Indessen fühlte ich mich, so glänzend meine Unterhaltung auch war, doch nicht imstande, sie mit derselben Verve fortzusetzen; wenn nicht bald an uns die Reihe zum Tanzen kam, oder sie mir aus der schwierigen Situation hinaushalf, war ich genötigt, die ganze Zeit zu schweigen. In Erwartung ihrer Unterstützung und neugierig, welchen Eindruck mein Französisch auf sie machte, blickte ich ihr unruhig ins Gesicht.

»Wo haben Sie den komischen Handschuh her?« fragte sie mich plötzlich. Diese Frage verschaffte mir große Erleichterung und Vergnügen. Ich erklärte ihr, der Handschuh gehörte Karl Iwanowitsch, und verbreitete mich etwas über seine Person, wie komisch er wäre und wie er einmal mit seiner grünen Pekesche vom Pferd in eine Pfütze gefallen sei.

In der Unterhaltung über Karl Iwanowitsch, das Land, Pilze und das Pferd verging unmerklich die Quadrille. Alles sehr schön, aber warum hatte ich mich ironisch über Karl Iwanowitsch geäußert? Fürchtete ich wirklich, die gute Meinung, die Sonja von mir hatte, zu verlieren, wenn ich ihn mit der Liebe und Verehrung schilderte, die ich bisweilen für ihn hegte?

Bei der Beendigung der Quadrille sagte Sonja mit solch liebem und freundlichem Ausdruck »Merci« zu mir, als wenn sie mir wirklich für etwas zu danken hätte; ich war einfach hingerissen und erkannte mich selbst nicht wieder, so kühn, selbstbewußt, ja frech trat ich auf.

Keck schlenderte ich durch alle Räume, ohne auf etwas zu achten; bog nicht einmal aus, sondern rannte sehr unhöflich mit den Leuten, die mir begegneten, zusammen. Es gibt nichts, was mich jetzt aus der Fassung bringen kann, dachte ich. Ich bin zu allem bereit.

Serjoscha bat mich, sein vis-à-vis zu sein.

»Gut,« sagte ich, »hab' zwar noch keine Dame, werde aber schon eine finden.«

Den Saal mit einem kühnen Blick musternd, bemerkte ich, daß fast alle Damen engagiert waren; nur an der Tür stand ein großes hübsches Mädchen, auf das jetzt ein schlanker junger Mann zuschritt; offenbar in der Absicht, sie zu engagieren. Er war von ihr nur noch drei Schritt entfernt, ich dagegen am anderen Saalende. Im Nu durchflog ich, auf dem Parkett dahingleitend, den ganzen Raum, machte eine Verbeugung und bat sie mit fester Stimme um den Tanz. Das große Mädchen lächelte gönnerhaft, reichte mir den Arm, und der junge Mann hatte das Nachsehen. Ich fühlte so viel Kraftbewußtsein, daß ich meinen Sieg gar nicht bemerkte. Erst später erfuhr ich, der junge Mann hätte gefragt, wer denn der Struwwelpeter wäre, der ihm zwischen den Beinen herumgesprungen sei und so frech die Dame weggeschnappt hätte.

24. Die Mazurka.

Die Musik begann; Großmutter kam aus dem Gastzimmer; man rollte ihren weichen Sessel herein und sie setzte sich in die Saalecke zu einem alten, ordengeschmückten Herrn, der soeben vom Kartentisch aufgestanden war, und zu einer Dame. Da ich zur Mazurka keine Tänzerin hatte, stellte ich mich hinter die hohe Stuhllehne, lauschte der Unterhaltung und beobachtete die Tanzenden.

Der junge Mann, dem ich die Dame weggeschnappt, tanzte im ersten Paar. Er sprang, seine Dame an der Hand haltend, vom Stuhl auf, anstatt aber den »pas de Basque« zu machen, wie Mimi uns gelehrt, lief er einfach vorwärts, blieb in der Ecke stehen, stampfte mit den Hacken auf, spreizte die Beine, machte kehrt und lief hüpfend weiter.

Was macht der nur, dachte ich, das ist doch gar nicht so, wie Mimi es uns gezeigt hat; sie behauptet, die Mazurka würde schwebend auf den Fußspitzen mit kreisförmiger Beinbewegung getanzt – nun ist es ganz anders. Da sind Iwin und Wolodja ebenfalls. Wenn er sich nur nicht blamiert, der Ärmste! Nein, wirklich gar nicht übel; er tanzt auch so. Großartig!

Die Mazurka ging zu Ende; einige ältere Herren und Damen verabschiedeten sich von Großmutter und fuhren fort. Diener trugen, den Tanzenden vorsichtig ausweichend, Geschirr in die Hinterzimmer. Großmutter war ersichtlich müde und sprach sehr gedehnt, gleichsam unlustig. Die Musikanten spielten zum dreißigstenmal träge dasselbe Motiv. In diesem Augenblick kam das große Mädchen, mit dem ich getanzt hatte, in Begleitung einer der zahllosen kleinen Fürstinnen und Sonjas auf mich zu; wohl um Großmutter zu gefallen, lächelte sie ihr zu und richtete folgende zartsinnige Frage an mich: »Rose oder Hortensie?«

»Ah, du bist hier, Freundchen!« wandte Großmutter sich zu mir um, »geh nur, geh.«

Nicht ohne Zittern und Zagen sagte ich: »Hortensie« und war noch nicht zur Besinnung gekommen, als schon eine kleine Hand im weißen Handschuh in der meinigen lag und Sonja fröhlich lächelnd auf ihren kleinen Zehenspitzen vorwärts tanzte ohne zu ahnen, daß ich mit meinen Füßen nichts anzufangen wußte.

Obgleich ich mir klar darüber war, daß das pas de Basque jetzt unangebracht, ungehörig sei und vielleicht unangenehme Folgen für mich haben könnte, wirkten die bekannten Mazurkaklänge auf mein Ohr, teilten sich den Nerven mit, die ihrerseits die Bewegung auf die Beine übertrugen, so daß diese letzteren unwillkürlich und zum Erstaunen aller Zuschauer die verhängnisvollen, gleitenden, kreisförmigen pas auf den Zehenspitzen beschrieben, die Mimi mir wahrscheinlich zum Schabernack beigebracht hatte.

Solange wir geradeaus tanzten, ging die Sache noch; als wir aber an die Biegung kamen, bemerkte ich, daß ich, beim Beibehalten des pas de Basque, sicher vorwärts tanzen würde. Um das zu vermeiden, blieb ich stehen und wollte dieselben Beinbewegungen auf dem Fleck machen, die der junge Mann im ersten Paar und andere so hübsch ausführten.

In dem Augenblick, als ich die Beine spreizte und schon springen wollte, blickte Sonja, die schnell um mich herumlief, ernsthaft und neugierig auf meine Beine. Vielleicht wäre mein Sprung noch halbwegs gelungen, wenn Sonja nicht so genau zugesehen hätte. Sobald ich das aber bemerkte, verlor ich vollständig die Fassung, und statt des kühnen pas, den ich beabsichtigt, wurde ich so verlegen, daß ich ohne jeden Takt, höchst komisch, und ganz unbeschreiblich auf der Stelle hüpfte. Dann blieb ich vollends stehen und sah mich um. Alle starrten mich an; einige neugierig, andere mitleidig, noch andere spöttisch. Großmutter blickte kaltblütig drein. Wolodja zwinkerte und machte mir Zeichen; Papa wurde rot, stand auf, trat zu mir und nahm mich bei der Hand.

»Il ne fallait pas danser, si vous ne savez pas!« raunte er mir ärgerlich ins Ohr, nahm Sonjas Arm und tanzte unter lautem Beifall der Zuschauer die Tour mit ihr nach alter Manier zu Ende.

Ich hatte nicht einmal den Mut, an meinen Platz zurückzukehren, verschwand im nächsten Zimmer und wälzte mich in stummer Verzweiflung auf einem Sofa. Dieser Übergang vom glücklichen zuversichtlichen Gemütszustand zum drückenden Bewußtsein des tiefen Falles war schrecklich. Wäre in diesem Augenblick die Möglichkeit gewesen und die Versuchung an mich herangetreten, mir das Leben zu nehmen, – ich war so unglücklich, daß ich keine Minute gezögert hätte. Das schlimmste war, daß Sonja mich so fragend und neugierig-mitleidig angesehen hatte. Herrgott, wofür strafst du mich so hart, dachte ich. Jetzt ist alles verloren; alle verachten mich und werden mich stets verachten; mir sind alle Wege versperrt, zum Glück, zur Heiterkeit, Freundschaft, Liebe, Auszeichnung. Alles ist hin. Niemand liebt mich. Gut, jetzt will ich auch niemanden mehr lieben, alle haben sich über mein Unglück gefreut, jetzt will ich mich auch freuen, wenn ihnen etwas passiert!

Warum ist Papa rot geworden und hat mich an der Hand gefaßt? Warum hat Wolodja mir Zeichen gemacht, die alle sehen und die mir nicht mehr helfen konnten? Hätte er das nicht getan, würde niemand etwas bemerkt haben. Er hat es absichtlich getan, um mich zu blamieren; niemand, niemand hat mich hier lieb. Mama wäre sicherlich meinetwegen nicht errötet! …

Und meine Phantasie folgte diesem Bilde weit, weit in die Ferne; ich dachte an Mama, an die Wiese vor dem Hause, die hohen Linden im Garten, den reinen Teich, über dem Schwalben hin und her schossen; an duftende Heudiemen, den blauen Himmel, an dem durchsichtige weiße Wolken standen; an einen stillen heiteren Abend, und viele andere, ruhigfreudige Erinnerungen hielten Einzug in mein aufgeregtes Gemüt.

25. Nach der Mazurka.

Die Mazurka war zu Ende. Wolodja, Iwins und der junge Fürst kamen in das Zimmer, in dem ich auf dem Sofa lag und riefen mich, als wenn nichts passiert wäre, nach oben; ich sollte meine Kräfte mit Etienne messen, der sehr prahlte und sagte, er würfe uns alle mit einem Finger um. Hätte jemand sich auch nur die leiseste Anspielung auf mein Mißgeschick erlaubt, so wäre ich rasend geworden und hätte ihnen Unannehmlichkeiten gesagt; da das aber nicht geschah, willigte ich ein, mit nach oben zu kommen, besonders da ich mich in Kraft- und Geschicklichkeitsübungen stets ausgezeichnet habe. Dieser Kampf, das Rennen, Toben und Geschrei zerstreute mich und ließ mich mein Unglück fast vergessen; nur bisweilen kam mir die Erinnerung; dann preßte ich die Zähne zusammen und schrie leicht auf, wie meistens bei sehr unangenehmer Erinnerung. Als wir zum Abendessen gerufen wurden, hatte ich meine misanthropischen Pläne schon vergessen und lief mit dem angenehmen Gefühl der Selbstzufriedenheit, die der Erfolg gebiert, nach unten. Mein Erfolg, ich darf sagen: mein Triumph, bestand darin, daß ich zweimal hintereinander den jungen Fürsten geworfen hatte, einmal derart, daß auf seiner Stirn eine sehr große und sehr lächerliche Beule zum Vorschein kam.

Beim Abendessen, als der Diener jedem von uns aus einer umwickelten Flasche Champagner eingoß, standen wir alle auf und gingen noch einmal zu Großmutter zum Gratulieren. Kaum war das geschehen, so ertönten aus dem Saal die Klänge des Großvatertanzes und überall wurden geräuschvoll die Stühle zurückgeschoben. Ich glaube, ich hätte es niemals riskiert, Sonja wieder aufzufordern, wenn nicht in dem Augenblick, als ich zögerte, Sonjas Mutter vorübergekommen wäre und zu uns beiden gesagt hätte: »Was steht ihr denn da; kommt doch.«

Sonja reichte mir den Arm, und wir liefen aus dem Saal.

Der Ringkampf, das Glas Champagner, die Nähe und Heiterkeit Sonjas ließen mich die unglückliche Mazurka ganz vergessen; ich fühlte nicht die geringste Verlegenheit mehr, war ausgelassen bis zur Tollheit.

Mit den Beinen machte ich die komischsten Dinge; ich ahmte die Gangart eines Pferdes nach, lief in kurzem Trab, hob stolz die Beine, blieb dann auf einer Stelle stehen und trampelte mit den Füßen wie ein Hammel, der über einen Hund böse ist. Dabei lachte ich aus vollem Herzen, ohne mich um den Eindruck zu kümmern, den meine pas auf die Zuschauer machten. Sonja lachte ebenfalls unaufhörlich; lachte, als wir uns Arm in Arm im Kreise drehten; kicherte, als ein Herr mit Schnurrbart und goldenem Ring am Daumen langsam die Beine hebend über ein Schnupftuch stieg, mit einem Ausdruck, als ob ihm das sehr schwer würde, und schüttelte sich vor Lachen, als ich, um meine Geschicklichkeit zu zeigen, fast bis zur Decke sprang. Dieses reizende helle Lachen, bei dem ihr Händchen wie ein Vöglein in meiner Hand zitterte, sowie der schnelle Übergang von der Verzweigung zur Heiterkeit machten mich ganz glücklich.

Als wir durch Großmutters Zimmer kamen, besah ich mich unwillkürlich in dem großen Trumeau in der Ecke. Mein Gesicht war schweißgebadet, das Haar zerzaust, die Borsten sträubten sich mehr als je – trotzdem befriedigte mich der Gesamteindruck; die grauen, noch kleineren Augen als sonst glänzten derart, und der ganze Gesichtsausdruck war so lustig, unbekümmert und gut, gesund und frisch, daß ich mich noch niemals in so vorteilhaftem Licht gesehen hatte. Das rührte wahrscheinlich daher, daß ich mich beim Schauen in den Spiegel gewöhnlich bemühte, einen nachdenklichen und deswegen unnatürlichen dummen Ausdruck anzunehmen. Wäre ich nur immer so wie jetzt! dachte ich, dann könnte ich noch gefallen.

Als ich dann aber wieder auf das schöne Gesichtchen meiner Dame blickte, fand ich dort außer der Fröhlichkeit, Gesundheit und Sorglosigkeit, die mir in meinem Gesicht gefielen, so viel vornehme, zarte Schönheit, daß ich mich über mich selbst ärgerte; ich sah ein, wie dumm es war zu hoffen, die Aufmerksamkeit eines so herrlichen Geschöpfes jemals auf mich zu lenken.

Ich konnte nicht auf Erwiderung meiner Gefühle rechnen und wünschte sie gar nicht; meine Seele strömte auch so von Glück über. Für all meine unendliche Liebe, die vor keinem Opfer zurückschreckte, wünschte, forderte ich nichts: mir war auch so gut. Ich fühlte nur, wie mir das Blut zum Herzen strömte; daß dieses schlug wie eine Taube, daß ich etwas Sonderbares, Unverständliches wollte – wahrscheinlich weinen.

Als wir auf dem Korridor am dunklen Verschlage unter der Treppe vorbeikamen, dachte ich: was wäre das für ein Glück, wenn man ein ganzes Jahrhundert lang mit ihr in diesem dunklen Verschlage leben könnte, so daß niemand etwas davon wüßte. Aber das ist nicht möglich, also hat es auch keinen Zweck, daran zu denken; sie geht gleich, und Gott weiß, wann wir uns wiedersehen … vielleicht nie …

Wir waren das letzte Paar; ich ging langsam und beschloß, ihr alles zu sagen, was ich empfand. Aber was? Und wie?

»Nicht wahr, heute war es nett?« begann ich mit leiser, zitternder Stimme und beschleunigte den Schritt, voll Schreck nicht so sehr über das, was ich gesagt hatte, als über das, was ich sagen wollte.

»Ja, sehr,« antwortete sie, mir das Köpfchen mit so gutem offenen Ausdruck zuwendend, daß meine Furcht verschwand.

»Besonders nach dem Abendessen; wenn Sie aber wüßten, wie leid es mir tut – (›weh‹ wollte ich sagen, wagte es aber nicht), daß Sie gehen und wir uns nicht wiedersehen.«

»Warum nicht?« meinte sie, angelegentlich ihre Schuhspitzen betrachtend und mit einem Finger über den durchbrochenen Wandschirm fahrend, an dem wir vorüberkamen.

»Jeden Dienstag und Freitag um zwei Uhr fahre ich mit Mama auf dem Twerskoi Boulevard spazieren. Gehen Sie denn nicht aus?«

»Ich werde sicher um Erlaubnis bitten, und wenn man mich nicht läßt, laufe ich ohne Mütze fort. Den Weg weiß ich.«

Sonja lachte.

»Wissen Sie was?« sagte sie plötzlich, mit dem Fuß einen kleinen Apfel aus dem Wege schleudernd, »ich sage zu einigen Jungen, die zu uns kommen: ›du‹; wollen wir uns auch duzen? Willst du?« fügte sie hinzu und sah mir, das Köpfchen schüttelnd, gerade in die Augen.

In diesem Augenblick traten wir in den Saal, und es begann der zweite, lebhafte Teil des Großvatertanzes.

»Kom … men Sie,« sagte ich, als die Musik und der Lärm meine Stimme übertönten.

»Komm, und nicht: kommen Sie,« verbesserte sie mich lächelnd.

Das »ie«, das sie möglichst derb auszusprechen suchte, erschien mir als der harmonischste Ton, den die menschliche Stimme hervorbringen kann. Ich war hingerissen.

Der »Großvater« war zu Ende; ich hatte nicht einen Satz mit »du« zustande gebracht, obgleich ich mir unaufhörlich den Kopf zerbrach und Wendungen ausgrübelte, in denen das Fürwort mehrmals vorkam. Es fehlte mir an Mut. »Willst du? Komm!« klang es in meinen Ohren und rief einen rauschähnlichen Zustand bei mir hervor: ich sah nichts als Sonja. Ich beobachtete, wie Frau Walachin sie musterte, ob sie vom Tanzen nicht zu sehr erhitzt sei und fahren könnte; wie sie sich kätzchengleich an ihre Mutter schmiegte; sah, wie ihre Locken zusammengenommen und hinter die Ohren gelegt wurden, so daß ein Teil der Stirn und die Schläfe frei wurde, die ich noch nicht gesehen hatte. Diese neuen Stellen schienen mir noch schöner als die bereits bekannten. Ich weiß noch, wie sie in ein großes wollenes Tuch so dicht eingewickelt wurde, daß, wenn sie nicht mit ihren Rosenfingern ein kleines Loch für den Mund freigemacht hätte, sie sicher erstickt wäre. Obgleich man hinter dem Tuch nur die Augen und die Nasenspitze sah, waren diese so lieb, daß ich mich von dem Anblick nicht trennen konnte. Als sie hinter ihrer Mutter die Treppe hinunterstieg, wandte sie sich schnell noch einmal um, nickte mit dem Kopf und dann sah ich sie nicht mehr.

Wolodja, Iwins, der junge Fürst, ich, wir alle waren in Sonja verliebt, standen auf der Treppe und warfen ihr Blicke nach. Wem sie eigentlich besonders zunickte, weiß ich nicht; damals war ich aber fest überzeugt, daß ich es sei.

Beim Abschied von Iwins sprach ich sehr frei, ungezwungen und sogar etwas kalt mit Serjoscha und drückte ihm die Hand.

Diese Veränderung in meinem Benehmen überraschte ihn wahrscheinlich unangenehm, denn er sah mich fragend und nicht gerade freundlich an. Wenn er begriff, daß sein Einfluß auf mich mit dem heutigen Abend sein Ende erreicht hatte, tat ihm das sicher leid, obgleich er sich bemühte, ganz gleichgültig zu erscheinen.

Zum erstenmal im Leben war ich treulos in der Liebe, und zum erstenmal empfand ich die Süßigkeit dieses Gefühls. Es war mir eine wahre Herzensstärkung, das überlebte Gefühl der Ergebenheit gegen ein frisches Liebesempfinden voll Heimlichkeit und Ungewißheit einzutauschen. Außerdem bedeutet mit einer Liebe aufhören und eine neue beginnen, doppelt lieben.

Als ich in den Saal zurückkehrte, sah ich niemanden; ich blickte alle Gäste an und suchte Sonja, obgleich ich wußte, daß sie fort sei, und ich sie unmöglich wiedersehen könnte.

26. Im Bett.

Karl Iwanowitsch war noch nicht da; wir legten uns schlafen.

Wie hatte ich, trotz seiner Gleichgültigkeit, Serjoscha Iwin so sehr lieben können? überlegte ich. Nein, er hatte meine Liebe nie verstanden, war sie nicht wert und wußte sie nicht zu schätzen. Sonja dagegen? Wie war die reizend! »Willst du; du mußt anfangen.« Ich sprang auf allen vieren hoch, stellte mir ihr reizendes Gesicht vor, bedeckte den Kopf mit der Bettdecke, stopfte sie auf allen Seiten zu, und als nirgends eine Öffnung mehr war, legte ich mich wieder hin und versank, im angenehmen Gefühl der Wärme, in süße Träume und Erinnerungen. Den Blick auf das Futter der Steppdecke gerichtet, sah ich Sonja so deutlich vor mir, wie eine Stunde vorher; ich sprach in Gedanken mit ihr, und diese Unterhaltung, die gar keinen Sinn hatte, verschaffte mir unbeschreiblichen Genuß, weil das: »du, dir, mit dir, dein« fortwährend darin vorkamen.

Diese Träume waren so klar und angenehm, daß ich vor süßer Erregung nicht einschlafen konnte; ich wollte jemandem mein Glück mitteilen. »Lieb–ling!« sagte ich fast laut, mich schnell auf die andere Seite drehend.

»Wolodja, schläfst du?«

»Nein,« erwiderte dieser schläfrig. »Was ist?«

»Ich bin verliebt, Wolodja, total verliebt in Sonja Walachin.«

»Na u–und?« meinte er gedehnt.

»Ach, Wolodja, du kannst dir nicht vorstellen wie mir ist; eben lag ich unter der Decke, und da hab ich sie so deutlich, so klar gesehen und mit ihr gesprochen – einfach erstaunlich. Willst du glauben, so sehr ich mich schäme, aber ich möchte, Gott weiß warum, schrecklich gern weinen.«

Wolodja bewegte sich.

»Ich möchte nur eins,« fuhr ich fort, »nämlich: sie immer sehen … weiter nichts. Bist du auch verliebt? Sag doch die Wahrheit, Wolodja.«

Sonderbar. Ich wünschte, daß alle in Sonja verliebt wären und alle es erzählten.

»Was geht dich das an,« meinte Wolodja, sich mit dem Gesicht zu mir wendend, »kann schon sein.«

»Du willst gar nicht schlafen, hast nur so getan!« rief ich triumphierend. An seinen Augen sah ich, daß er nicht an Schlaf dachte und schlug die Bettdecke zurück. »Laß uns von ihr plaudern. Nicht wahr, sie ist so reizend … so reizend, daß, wenn sie zu mir sagt: ›Nikolas, spring aus dem Fenster, oder stürz dich ins Feuer, ich möchte es‹ – weiß Gott,« sagte ich, mich zur Beteurung meiner Worte bekreuzend, »ich täte es sofort. Ach, dieser Liebling! Ei–jai–jai, wie reizend!« schloß ich, sie mir deutlich vorstellend, und warf mich, um das Bild so recht zu genießen, mit einem Ruck herum in die Kissen. »Ich möchte schrecklich gern weinen, Wolodja.«

»Du Schafskopf,« sagte er lächelnd und meinte dann nach kurzem Schweigen: »ich bin ganz anders wie du; ich denke, wenn ich könnte, möchte ich erst neben ihr sitzen …«

»Aha! Also du bist auch verliebt,« unterbrach ich ihn.

»Dann,« fuhr Wolodja lächelnd fort und machte dabei so verschmitzte Augen (wie Papa, wenn er mit Damen sprach), »dann möchte ich sie an der Hand fassen, dann ihre Fingerchen, Äuglein, das Näschen, die Lippen, Füßchen, alles möchte ich küssen … möchte sie auffressen!« schloß er, mit den Füßen ausschlagend und mit den Zähnen knirschend.

»Dummheit! Gemeinheit!« schrie ich ärgerlich und wandte mich ab.

»Du verstehst nichts,« sagte Wolodja verächtlich.

»Nein, ich verstehe schon, aber du hast keine Ahnung und redest Dummheiten,« erwiderte ich unter Tränen.

»Ist doch gar kein Grund zum Weinen! Bist ein richtiges Weib!«

27. Ein Brief.

Am 16. April, fast sechs Monate nach dem soeben beschriebenen Tage, kam der Vater während des Unterrichts zu uns nach oben und teilte uns mit, daß wir heute nacht mit ihm aufs Land, nach Hause fahren sollten. Mir wurde bei dieser Nachricht beklommen ums Herz; meine Gedanken wandten sich sofort der Mutter zu. Der Grund dieser unerwarteten Abreise war folgender Brief:

Petrowskoie, 12. April.

»Soeben, erst um zehn Uhr abends, erhielt ich Deinen lieben Brief vom 2. April, und meiner alten Gewohnheit gemäß beantworte ich ihn sogleich. Fedor hatte ihn gestern aus der Stadt mitgebracht, da es aber schon spät war, übergab er ihn Mimi erst heute morgen. Die behielt ihn unter dem Vorwande, ich sei nicht wohl, den ganzen Tag. Allerdings hatte ich heute etwas Fieber und, um Dir die Wahrheit zu sagen, bin ich schon drei Tage nicht wohl und bettlägerig.

Erschrick bitte nicht, Liebling; ich fühle mich ziemlich gut, und wenn Iwan Wassilitsch erlaubt, gedenke ich morgen aufzustehen.

Freitag voriger Woche fuhr ich mit den Kindern spazieren; wo der Weg auf die Chaussee mündet, bei der kleinen Brücke, die mir stets Schrecken einflößt, blieben die Pferde im Schmutz stecken. Es war gutes Wetter und ich gedachte, während man den Wagen herausgezogen hätte, bis zur Chaussee zu Fuß zu gehen. Bei der Kapelle fühlte ich mich sehr müde und setzte mich hin, um etwas auszuruhen; da es aber fast eine halbe Stunde dauerte bis Leute kamen, die den Wagen herausziehen konnten, wurde mir kalt, namentlich an den Füßen, weil meine Stiefel dünne Sohlen hatten und durchnäßt waren. Nach dem Mittagessen stellte sich Schüttelfrost und Hitze ein; ich ging, aber, wie gewohnt, meiner Beschäftigung nach und spielte nach dem Tee mit Ljubotschka vierhändig. (Du wirst sie nicht wiedererkennen, solche Fortschritte hat sie gemacht.) Denke Dir mein Erstaunen, als ich bemerkte, daß ich nicht Takt halten konnte. Ein paarmal fing ich an zu zählen, aber es drehte sich alles in meinem Kopf, und ich hatte sonderbares Ohrensausen. Ich zählte: eins, zwei, drei, dann plötzlich acht, fünfzehn – ich fühlte, daß ich verkehrt zählte und konnte es doch nicht besser machen. Endlich kam Mimi mir zu Hilfe und brachte mich fast mit Gewalt zu Bett. Das ist, Liebling, mein ausführlicher Bericht, wie ich krank geworden, und daß ich selbst an allem schuld bin.

Den nächsten Tag hatte ich ziemlich starkes Fieber, und unser guter alter Iwan Wassilitsch kam, der bis jetzt bei mir weilt und mich bald zu entlassen verspricht. Ein prächtiger Alter, dieser Iwan Wassilitsch. Als ich Fieber hatte und phantasierte, hat er die ganze Nacht, ohne ein Auge zu schließen, an meinem Bett gesessen; jetzt, wo er weiß, daß ich schreibe, sitzt er mit den Mädchen im Diwanzimmer, und ich kann vom Schlafzimmer aus hören, wie er ihnen deutsche Märchen erzählt und sie vor Lachen vergehen wollen.

La belle Flamande, wie Du sie immer nennst, ist schon vierzehn Tage bei mir, da ihre Mutter irgendwo zum Besuch ist. Sie zeigt mir durch ihre Fürsorge aufrichtige Anhänglichkeit und vertraut mir all ihre Herzensgeheimnisse an. Bei ihrem hübschen Gesicht, ihrem guten Herzen und ihrer Jugend könnte ein in jeder Beziehung reizendes Mädchen aus ihr werden, wenn sie in gute Hände käme; in der Gesellschaft aber, in der sie lebt, geht sie, nach ihren Erzählungen zu urteilen, ganz zugrunde. Mir kam der Gedanke, wenn ich nicht soviel eigene Kinder hätte, täte ich ein gutes Werk, sie zu mir zu nehmen.

Ljubotschka wollte dir selbst schreiben, hat aber schon den dritten Bogen zerrissen und sagt: ›ich weiß, wie gern Papa spottet; wenn ich einen Fehler mache, zeigt er ihn allen.‹ Katja ist immer noch lieb, Mimi gut und langweilig.

Jetzt von etwas Ernstem. Du schreibst mir, Deine Geschäfte gingen in diesem Winter nicht gut; Du wärest genötigt, von dem Chabarower Geld zu nehmen. Es kommt mir sonderbar vor, daß Du dazu meine Zustimmung erbittest; was mir gehört, gehört doch auch Dir!

Du bist so gut, lieber Freund, daß Du aus Furcht, mich zu betrüben, die wirkliche Lage Deiner Geschäfte verheimlichst; ich errate aber, daß Du sicher sehr viel verloren hast und bin, das schwöre ich Dir, darüber nicht bekümmert. Wenn sich also die Sache noch gutmachen läßt, denke nicht weiter daran und quäle Dich nicht unnütz. Ich bin es gewohnt, für die Kinder nicht auf Dein Einkommen zu rechnen, ja, entschuldige, nicht einmal auf Dein Vermögen. Dein Gewinn freut mich ebensowenig, wie mich Dein Verlust betrübt; mich bekümmert nur Dein unseliger Hang zum Spiel, der mir einen Teil Deiner Anhänglichkeit raubt und mich nötigt, Dir so bittere Wahrheiten zu sagen wie jetzt. Gott weiß, wie weh mir das tut! Ich bitte ihn unaufhörlich um das eine, daß er uns behüte … nicht vor Armut (was ist Armut?), sondern vor dem schrecklichen Zustande, wo die Interessen der Kinder, die ich vertreten muß, mit den unsrigen kollidieren. Bis jetzt hat der Herr mein Gebet erhört – Du hast den Schritt nicht getan, nach welchem wir entweder das Vermögen opfern müssen, das schon nicht mehr uns, sondern unseren Kindern gehört, oder … es ist schrecklich, daran zu denken, aber dieses schreckliche Unglück bedroht uns stets. Ein schweres Kreuz, das Gott der Herr uns beiden auferlegt hat.

Du schreibst mir noch von den Kindern und kommst auf unseren alten Streit zurück; Du bittest mich, darein zu willigen, daß wir sie einer staatlichen Erziehungsanstalt übergeben. Du kennst meine Abneigung gegen eine öffentliche Erziehung; glaub mir, daß ist keine Kaprice, sondern meine Überzeugung, daß diese Erziehung schädlich und für junge Leute gefährlich ist. Ich bestreite nicht all die Vorteile, die für die Beamtenlaufbahn durch Verbindungen und Konnexionen entspringen; bestreite auch nicht, daß nur Kinder sogenannter besserer Familien diese Schule besuchen und daß man zu Hause den Kindern nicht solche Lehrer geben kann wie sie dort haben. Du wirst mir aber darin recht geben, daß es außer der Beamtenlaufbahn, Konnexionen und glänzenden Kenntnissen noch gute Grundsätze und feines, zartes Empfinden gibt, auf die man am meisten zu achten hat. Ich weiß, daß in den staatlichen Lehranstalten wohl auf die Sittlichkeit geachtet wird, aber es scheint mir unmöglich, auf alle Kinder gleichmäßig zu wirken; man muß die Richtung, die Neigungen, die vorangegangene Erziehung jedes Kindes kennen, um ihm gute Gefühle einzuflößen, damit es an das Gute glaubt und es liebt. Wie ist das bei gemeinsamer Erziehung möglich? Bei einem Kinde wirkt die Rute, beim anderen Zureden und Ermahnungen. Nur Mutter oder Vater, die schon deswegen, weil sie an den Kindern ihre eigenen Neigungen wahrnehmen und sie daher von kleinauf mit den Augen der Liebe beobachten, können ein Kind soweit begreifen, wie für die Erziehung nötig ist. Allen die gleichen moralischen Grundgedanken beibringen ist dasselbe, wie Ananas, Levkojen, Gurken und Jasmin in denselben Topf pflanzen. Wie gut man die Gewächse auch pflegt – die Hälfte oder die Mehrzahl geht sicher ein. Deswegen lachen die Kinder in öffentlichen Lehranstalten über alle Verhaltungsmaßregeln.

Da ein großer Teil der Kinder in staatlichen Erziehungsanstalten keine Sympathie für die trockenen Tugendregeln, die ihnen beigebracht werden, hat und haben kann, lachen sie innerlich und untereinander darüber und meiden das Schlechte nur aus Furcht vor Strafe. Glaub mir aber, ein Kind wird niemals über die Ermahnungen des Vaters lachen, oder über die Tränen der Mutter, die es betrübt hat. Gewohnt mit seinen Mitschülern über alles Gute und Edle zu spotten, vergißt es bald die feinen Gefühle, die ihm zu Hause beigebracht sind. Empfindsamkeit, die beste Fähigkeit der Seele, nämlich die, zu lieben und zu weinen, weicht dem Geist, der unter den Kameraden herrscht und der Forschheit. Religiöses Gefühl, Liebe zu Verwandten, Eltern, Mitleid mit dem Kummer und den Leiden anderer – all die besten Regungen, von denen ein unverdorbenes, kindliches Gemüt so voll ist und ohne die es kein wahres Glück gibt, erregen nur Spott und Verachtung. Dann aber, wenn kein einziges edles, zartes Gefühl, kein einziger fester, moralischer Grundbegriff mehr übriggeblieben ist, fühlt der Knabe das Verlangen, sich hinreißen zu lassen, und nun erscheint das Laster in tausend verschiedenen Formen. Er trachtet nach dem äußersten – in Tugend oder Laster: das hängt von der Richtung ab, die die Umgebung ihm zeigt – nichts hemmt ihn, und er begeht so schreckliche, schmutzige Handlungen, daß er entweder, um sein Gefühl und die Stimme des Gewissens zu betäuben, sich dem Laster ganz in die Arme wirft, oder, wenn er noch die Kraft besitzt, am Rande des Verderbens haltzumachen und die Gewissensbisse zu ertragen, hat er für immer genug zu tun, um wenigstens etwas von seiner Reinheit, Unschuld und Seelenruhe, die fast dahin sind, zu retten. Gewiß, es gibt Leute, die diesem Unglück aus dem Wege zu gehen wissen; es gibt auch solche, die sich schließlich mit ihren Erinnerungen abfinden und sie gnädigst wie Kinderstreiche betrachten, die keine Bedeutung haben. Ich möchte aber für meine Kinder das bessere Teil, möchte, daß sie ins Leben treten, ohne schlechtes Beispiel kennen gelernt zu haben, mit entwickeltem Verstand, festen, von kleinauf eingeflößten moralischen Grundsätzen, einem gestärkten Willen und besonders im Zustande der seelischen Reinheit und Unschuld, durch die sie jetzt so lieb und glücklich sind.

Ich weiß nicht, lieber Freund, ob Du mit mir übereinstimmst oder nicht; jedenfalls bitte ich, flehe ich Dich bei meiner Liebe zu Dir an, wenn Du mich ganz glücklich sehen willst, gib mir das Versprechen, weder bei meinen Lebzeiten, noch nach meinem Tode, wenn es Gott gefällt uns zu trennen, unsere Kinder in einer Lehranstalt unterzubringen.

Du schreibst mir, Du müßtest notwendig in Geschäften bald nach Petersburg reisen; Gott mit Dir, mein Freund; fahr hin und kehr recht bald zurück. Wir alle grämen uns, wenn Du nicht da bist! Der Frühling ist herrlich; wir haben die Balkontür schon vor vier Tagen geöffnet; der Weg zum Gewächshaus war ganz trocken, und die Pfirsiche standen in voller Blüte; nur hier und da noch Spuren von Schnee; die Schwalben sind da, und heute hat Ljubotschka mir vom Spaziergang die ersten Frühlingsblumen mitgebracht. Der Doktor sagt, in drei Tagen wäre ich ganz gesund und könnte die frische Luft atmen und mich in der Aprilsonne wärmen. Leb wohl, lieber Freund, beunruhige Dich bitte nicht, weder über meine Krankheit, noch über Deine Verluste, sondern bring Deine Angelegenheiten schnell zu Ende und komm mit den Kindern den ganzen Sommer zu uns. Ich mache herrliche Pläne, wie wir ihn verbringen wollen; zu ihrer Verwirklichung fehlst nur Du noch.«

Der folgende Teil des Briefes war mit ungleichmäßiger, enger Schrift, französisch auf einem anderen Stück Papier geschrieben. Ich übersetze ihn Wort für Wort:

»Glaub nicht, was ich Dir über meine Krankheit geschrieben habe; niemand ahnt, wie ernst sie ist; nur ich weiß, daß ich nicht mehr vom Bett aufstehen werde. Komm sofort, verlier keine Minute und bring die Kinder mit. Vielleicht kann ich Dich noch einmal umarmen und sie segnen; das ist mein letzter Wunsch. Ich weiß, welch schrecklicher Schlag diese Nachricht für Dich ist; aber früher oder später, von mir oder anderen würde er Dir doch zugefügt. Laß uns versuchen, dieses Unglück mit Festigkeit und Ergebung in den Willen Gottes zu ertragen. Hoffen wir auf seine Barmherzigkeit.

Glaub nicht, was ich Dir hier schreibe, seien Fieberphantasien einer Kranken; im Gegenteil: meine Gedanken sind in diesem Augenblick außerordentlich klar und ich bin ganz ruhig. Gib Dich nicht der Hoffnung hin, ich hätte mich geirrt, es seien trügerische unklare Vorgefühle einer ängstlichen Seele. Nein, ich fühle, ich weiß – weiß es deshalb, weil es Gott gefallen hat, mir alles zu offenbaren – daß ich nicht mehr lange zu leben habe.

Ob meine Liebe zu Dir und den Kindern mit dem Tode endet? Das sind Zweifel, die mich stets gequält haben; jetzt aber weiß ich bestimmt, daß das unmöglich ist. Ich fühle in diesem Augenblick meine Liebe zu Euch zu deutlich, um glauben zu können, daß das Gefühl, ohne das ich meine Existenz nicht begreife, jemals aufhören könnte. Meine Seele kann ohne die Liebe zu Euch nicht existieren; ich weiß aber, daß sie schon deswegen ewig bestehen wird, weil solch ein Gefühl wie meine Liebe nicht entstehen könnte, wenn sie jemals aufhören müßte. Jetzt bin ich fest überzeugt, daß, wenn ich nicht mehr bei Euch bin, meine Liebe doch niemals aufhört und Euch nicht verläßt. Dieser Gedanke ist so tröstlich für mein Herz, daß ich ruhig und ohne Furcht das Nahen des Todes erwarte. Ich bin ruhig; Gott weiß, daß ich den Tod stets als Übergang zu einem besseren Leben betrachtet habe; aber warum drohen Tränen mich zu ersticken? Warum werden die Kinder der geliebten Mutter beraubt? Warum wird Dir ein so schrecklicher, unerwarteter Schlag versetzt? Warum muß ich sterben, obgleich die Liebe mein Leben so unendlich glücklich gemacht hat? Warum? … Sein heiliger Wille geschehe!

Ich kann vor Tränen nicht weiterschreiben. Vielleicht sehe ich Dich nicht mehr; also danke ich Dir, mein teurer Freund, für alles Glück, daß Du mir in diesem Leben gegeben hast; ich werde dort Gott bitten, daß Er Dich belohnt. Leb wohl, lieber Freund, denk daran, daß, obgleich ich nicht mehr bin, meine Liebe zu Dir Dich nie und nirgends verläßt.

Leb wohl, Wolodja; leb wohl, mein Engel; leb wohl mein Benjamin, Nikolas! Werden die Kinder mich wirklich je vergessen?!« –

In diesem Brief lag ein gewandter und gefühlvoller Brief Mimis folgenden Inhalts:

»Les tristes sentiments dont elle vous parle ne sont que trop appuyés par les paroles du docteur. Hier dans la nuit elle a demandé qu'on envoie tout de suite cette lettre à la poste. Croyant que dans ce moment elle était en délire, j'ai attendu jusqu'à ce matin et j'ai osé la décacheter. A peine l'avais-je expédiée que Natalja Nikolajewna me demanda ce que j'avais fait de la lettre, et m'ordonna de la brûler, si elle n'était pas partie. Elle ne cesse d'en parier, même en délire et prétend que cette lettre doit vous tuer.

Ne mettez donc pas de retard à votre voyage, si vous voulez voir cet ange, avant qu'il vous quitte.

Excusez ce griffonage, je n'ai pas dormi trois nuits. Vous savez si je l'aime!«2

Natalie Sawischna, die vom 11. April die ganze Nacht in Mamas Schlafzimmer verbracht hatte, erzählte mir, Mama hätte nach Beendigung des ersten Teiles den Brief neben sich auf den Nachttisch gelegt und sei eingeschlafen. »Ich selbst,« sagte Natalie Sawischna, »nickte im Lehnstuhl ein, und der Strickstrumpf fiel mir aus der Hand. Da höre ich im Schlaf – es war so um ein Uhr – daß sie mit jemandem spricht. Ich öffne die Augen und sehe, daß mein Täubchen im Bett sitzt, hat die Hände gefaltet und Tränen fließen in Strömen aus ihren Augen. ›Also ist alles zu Ende,‹ sagt sie und bedeckt ihr Gesicht mit den Händen.

Ich sprang auf und fragte: ›Was ist Ihnen?‹

›Ach, Natalie Sawischna, wenn Sie wüßten, wen ich soeben gesehen habe!‹

Soviel ich auch fragte, sie sagte mir nichts weiter, befahl nur, den Tisch heranzurücken, schrieb noch etwas, hieß mich den Brief in ihrer Gegenwart siegeln und sofort befördern. Danach wurde es schlimmer und schlimmer.«

28. Was uns auf dem Lande erwartete.

Am 15. April stiegen wir an der Treppe von Petrowskoie aus der Reisekutsche.

Bei der Abfahrt aus Moskau war Papa sehr nachdenklich, und als Wolodja ihn fragte, ob Mama vielleicht krank sei, blickte er ihn traurig an und nickte mit dem Kopf. Unterwegs beruhigte sich Papa merklich; als wir uns aber dem Hause näherten, wurde sein Gesicht immer trauriger, und beim Aussteigen, als er den keuchend herumlaufenden Foka fragte: »Wo ist meine Frau?« war seine Stimme unsicher, und in seinen Augen standen Tränen. Der gute alte Foka schlug, nach einem verstohlenen Blick auf uns, die Augen nieder, öffnete die Flurtür, wandte sich ab und sagte:

»Schon sechs Tage hat die gnädige Frau das Schlafzimmer nicht verlassen.«

Milka, die, wie ich später erfuhr, seit dem Tage, an welchem Mama erkrankte, unaufhörlich heulte, stürzte Papa freudig entgegen, sprang an ihm in die Höhe, winselte, leckte ihm die Hände; aber er stieß sie fort und ging ins Gastzimmer; von dort ins Diwanzimmer, dessen Tür direkt ins Schlafzimmer führte. Je näher er diesem Zimmer kam, desto deutlicher war seine Unruhe an der ganzen Körperhaltung zu erkennen. Beim Eintritt ins Diwanzimmer ging er auf den Zehenspitzen, wagte kaum zu atmen und bekreuzigte sich, bevor er den Griff der geschlossenen Tür anzurühren wagte. Im selben Augenblick kam aus dem Korridor verweint und unfrisiert Mimi gelaufen.

»Ach, Peter Alexandrowitsch!« flüsterte sie mit dem Ausdruck echter Verzweiflung, und fügte dann, bemerkend, daß Papa die Türklinke niederdrückte, kaum hörbar hinzu: »hier geht es nicht – durchs Kinderzimmer ist der Eingang.«

O, wie schwer wirkte das alles auf meine kindliche Phantasie, die bereits von schrecklichen Vorahnungen erfüllt war.

Wir gingen ins Mädchenzimmer. Auf dem Korridor begegnete uns der verrückte Akim, der uns stets durch seine Grimassen amüsiert hatte; aber in diesem Augenblick schien er mir durchaus nicht lächerlich, ja sein geistlos-gleichgültiges Gesicht berührte mich direkt schmerzlich. Die beiden Mädchen im Mädchenzimmer saßen bei einer Arbeit; sie erhoben sich bei unserem Anblick mit so gezwungen-traurigem Ausdruck, daß ich mich über ihre Verstellung schrecklich ärgerte. Nachdem wir noch Mimis Zimmer passiert hatten, öffnete Papa die Tür zum Schlafzimmer, und wir traten ein.

Die beiden Fenster rechts von der Tür waren mit Holzschalen besetzt und mit Tüchern verhängt. An einem Fenster saß Natalie Sawischna mit der Brille auf der Nase, strickend. Sie küßte uns nicht wie gewöhnlich, sondern stand nur auf und sah uns durch die Brille an, wobei ihr die hellen Tränen aus den Augen flossen. Es gefiel mir gar nicht, daß alle bei unserem Anblick weinten, während sie vordem ganz ruhig gewesen waren.

Links von der Tür stand ein Wandschirm, dahinter das Bett, der Nachttisch, ein Schränkchen mit Arzeneien und ein großer Sessel, auf welchem der Doktor schlummerte. Neben dem Bett stand ein junges, blondes, auffallend schönes Mädchen in weißem Morgenrock, die Ärmel ein wenig aufgestreift, und legte Mama, die ich in diesem Augenblick nicht sah, Eis auf den Kopf. Das war »la belle Flamande«, von der Mama geschrieben hatte, und die später im Leben unserer Familie eine so wichtige Rolle spielte. Sobald sie uns sah, nahm sie eine Hand von Mamas Kopf und zog die Falten ihres Morgenrockes auf der Brust zurecht; dann flüsterte sie traurig, fast unmerklich lächelnd: »Sie schläft jetzt.«

Ich war in diesem Augenblick tief betrübt, bemerkte aber unwillkürlich alle Einzelheiten; ich sah das an Papas Adresse gerichtete verführerische Lächeln des Mädchens und den flüchtigen Blick, den Papa dicht vor dem Bett auf ihre schönen, halb entblößten Arme warf.

Im Zimmer war es heiß, fast dunkel, und es roch gleichzeitig nach Pfefferminz, Eau de Cologne, Kamillen und Hoffmannstropfen. Dieser Geruch wirkte so auf mich, daß meine Phantasie, wenn ich ihn auch nicht mehr spüre, sondern nur daran denke, mich unverzüglich in dieses dunkle, schwüle Zimmer versetzt und mir die geringfügigsten Einzelheiten dieser schrecklichen Minute in die Erinnerung zurückruft.

Mamas Augen waren offen, aber sie sah nichts. Nie werde ich diesen schrecklichen Blick vergessen. Er drückte entsetzliche Leiden aus. Man brachte uns fort.

Als ich später Natalie Sawischna nach Mamas letzten Augenblicken fragte, erzählte sie mir: »Nachdem man euch weggebracht hatte, wälzte sie sich noch lange hin und her, als wenn sie gerade hier an dieser Stelle etwas drückte; dann sank ihr Kopf auf das Kissen, und sie schlief so sanft und ruhig ein, wie ein himmlischer Engel.

Nur einen Augenblick bin ich hinausgegangen, um zu sehen, warum das Getränk nicht kommt – da hat sie, als ich zurückkomme, schon alles auf dem Bett durcheinander geworfen und winkt den Papa zu sich heran; der beugt sich über sie, sie hatte aber offenbar nicht mehr die Kraft zu sagen, was sie wollte; sie öffnet nur die Lippen und beginnt wieder zu stöhnen: ›Ach Gott, mein Gott! Die Kinder! Die Kinder!‹ Ich wollte nach euch laufen, aber Iwan Wassilitsch hielt mich zurück und sagte, es beunruhige sie nur noch mehr; lieber nicht. Dann hob sie nur noch die Hand und ließ sie sinken; was sie damit sagen wollte, weiß Gott allein. Ich denke mir, daß sie euch dadurch abwesend segnete, da Gott ihr nicht beschieden hatte, vor ihrem Ende die Kinder noch einmal zu sehen.

Dann erhob sie sich, mein Täubchen, machte so mit der Hand und sprach mit einer Stimme, daß ich nicht mehr daran denken kann, plötzlich: ›Mutter Gottes, verlaß sie nicht! …‹

Dann trat ihr das Weh ans Herz – man sah den Augen an, daß die Ärmste sich schrecklich quälte; sie fiel auf die Kissen, biß in das Bettuch und ihre Tränen flossen ununterbrochen.«

»Und dann?« fragte ich.

Natalie Sawischna konnte nicht weiter sprechen; sie wandte sich ab und weinte bitterlich.

Mama starb unter schrecklichen Qualen.

Warum litt sie? Warum …

29. Trauer.

Am nächsten Tage, spät abends, wollte ich sie noch einmal sehen. Das unwillkürliche Angstgefühl überwindend, öffnete ich leise die Tür und trat auf Zehenspitzen in den Saal.

Mitten im Zimmer stand der Sarg auf einem Tisch; ringsum heruntergebrannte Lichter in hohen silbernen Leuchtern; in einer entfernten Ecke saß der Küster und las halb im Schlaf mit leiser, gleichmäßiger Stimme den Psalter.

Ich blieb an der Tür stehen und schaute hin; aber meine Augen waren so verweint und meine Nerven so zerrüttet, daß ich nichts unterscheiden konnte. Licht, Brokat, Samt, die hohen Leuchter, das spitzenbesetzte rosa Kissen, das Stirnband, die Haube mit Bändern und noch etwas Durchsichtiges, Wachsfarbenes – alles floß ineinander. Ich stieg auf einen Stuhl, um ihr Gesicht zu sehen; aber an der Stelle, wo es sein mußte, war wieder das blaßgelbliche, durchsichtige Etwas. Ich konnte nicht glauben, daß das ihr Gesicht sei; ich blickte unverwandt hin und unterschied allmählich die bekannten, lieben Züge. Als ich mich überzeugte, daß sie es war, fuhr ich vor Schreck zusammen. Warum waren die geschlossenen Augen so eingefallen? Woher diese schreckliche Blässe und der schwärzliche Fleck unter der durchsichtigen Haut auf einer Wange? Warum war der ganze Gesichtsausdruck so streng und kalt? warum die Lippen so blaß und ihre Linie so schön, majestätisch, überirdisch ruhig, daß mich kalter Schreck bei ihrem Anblick überlief?

Ich schaute hin und fühlte, daß eine rätselhafte, unbezwingliche Macht meine Blicke an dieses schöne, leblose Antlitz fesselte. Ich wandte kein Auge von ihr, und meine Phantasie malte mir Bilder voll Leben und Glück. Ich vergaß, daß der Leichnam, der vor mir lag und den ich stumpfsinnig wie irgendeinen Gegenstand anstarrte, der nichts mit meinen Erinnerungen zu tun hatte, – sie war. Ich stellte mir die Mutter bald in diesem, bald in jenem Zustande vor – lebend, heiter, lächelnd; dann überraschte mich plötzlich ein Zug in dem blassen Gesicht, auf welches meine Blicke gerichtet waren – mir fiel die schreckliche Wirklichkeit ein, ich zuckte zusammen, wandte aber die Augen nicht ab. Und wieder traten Träume an Stelle der Wirklichkeit, und das Bewußtsein der Wirklichkeit zerstörte die Träume. Endlich war die Phantasie ermüdet; sie betrog mich nicht mehr; das Wirklichkeitsbewußtsein verschwand ebenfalls; ich war nicht mehr bei mir selbst.

Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand dauerte, weiß nicht, worin er bestand; ich weiß nur, daß ich eine Zeitlang das Bewußtsein meiner Existenz verlor und einen unerklärlich hohen und zugleich traurigen Genuß empfand.

Vielleicht blickte ihre reine Seele auf dem Fluge zur besseren Welt mit Kummer auf diese hernieder, in der sie uns zurückließ; sie sah meinen Schmerz, empfand Erbarmen mit ihm und ließ sich auf den allmächtigen Schwingen der Liebe mit himmlischem Lächeln des Mitleids auf die Erde nieder, um mich zu trösten und zu segnen.

Die Tür knarrte; ein Küster trat ein, um den anderen abzulösen. Dieses Geräusch ernüchterte mich, und der erste Gedanke, der mir kam, war, daß der Küster, da ich nicht weinte und in einer Stellung, die nichts Rührendes an sich hatte, auf einen Stuhl gestiegen war, mich für einen gefühllosen Jungen halten müsse, der aus Mutwillen oder Neugierde hinaufgeklettert war. Infolgedessen bekreuzigte ich mich, verneigte mich zur Erde und begann aus Gewohnheit zu weinen.

Wenn ich jetzt an meine Eindrücke denke, finde ich, daß nur diese Minute des Selbstvergessens wirkliche Trauer war. Vor und nach dem Begräbnis hörte ich nicht auf zu weinen und traurig zu sein; aber ich schäme mich, an diese Traurigkeit zu denken, weil stets ein eigennütziges Gefühl dabei war; bald der Wunsch zu zeigen, daß ich trauriger sei als alle anderen, bald die Sorge um die Wirkung, die ich auf andere ausübte; dann zwecklose Neugierde, die mich veranlaßte, Betrachtungen über die Stiefel des Küsters, Mimis Haube und die Gesichter der Anwesenden anzustellen. Ich verachtete mich, weil ich nicht ausschließlich das eine Gefühl der Trauer empfand und suchte alle anderen Gefühle zu verbergen; deswegen war meine Trauer unaufrichtig und unnatürlich. Außerdem empfand ich eine Art Genuß im Bewußtsein meines Unglücks, suchte dieses Bewußtsein in mir wachzurufen, und dieses egoistische Gefühl erstickte am meisten dasjenige wahrer Trauer.

Nachdem ich diese Nacht, wie stets nach starkem Kummer, fest und ruhig geschlafen, wachte ich mit getrockneten Tränen und beruhigten Nerven auf. Um zehn Uhr wurden wir zur Totenmesse vor der Beerdigung geholt. Das Zimmer war voll von Hofgesinde und Bauern, die unter Tränen von ihrer Herrin Abschied nehmen wollten. Ich ärgerte mich über ihre Tränen und traurigen Gesichter, ärgerte mich beim Gedanken, daß mein Weh geradeso ausgedrückt wurde.

Während der Messe weinte ich, wie es sich gehört, bekreuzigte und verneigte mich bis zur Erde; ich betete aber nicht und war im Herzen ziemlich gleichgültig. Es verdroß mich, daß der neue Frack, den man mir angezogen hatte, unter der Achsel kniff; ich achtete darauf, beim Knien die Hose nicht zu beschmutzen und beobachtete insgeheim alle Anwesenden. Papa stand am Kopfende des Sarges; er war blaß wie ein Leinentuch und hielt nur mit merklicher Anstrengung die Tränen zurück. Seine hohe Gestalt im schwarzen Frack, sein blasses, ausdrucksvolles Gesicht und seine stets sicheren und ausdrucksvollen Bewegungen, wenn er sich bekreuzigte, verbeugte, mit der Hand den Boden berührte, ein Licht aus der Hand des Küsters entgegennahm oder an den Sarg trat – waren sehr effektvoll; aber ich weiß nicht wie es kam, mir gefiel gerade das nicht, daß er in diesem Augenblick so schön und erhaben sein konnte. Mimi stand gegen die Wand gelehnt und schien sich kaum auf den Beinen zu halten; ihr Kleid war zerknüllt und voller Daunen, die Haube auf die Seite gerutscht, die Augen rot und geschwollen, der Kopf wackelte; sie schluchzte fortwährend herzzerreißend und bedeckte ihr Gesicht häufig mit Schnupftuch und Händen. Mir kam es vor, als wenn sie das tat, um ihr Gesicht vor den Zuschauern zu verbergen und einen Augenblick von dem verstellten Schluchzen auszuruhen. Ich erinnerte mich, daß sie tags zuvor Papa gesagt hatte, Mamas Tod sei für sie ein so schwerer Schlag, daß sie ihn wahrscheinlich nicht ertragen würde; er hätte ihr alles geraubt; der Engel (so nannte sie Mama) hätte sie vor dem Tode nicht vergessen und den Wunsch geäußert, ihre und Katjas Zukunft für immer zu sichern. Sie vergoß bittere Tränen bei dieser Erzählung, und vielleicht war ihr Kummer aufrichtig; aber er war nicht rein und selbstlos.

Ljubotschka im schwarzen Kleid mit Trauerbesatz senkte ihr verweintes Köpfchen und blickte bisweilen auf den Sarg; dabei drückte ihr Gesicht kindliche Furcht aus. Katja stand neben ihrer Mutter und war trotz des verzogenen Gesichtes rosig wie immer.

Wolodja war bei seiner offenen Natur auch in der Trauer aufrichtig; bald stand er nachdenklich, regungslos auf einen Gegenstand starrend; dann wieder verzog sich plötzlich sein Mund, und er bekreuzigte und verneigte sich schnell. Alle Fremden, die bei der Beerdigung zugegen waren, kamen mir unerträglich häßlich vor. Die Trostworte, die sie Papa sagten, – ihr würde dort besser sein, sie wäre nicht für diese Welt bestimmt – erregten eine Art Wut in mir. Welches Recht hatten sie, von ihr zu sprechen und zu jammern? Einige nannten uns Waisen. Als ob man ohne sie nicht wüßte, daß Kinder, die keine Mutter haben, so benannt werden. Es machte ihnen wahrscheinlich Vergnügen, uns zuerst so zu nennen, wie man es eilig hat, ein Mädchen nach der Hochzeit mit »Frau« anzureden.

In einer entfernten Saalecke, fast hinter der offenen Büfettür, lag ein gebücktes, altes Weib auf den Knien. Mit gefalteten Händen, die Augen gen Himmel gerichtet, betete sie ohne Tränen. Ihre Seele strebte zu Gott; sie bat ihn, sie mit der zu vereinigen, die sie am meisten auf der Welt geliebt hatte und hoffte bestimmt, daß das bald der Fall sein würde.

Die hat sie wahrhaft geliebt, dachte ich und schämte mich.

Die Totenmesse war zu Ende; das Gesicht der Verstorbenen wurde enthüllt, und alle Anwesenden, mit Ausnahme von uns, traten nacheinander an den Sarg, um ihn zu küssen.

Als eine der letzten trat eine Bäuerin mit einem hübschen fünfjährigen Mädchen auf dem Arm heran, das sie, Gott weiß warum, mitgebracht hatte. In diesem Augenblick ließ ich unversehens mein feuchtes Taschentuch fallen und wollte es aufheben. Kaum hatte ich mich gebückt, da drang ein sonderbarer, durchdringender Schrei an mein Ohr, ein Schrei, der solch fürchterliches Entsetzen ausdrückte, daß, wenn ich hundert Jahre alt würde, ich ihn nie vergäße, und wenn ich daran denke, mir stets kalte Schauer durch den Körper rinnen. Ich richtete mich auf – auf einem Schemel neben dem Sarg stand jene Bäuerin und konnte das kleine Mädchen kaum auf den Armen halten; mit den Händen abwehrend und das schreckensstarre Gesichtchen zurückgeworfen, hatte die Kleine ihre Augen auf das Antlitz der Toten gerichtet und schrie mit entsetzlicher, unnatürlicher Stimme. Da stieß ich einen wahrscheinlich noch schrecklicheren Schrei aus und lief aus dem Zimmer.

Erst in diesem Augenblick begriff ich, woher der beklemmend starke Geruch kam, der mit Weihrauchduft vermischt, das Zimmer erfüllte. Der Gedanke, daß das vor einigen Tagen noch so schöne, zarte, von mir über alles in der Welt geliebte Gesicht Abscheu und Schrecken einflößen konnte, hatte mir zum erstenmal eine bittere Wahrheit enthüllt und meine Seele mit Verzweiflung erfüllt.

30. Weitere, die letzten traurigen Erinnerungen.

Mama war nicht mehr; unser Leben aber ging ganz den alten Gang. Wir gingen zu Bett und standen auf um dieselbe Zeit und in denselben Zimmern; Morgentee, Abendtee, Mittagessen, Abendessen – alles zur gewohnten Zeit; Tische und Stühle standen auf demselben Fleck, nichts im Hause, nichts an unserer Lebensweise hatte sich geändert; nur sie war nicht mehr.

Mir schien aber, nach einem solchen Unglück müßte alles neue Form annehmen; unsere gewöhnliche Lebenseinteilung kam mir wie eine Beleidigung ihres Andenkens vor und erinnerte zu sehr an ihr Fehlen. Jetzt liebe ich diese traurigen Erinnerungen; damals fürchtete ich sie und suchte sie fernzuhalten.

Am Tage vor der Beerdigung wollte ich nach dem Mittagessen schlafen und ging in Natalie Sawischnas Zimmer; dort wollte ich auf ihrem Bett, auf dem weichen Daunenkissen unter der warmen Steppdecke ruhen. Als ich eintrat, lag sie selbst auf dem Bett und schlief. Beim Geräusch meiner Schritte erhob sie sich, warf die Wolldecke, mit der der Kopf zum Schutz vor den Fliegen bedeckt war, zurück und setzte sich, die Haube zurechtrückend und die Augen reibend, auf den Bettrand.

Da ich schon früher ziemlich häufig nach dem Essen in ihr Zimmer gekommen war, um zu schlafen, erriet sie meine Absicht und sagte, sich vom Bettrand erhebend: »Sie wollten sicher etwas ruhen, Liebling. Legen Sie sich nur hin.«

»Was fällt Ihnen ein, Natalie,« sagte ich und faßte sie an der Hand, »ich denke nicht daran … bin nur so gekommen; Sie sind selbst müde, legen Sie sich lieber hin.«

»Nein, Freundchen, ich habe schon ausgeschlafen,« sagte sie – dabei wußte ich, daß sie drei Tage und Nächte nicht geschlafen hatte. »Mir ist auch jetzt nicht nach Schlafen zumute,« schloß sie mit einem tiefen Seufzer.

Ich hatte den Wunsch, mit Natalie Sawischna über unser Unglück zu sprechen; ich kannte ihre aufrichtige Liebe; deswegen war das Weinen mit ihr für mich ein Trost.

»Natalie Sawischna,« sagte ich nach kurzem Schweigen und setzte mich auf das Bett, »hatten Sie das erwartet?«

Die Alte sah mich verständnislos und neugierig an; wahrscheinlich begriff sie nicht, weshalb ich sie danach fragte.

»Wer hätte das erwartet,« wiederholte ich.

»Ach, mein Kind,« sagte sie mit einem Blick zärtlichsten Mitgefühls, »nicht erwartet – ich kann auch jetzt noch nicht daran denken. Was mich alte Frau betrifft, wäre es längst an der Zeit, die müden Knochen zur Ruhe zu bringen, denn was habe ich nicht schon erlebt! Den alten Herrn, Ihren Großvater, Gott hab ihn selig, den Fürsten Nikolai Michailowitsch, zwei Brüder, meine Schwester Anuschka – alle habe ich begraben, und alle waren jünger als ich, mein Freund. Jetzt aber muß ich, offenbar meiner Sünden wegen, auch noch sie überleben! Es war Sein heiliger Wille! Er hat sie zu sich genommen, weil sie würdig war und weil Er auch im Jenseits Gute braucht.«

Dieser einfache Gedanke tröstete mich; ich rückte näher an Natalie Sawischna heran. Sie faltete die Hände auf der Brust und blickte aufwärts; ihre eingefallenen feuchten Augen drückten tiefe, aber ruhige Trauer aus. Ihre feste Hoffnung war, Gott würde sie nicht allzulange von der trennen, auf die sie so viele Jahre die ganze Kraft ihrer Liebe verwandt hatte.

»Ja, mein Liebling, es ist wohl schon lange her, daß ich sie gewiegt, in Windeln gewickelt habe und daß sie mich ›Nascha‹ nannte. Wie oft kam sie zu mir gelaufen, schlang ihre Arme um mich und plapperte unter Küssen: ›Mein Naschachen, meine Süße, was bist du für eine Pute!‹ Ich machte bisweilen Scherz und sagte: ›Nicht wahr, Liebling; du liebst mich gar nicht; werde nur erst groß, dann heiratest du und vergißt deine Nascha.‹ Dann dachte sie wohl nach: ›Nein,‹ meinte sie, ›ich will lieber nicht heiraten, wenn ich Nascha nicht mitnehmen kann; Nascha werde ich nie verlassen.‹ Nun hat sie es dennoch getan und hat nicht auf mich gewartet. Und wie hat sie mich geliebt, die Verstorbene! Wen hat sie überhaupt nicht geliebt? Ja, Liebling, Ihre Mutter dürfen Sie nicht vergessen; sie war kein Mensch, sondern ein Engel vom Himmel. Wenn ihre Seele im Himmelreich angekommen sein wird, wird sie euch auch dort lieben und sich über euch freuen.«

»Warum sagen Sie: wenn sie angekommen sein wird, Natalie Sawischna? Ich denke, sie ist jetzt schon da.«

»Nein, Liebling,« meinte Natalie, die Stimme dämpfend und rückte mir auf dem Bette näher, »jetzt ist ihre Seele hier,« dabei deutete sie auf die Zimmerdecke. Sie sprach fast im Flüsterton mit solcher Überzeugung, daß ich unwillkürlich den Blick aufwärts richtete, den Fries ansah und etwas suchte. »Sehen Sie, mein Liebling, das will ich Ihnen sagen,« fuhr die Alte fort, »zwei Wochen nach dem Tode bleibt die Seele in ihrem Hause und fliegt hier überall herum; nur sieht man sie nicht; nach vierzehn Tagen hat sie die erste Prüfung zu bestehen, dann die zweite, die dritte und so geht es vierzig Tage. Wenn sie alle bestanden hat, erst dann läßt sie sich im Himmelreich nieder.«

Sie sagte das alles so einfach und zuverlässig, als wenn sie die gewöhnlichsten Dinge erzählte, die sie selbst gesehen und die niemand auch nur im geringsten bezweifeln könnte. Ich hörte ihr mit stockendem Atem zu, und obgleich ich nicht recht verstand was sie sagte, glaubte ich ihr vollkommen.

»Ja, mein Kind, jetzt ist sie hier, sieht auf uns und hört vielleicht, was wir reden,« schloß Natalie Sawischna, senkte den Kopf und schwieg. Sie mußte weinen; um die Tränen abzutrocknen, stand sie auf, sah mir gerade ins Gesicht und sagte mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte: »Um wieviele Stufen hat Gott mich hierdurch sich näher gebracht. Was bleibt mir jetzt noch übrig? Für wen soll ich leben? Wen soll ich lieben?«

»Lieben Sie uns denn gar nicht?« rief ich vorwurfsvoll und enthielt mich kaum der Tränen.

»Gott weiß, wie ich euch liebe, mein Täubchen; aber so wie sie kann und werde ich niemanden mehr lieben.«

Sie konnte nicht weitersprechen, wandte sich ab und brach in lautes Schluchzen aus.

Ich dachte nicht mehr an Schlaf; wir saßen uns schweigend gegenüber und weinten beide.

Foka trat ins Zimmer; da er unseren Zustand bemerkte und wahrscheinlich nicht stören wollte, blieb er schweigend mit schüchternen Blicken in der Tür stehen.

»Was willst du, Foka?« fragte Natalie Sawischna, die Tränen trocknend.

»Anderthalb Pfund Rosinen, vier Pfund Zucker und drei Pfund Reis zum Leichenschmaus.«

»Sofort, sofort, Freund,« sagte Natalie Sawischna, nahm schnell eine Prise und trippelte zum Vorratskasten. Die letzten Spuren des durch unsere Unterhaltung hervorgerufenen Kummers verschwanden, als sie ihre Tätigkeit begann, die ihr wichtig erschien.

»Wozu vier Pfund?« fragte sie brummig, den Zucker hervorholend und auf der Schnellwage abwiegend, »dreieinhalb Pfund sind genug,« dabei nahm sie ein paar kleine Gewichtstücke fort.

»Was soll denn das heißen; gestern erst hab' ich acht Pfund Reis ausgegeben, und nun wird schon wieder welcher verlangt. Mach, was du willst, Foka Demidytsch, aber Reis gebe ich nicht. Wanka freut sich wohl, daß im Hause alles drunter und drüber geht und denkt, man merkt es nicht. Nein, mit dem Herrschaftsgut wird nicht geschleudert. Ist das wohl erhört: acht Pfund Reis.«

»Was soll ich machen? Er sagt, alles sei draufgegangen.«

»Na, dann nimm! Er soll daran ersticken!«

Mich überraschte damals dieser plötzliche Übergang von der Rührung in der Unterhaltung mit mir zur Brummigkeit und kleinlichen Berechnung. Bei späterem Nachdenken verstand ich, daß Natalie trotz der seelischen Erregung noch genug Geistesgegenwart besaß, um ihre Arbeit zu verrichten, zu der die Macht der Gewohnheit sie hinzog. Der Kummer wirkte so stark auf sie, daß sie es nicht für nötig hielt zu verbergen, daß sie es vermöchte, sich auch noch mit anderen Dingen zu beschäftigen; sie hätte wahrscheinlich gar nicht verstanden, wie man so etwas denken könne.

Eitelkeit ist das mit aufrichtiger Trauer am wenigsten zu vereinigende Gefühl; dabei ist diese Eigenschaft der menschlichen Natur so tief eingeimpft, daß selbst die stärkste Trauer sie kaum unterdrücken kann. Eitelkeit in der Trauer äußert sich in dem Wunsch, entweder sehr betrübt, oder unglücklich, oder besonders fest zu erscheinen; und dieses niedrige Verlangen, das wir nicht eingestehen, das uns aber fast nie, selbst beim heftigsten Schmerz nicht verläßt, nimmt unserem Kummer jede Kraft, Würde und Aufrichtigkeit. Natalie Sawischna war von dem Unglück so tief betroffen, daß in ihrem Innern kein Wunsch übriggeblieben war und daß sie nur aus Gewohnheit weiterlebte.

Nachdem sie Foka die verlangten Dinge ausgeliefert und an den Kuchen erinnert hatte, der für die Popen gebacken werden müsse, entließ sie ihn, nahm ihren Strumpf vor und setzte sich wieder neben mich.

Die Unterhaltung betraf wieder denselben Gegenstand; wir weinten abermals und trockneten unsere Tränen.

Die Gespräche mit Natalie Sawischna wiederholten sich jeden Tag; ihr stilles Weinen und die ruhigen frommen Reden verschafften mir Trost und Erleichterung.

Aber bald wurden wir getrennt; drei Tage nach dem Begräbnis siedelten wir mit dem ganzen Hause nach Moskau über, und es war mir nicht bestimmt, Natalie je wiederzusehen.

Großmutter erfuhr die Schreckenskunde erst bei unserer Ankunft. Ihr Schmerz war außerordentlich. Wir wurden nicht zu ihr gelassen, da sie eine ganze Woche lang ohne Bewußtsein lag. Die Ärzte waren um ihr Leben besorgt, weil sie nicht nur keine Arzenei nahm, sondern mit niemandem sprach, nicht schlief und nichts genoß. Bisweilen saß sie in ihrem Zimmer allein auf ihrem Sessel, begann plötzlich zu lachen, dann ohne Tränen zu schluchzen, bekam Krämpfe und schrie unnatürlich laut unsinnige oder schreckliche Worte. Es war der erste starke Kummer, der sie traf, und dieser äußerte sich in Wut und Haß gegen Gott und Menschen. Sie mußte jemanden haben, dem sie ihr Unglück zum Vorwurf machte, und nun sprach sie entsetzliche Worte, fluchte Gott, ballte die Fäuste, drohte jemandem heftig, sprang von ihrem Sessel auf, ging mit großen schnellen Schritten durchs Zimmer und fiel dann ohnmächtig zu Boden.

Einmal betrat ich ihr Zimmer. Sie saß wie gewöhnlich auf ihrem Sessel und war anscheinend ruhig; aber ihr Blick machte mich stutzig. Die Augen waren weit offen, der Ausdruck aber unbestimmt und stumpf; sie sah mich gerade an, erkannte mich aber offenbar nicht. Ihre Lippen begannen langsam zu lächeln, und sie sprach mit rührender, zarter Stimme: »Komm her, mein Liebling, komm mein Engel …«

Ich glaubte, sie spräche zu mir und trat näher; aber sie sah mich nicht an.

»Ach, wenn du wüßtest, mein Herz, wie ich mich gequält habe und wie ich mich freue, daß du gekommen bist …« Da wurde mir klar, daß sie sich einbildete, Mama zu sehen, und ich blieb stehen.

»Dabei hat man mir gesagt, du wärest nicht mehr,« fuhr sie stirnrunzelnd fort. »Dieser Unsinn! Wie kannst du vor mir sterben!« Sie lachte schrecklich, hysterisch.

Nur Menschen, die starker Liebe fähig sind, können schweres Leid durchmachen; dieses Liebesbedürfnis aber bildet bei ihnen ein Gegengewicht für Kummer und lindert ihre Schmerzen.

Daher kommt es, daß die moralische Natur des Menschen noch lebenskräftiger ist als die physische, und daß Kummer niemals tötet.

Nach einer Woche war Großmutter imstande zu weinen, und ihr wurde besser. Ihr erster Gedanke, als sie zu sich kam, waren wir; ihre Liebe zu uns nahm noch zu. Wir wichen nicht von ihrem Sessel; sie weinte still vor sich hin, sprach von Mama und streichelte uns zärtlich.

Niemandem, der Großmutters Kummer sah, konnte der Gedanke kommen, daß sie ihn übertrieb. Der Ausdruck dieses Kummers war stark und rührend. Trotzdem, ich weiß nicht wie es kam, fühlte ich mich mehr zu Natalie Sawischna hingezogen, und ich bin bis jetzt überzeugt, daß niemand Mama so rein und aufrichtig geliebt und beweint hat, wie dieses einfache, hingebende Wesen.

Mit Mamas Tode endete für mich die glückliche Zeit der Kindheit, und es begann eine neue Epoche – die des Knabenalters. Da aber die Erinnerungen an Natalie Sawischna, die ich nicht wieder sah, die aber einen so starken und wohltätigen Einfluß auf meine Richtung und mein Empfinden ausübte, der ersten Epoche angehören, will ich noch einige Worte über Natalie und ihren Tod sagen.

Nach unserer Abreise litt sie, wie mir später Leute erzählten, die auf dem Lande blieben, sehr unter der Untätigkeit. Obgleich alle Kisten und Kasten unter ihrer Obhut standen, und sie unablässig darin kramte, sie umpackte, wog, verteilte, fehlten ihr doch der Lärm und das Getriebe des von der Herrschaft bewohnten Landhauses, an welche sie von kleinauf gewöhnt war. Der Kummer, die veränderte Lebensweise und das Fehlen der Sorgen entwickelten bei ihr bald eine Alterskrankheit, zu der sie neigte. Gerade ein Jahr nach Mutters Tode bekam sie die Wassersucht und legte sich ins Bett.

Ich glaube, das einsame Leben in dem großen, öden Hause von Petrowskoie, ohne Verwandte und Freunde, wurde Natalie Sawischna schwer. Und noch schwerer der Tod. Alle Hausangehörigen liebten und verehrten Natalie, aber sie unterhielt mit niemandem Freundschaft und war stolz darauf. Sie war der Meinung, daß bei ihrer Stellung als Wirtschafterin, die das Vertrauen ihrer Herrschaft genoß und so viele Kasten mit jeglichem Gut unter sich hatte, Freundschaft mit irgend jemandem zu Parteilichkeit und strafbarer Nachlässigkeit führen müsse; deswegen, oder vielleicht, weil sie mit der anderen Dienerschaft nichts gemein hatte, hielt sie sich von allen fern und sagte, es gäbe für sie weder Vettern noch Basen im Hause, und beim Gut der Herrschaft sähe sie niemandem durch die Finger.

In heißem Gebet Gott ihre Gefühle anvertrauend, suchte und fand sie Trost; bisweilen aber, in Augenblicken der Schwäche, der wir alle unterliegen und in denen der beste Trost für Menschen Tränen und die Teilnahme eines lebenden Wesens sind, – nahm sie ihren Mops ins Bett, der ihr die Hände leckte und seine klugen, gelben Augen auf sie richtete. Mit dem sprach sie, weinte leise und streichelte ihn. Wenn der Hund jämmerlich zu heulen begann, suchte sie ihn zu beruhigen und sagte: »Hör schon auf; ich weiß auch ohne dich, daß ich bald sterbe.«

Einen Monat vor ihrem Tode holte sie aus ihrem Kasten weißen Kattun, weißen Tüll und rosa Band hervor, nähte sich mit Hilfe ihres Mädchens ein weißes Gewand und eine Haube und traf bis auf die kleinsten Einzelheiten alle Anordnungen für ihr Begräbnis. Ferner ordnete sie die Kisten der Herrschaft und übergab den Inhalt mit peinlicher Gewissenhaftigkeit nach einem Verzeichnis der Frau des Hausverwalters. Dann holte sie zwei seidene Kleider, einen uralten Schal, den Großmutter ihr einst geschenkt, und Großvaters goldgestickte, ihr ebenfalls vermachte Uniform hervor. Dank ihrer Sorgsamkeit waren Stickerei und Tressen an der Uniform noch ganz wie neu und das Tuch nicht von Motten berührt.

Vor ihrem Ende äußerte sie den Wunsch, das eine Kleid, das rosa, sollte Wolodja zu einem Schlafrock oder Halbrock haben; das andere, gewürfelte, ich zum selben Zweck, und den Schal – Ljubotschka. Die Uniform setzte sie dem von uns aus, der zuerst Offizier wurde. Alle übrige Habe und das Geld, mit Ausnahme von vierzig Rubeln, die sie zum Begräbnis und Messelesen bestimmte, sollte ihr Bruder bekommen. Dieser schon längst freigelassene Bruder wohnte in einem entfernten Gouvernement und führte ein sehr liederliches Leben. Deswegen hatte sie bei Lebzeiten keinerlei Verkehr mit ihm. Als er kam, um die Erbschaft in Empfang zu nehmen und es sich herausstellte, daß das ganze Vermögen der Verstorbenen in fünfundzwanzig Papierrubeln bestand, wollte er das nicht glauben und sagte, es sei unmöglich, daß eine Frau, die sechzig Jahre in einem vornehmen Hause gelebt, alles unter Händen gehabt, stets geknausert und jeden Lappen benutzt hätte, nichts hinterlassen haben sollte. Es war aber wirklich so.