‚Du stellst Gewissensfragen, Lodoiska‘, bemerkte ihr Gatte mit seinem stereotypen Lächeln.

‚Und wenn dem so wäre, Gräfin?‘ entgegnete ich halb im Ernst, halb im Scherz.

‚So würd’ ich es begreiflich finden‘, antwortete sie. ‚Denn die Liebe ist das Recht der Jugend. Und wo weilt der Gegenstand Ihrer Gefühle? Hier in Wien?‘

‚Keineswegs. Weit — sehr weit von hier entfernt.‘

Sie erwiderte nichts und steckte hastig ihre Karten ineinander. ‚Ist es ein junges Mädchen?‘ fragte sie nach einer Weile.

‚Das versteht sich wohl von selbst‘, sagte der Major.

‚Schön?‘ fuhr sie kurz fort.

‚Ungemein‘, warf ich hin, den angeschlagenen Ton festhaltend.

‚Brünett?‘

‚Blond.‘

Sie schwieg und wendete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Spiele zu. Als der Robber beendet war, stand sie auf und sagte, sie leide heute an Migräne und wolle sich deshalb zeitig zur Ruhe begeben. So brach auch ich früher als sonst auf, vom Major wie immer mit einem wohlwollenden Händedruck verabschiedet.

Von jenem Abend an beobachtete sie gegen mich eine gewisse Zurückhaltung. Sie nahm seltener am Spiele teil und zog sich währenddessen in den anstoßenden Salon zurück, wo sie auf dem Klavier phantasierte oder Stücke von Chopin spielte. Dann kam sie wieder herein und nahm ihre gewohnte Lage auf der Chaiselongue ein. Wenn ich nach ihr hinsah, konnte ich bemerken, daß ihr Blick mit einem ganz seltsamen Ausdruck auf mich gerichtet war.

Dies alles verfehlte nicht, mich in eine gewisse Unruhe zu versetzen, die auf den Briefwechsel mit der entfernten Geliebten nicht ohne Einfluß blieb. Es war mir, als hätte ich etwas zu verschweigen, geheim zu halten, und infolgedessen gerieten meine Briefe weniger rund und fließend als früher; sie wurden gezwungener, fragmentarischer. Ginevra aber schien nichts davon zu bemerken. Ihre Zeilen atmeten die gewohnte gleichmäßig ernste Leidenschaftlichkeit, die sich in Worten jeder Überschwenglichkeit enthielt, jedoch die reinsten und vollsten Herzenstöne anschlug. Und immer kam die stets wachsende Freude darüber zum Ausdruck, daß nun die Zeit näher und näher rücke, um welche ich auf Urlaub in Leitmeritz erscheinen würde.

Das aber war es, was meine Unruhe nur noch steigerte. Denn je reiflicher ich diese Angelegenheit erwog, desto deutlicher wurde mir, zu welch unüberlegtem Versprechen ich mich damals hatte hinreißen lassen. Wie konnte ich, nachdem ich mich kaum sechs Monate beim Regiment befand, schon um einen Urlaub nachsuchen — und das gerade jetzt, wo ich mich in einer besonderen dienstlichen Verwendung befand, deren Ende sich gar nicht absehen ließ; denn der Adjutant, obwohl schon auf dem Wege der Genesung, bedurfte noch einer längeren Erholung. Und ganz abgesehen von diesen so gewichtigen Bedenken: ich mußte mein Gesuch doch irgendwie begründen. Womit? Mit Familienangelegenheiten? Man wußte ja, daß mein Oheim in Wien lebte, und wie würde sich dieser, den ich jetzt ohnehin selten genug sah, zu meiner Absicht verhalten? Gewiß verweigernd, um so verweigernder, wenn ich ihn, wozu ich einen Augenblick schon entschlossen gewesen, in den ganzen Sachverhalt einweihte. Ich war also in der Tat ganz ratlos und wußte nicht, was ich beginnen sollte.

In dieser peinlichen Gemütslage begab ich mich an einem nebligen Oktoberabende, nachdem ich einen einsamen und gedankenvollen Rundgang um das Glacis gemacht, in die Wohnung des Majors, der ich nun schon drei Tage ferngeblieben war. Im Spielzimmer brannte bereits die Astrallampe; im Halbdunkel des Salons aber saß Gräfin Lodoiska am Flügel, dessen Töne mir schon beim Eintritt entgegengeklungen hatten.

Als sie jetzt mein Erscheinen gewahr wurde, rief sie mir, ohne sich zu unterbrechen, zu: ‚Kommen Sie nur da herein. Es ist mir draußen zu hell; die Lampe tut meinen Augen weh.‘ Dann erhob sie sich und trat mir, von dem Schein eines leichten Feuers, das im Ofen flackerte, phantastisch beleuchtet, entgegen. Sie trug ein einfaches, knapp anliegendes Tuchkleid, von dessen dunklem Blau sich ein weit ausgelegter weißer Halskragen und hohe Manschetten glänzend abhoben. Ihr volles Haar, auf welches sie scheinbar wenig Sorgfalt verwendete, umrahmte in losen Scheiteln ihr schimmerndes Antlitz.

‚Sie müssen heute mit mir allein vorlieb nehmen‘, begann sie in melancholischem Tone. ‚Dumont hat notgedrungen eine Einladung angenommen. Ich selbst ließ mich entschuldigen; denn ich bin so gar nicht gestimmt, in die Welt zu gehen.‘

Sie hatte sich bei diesen Worten auf einen Pouf niedergelassen, der in der Mitte des Salons stand, und lud mich mit einer Handbewegung ein, neben ihr Platz zu nehmen.

‚Ich bin seit einiger Zeit auch nicht in der besten Stimmung‘, sagte ich, mich setzend.

‚Ich habe es wohl bemerkt‘, erwiderte sie leise und nachdenklich. ‚Vertrauen Sie mir doch an, was Sie drückt.‘

Es wurde mir nicht leicht, darauf zu antworten. ‚Nun,‘ sagte ich endlich, ‚vielleicht entsinnen Sie sich noch meiner Erklärungen — oder eigentlich Andeutungen über eine Herzensangelegenheit — —‘

‚Jawohl; ich erinnere mich.‘

‚Ich hatte in dieser Hinsicht,‘ fuhr ich zögernd fort, ‚um einen Urlaub einkommen wollen, sehe aber, daß sich unübersteigliche Hindernisse in den Weg stellen —‘

‚Dann denken Sie nicht weiter daran,‘ warf sie leicht hin.

‚Ja, wenn das nur so ginge. Ich habe eine bestimmte Zusage gemacht — man erwartet mich — —‘

‚Nicht jede Erwartung kann erfüllt werden. Aber beichten Sie mir, mon enfant,‘ fuhr sie im alten vertraulichen Tone fort, indem sie meine Hand faßte, ‚wer ist denn eigentlich die junge Dame? Ist sie von guter Familie? Haben Sie ernste Absichten?‘

Es wurde mir wieder schwer, zu antworten. ‚Allerdings hege ich solche — obgleich —‘

‚Sich auch in dieser Hinsicht Schwierigkeiten entgegenstellen?‘ fügte sie rasch bei. ‚Ich verstehe. Es ist ein armes Mädchen, das Sie nicht sofort zur Ihrer Frau machen können. Aber sagen Sie: haben Sie ein bindendes Versprechen gegeben? Oder wäre‘, fuhr sie, mir höchst ausdrucksvoll in die Augen sehend, fort, ‚wäre das Verhältnis etwa schon so weit gediehen, daß Sie durchaus nicht mehr zurücktreten könnten?‘

Ich verstand, was sie meinte. ‚O nein!‘ rief ich; ‚das ist keineswegs der Fall.‘

‚Dann ist es ja ein wahres Glück, daß Sie hier zurückgehalten werden, lieber Freund! Bedenken Sie, wie gefährlich für Sie — und auch für Ihre Geliebte ein solches Wiedersehen wäre. Es könnte Ihnen dann wirklich die Verpflichtung erwachsen, das Mädchen zu heiraten. Und wie wollten Sie das anfangen? Sie wären vielleicht gezwungen, Ihre ganze Karriere aufzugeben, wie schon mancher vor Ihnen — zu ewiger Reue. Und das alles schon in Ihren Jahren! Nein, nein; schlagen Sie sich die Sache aus dem Sinn!‘

Ich vernahm schon eigentlich nicht mehr recht deutlich, was sie sprach. Denn sie war mir ganz nahe gerückt; ihr warmer Odem, ihr duftiges Haar streiften meine Wange. Ich fühlte, wie es sich wie ein schwerer, betäubender Schleier über mich legte. Ich erwiderte nichts und seufzte nur tief auf.

‚Armes Kind,‘ sagte sie, indem sie mir das Haar aus der Stirn strich, ‚armes Kind, lieben Sie sie denn wirklich so sehr?‘

Sie mochte in dem Blick, mit dem ich sie jetzt ansah, ein ganz anderes Geständnis lesen, und ein Ausdruck grausamen Triumphes überflog ihre Züge.

‚Sie werden alles vergessen, wenn Sie bei uns bleiben. Und Sie bleiben bei uns — nicht wahr?‘

Sie hielt mir die Hand hin, die ich ergriff und mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte.

Sie ließ es lächelnd geschehen; dann drückte sie ihr Haupt fest an meine Schulter, und flüsterte: ‚Endlich!‘

Ich sank ihr zu Füßen.

VI.

Mehr als ein Jahr war seitdem verstrichen, ich selbst aber ganz in dem Taumel einer Leidenschaft untergegangen, die bereits anfing, mich mit all den Qualen zu erfüllen, welche ähnliche Beziehungen mit sich bringen. Ich hatte damals Ginevra ganz kurz mitgeteilt, daß es mir unmöglich sei, einen Urlaub anzutreten; die Gründe würde ich in meinem nächsten Briefe ausführlich auseinandersetzen. Das verschob ich aber von Tag zu Tag — um es schließlich zu unterlassen. Was hätte ich auch schreiben sollen? Zwei Briefe, die inzwischen von Ginevra eingetroffen waren — den Empfang des zweiten hatte ich auf einem Schein bestätigen müssen — fand ich gar nicht den Mut zu lesen, sondern schob sie unerbrochen in ein Fach meines Schreibtisches und legte das Kreuz dazu, auf daß es mich nicht länger an meine Treulosigkeit mahne. So gebärdete ich mich wie der Vogel Strauß, und da nun auch aus Leitmeritz keine weitere Kundgebung mehr eintraf, so hielt ich mit jenem Leichtsinn der Unreife, der einem in späteren Jahren ganz unfaßlich vorkommt, die Sache für wohl oder übel abgetan, und die Stimme des Gewissens sprach immer seltener und schwächer.

Da, an einem strahlend kalten Januartage, als ich eben im Begriffe war, an einer Schlittenpartie in den Prater teilzunehmen, welche Lodoiska, die dieses Vergnügen sehr liebte, vorgeschlagen hatte, wurde mir — ich trat gerade aus meiner Wohnungstür — ein Brief überbracht. Ein Blick auf die Adresse genügte, um mich erkennen zu lassen, daß er von der Mutter Ginevras war. Erschrocken schob ich ihn rasch in die Brusttasche meines Mantels, entschlossen, mir durch diese unerwartete Mahnung die Freude des Tages nicht verkümmern zu lassen. Als ich spät in der Nacht nach Hause kam und den Brief hervorlangen wollte, fand er sich nicht mehr vor; er mußte, da ich den Mantel inzwischen mehrmals abgelegt, der Tasche entglitten sein. Dieser Verlust berührte mich höchst peinlich. Wer konnte wissen, wem das Schreiben in die Hände gefallen war, und während der nächsten Tage hegte ich die Erwartung, daß es in irgend einer Weise an mich zurückgelangen würde. Aber das geschah nicht, und ich glaubte endlich einen Wink des Schicksals darin zu erkennen. War mir doch so die bittere Wahl erspart geblieben, ob ich den Brief hätte lesen sollen oder nicht; zudem konnte ich mir ja leicht vorstellen, was er enthalten haben mochte. Dennoch wurde durch diesen Zwischenfall mein Gewissen wieder in Aufruhr gebracht, und ich mußte, trotz aller Übertäubungsversuche, in einem fort an die blasse, hinfällige Frau denken, die mir in ihrem mütterlichen Schmerze geschrieben. Mit der Zeit freilich wurden auch diese Nachwirkungen schwächer und gingen endlich ganz vorüber.

So war es, seit ich Theresienstadt verlassen, zum zweiten Male Karneval geworden. Obgleich die Pariser Februarrevolution Europa in Bestürzung versetzt hatte, tanzte man in Wien doch sorglos auf einem Vulkan, dessen Ausbruch in allernächster Zeit bevorstand. Lodoiska, die keine Lust an Bällen zeigte, wollte gleichwohl eine Redoute besuchen, wo damals die Damen weniger durch ihre Toiletten, als vielmehr durch Geist und Witz zu glänzen suchten und sich den Herren gegenüber unter der Larve gerne die Zügel schießen ließen. Lodoiska, in einen rosenroten Domino gehüllt, machte von der Maskenfreiheit den ausgiebigsten Gebrauch und umschwärmte fortwährend einige junge Kavaliere, die sie zu kennen schien. Sie hatte nämlich im verflossenen Sommer ein Landhaus in Hietzing bezogen und war dort wieder mit den Kreisen in Berührung gekommen, denen sie angehörte. Dabei hatten sich für mich bereits mehrfache Anlässe zu beschämender Eifersucht ergeben, die ich um so peinlicher empfand, als ich mich auch sonst mehr und mehr durch ein Verhältnis entwürdigt fand, das der Major, nach Art gewisser Ehemänner, auffallend begünstigte.

Ich war also gegen Morgen höchst mißmutig von der Redoute nach Hause gekommen und hatte dann weit in den Tag hinein geschlafen. Als ich eben mit dem Ankleiden fertig war, erschien mein Diener und meldete, daß eine junge Dame in Trauer mich zu sprechen wünsche.

Wie ein Blitz durchzuckte es mich: Ginevra! Aber schon hatte ich auch diesen Gedanken mit der Annahme beschwichtigt, daß die Betreffende möglicherweise eine pauvre honteuse sein könne, wie solche nicht allzu selten die Offiziere in Anspruch zu nehmen pflegten. Ich sagte also meinem Diener, er möge die Dame nur ins Nebenzimmer treten lassen.

Als ich, dennoch bangen Herzens, die Tür öffnete, stand sie — stand wirklich Ginevra aufrecht in der Mitte des Zimmers, die Arme, wie es ihre Art war, an den Hüften hinabgesenkt, die Hände leicht ineinandergeschlossen. Sie war auffallend größer geworden, und ihre Formen zeigten sich erst jetzt vollständig entwickelt. Eine elfenbeinartige Blässe lag über ihrem Antlitz, und die Augen hatten den mir bekannten dunkel metallischen Glanz der Erregung. Ihr Haar schimmerte noch goldiger als früher unter dem schwarzen Krepphute hervor.

‚Verzeihen Sie,‘ begann sie mit einem leichten Senken des Hauptes, ‚daß ich Sie aufgesucht. Es würde nicht geschehen sein, wenn Sie den Brief meiner Mutter einer Antwort gewürdigt hätten.‘

‚Den Brief Ihrer Mutter —‘ stammelte ich in atemloser Verwirrung. Und mit einem Blick auf ihre schwarze Kleidung fuhr ich fort: ‚Ihre Mutter —‘

‚Ist vor zwei Monaten gestorben,‘ sagte sie ernst.

‚Mein Gott —‘ erwiderte ich tonlos.

‚An einem Rückfall in jene Krankheit, von der Sie ja wissen.‘

Es war, als wollte sie in diese Worte für mich eine Beruhigung legen.

‚Mein Gott —‘ wiederholte ich, während sich jetzt ihre Augen langsam mit Tränen füllten. ‚Aber ich bitte, setzen Sie sich doch —‘

Sie drückte ihr Tuch an die Wimpern und machte eine kurz ablehnende Bewegung. ‚Ich werde Sie nicht lange stören. Ich bin nur gekommen, um eine Bitte auszusprechen, die ich durch meine Mutter an Sie richten ließ. Ich ersuche Sie, mir das Kreuz zurückzustellen, das ich Ihnen gegeben. Sie kennen den Wert, den es für mich hat — und hoffentlich befindet es sich noch in Ihrem Besitz.‘

‚Gewiß, gewiß‘, entgegnete ich und wollte an meinen Schreibtisch treten. Aber unwillkürlich hielt ich inne. ‚Und Sie, Ginevra — was werden Sie jetzt — —‘

‚Ich folge dem Rufe von Verwandten, die in Graz leben; denn in Leitmeritz mag ich nun nicht länger bleiben. Aber ich werde niemandem zur Last fallen, sondern Unterricht im Italienischen erteilen, der in jener Stadt sehr gesucht sein soll.‘

Wie sie jetzt so vor mir stand, ungebrochen von allem, was da geschehen, in mädchenhafter Selbständigkeit, im Vollbewußtsein ihrer Hoheit und Würde, da überkam mich das ganze Gefühl meiner eigenen Erbärmlichkeit und drohte mich zu ersticken. Wie aus einem Sumpfe blickte ich zu ihr empor.

‚Ginevra,‘ rief ich, ‚Sie verachten mich — Sie müssen mich aufs tiefste verachten!‘

‚Ich verachte Sie nicht‘, entgegnete sie ruhig. ‚Was können Sie dafür, daß Sie mich nicht geliebt haben?‘

‚O! Nicht geliebt!‘

‚Nicht so, wie ich in törichter Zuversicht vorausgesetzt — nicht so, wie ich Sie geliebt. Wie sehr ich durch diese allmähliche Erkenntnis gelitten, werden Sie mir ohne weitere Versicherung glauben. Jetzt aber habe ich überwunden und sehe ein, daß es nicht anders kommen konnte. Daher hege ich auch keine Verachtung, keinen Groll gegen Sie; vielmehr bin und bleibe ich Ihnen dankbar für die erste schöne Täuschung meiner Jugend. Sie war trotz allem die glücklichste Zeit meines Lebens — und wird es wohl in meiner Erinnerung immer bleiben. Und so stelle ich Ihnen auch‘ — sie zog bei diesen Worten einen Handschuh halb ab — ‚den Ring, den Sie mir damals gaben, nicht zurück — wie ich es vielleicht sollte. Ich werde ihn tragen bis ans Ende meiner Tage.‘

In mir wogten die unaussprechlichsten Gefühle.

‚Ginevra!‘ rief ich leidenschaftlich und wollte, ihre Hand erfassend, vor ihr niederknieen.

Sie trat rasch einige Schritte zurück. ‚Was soll das?!‘ rief sie mit herber Stimme. ‚Es ziemt sich nicht zwischen uns.‘

‚Verzeihen Sie! Und doch, wenn Sie — wenn Sie vergessen könnten — —‘

Sie zog die Brauen zusammen. ‚Nun, nun, sprechen Sie weiter!‘

‚Es könnte noch alles gut werden‘, hatte ich sagen wollen. Aber ich brachte die Worte nicht mehr hervor. Denn ich empfand, wie hohl und nichtig eine solche Versicherung aus meinem Munde klingen müsse, und die unklare Vorstellung eines versöhnenden Ausgleiches, die sich meiner bemächtigt hatte, ging unter in dem Bewußtsein vollständiger Unkraft. Ich schwieg.

Sie betrachtete mich mit einem Blick des Mitleids. ‚Sehen Sie, Sie wissen selbst nicht, was Sie sagen sollen, und fühlen, daß wir für immer geschieden sind. Und nun bitte ich: das Kreuz.‘

Keiner Erwiderung fähig, ging ich an den Schreibtisch, suchte es hervor, und reichte es ihr. Sie nahm es und wickelte mit zitternder Hand die Papierhülle los. In ihrem Antlitz zuckte es schmerzlich, als jetzt ihr Blick auf das matt schimmernde Gold fiel. Ich sah, wie sie sich gewaltsam beherrschte, um nicht in Tränen auszubrechen. Ein Schüttern ging durch ihren ganzen Körper, sie mußte sich setzen. ‚Mein Gott! Mein Gott!‘ sagte sie still. Dann stützte sie die Stirn mit der Hand und begann leise zu weinen.

Ich wagte nicht zu atmen.

‚Es ist vorüber‘, sagte sie endlich, indem sie aufstand, und sich die Augen trocknete. ‚Leben Sie wohl!‘

Noch einmal war es mir, als sollte ich die Hand, die sie mir jetzt reichte, nicht wieder loslassen, sollte die herrliche Gestalt an mich ziehen, wie einst. Sie schien es zu fühlen, und rasch sich mir entreißend, schritt sie der Tür zu.

‚Ginevra!‘ stieß ich hervor und wollte sie zurückhalten. Aber sie winkte mir heftig abwehrend zu und verschwand. Ich sank auf den Stuhl, den sie eingenommen hatte, und blieb regungslos sitzen .....

Bald darauf folgten jene Märztage, deren stürmische Ereignisse auch mich über mich selbst hinausrissen. Freilich in einem anderen Sinne als diejenigen, die damals das Banner der Freiheit entfalteten. Wir waren eben Soldaten und erfüllten unsere Pflicht. Ich selbst stand noch bei den Truppen, die Wien belagerten. Dann kam der ungarische Feldzug mit seinen wechselvollen Geschicken und blutigen Schlachtfeldern — und als spätere Jahre über so Vieles den Schleier der Vergessenheit breiteten, war auch über meine jugendlichen Herzenskämpfe das Gras gewachsen.“

*                    *
*

„Und haben Sie nichts mehr von Ginevra gehört?“ fragte man nach einer Weile.

„Allerdings; ich war in der Lage, Erkundigungen einzuziehen. Sie lernte in Graz einen jungen Triestiner kennen, der sich im Laufe der Zeit eine sehr glänzende Stellung in Ägypten gemacht. Sie hat ihn geheiratet. Auch gesehen glaube ich sie zu haben — und zwar während der Wiener Weltausstellung in einem offenen Wagen vorüberfahren mit ihrem Mann und einer bereits erwachsenen Tochter. Es ist jedoch möglich, daß ich mich getäuscht.“

„Sie wird es wohl gewesen sein,“ sagte die Hausfrau nachdenklich. „Und so haben Sie wenigstens das Bewußtsein, daß sie glücklich geworden.“

„Daran habe ich nie gezweifelt. Denn sie war eine starke Natur; unglücklich sind allein die Schwachen.“

„Und die Polin?“ fragte eine andere Dame.

„Das wäre eine Geschichte für sich“, antwortete der Oberst, indem er aufstand und den Rest seiner Zigarre in den Aschenbecher warf. „Vielleicht erzähle ich sie Ihnen nächstens. Jetzt aber muß ich nach der Stadt zurück; ich werde erwartet.“ Er verabschiedete sich und ging.

Die anderen blickten ihm nach, bis seine hohe Gestalt im Abenddunkel zwischen den Bäumen verschwunden war. Dann wandte sich der Hausherr zu der Dame, welche nach der Polin gefragt hatte. „Sie sollen wissen, liebe Freundin, daß er zu jener Frau noch immer in Beziehungen steht. Sie ist zwar zehn Jahre älter als er — also bereits eine Greisin —, aber er konnte nicht mehr loskommen. Schade um ihn! Er hat sich seit jeher mit Weibern geschleppt, und da wird man, wie Goethe sagt, zuletzt abgewunden gleich Wocken.“

Geschichte eines Wienerkindes.

Vorwort des Herausgebers.

Die Novelle ist in den Jahren 1890/91 in Blansko und in Raitz entstanden, die Handschrift in Raitz am 15. März 1891 abgeschlossen. Sie ist eine Reinschrift mit so starken Korrekturen, daß der Text wiederholt fast unleserlich geworden ist und daher von dem Verleger nochmals abgeschrieben wurde. Sogar das „Wienerkind“ auf dem Titelblatt steht über einem unleserlich gemachten Wort und noch während des Druckes hat der Dichter nicht bloß zahlreiche kleinere Änderungen angebracht, sondern dem Manuskript eine Anweisung für drei größere Varianten nachfolgen lassen, die auch Berücksichtigung gefunden hat. Nachdem die Redaktion der Zeitschrift „Vom Fels zum Meer“ die Novelle im Mai 1891 unter sehr anerkennenden Worten als unpassend für ein Familienblatt zurückgeschickt hatte, scheint der erste Druck sogleich in Buchform, in der vierten Novellensammlung „Frauenbilder“ im Herbst des Jahres 1891 (1892, Seite 83-211) zustande gekommen zu sein. Hier hat die Novelle 10 Abschnitte; denn nach dem Diner in Hietzing wird der erzählende Dichter von der Frau von Ramberg (die in der Handschrift Frau von Nathan hieß) eingeladen, zu bleiben, und es folgt ein langes Gespräch mit der Heldin, in dem sie ihm mitteilt, daß sie mit Röber nicht verheiratet sei, und daß er sie nach vielfacher Untreue mit einer Summe Geldes loswerden wolle, daß sie ihn aber dennoch grenzenlos liebe und die Gewissensbisse, die sie im Gedanken an ihren Mann und an ihre Kinder empfinde, als Sühne für ihre blinde und unterwürfige Liebe hinnehme. Der Dichter, der unserer Novelle in einem Briefe an Necker auch den Vorwurf macht, daß ihm der epische Faden halb ausgegangen sei, war mit dieser Fassung nicht für immer zufrieden und schon am 3. April 1896 erbat er sich von dem Verleger ein Exemplar zu Verbesserungen für eine etwaige zweite Auflage, die dann der zweibändigen Ausgabe der „Novellen aus Österreich“ 1897 (zweiter Band, Seite 233-307) zugute kamen. Hier ist das letzte Gespräch des Dichters mit dem Wienerkind gestrichen, die Novelle hat daher nur mehr 9 Abschnitte, auch im einzelnen hat der Dichter überall nachgeholfen und aus dem Grafen X. einen Fürsten B... (Seite 270 unserer Ausgabe) gemacht. Schon am 31. Januar 1898 erbat er sich die Aushängebogen des letzten Druckes von neuem, und die zweite Ausgabe der Novellen 1904 (a. a. O.) brachte außer der Auflösung der durchsichtigen Chiffren D... in Döbling, N... in Nußdorf und Hotel V... in Hotel Viktoria einige neue stilistische Änderungen. Diese Ausgabe letzter Hand liegt auch dem Abdruck in Österreichs Illustrierter Zeitung (XV. Jahrgang, Heft 14 ff., 31. Dezember 1905, Seite 333 ff.) zugrunde, der sich aber willkürliche Kürzungen erlaubt.

I.

Im Frühling des Jahres 1870 fand in dem Wiener Vororte, wo ich damals meinen Wohnsitz genommen hatte, eine festliche Hochzeit statt. Fast der gesamten Einwohnerschaft waren zierlich gedruckte Anzeigen zugegangen, und wer nur irgend abkommen konnte, der fand sich auch am festgesetzten Tage zum feierlichen Trauungsakte in der geräumigen Pfarrkirche ein. Ich konnte gleichfalls nicht umhin, zu erscheinen, denn ich war mit dem Bräutigam persönlich bekannt, wenn auch nicht näher, als dies öftere Begegnungen an öffentlichen Orten mit sich zu bringen pflegen. Er war ein junger Mann in den ersten Dreißigern und so recht das Bild eines Wiener Bürgersohnes von älterem Schlage. Nicht allzu groß, dabei leicht zu körperlicher Überfülle neigend, hatte er ein hübsches, frisch gefärbtes Gesicht und äußerst gutmütige blaue Augen, die in beständiger Heiterkeit strahlten. Er kleidete sich nach neuestem Schnitte und hatte eine Vorliebe für bunte Halsbinden, nahm sich aber keineswegs geziert oder geckenhaft aus; vielmehr trat in seinem ganzen Wesen eine gefällige, etwas sorglose Natürlichkeit zu Tage. Sein Vater, ein wohlhabender Mann, hatte es aus kleinen Anfängen heraus zum Stadtzimmermeister gebracht und am Eingange des Ortes ein ansehnliches Familienhaus erbaut, an das sich ein großer Arbeitsplatz und weitläufige Holzlager schlossen, zu welchen Liegenschaften sich im Laufe der Zeit noch ausgedehnte Ziegeleien in der nächsten Umgebung gesellten. Als der alte Stadler starb, teilten sich zwei Söhne in den wohlgegründeten Besitz, so zwar, daß der ältere, welcher bereits verheiratet war, die Zimmermeisterei weiter betrieb, der Jüngere aber das Holzgeschäft und die Verwaltung der Ziegeleien übernahm, nebenher ein behagliches, jedoch keineswegs lockeres Junggesellenleben fortführend. Jetzt aber war er, wie sich zeigte, dessen überdrüssig geworden; im Stammhause war Raum genug für eine zweite Familie — und so hatte er eben nur die Braut zu wählen gehabt.

Die Kirche, durch deren gotische Bogenfenster das Licht eines sonnigen Maitages fiel, war überfüllt; wie natürlich, zeigte sich das weibliche Geschlecht vorwiegend vertreten und harrte mit Spannung auf das Erscheinen der Brautleute. Und als dieses jetzt endlich erfolgte und das junge Paar mit einem zahlreichen Anhange in die Kirche trat, da ging ein vernehmbares Murmeln der Bewunderung durch den stillen Raum, und aller Augen folgten der Braut, die in der Tat einen entzückenden Anblick darbot. Hohen Wuchses den Bräutigam etwas überragend, schritt sie an seinem Arm, bleich vor innerer Erregung, mit gesenktem Haupte dem Altare zu. Der wallende Schleier, der Myrtenschmuck im dunkelblonden Haar, das matte Weiß des Hochzeitskleides gaben der kräftig schlanken Gestalt etwas sanft Verklärtes, und als sie jetzt aufblickte, schimmerten ihre Augen hell wie Gold. Man war erstaunt und atmete kaum; so viele, so makellose Reize hatte man nicht zu sehen erwartet. Auch ich war überrascht — doppelt überrascht. Denn ich hatte das schöne Geschöpf, das jetzt in reifer Mädchenhaftigkeit vor den Altar trat, in fast noch knospender Entwicklung gekannt, und während nunmehr der Priester seine Anrede hielt, das Brautpaar mit klangvollen Stimmen die Jaworte sprach und die Ringe gewechselt wurden, erinnerte ich mich an folgendes.

Es war zu Anfang der Sechziger Jahre. Ich hatte den Soldatenrock noch nicht lange ausgezogen und mich mit meinen literarischen Hoffnungen und Entwürfen in einer stillen Vorstadtwohnung eingesponnen, die ich in der Regel während der ersten Nachmittagsstunden verließ, um in einer nahe gelegenen Gastwirtschaft mein Mahl einzunehmen. Auf dem Wege dahin mußte ich an einem stattlichen Hause vorüber, an einer jener Neubauten, wie sie damals allerorten emporwuchsen und hier der Hauptstraße der Vorstadt ein immer vornehmeres Aussehen verliehen. Es gehörte, wie ich später erfuhr, der Witwe eines Baumeisters, der die Herstellung auf eigene Rechnung in Angriff genommen hatte, inzwischen aber mit dem Tode abgegangen war. An einem Fenster des ersten Stockwerkes, in welchem die Eigentümerin wohnte, gewahrte ich nun öfter das reizende Profil eines Mädchens, das hinter einer Reihe wohlgepflegter Blumentöpfe saß. Die noch sehr jugendliche Schöne wendete natürlicherweise den Kopf bisweilen nach der Straße, und so kam es, daß sich eines Tages unsere Blicke begegneten, wobei mir ihre hellen Goldaugen besonders auffielen. Seitdem stellte sich zwischen uns eine Art stillen Einverständnisses her, so zwar, daß sie mich jetzt immer zu erwarten schien und sich, wenn sie mich kommen sah, hinter den Blumen erhob, mir auf diese Art auch den Anblick ihrer zarten Büste zuteil werden lassend. Obgleich ich nun keinerlei Absichten hegte, so spann ich doch den Faden des kleinen Romans in anmutigen Träumen fort, indem ich es gewissermaßen dem Schicksale überließ, ob es mich vielleicht ohne mein Zutun dem holden Geschöpfe näher bringen wolle. Es durchzuckte mich daher ein freudiger Schreck, als ich sie eines Tages, da ich gerade auf dem Heimwege begriffen war, sehr zierlich gekleidet aus dem Haustor treten und in die nächste, nur ein paar Schritte entfernte Seitengasse einbiegen sah. Im ersten Augenblick war ich wie eingewurzelt stehen geblieben; dann aber folgte ich ihr. Sie trug ein helles, blau gestreiftes Sommerkleid und ein braunes Strohhütchen, das mit künstlichen Feldblumen geschmückt war. Zum ersten Male hatte ich ihre hohe, schlanke Gestalt ganz vor Augen und konnte die harmonischen Gliederbewegungen, die kräftig ausschreitenden Füßchen und die dichte Fülle des Haares bewundern, das ihr, nach der Mode jener Zeit, halbgelöst, in einem feinen Seidennetze weit über den Nacken hinabhing. Sie mußte mich vorhin gleichfalls wahrgenommen haben, denn sie wendete öfter den Kopf zur Seite, wie um zu spähen, ob ich ihr gefolgt und in der Nähe sei.

Jetzt hatte sie die Gasse durchschritten, welche in eine breite, von Menschen und Fuhrwerken sehr belebte Straße mündete. Dort blieb sie einen Augenblick unschlüssig stehen, setzte dann behutsam auf den Fußspitzen über den Fahrweg, der erst vor kurzem bespritzt worden war, und ging jenseits, sich nach rechts wendend, noch ein Stück fort, um in eine jener stillen, nach dem Südbahnhof führenden Gassen einzubiegen, welche damals noch zum größten Teil von wipfelüberragten Gartenmauern gebildet wurden. Tat sie das, um mir Gelegenheit zu ungescheuter Annäherung zu bieten? Kaum konnte ich daran zweifeln, denn sie hatte ja jetzt mit einer raschen Wendung nach mir zurückgeblickt. Dennoch und obgleich ich nun ebenfalls die Gasse betrat, konnte ich einer gewissen mutlosen Befangenheit nicht Herr werden und hielt mich noch immer in einiger Entfernung. Endlich, da ich sah, daß sie langsamer zu gehen anfing, faßte ich ein Herz und war bald an ihrer Seite, indem ich mich, den Hut lüftend, in einem Gewirr von Worten verfing, wie man sie bei ähnlichen Anlässen zur Entschuldigung zu stammeln pflegt.

Sie blickte mich leicht von der Seite an und brach dann in ein klingendes Lachen aus.

„Entschuldigen Sie sich doch nicht gar so sehr“, sagte sie. „Wir sind ja alte Bekannte, denn Sie gehen täglich an unserem Hause vorüber. Aber wer sind Sie eigentlich?“ fuhr sie nach einer Pause fort, indem sie mich jetzt mit ihren hellen Augen eindringlich musterte.

Ich gestehe, daß mich nunmehr eine eigentümliche Verlegenheit überkam. Der Berufstitel „Schriftsteller“ diente zu jener Zeit noch nicht zu besonderer Empfehlung; man war weit eher geneigt, einige Mißachtung daran zu knüpfen. Überdies hatte ich noch keine öffentlichen Proben meiner Tätigkeit abgelegt, war daher gewissermaßen weder Fleisch noch Fisch. Dennoch mußte ich mich entschließen, mit einiger Beklemmung zu sagen: „Ich bin Schriftsteller“.

„So“, erwiderte sie gedehnt. „Und was schreiben Sie denn?“

Neue Verwirrung meinerseits. „Nun — Dramen — Novellen —“

Ich konnte bemerken, wie sich ihr Näschen, dessen feine Nüstern leicht geschwellt waren, ein wenig rümpfte.

„Also ein Dichter!“ sagte sie spöttisch. „Aber das tut nichts; Sie sehen gar nicht danach aus. Für heute übrigens“, setzte sie kurzweg hinzu, „müssen wir uns trennen. Bleiben Sie hier zurück; mein Weg führt mich nach einer ganz anderen Richtung, und begleiten dürfen Sie mich nicht. Wenn Sie aber wieder mit mir zusammentreffen wollen, so kommen Sie einmal zu Schwott. Sie wissen doch —?“

„O ja, ich weiß —“

„Nun also. Jeden Samstag, manchmal auch an Donnerstagen bin ich abends dort. Es ist sehr lustig. Und nun leben Sie wohl!“ Sie streckte mir die Hand entgegen, drückte die meine kurz und kräftig und eilte mit raschen Schritten den Weg zurück, auf dem sie gekommen war.

Ich jedoch blieb mit sehr niederdrückenden Empfindungen in der verödeten Gasse stehen. Schon das anfängliche Lachen und die ersten Worte des jungen Mädchens hatten mich befremdet; die ungezwungene, gleichsam überlegen leichtfertige Art und Weise, in der sie sich gab, hatte mich mehr und mehr enttäuscht und ernüchtert; — bei ihrer Aufforderung aber, zu „Schwott“ zu kommen, war ich vollends aus allen Himmeln gefallen.

Zu Schwott! Es war dies eine nach ihrem Besitzer benannte Tanzschule, die sich in einem alten, heute nicht mehr bestehenden Häuserkomplex der inneren Stadt befand. Sie wurde weit weniger des Unterrichtes wegen besucht, den man dort erteilte: ihre Hauptanziehungskraft waren die sogenannten „Gesamtübungen“, welche an drei Abenden der Woche stattfanden. Nicht bloß ein Teil der jeunesse dorée in all ihren Spielarten erschien dabei; es kamen auch ältere, ja selbst alte Lebemänner, die hier im Trüben zu fischen gedachten. Denn es war bekannt, daß man in den schwülen und überfüllten Räumen der Tanzschule neben interessanten, vielumworbenen Erscheinungen aus der feineren weiblichen Halbwelt auch den frischen Reizen von Beamten- und Bürgerstöchtern begegnete, die sich, wie man annehmen konnte, ohne Vorwissen ihrer Angehörigen hierher begaben, jugendlicher Vergnügungssucht — oder auch schlimmeren Antrieben folgend. Ich selbst war in früherer Zeit einmal dort gewesen und hatte es, wie meine Schöne gesagt, in der Tat sehr lustig gefunden. Aber auch sie war in diesem ruchlosen Gewirre zu treffen — sie, die mir hinter ihren Blumen als Bild der Jungfräulichkeit erschienen war! Ich fühlte, wie sich mir jetzt bei diesem Gedanken das Herz zusammenzog. Trotzdem wäre ich immerhin genug Realist gewesen, um ein Stelldichein von seiten eines so reizenden Geschöpfes unter allen Umständen willkommen zu heißen. Um aber mit einer jungen Dame, die zu „Schwott“ ging, in nähere Beziehung zu treten, dazu waren meine Verhältnisse in keiner Weise angetan. So kam ich denn, während ich langsamen Schrittes nach Hause ging, mehr und mehr zur Einsicht, daß der Sache ein für allemal ein Ende zu machen und jeder weitere Verkehr abzubrechen sei. Die Ausführung dieses Entschlusses wurde mir auch durch äußere Umstände erleichtert. Denn, nachdem ich eine Zeitlang vermieden hatte, mich in der Hauptstraße zu zeigen, mußte ich infolge einer Kündigung meine Wohnung räumen. Ich mietete mich hierauf in einem entlegeneren Teile der Vorstadt ein und sah die schöne Elise Schebesta — den Namen hatte ich später in Erfahrung gebracht — in der Tat nicht mehr. Einmal nur, als ich an einem nebligen Oktoberabende die innere Stadt durchschritt, glaubte ich beim Scheine der Gasflammen erkannt zu haben, daß sie an der Seite eines sehr vornehm aussehenden Herrn in einem Fiaker an mir vorübergefahren war.

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Und nun, nach einer Reihe von Jahren, stand sie, schöner denn je, mit schimmernder Myrte geschmückt am Altar .....

Die Zeremonie war zu Ende, und die Menge drängte aus der Kirche in den leuchtenden Tag hinaus, um die Teilnehmer der Hochzeit noch in die Wagen steigen zu sehen. Diese aber fuhren jetzt, während sich der Schleier der Braut in der wehenden Luft aufbauschte und leicht hin und her flatterte, dem Bürgerhause zu, das am Eingange des Ortes mit blumengeschmückter Pforte dem fröhlichen Einzug entgegen harrte.

II.

Die Neuvermählten mußten keine Hochzeitsreise angetreten haben — keine längere wenigstens, denn schon in nächster Zeit begegnete ich ihnen bei einem Spaziergange an dem stillen, den Vorort abgrenzenden Donaugelände. Es war ein milder, leicht bewölkter Abend, und die Ufer des Kanals, tagsüber durch anlangende Frachtschiffe und Holzflöße reich belebt, zeigten sich gänzlich verödet; nur ein geduldiger Angler saß an dem sanft dahin fließenden Wasser. Ich war um diese Zeit oft hier zu finden, denn ich liebte die stimmungsvolle Einsamkeit der Gegend, und auch die beiden hatten sie wohl aufgesucht, um sich ungestört im Freien ergehen zu können. Sie schritten Arm in Arm, dicht aneinandergeschmiegt das Ufer entlang und blickten gemeinsam nach einem Eisenbahnzuge, der eben jenseits, über eine frei ragende Brücke hinweg, ins Land hineinbrauste. Als ich an ihnen vorüberkam, mußte ich einen Gruß darbringen, wobei mich die Besorgnis anwandelte, daß mich die junge Frau vielleicht sofort wieder erkennen würde. Aber wiewohl sie mich, den Gruß mit ihrem Gatten erwidernd, rasch und aufmerksam betrachtete, so konnte ich doch ihrem Gesichtsausdruck nicht entnehmen, ob dies der Fall gewesen; wahrscheinlich hatte sie mich bereits vollständig aus dem Gedächtnisse verloren. Ich konnte später nicht umhin, stehen zu bleiben und dem Paare nachzublicken, bis es hinter einer hohen Baumgruppe, die, wie auf einem holländischen Landschaftsbilde, ein altes, einzeln stehendes Gebäude umdunkelte, verschwand. Trotz allem, was mir bekannt war, überkam mich jetzt ein wehmütiges Gefühl der Verlassenheit — ein fast an Neid streifendes Nachempfinden des Glückes, das ich da vor Augen gehabt. —

Und dieses Glück schien in ungetrübter Dauer vorhalten zu wollen, wenngleich die schöne Frau Stadler mit einem etwas herausfordernden Benehmen ziemlich gewagte Toiletten zur Schau trug, und ihr, wenn sie sich an gewissen Abenden der Woche mit ihrem Gatten in einem vielbesuchten Gasthause einfand, am Stammtische alles aufs lebhafteste den Hof machte. Da geschah es auch oft genug, daß sie noch in später Nachtstunde, von einem lauten, angeheiterten Männerschwarme umringt, in das nahe gelegene, menschenleere Kaffeehaus trat, wo man lärmend Platz nahm und bei dampfenden Punschgläsern den erregten Lebensgeistern vollends die Zügel schießen ließ. Dennoch verlautete nichts, was dem Rufe der Dame zu nahe getreten wäre; sie schien vielmehr neben diesem heiteren Lebensgenusse ihre Pflichten in jeder Hinsicht sehr gewissenhaft zu erfüllen. Sie war, das sah man, eine vortreffliche Hausfrau, besorgte alle Einkäufe selbst, zeigte sich jeden Sonn- und Feiertag in der Kirche, und als sie im zweiten Jahre ihrer Ehe Mutter geworden war, vollzog sich auch in ihrem Wesen ein sichtlicher Wandel. Sie kleidete sich weit einfacher, erschien immer seltener am Stammtische und war auf der Straße meistens nur, höchst aufmerksam und besorgt, hinter einem netten Korbwägelchen sichtbar, das von einer Magd geschoben wurde und in welchem ein rosiges Kindchen unter einem blauen Schleier schlummerte. Ja, wenn man späterhin die einst so lebendige und bewegliche Frau sah, wie sie mit zunehmender Leibesfülle und leicht schwellendem Doppelkinn an schönen Sommerabenden sich aus dem Fenster lehnte und mit einer Art von satter Zufriedenheit auf die belebte Straße hinabblickte, da machte sie so recht den Eindruck des Soliden und Altbürgerlichen. Dann war es mir auch immer, als hätte ich ihr etwas abzubitten, und ich kam zur Einsicht, wie töricht und ungerecht es sei, von Vergangenem stets auf das Zukünftige schließen zu wollen. Was lag daran, daß sie als Mädchen, wie es im Volksmunde heißt, ihr Leben genossen hatte? Wenn sie jetzt nur eine treue, sorgsame Gattin, eine liebende Mutter war — und ihren Mann beglückte. Und daß sie ihn beglückte, das erkannte man an seinen heiteren Mienen, seinen strahlenden Augen. Auch er hielt sich jetzt von Vergnügungen ziemlich fern und schien sich mit Vorliebe auf sein trauliches Heim zu beschränken, das nunmehr schon zwei heranwachsende Kinder belebten, ein Knabe und ein Mädchen, schön und blühend, wie aus einem Gemälde von Rubens herausgeschnitten.

Da begab es sich eines Winters, daß in dem Vororte eine Persönlichkeit sichtbar wurde, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog. Es war dies ein hochgewachsener, noch ziemlich jugendlicher Mann von überaus vornehmem Äußeren, der im Hôtel garni Wohnung genommen und sich in das Meldebuch als Leo Röber, Fabrikdirektor, eingezeichnet hatte. Gleichwohl schien er ohne jegliche Beschäftigung zu sein und gehabte sich wie jemand, der in völliger Unabhängigkeit von seinen Renten lebt. Er machte, wenn auch im stillen, ziemlichen Aufwand, speiste im Kasino, das mit dem Hotel in Verbindung stand, an einem eigens für ihn bereit gehaltenen Tische, und bei Fahrten nach der Stadt bediente er sich, Omnibus und Pferdebahn verschmähend, stets eines Mietwagens. Nach und nach verlautete indes, daß die Fabrik, deren Direktor er sich nannte, erst im Entstehen begriffen, er selbst aber von einer Aktiengesellschaft beauftragt sei, in der Umgebung des Ortes den Anlageplatz zu ermitteln und Voranschläge zu entwerfen. Endlich schien er dies auch in Angriff nehmen zu wollen und trat mit einigen einheimischen Fachleuten — worunter die Gebrüder Stadler — in allerlei Unterhandlungen, ohne sich jedoch mit einem von ihnen näher und bestimmter einzulassen, wie er denn überhaupt jedem umgänglichen Verkehr mit sehr hochmütiger Zurückhaltung auswich. Auch bei den Bällen, welche im Laufe des Karnevals in dem großen Saale des Kasinos stattfanden, erschien er bloß als steifer Zuschauer, in tadellosem Frack, eine weiße Kamelie im Knopfloch. Ich selbst kümmerte mich um ihn begreiflicherweise sehr wenig, wenn ich auch bei zufälligen Begegnungen auf der Straße nicht umhin konnte, seine wirklich auffallend schöne und interessante Erscheinung mit Wohlgefallen zu betrachten. Und er war, wie alle unbeschäftigten Menschen, häufig genug auf der Straße anzutreffen. Vor allem liebte er es, in der Lindenallee auf und nieder zu schreiten, welche sich vom Eingang des Ortes bis zum Linienwalle erstreckte. Diese Allee, im Sommer schattig und duftig, jetzt aber kahl und durchsichtig, führte an dem freistehenden Stadlerschen Hause vorüber, von diesem durch die breite Fahrstraße getrennt; auf der anderen Seite dehnten sich, niedrig eingeplankt, weitläufige Felder aus. Als ich eines Tages — es war schon im März, und die Sonne schien hell und warm — mit der Pferdebahn aus der Stadt zurückkehrte, gewahrte ich ihn dort schon von weitem und glaubte zu bemerken, daß er im Gehen nach den Fenstern des Bürgerhauses emporspähte, dem wir uns jetzt beide näherten. Im Vorüberfahren folgte ich unwillkürlich seinem Blicke und sah, daß Frau Elise aufrecht dicht hinter den Scheiben stand. Wie ein Blitz durchzuckte es mich, daß hier ein Einverständnis obwalte. Aber tat ich den beiden nicht vielleicht unrecht? Konnte ich mich nicht täuschen? Eine Zeitlang dachte ich darüber nach; zuletzt aber sagte ich mir, daß mich ja die Sache ganz und gar nichts angehe, und ließ meine Vermutung um so mehr auf sich beruhen, als ich eben mit Vorbereitungen zu einer Reise nach Italien beschäftigt war, die ich bald darauf antrat.

III.

Meinem Wanderaufenthalte im Süden war ein ziemlich langer und seßhafter bei einem Freunde in Steiermark gefolgt, und so waren auch bis zu meiner Rückkehr beinahe zwei Jahre vergangen. Meine Wohnung hatte ich beibehalten, und als ich im Zwielicht eines frostigen Spätherbstabends ankam, fand ich in dem mir so lieb gewordenen Vororte vieles verändert. Gleich neben dem Stadlerschen Hause zeigten sich neue Bauten: arg verschnörkelte, aber doch höchst stattliche und geräumige Villen, zwischen denen sich der alte Bürgersitz, um einen sehr großen Teil seines freiliegenden Grundes beschnitten, recht eng und gedrückt ausnahm. Zudem wies er sich äußerlich sehr vernachlässigt; die Tünche war verwittert, die Fenster dunkelten wie erblindet. Im weiteren Verlauf der Straße überraschte mich eine Anzahl prunkvoll erleuchteter Kaufläden; auch war der Verkehr viel lebhafter, als es sonst um diese Stunde der Fall gewesen. Als ich am nächsten Morgen ausging, begegnete ich fast lauter unbekannten Gesichtern, ein Zeichen, daß viele neue Einwohner zugewachsen waren. Erhoben sich doch, wie ich jetzt sah, überall neue Häuser; selbst die Querstraße, die man nicht lange vor meiner Abreise durch eine weite Flucht verwüsteter Gärten abgesteckt hatte, war in zwei Reihen kleiner Paläste fast ausgebaut. Ich trat, um zu frühstücken, in das Kaffeehaus. Dort war alles beim Alten geblieben; nur die Fenster hatte man vergrößert und mit hellen Spiegelscheiben versehen. Im übrigen ebenfalls fremde Gäste, mit Ausnahme eines bejahrten Mannes, der eine Brille mit dunklen Gläsern auf der stark geröteten Nase trug. Er war mir von früher her als Gemeindesekretär bekannt, und ich wunderte mich, ihn während der Amtsstunden hier zu treffen. Als ich grüßend auf ihn zutrat, hatte er einige Mühe, mich zu erkennen, freute sich aber dann sehr des Wiedersehens und teilte mir mit, daß er vor zwei Monaten seine Pensionierung erhalten habe. Seines zunehmenden Augenleidens wegen. Damit stehe es jedoch, Gott sei Dank, noch immer nicht gar so schlimm; es wäre eben nur ein willkommener Vorwand für den neuen Herrn Bürgermeister gewesen, um ihn, den alt gedienten und verdienten Beamten, beiseite zu schieben. Der Mann wolle nun einmal alles von Grund auf umwandeln. „Ja,“ fuhr der Alte in wehmütigem Tone fort, „die schönen, gemütlichen Zeiten sind vorüber, und unser liebes Döbling nimmt eine andere Gestalt an. Schon heute ist es kaum mehr zu erkennen — geben Sie acht, in einigen Jahren wird es ganz und gar mit der Stadt zusammengewachsen sein. Hoffentlich erleb’ ich das nicht mehr.“

Ich suchte ihn zu trösten und erkundigte mich nach diesem und jenem, unter anderem auch nach den Stadlers.

„Die Stadlers? Wissen Sie denn nicht, daß der jüngere gestorben ist?“

„Gestorben?“

„Jawohl, — es war eine recht traurige Geschichte.“

„Wieso?“

„Sie haben also gar nichts davon gehört? Seine Frau ist ihm durchgebrannt. Mit diesem Herrn Röber, dem sogenannten Fabrikdirektor. An den müssen Sie sich ja noch erinnern. Eines schönen Morgens war sie fort, Mann und Kinder im Stiche lassend. Alle ihre Pretiosen hat sie mitgenommen und auch eine Summe Geldes, die allerdings insoferne ihr Eigentum war, als sie einige Mitgift ins Haus gebracht. Der arme gute Ferdl — Sie wissen ja, daß er Ferdinand geheißen hat — war ganz außer sich, dem Irrenhause nahe.“

„Er hat sie wohl sehr geliebt?“

„Und wie! Von Jahr zu Jahr mehr. Schön war sie, das muß man sagen. Er hatte sie auf einem kostümierten Bauernballe kennen gelernt, der hier im Kasino stattfand und zu dem sie aus der Stadt gekommen war — als Tirolerin. Er vernarrte sich sofort in sie und hat sie geheiratet, obgleich ihm mancher, der wußte, daß ihr Ruf nicht der beste sei, dringend davon abriet. Sonst aber erschien die Partie ganz passend. Das Fräulein Schebesta war aus guter Familie, eines Baumeisters Tochter und, wie gesagt, auch nicht ganz ohne Vermögen, obgleich auf dem Hause, das ihr nach dem Tode der Mutter zugefallen, genug Schulden hafteten. Und während ihrer Ehe hielt sie sich auch die längste Zeit ganz brav, wenn sie auch eine flotte Frau war. Aber da mußte der Lump mit seiner stolzen Haltung und dem interessanten Backenbart kommen — und aus war’s und geschehen. Indes, nachdem der erste Schmerz sich ein wenig gelegt hatte, suchte sich der verlassene Ehegatte so gut es ging zu fassen. Er hat seinen Kindern zuliebe alles aufgeboten, sein schweres Schicksal mit männlicher Kraft zu tragen — und es war ihm auch so ziemlich gelungen. Da, eines Tags — sechs Monate ist es jetzt her — steht er dort an jenem Billard und spielt wie gewöhnlich nach Tisch. Plötzlich fällt ihm die Queue aus der Hand, mit der andern fährt er nach der Stirn — und sinkt lautlos zu Boden. Der Schlag hatte ihn getroffen.“

„Und die Kinder?“ fragte ich nach einer Pause.

„Mit denen ist es auch eigentümlich gegangen. Selbstverständlich hat sie der Bruder zu sich genommen, dessen Frau ihm keine Nachkommenschaft geschenkt hat. Da wären sie auch ganz gut aufgehoben gewesen. Aber bald darauf erkrankten sie, fast gleichzeitig, am Scharlach. Als sie beinahe schon genesen waren, trat Diphtheritis hinzu — und beide starben in einer Nacht.“

„Das ist wirklich sehr traurig.“

„Na, vielleicht war’s zu ihrem Besten. Man soll keinen beklagen, wenn er einmal da unten in der Erde liegt. Wer weiß, was die zwei Kleinen noch alles hätten erleben müssen; jedenfalls aber blieb’s ihnen erspart, sich späterhin über ihre Mutter klar zu werden. Auch geht’s ja — im Vertrauen gesagt — schon seit Jahren mit den Stadlerschen abwärts. Der Krach im Jahre 73 hat auch auf die Brüder gewirkt; es hieß, daß sie nur mit Mühe den Konkurs abwehrten. Daher sind auch, als der Jüngere starb, sofort die Ziegeleien samt den Holzlagern verkauft worden; und auch der Johann treibt die Zimmermeisterei nur mehr recht notdürftig fort. Denn mit der Ausschließlichkeit, die den Vater emporgebracht, ist’s schon lange vorbei, und die Konkurrenz, die auf jedem Gebiete herrscht, hat den Sohn überflügelt. Sie werden das auch dem Hause anmerken, wenn Sie vorüberkommen. Früher blickte es einem so hell, so einladend entgegen; jetzt nimmt es sich neben den modernen Nachbarn ganz finster und trostlos aus. So ist der Lauf der Welt,“ schloß er seufzend: „das Neue floriert, und das Alte geht zu Grunde.“

Er war aufgestanden, nahm Hut und Überrock vom Nagel und schickte sich zum Fortgehen an.

„Und hat man nichts mehr von der Frau gehört?“ fragte ich.

„Nichts Gewisses. Anfangs hieß es, das Paar habe sich nach Pest gewendet. Dann wollte man erfahren haben, daß sie in Paris seien, während andere behaupteten, sie wären gar nicht über Wien hinausgekommen. Es ist auch jetzt ganz gleichgültig. Wer weiß, ob sie überhaupt noch beisammen sind. Derlei Dinge halten nicht.“

Er reichte mir die Hand und empfahl sich. Ich aber blieb sitzen und sah durch die neuen Spiegelscheiben auf die Straße hinaus, die in diesem Augenblick wenig belebt war. Ein scharfer Nordwind hatte sich erhoben und fegte welkes Laub von den Bäumen des Kaffeehausgartens über das Pflaster. „Ja,“ sagte ich still vor mich hin, „das ist der Lauf der Welt.“

Ein Trupp von Kindern, die nach beendeter Schulstunde, die Bücherränzel auf dem Rücken, lustig am Fenster vorbeitollten, weckte mich aus meinen Gedanken.

IV.

Seitdem war fast ein Jahr verstrichen, als eines Vormittags an meine Tür geklopft wurde und ein jüngerer Schriftsteller eintrat, der sich bei seinen Berufsgenossen keiner besonderen Beliebtheit erfreute. Nicht ohne Begabung schon sehr früh in die Literatur getreten, hatte er sich auf allen möglichen Gebieten versucht und betätigte sich, da der Erfolg seinen Erwartungen nicht entsprach, zuletzt fast nur mehr als Kritiker. In dieser Eigenschaft hielt er — gewissermaßen schon ein Vorläufer der heutigen „neuesten Schule“ — als leitenden Grundsatz die Behauptung aufrecht, daß alles bisher Geleistete veraltet sei und in unsere Zeit nicht mehr passe. Er selbst fühlte sich durchaus „modern“, sprach stets von einer Literatur der Zukunft und erwies sich infolgedessen gegen Anfänger sehr nachsichtsvoll und ermunternd, besonders wenn diese dem weiblichen Geschlecht angehörten. So stand er denn auch bei einigen Schriftstellerinnen und solchen, die es werden wollten, in großem Ansehen. Sie übersendeten ihm ihre Werke, zogen ihn zu Rate, wogegen er, wie behauptet wurde, stets die Gelegenheit wahrnahm, mit der einen oder der anderen dieser Damen, die er nach seinem Geschmacke fand, in intimere Beziehungen zu treten. Nebenher aber wollte es ihm nicht gelingen, sich eine feste und unbestrittene literarische Stellung zu schaffen, was ihn, eitel und selbstbewußt wie er war, immer mehr in einen schwarzgalligen Hochmut hineintrieb. Ich selbst hatte mich ihm bei irgend einer Gelegenheit gefällig erwiesen, und seitdem besuchte er mich öfter, als mir gerade erwünscht war. Denn trotz der Anerkennung, die er mir gegenüber gnädigst an den Tag legte, konnte er doch nicht umhin, beständig durchfließen zu lassen, wie sehr er sich mir und meinen Leistungen überlegen fühle.

„Obgleich Sie sich gar nicht um mich kümmern, muß ich Sie doch wieder einmal in Ihrer Einsiedelei aufsuchen“, sagte er jetzt, indem er mir die Hand reichte und sich seines abgegriffenen Hutes entledigte. Dann schüttelte er das lange, straffe Haar und blickte im Zimmer umher. „Mein Gott! wie kann man sich nur so vergraben! Eine schöne Aussicht haben Sie allerdings“, setzte er, ans Fenster tretend, hinzu. „Aber was nützt das alles? Dabei bleibt man doch nur ein Romantiker, ein elegischer Lorenz Kindlein. Heutzutage muß der Dichter mitten im Kampfe des Lebens stehen, muß ein scharfes Auge, ein stets bereites Ohr haben für die Zeichen und Forderungen der Zeit — sonst wird er mit Recht beiseite liegen gelassen.“

Da ich auf diese oft vernommenen Bemerkungen mit einem Schweigen antwortete, das er auslegen konnte, wie er mochte, fuhr er, nach mir zurückgewendet, in seinem Sermon fort: „Aber so seid Ihr nun einmal, Ihr Herren von der alten Schule! Ihr könnt Euere überlieferten Ideale nicht los werden. Da treffen es die Frauen wahrlich besser. Die haben den Mut, mit der Vergangenheit zu brechen, und besitzen den richtigen Instinkt für die Bedürfnisse der Gegenwart. Sehen Sie nur, was ich da wieder in die Hand bekommen!“

Er zog bei diesen Worten ein ziemlich umfangreiches Heft, das in der Mitte zusammengelegt war, aus der Tasche seines Überziehers und reichte es mir hin. Ich bog es auseinander und las den Titel: „Der Roman einer Frau, von Elsa Röber“.

Ich blickte sinnend auf.

Er bemerkte es nicht und warf sich in seinem Eifer auf den nächsten Stuhl. „Grandios, sage ich Ihnen! Der Griff einer Löwin! Da wird mit dem hergebrachten flauen Gefasel über die Heiligkeit der Ehe gründlich aufgeräumt und das Evangelium der freien Liebe höchst eindringlich gepredigt. Die betreffenden Stellen und Schilderungen sind um so schlagender, als sie von der Feder einer Frau herrühren. Ganz so, wie sie hier vorliegt,“ fuhr er nach einer Pause fort, „ist die Geschichte freilich nicht zu brauchen. Die Form ist sehr mangelhaft; auch steht die Verfasserin mit der Grammatik und hin und wieder mit der Orthographie noch auf ziemlich gespanntem Fuße. Aber mit der gehörigen Nachhilfe kann der Roman, wenn er erscheint, Furore machen.“

„Und ist Ihnen die Verfasserin persönlich bekannt?“ fragte ich aus meinen Gedanken heraus.

„Selbstverständlich. Nachdem ich das Manuskript, das sie mir durch zweite Hand übersenden ließ, geprüft hatte, habe ich mich auch sofort bei ihr eingeführt. Eine wunderschöne Frau! Im interessantesten Alter — so im Anfang der Dreißiger. Vielleicht ist sie Ihnen sogar nicht fremd; denn wenn ich nicht irre, hat sie während der Ehe, die sie da schildert, hier in Döbling gewohnt.“

„Und jetzt?“ fragte ich weiter, während immer bestimmtere Vermutungen in mir auftauchten.

„Jetzt? Jetzt lebt sie in der Stadt.“

„Allein?“

„Keineswegs. Mit ihrem Geliebten, den sie zwar ihren Mann nennt; aber ich glaube nicht, daß sie verheiratet sind. Er ist Agent — oder ähnliches; es scheint ihnen nicht am besten zu gehen.“ Er sah nach der Uhr. „Teufel, schon Zwölf! Da muß ich Sie verlassen. Ich soll zu Tisch nach Weinhaus hinüber, wo Verwandte von mir den Sommer zubringen. Habe die Gelegenheit benützt, zu Ihnen einen Abstecher zu machen. Wissen Sie was? Ich lasse das Manuskript hier. Sie erweisen mir einen Gefallen, wenn Sie es durchsehen. Ich bin zwar meiner Sache sicher; allein es wäre mir doch von großem Werte, auch Ihr Urteil zu vernehmen. Wenn es Ihnen recht ist, hol’ ich es gegen Abend bei Ihnen ab.“

Da meine Vermutungen inzwischen fast zur Gewißheit geworden waren, so interessierte mich jetzt das Ganze sehr lebhaft, und ich sagte ihm, daß er mich nach fünf Uhr ganz bestimmt zu Hause antreffen werde.

Kaum war er aus dem Zimmer getreten, als ich mich auch schon setzte und das Heft zur Hand nahm. Elsa Röber! Es konnte kein Zweifel sein! Röber hieß ja der Mann, um dessen willen Frau Stadler Heim und Familie verlassen hatte. Alles traf zu: sie war die Verfasserin!

Ich begann zu lesen. Es wurde mir nicht ganz leicht; denn die Schrift war ungleich und verworren, an manchen Stellen so flüchtig, daß ich einzelne Wörter kaum entziffern konnte. Dennoch, je mehr Blätter ich umwendete, je mehr mußte ich mich in gewissem Sinne mit der Ansicht des begeisterten Entdeckers einverstanden erklären. Nicht, daß mir die Arbeit so bedeutend wie ihm erschienen wäre. Sie erwies sich vielmehr als ganz schülerhafte Nachahmung einer Erzählung, die unter dem Titel „Die Geschiedene“ vor einigen Jahren erschienen war und von einem hochbegabten Autor herrührte, welcher als eigentlicher Eröffner dieser Richtung eine stark naturalistische Erotik in die neuere deutsche Literatur eingeführt hatte. Und die kurzen Gedichte, welche sich hin und wieder eingestreut fanden, riefen sofort die genialen Lieder der Ada Christen ins Gedächtnis. Trotzdem: neben vielem Platten und Gewöhnlichen — ergreifende Schilderungen; neben manchem Falschen und Verlogenen, neben Rohem und Verletzendem — Laute einer tiefen, eigentümlichen Empfindung, erschütternde Schreie des Schmerzes und der Lust, welche namentlich in unbefriedigten weiblichen Herzen mächtigen Widerhall hervorrufen mußten. —

Ich ließ das Heft sinken. Seltsam! So war denn diese einst so behäbige, jeder höheren geistigen Anregung fernstehende Frau, die, als echtes, genußfrohes Wienerkind herangewachsen, vor Jahren verächtlich das Näschen gerümpft hatte, als sie erfuhr, daß ich ein Dichter sei: zuletzt auch von dem schriftstellerischen Drange der Zeit erfaßt worden, und die Macht ihrer Schicksale hatte ihr die Feder in die Hand gedrückt!

*                    *
*

Gegen sechs trat der neue Frauenlob (diesen Namen hatte ich dem Erwarteten schon seit längerem so für mich im stillen beigelegt) wieder bei mir ein.

Sein erstes Wort war: „Haben Sie gelesen?“

„Gewiß“, bestätigte ich.

„Nun und was sagen Sie?“ drängte er.

„Ich bin Ihrer Meinung“, erwiderte ich ohne jede Einschränkung, da ich doch wußte, daß er keine einzige würde gelten lassen.

„Bravo!“ rief er, indem er stolz das Haupt erhob. Dann fügte er herablassend hinzu: „Welch ein Triumph für die Dichterin, daß auch Sie — —“

Ich überlegte einen Augenblick. Es konnte, wie gesagt, kein Zweifel mehr obwalten, aber ich wünschte die vollständigste Überzeugung. Aus dem Roman selbst konnte diese nicht unmittelbar gewonnen werden. Wie bei den meisten Anfängerarbeiten waren die Lokalfarben absichtlich verwischt, die Charaktere ziemlich allgemein gehalten, die Begebenheiten weit hergeholt. Ich sagte also: „Ich will Ihnen nur gestehen, daß ich die Verfasserin in der Tat zu kennen glaube. Das heißt, ganz oberflächlich — gewissermaßen bloß vom Sehen. Dennoch kann ich mich täuschen. Teilen Sie mir also Genaueres über sie mit — beschreiben Sie mir ihr Äußeres —“

„Wozu auch? Sehen Sie sich die Dame an, und es wird sich zeigen, ob Sie auf der richtigen Fährte waren.“

„Wie sollte das geschehen?“

„Ganz einfach. Man erwartet mich heute abend dort zum Tee — und ich nehme Sie mit. Das günstige Urteil, das Sie gefällt, wird die schöne Frau doppelt freuen, wenn sie es aus Ihrem eigenen Munde vernimmt.“

Ich gestehe, dieser Vorschlag hatte etwas Verlockendes. Es reizte mich, die Frau, deren Lebensgang ich so lange beobachtet hatte, in nunmehr ganz veränderten Verhältnissen wiederzusehen. Dennoch fühlte ich das Unstatthafte eines solchen Vorgehens, um so mehr, als ja meine Anerkennung keineswegs eine so rückhaltlose war, wie der selbstbewußte Protektor voraussetzte. Ich erwiderte daher: „Es wird doch wohl nicht angehen — so ganz ohne weiteres —“

„Welche Bedenklichkeiten, Verehrter! Sie können doch annehmen, daß Sie unter allen Umständen willkommen sein werden. Und dann offen gestanden, es kommt mir sehr erwünscht, wenn ich Sie dort einführen darf. Und zwar dieses Röber wegen, der trotz seiner fatalen Lebensstellung ein äußerst hochmütiger Geselle ist. Er schätzt die Begabung seiner Geliebten — oder seiner Frau nicht im geringsten; vielmehr bespöttelt er ihr Streben und betrachtet mich mit offen zur Schau getragenem Mißtrauen. Er glaubt jedenfalls, daß ich mit — Gott weiß welchen eigennützigen Absichten ins Zeug gehe. Wenn er aber sieht, daß ein Mann wie Sie — —“

„Ich wüßte nicht, warum gerade ich diesem Herrn Röber imponieren sollte“, erwiderte ich, die jetzt so plötzliche Hochschätzung abweisend. „Und dann noch eins. Es wäre doch eigentlich sehr unzart, wenn ich jener Frau so ganz ohne jegliche Vorbereitung entgegentreten würde. Denn so gut ich sie im Gedächtnis zu haben glaube, wird auch sie sich meiner Person erinnern und könnte dadurch höchst unliebsam an die Vergangenheit gemahnt werden.“

Er lachte laut auf. „Da irren Sie gewaltig, lieber Freund! Frau Elsa hat mit allem, was hinter ihr liegt, gründlich abgerechnet. Das sollte Ihnen doch schon der Roman beweisen; sie hat jetzt nur eines im Auge: daß dieser zur Geltung gelangt. Also machen Sie sich keine Skrupel und kommen Sie mit!“

Eine Zeitlang schwankte ich noch; dann aber gab die Neugierde den Ausschlag. Ich machte mich fertig und fuhr mit Frauenlob nach der Stadt.

V.

Der Stadtteil, in welchem Elsa Röber wohnte, war jenes alte, mehr oder minder licht- und luftlose Gassengewirre, das sich in der nächsten Nähe des Stephansdomes noch heute von allen Neuerungen fast unberührt erhalten hat. Die Mietzinse sind dort in den meisten Häusern billiger als anderswo, und so besteht auch ein großer Teil der Bewohner aus Leuten, die in beschränkten, öfter auch zweifelhaften Verhältnissen leben. In einer der engsten Gassen vor einem hohen, grau übertünchten Hause mit vorspringendem ersten Stockwerk angelangt, traten wir — es war im September — in eine dunkle, zugluftige Einfahrt. Dort lenkte mich mein Führer gleich links über ein paar Stufen nach einem schmalen, unbeleuchteten Seitengang, wo wir uns einer einzelnen Tür gegenüber befanden. Er zog die Klingel und, da drinnen alles still blieb, nach einer Weile ein zweites Mal. Endlich vernahm man ein Geräusch von leichten Schritten, die sich zögernd der Tür näherten; ein kleines Guckloch wurde geöffnet, und eine weibliche Stimme fragte in die Dunkelheit hinaus: „Wer ist da?“

„Ich bin es, Frau Elsa!“ rief Frauenlob eindringlich. „Machen Sie nur auf!“

Drinnen klang, während sich das Guckloch schloß, ein leichtes „Ah!“ Dann sehr vernehmlich: „Bitte nur noch einen Augenblick! Ich habe das Mädchen weggeschickt; ich muß erst den zweiten Schlüssel holen.“

Bald darauf drehte sich dieser im Schlosse, und eine nicht ganz deutlich werdende Gestalt ließ uns, indem sie die Tür öffnete, in das trübe Zwielicht einer nicht sehr geräumigen Küche treten.

„Ach, verzeihen Sie,“ sagte sie, indem sie den Schlüssel wieder umdrehte und abzog, „daß Sie sich so lange gedulden mußten. Ich hatte Sie so früh nicht erwartet. Aber — —“

Wie man bemerken konnte, verweilte jetzt ihr Blick befremdet und forschend auf mir.

„Ja, gnädige Frau, ich habe einen Besuch mitgebracht“, rief mein Begleiter feierlich. Dann vorstellend: „Mein hochverehrter Kollege, der berühmte —“ er nannte meinen Namen. „Er hat Ihren Roman gelesen und will Sie nun auch persönlich kennen.“

„O, ich bitte —“ erwiderte sie verwirrt. „Aber treten Sie doch ins Zimmer. Ich habe noch gar nicht Licht gemacht — ich werde gleich —“ Und indem sie sich jetzt mit einer Petroleumlampe zu schaffen machte, die in der Nähe des Herdes stand, traten wir in ein ziemlich weitläufiges, niedrig gewölbtes Gemach, wie solche in den Erdgeschossen alter Stadthäuser häufig anzutreffen sind. Da die Fenstervorhänge geschlossen waren, herrschte in dem Raume solche Dunkelheit, daß man die Einrichtungsstücke, außer einem runden Tische, der in der Mitte des Zimmers stand und auf welchem bereits Vorbereitungen zum Abendtee getroffen waren, kaum unterscheiden konnte.

Wir hielten uns, um nirgends anzustoßen, in der Nähe der Tür, und nun trat auch Frau Elsa herein, das Gesicht von der hellschimmernden Lampe beleuchtet, die sie vor sich her trug.

Wenn Frauenlob gesagt hatte, daß sie „wunderschön“ sei, so konnte man diesem Ausspruche jetzt ebenso wenig unbedingt beipflichten, wie der überschwenglichen Anerkennung des Romans. Daß sie sehr schön gewesen, das zeigte sich allerdings noch, und daß sie auch noch immer Anreiz auszuüben vermochte, mußte zugegeben werden. Allein welche Veränderungen waren da während der letzten drei Jahre vor sich gegangen! Sie war überraschend schlank, ja mager geworden, und zwar wies sie jene Magerkeit vorzeitig raschen Verfalles, welche Züge und Formen schlaff und verkümmert erscheinen läßt. Ihr vormals so ungemein üppiges Haar war auffallend gelichtet, und die hellen Goldaugen hatten sich zu einem scharfen Braun abgedunkelt. Trotzdem waren es noch immer anziehende Augen, die jetzt bei mangelnder Gesichtsfülle um so größer erschienen, als sie von sichtlich geschwärzten Wimpern hervorgehoben wurden. Aber sie waren auch von breiten, mißfarbigen Ringen umzogen, die als Zeichen körperlicher — vielleicht auch seelischer Erschöpfung gelten konnten. Sie trug ein einfaches, nicht ganz passendes Kleid aus Wollenstoff, und außer einer billigen, unechten Brosche in der Gegend des Halses keinerlei Schmuck. Ihre Hände waren gerötet und ließen trotz der peinlichen Sorgfalt, mit der sie offenbar gepflegt wurden, Spuren harter häuslicher Arbeit erkennen.

Sie hatte die Lampe auf den Tisch gestellt und betrachtete mich aufmerksam. „Darf ich noch einmal um den Namen dieses Herrn bitten; ich hab’ ihn vorhin nicht ganz —“

Frauenlob wiederholte ihn mit Emphase.

„Ach ja,“ sagte sie, indem sie sich auf ein kleines Sofa niederließ und uns gleichfalls zum Sitzen einlud — „ach ja, diesen Namen hab’ ich wohl schon gehört. Aber es ist mir, als sollt’ ich Sie auch persönlich kennen —“

Nun war der peinliche Augenblick gekommen, den ich vorausgesehen und trotz der Versicherungen Frauenlobs gefürchtet hatte. Ich erwiderte daher etwas kleinlaut: „Allerdings haben wir einander schon öfter gesehen — und zwar in Döbling, wo ich seit einer Reihe von Jahren wohne.“

„Ja, ja, gewiß — in Döbling“, entgegnete sie hastig, während ihre etwas gelbliche Gesichtsfarbe langsam in eine dunkle Röte überging. „Ich entsinne mich sehr genau. Und da kennen Sie ja gewiß auch meine ganze Geschichte und werden sich nicht wundern, mich in ganz anderen Verhältnissen —“

Ich hatte mich inzwischen gefaßt und trachtete so rasch wie möglich über dieses Thema hinwegzukommen, das sie allem Anscheine nach doch nicht so vollständig gleichgültig ließ, wie Frauenlob behauptet hatte.

„Ich wundere mich über gar nichts, gnädige Frau,“ sagte ich in bestimmtem und dabei sehr ehrerbietigem Tone; „höchstens über das eine, daß Sie unter die Schriftstellerinnen gegangen sind.“

„Mein Gott,“ sagte sie aufatmend mit einem Lächeln; „weiß ich doch selbst kaum, wie ich dazu gekommen bin. Ich hatte ja früher an so etwas gar nicht gedacht und auch sehr wenig gelesen. Im vorigen Jahre sind mir aber ganz zufällig ein paar Bücher in die Hand gekommen, die auf mich großen Eindruck gemacht haben. Aber auch da fiel es mir nicht ein, selbst zu schreiben; erst als mein — Mann für einige Zeit verreisen mußte und ich ganz allein blieb, erst da überkam es mich. Und zwar ganz plötzlich; — ohne vieles Nachdenken habe ich die Geschichte hingeschrieben.“

Das entsprach ganz meinen Voraussetzungen, und ich freute mich über das unbefangene Eingeständnis. Unwillkürlich fühlte ich mich versucht, auf unsere allererste Begegnung anzuspielen und so zu erfahren, ob sie sich meiner auch aus jener fernen Zeit noch erinnere. Wäre ich mit ihr allein gewesen, würde ich es jedenfalls getan haben, so aber hielt mich die Gegenwart meines Begleiters zurück, und ich schwieg.

„Ich legte auch anfangs gar kein Gewicht darauf,“ fuhr sie nach einer Pause fort; „es war mir eine bloße Zerstreuung — eine Herzenserleichterung gewesen. Später aber zeigte ich die Blätter einer Bekannten, und diese meinte, ich sollte sie zu verwerten trachten; es gäbe jetzt so viele Frauen, die mit derlei Geld erwerben. Sie bot mir ihre Vermittelung an — und Ihr — Freund hier —“ sie wies auf Frauenlob — „war so liebenswürdig, ein günstiges Urteil zu fällen.“

Dieser warf sich auf seinem Stuhle in die Brust. „Nur nach Verdienst, Frau Elsa“, sagte er.

„Also auch Sie meinen,“ sprach sie langsam, indem sie schüchtern ihren Blick auf mich richtete, „auch Sie meinen, daß die Sache —“

„Sie haben es doch gehört!“ unterbrach sie der andere, ungeduldig die langen Haare schüttelnd.

Ich befand mich nun wieder in einiger Verlegenheit.

„Ihre Leistung ist jedenfalls eine sehr interessante,“ hob ich gewissermaßen zögernd an, „und mit einigen Änderungen, die daran vorgenommen werden müssen —“

„Das werde ich alles besorgen!“ rief Frauenlob. „Auch die Herausgabe! Der Erfolg kann nicht ausbleiben, Frau Elsa, und wenn Sie sich fernerhin meiner Leitung anvertrauen, so ist Ihnen eine bedeutende Zukunft gewiß.“

Sie blickte zweifelnd vor sich hin. „Glauben Sie wirklich?“ fragte sie dann nachdenklich, mehr gegen mich gewendet. „Ich hätte da so vieles zu lernen. Und woher sollte ich die Zeit nehmen? Wir leben, wie Sie sehen, in beschränkten Verhältnissen — und mein Mann ist sehr verwöhnt; ich habe alle Hände voll zu tun, um unsere Häuslichkeit seinen Bedürfnissen gemäß einzurichten. Er würde es nicht besonders gerne sehen, wenn ich mich anderweitig beschäftigte“ —

„Danach haben Sie nicht zu fragen!“ sagte Frauenlob in scharfem, erzieherischem Tone. „Die Hörigkeit der Frau ist Gott sei Dank vorüber — und Sie müssen sich neben Ihrem — Gemahl eine selbständige Stellung schaffen.“

„Mein Gott, daran denk’ ich ja gar nicht“, erwiderte sie zerstreut; es war, als horche sie dabei aus dem Zimmer hinaus. „Und dann — er hat nun einmal eine Abneigung gegen schreibende Frauen.“

„Das müssen Sie ihm eben abgewöhnen — müssen ihn eines Besseren belehren!“