Eben so sagt man im Obergebirge, wenn von einer Person die Rede ist, deren Aufenthalt unbekannt ist, und die für todt gehalten wird:
»Er ist weggekommen wie ein alter Hammerschmied.«
Die Hammerschmiede haben selten ein Eigenthum bei einem Eisenhüttenwerke; sie wohnen in herumzerstreuten Häusern, die dem Hammerherrn gehören, in mehreren Familien zusammen, und weil die Hütten Tag und Nacht im Umtriebe stehen, die Schicht aber 12 Stunden dauert, so folgt daraus, daß der Hammerschmied so lange arbeitet und eben so lange schläft. Von dem übrigen Weltverkehre weiß er nichts, und seine Urtheile darüber sind häufig von solcher eigenthümlich drolligen und lustigen Art, daß sie in einem Anekdotenbuche aufgenommen zu werden verdienten, wenn der Dialekt und das Geberdenspiel mit abgedruckt werden könnte.
Das Alter und die Unfähigkeit zur Arbeit läßt den Hammerschmied zuletzt von einem Hammerwerke zum andern, wo er etwa Kinder oder Bekannte hat, aus langer Weile schlendern, und er stirbt zuletzt da oder dort, ohne daß man sich immer die Mühe giebt, die Verwandtschaft davon in Kenntniß zu setzen. So war es von jeher und bis zur neuern Zeit herauf, die auch eine bessere Cultur in das Hüttenwerk zu bringen gedenkt, welche wohl Eingang finden kann, da sich die mehrsten Hammerherren mit großen Opfern die Aufgabe gemacht haben, ihre Werke für Holzersparnisse zu reformiren, Stabeisen und Bleche zu walzen, mit erhitzter Luft zu schmelzen und den Feuern eine sachgemäßere Construction zu geben, wodurch der Hammerschmied zum Selbsturtheilen genöthigt wird, dadurch an Vielseitigkeit gewinnt oder – ausscheiden muß. Gegenwärtig trifft man schon sehr unterrichtete Leute, wenn von ihrem Fache gesprochen wird, welche die Vorzeit nicht aufzuweisen hatte.
(nicht Bergmanns-, Beermanns- oder Permißgrün).
Gleich hinter Erlahammer klettern 121 Häuser und Güter in zwei langen Aesten, wovon der eine »der Sack« genannt wird, den Berg hinauf, die über 1176 Menschen bewohnen. Dieses Dorf hat in seinem Bereiche, wenn nicht etwa gerade die kleinen hier in Menge wachsenden Kirschen in ihrer Reife stehen, nichts Anziehendes; gleichwohl läßt sich von seiner Entstehung, seinen Familienzuständen, Gewohnheiten, Trachten und von seiner Sprache so viel Interessantes sagen, daß wir doch einige Schritte näher treten wollen.
Vermuthlich fällt die Zeit der Entstehung dieses Dorfes gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts, weil 50 Jahre später nur »21 seßhafte Man, darunter 9 kleine Heußler« verzeichnet worden sind. Das jugendliche Hammerwerk Erla an seinem Fuße zog damals, wie es höchst wahrscheinlich ist, die ersten Blechschmiede aus dem Orte Bermsgrün am baierschen Fichtelgebirge herein, welche sich allmählig hier seßhaft machten. Geburts- und Heimathsscheine waren dort wie hier nicht üblich, und man fühlte das Bedürfniß eines Tauf- und Geschlechtsnamens nicht, weil es genügte, daß sie Blechschmiede waren. Die Kinder und Nachkommen behielten diese Benennung mit Hinzufügung eines sogenannten Spitznamens zur Unterscheidung bei und behalfen sich damit bis auf den heutigen Tag, wo nicht weniger als 72 Familienväter gezählt werden, die sämmtlich Blechschmidt heißen. Sehr nahe mußte es diesen Blechschmieden liegen, ihren Anbau ebenfalls Bermsgrün zu nennen, zur Erinnerung an die frühere Heimath.
Die ganze Bevölkerung besteht in Bauern, welche den Hammerwerken Eisenstein, Flöße, Kohlen und andere Bedürfnisse zuführen und nebenbei ihre Felder bestellen; in Holzmachern, Köhlern und Bergleuten, überhaupt aber in einem stämmigen, breitschulterigen und dickwadigen Menschenschlage. Kein Kauf- oder Handelsmann, kein Landreisender und außer einigen Schmieden und einem Töpfer kaum ein anderer Handwerker findet sich im ganzen Dorfe. Dadurch läßt sich's erklären, daß die Einwohnerschaft, aus Mangel allen Verkehrs nach Außen hin, auf einer flachen Stufe geselliger Conversation stehen geblieben ist und an der Herkömmlichkeit ihrer Altvordern festzuhalten strebt. Selbst die modischen Namen, welche den Kindern in der Taufe gegeben werden, sind hier noch fremd. Gottlieb, Traugott, David, Friedrich, ingleichen Sophie, Gottliebe, Dorothee u. s. f. hört man in jedem Hause; dagegen zieht in den Fabrikdörfern Alexis am Schubkarren, Oskar hütet die Gänse und Heloise sammelt Holz im Walde. Der Dialekt ist dem am baierschen Fichtelgebirge verwandt; ein flexible singende Betonung der Worte hört sich, besonders bei Kindern und Frauenzimmern, nicht übel an und wird im ganzen Obergebirge nicht weiter getroffen. Brutolmet – Brotschrank, Kupwihting – Kopfweh, Krabassen – Krebse, Hutzengieh – Spazierengehen, besappen – die Kleider unten herum schmutzig machen, luschane – laß sehen u. dergl. m. sind Ausdrücke, die man öfters hört, der Fremde aber nicht immer versteht. Die Tracht der Männer ist freilich in Form und Schnitt um 50 Jahre zurück; dagegen die der bejahrten Weiber mit ihren niedrigen, steifen und mit breiten weißen Tressen besetzten Hauben noch viel weiter. Dieser Kopfputz scheint aus verzinntem Blech gefertigt und wie ein Hausgeräth von Erbe zu Erbe übergegangen zu sein. Jetzt fangen sie aber an, seltener zu werden. Mädchen und junge Frauen kleiden sich daneben auffallend bunt: brennend roth, hochblau, pomeranzengelb und grasgrün sind die Farben des Anzuges und Bänderwerks von Kopf bis zum Fuß, als hätte der Schneider den Regenbogen dazu verschnitten. Diese grelle Farbenpracht schmerzt das Auge beim Sonnenschein, wenn sich die Bermsgrüner Sonntags vor der Kirche auf dem Marktplatze in Schwarzenberg, wohin sie eingepfarrt sind, in Gruppen, wie sie es zu thun pflegen, aufstellen und sich beschauen lassen. Die Bermsgrüner kennen die Genüsse nicht, woran sich der Großstädter so häufig dem Arzte und dem Todtengräber in die Hände liefert, mithin auch die Sittenverfeinerungen nicht, wodurch der Mann nach der Mode so oft die vernünftige Natürlichkeit verliert. Eine gewisse Art von blöder Unbehülflichkeit nimmt ihn gefangen, wenn er mit Personen zusammentrifft, die nicht seines Gleichen sind; doch ist er gutherzig, er ist der Kirchlichkeit sehr zugethan und doch fröhlichen Gemüths und, unbekannt mit dem buntscheckigen Getriebe der Welt, ist er doch rechtlich und wohlwollend. Dadurch erklärt es sich, daß Bermsgrün, im Verhältniß zu seiner Einwohnerzahl, die wenigsten Processe, geringsten Schulden und gegenwärtig nur 14 Almosenempfänger hat. Der Ort war seit dem Anfange dieses Jahrhunderts beglückt, gute Schulmeister zu haben. Die Namen Mehlhorn, Schulze, Seifert und Schubert haben einen guten Klang: denn ihr Fleiß ist nicht ohne Segen geblieben. Wenn schon die neuere Zeit mit ihren Schöpfungen an der bequemen Herkömmlichkeit rüttelt und zu modischer Genußsucht und größerer Abrundung der Sitten auffordert, so wird das ehrenhafte Bermsgrün doch so lange in seiner Einfachheit zu verharren suchen, bis die Erfahrung lehrt, daß es besser ist – nachzufolgen.
Von
welches Bermsgrün im Gegentrume liegt und 112 Güter und Häuser mit 979 Einwohnern zählt, läßt sich eben so viel Eigenthümliches und Rühmliches melden, wie von diesem, wenn auch schon in anderen Farben. Der Anbau dieses Dorfs wird mit der Zeit, zu welcher Bermsgrün entstand, ziemlich zusammenfallen. Bei diesem gab das Hammerwerk Erla und bei jenem der Eisensteinbergbau am Rothenberg die nächste Veranlassung. Und deshalb besteht Krandorfs Einwohnerzahl zum größern Theil aus Bergleuten, wie ihre Vorfahren auf Jahrhunderte zurück. Wer die vaterländische Bergwerksverfassung kennt und weiß, daß Fleiß und Gehorsam, Zucht und Ordnung die wesentlichsten Tugenden des Bergmanns sein müssen, wenn er zu diesem gefährlichen Beruf gewählt, beibehalten und gefördert werden soll – der wird sich die zuvorkommende Freundlichkeit der Einwohner, den Sinn für Schicklichkeit im häuslichen Verkehr und die ameisenartige Thätigkeit, nach vollbrachter Schicht, in diesem freundlichen Dorfe erklären können. Hier spaltet Einer Holz für den künftigen Winter und kästelt es unter die breitästigen Bäume auf, die der Urgroßvater vor das Häuschen pflanzte; dort bessert ein Anderer am Zaun des Gärtchens oder ist sonst thätig für sein kleines Besitzthum. Ueberall vor den Häusern findet man aufgehängtes Grubenzeug, blutroth von Eisenstein gefärbt; und Tag für Tag badet sich der Bergmann, wenn er von der Grube kommt, weil Alles im Hause reinlich sein muß, wo die weißesten Spitzen geklöppelt werden.
Die überall erwachte Genußsucht und der Kleiderluxus haben hier noch nicht Wurzel gefaßt. Der Kittel ist des Bergmanns Ehrenkleid, er tritt damit vor den Altar des Herrn und vor seine Vorgesetzten. Sein Aufwand und der Unterhalt des Hauswesens bleibt dem schmalen Lohne stets angemessen, den er als Bergmann erhält; deshalb aber haben die Einwohner wenig Processe unter sich und verhältnißmäßig wenig Arme.
Da unsere Tour von Erla aus nicht über Krandorf, sondern im Schwarzwasserthal hinauf zu nehmen ist, so wenden wir uns bei der Kirche erstern Orts um, setzen uns aber einige Augenblicke auf die Bank vor dem Pfarrhause und sehen in das herrliche Thal hinab, welches nach Norden hin von Schwarzenberg verschlossen wird. Von hier aus sieht das Städtchen groß und fast einer Mittelstadt ähnlich. Seine Schiefer-, Ziegel- und Schindeldächer und der mancherlei farbige Abputz der dicht zusammengedrängten Gebäude gewähren fast den Anblick, wie eine geöffnete Königsseer Schachtel mit ihrem bunten Tectur-, Siegel- und Gläserwerk.
Oberhalb der zu Erlahammer gehörigen Maschinenbauwerkstatt lehnt sich an eine Felsengruppe ein fast in italienischem Styl erbautes Häuschen, umgeben mit einem freundlichen Gärtchen und wird von dem Engländer Payne und seiner Familie bewohnt. Hier ist die letzte Parthie der lieblichen Landschaft von Schwarzenberg aus in der Richtung nach dem 4 kleine Wegstunden aufwärts gelegenen Johanngeorgenstadt. Bis dahin nimmt Alles eine wildromantische Physiognomie an.
Zu beiden Seiten des Thales senken sich waldige Bergwände steil hernieder und baden ihre Füße in den Wellen des Schwarzwassers, die, das ganze Thal entlang, über Geschiebe und Felsentrümmer, lärmend dahin eilen. Die neuere Zeit hat die kleinern und größern Streifen an beiden Ufern in Wiesen umgewandelt und dadurch, so wie wegen der vor 10 Jahren angelegten Chaussee, welche bis an die böhmische Grenze keine Berge übersteigt, dem Thal eine besondere Freundlichkeit und Frequenz verliehen. Noch vor 60 Jahren konnten kaum Fußgänger dasselbe passiren. Der hintere Rothenberg, Magnetenberg und Wolfgarten einer-, so wie die zerrissenen vordern und hintern Hirschsteine andererseits, stehen sich eine Stunde Wegs mit ihren Gneus- und Glimmerschiefermassen bis zur königlichen Antonshütte einander gegenüber. Diese wurde vor 14 Jahren vom Finanzministerium in der Absicht gebaut, um die geringhaltigen Erze der obergebirgischen Reviere, welche wegen der Transportkosten nicht nach Freiberg abgeliefert werden konnten und deshalb auf den Gruben und Halden nutzlos liegen blieben, zu Gute zu machen und dem Bergbau selbst eine größere Lebendigkeit zu verleihen. Gegenwärtig steht ein Ofen und 3 Amalgamirfässer im Umtriebe und wird dadurch jährlich 3000 Mark Silber zur Münze, so wie 40 Ctr. Kupfer und 25 Ctr. Nickelspeise abgeliefert. Die Anlage der Hüttengebäude in architektonischer Beziehung ist für das Auge eben so anziehend, als das riesenhafte gußeiserne Cylindergebläse, und Jedermann wird von den Hüttenbeamten zuvorkommend aufgenommen und herumgeführt, wer solches wünscht.
Ganz in der Nähe haben sich seit der Anlage dieses Werks noch einige Hüttenleute durch Erbauung kleiner Häuser angesiedelt und somit diesem sonst so vergessenen Winkel des Thales ein munteres Ansehen gegeben, wovon in der bessern Jahreszeit viele Spaziergänger zu profitiren suchen.
Hier mündet der Halsbach, nachdem sein Gewässer die Gruben: Unverhofft Glück, Ritter St. Georg, weißen Adler, fünf Brüder und Pluto, welche auf Grünsteinlagern bauen und silberhaltige Bleigänze gewinnen, begrüßt und ein Pochwerk nebst Wäsche getrieben, welche ihn milchartig gefärbt haben, in das Schwarzwasser aus. Das ganze Hüttenetablissement ist ein Werk des für den vaterländischen Bergbau viel zu früh verstorbenen Oberberghauptmanns Freiherrn von Herder.
Der Magnetenberg hebt sich hinter der Antonshütte steil empor und wird 70 Ellen hoch von dem Wassercanal umgürtet, der dem Poch- und Wäschwerke, so wie der Schmelzhütte hinlängliches Wasser zuführt, wenn der Halsbach im Sommer zu schwach wird. Gegen Süden schiebt er ein Knie weit in das Thal hinein, auf welchem kanzelartig der »Prinz-Friedrich-Stein« ruht. Für diesen geliebten Prinzen und nunmehr den verehrten König Friedrich August spricht, schreibt, malt, zeichnet, meißelt und baut der Erzgebirger so gerne, um sich ein Andenken auf der Scholle Land oder auf dem Felsenstücke zu bewahren, den sein Fuß betrat, wenn er die Provinz besuchte. Eine Tafel von Granit, gehalten von eisernen Platten und umgeben mit einer Barriere und Bänken, nimmt zwar nur einen kleinen Raum in Anspruch, er gewährt aber eine eben so eigenthümliche als überraschende Aussicht. Dicker jugendlicher Wald, über ihn hinausragende greise Tannen, und das anmuthige Grün der nachbarlichen Buchen – sind die Colonnaden, auf welchen der Himmel ruht. Tief im Thale knarren die Räder der Eisen- und Erzwagen – sie übertönen die liebliche Sprache der Vögel und beinahe das Rauschen der Wellen, die der Fellbach dem Schwarzwasser in die Arme wirft.
Da wo sich das Eisenstübel und der große Kammerstein, welcher den blumigblättrigen Feldspath führt, einander erblicken, liegt das Hammerwerk
mit einer Handvoll hölzerner Hütten und Häuser in seiner Anspruchlosigkeit. Christoph Müller von Berneck aus Joachimsthal erbaute es mit landesherrlicher Vergünstigung im Jahre 1593, nachdem dessen Vater vorher schon oberhalb Breitenhof am Rothenbach auf einem Kieslager Bergbau getrieben und dabei viel Magneteisenstein getroffen hatte. Dieser Hans von Berneck nennt seinen Grubenbau selbst ein altes Bergwerk und erhielt im Jahr 1569 schon die Erlaubniß zur Erbauung einer Vitriol-, Schwefel- und Zinnschmelzhütte mit dem Vorzuge, daß innerhalb 10 Jahren Niemandem gestattet sein solle, ein ähnliches Hüttenwerk anzulegen; jedoch in der Voraussetzung, daß sich der Besitzer befleißigen solle, sich mehrentheils aus kaiserlicher Waldung zu verholzen.
Diese Anlagen sind theilweise bis zur Gegenwart erhalten, periodisch betrieben und unter dem Namen »Vitriolwerk St. Christoph« bekannt. Wie lebhaft der von Berneck sein Berg- und Hüttenwerk betrieben haben muß, geht aus einer Bittschrift hervor, nach welcher er am 7. Nov. 1594 um die Erlaubniß zur Anlegung einer Mühle bat, »weil er täglich über 100 Personen halten müsse.«
Oberhalb Breitenhof mündet der Ortbach in das Schwarzwasserthal auf der Stelle aus, wo das Dorf
seinen Anfang nimmt. Wie ein Zug Wallfahrer steigen die grauen beschindelten Güterchen und Häuser des sehr verarmten Dorfes von der Sohle des Ortsbaches einen hohen Berg nach dem Forstwalde empor, auf dessen Culmen der Tempel ruht, welchen die aus 1972 Köpfen bestehende Einwohnerschaft für ihren Gottesdienst benutzt und ihre Todten um denselben beerdigt. Wäre es nicht bekannt, daß in frühern Zeiten das Dorf Rittersgrün nach Breitenbrunn eingepfarrt gewesen, so würde es schwer sein, zu errathen, weshalb es die Kirche letztern Orts ihren Küchlein so unbequem gemacht, sich unter ihre Flügel zu sammeln. In ihrer Nachbarschaft erheben sich noch die Trümmer eines ehemaligen Jagdschlosses, umgeben von einem 6 Ellen breiten Wallteichlein, welches aber dermalen für andere Zwecke ausgefüllt ist. Jedenfalls würde es besser gewesen sein, wenn dieser Reservoir für das wasserarme Dorf erhalten worden wäre.
Am 13. März 1604 brannte dieses Jagdhaus ab und 6 Jahre später wurde es wieder auf- und höher gebaut.
Die Jagdherrlichkeiten der Vorzeit sind eben so wie die jagdbaren Thiere selten und dünn geworden, und es werden deshalb schon lange keine Hoflager mehr in der Provinz gehalten.
Im vorerwähnten Forstwalde wurden zuerst auf dortigen Kalklagern die Helvine getroffen; auch zeichnet sich der Granat, Peponit und andere Fossilien vor vielen andern aus und zieht fleißig Mineralogen dahin. Aus dem Umstande, daß ein Revierförster das Forstgut, welches mit dem Walde grenzt, benutzt, ist der Pleonasmus – Forstwald – entstanden. –
Der schon bei Breitenhof erwähnte Lagerbergbau ist wahrscheinlich der älteste im Obergebirge und mithin auch die Ursache zum Anbau und zur frühzeitigen Bevölkerung des Dorfes. Die Gruben Fortuna, Kaltwasser, alte Grube und St. Christoph haben außer Eisenstein hauptsächlich Zinnstein geschüttet und, in Verbindung mit dem von Berneck'schen Hammer- und Hüttenwerk in Breitenhof, Nahrung und Wohlhabenheit um sich her verbreitet. So geregelt aber und einfach der Erwerb eines Bergmanns auch immer sein mag, so hebt er ihn doch zur Wohlhabenheit nicht empor; deshalb tritt er in Dürftigkeit und Entbehrungen über, wenn die Gruben auflässig werden. In einem solchen Zustande befindet sich Breitenbrunn bei weitem zum größern Theil, weil seine Ländereien im rauhen Klima nur magere Ernten geben und das Klöppel- und Nähwesen der Volksmenge und ihrem Bedarf nicht gewachsen ist. Holzmacher und Fuhrleute, Handwerker und Butterhändler geben nur precären Gewinn und scheiden von Zeit zu Zeit eine Menge Arme aus, die Unterstützung verlangen (gegenwärtig hat der Ort 27 Almosenpercipienten, welche zusammen wöchentlich 15 Thlr. 22 Ngr. erhalten), die aber nicht ausreichend gewährt werden kann, weil selbst die Gemeinde für die Zeit der Noth weder Communeigenthum noch sonst ein anderes Einkommen hat und beziehen kann, folglich auch der Gemeinderath in ewigen Ferien lebt.
Ein solches unsicheres Gewerbsleben hat nothwendig auf den sittlichen Zustand der Einwohner und auf die sinnlichen Genüsse mächtigen Einfluß ausgeübt: denn es sind offenbar zu viel Wirthshäuser im Dorfe, die den mühsam errungenen Dreiern und Sechsern Eintrag thun.
Wir wenden uns wieder hinab in das Schwarzwasserthal, wo wir den grobkörnigen Granit zu beiden Seiten in mächtigen Bergen aufsteigen sehen, die überall mit Fichtenholz bestanden sind und der Landschaft eine ernste Physiognomie aufdrücken. In ewigem Getöse scheuern die Wellen an den Granitblöcken des Flußbettes – sie arbeiten für die Steinsetzer.
Steinheidel auf einer beträchtlichen Berghöhe, Fellbach, Erlabrunn und andere in den Thalungen herumgezettelte Häuserchen verdanken ihre Entstehung vorzüglich dem Bergbau, der theils noch im Gange, theils lange schon auflässig geworden ist. Ihre Bewohner sind regelmäßig von dem größern Weltverkehr und seinen Genüssen abgeschieden und kennen seine Herrlichkeiten und Thorheiten nicht.
Eine oder einige Kühe sind die Ernährerinnen des kleinen Hausstandes und darum auch das Werthvollste in demselben, die Kinder folgen unmittelbar darauf. –
Eine an der Chaussee, wie große Wollsäcke aufgethürmte Granitparthie, die mehrere senkrechte Klüfte zertheilen, die wiederum durch Quereinschnitte getrennt sind und solchemnach die Masse in parallelepipedische Stücke absondert, haben scherzweise dem Gebilde den Namen verliehen.
Die Hefenklöße, eine Lieblingsspeise der Erzgebirger, haben allerdings im Kleinen dieselbe Form. Vor etlichen zwanzig Jahren rutschte ein solcher Hefenkloß herab auf die Straße und versperrte sie, was sich leicht über lang oder kurz wieder zutragen kann. Solche Parthieen zu plötzlicher Absperrung der Wege mögen ihren Werth im kleinen Gebirgskrieg haben; diesem wollten wir allenfalls die Hefenklöße abtreten, wenn nicht zugleich den ordentlichen Klößen Gefahr drohte.
Von dort, wo der Steinbach seine rauschenden Wellen in das Schwarzwasser jagt, nimmt die Thalung eine finstere Miene an, die weder die schüchtern herabschauenden zwei Häuser am Rabenberge, noch das Teumerhaus mit der neuen Papiermühle auszuglätten vermögen. Fichtenwälder zu beiden Seiten der Gebirgsabhänge lassen ihr dunkelgrünes Gewand überall herabrollen bis an die Straße und verbergen die Rippen und Knochen des Granitgebirges da, wo es steil nach dem Thale herein die Knie beugt.
Doch wird nun die Straße lebendiger; das Nestler'sche Walzenwerk mit seinem rußigen Kleide, die Haberlandsmühle, so wie das Zoll- und Chausseehaus mit seiner nachbarlichen Bretmühle verkünden die Nähe eines bevölkerten Oertchens. Es ist
welches sich mit seinen 384 meist hölzernen und mithin löschpapiergrauen Häusern, in welchen 3472 Menschen wohnen, gegen das Hinabgleiten von seinem, 2300 Fuß über dem Meer gelegenen Fastenberg in das Wittigsthal sträubt. Es ist eine Exulantenstadt; denn als die Lutheraner in Böhmen, die sich auch Utraquisten nannten, in der Mitte des 17ten Jahrhunderts von den Papisten hart bedrängt wurden, kamen ein großer Theil von Gottesgabe, Platten und andern Grenzorten zur Nachtzeit herüber an den Fastenberg, Wittigsthal und Jugel, um den Verfolgungen zu entgehen. Am 2. Februar 1654 ertheilte der Churfürst Johann Georg diesen armen Leuten Erlaubniß zum Anbau und schenkte ihnen das nöthige Holz mit dem eigenhändigen Bemerken, daß dieser neue Ort »Johanngeorgenstadt« heißen solle. Sie ist regelmäßig gebaut. Ein Schulmeister aus Schwarzenberg, Namens Zacharias Georgi, hatte die Baustellen vermessen, in welche sich die Exulanten durch's Loos zu theilen wußten.
Durch den raschen Angriff des Baues wurden hier und da Erzgänge getroffen, die sich bald edel bewiesen und der neuen Einwohnerschaft Nahrung und Gedeihen brachten. Da aber der Bergbau seine Segnungen dem Bergmann nur periodisch in die Hände legt und solche hinwieder in längern oder kürzern Zeitabständen versagt: so mußten auch Dürftigkeit und Entbehrungen die neue Stadt um so sicherer abmagern, als ihre Ländereien, so ausgedehnt sie auch immer sein mögen, nur für Gemenge, Hafer, Heufutter und Kartoffelbau ertragsfähig sind. Gegenwärtig sind die sogenannten Tiefbaue der dortigen Gruben in lebhaften Angriff genommen, und wenn die bergmännischen Hoffnungen nicht trügen, kann der Ort über lang oder kurz an fröhlicher Lebendigkeit gewinnen. Das Spitzen- und Nähwesen und einige Handwerker, worunter etliche sehr geschickte Tischler sind, können den Wohlstand in einer bevölkerten Stadt wohl fördern, aber nicht allein aufrecht erhalten, besonders da der seit langen Zeiten ausgebildet gewesene Grenzhandel durch das diesseitige Zollsystem vernichtet worden ist, ohne daß dieses eine andere Hilfsquelle zu öffnen vermochte.
Wohlthätig indessen macht sich die Schafwollkämmerei des Kreisoberforstmeisters von Leipziger und des Majors von Peterkowsky in Schneeberg, die dieselben in Johanngeorgenstadt etablirt haben. Sie beschäftiget zur Zeit gegen 400 Menschen beiderlei Geschlechts und gleicht eine nicht geringe Lücke des Nothstandes aus. Dennoch aber sind gegenwärtig 71 Arme vorhanden, welche allwöchentlich den Almosenfond in Anspruch nehmen, ohne daß er gnügen kann.
Das Bergmagazin vor der Stadt ist ein großartiges, massives Gebäude und schaut weit über die nach Westen ausgedehnten Fluren hinaus, deren Früchte nicht selten Frost und Schnee übereilt. Merkwürdig ist es, daß die Johanngeorgenstädter kein Kraut anpflanzen und lieber die Krauthäupter, die in mehr als hundert Wagen aus der Schwarzenberger Gegend im Herbste zu ihnen gebracht werden, ankaufen und dennoch die Strünke, die sich als so nützliches Viehfutter im Winter sehr lange aufbewahren lassen, entbehren. Man hat mir erzählt, daß zwar das Kraut sehr gut auf dem Fastenberg gedeihe, allein die Feldbesitzer könnten es vor den Dieben nicht erhalten. Und wenn ja dann und wann ein solcher Dieb eingefangen oder zur Anzeige gebracht worden wäre: so habe ihn die Obrigkeit wieder laufen lassen – weil er gewöhnlich arm gewesen und keine Kosten habe bezahlen können. Derartige Patrimonialgerichts-Böcke können wohl bisweilen vorgekommen sein, seit die Thurmuhr auf dem Rathhaus gebaut wurde; allein gegenwärtig, da ein königliches Justitiariat errichtet, ist wohl davon keine Rede mehr. Die Einwohnerschaft darf mit Vertrauen ihre Felder mit Kraut bepflanzen, wie die viel höher gelegenen Wiesenthäler; der Nutzen für sie und ihre Viehbestände ist von großer Bedeutung.
Wer mag Johanngeorgenstadt verlassen, ohne die freundliche Zuvorkommenheit dankbar zu rühmen, mit welcher der Fremde aufgenommen zu werden pflegt! Was die Natur hier an einladender Lieblichkeit versagt, sucht man im geselligen Leben durch Heiterkeit und fröhlichen Sinn auszugleichen. Man erzählt sich, daß diese Stadt besonders reich an hübschen Mädchen und Frauen sei; es muß wahr sein, weil es auswärtige Frauen bezweifeln.
Tief unterhalb des sich steil abstürzenden Fastenbergs gegen Morgen liegt das Eisenhüttenwerk Wittigsthal mit seinen Hütten, umschanzt mit riesenhaften Halden, Kauen, Poch- und Wäschwerken des Bergwerks und in wechselseitiger Benutzung des Schwarzwassers, welches sich hier mit dem Breitenbach vereinigt. Ein ehemaliger Hammermeister Kaspar Wittig erhielt den 28. Mai 1651 landesherrliche Vergünstigung zu Anlegung des Eisenhüttenwerks, das von ihm den Namen trägt. Eilf Jahr später, den 19. Juni 1662, erlangte er auch die Erbgerichtsbarkeit, um, wie es in dem Rescripte heißt, »das unbändige Hammervolk besser im Zaume zu halten.«
Die gegenwärtigen Besitzer dieses Werks, Nestler und Breitfeld, sind die Ersten, welche mit vielen Opfern die zur Zeit möglichst großen Holzersparnisse durch Schmelzen mit erhitzter Luft und Erbauung sogenannter französischer Feuer und eiserner Bedachungen, Gartengeländer und dergleichen errungen haben.
Ober- und Unterjugel sind beide älter als Johanngeorgenstadt, denn schon im Jahre 1571 erhielt Sebastian Preisler[9] Concession zu Erbauung einer Glashütte und 8 Häusern; ebenso hatte Johann Gabriel Löbel die Vergünstigung zu Anlegung eines Blaufarbenwerks erhalten. Die Glashütte ist längst schon eingegangen, und das Farbenwerk kaufte den 11. October 1668 der Churfürst um 8500 Thlr. an sich und vereinigte es mit dem zu Schlema bei Schneeberg, welches seitdem ein Doppelwerk genannt wird.
Uebrigens waren beide Jugel nach Eibenstock eingepfarrt, seit dem 18. Septbr. 1657 hingegen gingen sie bequemlich in die neue Kirche nach Johanngeorgenstadt.
Wir wandeln jetzt von Wittigsthal aus einen Weg nach den Quellen des Schwarzwassers hinauf, dicht an der böhmischen Grenze, und bald befinden wir uns in einer rauhen, eben nicht anmuthigen Gegend, die uns aber bald dies-, bald jenseits der Grenze manches Interessante darbietet. Als sich Prinz Albrecht, derselbe, welcher im Jahre 1455 seine Befreiung am Fürstenberge fand, mit der Prinzessin-Tochter des böhmischen Königs Podibrat vermählte, erhielt dieselbe die Herrschaft Schwarzenberg zur Morgengabe mit. Die Abgrenzung dieser Herrschaft von dem eigentlichen Böhmen mochte sehr unbestimmt, so wie die werthlose und undurchdringliche Waldung, wenig von Menschen, ungleich mehr aber von wilden Thieren bewohnt, die Ursache sein, daß man sich darum wenig kümmerte, ob einige Joche Land mit seiner Wildniß da- oder dorthin gehörten.
Am südlichen Abhange des sächsischen Fichtelberges liegt ein beschindeltes Häuflein Häuser, wie ein Volk frostiger Rebhühner, in steriler Gegend. Es ist Gottesgabe, also benannt von dem reichen Segen des damaligen Bergbaues in seiner Nähe, denn außerdem gediehen nicht immer Erdäpfel und Hafer. Churfürst Johann Friedrich befahl den 2. November 1534: »daß jedem, so sich alda niederlassen will, 15 Ellen breit und 30 Ellen lang zu einem Wohnplatz eingeräumt und ein Schichtglöckchen angeschafft werden solle.« Eben so ertheilte derselbe Churfürst ein Jahr später eine Bergordnung für das damals jugendliche Städtchen Platten; beide gehörten daher zu Sachsen. Allein die großen Jagden, welche die Könige von Böhmen und die Churfürsten von Sachsen alljährlich abzuhalten pflegten, hauptsächlich aber deren Jagdpersonal gaben vielfach Gelegenheit zu unangenehmen Irrungen, besonders bei Verfolgung des Wildes, so daß zuletzt durch den sogenannten »ewigen Egerschen Erbvertrag«, welcher den 26. October 1556 zu Schneeberg seine wechselseitige Genehmigung fand, die Grenzen zwischen beiden Ländern durch Grenzsteine bestimmt, dabei aber auch Gottesgabe, Platten und die dazwischen gelegenen Ländereien, gegen Reservat des halben Bergzehnten und diesseitiger jährlicher Gewähr von 180 Stämmen Schacht- und Grubenhölzer, an Böhmen für immer abgetreten werden.
Schon lange her ist der Bergbau in dem damals an die Krone Böhmens abgetretenen Landestheil, bis auf die Eisensteingrube Irrgang am Hengstgebirge bei Platten, ohne alle Bedeutung, und das Ausbringen von Zinn nicht mehr der Rede werth. Die sogenannten Försterhäuser und die am Streitseifen liegen ordnungslos zerstreut auf ihrem magern Boden, den nur ein dürftiges Gras bedeckt, aus welchem verkrüppeltes Ahorngesträuch und kränkelnde Vogelbeerbäumchen emporzustreben suchen.
Das Schwarzwasser, welches durch Moor- und Torfboden seinen Lauf nimmt, führt ein gelbes coventartiges Wasser, was selbst für die Wässerung nicht so tauglich ist, als da, wo es in die tieferen Gebirgswannen hinabgestiegen ist. Dessenungeachtet verlassen wir die Gegend noch nicht, bis wir den böhmischen Spitzberg bei den Försterhäusern erklettert und von da aus die fernen Gegenden nach Karlsbad hin betrachtet, auch theilweise die Grenzörtchen Börnichen und Abertham (Aberdam) betrachtet haben. Der bewaldete und aus Basalt bestehende Spitzberg hat die Form eines riesenhaften Heuschobers und wird daran, weit nach Sachsen hinein, erkannt. Auf ihm wächst, nach Paulus' Orographie, die isländische Zwergbirke (Betula nana), die ich aber nicht habe auffinden können. Von hier aus fällt das Gebirgsjoch, welches Sachsen von Böhmen trennt, steil in dieses gesegnete Land hinab; die Thäler sind tief eingefurcht und jagen ihre Gewässer rasch in die Ebenen hinaus. Die meist ärmlichen Wohnungen der Menschen hängen sich an die jähen Abhänge, die hier schon allerwärts die beschwerliche Bewirthschaftung mit reichlicherem Ertrage lohnen.
Böhmen ist das Land der Musik und sie hat sich an allen Grenzorten, wo sonst reger Bergbau war, in eben dem Maßstabe erweitert und vervollkommnet, wie jener zum Sinken kam. Preßnitz, Platten und andere Orte entsenden ganze Schaaren Musiker in fremde Länder, die oft in einem Jahre nur einmal heimkehren, um die Angehörigen zu sehen und mit Geldmitteln zu versorgen. Dieser Sinn für Musik hat sich auch weit über die Grenze nach Sachsen herein verbreitet und zur Nachahmung aufgefordert, sich den Unterhalt durch Geigen, Blasen und Pfeifen zu verschaffen.
Damit aber das Herumziehen mit musikalischen Instrumenten nicht in gemeine Bettelei ausarte und das Publicum belästige, müssen alle derartige Gesellschaften, auf Anordnung der Kreisdirection, eine Probe ihrer Leistungen ablegen und erhalten nur dann Erlaubniß für das gewählte Gewerbe, wenn solches als vorzüglich genannt werden kann. Im Laufe vorigen Jahres wurden im Kreisamtsbezirk Schwarzenberg allein von 9 musikalischen Gesellschaften derartige Proben abgelegt.
Das böhmische Grenzörtchen Abertham hat sich von langen Zeiten her einen Namen mit seinen Käsen, die es aus Ziegenmilch bereitet, erworben und bis zur Stunde erhalten. Sie haben die Größe eines Zwiebacks oder eines Zweithalerstücks und werden weit und breit verführt. In früheren Zeiten mußte die Amtsschreiberei (Rentamt) zu Schwarzenberg dergleichen Käse ankaufen und zur Hofküche nach Dresden einliefern.
Dieses Abertham mit seinem Nachbarorte Börnichen treibt noch ein anderes Geschäft, was seiner Eigenthümlichkeit halber, einer kurzen Erzählung werth ist.
Es besteht nämlich in dem oft lebensgefährlichen Aufsuchen der Gimpelnester, der Erziehung dieser Vögel (Dompfaffen) und in der Kunst, denselben Melodieen pfeifen zu lehren. Dann wird ein Handel damit nach Wien, Berlin und anderen Städten des In- und Auslandes getrieben, welcher, wenn der Fleiß des Lehrers und das Talent der Vögel gut war, viel Geld in die Heimath bringt.
Sonderbar ist es, daß nicht jeder von diesen kleinen gefiederten Lehrlingen, auch wenn sie aus einem und demselben Neste sind, gleiche Gelehrigkeit besitzt, vielmehr giebt es eben nicht seltene Fälle, daß alle Mühe und Arbeit verloren und es gerathener ist, ihnen die Freiheit wieder zu geben, wo sie durch ihre Dummheit in ihrem Vogelstaate vielleicht zu Ehrenstellen gelangen, wie überall, wo es Gimpel giebt. Die ganz schwarzen, als Seltenheit auch ganz weißen Vögel dieser Art, welche letztere rothe Augen haben wie die Albino's, lernen zwar auch wenig, werden aber dennoch als Raritäten mit in den Handel gebracht.
Von diesem kleinen Abstecher zurückkehrend, gehen wir den Mückenbach, der die Grenze bildet, hinunter und gelangen bald nach den obersten Häusern von
wo das Kaffgebirge und der Taubenfels, von Osten her wie ein Keil nach dem Thale eingetrieben ist, um Räumlichkeiten für die Einwohnerschaft zu erzwingen. Der nur erwähnte Mückenbach, der Kaff-, Zwei- und Kunertsbach treten hier zusammen und bilden mit ihrem krystallhellen Gewässer die Pöhla (Biela), welche dem Thal entlang wunderliebliche Wiesen bewässert und die Füße des Haueisens, des Ochsenkopfs, des Klötzerwaldes rechts, so wie der hintern und vordern Kehlung, des Forstwaldes und des Härtenberges links, benetzt. Dieses gegenwärtig eine volle Stunde lange Dorf gehört nicht unter die jüngern Ansiedelungen des Obergebirges, denn am 20. Juli 1584 erhielt Nicolaus Klinger zu Elterlein Concession zu Anlegung eines Hammerwerks in Oberrittersgrün, so wie der Obristwachtmeister Hannibal von Schmerzinger die Erbgerichte über sein Hammerwerk, Arnold Rothenhammer und die von ihm erbauten 17 Häuser den 13. März 1670, um für sein Hammerwerk die Berg- und Hüttenleute unterzubringen, von welchen Erstere den Lagereisenstein des nachbarlichen Rothenberges und des sogenannten Glimmer ausbeuteten.
Der Hammerberg und der Gänsegrund sonnet gegenwärtig an seinem mittägigen Gehänge eine ansehnliche Zahl ordnungslos hingewürfelter Häuser, welche in der Mehrzahl Hütten- und Waldarbeiter bewohnen.
Der Ort fand von jeher viel Nahrung im Handel und Vertriebe der Hölzer aus böhmischer Waldung, und wer die Bestechlichkeit der dortigen Forstdienerschaft zu benutzen und zu erhalten verstand, konnte es zur Wohlhabenheit bringen und selbst in dieser Lage mit dem Walddominialamt in Joachimsthal in ersprießlichem Einverständnisse leben. Jetzt ist dieser Holzverschleiß nicht mehr so lebhaft, weil in dieser Richtung hin die Waldungen niedergetrieben und gelichtet sind, deshalb aber leidet Rittersgrün ziemlich an geregelter Arbeitsgelegenheit.
Einer zahlreichen Familie mit ihren Abkömmlingen muß ich noch gedenken, die sich ebenfalls, wie in Abertham und in Börnichen, mit dem Unterricht der Gimpel beschäftigen und deshalb unter dem Namen: »Gimpel-Poller« bekannt sind. Ein Stamm davon hauset in dem sogenannten Ehrenzipfel, welcher am obern Ende von Rittersgrün einem Anbaue gleicht, welchen man an das Hauptgebäude anflickt, um etwa Auszügler hinein zu stecken.
Wir gehen dem Flusse entlang nach den aus 16 Häusern bestehenden Schweizerdörfchen
KLOBENSTEIN.
hinab und begreifen nicht, wie es hat kommen mögen, daß sich Menschen in einem solchen Felsengewirre ansiedeln konnten. Das Thal ist enge; hier thurmhohe, den Einsturz drohende Gneus- und Glimmerschiefermassen; da eine Wüste von Felsgetrümmer, als hätten sich Riesen damit geworfen, und dennoch hier und da ein Stückchen Feld oder Grasboden, hervorgemartert unter vielen tausend Gesteinstücken, die wie Wälle haushoch um die kleinen Herrlichkeiten aufgeschichtet sind, weil es außerdem weiter keine Räumlichkeit gab. Die kleine Einwohnerschaft sieht die Sonne eine Stunde später auf- und eben so lange früher untergehen, was das Forststrafgesetzbuch vom 2. April 1838 S. 181 hätte bemerken sollen.
Die Pöhla zerschellt ihre farbenlosen Wellen unter Tosen und Rauschen an den Klippen, womit ihr Bett belastet ist, und wirft sie in weißem Schaum die regellose Treppe hinab nach der sanfteren Mündung. Hier am Fuße des Drachen- und Rottenberges ist ihr Weg mit Türkis und Smaragd[12] bestreut, beide Ufer mit Laubholz und Blumen bekränzt, unter welchen sie noch weithin die Mädchenjahre vertanzt. Hebel in seinen allemannischen Gedichten konnte kein schöneres Bild für seine Wiese wählen, als das eines Mädchenlebens. Gar oft saß ich am westlichen Abhange des Zigeuners,[13] lauschte dem Gekose der Wellen und dem Geplätscher kaum geborner Quellen, wie diese sich bald überkugelnd der älteren Schwester nacheilen, bald tändelnd umher die Blumen auf nachbarlichen Wiesen tränken und dann auf den wunderlichsten Wegen ihre Führerin wieder zu erlangen streben. Hier tanzt die lebensfrohe Pöhla über die Räder der Mühlen, dort macht sie gewaltige Pas über die Wehre. Es ist die schottische Zeit des Mädchens. Die frühzeitige Verbindung mit dem Schwarzwasser bringt eine andere Farbe in ihr heiteres Leben und Tropfen der Wermuth, herabgesandt von Beyerfelds Vitriol- und Schwefelwerk, verbittern ihr die Ehe. Adoptirt von der Mulde bei Aue, entschließt sie sich zur weitern Reise in die Elbe und mit dieser vielgeprüften Lebenssatten in die Wasserewigkeit der Meere. Hier wird sie über lang oder kurz, vielleicht unter tropischen Himmelsstrichen, durch die Macht der Sonne zur Auferstehung gerufen; geisterartige Gebilde erheben sich aus dem großen Todtenacker der Flüsse, formen sich in Wolken und geben sich in endlos wechselnden Gestalten den entferntesten Ländern in erquickendem Thau und Regen kund, um den Glauben ihrer
an die Fortdauer nach dem Tode und an das Wiederfinden der früher Heimgegangenen zu befestigen.
In den 109 dicht zusammengedrängten und vielfach in einander verkästelten und beschindelten Häusern, mit Einschluß von dem nebenangelegenen Kleinpöhla, wohnen nicht weniger als 1489 Menschen, von welchen das Männergeschlecht bei den beiden Hammerwerken, dem sogenannten Biedermann'schen und dem Pfeilhammer, großentheils seine Nahrung findet, Weiber und Kinder hingegen das Spitzenklöppeln treiben. Schon im Jahre 1593 besaß Hans Klinger den Pfeilhammer und nach ihm der Hauptmann Karl Goldstein zu Quedlinburg und der Kammermeister Marcus Röhlig 1600. Das Erbgericht zu Großpöhla erhielt Velten Hans durch den Grafen Ernst von Schönburg zuerst in dieser Eigenschaft. Die Leistner'sche Spitzenhandlung ist sehr gut renommirt, auch die großartige Kalkbrennerei und der Magneteisensteinbergbau des Pfeilhammerbesitzers. Großpöhla ist in dem Rufe, viel schöne Mädchen und Weiber zu haben, denen jedoch eine große Geschwätzigkeit und ein solcher ungemeiner Wortverbrauch im Conversationsleben, das heißt unter sich, eigen ist, wie es im Gebirge nicht leicht wieder vorkommt. Sie wiederholen nämlich häufig die Phrasen stückweise; z. B. »Wo gehst Du hin – gehst de?« – »Was machst Du denn Mahd (Magd) – he, Mahd?« – »Kneip die Katz nicht in Schwanz – kneip se, sie hot Junge im Leib – hot se.« – »Tausende, güldige, schöne Band-, Borden- und Zwirnlorn von Ehrenfriedersdorf, sei sie ner amol so gut und hol' sie mein'n Bruder 'n Gevatter Schererzgottlieb a weng Tobakpfeifenfeuer 'rein;« statt: »hole doch meinem Bruder Tabakfeuer;« – mag wohl erdacht sein, ist aber für die Vielredenheit sehr bezeichnend. Zu der Geschwätzigkeit gesellt sich noch unter den Proletariern eine Menge sonderbarer Gebräuche und das Familienleben bezeichnender abergläubischer Gebahrungen, besonders zur Weihnachtszeit, denen man in folgendem Liedchen begegnet, welches eine Pöhlaerin in ihrem Dialekt selbst zum Verfasser hat.
Nachdem die Pöhla den Lux- und Friedrichsbach aufgenommen hat, tritt sie hinaus in ein breites, lachendes und mit Wiesen und Feldern bedecktes Thal – das erzgebirgische Chamouny. Es ist das einzige Längen- oder Hauptthal des Obergebirges, welches sich vom Fichtelberg herab bis nach Zwickau und mithin von Osten nach Westen zieht und alle Wässer der Transversalthäler, als die Pöhla, das Schwarzwasser, Mulde und dergl., aufnimmt und sie zu folgen nöthigt. Der breite, fächerartig entfaltete Schatz von Feldern des mit ungefähr 2200 Menschen bevölkerten Dorfes Raschau und die an seinen Flanken wie bunte Wäsche herumgelegte Länderei des Dorfes Grünstädtel (sonst Dorfstädtel genannt) liefern eins der lieblichsten Bilder des Erzgebirges. Die Strohdächer der Begüterten beurkunden eine gewisse bäuerliche Wohlhabenheit, die sich durch Berechtigung zu städtischer Gewerblichkeit im Dorfe Raschau unterhält, indem die Erzeugnisse des Areals rings umher einen sichern und schnellen Absatz finden. Seit etlichen zwanzig Jahren ist ein Bad hier, etablirt von einem gewissen Dr. Karch aus Annaberg; allein, wenn schon das Wasser einige Grade wärmer ist, als die den Ort durchwässernde Mittweida, so dürfte man doch schwerlich mehr Wirkungen darin finden, als die der Reinigung, was bekanntlich auch heilsam für den Körper ist.
Das hiesige Vitriol- und Arsenikwerk Allerheiligen hat in der neuern Zeit eine größere Bedeutung erhalten und wird in den Händen des gegenwärtigen Besitzers ein besseres Gedeihen finden.
In dem Thale aufwärts dehnen sich die Dörfer Mittweide, Markersbach und Obermittweider-Hammer immer so, daß sie sich die Hände reichen; doch sind sie, weil rechts und links die Gneus- und Glimmerschieferberge näher zusammenrücken, in eine engere Thalschlucht eingebettet, die man in der Gegend »den Grund« zu nennen pflegt. Ueberall gewerbliche Lebendigkeit, hauptsächlich Nagel- und Plattenschmiede, und ziemlich mühsamer, aber doch, wegen des milden Klimas, noch lohnender Feldbau. Von Markersbach gegen Morgen hebt sich das Gebirge stufenweis über Unter- und Oberscheibe nach
dessen geradlinige Gassen 165 Häuser bilden. Es hat 790 Einwohner, die sich hauptsächlich mit Fertigung von Band, Borden, Blonden, Fransen, auch Spitzenklöppeln beschäftigen. Eine vor etwa 17 Jahren angelegte Pappfigurenfabrik scheint sich keiner rentirenden Lebendigkeit zu erfreuen. Dieses Städtchen, in dessen Nähe ein gewisser Kaspar Klinger im Jahre 1515 reiche Silbererze erschürft hatte, wurde 1525 von Ernst von Schönburg, welcher diese Gegend bis Oberwiesenthal hinauf mit seiner obern Grafschaft Hartenstein bis zum Jahre 1559, wo solche der Kurfürst August an sich kaufte, besaß, am westlichen Fuße des Scheiben- oder auch Orgelberges zu Gunsten der Bergleute angelegt. Der Bergbau hat jedoch in der spätern Zeit seine Segnungen vertagt und die Gegenwart das Absehen auf solche materielle Interessen gerichtet, die leichter zu beurtheilen und ohne Anlagecapital schneller erreichbar sind, oder zu sein scheinen. Und so haben alle menschliche Unternehmungen in ungeregelten Pausen ihr Steigen und Fallen.
Der Scheibenberg, dem gleichnamigen Städtchen gegen Südost gelegen, erhebt sich 2443 pariser Fuß über die Nordsee und seine schwarze Basaltmasse gleicht, aus der Ferne gesehen, dem Hügel eines Riesengrabes, wie der hinter ihm nach Ost und Süd gelegene Pielberg und Bärenstein, die mit ihm ein rechtschenkliges Dreieck bilden, deren Winkel eine Meile von einander entfernt liegen. Dieser Scheibenberg ist es auch, welchen der berühmte Bergrath Werner in Freiberg als Beweismittel für seine Neptunität aufstellte und dadurch einen interessanten Streit mit den Plutonisten hervorrief.
An seinem Fuße gewinnt man Thon (Wackenthon), groben Sand, aus Quarzgerölle bestehend, und Streusand, welcher ein Gegenstand des Handels ist.
Wunderlieblich ist aber die Um- und Fernsicht auf dem langgedehnten Plateau des Berges selbst. Gegen Osten, tief im Thale, durch welches die jugendliche Zschopau fließt, haben sich die 156 Häuser des Städtchens Schlettau mit einer Mauer umgürtet, hinter welcher sich im Hussitenkriege 1429 die Einwohner zwar tapfer, aber vergeblich vertheidigten. In dem dortigen Schlosse, außerhalb der Ringmauer befindet sich gegenwärtig die Looßische und Naumann'sche Spinnfabrik, deren Besitzer sich zugleich in der neuern Zeit als Baumzüchter empfohlen und eigentlich den Anfang gemacht haben, das kahle Städtchen mit Laubgrün zu umhüllen. Schlettau hat für seine Häuserzahl ungewöhnlich große Feldflächen (2800 Acker à 2 Scheffel), die der Einwohnerschaft, neben dem Posamentir-, Spitzen- und Blondengewerbe, hauptsächlich Nahrung und Unterhalt gewähren. Man sagt von den Schlettauern sprüchwörtlich: »wenn die Bauern auf dem Felde sind, ist kein Bürger zu Hause.«
Gegen Mitternacht dehnt sich das Städtchen Elterlein mit 194 meist hübschen Häusern und 1888 Einwohnern an dem südöstlichen Abhange des Schatzensteines hinauf, damit es von da aus seinen Reichthum an Feldern, Wiesen und Torfbrüchen übersehen kann; denn auch hier ist Feldbau und Viehzucht, wie in Schlettau, die Hauptnahrung, und wer diese nicht hat, ist immer mehr oder minder, bei allem Fleiße und aller Sparsamkeit, in seinem täglichen Unterhalte durch Mangel bedroht, wie dies die Schaar von Schuhmachern und Nagelschmieden lehrt. Eine Menge Roßhändler hausen ebenfalls im Orte, und wer viel Geld hat, kann immerhin wohlfeile Thiere bekommen.
Vor Jahrhunderten breitete sich eine dichte Waldung von hier aus bis Wiesenthal an der böhmischen Grenze. Reisenden war in der Nähe, wo jetzt Elterlein liegt, ein Altärlein für die Andacht aufgerichtet, um welches sich bald einige Häuserlein erhoben, die Schutz und Nahrung gewährten. Sie hießen: »die Häuser am Altärlein« und gaben Anlaß für die allmählige Erbauung des Städtchens, welches in seinem Rathssiegel ein Altärlein mit 2 Kerzen bis zur Stunde führt und eigentlich Altärlein, statt Elterlein heißen sollte.[14]
Noch werfen wir einen Blick von unserm Scheibenberge aus gegen Süden; ein langes Dorf, Crottendorf genannt, zieht sich mit seinen 294 Gütern und Häusern, welche 2530 Menschen bewohnen, über eine Stunde lang herab, nach dem umbuschten und in Laubgrün gehüllten Walthersdorf. Beide haben weit ausgedehnte Fluren für ihren bedeutenden Flachsbau, der leider! meist roh in's Ausland verführt wird, weil Niemand spinnen kann und mag, so lange das Spitzenklöppeln einige Pfennige für den Tag mehr einbringt. Nicht weit entfernt vom obern Theile Crottendorfs liegt der sogenannte fiscalische Marmorbruch, der mehr für eine großartige Kalkbrennerei, als für die Bildhauerkunst benutzt wird, weil ein dortiger Marmorarbeiter sich mehr andern Beschäftigungsarten zugewendet hatte und dabei seine eigene Kunst vernachlässigte. Wir verlassen die Berghöhe, auf welcher kein Strauchholz die Aussicht störte, indem wir dem fernen Greifenstein im Norden, welcher seine wulstigen Granitmassen noch über die ihn umgebenden Fichten erhebt, so wie dem entlegenen Auersberg im Westen und dem Fichtelberg im Süden einige freundliche Blicke zuwerfen, und treten bald eine zweite Wanderung an, ehe die Sonne lange Schatten zieht.
Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig.