Hell in des Mittags Glanz ragt Sinais felsige Scheitel
Auf in die Luft; unzähliges Volk zieht hin an des Abhangs
Krümmungen, dem (erschütternd zu schau’n!) empor zu dem Himmel
Schwebend, die Wolkensäul’ als mächtige Führerinn voreilt’.
Israels Scharen sind’s. Von Elim und Mara herüber
Kamen sie jetzt, dem Lagerplatz voll bitterer Quellen,
[1]
Die der Sohn Amrams, mit Wundermacht von Jehova
Ausgerüstet, den Dürstenden schnell in süße verwandelt’.
Aber er schlug auch vor Rephidim den Boden, und Wasser
Sprang aus dem Fels, als ihnen auf Sin’s
[2] unendlichen Steppen
Früher schon Jehova herab die Schwärme der Wachteln,
Und das Manna gesandt, die Wunderspeise, zur Nahrung.
Doch Rephidim gewahrte den Sieg von Israels Söhnen.
Gleich dem reißenden Bach herstürzten die kriegrischen Scharen
Amalecks dort auf das wandernde Volk. Da erkieset’ ihm Moses
Josua, Nuns Erzeugten, zum Hort. Er stieg auf den Hügel,
Aaron und Chur an der Seit’, und hob, als unten der Schlachtruf
Scholl, huldflehend, die Händ’ empor zu dem Himmel. Das Volk sah
Mitten im Kampfe nach ihm, und es drang, in hehrem Vertrauen,
Siegend, vor in dem Feld, so lang’ er die Hände zum Himmel,
Flehend erhob; es wich, wenn solch’, ermattet, ihm sanken.
Da vereinten die zween mit den seinen die ihren, und hielten
Jene gestützt empor, bis nun am dämmernden Abend
Schnell der Gegner entfloh, und unzählige Leichen zurückließ.
Dort, dem Horeb nicht fern’, dem heiligen Berg, wo er vormals
Aus dem brennenden Busch die trosterfüllte Verheißung,
Bebend, vernahm: „Bald sollt’ ihr hier Dankopfer mir bringen.“
Naht’ ihm Jethro nun, sein Schwieher, zugleich mit Zipora,
Und den Söhnen, die er heimsandt’ an dem Tage des Auszugs
Von Aegypten: vor Noth und Gefahr die Theuren zu wahren.
Gerschom hieß ihm der ältere Sohn: ein Fremdling geboren
War er im fremden Land’, und er nannte den jüngeren freudig
Jetzt Elieser: denn
Gott half, und errettete machtvoll.
[3]
D’rauf, als sie sich erfreut in holden Gesprächen, und Jethro
Immer, zu helfen, bedacht, mit alter, geschäftiger Sorgfalt
Ihm gerathen, dem Volk’ erlesene Richter zu wählen,
Daß er nicht selber erliege der Last: vom dämmernden Morgen
Bis in des Abends Grau’n Alljegliches ordnend, und schlichtend;
Als er Jehova’s Macht vor allem Volke gepriesen,
Und ihm selbst Dankopfer gebracht, da kehret’ er wieder
Heim in sein Land: beglückt mit den Segenswünschen des Eidams.
Doch in dem Steppengefild’ um Sinai lagerte jetzo
Israels Volk. Jehova rief, und Moses erhob sich
Nach dem Gipfel des Berg’s. Dort hört’ er die Worte des Segens:
„Sieh’, ich habe, dem Adler gleich, der liebend die Jungen
Trägt auf den Flügeln empor, euch her aus Aegypten geführet!
Werdet ihr, treu dem Bund, mir stets gehorchen in Demuth,
Dann erles’ ich euch: denn mein ist die Erd’ und das Weltall,
Gnädig zu meinem Volk’, und ein königlich Priesterthum herrsche
Ueber euch mild. Dieß künde dem Volk’, und es möge sich reinen
Bis zu dem dritten Tag; dann werd’ ich im Wetter ihm nahen.“
Und einmüthig gelobte das Volk ihm Treu’ und Gehorsam,
Als nun Moses, gekehrt, Jehova’s Willen ihm kund that.
Sieh’, ein Wettergewölk verhüllt urplötzlich des Berges
Ragende Höh’n! Schon zuckt der Blitz, hellleuchtenden Glanzes
Nach den Fluren herab; ihm murrt unendlicher Donner
Nach; Posaunengetön’ erschallt, und es zittern die Scharen
Israels, die, aus dem Lager heraus durch Moses geführet,
Nahten dem Fuße des Berg’s, auf welchem die Herrlichkeit Gottes
Ruht’ im Wettergewölk: denn gleich dem finsteren Gluthrauch,
Der erzschmelzenden Essen entsteigt, quoll selbes im Luftraum
Dunkel empor; stets furchtbarer schollen die eh’rnen Posaunen
Jetzt mit dem rollenden Donner vereint, aus dem Wettergewölk her,
Und der Berg erzitterte tief auf den Vesten des Erdballs.
Moses sprach, und die Antwort kam aus dem Donner herüber:
Denn ihm geboth der Herr: er solle hinauf in die Wolken
Kommen mit Aaron allein, und das Volk entfernter sich halten
Von dem Saume des Berg’s, daß Keinen Verderben ereile;
Doch blieb Aaron bald, erbebend, zurücke: nur Moses
Rang zu dem Gipfel des Berg’s mit gottvertrauendem Muth’ auf.
Jetzt trat er aus der Wolkennacht in strahlendes Licht ein.
Hoch in des Himmels Höh’n hob sich’s, wie die riesige Kuppel,
Wölbend empor, und reicht’ an die Gränzen der Erde hinüber,
Rings im Kreise umher, vor seinen entschleierten Augen.
Alsbald beugt’ er die Stirne zum Staub; dann stand er mit Ehrfurcht,
Harrend entgegen dem Wink’ unendlicher Huld und Erbarmung.
Noch erbebte der Berg, noch flammten die Blitz’ aus den Wolken
Nach den Fluren herab; noch rollte der furchtbare Donner —
Scholl Posaunengetön’, als Moses des hohen Gesetzes
Worte vernahm, wie im Freundesruf, vor dem Ewigen selber:
I. „Ich, Jehova allein,
bin Gott — ein Gott! Nicht auf Erden,
Nicht an dem Himmel ersiehst du mein Bild. D’rum sollst du nicht Bilder
Dir gestalten zum Gott, und anbethen sollst du den Schöpfer,
Nicht das schwache Geschöpf, willst du gesegnet von ihm seyn!“
Sanft ertönete jetzt, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden Moses:
„Der die Welt allmächtig erschuf, ist Gott der Vater.“
Und alsbald erscholl ein Ruf unzähliger Stimmen,
Gleich dem Brausen des Sturms, ringsher, aus dem kreisenden Weltall:
„Hallelujah! O, Anbethung, Preis, und Ehre dem Vater!“
II. „Nenne den Nahmen des
Herrn, den Nahmen Jehova nicht eitel:
Ehre das göttliche Wort, willst du gesegnet von ihm seyn.“
Wieder ertönete sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden Moses:
„Nicht ward Gott, das Wort, und sein heiliger Wille geehret,
Darum folgte dem Ungehorsam der Tod. In der Zeiten
Füll’ erscheinet das
Wort im Fleisch,
[4] gesendet vom Vater:
Von dem ewigen Tod’ erlöset der göttliche Sohn nur.“
Und alsbald erscholl ein Ruf unzähliger Stimmen,
Gleich dem Brausen des Sturms, ringsher in dem kreisenden Weltall:
„Hallelujah! O, Anbethung, Preis, und Ehre dem Sohn’ auch.“
III. „Festlich begehe den
Ruhetag, das göttliche Denkmaal
Von der Erschaffung der Welt. In sechs erlesenen Tagen
Ward sie erschaffen vom Herrn; am siebenten ruht’ er, ihm Segen
Spendend. Heilige den, willst du gesegnet von ihm seyn.“
Und es ertönte so sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden Moses:
„Hehre Geheimnisse beut zur Heiligung dir die Verehrung
Gottes: mild enthüllt sie der Welt, gleich feurigen Zungen,
Schwebend herunter, die ewige Lieb’ im
Heiligen Geist’ einst!“
[5]
Und alsbald erbraust’ ein Ruf unzähliger Stimmen
Ringsher: „Hallelujah!“ und es scholl im kreisenden Weltall
Fort: „O, Anbethung, Preis, und Ehre dem Heiligen Geist’ auch!“
IV. „Sey dir Vater und Mutter geehrt, so wird dir auf Erden
Lange das Leben zu Theil“ — in Kanaans Segensgefilden.
V. „Tödte nicht:“
denn des Ermordeten Blut, vergossen in Willkühr,
Schreit um Rache zu mir. Dein Leben verkürze der Herr nur.
VI. „Fliehe die Unzucht:“
denn sie entwürdigt dich selber, und and’re:
Nur dem Reinen enthüllt der Herr einst, lohnend, sein Antlitz.
VII. „Stiehl nicht.“
Reich ist die Quelle des Glücks im irdischen Leben,
Die der Achtung allein für fremdes Eigen entströmet.
VIII. „Zeuge nicht falsch.“
Auf Wahrheit, Treu’, und Glauben gegründet
Stehet des Einen, und Aller Wohl in dauerndem Segen.
IX. „Nicht des Nächsten
Gattinn begehr’:“ entsetzlichen Frevel
Uebtest du sonst an dem Theuersten, was die Menschen vereinet.
X. „Nicht begehre sein
Gut:“ ihm solches entreißen ist sündhaft;
Sünde die That nicht allein — denn zu ihr die böse Begier schon.
„Solches verkünde dem Volk’; auch sey’s zum ewigen Denkmaal
Eingegraben in Stein, verwahrt an heiliger Stätte.
Wird es gehorchen, so will ich vor euch einher in den Wüsten
Senden den Engel: Er wird euch dann zum Ziele geleiten,
Und beschirmen mit Huld. Nur horcht auf ihn, und erzürnt ihn
Nicht: denn
Wir sind
Eins,
[6]
nicht würd’ er vergeben. Er führt euch
Ein in des Segens Land, und vor euch zerstieben die Gegner.“
Also der Herr. Da säuselten sanft, wie die Lüftchen im Lenzhain
Säuseln, dem Ohr’ des Horchenden hier die Worte vorüber:
„Ja, gesendet von ihm, kommt einst der Engel des Friedens,
Und der Erlösung vom Tod: mit dem Vater, und Heiligen Geist’ auch
Eins, der göttliche Sohn — den Tod mit der Sünde besiegt Er!“
Sieh’, und er gab dem Volk von Israel noch auf den Pfaden
Seiner Wanderung bis zu dem huldvollwinkenden Ziel hin,
Wo der Verheißene kommt ein neues Gesetz zu verkünden,
Viele Gesetz’, Er selbst, sein Gott und König,
[7] zur Wohlfahrt.
Moses behielt sie all’, ein Bothe Jehova’s im Herzen,
Und schritt dann aus dem Wettergewölk nach der Eb’ne herunter.
Noch entflammten den Berg unzählige Blitze; der Donner
Krachte noch fort im Posaunenruf, und das bebende Volk stand
Unten im Felde, verstummt. Nur hier und drüben erhob sich
Zarter Kinder Geschrei und das Weinen der sorglichen Mutter.
Laut aufriefen sie all’, ersehend den kehrenden Führer:
„Komm’, und verkünd’ uns Jehova’s Geboth’: wir wollen gehorchen;
Stürben wir doch, so er selbst mit uns redete, plötzlichen Todes!“
Moses richtete nun, wie Jehova gebothen, den Altar
Aus zwölf unbehauenen Steinen auf: nach der Stämme
Heiliger Zahl; hieß schlachten die jährigen Stier’, und besprengte
Dann mit dem Blute das Volk: zum Zeichen des Bundes. (Erneut einst
Wird der Bund, und das heiligste Blut besiegelt ihn: Allen
Hier zur Erlösung von Schuld, und vom ewigen Tode.) Nicht säumt’ er,
Faßte das Rohr, und schrieb, auf das Blatt der Staude,
[8] Jehova’s
Zehen Geboth’, und las mit tieferschütternder Stimme,
Diese dem Volk dann vor. Ein Ruf: „Wir wollen gehorchen!“
Scholl, erneut, um ihn her, und er eilte zurück in die Wolken.
Vierzig Tage und Nächt’ — o Zeit der Weih’ und Entzückung,
Schnell entflohst du ihm dort, dem Seligen! Herrlich erhöhet
Stand in dem hehren Gesichte vor ihm die
Hütte des
Bundes[9]
Schon, mit den Säulen umher, mit den hängenden Tüchern, dem Obdach,
Ihr zum Schirm g’en Wetter und Wind, und dem dreifachen Vorhang,
Der von dem Allerheiligsten erst das Heilige trennte,
Dann den Vorhof schied, und vor diesem verhüllte den Eingang.
Dort in des Vorhofs Raum gewahrt’ er das eherne Becken
Nahe des Opfers Brandaltar’. In dem Heiligen sah er
Rechts den goldenen Tisch, und auf ihm Schaubrote geschichtet;
Sah zur Linken entflammt den siebenarmigen Leuchter,
Und den Rauchaltar vor dem Allerheiligsten stehen;
Doch in dem Allerheiligsten sah mit staunender Ehrfurcht
Er die Bundeslad’, und in ihr auf steinerne Tafeln
Eingegraben, Jehova’s Gesetz; auch den Stab, und des Manna
(Für die kommende Zeit) erhaltenes Maß in dem Steinkrug.
Anbethend beugten die Stirn’ zween Cherubim dort nach dem Deckel
Jener geheiligten Lade von Gold (von solchem gestaltet
Waren sie selbst, und der Tisch mit dem Rauchaltar und dem Leuchter)
Und umhülleten ihn mit den weitgebreiteten Flügeln.
Moses erbebt’ im Wonnegefühl: denn hoher Verheißung
Worte vernahm er: „Ich will in der Mitte der Cherubim künftig,
Dir, dem Sterblichen, mich enthüllen mit Huld, und ertheilen
Antwort dir im Grau’n beklemmender Zweifel. Des Jahres
Einmal wird nur der Hohepriester der Lade des Bundes,
Angethan mit dem Kleid’ und dem Schmuck, der jetzo dir kund wird,
Nah’n, und im Allerheiligsten dort, ihm Gnade gewährt seyn;
Doch nicht also mit dir: durch vierzig der Jahre von nun an,
Führst du im wüsten Gefild’ dieß Volk aus Abrahams Stamme,
Das ich erlas, den Glauben an Gott, den wahren und einen,
Rein zu bewahren, umher. Von den Götzendienern gesondert
Soll es mir seyn. Ihr Frevel verdarb sein Herz, und die Knechtschaft
Raubt’ ihm den Sinn für Wahrheit und Recht. In den Jahren der Wand’rung
Sterbe das gegenwärt’ge Geschlecht — nur Wenige schau’n dort
Kanaans Segensgefild’: ein neues, gesäugt in den Wüsten,
Blüh’, und erringe das Land, wie ich Abraham, Isaak, und Jakob,
Einst verhieß. Jehova ist treu, barmherzig, und gnädig.“
Moses begann: „Ach Herr, Jehova, Gnade gefunden
Hab’, Unwürdiger, ich, vor dir: dein Wille geschehe!
Nicht wie am Horeb, träg, als dort vom brennenden Dornbusch
Deine Stimme mir scholl — nein, freudigen Muthes gehorch’ ich
Deinem erhabenen Wink’. Ach, zürne nicht, Herr! In Gesichten
Sah ich enthüllet zuvor das eherne Becken, den Altar,
Leuchter, und Tisch, die Lade des Bund’s, und die heilige Hütte,
Wie ich hinfort gestalten sie soll auf dem Zug’ in den Wüsten;
Doch, was sollen sie einst? Verborgenes liegt in dem Bild wohl?“
Alsbald säuselten sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, an seinem Ohr’, erneut, die Worte vorüber:
„Dreimal Heilig“ erschallt in den Himmeln umher dem Erschaffer,
So dem Erlöser zugleich, und dem Heiliger! Bebst du der Gottheit
Hehrem Geheimniß’ im Geist’? Ein Bothe des kommenden Retters
Eilst du dahin. Er führt aus den Banden des ewigen Todes,
Selbst, das entartete Menschengeschlecht zurück zu dem Schöpfer.
Kommen wird er voll Huld, und erbau’n den schöneren Tempel:
[10]
Seinen Erlös’ten dereinst zur Heiligung. Nur in dem Vorbild
Siehst du sein Werk, und jetzt, in den Stunden der Weihe, nur ahnen
Sollst du, was einst auch dir in seiner
Verklärung[11]
enthüllt wird.
Sieh’, in dem ehernen Becken die Fluth: durch Wasser gereinet
Trittst du in’s Heiligthum ein?... So werden durch Wasser die Völker
Einst dem Himmel geweiht in des dreimal Heiligen Nahmen!
Opferst du Rinder ihm jetzt, und biethest des dankbaren Herzens
Gaben auf Brandaltären ihm dar?... Die Pfade der Kindheit
Wandelst du noch: denn dunkele Bilder gewahret dein Aug’ nur
Von dem erhab’nen Altar und jenem unblutigen Opfer,
Deß’ unendlicher Werth die Schuld versöhnet für immer!
[12]
Wallt Rauch auf in dem Allerheiligsten?... Nur die Erlös’ten
Weihen, mit ihm, dereinst ein mir gefälliges Opfer!
[13]
Doch auf dem gold’nen Tisch’ ersiehst du die Brote, zur Rechten,
Aufgeschichtet zur Schau?... O Tiefe der göttlichen Weisheit,
Wer ergründet dich? Einst ernährt zum ewigen Leben
Nur das lebendige Brot die Seel’, und, in Wonne gesättigt
Fleugt sie zu Gott! Du siehst den siebenarmigen Leuchter
Dort zur Linken gestellt?... Wie sieben der obersten Engel,
Knie’n am Thron’
[14] — im Beginn des weltbeglückenden Reiches
Sieben Hirten zuerst des Meisters erkorener Jünger
Offenbarung[15] enthüllt, auf dem meerumflutheten Eiland,
Und der Geheimnisse sieben in seiner Kirche hienieden
Heiligend walten:
[16] so flammt sein Licht vor dem dunkelen Vorhang,
Der das Allerheiligste birgt! Ein Sarg ist des Bundes
Lade vor dir?... ein Grab, aus dem in der Fülle der Zeiten,
Strahlend im Siegestriumph, der Welterlöser erstehet!
Sieh’ die Cherubim knie’n mit gebeugter Stirn’, und umhüllen
Dort mit den Flügeln, im Bild, der Gottheit hehres Geheimniß!
Auch errichtest, und brichst du die Hütte noch ab auf der Wand’rung
Wechselndem Pfad’?... Einst steht sie, verwandelt in herrliche Tempel
Oben auf Zions Höh’n von den Königen; aber den schönsten,
Herrlichsten baut nur Er, von erwählten und lebenden Steinen,
[17]
Aus dem Schatten empor zu dem Reiche des Lichts und der Wahrheit!“
Tag’ und Nächt’ entfloh’n. Der gottbeseligte Führer
Israels sah im Geist’ auf Augenblicke der Zukunft
Dunkeln Schooß, wie im Licht des schnellaufflammenden Blitzes
Nächtliche Fluren, erhellt: sein Volk in den Segensgefilden
Kanaans; erst der
Richter, und dann der
Könige Herrschaft,
[18]
Frevel und Götzendienst; zweimal den herrlichen Tempel
Zions zerstört, und so oft in die Fremde geführt von den Siegern
Sein entwürdigtes Volk.
[19] Umsonst erheben die
Seher
Warnende Stimmen; doch sie künden zugleich in des Jammers
Füll’ auch Trost: zur verheißenen Zeit, von der Reinen geboren,
Kommt der Retter heran. Er lehret die Worte des Lebens —
Uebt die Thaten des Heils... und, ach, an dem schmählichen Kreutz dort
Hängt er, und stirbt? Triumph dem Auferstand’nen: vom Oehlberg
Schwebt er, huldumstrahlt, empor in den jauchzenden Himmel!
Sieh’, und das dürre Holz, an welchem er hing — in die Wolken
Grünt es plötzlich empor, und breitet die schattenden Zweig’ all’
Ueber die Erd’, im Segen, umher! Sie kühlen des Müden
Glühende Stirn’; sie biethen dem Hungernden Speise des Lebens;
Laben den Dürstenden mild, und, gestärkt, erklimmt er von einem,
Immer höher empor, zum ander’n, das Ziel in dem Lichtreich,
Wo der Sohn, mit dem Vater und Heiligen Geiste vereinet
Ein- dreieiniger Gott, allmächtig in Ewigkeit herrschet.
Moses sank in Wonne dahin; doch, nahe der Rechten
Fand er, erwacht, Jehova’s Gesetz, auf steinerne Tafeln
Eingegraben, und trug’s im Arm von dem Berge herunter.
Wehe, wie trifft jetzt Lärm und Geschrei, von dem Lager herüber,
Sein aufhorchendes Ohr? Er sah — die steinernen Tafeln
Fielen aus seinen, voll Angst erhobenen Händen, und brachen
Mitten entzwei: er sah um ein güldenes Kalb sich erheben
Opfer, und Mahl, und Reigentanz, als hätt’ er Aegyptens
Söhn’ in die Wüste geführt.
[20] Unsinnige! Habt ihr vergessen,
Was Jehova für euch, barmherzig und gnädig, gethan hat?
Aaron, auch du? Doch nein: zum Dienste des Einen und Wahren
Hast du gerufen das Volk auf den kommenden Tag — ihm die Thorheit
So zu enthüllen gesinnt, am heiligen Feste Jehova’s.
[21]
Moses ergrimmt’, ergriff, zermalmte des schmählichen Götzen
Bild, und schleuderte selbst den Staub in die Fluthen des Bergstroms,
Daß sich reine das Volk, und im Durst noch erbebe dem Frevel.
Doch die Schuldigen weiht’ er dem Tod: dreitausend erwürgte
Levi’s Schwert, zur Strafe des Götzendienst’s... und es kehren
Einst zu dem einigen Gott so viele zurück’ an dem Festtag,
Da, gleich feurigen Zungen, herab die göttliche Huld sich
Senkt, und mit donnerndem Laut’, ein Jünger die Herzen erschüttert.
[22]
Als in Osten der Tag aufdämmerte, stieg zu Jehova’s
Wolkensitze, mit zwei, von neuem gemeißelten Tafeln
Moses in Eile hinauf. Dort fleht’ er, weinend, im Staub noch,
Daß er verzeihe dem Volk die Missethat, und es fürder
Leite mit Huld — er selber, zum Ziel, nach seiner Verheißung.
O, und der Allerbarmer verzieh! Erneut (und erneut einst
Wird der Alt’- in dem Neuen-Bund) gewahrt’ auf den Tafeln
Er Jehova’s Gesetz, und vernahm nun weiter in Ehrfurcht:
„Sieh’, ich führ’ euch zum Ziel, wie ich Abraham, Isaak, und Jakob
Solches verhieß, in das Land der Götzendiener! Vertilgt soll
Werden ihr Volk, und der Götzendienst; doch, fliehet ihr Bündniß,
Ihre Verirrung, und Schuld. Erst frevelten Israels Kinder,
Jenen gleich, vor mir, und den Aaron selber besiegt’ ihr
Dräuender Trotz; doch sann er ihr Heil: ich hab’ ihm verziehen.
Priester soll er mir seyn mit seinem Geschlecht’, und als solcher
Sühnen die Schuld und die Missethat. Nun schau’ es im Vorbild,
Was ich gewollt, und salb’ ihn darauf zum Priester Jehova’s!“
Moses gewahrete jetzt des Hohenpriesters Bekleidung,
Staunend im Geiste, vor sich: das Horn, und die
Wort’ um die Stirn her:
„Heilig Jehova dem Herrn.“
[23] Den azur-bläulichen
Mantel,
Wogend zur Ferse hinab; das
Unterkleid, und das
Ephod,
[24]
Das ihm vorn an der Brust, und so an dem Rücken, gefestigt
Ueber den Schultern mit zween hellschimmernden Steinen, hinabhing.
Sah auf dem einen der Stein’ und dem ander’n die Nahmen der Stämme
Israels; d’rauf den
Brustschild,
[25] der an goldenen Kettchen
Ueber dem Ephod hing mit zwölf hellschimmernden Steinen:
Saphir, Rubin, Smaragd, Granat, Chalcedon, und Jaspis;
Onyx, Achat, Chrysolith, Opal, Amethyst, und Berylle
Herrlich verziert. Auf jeglichem stand ein Nahme der Stämme
Israels; dann auf dem Schild’ auch noch das
Urim
und
Thumim:
[26]
Heilige Loos’ aus der Urzeit her, auf den Sohn von dem Vater,
Frommen Geschlechtes, vererbt, wo auf einem das Ja, auf dem andern
Aber das Nein, befragt von dem Hohenpriester, ihm Antwort
Gab zur Leitung des Volks, noch eh’ ihm ein König erwählt war;
Sah, wie jener also geschmückt, in der Hütte des Bundes
Opferte; wie er den Bock, des Jahrs einmal, in die Wüsten
Trieb, nach Buß’ und Gebeth, mit der Sünde des Volkes belastet.
[27]
Dann ertönete sanft, wie im Lenzgebüsche das Lüftchen
Säuselt, die Stimm’ an dem Ohr’ des still aufhorchenden wieder:
„Euere Rede sey Ja, und Nein“ — in jeglichem wahrhaft!
O, in der Wüste verkündet zuvor, erscheinet der Meister
Einst voll göttlicher Huld, und lehret die Pfade der Wahrheit,
Ruh’, und ewigen Glücks! Er nimmt freiwillig die Sünden
Aller auf sich, und sühnt, am Kreutz’, unschuldig — das Opfer
Und der
Hohepriester zugleich,
[28] die entartete Menschheit.“
Leise, wie Harfengetön, verhallten die Wort’ in dem Luftraum.
Doch nun stieg er vom Berge herab, und trug in der Rechten
Sorgsam, Jehova’s erhab’nes Gesetz. Von Staunen gefesselt,
Sah ihn das Volk (nicht ahnet’ er’s) von den Strahlen der Gottheit
Glänzend, nah’n, und er hüllete dann in den Schleier das Antlitz
Stets, so er näher trat mit dem bebenden Volke zu reden.
Bald erbauten Bezaleel, Sohn Ur, und Oholiab,
Sohn Achimsach, die Hütte des Herrn vor ihm, und er stellte
All’ die Geräthe zurecht, wie Jehova ihm solches gebothen.
Aaron salbt’ er darauf zum Hohenpriester, und salbte
Nadab und Abihu, die Erzeugten Aarons, zu Priestern.
Doch nun stieg von dem Rauchaltar die Säule des Rauches,
Duftend empor! Zerstücket lag der jährige Stier schon
Auf dem Altar: das Volk erzitterte! Moses begab sich
Langsam gegen den Berg, und rief mit gewaltiger Stimme:
„Deine Herrlichkeit laß mich sehen, o Herr, und enthülle
Dich vor Israels Volk, daß solches dir diene mit Ehrfurcht!“
„Mich selbst wirst du nicht seh’n — wer wird mich sehen, und leben?“
Also erscholl’s aus dem dunkeln Gewölk; doch plötzlich erhob sich’s
Von dem Gipfel des Bergs: da wies in der Bläue des Himmels,
Strahlend hin, wie der zuckende Blitz, sich dem Volke Jehova’s
Herrlichkeit. Sieh’, ein Blitz fuhr nieder; verzehrte das Opfer
Schnell, und die Wolkensäul’ umthaute die Hütte des Bundes!
Doch, schon schwebt, wie ein Siegespanier der kehrenden Heersmacht,
Sie von neuem dem Volk von Israel in den Gefilden
Einsamer Wüsten vor. Sie waren ihm jetzo die Heimath —
Also beschloß es der Herr: ein neues Geschlecht zu erziehen,
Das entfernt von dem Joch’ und dem Truge der Götzenverehrer
Sich erhebe, den Glauben an Gott, den einen und wahren,
Durch die Nacht schuldvoller Unwissenheit bis zu dem Zeitraum
Seines verheißenen Lichts aus Bethleh’m hinüber zu retten.
Jahr’ entfloh’n: da hielt an den Marken des herrlichen Landes
Kanaan, still das wandernde Volk, und Moses entsandte
Zwölf der Bothen (aus jeglichem Stamm sich einen erwählend)
Ueber das nahe Gebirg: zu erforschen die Lage des Landes,
Seine Fruchtbarkeit, Muth, und Zahl der Bewohner. Er heischt’ auch,
Daß sie ihm brächten ein Pfand, als Zeichen erfülleter Sendung.
Jene erforschten das Land, und nach vierzig entflohenen Tagen
Kehreten sie, von dem Thal’ Eschkol heimtragend der Reben
Lastende Purpurfrucht, zum Zeichen erfülleter Sendung.
Wohl erhoben sogleich die Lag’ und den Reichthum des Landes
Josua, Nuns Erzeugter, vereint mit Caleb, Jephuna’s
Sohne; doch, in geheim: denn feiggesinneten Herzens,
Schlichen bei dunkeler Nacht die andern umher, und erfüllten
Dort die Stämme mit Angst durch schaudervolle Geschichten
Von gesehenem Riesengeschlecht’ in dem Lande des Fluches —
Nicht des Segens, und Weh’ und Jammer erscholl in dem Lager!
Laut g’en Moses zugleich und Jehova, murrten die Feigen,
Schrie’n, und sehnten zur Schmach und in’s Grab im Lande der Knechtschaft,
Sich von neuem zurück’. Umsonst bezeugten die beiden,
Kaleb und Josua, selbst des dräuenden Todes nicht achtend:
Lüge sey’s, und Trug, was jene Verirrten gesprochen,
Bis nun Moses, vom Herrn gesandt, inmitten des Volkes
Stand, und ihm die lang’gedrohete Züchtigung kund that:
„Alsbald wieder zurück nach den einsamen Fluren der Wüsten
Soll es kehren, und sie durch vierzig der Jahre durchwandern;
Auch aus der Zahl, die Aegypten gebar, nur Nuns und Jephuna’s
Sohn, mit dem neuen Geschlecht, — weil sie, voll Muthes, die Wahrheit
Kündeten, siegumstrahlt, in Kanaans Herrlichkeit einzieh’n.“
Trauer erfüllte das Volk, als solches die Rede vernommen.
Doch, am Morgen erhoben sich dann zehntausend der Männer
Aus dem Volk, die unendliche Schmach zu sühnen entschlossen,
Nach dem Gebirg, von dem heimkehrten die Bothen. Vergeblich
Warnte Moses die Kühnen: „Nicht sey Jehova mit ihnen:
Denn still ruhe die Wolkensäul’ an der Lade des Bundes.“
Aber sie hörten ihn nicht, von empörtem Stolze getrieben.
Welch’ Getümmel erschallt? Den Flüchtenden liegen die Gegner
Hart im Rücken, und sä’n, zur schrecklichen Ernte, die Leichen
Hin in dem stäubenden Feld. Nur wenige kehrten in’s Lager.
Mirjam erhob sich schnell im Gefolg mitleidiger Seelen,
Dort den Verwundeten Hülf’ und Rettung zu bringen; doch alsbald
Faßt sie unendlicher Schmerz, als sie die zerstümmelten Leichen
Schaut, und ein heimlicher Groll erstickt ihr im Auge die Thränen:
Denn sie theilte zuvor des murrenden Volkes Gesinnung.
Schweigend kehrte sie heim in das nachtumhüllete Lager.
Weder Jehova’s Dienst, noch auch des trauernden Volkes
Lieb’ erfreute sie mehr. All’ ihres Glanzes beraubet,
Wie die Ros’ in den Tagen des lautherrauschenden Regens,
Schien sie, und schmähete jetzt, von Aaron begleitet, im Jähzorn,
Moses eh’lichen Bund, nach Zipora’s Tod, mit der Fremden.
[29]
Aber sie litt die Strafe der Schuld in schmählicher Krankheit;
Ward nun wieder geheilt auf Moses Fleh’n zu Jehova,
Und sie umfing dann bald das Grab im Gefilde von Kadesch.
Jahr’ entfloh’n. Ach, viel erduldete Moses, der Führer
Israels, noch auf dem weitumirrenden Pfad zu den Fluren
Hin des verheißenen Land’s! Und wie, nicht im schallenden Siegsruf
Soll’ er’s jetzt erringen dem Volk — des unendlichen Mühsals
Lohn nicht ernten, und auch nicht ruh’n im ersehneten Grab dort?...
Wandle getrost: hell strahlt dereinst der umnachtete Pfad dir!
Ha, welch Meut’rergeschrei! Wie, Korah, Dathan, Abiron,
Wagt ihr’s frech dem Erwählten des Herrn entgegen zu stehen —
Ihn zu schmäh’n vor dem Volk’? Allein, schon berstet der Boden:
Euch, und die Euern zugleich, verschlingt der Rachen des Abgrunds.
Ihr, die ihr Aaron verhöhnt, und seines Dienstes euch anmaßt,
Seh’t: sein Wunder-Stab ergrünt vor dem Herrn in der Hütte —
Euere liegen verdorrt — und soll in der Lade des Bundes
Aufbewahrt, zum Denkmaal seyn noch späten Geschlechtern!
[30]
Doch ihm winkte der Herr, und er schlummert im Grab’ in des Horebs
Niederung, wie er ihm solches zuvor, und auch Mose verkündet’
Ueber der Haderquell’, als Mißtrau’n dort ihn erzürnte:
„Nicht sollt ihr in das Land der Verheißung, Kanaan, einzieh’n!“
[31]
Weh’ und Rettung zugleich euch Murrenden! Tausende liegen
Schon auf der Erd’, entseelt vom Biß’ entsetzlicher Schlangen;
Tausende harren des Todes in Qual; doch winket Jehova
Mose: er eilt, und erhöhet die eherne Schlang’ auf dem Stammholz —
Schnell sind alle geheilt, die auf sie die Blicke geheftet,
Gläubigen Sinn’s. Auf dem Holz both einst der arge Verführer,
Heva, in Schlangengestalt, die Frucht, aus welcher zum Erbtheil
Wurde die Schuld. Ihn ereilte der Fluch und die Strafe des Frevels;
Aber das Bild des tief Verworfenen zeigte dem Volk jetzt,
Daß, wie dort von dem Holz der Jammer ihm kam, auch die Hülf’ ihm
Komme daher: denn so wie die Schlang’ einst Moses erhöhte,
Wird auch des Menschen Sohn erhöht auf dem Holze, daß alle,
Die an ihn glauben, ihr Heil durch ihn erlangen auf ewig.
[32]
Jahr’ entfloh’n. Schon beugte sich Ogg, der König von Basan,
Sichon, von Amorrhaa, besiegt, vor Israels Waffen;
Aber warum vertilgt es die schändlichen Götzenverehrer
Nicht mit des Siegers Schwert, wie Jehova gebothen? Warum, ach!
Eint es in sündiger Lust sich mit ihren verworfensten Töchtern?
Doch schon schwingt
Phineas, der Sohn Eleazar, und Aarons
Enkel, den Speer, und durchstößt, voll Grimms, den frechen Verächter
Von Jehova’s Gesetz’, mit der Buhlerinn: ihm und den Seinen
Wurde darum die Würde des Hohenpriesterthums erblich.
Bileam rief nur Segen, nicht Fluch, auf Israels Völker
Von dem Himmel herab. Verwirrt flieht Balak, der König:
[33]
Denn schon nahe dem Ziel, nach vierzigjähriger Wand’rung,
Schau’n sie des Jordans Fluth, und theilen die Beut’ und das Land bald
Unter sich zum Besitz: das Land der hohen Verheißung.
Siehe, die Sonne sinkt, mit sanftverglühenden Blicken
Scheidend, g’en Westen hinab; der Lärm des Tages verhallet,
Und es entschlummert die Welt: so wandelte Moses am Abend
Seines herrlichen, Gott und den Menschen gewidmeten Lebens
Jetzt im rosigen Abendlicht dem Ufer des Jordans,
Hehren Blicks, entgegen; er stand, und rief zu dem Volk so:
„Hundert und zwanzig Jahr’ erlebt’ ich. Nicht dunkeln die Augen
Mir noch; ungeschwächt ist die Kraft dem Greise geblieben;
Aber Jehova zürnete mir, ob eurem Vergehen
Dort an der Haderquell’: euch führt in das Land der Verheißung
Josua jetzt, Nun’s Sohn, mit siegverherrlichter Recht’, ein.
Ehret den heiligen Bund, den ihr vor Sinai’s Felshöh’n,
Als der Herr im Posaunenruf’ und im rollenden Donner
Sein Gesetz verkündete, treu zu halten, gelobtet.
Bald soll euch von Garizims Höh’n nur Segen erschallen,
So ihr gehorcht; doch Fluch und Verwünschung schallen vom Ebal,
[34]
Solltet ihr einst, verkehrt, sein spotten im sündigen Abfall.
Laßt mich Jehova ein Lied — daß es doch zum rettenden Wink’ euch
Dienete, weih’n, bevor ich von euch nun scheide für immer!“
Rief’s, und sah bewegt nach der Bundeshütte hinüber.
Liebliches Harfen Getön’ erscholl um ihn her; zu dem Himmel
Hob er die Recht’, und begann mit weitumschallender Stimme:
Mosis letztes Lied. V. Buch, 32 Cap.
„Hört, ihr Himmel, mein Wort, und die Erde vernehme den Ausruf
Meines Mund’s! Bald schwell’ er an, wie Regengewässer;
Fließe bald wie der Thau und der träufelnde Schauer des Morgens
Von dem Gras’ und den Kräutern der Flur. Den Nahmen Jehova’s
Will ich preisen. Dem Herrn sey Ruhm, ihm, unserem Gotte!
Er ist der Schöpfer der Welt, und vollkommen Alles und Jedes,
Was er gemacht. Gerecht sind seine Wege, des treuen
Und unfehlbar’n Horts, des ewig Heiligen, Wahren.
Ach, an ihm sündigten sie — nicht Kinder ihm mehr, in der Schandthat:
Ein verderbtes, verworf’nes Geschlecht! So lohnst du’s Jehova,
Sinnlosthörichtes Volk? Ist er nicht Vater, nicht Herr dir,
Der dich erschuf, und erhob? Gedenke der Tage der Vorzeit;
Sinne vergang’nen Geschlechtern nach; frag’ deinen Erzeuger,
Und er kündet es dir; erforsche die Alten — sie sagen
Solches dir an: schon als der Herr die Völker zerstreute,
Schied er von Adams Söhnen dich aus, und setzte den Völkern
Gränzen rings um dich her; er zählte dich: denn wie sein Eigen
Bist du ihm, Israels Volk, wie ein zugemessenes Erb’ ihm.
Draußen im öden Gefild hat er dich ernährt, und im Wohnort
Grauser Schrecken umhergeführt, in den einsamen Wüsten:
Dort dich lehrend, und, wie sein Auge bewahrend vor Unbill.
Wie der Aar, ermunternd zum Flug, nah’ über den Jungen
Flattert, und sie mit weitgebreiteten Flügeln emporträgt
Auf dem Rücken zur Luft: so war dein einziger Führer
Dort Jehova der Herr — kein anderer war dir genahet.
Sieh’, er führte dich über die Höh’n! Dich sollte des Feldes
Frucht ernähren, der Fels dir Honig träufeln, und Oehl dir
Fließen vom harten Gestein. Dir ward die Butter der Heerden,
Milch der Schaf’, und das Fett der Lämmer, der Böck’ und der Widder
Basans zu Theil. Dich sättigte Weitzenmehl, und der Trauben
Köstliches Blut trankst du nach Lust. So wurde der Liebling
Wohlgenährt: schlug aus mit der Ferse; verließ in der Fülle
Seinen Schöpfer, und trat von Gott zurücke, dem Retter.
Ach, so empörten sie ihn durch fremde Götter! Sie reizten
Ihn durch Gräuel zum Zorn: nicht Gott — nein, Dämonen opfernd,
Die sie nicht kannten zuvor, und die nicht ehrten die Aeltern,
Deren Söhne sie sind: denn jen’ einwanderten jüngst erst!
Gott verließest du, ach! der dich gezeugt, und vergessen
Hast du sein, des Erschaffers sogar? Er sah’s, und entbrannte
Gegen jen’ im Zorn, die als seine Kinder ihn reizten.
Aber er sprach: verwenden will ich von ihnen mein Antlitz,
Schau’n ihr Ende vor mir: denn frevelnde Kinder erzeuget
Dieß Geschlecht. Sie erzürneten mich durch nichtige Götzen,
Und durch eitelen Tand: so will auch ich in dem Volk hier,
Welches nicht mein hieß, sie dann reizen, und höhnen vor Thoren.
Schnell entflammt mein Zorn die Gluth: hinunter zum Abgrund
Braus’t sie im Flug, verzehret die Keime der Erd’, und zerwühlet
Auch die Vesten der Berg’. Auf ihr Haupt versamml’ ich des Jammers
Füll’, und schleud’re mein tödtend Geschoß nach ihnen, daß ringsum
Sie verschmachten in Noth, und die Vögel, voll Gier, sich an ihnen
Sättigen. Raubthiers Zahn soll sie zerfleischen — entseelen
Plötzlich der giftige Biß der trägumschleichenden Schlangen;
Draußen tilgen das Schwert, und daheim verzehren der Schrecken
Jüngling und Mädchen, und so mit dem Greise den wimmernden Säugling.
Dann ruf’ ich: wo sind sie? Ihr Andenken selber vergehe...
Aber noch zögr’ ich ob des Grimms der Gegner; in Hochmuth
Rühmten sie sich: „Nur unser gewaltiger Arm, nicht Jehova,
Hat es vollbracht.“ O Volk, des Raths und Verstandes beraubet:
Sähst du’s ein, und erkenntest ihr Ende! Würden vor Einem
Tausend entflieh’n, und Zween in die Flucht Zehntausende schlagen,
Wenn ihr Schutzgott sie nicht verkauft’, und Jehova dahingab?
Denn nicht wie unser Gott sind ihre Götter: deß’ geben
Zeugniß sie selbst. Von Sodom und Gomorrha’s Flur ist ihr Weinstock —
Galle die Beer’ an den Trauben von ihm, und des geifernden Drachen,
Wie auch der Natter unheilbares Gift ihr Wein. Nicht erkennst du’s,
Daß es verhüllt, und versiegelt bei mir, im heimlichen Schatz war?
Ha, die Rache ist mein! Einst will ich vergelten: ihr Fuß soll
Gleiten — der Tag des Falles ist nah’: ihn ereilet die Zukunft.
Gott wird richten sein Volk; an seinen Knechten Erbarmen
Ueben, und seh’n, daß die Kraft erlag, die Umvestigten sanken,
Und hinschwanden zugleich die Entronnenen. Dann wird er rufen:
Euere Götter, auf welch’ ihr fest vertrautet, wo sind sie?
Mögen denn jene, von deren Opfer-Fett ihr gekostet,
Und getrunken hattet den Wein, aufsteh’n, und euch schirmen
Dann in der Noth. Seht ihr’s, daß nur Ich — und außer mir kein Gott
Sey? Daß ich tödt’, und erhalt’, und schlag’, und heil’, und erretten
Keiner aus meinen Händen vermag? Zum Himmel erheb’ ich
Meine Hand, und rufe: So wahr ich, Ewiger, lebe:
Wetzen will ich mein Schwert; ausstrecken die Rechte mit Nachdruck
Dann zum Gericht; will rächen mich an dem Feind’ und vergelten
Jenen, die mich gehaßt! Satt trinken soll in dem Blutstrom
Sich mein Pfeil, und mein Schwert vollsättigen sich an den Leichen
Ihrer Erschlag’nen — am Mord der Bund-entblößeten Häupter.
Preis’t, ihr Heiden, sein Volk: denn rächen wird er das Blut einst
Seiner Erwählten; für sie Vergeltung üben am Gegner,
Und ihr Land vor allen mit Ruhm und Segen erfüllen!“
So vollbracht’ er das Lied: dann gab er den Stab in die Vollmacht
Josua’s; hob die Händ’ empor, und segnete laut noch
Israels Stämm’ in dem Herrn. Ein Schluchzen und Weinen ertönte.
Doch nun stieg er die Höh’n Abarims mit langsamen Schritten
Aufwärts, bis er umher die Berg’ und Hügel versunken
Sah, und unendlich vor ihm das Gelobte-Land sich enthüllte.
Jetzo stand er am Ziel. Die in Rosen versinkende Sonne
Wand den Strahlenkranz um seine erhabene Scheitel:
Schweigend sah er hinüber nach ihr. Da scholl ihm Jehova’s
Stimm’ an das Ohr: „Nun schaue hinab in die herrlichen Fluren
Kanaans. So wie ich dort an Abraham, Isaak, und Jakob
Eidlich verhieß: erringen soll’ ihr Enkelgeschlecht einst
Dieß gesegnete Land: so geb’ ich es ihm zum Besitz hin;
Nur du allein betrittst es nicht.“ Sieh’, da er’s hatte vernommen,
Schwand ihm die Kraft sogleich, und mit weitverbreiteten Händen
Strebt’ er, erblaßt, auf den brechenden Knie’n, den Staub zu erfassen —
Staub, des Menschen Beginn und Ende!... Wie liegen so dunkel
Gottes Wege vor uns! Ach, er, der herrliche Führer
Israels, steht an den Marken des langverheißenen Landes,
Schaut es vor sich, und endet dort, verlassen, die Laufbahn?
Doch, o wonnige Schau: sein brechendes Auge gewahret
Drüben schon von des Tabors Höh’n, im himmlischen Lichtglanz
Schweben, verklärt, empor den Welterlöser, und sieht dort
Ihm zur Seite sich selbst mit Helias, dem Seher von Thesbi,
Wiedererweckt, und beglückt auf immer!
[35] O, seliges Enden!
Bethend haucht’ er den Geist in den Schooß des ewigen Mittlers
Aus; sank heiter hinab in das Grab: denn einst hin zum Tabor
Schwebt er aus ihm, verklärt, und zu nie versiegender Wonn’ auf!
„Auferstehung, o Licht auf dem dunkeln Pfade des Lebens!
Schlummern werden sie einst im Grab die Unzähligen alle;
Plötzlich tönt die Posaun’, und, verklärt, erstehen die einen —
Zieh’n, wie ein Fest-Kleid an die Unsterblichkeit: denn mit dem Tod nur
Siegt dem Vergänglichen ob das unvergängliche Leben!“
[36]
Dreimal festlicher Tag: der Heilige ruht in dem Grab noch!
Aber die drönend’ Erd’ ergreift ein Beben und Schauern;
Felsen spalten entzwei; hervor aus dunkeler Felsnacht
Kommt, erstanden, der Herr des Lebens und Todes, und alsbald
Schallt dann Hallelujah in den Höh’n, in den Tiefen, und ringsum:
Ihm sey Ruhm und Preis; was Keiner vermochte — geöffnet
Hat er die Siegel des Buchs:
[37] er zeigt uns die himmlische Stelle —
Zeigt uns die Wonne der Auferstehung auf irdischem Pfad’ schon!