Kitty nickte, und schon wirbelte sie im Arm des jungen Mannes fort, von der süß hinschmachtenden Musik getragen in einem Meer von warm pochender Jugendseligkeit.

Anna Marie blickte ihnen nach, mitten aus ihrer Thätigkeit am Klavier heraus. Sie sahen sehr hübsch aus miteinander, wie nur zwei junge Menschen mit sich instinktiv einander anschmiegenden Bewegungen.

»Wie gut er walzt für einen Preußen!« dachte Anna, die von österreichischem Lokalpatriotismus nicht ganz frei war.

Dann standen sie zusammen in einer Fensternische. Das Fenster war offen, und man sah den Mond draußen am Himmel in einem Gewimmel von zahllosen Sternen. Die milde, von süßherbem Wohlgeruch geschwängerte Luft strich ihnen um die Wangen.

Einige der Gäste fuhren fort zu tanzen, einige andere gingen paarweise oder zu dreien in den Garten hinaus. Kitty sah ihnen sehnsüchtig nach. »Möchten Sie nicht auch mit mir hinaus?« flüsterte sie, »es muß wunderschön sein jetzt.« Altenried stockte einen Augenblick. Wie oft hatte er sich heute bereits vorgenommen, vernünftig zu sein, aber es wollte ihm nun einmal nicht recht glücken! Ehe er sich's versah, wandelte er draußen neben Kitty über die breiten, roten Sandwege, die vom langsam sinkenden Nachttau feucht waren und auf welche die Schatten der noch dünnbelaubten Fliederhecken zwischen das grelle Mondlicht fielen.

»Ich will Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen,« sagte er leise. Er hatte ganz vergessen, daß Ulmenhof einem Fremden gehörte.

Er führte Kitty an einen runden Platz, um den hohe, in der Manier des Lenotre verstutzte Laubmauern emporragten. Gegen diese Laubmauern hoben sich abwechselnd Statuen und steinerne Bänke ab. Die Mitte des Platzes nahm ein derzeit versiegter Springbrunnen ein, dessen Becken zwei vermooste Delphine schmückten. Der Mond schien grell und verlieh den Statuen ein quälend unbestimmtes Halbleben. Sie sahen auf ihren Sockeln wie verzauberte Menschen aus, die plötzlich von einer wahnwitzigen Sehnsucht befallen worden wären, auf die Erde herunterzusteigen und noch einmal hinauszujubeln in den Frühling.

»Wenn wir uns ein wenig niedersetzten, ein ganz klein wenig,« bettelte Kitty einschmeichelnd.

»Ist es nicht zu kalt?« murmelte er. »Ich will Ihnen einen Umwurf holen.«

»Ach nein!« bat sie, »allein fürchte ich mich,« und sie blickte sich schaudernd nach den Delphinen um. »Es ist nicht kalt. Übrigens –« und lachend schlug sie den Doppelrock ihres weißen Kleidchens über ihren bloßen Kopf, wie eine Wallfahrerin im Regen. Es ließ ihr entzückend, das zarte Blütengesicht sah doppelt verführerisch aus in der weißen Hülle, die sie mit einer Hand unter dem Kinn festhielt. Sie setzte sich auf eine Bank neben die Statue einer Flora mit einem leeren Füllhorn und tänzelnder Pose. Einen Augenblick blieb er stehen, dann setzte er sich auch. Das Blut pochte ihm in allen Fingerspitzen, sein Mund war trocken. Wie herrlich das alles war! Rings um ihn Mondschein und Frühling, und neben ihm Kitty so ruhig und unbefangen, offenbar ahnungslos von dem Gewitter in seinen Nerven. »Man möchte immer hier bleiben,« sagte sie aus einem längeren Schweigen heraus mit ihrem vollen, innigen Kinderstimmchen und blickte ihn aus großen, begeisterten Augen an.

Er sah mühsam von ihr weg. »Nach allem, was ich heute beobachten konnte, hängt es wohl von Ihnen ab, ob Sie für immer hier bleiben wollen oder nicht,« murmelte er heiser.

»Ich hab's Ihnen schon einmal gesagt, ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den Hof macht,« wies sie ihn humoristisch zurecht. »Wenn Sie auf jemanden böse sein wollen, so müssen Sie auf Herrn Förster böse sein, nicht auf mich.«

»Wie soll ich auf Herrn Förster böse sein,« murmelte Altenried, und plötzlich, fast auffahrend, setzte er hinzu: »Glauben Sie denn, ich würde Sie nicht auch neben mir festzuhalten trachten, wenn mir Ulmenhof gehörte?« So, da hatte er's! Sein armseliges bißchen Selbstbeherrschung war ihm gänzlich abhanden gekommen.

Was nun? ... Ja was? ... Kitty legte ihm ganz einfach die weiche kleine Hand auf den Arm und sagte: »Und jetzt wollen Sie weiter nichts von mir wissen, nur weil Ihnen Ulmenhof nicht gehört?«

Das weiße Röckchen, das sie noch immer mit der Linken unter dem Kinn festgehalten, war ihr von dem krausen Scheitel heruntergeglitten, der warme Duft ihres Haares streifte seine Wange, ihre großen Augen blickten zu ihm auf.

Was war da noch viel zu machen! Er nahm die kleine Hand, die sie auf seinen Arm gelegt, und küßte sie zwei-, dreimal. »Kitty, Kitty, mein Engel, mein Leben!« rief er. Dann hatte er plötzlich wieder einen Anfall von Vernunft. Sein Atem stockte. »Ich bete Sie ja an,« begann er, »Sie wissen's ja; wenn Sie es nicht gewußt hätten, so wären Sie nicht gegen mich gewesen, wie Sie gewesen sind ...«

»Wahrscheinlich,« sagte Kitty sehr ruhig.

Er mußte unwillkürlich lächeln, mitten in seine Vernunft hinein, dann fuhr er fort: »Aber sehen Sie, Sie sind ja ein Kind, und ich müßte ein ganz schlechter Kerl sein, wenn ich Sie beim Wort halten wollte, da Sie gar nicht wissen, was Sie auf sich nehmen. Sie kennen das Leben nicht, Sie haben mich lieb, weil Sie Mitleid mit mir haben. So etwas gilt nicht, es könnte Sie später gereuen, und dann würden Sie an Ihrer Verlobung schleppen wie an einer schweren Kette, weil Sie doch zu ehrenhaft wären, Ihr Wort zurückzunehmen. Nein, bewahren Sie Ihre Freiheit ungeschmälert. Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, um mir eine Existenz zu schaffen, die ich Sie auffordern dürfte mit mir zu teilen. Und sollten Sie dann wirklich noch frei sein und Ihre liebe Hand in die meine legen, dann will ich Ihnen auf den Knien danken dafür. Bis dahin ...« er stockte außer Atem. Er hatte sich selbst reden gehört und gestaunt über seine eigene Beredsamkeit. Alles, was er sagte, kam ihm so überaus stichhaltig vor, daß er selbst nicht begriff, was man dagegen einzuwenden vermöchte. Ein kalter Schauer überlief ihn, eine Angst, es wäre ihm wirklich gelungen, sein schönes Glück wegzuvernünfteln.

Einen Augenblick zögerte Kitty, dann sagte sie: »Bis dahin können wir beide graue Haare haben. Nun, mir ist recht, was Ihnen recht ist, ich warte auf Sie, wenn's sein muß, meinetwegen hundert Jahre. Aber meinen Sie wirklich, daß es der Mühe wert ist, unser Glück hinauszuschieben, bis wir ein Paar trockene alte Mumien geworden sind, nur weil wir dann ein bißchen mehr Geld haben werden?«

»Kitty! – und Sie könnten sich entschließen, mich jetzt zu heiraten, auf meine Lieutenantsgage und meine zehn Thaler Monatszulage hin?« rief Altenried.

»Ich würde Sie heiraten, wenn ich zugleich Ihre Frau und Ihre Scheuermagd sein müßte,« sagte Kitty, »das wär mir ganz gleich.«

»Kitty –!« Er legte den Arm um sie, ein kleiner, weicher, zitternder Schrei kam von ihren Lippen, halb wie das triumphierende Aufkichern eines Kindes, das seinen Willen durchgesetzt hat, halb wie das Schluchzen eines Weibes, das an der Grenze der höchsten Glückseligkeit steht. Sie schmiegte sich an seine Brust, er drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen, und der Frühling freute sich.

Unterdessen hatte man Anna Marie eine kurze Rast gegönnt, ein Leierkasten, den der Kammerdiener drehte, vertrat ihre Stelle. Fräulein von Mühlhausen forderte sie auf, mit ihr im Park spazieren zu gehen. Anna Marie zeigte sich immer bereit zu allem, was die anderen von ihr verlangten, diesmal um so mehr, als ihr selbst darum zu thun war, ein bißchen nach Kitty zu sehen, was die scharfsinnige Hildegard sofort bemerkte. »Sie suchen Kitty?« sagte sie, indem sie Anna Maries spähenden Blick beobachtete. »Die ist nicht weit, vor einem Augenblick habe ich sie mit meinem Vetter Altenried in den Garten verschwinden sehen. Herr Förster hat sie auch gesehen, er war wütend. Es ist komisch, Herr Förster ist in Kitty verliebt, die ihn nicht mag, und Kitty ist in meinen Vetter verliebt, der nun – der jedenfalls durchaus nicht daran denkt, sie zu heiraten. Als gewissenhafter Mensch hat er ihr das auch deutlich gezeigt, aber sie hat nicht verstehen wollen. Ich bin fest überzeugt, sie hat ihn aufgefordert, sie in den Garten zu begleiten.«

Anna Marie sah Hildegard sehr betreten an. Sie wußte noch nicht, daß Hildegards hervorragendste Eigenschaft (außer der Erhabenheit) die Wahrheitsliebe war, das heißt das, was sie für Wahrheitsliebe hielt, nämlich eine drängende Sucht, jedem Menschen so viel Unangenehmes ins Gesicht zu sagen als möglich. Ehe Anna noch eine Antwort bei der Hand hatte, fuhr die Mühlhausen fort: »Mir ist es immer komisch, was einige Mädchen alles daran wenden, um die Männer an sich zu locken; ich hatte immer genug zu thun, die Männer von mir abzuwehren.« Fräulein von Mühlhausen hatte eine schwarze Spitzenmantille um Kopf und Schultern geworfen und sah sehr malerisch und über die Maßen verlockend aus. »Mein Gott, hat sie vielleicht zu viel Champagner getrunken?« fragte sich Anna Marie. Aber der Champagner hatte nichts damit zu thun, Fräulein von Mühlhausen war einfach in jenem Zustand persönlicher Mitteilungswut, welcher jedesmal über sie kam, sobald sie sich mit einem halbwegs geduldigen Wesen im tête-à-tête befand. Sie leistete in solchen Fällen das Merkwürdigste an Anspielungen auf ihre geheimnisvollen Reize, auf ihre sehr hohe Begabung, ihre Verehrer und ihre Heiratsanträge. Welche Reihe von abgewiesenen Freiern! – ein Prinz von Geblüt, ein pensioniertes gekröntes Haupt – Fräulein von Hohleisen konnte nicht recht herausbringen, ob es der letzte Kaiser von Mexiko oder der vorletzte Prätendent des damals vakanten spanischen Königsthrons war – Berühmtheiten jeder Kategorie, deutsche Standesherren und einfache italienische Principi u. s. w. Anna Marie lauschte staunend, verblüfft, und sah zugleich etwas verwundert an der verkümmerten Gestalt des neben ihr herwandelnden alten Mädchens nieder. Erst allmählich dämmerte es in ihrer arglosen Seele auf, daß Hildegard von Mühlhausen im höchsten Maß von dem Verfolgungswahnsinn gewisser alter Jungfern geplagt war, die in jedem Mann einen Freier sehen und beständig Heiratsanträge abweisen, wo keine drohen. Sie war eine von den Persönlichkeiten, denen die Phantasie reichlich durch Illusionen ersetzt, was ihnen das Schicksal an wirklichen Glücksgütern vorenthalten hat. »Ja, ich hab mich von jeher tapfer halten müssen, um dem Ideal meines Lebens treu zu bleiben,« versicherte Hildegard nach einer Weile selbstgefällig.

»Was ist das Ideal Ihres Lebens?« fragte Anna Marie.

»Die heilige Unabhängigkeit meines Herzens und meiner Person.«

»Unter allen Umständen?« fragte Anna Marie etwas kopfschüttelnd und ungläubig.

»Unter allen Umständen,« versicherte Hildegard mit Überzeugung. »Die Ehe ist etwas so Unästhetisches. Was ist Ihre Ansicht?«

»Ich weiß nicht,« sagte Anna Marie gewissenhaft; »in meiner Jugend hatte ich keine Zeit, ans Heiraten zu denken, und es hat sich schließlich nie jemand viel um mich bekümmert. Als zum erstenmal die Frage ernstlich an mich herantrat, war ich zu alt.«

»Das ist ja ganz thöricht, Sie sind jetzt noch nicht zu alt,« versicherte Fräulein von Mühlhausen tröstend und höflich.

»Nun, vielleicht hätte es eine andere an meiner Stelle immerhin noch probiert,« meinte Anna Marie lachend, »aber ich – mit einem Wort, ich hatte ein zu romantisches Temperament, um mich in eine Ehe hineinzufügen, die zu meinen Jahren gepaßt hätte.« Kaum waren die Worte von ihren Lippen gefallen, so wurde sie dunkelrot, sie schämte sich, so viel von sich selbst gesprochen zu haben.

Auf Fräulein Hildegard hatte das naive Geständnis gar keinen Eindruck gemacht, die dachte immer nur an sich.

»Ich bin nicht im mindesten romantisch,« versicherte sie, »mir ist alle Liebe entsetzlich, ein jeder Mann wurde mir widerwärtig in dem Augenblick, wo ich merkte, daß er Lust bekam, mir einen Kuß zu geben. War das bei Ihnen nicht der Fall?« Die erhabene Hildegard forderte diese Vergleiche mit ihrer Umgebung natürlich immer nur heraus, um ihre eigene sittliche Höhe an der Kleinheit der anderen zu bemessen. Diesmal wurde selbst die gutmütige Anna Marie etwas ungeduldig. »Ich muß aufrichtig gestehen,« rief sie, »daß ich nicht oft –« doch ohne den Satz zu Ende zu sprechen, schlug sie die Hände zusammen und rief halb freudig halb erschrocken: »Jesus Maria!« worauf sie, ohne Hildegard weiter zu beachten, auf die beiden jungen Leute zueilte, die sie soeben neben der Flora sitzend erblickte, und ihren rätselhaften katholischen Ausruf in die Worte übersetzte: »Aber Kinder! was ist euch denn eingefallen?«

»Thue nur nicht so verzweifelt,« rief Kitty trotzig, »es geht dir doch nicht vom Herzen. Ich hab dir's ja angesehen, ganz genau hab ich dir's angesehen, daß du dir nichts Besseres für mich wünschtest. Wie solltest du auch!« Und Kitty heftete ihre von Glück und Liebe strahlenden Kinderaugen auf Altenried.

»Ich hoffe, daß wir Ihrer Sympathien sicher sind, gnädiges Fräulein,« sagte der junge Offizier, der, im Gegenteil zu Kitty, eher etwas verlegen war. »Mein Geständnis ist schneller gekommen, als ich gedacht hatte!«

»Daran bin ich allein schuld,« versicherte Kitty gelassen, »ich habe ihn gezwungen sich auszusprechen!«

Altenried sah erst Kitty, dann Anna Marie an, dann legte er den Arm um Kitty. »Gnädiges Fräulein, Sie haben keine Ahnung, wie lieb, wie –« Die Stimme brach ihm, er küßte Kitty auf die Stirn.

»Und das nennen die Menschen Liebe!« murmelte Fräulein von Mühlhausen, indem sie mit einem essigsauren Gesicht und vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in Erhabenheit danebenstand und zusah. »Ich begreife wirklich nicht, wie das zwei vernünftigen Wesen Freude machen kann.«


Um eine Stunde später war es still in Ulmenhof.

Am Rand der breiten Chaussee, die nach Ilmenau führte, ging ein junger Offizier, den Säbel unter dem Arm. Zwischen den blühenden Obstbäumen, die rechts und links die Straße umsäumen, zog sich hoch über seinem Haupt ein breiter blauer Streifen dicht mit Sternen besäet, und der junge Mensch wünschte sich die Sterne aus dem Himmel auf die Erde herunter, nur um sie seiner Braut als Spielzeug in den Schoß werfen zu können. Jeder Blick des Mädchens, jedes liebe, unschuldige, übereilte Wort tauchte aus seiner Seele auf, während er so dahinschritt durch die stille Nacht – rings um ihn die duftenden grünen Getreidefelder und die blühenden Bäume, über ihm der Himmel. Ein Wagen kam an ihm vorüber, rasch und leicht. Er trat in den Schatten, um nicht gesehen zu werden.

Er hatte sich bis dahin nicht viel aus seiner Armut gemacht und aller Neid war ihm fremd gewesen, aber heute gab's ihm einen Stich durchs Herz. Es demütigte ihn, daß er Kitty so gar nichts zu bieten vermochte. Und plötzlich fing seine Phantasie an zu arbeiten. Auf welche Weise wäre es denn möglich, seine Zukunft etwas glänzender zu gestalten? Er hatte einen sehr reichen Onkel, den er allenfalls beerben konnte, aber der Onkel war noch jung, er gönnte ihm sein Leben – und dann – eine Erbschaft, die man unter elf Personen teilt! Er konnte dem Militärdienst entsagen, in ein Comptoir eintreten und Unsummen an der Börse gewinnen. Aber von diesem Gedanken wendete er sich unmutig ab, nein, das lag ihm nicht im Blut, es würde doch nichts Gutes dabei herauskommen.

Was blieb übrig – ruhig seine nüchterne Werkeltagspflicht zu thun, genügsam von zehn Jahren zu zehn Jahren ein kümmerliches Avancement abwarten. – Er ballte die Faust und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Noch eins war möglich, es konnte Krieg kommen! Sein Blut pochte stärker. Krieg! Krieg! Das größte, edelste Hazardspiel der Welt! Er dachte nicht an das Furchtbare, das mit dem Krieg verbunden war, er dachte nur, daß der Krieg einen weiteren Spielraum bot für die Entwickelung seiner Fähigkeiten, eine Gelegenheit, seine Berufspflichten ernster, aufopfernder auszuüben, eine Möglichkeit, sich rascher emporzuschwingen, etwas zu erringen mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit. Eine tolle Begeisterung überkam ihn, ein gräßlicher, dringender Wunsch. In demselben Moment schwirrte eine Sternschnuppe aus dem blauen Himmel herunter.

Das Herz des jungen Menschen blieb stehen. Er kannte den Aberglauben, welcher behauptet, daß der Wunsch, auf den, kaum daß er aus unserem Herzen aufgestiegen ist, eine Sternschnuppe antwortet, vom Schicksal erfüllt werden soll. Und plötzlich wurde ihm kalt. Wie hatte er etwas so Entsetzliches wünschen können – entsetzlich nicht für ihn, aber für so viele andere.

Ihm war's, als bedeckten sich die Felder ringsum mit Leichen ... und doch! Er hatte echtes Soldatenblut in den Adern – das alte Raubritterblut der Altenrieds. Was bedeutete das denn eigentlich, unter den Fahnen zu stehen in nicht absehbarer Friedenszeit? Ein Offizier, der zu nichts anderem diente, als seiner Mannschaft den Ceremonien- und Tanzmeister abzugeben – ein Offizier, dem nie Gelegenheit geboten worden war, sein Leben in die Schanze zu schlagen, war doch ein recht armseliger Wicht!

Zur selben Zeit lag Kitty, die Arme unter dem Kopf, in ihrem Bettchen und träumte ihrerseits in die Zukunft hinein, glücklich bis in jede Fingerspitze, aber bescheiden und still – eine Zukunft, in der sie Hand in Hand mit ihm denselben Weg gehen würde, einen ganz schmalen Weg, aber rechts und links mit Blumen besetzt, nach denen sie sich bücken mußten, um sie zu pflücken – ja, sich tief bücken. Aber je tiefer sie sich danach bückten, um so mehr freuten sie sich daran.

Hand in Hand – Hand in Hand – bis in den Sonnenuntergang hinein!

*   *   *

Anna Marie sitzt in ihrem Zimmer und schreibt Briefe. Es ist die Beschäftigung, die ihr im Leben infolge ihres großen Bekanntenkreises am meisten Zeit wegnimmt. Ihre massenhafte Korrespondenz ist die Steuer, welche sie für ihre Beliebtheit zahlt.

Kitty kniet unten im Garten vor einem Gemüsebeet, in das sie abwechselnd mit einem spitzigen Stück Holz Löcher bohrt und aus einem blauen Papiersäckchen Samen streut. Sie trägt eine verwaschene, rot ausgenähte blaue Ärmelschürze, die noch von ihrer Pensionszeit herrührt und ihre biegsame, junge Gestalt völlig einhüllt, ein Paar hirschlederne Handschuhe, mit denen sie ungeniert in der Erde wühlen kann, und einen großmächtigen Strohhut. Ein dicker, brauner Dachshund, dem ihre kauernde Position befremdlich erscheint, springt laut bellend um sie herum und setzt seine dicken Vorderpfoten abwechselnd auf ihre Schultern und auf ihren Rücken. Das ist ihm gnädigst gestattet. Wenn er sich aber unterfängt, seine Pfoten in das schön geglättete, wie geriebene Schokolade aussehende Gemüsebeet zu pflanzen, das seine Herrin bearbeitet, dann – wird ihm eine fürchterliche Strafpredigt zu teil.

Mit dem herrschaftlichen Schloßgarten von Ulmenhof hat der Garten, in dem Kitty arbeitet, nichts gemein. Hinter dem Haus ziehen sich großmächtige, rechtwinklige Beete, von Salbei, Lavendel und Erdbeeren eingefaßt und in kleinere, von winzigen Pfaden getrennte Felder abgeteilt, aus denen hohe, alte Obstbäume aufragen, wahre Patriarchen von Obstbäumen; Birnbäume, etwas schwerfällig, mit umfangreichem Stamm und ziemlich regelmäßig gebauten Kronen, ganz übersäet von dichten Blütenbüscheln, weiß wie Engelsflügel, aber einen widerlichen Hauch ausatmend; Apfelbäume von viel unregelmäßigerem Wuchs mit graugrünen, flaumigen Blättchen, zwischen roten Knospen und rosigen Blüten, Blüten mit dunkelgelben Staubfäden und seinem scharfem Geruch; Pflaumenbäume, in kleinwinzige, betäubend süß duftende weiße Blüten eingehüllt; und zu Füßen der Obstbäume grelle Sonnenfünkchen mitten zwischen dem grauen Schattenteppich herumtanzend, und in ihren blühenden Kronen ein Heer von Finken, die lustig ein Loblied des Frühlings singen – so sieht es um Kitty herum aus.

Kitty singt mit den Finken um die Wette, nur viel weicher und süßer als sie. Mit einemmal verstummt sie – sieht auf. Ein langer Schatten zieht sich über den Kies bis zu ihren Füßen hin, und hinter dem Schatten steht ein junger Offizier, die Hand an der Mütze, lächelnd und von Glück und Lebenslust strahlend. Sie stößt einen kleinen Freudenschrei aus, dann ihren Blick in den seinen tauchend, murmelt sie nur: »Ach, wie lieb!« Bei ihrer raschen Wendung ist ihr der Hut vom Kopf gefallen. Waldmann, der Dachshund, ergreift sofort die Gelegenheit, ihn zwischen die Zähne zu nehmen und mit ihm davon zu galoppieren – der junge Offizier will ihm nach, um ihm seine Beute zu entreißen, aber Kitty ruft: »Laß ihn, es ist ein alter Hut,« und sie zuckt mit den Achseln.

»Verschwenderin!« bemerkt Altenried, ihr mit dem Finger drohend, »so bereitest du dich darauf vor, die Frau eines armen Lieutenants zu werden!«

Noch immer auf der Erde kauernd, mit der einen Hand auf den roten Kies gestützt, sieht sie zu dem jungen Mann auf und lacht: »Ob ich mich darauf vorbereite! Sieh nur« – sie deutet auf ein langes Stück Erde – »das habe ich alles mit Gemüse bepflanzt. Es ist reizend, sein eigenes Gemüse zu pflanzen, und es kommt so billig. Wenn wir verheiratet sind, werde ich den Gemüsegarten allein bestellen.«

Was für ein entzückendes Geschöpfchen! Ihr weiches, volles und doch durchdringendes Stimmchen allein könnte genügen, ihn um den Verstand zu bringen; jedes Wort, das sie spricht, thut ihm wie eine Liebkosung wohl und regt ihm zugleich alle Nerven auf. Am liebsten möchte er sie in die Arme schließen und mit ihr bis an das äußerste Ende der Welt fliehen – irgend wohin, wo ihn niemand mehr in der vollständigen, ungestörten Besitznahme ihrer bezaubernden kleinen Persönlichkeit stört. Und während ihm dieser wilde Traum in den Adern spukt, steht er wohlerzogen und ruhig vor ihr und sagt: »Wenn wir verheiratet sind, werden wir wahrscheinlich gar keinen Garten haben.«

»So!« meint Kitty, »das ist schade«; dann gleichmütig die Achseln zuckend, ruft sie: »aber wenigstens ein paar Blumentöpfe vor den Fenstern, das ist auch schön!«

»Hm! es scheint, daß nichts im stande ist, dir die Freude an unserer armseligen Zukunft zu verkümmern,« sagt Altenried und lacht gerührt, ohne jedoch den Schatten wegzulachen, der seine Augen verdunkelt.

»Nichts!« sagt sie. Sie ist jetzt aufgesprungen und sieht ihm forschend so zu sagen bis in die Seele hinein. »Nichts!« wiederholt sie etwas leise, und dann setzt sie plötzlich hinzu: »nichts, als deine langen Gesichter.«

»Ich hab eben Sorgen für zwei, Kitty,« murmelt er, »und wenn ich mir vorstelle, wie du für den Luxus geschaffen bist, drückt mich meine Armut, das ist wahr.« Bei diesen Worten will er den Arm um sie legen, sie aber wehrt ihn heftig von sich ab.

»So sprich doch nicht immer von deiner Armut,« ruft sie zornig; »glaubst du etwa, ich hätte mich dir genähert, wie ich's gethan hab, wenn du ein reicher Mann gewesen wärst? Nein! niemals hätt ich's gethan; das versteht sich von selbst. Reiche Menschen haben immer Freunde mehr als genug, aber du ... um dich war mir so leid; ich dachte, es würde dir ein Trost sein, jemand zu haben, der an dir teilnimmt, jemand, der sich auf dich freut, wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst, jemand, der dir deine Existenz zurecht rückt und sie ausschmückt, so gut es geht. Aber wenn du vor ein paar erbärmlichen Sorgen zurückschreckst, so ist ja das alles nicht nötig. Weiß Gott nicht. Es kann ganz gut beim alten bleiben. Ich werde mich nur in Grund und Boden schämen dafür, daß ich mich dir an den Kopf geworfen hab, aber – sterben werde ich daran nicht! Adieu!« Und damit wendet sie sich großartig ab und will von dem jungen Mann forteilen und bricht beim dritten Schritt in Thränen aus.

Als ob er sie gehen ließe!

»Kitty!« ruft er, sie trotz ihres heftigen Widerstandes in die Arme schließend, »Kitty, du hast recht, hundertmal recht; ich hätte dein Opfer ruhig und dankbar hinnehmen müssen, anstatt kleinlich an dessen Größe herumzumessen; aber begreifst du denn nicht, daß es traurig für mich ist, alles zu nehmen und nichts geben zu können, nichts als Plage und Entbehrungen! Das sind meine Brautgeschenke, Kitty!« Und dabei hält er ihren Kopf an seine Schulter und sieht sie an, sehr traurig und unendlich zärtlich.

Sie schließt die Augen und murmelt: »Entbehrungen giebt es für mich keine neben dir, und die Plage kann mich nur freuen!«

Indem veranlaßt das Rauschen eines weiblichen Gewandes die beiden sehr ineinander vertieften jungen Leute, aufzusehen.

Anna Marie ist's, die auf sie zukommt, wie gewöhnlich überquellend von Teilnahme und Wohlwollen, dennoch nehmen ihre Züge bei dem unerwarteten Anblick Altenrieds einen auffällig befremdeten Ausdruck an. Sie beantwortet die ehrerbietige Verbeugung des jungen Mannes nur flüchtig, und sich an Kitty wendend, sagt sie: »Kitty, ich begreif eigentlich nicht recht, wie du Baron Altenried empfangen konntest, ohne mich zu avisieren. Ich hab dir gestern bewiesen, daß ich dir keine unnützen Hindernisse in den Weg legen will, aber schließlich mußt du mir doch auch einiges Vertrauen entgegenbringen.«

»Die Schuld würde in jedem Fall eher mich treffen als Kitty,« wirft Altenried ein, »aber ich versichere Ihnen, daß es mir gar nicht eingefallen wäre, meinen Besuch zu verheimlichen, weder vor Ihnen noch vor irgend jemand, gnädiges Fräulein. Ich war eigentlich gekommen, um bei Herrn Wißmuth um die Hand Kittys anzuhalten. Man sagte mir, er sei heute nach Frankfurt gefahren.«

»Und das ist er auch,« murmelt Kitty. »Er geht alle Mittwoch nach Frankfurt, es kommt uns dies heute sehr gelegen.«

»Warum?« fragt etwas beunruhigt Altenried.

»Weil dich infolgedessen Anna Marie auffordern kann, zum Essen zu bleiben.«

»Und wenn dein Vater zu Hause gewesen wäre, so hätte sie das nicht dürfen?« fragt Altenried trocken.

»Wer kann wissen? Mein Vater ist unberechenbar,« sagt gleichmütig, die Achseln zuckend, Kitty.

»Du scheinst dich darauf gefaßt zu machen, daß dein Vater meine Werbung abweist,« ruft der junge Mann etwas empfindlich.

»Möglich ist's,« gesteht Kitty kleinlaut.

»Ja, aber was dann?« fährt er auf.

»Dann wird es doch dazu kommen, was ich gestern umgehen wollte,« sagt Kitty mit einem komischen Seufzer, »wir werden aufeinander warten müssen, bis wir ein Paar grauhaarige verschrumpfte Mumien sind.«

»Aber Kitty!« ruft Altenried, »ich begreife nicht, wie du über so etwas lachen kannst.«

»Wie soll ich nicht lachen,« erwidert ihm Kitty, »wenn ich so fröhlich bin. Mein Gott, ich kann mir nichts Trauriges vorstellen, solange du neben mir bist, und rings um mich herum blühen die Bäume und die Vögel singen. – Das Leben ist so schön – selbst wenn wir ein bißchen aufeinander warten müssen, auch das wird noch schön sein. Nur zu wissen, daß du auf der Welt bist und an mich denkst, ist schön!« Und da er nicht sofort antwortet, legt sie ihm die Hand auf die Schulter und sagt treuherzig und mutwillig: »Gar zu lang wird's übrigens auf keinen Fall währen. Der Papa hat in nichts Ausdauer, nicht einmal in der Unvernunft. Eines schönen Tages werd ich ihm unbequem geworden sein, und dann giebt er mich einem jeden, der mich will – selbst dir.«

»Selbst mir!« murmelt Altenried mit einer Bitterkeit, die Kitty nicht begreift; nur daß sie ihn verletzt hat, bemerkt sie und möcht's ihm abbitten um jeden Preis.

»Hans!« flüstert sie leise.

»Ich begreife eigentlich nicht, auf welchen Grund hin mich dein Vater abweisen wollte,« fährt er auf; »einzuwenden ist schließlich gegen mich nichts, als daß ich wenig Vermögen zu erwarten habe, und wenn dir das recht ist ...?«

»Ob mir's recht ist, Hans, mein lieber, böser Hans!«

»Nun dann ...« Er ballt die Faust. Die Tochter Herrn Wißmuths lieben, die Tochter Herrn Wißmuths heiraten – das war eine Sache für sich – Kitty war anbetungswürdig – aber sich von diesem erbärmlichen Herrn Wißmuth abweisen lassen, nur weil er nicht so viel Geld hatte wie der gemeine Protz, dem jetzt Ulmenhof gehörte, das war unerträglich!

Indem hörte man eine schrille Glocke, die zu Tisch rief.

»Fordere ihn auf, mit uns zu essen, Anna,« bat Kitty, »was der Morgen uns bringt, wissen wir nicht; gönn uns zum wenigsten den einen Tag! Gönn uns den Tag!«

Und Anna gönnte ihnen den Tag!

*   *   *

Der Morgen brachte nichts Gutes. Herr Wißmuth war in sehr gereizter Stimmung heimgekehrt aus Frankfurt, und dies hauptsächlich deshalb, weil Herr Förster, dem er in der Einfahrt des »Englischen Hofs« begegnet, mit einem kurzen Gruß an ihm vorübergegangen war, ohne ihm Zeit zu gönnen, ihn anzusprechen. Frau von Manz, welcher er seinen Besuch abstattete, hatte ihn über den Grund der plötzlich mit Herrn Förster vor sich gegangenen Veränderung aufgeklärt.

»Der Förster wird doch nicht ein junges Mädche heirate, das mit einem fremde Offizier in de Mondschein hinauslauft. An und für sich ist nicht viel dabei, aber – es beweist nur, daß sie de Förster nit mag.«

Dies war die Ansicht der Frau von Manz.

Herr Wißmuth fand, daß sehr viel dabei war, und das gab er seiner Tochter sofort bei seiner Rückkehr von Frankfurt zu verstehen. Als den nächsten Morgen Altenried bei ihm vorsprach und um Kitty anhielt, um sie anhielt mit der warmherzigen Innigkeit, die er seiner Natur, mit dem ritterlichen Ernst, den er seiner Erziehung verdankte, wies ihn Herr Wißmuth ab; ja, wies ihn ab, nicht ruhig, vernünftig, mit einer Vertröstung auf die Zukunft und der Aufforderung, sich ein wenig zu gedulden und indessen Beweise von seiner Tüchtigkeit und der Tiefe seiner Neigung für Kitty zu geben, das hätte der junge Mann allenfalls begriffen. Nein, seine Abweisung war schroff, roh und dumm.

»Ich bin ein bescheidener Mann,« sagte Herr Wißmuth, indem er sich bemühte, den jungen Offizier, den er nicht aufgefordert hatte, sich niederzusetzen, von oben herab anzusehen, »ich habe keinen Ehrgeiz. Ein schlichter Bürgerlicher genügt mir zum Gatten meiner Tochter. Ich brauche keinen adeligen Schwiegersohn, dessen Kinder es sich eines Tages in den Kopf setzen könnten, ihren Großvater zu verachten. Ich habe zwar selbst ein Mädchen aus adeliger Familie geheiratet, aus sehr guter adeliger Familie, aber das war etwas anderes. Sie hat sich in allem und jedem nach mir richten müssen, und nicht ich nach ihr. Im übrigen, Herr Baron, befinden Sie sich mir gegenüber in einer gelinden Täuschung, ich meine meinen Vermögensverhältnissen gegenüber. Ich bin kein reicher Mann; die Repräsentation zwingt mich zu gewissen Opfern, welche ich bringe – Kitty zuliebe bringe – aber mir einen adeligen Schwiegersohn anzuschaffen, dazu bin ich nicht reich genug. Ich glaube, wir gehen jeder unsere Wege, und je weniger wir Worte verlieren über Ihren mich sehr ehrenden Antrag, desto besser!«

Auf so etwas hätte es eigentlich nur eine Antwort gegeben – einen Schlag ins Gesicht; da Altenried denselben dem Vater Kittys nicht erteilen konnte, blieb die wohlgesetzte Rede Herrn Wißmuths ohne jegliche Erwiderung.

Um einen Tag später verließ Altenried die Gegend.

Sein Zorn gegen den alten Wißmuth ging so weit, daß er sich vornahm, sich seine Liebe zu Kitty aus dem Herzen zu reißen. Er versuchte nicht einmal, sie noch zu sehen, teilte ihr nur brieflich die ihn geradezu beschimpfende Abweisung, welche seine Werbung erfahren, mit. Dann schrieb er vierzehn Tage nicht, und dann ...? Nun, dann kam eines schönen Morgens ein dicker Brief an Anna Marie, in dem sich ein acht Seiten langes Manuskript für Kitty befand. Nein, er konnte es nicht aushalten ohne Nachricht von seinem Sonnenstrahl, seiner süßen Frühlingsblüte! Er hatte ein ganzer Mann sein und nichts mehr von sich hören lassen wollen, bis er Kitty mit Fug und Recht aus dem Vaterhause hätte abholen können, aber es ging doch nicht. Nur eine Zeile von ihr alle acht Tage einmal, nur einen Gruß, mehr brauchte er nicht, um sich mit seiner momentan recht drückenden Existenz auszusöhnen – aber das brauchte er. Wie reizend er schrieb!

In jedem Verliebten steckt ein Dichter, das ist eine alte Geschichte; aber heutzutage sind so wenig Menschen wirklich verliebt!

Kitty schlief drei Tage nicht vor Freude über den wunderschönen Brief.

Herr Wißmuth war indessen überzeugt, daß alles aufs beste eingeleitet sei und daß Kitty schließlich doch die Frau des Herrn Förster werden würde. Er wühlte im vorhinein mit Wollust in der Goldgrube, als welche ihm das Vermögen seines Schwiegersohnes erschien.

»Die Welt geht ihren Weg, die Welt geht ihren Weg, wir erreichen gewiß unser Ziel!« versicherte er alle Tage schmunzelnd Anna Marie – und Anna Marie schwieg.

Herr Förster that indessen durchaus nichts dergleichen. Der Umstand, daß Kitty einen blutarmen Teufel seiner Herrlichkeit vorzuziehen wagte, hatte seine Eitelkeit ins Schwarze getroffen. Er that jetzt, was er konnte, um seine früher offen zur Schau getragene Neigung zu ihr abzuleugnen, äußerte sich wegwerfend und abfällig über sie gegen alle, die ihn anhören mochten, und zerwarf sich mit allen denjenigen, welche sich unterfingen, ihn an den Umstand zu erinnern, daß er sich einmal für Kitty interessiert habe. Kurz, er benahm sich genau so, wie ein nur mühsam kulturbeleckter Rüpel, dessen innere Roheit durch eine starke Gemütsbewegung aus der Tiefe an die Oberfläche seiner Natur heraufgewühlt worden ist, sich in dem gegebenen Falle benehmen mußte.

Um sich zu zerstreuen und von sich reden zu machen, ließ er das Schloß in Ulmenhof vom Flur bis zum Dachfirst durch einen künstlerischen Frankfurter Tapezierer renovieren, spendete große Summen zur Einrichtung eines Hospitals, bethätigte auch noch anderweitig eine höchst effektvolle Wohlthätigkeit, fuhr täglich mit einem recht vergnügten Gesicht und glänzender Equipage an Kittys Fenstern vorüber und machte Emma Becker den Hof, erweckte in ihr die lockendsten Hoffnungen, die sich leider nach einiger Zeit als unbegründet erwiesen.

Anna Marie blieb, ohne viel Worte zu machen oder Herrn Wißmuth mutwilligerweise zu erbittern, auf Kittys Seite. »Eine sympathische Umgebung ist der einzige Luxus, den zu entbehren mir in diesem Leben je schwer gefallen wäre,« sagte sie oft achselzuckend zu sich selber. »Für Kitty würde es wohl ebenso sein!«

Und indessen geht die Welt ihren Weg, wie Herr Wißmuth richtig behauptet. Aber wohin dieser Weg führt, das ahnt er nicht, das ahnt wohl keiner im Deutschen Reich, während der Blütenzauber des Frühlings 1870 langsam von den Bäumen herunterweht.


Die Obstbäume haben längst ihr duftiges weißes Blütenkleid mit einem ernsten, eintönigen grünen Blättergewand vertauscht und hängen voll kleiner, harter und vorläufig noch sehr saurer Früchte, die Heckenrosen am Wegsaum sind verblüht, die Gartenrosen erheben ihre stolzen Häupter rot, weiß, blaßrosa, gelb mit rötlichem Schimmer. Welche Fülle von Rosen! – nirgends blühen sie schöner als an dem Fenster Kittys, das heißt dem einen ihrer zwei Fenster, das in den Garten sieht, denn die zwei anderen Fenster von Kittys Schlafzimmer – es ist ein Eckzimmer – sind kahl, die gehen auf die Straße hinaus.

Zwei wunderschöne weiße Rosen haben sich frisch entfaltet über Nacht, zwei weiße und eine blutigrote. Kitty sieht von ihrem Schreibtisch hinweg, wo sie eben im Begriff steht, einen Brief zu schreiben, zu den Rosen hinüber, die im hellen Julisonnenschein wie Edelsteine glühen. »Wenn Hans die sehen könnte!« denkt sie bei sich, wie sie immer an Hans denkt, sobald ihr irgend etwas Hübsches oder Liebes im Leben begegnet – da hört sie die Stimme ihres Schwagers. Was hat der hier zu thun so unerwartet? Wäre ihrer Schwester vielleicht ein Unglück zugestoßen? Ihr immer nur allzu leicht beunruhigtes Herz klopft hochauf. Nein, um die Schwester handelt es sich nicht. Jetzt hört sie den Schwager deutlich sagen: »Diesmal ist's Ernst! – ein Telegramm aus Berlin – die Armee mobilisiert.« Kitty zittert am ganzen Leibe.

»Eine Deroute auf der Börse, wie ich sie seit sechsundsechzig nicht erlebt. Das bedeutet Krieg!«

»Ja, das bedeutet Krieg,« erklärt Herr Wißmuth wichtig.

»Hab ich eine Nase,« berühmt sich Herr Sadis, »seit vierzehn Tagen spekulier ich auf Baisse – famos!«

»Du imponierst mir,« erklärt Herr Wißmuth.

Kitty steht inmitten des Zimmers, blaß und zitternd. Hat sie richtig gehört? Krieg ... Krieg ... ach, wer weiß, was für ein Krieg das sein mag – ein Krieg zwischen Rußland und Persien – ein Krieg zwischen Rußland und Österreich und der Türkei ... Da tritt Anna Marie zu ihr, sehr bekümmert. Drei Schritte macht ihr Kitty entgegen, dann bleibt sie stehen, macht eine kleine unbeholfene Bewegung mit den Armen wie ein angeschossener Vogel, der die Flügel regt und nicht mehr fliegen kann, und murmelt: »Die Armee mobilisiert – welche Armee?«

»Die preußische,« sagt Anna Marie.

*   *   *

Sie hatte nichts davon geahnt, nein, nichts von dem, was seit mehreren Tagen in allen Zeitungen stand, daß ein hohenzollernscher Prinz sich die Krone von Spanien hatte aufs Haupt setzen wollen, die Krone, die, ein Angelhaken für unternehmende junge Fürsten mit Hang zum Regieren und ohne momentane Beschäftigung, damals fast so zudringlich feilgeboten wurde wie heute die Krone von Bulgarien – daß Frankreich eingeschritten war, hochmütig, schroff, aufreizend, und Deutschland ihm durch eine kriegerische Demonstration geantwortet hatte, durch ein einschüchterndes Säbelrasseln. Wie hätte sie das wissen sollen, sie las ja keine Zeitung, sie kümmerte sich nicht um Politik. Wer sollte ihr davon reden? Die einzige, die es hätte thun können, war Anna Marie, aber die hütete sich wohl. »Es hat Zeit, es hat Zeit,« sagte sie sich, »wer weiß, vielleicht ziehen die Wolken vorüber, sie sind schon oft vorübergegangen, wozu die Kleine beunruhigen!«

Aber die Wolken zogen nicht vorüber, das Wetter stieg empor finster und schnell, ehe man sich's versah, war auch schon der ganze Himmel schwarz, am 19. Juli war der Krieg erklärt!

Ja, der Krieg war erklärt zwischen Frankreich und Preußen! So sagte man damals, denn an Deutschland hatte man längst zu glauben aufgehört.

Was war denn Deutschland? – ein theoretischer Begriff, der außer Kurs gekommen war, weil sich keine praktische Substanz dahinter verbarg; etwas, das Geographie studierenden Kindern viel Kopfzerbrechen verursachte und von dem die wenigsten vermochten, es deutlich zu erfassen. Deutschland – Deutschland! – früher war es allenfalls etwas gewesen, etwas Mächtiges, Großartiges, ja fast mystisch Poetisches; jetzt aber – jetzt war es eine Art politisches Aquarium mit größeren und kleineren Fischchen, von denen jedes nach seinem eigenen Kopfe mit dem Schwänzchen zappelte und von denen nie zwei Lust hatten, sich zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen. Anno sechsundsechzig hatte der preußische Hecht zwar eine ganze Reihe der kleineren Fischchen verschlungen, aber die Fischchen hatten es ihm sehr übel genommen und zappelten in seinem Magen gewaltig weiter, ja setzten alles daran, ihn zu veranlassen, sie wieder auszuspeien.

Die Freiheitskriege hatte man vergessen, während in Frankreich Malakoff und Solferino die Siegeslegende der großen Armee von neuem belebt hatten.

Keiner von den politischen Zuschauern, den neutralen Mächten hätte damals auf Deutschland gewettet; der einzige, der an dem Siege Frankreichs zweifelte, das war der Kaiser der Franzosen selbst und ein paar hellsehende Männer, die ihn gewarnt, ohne es vermocht zu haben, ihn vor seiner eigenen Schwäche zu retten.


Kitty stellte keine Betrachtungen an über die politische Lage; ob Preußen mit Frankreich kämpfen sollte oder mit der Türkei oder mit Afghanistan, war ihr einfach gleichgültig. Es kämpfte, es rief seine Söhne unter die Fahnen, und das Leben seiner Söhne, das Leben Hans von Altenrieds war gefährdet. Das war alles, was sie von der politischen Situation verstand.

*   *   *

Fräulein von Mühlhausen saß in ihrem kleinen Stübchen, in dem es ziemlich wüst aussah, obgleich es längst elf Uhr geschlagen hatte; die Ilias in der Voßschen Übersetzung vor sich aufgeschlagen, eine Tasse Kaffee neben sich. Der Kaffee blieb ungetrunken und die Ilias wurde nicht umgeblättert; Fräulein von Mühlhausen war nicht in der Stimmung, sich ihrer physischen und geistigen Ernährung zu widmen. Ihr ganzes Sein ging wieder einmal auf in ihrer Verzweiflung darüber, daß sie, Hildegard von Mühlhausen, kein Mann war. Seit der Kriegserklärung grämte sie sich darüber mehr als je.

Ihr Zimmerchen war hauptsächlich mit Photographien nach Raphael und Michelangelo möbliert, die uneingerahmt und nur mit Reißbrettnägeln befestigt an der Wand hingen, im übrigen mit Disteln, für welche sie eine ausgesprochene Vorliebe hegte und von denen sie einen großen Vorrat aus der Campagna mitgebracht zur Erinnerung an eine italienische Reise, die den Glanzpunkt in ihrem Leben gebildet hatte. Mitten zwischen all dem Kehricht hing eine Photographie von ihr selbst und zwar im neapolitanischen Kostüm.

Da das kleine Gemach sonst reichlich mit Staub und Spinngeweben garniert war, so machte es im ganzen mehr den Eindruck eines Ställchens als den einer Wohnstube.

Fräulein von Mühlhausen seufzte allenfalls über diesen Übelstand, wenn sie ihn bemerkte, was nur anläßlich eines Zusammenpralls mit der Außenwelt geschah, aber sie that nichts, um ihn zu ändern, dazu war sie viel zu erhaben und zu faul.

Was sie allenfalls geleistet hätte, wenn sie als Mann auf die Welt gekommen wäre, wird bis in die Ewigkeit hinein eine offene Frage bleiben. Als Frau leistete sie nicht viel, sie war weichlich, stand spät auf, liebte das Wohlleben über alles und verausgabte alle ihre hervorragende Thatkraft im Konditional.

Draußen regnete es in Strömen.

»Ach, wenn ich nur ein Mann wäre!« schrie Fräulein von Mühlhausen ins Leere und rang ihre kleinen Hände. Sie war fest überzeugt, daß sich in diesem Falle die sämtlichen Vorzüge Bismarcks, Moltkes und des Königs in ihr vereinigt hätten.

Da klingelte es sehr scharf. »Um Gottes willen, wer kann denn das sein?« rief sie entsetzt und hielt die Falten ihres fleckigen, himmelblauen Morgenrocks über dem Magen zusammen. Es klingelte noch einmal, noch schärfer.

Hildegard erhob sich seufzend.

»Auguste!« rief sie in ihre Schlafstube hinein, wo ihr dienstbarer Geist beschäftigt war, »haben Sie nicht klingeln gehört?«

Auguste hatte nichts gehört, sie stand, den Kehrbesen und einen Staubfetzen in der Hand, beim Fenster und las Wallensteins Tod.

Auguste war ein Erziehungsresultat Hildegards, die sich ihrer von Jugend auf angenommen, wofür sich Auguste dadurch erkenntlich zeigte, daß sie Fräulein von Mühlhausen jetzt umsonst, das heißt für Kost, Wohnung und Kleidung bediente. Leider war sie um einen halben Kopf kleiner als Hildegard, dabei aber schönheitswidrig breiter, weshalb ihr die abgelegte Garderobe Fräulein von Mühlhausens sonderbar saß. Sie wischte den Staub nie auf und machte das Bett häufig erst nachmittags, aber alle ihre Mängel deckte sie in den Augen ihrer Herrin durch eine schwärmerische Vorliebe für Schiller. Daß sie neben dieser Vorliebe für Schiller eine ausgesprochene Vorliebe für Unteroffiziere besaß, ahnte Hildegard nicht.

»Machen Sie doch auf, es klingelt zum drittenmal,« rief Hildegard ärgerlich; »ich komme ja rein um die Ohren! Öffnen Sie doch!« Selber zu öffnen, wäre Fräulein von Mühlhausen als eine Entwürdigung erschienen. Die Möglichkeit war ihr vielleicht einfach noch nicht eingefallen.

Auguste öffnete. Draußen in der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, hörte man Säbelgeklirr. Die kriegerische Mühlhausen fuhr auf. Indem legte sich eine Hand auf die Klinke ihrer Thür. »Darf ich herein, Hilde?« fragte ziemlich schroff eine tiefe männliche Stimme. »Hans!« rief Hildegard sehr aufgeregt und trat ihm entgegen.

Trotz ihrer großen Verachtung des männlichen Geschlechts, einer Verachtung, die etwas schwer zusammenzureimen war mit ihrer schreienden Verzweiflung darüber, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein, hatte Hildegard eine Schwäche für ihren Vetter von Altenried. Keiner, der ihn an diesem verregneten Julitag zu ihr hätte hereinstürmen sehen, hätte ihr das verübelt. Die Augen glänzten ihm aus dem Gesicht heraus, seine Wangen waren brauner, seine Brust schien breiter als im Frühjahr. »Grüß Gott, Hilde!« rief er munter, indem er seine vom Regen triefende Mütze auf den Tisch warf mitten zwischen ihren Homer und ihren kalten Kaffee. »Verzeih, daß ich dir so viel Wasser in die Wohnung mitbringe, mein Mantel richtet in der Küche draußen eine ganze Überschwemmung an. Na, wie geht's?«

»Wie's eben einem armen Geschöpf gehen kann, das verurteilt ist, hinter den Coulissen der Weltbühne einem glänzenden Schauspiel, bei dem ihm keine Rolle zugefallen ist, zusehen zu müssen!«

»Arme Hilde!« rief er etwas humoristisch aus.

»Ja, arme Hilde, fürwahr!« wiederholte die Mühlhausen tragisch. »Wie ich dich beneide, du spielst mit, du hast deine Rolle in dem Stück!«

»Eine kleinwinzige Rolle, aber endlich; auch die muß anständig durchgeführt werden!« rief Altenried, »ein jeder thut, was er kann!«

»Wenn's nur jeder thäte,« seufzte Hildegard elegisch, »an dir hatte ich keine Zweifel, du bist ein echter Altenried, und ein Altenried thut seine Pflicht.«

»Mach doch keine Phrasen über etwas, das sich von selbst versteht,« schnitt ihr der junge Offizier unwillig in ihren Redefluß hinein.

»Aber du freust dich doch auf den Krieg?« rief Hildegard zudringlich.

»Natürlich freu ich mich,« sagte er einfach, »das heißt« – er kraute sich hinter dem Ohr – »auf dem Gewissen möcht ich ihn nicht haben, den Krieg; aber ich freu mich, mitthun zu dürfen. Ein jeder freut sich, wenn er einmal die Gelegenheit findet zu zeigen, was allenfalls in ihm steckt. Und dann ist es ein großartiger, ein edler Krieg, man ist mit dem ganzen Herzen dabei. Nur um die arme Kitty ist mir leid!«

Er hatte sich in einen Lehnstuhl, ein spindelfüßiges Möbel, das noch aus der Zeit der französischen Invasion zu stammen schien, niedergelassen und legte die verschränkten Arme vor sich auf den Tisch.

»Wir haben Marschbefehl bekommen, vor drei Tagen – in Homburg hatten wir heute sechs Stunden Rast – ich hab mich frei gemacht, um herüberzukommen. Du weißt, wie ich mit dem alten Wißmuth stehe – hast du etwas dagegen, daß ich die Kleine hier erwarte, um Abschied zu nehmen?«

Fräulein von Mühlhausen zog die Mundwinkel herunter; sie hatte sich der Täuschung hingegeben, ihr Vetter sei gekommen, um von ihr Abschied zu nehmen – davon erwähnte sie natürlich nichts – sie warf nur ihren zerzausten, heute noch nicht frisierten Kopf zurück und meinte: »Du weißt, ich bin nicht wie die sentimentale Hohleisen, ich habe kein Interesse an Liebesaffairen, und deine Verlobung mit der kleinen Wißmuth ist nicht nach meinem Geschmack – im übrigen ...«

Von neuem hörte man draußen klingeln. Ohne der Liebenswürdigkeit seiner Base weitere Aufmerksamkeit zu schenken, eilte Altenried hinaus. Kitty und Anna Marie standen in der kleinen, nach Seifenschaum, dumpfigem Holz und fettigen, ranzigen Überbleibseln riechenden Küche. Kitty war totenblaß, sie zitterte am ganzen Leibe. »Aber Kitty!« rief Altenried; anfänglich irrte sein Blick etwas unruhig an Hildegard und ihrem dienstbaren Geist herum, deren ihn aufmerksam beobachtende Gegenwart ihn einzuengen schien, dann sah er nichts mehr als Kitty. Er nahm sie in seine Arme und zog sie in das mit Disteln und Staub garnierte Wohnzimmer hinein. Hildegard wollte ihm folgen, Anna Marie aber packte sie beim Arm. »Haben Sie denn gar keine Barmherzigkeit in sich?« fuhr sie die kriegerische alte Jungfer an. Wenn es sich darum handelte, die Ruhe eines Kranken oder eines Unglücklichen zu hüten, zeigte sich Anna Marie energisch.

»Ist es denn passend?« rief Hildegard zimperlich.

Da aber maß sie Anna Marie vom Kopf bis zu den Füßen mit einem wahrhaft vernichtenden Blick, worauf Fräulein von Mühlhausen ein wenig errötete und ihre unanständige Prüderie momentan an den Nagel hing.

Sie blieben ungestört. Er hatte sie zu dem Sofa geführt, auf dem Hildegard gesessen – ein schmales, spindelbeiniges Ding, mit hartem Roßhaarstoff überzogen – offenbar in naher Verwandtschaft zu dem Lehnsessel stehend.

»Aber Kitty!« sprach er leise, fast vorwurfsvoll, »ist das eine Aufführung für eine Soldatenbraut?«

»O, ich weiß, es ist schlecht von mir,« erwiderte sie, sich mühsam fassend, »erbärmlich, dir so den Mut zu nehmen!«

»Mir den Mut zu nehmen? ... Aber Kitty, glaubst du, daß du das könntest?« rief er, die Stirne runzelnd, entschieden unzufrieden, fast streng.

Sie legte die Hand an die Stirn. »Mit mir darfst du nicht rechten,« sagte sie matt, als ob ihr von vielem Weinen schwindelte, »ich bin nicht mehr bei mir, wahrscheinlich red ich Unsinn – ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.«

Die Luft in dem niedrigen Stübchen war dumpf und drückend. Altenried erhob sich, riß eins der morschen Fenster auf, ein Fenster, aus dessen Rahmen es durch tausend Ritzen hereinzog und an dem er doch mit Berserkerkraft rütteln mußte, ehe es aufging. Über eine Palissade von Kaktussen hinüber, die stachelig und plump den Sims verzierten – es waren die Lieblingsblumen Hildegards –, strich die Regenluft in das Zimmer, feucht und kühl.

»Kitty! sei vernünftig, bedenke, wie viele Frauen und Mädchen sich in deinem Fall befinden,« redete Altenried, sie enger an sich ziehend, in sie hinein.

Sie hob den Kopf. »Ja,« murmelte sie, indem sie mit starren entsetzten Augen vor sich hinblickte, »wie viele – Tausende – Hunderttausende – Hunderttausende – Hunderttausende!« Sie wiederholte mechanisch das eine Wort, obgleich es längst jeden Sinn für sie verloren hatte.

Es ging ihm kalt durch alle Glieder, zum erstenmal begriff er, was der Krieg eigentlich mit sich brachte.

»Es ist eine schwere Zeit, Kitty!« murmelte er etwas heiser, »gut, ich gesteh dir's zu – aber eben darum muß jeder seinen Teil tapfer tragen – du zu Haus so gut als wir anderen im Feld.«

»Hans, da predigst du umsonst,« rief sie, sich gerade aufrichtend, mit einer kurzen, abwehrenden Handbewegung, »laß es lieber bleiben. Die Tapferkeit, die darin besteht, hinter sicheren Mauern geborgen, die Hände in den Schoß zu legen und sich nicht zu fürchten um das Leben derer, die draußen im Kugelregen stehen, die wirst du mir nicht beibringen. Versuch's nicht!«

Da predigte er nicht mehr – aber er suchte sie hoffnungsvoll zu stimmen. Sie sollte sich freuen, daß ihm Gelegenheit geboten würde, sich auszuzeichnen – die Hindernisse, welche seiner Verbindung mit ihr im Wege standen, würden in sich zerfallen – er würde avancieren, man avanciert nur rasch im Krieg.

Wieder unterbrach sie ihn. »Dein Trost ist bitter, Hans, man avanciert, weil die Kugeln Platz machen,« sagte sie. »Sprich nicht mehr davon!«

Und wie er sie hilflos und traurig ansah, da legte sie ihre beiden Arme um seinen Hals und flüsterte: »Sprich gar nichts mehr, es ist nichts mehr zu sagen, laß mich nur still neben dir bleiben und mich an dir freuen bis zum letzten Augenblick, das ist alles, was du für mich thun kannst. Wie viel Zeit hast du noch für mich?«

Er zog seine Uhr aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch, um die Zeit nicht zu versäumen, dann hielt er sie ruhig an sich und barg ihr Gesichtchen an seine Brust, wie eine zärtliche Mutter den Kopf ihres Kindes, das sich vor einem Gewitter fürchtet. Er sagte nichts Vernünftiges mehr, er flüsterte ihr nur mehr Liebesworte zu und küßte sie.

Es war schön, nichts als Liebe und Leid, sehr viele Thränen, und ein paar Küsse, aber schön, trotz allem, die schönste Stunde im Leben der beiden sollte es sein!


Draußen in der Küche saß Anna Marie mit Fräulein von Mühlhausen auf einer harten, steifbeinigen Küchenbank, Auguste stand daneben mit geballten Fäusten, verlegen teilnahmsvoll.

Hildegard versuchte mitunter etwas zu sagen, aber Anna Marie antwortete nicht. Sie hielt den Blick auf die grünlichen Scheiben des Küchenfensters geheftet, gegen das die Regentropfen laut klirrend anprallten, einer den anderen verwischend, und horchte auf das, was sich nebenan zutrug.

Erst hatte sie die beiden laut reden gehört, dann leiser, immer leiser – dann nur ein mühsam verhaltenes, röchelndes Schluchzen ...

Ein Säbel klirrte, ein Sessel wurde gerückt – die Abschiedsstunde hatte geschlagen. Einen Moment, einen kurzen Moment alles still, still, totenstill – ein leiser, süßer Laut – noch einer!

Es war vorüber. Altenried stand in der Küche und griff nach seinem Mantel. »Leb wohl, Hilde, ich danke dir für deine Gastfreundschaft,« sagte er, dann Anna bei beiden Händen fassend: »Anna, um Gottes willen, versprechen Sie mir, daß Sie bei ihr bleiben, bis alles ... vorüber ist, so oder so! Sie ist dieser Prüfung nicht gewachsen. Erzählen Sie ihr Märchen, pflegen Sie ihre Hoffnungen bis zum letzten Augenblick, wiegen Sie sie in den Schlaf, und wenn ich fallen sollte ...«

Aus dem anstoßenden Zimmer hörte man einen gräßlichen, halb unterdrückten Wehlaut. Der junge Offizier zuckte zusammen, zögerte, dann verschwand er noch einmal in dem Wohnstübchen. Einen Augenblick später schritt er durch die Küche kerzengerade, sich weder rechts noch links umsehend. Man hörte seinen Säbel laut gegen die Stufen rasseln, während er eilig die steile Treppe hinunterstürzte.

*   *   *

Die ganze Menschheit hält den Atem an. Die Weltgeschichte hat ein neues Blatt umgewendet! Eine neue Epoche ist hereingebrochen – ein neues Deutschland ist erstanden!

Ein Sieg folgt dem anderen, man kann sich die Namen der Siege nicht mehr merken; auf Weißenburg folgt Wörth und Spichern und Saarbrücken; die ganze feindliche Armee ist auf dem Rückzug begriffen; dann bei Metz wie viel Siege! man zählt sie nicht mehr! Ja, Deutschland kann den Kopf hoch halten über allen.

Wie ein träger Riese, der Jahrhunderte verschlafen hat, reckt und dehnt sich's, richtet sich empor immer größer und größer, bis es dem tapferen, übereilten, halt- und sittenlosen Feind endlich in seiner ganzen Mächtigkeit gegenübersteht, ernst, männlich, unüberwindlich!

Die an dem Kriege nicht beteiligten Völker staunen atemlos – man glaubt nicht – es ist nicht zu glauben, so kann es nicht weiter gehen, irgend ein Hindernis muß kommen und den neuerstandenen nationalen Koloß in seiner vorwärts stürmenden Laufbahn aufhalten! Aber nein! Weiter – immer weiter!

Ein taumelnder Jubel bemächtigt sich des weiten Deutschen Reiches, des Reiches, das der Stolz auf den ersten gemeinsamen Sieg geeinigt hat; jeder Bettler, der einem anderen Bettler über die Schulter sieht, um an einer Straßenecke das neueste Extrablatt zu lesen, kommt sich um einen Zoll gewachsen vor, nimmt etwas von dem sich immer weiter und leuchtender ausbreitenden Nationalglanz in Anspruch für sich.

Herr Wißmuth hat's gänzlich vergessen, daß er eigentlich aus Holland stammt, es genügt ihm jetzt vollkommen, daß er ein Deutscher ist. Selbst Herr Sadis legt augenblicklich weniger Wert darauf, ein »Frankfurter« zu sein! Er hat sich mit seiner jungen Gattin für ein paar Augustwochen unter dem Dache seines Schwiegervaters in Lindenbergen einquartiert, und während sie ihre Zeit hauptsächlich in immer loseren Gewändern auf einer Chaiselongue zubringt, belustigt Herr Sadis sich daran, mit Herrn Wißmuth um die Wette den Kriegsschauplatz zu studieren, und zwar auf einer umfangreichen Generalstabskarte, welche Herr Wißmuth sich zu dem Zweck angeschafft hat und die tagaus, tagein auf dem größten Tische, über den Herr Wißmuth in seiner Wohnung verfügt, aufgeschlagen liegt, und auf welcher Schwiegervater und Schwiegersohn mit bunten Papierfähnchen die Stellungen der verschiedentlichen Armeen bezeichnen.

Ganz Lindenbergen steht auf dem Kopfe vor Siegesfreude, helle Kerzlein brennen in den Fenstern fast jede Nacht – Extrablätter fliegen von Frankfurt herüber, fast jeden Tag – und daß auch in diesem kleinen Städtchen schon mehr als eine Gestalt in tiefer Trauer durch die Straßen schleicht, thut der Stimmung keinen Eintrag. Derart hat bereits das Kriegsfieber alle Herzen ergriffen, daß selbst in den Augen derjenigen, die den Tod ihrer nächsten Lieben betrauern, die Triumphfackel leuchtet.

Ja, es war eine großartige, wundervolle Zeit – eine grausige, entsetzliche Zeit!

Und Kitty! ... Die Siegeskrankheit, von der ganz Lindenbergen angesteckt war, hatte sie nicht berührt. Sie freute sich an keinem Sieg, sie dachte immer nur daran, wie viel Menschenleben er verschlungen haben mochte. Wenn draußen vor ihren Fenstern die Marktschreier aus Frankfurt mit ihren von neuem Ruhm berichtenden Extrablättern die Straßen durchplärrten, so steckte sie sich die Finger in die Ohren, und wenn des Abends auf höheren Befehl ihres Vaters, des würdigen Bürgermeisters von Lindenbergen, die hellen Kerzen in ihren Fenstern standen – da flüchtete sie in das Zimmer Anna Maries, das auf den Garten hinausblickte und von wo sie die hellen Kerzen nicht sah. O, diese beleuchteten Fenster! Sie hatte ein Grauen vor diesen beleuchteten Fenstern! Und Herr Wißmuth hatte die fixe Idee des Illuminierens – Lindenbergen kam aus dem Illuminieren nicht heraus. Kitty magerte ab bis zum Skelett, sie nahm an nichts mehr teil, schleppte sich durch ihre Existenz wie ein vom Leben losgetrenntes Gespenst. Sie aß nichts, sie schlief nicht. Einmal trat Anna Marie in ihr Stübchen hinein im ersten Morgengrauen; da sah sie das junge Mädchen in ihrem Bette aufrecht sitzend mit unheimlich horchenden Augen, den Kopf dem Fenster zugekehrt.

»Kitty, Kitty! schläfst du denn wieder nicht?« rief Anna Marie vorwurfsvoll und besorgt.

»Wie sollt ich,« erwiderte Kitty, mit den Achseln zuckend, bitter.

»Aber mein Gott, Kind, was wird denn daraus werden? Wenn er eine Ahnung davon hätte!«

»Er!« Kittys Stimmchen klang hart und heiser. »Wie weißt du, daß er noch lebt. Vielleicht ist er längst tot, während ich mich hier noch um ihn ängstige – tot, und sie haben seinen Leichnam in die Erde hineingestampft mit Hunderten von anderen unter ein bißchen Kalk und Geröll, weil nicht Zeit war, ihn ordentlich zu begraben!«

»Aber Kitty, wie kannst du dich bei solch häßlichen Vorstellungen aufhalten! Wenn ihm etwas geschehen wäre, wüßtest du's längst. Es hat kein neues Gefecht gegeben seit dem letzten, von dem du Nachricht hast.«

»Wer kann sagen, was morgen in der Zeitung stehen wird,« entgegnete Kitty herb und trostlos.

»Kitty! Etwas mußt du auch dem Allmächtigen überlassen. Vertraue auf Gott!«

Da aber merkte Anna Marie, daß sie einen falschen Ton angeschlagen.

»Auf Gott vertrauen!« rief Kitty außer sich. »Ich möchte doch wissen, ob die Angehörigen der tausend und abertausend Toten, die jeder unserer Siege« – sie sprach das Wort mit unsagbarem Haß aus – »der Menschheit kostet, alle auf Gott vertraut haben!«

»Kitty! unser Erdenleben ist nicht das Höchste in der Welt,« ermahnte Anna Marie sanft; sie war fromm, gläubig fromm, wenngleich ohne Frömmelei.

»Nicht,« murmelte Kitty, »vielleicht nicht, aber es ist schön, es kann wenigstens schön sein – ich wünsche mir nichts Schöneres im Himmel als den Tag, den du uns gegönnt hast damals, gleich nach unserer Verlobung – weißt du noch, wie wir unter dem Apfelbaum gesessen haben, du und wir zwei – bis tief in den Abend hinein, bis die Sonne untergegangen war und die Sterne im Himmel funkelten und der Tau fiel – er hielt mich in seinem Arm und wir sprachen von der Zukunft.« Mit einemmal verstummte Kitty. Sie wendete den Kopf dem Fenster zu, durch welches das erste Morgenlicht nüchtern und weißlich hereinschlich. »Hörst du!« rief sie, indem sie Anna Marie beim Handgelenk packte. Anna Marie horchte auf. Durch das ruhig ausatmende Schweigen des sich langsam entschleiernden Augustmorgens schlich etwas Seltsames, Beunruhigendes. Erst war's nur ein leises Zittern des Erdreichs, aus dem Zittern wurde ein Laut, es klang wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt – stärker, immer stärker – es kam an den Fenstern vorbei – die Schritte eines vorübermarschierenden Regiments waren's.

»Die gehen auch in den Krieg hinaus,« murmelte Kitty, »ich hör sie oft im Morgengrauen – mehr, immer mehr, mir ist's jedesmal, als zöge ein Begräbnis an meinem Fenster vorbei. Wie viel Leichen – mein Gott – wie viele Leichen!«


Arme Kitty!

Ihre ganze Existenz war eine beständig gespannte, auf Nachricht harrende, sich vor Nachricht ängstigende Qual. Eine Stunde voraus stand sie am Fenster und lauschte dem Postboten entgegen, der die Zeitung und die Briefe brachte, und wenn sie ihn kommen sah, lief sie in ihr Zimmer hinauf, warf sich, an allen Gliedern zitternd, auf ihr Bett und versteckte den Kopf in ihr Kissen. Wenn Herr Wißmuth mit leuchtenden Augen und erhobener Stimme den jüngsten Siegesbericht vorlas, so schlich sie sich aus der Stube, dann heimlich bemächtigte sie sich der Zeitung, schloß sich damit in ihr Zimmer ein und grübelte über jedes Wort. Bei den Siegen hielt sie sich nicht lange auf, um so länger bei der Beschreibung der Greuel, die auf die Siege folgten.

Das dauerte bis Ende August. Aber über einen gewissen Grad reicht unser Vermögen, den Schmerz zu empfinden, nicht aus. Als Altenried vier-, fünfmal im Feuer gestanden, ohne daß ihn eine Kugel gestreift, regte sich in Kitty der vermessene Gedanke, er trüge vielleicht ein gegen den Kugelregen gefeites Leben in sich wie jene großen Helden, die, nachdem sie ihre Zeit damit verbracht, die Gefahr in jeder Form herauszufordern, schließlich ruhig in ihrem Bett gestorben waren.

Sie hatte ein paar Briefe von ihm erhalten durch die Feldpost – Briefe voll junger, ungestümer Zärtlichkeit, voll junger, ungestümer Siegesbegeisterung, grenzenlosem Pflichteifer und unbefangenen, fast unbewußten Heldenmuts. Bescheiden erwähnte er der Anerkennung seiner Vorgesetzten. Nicht, daß er seinen kleinen Triumphen große Wichtigkeit beimaß – aber ... »Du freust dich doch immer, wenn man mich herausstreicht, Kitty,« schrieb er, »und du bist ein so armer Narr jetzt, daß ich dich nicht um ein bißchen Vergnügen bringen darf aus feiger Angst, für einen Prahlhans zu gelten. So renommiere ich denn vor dir in Gottes Namen drauf los!«

Sein letzter Brief datierte vom einundzwanzigsten August. Er war avanciert und mit dem eisernen Kreuze ausgezeichnet worden, man hatte ihn dem Kronprinzen vorgestellt, der Kronprinz hatte ihm die Hand gereicht. Dann folgte eine Beschreibung des herrlichen Kronprinzen. Welche Zukunft breitete sich vor ihm aus!

Kittys Wangen hatten von neuem begonnen sich zu färben, ihr Gang gewann etwas von seiner alten, hüpfenden Elasticität.

In den ersten zwei Tagen des Septembers erfaßte die gräßliche Angst sie jedoch von neuem und in gesteigertem Maße. Sie konnte es nirgends aushalten, nicht da, nicht dort – Nahrung zu sich nehmen, war ein Ding der Unmöglichkeit, und jeder Atemzug that ihr weh.

Sie behauptete, daß sie den Kanonendonner höre – einen schrecklichen Donner, etwas wie Donner, in den sich Hagelschlag mischte. Sie begriff nicht, daß es die anderen nicht hörten.

*   *   *

Zur selben Zeit lag in einem Straßengraben mitten zwischen den grünen Triften zu Füßen der Hügel, auf denen das Fort von Sedan sich erhob, Hans von Altenried schwer verwundet, über ihm eine leuchtende Sonne in einem blauen Himmel – in der Ferne Hurrageschrei, rings um ihn Sterbende und Leichen.

Nicht einen Schluck Wasser, nicht einen Atemzug reiner Luft – alles verpestet von Pulverdampf, von dem faulen, süßlichen Geruch geronnenen Blutes, von dem scheußlichen Gestank der in der warmen Sonne in Verwesung übergehenden zerrissenen Menschenleiber.

Sein ganzes bißchen rasch hinschwindendes Leben war nichts mehr als eine unaussprechliche Pein, die an jeder Fiber seines Körpers herumriß. Im Kopf stach's ihn wie mit glühenden Messern, Schwindel und Übelkeit lähmten ihm Leib und Seele und seine Wunden brannten.

Das Hurraschreien in der Ferne mehrte sich. Mitten aus seiner Qual heraus meldete sich die Neugier, er hätte gern gewußt, weshalb sie schrien; so laut hatte er sie noch nicht schreien gehört. So laut noch nie!

Mühsam hob er den schmerzenden Kopf und spähte und horchte – dann wurde ihm mit einemmal alles gleichgültig, alles zum Ekel. Er ließ den Kopf sinken.

Mit welcher Begeisterung war er heute ausgegangen – den Säbel in der Hand an der Spitze des kleinen Häufleins, das er befehligte. Er war sich wichtig vorgekommen, er hatte etwas leisten wollen. Und jetzt ... Kein Mensch kümmerte sich um ihn, kein Mensch vermißte ihn. Er brachte es nicht einmal mehr fertig, stolz zu sein darauf, daß er heute ein Atom gebildet hatte in dem großen, seine Ziele verfolgenden Ganzen. Mitten in seine Schmerzen hinein schlich sich ein demütigendes Gefühl seiner elenden Unwesentlichkeit.

Er dachte an Kitty – die Thränen traten ihm in die Augen.

Große Wolken von fetten blauen Fliegen schwirrten über die Leichen – ein paar setzten sich ihm aufs Gesicht, er wollte die rechte Hand heben, um sie zu verscheuchen – er konnte nicht – von seinem rechten Arm war nichts übrig als ein zerfetzter Stummel, an dem ein Klumpen schwarzen Blutes hing.

Knapp neben ihm hin flatterte mit schwerfällig humpligem Flügelschlag ein Rabe. Er schrie auf, der Rabe flog weiter, setzte sich einem toten Soldaten auf die Brust und fing an, ihm die Augen auszupicken. Ein maßloses Grauen überkam ihn, er schloß die Augen. So lag er da, sterbend – den fernen Siegesjubel in den Ohren, rings um ihn Leichen, über ihm der endlose blaue Himmel, aus dem die Sonne schien.


Einen Tag später hatte sich der Siegesjubel über ganz Deutschland ausgedehnt. Das französische Heer gefangen, und mit ihm der Kaiser der Franzosen! Das Wort Sedan flog von Mund zu Mund, und wieder standen Kerzen in allen Fenstern, viel größere und schönere als bisher – in der Kirche wurde ein Gottesdienst gehalten und ein Tedeum gesungen und ganz Lindenbergen war beflaggt. Anna Marie war es indessen, als würge sie eine eiskalte Hand an der Kehle. An Kitty hatte sich im Gegenteil eine merkwürdige Veränderung vollzogen. Nach der letzten gräßlichen Panik hatte sie sich vollständig beruhigt. Ihr Angstgefühl hatte sich abgestumpft, oder vielmehr hatten ihre bereits früher geschwächten Nerven nachgegeben und hatten es als eine zu schwere Last von sich abgeworfen. Sie gab sich einer kindischen, geschwätzigen Hoffnungsseligkeit hin. Sie wurde zornig, weil Anna es nicht über sich brachte, in ihre blinde Zuversichtlichkeit mit einzustimmen.

Und zwei, drei, vier Tage waren vergangen, sie hatte nichts gehört vom Schlachtfeld, es mußte alles gut sein!

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»Nein, unter Paris thu ich's nicht!« erklärt Herr Wißmuth großartig. Er will nichts vom Frieden wissen, den einzelne, weniger ausschweifend siegeslustige Gemüter als er nach der Katastrophe von Sedan in Vorschlag gebracht haben.