Moses

in drei Gesängen.

Erster Gesang.

Gott!

Abendlich ruhte die Flur, als pfeilschnell über des Horebs
Höhn[1] sich Wettergewölk’ aufhob, und nächtliches Dunkel
Ueber das Thal sich ergoß. Aus seinem gährenden Schooß her
Ras’te der Sturm, und zuckte der Blitz, und krachte der Donner,
Schlag auf Schlag, daß gebeugt in dem ringsergossenen Gluthmeer
Seufzten die Wälder, und Angst die hochaufragenden Berghöh’n
Schüttelte, bis zu den Vesten hinab, unendlich und furchtbar.
Aber nicht bebte der Mann, der erst mit der blöckenden Schafheerd’,
Längs der Seite des Bergs hinzog, und jetzt vor dem Aufruhr
Sich in der Felsschlucht barg, vom wölbenden Schiefer umhüllet.
Vorn’ an dem Eingang saß er, und sah nach den leuchtenden Blitzen,
Sinnend, hinaus. Sein Bart, ob er auch der Jahre schon achtzig
Zählete, war nur wenig ergraut, und floß ihm in Wellen
Tief in den Busen hinab, den über dem räumigen Kleid noch,
Dichten Gewebes, der Mantel umwand, nach der Sitte des Ostlands.
Herrschend war die Gestalt des Sitzenden; doch so er aufstand
Erst, und im Kreise des Volks mit feurigen Blicken umhersah,
Faßte Schauer die Brust auch des kühngesinneten Mannes.
Jetzo sah er mit steigendem Ernst’ in die Schrecken der Sturmnacht.
Finsterer Groll, wie er oft nach furchtbarn Schlägen des Schicksals:
Trug, Verrath, und Verlust des Theuersten sich in des Menschen
Antlitz gräbt, zog ihm die Brau’n an der Stirne herunter,
Und, zum Bogen gekrümmt, erzitterten leis’ ihm die Lippen.
Ha, da riß ein Wetterstrahl, dem plötzlicher Donner
Nachfuhr, weit die Wolken entzwei: sie barsten, und alsbald
Stürzte die Regenfluth mit lautem Geprassel herunter —
Rauschten auch schon unzählig-aufschäumende Bäch’ an der Bergwand
Nieder, und deckten die Flur, wie ein See, mit trüben Gewässern.
Endlich verhallte der Sturm; nicht schlug der prasselnde Regen
Mehr; empor in des Himmels Blau, der freundlicher wieder
Lächelte, schwamm das zerriss’ne Gewölk, und hob in des Abends
Gold’nem Strahl sein thürmendes Haupt, verklärt, in die Luft auf.
Frischer grünte der Wald und die Flur; mit sanftem Gesäusel
Schüttelte dort vom Laub das Lüftchen gewichtige Tropfen,
Hier enttroff das glänzende Naß dem Vließe der Lämmer,
Die mit frohem Geblöck’ umhüpften den einsamen Hirten.
Schweigend saß er noch da. Der Allmacht herrliches Walten
Weckte zuvor sein Herz zur Anbethung, Lieb’, und Ergebung
Aus den Nachtgesichten des tiefgenähreten Grams auf.
Heiße Thränen umhüllten sein Aug’, und er blickte, verlangend,
Rings um sich her: ob ihm nicht ein Sterblicher jetzt, wie gerufen,
Nahete, der ihm erhellte das Grau’n beklemmender Zweifel.
Siehe, da kam sein Schwieher heran, Sohn Reguels, Jethro,[2]
Der vom nächtlichen Traum, voll Wundergesichte, getrieben,
Ob des Eidams besorgt, sich erhob, und herüber den Sandweg
Wanderte: noch ein rühriger Greis, dem silbern das Haupthaar,
Wie auch der Bart, die röthlichen Wangen umgab! Von Gestalt klein,
Schaltet’ er selbst, und immer mit Fug und Geschick, in dem Haushalt,
Und aneiferte stets das Gesind zu erneuertem Mühen.
Durch Erfahrungen weis’, erhob er die Tage der Vorzeit,
Rühmend, und schalt die Jugend im vielgesprächigen Alter.
„Moses!“ scholl es durch Wald und Gebüsch, und „Moses!“ in Horebs
Schluchten umher, wie er nahete, bis ihm das Blöcken der Lämmer
Jene verrieth, wo er saß, in hohe Betrachtung versunken.
„Ha,“ so rief er, „dem Ewigen Dank, der hier in Gefahren
Dich mit der Heerde beschirmt’! Ich eilte herüber — zu schrecklich
Tobte der Sturm, im Drang des angstergriffenen Herzens.“
Aber ihn sah der Hirt’ mit tieferforschendem Blick’ an;
Neigte das Haupt, und begann: „Ich danke dir; gütig besorgst du
Stets der Deinigen Wohl; es erblüh’t unendlicher Segen
Um dich her, und du rühmst dich den glücklichsten Vater und Gatten.
Dennoch dünkt es mich fast, ganz andere Sorgen bewegten
Deine Füß’ im Grau’n des entsetzlichen Donners herüber.“
„Nun,“ so entgegnete Jethro schnell, „Tollkühner, zu warnen
Kam ich: denn welch ein Grund, den du zur Weide gewählt hast?[3]
Hieß nicht der Horeb „Gottes Berg“ in der heiligen Vorzeit
Schon, weil Gott sich auf ihm einst offenbarte dem Volk hier?
Keiner wagt’ es zuvor — auch der frömmsten und mächtigsten Hirten
Keiner vor dir, Vermessener, ihm mit der Heerde zu nahen;
Doch erwäge die Schuld, und reize den Herrn nicht zur Rach’ auf!“
Moses schwieg. Wohl winkt’ ihm Jethro drei- und auch viermal,
Antwort heischend; er schwieg. Da sprach, sich ereifernd, der Greis so:
„Du verstummst, daß ich jetzt, ob solchem Frevel bekümmert,
Dich zur Rede gestellt? Ich werde so lange nicht weichen,
Bis du nicht öffnest die Brust, die verschlossene: denn nicht verhehl’ ich’s,
Was mich heran durch Sturm und Wetter getrieben. Entfloh’n sind
Vierzig der Jahr’, seit du, der scheuumirrende Fremdling,
Midians[4] Fluren betratst. Da waren der Töchter mir sieben —
Ach, versagt blieb mir der männliche Sproß’, in des Abends
Kühlerem Hauch die Heerd’ im Felde zu tränken, beschäftigt.
Sie zu verdrängen, erschien die Hirtenschar von den Söhnen
Amalek’s, die den Brunnen erspähten zuvor, und die Weiber
Bebten vor Angst; doch dir, Gewaltigem, mußten die Hirten
Weichen: sie floh’n! Du, füllend sofort zur Tränke die Rinnen,
Labtest die Heerde mit kühliger Fluth, vor den staunenden Töchtern.
Daß ich sie schalt, die allein heimkehrten, und nicht auch den Fremdling
Riefen zum gastlichen Mahl; daß dir der dankbare Vater
D’rauf zur Gattinn sein liebliches Kind, die holde Zipora,
Ohne Geschenk,[5] Kaufgeld, und Habe gegeben — des Priesters
Tochter, um welche im Land die erlesensten Jünglinge freiten,
Weißt du. Ha, sie gebar dir zwar den einzigen Sohn nur:[6]
Denn die Mutter wirft ja dem Leu’n die Jungen nur einmal!
Aber er wächst dir, blühend, heran, und mit Reichthum gesegnet
Ward ich, seit in dem Feld’ und daheim mit emsigem Mühen
Du die Sorge getheilt, die auf mir, dem Reichen an Jahren,
Lastete. Sieh’, und dennoch trübte noch stets in des Lebens
Stillumkreisendem Lauf, wie den heiteren Himmel im Herbst oft
Nebelgewölk umflort, ob deiner ein heimlicher Kummer
Meine von Angst ergriffene Brust! Du staunest? Nicht hast du
Mir noch entdeckt: woher du, ein irrender Fremdling, gekommen?
Nicht, weß’ Landes und Stammes du sey’st? Was dich von Aegyptens
Fruchtbaren Auen zu uns, g’en Midian, führte? Vielleicht nur
Schreckliche Schuld? Entflohst du dort den dräuenden Strafen?
Oder, bist du sogar, tollkühner Hirt an des Horebs
Berghöh’n, auch ein Abgötter noch im heimlichen Herzen:
Obgleich lange geprüft, du fromm erscheinest, und schuldlos?“
Moses fuhr bei dem Wort’ in die Höh’, und zerriß an der Brust sich,
Stöhnend, das Kleid.[7] Sein Aug’ entflammte sich, wie des Gewölks Nacht,
Die der leuchtende Blitz durchfährt, da er fürchterlich aufschrie:
„Ich, ein Abgötter, ich? Das fehlte noch! Fluch und Verwünschung
Ueber mich, so ich es bin! Entfleuch, sonst nah’ ich dir schrecklich!“
Rief’s, und blickte dem Greis’ in die thränenumflossenen Augen,
Die mit der rosigen Gluth auch die heilige Ruhe des Abends
Spiegelten. Sieh’, er erschrack vor sich selbst, und seiner Entrüstung;
Faßt’ ihm die Hand, und sprach: „Verzeih’n, ehrwürdiger Vater,
Wirst du das raschere Wort dem Sohn’: ein schmähliches floh dir
Von den Lippen zuvor. Wer könnte mit Ruh’ es ertragen,
Der in dem glühenden Haß des Götzengräuels erwachsen,
Heilige Sehnsucht nährt ihn rings von der Erde zu tilgen?
Aber sie zehrt, wie Schwefel und Harz in den unteren Räumen
Brennend, mir nun schon des Herzens gewaltige Kraft auf;
Schon erfüllt mich die Angst und Verzweiflung: völlig verworfen
Habe der Herr sein Volk, das er, wie ein Adler die Jungen
Auf den Fittigen, liebend, empor in die bläuliche Luft trägt,
Einst auf den Händen trug, wenn Noth und Gefahr es bedrängte.
Doch“ (er ließ sich jetzt, wo er stand, gehaltener nieder)
„Eben ersehnt’ ich den Mann, dem ich nun endlich des Busens
Tiefverschlossenen Gram enthüllete; wunderbar nahtest
Du mir jetzt. Vernimm denn, woher ich, ein irrender Fremdling,
Kam; weß Stamm’s und Landes ich sey; was mich aus des Fluch’s- nicht
Segens-Flur g’en Midian führt’, und Alles und Jedes,
Das ich verschwieg seither, ergriffen von düsterem Unmuth.
Wiss’ es, mich zeugt’ Amram, mit der trefflichen Gattinn Jochebed.
Levi, Jakobs Sohn’, entsproß mein Stamm, und die Beiden
Rühmten sich dessen zugleich.[8] Doch segnete nimmer der Vater,
Nimmer die Mutter den Tag, an dem ein Sohn ihr geboren
Ward in Goschems Gefild, des weidegesegneten Landes,
Das, aus Pharao’s[9] Mild’ einst Joseph, als herrschender Pfleger,
Unserem Volke verlieh: denn ach, ein grausamer Wüthrich
Hielt nun Pharao’s Thron im Besitz, der Israels Knaben,
Kaum geboren, empört von herzverengendem Mißtrau’n,
Werfen hieß in des Nils verschlingende Tiefen. So lag ich
Schon, ein Opfer der Rach’, im Korb’ von geflochtenem Schilfrohr,
Wimmernd am Strom’, und mit Angst umspähte die Schwester — ein Kind noch,
Wie die Wellen verschlangen den Raub: da führte Jehova’s
Huld die Königstochter[10] vorbei. Den blühenden Säugling
Sah sie, bewegt, und gab ihn der Mitleid Flehenden selber,
Daß sie die Amme ihm fand’, und einst hinbrachte den Knaben
Ihr an den Hof. Sie trug mich heim zu der jauchzenden Mutter,
Die schon zuvor mit Angst und mütterlichsorgendem Herzen
Mich im dunkeln Gewölb, durch fünfzig Tage, versteckt hielt.
Kräftigerblüht, fand ich, von der mildgesinneten Tochter
Pharao’s so gerettet, mich dann am schimmernden Hof’ ein.[11]
Was Aegypten an Weisheit, Kunst, und Wissenschaft seither
Hagt’ in dem Schooß, ward mir von erlesenen Meistern enthüllet:
Zauberer nannte das gläubige Volk die betrog’nen Betrieger,
Die, nur selber sich fröhnend im Land, des Wahren und Falschen
Achtlos, auf Irrwege das Volk verleiteten; aber
Mein aufstrebender Geist erkannte das goldene Fruchtkorn
Unter nichtiger Spreu, das noch aus den Tagen der Unschuld,
Bei dem gefall’nen Geschlecht sich erhielt, und, herüber gerettet
Von den acht, in der Arche Noah’s erhaltenen, Seelen,
Mitten im Dornengefild des sinneschmeichelnden Irrthums
Und unendlichen Trugs festwurzelte. Glühend vor Wißgier,
Las ich es sorglich mir auf. Von den Höhen und Tiefen der, ureinst
Freierschaffenen, hehren Natur: wie im dunkelen Schooß sie
Wirket, und schafft: nun bindet und lös’t, nun hemmt und beweget;
Aus Verwesung das Leben ruft; das Leben in Staub wirft;
Wie in dem Sturme sie braus’t; im Lüftchen säuselt; im Donner
Rollt; anzieht, abstößt; unzählig erleuchtete Welten
Schweben heißt in dem Aethergefild’; im unendlichen Eilflug
Sendet das Licht umher aus den rastloskreisenden Sonnen,
Und in Allem der Allmacht Werk so erhaben und groß ist:
Davon sagte die Schule mir viel; gar Vieles erkannt’ ich,
Ahnend im Geist, und verschloß es im heimlichen Busen mit Sorgfalt.
Also reift’ ich zum Manne heran; doch, mitten im Zauber
Eines üppigen, Geist- und Sinne bethörenden Hofes,
Flammte mir stets noch heiß in dem Herzen die Ehre Jehova’s,
Und die Liebe des Volks, des erkorenen, dem ich entrückt ward.
Aber der Wüthrich sah die schnellvermehreten Stämme
Israels — sah’s, und zürnt’ in dem feigerbebenden Herzen,
Das der Schranze noch mehr verschüchterte. Daß sie nicht heimisch
Würden im Land, verdrängten sogar die Kinder Aegyptens
Aus dem ererbten Besitz’, und unterjochten als Sklaven:
Hieß er sie peitschen zur Frohne gesammt mit eherner Geißel,
Und berauben des Muths in lebenerschöpfender Arbeit.
Sohn der Wüste! Mit Staunen würdest du seh’n in dem Land dort
Blühende Städt’, erbaut im blutigen Schweiße der Kinder
Israels; seh’n die Pracht der götzengeweiheten Tempel,
Wo das säulengetragene Dach, unendlich an Umfang,
Dunkle Hallen bedeckt, und nichtige Götter beherbergt;
Seh’n wie sie, nach dem Wink werkkundiger Meister, vollbrachten
Räthselgestalt:[12] in ihr den Leib der ruhenden Löwinn,
Launenhaft, mit des Weib’s huldschönem Gesichte vereinend,
Daß sie, in dräuender Zahl, an den Thoren bewachten des Tempels
Heiligthum — sie, wie die Götter selbst, ein todtes Gebild nur;
Auch in Reihen vor ihm Spitzsäulen[13] erhöhten, auf welchen
Bilderschrift das Gesetz in den Schleier der Irrthümer hüllet;
Seh’n, wie sie aus dem finstern Basalt Grabmäler der Herrscher[14]
Hoben empor zum Gewölk, die, sich vierseitig verjüngend,
Schau’n in der Welt umher; doch, unvergänglichen Baues
Trotzend der Zeit, nicht schirmen den sterblichen Leib vor Verwesung:
Wie sie formten den fetten Lehm, und in glühenden Oefen
Backten zum Stein, da stets die thürmenden Städte sich mehrten;
Hattest du solches geseh’n: gebrochen wäre das Herz dir
Schnell in der fühlenden Brust, und verhaßt erschien’ dir das Leben!
Doch mich trieb’s zu entsetzlicher That: am dämmernden Abend
Sah ich auf einsamer Bahn den Vater unmündiger Kinder
Hingesunken im Staub’, und blutend den schrecklichen Hieben.
Ha, nicht ruhte der Frohnvogt noch: der schallenden Geißel
Tönte Gestöhn matt nach! Ein Rächer des Mords ist Jehova
Seit dem ersten, bis hin zu dem letzten, am Ende der Zeiten;
Blut versöhne das Blut, vergossen in kalter Verachtung
Schützenden Menschenrechts und Geboths der Mild’ und der Schonung;
Doch mir sagt noch heute das Herz: des Lebens und Todes
Herr ist Jehova: er gibt es, und nimmt’s — er drängte mich: „Tödt’ ihn!“
Ich erschlug, und begrub ihn im Sand’, und trug auf der Schulter
Dann den Mißhandelten heim zu den Seinen.[15] Es regte den Busen
Jetzt ein großer Gedanke mir auf: der Tag sey gekommen,
Wo Jehova sein Volk aus der Hand unmenschlicher Gegner
Führen würd’ in Freiheit hinaus, und ihm geben zum Erbtheil
Dann das verheißene Land auf ewige Zeiten, wie solches
Er, voll Huld, verhieß an Abraham, Isaak und Jakob;
Würdig werde das Volk der Freiheit seyn, und der Knechtschaft
Fessel kühn abschütteln, auf ihn, den Ewigen bauend;
Ja, mir brannte das Herz, ihm ein Führer zu werden... Entsetzlich:
Nacht umhüllet den Geist des Sterblichen; täuschender Schimmer
Führet ihn oft, abseit von dem Pfade des Wahren, zum Irrgang!
Werth der Freiheit hielt ich mein Volk? Ach, dauernde Knechtschaft
Hatt’ ihm den Nacken gebeugt: es kroch im niedrigen Staub gern!
Also geschah’s, daß einer aus ihm mir drohte: dem König
Woll’ er verrathen die That, da ich ihm verwies sein Vergehen.
Bald erreicht’ ich dein Zelt, ein Flüchtiger. Wohl hat Jehova
Dich gesegnet und mich in dem häuslichen Bunde des Lebens;
Doch was frommte die That, die blutige, mir und dem Volk dort?
Bald verlor sich der Strahl, dem ich voll Hoffnung gefolgt bin,
Und ich stehe allein, gequält von nächtlichen Zweifeln:
Völlig verwirkt, durch eigene Schuld unwürdigen Lebens,
Habe mein Volk vor ihm des verheißenen Segens Gewährung:
Denn er schweigt, und der Jahre vierzig, seit ich der Antwort
Harrete, sind mir entfloh’n, auf den einsamen Triften der Wüsten.“
Jethro stand, erschüttert im Herzen, vor ihm, und begann so:
„Furchtbar klang’s, was du aus der Nacht entschwundener Zeiten
Mir enthülltest, und noch beklemmt Entsetzen die Brust mir;
Aber dich rief Jehova, so sprachst du? Folg’, und vertrau’ Ihm.
Täusche dich nicht. Gott trau’: er helfe dir jetzt und für immer!“
Sagt’ es, und eilte den Sandpfad fort, in der sinkenden Dämm’rung
Heimzukehren, und bald erhob sich vor ihm aus den Zelten
Bläulicher Rauch. Der Schafhund lief, laut bellend, herüber;
Sprang an ihm auf, und folgt’ ihm dann an der Fers’. In dem Hofraum
Kam ihm die Schar der Kinderchen, die dort sieben der Töchter,
Trefflichen Schwiehern vermählt, gebaren, entgegen. Die Kleinen
Faßten ihm schmeichelnd die Hand, und fragten zugleich nach dem Vater,
Nach dem Bruder und Freund, der fernhin weidet die Schäflein;
Aber er schwieg, und ging, von den Lieben umringt, nach dem Zelt heim.
Sieh’, auf den einsamen Höh’n des gottgeheiligten Berges
Saß noch Moses im sinnenden Ernst: da däucht’ ihn, zur Linken
Lodere Flamm’ empor. So war’s. Ein ragender Dornbusch
Brannte vor ihm. Vielleicht, daß erst ein Blitz im Gewitter
Ihn entzündet’, und jetzt die Glut anfachte der Nachtwind?
Lange sah er nach ihm, und jetzo mit wachsendem Staunen,
Daß der brennende Busch nicht, mattverglimmend, in Staub sank.
Schnell erhob er sich, ging, umforschete wieder, und nahte
Schon dem Wundergesicht: da scholl’s — der Engel Jehova’s,
Der ihn sendete, rief aus dem Busch mit erschütterndem Laut’ ihm:[16]
„Halte dich fern’; entblöße die Füß’: auf heiligem Erdreich
Stehst du allhier. Ich spreche zu dir, Gott deines Erzeugers,
Abrahams, Isaaks, Jakobs Gott, die Vater ihm waren.“
Moses sank auf die Knie’, und beugte die Stirne zum Boden,
Schaudernd. Der Herr fuhr fort: „Ich schaue den Jammer der Kinder
Israels dort in dem Joch des Frohnvogts; höre den Wehruf
Meines erlesenen Volks erschallen vom Land der Aegypter;
Will es erretten, und leiten zurück in die herrlichen Fluren
Kanaans,[17] wie ich’s verhieß: du sollst ein Führer ihm werden.
Eile, von mir gesandt, zu Pharao, heische den Abzug.“
„Ich, Herr, ich?“ so stammelte jener, „vor Pharao stehen —
Führer werden des Volks, ich langvergessener Fremdling?“
Gott sprach: „Rüsten werd’ ich mit Kraft und Stärke dich, daß du
Jedes vollbringst, und so, wie ich dich nun sende, so wahrhaft
Sollet ihr auch bald, hier auf dieses geheiligten Berges
Höh’n mit freudigem Muth Dankopfer mir bringen.“ Und Jener:
„Herr! Jahrhunderte lebte dein Volk in dem Land der Aegypter —
Hörte von Göttern dort, nicht von dir, dem Ewigen, Einen,
Sprechen: wie künd’ ich es ihm, welch’ Nahme der dein’ ist?“[18] Und Gott rief:
„Der dich sendet, bin Ich, der war, und seyn wird auf immer:
Abrahams, Isaaks, Jakobs Gott, so spricht es Jehova:
Denn so heißt er hinfort auf ewige Zeiten. Verkünd’ es
Also dem Volk, und d’rauf, mit den Aeltesten, eilend zum Thronsitz
Pharao’s, sprich: er lass’ euch fort in die Wüste hinauszieh’n,
Drei Tagreisen entfernt, daß ihr Dankopfer mir bringet.
Zehnfach trifft zwar ihn und das Land entsetzlicher Jammer,
Eh’ er euch selber entläßt, und drängt zum eiligen Abzug;
Aber euch werden zugleich, so will ich es, reichliche Spenden
Von den Aegyptern zu Theil an dem huldbezeichneten Tag dort,
Auf daß die Eueren deß’ noch fern in der Zukunft gedenken.“
„Ach, sie kennen mich nicht,“ so sprach mit bangendem Herzen
Moses vor Gott, „noch glauben sie je, daß Jehova mich sende!“
Aber da hieß ihn der Herr, den Wanderstab in der Rechten
Schleudern zur Erd’, und sieh’ zur Schlange von gräulichem Anblick
Ward er! Er bebte zurück; doch fassen mußt’ er das Unthier;
Faßt’ es, und hielt, wie zuvor, den Stab in der Hand. In den Busen
Sollt’ er sie bergen: er that’s, und weiß von schrecklichem Aussatz
Ward sie;[19] doch, auf Jehova’s Geboth, hervor aus dem Busen
Zog er sie wieder gesund. Da sprach, verweisend, Jehova:
„Sahst du’s? Wer kann so aus dem Todten das Lebende rufen —
Heilen Unheilbare, wer? Jehova allein! Und erkennen
Als den Gesendeten, trotz der zween erschütternden Wunder,
Sie dich noch nicht, so geuß von den Fluthen des Nils an dem Ufer
Wasser umher auf den glühenden Sand, und es wird sich urplötzlich
Wandeln in Blut, zum Zeichen: es sey der Eine, Jehova,
Er, der allmächtige Gott, der Herr des heiligen Strom’s auch,
Wie ihn dieß Volk benennt, das ihm, im kläglichen Irrthum,[20]
Huldigt als Gott, und ihn noch mit andern Göttern bevölkert,
Und ob solcher Gewalt entläßt euch Pharao schnell dann.“
„Herr!“ rief Moses mit steigender Angst vor Jehova, „nicht lös’t sich
Leicht das gefällige Wort von der Zunge mir; schwer und unlenksam
Träge, blieb sie mir stets: nicht würd’ ich als Redner bestehen.“
„Thörichter!“ also der Herr, „wer hat die Zunge dem Menschen,
Wer der Zunge die Macht lauttönender Worte gegeben?
Wer macht sehend und blind? wer, redend und stumm? — nicht Jehova?
Siehe, mein Hauch, wenn du vor Pharao stehest, entfahre
Deinem Mund mit erschütterndem Laut’: ich werde dir beisteh’n!“
Moses stand hell angestrahlt von des heiligen Dornstrauchs
Röthlicher Flamm’, und den Blick, verklärt, g’en Himmel erhebend.
Hehres erfüllt’ ihm die Brust: er dachte Vergangenheit, Zukunft
Also, im schwindenden Augenblick’, erschüttert im Herzen:
„Groß ist der Herr in seiner Erbarmungen Fülle: den Retter
Wies er dem Menschengeschlecht, dem gefallenen, schon in des Edens
Blühendem Hain’, der einst der feindlichen Schlange zertreten
Solle das furchtbare Haupt![21] Er wies auf dem Holz’ ihn, auf welches,
Still gehorsam dem Ruf, den Ungehorsam zu sühnen,
Selbst den einzigen Sohn der mildgesinnete Vater
Heftete, dann das Messer erhob[22]... o dunkeles Vorbild!
Schont er des Kommenden auch? Denn Abraham hörte des Trostes
Himmlische Wort’: aus seinem Geschlecht entsprieße des Segens
Zweig, der uns erlöst von der Schuld, und allen zum Heil wird.“[23]
Solches sann er im Geist’, und rief dann flehenden Blickes:
Jenen send’, o Herr, den du zu senden gewillt bist!“[24]
Jetzt aufflammte der Busch, und, gleich gewaltigen Donnern,
Scholl die Stimme des Herrn, da er sprach: „Wer wagt es, den Vorhang,
Welcher der Zeit erhabenstes Ziel umhüllt, zu erheben?...
Doch, schon seh’ ich, daß Aaron dir mit erschütternden Worten
Beisteh’n wird vor Israels Volk’ und vor Pharao selber,
Mächtig als Redner durch mich! Bald kommt der treffliche Bruder
Dir mit freudigem Blick’ und froher Umarmung entgegen.
Also vereint, sollt ihr Gewaltiges wirken. Du sollst dann
Lenker ihm seyn, und er künde, was du ihm zu reden gebothen.
Auf, ergreife den Stab’, und führ’ ihn zum Ruhme Jehova’s!“
Moses lag noch dort, und heftete, schreckenbetäubet,
Seine thauende Stirn’ in den Staub. Doch langsam erhob er
Jetzt sich, und faßte den Stab: ihn umfing im dunkelen Schleier,
Schweigend, die Nacht. Nur über ihm, hoch im Gewölbe des Himmels
Flammten die Sternenheer’, und zogen die endlose Bahn fort.
Wie er auch forschte, nicht brannt’ in dem Feld der heilige Dornstrauch
Mehr, der jetzt, gewiegt von des Lüftchens Hauch’, in dem Dunkel
Säuselte. Schnell entfloh er, von heimlichen Schauern ergriffen;
Faßte sich, stand, und rief, die Hände zum Himmel erhebend:
„Einer — Jehova ist Gott! O, diese beglückende Wahrheit
Soll mein freigewordenes Volk, von andern geschieden,
Bis zur Fülle der Zeit mit eifernder Treue bewahren!
Hell ist das Ziel, zu welchem Jehova mich ruft, und ich folg’ ihm.“
Sagt’ es, und eilte dahin, wo dichtgelagert die Schafheerd’
Schnob auf dem Sand, vom Schlummer umfangen. Er kehrete, rufend
Oft, und drängend zugleich, mit ihr zu den Seinen, bewegt, heim.
Dort erweckt’ er zuvor die muthigen Knechte, gebiethend:
„Auf, nicht gesäumt, und sattelt mir zehn Saumthiere, mit Allem,
Was die dauernde Reis’ erheischt an wolligen Tüchern,
Speise- geräth und -bedarf, an Zelt- und Gewanden, beladen!
Harret des Winkes am Thor’: ich gehe, die Gattinn zu wecken.“
Rief’s hinschreitend. Sie staunten dem Wort’, und thaten in allem,
Wie’s der Ernste geboth. Doch er durcheilte das Vorzelt,[25]
Das zur rauheren Nachtzeit oft den zarteren Lämmern
Obdach gab, und d’rauf, erhebend den hüllenden Vorhang,
Schritt er hin in dem mittleren Raum, den, über den Pfahl sich
Wölbend, deckte das Tuch, aus Ziegenhaaren gewoben
(Sein, und der Männer Gemach) bis er jetzt erreichte die Frau’nhuth,
Wo Zipora, zugleich mit dem Sohn’ und den dienenden Mägden
Schlummerte. Dort erhob er wieder den scheidenden Vorhang
An dem Gezelt’, und rief der Gattinn mit freundlicher Stimme:
„Treue, erhebe dich schnell mit dem Sohn! Die Stimme Jehova’s
Heißt uns fort, aus dem einsamen Weidegefild nach Aegyptens
Fluren ziehen, wo mein der Bruder harrt mit der Schwester,
Und mein Volk des Retters bedarf aus unsäglichem Jammer.“
Sagt’ es, und Weh’ erscholl in dem dunkeln Gezelt’. Um die Hausfrau
Weinte die Schar der Mägd’, und sie schluchzete leise, der Trennung
Von dem liebenden Vater, den liebenden Schwestern gedenkend.
Doch sie that nun jegliches schnell nach dem Willen des Gatten,
Der nach Jethro’s Zelt, das, mitten im Schooße des Dörfchens,
Sich vor den andern erhob, enteilete. Siehe, nicht grüßt’ er
Dort die Schwäger, und nicht die Schwestern der Gattinn zum Abschied:
Denn eintretend, voll Hast, in das Zelt des schlummernden Greises,
Rührt’ er ihm leise die Schulter, und sprach, im Busen beklommen:
„Vater, ich ziehe, so will es der Herr, nach den Fluren Aegyptens
Jetzt mit dem Kind’ und der Gattinn hinab, daß ich grüße die Brüder
Dort, und erforsch’: ob mir die Freund’ und Verwandten noch leben?
Gib des Vaters Segen uns mit: er ruht auf den Kindern,
Wie auf der schmachtenden Flur die thauende Wolke des Himmels!
Ruft mich gebieth’risch die That, da send’ ich dir wieder die Tochter
Und die Kinder zurück: sie trägt jetzt unter dem Herzen,
Nährend, die Frucht — ein Söhnchen wohl? Jehova wird helfen!
Also heiß’ er dereinst; du pflegst sie mit liebender Sorgfalt.“
Sagt’ es, erweicht. Der Greis erhob sich, bewegt, auf dem Lager,
Streckte die Händ’ empor, und bethete Worte des Segens.
D’rauf ergriff er des Sohnes Hand; ließ schnell, wie ergrimmt sie
Wieder fahren, und als er sofort sich zur Wand des Gezeltes
Wendete, barg er sein Haupt in das Kissen, und weinte dann leis’ fort.
Moses enteilte dem Zelt mit tief erschüttertem Herzen.
Ein — allmächtiger Gott! Die Sternenheer’ in dem Luftraum,
Zeugen von dir — von dir auf Erden unzähliger Wesen
Wundergestalt, Natur, und Eigenheit: aber vor allen
Zeuget der Mensch: begabt mit Vernunft und Willen, in Freiheit
Sich empor zu schwingen zu dir, dem einigen Gotte!
Ach! entsetzliche Schuld des ersten erschaffenen Paares,
So verlocktest du jen’ im Grau’n endloser Verirrung,
Daß sie den Einen nicht mehr erkannt’, und nichtigen Götzen
Huldigte, selbst in dem Schooß einst hochgefeierter Völker?
Doch, der Ewige wählt’ in seiner Erbarmungen Fülle
Israels Volk: durch ihn hinüber zu retten den Glauben
An den einigen Gott zum Tag der hohen Erlösung,
Als der Verheißene kam, und im Lichte der himmlischen Wahrheit
Ihm auf immer den Sieg errang. O, Preis dem Erretter,
Der aus des Todes Grau’n uns führt’ auf strahlenden Lichtpfad:
Denn er führt’ uns zu Gott, dem Ewigen, Wahren, und Einen!