte es einige Mühe, sie den Hügel hinanzuschleppen. Als die Umzäumung fertig war, machte William von einem Stücke Eichenholz ein Grabscheit, die die gewünschten Dienste beim Umgraben des Bodens leistete; auch einen Rechen oder eine Hacke machte er, um das gegrabene Land zu ebnen, das dann in ordentliche Beete eingetheilt wurde. Auf diese Weise gewann das Plätzchen ganz das Ansehen eines Gartens. Als der Boden bereitet war, dachte man auch daran, ihn zu bepflanzen. Zuerst setzte man neben der Mauer und rund um dieselbe, Himbeersträuche, die, da man sie fleißig begoß, bald fröhlich fortwuchsen. Aber wie mühselig war dieses Begießen, da man kein anderes Gefäß dazu hatte, als die Ledertasche oder die Eierschalen, die William von den Eiern des Emus oder australischen Kasuars gewonnen hatte. Wie viele Male mußte man den Berg hinab und wieder hinaufsteigen, um die vielen Pflanzen zu begießen! Dabei bewies aber Kolbi eine wirklich außerordentliche Ausdauer, die die Williams bei Weitem übertraf.

Auf die bereiteten Beete pflanzte man dann Pataten, diese für unsre Einsiedler so wichtige Frucht. William verfuhr ganz so damit, wie man in Europa mit den Kartoffeln verfährt und sein Fleiß wurde reichlich belohnt.

Ein besonderes Interesse gewährten ihm aber einige Apfelsinen-Körne, die er in einer der Taschen der Kleidungsstücke gefunden hatte, welche ehemals seinem guten Freunde, dem Zimmermann, angehört hatten. Zu welchem Zwecke dieser sie aufgehoben – vielleicht, um sie bei seiner Rückkehr nach Europa selbst zu pflanzen? – wußte er sich nicht zu sagen; genug, er fand zehn bis zwölf Stück davon, die sorgfältig in Papier gewickelt waren, und zugleich mit ihnen einige platte Körner, die er auf den ersten Blick für Gurkenkörner erkannte, die aber, wie sich späterhin auswies, Körner von Melonen waren.

Dieser Fund versetzte unsern William in eine Art von Freudentaumel und es hätte nicht viel gefehlt, daß er die lieben Körner geküßt. Er bereitete für sie eine besondere gute Stelle, reinigte sie von allen Steinchen und legte die Körner, etwa zwei bis drei Fuß von einander entfernt, einen halben Zoll tief in die Erde, was er mit einer Art von heiliger Empfindung that. Damit nicht etwa die Papageyen, deren Genäschigkeit ihm bereits bekannt war, über die Steffens-Stelle – so hatte er sie im Andenken an den guten Zimmermann benannt – kämen, die gelegten Körner hervorwühlten und aufpickten, bedeckte er sie mit den Blättern des Farrenkrautbaumes, die ihnen hinlänglichen Schutz gewährten. Er hatte die Vorsicht gehabt, die vermeinten Gurkenkerne von den Orangenkörnen zu trennen, und dies bekam ihm sehr gut, wie die Folge zeigte. Die sich bald über alle Erwartung ausbreitenden, die Größe unserer Kürbispflanzen erreichenden Melonenpflanzen würden die zarten Orangenstämmchen bald überwuchert und gänzlich unterdrückt haben.

Da die Erde überaus trocken war, begoß er sie jeden Abend; allein trotz dem lagen die Körner viel zu lange für seine Ungeduld in der Erde, ohne sich zu zeigen. Endlich aber zuckte das erste grüne Blättchen, das noch die zersprengte Hülse gleich einem Mützchen auf dem Kopfe hatte, aus dem Boden hervor, und der Jubel der Freunde war kein kleiner. Es waren die Melonen, die sich zuerst hervor gemacht hatten; bald aber zeigten die Orangen gleichfalls ihre zarten Spitzen und wuchsen von nun an fröhlich fort.