Geb. zu Wien am 3. März 1779, gestorben daselbst am 23. November 1824. Er begann als Professor der Aesthetik, wie der Geschichte der Philosophie, an der Universität Krakau, gelangte später an die Wiener Hochschule, ward 1815 Lehrer des Herzogs von Reichstadt, und redigirte erst die Wiener Literaturzeitung, von 1818 die Wiener Jahrbücher der Literatur.
Seine dramatischen Dichtungen: der Tod Friedrichs des Streitbaren — Marius — Bela’s Krieg mit dem Vater — die feindlichen Söhne — Essex (eine Bearbeitung des alten Trauerspieles) — und manche andere sind längst vergessen. Sind es doch auch die seines unstreitig höher stehenden Bruders Heinrich, dessen Mäon — Regulus u. a. wir noch vor fünfzig Jahren mit jugendlichem Entzücken darstellen sahen! —
Nachstehende, an Tieck gerichtete Briefe zeigen den Menschen, den Gelehrten, den Poeten, — die Zeit — und den Ort auf unterrichtende Weise. In ihrer pedantischen selbstbewußten Sicherheit schildern sie das alte Wien. Sie sind lehrreich für die Literaturgeschichte. — Wer doch auch Tieck’s Erwiederungen hätte!
Wien, den 19ten May 1817.
Verehrter Freund!
Ich bin so frey Ihnen durch Herrn Büsching in Breßlau beyfolgende 4 B. meiner dramatischen Dichtungen zu senden, und ersuche Sie dieselben als ein Zeichen meiner Verehrung und Dankbarkeit betrachten zu wollen, indem Sie, obgleich ich in ganz anderer Art arbeite, dennoch durch Ihre Dichtungen seit früher Zeit mein Lehrer gewesen sind. Friedrich den Streitbaren, den Sie im Manuscripte lasen, werden Sie hier sehr verändert treffen, so auch Bela, den Sie aus der ersten Auflage kennen. Ich hoffe, Sie befinden sich jetzt besser, als seit einiger Zeit her, denn ich hörte, sie seyen fortwährend unpäßlich gewesen. Ich bin jetzt nach Hof gekommen, und Erzieher des Prinzen von Parma geworden, bin verheirathet, habe drey Kinder; kurz, Sie können sich keinen vollständigeren Hausvater denken. Wie oft habe ich an jene schöne Zeit zurück gedacht, wo ich das Glück hatte, Sie, den ich bis dahin nur aus Entfernung verehrt hatte, persönlich kennen zu lernen! mein guter Bruder ist uns seitdem vorausgegangen; Ihre nähere Bekanntschaft war für ihn von den fruchtreichsten Folgen gewesen. Wie sehr er Sie ehrte, habe ich in dessen Lebensbeschreibung, die dem letzten Bande seiner Werke beygefügt ist, klar genug dargestellt. Ich werde, so wie ich eine schickliche Gelegenheit finde, Ihnen, da ich einige besondere Abdrücke der Biographie machen ließ, ein Exemplar zuschicken, da ich hoffe, es werde Sie diese Biographie wegen so mancher darinn entwickelten Eigenheiten Wiens und des hiesigen Lebens interessiren. Wenn Sie sich noch an das, was ich zwar bezweifle, erinnern sollten, was Sie mir über Fried. den Streitbaren und Bela bemerkten, so werden Sie finden, daß ich, so viel es mir möglich war, Ihre Bemerkungen benützte. Ich habe eigentlich die Absicht bey meinen, vaterländischen Stoff enthaltenden dramatischen Arbeiten ein größeres in sich zusammenhängendes Werk von 10 bis 12 Schauspielen zu bilden, welche die Zeit Leopold des Glorreichen und Friedrich des Streitbaren bis zur Herankunft Rudolfs von Habsburg umfassen sollen. Ich lasse aber für jetzt diese Schauspiele außer der Ordnung drucken, weil ich vorerst bemerkbar machen will, daß jedes ein für sich bestehendes in sich abgeschloßnes Ganzes sey. Ich ersuche Sie recht sehr, Ihrer Abneigung gegen Briefe-Schreiben ungeachtet, mir Ihre Bemerkungen ohne Umschweife mitzutheilen, und mich auf dasjenige aufmerksam zu machen, was ich nach Ihrer Meynung etwa versäumt oder verfehlt haben könnte. Sie kennen mich hinlänglich, um zu glauben, daß ich dieß Ersuchen, in ganz reiner Absicht an Sie stelle; nur bitte ich dieß eine gegenwärtig zu halten, daß der eine Theil der Geschichte, den ich bearbeite, es erfordert, der Leidenschaftlichkeit einzelner Charaktere nur geringen Raum zu gönnen, und alles mehr im Gleichgewichte des Gefühls zu halten, als z. B. Shakespeare gethan hat. Auch werden einige mit eingeflochtene ritterliche Lustspiele, wenn das Ganze vollendet seyn wird, den Charakter des Ganzen außer allen Zweifel stellen. Von dem, was bis jetzt gedruckt ist, sind die Schauspiele im 3. Bande das erste oder früheste: es wird aber auch der Herr Kaspar von Rastenberg mit dessen traurigen Küchenbegebenheiten, die Sie im Manuscripte lasen, freylich überarbeitet, in der Sammlung erscheinen.
Wenn Sie jetzt wieder nach Wien kämen, würden Sie es gar sehr, und ich glaube nicht zu seinem Vortheile verändert finden. Diese letzten Kriege haben den Volkscharacter gleichsam sich selbst entwandt, und ihm ganz fremdartige Eigenheiten aufgeprägt. So strebt auch z. B. das Leopoldstädter Theater jetzt nach Bildung, und kaum vermag das entschiedene Talent einiger Komiker die alte Weise jener Bühne noch einigermaßen dort festzuhalten. Die alte Treue, wenn sie auch hin und wieder noch dieselbe ist, hat doch ein anderes Gesicht angenommen, und schämt sich der ehemaligen Einfalt. Uebrigens ist jetzt bey uns die Zeit eingetreten, wo auch der Bürger die Kunst Geld zu machen für die edelste der Künste hält. Mit Poesie beschäftiget man sich mehr als sonst; aber ich glaube gar nicht, daß dieß wie ein gutes Zeichen zu betrachten sey, da der Oesterreicher weit mehr für ein poetisches Leben als für Kunstbetrachtungen geschaffen ist; ich glaube dadurch meinen Landesleuten und mir selbst keineswegs etwas nachtheiliges zu bezeugen, sondern will nur sagen, daß dieses Haften an den Kunstproducten, dieß Umkehren und Wenden und Bekritteln uns ganz fremd sey.
Ich habe jetzt den Fortunat mit sehr großem Vergnügen gelesen, und insbesondere die große Kunst bewundert, mit der Sie einen dramatischen Zusammenhang in diesen höchst schwierigen Stof zu bringen gewußt haben. Ich glaube aber es wäre besser gewesen, drey Theile statt zwey zu bilden, so daß der erste mit der Vermählung Fortunats aufhörte, der dritte aber mit der Reise Andalosia’s anfinge. Wenn etwa im 4t. Band das Donauweibchen kömmt, will ich mich im Voraus als einen glücklichen Menschen betrachten, wenn ich mir die Stunden vorstelle, wo ich dieß Stück lesen werde; denn ich kann an die Bruchstücke, die sie uns vorlasen, nie ohne Begeisterung denken. Man hat jetzt Hoffnung das Originalmanuscript des Frauendienstes aus der Dunkelheit hervor zu ziehen, wo wohl die jetzt bestehenden Lücken ausgefüllt sich finden würden. Herr Schottky, der von Breßlau hieher kam, ist diesem Manuscripte auf der Spur; ich wünsche ihm alles mögliche Glück. Jetzt ist man hier beym Theater sehr auf Trauerspiele in Form der Schuld erpicht, ich bitte aber meinen Butes nicht dazu rechnen, den ich schon 1806 so entworfen hatte, wie er jetzt erscheint. Friedrich Schlegel läßt gar nichts von sich hören, ich habe ihm gestern geschrieben. Ich bitte mich den Ihrigen unbekannter Weise zu empfehlen. Mit vollkommenster Hochachtung
Ihr
ergebenster
M. Collin.
Baaden in Oesterreich den 11ten July 1818.
Verehrtester Freund!
Ich habe einen Brief an Sie vor mir liegen, den ich, nachdem ich lange auf die versprochne Recension des Voßischen Shakspeare gewartet, im April d. J. ausführlich genug schrieb; ich weiß nicht, warum ich immer zauderte ihn abzuschicken. Endlich erfuhr ich, daß diese Uebersetzung noch gar nicht erschienen sey, und ich beschloß Ihnen von Neuem zu schreiben. Den Hafner so wie den 1ten B. der Jahrbücher schickte ich vorläufig durch die Gesandtschaft an Reimer in Berlin, ich hoffe, Sie werden diese Bücher erhalten haben. Meines Bruders Werke werde ich Ihnen, wenn ich wieder nach Wien komme, zusenden, ich fürchtete das Paket zu groß zu machen. Wollten Sie nicht die Güte haben, irgend ein anderes Werk zur Beurtheilung zu übernehmen, bis Sie vielleicht 2 oder 3 Bände Shakespears zur Hand haben? Vielleicht Solgers Gespräche über das Schöne? Sie haben jetzt den 1ten B. der Jahrbücher bereits durchsehen können, so daß ich kaum bemerken darf, daß die Recensionen so lang seyn können, als Sie es nur immer für nöthig halten; je mehr und weitläuffiger Sie sich über Ihre eigenen Ansichten verbreiten wollen, desto besser ist es, weil man gern ein, in so fern dieß bey Anzeigen fremder Werke möglich ist, durch sich selbst bestehendes Werk in diesen Jahrbüchen liefern möchte. Auch wäre es sehr schön, wenn Sie Bouterweck sogleich vornehmen wollten; denn erscheine nun ein neuer Band oder nicht, so ist der Gegenstand so wichtig, daß er auch ohne Veranlassung der Erscheinung eines neuen Bandes für die Jahrbücher mehr als geeignet ist.
A. W. Schlegel hat sich für jetzt entschuldigt, und liefert nichts, Friedrich Schlegel hat mir eine Schaar Bücher vorgeschlagen, aber bis jetzt noch nicht eine Zeile geliefert. Ich bitte hierinn Ihren Freunden nicht nachzuahmen, sondern einem nur das Beste der Kunst und Wissenschaft bezweckenden Institute auch durch Ihre Beyträge beförderlich zu seyn. Ich ersuche auch A. W. Schlegel das alt deutsche Theater anzuzeigen, und weiß jetzt nicht, wem ich es übergeben soll. Den Phantasus werde ich, wenn der 4. B. erscheint, im Ganzen anzeigen, ich that es nicht gegenwärtig, weil ich nicht sogleich den Böttiger durch die Anzeige des gestiefelten Katers kränken wollte, da er in Hinsicht der Entstehung der Jahrbücher sich einiges Verdienst erworben. Seine Briefe an mich sind, ich weiß nicht soll ich sagen lächerlich oder ärgerlich; denn er muntert mich immer auf, ihm Geheimniße zu vertrauen, die nicht existiren; und obwohl er aus dem ersten Bande der Jahrb. hätte sehen können, daß sie ein ganz harmloses Werk sind, schreibt er doch an andere: ob er auch trauen dürfe? Eben so fürchtet er die Censur unaussprechlich, und doch schreibt er in einem Fache, dem die strengste Censur nicht leicht beykommen kann.
Wie sehr mich das, was Sie mir über meine dramatischen Arbeiten schrieben, aufgemuntert hat, kann ich unmöglich sagen. Daß ich ganz Ihre Ansicht des historischen Schauspiels habe, glaubte ich schon während Ihrer Anwesenheit in Wien aus manchen Aeusserungen zu bemerken; mir ist dieselbe so zu sagen, natürlich, und gar nicht die Folge eines besonderen Studiums, obgleich ich jetzt bereits viele Jahre auf die solidere Begründung derselben verwendet habe. Es wäre sehr zu wünschen, daß Ihr so lang erwartetes Werk über Shakespeare endlich erschiene, denn ausser so manchen höchst schätzbaren Beyträgen zur Kenntniß der Werke selbst und zur Erklärung mancher Einzelnheiten, wird wohl damit das erstemal, seit über den Dichter geschrieben worden, eine erschöpfende Ansicht seiner Wesenheit oder poetischen Eigenthümlichkeit an das Licht treten. Ich habe einmal versucht in Fr. Schlegels Museum eine Entwickelung des Shakespearschen Schauspiels vom historischen Standpunkte aus, als den diesem Dichter wesentlichen, zu geben, und Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir hierüber Ihre Meynung eröffnen wollten.
Was meine Schauspiele betrifft, so muß ich hier vorläufig bemerken, daß sie freylich nicht ganz jene historische Treue haben, welche ein strenger Verehrer der Geschichte fordern könnte; ich glaube aber, daß sie im historischen Style geschrieben sind: nämlich nach jener Ansicht des Dichters, nach welcher nicht eine Idee durch dramatische Einkleidung poetisch realisirt werden will, sondern nach welcher das Gegebene, die Handlung als bereits realisirtes Ideal des Lebens aufgefaßt, und in dieser Ansicht als solches dargestellt wird. Hierinn unterscheidet sich, wie ich glaube, die historische Dichtung von der romantischen wie von der antiken, und es gibt auf diese Weise noch eine dritte Dichtungsform, nämlich die historische. Weil ich etwas dergleichen in der Vorrede zum 1ten B. meiner dram. Dichtungen sagte, hat ein Recensent der Leipzig. Lit. Zeit. (ich vermuthe Adolf Müllner, der Verf. der Schuld) im Juny- oder Julyhefte vor. Jahres sich sehr anmaßend über mich lustig gemacht, wie er überhaupt diese Dramen aus einem sehr willkürlichen Standpunkte beurtheilte, und mit mir wie mit einem Schuljungen sprach.
Ferner muß ich bemerken, daß diese meine Dichtungen Bruchstücke eines ausgedehnten Ganzen sind, welches die Zeit Leopolds des Glorreichen bis zur Ankunft Rudolfs von Habsburg umfassen soll. Ich werde daher klüger auch nichts mehr drucken lassen, bis ich das Ganze auf einmal geben kann. Alles wird sich in drey Haupttheile bringen lassen: Leopold der Glorreiche, Friedrich der Streitbare, Ottokar. Die erste Abtheilung hat durchaus mehr den Charakter des Lustspiels im edlern Style, und ich denke ihr sogar den Kaspar v. Rastenberg, den Sie in österr. Mundart lasen, nach vorhergegangner Umarbeitung einzuverleiben. Die Kunringer sind der Uebertritt aus der heitern Zeit Leopolds in die ernste und arbeitsvolle Friedrichs, und wie in diesen Kunringern das heitere Heldenthum untergeht, glaubte ich auch den lustigen Auswuchs jener Zeit, Herrn Kaspar sammt Gefolge in einer, allerdings das Trauerspiel parodirenden Weise, als dessen absolutester Gegensatz, seinem Ende zuführen zu sollen. Ich glaube nicht, daß Sie, theuerster Freund, nach dieser Auseinandersetzung H. Kaspar und die Seinen weiter in den Kunringern anstössig finden werden. Daß die feindlichen Söhne Sie nicht so, wie Bela, angesprochen haben, finde ich zwar leider nur ganz der Sache angemessen, glaube aber, daß die wahre Ursache darinn liegt, weil dieß Stück, wie mir scheint, den Eindruck eines Fragments macht; denn ein historisches Schauspiel in 3 Akten ist beynahe etwas lächerliches. Diesen Uebelstand habe ich von Anfang her empfunden, weiß mir aber nicht recht zu helfen. Es wäre zwar leicht, zwischen dieses Stück und der dramatischen Scene, Heinrich der Grausame, einen Akt einzuschieben, und so ein Stück von 5 Akten zu erhalten; die 3 ersten Akte dieses neuen Schauspiels hätten dann aber nur 8 Tage Entfernung vom Sch. Bela, und die letzten 2 würden einen Zeitraum von beyläufig 4 Jahren umfassen. Dem Heinrich d. Grausamen habe ich keineswegs unrecht gethan. Sie scheinen mir überhaupt die Familiengeschichte der Babenberger mit der des ungrischen Hauses damaliger Zeit zu verwechseln, denn unter den Babenbergern findet sich, die Vorgänge mit Heiner d. Grausamen abgerechnet, kein Zwiespalt. Friedrich d. St. hat sich nie etwas gegen Vater und Geschwister zu Schulden kommen lassen, und was Petrus de Vineis gegen ihn z. B. in Hinsicht der Mutter vorbringt, sind eben nur Herrn Peters Lügen. Uebrigens ist die von Ihnen gegebene Darstellung Fr. d. St. gewiß sehr treffend, und Sie werden finden daß ich ihn im Ganzen eben so auffaßte; einiges was diesem im Tode Fr. d. St. durch zu große Weichheit widersprechen mag, rührt noch von der ersten jugendlichern Bearbeitung her, und ich werde es in der Folge berichtigen. Mehr Unrecht, den Kunringern gegenüber, konnte ich nicht in seine Schaale legen, ohne das poetische Gleichgewicht zu zerstören. Heinrich Lichtenstein hatte den Fehler, etwas geitzig zu seyn doch war er ein guter Feldherr. Sein Haus ist übrigens ein der österr. Geschichte so wichtiges, daß man wohl die demselben gebührende Ehre auf Heinrichs Haupt legen konnte. Mit dem Ganzen dieser Lust- Schau- und Trauerspiele will ich eigentlich den Untergang der edlern deutschen Heldenzeit in der prosaischeren Verstandesepoche des angränzenden Jahrhunderts darstellen, doch eine Aussicht auf deren Wiedererneuerung offen lassen.
Dieß ist dasjenige, was ich Ihnen, verehrtester Freund, über meine Ansichten und Zwecke bey Dichtung dieser Schauspiele sagen zu sollen glaubte, theils um mich zu rechtfertigen, theils um guten Rath von Ihnen zu empfangen. Ich bin übrigens der Meynung, daß, obgleich die Zeit dazu Veranlassung zu geben scheint, man dennoch bis jetzt noch gar keinen Sinn für das historische Schauspiel habe, und daß ich daher wenigstens für jetzt, wenn ich von dem eingeschlagenen Wege nicht abgehe, nicht zum Volksdichter berufen seyn könne. Weil übrigens das Theater von meinen Schauspielen keine Notiz nimmt; indem ich dort nicht als Bittsteller mit meinen Manuscripten erscheinen und den Schauspielern den Hof machen mag, so nimmt auch das nächste Publikum, die Wiener Lesewelt, von mir als Schauspieldichter keine Notiz, und die Herren und Damen von Hof z. B. mit welchen ich in meinen jetzigen Verhältnißen oft zusammen treffe, wissen nicht einmal, daß ich etwas dergleichen geschrieben, welches ich auch weder wünsche noch verlange. Glücklicher Weise bin ich in einer so unabhängigen Lage, daß ich meinen Ideen, ohne durch dergleichen gehemmt zu werden, folgen kann. Daß ich aber nicht etwa aus einem kleinlichen Verdruße über die Unaufmerksamkeit auf meine Schauspiele die Meynung gewonnen habe, daß man keinen Geschmack an historischen Werken finde, werden Sie leicht glauben. Wo gefallen die eigentlichen historischen Schauspiele Shakespeares? Schillers Stücke haben nicht wegen ihres sich hin und wieder dem Historischen nähernden Charakters Beyfall gefunden. Man verlangt in Trauerspielen meistens nur Ueberschwung der Leidenschaft, Partheyanregung für diesen oder jenen Helden, und kann die im historischen Dichter, auch bey der dargestellten höchsten Erschütterung dramatischer Personen, vorwaltende Ruhe des Gemüthes weder vertragen noch auch begreifen. Ich glaube aber darum keineswegs, daß es um das Theater so schlimm stehe, als manche behaupten wollen; denn es findet sich für vieles Schöne viel Sinn, wenigstens im Wiener Publikum, und unter andern wäre jetzt der wahre Zeitpunkt das spanische Theater auf der Bühne geltend zu machen. Im Auffassen des Komischen feinerer Art zeigt sich ein zartes Gefühl, und ein sehr richtiger Tact: Trauerspiele, wenn deren bewegendes Prinzip aufgeregte Leidenschaft ist, oder wenn ihr Werth in einer gewissen stillern Ueberschauung des Lebens und seiner Verhältniße beruht, sind jederzeit sicher, begriffen und mit Liebe aufgefaßt zu werden. Es hat sich jetzt hier ein junger Dichter, Herr Grillparzer, hervorgethan, dessen zweytes Werk, ein Trauerspiel: Sappho, mit einem Beyfalle, wie ihn nur immer der größte Dichter erwarten könnte, aufgenommen wurde. Die Erfindung ist schwach, die Ausführung aber sowohl in Sprache als Charakterzeichnung ein vollgültiger Beweis seines Dichterberufes; und obwohl man viel zu übertriebnen Lärm dieses Stücks wegen erhoben hat, glaube ich doch daß es weit besser sey, als wenn man, herkömmlicher Weise, ein rühmlich in die Bahn tretendes Talent verunglimpft, und nur von dessen Blößen gesprochen hätte. Ich höre überdieß, daß er sehr bescheiden ist, und sich keineswegs auf dieß Werk, welches er nur als einen Versuch gelten lassen will, etwas zu gute thut. Er hat einen Jahrgehalt von 1000 F. sammt Zulagen, so daß er jährlich auf 2000 F. oder mehr kommen wird, erhalten, um sich mit Musse der Dichtkunst widmen zu können.
Ich ersuche Sie sehr, mich nicht so lange auf eine Antwort warten zu lassen, als ich unseligerweise mir zu Schulden kommen ließ; denn ein Brief von Ihnen ist mir über alles werth. Wollten Sie mich nicht benachrichtigen, was im 4ten B. des Phantasus erscheinen wird? Den Fortunat bewundre ich insbesondre wegen der sinnreichen Auflösung der Schwierigkeit, aus all diesen verschiedenen Elementen ein Ganzes zu formen, welches Sie durch die eingeflochtenen, auf den verschiedenen Punkten der Reise wieder zum Vorschein kommenden Personen der Heimath, bewirkt haben. Ich glaube aber jetzt, daß das Ganze nicht in zwey, sondern in 3 Schauspiele hätte gesondert werden sollen, wo dann freylich im 2ten eine, vom Buche (mehr als der Charakter Ihrer Dichtung verstatten mag) unabhängige Erfindung hätte eintreten müßen. Wenn das Donauweibchen vollendet würde, wäre es eine schöne Sache. Ich habe im 2ten B. der Jahrbücher bey Gelegenheit der Sängerfahrt, einiges darüber gesagt, mich aber nicht so herauslassen können, als ich wünschte, weil weniger gedruckt ist, als ich aus Ihrem Munde in Wien vernommen habe. Ich bitte der Jahrbücher, und mehr noch meiner eingedenk zu seyn.
Mit Hochachtung und Freundschaft
Collin.
Ich ersuche mir die Briefe, meines unstetten Aufenthalts wegen, an die Gerold’sche Buchhandlung in Wien zu schicken, wie Sie mit dem ersten thaten.
Wien, den 18ten November 1818.
Theuerster Freund!
Die Beantwortung Ihres gefälligen Schreibens vom 22t. Oktober, welches ich den 31t. erhielt, verschob ich bis heute, weil ich die Vollendung des 3t. B. der Jahrbücher erst abwarten wollte. Ich lege diesem 3t. B. ein Exemplar der Werke meines Bruders bey, welches ich Sie als ein Andenken, das Sie sowohl an meinen verstorbenen Bruder als mich erinnere, zu empfangen bitte. Ich hätte manches, was sich in diesen Werken befindet, nicht drucken lassen sollen; allein ich ging damals von andern Ansichten aus, als gegenwärtig. Die Biographie befindet sich am Schluße des Ganzen. Ich sende dießmal das Packet durch die Diligence, damit nicht wieder Verspätungen eintreten: gegenwärtig hoffe ich indeß, werden Sie den 2t. B. der Jahrbücher erhalten haben. Wie sehr bedaure ich, daß Sie von dieser bösen Krankheit so arg heimgesucht sind; ich meine nicht von den Jahrbüchern, sondern von der Gicht! Fragen Sie doch einmal Dr. Rust, ob er nicht glaube, daß Ihnen die Schwefelräucherungen, wie man sie jetzt in Wien an vielen Gichtkranken mit Glück in Anwendung bringt, nutzen dürften. Diese Räucherungen sind, wie ich in den Zeitungen las, in Berlin durch die gewissenlose Ungeschicklichkeit der Experimentirenden sehr in Mißkredit gekommen, Dr. Rust aber, der kürzlich erst in Wien war, wird sich vielleicht von den hiesigen heilbringenden Versuchen überzeugt haben. Sehr erfreute mich Ihre und Herrn Solgers Billigung der Jahrbücher; der 3t. Band ist etwas trocknener Natur, mit dem 4t. aber hoffe ich sollen Sie beyde sehr zufrieden seyn. Wenn Herr Solger Theil an dem Unternehmen haben wollte, würde es mir eine sehr grosse Freude seyn; denn seit lange verehre ich seine Kenntniße wie die Gründlichkeit seines Urtheils, und wenn ich ihn nicht sogleich einlud, geschah es nur deßhalb, weil ich nicht hoffen konnte, daß er der Einladung eines ihm ganz unbekannten Mannes zu einem vor der Erscheinung selbst noch zweifelhaften Unternehmen Folge leisten würde. Jetzt darf ich dieß wohl hoffen, insbesondere wenn Sie, verehrter Freund, mich vertreten wollten, und ich schließe daher beyliegendes offenes Einladungsschreiben bey, welches ich Sie aufs beste zu unterstützen bitte. Den Gedanken, selbst Jahrbücher herauszugeben, sollten Sie fahren lassen; denn dieses Herausgeben ist wirklich eine Gattung spiritueller Gicht, und hinterläßt mir wenigstens ununterbrochne Lähmungen, die mir nicht gestatten, eigene Werke zu Tage zu fördern. Ich bin daher eigentlich an diesen Jahrbüchern krank, und zu meinem großen Schaden; denn ich sehe mich in allem gehemmt. Uebrigens will ich gern zugeben, daß Ihnen die Sache nicht so viel Arbeit als mir machen würde.
Ich ersuche Sie recht dringend, bald an eine Arbeit für die Jahrbücher zu gehen. Es ist mir schon ein übles Vorzeichen, daß Sie mir wieder Ostern als den Zeitpunkt anmerken, wo ich etwas zu erwarten habe, denn diese unglücklichen Ostern haben mir auch in diesem laufenden Jahre Früchte, die Sie mir versprachen, bringen sollen, ich bin aber leer ausgegangen. Die Hauptsache ist, wie mich dünkt, daß Sie sich vorerst auf ein einzelnes Werk zur Anzeige beschränken, um Ihre Gedanken nicht zu sehr zu zerstreuen. Welche Beurtheilung Sie mir immer liefern werden, sie wird für die Jahrbücher ein Gewinn seyn. Fr. Schlegel, welcher hier angekommen, zeigt endlich Ernst, etwas beyzutragen, wobey ihn der Himmel unterstützen wolle. Daß Sie meine Ansicht des historischen Schauspiels als die Ihre erkennen, macht mir ungemeine Freude; denn Sie werden sich wohl erinnern, daß Sie mit mir über diesen Gegenstand nicht sprachen, und nur einige Aeusserungen, die Sie damals bey Gelegenheit des Bela fallen ließen, erregten in mir schon damals die Vermuthung, daß meine Ansicht der Ihrigen verwandt seyn müßte. Aber wann wird dieser schon durch so viele Jahre zurückgehaltene Shakespeare erscheinen? Ich würde, wenn ich wie Sie wäre, zugleich eine englische Uebersetzung für die Heimath des Dichters besorgen, wo das Werk für jeden Fall große Aufmerksamkeit erregen wird. Sogleich nach Erscheinung des 4t. Theils des Phantasus werde ich eine Anzeige desselben für die Jahrbücher verfassen, und dieselbe zum Anhaltspunkte wählen, um überhaupt über das Charakteristische und den Geist Ihrer Dichtungen nach meiner Ein- oder Ansicht zu sprechen, nur ersuche ich Sie dann den Willen für die That gelten zu lassen; denn ich weiß sehr wohl, welch ein schwieriges ja gefährliches Unternehmen dieß seyn wird, da es sich dabey nicht darum handeln darf, Lobsprüche zu ertheilen, und sich mit der ausgesprochenen Versicherung des bey den Lesungen empfundenen Vergnügens zu begnügen.
Wenn A. W. Schlegel endlich seinen Shakespear vollenden wollte, wäre es eine schöne Sache. Ich sehe nicht ein, wie ihm beym Anblicke des Voßischen nicht die Pflicht klar wird, was er begonnen, auch hindurch zu führen. Es kann ihm auch keineswegs schwer fallen.
Bey genauerer Ueberlegung wird es doch besser seyn, Ihnen meines Bruders Werke, sechs Bände, des Umfangs wegen durch eine Buchhändlergelegenheit zu übermachen, und hier nur allein den 3t. B. der Jahrbücher zu überschicken. Ich ersuche Sie um die Fortdauer Ihrer Freundschaft, und wiederhole meine Bitte um baldige Einsendung eines Beytrags.
Ihr wahrester Freund
Collin.
Wien, den 14t. März 1820.
Theuerster Freund!
Sie werden aus beyliegendem 8t. Bande der Jahrbücher ersehen, daß selbst Friedrich Schlegel fleißig geworden, und eine vortreffliche Abhandlung geliefert hat. Aus einem Briefe des H. v. Schütz, den ich vorgestern erhielt, ersehe ich, daß Sie einen Ausflug nach Dresden gemacht. Möchte doch Ihre Gesundheit endlich wieder zurückkehren! Schreiben Sie doch wenigstens, wie Sie sich befinden, wenn ich auch keine Arbeit erhalte. Ueber letzteren Punkt bitte ich Sie aber mir aufrichtig zu sagen, ob ich in einem halben Jahre die Recension des Voßischen Shakespeare erhalte oder nicht? weil ich im letztern Falle doch trachten müßte, einen andern Recensenten zu finden. Möchten Sie doch alles thun, wovon Sie sich eine solide dauernde Besserung Ihrer Gesundheit versprechen können. Leben Sie wohl!
Ihr
Freund und Diener
Collin.
Herrn Ludwig Tieck.
Wien, 12t. Febr. 1823.
Verehrter Freund!
Ich bin so frey, Ihnen in der Anlage einen Abdruck meiner Recension über die neuere dramatische Literatur zuzusenden, und bitte Sie diese Zusendung als ein Zeichen meiner Hochachtung zu betrachten. Wenn ich mich in Hinsicht des Werthes neuerer dramatischer Dichtung mit Ihnen in Opposition befinde, so ist dieß in Folge einer, von den Aussagen der Vorrede zu Kleist, verschiedenen Ansicht, die ich Sie mir zu gute zu halten bitte. Diese Sache wollte öffentlich ausgesprochen seyn; daß ich übrigens gegen Sie und Ihre Dichtungen die schuldige Achtung hege, wird Ihnen diese Recension selbst am besten bewähren. Hochachtungsvoll
Ihr
Freund und Diener
Collin.