Eberjagd auf Madagaskar.
„Das wütende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf und den am Halse
befindlichen Auswüchsen stürzte sich blindlings gegen die Stelle, wo vier
Büchsenkugeln seiner harrten ...“
Dem alten Theologen blieb zur Antwort keine Zeit. Aus den Gebüschen brach ein mächtiger Eber, dem zwei Bachen mit einem Rudel jüngeren Nachwuchses folgten; das wütende Tier mit seinem plumpen schwarzen Kopf und den am Halse befindlichen Auswüchsen stürzte sich blindlings gegen die Stelle, wo vier Büchsenkugeln seiner harrten, die Stoßzähne wühlten den Boden auf, die kleinen Schweinsaugen funkelten vor Kampflust; es kam, unbekannt mit der Wirkung der Feuerwaffen (die auf Madagaskar zur Jagd nicht verwandt werden) ganz nahe heran und senkte zum heftigen Angriff den Kopf — da krachten die Büchsen; unter den übrigen Tieren entstand eine wilde Flucht, und der Eber wälzte sich in seinem Blute. Schon wollte Franz vorspringen, um ihm mit dem Messer den Garaus zu machen; da klang es plötzlich in einiger Entfernung wie das schmerzliche Wimmern einer Menschenstimme. Gedehnte, ächzende und schluchzende Laute erfüllten die Luft, Todesröcheln mischte sich schaurig in leises Weinen. — —
Die Weißen standen regungslos vor Schreck. Sie sahen nicht wie sich der erlegte Eber im letzten Kampfe wand, wie mehrere der schwarzen Jäger, halbnackt, mit den langen eisenbeschlagenen Sagaien bewaffnet, durch die Büsche lugten und beim Anblick der Europäer schleunigst das Weite suchten, — nur ein entsetzlicher Gedanke erfüllte ihre Herzen: war einer von den Sakalawas durch ihre Kugel getroffen worden?
„Karl,“ flüsterte Franz, „hörst du das?“
Holm nickte. „Wir müssen nachsehen, mein Junge. Wenigstens konnte keinem von uns der Gedanke an ein solches Unglück im voraus kommen.“
„Ist der arme Mensch erschossen, so berühre ich in meinem Leben kein Gewehr wieder,“ rief Hans. „O warum sind wir nicht mit den Matrosen gegangen!“
„Still,“ seufzte Holm. „Erst muß die Sache untersucht werden.“
Da legte vom Baum herab Rua-Roa die Hand auf des jungen Mannes Schulter. „Babakut!“ sagte er, „der Menschenaffe.“
Wie in plötzlicher Übereinstimmung suchten aller Augen seinen Blick. Wenn das wahr wäre!
Rua-Roa hielt noch immer den Ast des Tamarindenbaumes umklammert. „Kennst du den Menschenaffen nicht, Herr? Leben im Abendlande unter deinem Volke keine Trägen, Faulen, die niemals arbeiten, sondern nur essen wollen? Und verwandelt sie Zannaar bei euch nicht in Babakuts, die ein Antlitz haben wie Menschen und doch Affen sind, die menschlich weinen und klagen, und doch keine Seele besitzen? Der da wimmert, ist ein solcher.“
Franz zögerte nicht länger, er mußte wissen, woher die immer schwächer werdenden, kläglichen Jammerrufe kamen, und trennte daher mit kräftigem Arm die verschlungenen Zweige, um in das Innere des Gewirres von Ranken und Blättern hineinzusehen. Sein Jubelruf lockte die übrigen herbei. Da lag auf dem blutgetränkten Moos ein ganz grauer, mit kurzem Haar bedeckter Affe von etwa einem Meter Höhe und mit so menschenähnlichem Gesicht, wie es die Reisenden noch an keiner anderen Gattung bemerkt hatten. Die brechenden Augen sahen voll stummer Anklage empor, der schweiflose Körper streckte sich und nach wenigen, letzten Zuckungen war alles vorüber.
„Das nenne ich Glück haben!“ jubelte Holm. „Diese Art ist bis jetzt selten oder nie erlegt worden, wir besitzen da einen Schatz, wie ihn kein deutsches Museum nachweisen kann. Schnell, Rua-Roa, komm her und nimm vorsichtig den Affen, da du kein Gewehr zu tragen hast, wir wollen ihn auf dem Schiff in aller Form einbalsamieren oder in Spiritus bringen, je nachdem es sich macht. Jetzt ist Umkehr geboten, um keinen Preis dürfte uns der Babakut verloren gehen.“
Aber Rua-Roa that, als sei er plötzlich taub geworden. Mit dem großen Messer, welches ihm Hans gegeben, zog er gewandt das borstige Fell des Ebers ab, weidete ihn aus und schnitt die besten Bratenstücke herunter, während nur dann und wann ein scheuer Blick den getöteten Affen streifte. Die Furcht vor dem Halbmenschen Zannaars war offenbar zu groß, um ihm das Näherkommen zu gestatten.
„Mag er das Fleisch tragen!“ entschied der Doktor. „Ehe nicht sein Geister- und Riesenglaube besiegt ist, hilft es nichts, ihn zum Gehorsam zu zwingen. Ich bin nur begierig, wie Sie es anfangen wollen, die Beute fortzubringen, mein bester Herr Holm.“
„Und müßte ich sie wie ein Wickelkindchen tragen,“ rief der junge Gelehrte. „Aber was will Rua-Roa, er winkt mir fortwährend!“
Der Malagasche hatte das abgezogene Fell von Blut und Fleischteilen gereinigt und dann einen spitzen Stock geschnitten. „Da, Herr,“ sagte er etwas ängstlich, „willst du nicht den Babakut hineinwickeln? Zwei von euch können ihn tragen, an jedem Ende des Stockes einer. Rua-Roa nimmt das Fleisch.“
Holm lachte. „Zwei von euch!“ wiederholte er. „Nur du selbst nicht, Schlingel, und doch habe ich oft gehört, daß deine Landsleute den Babakut essen.“
Rua-Roa machte eine Gebärde des Abscheues. „Die Ambonga,“ sagte er, „die Wilden. Sie essen auch Schlangen und Makis, die Hovas kennen dergleichen nicht.“
„Makis!“ rief Holm. „Da erinnerst du mich, Junge. Ich möchte doch gar zu gern einen Eichhornmaki schießen.“
Der Malagasche nahm mit Hilfe eines zweiten, derben Steckens das Fleisch auf die Schulter. „Jetzt schläft der Aye-Aye, Herr,“ versetzte er, „aber Rua-Roa wird den Baum finden, in welchem er wohnt, und wird ihn aufscheuchen. Komm nur, dort unter den alten Tamarinden ist mehr als ein hohler Stamm, dein Sklave weiß es, er hat hier oft die jungen Papageien aus ihren Nestern genommen, um sie, wenn eine Anzahl beisammen war, nach Tananarivo zu bringen und für seinen Herrn zu verkaufen. Den Babakut kannst du hier liegen lassen, bis wir wiederkommen; es stiehlt ihn dir niemand, dessen bist du sicher.“
Holm schwankte. Durfte er den seltenen Schatz dem Zufall anvertrauen? — Aber freilich, fleischfressende Tiere gab es ja auf dieser Insel nicht, wer sollte ihm also sein Kleinod rauben? Nach kurzem Besinnen verbarg er das Paket mit dem unheimlichen Inhalt unter einer Schicht von großen Blättern, dann folgten alle dem vorangehenden Malagaschen. Der Hochwald dieser Gegend war unbeschreiblich schön und trug ganz den Charakter der tropischen Zone, wenigstens was die Mannigfaltigkeit des Pflanzenwuchses betraf. Hohe Mangobäume mit ihren saftreichen, unseren Birnen gleichenden Früchten neigten ihre tiefhängenden Äste schwer vom Segen so weit herab, daß die Knaben nach Herzenslust pflücken und essen konnten; wundervoll gefärbte Orchideen, lila, rosa, blau und schneeweiß oder vom reinsten Purpur, schwebten an ihren langen Kletterwurzeln in der Luft; ein kleines blaues, dem Vergißmeinnicht ähnliches Blümchen schmückte zu Tausenden den Boden; blütenreiche Akazien spendeten ihren Wohlgeruch, und mehrere Pandanusarten lieferten wohlschmeckende Früchte von der Größe einer Pomeranze. Ebenso wuchsen im Dickicht die verschiedensten Nüsse, weshalb auch bunte Papageien in ganzen Scharen die Baumwipfel bevölkerten. Das emsige Forschen des jungen Eingebornen währte nur kurze Zeit, dann hatte er den Schlupfwinkel eines Eichhornmaki entdeckt und konnte den heranschleichenden Gefährten ein Zeichen geben. In einer uralten Tamarinde befand sich eine Höhlung von der Größe eines Tellers, vor derselben lagen Haufen von Nußschalen, und an der rauhen Rinde des Eingangs klebten braune Haare, für den geübten Blick des jungen Malagaschen nur ebenso viele Zeichen, daß im Innern des hohlen Stammes ein Eichhornmaki seinen Wohnsitz haben müsse.
Holm und Franz standen mit geladenem Revolver hinter den nächsten Bäumen, während Rua-Roa die Tamarinde umschlich und mit dem Knöchel des Zeigefingers überall anklopfte. Längere Zeit hindurch blieben seine Bemühungen ohne Erfolg, die Weißen zweifelten, daß eines dieser zierlichen Äffchen in dem Baume verborgen sei; der Bursche aber blieb bei seiner Behauptung. „Aye-Aye schläft,“ sagte er, „wir müssen ihn wecken.“
Und vor die Mündung der Höhle tretend, brachte er das Gesicht derselben ganz nahe. Ein schriller, plötzlicher Schrei durchgellte die morgendliche Stille des Waldes, — dann suchte der Sklave seinen früheren Versteck wieder auf. Eine Gebärde befahl den Weißen, sich mäuschenstill zu verhalten.
Kaum wenige Sekunden später zeigte sich der Erfolg. Das graue, menschenhafte und auch wieder eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Fuchs verratende Gesicht des Gespensteraffen blickte aus dem Loch hervor, der Aye-Aye horchte offenbar neugierig dem immer wiederholten Klopfen, er gähnte wie ein aus dem Schlaf aufgeschreckter Mensch und reckte die langen Arme; dann sahen ihn die Weißen mit trägen, langsamen Sprüngen auf die Äste der Tamarinde klettern. Das kleine Geschöpf hatte die Höhe von kaum einem halben Meter, der Schwanz allein aber war länger als der ganze übrige Körper. Die untere Partie der Haare war von weichem Gelb, die obere rotbraun und nur an den Seiten wie am Bauche grau, Schwanz und Füße dagegen schwarz.
„Schieß nicht,“ flüsterte Franz. „Ich habe von meinem Platz aus das Ziel sicher!“
Er legte an, und als der Knall erfolgte, stürzte das Tier mit lautem Aufschrei, sich mehrmals überschlagend, zu Boden. Es war so glücklich getroffen, daß der Tod im Augenblick eintrat. — Hinter seiner schützenden Tamarinde sprach Rua-Roa in der einheimischen Mundart ein Gebet, aus dessen hastiger Wortfolge der Name Tenn-Tenn wiederholt auftauchte; jedenfalls versicherte er sich in so unmittelbarer Nähe der gefürchteten Schießwaffe vor allen Dingen des Feuerriesen, ohne dessen Gnade es nach seiner Meinung allzu leicht um ihn geschehen sein konnte.
Holms Freude war grenzenlos. Weder im Zoologischen Garten noch im Museum fand sich dieses Tierchen; er würde also der erste sein, welcher es nach Hamburg brachte, vorläufig freilich nur die Haut, aber doch wohlerhalten, denn die kleine Kugel hatte das aufrecht sitzende Äffchen in den Unterleib getroffen, so daß sich die Wunde beim Ausstopfen verbergen ließ, ohne irgend eine Entstellung herbeizuführen.
„Jetzt laßt uns den Rückweg antreten,“ rief er, nachdem dem Maki die Haut abgezogen war, „es kann nicht weit von neun Uhr entfernt sein, wir werden also pünktlich zur Mittagsmahlzeit eintreffen. Nachgerade sehnt man sich, wieder eine warme Suppe und einen Schluck Kaffee zu erhalten. Freund Rua-Roa, du hast deine Sache gut gemacht; jetzt finde auch den Rückweg zum Babakut!“
Der Eingeborne ergriff ohne weiteres die Haut des Eichhornmaki und trug sie sorgfältig wie einen wertvollen Schatz durch das Gebüsch. Ohne diesen, der Umgegend so vollkommen kundigen, mit den Ortsverhältnissen und dem Tierleben des Waldes genau vertrauten Führer hätten die kecken Abenteurer den Rückweg zum Meer kaum wieder aufgefunden, keinesfalls aber die beiden seltenen, so äußerst interessanten Affen erlegen und aufspüren können. Rua-Roa sah im Moos des Weges die Spuren, wo kein Weißer sie entdeckt haben würde; er erkannte unter den dichtstehenden Bäumen an einer einzigen Liane oder Orchideenblüte den einzuschlagenden Pfad; er hatte an Stellen, wo durch die grünen, lebenden Wände von Ranken und Geflecht einer nach dem anderen sich Bahn brechen mußte, doch noch irgend ein Zeichen bemerkt, das ihn später richtig führte. Genau an demselben Punkt, von dem die kleine Schar ausgegangen, betrat sie wieder die Lichtung, in deren Mitte der Eber gefallen war.
Holm griff zunächst in die natürliche, halb überwölbte und von großen Blättern verdeckte Höhle unter den Wurzeln eines Mangobaumes, um sich von dem Vorhandensein des Babakut zu überzeugen, zog aber auch im selben Augenblick die Hand mit einem leichten Schmerzensschrei wieder zurück. „Rua-Roa!“ rief er, „was kann das bedeuten? Als hätten mich zehn Nadeln zugleich gestochen!“
„Lassen Sie sehen, Bester!“ sagte erschreckend der Doktor. „Ich will nur hoffen, daß es kein Schlangenbiß ist.“
„Dann müßten zahlreiche Schlangen zugleich ihre Zähne gebraucht haben. Alle meine Finger bluten.“
Er hob die Hand empor, aus welcher rote Tropfen auf das Moos fielen. „Nein, nein, das sind Stichwunden, — Junge, komm her und sage, was du davon hältst.“
Aber Rua-Roa hütete sich, dem Babakut, der nach seiner Meinung ein verzauberter Mensch war, näher zu treten. „Tanrak!“ sagte er aus der Entfernung. „Tanrak, Herr, er ist keineswegs bösartig oder giftig.“
Franz hatte während dieser Unterhaltung zwischen den anderen mit seinem großen Messer die Ranken und Blätter entfernt; jetzt zerschnitt er etliche Baumwurzeln, zog den toten Affen hervor und warf Moos und Erde zurück, daß die Stücke flogen. Hans half nach besten Kräften und in wenigen Minuten war die Höhlung bloßgelegt. Im Hintergrunde derselben saßen ein paar kleine wunderliche Gesellen, die mit dem Kleide aus Borsten und mit dem langen spitzen Rüssel sogleich von allen Anwesenden als Glieder der Igelfamilie erkannt wurden. Nach Art dieser Tiere versuchten sie bei ihrer plötzlichen Entdeckung keine Flucht, sondern saßen still und unbeweglich auf einer Stelle, sonderbar anzusehen mit den ganz schwarzen, nur von drei weißen, über den Rücken herablaufenden Längsstreifen gezeichneten, starren Borsten, die ihre eigentliche (Maulwurfs-) Größe zu verdoppeln schienen. Im Sommerschlaf gestört, blinzelten sie verdrießlich und waren aus der bequemen geduckten Haltung nicht aufzurütteln.
Franz ergriff den Affen und trug ihn auf die andere Seite des Platzes. „Rua-Roa,“ rief er, „wie fangen wir es an, die Tierchen lebend zum Schiffe zu bringen? Haben müssen wir sie.“
Der Malagasche nahm den aus weißem Gras geflochtenen Hut vom Kopf; dann die Hand in einen Zipfel seines langen Hemdes wickelnd, ergriff er vorsichtig das stachlichte Pärchen und setzte es in den Hut. Mit kräftigem Schwunge das Fleischstück am langen Stecken über seine Schulter werfend, unter dem linken Arm die Tanraks, schickte er sich an, wieder das Amt des Führers zu übernehmen. „Du machst dir vergebliche Mühe, Herr,“ sagte er, „weder den Babakut, noch den Aye-Aye, noch den Tanrak kannst du essen.“
Alles lachte, so daß der Halbwilde ganz verdutzt dreinschaute. Die beiden Brüder trugen den Babakut, Holm nahm die Haut des Eichhornmaki und so wanderten alle zum Strande hinab, wo in grüner, lauschiger Bucht das Boot der „Hammonia“ lag, um sie an Bord des Dampfers zu bringen. Ein fröhliches „Ahoi!“ der Matrosen empfing die Wanderer, rüstige Arme hoben all die reichliche Ausbeute an Pflanzen und Tieren in das kleine Fahrzeug, die Kette wurde gelöst, und als der letzte von allen bestieg Rua-Roa die Planken, welche ihn von seinem Vaterlande für immer trennen sollten. Er schien die Insel, auf der er geboren, ohne Schmerz zu verlassen; dagegen erregte ihm der Dampfer eine heimliche Furcht, die sich noch steigerte, als vom Vorderteil her die Kanonen einen Willkommensgruß über die blauen Fluten dahin und den Ankömmlingen entgegensandten. Das rotweiße Wappen von Hamburg flog am Mast empor, der Kapitän schwenkte grüßend den Hut; wie ein Strom von Gold lag heller Sonnenglanz auf Schiff und Meer.
Es war diesmal den Reisenden so recht ein Nachhausekommen; es wehte sie an wie Heimatsgefühl und sonntäglicher Friede, als sie das Deck wieder betraten, — nur Papa Witt hatte das alte Schelmengesicht und den alten, unverwüstlichen Seemannshumor auch in dieser Stunde behalten. „Zwei tote Affen und zwei lebendige Stachelschweine!“ sagte er. „Gott stehe mir bei, und dafür wären nahezu vier gute Christen von den Krokodilen verschlungen worden. Ein anderes Mal gehe ich mit, wenn die Herrschaften wieder an Land wollen; dann bleibt alles fein vernünftig auf ebener Straße.“
Dagegen protestierten nun freilich die jungen Leute auf das entschiedenste. Papa Witt sei am Lande völlig ungenießbar, versicherten sie, er möge lieber den Koch antreiben, daß jetzt ein recht guter Bissen auf den Tisch komme.
Holm suchte unter den Fässern im Schiffsraum ein passendes leeres aus, in den er den Babakut legte und ihn mit Spiritus übergoß. Da jedoch nicht aller Spiritus verwendet werden sollte und das Faß noch nicht voll war, so füllte er den Rest desselben mit Rum aus, den ihm der Steward geben mußte, worauf der Schiffszimmermann das Faß wieder dicht schloß und die Fugen desselben leicht verpichte. Die Makihaut wurde in derselben Weise mit Arsenikseife präpariert wie früher der Balg des Nashornvogels.
Papa Witt zürnte anfangs über den Mißbrauch des guten Rums, aber als Holm ihm erklärte, daß die anatomische Zergliederung der Affen der Wissenschaft von größtem Interesse sei, antwortete er scherzend: „Es wäre doch wohl besser gewesen, von dem Rum einen schönen Grog zu brauen, als ihn dem alten häßlichen Affen zu geben, der noch dazu tot ist und seine Güte nicht zu würdigen versteht.“
So war denn alles an Bord nur Heiterkeit und Freude. Nachdem aber mit Essen und einem stärkenden Mittagsschlaf die ersten Stunden vergangen, erinnerte Doktor Bolten die kleine Gesellschaft, daß es heute Sonntag sei. Unter dem Sonnensegel am Deck wurde ein Gottesdienst gehalten, den Rua-Roa voll schweigender Ehrfurcht, vielleicht zu seinen Heidengöttern betend, mit anhörte. Der alte Theologe dankte dem Himmel für die Rettung aus höchster Todesangst, stumm hing alles an den Lippen des verehrten Mannes, leiser spielte der Wind mit den weißen Wogenhäuptern, und laut schmetternd krähte der heilige Hahn, der Sendbote Zannaars des Weltgeistes.
Während das Schiff durch den Kanal von Mozambique zurückdampfte, um nach der kleinen Felseninsel Mauritius zu steuern, welche, als sie den Franzosen gehörte, den Namen Isle de France führte, jetzt aber, seit sie im Jahre 1810 von den Briten erobert wurde, wieder ihren ursprünglichen Namen trägt, den sie zu Ehren des Kommandanten der niederländischen Seemacht, Moritz von Nassau, erhalten hatte, gab es in der Kajütte mancherlei für die jungen Naturforscher zu thun.
Franz hatte schon den Wunsch ausgesprochen, das genaue Abbild von einem der Stammesgenossen Rua-Roas zu besitzen, um daheim den Freunden zeigen zu können, wie die Ungeheuer in Menschengestalt aussehen, in deren Gewalt sie sich befunden hatten. Holm sagte, daß unter so gefährlichen Umständen, wie die jüngst durchlebten, es schwer halten würde, die mißtrauischen Wilden zu bewegen, dem Zeichner oder dem Photographen still zu sitzen, weil sie alles Fremdartige für Zauberei hielten. „Es wird uns aber gelingen, auch milder gesinnte Wilde zu treffen und diese werden wir nicht nur später photographieren, sondern, damit wir die genaue Form ihres Antlitzes erhalten, auch in Gips abgießen.“
„Aha,“ sagte Franz, „nun weiß ich auch, weshalb Sie sich den Gips nachkommen ließen, Sie wollen die Wilden abformen.“
„Um dem Forscher Material zu liefern, an dem er die feineren Rassenunterschiede der Wilden studieren kann,“ erwiderte Holm, „und damit ihr mit dieser Operation genau vertraut werdet, wollen wir die freie Zeit benutzen, die Eigenschaften des Gipses und seine Handhabung kennen zu lernen.“
Holm öffnete eine der Blechdosen, in der sich ein weißes Mehl befand — der gebrannte Gips. „Dieser gebrannte Gips,“ erklärte Holm, „ist schwefelsaurer Kalk, dem durch Erhitzen das in ihm vorhandene Wasser ausgetrieben wurde. Fügen wir dem entwässerten Gips wiederum Wasser zu, so verbindet er sich mit demselben zu einer festen Masse, die nach dem Trocknen hart wird. Diese Eigenschaft macht den Gips zu einem wertvollen Material, sowohl um Gegenstände abzuformen, als auch plastische Figuren aus demselben herzustellen. Franz, bitte den Koch um einige große Tassen, wir wollen ungesäumt an die Arbeit gehen.“ Franz that, wie ihm gesagt war, Hans holte Wasser und Holm suchte einen Thaler hervor, der das Bildnis des deutschen Kaisers in besonders schöner Prägung zeigte.
Zunächst nun rieb er die Münze mit einem Tropfen Öl ein, um das Ankleben des Gipses an derselben zu verhindern, worauf er sie mit einem drei Zentimeter hohem Rande von Schreibpapier umgab, dessen loses Ende er mit Gummi arabikum festklebte. Franz war nicht wenig stolz darauf, das so wichtige Klebmittel selbst geerntet zu haben, wenn auch die spitzen Stacheln des Schotendorns seine Hände nicht wenig zerkratzt hatten. Auch der Papierrand wurde mittels eines Pinsels mit einer kleinen Menge Öl getränkt. Dann rührte Holm etwa einen Eßlöffel voll Gips in einer Tasse rasch mit soviel Wasser an, daß ein nicht zu dünner Brei entstand, und goß denselben auf die Münze, welche derart auf dem Tische lag, daß sie selbst den Boden, der Papierstreif aber den Rand einer Schachtel bildete.
Nach etwa fünf Minuten war der Gipsbrei bereits erstarrt. Der Papierrand wurde vorsichtig abgenommen, worauf die erhärtete Gipsmasse auch von der Münze getrennt werden konnte. Mit allen, selbst den feinsten Einzelheiten war die nach oben liegende Seite der Münze in dem Gipse abgeformt, nur mit dem Unterschiede, daß die Erhöhungen der Münze in der Gipsmasse vertieft zum Vorschein kamen.
Die Knaben freuten sich über den wohlgelungenen Versuch. Holm trug Hans auf, den erhaltenen Abguß dem Koch zu bringen, daß er denselben auf eine nicht zu warme Stelle des Herdes legen möge, damit er gehörig austrockne. Dann ließ er Franz und Hans ebenfalls Abgüsse von der Münze machen, was ihnen, da sie gut aufgemerkt hatten, auch vortrefflich gelang. Rua-Roa sah verwundert zu und konnte nicht klar darüber werden, was die Weißen für sonderbare Dinge vornahmen. Holm aber sagte auf deutsch: „Du sollst nicht lange im Unklaren bleiben, mein Junge, nachher geht es dir, wenn auch nicht an den Kragen, so doch an dein gelbes Menschengesicht.“
Als die vorhin hergestellte Form auf dem Herde trocken geworden war, tränkte Holm sie mit etwas Öl und umgab sie ebenso wie vorher die Münze mit einem Rande von Papier. Dann goß er frischen Gipsbrei hinein, wartete bis derselbe festgeworden und konnte dann die beiden Gipsstücke leicht von einander ablösen. Das zweite Gipsstück zeigte nun ein genaues Abbild der ursprünglichen Münze, das Bildnis des Kaisers, die Umschrift und alle feinen Zeichen derselben. Die erste Form nannte er die Hohlform, die zweite den Abguß. Den Knaben war nun klar, daß wenn man einen Gegenstand plastisch in Gipsabgüssen vervielfältigen will, vor allen Dingen zuerst eine Hohlform hergestellt werden muß. Nachdem die Knaben gelernt hatten, wie der Gips zu behandeln sei, sagte Holm zu Rua-Roa: „Nun kommst du daran, mein Teuerster, lege dich da einmal auf den Fußboden.“ Rua-Roa that wie ihm gesagt wurde, denn bis jetzt hatten die Weißen ihm keinerlei Leides gethan, er hatte volles Vertrauen zu ihnen.
Dann stellte Holm aus einem großen Thonklumpen durch Rollen auf einem Brette eine große, lange Wurst her, die er dem auf der Erde Liegenden so um das Gesicht herum legte, als wollte er ihm ein Zahntuch aus Lehm umbinden. „Dieser Thonwulst soll das Herabfließen des Gipsbreies verhüten,“ sagte Holm, „und damit derselbe sich nicht in Rua-Roas Augenbrauen festsetzt, bedecken wir dieselben mit feinem, ölgetränkten Seidenpapier.“
„Aber erstickt Rua-Roa nicht, wenn wir ihm das ganze Gesicht voll Gips gießen?“ fragte Franz.
„Wir befestigen ihm mit etwas Lehm in jedem Nasenloch einen Strohhalm,“ erwiderte Holm, „dadurch kann er hinreichend atmen. Das haben sich vor ihm schon manche Wilde gefallen lassen müssen, und er wird auch nicht der letzte sein, zumal der ganze Vorgang keine fünf Minuten währt.“ Rua-Roa ließ sich geduldig das Seidenpapier auf die Augenbrauen und anderen Stirnhaare legen, auch gegen das Einölen des Gesichtes machte er keine Einwendungen. Als Holm ihm aber die Strohhalme in die Nase befestigen wollte, sprang er auf und weinte. Das war ihm zu viel. Keine Bitten konnten ihn bewegen sich wieder niederzulegen, er glaubte, daß man ihn umbringen wolle. „Doktor,“ rief Holm, „reden Sie ihm zu, er hat ja selbst gesagt, daß er Ihr Sklave sein wollte. Spielen Sie einmal den Plantagenhalter und brauchen Sie Ihre Autorität.“ Doktor Bolten lächelte milde und ging auf Rua-Roa zu. „Mein Sohn,“ sagte er, „der mutige Knabe hat dich aus dem Rachen des Krokodils gerettet und war in Lebensgefahr deinethalb, wie wir alle. Kannst du glauben, daß deine Erretter dir Schaden zufügen wollen? Sieh, wir verlangen nur einen kleinen Dienst von dir, du wirst doch eine geringe Unannehmlichkeit ertragen können, um deinem Dank Ausdruck zu geben, von dem du in so beredten Worten gesprochen. Nicht Worte machen den Dank, sondern die That.“
Rua-Roa hörte auf zu weinen. Er sah zu komisch aus mit dem vom Lehm eingerahmten Gesichte und den Thränen, die von der eingeölten Haut herunterliefen, wie das Wasser von den fettigen Federn einer Ente. Dann legte er sich ergeben auf den Rücken und wartete der schrecklichen Dinge, die da kommen sollten. „Schließe die Augen und den Mund, atme langsam durch die Strohhalme,“ rief ihm Holm zu, der in einer großen Schüssel den erforderlichen Gipsbrei anrührte. „Und nun nicht gemuckt, freundlich gelächelt, damit du später nicht als Heulmeier in Gips erscheinst.“ Bei diesen Worten schüttete Holm den bereits im Erstarren begriffenen Gips auf das Gesicht Rua-Roas, der sich wirklich Mühe gab zu lächeln. „Halte dich ruhig, mein Junge,“ ermutigte Holm den Daliegenden, der eine unförmliche Maske von Gipsbrei vor seinem Gesichte hatte, „und schnaube mir nicht zu sehr. Es ist dein eigener Schade, wenn die Hohlform von deinem ehrenwerten Antlitz nicht gelingt, denn dann, mein Lieber, mußt du noch einmal daran. — So,“ rief Holm, „der Gips ist bereits erhärtet.“ Er entfernte zuerst die Strohhalme, dann lüftete er die Gipsmasse bald an der einen Seite, bald an der anderen, um sie allmählich zu lockern, und hob sie behutsam von dem Antlitz Rua-Roas ab.
Rua-Roa that einen tiefen Atemzug und sprang auf. Holm überzeugte sich, daß die Hohlform vorzüglich gelungen sei, und sagte: „Du sollst schön bedankt sein für dein ruhiges Verhalten, Ruachen. Jetzt gehe nur mit Franz zum Koch, daß derselbe dir lauwarmes Wasser und Seife gibt, um dir Lehm und Öl abzuwaschen.“ Rua-Roa sprang fröhlich von dannen, von Franz begleitet. Während der Gelbe sich von den letzten Spuren der glücklich überstandenen Tragödie befreite, ging Franz an seinen Reisekoffer, dem er ein schönes Taschenmesser entnahm. Dieses schenkte er Rua-Roa, der kaum ein Wort des Dankes finden konnte, aber dem jungen Weißen die Hand treu und ehrlich drückte.
Am nächsten Tage wurde aus der Hohlform ein Abguß gemacht und Rua-Roas Antlitz präsentierte sich, wenn auch mit geschlossenen Augen, so doch, wie es ja auch nicht anders sein konnte, naturgetreu und ähnlich.
„Ein Apollokopf ist es nicht,“ meinte Holm, „aber es ist das Gesicht eines treuen, guten Menschen, er hat sogar versucht freundlich zu lächeln, wie ich ihm sagte.“
„Schade daß der Abguß so weiß aussieht,“ sagte Hans, „ich hätte Lust ihn farbig anzumalen, dann würde er unserm neuen Kameraden erst recht ähnlich sehen. Aber woher sollen wir soviel Farbe nehmen, der Tuschkasten würde darauf gehen.“
Auch hier wußte Holm wieder Rat. „Der Schiffszimmermann wird Farben haben, mit denen er die einzelnen Teile des Schiffes anzustreichen pflegt. Wir gebrauchen ja nur Gelbweiß für die Haut, Rot für die Lippen und Schwarz für die Haare.“
Der Zimmermann war glücklicherweise im Besitz des Gewünschten. Holm mischte die Farben und Hans malte den Gipsabguß, während Rua-Roa Modell sitzen mußte, damit die Farben auch mit dem Originale übereinstimmten. In einer halben Stunde war das Werk vollendet. Als Rua-Roa die kolorierte Gipsmaske sah, erschrak er. „Ach — Malagasche!“ rief er und wollte fliehen. „Laufe nur nicht vor dir selbst weg,“ lachte Holm, und nur mit Mühe konnten sie den Wilden dazu bringen, sein eigenes Abbild schließlich in die Hand zu nehmen und sich zu überzeugen, daß es kein lebendes Wesen sei, was er hielt. Die Matrosen bewunderten dies Kunstwerk, und einige wünschten, sie möchten auch so abgegossen werden. Holm aber sagte, daß sie photographiert werden sollten, sobald die Gelegenheit günstig wäre, das Abgipsen sei für die Wilden. Franz wandte jedoch ein Bedenken gegen diese Prozedur ein. „Wenn schon Rua-Roa sich so sehr sträubte, werden dann auch die Wilden sich hergeben, die uns lange nicht so freundlich gesinnt sind wie jener?“ fragte er. — „Nur mit reichen Geschenken wird es uns gelingen, ein lebendes Modell zu gewinnen,“ antwortete Holm, „und dann auch nur schwierig. Ihr könnt hieraus ermessen, welche Mühe und welche Energie dazu gehört, das Material für den Forscher in genügender Reichhaltigkeit zusammenzutragen, und wenn ihr später einmal wieder ein ethnographisches Museum besucht und solche Gipsabgüsse seht, dann werdet ihr nicht achtlos vorüber gehen, sondern daran denken, daß an jeden Kopf sich ein Kampf knüpft, wenn auch nur der friedliche der Überredung.“
„Mit der nächsten Post schicken wir Rua-Roas Abguß nach Hamburg,“ sagte Franz, „damit sie dort sehen, wie der gute Bursche ausschaut, der uns das Leben retten half.“
„Und den ersten Wilden, der sich mir anvertraut, werde ich abgipsen,“ rief Hans. „Ihr sollt sehen, ich werde meine Sache schon gut machen.“
Am Nachmittage wurde an einer kleinen öden Insel angelegt, die nur von Fregattvögeln, Albatrosarten und Tölpeln bewohnt war, auf die Jagd gemacht werden sollte.
In großen, bis über die Kniee hinaufreichenden Seestiefeln, mit Waffen und Proviant versehen, machten sich die Knaben in Holms und einiger Matrosen Begleitung auf den Weg, während der alte Geistliche dieser Unternehmung fernblieb. Gefahren gab es nicht zu überstehen, wohl aber mußte man unausgesetzt klettern, und das überließ er denn doch lieber den jüngeren Beinen.
Durch Röhricht und Schilf, über Klippen und Vorsprünge, durch flache Seeen ging es dahin, Rua-Roa und Franz immer voran und hinter ihnen die übrigen, mit Einschluß des Kapitäns, dem es Vergnügen machte, eine kleine auf diesen wüsten Inseln häufige Taubenart zu schießen. Die anderen verfolgten freilich interessantere Zwecke, sie fingen und erschlugen oder schossen vom Nest weg die Vögel, welche ihnen kaum aus dem Wege hüpften, sondern ganz zutraulich sitzen blieben, da sie ja in den Menschen noch keine Feinde kannten. Ein Kauffahrteischiff kommt selten in diese entlegenen Gegenden, viel weniger ein Postdampfer; die riesigen Anwohner des Meeres nisten also und brüten von Geschlecht zu Geschlecht in ungestörter Ruhe, nur sehr selten von dem Besuch des Naturforschers überrascht und um einige Glieder ihrer ausgedehnten Familie ärmer gemacht. Weiße, bis zu reichlich drei Meter Flugbreite haltende Albatrosse, ihre jüngeren braunen Sprößlinge, die großen Fregattvögel und in Scharen die grauen Tölpel, so saß es und watschelte, so flatterte und flog es zwischen den Klippen, wie wenn die wüste, vielleicht kaum den Flächeninhalt eines Marktplatzes besitzende Insel ein zoologischer Garten wäre, wo man künstlich gezähmte, fremde Tiere ungestört von Angesicht zu Angesicht bewundern kann; aus allen Löchern kamen Raubmöwen und Sturmtaucher hervor; auf jeder Klippe krochen riesige, graue Krabben, die hier von dem leben, was die Vögel als Beute ihren Jungen zutragen, und die in der Nähe eines solchen Nestes förmlich auf der Lauer liegen.
Im tiefsten Grunde der Insel brüteten allemal zu Tausenden die Pinguine, deren scharfe Schnabelhiebe zuweilen, wenn sie an den derben Stiefeln abglitten, ein schallendes Gelächter, wenn sie dagegen eine unvorsichtig herabhängende Hand trafen, einen Schmerzensschrei hervorriefen. Die Tiere blieben ruhig sitzen, wollten aber eine Annäherung ihrerseits nicht gestatten und verteidigten daher die Nester, auf denen sie hockten, mit solcher Entschlossenheit, daß mancher Umweg dieser starken Schnäbel wegen gemacht werden mußte. Eier und erlegte Tiere aller Gattungen waren stets die Ausbeute solcher Streifzüge, die freilich nicht immer ohne Unfall verliefen und einmal sogar das Leben der jungen Abenteurer ernstlich bedrohten. Ein plötzlicher Sturm drängte das Schiff von den Ufern der Klippe zurück, die Brandung ging haushoch, das Boot zerschellte in tausend Splitter, und Wind und Wasser fegten wie rasende Kobolde über den einsamen Fleck im rings sich dehnenden Ozean dahin. Ganze Sturzseen schlugen über den äußern Rand, Legionen von Tropfen regneten herab, und das donnerähnliche Geräusch des Sturmes verschlang jeden Laut. In Scharen wiegten sich Fregattvögel und Albatrosse, des Tobens froh, in der bewegten Luft; flügelschlagend kämpften sie gegen das empörte Element, rings umher entfaltete sich die Thätigkeit aller dieser meergewohnten Geschöpfe mit verdoppelter Stärke; nur die Menschen standen ratlos neben einander im Schutze eines Felsstückes, sie allein hatten zu fürchten, daß dem Schiffe ein Schaden geschehe, und daß sie dann in dieser grauenvollen Wildnis ohne irgend ein Lebensmittel, ohne Baum oder Feuer, dem qualvollsten Untergang verfallen würden, — Stunden vergingen, die Mastspitzen der „Hammonia“ verschwanden am Horizont, die ganze Insel triefte, und selbst das harte Schiffsbrot in den Taschen war aufgeweicht und zu Brei verwandelt; dann aber sprang der Wind nach anderer Richtung über, seine Wut ließ nach, und vor Sonnenuntergang sahen die unfreiwillig Verbannten das Schiff, dessen Kanone ihnen von Viertelstunde zu Viertelstunde einen Gruß gespendet, im fernen Blau wieder auftauchen. Papa Witt schickte sechs Matrosen mit einem Boote ans Ufer, und nach beschwerlicher Überfahrt, bei der jedoch die Jagdbeute glücklich geborgen wurde, hatten alle das rettende Deck wieder erreicht. Dennoch aber war damit der Krieg gegen die Vogelwelt keineswegs als beendet anzusehen. Zahllose große Vögel verfolgten, nach Abfällen spähend, das Schiff, namentlich Albatrosse, auf die dann die Matrosen Jagd machten, indem sie an langer Leine einen Angelhaken, in Fleisch versteckt, dem Dampfer nachschwimmen ließen. Die Vögel stürzten sich auf den ersehnten Bissen, verschlangen ihn und flogen nun in Todesangst, bang flügelschlagend, so weit es die Schnur gestattete, bis die glücklichen Jäger ihre Beute ohne alle Mühe heranzogen. Doktor Bolten erwirkte indessen sehr bald bei dem Kapitän ein Verbot dieser grausamen Belustigung, welche keinerlei ernsten Zweck hatte, sondern nur als Zeitvertreib diente. Das Fleisch des Albatros ist ungenießbar, seine Federn nicht zu brauchen; also mochten die großen, schönen Tiere leben, wo sie niemand schadeten, im Gegenteil vielleicht das Auge des Schiffers im Einerlei der Meeresfläche angenehm berührten.
Die Angeln wurden daher entfernt, und die Albatrosse blieben unbehelligt, ebenso die Tölpel, welche sich oft ganz dreist auf das Schiff setzten und sogar mit den Händen berühren ließen. Die dummen, grauen Tiere waren bei all ihrer Geistlosigkeit doch sehr schlaue Fischer, und immer, wenn sie irgend ein schwimmendes Geschöpf, Qualle oder Flossenträger, gefangen hatten, zeigte sich’s, weshalb die Fregattvögel so beharrlich in ihrer Nähe blieben. Der Tölpel ist der Leibeigene des Fregattvogels, er fängt die Beute, und jener verspeist sie.
Die Knaben saßen unter dem Sonnensegel des Verdecks und beobachteten das beständig wechselnde Spiel. In der Nähe des Schiffs, hart über dem Wasser, schwebten mit vorgestrecktem Halse die grau und schwarz gesprenkelten, etwa an Größe einem starken Raben gleichenden Tölpel und wußten geschickt unter der beweglichen blauen Oberfläche des Meeres die auftauchenden Fische zu entdecken. Sie schossen hinab und brachten, nie ihr Ziel verfehlend, den zappelnden Flossenträger im Schnabel mit sich herauf, aber schon ehe noch die Segelstange oder der Mast, wo sie ihren Raub zu verzehren dachten, halbwegs erreicht war, fielen die bedeutend größeren Fregattvögel über sie her, preßten ihnen die Kehle zusammen und nahmen den gefangenen Fisch dem eigentlichen Räuber siegreich wieder ab.
Einmal fiel solch ein kämpfendes Paar, in einander verbissen, plötzlich durch die Segel weg auf das Verdeck, und nun entstand eine höchst ergötzliche Szene. Aus einer der Seitenkojen im Matrosenraum sprang Murr, der große, schwarze Schiffskater, plötzlich mit Tigersprüngen hervor und blieb fauchend dicht neben den Ringern auf den Hinterfüßen sitzen. Seine von Zeit zu Zeit in die Luft schlagende Pfote, seine funkelnden Augen und das gereizte Knurren bewiesen nur zu deutlich, wie gern er über die beiden großen Vögel hergefallen wäre, aber die heftigen Flügelschläge, die scharfen Schnabelhiebe des Fregattvogels mochten ihn doch in respektvoller Entfernung halten, während ihrerseits die kämpfenden Segler der Lüfte von dem gefahrdrohenden Feind in ihm keine Ahnung hatten, sondern unbekümmert mit lautem Krächzen den eigenen Streit fortsetzten. Der Tölpel hielt beharrlich den gefangenen Fisch im Schnabel, wußte sich aber so zu drehen, daß es dem Fregattvogel nicht gelang, seinen Hals zu umklammern, obwohl ihn die scharfen Fänge desselben unerbittlich gepackt hielten.
Die riesigen Flügel, bald weit ausgebreitet, bald fest an den Körper gelegt, peitschten das Deck, herausgerissene Federn wirbelten in der Luft umher, und Blutstropfen färbten den Boden, — der Fisch hatte bereits zu leben aufgehört, aber immer noch währte der Kampf, als endlich die lachenden, mit gespannter Aufmerksamkeit den Vorgang beobachtenden Knaben ihren jungen Hova-Freund herbeiriefen. „Rua-Roa! komm her, komm her, sieh die Katze, — es ist um sich die Seiten zu halten.“
Der Malagasche kam schleunigst herbeigesprungen, sobald aber seinem suchenden Blick Murr, der wohlgenährte Rattenvertilger, begegnete, fiel er vor Schreck auf die Kniee und hob beide Hände zum Himmel empor. „Zannaar!“ rief er in Todesangst, „Zannaar! Darafif, großer Riese, steht uns bei! Angatsch der Böse, der Mörder und Betrüger, hat seinen Diener auf das unglückliche Schiff geschickt!“
Zufällig machte in diesem Augenblick Murr den bekannten hohen Buckel, sein langer Schweif fegte im Halbkreis unruhig das Deck, die grünschillernden Augen leuchteten vor Kampflust, er ersah den günstigen Moment, in welchem der Fregattvogel außer stande war, sich mit seinem Schnabel zu verteidigen, und stürzte sich geräuschlos nach Tigerart urplötzlich auf die Streitenden. Ein kurzer, schriller Schrei — dann hatte der große Vogel zu leben aufgehört; der Tölpel dagegen saß geduckt, dumm glotzend und sich schüttelnd auf den Brettern. Als ihm niemand mehr die Beute streitig machte, ergriff er seinen Fisch und verschlang ihn mit gierigem Ruck.
Der Malagasche betete fortwährend in der Hova-Sprache zu allen möglichen guten Geistern um Erlösung vom Übel; keine Macht der Erde hätte ihn bewegen können, den sieghaften Kater zu streicheln, und selbst als die beiden andern Knaben das thaten, schauderte er sichtlich. Auf ganz Madagaskar sei kein solches Tier zu finden, erklärte er, es müsse ein böser Geist sein.
Doktor Bolten wehrte den Knaben, als sie ihren jungen Freund zwingen wollten, sich mit Murr, dem Schnurrenden, Behäbigen, auf vertrauten Fuß zu stellen. Er hatte den religiösen und geschichtlichen Unterricht, welchen er dem ehemaligen Sklaven erteilte, so eingerichtet, daß der Geisterglaube ganz von selbst dem besseren Erkennen weichen mußte; jeden äußeren Zwang erklärte er für schädlich. Der Kater lief frei im ganzen Schiff herum, aber man ließ es scheinbar unbemerkt, wenn Rua-Roa mit wahrhaften Seiltänzerkunststückchen der Begegnung des Schwarzen auswich; seine Freunde überließen es der Zeit, ihn von dieser kleinen thörichten Furcht zu heilen, namentlich da der Gelbe in jeder Beziehung achtbar und liebenswürdig auftrat, sich seinen Wohlthätern dankbar bewies und im Lernen die besten Fortschritte machte.
Besonders mit den beiden aus Afrika herübergebrachten Affen hatte er sich in das glücklichste Einvernehmen zu setzen gewußt. Wickelschwanz und Schwarznase schienen für den jungen Farbigen eine besondere Zuneigung zu hegen; sie saßen auf seinen Schultern, fraßen aus seiner Hand und gehorchten ihm auf das erste Wort, den Widerwillen ihres Bezähmers gegen Murr in jeder Weise teilend. Der faule Kater erhielt von den flinken Händen mehr als eine Ohrfeige, und wenn zuweilen bei stillem Wetter der Schwarze und die beiden Affen sich im Takelwerk jagten, dann klang erbittertes Prusten, Schreien und Miauen über das Deck hin, bis meistens der Kater urplötzlich herabfiel und sich schleunigst unter den Kojen der Mannschaft verkroch.
Die beiden Tanraks dagegen sollten nicht lange zur Unterhaltung der Knaben dienen. Nachdem die letzten auf den öden Inseln gesammelten Würmer verzehrt waren, weigerten sich die Tierchen, irgend eine andere Nahrung zu nehmen, und starben ehe noch die Insel Mauritius erreicht wurde. Die Tiere wanderten zu dem Affen in den Spiritus und wurden mit allen übrigen gesammelten Gegenständen von Port St. Louis, der Hauptstadt der Insel, nach Hamburg geschickt.
Das Schiff verließ indessen nach sehr kurzem Aufenthalt diesen Hafen und setzte die Reise bis zur Fouqué-Insel fort. Erst da wurde Anker geworfen.
„Auf Mauritius haben wir für unseren besonderen Zweck keinen günstigen Boden,“ erklärte Holm, „das Tierleben der Insel ist arm, ursprüngliche Bewohner, also einen eingebornen Stamm hat sie gar nicht, es führen Landstraßen von einem Ende zum andern; kurz, Hoffnung auf naturwissenschaftliche Entdeckungen oder interessante Abenteuer ist nicht vorhanden. Die kleine Fouqué-Insel muß uns entschädigen.“
„Später machen Sie dann noch einen Spaziergang auf den Bambu-Pik,“ schaltete der Kapitän ein, „jedenfalls verlohnt die Aussicht dieser Mühe, nebenbei aber begegnen Ihnen doch auch vielleicht einige Eidechsenarten, indische Meerkatzen und viele schöne Pflanzen.“
„Wollen sehen!“ nickte Holm. „Erst zur Fouqué-Insel.“
Und so warf denn der Dampfer in stiller Bucht seine Anker aus. Unübersehbar dehnte sich vor den Blicken der Reisenden das Korallenriff, welches die ganze Insel Mauritius wie ein Gürtel umgibt und von den weißen Brandungswellen des Meeres bei hoher Flut fast völlig überschäumt wird. Daran lehnt sich, flach und ohne einen einzigen Baum den glühenden Sonnenstrahlen preisgegeben, ein kleines, unbewohntes Eiland, dessen ragender Leuchtturm den Schiffen als Warnungszeichen dient. Es war gleichsam eine Fortsetzung des Riffes, dessen oberste platte, von den Wogen geglättete Fläche zur Ebbezeit einen vorsichtigen Spaziergang recht wohl gestattete, zugleich aber wurde auf seinen Strand alles das geworfen, was die brandenden Wellen an toten und lebenden Bewohnern des Meeres mit gewaltiger Kraft emporhoben, und was späterhin, bei dem schnellen Sinken derselben, von tausend Zacken und Riffen festgehalten, den Rückweg in das heimische Element nicht mehr fand.
Es war Ebbe, als das große Boot die Reisenden zur Fouqué-Insel brachte. Im Schatten des Leuchtturms wurde ein Zelt aufgeschlagen, frische Früchte und Lebensmittel von Mauritius herübergeschafft und Haken und Netze, sowie einige Eimer aus dem Schiff mitgenommen. Die Flut brauste heran, nachdem kaum die nötigsten Vorarbeiten beendet waren. Haushoch, in kurzen Pausen, schlugen weißgekrönte, wie flüssiges Silber schäumende Wellen gegen das Riff, ein Donnern und Grollen, ein Zischen und Klatschen wie es die Reisenden nie vorher gehört, erfüllte rings die Luft; Tausende von fliegenden Fischen erhoben sich, flutgetragen, blau und violett schillernd im Sonnengold, mit Schaumperlen übergossen in jeder Woge; große Quallen zeigten ihre Ungestalt; Fische mit dem Gesicht und der Brust eines wohlgenährten, runden Vogels, mit Taubenaugen, aber derben drohenden Zähnen, wiegten sich in der Wassermenge, bunte Velellen, Krebse mit langen Scheren und Wasserschlangen tauchten auf und ab. Stunden vergingen, ehe dies wechselnde Spiel mit dem Eintritt der Ebbe endete, aber doch schien es jedem der Anwesenden, als habe er erst seit wenigen unzulänglichen Augenblicken den Ozean in dieser seiner großartigen Pracht bewundert, doch wurde die letzte am Fuße des Riffs zerfließende Welle wie ein scheidender Freund bedauert.
Jetzt galt es, die schlüpfrigen Stellen abzusuchen und von den aufgefundenen Tieren die schönsten Exemplare einzusammeln. „Immer nur einige von der gleichen Gattung,“ hatte Holm ermahnt, „es soll kein Tier, das für unsere Sammlungen taugt, übersehen, aber auch keines aus bloßem Mutwillen getötet werden.“
Rua-Roa zeigte sich beim Hinausgehen auf den schlüpfrigen, vielleicht fünfzig Fuß hohen und ebenso breiten Damm im Anfang etwas zaghaft. Löcher und Fugen, Risse und Spalten überall; hier ein klarer Teich, in dem das Seewasser schäumte und brodelte; hier eine Kluft, die mühsam übersprungen werden mußte und dort sogar eine plötzliche Teilung des Weges, drei oder vier schmale Pfade, kaum fußbreit, zackig, von Schleim überzogen, — so zeigte sich das Riff, dessen Gefüge erst viel tiefer nach unten sich zur dichten, von keinem Spalte mehr durchlöcherten Mauer verstärkte. Hier oben in den jüngsten Korallenschichten war alles Berg und Thal, alles von Poren zersetzt, von den Gängen und Höhlen unzähliger Wassergeschöpfe wie ein Bergwerk untergraben.
Franz hüpfte, ohne sich viel nach Beute umzusehen, über den schlüpfrigen Weg dahin. Rechts das Meer, links ein stiller blauer Wasserstreif und dann die malerischen, von üppigem Baumwuchs bestandenen Ufer der Insel Mauritius — so bot sich dem staunenden Blick ein Bild der höchsten, blendendsten Naturschönheit. Der Wald da drüben schien ein seltsam doppelter; erst unten das Dickicht, von Ranken und Blumen durchflochten; dann die stolzen, himmelanstrebenden Palmenstämme mit ihren schönen, federartigen Kronen, die Kampeschen und Agaven, der nie fehlende Bambus und die breitästige Tamarinde. Während so im Verein von Formen und Farben die Pracht des Ufers den Sinn bewältigte, fesselte auf jedem einzelnen Schritt Neues, Niegesehenes die Blicke. Seeigel, Seesterne, Schnecken und Seewalzen, alles krabbelte, schwamm oder glitt über- und durcheinander. Besonders die schönen Seeanemonen, welche fest auf den Gesteinen saßen, erregten Holms Aufmerksamkeit; er nahm sie sorgfältig, jede Berührung vermeidend, mit einem großen Holzlöffel aus den Lachen heraus und setzte sie in einen Eimer, den zu diesem Zweck der Koch hatte liefern müssen. Um sie zu erhalten und lebend dem zoologischen Garten in Hamburg zuzuführen, schlug er mehrere Stücke des Korallenriffes ab, die dann in einem größeren Behälter den seltsamen Halbtieren zum Anklammern dienen sollten; mittels täglicher Zuführung von frischem Seewasser dachte er sie wohlerhalten über den Ozean zu bringen. Hier waren alle Arten vertreten, die purpurnen, gelben, violetten und ganz weißen; ferner die Seesterne, deren Formen sich am besten mit sogenannten Kotillonorden vergleichen lassen, bald rund und strahlenbildend, bald wie Schleifen, dann wie Perlenschnüre oder wie eine gelbe, in der Mitte gebundene Garbe, — die Seespinnen in ihren verschiedenen, alle am Lande lebenden Arten weit überragenden Größen, die hübschen roten Ringelwürmer mit dem federgleichen Häubchen und endlich das Heer der Krebse, die nun freilich ohne Erbarmen samt und sonders in einen Eimer wanderten, um folgenden Tages das Mittagsmahl verschönern zu helfen. Junge Einsiedlerkrebse trugen noch das Schneckenhaus, in welchem sie bis zur Ausbildung der Scheren ihren Hinterkörper zu verbergen pflegen, auf dem Rücken; die alten dagegen setzten selbst jetzt noch, wo sie im Riff hilflos hängen geblieben waren, ihre erbitterten Kämpfe fort und wurden zuweilen paarweise mit in einander verschlungenen Scheren eingefangen. Gold- und Silberfische, Papageienfische, in allen Farben schillernd, und zahllose Schnecken krochen zwischen den Spalten; auch eine andere Art von Geschöpfen, das baumartige Pflanzentier fehlte nicht; Glasschwämme und der gemeine Badeschwamm, irgendwo vom Grunde durch überlegene Stärke losgerissen, hatten sich an einer spitzen Klippe gefangen und fielen jetzt den emsigen Forschern zur Beute; braune und grüne Algen, unter anderen der bekannte Seetang, lagen zu ganzen Haufen über einander geschichtet und dienten den Wasserkäfern als Schlupfwinkel; auch die große weiße, nach innen rötliche Muschel wurde in den Fugen des Gesteins entdeckt und mußte in den Sack, welchen Holm trug, mit hinein wandern, obwohl sie ihn fast gänzlich ausfüllte und die Last zu einer sehr schweren machte. Stunden waren vergangen, ehe man an den Rückzug dachte; ein lüsterner Hai mit greulichem Rachen schwamm hart neben dem Riff im Meer hin und her, vielleicht in unbestimmter Ahnung die kommende Flut erwartend und sich des nahen Raubes freuend; die Sonne stand schon tief am Horizont, der Wind wehte frischer und die Kräfte der Suchenden bedurften der Stärkung, — noch eine halbe Stunde, dann kam die Flut, dann war alles, worauf jetzt die Füße so sicher standen, von blauem Gischt überschäumt. Schon hob sich im Grunde die See unmerklich gegen den Wall, schon tönte als Verkünder des donnerähnlichen Tobens ein leichtes Brausen und mahnte zum Rückzug.
„Karl,“ rief Franz, „könnten wir nicht bis zum letzten Augenblick hier oben bleiben? Ich möchte von hier aus das majestätische Heranrauschen der großen Wogen beobachten. Sieh den Hai, er überlegt, wann wir ihm den unverschämten Rachen füllen werden.“
Holm schüttelte den Kopf. „Das bleibt denn doch besser ungeschehen, Franz! — Was verschlägt dir’s, ob du die Wellen von einer oder der anderen Seite siehst?“
„Ich möchte sie gern mir selbst entgegenspringen lassen und — am allerliebsten hier oben im Gischt stehen bleiben, wenn die höchste Flut da ist.“
„Die vielleicht sechs oder sieben Fuß über den Damm hinauswächst und den grünlichen Hai da unten bis hierher trägt. Ich verzichte darauf, ihm Aug’ in Auge gegenüber zu stehen.“
Franz lachte, plötzlich aber bückte er sich und deutete auf einen Gegenstand, der vor seinen Füßen in der nächsten Spalte steckte. „Wieder eine solche Muschel,“ rief er, „und noch schöner als die erste. Karl, wir müssen sie notwendig herausbrechen.“
Der junge Gelehrte betrachtete mit fast zärtlichen Blicken die Rosaschale, den weißen, feingefalteten Rand und das bequem eingebettete Tier, welches diese schöne Heimat bewohnt. „Wahrhaftig,“ antwortete er, „du hast recht, Junge! — und da noch, und da! — bei Gott, ein ganzes Lager von Schaltieren! Grüne, blaue und diese braunfleckigen, ich bitte dich, sieh her!“
Er warf den Sack zu Boden und kniete neben der Rinne, wo im klaren Wasser alle möglichen Muscheln und Schnecken sich angehäuft hatten. „Der indische Ozean ist für diese Tiergattung so recht die wahre Fundgrube,“ fuhr er fort. „Wir müssen hier einsammeln, was irgend erreichbar ist; eine so günstige Gelegenheit wird uns höchst wahrscheinlich nicht wieder zu teil. Entweder liegen die Korallenbänke unter Wasser, oder sie sind unzugänglich; — ach, da hätten wir dich, Tridacna gigas!“
Er hob eine Seite der Schale mühsam empor, fand aber, daß es ihm durchaus unmöglich sei, die ganze Muschel von ihrem Platze zu entfernen. Und doch war das Exemplar so schön, eines der größten seiner Art; er mußte es haben.
„Hört,“ rief er den übrigen zu, „geht zum Leuchtturm und schafft mir ein paar von den dort stationierten Wächtern oder zwei von unseren Matrosen, damit diese Muschel nicht verloren werde. Die nächste Flut könnte sie wegspülen.“
„Ich bleibe bei dir!“ rief Franz.
Der Doktor, Hans und der Malagasche beluden sich mit dem bereits gemachten Fang, und nachdem sie thunlichste Eile versprochen, kehrten alle drei auf dem schlüpfrigen Pfade zur Fouqué-Insel zurück, während Holm und Franz emsig so viele von den kleineren Muscheln losbrachen, als sich ohne Beistand erreichen ließen; weder einer noch der andere bemerkte, daß die Flut unaufhörlich stieg, ja, daß die Spitzen der Wogen jetzt schon bis auf wenige Fuß an das Plateau des Riffes hinaufgriffen. Nur einmal zog Holm die Uhr und sah nach. „Ach, Gottlob, noch zwanzig Minuten, das ist Zeit genug.“
Die anderen gingen indessen weiter. „Hütet euch, Kinder,“ ermahnte der alte Herr, „ich bitte dich, Hans, bleib in der Mitte. Das ist ein verzweifelter Weg!“
Er sah immer vor seine Füße, zeigte ängstlich den beiden Knaben jeden Spalt und jede Lache; von den Gesetzen der Flut und Ebbe wußte er vielleicht überhaupt nur das Alleroberflächlichste und vertraute rücksichtlich dieser Dinge auch durchaus seinem jungen Reisegefährten. Daher kam es, daß er dem Meere keinen Blick schenkte, sondern vielmehr erleichtert aufatmete, als die gefährliche Expedition zu Ende und das Zelt unter dem Leuchtturm glücklich erreicht war.
Eimer und Netze, sowie der große Sack wurden geleert; dann lief Hans hinauf und bot den Wächtern ein Trinkgeld, wenn sie helfen wollten, die große Muschel aus dem Riff hervorzuziehen.
„Morgen,“ antwortete kopfnickend der Portugiese. „Jetzt wäre vor Eintritt der Flut keine Zeit mehr!“
Hans erschrak sehr. „Die anderen sind noch auf dem Riff! — Mein Himmel, es droht ihnen doch keine Gefahr?“
Die Schiffer, der englischen Sprache alle mächtig, eilten zu einem der Fenster und sahen jetzt in ziemlicher Entfernung die beiden knieenden Gestalten, welche, an der Landseite des Riffes beschäftigt, offenbar das Meer durchaus vergessen hatten. Worte, ja selbst der lauteste Schrei aus Menschenbrust konnten hier nichts ausrichten; rasch entschlossen also ergriff einer der Männer das große, an der Wand hängende Nebelhorn und ein langgezogener dumpfer Ton brauste über das Wasser dahin.
Da unten in der Tiefe drehte Franz den Kopf. War das ein Signal? — „Karl,“ rief er, „Karl, die Flut ist da!“
Der junge Gelehrte fuhr auf wie von einem Schusse getroffen. „Die Flut? — Gott im Himmel, wie ist das möglich, ich habe doch —“
Er riß die Uhr heraus und hielt sie erschreckend an das Ohr, er rüttelte wie in Verzweiflung an dem Gehäuse — sie stand still.
Die Wogenkämme schlugen jetzt über den Rand des Dammes herein, weißer Gischt spritzte hoch auf, — binnen Sekunden mußte die ganze Breite unter Wasser stehen.
Mit blassem Gesichte sah er hinaus auf das brandende Meer. „Jetzt sind wir verloren, Franz!“ klang es kaum verständlich von seinen Lippen. —
Und auch oben auf dem Turm wiederholte tödlich erschrocken der jüngere Knabe: „Sie sind verloren!“
„Das ist nicht gewiß, ja sogar nicht einmal wahrscheinlich,“ trösteten die Portugiesen. „Schon mancher Hummerfänger oder Perlenfischer hat sich während der Flut da auf dem Damm gehalten, um die Tiere wegzufangen, ehe nach eingetretener Ebbe eine Menge von anderen weniger kecken Insulanern die Ernte mit ihm teilen konnten. Das Meer schlägt bei ruhigem Wetter höchstens zwei Fuß über den Damm hinweg.“
Hans horchte atemlos. „Und wenn es stürmt?“ preßte er mühsam hervor.
„Dann vielleicht häuserhoch, — das läßt sich nicht bestimmen.“
Der Knabe flog die Treppen hinunter zu den beiden anderen. Sein verstörtes Gesicht sprach deutlicher als alle Worte, nur einzeln kamen die Silben von seinen bleichen Lippen. „Franz und — Karl — müssen ertrinken.“
Das Entsetzen des alten Geistlichen läßt sich nicht beschreiben. Er stieg erst zu den Turmwächtern hinauf und bot vergeblich Summen über Summen, dann ließ er sich an das Schiff bringen und beschwor den Kapitän, doch der drohenden Brandung zu trotzen, aber beides umsonst. Die einen wollten um keine noch so große Belohnung ihr Leben einsetzen, der andere erklärte, daß das Schiff wie eine Nußschale an dem festen Riff zerschellen, aber nie und nimmer bis zu den beiden Bedrängten gelangen werde. „Sie müssen es eben so gut als möglich ertragen,“ fügte er bei, „von einer eigentlichen Gefahr kann noch nicht die Rede sein. Zwei junge, kräftige Burschen werden sich ja doch von den Wellen nicht fortspülen lassen, — sie müssen in eine Rinne treten und sich anklammern.“
„Aber in der Nacht und auf so lange Zeit!“ rief entrüstet der Doktor.
„Es ist heller Mondschein und das schönste Wetter von der Welt, Herr Doktor, — und fünf Stunden schaden den jungen Wagehälsen gar nichts.“
Auch der Steuermann suchte den alten Herrn zu beruhigen, obwohl beide, der Kapitän und er, die Sache durchaus nicht so leicht nahmen, wie es den Anschein hatte. Wenn sich nur der unbedeutendste Sturm erhob, dann war es um die beiden jungen Leute geschehen.
Der Doktor kehrte also in Begleitung des Kapitäns zur Fouqué-Insel zurück, wo sie an das Riff traten und mit den Abgeschnittenen aus der Ferne Grüße wechselten. Aber was war denn das? — Da draußen standen in der Brandung ihrer drei, die hinüber winkten, — Franz schwenkte sogar seinen Strohhut.
Der Doktor stürzte zum Zelt. Sollte auch Hans — —
Aber nein, der fand sich zum Glück noch vor. Es war Rua-Roa, den nichts hatte bewegen können, seinen Freund in der Not zu verlassen. Er raffte zwei mit Haken versehene Eisenstangen welche vom Schiff mitgebracht worden waren, an sich und ging hinaus, der schäumenden, tosenden Flut nicht achtend. Der ganze Damm stand bereits unter Wasser, die Unterscheidungsgrenze für den festen Boden und das eigentliche Meer war bei jedem neuen Anprall der Brandung völlig verwischt, aber der Malagasche ließ sich nicht einschüchtern. In den kurzen Pausen drang er behende wie ein Vogel über die Klippen vor, und sobald eine neue Woge gleich einem anrückenden weißglänzenden Berge dahergerollt kam, warf er sich auf die Kniee, während unter dem Druck seiner beiden muskulösen Arme die Eisenhaken sich tief in den Klüften des Gesteins festklammerten. Nur Schritt um Schritt gelangte er auf diese Weise vorwärts, mit steter Todesgefahr ringend, mehr als einmal halb erstickt, genötigt erst liegen zu bleiben und Atem zu schöpfen, aber doch endlich ans Ziel kommend und im stande, mit strahlendem Blick und einem Lächeln innigster Freude den beiden Weißen ein Tuch voll Lebensmittel zu überreichen, das er sich um den Hals gebunden hatte, und dessen Inhalt, zwar stark durchnäßt, sonst aber doch genießbar, für die bevorstehende Geduldprobe wenigstens einige Stärkung verhieß.
Was hatte er denn eigentlich mitgebracht. Franz sah nach. Ein tüchtiges Stück Schinken, einige Schiffszwiebäcke und ein Dutzend Orangen, das ging ja an; besonders die Früchte waren willkommen, denn sie löschten den Durst, der sich bekanntlich bei jeder Aufregung bis zur Qual steigert. Franz schwenkte wieder den Hut. Zwar lief das Wasser jetzt schon von oben in die Seestiefel hinein, aber es war ja nicht kalt, die Sache ließ sich ertragen. Wenn so eine Welle heranbrauste, dann fand sie die drei Genossen vereint in der Vertiefung, welche sich die große Muschel zum Wohnsitz erwählt, und wo sie nun allerdings fürs erste in Sicherheit war. Zum Überfluß wurden noch die schweren Eisenstangen befestigt, und dann galt es nur mehr geduldig auszuharren. Bei manchen Stößen ging das Wasser bis an den Hals; zuweilen tauchte aus dem Gischt der Kopf des Haifisches plötzlich hervor, die mordlustigen Augen sahen in gleicher Höhe mit denen der jungen Leute zu ihnen hinüber, der Schwanz peitschte voll wütender Ungeduld das Wasser, die nächste Minute aber zwang den Raubgesellen, doch mit der fallenden Woge wieder zurückzusinken in das tiefere Meer. Sein Instinkt warnte ihn, sich auf das zackige, todbringende Riff hinaufzuwagen.
Die letzten Tagesstrahlen verschwammen, der Mond stand hell am Himmel, und in seltener Klarheit glänzte das südliche Kreuz. Nichts deutete auf Sturm; vom Leuchtturm grüßte friedlich das rote Licht, der Dampfer gab von Zeit zu Zeit durch einen Kanonenschuß Kunde von seiner Nähe, und auf der Fouqué-Insel brannten Pechfackeln, die der Kapitän vom Schiff herüber bringen ließ. Dennoch aber verbrachten die drei, von der Mitwelt so gänzlich abgeschlossen, eine Nacht, der nur Franz die heitere Seite abzugewinnen wußte. Er hatte gewünscht, sich die Wellen nahe herankommen zu lassen, und er ertrug es lachend, wenn sie ihn mit immer neuen Schauern bis auf die Haut durchnäßten.