28.
Kestners Nachrichten über den Tod Jerusalems.
An Goethe abgesandt im November 1772.[13]
Jerusalem ist die ganze Zeit seines hiesigen Aufenthalts mißvergnügt gewesen, es sey nun überhaupt wegen der Stelle die er hier bekleidete, und daß ihm gleich Anfangs (bey Graf Bassenheim) der Zutritt in den großen Gesellschaften auf eine unangenehme Art versagt worden, oder insbesondere wegen des Braunschweigischen Gesandten, mit dem er bald nach seiner Ankunft kundbar heftige Streitigkeiten hatte, die ihm Verweise vom Hofe zuzogen und noch weitere verdrießliche Folgen für ihn gehabt haben. Er wünschte längst, und arbeitete daran, von hier wieder wegzukommen; sein hiesiger Aufenthalt war ihm verhaßt, wie er oft gegen seine Bekannte geäußert hat, und durch meinen Bedienten, dem es der seinige oft gesagt, wußte ich dieses längst. Bisher hoffte er, das hiesige Geschäft sollte sich zerschlagen; da nun seit einiger Zeit mehrerer Anschein zur Wiedervereinigung war, und man im Publiko solches schon nahe und gewiß glaubte, ist er, etwa vor 8 Tagen, bey dem Gesandten Falke (dem er bekannt und von dem Vater empfohlen war) gewesen, und hat diesen darüber auszuforschen gesucht, der denn, obgleich keine völlige Gewißheit, doch den Anschein und Hoffnung bezeuget.
Neben dieser Unzufriedenheit war er auch in des pfältz. Sekret. H... Frau verliebt. Ich glaube nicht, daß diese zu dergleichen Galanterien aufgelegt ist, mithin, da der Mann noch dazu sehr eifersüchtig war, mußte diese Liebe vollends seiner Zufriedenheit und Ruhe den Stoß geben.
Er entzog sich allezeit der menschlichen Gesellschaft und den übrigen Zeitvertreiben und Zerstreuungen, liebte einsame Spaziergänge im Mondenscheine, gieng oft viele Meilen weit und hieng da seinem Verdruß und seiner Liebe ohne Hoffnung nach. Jedes ist schon im Stande die erfolgte Würkung hervorzubringen. Er hatte sich einst Nachts in einem Walde verirrt, fand endlich noch Bauern, die ihn zurechtwiesen, und kam um 2 Uhr zu Haus.
Dabey behielt er seinen ganzen Kummer bey sich, und entdeckte solchen, oder vielmehr die Ursachen davon, nicht einmahl seinen Freunden. Selbst dem Kielmansegge hat er nie von der H.... gesagt, wovon ich aber zuverläßig unterrichtet bin.
Er las viel Romane, und hat selbst gesagt, daß kaum ein Roman seyn würde, den er nicht gelesen hätte. Die fürchterlichsten Trauerspiele waren ihm die liebsten. Er las ferner philosophische Schriftsteller mit großem Eyfer und grübelte darüber. Er hat auch verschiedene philosophische Aufsäze gemacht, die Kielmansegge gelesen und sehr von anderen Meinungen abweichend gefunden hat; unter andern auch einen besondern Aufsatz, worin er den Selbstmord vertheidigte. Oft beklagte er sich gegen Kielmansegge über die engen Gränzen, welche dem menschlichen Verstande gesetzt wären, wenigstens dem Seinigen; er konnte äußerst betrübt werden, wenn er davon sprach, was er wißen möchte, was er nicht ergründen könne &c. (Diesen Umstand habe ich erst kürzlich erfahren und ist, deucht mir, der Schlüssel eines großen Theils seines Verdrusses, und seiner Melancholie, die man beyde aus seinen Mienen lesen konnte; ein Umstand der ihm Ehre macht und seine letzte Handlung bei mir zu veredlen scheint.) Mendelsohns Phädon war seine liebste Lectüre; in der Materie vom Selbstmorde war er aber immer mit ihm unzufrieden; wobey zu bemerken ist, daß er denselben auch bey der Gewißheit von der Unsterblichkeit der Seele, die er glaubte, erlaubt hielt. Leibnitzen’s Werke las er mit großem Fleiße.
Als letzthin das Gerücht vom Goué sich verbreitete, glaubte er diesen zwar nicht zum Selbstmorde fähig, stritt aber in Thesi eifrig für diesen, wie mir Kielmansegge, und viele, die um ihn gewesen, versichert haben. Ein paar Tage vor dem unglücklichen, da die Rede vom Selbstmorde war, sagte er zu Schleunitz, es müße aber doch eine dumme Sache seyn, wenn das Erschiessen mißriethe.
Auch einige Tage zuvor sprachen Brandten mit ihm von seinen weiten einsamen Spaziergängen, daß ihm da leicht einmal ein Unglück zustossen könnte, wie zum Ex. vor einiger Zeit, da einer beym entstandenen Gewitter sich unter ein Gemäuer retiriret, und dieses über ihm eingestürzt wäre. Er antwortete: das würde mir eben recht seyn. Dorthel verspricht ihm ein Kränzchen zu machen, wenn er hier stürbe. Er hat in Brandten Hause sehr über N... geklagt, daß dieser gar nicht schriebe, er schäme sich zu ihnen zu kommen, da er immer nichts von ihm sagen könne. Mit einiger Hitze zu Annchen: Ja, ich versichere Sie, die Sünden meiner Freunde schmerzen mich. (N... war Anbeter der Annchen.) Zu Kielmansegge hat er von N. gesagt, dieser hätte eine Dreckseele; was man noch in der Welt machen solle, wo man einen abwesenden Freund nicht einmal conserviren könne.
In diesen Tagen hat er mich, da er im Brandtischen Hause war, ins Buffische Haus gehen sehen (oder vielmehr es geglaubt, da es eigentlich ein anderer war,) und gesagt, mit einem besonderen Ton: wie glücklich ist Kestner! wie ruhig er dahin geht!
Vergangenen Dienstag kommt er zum kranken Kielmansegge, mit einem mißvergnügten Gesichte. Dieser frägt ihn, wie er sich befände? Er: Besser als mir lieb ist. Er hat auch den Tag viel von der Liebe gesprochen, welches er sonst nie gethan; und dann von der Franckfurter Zeitung, die ihm seit einiger Zeit mehr als sonst gefalle. Nachmittags (Dienstag) ist er bey Sekr. H... gewesen. Bis Abends 8 Uhr spielen sie Tarok zusammen. Annchen Brandt war auch da; Jerusalem begleitet diese nach Haus. Im Gehen schlägt Jerusalem oft unmuthsvoll vor die Stirn und sagt wiederholt: Wer doch erst todt, — wer doch erst im Himmel wäre! — Annchen spaßt darüber; er bedingt sich bey ihr im Himmel einen Platz, und beim Abschiednehmen sagt er: Nun es bleibt dabey, ich bekomme bey Ihnen im Himmel einen Platz.
Am Mittewochen, da im Kronprinz groß Fest war und jeder jemanden zu Gaste hatte, gieng er, ob er gleich sonst zu Haus aß, zu Tisch und brachte den Secr. H... mit sich. Er hat sich da nicht anders als sonst, vielmehr muntrer betragen. Nach dem Essen nimmt ihn Secret. H... mit nach Haus zu seiner Frau. Sie trinken Kaffee. Jerusalem sagt zu der H...: Liebe Frau Secretairin, dieß ist der letzte Kaffee, den ich mit Ihnen trinke. — Sie hält es für Spaß und antwortet in diesem Tone. Diesen Nachmittag (Mittwochs) ist Jerusalem allein bei H...s gewesen, was da vorgefallen, weiß man nicht; vielleicht liegt hierin der Grund zum folgenden. — Abends, als es eben dunkel geworden, kommt Jerusalem nach Garbenheim, ins gewöhnliche Gasthaus, frägt ob niemand oben im Zimmer wäre? Auf die Antwort: Nein, geht er hinauf, kommt bald wieder herunter, geht zum Hofe hinaus, zur linken Hand hin, kehrt nach einer Weile zurück, geht in den Garten; es wird ganz dunkel, er bleibt da lange, die Wirthin macht ihre Anmerkungen darüber, er kommt wieder heraus, geht bei ihr, alles ohne ein Wort zu sagen, und mit heftigen Schritten, vorbey, zum Hofe hinaus, rechts davon springend.
Inzwischen, oder noch später, ist unter H... und seiner Frau etwas vorgegangen, wovon H... einer Freundin vertrauet, daß sie sich über Jerusalem etwas entzweyet und die Frau endlich verlangt, daß er ihm das Haus verbieten solle, worauf er es auch folgenden Tags in einem Billet gethan.
Nachts vom Mittewoch auf den Donnerstag ist er um 2 Uhr aufgestanden, hat den Bedienten geweckt, gesagt, er könne nicht schlafen, es sey ihm nicht wohl, läßt einheitzen, Thee machen, ist aber doch nachher ganz wohl, dem Ansehen nach.
Donnerstags Morgens schickt Secret. H... an Jerusalem ein Billet. Die Magd will keine Antwort abwarten und geht. Jerusalem hat sich eben rasiren lassen. Um 11 Uhr schickt Jerusalem wiederum ein Billet an Secret. H..., dieser nimmt es dem Bedienten nicht ab, und sagt, er brauche keine Antwort, er könne sich in keine Correspondenz einlassen, und sie sähen sich ja alle Tage auf der Dictatur. Als der Bediente das Billet unerbrochen wieder zurückbringt, wirft es Jerusalem auf den Tisch und sagt: es ist auch gut. (Vielleicht den Bedienten glauben zu machen, daß es etwas gleichgültiges betreffe.)
Mittags isset er zu Haus, aber wenig, etwas Suppe. Schickt um 1 Uhr ein Billet an mich und zugleich an seinen Gesandten, worin er diesen ersucht, ihm auf diesen (oder künftigen) Monat sein Geld zu schicken. Der Bediente kommt zu mir. Ich bin nicht zu Hause, mein Bedienter auch nicht. Jerusalem ist inzwischen ausgegangen, kommt um ¼4 Uhr zu Haus, der Bediente giebt ihm das Billet wieder. Dieser sagt: Warum er es nicht in meinem Hause, etwa an eine Magd, abgegeben? Jener: Weil es offen und unversiegelt gewesen, hätte er es nicht thun mögen. — Jerusalem: Das hätte nichts gemacht, jeder könne es lesen, er sollte es wieder hinbringen. — Der Bediente hielt sich hierdurch berechtigt, es auch zu lesen, ließt es und schickt es mir darauf durch einen Buben, der im Hause aufwartet. Ich war inzwischen zu Haus gekommen, es mogte ½4 Uhr seyn, als ich das Billet bekam:
„Dürfte ich Ew. Wohlgeb. wohl zu einer vorhabenden Reise um ihre Pistolen gehorsamst ersuchen?
J.“[14]
Da ich nun von alle dem vorher erzählten und von seinen Grundsätzen nichts wußte, indem ich nie besondern Umgang mit ihm gehabt — so hatte ich nicht den mindesten Anstand ihm die Pistolen sogleich zu schicken.
Nun hatte der Bediente in dem Billet gelesen, daß sein Herr verreisen wollte, und dieser ihm solches selbst gesagt, auch alles auf den anderen Morgen um 6 Uhr zur Reise bestellt, sogar den Friseur, ohne daß der Bediente wußte wohin, noch mit wem, noch auf was Art? Weil Jerusalem aber allezeit seine Unternehmungen vor ihm geheim tractiret, so schöpfte dieser keinen Argwohn. Er dachte jedoch bey sich: „Sollte mein Herr etwa heimlich nach Braunschweig reisen wollen, und dich hier sitzen lassen? &c.“ Er mußte die Pistolen zum Büchsenschäfter tragen und sie mit Kugeln laden lassen.
Den ganzen Nachmittag war Jerusalem für sich allein beschäftiget, kramte in seinen Papieren, schrieb, ging, wie die Leute unten im Hause gehört, oft im Zimmer heftig auf und nieder. Er ist auch verschiedene Mal ausgegangen, hat seine kleinen Schulden, und wo er nicht auf Rechnung ausgenommen, bezahlt; er hatte ein Paar Manschetten ausgenommen, er sagt zum Bedienter, sie gefielen ihm nicht, er sollte sie wieder zum Kaufmann bringen; wenn dieser sie aber nicht gern wieder nehmen wollte, so wäre da das Geld dafür, welches der Kaufmann auch lieber genommen.
Etwa um 7 Uhr kam der Italiänische Sprachmeister zu ihm. Dieser fand ihn unruhig und verdrießlich. Er klagte, daß er seine Hypochondrie wieder stark habe, und über mancherley; erwähnt auch, daß das Beste sey, sich aus der Welt zu schicken. Der Italiäner redet ihm sehr zu, man müsse dergleichen Passionen durch die Philosophie zu unterdrücken suchen &c. Jerusalem: das ließe sich nicht so thun; er wäre heute lieber allein, er möchte ihn verlassen. Der Italiäner: er müsse in Gesellschaft gehen, sich zerstreuen &c. Jerusalem: er gienge auch noch aus. — Der Italiener, der auch die Pistolen auf dem Tische liegen gesehen, besorgt den Erfolg, geht um halb acht Uhr weg und zu Kielmansegge, da er denn von nichts als von Jerusalem, dessen Unruhe und Unmuth spricht, ohne jedoch von seiner Besorgniß zu erwähnen, indem er geglaubt, man möchte ihn deswegen auslachen.
Der Bediente ist zu Jerusalem gekommen, um ihm die Stiefel auszuziehen. Dieser hat aber gesagt, er gienge noch aus; wie er auch wirklich gethan hat, vor das Silberthor auf die Starke Weide, und sonst auf die Gasse, wo er bey Verschiedenen, den Hut tief in die Augen gedrückt, vorbey gerauscht ist, mit schnellen Schritten, ohne jemand anzusehen. Man hat ihn auch um diese Zeit eine ganze Weile an dem Fluß stehen sehen, in einer Stellung, als wenn er sich hineinstürzen wolle (so sagt man).
Vor 9 Uhr kommt er zu Haus, sagt dem Bedienten, es müsse im Ofen noch etwas nachgelegt werden, weil er so bald nicht zu Bette ginge, auch solle er auf Morgen früh 6 Uhr alles zurecht machen, läßt sich auch noch einen Schoppen Wein geben. Der Bediente, um recht früh bey der Hand zu seyn, da sein Herr immer sehr accurat gewesen, legt sich mit den Kleidern ins Bette.
Da nun Jerusalem allein war, scheint er alles zu der schrecklichen Handlung vorbereitet zu haben. Er hat seine Briefschaften alle zerrissen und unter den Schreibtisch geworfen, wie ich selbst gesehen. Er hat zwey Briefe, einen an seine Verwandte, den Andern an H... geschrieben; man meint auch einen an den Gesandten Höffler, den dieser vielleicht unterdrückt. Sie haben auf dem Schreibtisch gelegen. Erster, den der Medicus andern Morgens gesehen, hat überhaupt nur folgendes enthalten, wie Dr. Held, der ihn gelesen, mir erzählt:
Lieber Vater, liebe Mutter, liebe Schwestern und Schwager, verzeihen Sie Ihrem unglücklichen Sohn und Bruder; Gott, Gott, segne euch!
In dem zweyten hat er H... um Verzeihung gebeten, daß er die Ruhe und das Glück seiner Ehe gestört, und unter diesem theuren Paar Uneinigkeit gestiftet &c. Anfangs sey seine Neigung gegen seine Frau nur Tugend gewesen &c. In der Ewigkeit aber hoffe er ihr einen Kuß geben zu dürfen &c. Er soll drey Blätter groß gewesen seyn, und sich damit geschlossen haben: „Um 1 Uhr. In jenem Leben sehen wir uns wieder.“ (Vermutlich hat er sich sogleich erschossen, da er diesen Brief geendigt.)
Diesen ungefähren Inhalt habe ich von jemand, dem der Gesandte Höffler ihn im Vertrauen gesagt, welcher daraus auf einen würklich strafbaren Umgang mit der Frau schliessen will. Allein bey H... war nicht viel erforderlich, um seine Ruhe zu stören und eine Uneinigkeit zu bewürken. Der Gesandte, deucht mich, sucht auch die Aufmerksamkeit ganz von sich, auf diese Liebesbegebenheit zu lenken, da der Verdruß von ihm wohl zugleich Jerusalem determinirt hat; zumal da der Gesandte verschiedentlich auf die Abberufung des Jerusalem angetragen, und ihm noch kürzlich starke reprochen vom Hofe verursacht haben soll. Hingegen hat der Erbprinz von Braunschweig, der ihm gewogen gewesen, vor Kurzem geschrieben, daß er sich hier noch ein wenig gedulden mögte, und wenn er Geld bedürfe, es ihm nur schreiben sollte, ohne sich an seinen Vater, den Herzog, zu wenden.
Nach diesen Vorbereitungen, etwa gegen 1 Uhr, hat er sich denn über das rechte Auge hinein durch den Kopf geschossen. Man findet die Kugel nirgends. Niemand im Hause hat den Schuß gehört; sondern der Franciskaner Pater Guardian, der auch den Blick vom Pulver gesehen, weil es aber stille geworden, nicht darauf geachtet hat. Der Bediente hatte die vorige Nacht wenig geschlafen und hat sein Zimmer weit hinten hinaus, wie auch die Leute im Haus, welche unten hinten hinaus schlafen.
Es scheint sitzend im Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch geschehen zu seyn. Der Stuhl hinten im Sitz war blutig, auch die Armlehnen. Darauf ist er vom Stuhle heruntergesunken, auf der Erde war noch viel Blut. Er muß sich auf der Erde in seinem Blute gewälzt haben; erst beym Stuhle war eine große Stelle von Blut; die Weste vorn ist auch blutig; er scheint auf dem Gesichte gelegen zu haben; dann ist er weiter, um den Stuhl herum, nach dem Fenster hin gekommen, wo wieder viel Blut gestanden, und er auf dem Rücken entkräftet gelegen hat. (Er war in völliger Kleidung, gestiefelt, im blauen Rock mit gelber Weste.)
Morgens vor 6 Uhr geht der Bediente zu seinem Herrn ins Zimmer, ihn zu wecken; das Licht war ausgebrannt, es war dunkel, er sieht Jerusalem auf der Erde liegen, bemerkt etwas Nasses, und meynt er möge sich übergeben haben; wird aber die Pistole auf der Erde, und darauf Blut gewahr, ruft: Mein Gott, Herr Assessor, was haben Sie angefangen; schüttelt ihn, er giebt keine Antwort, und röchelt nur noch. Er läuft zu Medicis und Wundärzten. Sie kommen, es war aber keine Rettung. Dr. Held erzählt mir, als er zu ihm gekommen, habe er auf der Erde gelegen, der Puls noch geschlagen; doch ohne Hülfe. Die Glieder alle wie gelähmt, weil das Gehirn lädirt, auch herausgetreten gewesen; Zum Ueberflusse habe er ihm eine Ader am Arm geöffnet, wobey er ihm den schlaffen Arm halten müssen, das Blut wäre doch noch gelaufen. Er habe nichts als Athem geholt, weil das Blut in der Lunge noch circulirt, und diese daher noch in Bewegung gewesen.
Das Gerücht von dieser Begebenheit verbreitete sich schnell; die ganze Stadt war in Schrecken und Aufruhr. Ich hörte es erst um 9 Uhr, meine Pistolen fielen mir ein, und ich weiß nicht, daß ich kurzens so sehr erschrocken bin. Ich zog mich an und gieng hin. Er war auf das Bette gelegt, die Stirne bedeckt, sein Gesicht schon wie eines Todten, er rührte kein Glied mehr, nur die Lunge war noch in Bewegung, und röchelte fürchterlich, bald schwach, bald stärker, man erwartete sein Ende.
Von dem Wein hatte er nur ein Glas getrunken. Hin und wieder lagen Bücher und von seinen eignen schriftlichen Aufsätzen. Emilia Galotti lag auf einem Pult am Fenster aufgeschlagen; daneben ein Manuscript ohngefähr Fingerdick in Quart, philosophischen Inhalts, der erste Theil oder Brief war überschrieben: Von der Freyheit, es war darin von der moralischen Freyheit die Rede. Ich blätterte zwar darin, um zu sehen, ob der Inhalt auf seine letzte Handlung einen Bezug habe, fand es aber nicht; ich war aber so bewegt und consternirt, daß ich mich nichts daraus besinne, noch die Scene, welche von der Emilia Galotti aufgeschlagen war, weiß, ohngeachtet ich mit Fleiß darnach sah.
Gegen 12 Uhr starb er. Abends ¾11 Uhr ward er auf dem gewöhnlichen Kirchhof begraben, (ohne daß er seciret ist, weil man von dem Reichs-Marschall-Amte Eingriffe in die gesandtschaftlichen Rechte fürchtete) in der Stille mit 12 Laternen und einigen Begleitern; Barbiergesellen haben ihn getragen; das Kreutz ward voraus getragen; kein Geistlicher hat ihn begleitet.
Es ist ganz ausserordentlich, was diese Begebenheit für einen Eindruck auf alle Gemüther gemacht. Leute, die ihn kaum einmahl gesehen, können sich noch nicht beruhigen; viele können seitdem noch nicht wieder ruhig schlafen; besonders Frauenzimmer nehmen großen Antheil an seinem Schicksal; er war gefällig gegen das Frauenzimmer, und seine Gestalt mag gefallen haben &c.
Wetzlar d. 2. Nov. 1772.
29.
Nachtrag zur Geschichte von Jerusalems Tode,
gefunden in Kestners Papieren.
Man will geheime Nachrichten aus dem Munde des Secret. H... haben, daß am Mittewochen vor Jerusalems Tode, da dieser beym H... und seiner Frau zum Kaffee war, der Mann zum Gesandten gehen müssen. Nachdem der Mann wieder kömmt, bemerckt er an seiner Frau eine ausserordentliche Ernsthaftigkeit und bey Jerusalem eine Stille, welche beyde ihm sonderbar und bedencklich geschienen, zumal da er sie nach seiner Zurückkunft so sehr verändert findet. — Jerusalem geht weg. Secret. H... macht über obiges seine Betrachtungen; er faßt Argwohn, ob etwa in seiner Abwesenheit etwas ihm nachtheiliges vorgegangen sein möchte, denn er ist sehr argwöhnisch und eyfersüchtig. Er stellt sich jedoch ruhig und lustig; und will seine Frau auf die Probe stellen. Er sagt: Jerusalem habe ihn doch oft zum Essen gehabt, was sie meynte, ob sie Jerusalem nicht auch einmal zum Essen bey sich haben wollten? — Sie, die Frau, antwortet:
Nein; und sie müßten den Umgang mit Jerusalem ganz abbrechen; er finge an sich so zu betragen, daß sie seinen Umgang ganz vermeiden müßte. Und sie hielte sich verbunden ihm, dem Manne, zu erzählen, was in seiner Abwesenheit vorgegangen sey. Jerusalem habe sich vor ihr auf die Knie geworfen und ihr eine förmliche Liebeserklärung thun wollen. Sie sey natürlicher Weise darüber aufgebracht worden und hätte ihm viele Vorwürfe gemacht &c. &c. Sie verlange nun, daß ihr Mann ihm, dem Jerusalem, das Haus verbieten solle, denn sie könne und wolle nichts weiter von ihm hören noch sehen.
Hierauf habe H... andern Morgens das Billet an Jerusalem geschrieben &c.
30.
Goethe an Kestner.
acc. von Darmstadt zu Wetzl. 30. Nov. 72.
Ich dank euch lieber Kestner für die Nachricht von des armen Jerusalems Todt, sie hat uns herzlich interessirt. Ihr sollt sie wieder haben wenn sie abgeschrieben ist.
Merck läßt euch grüssen auch seine Frau, die immer darauf besteht ihr müsstet ein recht braver Mensch seyn. Henry geht alle Abend in die Komödie und kümmert sich nichts um die Welt. Euer Grus an die Flachsland hat mir einen Kuss getragen ich bitte euch grüsst öfter, so mag ich gern Porteur seyn. Ich soll euch sagen, dass sie euch tausendfaches Liebesglück wünscht, und alle möchten Lotten kennen. Ich pflege viel von ihr zu erzählen da denn die Leute lächlen und argwohnen es möchte meine Geliebte seyn, biss Merck versichert von der Seite sey ich ganz unschuldig. Grüsse mir Dorteln und Carolinen und alle meine Bubens. Gestern fiel mir ein an Lotten zu schreiben. Ich dachte aber, alle ihre Antwort ist doch nur, wir wollens so gut seyn lassen, und erschiessen mag ich mich vor der Hand noch nicht. An Gottern hab ich eben geschrieben, und ihm eine Baukunst geschickt.
Goethe.
31.
Goethes’s Schwester an Kestner.
Dienstag den 1. Dec. (1772.)
Hier schick ich Ihnen die Helffte von dem verlangten Buch, die andere folgt Morgen, weil es auf einmahl ein wenig zu stark geworden wäre. Das Exemplar habe ich in meines Bruders Zimmer gefunden, wenn er wiederkommt mag er sich ein anderes kauffen, und dann kann er Ihnen den Preis melden. — Leben Sie wohl, lieber Freund, grüsen Sie Lottchen recht schön und sagen Sie Ihr, dass ich alle Abend um zehn Uhr den Marsch auf meiner Zitter spiele, und dabey an sie denke —
Hr. Schlosser grüsst Sie beyderseits von ganzem Herzen.
Goethe.
32.
Goethes’s Schwester an Kestner.
Freytag d. 4. Dec. (1772.)
Eben erhalte ich Ihren Brief, lieber Freund, die zwey verlangte Exemplare sollen ehestens erscheinen; schreiben Sie mir nur ob sie wie das vorige überschickt werden sollen, und ob’s die Post nicht übel aufnimmt. — Leben Sie wohl.
Mein Bruder hat auch uns geschrieben, er denkt noch nicht ans wiederkommen.
G.
33.
Goethe an Kestner.
acc. Wetzl. 8. Dec. 72. — Am sechsten.
Ich binn noch immer in Darmstadt und — wie ich immer binn. Gott seegne euch, und alle Liebe und allen guten Willen auf Erden. Es hat mir viel Wohl durch meine Glieder gegossen der Aufenthalt hier, doch wirds im Ganzen nicht besser werden. Fiat voluntas. Wie wohl es euch ist, und nicht erschieserlich, gleich wie es niemanden seyn kann der auf den drey steinernen Treppen zum Hause des Herren — Amtmann Buff — gehet, hab ich aus eurem Briefe ersehen, und geliebt es Gott, also in Saecula Saeculorum. Lottens Wegwerfung, meiner treugesinnten, Nichtbriefschreibegesinnungen hat mich ein wenig geärgert, das heist starck, aber nicht lang, wie über alle ihre Unartige Arten mit den Leuten zu handeln, darüber Dortel Brandt, die Gott bald mit einem wackern Gemahl versorge, mich mehr als einmal ausgelacht hat. — Als da sind Pflückerbsen und Kälberbraten &c.
Hier will man euch vieles Wohl, und ist wohl, und gut, auf Menschen Art, nicht mehr und weniger, als recht gute Menschen Art.
Adieu. Hört nicht auf so lang ihr mich liebt, mich offt zu euch zu versezen, das auf ein Blätgen Papier und Federgekrize ankommt das ihr doch offt um Leidiger Reichs Mängel schwadroniren müsst. Adieu.
Von nun an lieber Freund ihre Briefe nach Franckfurt.
34.
Goethe an Kestner.
acc. Wetzl. 13. Dec. 1772.
Das ist trefflich, ich wollte eben fragen ist Lenchen da, und ihr schreibt mir sie ists. Wär ich nur drüben, ich wollt eure Discurse zu nichte machen, und Schneidern das Leben sauer, ich glaube ich würde sie lieber haben als Lotten. Nach dem Portrait ist sie ein liebenswürdiges Mädgen, viel besser als Lotte, wenn nicht eben iust das — Und ich binn frey, und liebebedürftig. Ich muss sehen zu kommen, doch das wäre auch nichts.
Da binn ich wieder in Franckfurt gehe mit neuen Plans um und Grillen, das ich all nicht tuhn würde hätt ich ein Mädgen.
Adieu, schreibt mir bald wieder da habt ihr 3 Baukunst. Gebt doch die andern guten Leuten, Schneidern z. Ex. und grüsst ihn.
35.
Goethe an Kestner.
acc. Wetzl. d. 16. Dec 72.
Gestern Abend lieber Kestner unterhielt ich mich eine Stunde mit Lotten und euch in der Dämmerung darüber wards Nacht, ich wollte zur tühr hinaustappen, und kam einen Schritt zu weit nach rechts, tappte Papier — es war Lottens Silhouette, es war doch eine angenehme Empfindung, ich gab ihr den besten Abend und ging.
Eben fiel mirs auch ein sie soll mir das Meubel nun schicken, lieber Kestner sorgt mir dafür dass sies euch giebt, und packt mirs wohl in eine Schachtel, und lasst sie ein Papiergen schneiden, wie gros er seyn soll, lasst ihr keine Ruhe ich schreib euch keine Sylbe bis ich den Kamm habe. Denn wir sind arme sinnliche Menschen, ich möchte gern wieder was für sie, was von ihr in den Händen haben ein sinnliches Zeichen wodurch die geistliche unsichtbaare Gnadengüter &c. wies im Cathechismus klingt.
Euer Brief macht mir viel Freude, lieber Kestner schickt mir eine Silhouette im grosen von Lenchen, ich habe sie recht lieb. Verderbt mir das Mädgen nicht. Seit ich von Darmstadt wieder hier binn, binn ich ziemlichen Humors, und arbeite brav. Abenteuerlich wie immer, und mag herauskommen was kann. NB. mit Ende dieses Jahrs hören wir samt und sonders auf die Zeitung zu schreiben, dann wirds ein recht honettes Stück Arbeit geben. Macht das bekannt soweit eure Leute an uns teil nehmen.
Dass Lotte jemand lieber hat als mich ausser euch, das sagt ihr könnte mir einerley seyn, der Zweyte oder der Zwanzigste ist eins. Der erste hat immer 99 Theil vom ganzen, und ob dann einer das hundertste Teil allein hat oder mit zwanzigen Teilt ist ziemlich eins, und dass ich sie so lieb habe ist von ieher uneigennützig gewesen.
Grüst mir Carolinen recht viel.
Klinkern hab ich nicht gesehn, aber viel mehr guts davon gehört als der Frkfurter Rezensent davon sagt. Eure Briefe kommen nicht in fall verbrannt zu werden. Ich habe schon dran gedacht. Aber zurück kriegt ihr sie auch nicht. Wenn ich sterbe will ich sie euch vermachen.
Wenn Lotte eine recht gute Stunde hat grüsst sie von mir, der ich euch von Herzen liebe.
Goethe
Das Exemplar von der Lettre sur l’homme kostet 30 kr.
36.
Goethe an Kestner.
Lieber Kestner euer Brief traf mich eben als ich eine Rolle versiegelte die ihr mit Morgen fahrender Post kriegt. Es ist Tamis für meine zween kleine Buben zu Wamms und Pumphosen, sonst Matelot genanndt. Lassts ihnen den Abend vor Cristag bescheeren, wie sichs gehört. Stellt ihnen ein Wachsstöckgen dazu und küsst sie von mir. Und Lotten den Engel. Adieu lieber Kestner euer Brief hat mir himmlische Freude gemacht. Ich hab auch heut einen von Versailles vom Bruder Lersen. Grüsst mir sie alle und habt mich lieb. Adieu.
37.
Goethe an Kestner.
acc. Wetzl. d. 26. Dec. 72.
Cristtag früh. Es ist noch Nacht lieber Kestner, ich binn aufgestanden um bey Lichte Morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger Zeiten zurückruft; ich habe mir Coffee machen lassen den Festtag zu ehren und will euch schreiben biss es Tag ist. Der Türner hat sein Lied schon geblasen ich wachte drüber auf. Gelobet seyst du Jesu Crist. Ich hab diese Zeit des Jahrs gar lieb, die Lieder die man singt; und die Kälte die eingefallen ist macht mich vollends vergnügt. Ich habe gestern einen herrlichen Tag gehabt, ich fürchtete für den heutigen, aber der ist auch gut begonnen und da ist mir fürs enden nicht Angst. Gestern Nacht versprach ich schon meinen lieben zwey Schattengesichtern euch zu schreiben, sie schweben um mein Bett wie Engel Gottes. Ich hatte gleich bey meiner Ankunft Lottens Silhouette angesteckt, wie ich in Darmstadt war stellen sie mein Bett herein und siehe Lottens Bild steht zu Häupten das freute mich sehr, Lenchen hat jetzt die andere Seite ich dank euch Kestner für das liebe Bild, es stimmt weit mehr mit dem überein was ihr mir von ihr schreibt als alles was ich imaginirt hatte; so ist es nichts mit uns die wir rathen phantasiren und weissagen. Der Türner hat sich wieder zu mir gekehrt, der Nordwind bring mir seine Melodie, als blies er vor meinem Fenster.
Gestern lieber Kestner war ich mit einigen guten Jungens auf dem Lande, unsre Lustbarkeit war sehr laut und Geschrey und Gelächter von Anfang zu Ende. Das taugt sonst nichts für die kommende Stunde, doch was können die heiligen Götter nicht wenden wenns Ihnen beliebt, sie gaben mir einen frohen Abend, ich hatte keinen Wein getrunken, mein Aug war ganz unbefangen über die Natur. Ein schöner Abend als wir zurückgingen es ward Nacht. Nun muss ich dir sagen das ist immer eine Sympatie für meine seele wenn die Sonne lang hinunter ist und die Nacht von Morgen herauf nach Nord und Süd um sich gegriffen hat, und nur noch ein dämmernder Kreis vom abend heraufleuchtet. Seht Kestner wo das Land flach ist ists das herrlichste Schauspiel, ich habe jünger und wärmer Stunden lang so ihr zu gesehn hinab dämmern auf meinen Wandrungen. Auf der Brücke hielt ich still. Die düstre Stadt zu beyden Seiten, der Still leuchtende Horizont, der Widerschein im Fluss machte einen köstlichen Eindruck in meine Seele den ich mit beyden Armen umfasste. Ich lief zu den Gerocks lies mir Bleystifft geben und Papier, und zeichnete zu meiner grossen Freude, das ganze Bild so dämmernd warm als es in meiner Seele stand. Sie hatten alle Freude mit mir darüber empfanden alles was ich gemacht hatte und da war ichs erst gewiss, ich bot ihnen an drum zu würfeln, sie schlugens aus und wollen ich solls Mercken schicken. Nun hängts hier an meiner Wand, und freut mich heute wie gestern. Wir hatten einen schönen Abend zusammen wie Leute denen das Glück ein großes Geschenck gemacht hat, und ich schlief ein den heiligen im Himmel dankend, dass sie uns Kinderfreude zum Crist bescheeren wollen. Als ich über den Markt ging und die vielen Lichter und Spielsachen sah dacht ich an euch und meine Bubens wie ihr ihnen kommen würdet, diesen Augenblick ein Himlischer Bote mit dem blauen Evangelio, und wie aufgerollt sie das Buch erbauen werde. Hätt ich bey euch seyn können ich hätte wollen so ein Fest Wachsstöcke illuminiren, dass es in den kleinen Köpfen ein Wiederschein der Herrlichkeit des Himmels geglänzt hätte. Die Tohrschließer kommen vom Bürgermeister, und rasseln mit Schlüsseln. Das erste Grau des Tags kommt mir über des Nachbaars Haus und die Glocken lauten eine Cristliche Gemeinde zusammen. Wohl ich binn erbaut hier oben auf meiner Stube, die ich lang nicht so lieb hatte als ietzt. Sie ist mit den glücklichsten Bildern ausgeziert die mir freundlichen guten Morgen sagen. Sieben Köpfe nach Raphael, eingegeben vom lebendigen Geiste, einen davon hab ich nachgezeichnet und binn zufrieden mit ob gleich nicht so froh. Aber meine lieben Mädgen. Lotte ist auch da und Lenchen auch. Sagen Sie Lenchen ich wünschte so sehnlich zu kommen und ihr die Hände zu küssen als der Musier der so herzinnigliche Briefe schreibt. Das ist gar ein armseliger Herre. Ich wollte meiner Tochter ein Deckbette mit solchen Billetdous füttern und füllen, und sie sollte so ruhig drunter schlafen wie ein Kind. Meine Schwester hat herzlich gelacht, sie hat von ihrer Jugend her auch noch dergleichen. Was ein mädgen ist von gutem Gefühl müssen dergleichen Sachen zuwieder seyn wie ein stinckig Ey. Der Kamm ist vertauscht, nicht so schön an Farb und Gestalt als der erste, hoffe doch brauchbaarer. Lotte hat ein klein Köpfgen, aber es ist ein Köpfgen.
Der Tag kömmt mit Macht, wenn das Glück so schnell im avanziren ist, so machen wir balde Hochzeit. Noch eine Seite muss ich schreiben so lang tuh ich als säh ichs Tageslicht nicht.
Grüst mir Kielmanseg. Er soll mich lieb behalten.
Der ....kerl in Giessen der sich um uns bekümmert wie das Mütterlein im Evangelio um den verlohrnen Groschen, und überall nach uns leuchtet und stöbert, dessen Nahme keinen Brief verunzieren müße in dem Lottens Nahme steht und eurer. Der Kerl ärgert sich dass wir nicht nach ihm sehn, und sucht uns zu necken dass wir seyn gedenken. Er hat um meine Baukunst, geschrieben und gefragt so hastig, dass man ihm ansah das ist gefunden Fressen für seinen Zahn. hat auch flugs in die Frankfurter Zeitung eine Rezension gesudelt von der man mir erzält hat. Als ein wahrer Esel frisst er die Disteln die um meinen Garten wachsen nagt an der Hecke die ihn vor solchen Tieren verzäunt und schreit denn sein Critisches J! a! ob er nicht etwa dem Herrn in seiner Laube bedeuten möchte: ich binn auch da.
Nun Adieu, es ist hell Licht. Gott sey bey euch, wie ich bey euch binn. Der Tag ist festlich angefangen. Leider muss ich nun die schönen Stunden mit Rezensiren verderben ich tuhs aber mit gutem Muth denn es ist fürs letzte Blat.
Lebt wohl und denkt an mich das seltsame Mittelding zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus.
Grüßt mir die Lieben alle. Und lasst von euch hören.
38.
Goethe’s Schwester an Kestner.
Montag den 4. Jen. 73.
Mein Bruder hat mir aufgetragen Ihnen zu schreiben, dass Sie so gütig seyn sollen den Herrn v. Kielmanseck zu fragen, ob er jetzt einen Theil vom Ossian will, er ist heut angekommen. —
Es freut mich recht wenn ich was von euch lieben Leuten höre, manchmal darf ich ein wenig in Ihre Briefe schielen und wenn ich da nur sehe, dass Sie alle vergnügt sind, so binn ich schon befriedigt genug. — Leben Sie wohl, lieber Freund, ich küsse Lottchen und Lenchen, und die andern lieben Schwestern alle von ganzem Herzen.
Sophie
39.
Goethe an Kestner.
Da ists denn zu Ende unser kritisches Streifen. In einer Nachrede hab ich das Publikum und den Verleger turlupinirt lasst euch aber nichts merken. Sie mögens für Balsam nehmen.
Wollt ihr aufs nechste halbe Jahr noch versuchen, so sinds zwey gewagte Gulden. Schreibt mirs. Grüsst die liebe Lotte und Lengen. und Adieu.
Der Kamm ist abgangen, und die fehlenden Anhang. Ausser Nr. 6 das kriegt ihr noch.
40.
Goethe an Kestner.
Freytag Morgens.
Diese Nacht Träumte ich von Lotten, und wie ich aufwachte sass ich so im Bett und dachte an all unser Wesen, von dem ersten Lager in Garbenheim,[15] bis zum Mondenmitternachts Gespräch an der Mauer.[16] und weiter. Es war ein schönes Leben, auf das ich ganz heiter zurücksehe. Und wie lebt ihr um den Engel? — Ich binn ietzt ganz Zeichner, und besonders glücklich im Portrait. Da sagen mir die Mädgen: Wenn sie das nur in Wetzlar getrieben hätten und hätten uns Lotten mitgebracht. Da sag ich denn ich wollte ehstens hinüber und euch alle zeichnen. Da meynen sie das wäre kein sonderlicher Trost. Doch wenns die Leute drüben auch freut dass ich komme.
Es wird ein sonderbaares Frühjahr geben. Ich sehe nicht wie das alles auseinander gehen wird was wir angesponnen haben, indess sind Hoffnungen uns willkommen, und das übrige liegt auf den Knien der Götter.
Da ist ein Impressum komikum. Ein Exemplar Kielmanseggen und grüst ihn viel das andere etwa Schneidern.
Werdet ihr nicht einen Teutschen Merkur halten, dessen Nachricht ich hier mitteile.
41.
Goethe an Kestner.
Kann nicht unterlassen mit heutiger Post noch an Hochdieselben einige Zeile zu senden. Sintemalen wir heute mit Blaukraut und Leberwurst unser Gemüth ergözt. Werden das abenteuerliche Format[17] verzeihen, wenn denenselben attestire, dass es stehenden Fusses in dem Zimmer der so tugendbelobten Mamsell Gerocks gefertiget wird. Dienet sodann zur freundlichen Nachricht dass wegen gestern abendigen unmässiglicher Weisse zu uns genommenem Wein, die Christliche Nachtruhe durch mancherley so seltsamlich als verdrüssliche Abenteuer genecket und gestört worden. Versezte uns nähmlich ein guter Geist zuerst nach Wetzlar in den Cronprinzen zwischen Gesprächige Tischgesellschafft die der leidige Teufel auf die noch leidigere Philosophey zu diskuriren brachte, und mich in seinen Schlingen verwickelte, bald darauf fiel mir schweer aufs Herz ich habe Lotten noch nicht gesehn, eilte zu meiner Stube, den Hut zu holen, die ich denn nicht finden konnte sondern durch Kammern, Säle, Gärten, Einöden, Wälder, Bilderkabinets, Scheuern Schlafzimmer Besuchzimmer Schweineställe, auf eine unglaublich wunderbaare Weise mit geängstigtem Herzen herumgetrieben wurde, biss mich endlich ein guter Geist in Gestalt des Kronprinzen Caspars an einer Galanteriebude antraff und über drey Speicher und Kornböden vor mein Zimmer brachte, wo denn zum Unglück sich kein Schlüssel fand, dass ich mich resolvirte über ein Dach und Rinne zum Fenster hineinzusteigen. Gefahr und Schwindel und fallen und was folgt. Genug ich habe Lotten nicht zu sehn gekriegt. Also dass gegen Morgen erst in einen süsen Schlaff fiel und gegen halb neun erst mein Bette verlies.
Wenn nun übrigens Hochdieselben an des hl. Römisch Reichs Gerechtigkeits Purifications Wesen manche Feder verschaben, und von dem Gekriz und Gekraze in dem Heiligtuhme des deutsch Ordens sich erholen, wenn meine Buben noch über einander krabeln wie iunge Katzen, Albrecht bald die Continuation des Cristen in der einsamkeit herausgiebt. Georg bald versifizirt wie Gotter Und die Grosen sich zu Phisica glücklich hinan chriisiren und analysiren
42.
Goethe an Kestner.
Ohngeachtet nicht viel an gegenwärtigem Ding ist hab ichs doch weils zur Schnurre gehört und nur drei Bazen kost, gekauft für euch und so geseegnes euch Gott.
43.
Goethe an Lottens Schwester.
Hier liebe Caroline, schick ich Ihnen die Muster vom Atlass, und die Preise, und das Elen Maas stehn drauf. Wenn Ihnen eins gefällt, so schreiben Sie nur, so will ichs auch besorgen. Grüssen Sie mir das ganze teutsche Haus und behalten Sie mich lieb.
Goethe.
44.
Goethe’s Schwester an Kestner.
Dienstag den 12. Jen. 73.
.... Mein Gesicht wird ehestens auf eine oder die andere Art erscheinen, sagen Sie aber Lottchen, dass sie sich nicht an der Stirne scandalisiren soll.
Sophie
45.
Goethe’s Schwester an Kestner.
Montag den 18. Jen. 73.
Gestern Abend wie ich das Liedchen spielte, fiel mir ein, dass es vielleicht Lottchen so gut gefallen könnte als mir, und da setzte ich mich gleich hin und schrieb’s —
Wir leben hier ganz einfach und recht vergnügt, wenn wir des Abends zusammen am Ofen sitzen und schwazen, oder wenn uns mein Bruder etwas vorliesst, da wünschen wir offt, dass Sie bey uns seyn und unser Vergnügen theilen könnten. — Leben Sie wohl, lieber Freund, grüsen Sie das ganze Puffische Haus sowohl von mir als von meinen Freundinnen. —
Sophie
46.
Goethe an Kestner.
acc. Wetzl. d. 19. Jenner 73.
Eh ich mich zu Bette lege ist mirs noch so euch eine gute Nacht zu sagen, und der süsen Lotte, der zwar heut schon viel guten Tag und guten Abend gesagt worden ist. Vielleicht sizt ihr eben beysammen, es ist nicht viel über 10. Vielleicht tanzt ihr. Wo ihr auch seyd glücklich, und geliebt auch von mir mehr als von irgend einem andern hierunten. Und auch ich binn glücklich, ist in mir selbst wohl, denn von aussen fehlt mir nie was. Adieu ihr lieben Schreibt mir doch offt Kestner, ich binn sehr Künstler jetzt, und Künstler wißt ihr schreiben nicht gern. Ihr sollt auch dann wieder was gezeichnetes sehn.
47.
Goethe an Kestner.
acc. W. 20. Januar 73.
Wir sind eben von Tisch aufgestanden und mir fällt ein euch eine gesegnete Mahlzeit zu wünschen, und eine Zeitung zu schicken, dass ihr sehet wie das geworden ist. Das Publikum hier meynt der Ton habe sich nicht sehr geändert.
Adieu lieber, grüsse mir die liebe Lotte und Lengen. und die Bubens ich bin immer der eurige. Fragt Lotten ob sie mein Portrait annehmen wollte, es ist zwar nicht gemacht, aber wenns gemacht wäre. Adieu. Grüsst mir die Dorthel auch. Da habt ihr euren Jerusalem.[18]
48.
Goethe an Kestner.
acc. Wetzl. d. 27. Jan. 73.
So seegn euch Gott lieber Kestner, wenn ihr auch meiner gedenket, um meinetwillen. Ich binn so gewohnt Briefe von euch zu haben dass mirs wohl unfreundlich ist wenn ich von Tische aufsteh und kein Brief da ist.
Lotten sagt: ein gewisses Mädgen hier das ich von Herzen lieb habe und das ich wenn ich zu heurathen hätte gewiß vor allen andern griffe ist auch den 11. Januar[19] gebohren. Wäre wohl hübsch so zwey Paare. Wer weis was Gottes Wille ist.
Die Philosophie solle sie doch ia lesen, sagt ihr. Bey Gott sie wird ein ganz andres herrlicheres Geschöpf werden; werden ihr von den Augen fallen wie Schuppen, Irrthum, Vorurteile &c. Und wird seyn wie der heiligen Götter eine.
Sagt ihr das und gebt ihr das Buch, und wenn sie ein Blatt drinne herabliest so will ich — Carte blanche für das scheuslichste Ragout das der Teufel erfinden mag — fressen will ichs. Ich glaub Lotte hält mich und euch fürn Narren. Sie — in mittem Carneval — eine Philosophie. Mach sie sich einen Domino zurecht und lass sie solche Grillen der Reuters — die Gott weiss wenn sie alle Gaben hätte, wie St. Paulus spricht und mit Engel und Menschen Weisheit und Zungen spräche, fehlt ihr die Liebe doch und ist ein tönend Erz und eine klingende Schelle.
Sagt der goldnen Lotte ich würds ihr denken dass sie uns den Streich gespielt.
Nun Adieu. Die Anzeige des Visitations-Wesens kommt nicht in unsre Zeitung. Der Verleger fürchtet es möchte der Teufel dahinter stecken hier ist Titel und Register. Und ein Blat. Verwischts nur und die andern auch, ich brauchs nicht.
49.
Goethe an Kestner.
acc. 29. Januar 73. Donnerstags Vormittag.
Das waren wunderliche 24 Stunden. Gestern Abend putzt ich meine Freundinnen auf den Ball, ob ich gleich nicht selbst mitging. Der einen hat ich aus der Fülle ihres Reichthums eine Egrette von Juwelen und Federn zusammengestuzt, und sie herrlich geziert. Und einmal fiel mirs ein wärst du doch bey Lotten und puztest sie so aus. Dann ging ich mit Antoinetten und Nannen auf die Brücke einen Nachtspaziergang. Das Wasser ist sehr gross, rauschte stark und die Schiffe alle versammelt in einander, und der liebe trübe Mond ward freundlich gegrüßt, und Antoinette fand das alles paradiesisch schön und alle Leute so glücklich die auf dem Land leben, und auf Schiffen, und unter Gottes Himmel. Ich lass ihr die lieben Träume gern, macht ihr noch mehr dazu wenn ich könnte. Wir gingen nach Hause und übersetzt ihnen Homer, das ietzt gewöhnliche Lieblingslektüre ist. Die andern waren gefahren zu tanzen.
Heut Nacht weckt mich ein grässlicher Sturm um Mitternacht. Er riss und heulte, da dacht ich an die Schiffe und Antoinetten und lies mir wohl seyn in meinem zivilisirten Bette. Kaum eingeschlafen weckt mich der Trommelschlag und Lerm und Feuerrufen, ich spring ans fenster, und sehe den Schein starck aber weit. Und binn angezogen. und dort. Ein großes weites Haus, das Dach in vollen Flammen. Und das glühende Balkenwerk, Und die fliegenden Funken, und den Sturm in Glut und Wolken. Es war schweer. Immer herunter brants, und herum. Ich lief zur Grosmutter die dorthin wohnt. sie war im Ausräumen des Silberzeugs. Wir brachten alle Kostbaarkeiten in Sicherheit und nun warteten wir des Schicksaals Weeg ab. Es dauerte von Ein Uhr bis vollen Tag. Das Haus mit Seiten und hintergebäuden auch Nachbaars Werke liegt. Das Feuer ist erstickt, nicht gelöscht. Sie sind ihm nun gewachsen es wird nicht wieder aufkommen. Und so sag ich euch nun geseegnete Mahlzeit. Mit überwachten Sinnen ein wenig als hätt ich getanzt, und andere Bilder in der Immagination. Wie werden meine Tänzer nach Hause kommen seyn? Adieu liebe Lotte, liebr Kestner.
50.
Goethe an Kestner.
acc. W. 6. Febr. 73.
Nichts denn gute Nachrichten lieber Kestner. Eure Perrücken sind halsstarrige Köpfe, biss ihnen das Wasser übern Kopf geht. Nun denn zu wisitirt, und predige denen Herren ihr guter Geist fleissig über Pred. Sal. C. 7. v. 17.[20] Da wird alles wohl seyn: Nun richtet euch ein Kestner. Zur Hochzeit komm ich nicht, aber nachher solls Leben angehn. Dass Kielmansegge so glücklich war ist mir von Herzen lieb, und allen die ihn kennen durch mich, glückwünscht ihm von meinetwegen.
Mit eurem Brief erhielt ich von Mercken dass er kommt. heute Freytags früh wird er anlangen, und Leuschenring mit, und über das alles Schlittschuh Bahn herrlich, wo ich die Sonne gestern herauf und hinab mit Kreistänzen geehret habe. Und noch andere Süjets der Freude die ich nicht sagen kann. Darüber lasst euch wohl seyn, dass ich fast so glücklich binn als Leute die sich lieben wie ihr, dass eben so viel Hoffnung in mir ist als in liebenden, dass ich sogar Zeither einige Gedichte gefühlt und was mehr ist dergleichen. Es grüsst euch meine Schwester, es grüsen euch meine Mädgen es grüsen euch meine Götter. Namentlich der schöne Paris hier zur rechten, die goldne Venus dort und der Bote Merkurius, der Freude hat an den schnellen, und mir gestern unter die Füse band seine göttliche Solen die schönen, goldnen, die ihn tragen über das unfruchtbaare Meer und die unendliche Erde, mit dem Hauche des Windes. Und so seegnen euch die lieben Dinger im Himmel.
51.
Goethe an Kestner.
acc. 7. Febr. 73.
Merck ist da lieber Kestner, und grüsst euch und Lotten. Hat das einliegende novum mitgebracht das ich euch sende. Schafft mir doch die Blätter des Giesser Wochenblatts, da inne der Brief von Zimmermann über seine Unterredung mit dem König steht, Es werden die ersten seyn dieses Jahrs. Grüsst lenchen und meine Bubens.
52.
Goethe an Kestner.
acc. W. d. 12. Febr. 73.
hat mich nach so langer Pause euer Brief wohl ergötzt, und ist gut dass alles so ist.
Die Reuters dauern mich und Lotte mit.
Merck ist fort und hat ein neu Papier unter Lottens Gesicht veranstaltet so schön blau wie aus dem Himmel herunter geschienen, ich habe mich gestern lang mit meinem Vater drüber unterhalten das sich endigte: ob denn Kestner sie nicht bald herüber brächte, meynte er, dass man sie auch kennen lernte.
Ich bereite ietzo ein stattlich Stück Arbeit zum Druck. wenns fertig ist, komm ich, es euch vorzulesen.
Ehstertage schick ich euch wieder ein ganz abenteuerlich novum. Das Mädgen grüsst Lotten, im Charackter hat sie viel von Lengen sieht ihr auch gleich sagt meine Schwester nach der Silhouette. Hätten wir einander so lieb wie ihr zwey — ich heisse sie indessen mein liebes Weibgen, den neulich als sie in Gesellschafft um uns Junggesellen würfelten, fiel ich ihr zu. Sie sollte 17 abwerfen, hatte schon den Muth aufgeben und warf glücklich alle 6. Adieu Alter. Erinnere die Leute fleisig an mich.
53.
Goethe an Kestner.
Ich hab allerley tentirt, aber der Mez blieb steif und fest drauf. Endlich lies er die Xr. Da sind die Conti.
Der Merkur kommt auf den Freytag und das Päckel an Boie.
Seegnen alle gute Geister eure Reise. Ich binn beschäfftigt genug und vergnügt. Meine Einsamkeit bekommt mir wohl. Wie langs währt. Adieu lieb Lotte nun einmal im rechten Ernst Adieu.
Ein hiebey befindliches quitirtes Conto des Papierhändlers Metz in Frankfurt vom 11. Febr. 1773 ist, als unerheblich, nicht abgedruckt.
54.
Goethe an Kestner.
acc. 23⁄2 73.
Ihr werdet tanzen. Wohl seys euch. Alles tanzt um mich herum. Die Darmstadter, hier, überall und ich sitze auf meiner Warte.
Erinnert Lotten auf dem Ball an mich. Wo nicht so soll sies euch zur Strafe tuhn. Werdet nicht lau und lass im Schreiben. Kielmansegge alles Gute, Adieu.
G.
55.
Goethe an Kestner.
acc. W. 26⁄2 73.
Es war euch gerathen dass ihr schriebt ich hätte euch bey Lotten verklagt, das gieng mir eben auf meiner Warte im Kopf herum.
Ein Paar Tage her binn ich übel dran. Ein Teufels Ding wenn man alles in sich selbst sezen muss, und das selbst am Ende manquirt. doch binn ich munter und arbeite fort. An euer Schicksaal und Entfernung mag ich nicht dencken. Ihr hättet mir nichts davon sagen sollen, es tuht mir weh. Fiat voluntas.
Grüsst den Engel und so Gott mit euch.
56.
Goethe an Kestner.
acc. W. 16. Mart. 73.
Dank euch lieber Kestner für eure Nachrichten und alles. Hier liegt ein Brief bey an Hansen der mir von acht zu acht Tagen schreiben soll wies euch im teutschen Haus geht, denn ihr seyd in einem Zustande in dem man keine Blumen pflückt, doch kann ich ihrer nicht entbehren, und muß auch eine Connexion anspinnen mit dem teutschen Haus wenn ihr werdet den Mittelstein geraubt haben aus dem Ringe. Denn um ihrentwillen werd ich sie alle lieben mein lebenlang. und ihre Gesichter werden mir alle seyn wie die Erscheinungen der Götter.
Adieu, wies mit euch ietzt kracht nach Weise des landenden Kahns so stürmts und krachts in der Flotte in der ich diene. Mein eigen Schiff kümmert mich am wenigsten. Gegen das Frühjahr und Sommer hangen mancherley Schicksale über meine liebsten. Und ich verderbe die Zeit, welches denn auch eine Kunst ist. Adieu.
57.
Goethe an Hans. (Lottens Bruder.)
Vielgeliebter Herr Hans.
Ihr Brief an die liebe Schwester hat mich so ergötzt, dass ich nicht länger mich halten kann an Sie zu schreiben, und Sie zu bitten mir wenigstens wöchentlich einmal Nachrichten von Ihrem Haus und Hof und was drinnen vorgeht zu geben.
Ich bitte Sie darum bey unsrer alten Freundschaft die auch vor die Zukunft dauerhaft bleiben wird. Sie wissen wie lieb und herzlich mir alles ist was aus dem teutschen Haus kommt, Sie haben mich eine gute Zeit so nahe gehabt als einen Vetter und näher vielleicht. Drum, wie ich sage, lieber Hans schreiben Sie mir die Woche gewiß einmal was passirt, damit ich auch wisse wie meine Kleinen sich aufführen. Die Sie alle recht herzlich grüßen werden. Und empfehlen Sie mich Carlingen und Lengen und Lotten wenn sie wieder kommt viel hundert mal.
Der Ihrige
Goethe.
58.
Goethe an Kestner.
Merk ist nun fort und Herdern erwart ich und ihr geht auch. Adieu lieben alle. Der Wieland ist ein besserer Scribler als besorger, Ich habe noch keine Merkurs das ärgert mich verflucht. Falkens Manuschript. Die euch fehlenden Anhang alles sollt ihr haben. Wolltet ihr mir wohl ein Packgen an Boje mitnehmen, wenn ihr auch nicht durch Göttingen Geht. Gott geleit euch. mein Guter Geist hat mir ein Herz gegeben auch das alles zu tragen. Ich bin gelassener als iemals.
59.
Goethe an Kestner.
Es ist höchst abscheulich und unartig von euch, mir die Comission von den Ring nicht aufzutragen. Als wenns nicht natürlich wär dass ich sie doch übernehmen müsste. Und truz euch und des Teufels der euch eingab mir das zu vertragen will ich sie bestellen und sorgen dass sie schön werden wie Kronen der Auserwehlten. Adieu. Und euren Engel nichts von mir. Hans ist brav, dankt ihm. Adieu.
60.
Goethe an Kestner.
Dass ihrs nicht schon acht Tage habt, die Ringe, ist meine Schuld nicht hier sind sie und sie sollen euch gefallen. Wenigstens binn ich mit zufrieden. Es sind die zweyten. heut vor acht tage schickt mir der Kerl ein Paar so gehudelt und gesudelt. Marsch, er soll neue machen, und die sind denk ich gut. Lasst nun das die ersten Glieder zur Kette der Glückseeligkeit seyn die euch an die Erde wie an ein Paradies anbinden soll, ich binn der eurige, aber von nun an gar nicht neugierig euch zu sehn noch Lotten. Auch wird ihre Silhouette auf den ersten Ostertag, wird hoffentlich seyn euer Hochzeittag, oder wohl gar schon übermorgen aus meiner Stube geschafft und nicht eher wieder hereingehängt biss ich höre daß sie in den Wochen liegt dann geht eine neue Epoche an und ich habe sie nicht mehr lieb, sondern ihre Kinder zwar ein bissgen um ihrentwillen, doch das tuht nichts und wenn ihr mich zu Gevatter bittet so soll mein Geist zwiefältig auf dem Knaben ruhen, und er soll gar zum Narren werden über Mädgen die seiner Mutter gleichen.
Gott Hymen findet sich durch einen schönen Zufall auf meinem Revers.[21]
So seyd denn glücklich und geht. Nach Frankfurt kommt ihr doch nicht, das ist mir lieb, wenn ihr kämt so ging ich. Nach Hannover also und Adieu. Ich habe Lottens Ring eingesiegelt, wie ihrs hiest. Adieu.
In diesem Briefe war der folgende eingeschlossen.
61.
Goethe an Lotte.
Möge mein Andenken immer so bey Ihnen seyn wie dieser Ring, in ihrer Glückseeligkeit. Liebe Lotte, nach viel Zeit wollen wir uns wiedersehn, Sie den Ring am Finger, und mich noch immer, für Sie
Da weis ich keinen Nahmen, keinen Beynahmen.
Sie kennen mich ja.
Adresse
An Charlotte Buff
sonst genannt die
liebe Lotte
abzugeben
im teutschen Haus.