Am frühen Morgen schlüpften die beiden Mädchen in die Kleider als hätten sie gestohlen und machten sich eiligst aus dem Staube, ehe alles im Haus zum Leben erwachte. Sie banden sich die Schuhe in ihrer Hast auf der Dorfstraße zu. Als sie in den Gutshof traten, kam ihnen Budang entgegen. „Na, wie habt Ihr denn geschlafen?“ rief er.

„Da schlaf’ einer,“ bekam er von Röse zur Antwort, „das sind ja miserable Zustände dort!“ Jetzt kam auch der alte Sperber auf sie zu, schlug die Mädels zum Morgengruß auf die runden Schultern:

„Pastors Kinder und Müllers Vieh

Gedeihen selten, — oder nie.“

fügte er belehrend hinzu.

„Das muß wahr sein,“ brummte Röse.

„Wenn das so bekannt ist, daß man sogar einen Vers darauf gemacht hat, da sollten die Pfarrer doch wahrhaftig lieber keine Kinder haben, wenigstens nicht so viele, wie Deiner drüben.“

„Da bin ich ganz Deiner Meinung,“ nickte der Gutsbesitzer nachdenklich.

„Ja, aber mit dem Vers, Röse, wenn Du wüßtest, wie wenig es nützt, ob auf das Ding ein Vers gemacht ist oder nicht. — Da unten, Eure Gesellschaft, frag sie nur, was es der Welt nützt, daß sie solche strafbare Massen zusammenschreiben — in dem verruchten Nest! Sie werden selbst sagen, wenn sie noch einen Tropfen gesunden Verstand übrig behalten haben, daß alles beim Alten bleiben wird. Was schwarz und weiß dasteht, hilft verflucht wenig; nur die Dinge sind die wahren, die aus den Tages- und Nachtstunden, wie aus ihrem Erdreiche selbst herauswachsen. Das andere Zeugs taugt nichts! Es ist gut, daß wir einmal darauf kommen, ich muß sagen, mir ist’s lieb, daß zwischen mir und Eurem verdrehten Weimar der gute, alte Ettersberg liegt. Bei Euch ist mir die Wirtschaft mit der Dichtersbagage nachgerade zu überschwenglich geworden! Das geht ja über unsereins hinweg, als wären wir bis aufs letzte im Preise gesunken! Na, mich hat Weimar lange nicht gesehen; fragt einmal, was dazumal, ehe der Schwindel bei Euch losging, der alte Sperber in Weimar galt, fragt einmal, ob er nicht überall der erste gewesen ist. Ja, das waren damals noch Zeiten! — Du lieber Gott!“ —

Der Gutsbesitzer ging gedankenversunken zwischen den beiden Mädchen.

„Na,“ sagte Röse begütigend, „wie die Zeit für den Herrn Paten bei uns vergangen ist, so vergeht sie auch für die andern.“

„Nur mit dem Unterschiede,“ setzte der Gutsbesitzer hinzu, „den alten Sperber haben sie bei Lebzeiten schon vergessen. Mit denen jetzt werden sie’s anders halten.“

„’s ist auch natürlich, Pate,“ meinte Röse. „Die haben auch ihren redlichen Plack gehabt, bis sie so weit gekommen sind. Wir wollen’s ihnen gönnen, du lieber Himmel, und wenn ich dächte, ich sollte mein lebelang wie unsere Weimarischen arbeiten, um schließlich berühmt zu werden. Proste Mahlzeit, ich würde mich bedanken!“

„Hör’ einmal, Röse,“ unterbrach Budang sie, „laß Horny so etwas hören, der hat so wie so gesagt, daß wir dich das nächste Mal nicht mit ins Theater nehmen, weil Du so unartig und unverschämt sprichst, und dann will ich den Jammer nicht sehen.“

„Wenn Ihr Röse nicht mitnehmt, geh ich auch nicht,“ bekam Budang von Marie zur Antwort, und die Sache war erledigt.

Ein überreichliches Frühstück versammelte die ganze Gesellschaft. Währenddem wurde beraten, was man weiter beginnen wollte, und schon im voraus gab der Tag, da alle Wünsche betreffs der Unternehmungen zusammenfielen, das heiterste und anmutigste Bild. Es war für den Nachmittag ein Gang auf des Paten große Wiesen verabredet, auf denen gerade Heuernte gehalten wurde. Sie zogen nach Tisch aus; die Gutsbesitzerin hatte ihnen einen Korb voll verlockender Gegenstände gepackt, die Ernst Schillers Reitpferd aufgeladen wurden. Das gute Tier mußte seine Motion haben.

Dieser fröhlichen Heufahrt, als sie am Nachmittage zur Ausführung kam, gab Röse einen ganz besonderen, interessanten Beigeschmack.

Auf des Paten Wiese war ein großer Teich, an dessen Ufer die Gesellschaft sich gelagert hatte.

Röse war wie besessen vor Vergnügen über das schöne Wasser, hatte sich platt an das Ufer gelegt und die Arme in den Teich gehängt, und diese hübschen, festen Arme „Fisch“ spielen lassen. — Zu dieser Vorstellung verlangte sie, daß alle zusehen müßten. — „Nun seht doch, seht doch!“ rief sie. „Wie sie in den Grund fahren, die beiden großen Hechte — da wird wohl etwas für ihren Schnabel stecken; — da, und nun sind sie wieder oben und plätschern.“ Und während sie das erklärte, spritzte sie um sich her, daß die hellen Wasserfunken über sie und die Zuschauer hinfuhren. Darauf sprang sie in die Höhe — um sich irgend eine andere Vergnüglichkeit auszudenken. Und nach unendlichem Gaukeln und Tollen platschte Röse von einem Steg, der zum Schöpfen in den Teich hinausgebaut war, wie es kaum anders zu erwarten stand, endlich ins Wasser.

Es wurde, während sie noch darin steckte, von Marie statistisch bewiesen, daß es das siebente Mal in Röses Leben war, daß man sie aus dem Wasser ziehen mußte. Marie litt auch nicht, daß einer der Kameraden sich hineinstürzte, um die Schwester zu retten.

„Wartet nur, ich will es schon sagen, wenn es nötig ist. Es wäre ja schade um die Anzüge.“

„Röse, stehst Du, hast Du denn Grund?“

„Ja,“ prustete Röse, die tüchtig getaucht war, und der das Wasser bis an das Kinn ging.

„Dann tapp vorwärts,“ kommandierte Marie mit aller Kaltblütigkeit. Die beiden hatten Routine und benahmen sich bei solchen Gelegenheiten tadellos.

„Hier ist verdammter Schlick am Boden! Pfui Kuckuck!“ schimpfte Röse.

„Warum bist Du ’rein gefallen!“ gab die Schwester zur Antwort. „Vorwärts!“

Budang und Ernst von Schiller zogen den Fisch schließlich zum Ufer hinauf.

„Nehmt Euch in acht, nehmt einen Stock, daß sie Euch nicht so sehr anfaßt!“ ermahnte Marie bei dieser Prozedur fortwährend. „Ihr habt keine Wäsche weiter mit.“

Da stand nun der arme Schelm, die Röse, in der warmen Sonne lebendig zwar, aber triefend und tropfend. Um die allerliebste Gestalt lag das dünne Kattunkleidchen wie ein Schleier, aus den Zöpfen rannen Wasserbächlein.

Ernst von Schiller war auf seinem geschmähten Reitpferd davon galoppiert, um ihr vom Gute Kleider zu holen.

Franz Horny, der zukünftige Maler blickte wie versunken auf Röse hin und sagte ruhig und träumerisch, wie es seine Art war, zu Budang: „Giebt es etwas Hübscheres, als unsere beiden Mädchen?“ Budang nickte ihm zu.

Inzwischen hatten sie Rösen ein Kämmerchen aus duftendem Heu aufgeschichtet, in dem sie aus ihren nassen Kleidern in trockene kriechen konnte, die durch Ernst von Schillers Bemühen und durch des Pferdchens Anstrengung schnell genug da sein mußten. Und so schnell, wie es sich irgend erwarten ließ, kam er auch angesprengt und schwenkte das punktierte Kleid lustig, wie eine Fahne. Als er Marie alles überreichte, sagte er in der lebendigen Erregung des schnellen Rittes: „Famos ist es, was für Unsinn die Leute sagen, wenn man mit einer unverhofften Nachricht kommt. Die Patin steht in der Thür, und ich rufe: Röse steckt im Wasser bis über die Ohren! Herr Jeß! schreit die Patin: Da ist sie gewiß naß? Damit war sie aber schon in vollem Trab ins Haus hinein und nach den Kleidern.“

Marie reichte der Schwester die Sachen in das Heukämmerchen von oben hinein. Und es dauerte nicht lange, da bohrte sich Röses freudestrahlendes Gesicht durch die duftende Wand.

„Ich bin jetzt schon ganz hübsch trocken!“ versicherte sie der Gesellschaft. „Es dauert gar nicht mehr lange, aber es geht so schwer, ich muß mich auf den Knieen anziehen, sonst gucke ich oben übers Heu heraus!“

„Na, mach nur,“ rief Marie, „und trödle nicht!“

Als Röse nun wieder im Schmucke des punktierten Gewandes, heiter und lustig wie ein Morgenstern, durch ihre Heumauer kroch, stieg die prächtige Laune höher und höher. Sie sprachen dem Äpfelwein der Patin auf das lebhafteste zu, verzehrten, was sich von ihrem Vorrat verzehren ließ, alles, bis auf Gläser und Teller, und verabredeten für den andern Tag abends einen Rettungsball zu Rösens Ehre. Die Volontäre auf dem Gute wollten sie veranlassen, noch einige Freunde und Mädchen aufzufordern, denn die Sache sollte außerordentlich werden.

Und es kam zu diesem Balle. Es kam zu allem Glanze dieses Balles, es kam noch zu den schönsten Stunden.

Die blumengeschmückten, hübschen Kinder tanzten bis in die stille Nacht mit ihren lieben Kameraden, schienen die fremden Gäste nur deshalb gewünscht zu haben, um desto ungestörter mit den Freunden zusammen sein zu können, und es war ihnen eine Erhöhung des Vergnügens, daß sich außer ihnen noch mehr festliche Gestalten im Garten und Haus bewegten. Durch ihre frohen Gäste bekamen sie wohl unbewußt die Bestätigung, daß das Leben wirklich schön, wirklich überreich sei. Was that es den Ratsmädchen, daß sie aus dem lustigen Treiben am späten Abend in das Schlafzimmer der Pfarrerskinder schlüpfen mußten, daß sie dort nachtsüber allerlei Abenteuer durchzumachen hatten, allerlei sonderbares Zeug und viel Geschrei und Gezänk.

Sie hatten sich auch bald in Respekt gesetzt durch tüchtige Püffe, die sie am Morgen von ihrem Bette aus, halb im Schlaf, jedem versetzten, der sich ihnen nähern wollte, und sie blieben unbehelligter.

Tagelang hatten sie schon auf dem Gute die Zeit überdauert, die sie anfangs bleiben wollten, da kam eines Morgens Franz Horny in den Pfarrersgarten gelaufen und pfiff vor dem Fenster des großen Schlafzimmers.

Die Mädchen hörten es und schlüpften eiligst in ihre Kleider und standen bald erwartungsvoll draußen vor der Thür.

„Macht Euch fertig,“ rief Franz Horny, mit der Miene, als käme er, etwas Herrliches zu verkünden. „Macht Euch fertig, wir gehen heut’ alle miteinander hinunter nach Weimar ins Theater. Wir wollen uns schon hineindrängeln, da seid ohne Sorge. Sie geben ein neues Stück von Goethe, den ‚Tasso‘.“

„Wir sind dabei,“ meinte Marie. „Und wer wollte Rösen erst nicht mitnehmen?“

„Laß sein! Die kommt natürlich mit. Flöten-Lobe wird uns schon wieder einlassen!“

„Flöten-Lobe?“ fragte Röse gedankenlos.

„Ja doch,“ antwortete Horny.

Daß es jedermann genau wisse: Etliche Thüren und Pförtlein im Theater wurden besonders geschlossen, und ein junger Musiker hatte die Aufsicht, er hieß Lobe, blies die Flöte, folglich „Flöten-Lobe“.

Diesen verband eine warme Freundschaft mit unseren Helden, und diese Freundschaft vermochte ihn, der Kasse des Theaters ein Schnippchen zu schlagen, so daß die leichtsinnige Gesellschaft auf Schleichwegen ihre Kunstgenüsse umsonst hatte, was bei einem Kunstgenuß von schöner und bedeutungsvoller Wirkung ist.

Wären die Ratsmädel auf bezahlte Theaterplätze angewiesen geblieben, da hätte es windig damit ausgesehen; aber deshalb, weil sie zwei schlimme Schmeichelkatzen waren und mit aller Welt anbanden, und weil sie so viele gute Freunde hatten, saßen sie im Theater, wann sie Lust spürten, hörten die herrlichsten Dinge, sahen vielberühmte Menschen — und gaben nie einen Heller dafür aus.

Heute also wurde ‚Tasso‘ gegeben. Das war unsern beiden recht. Besonders wohl weil sie fürs Leben gern etwas Neues sahen.

So verabschiedete sich die Gesellschaft mit tausend Dank und dem Versprechen, sehr bald zurückzukehren, von ihren Wirten und zog mit dem gepackten Pferdchen den Ettersberg hinab, Weimar zu, einem neuen Genusse entgegen. —

Frau Rat empfing ihre Kinder auf das liebevollste und zärtlichste, ging gern auf ihren Theaterplan ein, hatte dies und das an ihren Fähnchen auszubessern, denn so ein paar übermütige Tage nehmen den Sommerstaat ausgelassener Mädchen stark mit, und Frau Rat wollte, wenn die Kinder auch auf Hintertreppen und Schleichwegen ins Theater gelangten, daß sie ihr, wenn sie glücklich darin säßen, wenigstens keine Schande machten.

Sei Du gepriesen, Frau Rat!

Es soll Dich niemand schelten, der sich klüger dünkt und in rechtlichen Dingen korrekter zu denken gewohnt ist, als Du!

Budang und Franz holten die Mädchen ab, und die Mutter ermahnte noch zur Vorsicht, wegen des Erwischtwerdens.

„Da seien Sie außer Sorge, Frau Rat,“ sagte Budang, einigermaßen in seiner Ehre gekränkt. „Wenn die Mädchen mit uns sind, geschieht ihnen nichts. Wir haben sie noch jedes Mal durchgebracht.“

Und es ging auch diesmal vortrefflich. Flöten-Lobe hatte die Thüren aufgelassen, die zum Einschlüpfen erforderlich waren, und bald standen sie in dem heiligen Raume, zuerst sehr bescheiden in einem Eckchen; aber schon mit dem Vorhaben, sobald es thunlich, ein paar recht gute Plätze zu erwischen.

„Da ist er schon,“ sagte Franz Horny und blickte nach Goethes kleiner, düsteren Loge, unter der herzoglichen. Dort in der Dämmerung saß er.

Der Vorhang ging auf, und Schönheit, Reinheit und Vollendung strömte über die Seelen hin. Weihe umhüllte alle, andächtiges Schweigen erfüllte den Raum, und die Herzen der Schauenden schlugen in erhöhtem Leben. Die ernste Gestalt in der kleinen, dämmerigen Loge verschwand zu Zeiten, war dann wieder gegenwärtig. Welch ein Abend war dies, welch ein Empfinden, den Schöpfer solcher Größe, solcher Schönheit nahe zu wissen! Über unsere guten Freunde war alles Große, was sie hörten, erhebend, mächtig gekommen.

Sie waren alle verschönt und gaben ein Bild beseligter Jugend ab. Sie sprachen kein Wort, aber sie hatten das einige Gefühl, daß sie miteinander genossen und das Vertrauen zu einander, daß jeder verstand und jeder entrückt war.

Nach dem Ende der Vorstellung blieben sie an einer Thüre draußen auf dem Platze stehen.

„Ich will ihn heute noch einmal sehen,“ sagte Franz Horny leise zu den Mädchen. „Wir wollen hier warten.“ Und sie warteten. Ernst von Schiller hatte sich auch noch zu ihnen gefunden. Bald gingen sie einer mächtigen, schön schreitenden Gestalt nach, die in einen weiten Mantel gehüllt war; alle schweigend.

Sie gingen durch die Esplanade, die Frauenthorstraße und folgten der Spur des größten Menschen.

Sie sahen ihn die Stufen zu seinem Hause ruhig hinanschreiten. Sie sahen ihn eintreten und blickten hinauf nach den erleuchteten Fenstern.

So standen sie eine Zeitlang.

Marie sagte: „Hört einmal, weil alles jetzt gar so schön war, da wollen wir auch einmal etwas thun: in Wielands Garten blühen jetzt die Lilien, die ganze Partie um die Kaffeeküche ist voll davon. Von Iris haben sie auch ganze Klumpen in Blüte — und was man sonst noch findet. Ihr,“ sie wies auf die Kameraden, „Ihr sollt übersteigen und zusehen, was Ihr bekommen könnt. Wir sagen es Wielands einmal, oder sagen es auch nicht, wie es sich macht. Es wächst dort wie Unkraut. Die Blumen binden wir dann in zwei große Büschel an die Kettensteine hier vor der Treppe. Er wird sie morgen schon sehen, aber es müssen tüchtige Büschel sein, viel Grünes dazu. Bast zum Binden, daß wir sie an den Steinen festbekommen, der hängt in Wielands Kaffeeküche, links am Haken, hinter der Thür.“

Die Freunde waren einverstanden und machten sich in aller Begeisterung auf, um unschuldsvoll in Wielands Garten einzubrechen.

Ernst von Schiller, Budang und Horny kletterten glücklich über, warfen den Mädchen ganze Ladungen der frischesten, tauigsten Blumen zu und Zweige Bandgrasbüschel — Röse und Marie rafften und banden mit brennenden Wangen, was ihnen zufiel, zusammen — und ehe die drei glücklichen Diebe wieder zurückgestiegen waren, standen die Mädchen schon bereit, jedes mit einem Riesenwerk von einem sommerlichen Strauß in dem Arme.

„Der Tausend, so viel haben wir gelangt?“ rief Budang erstaunt.

So zogen sie denn wieder beladen zurück. Und bald duftete es um die Prellsteine an den breiten Stufen, die zur Hausthür führten, von dem Blumenopfer, das die begeisterten, von Lebensgenuß und Jugendkraft durchdrungenen Diebe gebracht hatten.

Während Röse sich noch an ihrem Strauß etwas zu schaffen machte, sagte sie: „Übrigens ist es kein Wunder, wenn es ihm,“ sie zeigte hinauf nach dem Fenster, „so gelingt. Wenn man einmal ein großer Mensch von Natur ist, da braucht man nur zu leben, und es macht sich von selbst, gerade so, wie sich bei uns nichts macht. Mir thut Ernsten sein Vater leid, daß er so früh hat sterben müssen.“

Ohne daß sie noch ein Wort dazu sprach, steckte sie eine Knospe, die sie aus dem großen Blumenreichtum brach, ihrem guten Freunde an die Brust.

Jetzt brachten die drei Kameraden die Mädchen nach Hause, und über die schönen Erlebnisse des Tages sanken die Träume.

Dritte Geschichte.
Handelt von der alten Kummerfelden.

So ungebunden das Leben unserer Ratsmädel sich gestaltete, so geschah es doch, daß sie hin und wieder ernstlich angehalten wurden, etwas Vernünftiges zu treiben.

Die Mutter sah ihre Kinder als vollgiltige Geschöpfe an, deren Willen und Neigungen man berücksichtigen mußte. Gegen das Erlernen von fremden Sprachen und Musik hegten sie von früh an, wie gegen etwas völlig Überflüssiges und Zeitverderbendes, einen heftigen, unüberwindlichen Widerwillen, der nach manchem Versuch, die Mädchen anders zu überzeugen, geachtet worden war. Man hatte sie in der stark ausgesprochenen Neigung, ihren Geist von jenem Ballast frei zu halten, schließlich nicht mehr gehindert.

Frau Rat war der ruhigen Überzeugung, daß ihre Mädchen mit gesundem Menschenverstand genügend versorgt seien, so daß sie das Darum und Daran zur Not entbehren konnten, ja, daß man kaum bemerken würde, daß ihnen etwas, worauf andere großen Wert legen, abgehe. Sie dankte ihrem Gott dafür, daß die beiden Rangen zu Handarbeiten einige Neigung zeigten, und war froh, daß es sich mit ihnen so und nicht anders gestaltet hatte, denn hätten sie in Musik und Sprachen bis über die Ohren gesteckt und dabei ihrer Hände Arbeit verächtlich von oben herab behandelt, so wären sie für Frau Rat ein paar rechte Sorgenkinder geworden, denn diese baute alle Hoffnung für eines Mädchens Glück und Zufriedenheit auf deren Fleiß, Ordnungsliebe und kluge Selbstthätigkeit im Hause, mochte das Mädchen dann sein, wie es wollte, es würde sich sicher als Frau dem Manne doppelt nützlich machen, denn wo auch Schönheit, Leidenschaft vergeht, bleiben Ordnung, Behagen, Fleiß als liebgewordene Gewohnheit zurück und treten in volle Rechte ein. — Und Frau Rat erkannte bei allem Übermute und aller Unart ihrer Mädchen dennoch einen guten, vertrauenerweckenden Kern in ihnen. In guter Einsicht hatte sie neben dem kärglichen Schulunterricht, den die beiden genossen, für tüchtige Kräfte gesorgt, die ihnen Anweisung in der Kunst weiblicher Handarbeit erteilen sollten. — Da war zuerst die Jungfer Concordia, die mit aller Liebenswürdigkeit ihrer sanften Person auf unsere beiden eingewirkt hatte und ihnen auch mit mancherlei Kenntnissen unvermerkt beigekommen war.

Als Jungfer Concordia von Kränklichkeit oft heimgesucht wurde und die Mädchen nicht immer um sich haben konnte, riet dieselbe der Mutter, Röse und Marie zu der alten Kummerfelden zu thun, die in jeder Weise eine vertrauenerweckende Persönlichkeit sei.

Und so geschah es; unser Kapitel soll von der alten, wunderlichen Kummerfelden handeln und ihrer damals weit berühmten Nähschule. Die besagte Madame Kummerfelden war, wie männiglich bekannt, früher Schauspielerin gewesen und zwar eine große Künstlerin, vortreffliche Darstellerin der Julia und Ophelia. In Hamburg, Frankfurt, Leipzig und Weimar hatte sie einen guten Namen gehabt. Jetzt saß sie in einem kleinen Häuschen, das sie in Weimar den Entenfang nannten. „Entenfang“, weil es an einem Wassergraben lag, in dem die Enten der Flederwischmühle ihr Wesen trieben und vor einer Schleuse in der Nähe des Häuschens Halt machen mußten.

Die Schleuse, die in einem versteckten, von dichtem Buschwerk überwachsenen Winkel lag, hatte den Müller schon um manchen fetten Braten gebracht, denn verdächtiges Gesindel wußte von diesem Versteck aus die Enten, die sich dort gern aufhielten, da sich daselbst allerlei Vorzügliches für ihren Geschmack staute, zu beschleichen und wegzukapern.

So wohnte die Kummerfelden im Entenfang, und im Entenfang hielt sie ihre vielbesuchten Nähstunden. — Das kleine Haus, es steht noch, hatte sich jedenfalls ein närrischer Kauz vor langen Jahren nach seinem Behagen und Geschmack erbaut, und der Geschmack bewies, daß der Erbauer desselben einiges überflüssiges Geld besessen, denn auf die sonderbarste Manier hatte er an unmotivierte Stellen und Ecken des Häuschens kleine Säulen, die nichts trugen und stützten, anbringen lassen. Wo es ihm beliebt hatte, klebte an der Wand, auf einem Konsol oder irgend einem Vorsprung, ein Säulchen, auch über den Thüren standen sie zu dreien und vieren; alle hatte man, wie die Wände, gleichmäßig gelb übertüncht, und sie waren der Ärger der Kummerfelden, solange dieselbe das Häuschen bewohnte.

Sie hatte in einer erbosten Stunde berechnet, daß an die dreihundert Reichsthaler durch die verwünschten Säulen und Säulchen an den Wänden und in den Ecken verbaut waren, und dieser tote Schatz war ihrem praktischen Sinn ein wahrer Ekel.

Was ihr Haus aber lieb und wert machte, mochte eine Einrichtung sein, die sie für ihre Zwecke gar nicht besser wünschen konnte — und von der sie sich nicht ausreden ließ, daß der Erbauer des Häuschens diese schon in der Vorahnung ihrer künftigen Existenz darin habe treffen müssen.

Denn auch die Kummerfelden, wie jeder gute Sterbliche, hielt ihr eigenes Dasein für den Punkt, auf den alle Linien zuliefen. Die Einrichtung, die sie so erfreute und die allerdings großen Einfluß auf ihre Art zu leben und zu wirken hatte, war folgende: Die beiden Hauptzimmer des Hauses, ein größeres und ein kleines, lagen wohl nebeneinander, wie das gebräuchlich ist, aber sie lagen nicht auf gleichem Niveau, sondern von der kleinen Stube führten breite Stufen in das große Zimmer hinab. — Das war eine verzwickte Bauart — aber, wie es sich herausstellen wird, für die Zwecke unserer Kummerfelden wie erfunden.

Die Alte hatte in dem oberen kleinen Zimmer ihr Bett, das ein rotgeblümter Vorhang umschloß, und einen Schrank voll Raritäten; darüber hingen ihre Lorbeerkränze, die glückliche Jahre ihr eingebracht hatten, wie Erntekränze von der Decke herab.

Ferner hatte sie in diesem oberen Reich ihre Destillation. — Sie war die Erfinderin des Kummerfeldschen Wasch- und Schönheitswassers, das bis heute noch in jeder Apotheke Deutschlands und weit über Deutschland hinaus zu haben ist. — Und die Alte war der lebende Beweis, daß ihrer Erfindung zu trauen sei, denn trotz ihrer Jahre hatte sie ein frisches, blühendes Aussehen und hielt viel auf sich. Sie trug eine Haube mit Ohrenklappen und mächtigen Bändern, wie außer der ihren keine weiter im Städtchen anzutreffen sein mochte. Ihre Kleidung war von altem, bewährtem Schnitt, der von allerlei leichtfertigen Erfindungen längst überholt war, dem sie aber mit vollem Selbstbewußtsein treu blieb. Das Muster ihrer Kleidung mußte stets ein geblümtes sein; sie liebte es, einen freundlichen Eindruck zu machen, und ein geblümtes Kleid war ihr das erste Erfordernis, um solch einen Eindruck hervorzubringen.

Die Möbel der Kummerfelden verrieten samt und sonders, daß sie einer praktischen, zugleich lebhaften Person, die es mit dem Leben leicht nahm, angehörten. Die Kommode zum Beispiel gab Zeugnis davon. Diese stand auf drei Kugelbeinen, das vierte ersetzte seit einer Reihe von Jahren ein vorzüglich passender, roter, irdener Blumentopf und genügte beiden, der Kommode und der Kummerfelden, auf das beste. An einer lila Schnur, die mit einem Nagel an dem Kommodenrand befestigt war, hing eine zweizinkige Gabel herab, die als Brecheisen und Hebel dienen mußte, um den Schlüssel zu ersetzen.

Mit dieser stach die Kummerfelden mit einer ausgezeichneten, nie fehlenden Sicherheit in die drei Fächer hinein, ohne das Möbel jemals lebensgefährlich zu beschädigen, und jedes Fach zeigte, was dem Verfahren nach natürlich war, eine Stichfläche, ähnlich der, die den linken Zeigefinger einer fleißigen Näherin kennzeichnet.

Als Schmuck des Zimmers schien die Künstlerin ihre geblümten Gewänder zu betrachten, die in aller Unschuld und Fröhlichkeit an den Wänden umher hingen. Das machte den Eindruck, als liebe die Kummerfelden sie um sich versammelt zu sehen. Der einzige Stuhl des Zimmers stand vor dem Himmelbette, war ein Lehnstuhl mit großen Ohren und hatte ein außerordentlich freundschaftliches und gutmütiges Aussehen. Über dem Bette, von dem Himmel herab, hingen die auserwähltesten Lorbeerkränze, mit gewaltigen Schleifen, die jedenfalls aus tiefen Gründen diesen Ehrenplatz erhalten hatten. Außerdem aber hing über dem Bette ein rotseidener, verblichener Beutel, der das Schnupftuch für die Nacht barg, eine Ledertasche, in der sich zu jeder Zeit Zwieback und ein stärkendes Schlückchen befand. Die Kummerfelden litt, wie viele alte Damen, an momentanen Schwächezufällen, die zu Zeiten in merkwürdig kurzen Pausen wiederkehrten.

In einem anderen Beutel über dem Kopfkissen, der an einer Schnur sich bis auf das Bett herabziehen ließ, lag ein Gebetbuch und das Testament der alten Künstlerin.

In das Gebetbuch, an der Stelle, wo die Stoßgebete für das letzte Stündlein standen, hatte sie, der Vorsorge wegen, eine dicke Schnur gelegt, daß, wenn es einmal unvermutet ans Sterben kommen sollte, sie sich mit leichter Mühe zurecht finden und einigermaßen Trost verschaffen konnte.

Einsame Menschen müssen sich für die Nachtzeit in allen Dingen vorsehen, denn es lebt und stirbt sich beschwerlich allein, und die sonderbarsten, bequemsten und vorteilhaftesten Einrichtungen ersetzen zu manchen Stunden die kärglichste Gesellschaft nicht.

In dem oberen Stübchen blieb sie allein Herrin, kein fremder Fuß durfte es betreten, in dem unteren hingegen war das Reich ihrer Schülerinnen, ihrer Elevinnen, wie sie dieselben vorzugsweise gern benannte.

Da wurde genäht, gestickt, gestrickt und gestopft und endlos geplaudert.

Die Kummerfelden saß während der Unterrichtszeit auf der zweitobersten Stufe der Treppe, welche die beiden Zimmer miteinander verband, und hatte sich dort einen höchst behaglichen Sitz eingerichtet, mit Kissen und Polstern. Das Stück Stufe, das ihr zum Sitz diente, war von ihr selbst, um es sicher und bequem zu haben, etwas verlängert worden durch ein festgenageltes Brett; und von diesem Throne herab überwachte sie ihre Mädchen, von da herab tönten ihr munteres Lachen, ihre Verweise, ihre Aufforderung zu einem Gange ins Freie, wunderbare Erzählungen aus ihrem bewegten Künstlerleben. Von hier aus las sie ihnen vor, deklamierte sie ihre alten Rollen. Es war ein ganz prächtiger Platz, um die Schülerinnen zu überblicken. Die Kummerfelden hatte scharfe Augen, so leicht entging ihnen nichts. Sie kannte ihre Mädchen. Außerdem hatte sie eine ganz besondere Schlauheit angewendet, um genau zu wissen, was vorging. Sie hatte sich von jeher als schwerhörig angestellt, damit die unten ungestört alles und jedes laut miteinander plaudern konnten in dem Glauben, ihre Meisterin verstände nichts. Dabei waren aber die Ohren der Alten unter der Mütze wie Luchsohren so scharf, und sie lachte sich ins Fäustchen, wenn die von ihr Getäuschten ganz ungeniert und laut Dinge sprachen, die sonst wohl gar nicht in ihrer Nähe oder doch im Flüsterton verhandelt worden wären.

Doch hatte sie diesen Betrug nicht aus Bosheit, sondern aus wahrem Interesse an ihren Zöglingen ausgespielt und lachte manchmal in sich hinein über die närrische Welt, denn jede neue Generation, die auf ein Jährlein oder zwei bei ihr eingethan wurde, um zu lernen, benahm sich genau wie die vorhergehende. Eine jede behandelte mit unerhörter Wichtigkeit Dinge, von denen man der Art nach, wie die Mädels darüber sprachen, annehmen mußte, daß diese Dinge überhaupt zum allerersten und unwiderruflich letzten Male auf Erden stattfinden würden.

„Hört einmal, Ihr Sakramenter,“ rief die Kummerfelden von ihrem Throne herab eines Tages, als sie es ihr da unten zu toll trieben, es war zur Zeit, als auch die Ratsmädchen bei ihr saßen. „Hört einmal, Ihr da unterhaltet Euch doch nicht etwa von Liebesgeschichten? — Ihr macht mir gerade solche Gesichter.“

„I bewahre,“ rief eine Schülerin lustig, „was denkt die Madame!“

„Ei Du!“ murmelte die Alte in ihre große Haubenschleife hinein, „daß Dich doch! — Das lügt nun einmal, so lange die Welt steht!“ Damit beruhigte sich die Kummerfelden wieder, da sie doch nichts an der Welt ändern konnte.

„Aber,“ sagte sie, „im Falle Ihr einmal von Liebesgeschichten sprechen solltet, und weil wir einmal darauf gekommen sind, will ich Euch doch meine Geschichte mit dem Schauspieler Krakow erzählen. Es ist zwar nicht viel daran, aber doch genug, um zu sehen, daß man auf alles gewärtig sein muß im Leben.“

Und mit wahrer Herzenslust legte sie los und erzählte dies und das und von Hamburg und von Bremen und sprach eifrig: „Also denkt Euch! Ich verlobe mich mit besagtem Herrn Schauspieler. Er war ein recht schöner Mensch von guten Gaben, war auch nichts gegen ihn einzuwenden, daß ich wüßte. Zurückgelegt hatte er noch nichts, das hatte ich gethan und alles schien so leidlich in Ordnung.

Mir war von ihm ein goldener Ansteckekamm verehrt worden, und ich gab ihm eine perlengestrickte Börse. Sie liegt noch oben in meinem Schrankkasten, denn er mußte mir, wie er das einem anständigen Frauenzimmer nicht verweigern konnte, bei der Auflösung unserer Verbindung die Börse zurückgeben, und unsere Verlobung löste sich, durch Gottes Schickung, folgendermaßen:

Mein Verlobter übersandte mir zu meinem Geburtstag ein Körbchen mit Mandeln und Rosinen, dazu ein Verschen, über das Ihr staunen werdet, da es bis jetzo noch nicht zutrifft und recht zeigt, was für ein verräterischer und verleumderischer Mensch mein Verlobter war. Schickt mir also das Körbchen, und der Vers war so:

„Runzlich zwar, doch süße;

Nimm sie und iß se.“

Diesen Vers, wenn man das abgeschmackte Ding so nennen kann, verehrte er mir.

Natürlich ist das „runzlich, doch süße“ eine Anspielung auf meine Person gewesen. Ich war damals die jüngste nicht mehr und Witwe, doch weit entfernt von dergleichen, was er andeutete; was Ihr mir glauben werdet, wenn Ihr bedenkt, wie ich jetzt, nachdem so viele Jahre darüber vergangen sind, noch aussehe.“

„Aber weiter,“ sagte die Kummerfelden: „Ich konnte natürlich die Beleidigung nicht auf mir sitzen lassen und schrieb ihm den Absagebrief, wie es einem anständigen Frauenzimmer geziemt. Er hat ihn auch ohne weiteres angenommen und ist kurze Zeit darauf mit der Soubrette durchgegangen, so daß die ganze Angelegenheit den Anschein einer rechten Verräterei trug. Mir hatte das Schicksal in diesem Falle wohlgewollt, wenn man bedenkt, daß er sich später sein Lebtag mit der Soubrette geprügelt hat und daß er alles durchbrachte, was irgend sich durchbringen ließ. Ihr seht,“ fuhr sie fort, „daß es mit Liebesgeschichten seinen Haken hat. Schwatzt nicht soviel darüber, das lockt das Böse an. Nehmt’s, wie es kommt und grämt Euch nicht, wenn es nichts wird, der ganze Handel ist des Aufhebens nicht wert, das man darum macht. Nehmt Euch ein Exempel an mir, wie ich es mit dem Schauspieler Krakow machte. Alles kurz und bündig und keine Zerrerei, wenn es nichts wird. Kommt Ihr zu einer Heirat, mir soll’s recht sein; aber besser ist es allemal, es kommt nicht dazu; das heißt, wenn man ein resolutes Frauenzimmer ist und weiß, was man will. Und ich bin eine Verheiratete und sag das; merkt’s Euch: kein solch Ding von einer Jungfer, die von Angelegenheiten schnackt, die sie nicht kennt.“

Ob Madame Kummerfeld durch ihre Erzählung und ihre Ermahnungen in Wahrheit glaubte, Eindruck auf die übervollen Herzen um sie her zu machen? Wohl schwerlich.

Sie war zu sehr durch langjährige Erfahrungen von der Unverbesserlichkeit ihrer Schülerinnen überzeugt. Es mochte ein launiger Einfall sein, der sie dazu veranlaßt hatte, und übrigens stimmte sie mit den Schülerinnen im Grunde des Herzens überein; auch sie fand, daß es eine schöne Sache um das Lieben und Geliebtsein sei. Sie hatte auch das Ihre genossen, war aber seit lange vollkommen mit ihrer Herzensruhe einverstanden, wünschte es nicht besser und hatte ihren Spaß an denen, die noch mitten darin steckten oder gar eben erst begannen. Diesen liebte sie es, ein paar herbe Bissen, wie eben jetzt, vorzuwerfen.

Was brauchen die Mädchen zu wissen! Sie würden es schon erfahren!

Eine dumme, alte Gans, die es jungen Dingern läpperig macht!

Solcher Art waren die Ansichten der Kummerfelden.

Ja, man sollte sie einmal hören, wie unterschiedlich sie mit einem Mädchen sprach kurz vor dessen Hochzeit, und mit einem, bei dem vorderhand noch nichts in Aussicht stand. —

Die Kummerfelden war, wie alle klugen, liebevollen Leute, doppelzüngig im guten Sinn, und richtete deshalb im Verkehr mit den Mädchen gar wenig Unheil an; trotz ihrer Geschwätzigkeit.

Sie hatte für ihre Schülerinnen eine warme und teilnehmende Liebe, führte auch in ihrem Tagebuch für jedes der Mädchen eine Rubrik, in die sie ihre Wahrnehmungen und ihr Urteil über die Betreffende eintrug. Da standen auch die Ratsmädel kurz und bündig als ihre Lieblinge verzeichnet, ohne jeden weiteren Zusatz; den hielt die Kummerfelden in dem Falle, in welchem sie ihren höchsten Ehrentitel gab, für unnötig.

Was für liebenswerte Schuleinrichtungen und Gesetze hatte die prächtige Frau für ihre Mädchen gut geheißen und erfunden!

Einrichtungen, die so ganz dem Empfinden der Jugend angepaßt waren. Da gab es einen Lohn, der das lobenswerte Geschöpf, dem er zuerteilt wurde, mit heiligem Schauer überrieselte. Wer ganz vorzüglich gearbeitet und dies ununterbrochen eine Zeitlang durchgeführt hatte, diese Auserwählte durfte während einer Unterrichtsstunde in den weißen Schuhen der Julia, Shakespeares Julia, auf den Treppenstufen erhöht sitzen. Diese Schuhe hatte die Kummerfelden in ihrer guten Zeit als Julia im Sarge getragen. Keines der Mädchen konnte sich etwas Geheimnisvolleres als diese weißen, immer noch unverbrauchten Atlasschuhe denken, und die Glückliche, die sie tragen durfte, fühlte sich durch dieselben und durch die Art, wie die Kummerfelden sie ihr feierlich anlegte, aus den profanen Lebenskreisen gehoben. Mit den Schuhen der Julia an den Füßen, war dem Mädchen der Vorhang, der ihm noch vor der Welt des Schönen hing, ein wenig eingerissen. Julias Zauber, Julias Liebe, Julias selige Sprache sank auf sie nieder, und sie fühlte sich geweiht und allem anderen entrückt. Die Kummerfelden hatte die Schülerinnen wohl eingeführt in die Bedeutung dieser Attribute.

Sie hatte ihnen, von ihrem Sitzplatze auf der Treppe aus, ihre alte Rolle wiederholt deklamiert, so wie sie es sonst in ihren jungen, begeisterungsvollen Jahren gethan.

Und die Julia in der großen Haube mit Ohrenklappen, in dem geblümten Kleide, hatte die Zuhörerinnen ganz hingenommen und zu Thränen gerührt und tief erschüttert.

Welche zaubervollen Stunden verstand die Gute den Mädchen zu bringen, und wäre sie noch sonderbarer, noch bei weitem grotesker und befremdender gewesen, ihr gutes, reines Herz, ihre freundliche Gesinnung, ihr heller Geist wäre durch alles durchgedrungen und hätte sich durch jedes Hindernis hindurch offenbart.

Ein weiterer Ansporn für Fleiß und Betragen war von den Schülerinnen selbst ersonnen, von der Meisterin gut geheißen und hatte sich als Tradition von einer Klassengeneration auf die andere fortgeerbt. Die Mädchen waren immer mit Eifer dahinter her, daß soviel Hemden wie möglich zu gleicher Zeit fertig wurden. Das Zuschneiden und vollendete Nähen dieser wichtigen Kleidungsstücke lehrte die Kummerfelden mit Weihe und Gesetzesstrenge, denn es erschien ihr als oberstes und erstes Erfordernis weiblicher Bildung die untadelhafte Vollendung eines Hemdes. Ein Mädchen, das in dieser Wissenschaft nicht auf erwünschter Höhe stand, schien ihr ein Greuel, deshalb war es ihr recht, daß sich aus dem Empfinden der munteren Geschöpfe selbst eine Art Feier, die die Vollendung eines solchen Meisterwerkes begrüßte, herausgebildet hatte.

Die Mädchen sorgten nämlich dafür, wie schon gesagt, daß soviel Hemden wie möglich zu gleicher Zeit fertig wurden und richteten dies aus kluger Berechnung ein, damit jede nach der Lehrstunde ihr neues Hemd über das Kleid ziehen konnte, und alle miteinander zogen dann derart ausstaffiert im Zug durch die Straßen auf Umwegen nach Hause.

Wenn die weißangethane Schar, im Gefühle ihres Fleißes und einer schönen Errungenschaft, bei der Kummerfelden aufbrach, da blickte ihnen diese wohlwollend nach und freute sich über die Hemden, die sie übergezogen hatten. Weder bei ihr, noch bei den Schülerinnen kam ein Zweifel auf, ob dieser muntere Triumphzug auch ganz in den Regeln des Anstandes sich bewegte. Die Mädchen zogen im Schmucke ihrer vollendeten Kunstwerke unangefochten dahin, hörten, wie ein paar verständnisvolle Frauen, an denen sie vorüberkamen, sagten: „Herrjes, da sind die Kummerfeldschen schon wieder mit ihren Hemden fertig!“ Die Gassenbuben riefen ihnen nach:

„Kummerfeldsche Hemdenmätze!“

Man schaute ihnen nach, jung und alt; aber durchaus nur wohlgefällig. Die Einrichtung der Kummerfelden hatte den Charakter einer Sitte angenommen, und einer Sitte, sie mag noch so dumm sein, bezeugt jedermann Verständnis und Achtung.

Außerdem machte der Zug der Hemdenmätze Propaganda für die Nähschule. Das wußte die kluge Kummerfelden ganz wohl. Auf ihren Vorteil war sie sehr bedacht.

Doch mochte sie eine jener Frauen sein, bei denen jede Regung sich in Liebenswürdigkeit verwandelt, Berechnung in artige Laune und Schrullenhaftigkeit in Reiz. Sie war so glücklich, alle ihre Eigenschaften für andere angenehm gestalten zu können, es mochte wohl keines unter ihren Mädchen sein, dem sie nicht eine liebe Erinnerung durchs ganze Leben geblieben ist.

Wenn sich nach langen, langen Jahren, die über das Grab der Alten hingegangen waren, alte Weimaranerinnen auf der Straße begegneten, die in ihren jungen Jahren bei der Kummerfelden genäht und sich vielleicht seit jener Zeit kaum wieder gesprochen hatten, da stiegen ihnen so liebwerte Bilder auf, und die Gestalt der Madame hielt ihnen gleichsam ihre schöne Jugendzeit wie ein gutes Lieblingsgericht, an dem sie nun schon lange nicht mehr gekostet, wehmütig lächelnd entgegen.

Als unsere Röse eine alte, prächtige Frau geworden war, Großmutter und Urgroßmutter, da kam ihr einmal nachts die Erinnerung an eine wunderschöne Geschichte: „Die Abtei Balderoni“, die die Kummerfelden stückweis vorgelesen hatte und die sie nie zu Ende gebracht, denn sie war darüber gestorben. Und die Urgroßmutter dachte noch mit Bedauern daran, daß die Kummerfelden damals nicht hatte zu Ende kommen können.

Die Erzählung, die die junge Röse entflammt, und die Art des Vortrages, die sie hingenommen hatte, wirkte in der alten Frau, über die ein reiches Leben hingegangen war, in der dunklen, einsamen Nacht noch fort, und sie fühlte sich überströmt von Erinnerungen, die ein paar wenige noch mit ihr teilten.

Es war ein unbedingt durchdringender Eindruck, den die Nähmeisterin auf ihre Mädchen ausübte. Sie mochte vorschlagen, was sie wollte, man war immer dabei, ihre Ideen durchzuführen.

So veranstaltete sie Spaziergänge mit ihren jüngsten Schülerinnen, und zwar ging sie mit ihrer Schar in den Park zu bestimmten Stunden, während derer die Herrschaften dort zu promenieren pflegten. Da legte sich die Kummerfelden mit ihren Elevinnen in Hinterhalt, wie die Jäger auf den Anstand, und lauerte, ob sich etwas Fürstliches zeigen würde, und wenn sich etwas näherte, da kamen sie alle vor und gingen entgegen, und die Kummerfelden machte einen so ausgezeichneten, unübertrefflichen Knix, „kautzte so tief“, wie die Mädchen sich ausdrückten, daß sie immer erst nach einer langen Weile, wenn man schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, sie wiederzusehen, in die Höhe kam, mit einem unnachahmlichen, würdevollen Ausdruck, als wäre nichts geschehen.

Sie hatte übrigens während ihrer Versunkenheit alles um sich her bemerkt und besonders das, daß die Mädchen sich gewöhnlich ihr Vorbild nicht zu Herzen genommen und einen äußerst leichtsinnigen Knix zu stande gebracht hatten.

„Denkt Ihr denn,“ sagte sie dann aufgebracht, „daß ich die Knixerei für mich mache? Daß ich mir zur Übung auf die Herrschaften warte, Ihr Dummhüte? Das nächste Mal, wenn wir ihrer wieder habhaft werden, bitte ich mir Gehorsam aus, — hört Ihr? —! Ich könnte Euch ja auch vor Stühlen Eure Knixe machen lassen und weshalb nicht; aber ich bin nicht für etwas Halbes, erst, wenn man in der Patsche sitzt, weiß man, wie man sich benimmt. Also das nächste Mal aufgepaßt!“

Excellenz von Goethe bekam auch so manchen Knix von der Kummerfelden mit ihrer Schar. Für ihn hatte sie besonders weihevolle, doch nicht so tiefe Verbeugungen, wie für die Herrschaften in Bereitschaft. „Jedem das Seine,“ sagte sie. „Geistige Größe ist aller Achtung wert, so lange wir aber im Fleisch und nicht im Geiste wandeln, muß sie zurückstehen.“

„Im künftigen Leben ist das dann anders,“ versicherte sie ihren Zuhörerinnen. — „Dann kommen dergleichen Unsinnigkeiten nicht mehr vor. Hier müssen wir es mitmachen, und wer es nicht thut, zeigt, daß er keine rechte Auffassung und Würdigung des Lebens hat, weder des irdischen, noch des himmlischen.

Macht einer hier Verstöße, wird er sie auch dort machen, denn es kommt alles auf die Klarheit an, daß man die Dinge so ansieht, wie sie sind und wie sie hier angesehen werden müssen.

Wer das thut, ist ein kluger und anständiger Mensch, gegen den sich nichts sagen läßt.“

Das waren weise Regeln der Kummerfelden.

Sie war eine nachsichtige Frau und ließ um sich her Dinge geschehen, die eine andere verpönt haben würde.

Während der Nähstunden trieb sich nämlich vor den Fenstern des Entenfangs allerlei lose Gesellschaft umher.

Die Kummerfelden gebrauchte deswegen eine Vorsicht, sie setzte in die Nähe des Fensters immer die jüngsten, den Jahren nach die unschuldigsten, von denen sie wußte, daß sie noch keine Liebesgeschichten anzettelten.

Die Ratsmädel hatten diesen Vorposten inne; aber wie es so geht, in Ermangelung eines anderen Weges wurde so manches Briefchen geheimnisvoll durch das offene Fenster oder durch eine Spalte geschoben und von den Ratsmädchen der Besitzerin zugesteckt.

Röse und Marie selbst empfingen allerlei niedliche Sächelchen auf diesem Wege, eine Blume, ihre aus Papier ausgeschnittenen Namen: Marie und Therese (Budang war in dieser Kunst Meister), eine Düte mit allerfeinsten Malzbonbons, aber keine Briefchen; bis dahin hatten es unsere beiden noch nicht gebracht. Sie überreichten der Kummerfelden die schönsten der zugesteckten Bonbons, die sich dafür bestens bedankte und selbige ganz munter auf ihrem Throne zerknackte, denn sie hatte gute Zähne.

Das war die Kummerfelden mit ihrer Nähschule, ihrem Verständnis für die liebe Jugend, ihren kräftigen Ausdrücken und ihrer klugen, freundlichen Seele.

Durch Madame Kummerfeld hatte Röse eine wertvolle Bekanntschaft gemacht, nämlich die des Türmers Kesselring, der mit der Nähmeisterin in Verwandtschaft stand, und zu dem Röse verschiedene Male auf den Turm wegen einer Ausrichtung geschickt worden war. Er schrieb Noten und Manuskripte ab, und da die Kummerfelden noch immer ihre Verbindungen mit dem Theater hatte, konnte sie ihrem Vetter allerlei Arbeit vermitteln und besorgen, was sie getreulich that, und so wurde Röse verschiedene Male zu ihren Ausrichtungen benützt. Die hatte sich, wie sie es überall that, wo es ihr gefiel und wo sie sich wohl fühlte, auch bei dem Türmer Kesselring und seinen Leuten einzuschmeicheln gewußt und war auf der Höhe des Stadtkirchen-Turmes ein immer gern gesehener Gast. —

Der Türmer wartete des Amtes, das sein hoher Titel bezeichnet, war nebenbei Abschreiber, Schuhflicker, alles in einer Person, ein fleißiger Mann, der auch allen Grund zu seinem Fleiße haben mochte, denn es galt, für ein ganzes Häuflein Kinder, die in dem Turme eingenistet waren, zu sorgen. Kesselrings waren zufriedene und ordentliche Leute und machten sich das Leben so angenehm, wie es in ihrer Lage irgend möglich war, feierten ihren Weihnachten im Turmstübchen mit aller Festlichkeit, buken zu Ostern und Pfingsten große Kuchen, die sie durch die Turmwinde hinabließen, damit sie im Backhause vollendet würden. Sie leierten sie dann wieder gebacken herauf, daß ihnen der süße Geruch in die Nase stieg.

Röse, die diese Bekanntschaft merkwürdigerweise allein unterhielt, hatte bei den Türmern schon Weihnachten mitgehalten und alle anderen Festlichkeiten, auch die Taufe des jüngsten Türmerleins.

Wie merkwürdig geheimnisvoll und für ein junges Gemüt tief anziehend war ein Weihnachten auf dem Turm!

Wie in Wolken von fallendem Schnee umgeben, saßen die guten Leute und der Gast in dem behaglichen Stübchen bei dem brennenden Christbaum und einem Karpfengericht. Der Wind trieb die Flocken an die Fenster und verdeckte und überzog sie fast. Tief unten in der Stadt leuchteten Lichter durch den Schneenebel, kein Geräusch klang herauf — alles, was den Turm umgab, war Weichheit, Reinheit, Frische, und der Türmer Kesselring blies am offenen Fenster einen Choral in den sprühenden Schnee hinaus.

Und welches Behagen, welche Lebensfreude war in dem engen, hellen Raum, dem einzigen belebten Orte in solcher Höhe! Von Elementen umbraust, hockte es sich so behaglich da oben. Röse kauerte mit den Kindern in einer Ecke, und sie sahen dem Erlöschen der Lichter am Baume zu.

Da brannte eins noch hell, das Stümpfchen war verzehrt; es flackerte auf, es zischte ein wenig und flackerte wieder und flackerte noch einmal und glimmte dann; ein würziger Rauch wie von einem kleinen Opfer stieg auf, und noch ein Glimmen, und es war verlöscht — verlöscht für ein Jahr. Denn bis wieder die Lichter angezündet wurden, mußte ein Frühjahr hingehen, ein Sommer, — ein Herbst, ein langes, langes Leben.

Was konnte dazwischen geschehen? Die Frage that Rösens Herzen wohl; was kommen konnte, war nur Wiederholung von dem, was bis jetzt geschehen, und das war so gut, so schön gewesen!

Und wie unbeschreiblich war es bei Kesselrings; wie sonderbar sich die Karpfen auf Turmeshöhe und auf dem ärmlichen Tisch ausnahmen; so ganz fremdartig, weihevoll und feierlich, und wie sie dufteten, als wären es die schönsten Spiegelkarpfen, und waren doch so kleine, ruppige Dinger, denen man, um ihnen Wichtigkeit für den Magen zu verschaffen, eine tüchtige Portion Kartoffeln zur Begleitung beigeben mußte.

Sie thaten aber, so klein sie waren, ihre volle Schuldigkeit, brachten über alle, die um den Tisch saßen, herrlichste Weihnachtsgefühle, waren für aller Augen unantastbar vorzügliche Weihnachtskarpfen, an denen zu kritteln ein Vergehen gewesen wäre. Wie undeutliche, zum Herzen sprechende Offenbarungen lagen sie auf dem Tisch und verschwanden wie Erscheinungen in den rosigen Mündchen der Kinder, um nur Gräten und angenehme, süße Erinnerung an ihre Gestalt und ihr ganzes weihevolles Wesen zurückzulassen.

Der Pfefferkuchen, die Äpfel, die Nüsse, die unter dem Baume lagen, waren auch für alle Anwesenden nicht gewöhnlicher Pfefferkuchen — nicht gewöhnliches Obst, Gott bewahre! Das waren mystische Dinge, die Lebensfreude, die Überfülle bedeuten und gläubig und fröhlich hingenommen wurden. Weihnachten bei guten, armen Leuten ist etwas Wundervolles!

Auf dem Turm war die beschwerliche Einrichtung, daß jede Stunde zur Stadt herab getutet werden mußte, und nicht nur jede volle Stunde, sondern jede Viertelstunde mit größter Genauigkeit. Ein Uhrwerk gab es noch da oben nicht. Das war eine Einrichtung, die ganz nach Rösens Geschmack war.

Sie steckte oft ganze Nachmittage, ganze, lange Abende hindurch oben bei Kesselrings, zu keinem anderen Zweck, als um pünktlich den Lauf der Zeit der Stadt zuzublasen, dabei machte sie sich ihre Gedanken und kam sich unbeschreiblich wichtig vor. Und so manche Stunde, in welcher in der Stadt Weimar auf Dauer Hinstrebendes geschaffen wurde, so manche dieser Stunden hat ein schöner Mädchenmund vom Turme herab verkündet.