Beskow, Bernh. v.

Geb. am 19. April 1796 zu Stockholm, Hofmarschall, längere Zeit hindurch Theater-Intendant. Seine bedeutendsten dramatischen Werke sind: Erich XIV. — Hildegard — Torkel Knutson — Gustav Adolph in Deutschland. — Seine erste Dichtung war (1819) Carl XII.

Die von ihm vorgefundenen hier mitgetheilten Briefe werden jedweden unbefangenen Leser für den ausgezeichneten Menschen einnehmen. Der erste, in welchem er das lange, durch Trennung und Zeit verstummte Verhältniß zwischen sich und Tieck wieder belebend auffrischt, erscheint uns wie ein wichtiges Dokument. So feurig, so wahr, so überzeugend hat vielleicht noch kein Deutscher für deutsches Verdienst gesprochen, als dieser schwedische Hofmarschall. Was er bei Gelegenheit britischer Commentatoren des Shakespeare über die unschätzbare Eigenschaft des Deutschen sagt, fremden Werth in seiner ganzen Bedeutung anerkennend zu durchdringen, sollte in Erz gegraben werden. Welch’ ein Geist in diesem Manne, welche Seele, welches Herz! Nun, Tieck muß es tief empfunden haben. Schon nach Verlauf einiger Monate, wie das zweite Schreiben beweiset, begrüßen sie sich mit dem brüderlichen Du! — Damit ist Tieck in reiferen Jahren nicht freigebig gewesen.

I.

Stockholm den 28. Februar 1835.

Sie haben mich ein par mal durch Nordische Reisende so freundlich grüssen lassen, daß ich mir den Genuß nicht länger versagen kann, Ihnen selbst meinen Dank abzustatten, nicht bloß für diese Gütige Erinnerung „aus den Tagen, die nicht mehr sind,“ sondern noch für so manche Wohlthaten, die ich Ihnen, dem herrlichen, vertraulichen Dichter, seit so vielen, einsamen Jahren noch schuldig bin.

Sie müssen nehmlich wissen, mein edler vortreflicher Freund! daß ich nach unsrer Trennung noch viel vertrauter mit Ihnen gelebt, gedacht, geschwärmt und das innere schöne Leben genossen habe, als einst bei der persönlichen Gegenwart, in dem geistreichen, von unserm guten Burgsdorf gebildeten Gesellschaftskreise.

Bei unsrer ersten Bekanntschaft war mein Geist noch etwas zu klassisch gestimmt, um sich in Ihren selbständigen freien Dichtungen überall heimisch zu fühlen. Ich hatte mich in früher Jugend so tief verirrt im Dickicht trübseliger Schwärmerei, und mich so mühselig zum Licht emporgearbeitet, daß ich noch lange eine Art von Scheu behielt, selbst vor jeder dichterischen Dämmerung, wo solche mir etwa mehr Abend- als Morgenröthe zu verkündigen schien. Dagegen hatte mir vom Anfange an Ihr geflügelter Genius grosse Ehrfurcht eingeflößt, und noch anziehender fand ich den Menschen in Ihnen. Es freut mich noch, daß ich Ihren Werth so zeitig gefühlt hatte; denn als ich einer sehr geistreichen Freundin aus jener Zeit Ihren Abdallah u. Lowell geliehen hatte, und sie, etwas kunstrichterisch, anmerkte: „es schiene ihr immer etwas anmassend, wenn ein „junger Mensch“ mit Werken anfinge, welche die ganze Reife eines Göthe forderten, um eigenthümlichen Werth zu haben,“ so hatte ich schon den Mut, ihr zu antworten: „Wenn ich mich nicht sehr irre, so werden Sie noch einmal die Werke dieses jungen Menschen neben die Göthischen in Ihrer Büchersamlung aufstellen.“

Seit dieser Zeit nun schmeichle ich mir einer Ihrer besten Leser gewesen zu sein, was überhaupt meine Stärke ausmacht; denn mein eigenes Schreiben, oder Dichten, hat meinem Geist eigentlich nur zur Bewegung gedient, wodurch die Gesundheit eines tüchtigen Lesers gehörig befördert wird. Auch besitze ich, Gottlob, Sinn und Gemüt genug, um bei reich-begabten Schriftstellern alles mitzuentdecken, was sie nicht selten bloß dem Weissen zwischen den Zeilen anvertraut haben. Der sel. Schleiermacher bat mich einmal, seine „Kritik der Sittenlehre“ für eine gelehrte Zeitung zu beurtheilen. Ich entschuldigte mich aber damit, daß ich das Buch wahrscheinlich nicht hinlänglich verstanden hätte; denn an mehrern Stellen folgerte ich aus dem innern Zusammenhang seiner Begriffsentwickelungen etwas viel Bedenklichers, als was er selbst zu lehren schien. Darauf antwortete er mir scherzend: „Eben deswegen, weil ich Dich als einen so guten und gründlichen Leser kenne, wollte ich daß Du gewisse Dinge zur Sprache bringen solltest, die ich meine Gründe hatte, hier nicht näher zu erörtern. Die von Dir gerügte Zweideutigkeit ist unverkennbar für den Selbstdenker, aber absichtlich; und Du kannst überzeugt sein, daß unsre alltäglichen Bücherrichter sich nicht dabei aufhalten werden.“ —

Eben so fromm und aufmerksam glaube ich nun die meisten Ihrer Schriften, gelesen und wieder gelesen zu haben. Nicht alle, denn vieles von den neuern ist mir unbekannt geblieben in diesem Nordischen Winkel, vorzüglich von dem, was hie u. da in Zeitschriften abgedruckt worden. Um so sehnsuchtsvoller erwarte ich nun die Sammlung Ihrer sämmtlichen Werke, die ich schon bei meinem Berliner Buchhändler bestellt habe. Einen innerlich und äusserlich so reichen, durch seine Eigenthümlichkeit ehrfurchtgebietenden Dichter, wie Tiek, betrachte ich nehmlich gerne wie den Strasburger Münster. Wer möchte hier einzeln abgebrochene Zierrathen u. Figuren bewundern? — Wer den Eindruck dieser andächtigen Begeisterung nicht in sich aufzunehmen vermag; wer sich dem Genuß des Ganzen nicht unbedingt hingiebt, — der mag ja lieber freundliche Gartenhäuser beschauen, oder zierliche Nachbildungen alterthümlicher Tempel anstaunen! — Es mag immer bloß ein eigenthümliches Gefühl sein, Schmeichelei ist es wenigstens nicht, wenn ich freimütig bekenne, daß mir Ihr Dichtergenius so gar mehrof a piece“ scheint, wie Göthes, dem übrigens wohl niemand eine vielseitigere Bewunderung zollt, als ich. Aber daß Ihre Muse, seitdem ich inniger mit ihr vertraut worden, die gemütlichste Lebensgefährtin gewesen, die mein späteres Leben überall begleitet, überall frisch u. jugendlich erhalten hat, — das ist eben der eigentliche Gegenstand dieses Danksagungs-Schreibens; denn bloß als ein solches müssen Sie diese unbedeutenden Blätter betrachten. Ist doch die Samlung Ihrer kleinen Gedichte schon seit Jahren mein Gesangbuch gewesen — hier vorzüglich, wo ich von allen meinen ehemaligen Glaubensgenossen so entfernt, und so vereinsamt zurückblicke nach dem gelobten Lande meiner genußreichen Jugend. Mag es sein, daß deutsches Blut, von väterlicher und mütterlicher Seite, noch immer in meinen Adern siedet, das kein Nordwind zu kühlen vermag, — Deutschland ist u. bleibt auf ewig das wahre Vaterland meines Geistes u. meines Herzens, und diese lebendige Anhänglichkeit an das „Land der Eichen“ ist mir nicht angebildet worden durch meine dortige Erziehung, sondern diese hat jene nur früher u. vollständiger in mir entwickelt. Auch ist jenes Gefühl nicht etwa durch spätes Entbehren in diesem Augenblick unruhiger geweckt worden. Schon vor einigen und 20 Jahren durchglühte mich diese Vorliebe so kräftig, daß Göthe mich einmal im Scherze: „einen Allemand enragé“ nannte, u. mich rieth nach England zu reisen, wo man mich mit dem Gruß empfangen würde: „No German nonsense swells my British heart.“ (ein Vers aus einer damals eben erschienen Satire: Pursuits of Literature.)

Wohl habe ich seitdem einen bedeutenden Theil meines zersplitterten Lebens in Frankreich u. England zugebracht; aber mich dort nur um so lebhafter überzeugt, daß der Reichthum des geistigen Lebens sich in diesen beiden Ländern mit dem Deutschen keinesweges messen kann. Und doch gehör’ ich zu denjenigen, die sich auch in der Fremde leicht ansiedeln. Ueberall suchte ich dort mir Sprache, Sitten u. Ansichten der Einwohner so freisinnig, wie möglich anzueignen, weil man nur dadurch Nutzen u. Freude hat von seinen Reisen und seinen vielseitigen Beobachtungen. Aber auch das ist ja ein seltener Vorzug des Deutschen Genius, daß er das Vortreffliche des Fremdartigen oft treuer u. reiner in sich aufnimmt, als die Eingebornen selbst. Daß Sie den Shakespeare unstreitig richtiger fassen u. erklären, als alle die kunstrichterischen John Bulls, deren ich, während meines Aufenthalts in London, so viele zusammenbrachte, daß solche jetzt 27! dicke Oktavbände füllen. — Aber mir wenigstens hat das Einseitige jener feingeschliffenen Ausbildung der Nichtdeutschen, den Reichthum der einheimischen nur um so lieber und theurer gemacht. —

„Mit dem rost-beef u. dem Porter vertrage ich mich schon ganz einheimisch; den Kohlendampf liebe ich sogar, — schrieb ich aus London an eine Freundin in Berlin, — die Aussenwelt genügt hier vollkommen, aber mein inneres Leben schnappt überall vergebens nach Deutscher Luft, u. mein Geist vermißt sehnsuchtsvoll Deutsche Freiheit!“ — Von Frankreich lassen Sie uns nicht sprechen. Die Pariser Kinderschuhe hatten wir doch wohl schon ausgetreten, lange ehe Ludwig Filipps „freisinnige“ Unterthanen anfingen, dramatische Stiefel und lange Beinkleider nach deutschem Schnitt nothdürftig zusammen zu pfuschern; und ihren Victor Hugo zu einem Shakespeare aufzustutzen. Uebrigens lieb’ ich die Franzosen sehr, so lange sie Kunst und Leben leicht und scherzhaft nehmen. Nur der großartige Ernst scheint ihrer Natur nicht angeboren, weswegen auch ihre Staatsumwälzung so jämmerlich mißglückte.

Freilich sagte mir Chenier einmal mit großer Selbstgefälligkeit: „Ich habe wirklich Schillers Don Carlos durchgeblättert; man muß auch das Mißlungene nicht verachten. Das Unglück Deutscher Dichter ist, daß sie nun einmal ohne Geschmack geboren sind, und von eigentlicher Kunst u. Gemütsschilderungen nicht einmal von unsern großen Meistern etwas gelernt haben. Ich gedenke nun selbst, einen Filipp II. zu schreiben!“ —

Dagegen habe ich wohl manchmal auch von den Bessern der Unsrigen hören müssen: „die deutsche Art u. Kunst sei allerdings reich, tief u. vielseitig, dafür scheine sie aber auch immer nur ein unendliches Bruchstück bleiben zu wollen.“ Dies liesse sich wohl auch in einem gewissen Sinne behaupten; erinnert mich aber an ein sinniges Wort der sel. Varnhagen, als jemand in ihrer kleinen Gesellschaft sagte, „es ist doch Schade, daß der Faust nur ein Bruchstück wäre.“ — „Schade?! rief sie aus. Als wäre das nicht gerade das größte Verdienst dieses unendlichen Gedichts! Gerade dadurch ist es ja eine so treue Darstellung der ganzen Menschheit; denn was ist sie, das Leben u. die Welt für uns anders, als ein ewig anziehendes, ewig unvollendetes Bruchstück? Göthe darf das Gedicht nicht fortsetzen, oder gar vollenden, wenn sein Gemählde noch dem Urbilde gleich bleiben soll; denn all unser Denken, Träumen u. Ahnen; alle unsre geistige u. sinnliche Liebe, alles was wir von Gott, oder dem Teufel uns einbilden; — Genuß, Sehnsucht, Verzweiflung, Tugend und Verbrechen — alles enthält schon dieses überreiche Bruchstück eines unendlichen Kunstwerks.“

Und nach dieser Ansicht zweifle ich sehr, ob meine Freundin den 2ten Theil des Faust für eine Vollendung des ursprünglichen Gedichts hätte gelten lassen. —

Ich würde also auch mit denen nicht streiten, die etwa alle Ihre Dichtungen zusammengenommen, als ein solches unendliches Bruchstück des großen Weltgedichtes betrachten möchten. Bleibt das Vollendete des Lebens nicht in jeder Rücksicht bloß ein Gegenstand der Ahnung und der Sehnsucht?

„Warum Schmachten?
Warum Sehnen?
Alle Thränen
ach! sie trachten
weit nach Ferne,
wo sie wähnen
schönre Sterne!“ —

Was gäbe ich nicht darum, mein edler Freund, wenn ich jetzt nur einige Stündchen mit Ihnen verplaudern könnte, vorzüglich auch über Göthe, den so sinnlich-klaren, u. doch in mancher Rücksicht so unerforschlichen Proteus. Wie viele Fragezeichen habe ich nicht überall an den Rand gezeichnet, worauf Sie mir vielleicht antworten könnten, auch wo diese Antworten Ihnen nicht erleichtert würden durch übereinstimmende Gesinnung, sondern bloß durch scharfsinnigeres Ahnungsvermögen eines so nahverwandten Genius. Wie tief bedauere ich, daß ich die Zeit unsers Beisammenseins nicht mehr benuzte; denn verloren war bei mir nie etwas, noch so früh empfangenes, sondern wucherte gewöhnlich das ganze Leben hindurch, wenn es auch spät erst zur Frucht reifte. O! mihi praeteritos referat si Jupiter annos!

Und doch war jene Zeit ein herrlicher, unvergeßlicher Frühling! Einer mit dem ich damals das geistige Leben am vertraulichsten durcharbeitete, war Friedrich Schlegel, den ich immer den Dichter nannte, während sein Bruder mir bloß der Dichtende hieß. Als Tiefdenker mir unendlich überlegen, fand er doch bald so viel Empfänglichkeit in mir, daß er behauptete noch niemand gefunden zu haben, mit dem er sich so allseitig hätte mittheilen können, ohne in Streit zu gerathen, auch wo wir noch so entgegengesetzte Grundsätze verriethen.

Nach seinem Uebertritt zur römischen Kirche, schrieb mir Schleiermacher: „Kanst Du mir diesen Schritt unsers Freundes wohl näher erklären? Ich frage Dich, weil er mir selbst gesagt, er hätte mit Keinem so ernst u. so offenmütig, wie mit Dir, das Christenthum, nach allen dessen Richtungen durchgeforscht. Ich kann mir seine innern Gründe unmöglich denken; u. weltliche mag ich bei einem solchen Manne durchaus nicht annehmen.“

Allein ich hatte damals Schl. in mehreren Jahren nicht gesprochen; wohl aber haben seine spätern Schriften mich mit seinem Katholizismus versöhnt. Es scheint nehmlich, daß, wenigstens gleichzeitig mit diesem Uebergang, auch eine wirkliche Sinnesänderung bei ihm vorgegangen; denn wie mild, billig und wahrhaft christlich finden wir ihn, selbst in seinen spätern Streitschriften, wenn wir solche mit den frühern vergleichen. Jacobi machte dieselbe Bemerkung, u. schrieb mir einmal: „Hätten Sie wohl je geglaubt, daß Fr. Schlegel u. ich einander bei Gegenständen der Vernunftforschung so freundlich und christbrüderlich begegnen würden?“ — Eine große Hinneigung zur Neuplatonischen Auffassung des Christenthums hatte ich früh in ihm entdeckt, welche mir nun durchaus nicht zusagte. Dagegen versicherte ich ihm, man könne dem Christenthum nicht inniger zugethan sein, wie ich, wenn man nur nicht forderte, daß ich ein strengerer Christ sein solte, als — Christus selbst. Ich hätte nehmlich überall gefunden, selbst bei meinen Hernhutern, wiewohl da seltener, daß die eifrigsten Christen sich in 2 ganz bestimmte Klassen abtheilen ließen. Die einen wären die Gelehrten, oder Historischen, denen das sich nach u. nach entwickelte Lehrgebäude des Glaubens wichtig u. heilig sei — die Rechtgläubigen jeder Kirche, — die andern hingegen empfänden bloß ein tiefes Bedürfniß, sich die Gesinnungen, die ganze Denk- u. Empfindungsweise des Erlösers kindlich anzueignen. Ihnen ist das wichtigere, „den Willen desjenigen zu thun, der Ihn gesandt hat, u. dadurch inne zu werden, ob seine Lehre von Gott sei.“ — Alle Spizfindigkeiten der Kirchengelehrten scheinen ihnen unwesentlich. Die Dreieinigkeit macht ihnen keinen Kummer, u. selbst von Christus mögen Sie wohl sagen wie Haller von seiner Geliebten:

„Ich strebe nicht Dich zu vergöttern,
die Menschheit ziert Dich allzusehr.“ —

Zu dieser 2ten Klasse nun bekenne ich mich mit aller Innbrunst des Herzens, u. aller Freiheit der Seele. — Dabei leugne ich keinesweges, daß nicht beide Eigenschaften sehr glücklich vereinigt werden können; nur allgemein kann dies nicht angenommen werden; u. ohne diese christliche Gesinnung, scheint mir die gelehrte Rechtgläubigkeit von sehr geringem Werth. — Daher hat auch A. W. Schlegel mich u. die Frau von Staël schrecklich ermüdet durch seine streitsüchtigen Anempfehlungen eines solchen gelehrten Katholizismus. —

Hier aber müssen Sie mir erlauben, eine ähnliche Bemerkung zu machen über die verschiedenartigen Schüler u. Anbeter der Muse, zumahl dies Sie selbst etwas näher angeht. Ich theile nehmlich diese ebenfalls in 2 sehr bestimmte Klassen. Die wirklichen Dichter, die Selbstschöpfer im Reiche des Genius, die Beherrscher der Einbildungskraft und der Seelenvermögen; — dann aber die „poetischen Menschen“, die zwar für allen Reichthum der Dichtung die regsamste Empfänglichkeit besitzen, die aber keine Kraft von der Natur empfingen, selbst hervorzubringen was sie im Geist so lebhaft anschauen. Sie verwandeln gewissermassen ihr ganzes Leben, die sie umgebende Wirklichkeit, ihr Denken u. ihr Gefühl zu einem Gedicht; aber stummgeboren vermögen sie was ihr inneres bewegt, nicht auszuhauchen in Gesang u. Rede.

Daß selbst die Halbgötter der ersten Klasse nicht immer diese innerliche Poesie der zweiten in einem gleich hohen Grade besitzen, glaube ich nur zu oft wahrgenommen zu haben, und jene Stummgeborenen, zu denen ich, Leider selbst gehöre, müssen sich nur damit trösten, daß gerade diese nie zur Flamme auflodernde Glut ihr inneres Leben gewöhnlich länger warm und jugendlich erhält.

Freilich ist es eine herrliche Erscheinung der Menschheit, wenn ein hoher Genius diese oft gesonderten Eigenschaften in sich vereinigt, und dies, liebster Tieck! ist nach meiner Ueberzeugung, Ihr glückliches Loos. Sie sind doch unstreitig ein großer Dichter, aber welcher Kenner entdeckt nicht zugleich in dem kleinsten Ihrer Lieder den echt-poetischen Menschen, der so freundlich anzieht, u. Zutrauen einflößt, während man den ersten bewundert? Sie sehen, ich spreche so offen mit Ihnen, wie mit einem Dritten, ich erkläre nur mein dankbares Gefühl für Sie — denn ein plattes Lob wäre von meiner Seite schon anmaßend. In dieser Rücksicht stehen Sie uns offenbar näher als Göthe — dessen Seele, ich möchte sagen nicht jungfräulich genug ist, um ein so kindliches Gemüt zu besitzen. —

Begreifen Sie also nun, woher ich den Mut genommen habe, mich so ausführlich mit Ihnen zu unterhalten, als hätten wir uns vor wenig Tagen gesprochen. — Ich setze nehmlich voraus, daß der poetische Mensch in Ihnen noch eben so jugendlich u. umgänglich ist, wie zu der Zeit, die ich noch so lebhaft in mein Gedächtniß zurückrufe. Von mir kann ich wenigstens ehrlich versichern, daß ich den Jahren keine Macht über mein inneres Leben gönne. Schon auf der Schule kamen Schleiermacher u. ich überein, daß ein früheres, oder späteres Altwerden des geistigen Menschen, doch eine wahre Niederträchtigkeit sei, welches immer eine schlechte Erziehung, oder eine leichtsinnig verschwendete Jugend verriethe. Auch hat er bis zu seinem Tod diese Wahrheit bestätigt; und als er mich kurz vorher besuchte, konnten wir an einander nicht die mindeste Veränderung gewahr werden. Freilich war er ein par Jahr jünger, als ich, dafür aber doch älter als Sie, für den also gar keine Entschuldigung gilt, wenn Sie schon aufhören wollten, ein Jüngling zu sein.

Ohne allen Scherz: ich wüste nicht, daß ich seit meinem 20. Jahre irgend eine Verwandlung erlitten hätte. Ernst war schon das Gemüt des Jünglings, u. eben deswegen, hat bei mir die Heiterkeit u. der Frohsinn immer auf einem so sichern Grunde geruht. Meine Freude am Leben, u. selbst an allen Liebhabereien des Geistes, u. der Empfindungen ist noch ganz die nehmliche. Vorzüglich sind aber Wissenschaften und Künste noch immer eine unerschöpfliche Quelle eines fortdauernden Lebensgenusses. Und wie dankbar gedenke ich auch in dieser Hinsicht meiner gründlichen Erziehung auf einer Deutschen Schule. Alles dort eingesammelte habe ich das ganze Leben hindurch so treu aufbewahrt, daß ich es immer mit Sicherheit wieder hervorsuchen kann, wenn es auch Jahrzehende hindurch völlig geschlummert. Schleiermacher war ganz verwundert, als er mich jezt viel tiefer eingeweiht fand in allen Geheimnissen griechischer Schriftsteller, als auf der Universität, wo wir uns Tag u. Nacht mit ihnen beschäftigten. Dies gab uns Gelegenheit vor hiesigen Gelehrten mit unsern Herrnhutischen Schulen zu prahlen, die wir beide nirgends übertroffen gefunden. Zufällig wurde behauptet: daß die Kunst Lateinische Verse zu machen, heute zu Tage völlig ausgestorben sei, auch diejenigen, welche in der Jugend sich damit beschäftigt hätten, würden keinen Versuch mehr darin wagen. — „Was meinst Du? sagte Schleiermacher, Du galtest ja sonst für einen geübten Lateinischen Dichter.“ — „Ich meine, antwortete ich, daß man nichts vergißt, was man gründlich gelernt hat, und ich nehme noch eine Wette an, ob ich gleich in beinah 40 Jahren keinen Lateinischen Vers geschrieben habe.“ — u. so schickte ich unsern Upsaliensern bald darauf ein ziemlich langes Gedicht, für welches sie mich auf meine alten Tage noch zum Magister machen wollten. Auch hatte ich wirkl. kaum 10 Zeilen geschrieben, als es mir vorkam, als hätte ich eine seit Jahren verschlossene Schublade geöfnet, in der ich noch alles in der vollkommensten Ordnung wieder fand. Wer vergißt denn jemals, was er wirklich treu u. redlich geliebt hat. Ein gutes, vielseitiges Gedächtniß steht immer in Verhältniß zu der Menge von Gegenständen, die uns einst eine lebendige Theilnahme eingeflößt haben, u. selten nimmt das Gedächtniß früher ab, als das Herz vertrocknet. —

Uebrigens muß ich mich wohl auf Gelehrsamkeit beschränken, da ich als „Stummgeboren“ nichts besseres thun kan, u. da mir die hiesige Alltagswelt zu blaß ist, um mich ihr oft hinzugeben. Genußreicher finde ich freilich mein kleines Museum, wo mir immer noch die Tage zu kurz scheinen, um solche nicht wie sonst durch halbe Nächte zu verlängern.

Wie wollte ich aber noch mit Ihnen die herrlichen Gegenden um Dresden durchwandern, wo der Jüngling bisweilen an einem Tage 6 bis 7 Meilen zu Fuße machte; u. ich hoffe Sie sollten mich da noch so ungealtert finden, wie eine hiesige Freundin, die mich neulich fragte: „Waren Sie denn in Ihrer Jugend wirklich auch so jugendlich wie jezt?“ — — Ach! mein Deutschland! und mein Knabenfrohes Sachsen!

„Ach! wie sehnt sich für und für
schönes Land! mein Herz nach Dir!
Werd’ ich nie Dir näher kommen,
Da mein Sinn so zu dir steht?
Kömmt kein Schifchen angeschwommen,
Das dann unter Segel geht? —
Doch mich halten harte Bande!

Und nun, mein edler Freund! mit der innigsten brüderlichen Umarmung

Ganz der Ihrige

v. Beskow.

II.

Stockholm am 8. Juny 1835.

Theuerster Freund!

Ueberbringer Dieses ist der Hr. Hagberg, der Weltweisheit Doctor, und Sohn eines unserer vorzüglichsten Kanzelredner und Kirchenväter. Dieser junge Reisende besitzt ein hübsches poetisches Talent und hat zweymahl den Preis der Schwedischen Akademie erhalten, nämlich für ein Gedicht über Gustav Adolph den Großen und für eine Uebersetzung von Tassos Gerusalemme liberata. Auch ist er bey der Universität in Upsala Docens der Griechischen Sprache. Da er auf seiner Reise nach Italien im vorbeygehen Dresden zu besuchen gedenkt, habe ich mir das Vergnügen nicht versagen können, mich durch ihn bey Dir in Erinnerung zu bringen, und ihm überdies, mittelst dieser Zeilen die Freude zu verschaffen, Deine und der Deinigen Bekanntschaft zu machen, wovon er mich oft, als von einer der theuersten Rückerinnerungen an meine Wanderungen in fremden Ländern, hat sprechen hören.

Die letzten Nachrichten die ich aus Dresden gehabt, sind von Baron v. Lüttichau. Er meldet daß Du, zu unserer großen Freude, frisch und gesund bist, daß aber, leider, in dem Befinden Deiner Frau keine verbesserung vorgegangen ist. Dieser letztere Umstand geht uns herzlich nahe, und wir hoffen und wünschen innig, daß dieses bald einen Uebergang habe. Was uns betrifft sind wir Gottlob! jetzt beyde gesund und meine Frau hat sich bey der Diät, die der vortreffliche Carus ihr vorgeschrieben hat, besonders wohl befunden. Grüß ihn tausendfach und herzlich!

Diesen Sommer bringen wir auf einem Landgut zwey Meilen von der Hauptstadt zu; aber nächstes Jahr hoffen wir, geliebt es Gott! wieder eine Reise südwärts machen zu können, und werden dann gewiß Dresden besuchen. — Was hast Du jetzt vor? — Was geschieht in der Deutschen Litteratur? — Wie steht es mit Eurem Theater? — Wie befinden sich unsere Freunde? — Dies sind Fragen, die wir so gern beantwortet hätten, die aber in die leere Luft verhallen.

Der Doctor Hagberg wird nähere Nachrichten von uns ertheilen können. Leb’ indessen wohl, theuerster Freund! Empfange die herzlichen Grüße meiner Frau an Dich, und unsere gemeinschaftliche an Deine ganze liebenswürdige Umgebung, und an alle unsere Freunde in Dresden — das liebe Dresden! — Noch einmahl, lebe wohl! und vergiß nicht gänzlich

Deinen

beständigen Freund

Bernh. v. Beskow.

III.

Stockholm den 16. Juli 1835.

Theuerster Freund!

Ob ich gleich neulich einem auf Reisen gehenden Landsmanne, dem Hr. Doct. Hagberg aus Upsala, einige Zeilen an Dich mitgab, so kann ich doch nicht umhin die Gelegenheit zu benutzen, die sich jetzt mir wieder darbietet, Deine Schwedischen Freunde, die sich so oft mit Dankbarkeit und Sehnsucht Dresdens, Deiner und der Deinigen erinnern, Deinem uns so theuren Andenken zu empfehlen. Gern wäre ich statt des Briefes selbst gekommen; doch der Erfüllung dieses Wunsches darf ich erst in einem Jahre vielleicht entgegensehen. Dann hoff ich mich aber auch los und ledig machen zu können.

Ueberbringer dieses Schreibens ist ein junger, liebenswürdiger Dichter, Herr Böttiger, der Zweymahl von der Schwedischen Akademie belohnt worden ist; nähmlich für ein Gedicht über Gustav Vasa und für ein anderes Gustav Adolph bey Lützen genannt. Außerdem hat er mehrere lyrische Gedichte herausgegeben wovon eine Samlung in kurzer Zeit drey Ausgaben erlebt hat — eine bey uns sehr seltene Erscheinung, zumahl in einer so antipoetischen Zeit, wie die unsrige, und bey dem wenig zahlreichen Publicum, worauf ein Schwedischer Schriftsteller zu rechnen hat. Hr. Böttiger ist Doctor der Weltweisheit und Docens wie auch Unterbibliothekar bey der Universität in Upsala. Sein anspruchloser, liebenswürdiger und rechtschaffener Charakter hat ihm in der Heimath allgemeiner Liebe und Achtung erworben, und ich vermuthe daß er auch jenseit des Meeres Freunde und gleichsinnige Herzen finden wird.

Die Gesundheit meiner Frau fährt fort sich zusehends zu verbeßern. Sie läßt Dich und Deine liebe Umgebung tausendfach grüßen. Bestelle auch meinen herzlichen Gruß an Deine sämtliche Hausgenoßen und alle unsere Dresdener Freunde. Als ein wohlgemeintes Andenken von Schweden und Deinen hiesigen Freunden habe ich dem Dr. Böttiger ein paar Schaumünzen mitgegeben, um sie Dir zu überbringen. Dieselben stellen Tegnér und Berzelius vor, und gehören zu einer Samlung deren Herausgabe ich hieselbst besorge.

Lebe wohl und vergiß nicht

Deinen

unveränderlichen Freund

Bernh. v. Beskow.

IV.

Stockholm, den 19. July 1836.

Theuerster Freund!

So lange habe ich die Beantwortung Deines herzlich willkommenen, freundschaftlichen Briefes verzögert, daß ich fast gewärtig seyn muß, die Dinte in der Feder vor Scham darüber erröthen zu sehen. Daß jedoch dieser Verzug nicht von Undankbarkeit oder Vergeßlichkeit herrührte, davon kanst Du doch völlig überzeugt seyn. Es war aber mein Wunsch meiner Antwort einen grösern und dauerhaftern Beweis meiner Erkentlichkeit beyzufügen, und zwar durch das Werk, welches Du mir erlaubt hast mit Deinem Nahmen zu schmücken. Die Bemühung diesem Werke eine Abfaßung zu geben, wodurch es nicht gar zu unwürdig werden möchte Dir zugeignet zu werden, erforderte natürlicher Weise einige Zeit; und doch wäre das Buch bereits in Deinen Händen wenn mir nicht unglücklicherweise eine der Amtsverrichtungen, deren ich mehr habe als ich brauche, ein anderes Geschäft, das keinen Aufschub duldete, auferlegt hätte. Die Schwedische Akademie sollte nehmlich ihr Jubeljahr feyern, und als beständiger Sekretär derselben muste ich über alles was wir in diesen 50 Jahren — nicht gethan einen ausführlichen Bericht verfaßen. Dies war in der That ein sauberes Stück Arbeit; doch zog ich mich zwischen „Dichtung und Wahrheit“ so ziemlich aus der Sache, und die Akademie sagte bey der Auflesung des Aufsatzes wie unser (weiland) gutmüthiger König Adolph Friederich, als der Hofkanzler den Ständen den Bericht über die von Seiten der Regierung genommenen Maßregeln vorlaß: „Haben Wir das alles gethan?

Sobald das Jubelfest vorüber war, und die darüber abgefasten Verhandlungen gedruckt worden, unternahm ich wieder con amore die Bearbeitung der Dramatischen Versuche, die ich Dir zu widmen wünschte. Allein jetzt ist ein neues Hindernis eingetreten, welches mich auf längere Zeit jeder litterarischen Beschäftigung zu entreißen droht. Seine Majestät, mein Allergnädigster König, haben Seine Absicht zu äusern geruht — mich zum Ober-Intendenten der öffentlichen Gebäude und überdieß zum beständigen Präses der Akademie der freyen Künste zu ernennen. Zwar habe ich mir, mit ehrfurchtvoller Dankbarkeit, jenes hohe Vertrauen unterthänigst verbeten; aber Seine Majestät haben keinen andern bisher ernennen wollen und wenn Sr. Majestät Wunsch zum Befehl übergeht, werde ich demselben natürlich um so mehr Folge leisten müßen, da ich noch kürzlich ebenso viele als unverdiente Beweise Seiner königlichen Gnade erhalten habe, — der große Polar-stern, das Comthur-Band der Ober-Beamten des Seraphiner-Orden, &c. — so daß ich mich jetzt ausstaffiren kann wie jener alte Mann, von dem Du einst erzähltest, daß er einen ganzen Büschel von Bändern an der Brust trüge. Sollte ich indeßen nebst der neuen, wovon jetzt die Rede ist, auch meine bisherigen Amtsgeschäfte versehen, so würde mir schwerlich Zeit zu litterarischen Beschäftigungen übrig bleiben, welches mir sehr leid wäre und schwerlich könnte ich Dich auch dann, wie es meine Absicht gewesen, nächstes Jahr in Dresden besuchen, und vielleicht gar einen Abstecher nach Italien machen[3]. Doch das Alles steht in Gottes Hand, und Der lenkt alles zum Besten.

Mit der innigsten Freude haben wir vernommen daß Dein und der Deinigen Gesundheits Zustand fortwährend Gut gewesen und daß Deine Feder uns jedes Jahr neue Meisterwerke schenkt. Ein ausschließend litterarisches Leben, wie das Deinige wäre auch bey dem hundertsten Theil Deines schöpferischen Geistes beneidenswerth, aber nur als Schriftsteller zu leben ist bey uns in Norden fast Beyspiellos. Unsere Litteratoren sind entweder Bischöfe Beamte und Lehrer bey den Universitäten, oder Reichstagsrepräsentanten und Publicisten. Außerdem nehmen unsere Akademien viele Zeit weg. Meine Wenigkeit, z. B. befindet sich Mitglied von 5 solchen hier in Stockholm, die zum Theil wöchentlich Zusammenkünfte haben. Bisweilen gewähren sie doch einige Freude, diejenige zum Beispiel die ich jetzt erfahre indem ich Dir, im Namen der Akademie der Geschichte, der Alterthümer und der schönen Wißenschaften, beygebendes Diplom übergebe, deßen Einladung die Akademie Dich ersucht, als einen Beweis ihrer ausgezeichneten und erfurchtvollen Hochachtung für Deine unsterblichen litterarischen Verdienste gütigst annehmen zu wollen. Haller, Goethe und Schiller sind, unter Deinen Landsleuten, früher Mitglieder dieser Akademie gewesen, und unter den jetzt lebenden auswärtigen Mitgliedern zählen wir Heeren und Sismondi. Dein vortrefflicher Fürst, Prinz Johann, geruhte im vorigen Jahr die Einladung zum Ehren-Mitgliede anzunehmen.

Herzlichen Dank für alle Freundschaft und Güte, die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast! Du errichtest Dir dadurch auch ein Pantheon von dankbaren Herzen hier im Norden. Auch ist kein litterarischer Name hier so geliebt und verehrt als der Deinige. Möchtest Du nur nicht ermüden die Lappländischen Pilger aufzunehmen! Aber es ist nicht möglich ihr Verlangen Dich zu sehen und zu hören im Zaum zu halten, und es giebt keinen Schweden deßen Weg durch Deutschland geht, der sich nicht ein Wort der Empfehlung an Dich ausbittet. Jetzt sind ihrer drey im Anzuge, welche Du mir gütigst erlauben wirst bey dieser Gelegenheit anzumelden, nämlich ein junger Bildhauer Herr Zuarnström (eine ganz Nordische Natur) der sich nach Rom begiebt, und ein Hr. Arwidson, sein Reisgefährte, ein sehr litterarisch gebildeter Mann, mit gründlichen Kenntnißen und einen scharfen, selbständigen Verstande. Sie werden sich etwa ein Monath in Dresden aufhalten und es wäßert ihnen schon den Mund nach einer Vorlesung aus den Shakespeare. Mein dritter Landsman, welcher Dir auf seiner Rückreise aus dem Carlsbade im August seine Aufwartung zu machen gedenkt, ist mein bester Schul- und Jugendfreund, der Baron v. Sprengporten, jetzt Oberstadthalter in Stockholm, ein vortrefflicher und sehr unterrichteter Mann, der ohne Anspruch Dichter zu seyn recht hübsche Verse schreibt und ein besonderer Freund der Deutschen und Englischen Litteratur ist.

Die Gesundheit meiner Frau ist Gottlob, ziemlich gut gewesen; aber Sie sehnt sich, ebenso wie ich, nach Dresden wo wir uns noch beßer befanden. Melde ihren und meinen herzlichen Gruß an Deine ganze liebenswürdige Umgebung. Auch viele Empfehlungen an unsere theuren und achtungswerthen Freunde v. Lüttichau, Carus, Sternberg, Dahl u. a. — Lebe wohl, geliebter und vortrefflicher Freund, und vergiß nicht Deinen bis in den Tod unveränderlich

ergebenen

Bernh. v. Beskow.

V.

Stockholm, den 18. August 1836.

Theuerster Freund,

der Ueberbringer dieser Zeilen[4] ist der Königl. Bibliothekar Rydquist, der zugleich in der Schwedischen Akademie mein Amanuensis ist, ein in der Geschichte der Litteratur sehr bewanderter Mann, deßen Schrifte von den hiesigen Akademien mehrmals gekrönt worden, und der besonders durch zwey Werke, nähmlich eine „vergleichende Characteristik der älteren und neueren Litteratur“ und eine „Untersuchung über die ältesten Schauspiele des Nordens“ Aufsehen erregt hat. Er hat überdieß mehrere Jahre hindurch eine Zeitung für die Litteratur und schöne Kunst herausgegeben, welche sich vor allen andern in diesem Fach hieselbst erschienenen rühmlich ausgezeichnet hat. Zu der Reise die er jetzt nach Italien unternimmt, hat er sowohl vom Könige als von der Schwedischen Akademie Unterstützung erhalten, und da ich ihm keinen größeren Gefallen thun kann, als wenn ich ihm eine Gelegenheit verschaffe Deine Bekanntschaft zu machen, so verlaße ich mich auch diesmal auf die Güte die Du so vielen meiner Landsleute erzeigt hast, diesem, auf welchen ich einen besonderen Werth setze, zu Deinen Abendgesellschaften den Zutritt zu verstatten. Er wird sich wahrscheinlich eine oder ein paar Wochen in Dresden aufhalten.

Bis jetzt bin ich, Gott sey Dank, von der neuen Amtsgeschäften frey geblieben, womit ich, laut meines letzten Briefes (vom 19. July) bedroht war, und ich drücke daher fleißig an dem Werke, welches ich Dir zu widmen wünsche. (Hr. Rydquist kennt es schon und kan davon einigen Bescheid geben.) Darf ich meine jetzige Freiheit ungestört genießen, so hoff’ ich zuverläßig künftigen Sommer eine Reise nach Dresden machen zu können, wohin wir, meine Frau so wohl als ich, uns so innig sehnen.

Meine Frau empfiehlt sich freundschaftlichst Dir und den Deinigen, womit ich meinen herzlichen Gruß an Deine ganze Umgebung und alle unsere Freunde in Dresden verbinde. Lebe wohl, theuerster Freund, und behalte, wie bisher, in wohlwollendem Andenken

Deinen

unveränderlichen Freund

Bernh. v. Beskow.

VI.

Stockholm 22. December 1838.

Theuerster Freund!

Für die frohe Ueberraschung die Du mir durch Deinen letzten freundschaftsvollen Brief geschenckt hast, kann ich Dir nicht warm genug danken. Ich erhielt ihn so eben durch den jungen Schauspieler, der von Deutschland zurückgekommen ist. — Es ist, wie Du sagst, zu traurig, daß die Menschen die sich etwas zu sagen haben, getrennt sind und wie in eine Verbannung leben. Um so viel schätzbarer ist jede schriftliche Mittheilung von einem in der Ferne lebenden Freunde. Dein schöner Brief hat mich in Deinen Kreis zurückgeführt und alle frohe, nur zu bald verfloßene Stunden, die ich in dem gemüthlichen Dresden verlebte, in mein Gedächtniß zurückgerufen.

Besonders danke ich Dir für alle Güte, die Du meinen Landsleuten erweißest. Du bist einer der vorzüglichsten Schutzgeister der Schweden auf Deutscher Erde. Auch bewahren sie als das schönste Andenken ihrer Wanderung, die Erinnerung Dich gesehen, mit Dir gesprochen, und Dich lesen gehört zu haben. Deine hiesigen, Dir persöhnlich ergebenen Bewunderer bilden eine Colonie die mit jedem Jahre zuwächst. Welchen Einfluß Du seit 30 Jahren auf die Schwedische Litteratur ausübst, ist Dir bereits bekannt, wie auch daß verschiedene Deiner Werke in unsere Sprache herübergetragen sind. Wahrscheinlich weist Du auch schon aus erster Hand, daß Oehlenschläger angefangen hat Deine Novellen zu übersetzen. Dieser guter Freund hat auch mir die unverdiente Ehre erzeigt meine (Dir zugeeigneten) Dramatischen Studien ins Dänische hinüberzutragen. In Deutschland und Dänemark wird die eigentliche schöne Litteratur noch mit Wärme von dem Publikum umgefast. Hier hingegen kann sich nunmehr fast gar keine Schriftstellerey ohne Zusatz von Politik auf allgemeine Theilnahme Rechnung machen. Kannengießerey, schmähende und gaukelnde Tageblätter, haben beynahe alle andere Lectüre verdrängt, und es wird Dich wundern zu erfahren, daß ein hiesiger Publicist, wie man sagt, eine jährliche Einnahme von 40,000 Rtlr. (Reichstahler) Schwedisch Banco hat, das heist mehr für einen Jahrgang Tageblätter als alle beßere Schriftsteller Schwedens zusammengenommen mit allen ihren Werken verdient haben. So lange sich die Kannengießerey und der Tadel innerhalb der gesetzlichen Schranken halten, ist davon nichts zu sagen; wenn aber solches zu hemmenden Maßregeln herausfordert, wenn die hemmenden Maßregeln Mord und Todtschlag nach sich ziehen und der Streit über das Aeußerungsrecht sich endlich in einen Kampf um Leben und Eigenthum auflösen kann, dann wird die Preßfreyheit, anstatt ein Mittel zu Aufklärung und Veredlung zu seyn, eine Losung zur Anarchie und Pöbelherrschaft. In solchem Fall habet Ihr in Deutschland nicht viel Ursache über eine beschränktere Preßfreyheit zu klagen.

Wundere Dich daher nicht, wenn ich Dir unter dergleichen Verhältnißen nicht Vieles über die Schwedische Litteratur sagen kann. Die Dichter haben ihre Leyern an die Weidenbäume gehängt, um sie nicht von Steinen zerschmettert zu sehen. Geyer allein hat mit diesem Jahre eine litterarische Monatschrift angefangen, die aber gleich zur Politik übergegangen ist und wahrscheinlich in ihrem Fortgange nur dieses Fach umfaßen wird. — —

Meine Frau ist unbeschreiblich dankbar für Dein gütiges Andenken und bittet mich Dich und Deine liebenswürdige Umgebung herzlichst zu grüßen. Auch ich bitte um meine ehrerbietige Empfehlung an die Damen, bey denen ich mich auch durch beygehende kleine Romanze von meiner Fabrik in Erinnerung zu bringen wünsche. Sie hatte das Glück bey ihnen und besonders bey der Gräfin Beyfall zu finden, als ich dieselbe zuletzt in ihrem Salon sang. — Grüße auch herzlich S. Ex. v. Lüttichau, Carus, Sternberg und andere Freunde! Mein inniger Wunsch ist Dich künftiges Jahr in dem lieben Dresden wiederzusehen. Gott schenke Dir und den Deinigen fortdauernde Gesundheit, Freude und Wohlseyn, dies wünscht Dein unveränderlich und