Sepopo’s Capellmeister.

Bei ungünstigem Wetter tragen die Frauen, seltener die Männer, riesige bis auf die Knöchel reichende, kreisförmige, nach vorne geschlitzte, mit einer Rundöffnung für den Kopf versehene Carossen, die mit einem Riemen oder einer Holz- und Metallspange um den Hals festgehalten und gewöhnlich mit der Rechten zusammengehalten werden, so daß die sich ihrer Bedienenden gleichsam in einen gefalteten Lederkegel gehüllt erscheinen. Die Stämme gehen meist barfuß einher, was der im Lande überwiegende Sandboden leichter gestattet, als die meist dornenreichen Länderstrecken der südlich vom Zambesi wohnenden Stämme. Für größere Reisetouren bedienen sich die Bewohner des Marutse-Reiches meist aus rohem Büffel-, Gnu- und Rindvieh-Leder gearbeiteter Sandalen, die mit Riemchen zur großen Zehe über den Fußrücken und den Fersenhacken befestigt werden.

Einige der östlichen Tributstämme wie die Makalaka und Matonga, bereiten aus selbstgezogener Baumwolle Gewebe von Tuch- bis Deckengröße. Aehnliche werden auch aus Bast von den Maschona’s gearbeitet. Die kleineren Gewebestücke dienen als Schürzen meist für Männer; der deckenartigen bedient man sich im Hause; sie sind von viereckiger länglicher Form und auf den kurzen Seiten mit Franzen versehen; sie werden ein bis zwei Meter breit, 1½ bis 2½ Meter lang, die Franzen zehn bis vierzig Centimeter lang gearbeitet.

Die Stellung der Frauen im Marutse-Reiche ist eine bei Weitem bessere und würdigere als bei den südlich vom Zambesi wohnenden Stämmen. Hier bebauen zwar auch die Frauen die Felder und helfen im Häuserbau, allein die schwierigsten Beschäftigungen, wie Jagd, Fischerei, das Herbeischaffen der Baumaterialien fällt den Männern zu. Die älteren Leute fand ich meist in den Wäldern und auf den Feldern beschäftigt, im ersteren Falle Männer Wildfrüchte sammelnd, im letzteren Frauen die jüngeren unterweisend und die weniger beschwerlichen Arbeiten verrichtend. Die Söhne ärmerer Leute, sowie Sklavenknaben verrichten meist Hirtendienste allein oder unter der Leitung eines Erwachsenen; jene der Wohlhabenderen versuchen sich häufig in der Jagd, sei es mit dem Assagai oder dem Gewehr. Zur Erntezeit haben die Knaben auf dürftigen, die Felder überragenden Holzgerüsten die Feldfrüchte gegen Gazellen und Finken zu schützen, sowie bei der Annäherung von Antilopen, Büffeln und Elephanten die Dorfbewohner zu alarmiren.

Die Bewohner des Marutse-Reiches sind keine Langschläfer, sie gehen schon eine bis 1½ Stunden vor Sonnenaufgang an die Arbeit und legen sich spät zur Ruhe. Die Vergnügungen beginnen mit der Tagesneige und dies um so später, je niedriger die Personen gestellt sind. Man schläft zumeist auf Carossen, Fellen, Stroh oder Grasmatten; des Königs Lager bestand aus fünfundvierzig großen prächtigen, auf einander gelagerten Carossen und jede Nacht waren drei bis vier Königinnen, jede an einem Bettrande Platz nehmend, beordert, des Königs Schlummer zu bewachen.

Die Kinder werden den Frauen zur Erziehung überlassen, die Knaben entschlüpfen jedoch schon sehr zeitig dem wachenden Mutterauge und schließen sich mehr dem Vater an. Kinder eines Freien erhalten Sklavenkinder zu Genossen, zu Spielgefährten und zu ihrem künftigen Troß, und diese üben oft nicht geringen Einguß auf die heranwachsenden Herren aus, welche ihnen oft mit innigerer Zuneigung als ihren Rathgebern und Willensvollstreckern zugethan sind. Die Eltern sind meist so von ihren Kindern eingenommen, daß ich schon zwölfjährige Knaben ihre Väter beherrschen sah. Die Knaben werden frühzeitig im Waffengebrauch unterrichtet, und bauen sich frühzeitig ihre eigenen Hütten. Die Mädchen werden tüchtig zur Arbeit angehalten, während der Vater bezüglich des Unterhalts der Familie in dem aufwachenden Mädchen eine Helferin zu sehen gewohnt ist. Mädchen bis zum zehnten oder zwölften Jahre werden meist zum Wasserherbeischaffen und in der Haushaltung bechäftigt.

Die Heiraten werden mit lauten, zu einem gewissen Grade orgienartig ausartenden Festlichkeiten gefeiert, bei welchen, wie bei den Beerdigungen, der reichliche Genuß von Kafirkornbier und ein besonderer Tanz die hervorragendsten Momente bilden. Die Ehen werden in der Regel unmittelbar, nachdem die Mädchen ihre Reife erlangt haben, geschlossen, wenn die Kinder nicht schon im zartesten Kindesalter einander verlobt wurden. Oft geschieht es, daß ein angesehener Mann die erwachsene Tochter seines Freundes zur Frau begehrt, sein Wunsch vom Vater gebilligt und von der Tochter angenommen wird, worauf dann der neue Schwiegersohn, der gewöhnlich schon mehrere Frauen und Kinder besitzt, eines seiner kleinen Mädchen dem Schwiegervater verspricht, d. h. verlobt, was zu dem im Marutse-Mabunda-Reiche häufig anzutreffenden Verhältniß führt, daß der Schwiegersohn zum Schwiegervater wird. Sepopo war mehreren Koschi’s und Kosana’s gegenüber Schwiegersohn und Schwiegervater zugleich. Hat ein Mädchen ihre Reife erreicht, so werden sofort ihre Gespielinnen davon benachrichtigt, die sie dann täglich, acht Tage lang, spät am Abend aufsuchen und bis tief in die Nacht in ihrem Höfchen unter Castagnetten- und Gesangbegleitung einen Tanz aufführen, nachdem zuvor eines der Mädchen (bei einbrechender Dunkelheit) die Genossinnen durch lautes Jodeln zum Besuche aufgeboten hatte. Hat die Tochter eines Koschi oder des Königs, oder eines seiner nahen Verwandten ihre Reife erlangt und ist sie eine Verlobte, so wird sie von ihren nächsten verheirateten Verwandten in ein nahes Wald- oder Schilfdickicht geführt, wo sie eine Woche lang, nur von einer Sklavin bedient, ein abgeschiedenes Leben führen muß. Sie wird jedoch täglich von ihren Freundinnen (gegen Abend) aufgesucht, ihr Kopf mit Parfüm eingerieben und sie mit Ermahnungen und Zureden für den ehelichen Stand vorbereitet, um nach Ablauf der obgenannten Frist ihrem Gemahl übergeben zu werden. Die Hochzeiten werden mit Tänzen gefeiert, an denen sich jedoch blos das männliche Geschlecht betheiligt und die ich unter dem Namen Hochzeitstänze schon besprach. Solch’ ein Tanz dauert in der Regel, selbst bei Leibeigenen, zwei bis drei Tage und Nächte. Die Sklavenheiraten sind nichts anderes als die ausgeführten Befehle ihrer Herren, d. h. der Freie gibt seinem Leibeigenen eine seiner Sklavinnen zur Frau.

Das Wesen der Beerdigung im Marutse-Reiche bildet zu dem bei den Völkern südlich des Zambesi beobachteten einen schroffen Gegensatz. Während die Stämme des Marutse-Mabunda-Reiches ihre Todten unter Singen, Schreien, Musikbegleitung und Schießen beerdigen, thuen es ihre südlichen Nachbarn meist im Dunkel der Nacht, ganz nahe an ihren Gehöften zwischen diesen oder unter den Hecken, damit die Beerdigungsstelle womöglich verborgen bleibe. Die meisten Völker des Marutse-Mabunda-Reiches suchen ihre Beerdigungsstellen zu kennzeichnen. Im Reiche ist es Sitte, die Jagd-Trophäen aufzubewahren. Diese Jagd-Trophäen bestehen, wie schon erwähnt, in auf Pfählen aufgedeckten Kopfskeleten der Gazellen, Zebras etc. etc., während die Köpfe der großen Raubthiere, ähnlich der Sitte im Matabele-Lande, wo Löwenfelle an den König abgeliefert werden müssen, an den jeweiligen Statthalter, oder in des Königs Nähe an diesen abgegeben werden. Diese Kopfskelete werden auf dem Grabe des Jägers niedergelegt und oft Bäumchen um dasselbe in Ellipsenform gepflanzt, oder wenigstens trockene Aeste herumgelegt, um das Betreten der Stelle durch Thiere und die Entweihung des Grabes hintanzuhalten. Daß die meisten Stämme des Marutse-Reiches ihrem Bestattungswesen mehr Zeremonien widmen, fußt wohl in ihren Ideen, die sie über unsere Vergänglichkeit gefaßt und darin, daß sie an ein Fortleben nach dem Tode glauben.

Das Vollkommenste in der Form der Grabdenkzeichen findet man im Mutterlande des herrschenden Stammes, in der Barotse, wo für jedes der angesehenen verstorbenen Mitglieder der königlichen Familie ein Mausoleum errichtet wurde. Ich bedaure tief, daß ich auf dem Zuge nach Nordwest verhindert wurde, diese Grabdenkmäler zu besichtigen, meine Kenntniß derselben beschränkt sich auf die Berichte Sepopo’s, seiner Leute, der wichtigen in Schescheke lebenden Häuptlinge, sowie der beiden Elfenbeinhändler Westbeech und Blockley, welche die Barotse auf des Königs Geheiß im Jahre 1872 bis 1873 besucht hatten.

Besuchen die Unterthanen den König und kommen sie aus entlegenen Provinzen, so rufen sie beim Eintritt in den königlichen Hof ein mehrmaliges »Tau-tu-ña, Tau-tu-ña aus«, worauf sie sich abseits, nahe am Eingange niederhocken und stillschweigend warten, bis sie von einem Abgesandten des Königs angesprochen werden. Bisweilen werden sie von ihrem in Schescheke wohnenden Koschi, Kosana etc. eingeführt, der sich dann in kriechender Stellung nähernd, dem Könige ihre Ankunft meldet. Werden sie nun zum Herrscher gerufen, so nähern sie sich in demüthiger Weise auf allen Vieren kriechend, halten in einer Entfernung von vier bis sechs Schritten vor dem Gebieter inne, um so lange in die Hände zu klatschen, bis sie von ihm angesprochen werden. Bei mehreren übernimmt dies ihr Führer. Hat ihnen der Herrscher eine Rückantwort ertheilt, so ziehen sie sich, abermals laut klatschend, zurück, ihre Audienz ist vorüber. Solche, die aus der Nähe kommen, begrüßen den König mir »Schangwe-Schangwe«; gewöhnliche Grußformen sind: »Schangwe, Koschi« oder »Rume-la, Ra, Rumela Intate«; das erstere namentlich den Weißen gegenüber.

Was das Reisen im Marutse-Reiche betrifft, so reist man zu Lande mit Hilfe von Trägern, die man für die ganze Strecke miethet, oder von Stamm zu Stamm wechselt, was jedoch haarklein beim Könige ausbedungen werden muß. Für die Bewilligung der Träger gibt man dem Könige einen Hinterlader mit 200 Patronen oder drei Elephantengewehre (Vorderlader), jetzt Kleider etc. als Geschenk, diesem oder jenem Statthalter, dessen Provinz man durchzieht, ein schönes Kleidungsstück oder eine gute Wolldecke; als Bezahlung gibt man einem dortigen Diener für zwei Monat Arbeit eine Baumwollendecke oder drei Yards Kattun und ein Pfund schönblauer kleiner Glasperlen. Für die Zeit von sechs bis zwölf Monaten muß erst jeder Unterthan vom Herrscher die Erlaubniß einholen, um so lange eines Weißen Diener zu sein — außer es wird im Geheimen zwischen einem Koschi und seinem Sklaven abgemacht. Für zwölf Monate Dienst gab man am Zambesi eine Muskete und natürlich die Gesammtzeit hindurch die nöthige Nahrung, zuweilen ein Stückchen Tabak oder Dacha. Haben die Träger und Bootsleute einen strengen Ausseher über sich, so gehen sie rüstig vorwärts, sie begnügen sich mit einer täglichen Mahlzeit, einer halbstündigen und vier- bis fünfmaligen viertelstündigen Rast, um von Tagesanbruch bis vier oder fünf Uhr dem Marsche oder dem Rudern obzuliegen. Die freie Rastzeit wird benützt, um rasch ein Feuer anzuzünden — ein Feuerbrand wird stets mitgetragen — und ein Pfeifchen Dacha zu rauchen.

All’ dies bekommt jedoch einen anderen Anstrich, wenn man keinen guten Makosana als Aufseher hat, dann bereiten namentlich jene, die schon öfter mit den Weißen in Berührung kamen, dem Reisenden Unannehmlichkeiten und belästigen ihn nicht wenig, verzögern und hindern die Reise, wo sie können. Gibt man ihnen nach, wird es umso ärger. Das Gepäck wird meist auf dem Kopfe oder an einem über die Schulter gelegten Pfahle, schwere Gegenstände an einem langen Pfahle von zwei bis vier Männern getragen. Gewöhnlich legen die Träger drei englische Meilen in der Stunde zurück, in der Bootfahrt stromaufwärts 3½ bis 4½, stromabwärts 5½ bis sieben Meilen, wenn nicht Strömungen und Schnellen die Flußfahrt verzögern oder Flußpferde den Weg versperren.

Reisen die Eingebornen allein, so nehmen sie nie größere Quantitäten Nahrung mit sich, jene, die in den zweirudrigen Booten die Kornabgaben nach Schescheke bringen, haben die kleinen Fahrzeuge derartig überladen, daß sie darauf angewiesen sind, sich ihre Nahrung unterwegs zu verschaffen, sie nehmen sich höchstens einige Fische mit, sammeln wilde Früchte, und da sie in der Regel geräuschlos längs dem Ufer dahingleiten, sind sie im Stande, so manchen in dem Uferschilf und Gras schlummernden Vogel mit einem sicheren Wurfe des Thoboni-Stockes zu erlegen.

Ich will noch einer Begrüßungsform erwähnen, welche von Seite des Herrschers sowohl als von Seite der Koschi, Kosana und eines jeden Haus- und Hüttenherrn, dem fremden Besucher gegenüber beobachtet wird. Nachdem man einige Worte ausgetauscht (beim Herrscher, wenn die Ankömmlinge angesehene Personen sind), nimmt der Gastgeber aus seiner am Leibgurte oder an einem Riemchen um den Hals, an einem der Armringe oder auch an der Carosse befestigten Schnupftabakdose eine tüchtige Prise; oft wird ihr ganzer Inhalt auf die linke Hohlhand geschüttet, und nachdem sich der Eigentümer selbst daran gelabt, reicht er den Inhalt mit halb geschlossener Hand dem zunächst Begünstigten, dann noch zweien oder dreien der übrigen.

Die Rechtspflege im Marutse-Reiche hat in der That manche gute Seite, und vor Allem durch die Bildung des großen Rathes viel gewonnen. Leider hat diese durch den Geist des herrschenden Stammes und das Wohlwollen eines lange dahingeschiedenen guten Herrschers gestiftete Institution nach und nach durch despotischen Königswillen an Macht und Geltung eingebüßt, bis sie unter Nero-Sepopo den Todesstoß erlitt, so daß sich in den letzten Decennien die Rechtspflege im Marutse-Reiche, ich möchte sagen von Jahr zu Jahr verschlechterte. Altgewohnte Gebräuche, welchen Gesetzeskraft innewohnt, erben sich unter den eingebornen Stämmen treu fort und werden willig befolgt, und jeder Verstoß gegen ihre Rechtskraft, d. h. jede willkürliche Beschränkung derselben von Seite eines Herrschers sehr mißliebig aufgenommen; durch die Unterdrückung dieser Gewohnheitsgesetze hat sich Sepopo das Volk zuerst entfremdet. Die Rechte über das bewegliche und unbewegliche Eigenthum, mochte das erstere sowohl Personen als auch Habe in sich begreifen, die socialen Rechte der verschiedenen Stämme untereinander und zum herrschenden Stamm, der Unterthanen und Tributzahlenden zum Herrscher im Allgemeinen, die Thronfolge-Bestimmungen, Vertragsclauseln, die Strafgesetze etc., wurden von Sepopo theils abgeschafft, theils vollkommen nach seinem Gutdünken zugestutzt und neu formulirt; es ist jedoch sicher, daß unter Wana-Wena seinem Nachfolger der größte Theil der alten Marutse-Gesetze wieder zur Geltung gelangen wird.

Kleine Zwistigkeiten werden von den Makosana und Kosana, wichtigere von dem Statthalter geschlichtet; alle schwerer erscheinenden Verbrechen etc. müssen, wenn sie nicht in gar zu weiter Entfernung von der Residenz des Königs begangen, vor diesen und den großen Rath gebracht werden. Mord ist im Allgemeinen ein seltenes Verbrechen und wird mit gleicher Münze bestraft. In der Residenz des Königs werden die meisten Hinrichtungen im Lande vorgenommen, weil so viele Unbeliebte, Beneidete aus den Provinzen, des Hochverrathes angeklagt und nach der Residenz geschleppt werden. Sepopo nahm keine Rücksicht; jahrelange, treue ergebene Dienstleistung, selbst von Würdenträgern, enge Verwandschaftsbande mit dem Könige etc. konnten nicht schützen, wo sein Verdacht rege wurde; in einem solchen Falle war jedes Gesetz null und nichtig. Die Beschuldigung des Hochverrates, des Mordes, der Flucht aus dem Reiche, des Verkaufes von Elfenbein und Honig, des Diebstahles an königlichem Eigenthume, des Ehebruches mit einer der Königinnen begangen, der zufällige Tod eines Nächsten genügten, um vergiftet oder verbrannt zu werden. Raufereien, Verwundungen, leichter Diebstahl wurden mit schwerer Arbeit in den königlichen Feldern oder lebenslänglicher Sklaverei bestraft. Fühlte der König kein persönliches Interesse oder Uebelwollen, so wurde der Ausspruch dem großen Rathe übergeben, und stimmte dieser für den Tod, so wurde der Verurteilte dem Gottesurteile mit dem Giftbecher unterworfen.

Im Folgenden will ich es versuchen, die Vorbereitungen und das Ceremoniell eines solchen Gottesurtheiles, respective einer Hinrichtung zu schildern.

Ein glühender Lichtschimmer überfluthete die meilenweite, die neue Hauptstadt des Marutse-Reiches, Schescheke, im Osten begrenzende Ebene; in manchen Theilen der Stadt herrschte noch Stille, da die Bewohner sich bis tief in die Nacht bei Butschuala-Gelagen gütlich gethan hatten. In den Dörfern der Mabunda und Masupia’s war es dagegen bereits ziemlich rege, namentlich jedoch in den unmittelbar am Flußufer erbauten Mamboë-Dörfern. Die Mamboë, denen die Fischerei obliegt, pflegen sich nicht von den schimmernden Vorboten des goldenen Gestirns zur Arbeit aufmuntern zu lassen; kaum daß es graut, sind sie schon bei ihren Kähnen und Netzen, um sich in die nahen und entfernten Lagunen und Flußbuchten zu begeben, und die ihnen von dem königlichen Küchenmeister vorgeschriebene Anzahl von Fischen zu erbeuten. Das rege Treiben in der winzigen Bucht nahe an meiner Hütte, wo sie ihre Kähne zu bergen pflegten, hatte mich oft früh angelockt, und so stand ich auch heute und schaute ihrem Treiben zu. Als die Letzten abstießen, wandte ich mich nach meiner Hütte. Zwischen derselben und dem königlichen Häusercomplex lag ein etwa sechshundert Schritte breiter Streifen freien Landes, und über dieses hin bewegte sich ein Zug von etwa zwanzig Menschen. Diese hatten die Richtung nach dem Walde eingeschlagen, einen der Pfade wählend, der zwischen meiner Hütte und dem aus Schilfrohr erbauten Häuschen der portugiesischen Händler, durch die Marutse-Dörfer führte. Voran schritt ein Mann, der, jedem Bewohner von Schescheke nur zu wohl bekannt, als Vollstrecker der Grausamkeiten des Königs Sepopo, ein Schrecken im Marutse-Reiche geworden war. Es war Maschoku, die Mabundahyäne. Er war mit einem bis an die Knöchel reichenden, buntcarrirten Wollhemd bekleidet; ihm folgte ein Mann von mittleren Jahren und diesem zwei Greise, wahre wandelnde Mumien, die mit ihren fezartigen Kopfbedeckungen als des Königs Leibärzte und die Hauptredner in dem unmenschlichen engeren Rathe, der dem Könige zur Seite stand, allgemein bekannt waren. Hinter denselben schritten vier mit Assagaien bewaffnete junge Männer. Den Zug schlossen zwei Gruppen von etwa acht Personen, in der ersteren bemerkte ich ein Weib und zwei Kinder. Die Leute bewegten sich, wie es schien, in einer gedrückten Stimmung, während die letzte Gruppe schreiend und lärmend einherzog. Als ich diesem Zuge nachsah, hörte ich hinter mir ein leise geflüstertes »camaja mo mositu, ku umubulaja mona mo!« (Die gehen in den Wald, um jenen Mann zu tödten.) Es war ein Knabe aus Schescheke, der mir für Glasperlen Fische zum Verkaufe brachte und die Gruppe bemerkte, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte.

Der zur Hinrichtung Geschleppte war von einigen Nachbarn, die auf seine reiche Ernte neidisch waren, des Hochverrathes angeklagt und von dem Könige gegen den Ausspruch des hohen Rathes zum Tode verurtheilt worden. Der König war unpäßlich geworden, und die Krankheit wurde auf gewisse Zaubereien geschoben, die jener begangen haben sollte.

An der Hinrichtungsstelle angekommen, riß der Scharfrichter dem Verurtheilten seine Lederschürze vom Leibe, zerbrach die aus Elfenbein und Holz gearbeiteten Armringe, während seine vier bewaffneten Helfer nach den nahen Büschen griffen, um dem Armen aus grünen Buschzweigen eine Schürze um die Hüften zu flechten. In der Mitte der kleinen Lichtung standen zwei, drei Fuß von einander abgehende und fünf Fuß über den Boden ragende rauhe Pfähle, welche im unteren Drittel und an ihren freien Enden mit je einem Querholze verbunden waren. Hie und da sehen wir einen Aschenhaufen, aus dem einzelne halbverbrannte Menschenknochen hervorragen.

Maschoku faßte den Verurteilten bei der Hand, führte ihn zu dem Joche, ließ ihn auf das untere Querholz niedersetzen und hieß ihn mit den Händen die Pfähle erfassen. Einer seiner Begleiter brachte eine kleine Kürbißflasche, ein anderer eine hölzerne Schale. Der Scharfrichter goß aus der ersteren eine dunkle Flüssigkeit, ein Decoct von giftigen Kräutern in die Schale, welches er selbst am vorhergehenden Abend von dem Könige zu diesem Zwecke erhalten hatte; er reichte die Schale dem Manne hin und gebot ihm zu trinken. Kaum hat der Aermste getrunken, so stürzten jene, welche gesenkten Hauptes und klagend dem Manne zur Hinrichtung gefolgt waren, auf diesen zu und brachen in lautes Wehklagen aus. »Mein Mann, mein Bruder, mein Vater, Freund, Freund!« riefen sie durcheinander. »Fürchte Dich nicht, Du sollst nicht sterben, Du bist ein guter Mann, Du hast nie Böses gethan; böse Menschen, die nach Deinem Mabele (Korn) und nach Deinem Khomo (Vieh) trachteten, haben schlechte Worte gesprochen, und deshalb hat man Dich hierhergeschleppt; Du hast nie Böses gegen den König im Sinne gehabt, so wirst Du auch nicht sterben. Njambe, der gute und schlechte Herzen kennt, sieht auch Deine Unschuld und wird Dich das Molemo (Gift) erbrechen lassen.« So reden die Freunde des Verurtheilten; sie streicheln und liebkosen ihn. Wie sie etwas in ihrem Eifer nachlassen, treten die Ankläger heran, jene, welche beim Zuge die Nachhut bildeten. Mit geballten Fäusten drohen sie dem am Schaffot Sitzenden, die ärgsten Verwünschungen gegen ihn ausstoßend. »Du Verräther, Du schlechter Mensch, schwarz ist Dein Herz, Du wolltest den König tödten! Schlechte Medicinen hast Du in seine Behausung geworfen, die ihm die Krankheit in dieselbe brachten, allein wir haben Deine Schlechtigkeit gesehen, wir sagten es dem Könige, und nun sollst Du dafür sterben. Siehst Du das Feuerchen da, was eben unsere Brüder angezündet haben, sieh’, das wollen wir groß machen und dann Deine Gebeine, die Knochen eines schlechten Hochverräthers, daran rösten und verbrennen!« Und abermals drohen sie mit den Fäusten und speien ihn an.

Nach den alten Marutse-Gesetzen muß jeder Verurtheilte eine Schale Gift trinken. Fällt er nach dem Genusse des Giftes besinnungslos zur Erde, so wird er für schuldig erklärt und sofort verbrannt. Wenn im Gegentheile der Verurtheilte das Gift erbricht, so wird er für unschuldig erklärt, allerdings kein wohltuendes Begnadigungsmittel, da nach dem Genusse des Giftes eine Blutzersetzung eintritt, welche Ausschläge und Siechthum und nach vielen Leiden, einige Jahre später den Tod zur Folge hat. Der König Sepopo, der die meisten Gesetze und Gebräuche seines Landes umstieß, berücksichtigte auch diesen nicht und gab oft im Geheimen dem Scharfrichter den Auftrag, die Verurteilten auf jeden Fall zu tödten.

So geschah es, daß, als der König von der Barotse nach Schescheke übersiedelte, er von seinem Mutterlande des Tsetse-Gürtels halber, der die Umgegend von Schescheke umspannt, keine Rinder für seinen Bedarf nach der neuen Residenz mitnehmen konnte. In Schescheke lebte aber unter mehreren Häuptlingen Einer, der große Heerden besaß; auf ihn fiel sofort des Königs Augenmerk und damit war auch das Los des Aermsten entschieden. Er wurde angeklagt und verurtheilt, doch das Gift hatte keine Wirkung. Da fand sich ein zweiter Sklave, der den Häuptling des Hochverrathes beschuldigte, und als auch die zweite Verurtheilung nichts half, folgte eine dritte, schließlich wurde er so lange mit dem Vorderkörper in’s Feuer gehalten, bis er seinen Geist aufgab.

Nachdem ich Schescheke verlassen, wurde auch die Frau des Häuptlings Mokoro, zum Tode verurtheilt. Sie war als unschuldig erklärt worden, der Scharfrichter aber theilte ihr mit, daß ihm der König den Befehl ertheilt, sie am folgenden Tage zu verbrennen. Um solch’ einem Tode zu entgehen, warf sie sich in den Fluß und wurde sofort von einem Krokodile ergriffen, doch von diesem längere Zeit hin- und hergezerrt, bevor das Thier mit ihr in die Tiefe versank und das grause Schauspiel ein Ende fand.

Nachdem sich die Ankläger müde gescholten, traten die beiden alten Medizinmänner heran, nahmen den Verurtheilten von dem Gestell und drehten ihn mehrmals im Kreise herum, sie thaten dies, um, wie sie sagen, das Gift besser im Körper wirken zu lassen. Kaum hatten sie ihn wieder seine frühere Stellung einnehmen lassen, näherten sich ihm wieder seine Freunde. »Freund, entledige Dich doch des schädlichen Stoffes, den Du getrunken, brich ihn aus, damit Du diesen bösen Menschen und dem Könige zeigst, daß Du unschuldig bist!« Freunde und Kläger wechseln so ab, bis das Gift betäubend oder wie ein Brechmittel zu wirken beginnt. In dem vorliegenden Falle wirkte es betäubend; etwa eine halbe Stunde, nachdem er das Gift zu sich genommen, fiel der Verurtheilte besinnungslos zur Erde. Bevor dies jedoch geschah, hatten schon einige seiner Ankläger ein kleines Feuer angezündet, auf welches sie bei ihren Spottreden hinwiesen. Kaum war der Verurtheilte zur Erde gefallen, erfaßten ihn die Diener des Scharfrichters und schleppten ihn zu dem Feuer. Vergebens rangen seine Angehörigen die Hände; mitleidslos ward er mit dem Kopfe in das kleine Feuer gehalten, so daß er mit halbverbranntem Gesichte, bevor noch das Feuer zur Flamme angefacht war, erstickte. Dann erst wurde trockenes Reisig herbeigetragen und eine Art Scheiterhaufen errichtet, auf welchem der Körper gänzlich verbrannt wurde.

Laut klagend und jammernd zogen die Angehörigen des Verurtheilten heim. In der Stadt verstummten sie, um nicht des Königs Mißfallen zu erregen. Sehr Viele trachteten sich, sowie sie nur eine Ahnung von einer etwaigen Vorladung erhielten, durch Flucht nach dem Süden über die beiden Ströme zu retten. Andere tödteten sich selbst, als sie sahen, daß sie trotz ihrer durch das Erbrechen des Giftes erwiesenen Unschuld, doch wieder angeklagt und verbrannt werden sollten. Die auf der Flucht Ergriffenen wurden theils von den Verfolgern niedergestoßen, theils wieder nach Schescheke zur Hinrichtung eingebracht. Verurtheilte, freiwillig Heimgekehrte und auf die Fürbitte der Weißen oder eines fremden, Sepopo befreundeten Eingebornenfürsten gestützt, um Nachsicht Flehende wurden bei ihrer Ankunft in Schescheke wohl begnadigt, allein wenige Tage darauf wieder verurtheilt.

Bei Diebstählen bestrafte der König oder der Würdenträger nur wenn der Schuldige der That geständig oder wenn er von mehreren Zeugen überwiesen war. Im Allgemeinen wird von der Obrigkeit nicht viel gethan, um des Diebes habhaft zu werden. »Bringe ihn und beweise, daß er Dich bestohlen hat, ich werde ihn schon empfindlich züchtigen,« heißt es zumeist.

Ich erwähnte bereits, das zwei vom Könige begnadigte Verbrecher in der Residenz, die Reinigung der Stadt zu besorgen hatten; bevor noch die Bewohner von Schescheke erwachen, sind diese Beiden schon auf ihren Füßen und walten ihres Amtes. Dabei ereignete es sich nun mehrmals im Jahre, daß menschliche Leichen an den Pfaden und in den Straßen lagen; auf Sepopo’s Geheiß, der jeden Todten, die Mitglieder des königlichen Hofes ausgenommen, als Unrath ansah, mußten dieselben gleich dem Kehricht behandelt werden.

Von nennenswerter Heilkunde fand ich in dem Marutse-Reiche mehr vor als in allen übrigen mir bekannten südafrikanischen Eingebornenländern. Diese Heilkunde bildete die Basis, auf der die schon öfters erwähnten Doctoren, die Mitglieder des engeren Rathes, ihr Wissen und Ansehen, späterhin ihre Zaubereien stützen konnten. Mehrere vegetabilische Heilmittel und Gifte kennend, suchten sie weiter in der Heilkunde nachzugrübeln, geriethen aber nur zu leicht, geleitet und durchdrungen von dem volksthümlichen Aberglauben in das verderbliche, den Geist umnachtende Chaos der Beschwörungsformeln.

Ich beobachtete, daß sie sich auf die Behandlung von Dysenterie, Fieberanfällen, Husten, Lungenkatarrh, Stillung von Blutungen und Schlangenbissen wohl verstehen. In der Regel werden jedoch die Arzneien mit vielen Zeremonien verabreicht, um eben den Kranken glauben zu machen, daß letztere den Löwenantheil an der Kur haben. Oertliche Blut-Entziehungen mit Metall-, Horn- und Knochenmessern bewirkt, und das Blut mit Hornsaugröhren ausgesogen, fand ich — wie unter den Betschuana’s — gemein und gewöhnlich an den Schläfen Wangen, Oberarmen, der Brust und den Schultern applicirt. Es soll Schmerzen an diesen Körpertheilen mildern, — wie ich bemerken konnte, meinte man hiemit Neuralgien sowohl als Entzündungsschmerzen der betreffenden oder der Nachbarorgane. — Die Vegetabilien werden zumeist getrocknet und dann im pulverisirten Zustande oder als Decoct, oder aber der bei ihrer Verbrennung erzielte Rauch und ihre Asche als Heilmittel gebraucht. Von thierischen Stoffen gebraucht man Knochenstaub, gebranntes Knochenpulver, die Schuppen des Schuppenthieres, die, Riechstoffe enthaltenden Drüsen gewisser Säugethiere und thierische Excremente etc. etc. Einen wesentlichen Unterschied zwischen den Heilkünstlern des Mabunda-Reiches und denen der meisten Betschuana’s, fand ich in dem äußeren Auftreten derselben; mit Ausnahme des hohen Alters kennzeichnen sich die Ersteren durch keine besonderen Abzeichen. Ebenso scheint die Doctorswürde im Mabunda-Reiche nicht erblich zu sein, während dies bei den Betschuana’s der Fall ist.

Der Aberglaube ist eine der bedauernswerten Erscheinungen, welche der geistigen Entwickelung der südafrikanischen Eingebornen im Wege stehen. Es war vor Allem Sepopo, der sich von seinen Unterthanen als Zauberer gefürchtet und groß zu machen verstand und sich endlich so tief in die Gaukelei hineinlebte, daß er selbst daran glaubte, wodurch es ihm möglich wurde, sich trotz seiner nichtswürdigen Grausamkeiten so lange am Throne zu behaupten. Die abergläubischen Lehren hatten durch die greisen Doctoren ein nicht geringes Ansehen beim Volke erlangt, dessen Zweifel oft durch die gewonnene Ueberzeugung der Heilkraft der als Heilmittel von den Aerzten gebrauchten vegetabilischen Producte, sowie in Hinblick auf die geheiligte Person des Königs geschwächt oder benommen wurden. Der Zaubermittel gibt es eine Legion; ich will blos einige anführen.

Beim Beginne eines Krieges, nach der Erbauung einer Stadt und bei anderen wichtigen Gelegenheiten, bei Landplagen etc. wurden bestimmte Theile des menschlichen Körpers geopfert, d. h. bei Lebzeiten vom menschlichen Körper abgetrennt und an bestimmten Orten in erlesenen Gefäßen aufbewahrt.

Korb aus Bast und Kalebassen-Korngefäße bei den Mabunda.

Aus Büffelfett gearbeitete Armringe und Brustbänder sollen gewisse Krankheiten bannen und gegen menschliche Nachstellungen schützen. Das Herzfett der Hausthiere, auf Stäbchen in Kreuzform befestigt und bei Nachtzeit vor die Hütten der aus dem Reiche Geflohenen eingepflanzt, soll auf die Flüchtlinge höchst verderbend einwirken, daß sie auf der Flucht die Sinne verlieren, und wie im trunkenen Zustande zu ihrer Niederlassung zurückkehren, um ihre gerechte Strafe zu erleiden. Das Pulver verschiedener gebrannter Knochen von Säugethieren, Vögeln, Amphibien am Körper getragen, wird verkauft, um schnellfüßig zu werden, das verfolgte Wild in seinem Laufe zu lähmen und dem Jäger reiche Beute zu sichern. Es wird theils in Säckchen auf dem Leibe getragen, theils in an den Armen und Beinen geführte Einschnitte eingerieben. Weitere Zauberkraft enthaltende Mittel sind all’ die pharmaceutischen Präparate, die der Weiße an die Eingebornen verabreicht, seltene Thierfelle, wie das des großen schwarzen Lemur, anormale Bildungen in der Färbung kleiner Säugethiere, Ausschnitte aus dem Kamme der Schwanzflossen des Krokodils, seine Augen und die Luftlöcher; Hörner des Cephalopus Hemprichii und des Scopophorus Urebi, seltene Glasperlen, auffallende pathologische Haar-, Horn- und Knochenbildungen von Thieren; Säckchen, genäht aus der Haut der Boa, Leib- und Brustgurte aus Schlangen-, Erd- und Wasserleguanhaut verfertigt, kleine Muscheln, die an Stirn- und Halsbändern, an Armringen und Leibbinden festgenäht, getragen werden. Die letzteren, sowie andere Kalkproducte von Seethieren haben die Portugiesen eingeführt und damit im Allgemeinen einen regen Handel getrieben.

Diese Amulete und Zaubermittel werden, wenn nicht am Körper getragen, auf geheimen oder nur dem Hausherrn bekannten Orten aufbewahrt gehalten. Der König hat hinter seinem Empfangshause längs der Hofumzäunung eine Reihe von bemalten Thontöpfen und Kalebassen stehen, die sämmtlich abergläubische Mittel enthalten. Außerdem hat der König eine eigene Hütte für seinen medicinischen Besitz und die zahlreichen Amulete erbaut; bei Sepopo stand sie zwischen seinem Empfangs- und dem Waarenhaus. Zu den offenen, Zaubermittel enthaltenden, Behältern gehören: aus Bast, Gras und Stroh verfertigte Säcke und Körbe, kleinere und größere, schwarz gebrannte, einfach gehaltene und gekerbte Holzschüsseln, große, roh gearbeitete Holzschüsseln, Töpfe und Schalen aus ungebranntem oder auch gebranntem Thon, gewöhnlich mit dunklen Glasur-Zeichnungen bedeckt und zuweilen auf Gestellen, Holzfüßen, Baumstämmchen aufgestellt, oder auf Pfählen aufgehangen; ferner Kalebassen, die dann gewöhnlich unter Miniaturdächern aufgestellt werden.

Zu den geschlossenen gehören kleine Makenkekörbe, Miniaturkörbchen aus Fächerpalmblättern gearbeitet, kleine sanduhrförmige, mit Pfröpfen (aus Holz) versehene, Schnupftabakdosen ähnliche Kalebassen, zugepfropfte Hörner kleiner Gazellenarten, mit Linien und Kreisen (Einkerbungen, Eingravierungen) bedeckte kleine Ziegenbockhörner und nett geschnitzte, in Pulverhornform gehaltene Hörner größerer Antilopen (Harrisbock, Gemsbock, Roen-Antilope etc.); sämmtliche sind mit Hängschnüren versehen. Ferner beobachtete ich solche, die sorgsam aus Holz, Rohr, Vögel- und Thierknochen, Nilpferd- und Elephanten-Elfenbein, aus Fruchtschalen, Thierklauen zu Dosen geschnitzt, oder aus Thierfellen und aus der Haut innerer thierischer Organe (Eingeweide, Blase etc.), aus Tuch- und Wolllappen zu Säckchen genäht sind. Im Allgemeinen verwendet man im Marutse-Reiche auf diese Artikel eine bedeutende Sorgfalt, und Sepopo’s Medicin- und Gifthütte allein würde, in ein europäisches Museum transferirt, eine interessante ethnographische Sammlung abgeben. Leider ist es für den Sammler nicht leicht, sich mehrere solcher Objekte durch Tausch anzueignen; die Eingebornen wollen sich der in denselben enthaltenen Zaubermittel halber nicht von ihnen trennen.

Das Ausschütten von Flüssigkeiten vor der Hof- oder Hausthüre wird als ein Zauberversuch zum Schaden des Hausherrn oder Desjenigen angesehen, der unvorsichtiger Weise über die nasse Stelle hinwegschreitet. Unwohlsein wird in der Regel als die Folge von Zauberei oder gefährlichem Uebelwollen angesehen. Meine Arbeiten und meine den Kranken geleistete Hilfe hatten mich im Marutse-Reiche zu einem großen Zauberer gestempelt, und hatten nur das eine Gute, daß ich von allen mehr als andere Weiße gefürchtet wurde. Die meisten Geheimmittel sind den Zauberern (Doctoren), dem König und dem Scharfrichter bekannt und werden verhältnißmäßig theuer verkauft.

Bisweilen wurden zwei und mehrere Sitzungen abgehalten, um sich über dies oder jenes unmenschliche Mittel zu einigen. Personen, die dem Rathe mißtrauten, einzelne nachdenkende Köpfe, wurden nur zu leicht aus der blindlings gehorchenden und unterwürfigen Menge herausgefunden, des Hochverrathes oder anderer nicht begangener Verbrechen angeklagt bei Seite geschafft.

Ich hatte bereits Gelegenheit zu erwähnen, daß von Sepopo zu manchen abergläubischen Zwecken Menschenopfer verwendet wurden. Dieselben sind kein landesüblicher Gebrauch, sondern waren dem Könige von dem engeren Rathe empfohlen worden. Während meines ersten Aufenthaltes begann er, wie ich bereits erwähnt, Neu-Schescheke zu bauen. Um die neue vor einem ähnlichen Schicksale wie es die alte Residenz traf zu bewahren, wurde eine Sitzung des engeren Rathes abgehalten und die Schrecklichen beschlossen, dem Knaben eines Häuptlings die Finger und die Zehen abzuhauen und diese in der Kriegstrommel aufzubewahren. Trotz der Geheimhaltung dieses Beschlusses wurde die Absicht des engeren Rathes einem Häuptlinge verrathen, der die Nachricht allen seinen Freunden mittheilte, doch nicht schnell genug und ohne Verdacht zu erregen. Gegen Ende des Monats September, als Blockley allein in Schescheke zurück geblieben war, konnte man allnächtlich in dem Walde von Schescheke Menschengruppen begegnen, welche nach den tieferen Waldpartien zueilten, es waren die Vertrauten dieses oder jenes Häuptlings, welche dessen Knaben aus dem Bereiche des Tyrannen zu bringen suchten, ohne daß der König oder der Scharfrichter eine Ahnung davon hatten, daß man ihre Pläne zu durchkreuzen suche.

Am bestimmten Tage schickte Maschoku seine Diener in der Stadt umher, um sie die Häuptlingsgehöfte ausspioniren zu lassen, in welchen man sich am leichtesten eines Knaben bemächtigen konnte. Alle bis auf einen kehrten unverrichteter Weise zurück, sie fanden die Gehöfte förmlich kinderleer, nur der eine wollte einen Knaben im Hofraume seines Vaters spielen gesehen haben. Als dies der Scharfrichter dem Könige hinterbracht hatte, befahl er dem Vater des Knaben sofort für die Bedachung eines noch unvollendeten königlichen Baues das nöthige Gras und Schilf zu holen, alles andere nahm Maschoku auf sich. Als ihn seine Diener benachrichtigten, daß der Chef abgereist sei, berief dieser den erwähnten Diener und gab ihm die nöthigen Instructionen, um das Opfer auch glücklich in das Gehöft des Königs zu bringen. Hier war eine größere Menschenmenge versammelt, welche lautlos dasaß; der König schien unmuthig und deshalb wagte es Niemand, ein Wort zu sprechen.

Um diese Zeit erschien in dem Höfchen des Häuptlings, der sein Gehöft verlassen, um für den König das nöthige Schilfrohr zu holen, ein Mabunda-Mann, der Abgesandte des Scharfrichters, setzte sich nahe an der Umzäunung nieder und wartete bis ihm eine der Hausfrauen mit dem Willkommgruß »Rumela« ansprach und theilte derselben nur mit, daß der Kosana, der eben mit seinem Kahne abstoßen wolle, ihn mit dem Auftrage hiehersende, ihm sein kleines Söhnchen zu bringen. Die Mutter befiehlt dem Kinde, dem Manne zu folgen und dieses fügt sich willig dem Gebote. Dieser schlägt aber die Richtung nach den königlichen Gehöften ein, wo er mit seinem Erscheinen plötzlich die darin herrschende Stille unterbricht. Aus seinem Hinbrüten durch Maschoku wachgerufen, wirft der König einen Blick auf den Knaben und steht dann von den Anwesenden gefolgt auf. Man nimmt nun den Knaben in die Mitte, der durch die stillschweigende Menge eingeschüchtert, sich willenlos fortschleppen läßt. Die königliche Capelle beginnt hierauf ihre monotonen Weisen und begleitet den König. Zum Flusse ging es wohl und dies mochte den Knaben etwas ruhiger stimmen, doch ein plötzlicher Schrei einer Häuptlingsfrau, deren Gehöfte man passirte, flößte dem Kinde Furcht und Schrecken ein. Die Frau kannte das Schicksal des Opfers, das man eben zur Schlachtbank führte.

Schöpflöffel und Kalebassen-Korngefäße bei den Mabunda.

Am Flusse angekommen, besteigt die etwa siebzig Köpfe zählende Menge sämmtliche am Ufer liegende Boote und fährt nach dem jenseitigen Ufer; die Tambours folgen, während die Myrimba’s zurückbleiben. Am jenseitigen Ufer; angekommen, läßt sich Sepopo auf ein Stühlchen nieder, der Scharfrichter, seine Knechte und die Mitglieder des engeren Rathes bilden einen Kreis, die Tambours und die anderen Musiker stellen sich rings umher, damit das Volk von Schescheke die grausame That nicht sehe. Der Knabe, durch alle die schweigsamen Männer erschreckt, folgt nur zögernd. Nun nickt der König mit dem Kopfe und im selben Momente wird der Knabe zur Erde geworfen, das erschrockene Kind beginnt laut zu schreien, aber den Tambours wurde zugleich das Zeichen gegeben, und laut schallen die Trommeln, um das Geschrei des Kindes zu übertönen. Der Widerstand des hilflosen Kindes ist von den Henkersknechten bald überwältigt, und nun gehen die alten Doctoren an’s Werk und schneiden dem Opfer Finger um Finger, Zehe um Zehe vom Körper. Trotz des lauten Trommelschlages vernimmt die Menge am diesseitigen Ufer einige Worte des sterbenden Knaben. »Ra, Ra came, Ra Ra« (Vater, mein Vater), zeitweilig wird das Wort: »Umu umu bulaja« (sie tödten mich) hörbar; obwohl die Menschenmenge sich mit jedem Augenblicke mehrt, und alle begreifen, daß Sepopo eine neue Grausamkeit begeht, wagt es Niemand, an die Rettung des armen Knaben zu denken.

Nachdem sich die Doctoren der genannten Gliedmaßen bemächtigt haben, wird dem Leben des Knaben sofort ein Ende gemacht, d. h. das Opfer wird erwürgt und mit einem Kiri erschlagen. Nach vollbrachtem Werke werden die Boote wieder bestiegen, ganz zufällig scheinen diese in der Mitte des Fluges einen Knäuel zu bilden, in Wirklichkeit aber nur, um den Körper des Knaben unbemerkt in den Fluß gleiten zu lassen. Während die Boote etwas flußabwärts an den königlichen Gehöften anlegen, folgt ihnen eine jammernde Frau am Ufer nach, watet, die Krokodile und den Zorn des Tyrannen nicht achtend, in das Wasser und fordert laut ihr Kind, ihren Muschemani zurück. Der König steigt ruhig aus, was weiß er von Mutterfreude und Mutterschmerz, ihm folgen die Seinen, und bald sitzt man bei einigen Töpfen Butschuala, während die alten Doctoren die getrennten Finger und Zehen in einer der Kriegstrommeln verbergen.

Diese Alarm-, Kriegs-, Schlachttrommeln sind ebenfalls königliches Eigenthum, von welchen stets drei bis vier vorhanden und im großen Berathungshause aufbewahrt sind, sie werden nur bei Ueberfällen der Residenz, beim Ausmarsch in den Krieg, beim Ausbruch revolutionärer Emeuten u. s. w. geschlagen. Ich vermuthe, daß diese Trommeln mit ähnlichen Schlägeln wie die Kalebaß-Piano’s oder mit kleinen Kiris bearbeitet werden. Der Holztheil der Trommel ist mit rothem Ocker bemalt, die Füße sind klein, der Henkel gleich der Lederumreifung aus ungegerbten Rindsfellen gearbeitet. Diese Trommeln haben dreißig bis fünfzig Centimeter im Durchmesser und vierzig bis fünfzig Zentimeter Höhe.

Als ich nach meinem zweiten Besuche nach Schescheke zurückgekehrt war, berichteten mir zwei der Häuptlinge von Schescheke diese Episode, am ausführlichsten that es Blockley, denn unser Gehöft lag dem Thatorte gegenüber.

Noch bevor ich den Zambesi überschritt, hörte ich die industrielle Thätigkeit der Völker Sepopo’s rühmen. Unter den Süd-Zambesi-Stämmen behaupten die Maschona den ersten Rang. Da ich das Maschona-Land nicht besuchen konnte und nur nach den mir zugekommenen oder gezeigten Handarbeiten urtheilen mußte, mag mein Ausspruch nicht jenes Gewicht besitzen, das ich wünschen würde, doch kann ich mich dahin aussprechen, daß es Stämme im vereinigten Marutse-Mabunda-Reiche gibt, welche in gewissen Branchen der Industrie die Maschona übertreffen.

Unter den Küchenutensilien stehen die aus Thon verfertigten Gefäße obenan. Manche haben Vasenform, andere sind durch die angebrachten dunkleren und helleren Verzierungen, die am Halse oder Mantelkragen angebracht sind, und andere dadurch wieder ausgezeichnet, daß sie geglättet, förmlich von einer Glasur überzogen zu sein scheinen. Am Boden fand ich nie Zeichnungen vor, auch vermißte ich Henkel. Die als Getreide-Speicher benützten Thongefäße haben Riesendimensionen und Urnenform. Diese Riesengefäße sind roher als die vorgenannten gearbeitet und ohne Ausnahme aus ungebranntem Thon. Die Gefäße sind nach oben mit einem tellerförmigen Thondeckel geschlossen und zeigen an der vorderen Seite unmittelbar über dem Boden eine halbkreisförmige, meist handbreite Oeffnung, die mit einer beweglichen Platte von Innen verschlossen ist. Diese Platte trägt einen horizontal sitzenden Stiel, mit dessen Hilfe die Oeffnung nach Belieben geschlossen werden kann. Diese Riesengefäße sind so schwer, daß ich, wie an den königlichen, sechzehn Männer keuchend schleppen sah, beim Transport werden sie auf Pfählen getragen. Die Thongefäße sind meist nur Arbeit der Frauen, während die Holzgefäße von Männern, und zwar meist von Mabunda’s gearbeitet werden. Die ersteren werden zur Aufbewahrung und Zubereitung von Kafirkornbier, zur Aufbewahrung von Milch, Wasser und zum Kochen benützt. Sämmtliche Holzgefäße sind innen und außen mit Eiseninstrumenten tiefschwarz eingebrannt und dies ist so gleichmäßig und vorsichtig ausgeführt, daß man sie aus Ebenholz verfertigt halten würde. Die meisten derselben sind mit erhabenen, symmetrischen, um den Rand, Hals und Mantelkragen laufenden Schnitzereien und manche mit durchgebohrten, abgeflachten Buckeln als Henkeln versehen; jeder Holztopf ist mit einem geschnitzten Deckel versehen.

Nächst den Thongefäßen sind die aus Holz verfertigten Gefäße zahlreich und nicht minder mannigfach vertreten. Unter diesen gehören die Vorlegschüsseln für klein gehackte Fleischsorten zu den edelsten Holzschnitzereien der Mabunda, zu den besten Holzarbeiten in der Abtheilung der Küchenutensilien. Im Allgemeinen sind die Holztöpfe von cylindrischer oder Kegelstutz-Form mit abgerundetem Boden. Sie dienen zur Aufbewahrung von Mehl, Bohnen, kleinen Früchten und Bier. Den Uebergang von den Holztöpfen zu den zahlreichen Varietäten der Holzschüsseln bilden die mit Ausgußmulden versehenen Napfschüsseln.

Die eigentlichen Holzschüsseln sind entweder Rundschüsseln oder ovale; die letzteren wieder schiffchenförmige oder schalenförmige. Die ersteren der ovalen Gattung sind die früher erwähnten, schön gearbeiteten Fleisch- und Vorlegeschüsseln, sie trafen durchwegs einen horizontal-vorstehenden, durchbrochen geschnitzten Rand, sind henkellos und tiefschwarz von Farbe. Ich fand sie in der Regel im Hause der Angesehenen, doch die schönsten in des Königs Besitz. Die länglich-schalenförmigen gehören zu den größten Holzschüsseln, die riesigsten fand ich bei den Matabele. Sie sind von doppelter bis dreifacher Größe der obgenannten und stets mit zwei ordentlichen Henkeln an den Enden des größten Durchmessers versehen. Sie dienen zum Auftischen von groben Fleischstücken für eine größere Anzahl von Personen und sind oft an ihrer ganzen Mantelfläche mit symmetrischen oder unsymmetrischen, ein bis drei Centimeter erhabenen Arabesken-Schnitzereien bedeckt. Ich glaube, daß den Maschona die Palme in dieser Arbeit gebührt. Von Rundschüsseln finden wir mehrere Varietäten vor; alle haben mehr oder weniger hervorragende Henkelbuckel und in der Regel eine gewölbte, nur in seltenen Fällen eine ebene, thalergroße Bodenfläche, der Rand ist meist gekerbt. Sie fehlen in keiner Haushaltung, da ihr Gebrauch ein allseitiger ist, und sie als Milch- und Oelgefäße und zur Aufbewahrung fetter Substanzen dienen.