Braniß, Christlieb Julius.

Geb. am 18. September 1792 in Breslau, Professor der Philosophie an der dortigen Universität.

Die Hauptwerke, die ihn außerhalb seiner Vaterstadt bekannt gemacht, und ihm seine hohe Stellung in der gelehrten Welt sichern, sind: Grundriß der Logik (1830) — System der Methaphysik (1834) — Geschichte der Philosophie seit Kant (1842, unvollendet). —

Ein Gelehrter, wie es wenige giebt; ein Philosoph und Logiker, den schönen Künsten vertraut; ein Musiker von höchster Ausbildung; ein Komponist reich an sinnigen Melodieen; ein Lebemann von heiterem, geselligem Tone; eine unverwüstliche Natur; ein Greis mit ungeschwächter Jugendkraft.

I.

Ludwig Tieck an Braniß.

Dresden den 24. Jul. 40.

Geehrter Herr Professor,

Ich wünsche, daß Sie das Buch, welches Ihnen Herr Max in meinem Nahmen überreichen wird, als ein Zeichen meiner wahren Hochachtung annehmen mögen: eben so ist es mein Wunsch, daß es Ihnen Vergnügen und Theilnahme geben und erregen möge.

Diese Geschichte, wie ich auch in der Vorrede andeute, habe ich lange mit mir herum getragen: seit ich den Camoens schrieb, traten mir die Gestalten immer näher, und forderten mich gleichsam auf, sie aus dem Gefängnisse meines Gedächtnisses und der Phantasie zu befreien; denn das Buch ist doch wie ein Pendant zum Cam. und Shakspear-Novellen zu betrachten.

Erlaubt es Ihre Zeit, oder können Sie die Neigung fassen, ein Urtheil über das Werk auszusprechen, so freue ich mich schon im Voraus, etwas Gediegenes und Lehrreiches über eine meiner Lieblings-Arbeiten zu vernehmen. Nur müssen Sie nicht das Vorurtheil fassen, daß Bedenken und Tadel eines unpartheiischen und reifen Mannes mich kränken, oder verletzen könne.

Man hat so viel Unnützes und Freches über die Emancipation der Weiber geschwatzt. Das Schiksal und der Charakter dieser Vittoria reissen sie auch aus den herkömmlichen conventionellen Formen; aber, nach meiner Ansicht, so wie es der ächten Weiblichkeit, einem starken Gemüthe, erlaubt sein kann. Verhältnisse beugen die grossen Naturen, aber vernichten sie nicht.

Doch — der Poet kann und soll nur sein Werk für sich sprechen lassen. Auch war ich nie der Ansicht, daß es gut sei, wenn zu viel Kunst-Absicht (oder künstliche, oder philosophische &c.) in das äussere Bewußtsein tritt: denn Begeisterung sieht doch immer weiter und hat alles Dergleichen, so viel gut und nöthig ist, in sich.

Doch ich sage alles dis nur einem Wissenden, und schliesse deshalb, indem ich nur noch den Wunsch ausspreche, daß Sie mir Ihr Wohlwollen erhalten, Dresden einmal auf längere Zeit besuchen, damit wir uns näher kommen, und so nenne ich mich mit Hochachtung

Ihren

ergebnen Freund

L. Tieck.

II.

Braniß an L. Tieck.

Breslau 6. Sept. 40.

Mein hochverehrter Herr Hofrath,

Wenn ich Ihnen erst jetzt für das köstliche Geschenk, das Sie mir mit Ihrer Vittoria gemacht, meinen herzlichsten Dank sage, so hat dieß allein darin seinen Grund, daß ich Ihnen nicht eher nahen wollte, als bis ich Ihrem mich so ehrenden Impulse folgend ein öffentliches Wort über das liebe Gedicht gesprochen. Dieß ist nunmehr geschehen, und — wie ein Mensch nur sagen kann: hie bin ich — so erlaube ich mir Ihnen in beifolgenden Zeitungsblättern einen Aufsatz zu überreichen, von dem ich wünschen will, daß damit etwas gethan sei.

Ich habe den in dieser Arbeit ausgedrückten Gedanken lange ernstlich bebrütet, doch mußten die Resultate dieses Processes meist unausgesprochen bleiben, damit der Bericht sich in den Grenzen eines Zeitungsartikels halte. Was ich gab, sollte vornehmlich dem Treiben einer Ihrer Poesie, somit der Poesie überhaupt abholden Partei begegnen, deren ästhetisch-philosophisches Geschwätz nur dadurch Einfluß gewinnt, daß ihm nichts Tüchtiges entgegentritt. Namentlich wollte ich in Bezug auf die Accorombona diejenigen Einwendungen, von denen ich recht gut weiß, daß sie gegen das Buch des Breitesten werden erhoben werden, von vornherein paralysiren und unschädlich machen.

Ob es mir gelungen, ob mir überhaupt in der Arbeit etwas gelungen ist, weiß ich nicht, kann es auch hier nicht erfahren; denn außer Epstein (der Ihnen ja wohl bekannt,) weiß ich hier in Sachen der Poesie keinen wahren Gläubigen; ich selbst bin von lauter Neologen umgeben. So bin ich denn darüber noch ganz unschlüßig, ob ich dem Aufsatz, bei dem ich es allerdings nicht auf das Binnenpublicum schlesischer Zeitungsleser abgesehen habe, durch Wiederabdruck in einer gelesenen Zeitschrift größere Verbreitung schaffen, oder die Acten als geschlossen betrachten soll. Sie allein könnten hierüber in letzter Instanz entscheiden.

Daß ich mich über das Benehmen unsres Königs gegen Sie höchlichst gefreut habe, versteht sich ganz von selbst.

Mit wahrer Verehrung

Ihr

herzlichst ergebener

Braniß.

III.

Ludwig Tieck an Braniß.

Dresden den lezten Octbr. 40.

Geehrter Herr Professor,

Ich fühle mich gedrungen, Ihnen noch einmal ausdrücklich für Ihre meisterhafte Beurtheilung meines Romans meinen herzlichsten Dank auszusprechen. Welche Freude, auf diese Art verstanden zu werden! Immer war es meine Ansicht und Ueberzeugung, daß die ächte Rezension sich wiederum dem Kunstwerk nähern, selbst eins werden müsse. So ist es mit solchen Aufsätzen, wie der Ihrige. Alles, was vom Enthusiasmus ausgeht und diesen verdient, kann nur vom Enthusiasmus gefaßt und verstanden werden. Was nützen alle die philosophischen (halben) Schwätzereien, die nur aussagen, der Autor sei nicht, wie sie: ein sklavischer, unselbstständiger Schüler irgend eines Systems. Seit meinen männlichen Jahren habe ich mich um alle diese Heroen der verschiedenartigen Secten nicht mehr gekümmert: kann man doch nur von verwandten Gemüthern lernen: — und wahrlich, Lernen ist eine grosse Wollust.

Auch meine Freunde hier haben sich Ihrer lehrreichen Abhandlung sehr erfreut. Was könnte das für ein Journal sein, wenn die ächten Menschen, die wahrhaft Erkennenden sich in Deutschland vereinigten, Sie, und noch Wenige, die mir gerade bekannt sind, und gewiß manche Geister, welche schweigen, verborgen sind, und die wir beide nicht kennen.

Könnten Sie doch in Dresden leben! Könnte ich doch Ihren Umgang geniessen! In meiner Nähe fehlt ein aufregender Geist; mit denen ich hier in Freundschaft verbunden bin, — wackre Männer, — aber sie empfangen mehr von mir, als ich von Ihnen. Daß man in Gesellschaft niemals, oder doch nur selten verstanden wird, bin ich freilich seit vielen Jahren gewohnt und ich bin in der Hinsicht resignirt. Es war gewiß immer so. Aber Raumer, Solger, Sie, Löbell, — wir könnten doch, denke ich, einen ganz artigen Senat bilden. —

Ihre Blätter wandern immerdar hier unter denen herum, die sie zu lesen verdienen: ich möchte Ihnen noch gern dies und jenes Bestimmte sagen, oder fragen: — aber ich habe, wie gesagt, den schönen Aufsatz selbst lange aus den Augen verlohren. Sprechen möchte ich mit Ihnen einmal so recht aus dem Herzen: als Sie lezt hier waren, war die Zeit zu kurtz und die Gesellschaft genirte. Vielleicht wird mir einmal diese Freude. — Bis dahin reiche ich Ihnen von fern die Hand als einem Geistes-Verwandten und Verbündeten und Sie stehn mit Ihrem Seelen-Reichthum mir als ein alter Freund ganz nahe.

Nehmen Sie diese eiligen unbefriedigenden Worte wohlwollend auf.

Ihr

ganz eigner

Ludw. Tieck.