Es war vor Weihnachten, eine prächtige Winterzeit! Der Schnee lag so hoch und so beständig, wie er seit Jahren nicht gelegen.

Die Winterfreuden hatten sich zu einer Mannigfaltigkeit herausgebildet, wie seit Menschengedenken nicht.

Von den wunderlichsten, altmodischen Schlitten wimmelte es im Städtchen; denn jeder alte Schlingel von einem Schlitten, den man in gewöhnlichen Wintern nicht auf die Beine gebracht hätte, weil es sich um ein paar Tage Schneebahn nicht gelohnt hätte, war leidlich ausstaffiert worden, und so närrisch bunt und wackelig, wie er war, sauste und flog er neben hübschen anderen, nagelneuen durch die Straßen. Die Gassenjungen hatten diesen Winter eine erstaunliche Geschicklichkeit erreicht, auf die Kufen zu springen und sich von den Schlitten mitnehmen zu lassen.

Unten an der Bibliothek, auf dem großen Rutschberge geschahen Wunder und Zeichen; denn die Käsehütschen, auf denen die Sakramenter, die Gassenbuben, die Eisbahn hinabrutschten, schienen diesen Winter zu ganz anderen Geschöpfen sich umgewandelt zu haben. Sie waren heimtückisch, in ihrer Schnelligkeit unerreichbar geworden, flogen hin, wie Schwäne, wie Schneegänse, von der Bibliothek an fuhren sie über die ganze Reitwiese weg, wie im Flug an dem alten Reithaus vorbei, bis auf die festgefrorene Eisdecke der Ilm. Ob sie es heut noch zu stande bringen? Kaum mochte es einen Weimaraner geben, der nicht davon zu berichten gehabt hätte, daß ihm eine Käsehütsche mit einem unverschämten Bengel darauf, die, wie vom Himmel gefallen, auf ihn zu wetterte, an die Beine gefahren sei, mit einer Wucht, wie eine wilde Bestie. Die Straßen wimmelten von Raben und Goldammern, wie noch keinen Winter. Alles hatte den Anschein von etwas Außerordentlichem. Man spürte den erregenden Einfluß eines gewaltigen, unhemmbaren Elements.

Mit geheimem Behagen sah man die Schneewälle, die an den beiden Seiten der schmalen Wegbahnen sich auftürmten, höher und höher werden. Es gab in Weimar Wohnungen und Häuschen, die buchstäblich eingeschneit waren.

So lustig und unternehmend das Leben auf den Straßen war, so behaglich und angenehm befand man sich in den vier Wänden. Es wurde geheizt „auf Teufelsholen“, wie man sich in Weimar ausdrückt, und es ging mächtig an die Holzvorräte.

Die alten Damen hielten Spielchen und Kaffees ohne Ende; die Abende in den Familien waren wunderhübsch, und die Weihnachtserwartungen schöner als je. Es schien mit den Schneemassen ein Geist der Gemütlichkeit mit herabgekommen zu sein.

An solch einem Winternachmittag bereitete die Kummerfelden sich zum Empfang von Gästen vor. Unten in der Stube, in der die Schülerinnen am Vormittag gehaust hatten, wurde ein Tisch gedeckt; die Kummerfelden in ihrem hellen, geblümten Kleid, die Prachthaube auf dem Kopf, eine Bernsteinkette um das Handgelenk, sprang die siebenstufige Treppe, die in ihr Schlafgemach führte, hurtig auf und ab, schleppte aus einem Schubfach Tassen hervor, aus einem Beutel silberne Löffel, stach mit der Gabel den Kommodenkasten auf, in welchem sie Zucker verwahrt hielt, trabte unentwegt auf und nieder und brachte allerlei aus allen Ecken herbeigeschleppt, schüttete endlich auch frischen Tabak in die Schnupftabaksdose und stellte diese mit auf den Tisch. Aus dem gestrickten Beutel über ihrem Bette wurden Äpfel gelangt, und im warmen Ofen stand bald der Kaffee fix und fertig.

„Nun könnten sie kommen, es wäre alles so weit,“ sagte die Kummerfelden und ließ sich auf eine Treppenstufe nieder, schlang die Hände um die Kniee und saß da wie der liebe Herrgott am siebenten Schöpfungstage, mußte aber so länger sitzen, als ihr lieb war; denn die Gäste kamen nicht ganz pünktlich, jedenfalls wegen des vielen Schnees.

Und während die Kummerfelden saß und lauerte, tappte bedächtig zwischen den hohen Schneewällen durch die Schützengasse, die damals noch „das Pförtchen“ hieß, eine respektable Frauengestalt, bog bei der Schleuse ein und trottete mit Filzschuhen, die den Eindruck von Kähnen machten, in denen die große Frau sich behaglich, ohne daß sie sich selbst dabei anzustrengen hatte, fortschaffen ließ. Die Filzschuhe führten sie durch den wieder neugefallenen Schnee weich und geräuschlos, wie es sich von solch einer Frau ganz unwahrscheinlich und gespenstisch ausnahm. Ein frischer, voller Schneewind fuhr gegen die steifen Falten ihres Mantels, ohne sie in Schwung bringen zu können. Der Mantel hätte seinem Schnitte, seiner Ausdehnung und seinem eisenfesten Stoffe nach gut den Überkragen für einen Winteranzug des Riesen Christophorus abgeben können. Gott weiß, aus welcher Zeit er stammen mochte! Er machte den Eindruck der Unvergänglichkeit. Die große Frau, die schwer und leise, in Wollmassen gehüllt, durch den Schnee geht, heißt Fabian, aber ihr Name, unter dem man sie in den weimarischen Gassen und Straßen kennt, ist nicht dieser ehrenwerte Name, den sie als Gattin des Zinngießers Fabian trägt; sondern für jung und alt heißt sie die Rabenmutter; nicht wegen eines hartherzigen Charakterzuges gegen ihre Kinder, sondern lediglich deshalb, weil sie Winter für Winter hinaus auf den Ettersberg wandert, um den Raben Futter auszustreuen.

Sie war, wie große, unbehilfliche Leute es oft sind, gut wie ein Kind. Das wußte jedermann von ihr. Ihre Freundlichkeit aber, mochte sie in Worten oder Werken bestehen, hatte etwas Gewaltsames.

Sie liebte es, sich für andere zu plagen, verstand es, mit allem und jedem auszuhelfen, mit Kinderzeug, wo es Not that, mit Koch- und Backrezepten, mit Heilmitteln und mit gutem Rat; wußte zu einem Prozesse oder sonstigen Rechtshändeln zuzureden oder abzureden, auch mit Gelegenheitsgedichten griff sie ein, wenn es verlangt wurde, und strengte ihr poetisches Empfinden bald zu Gunsten eines Briefträgers an, der einen Neujahrswunsch seinen Kunden überbringen wollte, bald zur Verherrlichung einer Hochzeit oder Kindtaufe; verfaßte Bettelbriefe für Bedürftige, grauenhaft zum Herzen sprechend, und verwendete so mit Freuden und in bester Laune ihre Kräfte für die Menschheit.

Während wir über sie berichten, kommt sie, umtanzt von großen Flocken, ihrem Ziele näher. Sie geht jetzt über den schmalen Steg, der über den Wassergraben führt, direkt auf den Entenfang zu, in dem die Kummerfelden sitzt und lauert.

Jetzt steht Frau Fabian vor dem Häuschen und lugt in das Fenster hinein.

Richtig, da sitzt die Kummerfelden noch immer auf der Treppenstufe, und da das Warten ein saures Geschäft ist, so sieht sie griesgrämig aus.

„Na,“ brummt Frau Fabian, als sie die Gastgeberin so sitzen sieht, „was fehlt ihr denn?“ Die große Frau fährt unter dem Mantel vor mit der Hand, die in einem Buckskinhandschuh steckt, an dem der Zeigefinger sich durchgearbeitet hat, so gründlich, daß der Handschuh seine Spitze vollkommen verloren, und der Finger aus einem sorgsam umsäumten Strumpf hervorsieht. Mit diesem Finger pocht die große Frau mit aller Wucht gegen die Fensterscheiben, so daß die Kummerfelden auffährt und mit beiden Händen vor Schreck nach ihrer Haube greift.

„Das ist die Fabianen,“ ruft sie und läuft, noch ganz desparat von dem Schreck, nach der Thüre, um zu öffnen. Ehe sie aber bis dahin gelangt, schellt es draußen, daß es der Ärmsten durch Mark und Bein dringt.

„Nun schellt sie auch noch, als ob sie nicht schon Lärm genug gemacht hätte!“ murmelte die Kummerfelden. Und als sie die Thür geöffnet, da steht ihr Gast großmächtig vor ihr und schüttelt den Schnee von der Kappe, von den Schultern, aus den Falten.

„Weeß Gott, en paar Schaufeln voll!“ sagte sie mit ihrer dicken, rollenden Stimme.

„Komm nur herein,“ ermahnt die Kummerfelden, „Du läßt mir ja die ganze Kälte ins Haus; Du warst wohl gar auf dem Ettersberge?“

„Na ob,“ bekam sie zur Erwiderung aus einem Sprühregen von Eisstückchen, Wassertropfen und Schnee heraus; die Fabianen schüttelte ihr Lori aus, wie sie ein schlangenartiges, langes Tuch zu benennen liebte, das sie so ein vier-, fünfmal um den Hals geschlungen trug, so daß ihr Hals dadurch ein runderes und kopfartigeres Ansehen bekam, als der Kopf selbst.

„Läufst Du denn immer noch herauf und fütterst die Raben?“ fragte die Kummerfelden und kehrte in die Stube zurück, um dadurch ihren Gast zu veranlassen, ihr zu folgen.

„Ja wohl,“ sagte diese und trat in die Wärme ein, „ja wohl. Über das arme Viehzeug! Dies Jahr sieht’s wahrhaftig elend genug aus.“

Jetzt nahm sie den Mantel ab und hing ihn über einen Stuhl am Ofen und stand nun dunkellilla, feierlich mitten in der Stube. „Gucke! — Gucke!“ sagte sie und hauchte in die roten Hände und betrachtete den Kaffeetisch. „Du hast ja gut aufgefahren! Wenn ich so von draußen komme, wo das Gevögel wegen eines verschimmelten Häppchens um sich hacken muß wie der Teufel, damit es andere nicht stibitzen, da hat es doch unsereins, weiß Gott, recht zufriedenstellend. Das arme Vieh! das arme Vieh!“ wiederholte sie und wiegte sich dabei von einem Fuße auf den andern, daß das Haus schütterte. Sie wollte sich den Frost aus den Füßen trampeln, wie es schien. Ihre großen Filzschuhe aber hatte sie manierlich draußen vor die Thür gestellt.

„Wenn die hohe Justiz,“ sagte sie immerfort trampelnd, „wenn die hohe Justiz auch einmal zur rechten Zeit ein Einsehen hätte! Ich bin doch überzeugt, daß sie irgend so einen armen Sünder sitzen haben, so einen Totschläger, Brudermörder oder sonst wen, oder wohl gar zwei, daß sie die nun jetzt richten thäten, wo sie noch Nutzen stiften können! Nä, da warten sie damit, und wenn sie die auch jetzt richten thäten — hängen lassen würden sie se doch nicht. Wir kennen die Justiz, nicht den Tropfen Menschlichkeit hat se in sich, nicht den Tropfen! und keen Verständnis von nichts!“

Die Kummerfelden sagte: „Ach was, Fabianen, Du bist doch manchmal ein rechter Husar in Deinen Ansichten.“

Frau Fabian beunruhigte sich darüber nicht, sondern sprang weiter von einem Fuße auf den andern, daß es der Kummerfelden schließlich schwindelnd wurde. Währenddem huschte draußen im Schnee und im Gestöber eine kleine Person dem Steg und dem Entenfang zu.

Sie huschte wie ein Rättchen so scheu, und hinter ihr her durch die Flocken und den Schneenebel da fuhr es huit, huit! Das waren Schneebälle. Die kamen angeflogen, bald von da, bald von dort, immer hinter ihr her, und kamen von den infamen Gassenbengeln, die nun einmal ein huschendes, altes Persönchen nie in Ruhe lassen können. Es ist schlecht von ihnen, aber sie lassen es nun einmal nicht. Das wußte die kleine Jungfer auch und sputete sich gewaltig. Ganz außer Atem zog sie endlich an der Schelle im Entenfang; aber wie zaghaft, wie bescheiden!

„Das ist die Jungfer Muskulus,“ sagte die Kummerfelden, „die zieht anders als Du, Fabian.“

„Hat seine Richtigkeit,“ erwiderte diese.

Sie saß schon über dem Kaffee und brockte; denn sie hatte nach ihrer Tour Appetit bekommen.

„Hat seine Richtigkeit,“ wiederholte sie noch einmal wohlgefällig, um gerade eine Pause im Schlucken auszufüllen. „Ene Frau,“ sagte sie, während die Kummerfelden die Jungfer hereinließ, „ene Frau,“ sie sprach so laut, daß die Kummerfelden es draußen auch hören konnte, „ene Frau, die acht Kinder hat und en unmündigen Mann, hörst Du, Kummerfelden, die acht Kinder un en unmündigen Mann … Ach Herrjes, was sag’ ich da?“ lacht sie voll und laut, „die zieht anders an der Schelle wie eine Jungfer. Übrigens,“ rief Frau Fabian unter Lachen und Schlucken, „es ist nicht so ohne! Man könnte so manches Mal sagen: acht Kinder un en unmündigen Mann. Es könnte es jede Frau sagen, wenn auch nicht immer acht Kinder!“

Die Kummerfelden fuhr mit mißbilligender Kopfbewegung zwischen diese Betrachtung. „Schrei doch nicht so, Du kannst es mir ja nachher sagen.“ Sie war damit beschäftigt, die Jungfer aus ihrer beschneiten Umhüllung zu wickeln.

Jetzt traten sie miteinander ein. Die Jungfer Muskulus trug eine schwarze Lockenperücke, die sie bis tief in die Stirne hineinzuziehen für gut fand, und jahraus jahrein einen Hut, geschmückt mit dem enormsten Veilchenkranz, so groß, daß er kaum hätte größer sein können.

Jetzt hingen Schneestücke in den seidenen Veilchen; die Gassenjungen hatten sie ihr zugerichtet.

„In einer Weile werden die Ratsmädchen da sein,“ sagte die Kummerfelden.

„Na,“ fragte die Fabian, „was wollen denn die?“

„Ja,“ lachte die Kummerfelden, „wegen denen seid Ihr eingeladen. Ihr sollt mir Euren Kaffee gründlich verdienen. Die Mädchen wollen Euch allerschönstens bitten, daß Ihr ihnen bei einer Angelegenheit helfen sollt.“

„Was ist denn los?“ fragte die Frau Fabian, „das wird eine schöne Pastete sein.“

„Es ist Ehre dabei einzulegen; es soll etwas zu Goethens kommen,“ bekam sie zur Antwort.

„Na nu?“ rief Fabian.

Nun schnitt die Kummerfelden ein geheimnisvolles Gesicht und that, als sei sie selbst nicht recht mit der Geschichte einverstanden.

Aber bald verriet sie sich, und es zeigte sich, daß sie Feuer und Flamme für den Plan war, — ganz wie die dummen Ratsmädel, und sie teilte mit, daß es sich darum handle, einen kleinen Garten zu fabrizieren aus Moos und mit einem Staket darum und einer Laube darin, gerade so einen Garten, wie die Jungfer Muskulus jeden Weihnachten welche geliefert habe, aber statt der Watteschäfchen, die sie hineinzustellen gewohnt sei, sollten Frauenzimmer in das Moos gesteckt werden.

„Diese Frauenzimmer … wartet,“ sagte die Kummerfelden, fuhr aber in ihrem Bericht nicht fort, sondern tappte die Treppe nach ihrem Heiligtum hinauf, kam mit einem Kästchen wieder zum Vorschein und stellte es vor die beiden Weiber hin.

Frau Fabian nahm den Deckel ab. „Potztausend!“ rief sie, „was sollen denn die? Das sind ja Puppen! — Püppchen!“

„Na, na, na!“ rief die Jungfer Muskulus, „darauf lasse ich mich nicht ein, das scheint mir denn doch bedenklich!“ Dabei rückte sie sich ihre dicke schwarze Perücke zurecht und machte eine auffallend mißtrauische Miene: „Das ist ja frevelhaft, Kummerfelden, Sie wollen doch nicht Ihren Spott mit der alten Excellenz treiben?“

„Sie sein ä Schaf, Muskulusen,“ antwortete die Kummerfelden, die, von Frau Fabian hingerissen, auch in das beglückende weimarische Idiom zu verfallen drohte.

„Wie werd’ ich einen Spott treiben? Vergessen Sie, was ich bin, ich bin Künstlerin.“

„Man vergißt das bei Dir vollkommen, das sei zu Deiner Ehre gesagt,“ brummte Frau Fabian.

„Die Muskulusen ist und bleibt ein Grünschnabel,“ fuhr die Kummerfelden fort, „und hat auch in nichts kein Einsehen, wie Du vorhin von der Justiz bemerktest, Fabian.“

„Das is mit den ledigen Frauenzimmern und wenn se auch ene Perücke tragen, so dick, wie en Fußsack, es is doch ewig was Halbes,“ bemerkte Frau Fabian gedankenvoll. „Nä, der Kummerfelden so was zuzumuten, daß sie de alte Excellenz nicht respektieren thäte!“

Jungfer Muskulus war unter ihrer Perücke feuerrot geworden.

„Na, nu, ’s is gut,“ sagte Frau Fabian. „Was kann ens dafür, wenn es unverehelicht ist? Es kann auch ens nichts dafür, wenn es en Buckel hat. Gewöhnlich,“ fuhr Frau Fabian fort, „haben die Kindsmädchen so ens fallen lassen; man kann nicht genug dahinter her sein. Na, was hast Du denn nun aber mit den Döckchen vor?“

„Das handelt sich nun eigentlich,“ sagte die Kummerfelden, „nicht um die alte Excellenz, sondern schon mehr um den jungen, um August von Goethe.“

„Na, sag’ ich’s nich,“ rief Frau Fabian, „die Kummerfelden macht sich in keiner Weise enes Verstoßes schuldig. Wenn’s auf August geht, dem thut’s nichts und schadet’s nichts, im Gegenteil. Er treibt’s zu arg, sag ich, und mit den Puppen, da scheint Ihr mir aufs rechte anzuspielen, auf die Frauenzimmer, meine ich.“

„Das ist’s,“ bemerkte die Kummerfelden, „ich möchte der Excellenz so ganz verblümt zu verstehen geben, daß es an der Zeit wäre, seinem August eine Frau auszusuchen, die dem gehörig auf dem Dache sitzt; denn das thut Not, wie wir wissen. Aber eine Geistreiche darf’s nicht sein; von der Eigenschaft haben sie genug hier.“

Frau Fabian fügte hinzu: „Nur nichts Scharfes mehr in die Lauge, meinte jene Köchin, die die Sauce versalzen hatte.“

„Fabian, mit Deinen Redensarten fährst Du einem immer dazwischen,“ rief die Kummerfelden ungeduldig. „Ich will Excellenz Goethe zu verstehen geben, daß er eine Frau wählen soll, die auf gute Wäsche hält, die sparsam ist, die nicht mit dreinredet und, wie gesagt, August gehörig — — —“ Hier zwinkerte die Kummerfelden mit den Augen. „Das sind die Ratsmädchen, die mich darauf gebracht haben, die hatten die Idee, August von Goethe ein Gärtchen mit allen seinen guten Freundinnen auszustaffieren. Ich weiß nicht, aber sie müssen etwas mit ihm gehabt haben — das schien mir so.“

„Die Krawatschen!“ rief Frau Fabian wohlgefällig, „und die Püppchens haben die Mädchen wohl selbst genäht?“

„Freilich,“ sagte die Kummerfelden lebhaft, „und die Hemden haben alle Zwickel, alles regelrecht.“

Jetzt packte Frau Fabian die Puppen aus. „Na nu, seht eins an, wer ist denn die?“

Sie hielt ein Püppchen in die Höhe, das ein rosa Kleid, dabei aber ganz zerrissene Strümpfe an hatte.

„Das ist ja die … na, Ihr wißt schon, das Mädchen hat ewig zerrissene Strümpfe an. Die Löcher gucken ihr über den Rand von ihren Schuhen, wie hier genau zu sehen ist. So eine Frau bringt Unglück ins Haus und wenn sie so schön wie ein Engel wäre und klug wie eine Schlange.“

„Und die Lange, mit der kleinen Feder in der Hand?“ fragte Jungfer Muskulus bescheiden.

„Das ist die Schopenhauern, die Adele,“ fuhr Frau Fabian sie an, „das sieht doch jeder klar. Mit der hat’s keine Gefahr nicht. Häßlichkeit entstellet immer, selbst das schönste Frauenzimmer. Mein Schatz wär se nich, die Schopenhauern. Na, nu die beiden Madams?“ Sie hielt zwei Püppchen in der Hand. „Das sind zwei verehelichte; wie das die Rackersmädchen herausgekriegt haben! Das ist die Madame so und so und das die Madame die und die. Wir kennen Euch! Wir wissen Gott Lob, wer Ihr sein sollt.“ Währenddem sie sprach, hielt sie beide Figürchen sich selbst nahe hin und redete so auf sie ein und drohte ihnen mit dem Zeigefinger. „Und die is wohl die rechte Braut, wie sie im Märchen sagen.“

Sie hob ein Püppchen in die Höhe, das, in einer weißen Schürze und mit einem Kochlöffel in der Hand, ein hausmütterliches Aussehen hatte.

„So ist’s,“ sagte die Kummerfelden. „Und nun, Fabian, wenn Du es wissen willst, nachher mußt Du die Verse dazu machen; Du mußt sagen, wen jedes Püppchen vorstellen soll, und wie es sich mit jeder verhält.“

„Gott soll mich bewahren!“ fuhr die große Frau auf, „das ist aber ene Zumutung. Verse, die sich gewissermaßen den goethischen müssen an die Seite stellen lassen, so beim Kaffee ’rauszuschütteln, wo die ganze Stube, mit Respekt zu sagen, voll weimarischer Gärmichel sitzt, — ich danke — und das sag’ ich, wenn ich darauf einginge, was Schlechtes dürfte Excellenz schon gar nicht kriegen, was sollte der denn von der Fabian denken?“

„Du darfst ’nauf in meine Stube gehen,“ sagte die Kummerfelden, „da setz’ Dich auf den Lehnstuhl vors Bette und bleib ruhig sitzen. Aber Du wirtschaftest mir dort nirgends herum, nicht wahr? Das kann ich nicht leiden. Weißt Du was, gehe nur gleich ’nauf. Bleistift und Papier liegen schon auf der Bettdecke. Du wirst schon was ’rauskriegen, ich weiß ja, wie Dir’s fleckt. Die Ratsmädchen werden auch gleich da sein; die freuen sich, wenn Du schon dabei sitzest. Proviant bekommst Du mit hinauf. Und wenn die Not groß ist, kriegst Du, na, Du weißt schon,“ die Kummerfelden zeigte auf ein Schränkchen, in dem sie ihr Schönheitswasser in Flaschen aufbewahrte. Aber nicht lauter Schönheitswasser allein.

Frau Fabian zog mit ihrer Tasse und einer großen Schnitte Kuchen die Treppe hinauf, und der furor poëticus stand schon deutlich auf der gefurchten Dichterstirn zu lesen.

Unterdessen näherten sich dem Entenfang, so frisch und leicht, wie die Schneeflocken, unsere zwei in allerbester Laune. Es giebt für junge Menschen nichts Schöneres, als im dichten Schneefall zu gehen, zu springen, zu wandeln, zu tollen. Geheimnisvoll, bedeutsam sinkt es leise, leise nieder, legt sich zart auf Falten und Gewänder und es ist, als ob vom Himmel Segen niederströme, Erfreuliches, Heiteres, Hoffnungsgefühle.

Die beiden Lustigen, die dem Entenfange zusteuerten, liefen durch den Schnee, schürften in der flockenweichen Decke mit den Füßen, daß es aufsprühte von Eiskrystallen um sie her. Sie überstürzten sich, fielen mutwillig in die frische, kalte Herrlichkeit der Länge nach hinein. Es fehlte nur noch, daß sie wie die vergnügten Hunde mit den Nasen in dem Schnee geschaufelt hätten.

Jetzt schellten sie auch am Entenfang, erst Röse, dann Marie, dann wieder Röse, wieder Marie, dabei lachend, bis die Kummerfelden sie einließ und ihnen sagte, indem sie die Mädchen auf die frischen Wangen klopfte: „Ohne Spielerei und Narrenpossen könnt Ihr doch auf der Gotteswelt nichts thun.“

Die Mädchen traten jetzt ein. Sie hatten einen Korb mit sich voll Moos und allerlei Gesparre.

„Ihr habt mich in eine schöne Lage gebracht, Ihr Racker!“ rief Frau Fabian den beiden aus ihrem Lehnstuhl heraus entgegen. „Ich sitz’ nun und schwitze, und das nennt die Kummerfelden einen zum Kaffee einladen.“

Röse und Marie wurden erst reichlich regaliert, dann ging’s an die Arbeit. Das Gärtchen wurde in Angriff genommen.

„Eure Verse sind in guten Händen,“ sagte Madame Kummerfelden, „so borstig die Fabianen auch ist, sie hat ein exquisites Herz, eine Außerordentlichkeit von einem Herzen. Solche Leute sind für die Poesie. Beileibe soll man keine Böshaftigen daran lassen, die stiften nichts als Unheil.“

„Und besser wird’s bei Ihnen drum noch lange nicht,“ schrie Frau Fabian von oben herab. „Mit dem erschten wäre ich so weit.“

„Na los!“ rief die Kummerfelden ganz erfreut.

Die große Frau trat vor auf die erste der sieben Stufen.

„Zeigt das Döckchen her mit den zerrissenen Strümpfen, auf die is es,“ rief sie.

Röse hielt das Figürchen in die Höhe, und die Fabianen begann mit gewaltiger Stimme:

„Meine Liebe ist stets auf den Strümpfen,

Reißt wohl zwanzigmal des Tags ein Loch.

Meine Liebe läßt sich nicht abstümpfen,

Auch verschmäht, lieb ich dich ewig doch!“

„Bravo!“ rief die Kummerfelden, „das macht Dir alle Ehre.“

„Wollt ich meinen,“ erwiderte Frau Fabian, lachte kurz auf und versank wieder in den Lehnstuhl.

Inzwischen wurde unten auf das lustigste gegessen und getrunken, geklebt und gepappt, und es entstand ein allerliebstes Moosgärtchen.

Die Kummerfelden sagte den Ratsmädchen, daß sie und Frau Fabian die Sache auf die Kappe nehmen würden. „Uns geschieht damit nichts. Ihr sollt es nur hineintragen und sagen: ‚Eine schöne Empfehlung von der Kummerfelden.‘“

Nach einer Weile war die Fabian wieder mit einem Vers zu stande gekommen und donnerte folgendes herab, für die kleine Figur mit dem Löffel:

„Führt der Weg zu Mannes Herz

Durch die Küche ohne Scherz?

Bist Du garstig oder schön,

Mädchen! Du mußt diesen gehn.

Herz, Verstand, für Haus und Küch’ —

Und — die Liebe findet sich.“

„Fabian, Du bist ein herrliches Weib!“ rief die Kummerfelden ganz begeistert der Freundin hinauf. „Es steckt ein Philosoph in ihr, ich hab’ es immer gesagt. Und ein Charakter ist sie, so manchen Groschen hätte unsere Fabian für Gelegenheitsverse einheimsen können, aber ihr Lebtag hat sie die Kunst, ohne Lohn zu beanspruchen, geübt, das kann keiner von all den Großen hier sagen, ja, ja, ne, ne!“

„Dank auch bestens,“ rief die Fabian herab, mit einem etwas zerstreuten Ausdruck, ungefähr, als hätte sie geniest, und die Kummerfelden hätte ihr Gesundheit gewünscht.

Das sonderbare Weihnachtsgeschenk für Vater und Sohn Goethe kam allmählich in einer wunderbaren Vollendung zu stande.

Die Mädchen bauten am Gärtchen, die Fabian an den Versen weiter; unter anderen entstand ein Vers auf zwei Flammen August von Goethes, auf die Frau eines Kammerrates und die des Polizeidirektors.

Diesen Vers in seiner Kraft, Würze und Knappheit, seiner umfassenden Keckheit, mit der er zwei Damen mit einmal erledigte und auf den Frau Fabian besonders stolz war, diesen Vers wollen wir hier nicht übergehen. Er lautete folgendermaßen:

„Ob Kammer oder Polizei,

Das steht noch zu erfragen,

Wir wollen es nun einmal

Mit allen beiden wagen.“

Man war vollkommen befriedigt; Frau Fabian trank drei bis vier Liköre zur Stärkung nach ihrer schweren geistigen Anstrengung und bekam eine außerordentlich gute Laune, eine Laune, wie nur die Fabian sie haben konnte, so ausdrucksvoll und kräftig, daß es eine Freude war, und daß der Tisch, an dem man saß, nicht aus dem Schüttern herauskam, teils, weil alle um ihn her unausgesetzt lachten, und weil die Fabian vor lauter Lebenskraft zur Bestätigung ihrer Meinung oftmals mit der Faust zwischen die Tassen schlug.

„I, der Tausend,“ sagte Mamsell Muskulus bewundernd, als die Frau einmal ihre Schultern statt des Tisches getroffen hatte, „wo sie hintrifft, da wächst kein Gras.“

Die kleine, scheue Muskulus war von jeder Kraftäußerung immer ganz von Bewunderung hingenommen, auch, wenn diese Kraftäußerung sich gegen sie selbst richtete. Die Ratsmädchen schafften das Gärtchen, die Puppen, die Verse noch an diesem selben Abend in die Wünschengasse, schleppten alles hinauf in ihre kleine Stube, verbargen es sorgfältig und vergnügten sich abends, als alles schlief, bei verschlossener Thür damit zu spielen, um allerhand Unsinn zu treiben, bis sie das Gärtchen endlich mit großem Stolz und vieler Vorsicht, daß sie von niemandem ertappt würden, am heiligen Abend in das Goethesche Haus trugen. Sie hatten ausgemacht, es unten, in der Leutestube mit einer schönen Empfehlung der Kummerfelden abzugeben; als sie aber die Hausthür öffneten, da kam ihnen der Geheimrat selbst entgegen. Sie blieben betroffen und verlegen mit ihrem verdeckten Werke stehen und hofften, er würde sie nicht bemerken und an ihnen vorübergehen.

Er erkannte sie aber augenblicklich und sagte: „Was bringen denn die Ratsmädchen da?“

„Excellenz,“ sagte Röse, „die Kummerfelden läßt schön grüßen und hier wäre etwas.“

„Für mich?“ fragte Goethe.

„Ja, für Euere Excellenz.“

„So tragt es hinauf, Ihr schönen Kinder, ich komme mit Euch.“

Goethe ließ sie vor sich her die breite und sanftansteigende Treppe hinangehen. Als sie oben angelangt waren, öffnete er ihnen selbst die Thüre, ließ sie in das lange, gelbe Gesellschaftszimmer eintreten. Es war schon dämmerig, und Röse und Marie war es doch recht beklommen zu Mute.

„Da haben wir’s,“ dachte Röse, „es ist doch, als kämen wir zum lieben Herrgott mit der Dummheit da an. Viel schlimmer würde es auch nicht sein, glaub ich.“ —

Goethe machte einen Tisch, auf dem einige Bücher lagen, frei. „So,“ sagte er, „da steht nun Eure geheimnisvolle Gabe, wollt Ihr das Tuch abheben?“

Marie enthüllte das Werk, und als Goethe das Gärtchen sah und die Überschrift über dem Thore gelesen hatte, lächelte er; es war noch eine Aufschrift hinzugekommen, die besagte, daß hier schöne Damen versammelt seien, daß Schönheit und Geist zwar angenehm, daß man aber die nützlichen Eigenschaften beileibe nicht gering achten möge.

„Das ist ja eine artige Idee,“ rief Goethe.

Und als er eins der Püppchen in die Höhe genommen und den Zettel gelesen hatte, welcher demselben an das kleine Maul befestigt war, lachte er, daß Röse und Marie ihn ganz verblüfft ansahen, denn nie hatten sie sich vorgestellt, daß der Goethe lachen könnte. Er war ihnen immer als ein majestätischer, etwas steifer, alter Herr erschienen.

„Nun, Kinder, sagt mir,“ fragte er, „wer die Verse gemacht hat.“

„Die Fabianen,“ antwortete Röse. „Hier nennen die Leute sie die Rabenmutter!“

„Ah die!“ sagte Goethe. „Da könnt Ihr berichten, daß ich mich allerbestens bedanke für ihre artigen Verse.“

Er hielt eben das Figürchen mit den zerrissenen Strümpfen und das Hausmütterchen in der Hand und betrachtete beide.

„Ich werde das allerliebste Ding meinem Sohne heut’ mitbescheren.“

Röses und Maries Achtung vor ihrem Kunstwerke war wieder sehr gestiegen, und sie fanden, daß es in Wahrheit ein wundervolles Gärtchen sei, und daß Goethens August seinen hübschen Ärger darüber haben würde.

Mit Frankfurter Brenden beschenkt, wurden sie von Goethe aufs freundlichste entlassen und liefen seelenvergnügt nach Hause.

Da ist noch viel Wunderbares passiert; aber wir wollen es hier von der alten Kummerfelden genug sein lassen. Ich hab noch so manches von ihr und der Rabenmutter geschrieben — in einem zweiten und wohl auch dritten Band der neuen Ratsmädel- und altweimarischen Geschichten — was mir mein liebes Gomelchen, das Ratsmädel, die Röse, von sich und andern Leuten, die zu der schönen, guten, altweimarischen Zeit lebten, erzählt hat. Ich hab da eine lustige Geschichte, wie die Ratsmädchen und die Kummerfelden von einem alten, sonderbaren Herrn Rat in seinem geheimnisvollen Garten geküßt worden sind und zwar, weil er alle drei nicht ausstehen konnte, und weiter: Wie sich die Kummerfelden einen alten Franzosen mit seiner Frau in dem Entenfang einlogiert hat und was die getrieben haben und dann: Wie Röse und Marie sich verliebt und verlobt haben und wie sie mit ihren Freunden Budang, Horny und Schiller bei Nacht und Sturm ausgezogen sind, um die Göchhausen spuken zu sehen, und eine düstere, rührende Geschichte von zwei Schwestern, die oben im alten Rödchen bei Weimar sich abgespielt hat; — und von Apothekers und Frau Rat Tiburtius und der Lawine — und die Geschichte vom ehrbußlichen Weiblein, das oben über Goethens Garten in einem Sommerhaus mit ihrem brummigen Gatten wohnte und diesem einen schlimmen Streich spielte — und von den behaglichen, spielerischen Leuten in der Marschallstraße, die in allen Dingen dem Schicksal über waren, und zuguterletzt, wie die Enkelin der Ratsmädchen zum Blaustrumpf wurde. —

Nun wollen wir hier nur noch erwähnen, daß die Fabian sehr entrüstet gewesen ist, als sie mit der Zeit erfuhr, daß der August von Goethe ihren guten Rat in den Wind geschlagen, indem er eine Frau nach seinem eigenen Geschmacke und gegen die Ansichten der Kummerfelden und der Rabenmutter gewählt hat.

Sechste Geschichte.
Wie Frau Rat über das Leben, über Erziehung und über die ersten Liebesbriefe ihrer Töchter dachte.

Wie zwei Vögel in einem herrlichen Garten harmlos leben, in dem die wunderbarsten Seltenheiten grünen, blühen und Früchte tragen, so lebten die beiden jungen Mädchen, Röse und Marie, in Weimar. Welche Wunder, welche Außerordentlichkeiten sich auch um sie her begaben, sie erachteten das überreich entfaltete Leben als nichts Erstaunenswertes, so wenig sie über ihre eigene Existenz erstaunten. Es war ganz in der Ordnung, daß gerade zu ihrer Zeit die Welt einmal gehörig in Gang kam. Sie hatten ihre Freude daran, daß es in Weimar so viel zu sehen und zu erfahren gab, daß im Theater alle Augenblicke etwas Neues, was man unter allen Umständen sehen mußte, zur Aufführung kam, daß Budang ihnen hin und wieder erklärte, sie lebten in einer Zeit, wie sie noch nicht auf Erden dagewesen sei, von der man in Jahrtausenden noch reden würde.

Das war den Ratsmädchen angenehm zu hören und trug das Seinige zu ihrem Selbstbewußtsein mit bei. Sie empfanden eine bewegte, schöne Atmosphäre um sich her und gediehen in ihr. Die verschiedensten Kreise der weimarischen Gesellschaft waren ihnen vertraut. Sie verkehrten, wie wir es wissen, im Salon der Madame Schopenhauer; ebenso gern aber steckten sie bei Kesselrings im Turm, bei Budangs Angehörigen, den Müllersleuten, und dann wiederum erschienen ihnen Apothekers als die Krone der Gesellschaft.

Die beiden thaten einen weiten Blick in das Leben schon in frühester Jugend und genossen das Gute, Lebensvolle, daß sich ihnen in den verschiedensten Verhältnissen darbot, in vollen Zügen.

Durch diese kluge, freie Erziehung spürten sie im freundschaftlichen Zusammenleben mit Leuten in weit voneinander getrennten Lebensstellungen überall das Menschliche als die Hauptsache heraus; die Verhältnisse verdeckten es ihnen nicht, wie es bei denen, die in einem engen Gesichtskreis erzogen wurden, wohl meist der Fall ist.

Es war selten, daß unsere beiden, wenn sie nach Hause zurückkehrten, von einem Spaziergange, einer Besorgung in der Stadt, einer Gesellschaft oder vom Markte, sie nicht erfüllt von der Freundlichkeit der Menschen waren, und mochte ihnen etwas Gutes durch das Marktweib, oder den Handwerkermeister, oder durch Karl August, oder gar Geheimrat Goethe selbst angethan worden sein, sie schienen nur eine Art von Dankbarkeit und Wohlwollen in sich zu haben, eine einzige Art, die für alle herhalten mußte.

Frau Rat hatte darüber ihre Freude. Sie war es, die so zu fühlen ihren beiden kleinen Gerechten gewünscht, die sie darauf hingeleitet hatte, und war dankbar, als sie ihre Wünsche sich erfüllen sah.

Die wenigsten Menschen kennen das, was man Lebensgenuß nennt, und alle guten Christen eifern mit Zorn, Predigen und Strafen dagegen, preisen Pflichterfüllung, Aufopferung, Enthaltsamkeit, Überwindung als etwas Nützlicheres, Beglückenderes und Schöneres an; statt aber gegen den verpönten Lebensgenuß zu eifern und überzeugungstreu zu predigen, sollte man der Menschheit zurufen: Genießt den Tag, genießt jedes Wort der Liebe, jede Freundlichkeit, jede Wärme, verzeiht über jedes Maß, um friedlich zu leben, nicht, weil es lobenswert ist, seid gut, nicht, weil ihr deshalb als vortrefflich angesehen werdet — nein, nur um friedlich und erfreulich zu leben; helft auch deshalb nur einander, denn es ist schön, es ist göttlich, zu leben, nicht grübeln, was danach kommt. Dunkle Frage an ein unverbrüchliches Schweigen gerichtet! Lernt zu leben! Das Sterben wird uns gelehrt ohn’ unser Dazuthun. Die Sünd’ mit glänzenden Farben malen und das Dasein in seiner Trockenheit, Pflichterfüllung darstellen, nach hohen Zielen strebend, das ist ein vielbeliebter Kunstgriff, um Rekruten für die Tugend zu werben. Und man wirbt auch damit. Ob es oft glückt? Ich weiß es nicht. Die aber, welche kräftig wollen, bleiben von dergleichen gut gemeinten Lehren im innersten Herzen unberührt. Wir wachsen wie das Getreide auf dem Felde; ist uns der Boden günstig, wachsen wir gut, ist uns der Boden ungünstig, wachsen wir schlecht. Wohl denen daher, die in gutem Boden stecken.

Die größte Wohlthat, die die Natur unseren beiden schönen Kindern zugeteilt hatte, war die gesunde Freisinnigkeit ihrer Mutter. „Überwindet Widerwärtiges,“ sagte sie ihnen, „nicht, weil es überwunden sein muß, sondern weil Ihr wißt, daß alles hier auf Erden wechselt und nichts Bestand hat, und es ist unklug und macht blind und einseitig, wenn wir uns von etwas ganz unterdrücken lassen. Die Ereignisse haben nicht das Recht dazu, dies zu thun, sie können es eigentlich gar nicht.“ Und weiter: „Strebt danach, alles schön zu thun, das ist besser, als gut; denn wenn Ihr nur die Dinge gut verrichten wollt, das ist nichts; eine gute That kann mürrisch und unliebenswürdig gethan werden. Thut, was Ihr thut, liebenswürdig und schön, dann werdet Ihr geliebt. Wenn ich Euch doch die Liebe zur Schönheit in die Herzen pflanzen könnte für alle Zeit, dann ließ ich Euch laufen, wohin Ihr wolltet. Die Liebe zur Schönheit ist die Liebe, die den Menschen am reinsten erscheinen läßt, die allerunschuldigste, denn sie läßt vieles, wie Überhebung, dummen Stolz, Härte, Wut nicht an ihn heran; die anderen guten Eigenschaften, die er sich aneignen kann, bringen ihm leicht eine schlimmere mit ein; da ist die Frömmigkeit, die bringt im Nu Überhebung. Man hat es oft, daß soviel Frömmigkeit, soviel Hartherzigkeit da ist und Verachtung der Nichtfrommen.“

So empfahl Frau Rat ihren beiden Mädchen die Liebe zur Schönheit an als moralischen Lebenshalt.

Und wenn viele Mütter Frau Rat verstehen würden und die anspruchslose Weisheit in sich aufnehmen könnten, ein heiteres, gutartiges, freundliches und kraftvolles Geschlecht sollte entstehen. Schönheit ist nur in Verbindung mit Kraft zu denken.

Frau Rat selbst war bewußt und unbewußt ganz durchdrungen von dieser leisen Liebe zur Schönheit.

Das Titelbildchen, das sie uns als ganz junge Frau zeigt, hat etwas von einer schönen Blume, ein Geschöpf, das man sich nur gepflegt, behütet, angebetet vorstellen kann; auf weichen Teppichen gehend, mit schönen Dingen umgeben, verwöhnt, verhätschelt, geliebkost.

Von alledem aber hatte sie nichts erfahren. Ein hartes Leben, einen älteren, überernsten Gatten, Kargheit, Arbeit von früh bis spät, das war ihr Schicksal.

Aber sie hat trotz alledem in ihrem Hause und unter ihren Kindern wie ein Licht geleuchtet und wie eine Blume geblüht. Ihre beiden Mädchen hingen an ihr mit einer Bewunderung und Liebe, als verständen sie die unbesiegbare Schönheit ihrer Mutter, die in jeder Bewegung, in jedem Wort noch lag, als Müdigkeit und Arbeit und Sorge Silberfäden in das Haar und Fältchen um Auge und Mund gezogen hatten. Das war keine Schönheit, die abgenutzt werden konnte, das war echt, echt wie Gold.

Röse und Marie waren von dem Wesen ihrer Mutter oft ergriffen und oft gebändigt.

Sie wurden wegen einer häßlichen Antwort, einer Unfreundlichkeit bestraft, während man ihnen manchen dummen Streich liebevoll hingehen ließ. Freiheit war ihnen in reichem Maße zugemessen; aber im gegebenen Augenblick hatten sie sich zu fügen und zwar in aller Liebenswürdigkeit.

Da war die wunderschöne Zeit herangekommen, die den Ratsmädchen die „ersten Liebesbriefchen“ einbrachte. Sie hatten diesen Augenblick schon geraume Weile voraus kommen sehen und waren nicht umsonst „Botengängerinnen“ gewesen, die die Herzensgeheimnisse der Geistreichen zwischen diesen aus und ein trugen.

Marie hatte einen glühenden und sehr schmeichelhaften Brief von einem jungen Rheinländer erhalten, der sich seit wenigen Monaten in Weimar aufhielt und von dem schönen Mädchen sich ganz bezaubert fühlte. Rösen hingegen war ein Gedicht zugesendet worden, das die Reize ihres Hutes behandelte, den ein holder Jüngling, der Verfasser der Verse, ihr bei einer Landpartie getragen und mit zu sich genommen hatte, aus Vergeßlichkeit, oder um Gelegenheit zu haben, seinem Herzen durch ein paar tiefgefühlte Reime Luft zu machen.

Beide, Röse wie Marie, waren über die ihnen zugedachte Sendung außerordentlich erfreut und vertrauten ihr Geheimnis Budang an, ließen ihn die Briefe lesen, fanden aber zu ihrem Erstaunen, daß Budang die Angelegenheit sehr kühl und von oben herab behandelte.

„Hört einmal, macht keine Dummheiten; es ist ein rechtes Elend, daß Ihr damit anfangt, was fällt Euch denn ein?“

„So,“ sagten Marie und Röse, „ich dächte, es wäre nun Zeit. Es giebt Mädchen, die in unserem Alter schon verlobt sind.“

„Jesus,“ rief Budang ganz erregt, „das fehlte noch! Jetzt denken die an so etwas! Ihr solltet Euch schämen!“

Röse und Marie aber lächelten, und Röse sagte ruhig: „Nein, das ist jetzt in der Ordnung, wir wollen auf alle Fälle heiraten, das haben wir miteinander besprochen. Früher waren wir dagegen. Neulich haben wir uns aber, als wir abends in der Wünschengasse auf und nieder gingen, darüber miteinander beraten. Marie will schon in allernächster Zeit sich verloben, sagte sie mir. Sie hält das für gut und hübsch, es sehr früh zu thun. Man bekommt dann mehr Ansehen, meint sie, und ich glaube, sie hat recht.“

„So albern wie heute,“ unterbrach Budang sie, „seid Ihr mir noch nicht vorgekommen, gerade jetzt dachte ich, wie hübsch vernünftig und ordentlich Ihr nach aller Mühe geworden seid, aber proste Mahlzeit. Die beiden Esel hätten wahrhaftig etwas Besseres thun können, als Euch die Zettel zu schreiben. Das beste ist, thut das Briefzeugs fort, daß es Euch nicht noch mehr die Köpfe verdreht, oder gebt es mir, ich hebe es Euch auf.“

„I, Gott bewahre,“ sagte Röse, „die Briefe bleiben bei uns in unserm Schränkchen.“

„Meinetwegen!“ brummte Budang.

Die Ratsmädchen besaßen jedes ein Schränkchen, braun gestrichen, aus Tannenholz und mit Rosen bemalt, in der Art, wie die altweimarischen Tischler den Blumenschmuck auf den Bauerntruhen und Betten zu stande brachten. Jedes war eine Elle hoch, nicht allzu tief, so daß sie außerordentlich handlich waren und bald dahin, bald dorthin von den Besitzerinnen geschleppt wurden, je nachdem sie eine Näscherei, ein Geheimnis verborgen hielten, und es den beiden wünschenswert erschien, die Schränkchen in sicherer Nähe zu haben. In diese Schränkchen also wurden die Liebesbriefe gesteckt, jede that den ihrigen in eine Bonbonschachtel.

Sie holten sie tagsüber wohl zehnmal heraus, beguckten sie sich gegenseitig und waren sehr zufriedengestellt. Aber wie es so geht: Marie erboste schließlich Rösen; sie hatte ihr gesagt, daß das Gedicht auf den Hut mit ihrem Brief nicht in Vergleich zu ziehen sei, hatte ihr die Vorzüge ihres Briefes und die Mangelhaftigkeiten des Gedichtes zu Gemüte geführt, so daß Röse mißlaunig wurde, und beide in eine Zänkerei verfielen, die sich eine gute Weile hinzog.

Frau Rat hatte ihnen vom Nebenzimmer aus zugehört. Als sie eintrat, sagte sie ruhig: „Was fällt Euch ein, Ihr Mädchens?“ Sie sahen ganz verwildert aus, und Röse rief: „Die Marie hat einen Liebesbrief im Schränkchen!“

„Herrgott!“ rief Marie ganz aufgebracht und schluchzend, „die Klatsche! Die hat auch einen!“

„So,“ sagte Frau Rat, „zeigt sie mir.“

Da brachten sie beide ihre Schränkchen gutwillig angeschleppt. „So, nun schließt sie auf.“

Sie schlossen sie auf, und jede nahm aus ihrer Bonbonschachtel den Liebesbrief und überreichte ihn der Mutter.

Diese gebot Rösen, ein brennendes Licht zu holen und that keinen Blick in die Zettel, die sie in der Hand hielt.

Sie war ganz ruhig und freundlich, strich Marien über die Wangen, die ihr von der Zänkerei glühend rot geworden waren.

Als Röse wieder mit dem brennenden Licht zaghaft eintrat und es auf den Tisch stellte, hielt die Mutter, ruhig lächelnd, die Briefchen über die Flamme.

Die beiden Mädchen schauten nun still zu, wie so merkwürdige Dinger verbrannten. — Und als die Mutter das verkohlte Papier auf den Tisch fallen ließ, und die Funken noch daran knisterten, betrachtete Röse und Marie die kleinen, verkohlten Haufen sehr interessiert, und als das letzte Fünkchen verlosch, sagte Röse: „Jetzt ist das Schulmeisterlein hinausgegangen.“

Es war bei ihnen ein beliebtes Spiel, Funken in einem verkohlten Papierknäuel verlöschen zu sehen.

Die munteren Fünkchen, welche sprühten und knisterten und vergingen, das waren die Schulkinder, die nach Hause liefen, und der letzte Funke war eben — „das Schulmeisterlein“.

Frau Rat lachte hell auf bei Röses Bemerkung, schloß das Kind in die Arme und küßte es, und alle drei waren seelenvergnügt. —

Um diese Zeit begab es sich, daß der Großherzog Karl August aus Wien von dem großen Kongreß, der den verworrenen Streit der Völker schlichten sollte, zurückkehrte.

Empfangsfeierlichkeiten wurden vorbereitet. Die Weimaraner schmückten ihre Häuser, Ehrenpforten wurden gebaut. Die Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen, alles beriet sich. Es war ein so wichtiges und emsiges Treiben im Städtchen, als sollten die Schützengilde, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen das Wohl des ganzen Reiches schaffen und erwägen.

Der Bürgermeister, unserer Ratsmädel Vater, hatte alle Hände voll zu thun. Frau Rat nähte für die beiden Kinder neue, weiße Kleider. Ihre Mädchen waren dazu ausersehen, dem heimkehrenden Fürsten in Gesellschaft noch anderer hübscher Geschöpfe Blumen und Lorbeerkränze von einer niederen Estrade aus auf den Weg zu streuen, während er vorüberritt.

Die Stadtverordneten, die Schützengilden, die Feuerwehr, die Innungen, die Schulen hatten die Bestimmung getroffen, daß die weißgekleideten Mädchen mit offenem Haar und in Kränzen den Fürsten begrüßen sollten. Die Ratsmädchen, weil sie so gut zu einander paßten und so hübsch nebeneinander aussahen, sollten ganz vornan stehen. Und Röse war das Amt überkommen, einen wunderschönen Lorbeerkranz Karl August gerad auf den Degengriff zu werfen, oder doch wenigstens auf sein Pferd, wenn es ihr mit dem Degen zu schwer würde.

Es war eine außerordentliche Ehre für sie, das sah sie selbst ein und that sich etwas zu gute darauf. Das Wetter am Einzugstage war schön und klar, die Luft kräftig und frisch, die Fahnen wehten in der Sonne, vom Winde bewegt. Es duftete nach Tannen und Grün von allen Häusern herab, vor jeder Thür. Musikbanden zogen durch die Gassen nach den verschiedenen Versammlungsorten des Einholungszuges. Es pfiff, trommelte, schrie, schimpfte, lachte, sang auf allen Straßen, daß es eine wahre Freude war. Die weißgekleideten Mädchen versammelten sich wie Züge weißer Tauben in der Esplanade. Die frische, sonnige Luft schien, wie sie die Fahnen regte, auch die Gemüter munter zu bewegen. Man war so lustig, so ganz feiertäglich und erwartungsvoll gestimmt.

Die Mädchen kletterten auf ihre Estrade, der Wind wehte in blondem, braunem Haar, in weißen, duftigen Falten, wehte über der hübschen Schar hin, wie über ein blühendes Feld, etwa wie über ein Mohnfeld, das in weißen, rosigen Farbentönen steht.

Alle Glocken begannen zu läuten, voll und schön. Die weimarischen Glocken sind von einem seltenen Wohlklang. Die eine haben sie im Dreißigjährigen Kriege gestohlen, von irgendwo ganz Besonderem her. Freudenschüsse klangen dumpf dazwischen. Da näherte sich der Zug. Den Mädchen auf der Estrade klopfte das Herz, denn der Augenblick war sehr feierlich.

Die Musik erklang, so eine recht herzhafte Musik.

Und als Karl August auf seinem Pferde von ferne zu sehen war, da reckten sich alle Hälse. „Du, Marie,“ rief Röse, „da reitet ja der Ottokar Thon neben ihm, — gucke, gucke! Marie, sieh doch!“ rief Röse, ganz bewegt von allem Festjubel, „das ist er! Du kannst Dich darauf verlassen. Er ist jetzt Adjutant, das muß er sein. Den haben wir aber in Jahren nicht gesehen! Er soll ja ganz etwas Besonderes geworden sein, ist Lützowscher Jäger, — Du weißt doch?“ —

„Ja, ja,“ sagte die Schwester etwas gedankenlos.

„Höre, Marie,“ rief Röse wieder, als die beiden Reiter herangekommen waren, „ich werfe dem Adjutanten meinen Kranz zu, das sollst Du sehen.“

„Du bist verrückt,“ sagte Marie, „da könntest Du in eine schöne Bredouille kommen — der Lorbeer ist für den Herzog.“

„I gar,“ sagte Röse.

Da ritt der Herzog eben der Estrade zu, und die Mädchen jubelten hoch auf, und der ganze Zug jubelte, und aus allen Fenstern ringsumher schrieen und riefen sie. Der Wind wehte Rösen und Marien das lange Haar, das sie so einhüllte, daß man nur ein Streifchen ihrer weißen Kleider sah, wie goldene Fahnen über die Schultern, dem Herzog entgegen, ganz, als hätte es sich der Wind so ausgedacht.

Das mochte ein sonderbar hübscher Anblick sein; denn Karl August schaute lächelnd und nickte zu den Mädchen hinauf, hielt sein Pferd an und sprach ein paar Worte zu seinem Adjutanten.

In dem Augenblick flog Rösens Lorbeerkranz auf Karl August zu und richtig, verfehlte ihn, weil ihr die Haarsträhnen über das Gesicht geflogen waren, daß sie nicht recht sehen konnte, und der Kranz blieb an dem Degenknauf des jungen Adjutanten hängen.

Da lächelte Karl August noch einmal, und als der junge Offizier den Kranz loslösen wollte, um ihn dem zu überreichen, dem er bestimmt war, da machte der Herzog eine Bewegung, die zu bedeuten schien: „Da, wo er ankam, laßt ihn nur.“

Der Adjutant war augenscheinlich verwirrt und wußte nicht, was er mit dem Kranze anfangen sollte; seine Blicke trafen die Spenderin der schönen Ehre. Er lächelte ihr zu und schaute sie an — und erkannte sie, die er, als sie ein kleines Mädchen war, in der Wünschengasse oft gesehen hatte.

Seine Eltern hatten Rats eine Zeit lang gegenüber gewohnt, und er erinnerte sich Rösens und Mariens wieder.

„Herrjeh,“ sagte Röse ganz glücklich. „Nun seht nur, jetzt reitet er mit meinem Kranz davon. Das war ja wirklich Ottokar Thon!“

„Na freilich,“ bestätigte Marie.

„Und wie er aussah! — nein, wie er aussah! — Früher haben wir ihn gar nicht groß angesehen, ich glaube, nicht einmal gegrüßt. Hast Du bemerkt, wie er rot wurde, als der Kranz auf ihn fiel; das hat er sich nicht träumen lassen, daß er so einen großen Lorbeer bekommen würde. Und hast Du auch gesehen, Karl August hat ihm den Kranz geschenkt!“

„Ja, ja!“ sagte Marie ganz lustig. „Du hast gut getroffen!“

„Höre, Marie,“ begann Röse wieder, während sie noch den beiden Reitern, dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. „So, wie der Ottokar Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie,“ wiederholte sie ernst. „Er gehört zu den Lützowschen Jägern,“ sagte sie noch einmal — „weißt Du? Aber wie streng er aussah.“

Sonnenklar wußte Röse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt, den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort mitzuteilen.

Diesmal war aber der Eindruck glückverheißend, bedeutungsvoller, als sie sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt hatte, wurde Jahre darauf Rösens Gatte.

Sie war ein Glückskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankündigung einer schönen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; „denn damals“, sagte sie, „wußte ich so klar wie das, daß er mir besser, als jeder Mensch bisher gefiel, auch das, daß wir einmal zu einander gehören würden.“ Davon erfahren wir aber erst Näheres und Breiteres im zweiten Bande.

Der ruhige Ernst, der auf den Zügen des jungen Mannes lag, als er unter Glockengeläut mit seinem Fürsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem Vaterlande fühlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg noch sein mußte, ehe Deutschland würdig und groß dastehen konnte.

Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen und Feiern, den Plänen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrät, um es nicht zu entweihen, seine Gedanken über die Möglichkeit, wie Deutschland erhoben werden könne, niedergeschrieben.

Lange Jahre nach seinem frühen Tode ist jene Niederschrift bekannt geworden, und staunend mußte man die Klarheit und Sicherheit dieses jungen, kräftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und sicher Deutschland den Weg zur Größe vorschrieb, den es jetzt gegangen ist.

Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem früh Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.

Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit, seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der großen, allgemeinen Verworrenheit gepriesen und schließt die Worte, die er der Erinnerung an jenen kühnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: „Wie unheimlich erscheint doch die schwerflüssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.“

Welche Fülle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht über die Erde hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hält mit ihren Kräften haus.

Denke man sich einen schönen, mächtigen Wald, unübersehbar; göttliche Frische lebt in ihm. Es ist eine Welt für sich, eine herrliche Erscheinung, und er hat sich gebildet dadurch, daß unzählige große und kräftige und geringe Bäume, ungezählte Daseinskräfte, mächtige und zarte, sich zu einem Ganzen hier zusammenthaten, zu einem einzigen Begriff, der alles einzelne in sich begräbt.

So ist es auch im menschlichen Leben: um einen Begriff, eine Erfahrung zu schaffen, gehören Millionen, die diese Erfahrung an sich erprobten, die diesen Begriff durch ihr Aufgehen in demselben bildeten.

Wie ein Baum uns nie die Erscheinung eines Waldes geben kann, so würde der erste Tugendhafte uns nie den Begriff der Tugend geben können, der erste Leidende nicht den des Leidens, der erste Glückliche nicht den des Glückes, der erste junge Mensch nicht den der Jugend.

Ungezählte mußten gelitten haben, ehe die Welt von Leiden reden konnte; Millionen mußten glücklich gewesen sein, ehe das Bild des Glückes, Millionen mußten sündigen, ehe das Bild der Sünde entstand.

Ein Begriff ist der große Wald, in dem das einzelne aufgeht, um ein Ganzes bilden zu helfen. Und ich sage hier noch: Ungezählte mußten in Jugend erblühen und wieder dahinwelken, ehe wir von Jugend als von einer Glückseligkeit reden konnten.

Das Wort, der Begriff „Jugend“ ist das Grab, in das Jugend aus Jahrtausenden sank und ihr seliges Erbteil dem Worte überließ, so daß es Kraft hat, den, der es recht ausspricht, mit Wonne, Wehmut und allem Wundervollen, das je gefühlt ist, zu überschütten.

Und diese Zeilen, diese munteren, harmlosen Geschichtchen haben weiter kein Ziel, als das: dem reichgeschmückten Worte, an dessen Pracht und Zauber die Geschlechter der Erde von Anbeginn an wirkten, noch ein schimmerndes Flitterchen mehr anzufügen.