Wenn Einer von Euch Lieben auch einmal vom Schicksale zum Robinson bestimmt sein und gerade auf dieses Eiland kommen sollte, so werdet Ihr Euch an den herrlichen Früchten dieser Stämmchen laben und unsers Williams dabei gedenken können, der selbst sie nicht genießen sollte. Auch die Melonen dürften sich selbst fortgepflanzt haben und nicht weniger willkommen sein, als die saftigen und duftigen Orangen.
In der kleinen Colonie trugen sich indeß zwei Vorfälle zu, bei welchem William, bei dem erstern mit einem kleinen, bei den letzern aber mit einem großen Schrecken davon kam.
William, der einstmals allein auf der Insel umherstreifte, weil Kolbi eben beschäftigt war, neue Pfeile zu spitzen, ließ sich durch eine ihm sonst nicht eigenthümliche Naschhaftigkeit verleiten, etwas von dem weißröthlichen Stoffe zu kosten, der in leichten Flocken an dem Grase unter den Bäumen hing, die von den Naturforschern Eucalyptus manniferra genannt werden. Diese Bäume schwitzen einen solchen Saft in großer Menge aus und streuen ihn auf den unterliegenden Rasen, oder er bleibt auch in leichten Flocken an den zarten Zweigen hängen.
Diese Flocken hatten einen sehr angenehmen, süßlichen Geschmack, und das war es, was unsern Freund verführte, ziemlich viel davon zu genießen. Aber o Himmel! wie schlecht bekam ihm seine Naschhaftigkeit, fast so schlecht wie »Fritz dem Näscher,« in dem Euch gewiß bekannten Gedichte, die seinige.
Kaum hatte er das Manna – denn dieses war es, was er genossen hatte – zehn Minuten im Leibe, so wurde ihm entsetzlich übel und dabei stellte sich ein Bauchgrimmen ein, wie er es nie zuvor gehabt hatte. Seine Kräfte drohten ihn gänzlich zu verlassen und nur mit der äußersten Anstrengung vermochte er sich nach Hause zu schleppen, wo er wie ein halbtodter Mensch niedersank und in ein solches Aechzen und Stöhnen ausbrach, daß Kolbi erschrocken seine Arbeit niederwarf und ihn fragte: ob er denn todt bleiben wolle?
– »Ach!« stöhnte William »ich glaube, daß ich irgend ein Gift genossen habe und sterben muß. Armer Kolbi, was soll denn aus dir werden?«
– »Wenn du stirbst, dann sterbe ich auch,« versetzte der gute Junge; »ich mag nicht mehr ohne William leben; William ist so gut gegen Kolbi!« Die hellen Thränen traten ihm bei diesen Worten in die Augen und weinend setzte er sich zu seinem, sich wie ein Wurm windenden und krümmenden Freunde nieder; wie er ihm helfen, wodurch seinen Zustand erleichtern solle? das wußte er nicht.
– »Kolbi,« nahm William nach einer Pause wieder das Wort, »Kolbi, ich glaube nicht, daß ich davon kommen werde, denn die Schmerzen in meinen Eingeweiden sind zu groß, als daß ich sie lange aushalten könnte. Wenn ich aber sterben sollte, dann versprich mir zwei Dinge: erstlich, nicht mit mir sterben, sondern nach Gottes Willen auch ohne mich fortleben zu wollen, und dann, mich ordentlich zu begraben, in dem Gärtchen vielleicht, das wir angelegt haben, und dessen Früchte ich wohl schwerlich noch genießen werde.« – »Ich will wohl ein großes Loch in die Erde graben und dich hineinlegen, wenn du dich nicht mehr rühren und nicht mehr die Augen aufschlagen kannst,« versetzte Kolbi; »allein wenn du darin liegst, dann grabe ich gleich ein zweites Loch für mich, denn ich will nicht ohne dich leben.«
William wollte ihm aber das Sträfliche eines solchen Vorsatzes auseinandersetzen, als das Manna die Wirkung auf ihn hervorbrachte, wegen welcher es in unsern Apotheken aufbewahrt wird: es ist nämlich ein sehr starkes Abführungsmittel, und da William eine gute Portion davon zu sich genommen hatte, war die Wirkung dem angemessen. Hilf Himmel! wie oft mußte der arme Junge nicht ein entlegenes Plätzchen aufsuchen, um seinem Freunde nicht beschwerlich zu fallen! Wie ermattet, wie elend fühlte er sich nicht, wie oft wünschte er nicht, durch den Tod von seinen Leiden befreit zu werden!
Die ganze Nacht ging es so fort, und erst mit Anbruch des nächsten Morgens legten sich die Schmerzen und die übrigen lästigen Wirkungen des Mannas, so daß er ein wenig einschlafen konnte. Der gute Kolbi saß weinend neben ihm und lauschte auf seine Athemzüge, ob sie auch schon stockten; denn er glaubte nicht anders, als daß sein geliebter William »über das große Wasser hinfliegen« würde, denn die Wilden Australiens stellen sich so den Tod vor.
Einige Stunden ruhigen Schlafs wirkten aber wie ein Wunder: William fühlte sich beim Erwachen wie neugeboren und ganz ohne Schmerzen. Zwar war er noch so matt, als hätte er eine lange Krankheit überstanden, und sah so bleich aus wie einer, der schon lange im Grabe gelegen; aber trotz dem war sein Zustand jetzt doch so, daß er wieder neue Lebenshoffnungen zu schöpfen begann; ja, es regte sich sogar wieder einiger Hunger bei ihm, was, nach der erlittenen großen Ausleerung, eben kein Wunder war.
Als Kolbi sein Verlangen nach Nahrung vernahm, war er sehr vergnügt, denn mit Recht dachte er, daß sein Freund sich jetzt in der Genesung befinden müßte. Er hatte noch ein Stück von einer gebratenen Taube und gab es William, der es mit gutem Appetit verzehrte. Einige Himbeeren, die Kolbi ihm zu seiner Erquickung pflückte, bekamen ihm ganz vortrefflich, indem sie seinen brennenden Durst zugleich löschten. Schon nach zwei Tagen befand William sich vollkommen wieder wohl; so oft er aber einen Mannabaum erblickte, mußte er an sein Abentheuer denken.
Der zweite Vorfall wäre bald weit schlimmer abgelaufen.
Ihr werdet euch erinnern, daß William unter den Sachen des Zimmermanns auch eine silberne Uhr gefunden hatte und sie sehr werth hielt. Er zog sie regelmäßig jeden Morgen auf und stellte sie jede Woche einmal um Mittag, wenn die Sonne gerade über seinem Scheitel stand, so daß sie doch ungefähr die richtige Tageszeit anzeigte. Kolbi sah immer sehr aufmerksam zu, wenn er die Uhr aufzog, denn jetzt fürchtete er sich nicht mehr vor dem »lebendigen Dinge,« wie er sie nannte, nachdem ihm William die Zusammensetzung der Uhr, das Ineinandergreifen der Räder u. s. w. gezeigt und ihm die Sache nothdürftig erklärt hatte. Zwar war trotzdem noch immer eine geheime Scheu in dem Wilden vor dem »lebendigen Dinge,« und er sah es oft furchtsam von der Seite an; allein er erschrack nicht mehr davor, wie früher, wenn er es zufällig berührte.
An einem Morgen, wo William über eine andere Beschäftigung vergessen hatte, die Uhr aufzuziehen, kam eine ganz besondere Kühnheit über den armen Kolbi. Nach einigem Zögern nahm er die Uhr, legte sie ans Ohr und steckte den Schlüssel in das Loch, so wie er sie nicht mehr gehen hörte, um sie aufzuziehen. Dies hatte er oft von William gesehen und glaubte es auch zu können. Er drehte und drehte; die Uhr fing an zu zucken und seine Freude war groß; konnte er ja nun doch auch das Ding lebendig machen! Er kam sich zugleich wie ein Held und wie ein großer Künstler vor.
Er drehte also, da die Sache so gut ging, erst langsam, dann immer geschwinder fort, bis es auf einmal im Innern der Uhr knack! sägte und es furchtbar zu schwirren anfing. Ein wahrhaftes Entsetzen ergriff ihn, und er ließ sie in diesem Augenblick auf den Boden fallen. Da sie auf den harten Stein fiel, zerbrach das Glas und sprang in Splittern weit umher.
Einige Augenblicke stand Kolbi wie vom Schlage gerührt. Er glaubte nun doch an Zauberei, und daß irgend ein Geist in der Uhr verborgen sei, der seinen Zorn gegen ihn durch das Schwirren habe kund geben wollen. Wenn ihm dieser Gedanke an sich nun schon eine panische Furcht einflößte, so wurde sie noch durch die Vorstellung von dem Zorne vermehrt, den William wie er meinte, darüber an den Tag legen würde, daß er die Uhr zerbrochen hatte, so daß der arme Wilde keine andere Rettung, als durch eine eilige Flucht sah.
Er schlich sich aus der Hütte, kroch hinter der steinernen Befriedigung des Gartens auf seinem Bauche fort, um von dem im Garten beschäftigten William nicht gesehen zu werden, und fort war er!
Als William mit seiner Arbeit fertig war und in das Haus zurückkehrte, wunderte er sich zwar, Kolbi nicht dort zu finden; allein er hatte doch keine Ahnung davon, wie die Sachen standen, sondern glaubte vielmehr, daß sein Freund vielleicht auf die Jagd oder sonst wohin gegangen sei, um ihm eine angenehme Ueberraschung zu bereiten, wie er oft zu thun gewohnt war. Als aber der Abend herankam und Kolbi noch immer nicht zurückgekehrt war, ja, als es endlich sogar Nacht wurde und Mond und Sterne hell am Himmel standen, da ergriff ihn eine unendliche Angst um den so innig geliebten Genossen und diese trieb ihn aus der Hütte fort, um ihn zu suchen. So lange war Kolbi noch nie weggeblieben: es mußte ihm also irgend ein Unfall begegnet sein!
Er durchstreifte die ganze Umgegend; er rief ohne Aufhören den Namen seines Freundes; keine andere Stimme aber antwortete ihm, als seine eigene, die durch das nahe Echo zurückgeworfen wurde.
Jetzt bemächtigte sich eine wahrhafte Verzweiflung seiner. Er kehrte in die Hütte zurück und sank laut weinend auf sein Lager. Kein Schlaf kam in seine Augen.
Früh, mit dem ersten Strahl des Tages, erhob er sich wieder, um seine Nachforschungen fortzusetzen. Er durchstreifte nicht nur die Umgegend und den nahen Wald von Gummibäumen, sondern wagte sich sogar in Gegenden, die noch nicht von ihnen besucht worden waren, so daß er endlich an das jenseitige Meeresufer gelangte. Obgleich die Sonne ihre sengendsten Strahlen vom Himmel herniedersendete; obgleich er den ganzen Tag nichts genossen hatte, als dann und wann einen Trunk aus der Quelle, so fühlte er in seiner großen Angst doch weder Hunger und Durst, sondern rannte nur immer vorwärts, stets den Namen Kolbi's rufend, bis die Stimme ihm den Dienst versagte und er nicht mehr rufen konnte.
So brach der zweite Abend an und da William zu weit von der Hütte entfernt war, um noch dahin zurückkehren zu können, warf er sich laut weinend unter einem Baume nieder, um, wo möglich, einigen Schlaf zu finden.
Stellt Euch, meine jungen Freunde, die trostlose Lage unseres Williams vor, und Ihr werdet nicht nur seinen Schmerz begreifen, sondern gewiß das innigste Mitleid mit ihm haben. Wenn es schon eine bittere Sache ist, inmitten der menschlichen Gesellschaft einen geliebten Freund zu verlieren, um wie viel härter mußte es nicht sein, den einzigen Genossen einbüßen zu sollen? Und Kolbi war, obschon nur ein Wilder, der beste zärtlichste Freund. Seine Liebe und Hingebung für William kannte keine Grenzen; er war immer nur darauf bedacht, ihm eine Freude zu machen, ihm die Arbeiten zu erleichtern und die größeren Beschwerden abzunehmen. Er besaß das reinste, beste Herz von der Welt und übte, ohne einmal zu wissen, was Tugend sei, die schönsten, erhabensten Tugenden. Er war unfähig zur Lüge und Verstellung, stets wahr, treu, uneigennützig und aufopfernd; an sich selbst dachte er immer zuletzt, desto mehr aber an seinen William, den er gleichsam wie ein höheres Wesen verehrte, weil er fühlte, wie sehr dieser ihm an Verstand, Einsicht und Wissen überlegen sei. Dabei besaß er eine unverwüstlich gute Laune und war immer zu Scherzen und Spässen aufgelegt. Er sang den ganzen Tag bei der Arbeit, hüpfte und sprang wie ein Reh, machte Purzelbäume und die närrischsten Capriolen, so daß er William zugleich auf die angenehmste Weise unterhielt.
Er konnte aber auch wieder ernsthaft sein und sich zusammennehmen, und zwar besonders beim Lernen. William, der Mitleid mit seiner großen Unwissenheit hatte, war nämlich auf den Gedanken gekommen, seinen Kolbi in manchen Dingen zu unterrichten und ihm richtigere Ideen davon beizubringen. Zu den Gegenständen, worin er ihn unterrichtete, gehörte auch das Lesen. Er hatte ja in der Kiste des Zimmermanns zwei Bücher gefunden, und diese konnten ihm sehr gut dazu dienen, seinem Kolbi eine Wissenschaft beizubringen, die mit Recht als die Mutter aller übrigen Wissenschaften angesehen wird. Er zeigte ihm also in dem mit ziemlich großen Lettern gedruckten Gesangbuche erst die Lettern des großen, dann auch die des kleinen A-B-Cs, und lehrte ihn zugleich die Aussprache. Um Kolbi nicht zu ermüden, oder ihm, der das Lernen nicht gewohnt war, gar einen Eckel dagegen einzuflößen, zeigte er ihm jeden Tag nur einen Buchstaben, so daß er in vier und zwanzig Tagen erst das Alphabet kennen lernte. Das aber konnte Kolbi bald so gut, daß er gar nicht mehr fehlte, und jetzt konnte William schon zum Buchstabiren übergehen. Der eben nicht sehr geschmeidigen Zunge fielen aber manche Laute sehr schwer und es war possirlich anzuhören, wie er sich damit abkasteite; besondere Mühe machte es ihm, Worte auszusprechen, in denen mehre stumme Buchstaben hinter einander vorkamen, und die Silben gehörig trennen zu lernen. Indeß überwand sein Eifer und sein Fleiß endlich doch alle Hindernisse. An und für sich machte ihm das Lesenlernen gar kein Vergnügen, weil er noch nicht begriff, wozu es gut sein solle; aber er sah, daß er William durch seinen Fleiß Freude machte, und so unterwarf er sich ihm zu Liebe dieser Anstrengung.
Ich denke, Kinder, daß Ihr den guten Kolbi auch schon lieb gewonnen habt; wie viel mehr mußte William, der täglich und stündlich mit ihm zusammenlebte, ihn nicht lieben! Und jetzt sollte er diesen theuren Freund, seinen einzigen Genossen, vielleicht für immer verlieren! Der Gedanke drückte ihn so zu Boden, daß selbst das heiße, innige Gebet, welches er zu Gott vor dem Einschlafen emporschickte, ihn nicht zu ermuthigen vermochte.
Endlich aber schlief er doch vor übergroßer Ermüdung ein, und war im Traume glücklicher, als er beim Wachen gewesen war: er erblickte seinen geliebten Kolbi, der in der Hütte am Boden saß und Pfeile schnitzte. Dieser Traum erweckte ihn: er erhob sich und schaute verwirrt um sich. Es war noch sehr früh und der Thau lag noch auf den Gräsern und Pflanzen. Wie ward ihm, als er auf diesen die Spuren von Menschentritten wahrnahm! Die Insel war also noch von andern menschlichen Geschöpfen bewohnt? Oder sollte Kolbi?..... Der Gedanke machte, daß er aufsprang und nach allen Seiten um sich blickte. Er verfolgte dann die Fußspuren im Grase, und gelangte, ihnen immer folgend, zu einer Art von Vorgebirge, das in das Meer hinaus lief und fast bis an den Strand hinabging. Er erklomm einen der Hügel desselben und sah nun – wer beschriebe wohl sein Entzücken? – Kolbi, seinen geliebten Kolbi auf einer Felsenklippe sitzen und in das vor ihm liegende blaue Meer hinausschauen. Es konnte kein Anderer als Kolbi sein: er erkannte ihn an der Kleidung, die er ihm endlich, nach langer Weigerung, aufgedrungen hatte; denn der Wilde fand sie zu Anfang – vielleicht auch jetzt noch – eben so unbequem als überflüssig und ließ sich schwer dazu bereden, eine leichte Hose von Leinwand und eine Jacke von demselben Stoffe anzuziehen.
– »Kolbi! Kolbi!« rief William mit lauter, freudig bewegter Stimme und streckte zugleich die Arme gegen ihn aus. Kolbi vernahm sogleich die Laute der ihm so theuern, wohlbekannten Stimme; allein er antwortete nicht wie sonst freudig auf den Zuruf, sondern erhob sich, sah sich nach William um, und ergriff eiligst die Flucht.
– »Was ist das?« fragte sich William, der ihm erschrocken nachstarrte. »Sollte ich ihn vielleicht beleidigt oder gekränkt haben, ohne es zu wissen? War er doch so freundlich und liebevoll gegen mich, als ich ihn das letzte Mal sah?«
Während William diese Betrachtungen anstellte, war er jedoch dem geliebten Flüchtlinge nachgeeilt, und sei es nun, daß er diesmal schneller als Kolbi war; sei es, daß dieser bereits bittere Reue über seine unbedachtsame Flucht empfand, und sich willig einholen ließ; genug, er wurde von dem ihn Verfolgenden am Saume des Waldes glücklich eingeholt.
– »Was ist dir, Kolbi? und weshalb fliehst du vor mir?« fragte ihn William, so wie er ihn erreicht und zum Stehen gebracht hatte.
Statt ihm auf diese Frage zu antworten, warf sich der arme Junge vor ihm auf die Knie nieder, umfaßte seine Füße, als wolle er Verzeihung von ihm erstehen, und vergoß einen Strom von Thränen.
– »Sprich, Kolbi, mein theurer Kolbi, was ist dir?« fragte William, indem er sich zu ihm niederbog und ihn, wiewohl vergebens, aufzuheben suchte, um ihn in seine Arme zu schließen und an sein Herz zu drücken.
Kolbi hatte aber noch immer keine andere Antwort, als Thränen.
– »Ach!« sagte jetzt William mit traurigem Tone; »jetzt begreife ich Dich! Du wolltest mich heimlich verlassen, Kolbi; Du sehntest dich nach deinen Landsleuten, nach deinen frühern Gespielen und wolltest versuchen, zu ihnen über das Meer zurück zu schwimmen? Unsre Einsamkeit war dir lästig geworden und du hattest nicht den Muth, von mir Abschied zu nehmen? Sprich, Kolbi, ist es nicht so?«
– »O nein! nein!« schluchzte Kolbi; »William ist mir der Liebste auf der Welt, lieber als die ganze Welt! Kolbi müßte sterben, wenn er William nicht mehr hätte!«
– »Nun, was war es denn, was Dich zur Flucht antrieb?« fragte William, dessen Verwunderung mit jedem Augenblicke wuchs.
– »Kolbi ist nicht werth, daß William ihn lieb hat,« sagte der arme Junge, indem ein neuer Strom von Thränen ihm über die schwarzen Wangen floß; »Kolbi hat William betrübt, hat das Ding entzwei gemacht; Kolbi ist ein ganz schlechter Mensch geworden und will todt bleiben!«
– »Du hast die Uhr zerbrochen?« fragte William, der wußte, was er unter dem »Dinge« verstand, aufathmend.
– »Ja, die Uhr,« versetzte der arme Wilde, »und der Geist in dem Dinge wurde sehr böse – o, sehr böse! – und er zischte mich an, wie die große gelbe Schlange, wenn man sie mit einem Stecken schlägt. Kolbi war so erschrocken darüber, daß er das Ding fallen ließ und es zerbrach; o, Kolbi war sehr böse!«
– »Gott sei gedankt, daß es nichts weiter ist!« rief William erfreut aus. »Zwar war mir die Uhr sehr werth, indem sie mich an ihren frühern Besitzer erinnerte, der ein gar braver Mann war; allein tausend solcher Uhren, und noch weit mehr gäbe ich freudig um dich hin, mein Kolbi! Tröste und beruhige dich daher: ich bin gar nicht böse, nicht einmal betrübt; habe ich doch dich wieder, meinen guten, guten Kolbi!« Er breitete ihm bei diesen Worten die Arme entgegen, in die Kolbi laut schluchzend sank. Der Friede war jetzt wieder zwischen den Freunden geschlossen und Arm in Arm traten unsere Beiden den Rückweg zur Hütte an.
Auf dem Wege erzählte Kolbi, daß William ihm oft ganz nahe gewesen sei und er seinen Ruf deutlich vernommen, dann aber aus Furcht vor ihm die höchsten Bäume erklommen habe, auf denen William ihn nicht gesucht. Dies war auch der Fall an dem Abende gewesen, wo William, vom langen Umherstreifen gänzlich ermattet, sich unter dem Eucalyptus zum Schlafen niedergelegt. Sobald Kolbi, der sich keine hundert Schritte von ihm befand, ihn eingeschlafen sah, hatte er sich vorsichtig näher geschlichen und sich, beschützt von der Dunkelheit, neben ihm niedergelegt. Mit Anbruch des Tages hatte er ihn aber verlassen, um seine Flucht fortzusetzen; »denn,« fügte er mit traurigem Tone hinzu, »ich wollte dir nicht wieder vor Augen treten und in der Einsamkeit vor Hunger und Kummer umkommen.«
Unter solchen Gesprächen waren sie endlich wieder bei der Hütte angelangt, die sie in ihrem vorigem Stande fanden; nur der arme Dingo und die Vögel hatten große Noth gelitten, da ihnen Speise und Trank während der Abwesenheit der Freunde ausgegangen waren, und sie sich beides nicht hatten verschaffen können, weil William sie während der Nacht einzusperren gewohnt war und vergessen hatte, sie bei seinem Weggehen aus ihrem Kerker zu befreien.
– »Gieb Futter! Gieb Futter!« rief der große Königspapagei unaufhörlich: denn diese Worte hatte William ihn gelehrt und so oft er Futter haben wollte, rief er sie; der Dingo aber heulte erbärmlich, so daß die Freunde nichts Eiligeres zu thun hatten, als die armen Gefangenen zu befreien und ihnen Speise und Trank zu reichen. Der Dingo lief sogleich an den Bach, um seinen gewiß sehr peinigenden Durst zu löschen, und Kolbi folgte ihm mit dem Lederbeutel dahin, um Wasser für die Vögel zu schöpfen, die indeß von William mit den für sie eingesammelten Körnern und Früchten gespeiset wurden. Auch für Waldmann waren noch einige Knochen da, über die er sich begierig hermachte, und so war der großen Noth der armen Thiere abgeholfen.
Schon auf dem Wege zur Hütte hatte Kolbi sich oft nach dem Himmel umgesehen. Jetzt, als man die Thiere versorgt hatte, that er es nochmals und sagte dann zu William:
– »Böse Zeit! Böse Zeit!«
Dieser wußte nicht, was die Worte zu bedeuten haben sollten und sah neugierig bald Kolbi, bald den Himmel an. Letzterer hatte sich mit noch leichten Wölkchen bedeckt, die sich aber bald zusammenzogen und wie ungeheure Berge am fernsten Rande des Horizontes aufthürmten.
Kolbi, der aus Erfahrung wußte, daß diese Erscheinung den nahen Ausbruch von Sturm, Regen und Gewitter bedeute, lief zu der Stelle, wo die ihnen so nothwendigen Pataten in Menge wuchsen, grub so viele davon aus, als ihm möglich war, und lud William, der ihm erstaunt zusah, mit den Worten:
– »Böse Zeit kommt! Pataten sammeln! Nicht zögern, Pataten in die Hütte zu bringen!« zur Theilnahme an seinem Geschäfte ein.
William begriff jetzt, was er mit seinem: »Böse Zeit! Böse Zeit!« sagen wollte, und war ihm eifrig bei seiner Beschäftigung behülflich. Sie mußten sich in der That sputen: immer dichter zogen sich die Wolken zusammen, immer dunkler wurde der Himmel und schon hörte man das ferne Rollen des Donners; dabei hatte sich ein Wind erhoben, der in einzelnen Stößen zwar nur noch, doch die Luft heftig erschütterte. Obgleich man über eine halbe Stunde vom Meere entfernt war, hörte man es doch »rohren,« wie die Seeleute das hohle Brausen des Meeres, welches großen Stürmen und Gewittern voranzugehen pflegt, zu nennen pflegen. Kolbi, der immer in der freien Natur und in der Nähe des Meeres gelebt hatte, war ein scharfer und unfehlbarer Beobachter in allen Dingen der Art geworden und seine Prophezeihungen trafen immer richtig ein.
Die Richtigkeit seiner Voraussage sollte sich auch diesmal bewähren: immer stärker und hohler braußte das Meer; immer heftiger und anhaltender wurden die Windstöße; immer schwärzer überzog sich der Himmel: immer stärker wurde das Rollen des Donners, das bald zu einem furchtbaren Krachen und Prasseln wurde, dem zackige Blitze jedesmal vorangingen, und nicht lange, so fielen große, schwere Regentropfen vom Himmel nieder. Es war ein Glück für unsre Freunde, daß Kolbi die Naturerscheinungen so genau kannte; denn sehr schlimm würde es für sie gewesen sein, wenn sie sich nicht gehörig mit Vorräthen versehen hätten. Während des Unwetters Pataten aus der Erde zu graben, sie in die Hütte zu bringen, das wäre völlig unmöglich gewesen. Der Regen ergoß sich nicht etwa wie bei uns, sondern beständig, wie ein heftiger Platzregen, der alle Niederungen schon nach wenigen Stunden in Sümpfe und Pfützen verwandelt hatte. Der sonst so sanft und ruhig dahinfließende Bach war bald zu einem reißenden Strome geworden und überschwemmte, aus seinen Ufern getreten, die umliegenden Gegenden. Er erhielt immer neue Nahrung von den kleineren Bergquellen, die sich in ihn ergossen und die ganze Niederung, das ganze früher so lachende Thal wurde in einen einzigen großen See verwandelt.
Dabei rollte der Donner fortwährend in den Lüften; zackige Blitze durchzuckten die dunklen Wolkenmassen und fuhren bald in diesen, bald in jenen Baum, dessen Spitzen sie abbrachen oder den sie gänzlich niederstürzten, so daß er krachend zu Boden fiel.
Die Gewitter halten in diesen Gegenden nicht, wie bei uns nur einige Stunden, sondern fast immer mehrere Tage an, auch sind sie weit furchtbarer. Die ganze Natur scheint bei ihnen in Aufruhr zu sein und Alles tritt aus seiner gewohnten Ordnung.
Da es das erste Gewitter der Art war, welches William erlebte, erschreckte es ihn zu Anfang nicht wenig; bald aber gewöhnte er sich auch daran, und jetzt gewährte ihm das wirklich großartige Schauspiel sogar Genuß.
Die Hütte legte bei diesem Unwetter ihr Probestück ab und lobte ihre Baumeister. Obschon nur von Brettern aufgebaut und mit Brettern gedeckt, trotzte sie doch den sich vom Himmel herabstürzenden Fluthen und ließ auch nicht einen Tropfen Wasser durch, so daß sie Menschen und Thieren den vollkommensten Schutz gewährte. Die letztern bezeigten sich furchtsamer als Kolbi, der auch nicht die geringste Aengstlichkeit verrieth. Er verrichtete alle ihm obliegende Geschäfte so ruhig, als wäre kein Aufruhr in der Natur gewesen; dagegen heulte der Dingo fast unaufhörlich und die Papageien schrieen ganz erbärmlich, indem sie zugleich mit den Flügeln schlugen, als wollten sie den Regen, von dem sie doch nicht getroffen wurden, abschütteln.
William, der jetzt wieder ganz ruhig und gefaßt geworden war, dachte daran, diese schlimme Zeit zu einer Arbeit zu benützen, die eigentlich schon längst hätte beschafft werden müssen, aber immer aufgehoben worden war, weil es draußen nothwendigere Dinge zu thun gab. Der Mangel an Gefäßen, worin man etwas aufbewahren, namentlich, worin man einen Vorrath von Wasser sammeln konnte, war unsern beiden Einsiedlern schon lange empfindlich gewesen, und jetzt, wo man doch nichts anderes beginnen konnte, sollte endlich demselben abgeholfen werden.
Man besaß noch einige Holzblöcke, die vermuthlich die Trümmer von dem großen Maste des gestrandeten Schiffs, auf dem William gereist war, oder eines andern Schiffes waren. Man hatte sie an einem Tage, wo man das Meer besuchte – und dies geschah fast täglich, da man ämsig nach einem rettenden Schiffe umherspähte – am Strande gefunden und sie, ihrer Nützlichkeit wegen, in die Hütte gebracht. Dies war freilich, bei ihrer Größe und Schwere, eine mühselige Arbeit gewesen, bei der unsre Beiden manchen Schweißtropfen vergießen mußten; aber sie scheuten solche Anstrengungen nicht, und so war ihnen das saure Werk gelungen. William forderte Kolbi auf, ihm behülflich zu sein; man legte die Holzstücke auf eine Art von Stellage und schnitt dann mit der Säge Stücke von 1 Fuß oder 1½ Fuß Länge davon. Da sie von einem Maste abstammten, hatten sie von selbst eine runde Form; man hatte also nur nöthig, sie sorgfältig auszuhöhlen, was man vermittelst eines Meissels mit nicht allzugroßer Mühe that. Freilich war auch diese Arbeit keine leichte und ein Drechsler würde in wenigen Minuten vielleicht zu Stande gebracht haben, wozu sie bei dem angestrengtesten Fleiße einen ganzen Tag bedurften; aber dies schreckte sie nicht, und drei bis vier hübsche Gefäße wurden fertig, wovon eines sogleich zum Trinktrog für die Thiere bestimmt wurde.
Außerdem verfertigte Kolbi, der sich darauf verstand, noch einige allerliebste Körbe von einem sehr starken Grase, das auf den Inseln Australiens gefunden und von den Europäern neuseeländischer Flachs genannt wird. Die Fasern dieses Grases sind so stark und biegsam, daß man angefangen hat, Anker- und andere Schiffstaue davon zu machen, die an Haltbarkeit bei weitem die von Hanf gemachten übertreffen sollen.
Von diesem trefflichen Grase hatte Kolbi schon vor einiger Zeit eine gute Portion neben der Hütte aufgehäuft, weil man schon lange mit der Idee umgegangen war, Körbe und Körbchen davon zu flechten.
Während nun William den Drechsler spielte, machte sich Kolbi an die Körbe, und er gab seinem Freunde Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu bewundern. Mit unglaublicher Schnelle machte er das artigste Körbchen von der Welt fertig, und es fehlte ihm sogar nicht einmal an Zierlichkeit und angenehmer Form. Er verstand runde und längliche zu machen und versah jedes Körbchen mit so festen Henkeln, daß man ihm etwas anvertrauen konnte, ohne fürchten zu müssen, daß der Inhalt auf die Erde fiele.
So verstrich denn auch diese Zeit, die sonst so trüb und unangenehm für sie gewesen sein würde, auf eine wirklich angenehme Weise, indem sie während derselben sich unausgesetzt einer lohnenden, nützlichen Thätigkeit befleißigten. Ja, das Unwetter hätte noch weit länger dauern können, ohne ihnen lästig zu fallen, um so mehr, da ihr Vorrath an Pataten noch immer ausreichte, Dank sei es der Fürsorge Kolbi's.
Endlich schien die bisher sich so empört gezeigt habende Natur in ihr früheres Geleis zurücktreten zu wollen, nachdem das Unwetter etwa acht Tage angehalten hatte. Eine ordentliche Regenzeit, die fünf bis sechs Wochen zu dauern pflegt, wie man sie in andern tropischen Ländern[3] zu finden gewohnt ist, giebt es in Australien nicht. Die Stelle derselben vertreten ziemlich starke und länger als bei uns anhaltende Gewitter und Regengüsse, die aber die Natur außerordentlich erfrischen und den Pflanzenwuchs befördern.
[3]: Tropische Länder nennt man solche, die zwischen den Wendekreisen liegen.
Das Gewitter hatte schon längere Zeit aufgehört; der Sturm legte sich nach und nach, auch der Regen fiel nicht mehr in Strömen, sondern bereits in kleineren Tropfen. Am Abende des achten Tages regnete es noch etwas, als man aber am Morgen des neunten erwachte, lachte die Sonne hell vom heitersten Himmel herab.
Unsere Freunde konnten jetzt wenigstens aus der Hütte in's Freie hinaustreten, wenn sich gleich noch nicht in das gänzlich überschwemmte Thal wagen. Ihr erster Gang war in den Garten, um nach ihren lieben Pflanzen und Pflänzchen zu sehen.
Hätten sie den Garten unten im Thale angelegt, so würde es vermuthlich übel um die jungen Orangen- und Melonenpflanzen ausgesehen haben; aber zum Glück lag er an einem Abhange des Hügels, auf dem die Hütte stand, und so hatten ihre kleinen Anlagen nicht den mindesten Schaden gelitten. Im Gegentheil, es war bewunderungswürdig, wie sie gewachsen waren, seit man sie zuletzt gesehen. Die Orangen hatten schon allerliebste Blättchen und die Melonen fingen bereits an, sich auf dem Boden auszubreiten.
Williams Freude bei diesem Anblick könnt Ihr Euch vorstellen, meine geliebten Kinder. Der Eine oder Andere von Euch besitzt gewiß auch ein Gärtchen oder doch ein Beet, worauf er säen, pflanzen und wirthschaften kann und wird in diesem Falle mitempfinden können, was unser William empfand, als er Alles so weit gediehen erblickte. Mir ist es wenigstens als Kind oft so ergangen, daß ich Abends vor Ungeduld kaum einschlafen konnte, wenn irgend eine schöne Blume auf meinem Beete sich zu entfalten, ihren farbigen Kelch dem Lichte zu öffnen im Begriff war; und früh, wenn kaum der junge Morgen sich im Osten zeigte, wenn noch die glänzenden Thauperlen an den Spitzen der Gräser hingen, war ich schon wieder im Garten und stand entzückt vor meiner lieben, lieben Blume. Dieser Freude an der Natur und dem, was sie hervorbringt, habe ich vielleicht meiner Gewohnheit, früh aufzustehen, zu verdanken, für die ich Gott nicht genug danken kann. Die Natur ist am Morgen am schönsten, der Mensch selbst am frischesten und am besten zur Thätigkeit aufgelegt. Dies habe ich erkannt und mich daher bei der guten Gewohnheit erhalten. Die meisten von den vielen Büchern, die Euch und andern gute Kinder schon erfreut haben, sind in solchen Stunden geschrieben worden, in denen der gern spät aufstehende Großstädter sich noch im warmen Bette dreht. Macht es so wie ich, und Ihr werdet, meine Geliebten, viele Zeit, ein gutes Wohlbefinden, Kraft und Munterkeit dadurch gewinnen.
William konnte sich nicht satt sehen an seinen Pflänzchen und auch Kolbi stimmte in seine Freude ein, obgleich er noch keinen Begriff davon hatte, welche köstliche Früchte sowohl die Melonen, als die Orangen zu tragen bestimmt waren. Die Früchte der erstern sollte er jedoch bald kennen lernen; denn die Pflanzen wuchsen, daß man hätte glauben sollen, sie wachsen zu sehen.
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Man kann sich keinen Begriff davon machen, wie angenehm die Luft, wie erfrischt Alles nach diesem anhaltenden Regen und nach der Entladung der Luft durch das Gewitter von allen in ihr angehäuften Unreinigkeiten war. Alle Pflanzen glänzten, dufteten und standen kräftiger. Es dauerte auch nicht gar lange, so hatte der Boden das überflüssige Wasser eingesogen und unsre Beiden konnten sich wieder in das Thal hinabwagen, wo der schöne Bach seine gewöhnlichen Ufer wieder gefunden hatte.
Unsre Einsiedler konnten jetzt auch wieder ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen und sich durch die Jagd einen leckern Braten verschaffen; ja, wie der Mensch ungenügsam von Natur ist, William bezeigte sogar ein Gelüste nach Fischen, so daß er darauf dachte, von dem zähen neuseeländischen Flachse ein Netz zu machen, in dem er am Meere die harmlosen Bewohner der kühlen Fluth zu fangen gedachte. Er hatte aber die Rechnung ohne den Wirth gemacht: hart am Strande waren keine Fische und an einem Kahne fehlte es ihnen, weil William nicht die Vorsicht gebraucht hatte, das Canot, auf dem Kolbi hergekommen, gehörig zu befestigen: die nächste etwas hochgehende See hatte es also mit sich fortgerissen.
Indessen verzweifelten unsre Freunde keineswegs daran, auch noch ein Canot herzustellen; sie trauten sich, im Besitze ihrer Geräthschaften, schon immer mehr und mehr zu, besonders da sie mit jedem Tage geschickter in der Handhabung derselben wurden. Ein Baumstamm konnte vermittelst der Säge und der Axt in wenigen Tagen gefällt werden und das Aushöhlen desselben durch darin angezündetes Feuer verstand Kolbi sehr gut. Es wurde also beschlossen, schon in den nächsten Tagen zum Werke zu schreiten und es kam nur noch darauf an, einen passenden Baum zu finden.
Dieser Plan, der gewiß von ihnen ausgeführt worden wäre, sollte aber durch ein schreckliches Ereigniß, das sich mit ihnen zutrug, zu Wasser werden.
An einem Morgen, als sie aus dem Schlafe erwachten und sich eben anschicken wollten, ihr Frühstück zu bereiten, kam der Dingo, welcher bereits die Hütte verlassen hatte, mit einem kläglichen Geheul angerennt und zu ihrem nicht geringen Entsetzen sahen sie, daß in seinem Fell ein Pfeil hing. Das arme Thier schüttelte sich, um die ihn auf den Tod verwundende Waffe los zu werden, aber es war vergeblich! der Pfeil stack fest, und winselnd kroch er, seine Gebieter mit dem der Wunde entquillendem Blute bespritzend, zu ihnen heran. Kolbi war sogleich bereit, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen, um seine Qual zu enden; allein der arme Waldmann war auf den Tod getroffen, und schon nach wenigen Augenblicken verendete er zu den Füßen unserer erschrockenen Colonisten.
Dies war, da man das gute Thier sehr lieb gewonnen hatte, freilich schon an und für sich ein trauriges Ereigniß und sie konnten sich nicht enthalten, ihrem treuen und zuthunlichen Genossen eine Thräne nachzuweinen; allein die Sache hatte eine noch weit schlimmere Seite; es mußte eine Menschenhand, die eines Wilden gewesen sein, die den Pfeil auf den Dingo abgeschossen hatte; denn Europäer würden das Thier mit andern Waffen erlegt haben.
Dieser Gedanke drängte sich Beiden zugleich auf, und die größte Furcht bemächtigte sich ihrer. Was sollte aus ihnen werden, wenn Wilde an der Insel gelandet wären und sie vielleicht durchstreiften? Ihr Schicksal war nicht zweifelhaft, wenn sie diesen in die Hände fielen: man würde sie ergreifen, tödten und verzehren.
Nachdem sich ihr Schmerz über den Tod des treuen Thieres etwas gelegt hatte, waren sie auf ihre eigene Sicherheit bedacht, und Kolbi, der behender als William war, schlug vor, daß er den höchsten Baum des nächsten Hügels erklimmen wolle, um von diesem hohen Standpunkte aus die Insel zu überschauen, während William am Fuße desselben auf seine Berichte wartete. Gesagt, gethan! Schnell wie ein Eichhörnchen erklomm Kolbi den hohen Eukalyptus, aber weit schneller noch, als er hinaufgeklettert war, kam er, ohne ein Wort gesprochen zu haben, wieder herab, ergriff Williams Hand und rief ihm mit dem Tone des Entsetzens zu:
– »Fort! Fort! sie kommen!«
William folgte ihm wie betäubt; doch verlor er selbst in diesem furchtbaren Augenblicke seine Besinnung und Besonnenheit nicht. Er bat Kolbi, ihm zur Hütte zu folgen und hier angelangt, bepackte er ihn und sich selbst mit ihren besten, unentbehrlichsten Geräthschaften, wozu auch die von Kolbi verfertigten Waffen gehörten, und dann erst ergriffen Beide die Flucht.
»Wohin aber?« fragte man sich. Die Insel war, wie sie jetzt wußten, nur von geringem Umfange und bot nirgends einen sichern Versteck dar, sie hätten einen solchen dann in den höchsten Gipfeln der Bäume des nahen Waldes suchen müssen. Zwar dachte man an die Ameisenhöhle, wie man die Höhle neben der Hütte nach dem Besuche der lästigen Thierchen nannte; allein man verwarf diesen Gedanken sogleich wieder, da sie zu nahe bei der Hütte lag. Es stand mit Recht zu vermuthen, daß die Wilden, so wie sie die Hütte entdeckten, auf Menschen schließen würden, die sie erbaut und bewohnt hätten, und in diesem Falle würde man sie in der nahe gelegenen Höhle zuerst suchen. Schon auf dem Wege in den Wald kam William noch ein guter Gedanke und er theilte ihn Kolbi mit: man wollte die Hütte durch Niederreißen zerstören, um den Wilden Glauben zu machen, daß sie bereits seit längerer Zeit von ihren Bewohnern verlassen worden sei. Man kehrte also, so dringend auch die Gefahr bereits war, nochmals zur Hütte zurück, bediente sich der Axt, die das Dach tragende Pfähle umzuhauen, und sah schon nach einer kurzen Frist in Trümmer zusammensinken, was man mit so großer Mühe und Anstrengung aufgebaut hatte.
Jetzt erst dachte man an eilige Flucht. Es war aber auch die höchste Zeit, denn kaum hatte man den schützenden Wald erreicht und sich hinter dichtem Gebüsch verborgen, so sah man die Wilden in dicken Schaaren über den Hügel herabkommen, an dessen Abhange die kleine Besitzung lag. Unsere Beiden waren noch so nahe, daß sie deutlich Alles unterscheiden und sogar den Ruf einzelner Stimmen vernehmen konnten.
Bald drängte sich Alles auf einer Stelle zusammen und bildete einen dichten Menschenknäuel: ohne Zweifel hatte man die Trümmer der Hütte entdeckt und war verwundert, in dieser Einöde die Reste einer menschlichen Wohnung zu finden. Bald sah man auch einzelne Wilde die Spitze des Hügels erklimmen und sich sorgfältig nach allen Seiten umsehen, als suche man Etwas; allein zum Glücke waren unsre Beiden gut versteckt durch das dichte Gebüsch, und die Späher kehrten zu den Uebrigen zurück, ohne Etwas entdeckt zu haben.
Man durfte aber nicht in dieser Nähe weilen, weil es den Wilden jeden Augenblick einfallen konnte, in das Gebüsch zu dringen und es zu durchsuchen. Unsre Flüchtlinge setzten daher, so eilig sie konnten, ihren Weg weiter fort und drangen immer tiefer in das Gehölz ein. Aber bald waren sie auch hier nicht mehr sicher, denn schon vernahm ihr Ohr am Eingange des Waldes verwirrte Stimmen, und so wälzte sich der Schwarm, aller Wahrscheinlichkeit nach, hieher. Ihre Angst erreichte den höchsten Gipfel und sie wußten nicht, wohin ihre Zuflucht nehmen; da sahen sie in einer geringen Entfernung einen Koala oder australischen Bären aus einem dichten Gewinde von Rankengewächsen hervorkriechen, und daraus schließend, daß er dort seine Höhle haben werde, eilten sie auf die Stelle zu. Sie sahen sich in dieser Erwartung nicht getäuscht, und fanden unter dem Gesträuche einen in die Erde hinabgehenden Eingang, der zwar nicht breiter war, als daß sie auf dem Bauche kriechend, in die Höhle des Bären gelangen konnten, ihnen aber für den Fall der Noth doch einige Sicherheit gewährte.
Schnell machten sie sich daran, mit der Axt und ihren Händen, die die Stelle einer Schaufel vertreten mußten, den Eingang zu erweitern, wobei sie sich wohl hüteten, die aufgeworfene Erde umherzustreuen, denn das würde den Wilden ihren Zufluchtsort verrathen haben; sie warfen sie vielmehr zwischen die Ranken und vertilgten mit großer Sorgfalt jede Spur ihrer mühsamen Arbeit.
Diese wurde über alle Erwartung belohnt; denn kaum hatten sie die Oeffnung einige Fuß tief erweitert, so dehnte sich die Höhle aus und wurde endlich so breit und geräumig, daß sie, wenn auch nicht aufrecht darin stehen, doch darin sitzen konnten.
Ein Knurren und Brummen ganz in ihrer Nähe verrieth ihnen, daß die Höhle noch außer ihnen von einem andern Geschöpfe bewohnt sei, wahrscheinlich von einem weiblichen Koala, das hier seine Jungen säugte. Eine solche Nähe konnte ihnen, obgleich sie sich nicht vor dem harmlosen Thiere fürchteten, nicht angenehm sein, schon des üblen Geruchs wegen, den diese Geschöpfe verbreiteten, und so mußten sie sich entschließen, den eigentlichen Besitzer der Höhle aus derselben zu vertreiben, was ihnen nach einigen derben Püffen, die sie dem armen Thiere versetzten, gelang. Knurrend und brummend nahm es, seine Jungen mit sich führend, seinen Abschied und unsre Beiden sahen sich im ruhigen Besitze des usurpirten Zufluchtsorts. Diese Besitznahme war im Grunde eine Ungerechtigkeit; aber die dringende Gefahr konnte ihnen zur Entschuldigung gereichen.
Hier saßen nun unsre Beiden in der tiefsten Finsterniß im Schooße der Erde; ihnen fehlte Alles und doch hatten sie Gott zu preisen, daß er ihnen einen solchen Zufluchtsort gezeigt hatte, der ihnen wenigstens die Hoffnung ließ, ihr Leben zu bewahren. Hand in Hand saßen William und Kolbi da und waren so niedergedrückt, daß sie kein Wort zu reden wagten.
Nicht lange sollte ihre Ruhe dauern. Kaum waren sie eine halbe Stunde in der Höhle gewesen, so drang ein Ton verwirrter Stimmen, das dem Summen eines Bienenschwarmes glich, zu ihren Ohren und sie schlossen daraus, daß die Wilden sich ihrem Zufluchtsorte genähert hätten. In dieser Voraussetzung irrten sie sich nicht: die Wilden hatten wirklich den kühleren Wald zu ihrem Aufenthaltsorte ausersehen und waren zu der Insel gekommen, um hier ein großes Fest zu feiern.
Ihr bisheriger Häuptling war nämlich im Kriege gefallen, und sie wollten einen neuen erwählen, bei welcher Gelegenheit stets große Festlichkeiten von ihnen veranstaltet werden. Zu solchen gehörten vor allen Dingen Schmausereien – macht man es doch bei solchen Gelegenheiten im civilisirten Europa nicht besser! – und da ihnen bekannt sein mochte, daß die Insel sehr viel Wildpret hege, waren sie herübergeschifft, um hier ihre Gastmähler zu halten.
Lautes Rufen, Geschrei, Gesang sogar, ließen sich bald ganz in der Nähe vernehmen, und Kolbi, der kühner als sein Freund, auf dem Bauche bis zum Eingange der Höhle vorgekrochen war, sah, vom Gestrüpp und den Rankengewächsen verdeckt, daß man viel trockenes Holz herbeischleppte, um ein großes Feuer anzuzünden. Alles war überhaupt beschäftigt. Einige Wilde trugen Erde und Laub zusammen, woraus sie einen Hügel machten, vermuthlich zum Sitze für den neu zu erwählenden Häuptling; andere schärften ihre Waffen und die Weiber und Kinder trugen Laub und Blumen herbei, aus denen sie Kränze winden wollten.
Unter einem hohen Baume und mit dem Rücken gegen den Stamm desselben gelehnt, saß aber ein Greis, den Kolbi auf den ersten Blick für den Zauberer erkannte, denn so nennen die Wilden ihre Priester. Er war zwar, wie die übrigen Wilden, bis auf ein Schurzfell, welches er um den Leib gebunden hatte, völlig nackt; allein um seinen Hals hatte er ein Gewinde von todten Schlangen, das ihm ein abschreckendes Ansehen gab, und in der Hand trug er ein großes steinernes Messer.
Dieses Messers bedienen sich die Priester, um den jungen Mädchen die beiden ersten Gelenke des kleinen Fingers an der linken Hand abzuhauen; denn wie die Europäerinnen ihre Ohren durchbohren lassen, um Ringe hineinzuhängen, was gleichfalls eine sehr lächerliche Mode ist, so verstümmeln die Wilden ihre Hand und glauben sich dadurch recht schön zu machen.
Dem Zauberer oder Priester näherte sich Alles mit der größten Ehrfurcht, und Keiner würde es gewagt haben, ihm den Rücken zuzukehren.
Während die Männer sich zur Jagd anschickten, sammelten die Weiber die Wurzeln von einer Art von Farrenkraut, die ihnen zur Speise dienen. Sie zerklopften sie mit Steinen und rösteten sie am Feuer; diese nicht eben wohlschmeckende Speise nannten sie Uga-Due. Noch Andere sammelten von einem Gummibaum ein grünes Gummi, das sie Kudi nannten. Es vertritt, da es einen scharfen Geschmack hat, die Stelle des Branntweins bei ihnen und sie kauen es beständig. Auch Pataten, von den Wilden Kumara genannt, sammelten sie in Menge zu dem vorhabenden Gastmahle ein. Zu diesen Vegetabilien lieferten die Männer bald Fleischspeisen. Sie schossen mit ihren Pfeilen eine Menge Kukupas (wilde Tauben), einen Dingo, einige Stachelschweine, fliegende Füchse und endlich gar ein Kängeruh, worüber sich ein großes Freudengeschrei erhob, als die glücklichen Jäger damit angeschleppt kamen.
Als William sah, daß sein Freund Kolbi in seinem sichern Verstecke unbemerkt blieb, trieb ihn die Neugierde, auf seinem Bauche auch aus der Höhle hervorzukriechen, um den Treiben der Wilden zuzusehen.
Er sah, daß dieser Menschenschlag fast ganz so schwarz, wie sein Kolbi war; nur hatte dieser letztere eine etwas angenehmere Gesichtsbildung und sah vor allen Dingen freundlicher aus. Sie hatten einen kleinen, aber sehr regelmäßigen Wuchs, ein etwas breites Gesicht, das bei den Männern sehr bärtig war; eine stumpfe Nase, durch deren Scheidewand sie kleine Knochen- oder Rohrstücke gezogen hatten, was sie sehr verunstaltete; dicke Lippen, sehr weiße Zähne, schwarze, tiefliegende Augen und sehr buschige Augenbraunen. Auf dem Kopfe trugen sie ein kleines Netz von Opossum-Haaren, das ihnen fast die Augen verdeckte, so daß sie es zurückschlagen mußten, wenn sie etwas genauer sehen wollten. Die meisten hatten eine feuerfarbene Binde, woran ein kleines Schurzfell hing, um den Leib geschlungen und ihre Haut war so glänzend, wie polirtes Ebenholz. Wie Kolbi seinem Freunde schon früher erzählt hatte, reiben sie sich den Körper mit Fischöhl ein, wichsen sich also gleichsam, wie wir unsere Schuhe und Stiefel. Lange konnte William nicht begreifen, womit sie sich den Kopf geschmückt hatten, der einige Aehnlichkeit mit dem eines Stachelschweins durch einen höchst seltsamen Aufputz hatte, bis Kolbi ihm erklärte, daß seine Landsleute sich das Haar mit einer Art von Gummi zusammenklebten und es dann mit Fischgräten und Vogelknochen besteckten. Viele von den Wilden waren vom Kopfe bis auf die Füße tätowirt, d. h. mit weißer und rother Farbe bemalt; Kolbi erklärte ihm, daß sie sich mit der rothen bemalten, wenn es in den Kampf gehen sollte, mit der weißen aber, wenn zum Tanze. Sehr häßlich machten sie die breiten weißen Ringe, die sie sich unter den Augen von einer weißen, unserer Kreide ähnlichen Erde gemacht hatten. Allen Männern fehlte ein Vorderzahn, den man ihnen unter großen Ceremonien ausreißt, so wie sie in das Jünglingsalter treten. Ihr Haar ist übrigens nicht kurz, kraus und wollig, wie das der Neger, sondern vielmehr glatt, lang und sehr schwarz; es könnte eine Zierde an ihnen sein, wenn sie es nicht à la Stachelschwein frisirten.
Alle ohne Ausnahme waren bewaffnet, selbst die Knaben trugen eine Art von Wurfspieß; Andere hatten eine Keule, die sie Waddis nannten oder Stangen (Womerra), Schilde, Lanzen, Bogen und Pfeile, steinerne Aexte u. s. w. Diese Waffen sind reich mit ausgeschnitzten Figuren verziert, die oft nicht ohne Anmuth sind. Sie führen immer Feuer mit sich, weil sie es, des vielen unverbrennbaren Holzes wegen, schwer anmachen.
Ihre musikalischen Instrumente, worauf sie aber wirkliche Töne hervorbrachten, bestanden in einer Art von Rohrflöte oder vielmehr Pfeife, die sie aber nicht mit dem Munde, sondern mit den Naslöchern spielten, was sich seltsam genug annahm. Andere Musikanten hatten plumpe Leyern mit drei Saiten und noch andere Muscheln, die man See-Trompeten nennt und worauf sie Töne hervorbrachten, als sei das jüngste Gericht gekommen. Vom Tacte, von einer Melodie scheinen sie keinen Begriff zu haben; Jeder blies, was ihm einfiel, und dies gab die köstlichste Katzenmusik von der Welt. Dies Alles würde unserm William, für den es völlig neu war, sehr belustigt haben, wenn er nicht für sein Leben hätte fürchten müssen. Die bisher heitre Sonne verwandelte sich aber bald in eine sehr tragische. Ein Knabe, der vielleicht dreizehn bis vierzehn Jahre alt sein mochte, kam jubelnd mit einem Opossum angeschleppt, das er erlegt hatte. Dies ist ein Thier von der Größe eines Fuchses, hat aber in seinem Wesen viel vom Eichhörnchen; auch nährt es sich nur von Pflanzenkost. Wenn es schläft, rollt es sich wie eine Kugel zusammen; wenn es wacht oder frißt, setzt es sich auf die Hinterfüße, legt den Schwanz auf den Rücken und hält seine Speise mit den Vorderfüßen, wie ein Affe. Es hat auf dem Rücken lange braune Haare, die nach dem Bauche zu in's Gelbliche fallen. Wird es verfolgt, so stößt es ein rauhes Geschrei aus. Die Augen sind groß und klug, die Schnauze ist sehr spitz. Will es auf den Bäumen von einem Zweige zum andern springen, so wickelt es seinen langen Rollschwanz um einen Ast und springt dann mit dem übrigen Theile seines Körpers. Das Opossum gehört zu den Beutelthieren, wovon es so verschiedene Arten in Australien giebt.
Kaum hatten die Wilden den armen Knaben mit seiner Beute erblickt, so sprangen alle, welche bisher am Boden gelagert gewesen waren, mit dem Geschrei:
»Tapu! Tapu!«
auf, schwangen ihre Waffen und umringten den zitternden Knaben, der erschrocken seine Beute hatte fallen lassen und vor Schrecken am ganzen Leibe zitterte. Der Zauberer oder Priester, welcher bisher unbeweglich, einer Statue gleich, unter seinem Baume gesessen hatte, erhob sich jetzt auch; seine Augen funkelten vor Zorn und drohend schwang er sein großes steinernes Messer über seinem Haupte. Alles machte dem Zornigen ehrerbietig Platz, so daß er sich ungehindert dem armen Knaben nähern konnte, der vor Angst auf seine Knie niedergesunken war und seine Arme kreuzweis über die Brust gelegt hatte. Als der Priester bei ihm angelangt war, murmelte er einige unverständliche Worte, die wie das ferne Rollen eines Donners klangen, und senkte dann sein großes Messer tief in die Brust des armen Schlachtopfers, das sogleich umsank und aus dessen Leibe ein dicker Strom von Blut hervorquoll.
Entsetzen ergriff William bei diesem Anblick, während Kolbi so ruhig zusah, als wäre gar nichts geschehen, und nahe war ersterer daran, einen lauten Schrei auszustoßen; er hielt ihn aber zum Glück zurück, denn er würde sie den Wilden verrathen haben und dann wäre ihr Loos gewiß kein besseres gewesen, als das des armen Knaben.
Dieser wälzte sich noch einige Augenblicke in seinem eigenen Blute am Boden, dann wurde er plötzlich still. Das arme Opfer des Aberglaubens hatte ausgelitten: es war todt.
Mit der Freude und dem Feste der Wilden war es jetzt augenscheinlich aus. Man nahm die Waffen auf; man warf Blumen und Kränze zur Erde; die lärmende Musik verstummte und der Zug entfernte sich mit langsamen Schritten und auf die Brust gesenktem Haupte, von dem Priester geführt. Dieser hielt sein blutiges Messer hoch empor und rief von Zeit zu Zeit mit schauerlichem Tone: »Tapu! Tapu!«
– »Jetzt sind wir sicher,« sagte Kolbi, sich vom Boden erhebend; »sie schiffen sich sofort wieder ein, und kehren nie nach diesem Eilande zurück, da der Tapu durch den Knaben gebrochen worden ist.«
– »Was aber ist der Tapu?« fragte William, der vor Entsetzen stumm geworden war und erst jetzt seine Sprache wiederfand. – »Was der Tapu ist?« wiederholte Kolbi und sah ihn verwundert über seine Unwissenheit an. »Der Tapu ist der Tapu,« fügte er hinzu; »weiß William denn das nicht?«
»Nein,« versetzte dieser; »wie sollte ich wissen, was ein Tapu ist? Nur soviel habe ich eben erfahren, daß es etwas Schreckliches ist, da er dem armen Knaben das Leben gekostet hat.«
Unser Kolbi war nicht gelehrt genug, um William die Sache gehörig erklären zu können, auch verstand er sie in der That selbst kaum und wußte nur soviel, daß, wer den Tapu gebrochen, sein Leben verwirkt hat. Da Ihr, meine Theuren, gewiß aber eben so neugierig seid, wie unser William war, will ich Euch die Erklärung nicht vorenthalten.
Tapu oder auch Tabu – das erstere Wort ist das richtigere – bedeutet so viel als ein Verbot, dieses oder jenes Thier, diese oder jene Pflanze, einen Stein, ein Haus, ein Feld, kurz irgend eine Sache berühren, das Thier, worauf der Tapu gelegt, tödten, die andern Gegenstände berühren zu dürfen. Es ist dies eine sich selbst auferlegte freiwillige Entbehrung, etwa wie unsere katholischen Glaubensbrüder sich an gewißen Tagen des Fleischgenusses enthalten. Das Wort des Priesters oder des Oberhaupts, ein Traum, den der Eine oder Andere gehabt hat, läßt den Tapu auf eine Sache legen; das Wort bedeutet also dem Sinne nach so viel als Verbot.
Dieses Verbot darf, bis es wieder aufgehoben ist, von keinem Mitgliede des Stammes gebrochen werden, und bricht es Einer, so ist er dem Tode verfallen. Der arme Knabe hatte wahrscheinlich vergessen oder überhört, daß der Priester den Tabu über das Opossum ausgesprochen, und als er jetzt mit einem erlegten Thiere dieser Art ankam, war er dem Tode verfallen. Der Ort aber, wo der Tapu gebrochen worden ist, wird von den Wilden als ein entweihter, als ein Ort des Unheils angesehen, daher augenblicklich verlassen, um nie wieder betreten zu werden. Das geschah auch jetzt, und bevor noch eine Stunde verflossen war, befand sich kein Mensch, außer unsern beiden Freunden, mehr auf der Insel.
Wie gern wäre Kolbi, der noch immer an seinen abergläubischen Vorstellungen hing, seinen Brüdern gefolgt; da er aber in ihnen die Feinde seines Stammes erkannt hatte, wagte er es nicht, sondern wollte lieber auf der Insel seinem Schicksale entgensehen.
Der Anblick, den das Haus und dessen Umgebung gewährte, war der niederschlagendste von der Welt. Die Wilden hatten die Hütte nicht nur eingerissen, sondern auch einen Theil der Bretter verbrannt. Von den Geräthen, die mit so großem Fleiße und unter so anhaltender Anstrengung von ihnen verfertigt worden waren, fand man nur einige wenige unter den Trümmern vor, und auch diese waren zum Theil zerstört. Das Behältniß, worin man die Thiere aufbewahrt hatte, war erbrochen und diese selbst fort: ob die Wilden sie getödtet, ob ihnen die Freiheit gegeben hatten? wer vermochte das zu bestimmen?
Unsre Freunde waren so betrübt über den Anblick, der sich ihnen darbot, daß sie ganz verstummt waren und sich mit Augen ansahen, in denen Thränen perlten.
Ein schwerer Gang stand unserm William, der sich mehr als Kolbi für die Gartenanlage interessirte, noch bevor: er wagte es kaum, die Gartenmauer zu ersteigen; denn was konnte er erwarten, als auch in diesem die Gräuel der Verwüstung zu erblicken?
Endlich raffte er sich auf und erstieg die Mauer; als er oben auf derselben stand, verklärte ein Lächeln, das erste nach längerer Zeit, sein Antlitz und mit lauter, freudig bewegter Stimme rief er: »Kolbi! Kolbi!«
Dieser kam auf den Ruf seines Freundes eiligst herbeigerannt und fragte, was es gäbe?
»Freude! Freude!« rief ihm William entgegen. »Unser Garten ist unversehrt und die Melonen stehen in vollster Blüte.« –
Kolbi, der nicht wußte, welch' eine köstliche Frucht die Melone sei, bezeigte weniger Freude, als William erwartet hatte, und sagte sogar verdrießlich:
»Da sie uns alles Andere zerstört haben, hätten sie den Garten auch noch zerstören können!«
– »So denke und spreche ich nicht,« versetzte William etwas geärgert durch die Gleichgültigkeit seines Freundes; »ich danke vielmehr Gott, daß er uns diese Freude noch ließ.« –
– »Ich würde deinem Gott auch gedankt haben, obgleich ich ihn noch nicht recht kenne und mich fast so sehr vor ihm fürchte, wie vor dem bösen Geiste Potayan, wenn er uns die Hütte und alles Andere auch bewahrt hätte: da nun aber die Hütte in Trümmer liegt und unsere Gefäße zerschlagen sind, hätte er die Blumen immerhin auch mit zerstören lassen können; denn Blumen, und viel schönere als diese, blühen ja überall.«
– »Wenn du erst einmal die Früchte dieser Blumen gekostet haben wirst,« versetzte William, »dann wirst du anders sprechen; ich aber danke meinem Gott, der ein freundlicher Gott ist, für die kleine Gabe, wie für die große.«
Er verließ mit diesen Worten Kolbi, um nach seinen Orangenbäumchen zu sehen, die ihm fast eben so sehr am Herzen lagen, als die Melonen, obgleich er wußte, daß er noch viele Jahre würde warten müssen, bevor er von ihnen Früchte zu ernten erwarten durfte. Zu seiner nicht geringen Freude waren auch sie, wie alles Andere, unversehrt; ja sie hatten während der Regenzeit artige Blättchen getrieben und sahen ganz frisch und kräftig aus.
Als er Alles gehörig besehen hatte und eben wieder zu Kolbi zurückkehren wollte, der traurig neben den Trümmern der Hütte saß, hörte er die Worte rufen:
– »Gieb Futter! Gieb Futter!«
– »Ach! da bist auch du noch?!« rief er freudig bewegt aus und ging auf die Gegend zu, von welcher der Ton gekommen war. Lange konnte er das artige Thierchen nicht finden; es hatte sich unter der Gartenmauer verkrochen, verrieth sich aber bald durch seinen wiederholten Ruf: »Gieb Futter! Gieb Futter!«
Endlich entdeckte William seinen Schlupfwinkel, und als er die Hand hineinsteckte, hüpfte das artige Thier – Ihr werdet schon errathen haben, daß es der Königspapagei war – ihm auf dieselbe, und sah ihn mit klugen Blicken an, als er es in die Höhe hob.
William trug ihn sogleich zu dem trauernden Kolbi, dessen Gesicht beim Anblick seines Lieblings vor Freude verklärt wurde. Der Verlust des Papageis war ihm fast eben so nahe gegangen, als der der Hütte und alles Andern, und so hatte er durch das Wiederfinden desselben auch seine Freude in der Trübsal. Er nahm ihn von Williams Hand auf die seinige und streichelte ihn mit der andern, was das Thierchen sich willig gefallen ließ.
– »Höre,« sagte dann Kolbi, »nun mag ich deinen guten Geist, den du Gott nennst, schon besser leiden; daß er uns den lieben Vogel wieder gab, war wirklich recht gut von ihm.«
– »Du wirst den lieben Gott schon noch näher kennen und ihn dann eben so lieben lernen, wie ich ihn liebe,« war Williams Antwort.
– »Wenn er aber so gut ist, wie du sagst,« versetzte Kolbi, »weshalb ließ er denn die Feinde an das Eiland kommen und unsern Dingo tödten, unsre Hütte zerstören, unsre Gefäße zertrümmern? Du sagst mir immer, daß er eine so große Macht habe und Alles könne, was er wolle; so hätte er ja auch die Feinde abhalten können, uns so großen Schaden zuzufügen und uns in solche Angst zu versetzen?«
»Ich weiß noch nicht,« versetzte William ernst, »wozu es gut und für uns heilsam war, daß wir dieses Unheil erfahren mußten; allein ich hege das feste Vertrauen zu der Gnade, Weisheit und Freundlichkeit meines Gottes, daß er es auch in dieser Prüfung gut mit uns meinte, und daß sie zu unserm wahren Heile dienen werde.«
Kolbi konnte dies noch nicht recht verstehen, sondern schüttelte bedenklich das Haupt und meinte: Gottes Güte offenbare sich nur in dem seinen Geschöpfen verliehenen Glücke. Er sollte aber, zu seinem Heile, eines Bessern belehrt und davon überzeugt werden, daß Gott seine Menschen eben am meisten liebt, wenn er ihnen Trübsal sendet. William legte indeß nicht lange die Hände in den Schooß, sondern machte sich sogleich davon, die Trümmer der Hütte zu untersuchen, um zu sehen, ob die Wiederherstellung derselben wohl möglich sein würde. Diese Untersuchung gewährte aber ein ziemlich trostloses Resultat: weit über die Hälfte der Bretter war verbrannt und der noch übrig gebliebene Theil in einem solchen Zustande, daß an den Wiederaufbau nicht gedacht werden konnte; ja, der Rest der Bretter reichte nicht einmal hin, das Dach einer von großen Steinen ausgeführten Hütte zu decken. Das war dann freilich eine ziemlich trostlose Aussicht, um so mehr, da die Höhle noch immer von den Ameisen bewohnt wurde, die sich für immer häuslich darin niedergelassen zu haben schienen. Indeß mußte doch ernstlich auf ein sicheres Obdach gedacht werden, da, wenn wieder ein Unwetter eintreten sollte, sie ohne ein solches nicht hätten sein können.
Die Sache hatte indeß große Schwierigkeiten, denn einestheils hatte man bereits die in der Nähe aufzutreibenden größern Steine zur Umzäunung des Gartens benutzt, und die Gartenmauer wieder einzureißen, dazu konnte William sich nicht verstehen, da er sich des vielen vergossenen Schweißes erinnerte, unter dem sie die nöthigen Steine herbeigeschafft und aufgethürmt hatten; anderntheils wurden zum Bau der Hütte eine so große Menge von Steinen erfordert, daß man Monate lang daran hätte schleppen müssen, und doch war das Bedürfniß eines schützenden Obdachs so dringend. Die Mauern, welche die Hütte bilden sollten, mußten von einer doppelten Lage von Steinen aufgeführt werden, damit sich die eine Lage gegen die andere stütze; denn man hatte ja keinen Mörtel, um die Steine gehörig miteinander zu verbinden und aneinander zu befestigen.
»Es sieht sehr schlimm um uns aus,« sagte William zu Kolbi, der sich wie ein Kind noch immer mit dem wiedergefundenen Papagei beschäftigte und für nichts Anderes Sinn zu haben schien, »es sieht sehr schlimm um uns aus, und wir werden, fürchte ich, noch manche Nacht unter freiem Himmel zubringen müssen, bevor wir wieder eine neue Hütte haben werden.«
»Daß wir unter freiem Himmel schlafen, ist nicht nöthig,« versetzte Kolbi mit gleichgültigem Tone; »für mich wäre das übrigens kein allzugroßes Unglück, da ich daran gewöhnt bin,« fügte er hinzu, »und Regen und Unwetter wird es sobald wohl nicht wieder geben: hat doch der böse Geist alles Wasser ausgegossen und muß erst neues wieder sammeln, um es über uns auszuschütten.«
»Ich aber fürchte mich davor, unter freiem Himmel übernachten zu müssen,« nahm William wieder das Wort, »weiß ich doch, wie nachtheilig das auf meine Gesundheit wirkt.«
»Nun, so arbeiten wir nur am Tage hier,« versetzte Kolbi, »und kriechen Nachts in die Höhle des Koala, die nicht allzuweit von hier ist. Das Thier wird sie uns schon noch längere Zeit abtreten müssen und sollte es sich zudringlich zeigen, so haben wir ja noch unsere Axt, um es todt schlagen zu können.«
William, der an diesen Ausweg nicht gedacht hatte, war sehr erfreut über Kolbis Vorschlag und nahm ihn mit Freuden an. Dann wurde sogleich zum Werk geschritten: man räumte die Trümmer weg, legte alles brauchbare Holz auf die Seite, reinigte den Boden und schleppte Steine herbei, welches letztere freilich eine unendlich mühsame Arbeit war, da man die Steine zum Theil sehr weit suchen mußte. Indeß verlor man trotz dem den Muth nicht und auch die Kräfte reichten aus, da man sie durch eine gehörige Nahrung und einen gesunden Schlaf wieder stärkte.
Auch für eine größere Bequemlichkeit in der Höhle des armen Koala wurde gesorgt, indem man sie so erweiterte, daß Beide bequem Platz nebeneinander fanden, und man den Boden mit ausgerauftem Grase bedeckte, das ein weiches, duftiges Lager bildete.
Man arbeitete unausgesetzt den ganzen Tag über, mit Ausnahme der Zeit, deren man zur Zubereitung und zum Genusse der Speisen bedurfte, und schon nach etwa vierzehn Tagen hatte die Steinmauer, die man in einem regelrechten Viereck aufführte, die halbe Höhe ihres Leibes erreicht. Mit herzinniger Freude sahen unsere Freunde ihr mühsames Werk mit jedem Tage mehr wachsen, und so sauer ihnen auch manchmal der Transport der schweren Steine wurde, die noch obendrein bergauf geschleppt werden mußten, so hörte man doch keine Klage von ihnen, und unter fröhlichen Gesprächen und Gesängen schritt das Werk vorwärts.
Die Melonen waren indessen auch nicht faul, und gaben sich Mühe zu wachsen, wie mir einstmals ein kleiner Knabe naiv von den über Nacht aufgebrochenen Blumen sagte. Die Ranken breiteten sich bereits über eine große Fläche des Bodens aus und die Blätter hatten eine in Europa nicht vorkommende Größe erreicht; unter ihnen aber reifte still die herrliche, saftreiche und duftige Frucht, die hier, unter dem heißen Himmelsstriche, die Größe eines mäßigen Kürbis erreicht. Es war der Samen der schönen Netzmelone gewesen, den William gefunden und der Erde anvertraut hatte. Jeden Tag bildete sich das weißliche Netz deutlicher auf der grüngelben Fläche der Frucht aus, und endlich ließ sich eine davon bereits etwas weicher anfühlen, so daß William meinte, man könne schon zum Genusse derselben schreiten.
Es würde mir schwer werden, Euch zu beschreiben, mit welchen Empfindungen unser Freund sein Messer hervorzog, um die Frucht abzuschneiden; ich möchte sie eine heilige nennen, denn seine Seele war mit Dank gegen Gott, den Geber alles Guten, erfüllt; Kolbi aber stand ziemlich gleichgültig dabei und sah zu, wie William die Melone abschnitt und aufhob; ihn ergötzte noch nichts daran, als die Größe der Frucht und ihr ungewohntes Ansehen; Gott für die Gabe zu danken, kam ihm aber nicht in den Sinn.
William trug indeß die Melone unter einen großen Gummi-Baum, holte ein Stückchen Brett herbei, legte es auf den Boden und die Melone darauf, um sie auf diesem improvisirten Teller zu zerschneiden. So wie das Messer hineindrang, fuhr ein hochgelber Saft aus der Wunde hervor, die er der Frucht beigebracht hatte, so daß ihm das Wasser schon im Munde zusammenlief; dann schnitt er ein Paar tüchtige Schnitte ab und gab erst Kolbi eine, dann nahm er selbst eine andere und biß hinein. O, wie süß schmeckte die Frucht, wie duftig, wie labend war sie, wie angenehm kühlend!
Kolbi sagte nichts, aber nicht, weil ihm die Melone nicht schmeckte, sondern weil sie ihm so gut schmeckte, wie noch nie etwas in seinem Leben; das Entzücken beraubte ihn der Sprache und er kaute mit beiden Backen.
»Nun,« sagte William, der ihm mit Vergnügen zusah, »nun, wie schmeckt Dir die Melone? und war es nicht ein Glück, daß die Feinde die lieben Pflänzchen verschonten? Gelt, Du hast jetzt auch Deine Freude daran, Kolbi?«
»Ein großes Glück war es, daß sie die Pflanzen nicht auch zerstörten, wie alles Andere,« versetzte Kolbi, indem er sich die vom Safte der Frucht beträufelten Finger ableckte – denn ein manierlicher Esser war der arme Wilde noch keineswegs; – »ein großes Glück, William! Du aber bist sehr geschickt, daß Du solche gute Melonen machen kannst! ich könnte das nicht!«
»Ich habe sie nicht gemacht,« war Williams Antwort; »sie ist eine Gabe unseres lieben Vaters im Himmel, des guten Gottes.«
»O, Du willst mir etwas vorlügen,« sagte Kolbi schlau lächelnd; »aber Kolbi ist nicht so dumm, Kolbi hat gesehen, wie Du die Melonen gemacht hast, und er glaubt Dir nicht, daß Dein Gott sie gemacht habe.«
»Ich konnte nichts weiter thun, als daß ich die gefundenen Kerne in die Erde steckte,« versetzte William; »aber diese Kerne waren ein Werk, ein Geschenk Gottes, und er gab Sonnenschein und Regen und das liebe Erdreich dazu, in denen sie wuchsen und gediehen; ich konnte weder die Erde, noch Sonnenschein und Regen machen, das konnte nur Gott.«
Kolbi antwortete seinem Freunde nicht, denn er war noch nicht im Stande, ihn zu verstehen; er starrte aber lange vor sich hin, als wenn er recht ernstlich über die Sache nachdächte, dann sagte er:
»Höre William, wenn es wahr ist, daß dein Gott die Melonen gemacht hat – und ich glaube es Dir, weil Du Kolbi noch niemals belogen hast – so will ich ihn auch lieb haben, lieber als den guten Geist Koyan, den wir anrufen, wenn wir in Noth sind oder etwas haben wollen; denn Koyan kann so gute Melonen nicht machen. Wenn meine Brüder diese Melonen schmeckten, und ich ihnen sagte: die hat der Gott der weißen Leute gemacht, so würden sie ihn auch lieben, wie ich ihn jetzt liebe.«
»Thue das,« versetzte William gerührt, »und danke ihm zugleich für die herrliche Gabe.«
»Kann er denn meinen Dank hören?« fragte Kolbi verwundert und sah sich fast ängstlich nach allen Seiten um, als fürchte er, Gott, zu erblicken.
»Wohl kann er das,« versetzte William.
»Er ist ja aber nicht da und ich sehe ihn nirgends?«
»Er ist unsichtbar, aber überall,« war die Antwort.
Das verstand Kolbi wieder nicht, selbst da nicht, als William ihn darauf aufmerksam machte, daß man in seinem Lande doch auch an einen guten und bösen Geist glaube, obgleich ihn keiner gesehen.
»O, die hat man wohl gesehen!« versetzte Kolbi.
»Sahst Du sie denn je?« fragte William.
»Nein, ich nicht, auch keiner meiner Brüder; aber die Zauberer sahen sie und sprachen mit ihnen,« versetzte Kolbi.
»Das glaube ich nicht,« erwiederte William; »Eure Zauberer sind Lügner, wenn sie das sagen; den guten Geist, wie Ihr den nennt, den wir Gott nennen, sieht Niemand, hört Niemand: er ist unsichtbar, wie ich Dir schon gesagt habe.«
»Wie aber weiß man denn, daß er da ist?« fragte Kolbi.
»Man erkennt sein Dasein an seinen Werken.«
Das war wieder zu hoch für unsern armen, unwissenden Wilden; William aber wollte ihm die Sache gern deutlich machen und fuhr fort:
»Gesetzt, Du und ich, Kolbi, trennten uns auf einige Zeit; Du gingest dahin, ich dorthin und wir sähen einander auch gar nicht mehr, so würdest Du doch, wenn Du nach einiger Zeit hierher zurückkehrtest und die Hütte gänzlich vollendet fändest, bei Dir sagen: »die hat William fertig gemacht;« so würdest Du sagen, wenn Du mich auch gar nicht mehr sähest.«
»Ja, das würde ich; denn wer sonst sollte sie gemacht haben?« war Kolbis Antwort.
– »Sieh,« fuhr William fort, »eben so hat sich der liebe Gott in früherer Zeit den Menschen offenbaret, damit sie an sein Dasein glauben und ihn anbeten sollten; jetzt, wo sie das thun, redet er nicht mehr zu ihnen, sondern offenbart sich ihnen nur noch durch seine Werke. Er ist es, der die Welt geschaffen hat und erhält; der die Sonne, den Mond, die Sterne, das Meer, die Erde machte, der sie mit Menschen und Thieren bevölkerte, der Regen und Sonnenschein, Sturm und Gewitter giebt, der die Keime in der Erde sich entwickeln, die Pflanzen wachsen und gedeihen, die Frucht reifen läßt, damit sich seine Geschöpfe davon nähren, daran erfreuen. Er kann, was er will, denn er ist allmächtig; er will immer nur das Beste seiner Geschöpfe, denn er ist allgütig, er lenkt Alles zum Besten, denn er ist allweise, das heißt, er besitzt mehr Verstand und Einsicht, als alle seine übrigen Geschöpfe zusammen; er sieht und hört Alles, denn er ist allgegenwärtig.«