Einen Maitag hat das Leben,
Einen Schöpfer-Augenblick;
Läßt Du ihn vorüberschweben,
Kehrt er nimmer Dir zurück.
Einmal kommt das Glück Dir nahe,
Winket Dir mit offner Hand;
Wer es einmal scheiden sahe,
Hat es ewig fortgebannt,
Und dann ruft es keine Zähre,
Wieder hin in Deine Spur!
Treibe bis zum fernsten Meere.
Pilgre bis zur fernsten Flur.
Breit’ der Erde Güter alle
Um Dich her in weiten Reih’n,
Führ’ in Deine reiche Halle
Jede Lebensfreude ein,
Schlürfe tief aus voller Schale: —
Ach! Du seufzest im Genuß;
Denn es fehlt dem Feiermahle
Der verscherzte Weihekuß;
Denn es fehlet Deinen Kränzen
Das verschmähte Immergrün;
Deine Blumen, wie sie glänzen,
Blühen nur, um zu verblühn.
Einmal durftest kühn Du hoffen,
Bräutlich grüßte das Geschick;
Einmal sahst Du Eden offen —
Hoff’ auf keinen zweiten Blick.
[2] Durch obige Worte veranlaßt, haben einige edle Frauen in Kopenhagen einen Versuch gemacht, die Lage der Halligprediger zu verbessern. So wenig nun auch das Resultat ihren Wünschen entsprach, so wollte ich doch nicht ihre Bemühungen mit Stillschweigen übergehen. Die Zinsen des zusammengebrachten Kapitals werden wenigstens dazu dienen, in der Zukunft einer etwaigen Witwe eines Halligpredigers einen kleinen Zuschuß zu dem dürftigen Witwengehalt zu geben, und so wird auch diesem Scherflein der Dank nicht fehlen. Auch ich, dem von einer dänischen Insel her das einzige Zeugnis ward, daß mein Wort für die Halligprediger nicht ganz ohne Anklang geblieben sei, nehme meinen Gruß an diese Insel, freilich in Erwartung eines reicheren Ausfalls damals dargebracht, nicht zurück und setze den letzten Vers dieses Grußes noch mit ebenso warmem Herzen hierher, wie ich ihn zuerst niederschrieb:
Hilfer hoit, i Gaedestoner,
Den, hvor i Kamp og Raad
Borgerdyd hver Tinding kroner;
Taarer fandt jeg der og — Daad.
Was der Herr den Seinen giebt, das trage
Nicht hinein in’s kühne Wortgefecht.
Was von Oben stammt, will keine Frage,
Fordert Glauben als ein göttlich Recht.
Mander und Oswald wünschten noch das Mahl des Herrn, gleichsam als eine Versiegelung ihres neuen Bundes mit Ihm, in der ihnen so lieb gewordenen Gemeinde zu feiern. Idalia antwortete auf die Frage ihres Vaters, „ob sie sich der heiligen Handlung anschließen werde?“ daß ihre Gedanken zu sehr auf die Abreise gerichtet wären, als daß sie mit Andacht an der Feier Teil nehmen könne.
Gewiß ist es uns am angenehmsten, wenn wir das: „ich bitte Dich, entschuldige mich!“ in das blendende Gewand einer zarten Ehrfurcht vor dem Heiligen einkleiden können; und es giebt Leute, die, wenn man ihren Worten glauben soll, allein aus jener gewissenhaften Scheu vor einer zerstreuten Teilname am Gottesdienst die Kirche zeitlebens meiden und die häusliche Andacht auch nur darum unterlassen, weil sie bis an das Ende ihrer Tage darauf warten, einmal mit rechter Würde andächtig sein zu können.
Mander fragte Hold, als er demselben seinen und seines Sohnes Entschluß zu erkennen gab, zum Tische des Herrn zu gehen: „welcher Ansicht vom heiligen Abendmahle er zugethan sei?“ Hold erwiderte:
„Ich wollte, Sie hätten mich nicht gefragt, sondern sich, unberührt vom Streite der Meinungen und Ansichten, mit voller Seele dem Eindruck dieser Feier hingegeben, um an sich zu erfahren, was sie Ihnen sein soll. Vielleicht ist das Abendmahl für Jeden nach seinem Bedürfnis und seiner Empfänglichkeit etwas Anderes, und ich hätte lieber von Ihnen gehört, welchen Gehalt Sie in diesem Kleinod der Christenheit gefunden, als daß ich Ihnen Anleitung gegeben zu einem vorgefaßten Urteil, da dies nicht angeht, ohne eine Trennung in der Gemeinde des Herrn zu erörtern, die dem Abendmahl den Charakter der Communion nimmt.“
„Aber es kann doch nur eine Ansicht die wahre sein,“ entgegnete Mander, „und es kann doch nur der das Mahl des Herrn mit dem vollen Segen für sich feiern, der weiß, was der Herr mit dieser Feier wollte?“
„Aller Segen kommt von Oben,“ war Hold’s Antwort, „und ich glaube, es haben Viele, welche mit den verschiedensten Ansichten zum Mahle des Herrn kamen, doch den gleichen Segen davon gehabt, weil im Augenblick der Feier Keiner mehr seiner Ansichten gedachte, sondern sich hingab dem Einfluß, den die Feier auf ihn ausübte. Freilich wird dieser Einfluß bei Allen sicherer und auch wohl dauernder sein, wenn sie vorher und nachher die ganze Bedeutung dieses Genusses erwägen.“
„Sie sind bisher mein Lehrer gewesen, seien Sie es auch ferner,“ bat Mander. „Ihr Urteil muß bei Dem, was ich Ihnen sonst verdanke, eine große Autorität haben.“
„Meine Autorität soll Ihnen nicht weiter gelten, als was ein langjähriges Nachdenken über die Heilsordnung des Evangeliums voraus hat vor der erst kürzlich gewonnenen Einsicht in die Wahrheit der Offenbarung Gottes in Christo. Nun lassen Sie es sich noch einmal gesagt sein: ich knüpfe den Segen der Feier, die Sie vor sich haben, nicht so sehr an das volle Verständnis von dem Charakter derselben, als an eine Gnadenwirkung Gottes auf das empfängliche Gemüt. Sie sollen daher nicht zum Tische des Herrn treten mit der Ueberzeugung: Dies oder Jenes werde ich an mir erfahren, sondern vielmehr warten der Verheißung, die diese Feier hat; sich und Ihre Andacht nicht binden an diese und jene Auffassung vom Abendmahl, sondern willig und bereit sein, mit reiner Hingebung anzunehmen, was der Herr Ihnen in demselben darreicht. Ich für meinen Teil stehe auf dem Grunde der Kirchenlehre.
Fassen wir das Ganze der Offenbarung in Christo als eine Wunderthat der erlösenden Gnade Gottes, wodurch ein wirklich Neues, nicht den bisherigen Mitteln der Gemeinschaft mit dem Himmel Aehnliches, etwa nun nur in höherem Grade sich Entfaltendes, in das Leben der Menschheit eintrat, als eine Erhebung der Natur des Staubes zu einer Trägerin des Lebens, welches war bei dem Vater und erschienen ist auf Erden, so können wir uns auch nicht dagegen sträuben, ein Fortleben und Fortwirken dieser That in beständigen Wundern anzunehmen. Ist einmal statt der Vermittelung zwischen dem, was droben ist, und dem, was hienieden ist, welche an die uns verliehenen geistigen Gaben ihre Geistesgaben anknüpft, — so bei uns in den Weihestunden der höchsten Andacht, so bei den Propheten im reichsten Maße, — ein Mittler gegeben, in welchem Himmel und Erde eins wurden, so dürfen wir auch die Lehren, Segnungen und Verheißungen dieses Mittlers nicht mit dem Maßstabe messen, welchen wir den Dingen anlegen, die dem gewöhnlichen Gesetz folgen, nach welchem Himmel und Erde in ihrem Wesen sich ewig fern bleiben, und nur durch das Band der Gemeinschaft im Geiste sich einander nähern. Wir dürfen vielmehr erwarten, daß Alles, was von jener That ausgeht, einen Charakter habe, der dieselbe nicht allein fortspiegelt als eine wunderbare, sondern der alles dieses von ihr Ausgehende in sich selber ein Wunder sein läßt. So das Abendmahl. Es ist nicht das Gedächtnis an die That der Versöhnung, das neu geboren werden soll, sondern die That selber, die neu geboren wird im Gläubigen. Das Mahl des Herrn ist Er, der sich mir neu giebt, es ist nicht Ich, der ich mich Ihm neu gebe. Wie die Erlösung durch sein Leibesleben und Lebensleiden auf Erden bedingt war, so ist das Abendmahl nicht allein eine geistige Nahrung für den Geist; sondern eine irdisch-himmlische Speise, durch die wir Sein werden und Er unser wird durch eine volle Vereinigung. Im Abendmahl ist der ganze Christus, der Lehrer und der Erlöser, der Leidende und der Ueberwinder, der Gekreuzigte und der Auferstandene, der Sohn der Maria und der Sohn Gottes, und der erstere nicht weniger als der letztere. Während uns in jeder andern Feier bald der Eine, bald der Andere stärker hervortritt, ist beim Abendmahl Jener mit Diesem, und Dieser mit Jenem in einer Hülle verbunden, und geht in einer Gemeinschaft in uns über. Ohne die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl wird die Erlösung eine That in der Zeit, die allein durch den Glauben fortlebt, aus dem irdischen Gebiet ganz wieder in das geistige aufgegangen ist; während sie auch nach ihrer irdischen Seite im heiligen Abendmahle fortleben soll, nicht allein weil Christus nun im Geiste der Gläubigen fortlebt, sondern weil Er selber noch für sie da ist. Denn Sein Fortleben in unserm Geiste ist doch immer nur unser Leben in Ihm, abhängig von unserem Verständnis und unserer Andacht, ist nicht in der That und Wahrheit Sein Leben in uns, ist immer nur Wir, nicht Er. Unsere Zeit aber ist nicht ärmer, als die der ersten Jünger, wenn wir sie nicht arm machen. Sie hat nicht allein Seine Lehren, Segnungen und Verheißungen; sie hat Ihn, Seinen Leib und Sein Blut. Auch uns wird die neue Schöpfung geboten, die Durchdringung und Verklärung unseres geistigen Daseins zur Einheit mit Ihm. — Wie mag Solches zugehen? ist hier nicht die Frage, und alle Theorien und Formeln sind Gebrechlichkeit. Es ist nur die Frage: stimmt solche Lehre vom Abendmahl, wie sie sich in der echt lutherischen Theorie und Formel, soweit unsere irdische Sprache überhaupt für solche Dinge ausreicht, am wenigsten klügelnd und deutelnd ausspricht, überein mit den Worten der heiligen Schrift, mit dem ganzen, wunderbaren Rat Gottes zur Erlösung der Kinder im Staube, mit der Thatsache der Erlösung selbst, und mit dem Glauben der Männer, denen wir ein Erzpriestertum in der großen Gemeinde des Evangeliums beilegen müssen? Mit diesem letzten Punkt schiebe ich keine menschliche Autorität vor, da er seinen Rückhalt in der gemeinsamen Uebereinstimmung der Antworten auf alle andern Punkte haben soll; aber wohl behaupte ich damit, daß wie die Wahrheit die Frucht des Geistes, so die göttliche Wahrheit allein die Frucht des göttlichen Geistes sein kann. Dieser Geist nun hat seine Zeit und Stunde für Das, was dem Glauben der Kirche dienet. Für Das, was dem Glauben des Einzelnen dienet, weiset er zurück auf eine solche Stunde der Menschheit, die eben so wenig auf Concilien, als am Schreibpult hinter der nächtlichen Lampe geboren wird; sondern deren Wiege ein Herz ist, das mit seinem weltüberwindenden Glauben auch wirklich eine Welt überwindet, ein Herz, das nicht etwa einzelne Lichtfunken aus Schutt und Asche hervorsucht, sondern das durchglühet ist vom heiligen Feuer, und gereinigt und geläutert ist von diesem Feuer zu einer Stätte, von welcher aus Gott gern seine Stimmen in die Welt aussendet. Darum wer neue Theorien und Formeln in den göttlichen Dingen aufstellen will, der frage nicht allein, was er wisse, sondern auch, was er sei an Leben in Gott und Wandel vor Gott. Mit Schulweisheit und kritischem Scharfsinn mag man einen Homer zu zerstückeln wagen, und es wird doch nur so lange gelingen, bis die Flammen der Begeisterung, die in einzelnen Stücken fortglühen, wieder in eine helle Lohe zusammenschlagen, und der Erzguß auf’s Neue dasteht in uralter Kraft und Herrlichkeit. Kann nun jene kalte, trockene Scheidekunst selbst an einer Schöpfung des menschlichen Geistes und Herzens nur zum Ritter von der traurigen Gestalt werden, dessen kurzer Sieg bald zur desto gewissern Niederlage wird, mit welcher Aussicht kann er sich dann auf dem Gebiete des Göttlichen versuchen? Sowohl die rechte Lehre von den göttlichen Dingen, als auch das rechte Wort dafür kann nur der Geist Gottes geben, und Der will Tempel und Altar sehen, will Horebs Höhen und Mamres Palmen, will Herzen, deren Flügelschlag zu einem Adlerfluge fähig ist, will Männer, die Mut und Demut genug haben, Gott zu bitten um Erleuchtung.“
„Hat aber nicht die reformirte Kirche,“ bemerkte Mander, „die doch auch Männern, wie Sie eben bezeichneten, ihr Dasein verdankt, eine Ansicht vom Abendmahl, nach welcher es eine blose Gedächtnisfeier ist?“
„Auch die reformirte Kirche,“ war Hold’s Entgegnung, „gewann bald wieder durch Calvin die Richtung auf einen tieferen Sinn; obwohl in der katholischen und lutherischen Kirche, so wenig auch beide in der näheren Bestimmung dieser Lehre und den Folgerungen daraus übereinstimmen, allein eine wirklich tiefere Würdigung des Abendmahls gefunden wird; da Alles, was man sonst dieser Feier beizulegen versucht hat, durch Vergeistigung der Gefühle beim Andenken an den Herrn auf die schwindelndsten Höhen hinauf nur eine gewisse Scheu bei einem blosen Gedächtnismal stehen zu bleiben, zu erkennen giebt, ohne doch wirklich etwas mehr daraus zu machen. Man fühlt wohl das Bedürfnis, der Gemeinde eine Nahrung zu geben, die nicht blose Brosamen darreicht, sondern eine sättigende Lebensspeise; aber man thut nur Gewürze hinzu, und denkt nicht daran, daß Gewürze eben nur zur Würze dienen und nicht zur Sättigung.“
„Wie vereinen Sie aber dieses Vergessen mit dem Erzpriestertum, wie Sie es vorher solchen Männern beilegten, die Säulen der Kirche Gottes sind, zu welchen Sie doch auch Zwingli und Calvin mitrechnen?“ fragte Mander.
„Erinnern Sie sich, daß ich diesem Punkt von der Autorität solcher Heroen des Evangeliums einen Rückhalt gab in der Uebereinstimmung mit andern Zeugnissen. Wo diese Uebereinstimmung ist, da gebe ich mich freudig hin, und sie ist gerade in dem Kern des Evangeliums, in der Lehre von der Erlösung; wo sie fehlt, da suche ich mit desto größerem Eifer selber in dem Worte des Lebens, freue mich aber doch, wenn die Wahrheit, die ich finde, auch viele Zeugen Gottes in der Kirche, wenn auch nicht alle, für sich hat.“
„Aufrichtig muß ich bekennen,“ sagte Mander, „daß gerade das Wort: „Solches thut zu meinem Gedächtnis,“ mir in dem Augenblick, in welchem es gesprochen wurde, kurz vor dem Tode am Kreuze, so natürlich vorkommt in dem Munde des Herrn, und daß die Stiftung, auf welche es deutet, mir ebenso natürlich allein aus der Scheidestunde hervorgegangen zu sein, und darum auch ihr Wesen und ihren Charakter nur in der Erhaltung einer lebendigen Erinnerung an des Stifters Leiden und Sterben für uns zu haben scheint.“
„Dagegen muß ich bekennen,“ entgegnete Hold, — so verschieden ist das Urteil! — „daß mir Nichts wundersamer vorkommt, als eine Feier zum Gedächtnisse Dessen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, von dem die ganze jetzige Bildung des Menschengeschlechts ihren Anfang und ihren Ausgang hat, dem wir in der Taufe geweiht sind, in dessen Licht wir atmen, in dessen Gemeinde wir leben, dem wir Freude, Friede und Seligkeit verdanken im Leben und im Sterben. Kann Der, welcher spricht: ‚Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!‘ und: ‚Ich bin bei Euch bis an der Welt Ende!‘ gemeint haben, mit solchem Mahl allein ein Erinnerungsfest einzusetzen, wie allenfalls Derjenige es stiften mag, welcher fürchtet, es könnten seine Lehren und Segnungen vergessen werden, und doch gern in seiner Persönlichkeit, als ein Mann, der zu seiner Zeit und für seine Zeit Gutes gewollt, in der Erinnerung fortleben möchte? Ja, müßte solche Stiftung nicht in der christlichen Kirche mehr und mehr an Bedeutung verlieren, je lebendiger der Herr lebte im Gedächtnis der Seinen? Je inniger die Seele Ihm angehörte, je tiefer der Geist sich versenkte in die Fülle Seiner Segnungen und Verheißungen, desto weniger könnte eine Feier gelten, die nur erinnern soll, Ihn nicht zu vergessen.
Der Apostel Paulus redet ferner auf solche Weise vom Abendmahl, daß jeder Gedanke an ein bloses Gedächtnismal wegfallen muß. Er spricht: ‚Welcher unwürdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des Herrn trinket, der ist schuldig an dem Leibe und Blute des Herrn. Der Mensch aber prüfe sich selbst, und also esse er von diesem Brote und trinke von diesem Kelch. Denn welcher unwürdig isset und trinket, der isset und trinket ihm selber das Gericht, damit, daß er nicht unterscheidet den Leib des Herrn.‘“
„Erlauben Sie mir noch die Frage,“ sagte Mander hierauf: „Konnten die ersten Jünger, die mit dem Herrn zu Tische saßen, in dem Brote und dem Kelche ein solches Sacrament, wie sie es vorher auslegten, genießen, da der Herr noch bei ihnen war?“
„Ich brauchte Ihnen keine Antwort auf diese Frage zu geben,“ erwiderte Hold, „ehe Sie mir nicht meine Einwendungen gegen eine blose Erinnerungsfeier widerlegt, bevor Sie nicht erwiesen haben, daß die Deutungen, mit welchen man dem Abendmahl einen höheren Charakter geben will, ohne die leibliche Gegenwart zu bekennen, wirklich mehr sind als blose Zuthaten, die bei aller ihrer scheinbaren Fülle es doch nur ein Gedächtnismahl bleiben lassen, ein Mahl, dessen Genuß in seinen Wirkungen auf den Gläubigen nichts Anderes giebt, als was schon jede andere lebendige Erinnerung an den Heiland und Erlöser geben kann. Aber ich will Sie doch daran erinnern, daß auf die Beantwortung Ihrer Frage gar nicht so viel ankommt. Erkennen wir im Abendmahl eine Stiftung für die Kirche, für alle kommenden Christengemeinden, — und das haben nur Wenige geläugnet, — so kann es gern für die späteren Bekenner eine andere Bedeutung haben, als er für die ersten Jünger, denen die sichtbare Gegenwart des Herrn das Sacrament war, schon haben konnte, und welchen es erst Das wurde, was es uns ist, als der Herr heimgegangen war zu Seinem himmlischen Vater. Diese andere Bedeutung besteht ja denn doch immer nur darin, daß wir mit, in und unter dem Brote und Wein haben, was sie noch sichtbar vor sich hatten. Die Kraft des Mahls, die sacramentliche Fülle bleibt dieselbe, nur bei ihnen Schauen, bei uns Glaube. Doch ich fühle, wie es mit allem Erweisen eine mißliche Sache ist auf diesem Gebiete. Die göttlichen Dinge wollen erfahren sein.“
„Mir ist so unsicher um’s Herz geworden,“ sprach Mander mit einem Seufzer, „daß ich wollte, ich hätte nicht gefragt!“
„Ich sagte es Ihnen im Voraus, daß Sie keine andere Frucht nehmen würden aus dieser Erörterung. Aber vielleicht werden Sie noch künftig mit mir Denen, die das Abendmahl nicht in seiner ganzen Bedeutung würdigen, zurufen: Entkleidet nicht die Kirche ihres heiligen Schmuckes; nehmt ihr nicht die Krone von ihrem Haupte; reißt sie nicht los von der Wurzel des Lebens, von der innigen, ewigen, thatsächlichen Gemeinschaft mit dem, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen! Uebrigens treten Sie hinzu zu dem Tische des Herrn mit Andacht und Hingebung, und erwarten Sie, was Er Ihnen darreicht aus Seiner Fülle. Er ist Allen, die zu Ihm kommen, Etwas, und leitet sie selber dazu, daß Er ihnen Alles werden kann. Sein Segen wird Ihnen nicht fehlen!“
Die Stunde der Feier war gekommen. Die ganze Gemeinde, die, nach der am Sonntage vorher geschehenen Bekanntmachung, sich zur Communion gemeldet hatte, da auf den Halligen es nicht immer zu erwarten ist, daß die sonst bestimmten Tage zu solcher Feier wegen des oft durch Sturm und Wellen verhinderten Kirchganges regelmäßig gehalten werden können, sammelte sich in der an Hold’s Wohnung anstoßenden, mit ihr durch ein Dach verbundenen Kirche. Nach Beendigung des Gesanges trat Hold vor den Altar und hielt eine kurze, eindringliche Rede, die in ihren schlichten Worten nur auf das Verständnis seiner gewöhnlichen Zuhörer berechnet schien, während sie gerade in ihrer Einfachheit, in ihrer festen Hinstellung Dessen, was den Beiden, die heute zum erstenmal mit rechter Sehnsucht nach der Verheißung, die er verkündete, zum Tische des Herrn traten, noch nicht als gewisse Zuversicht aufgegangen war, auf diese einen wahrhaft erbauenden, begründenden Eindruck machte. Darauf trat der Bejahrteste in der Gemeinde, ein Mann mit schneeweißem Haar, vor Hold hin und sprach mit einer Stimme, deren Zittern von Altersschwäche und zugleich von tiefer Rührung zeugte, folgende Worte, bei denen sich Alle von ihren Sitzen erhoben:
„Würdiger, lieber Herr! Also rede ich für mich und für Alle: Ich bitte Euch, wollet meine Beichte hören und mir die Vergebung sprechen.“
„Ich armer sündiger Mensch bekenne und beklage mich, daß ich die heiligen Gebote Gottes unseres Vaters mannigfaltig übertreten, und mich gegen Gott und meinen Nächsten oft versündigt habe, damit ich Gottes gerechte Strafe, zeitlichen und ewigen Tod wohl verdienet. Aber alle meine Sünde gereuet mich ernstlich und ist mir von Herzen leid, und ich habe keinen andern Trost, denn die Gnade Gottes, die größer ist, als meine Schuld, und das teure Verdienst meines Herrn Jesu Christi. Komme daher in der Zeit der Gnaden, daß ich möge Vergebung empfangen und damit neue Freudigkeit zu Gott und Kraft zur Heiligung durch Seinen Geist. Amen.“
Dieser den Fremden unerwartete Auftritt verfehlte nicht seine Wirkung auf ihr Herz. Mander fühlte tief den Wert einer solchen thätigen Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst bei dieser Feier. Er fühlte sich in dem Augenblicke gleichsam eins geworden mit dem Greis, der für Alle sprach. Er fühlte in dessen Bekenntnis sein Bekenntnis, in dessen Bitte seine Bitte und darum sich klarer und deutlicher als Einer, der da nahet mit demütigem Flehen und der Verheißung entgegensieht, als wenn der Geistliche allein geredet. Oswald zitterte heftig. Jedes Wort, das der Greis sprach, klang in allen Tiefen seiner Brust wieder. Es war ihm, als tönte die Bitte von seinen eigenen Lippen, aber als würde sie inniger, dringender, flehender, indem sie der Ausdruck seiner Sehnsucht wurde, als gestaltete sie sich zu einem Ruf aus der Tiefe, zu einem Schrei des Erbarmens, zu einem Seufzer, an dessen Erhörung sein Leben hing.
Als der Greis geendet, faltete Hold seine Hände, hob die Augen empor in stillem Gebet und sprach dann nach einer kurzen, erwartungsvollen Pause, indem er seine Rechte segnend auf das Haupt des alten Mannes vor ihm legte, der unterdessen seine Knie gebeugt hatte an den Stufen des Altars:
„Der in die Welt kam, nicht daß Er die Welt richte, sondern daß die Welt durch Ihn selig werde, der da die Mühseligen und Beladenen zu sich ruft, daß Er sie erquicke, Der spricht durch das Amt, das Er mir vertraut, zu Dir und zu der Gemeinde, die durch Dich bekannt hat ein gutes Bekenntnis: „Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben.“
Und als nun Hold seine Hände weiter ausbreitete über die ganze Gemeinde hin, und noch einmal die Worte wiederholte: „Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!“ da sank es wie eine Decke von Mander’s und Oswald’s Seele. Das Evangelium war nun völlig Licht, Kraft und Leben in ihnen geworden, und alle Dämmerung, Schwachheit und Lauheit schwand wie der letzte winterliche Nebeltag vor dem siegenden Frühlingsodem. Sie fühlten sich so offen und empfänglich für jeden Gruß aus der Höhe, so klar und entschieden im Glauben, so leicht und frei in der Erfüllung der Verheißung, daß das Reich der Wunder, durch die das Göttliche sich dem Staube offenbart, ihnen als eine natürliche Welt erschien, in welcher sie schon längst heimisch, und sie traten zum Tische des Herrn als in Allem Bekenner der Lehre ihrer Kirche.
Schmerzen giebt es, deren Wunden
Nur die stumme Brust erträgt;
Wenn das kühne Wort sie wägt,
Ist des Duldens Kraft geschwunden.
Auf den nächsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschäfte wegen der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt, und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner Stelle ganz ohne Thränen der gutmütigen, für jede ihnen bewiesene Teilnahme leicht empfänglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders auf der Hallig, die wir im Sinne haben, — auf welcher, so weit das Kirchenbuch geht, keine außereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung der ältesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit vorgekommen war, — gar zu leicht geneigt sind, die Welt außerhalb ihrer kleinen Eilande, und besonders in den großen Städten, nur als eine ungläubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, daß sie dieselben mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht, daß ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten. Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar für die silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die Hold freilich aus bestimmten Gründen nicht am gestrigen Tage schon auf den Altar gesetzt, aber sie den Hausvätern, die nach der Feier bei ihm gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus der Ferne verbunden gewesen sein mußte, ein Beweis mehr, daß sie, wie lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die länger dauern würde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein großes Faß mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde, protestirte Hold, da er sich dieses Getränks längst entwöhnt habe. Doch er mußte auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten Gelegenheit für kleinere Gebinde zum Umfüllen zu sorgen, und darauf aufmerksam machte, daß, wenn auch Hold selbst keinen Genuß davon haben wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche Stärkung oft wohlthätig werden könne.
Wer hätte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, daß das Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen Gemeinde größtentheils allein von der Annahme dieses anfangs verschmähten Geschenkes abhinge!
Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit welcher er von den übrigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und Mander legte für sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor nieder und machte sich zu einer jährlichen Summe schriftlich verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber’s, den Maria Jenem auf seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater zurückgegeben, um ihn Maria einzuhändigen. Mander gab ihn Hold, daß er die passende Gelegenheit zur Rückgabe abwarten möchte.
Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch einmal rief ein Händedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefühle des Abschieds wach, und mit Thränen in den Augen bestiegen Mander und Oswald das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende Eiland zurück. Sie hätte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in die Vergangenheit ganz zurückwenden. Sie hätte es für eine Wohlthat für ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von der Ebbe übereilt, stehen geblieben wäre zwischen den beiden Ufern, wie sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Küste des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung des Schiffs nicht durch frühe Uebung vertrauten Fuß an’s Land setzt.
Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen ließ, und sowohl die auf demselben, als auch die Zurückbleibenden winkten bis dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgrüße noch bemerkt und erwidert werden könnten.
Hold war den Tag über in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut über die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Träume seiner Jugend waren durch die Gespräche mit diesen Gästen aus der Welt, in welcher er sich früher so hoffnungsreich und lebenskräftig bewegt, wieder wach geworden. Seine früheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die Länder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre Schönheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine dürftige Nachricht brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das hell vor unserer Nacht vorüberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft blühte und duftete vor seinem Geist in der köstlichen Blumenpracht auf, aber wie ein schöner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in welchem wir uns nicht ergehen dürfen. Und hier diese öde Hallig! Dies wüste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhüllte, als wollte er ihn für immer von der Welt ausschließen. Hatte er denn den Becher Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun für sein ganzes Leben mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu schmachten? Mit welch’ ganz andern Gefühlen, mit welch’ schönen Hoffnungen für sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an den Ufern der Ströme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun vielleicht für immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trüben Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnsüchtig in die Nebel hinein, als könne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken folgen, die über das Meer hinflogen und über Berg und Thal schweiften. Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den Tiefen seiner Brust losrang:
Schwebt hinüber, Trauertöne,
Grüßt den heimatlichen Strand;
Grüßt das liebe, wunderschöne,
Heil’ge, deutsche Vaterland.
Grüßt, wo über Thal und Hügel —
Hell des Jägers Horn erschallt,
Wo der blaue Wellenspiegel
Um die Fischerbarke wallt.
Grüßt, wo die Lawinen toben
In des Staubbachs Silberduft,
Ach! wie drängt das Herz nach Oben,
Nach der Berge Himmelsluft;
Wo mit bräutlich schönen Kränzen
In der Abendröte Glühn,
Jungfrau, Deine Scheitel glänzen;
Könnt ich dahinüber ziehn!
Oder hin zum Strand der Saale,
Wo der Tannen schwankes Dach
Wölbt sich über Heldenmale,
Die der Zeiten Sturm zerbrach.
Allenthalben an der Elbe,
An der Donau und am Rhein,
Ist mein Vaterland dasselbe,
Wert der Deutschen Land zu sein.
Reich an Reben, reich an Eichen,
Felsenkräftig, blumenmild,
Malt es rings in treuen Zeichen
Seines treuen Volkes Bild.
Schwebt hinüber, Trauertöne,
Grüßt den heimatlichen Strand,
Alle Lust und alles Schöne
Blieb zurück im Vaterland.
Ach! vergebens wecken Klagen
Die verhaltnen Schmerzen nur,
Keine milden Lüfte tragen
Sie zur heimatlichen Flur.
Mich umrauschen Meereswogen,
Nebel hüllen meinen Blick;
Meine Grüße sind verflogen, —
Keine Antwort kommt zurück!
Nur das Heute ist das Alte,
Jede Morgenröte weiht
Uns für eine neue Zeit,
Und wer sagt uns, wie sie walte?
Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig zurückgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah, schlich er trübsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit ängstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren während seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz verfallen; er aber that Nichts für die versäumte Ausbesserung und schien es nicht zu beachten, daß die Fluten in den stürmischen Weihnachtstagen große Beschädigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher machten.
Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu erheben. Er erzählte viel, so wenig auch Godber solche Gespräche zu lieben schien, von Maria’s frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von der Ruhe, mit welcher sie ihr künftiges Geschick erwarte, von der Güte ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne geradezu Godber’s Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen läßt unter der Bürde des bösen Gewissens.
Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher ihn schweigend angehört, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und schauerlich klang:
„Wird der Gott, den Du verkündest, auch jene Nacht wieder ungeboren machen, in der ich das Steuer des Schiffes verließ, um Die zu retten, um deretwillen ich ein doppeltes Gelübde brach? Wird Er, wie Er Maria’s verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schönen Bau wieder zusammenfügen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezündet, würdest Du das so leicht vergessen, daß Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem Schiff gesündigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft in’s Leben zurückrufen, daß ich es von ihnen wieder höre: ‚Godber ist ein braver Steuermann!‘ ohne ein Hohngelächter der Hölle daneben zu hören?“
Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber’s Zügen und Worten, als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Bürde auf dem Gewissen des Jünglings. Godber aber fuhr fort:
„Du zitterst vor solchem Verbrechen und hörst es doch nur, und ich, der es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Für mich ist keine Hülfe mehr!“
Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer Verzweiflung in eine wehmütige Rührung bezeugte, setzte er nach einer kleinen Pause hinzu:
„Und kannst Du mir auch Maria bräutlich froh in den Arm legen, Du kannst nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da muß der Tod helfen. — Und der kann ja auch nicht helfen,“ schrie er entsetzt auf, „denn droben ist das Gericht!“
Damit schlug er beide Hände vor’s Gesicht und sank in dumpfem Brüten auf seinen Sitz zurück.
Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber hin und sagte:
„Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht nicht hätte retten können; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei solchem Versuch gewesen wäre, während nun fünf Menschen Dir ihr Leben verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Versöhnung predigt. — Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prüfen unser Selbstwerk, müssen wir bekennen, daß wir nicht bestehen können vor dem heiligen und gerechten Gott, müssen bekennen, daß unter dem Licht und Gericht des göttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfließt, und dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die über unser Haupt zusammenschlagen. Vor dem Worte: ‚Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist heilig!‘ vor der Wahrheit: ‚Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem unnützen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!‘ bestehet keine Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit ist Lüge, denn sie ist eine Frucht des Lügengeistes, der uns Gottes Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben würde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, daß wir die böse Lust in uns wuchern ließen. Was wir Verführungen und Versuchungen nennen, sind blos Antworten von Außen her auf die Lockstimmen der Sünde in unserm Innern. Wer das ‚Heilig‘ nicht in seiner ganzen Bedeutung nimmt, als eine völlige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Lüften, als eine vollkommene Verklärung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken, Worten und Werken, der weiß noch gar nichts von Gott und seinem Willen und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu können zwischen Gott und dem Mammon; während alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein Greuel ist, während, wer das Gesetz hält und sündigt an einem, des ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht, uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist heilig!“
Godber rang die Hände und schluchzte laut:
„Für mich ist keine Hülfe mehr!“
Hold aber fuhr fort:
„So wir nun solches zu Herzen nehmen, können wir nicht mit Freudigkeit weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfüllen. Denn zwischen Ihn und uns wird sich unsere Sünde legen und eine dunkle Scheidewand, die uns ausschließt von allem Trost und allem Hoffen; und unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels muß scheitern, weil die Sünde, die einmal mächtig geworden ist in uns, nur in schweren Kämpfen überwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und Liebe zu Ihm gehören, die wir nicht haben, so lange unser beladenes Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.“
„Er hat schon gerichtet!“ rief Godber.
„Wir müssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid anziehen können. Wir müssen die Last von uns werfen und leichten Herzens ein neues Leben beginnen können. Wir müssen die Traurigkeit von uns thun und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen können. Ein solches Können liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht versuchen, da werden wir den kurzen Flügelschlag des frohen Entschlusses bald wieder gelähmt fühlen durch das Gedächtnis der ungesühnten Schuld. Wir können aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.“
„Ich weiß es! Ich weiß es!“ stöhnte Godber.
Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort:
„Wir bedürfen Gottes Vergebung. Nicht aber in einem bloßen Ahnen, Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der Hölle nicht überwältigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfüllet, die Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden auf Erden das große Geheimnis der Erlösung: Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du müde, sündenvolle Seele! Empor! Denn Freude ist im Himmel über einen Sünder, der Buße thut. Das ist kein Wort, das trostbedürftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann wäre es nichts nütze, hätte keinen Halt wider die ewig neuen Anläufe des anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern Deß, der Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen und der Toten: ‚Sei getrost, Deine Sünden sind Dir vergeben!‘ So thue auch Du, Godber, Deine Brust auf, und laß die Liebe, die anklopfet mit solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mächtig werden, wo das Gericht mächtig war. Wirf hin Deine Last und Bürde und tritt freudig an die neue Bahn, als wärest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein. Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts dünket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des Sinnes und Wandels, um die Sünde zu verabscheuen, die so unselig macht, wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so große Dinge für Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus einzuführen in das Reich Seiner Segnungen und Verheißungen.“
Godber war tief ergriffen von Hold’s Worten, und wenn sie ihm auch nicht die Ruhe zurückgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen, doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her, durchzittern zu lassen und heiße Thränen hervorzurufen, in welchen die verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an sinnverwirrender Macht über ihn verlor. Er faßte Hold’s Rechte, beugte sein Haupt herab und drückte seine heiße Stirne auf die Hand des Mannes, dessen guten Willen, ihm ein Führer aus seinen Nächten heraus zu sein, er nicht verkannte.
Der Unglückliche aber, der den guten Willen, ihn zu trösten, dankbar erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trösten zu lassen.
Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber’s Gemüt mehr zu beruhigen. Dadurch, daß er — von der anfänglichen schonenden Weise zurückgekommen, — dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Füßen des Erlösers gedrängt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur über den Sinai, und wer auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen, ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprüfung gewachsen ist.
Zugleich aber wandte Hold nun öfter die Gespräche auf zeitliche Dinge, machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf die bisherige Vernachlässigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und fragte ihn um Rat bei kleinen häuslichen Arbeiten und weckte ihn dadurch zur Thätigkeit und zur Teilnahme für die gewöhnlichen Lebensverhältnisse. So glaubte er denn völlig den Sieg gewonnen zu haben und der Ausgleichung der unglücklichen Trennung zwischen Godber und Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand. Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft zurückgewiesen.
„Ueber die ewige Halbheit!“ sagte Hold endlich ärgerlich. „Da hat nun der liebe Vater im Himmel Alles gethan, daß Seine Kinder sich freuen sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade geholfen, los zu sein von dem bösen Gewissen, verlangt keine Buße und kein Opfer mehr, sondern will, daß wir in Erkenntnis und Erfahrung seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem Himmel und kindlich annehmen und genießen, was Er uns darreicht aus Seiner Fülle. Kinder will er haben, die offnen und empfänglichen Herzens sind für Seine Liebe, nicht für die Liebe allein, die da redet mit Orgelklang, sondern auch für die, welche locket mit Flötentönen. Kinder will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Höhe, der Seinen Trost ausgießt über die Mühseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater hinieden, der da wandelt unter den Glücklichen und lieb hat die Herzen, die ihm danken, daß Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm Sonnenschein und lieblicher Blütenfülle. Und wir? Wir wollen uns ein Verdienst daraus machen, daß wir fort und fort büßen, und gefallen uns darin, Seiner Güte für diese Zeit zu entsagen, als könnten wir dadurch irgend einen Anspruch auf Seine Verheißungen in der Ewigkeit erwerben. Das ist die falsche Scham, die sich schämet, Alles aus Seiner Hand zu nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der Erlösung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus der Blüte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmähung der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will!“
„O nein,“ rief Godber, „das ist es nicht! Und habe ich auch wol früher dergleichen gedacht, Sie haben mich längst geheilt von dieser krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber — Maria wird nie an meiner Brust glücklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne trübt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos nachhänge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Träumen in ihrem Schlummer gestört, wird sie meine Träume belauschen, und ich werde an ihrer Seite in der beständigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anlaß zu geben. Es wäre ein Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt hätten; aber ein Treubruch läßt immer einen Stachel zurück, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer drückt, weil sie dem einmal so bitter Getäuschten als Berechnung erscheint!“
Hold wußte hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, daß Maria wol Aehnliches im Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf Wiederherstellung des früheren Verhältnisses mit einem Kopfschütteln weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber’s Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen Wesen ein so kindlich heiterer Friede, daß wer, unbekannt mit ihren bittern Erfahrungen, sie sah, für die Unbefangenheit einer hoffnungsvollen Jugend halten mußte, was die Frucht völliger Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen Herzens war.
„Laß uns von der Zeit,“ sagte Hold zu seiner Gattin, „die Lösung dieses Knotens erwarten!“
„Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wäre!“