Stumm lief ich aus der Küche; vor der Kammer aber graute mir, als warteten dort alle Nöte meiner nächtlichen Kämpfe auf mich; so stieg ich denn im Garten auf meinen Birnbaum und geriet in einen wunderlichen reglosen Dämmerzustand, da ich vor Müdigkeit wie betäubt und doch zum Schlaf zu unruhig, gequält und zu traurig war; nur eins war mir klar bewußt, – daß es bald irgendwie ein Ende geben müsse.
Aus diesem dumpfen Hindämmern weckte mich am späteren Nachmittag ein Geraschel im Laub des Gartens unter mir; hinabspähend gewahrte ich Frau Finkenlohr in der blauen Schürze, wie sie geruhsam auf dem Boden hockte und ihre Erbsen an Stöcklein band. Ihr grauer Scheitel sah durch das Grün herauf; ich hielt mich aber lautlos stille, und als ich sie so vergnügt und mit Behagen ihre Arbeit tun sah, ergriff mich ein Gefühl von Neid und Bitterkeit, und es gelüstete mich, ihr eine der harten Holzbirnen an den Kopf zu werfen, – zu sehen, ob auch sie einmal aus ihrer über alles erhabenen Gelassenheit und ihrem vergnügten Frieden zu bringen sei.
Nach einer Weile kamen Schritte den Garten herauf; es war Herr Bürger; er gesellte sich zu Frau Finkenlohr und fing ein Gespräch mit ihr an. Und als sie mit ihren Erbsen fertig war, ging er mit ihr weg, dem Haus zu.
Blöde stierte ich auf den Fleck hinab, wo die beiden gestanden waren; plötzlich aber wurde ich rot und blaß und beugte mich zitternd vor. Wahrhaftig, da lag auf dem Gartenweg Herrn Bürgers schwarzes Schreibheft; es war dasselbe, in das er noch am Vormittag an einem Tisch im Garten hineingeschrieben hatte, und es mußte ihm entfallen sein, als er vorhin seine Nase geputzt hatte.
Und schon stieg ich an allen Gliedern bebend von meinem Baum herab; ich mußte es haben, ich hatte mir durch meine Liebe tausend schmerzliche Rechte dran erworben. O, seine Gedichte, – seine geliebten Gedanken und Träumereien!
Ich war unten, spähte herum, ob mir niemand zusähe und stieg dann schnell mit dem Heft wieder in die Höhe. Stöhnend preßte ich es an mein Herz. Dann schlug ich mitten drin auf und las.
»– – Projekt: Ausflug nach Unterbutzenbach. Wecker geht 5 Uhr 30 herunter. Sofortiges Aufstehen. Blick aus dem Fenster: Schnee. Westliche Hälfte des Himmels etwas bewölkt, östlich jedoch klar. Sterne. – Toilette. Zahnputzwasser etwas zu kalt, was jedoch zu entschuldigen ist, da Bedienung eine Stunde früher aufstehen mußte. Aus dem Kamm bricht ein Zinken; nach dreiwöchentlichem Gebrauch schon der zweite. (Kamm wurde bei Umschneider & Co., Blumenstraße 7, gekauft; genannte Firma ist also künftig zu ignorieren.) Vorbereitungen; an Mundvorräten: ......«
Blaß und verstört blätterte ich vorwärts; das konnte doch wohl nicht das rechte sein. Ich las an einer andern Stelle des Hefts.
»– – – Mittags 12 Uhr 40. Fräulein Söderblüm erscheint in einem gemusterten Kaschmirkleid. Muster: grünlichblaue Quadrate mit gelblichweißem Grund. Darüber weiße Sportjacke. Mittagessen. Ausgezeichnete Nudelsuppe; Schweinskotelette, schwach geschätzt etwa 12 auf 15 Zentimeter groß – – – –«
Das Buch entfiel meinen Händen, kollerte durch den Baum hinunter und blieb auf dem Wege liegen.
– – – Es wurde Abend; längst hatte Herr Bürger sein Heft wieder geholt. Der Himmel überzog sich trübe, und es fing zu regnen an. Ich saß noch immer mit krampfig steifen Gliedern auf meinem Baum, einen schweren, blöden Druck im Hirn. Als der Regen stärker kam, ging ich willenlos vom Baum herunter und wollte ins Haus zur Abendsuppe, da mir schwach und elend vor Hunger war. Und da fing in meinem Innern etwas an, in einem solch starken und wunderlichen Gewoge auf und nieder zu gehen, wie ich es nie mehr in meinem Leben verspürt habe; Scham und schüttelnde Heiterkeit, Glück, Erleichterung und tiefe Beklommenheit liefen mir in mächtig bewegten Wellen durch die Seele, und ich vermochte kaum dem tollen Wirbel standzuhalten und die Augen noch offen zu haben und weiter zu gehen. Aus Frau Finkenlohrs Schlafstube schien ein helles Licht in die Nacht hinaus. Da saß sie wohl und wartete, daß ich wie allabendlich zum Verbinden hinaufkäme. Ach ja, ich wollte zu ihr; es dröhnte mir im Kopf, in Schwindel und Schwäche kämpfte ich mich die Treppe hinauf, droben brach ich in ihren Armen zusammen und wußte nichts mehr von mir.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Frau Finkenlohrs Bett; sie beugte sich über mich, sagte, ich hätte Fieber und ließ mich an jenem Abend nimmer von sich. Sie zog mir sachte die Kleider aus, brachte mir zu essen, und gab mir ein Schlafmittel. Auch ließ sie mich in ihrem eigenen Bett liegen; sie selber rüstete sich daneben ein Lager, und als ich ihr ruhiges und heiteres Schnarchen hörte und das wohlige Gerüchlein ihrer Kissen spürte, verwogten allmählich die hohen Wellen in meinem Gemüt; es ergriff mich das Gefühl eines ungeheuerlichen Erlöstseins, und in einer Müdigkeit ohne Grenzen schlief ich trotz der quälenden Schmerzen in meinem Finger schnelle ein.
– Am andern Morgen ließ Frau Finkenlohr anspannen und fuhr mit mir zum Doktor in die Stadt. Es war schlimm, und ich mußte eine Zeitlang dort bleiben.
Dann, an einem frühen Morgen machte ich mich wieder auf den Heimweg nach dem Zinken. Und es geschah, daß ich mich veratmend an den Wegrand setzte. Es war ein kühler, wolkiger Morgen; man wußte noch nicht, wollte der Tag schön oder trübe werden. Der Sturm hatte eingesetzt und lief mit mächtigem Wehen über das weite, flache Land. Und dieweil ich so in der tiefen, bewegten Einsamkeit saß und mein Herz voll einer seltsamen Trauer und großer, unverbrauchter Liebe war, löste sich's in mir langsam, wurde zu Worten und Reimen, und es war mir dies seltsam tröstlich. Es hieß so:
Als ichs am Abend aufschrieb, kam Frau Finkenlohr dazu. In einer plötzlichen, seltsamen Anwandlung schenkte ich ihrs. Sie las es, meinte, es sei schön, bloß wäre es nicht gut zum Singen. Sodann bedankte sie sich und schloß es in ihre Schatulle.
Wohl war nun der Sommer über dem Gottlosen Zinken und mein Finger heil, daß ich wieder im Felde stehen konnte und meine drängende Kraft von mir tun; die schönen, warmen Sonntagnächte waren da mit ihren schwermütigen Liedern – und doch war mein Herz nimmer so recht dabei. Ich hielt mich ein bißchen fern von den andern; oft machte ich einsame Gänge und warf mich an einem Feldrand nieder, um ungestört meinem Sinnen nachgehen zu können. Es hatten mich wunderliche Gedanken gepackt; seit Herr Bürger fort war, hatte mich eine drängende Unruhe erfaßt. Eine mühsam verhaltene, dunkel glühende Kraft lief mir durch die Glieder; es war so seltsam in diesem Sommer: nach der schwersten Arbeit war immer noch etwas in mir, unverbraucht und mächtig, und regte sich lauernd, hervorzubrechen. War ich des Abends erschöpft auf mein Bett gesunken, so erwachte ich oft jäh mitten in der Nacht und lag unruhevolle Stunden ohne Schlaf; unbezwinglich sang mir die schmerzliche Gewalt in allen Adern.
Es ging mir, so von außen betrachtet, gut und war alles in Ordnung und hätte können nicht besser sein. Ich hatte eine schöne, maßvolle Arbeit, gute Menschen um mich herum, Essen und Trinken vollauf und ein lustiges Leben ohne Sorgen. Und doch, – ich hätte es weggeworfen um einer einzigen Nacht willen, da ich hätte wieder für einen Menschen glühen dürfen und Schmerzen und Wonnen um ihn haben und dem Leben am Herzen liegen! Und da war wieder die Erfahrung von jenem abendlichen Flusse her, sie stand siegreich über mir und hatte ihr Recht behalten. Nicht das war Leben: anständig weiter zu kommen und keine Schulden zu haben, in einem guten Futter zu stehen und hie und da einen Mittag zu vertanzen; Leben war lieben, Schmerzen haben, glühen, leiden, von Wonnen sich durchtoben zu lassen und von stürmenden Gewalten gebogen und zerbrochen zu werden. Ach, ob Lust, ob Schmerzen, war einerlei; es war beides Wonne, Schönheit, Glühen und wahrhaftestes Leben.
Ich hätte gerne die bösen Nächte noch einmal auf mich genommen und mein Herz verwühlen lassen; besser, tausendmal besser, als nebendraußen zu stehen, glanzlos, glücklos, schmerzlos, nicht mittun zu dürfen und von seiner eigenen, dumpf darnach drängenden Sehnsucht verwürgt zu werden.
Die Liebe um Herrn Bürger hatte alles in mir aufgerissen, was Gutes, Großes, Glühendes je in mir gewesen war. In den warmen, schlaflosen Nächten überfiel mich wieder das drängende, bittere Weh meiner ersten Jugendtage; ich dachte an den Namenlos, an jenen Sommermorgen bei der Buche; der quellende Strom meiner Liebe war wieder wach, und ein schluchzender Jammer schüttelte mich, daß er von niemand begehrt war und ohne Ziel und Erlösung sich in schweigende Tiefen und Einsamkeiten verlor.
Wenn ich hätte in jener Zeit sterben müssen, hätte ich verlangend zu Gott geschrieen, er möge mich doch noch länger auf der Welt lassen; mein Leben könne doch gewiß noch nicht fertig sein; es habe ja noch nicht angefangen; alles bisher sei jämmerlich und nichtig und nicht zu leben wert gewesen; nun müsse es erst kommen.
Der weise, lächelnde Gott aber ließ mich nicht sterben; er gab mir, was ich gewollt; eine große, erfüllte Liebe und ein Schicksal dazu.
Auf dem Gottlosen Zinken war in jenem Jahre wie in den vorigen ein Enkel Frau Finkenlohrs zum Besuch über die Sommerferien, und da im selben Spätsommer fast keine Kurgäste da waren, lebte er näher und vertrauter mit der Großmutter und uns als sonst. Seine Eltern waren frühe gestorben, und er besuchte in der Stadt, wo Margret wohnte, das Gymnasium. Er mochte nun etwa siebzehn Jahre alt sein, ein magerer, kränklicher Mensch mit einem Gesicht von einer erstaunlich zarten und hellen Farbe, darein ihm, sobald ihn etwas bewegte, unbezwingliche, dunkle, rote Wellen liefen. Er trug ein liebenswürdiges, kindliches Wesen zur Schau, schien auch den Humor der Großmutter geerbt zu haben, denn er war zumeist frech und lustig wie ein junger Spatz; im übrigen spielte er die mehr komische als ehrenvolle, etwas langweilige Rolle des Stadtjungen unter Bauernknechten. Doch ließ er sich von jenen, in deren Rohrstiefeln er ersoffen wäre, nie ganz unterkriegen; hatten sie ob seiner Dürftigkeit und seines zarten Häutleins ihren Spott mit ihm, so parierte er mit Witz und einer behenden Spitzbüberei, davor die ungeschlachten Kerle das Maul halten konnten.
Ich kam nicht näher mit dem jungen Menschen zusammen als die andern auch; wir liefen in vergnügter Gleichgültigkeit aneinander vorbei. Doch geschah es, wenn ich, als wir mitten in der heißen Sommerarbeit waren, in irgend einer Wiese das blonde Müßiggängerlein im Grase liegen sah, ein Buch in der Hand oder in den Himmel schauend, daß der Anblick seiner lässigen und zierlichen Glieder, der guten und unbestäubten Kleider, des Buches oder seines feinen, hellen Gesichtes in meiner eben noch vergnügten Seele eine leise, dunkle und sehnsüchtige Wirrnis erregte, daß mir der junge Blasse mehr denn irgend ein anderer als Teilhaber und Sendbote jenes höheren, geistigen Reiches erschien, nach dem in manchen Stunden meine heimliche Begierde ging. Und so oft ich ihn dann sah, wurde ich von einer wunderlichen Traurigkeit erfüllt, die mir das gegenwärtige und greifbare Schöne trübte und schal und wertlos erscheinen ließ und von einem Neid und eigentümlichen Wünschen gepackt, das nicht etwa seiner Faulenzerei oder seinem Herrensöhnchentum galt, noch weniger gar mit weiblichen und schwärmenden Gefühlen die eigene Person des Schmächtigen umfing, sondern lediglich nach jener Atmosphäre ging, daher die klugen, feinen Gesichter, die schmalen und ungebräunten Hände und die schönen Bücherrücken kamen.
In jenem Sommer nun, zu dessen Anfang die Geschichte mit Herrn Bürger gespielt hatte, war der junge Mensch absonderlich lustig und toll, so als wolle er schnelle, ehe er vollends erwachsen und ein Herr sei, nach alles Bubige und Rüpelhafte auf einmal heraus lassen. Dazumal verübte er auch jenen Streich, von dem man sich heute noch auf dem Zinken erzählt.
Es gab nämlich eine Verfügung Frau Finkenlohrs, daß sich alle Samstagabende das Gesinde, hübsch gesondert, erst die Knechte, dann die Mägde, in der großen Küche zusammen fand, um sich hier bei sicher verriegelten Türen in einer behaglichen Wärme den Staub und Schweiß der Woche von Gesicht und Leibe zu waschen, wozu es Kübel und Geltlein genug, dazu Kessel voll heißen Wassers, reichlich Seife und prächtige, große Trockentücher gab. Auch konnte man sich an einem aufgespannten Garbenseil ein Vorhänglein von Rupfentüchern und dahinter mittelst eines runden Zubers ein vornehmes und äußerst heimliches Badstüblein errichten. – Denn die weise Frau fand, daß die Sauberhaltung und Hautpflege ihrer Untergebenen auf diese Weise, zumal im Winter, bei weitem angenehmer, unterhaltsamer und vor allen Dingen beträchtlich gründlicher geschehe, als wenn dies jedes für sich auf seiner kalten Kammer besorge, wo es dann dementsprechend schnell und obenhin ginge und zu wesentlichen Teilen ganz unterlassen würde.
Nun war die Wäscherei jedesmal ungemein ergötzlich und beinahe so schön wie der Tanz am Sonntag. Draußen trieben die Knechte Narreteien und Spässe um die verriegelten Türen, und daß sie gern herein geguckt hätten, machte uns noch vergnügter. Man verführte ein großes Geplätscher und Rumoren in Waschschüsseln und Fußkübeln, spritzte sich und nähte einander die Strümpfe oben und die Hemden unten zu, wie derlei Sachen eben so im Brauch waren und einen zum Lachen brachten. Zum Schlusse wusch man sich gegenseitig die Haare und hockte dann zum Trocknen in unbegrenzter Behaglichkeit in der Dämmerung um den Herd herum, erzählte einander Gespenster- oder Liebesgeschichten, und es war schauerlich schön.
In diese Idylle brach nun eines Samstagabends der junge Gottfried Finkenlohr ein wie der selige Wolf unter die sieben jungen Geißlein, indem er sich an einem Seil durch den alten Rauchfang unbemerkt herunter ließ, uns eine Minute mit schallendem Gelächter betrachtete und dann flink und leicht wieder empor schwebte. Die Aufregung war rasend. Die alte Kätter, wähnend, es sei der Teufel, riegelte in gräßlichem Entsetzen die Tür auf und floh im Hemde durch das Haus; die kleine Gäns-Amei warf ihren Badzuber um, vor der nahenden Flut sprangen die andern auf den Tisch; in der nun geöffneten Tür standen brüllend vor Lachen die Knechte, und lange, nachdem der junge Uebeltäter verschwunden war, war das Haus noch von Lärm und Schrecken und Gejohle erfüllt.
Dieses hatte zur Folge, daß der junge Mensch am Sonntag morgen in seiner Großmutter Stube moralisch bearbeitet ward, bis er mürb war wie eine russische Bretzel, sodann, daß der alte Rauchfang in den folgenden Tagen zugemauert wurde und daß wir Mägde, dieweil wir uns an der Ehre gezwickt sahen, die Knechte mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln bearbeiteten, daß sie den Sünder ein wenig verhauen sollten. Nun, als er am Sonntag abend schon im halben Dämmer vom Haus herkam, um, wie er es immer tat, den Abend mit uns auf dem Hof zu sitzen, fielen sie unversehens über ihn her, und es sah gefährlich aus. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich verzweifelt zur Wehr setzen, dann stieß er einen kurzen, komischen und betrübten Schrei aus, ließ sich blitzschnell auf den Boden fallen und blieb da steif wie ein Stock liegen. Die Kerle, die sich maßlos über seinen Streich gefreut hatten und ihm keineswegs ernstlich übel wollten, gingen sofort auf seinen Witz ein und ließen von ihm ab.
»Ihr seht,« wandte sich der Roßknecht erklärend an uns, »er ist schon hin; da ist nichts mehr zu verhauen!«
Der Knecht hob des jungen Menschen Arm ein wenig in die Höhe: steif und leblos fiel er wieder herunter.
»O Gott, ja,« sagte ein anderer bedauernd, »ganz verreckt, – wahrhaftig!« Ein Dritter schnüffelte an ihm herum. »Er stinkt schon,« sagte er, »wir wollen ihn begraben.«
»Wo?«
»Auf dem Mist!«
So legten sie ihn auf ein Brett, trugen ihn hinten in den Garten, wo ein Unkrauthaufen lag und ließen ihn langsam und feierlich drauf nieder. Dazu sangen sie in tiefen, düsteren Bässen:
und schneuzten sich kummervoll. Der Roßknecht hielt die Leichenpredigt, wir andern standen im Kreis herum und zum Schlusse spuckte man statt Kranzspenden dreimal über das Grab.
– Da wir nun alle der guten und gewissen Ueberzeugung waren, daß das Herrlein den Ueberfall nicht etwa aus irgend welchen dunklen und gefährlichen Trieben heraus vollbracht hatte, sondern allein aus reinem, bubenhaftem Vergnügen an einem dummen Streich, – da auch jener Sonntagabend ganz ungeheuer fidel war und wir alle wie besessen vor Lustigkeit und Uebermut, so wurde ihm einmütig verziehen, er konnte kecklich auferstehen und sich wieder zeigen und wurde nun erst recht als Held und Kühner gefeiert.
Als ich am andern Tag im Hof am Brunnen Rüben putzte, stand plötzlich der junge Finkenlohr vor mir, ein wenig rot, ein wenig verlegen und ein wenig spitzbübisch.
»Ich muß Ihnen etwas sagen, Fräulein. Aber wenn Sie mich ansehen, bring ich's nicht heraus!«
»Dann will ich mich umdrehen und weggucken,« sagte ich lachend und neugierig.
»Ich – ich möchte Sie um Verzeihung bitten für – für das am Samstag abend. Wenn ich gewußt hätte, daß Sie dabei wären, hätte ich es nicht getan. Es ist mir leid.«
Ich drehte mich um und mußte immer mehr lachen. »Ach, das ist ja schrecklich. Hat Sie Ihre Großmutter geschickt?«
»Nein. Das tue ich von mir selber aus. Sind Sie mir nicht böse?«
»Ach, nein, es war doch so lustig. Und man muß einen Spaß verstehen können.«
»Nicht wahr?« sagte er strahlend. »Ach, die Bestattung gestern war schön. Die Kerle haben das wundervoll gemacht!«
Von da an sprachen wir manchmal miteinander; und dann kam er eines Tags über den Hof gelaufen, aufgeregt, und die dunklen Flämmlein waren in sein Gesicht gestiegen. Er hielt ein Papier in der Hand, und dieweil ich den Hennen mistete, stand er vor mir, sprach atemlos auf mich ein und sah mich aus den guten und ehrlichen Bubenaugen glänzend an. Ich war verdutzt und erschrocken und begriff nicht, was er meinte.
»Ach, Fräulein Agnes, Sie müssen es mir nicht übel nehmen, wenn ich nun dahinter gekommen bin; ich kann nichts dafür. Ich mußte für die Großmutter in der Schatulle etwas suchen, und da kam mir's in die Hände, und ich weiß nun, daß es von Ihnen ist. O, ich muß es immer wieder lesen, es ist schön und wie von einem großen Dichter, und Sie sind geizig, wenn Sie so etwas für sich behalten, wissen Sie!«
Nun wußte ich freilich, was er meine: er hatte das Gedicht in der Hand, das mir an jenem Morgen eingefallen war. Das wurde nun auf einmal gefährlich lebendig; ich war voller Scham und hätte es gern wieder zurück gehabt.
»Ich meine,« sagte ich verlegen und nahm den Reisigbesen wieder in die Hand, »Sie sollten ein wenig da weggehen; Sie werden sonst dreckig.«
Er sah mich groß und betrübt an. »Sie tun ganz recht dran, wenn Sie mich verspotten! Da lauf ich an Ihnen vorbei, als ob Sie die Gäns-Amei wären, und Sie müssen auf dem Acker stehen und Rüben heraustun und Mist führen und haben so etwas Wunderbares in sich drin. O, ich schäme mich so! und ich meine, es müßte der Großmutter und allen auch so gehen, weil keiner gewußt hat, was für ein großer Mensch Sie sind. – Machen Sie denn oft so etwas? O, Sie müssen Mörike lieb haben, nicht wahr, wenn Sie so dichten?«
Ich gestand beklommen, daß ich weder von Mörike noch andern Dichtern viel wisse; doch glitt er allsogleich zart und schnell über das hinweg, was mich beschämte, und strahlte mich in heller Freude an. »O, ich habe ein ganzes Kistlein voll Bücher da. Homer und Hölderlin und ein paar Bände Goethe und viel Moderne. Sie können alle, alle haben. Kommen Sie doch heute Abend in meine Stube; ach ja, Sie müssen kommen. Es ist auch eine Literaturgeschichte da. O Fräulein, ich möchte so gern Ihr Freund sein.«
Ich kann mich jenes Abends noch mit seltsamer Deutlichkeit erinnern. Da der junge Mensch nicht abließ, mit Bitten und Drängen zu betreiben, daß ich auf den Feierabend in seine Stube käme, so versprach ich's endlich zögernd und widerwillig. Ich drückte mich den ganzen Nachmittag unmutig herum, besann mich noch im letzten Augenblick auf eine Ausrede und ging endlich doch zur verabredeten Zeit zu ihm hinüber. Dann saß ich steif und feierlich auf einem Stuhle, schämte mich in meinen Kleidern, die nach Dung und Kuhstall rochen, elend vor dem noblen, jungen Herrn, dazu hatte ich ein Hühnerauge, das mich übel plagte, und hielt mühselig die schläfrigen Augen offen; es war alles unbehaglich und beschämend und lächerlich, und das Unbehaglichste und Widersinnigste war, daß ich dachte, ich müsse nun inmitten dieser komischen Situation von meinen Empfindungen und geheimen, innerlichen Angelegenheiten reden, was mir überaus abgeschmackt und widerwärtig erschien.
Doch war der junge Mann in denkbar bester Laune und einer freudigen Erregung, nahm von seinen aufgestapelten Büchern eins und fing an, mir daraus vorzulesen. Es waren Gedichte; und indem der feine Junge so am Fenster stand in einer schönen, abendlichen Helle und ihm die blonden Haare leicht und lässig und kindhaft in sein weiß und rotes Gesicht fielen, überkam mich die Begier und dunkle Sehnsucht, in jenem andern, höheren Reiche zu leben, das unsichtbar und köstlich und edel alle diese Leute zusammen hielt, so stark und mächtig, daß jäh alle Schläfrigkeit und alle Pein und Komik von mir abfielen, und ich mit dürstender Gespanntheit und Begierde Sinn und Worte und Schönheit dieser Stunde in mich aufnahm. Mein Geheimstes und Innerlichstes, das eben noch voller Scham zurückgedrängt war und vieles davon mir selber noch kaum bewußt, lag nun frei und offen zutage, der Dichter sprach in seinen Versen so groß und glühend und hinreißend von solchen Dingen, daß es mir Wonne erschien, mein eigen Teil daran zu haben, und daß ich nun ohne Scheu dachte, daß man in einem guten Ernste auch davon reden könne. Und als ich den jungen Menschen in seiner ganzen liebenden, jugendlichen Inbrunst diese Verse sagen hörte, war mir jene Welt, die mir bisher tot und unzugänglich und fern gewesen war, urplötzlich nahe gerückt, goldene Tore und ungeheure, schimmernde Reiche waren vor mir aufgetan, und ich gab mich voll tiefen Beglücktseins hin, sie zu erfassen.
Als es dunkel wurde, legte der junge Mensch das Buch weg, und wir waren eine Weile still. Dann fing er an, in die dämmerige Stube hinein zu sprechen.
»Ach Fräulein, wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie darum beneide, daß Sie dichten können! Es ist gewiß nicht wegen dem Ruhm oder weil Sie vielleicht später Geld damit verdienen können; bloß deshalb, weil Sie das Alles so in sich verschaffen können, und die Macht haben, es mit einem Lied oder Vers wieder von sich zu tun. Sie haben es unverschämt gut, wissen Sie, daß Sie Ihre Leidenschaften und Ueberschwänge so ableiten können, wenn sie Ihnen zu viel werden. Wenn Sie mir bloß ein bißchen davon geben könnten! Sehen Sie, das ist bei mir sicher eine Krankheit und nicht in Ordnung so; ich kann alles Große und Schöne nur in ganz mäßigen Grenzen ertragen; wenn es darüber hinaus geht, bin ich einfach am Ersticken und am Verrücktwerden!«
Er lief zum Fenster hinüber. »Da ist nun bloß ein Himmel in der Nacht und ein dunkles Feld darunter; und das ist überall so und schon millionenmal so gewesen, und alle andern Leute sehen's auch, und die wenigsten sagen was drüber. Mich aber kann schon dieses, weil es so schwermütig ist und so still und so unsäglich schön, vor Wonne zum Stöhnen und Rasen bringen. Und ich stehe stumm dabei und kann es in kein noch so armseliges Reimlein und Tönlein bringen, und es erdrückt mich doch fast! Wenn nun einmal irgend etwas Großes und Gewaltiges über mich kommt, – o, ich weiß nicht, was dann draus wird!«
»Goethe sagt das auch manchmal,« fuhr er traurig fort; »es ist im Werther; hier, hören Sie.« Er nahm ein Buch, holte eine Kerze her und zündete sie an. – »Die menschliche Natur hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid und Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald der überstiegen ist. – – Und hier, ein paar Seiten vorher, als er von jenem Frühlingsmorgen schreibt: – ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.« –
»Ach, wie ein Anderer sich vor Schwermut und Kummer das Leben nimmt,« sagte Gottfried, »so könnte ich's vor Lust und Ergriffenheit tun; wie selbiger seine Trauer einfach nimmer ertragen kann, so geht mir's mit der Schönheit; ich empfinde sie in manchen Augenblicken so übermäßig stark, daß meine Nerven dann völlig versagen!«
»Aber können Sie denn nicht doch etwas tun, um das in sich zu verschaffen?« meinte ich; »etwa Klavier spielen oder singen oder zeichnen, oder schließlich tanzen – –?«
»Das geht alles nicht; ich bin talentlos wie ein Sägbock. Und mit der Musik steh' ich überhaupt verschroben. Ich habe keine Ahnung von Gehör; Musik ist mir meistens bloß ein Geräusch, dem ich nichts abgewinnen kann. Als Kind habe ich geheult, wenn jemand sang oder Klavier spielte; dann kam eine Zeit, wo ich mir wirklich Mühe gab, etwas Schönes an der Musik heraus zu finden, und wenn jemand Klavier spielte, strich ich drum herum wie um ein verschlossenes Gartentürlein. Aber ich lief meistens betrübt wieder davon, denn es war so wie vorher auch. Und ich konnte ungeheuer wütend werden, daß es etwas gibt, wo jeder sich umsonst Genuß und Schönheit und Erquickung holen kann, und ich allein kapiere es nicht und habe nichts davon! – – Jetzt bin ich manchmal froh dran, daß es so ist; wenn ich auch noch Musik empfände, könnt ich vollends ganz umschmeißen. Sehen Sie, ich gehe so leidenschaftlich gern ins Theater, wenn nun ein wirklich großes, schönes Stück gegeben wird, habe ich immer Angst, ich müßte etwa einmal stöhnen oder heulen, oder ich könne nicht bis zum Schlusse still sitzen, oder es sonstwie nicht ertragen; da ist es mir immer recht, es ist ein bißchen Musik dabei, oder es ist eine Oper; das Geschätter und Getöne hält mich dann so angenehm nüchtern und kühlt mich ab. – Gelt, Sie sind entsetzt –; es ist aber leider wahr.
Aber darin haben Sie recht: es wäre vielleicht alles gut bei mir und in Ordnung, wenn ich musikalisch wäre und irgend ein Instrument spielen würde. Mein halbes Leben gäb ich drum, wenn ich geigen könnte!«
Er schwieg und sah bekümmert in die Flamme seiner Kerze.
»Ich glaube,« sagte ich nach einer Weile, »ich habe schon ehe Sie mir das gesagt haben, gewußt, daß so irgend etwas Besonderes mit Ihnen los ist.« Und ich erzählte ihm, wie er mich diesen Sommer schon manchmal aus dem Gleichgewicht gebracht habe, und wie er gerade es gewesen sei, der mir immer jenes Reich der Feinen und Gebildeten verkörpert habe, nachdem es mich so sehnsüchtig zöge.
»Ach, Fräulein,« rief er nun wieder hell und lebhaft, »ich glaube, da sind Sie auf einer falschen Spur. Sie müssen doch nicht an mir hinauf sehen, weil ich Bücher habe und Zeit, sie zu lesen, und weil ich einen sauberen Kittel besitze und im Gras liege, wenn Sie arbeiten; das ist doch nicht so etwas extra Schönes oder Erstrebenswertes, und Sie können jederzeit auch dazu gelangen, sobald Sie nur wollen und schließlich Zeit und Geld dazu haben. Ich verstehe Sie schon, wenn Sie von einem geistigen und unsichtbaren Reich sagen; aber spüren Sie denn nicht, daß Sie da schon lang selber drin sind? Ach, Fräulein Agnes, wenn man solche wunderbaren Sachen macht wie Sie!
Aber es gibt etwas, das mir eigen ist und vielleicht haben Sie das herausgemerkt; es ist das Einzige, warum Sie mich vielleicht ein bißchen liebhaben und verstehen müssen. Ich wüßte sonst nichts, das mich Ihnen näherbringen könnte, und ich möchte doch so schrecklich gern, daß ich ein bißchen Ihr Freund sein darf.
Sehen Sie, ich habe mich schon darüber besonnen und kann es Ihnen doch nicht so recht sagen. Es ist vielleicht das: daß ich oft bei Nacht plötzlich aufstehen muß und ans Fenster laufen und eine Weile in die Nacht hinaussehen, oder daß ich einen Baum oder eine Blume oder ein Bild liebhaben muß wie einen Menschen und stundenlang bei ihm sein und es küssen und mit ihm sprechen und lauter solche Sachen, die doch ein anständiger und geistig normaler Mensch eigentlich nicht tut. Und zum Beispiel, daß es bei mir gar nicht auf irgend etwas Aeußerliches ankommt, wie es mir zu Mute ist und in welcher Laune ich bin; denn wenn das wüsteste Wetter ist und ich dazu hin Hunger oder einen Schnupfen habe oder mir jemand gestorben ist, kann es mir trotzdem unbegrenzt fröhlich zu Mut sein, und dagegen bin ich oft traurig, wenn alles stimmt und es mir gut geht. Oder daß ich mich so wahnsinnig drüber ärgern kann, wenn einer, der bloß ißt und trinkt und schläft oder nach Geld oder einer guten Stelle strebt, glücklich ist und sich noch damit rühmt, daß es ihm so gut geht; und dabei ist er eine ganz gemeine Kreatur und das, was er tut, gar nicht gelebt. Oder daß ich einem schönen Menschen nachlaufen muß oder ihn immerfort ansehen, auch wenn es sich gar nicht gehört. Und wenn mich etwas freut oder wenn ich es schön finde und dafür begeistert bin, geht es manchmal mit mir durch, und ich muß heulen oder stöhnen oder davon laufen und kann mich nicht mehr bezwingen.«
Er atmete tief auf und sah mich erregt und begierig an.
»Und nun müssen Sie sagen, ob Sie das nicht auch so haben, und ob wir nicht ein wenig zusammen gehören, gerade, weil wir beide so – so sind?« – –
Ich nickte ihm zu und mußte lächeln. »Ein bißchen schon, wenn Sie das tröstet, Herr Finkenlohr, aber ich weiß nicht einmal, ob mir das recht sein soll. Ich habe auch nicht so viel Zeit dazu und bin dazuhin älter als Sie und muß nun anfangen, vernünftig zu werden. Es ist für ein armes Mädchen wie mich, das schaffen muß und sich durchbringen, nicht sehr rentabel, so zu sein.«
Und ich erzählte ihm Urschels Urteil über solche moderne Menschen, von denen sie sagte: – weißt du, das sind gewiß sehr interessante Leute, und man kann recht schöne Bücher von ihnen schreiben; aber im Grund sind es eigentlich doch traurige und erbarmungswürdige Tröpfe, leisten nichts und bringen die Welt um keinen Pfifferling vorwärts; wenn sie ordentlich schaffen müßten, wären sie bald gründlich kuriert. –
»Ich bin dann immer beschämt in mich gegangen. – Aber nun muß ich doch lachen, wie ich Ihnen das erzähle und tue, als ob ich Ihre Großmutter wär. Und ich bin doch im gleichen Spital krank!«
»Ach, da hat Ihre Freundin aber nicht recht gehabt,« rief er; »mein Gott, ja, wenn man sich Mühe gibt, kann man sich vieles abgewöhnen, und wenn ich arbeiten muß wie ein Zugochs, werde ich auch nicht mehr viel andere Gelüste haben als Hunger und Schlaf. Aber dann wär ich glücklich auf jenem Bäcken- und Flaschnersstandpunkt angekommen und müßte mich selber anspucken vor Verachtung. Wenn einer ein Dichter ist oder Musiker oder sonst irgend etwas Positives dabei leistet, dann lassen die Leute seine Art und seine Launen und seine Empfindsamkeit schon gelten; sie sind nur nicht zufrieden, wenn nichts dabei herauskommt.«
»Wer weiß,« fiel ich ein, »vielleicht werden Sie doch noch einmal ein Dichter. Wenn Sie doch das Spintisieren und Sonderbarsein dazu schon in sich haben.«
Nun sah er mich belustigt an. »Wissen Sie, ich hoffe immer, Sie verraten mir das Rezept dazu. Ich habe so eine blasse Vorstellung, daß man sich dazu auf sein Sofa setzt und das, worüber man dichten will, als Aufsätzlein oder in Stichwörtern sauber auf ein Papier schreibt:
und nachher probiert man dann, wie sich's reimt. Nicht wahr?«
Nun mußten wir beide lachen und kamen darüber in ein kurzweiliges und reges Gespräch, daraus uns unvermutet und erschreckend der erste Hahnenschrei riß.
»Um Gotteswillen, Herr Finkenlohr, es ist schon bald Morgen, und um halb sechs muß ich wieder im Stall sein!«
»Ach, lassen Sie sich's nicht gereuen! Schlafen können wir, wenn wir alt sind und klapperig und keine Zähne mehr haben. Ich freue mich doch so, daß Sie da sind. Und morgen kommen Sie wieder, gelt?«
Er stand so vor mir, seinen blinzelnden Kerzenstumpf in der Hand, und sah mich mit einem prächtigen Lachen an, daß es mir warm und glückhaft durch den Leib rann und ich ihm lächelnd meine Zusage nickte.
Indem wir uns dann gute Nacht und guten Morgen sagten, bat ich ihn, er möge mir noch geschwind zum Abschied die letzten jener Verse lesen, die mir am Abend so gefallen hätten. Dann stand ich an der Tür und hörte zu; und als er zum Schlusse kam, ging ich still hinaus und ließ einen Spalt offen, daß mich Vers und Kerzenscheinlein noch ein Stück die dunkle Stiege hinauf geleiteten. In meiner Kammer aber ließ mich ein seltsam gehobenes und absonderliches Gefühl, das ich noch nie gekannt hatte und mir nicht zu erklären wußte, noch eine Weile nicht zur Ruhe kommen; es packte mich so, daß ich in sanfter Verwirrung meinen alten Kleiderkasten küßte und streichelte, meinen Kopf am Fensterrahmen rieb und die Katze, die, durch meinen nächtlichen Gang aufgestöbert, sich schnurrend vor der Tür herum trieb, zu mir herein nahm und zärtlich aufs Fußende meiner Bettstatt legte, bis ich durch dergleichen närrischen und gefühlvollen Hokuspokus endlich doch im Bette landete, wo ich mir mit andächtiger Freude die eben verklungenen Verse wiederholte, soweit ich sie noch im Gedächtnis behalten hatte. Ich bekam sie aber doch nicht ganz zusammen, besann mich fürchterlich darauf, reimte und reimte und brachte einen unendlichen Unsinn zuwege, worüber ich am Ende in vergnügter Beschämtheit einschlief.
Wir waren nun im September und die strengste Feldarbeit vorüber; dies kam mir mächtig zugute, denn nach einem vierzehnstündigen Erntetag wäre ich abends auch über dem Faust – eingeschlafen. So aber begann mich nun der junge Mensch in ein schwärmerisches nächtiges Leben hineinzuziehen. Es ging eine herrliche Zeit an, und jeder Tag war ein Fest.
Des Morgens lief ich mit zwei großen Körben in die weiten Baumwiesen hinüber, um das Obst aufzulesen, das in der Nacht gefallen war; und das köstliche Schauspiel des frühen Nebels, der zu Anfang noch mit zauberischem, blauem Duft die Ferne verhing und vor dem klaren und kräftigen Glanz der heraufsteigenden Sonne in leise Dünste verrann, erfüllte mich mit andächtiger Wonne, darein der Jubel meines bewegten Herzens samt allen Versen, Geschichten und heiteren Gedanken des vergangenen Abends und den schönen Träumen der Nacht frohbeschwingt mit einstimmte. Ueber Mittag gab es in Haus und Küche drängend viel zu schaffen, und ich war, wenn auch nicht müde, so doch weniger lebhaft dabei als die Wochen zuvor, denn stetig ging mir stille und in innerer Abgekehrtheit die neu aufgeblühte Lust weiter. Kam es aber gegen Abend, so wurde ich von einer hellen und mächtig feierlichen Stimmung erfaßt; kaum war nach der Abendsuppe der Löffel gewischt, verschwand ich auf meine Kammer, um dort eine Reihe von Handlungen zu verrichten, die mir unendlich wichtig und durchaus notwendig zu den bevorstehenden wunderbaren Stunden schienen, und die ich so weihevoll als möglich ausführte. Ich holte mir eine große Schüssel voll frischen Wassers und wusch mich darin vom Kopf bis zu den Füßen, daß mich die Haut brannte vor Sauberkeit, bürstete die Haare frisch und flocht meine Zöpfe aufs sorgfältigste, auch zog ich meine schönsten Schuhe und ein helles, gutes Kleidlein an und das alles mit einer Weihe, als ob's zu einer heiligen Handlung ginge, und jeden Schuhbändel knüpfte ich mit Feierlichkeit und jeder Bürstenstrich war freudevolle Andacht. War ich dann fertig und ging die dämmerige Stiege hinunter zu Gottfrieds Stube, so konnte ich nie vor seiner Tür stehen, ohne daß mein Herz leise und verwirrend zu klopfen anfing. Wenn ich hineinkam, stand er immer am Fenster wie an jenem ersten Abend, daß aus aller Dämmerung heraus sein liebes Gesicht sich leuchtend abhob und voll eines warmen, roten Abendscheins war, in sanftem Gewoge ging der Wind in den Vorhängen um ihn her, und seine Stimme tönte mir herzlich und voller Freude entgegen.
Das erste Buch, das wir zusammen lasen, war die Ilias. Kam es mir auch zu Anfang unwirklich und komisch vor, daß jene Leute, ehe sie sich die Speere an die Rippen schmissen, zuvor lange und schöne Reden aneinander hin hielten, so war mir doch von Urschel her eine starke Liebe für solche Bücher geblieben, und da mir Gottfried mit einer fast heiligen Begeisterung die Gesänge vorlas, dauerte es nicht lange, bis die Schönheit jener Verse und Bilder mein empfängliches Gemüt erfaßt hatte.
Gottfried hatte einen schönen Plan gemacht, wie er meiner literarischen Einfalt und Unschuld am ehesten beikommen könne und gedachte so an Hand seiner Literaturgeschichte mir erst Homer und die Aeltesten beizubringen und dann über die deutschen Klassiker auf die Modernen zu kommen; doch waren wir auf dieser Leiter noch keine halbe Stufe weit gestiegen, als er eines Abends, da zufällig das Gespräch drauf kam, fast erschrocken ausbrach: »Ach Gott, Sie kennen ja den Gösta Berling noch nicht!« Und wir lasen ihn noch in derselben Nacht und taten von nun an alle Pläne und Systeme beiseite, überschlugen, was uns langweilig schien, lasen Bruchstücke, durcheinander, von der Mitte an, von hinten herein und wie es uns Willkür und Stimmung gab. Ach, und wir genossen, schwärmten, glühten und waren begeistert.
Wenn ich heute an jene Zeit zurückdenke, so wird mir besonders eines mit Dankbarkeit bewußt: daß ich nämlich auf diese Weise sehr wenig schlechte und minderwertige Bücher gelesen habe und nicht wie die meisten der Leute, die ich inzwischen kennen lernte, durch einen Wust von Backfisch- und Modeliteratur erst zum Echten und Schönen durchgedrungen bin. Und daß ich, weil ich von Natur, Sonne, Erde und Mistgabel her unvermittelt in die göttlichen Gefilde Homers und Goethes versetzt wurde, mein Lebtag lang einen guten und sauberen Geschmack behalten habe. Vielleicht ist gerade daraus bei mir jenes besondere Verhältnis zur Literatur geboren, das ich vor den meisten andern Leuten eigen habe und von dem ich später noch reden will.
– An einem Sonntagabend hockten wir bei den andern im Hof auf den Stämmen. Es war schon spät und die warme Nacht voll einem weichen, zärtlichen Gelächter, Gesumm und Heimlichtun. Wir saßen mitten darunter und nahe beieinander und hörten so drauf hin.
»Finden Sie nicht,« sagte Gottfried auf einmal unvermittelt und leise, »daß so eine über Goethe und Schiller gegründete Freundschaft, wie wir sie haben, hierher paßt wie zu meiner Großmutter eine himmelblauseidene Bluse? Hier oben hat man sein Mädchen zum in den Arm hineinnehmen und verküssen. Hören Sie doch, wie die Kerle schmatzen; es ist der reine Hohn für uns. Wir schänden den ganzen Zinken mit unserem platonischen Geflöte!«
»Sie gehören verhauen!« sagte ich entrüstet. »Wollen Sie auf der Stelle still sein mit solchen Sachen!«
Er lachte, wurde aber darauf wieder ernst. »Ja, ja, ich werde gleich aufhören. Aber eines muß ich Sie noch fragen, wenn wir schon dran sind. Und Sie müssen mir Antwort drauf geben.«
Er beugte sich dicht zu mir herab und fragte ganz leise: »Haben Sie einen Schatz, Fräulein Agnes?«
»Nein,« sagte ich ohne jedes Besinnen, doch war es mir sofort heftig leid, und es wurde mir irgendwie dunkel bewußt, daß ich hätte vorsichtiger sein müssen und das nicht so gerade heraus hätte sagen dürfen; indem ich aber noch verwirrt und überrumpelt nach Worten suchte, begann um uns herum ein allgemeines Auseinandergehen und Aufbrechen. Auch Gottfried stand auf und bot mir in seiner gewohnten Vergnügtheit gute Nacht; es blieb mir nichts anderes übrig, als auch auf meine Kammer zu gehen.
Gottfrieds Worte hatten mir einen unangenehmen und beschämenden Eindruck hinterlassen; ich gab mir die größte Mühe, ihnen nicht mehr weiter nachzudenken und sie so schnell als möglich zu vergessen; und dies gelang mir auch.
In dieser Woche ging ich an einem Abend zur gewohnten Zeit in Gottfrieds Stube hinunter. Er stand nicht wie sonst am Fenster, sondern saß am Tisch, hatte den Kopf in die Arme gestützt und sah mir mit einem sonderbaren Blick entgegen.
»Nun, was ist Ihnen für eine Laus übers Leberlein gelaufen?« fragte ich ihn und lachte.
»Ach, ich habe einen blödsinnigen Nachmittag gehabt,« fing er an. »Bitte, setzen Sie sich doch! – Wissen Sie, nach dem Essen stöberte ich in meinem Schrank, da kamen mir ein paar Schokoladetafeln, die ich mir hierher mitgebracht hatte, in die Hand. Und da kam mir mit einemmal der Gedanke: wenn du alt bist, magst du vielleicht keine Schokolade mehr, und das war mir derartig gräßlich, daß ich meinen ganzen Vorrat nacheinander aufaß. Dann wurde mir sehr übel, und ich mußte schnell hinters Haus gehen. Und als es mir wieder leichter war, sehe ich am Krautgarten zehn Schritte weg von mir den Roßknecht stehen und die schwarze Marie im Arm haben; die hatten in ihrem Eifer von meiner ganzen Sache nichts gehört. Und ich kann Ihnen schon sagen, wie der so an ihr herumtappte und sie abschmatzte, da wurde mir noch viel übler als von der Schokolade, und ich rannte wie besessen zwei Stunden weit; und als ich mich zum Ausruhen ins Gras legte, war ich bis auf die Gunterwiesen hinauf gekommen. Da droben war es sehr schön; ich nahm einen Strauß Enzian mit, den wollte ich Ihnen bringen. Auf dem ganzen Heimweg dachte ich immerfort an Sie, und es war mir sehr vergnügt und auch ein wenig sonderbar dabei; ich weiß nicht, wie. Eh ich auf den Zinken kam, schob ich die Enzianen in meine Hosentasche, damit sie niemand sähe und schlich ganz unbemerkt in Ihre Stube und wollte die Blumen auf Ihren Tisch legen. Und dann mußte ich mit einemmal denken, daß Sie eine Dichterin sind und ein ganz wunderbarer und schöner und großer Mensch und ich bloß ein Schulbube; und da wurde es mir wieder schlecht und wütend und alles miteinander, und ich lief davon und warf die Blumen auf den Mist; dort, Sie können sie gerade noch sehen. Ich habe sogar noch geheult, und zum Nachtessen bin ich auch nicht gegangen!
Aber nun kommen Sie, wir wollen die Lampe anzünden und Mörike lesen und nimmer davon sprechen, sonst ist auch noch der schöne Abend beim Teufel.«
So fing er an zu lesen, und es schien alles ganz gut und glatt weiter zu gehen, bis vielleicht nach einer Viertelstunde seine Worte langsam und immer sonderbarer wurden, und der große Mensch mit einemmal seinen Kopf vornüber auf den Tisch in die Arme warf und schluchzte wie ein Kind.
»Bitte, gehen Sie – – ich kann wirklich nicht mehr – – verzeihen Sie, Fräulein Agnes – – –«
In großer Bestürzung und Verlegenheit ging ich schnell hinaus und auf meine Kammer. Unausgekleidet saß ich auf dem Rand meines Bettes, starrte erschrocken in das Dunkel und hörte, wie mein Herz laut und heftig schlug. Und indem die Dumpfheit und Verwirrung allmählich von mir wich und es mir leise klar wurde, wie es dem guten Jungen zu Mute sei und daß er wohl Aehnliches durchlebte wie ich damals um Frau Gunhild oder Herrn Bürger, und indem mir vollends als etwas ganz Unerhörtes und Freches der Gedanke aufstieg, daß dies um mich sei, befiel mich eine mächtige Scham, das Blut stieg mir kochend heiß in die Backen, und ich begann so zu schwitzen, daß mir große Tropfen auf der Stirn standen. Dazu spürte ich Mitleid mit dem armen Kerl und ward traurig darüber, daß er mich weggeschickt hatte, und zwischen alldem dämmerte mir endlich eine schwache Seligkeit herauf, die ich nimmer unterdrücken konnte. Es litt mich plötzlich nicht mehr auf meinem Bett, mir kaum bewußt, was ich tat, nahm ich meine Streichholzschachtel und lief schnell und leise damit aus meiner Tür, zum Haus hinaus und auf die Miste hinüber. Ich brauchte elf Zündhölzlein, bis ich Gottfrieds Blumen gefunden hatte; mit klopfendem und glücklichem Herzen brachte ich sie auf meine Stube und stellte sie ins Wasser. – –
Was mich in den nächsten Tagen bewegte, war nun nicht gerade Seligkeit. Ich war mit einer ständigen Unruhe erfüllt und ging Gottfried möglichst aus dem Wege; sah er mich doch, so wurde ich rot und unendlich verlegen. Des Abends hielt ich mich ängstlich auf meiner Stube und hing lauter dummen Gedanken nach; daß die Angelegenheit, die mich bedrückte, vielleicht noch einmal auf etwas Schönes und Erfreuliches hinauslaufen könne, daran wagte ich in schreckhafter Abergläubigkeit nicht zu denken. Mein einziger Trost war ein Band mit Goethes Erzählungen, den mir Gottfried einmal mit herauf gegeben hatte und der zufällig noch auf meiner Stube war. Ich las oft darin, und es tat mir wirklich wohl.
– Da geschah es am vierten jener Tage, daß spät abends noch ein paar neue Kurgäste auf dem Zinken ankamen. Dieweil Frau Finkenlohr sie in ihre Stuben führte, richtete ich in der Küche unten noch ein Nachtessen. Ich machte einen Salat, schnitt vom geräucherten Schinken auf und ging dann noch, ehe ich das Rührei hintat, in den Garten, geschwind den Schnittlauch dazu zu holen. Es regnete, als ich hinaus kam, und war eine tiefe, graue Dämmerung.
Nun ist am Hauseck, wo man in den Gemüsegarten geht, unter etlichem Buschwerk ein kleines, steinernes Bänklein; und als ich daran vorbei wollte, griff eine Hand nach der meinen; es saß da im Regen ein Mensch, und als ich hinschaute, erkannte ich Gottfrieds Gesicht.
Ich erschrak, und es befiel mich eine jähe Schwäche; zitternd legte ich mein Küchenmesser aus der Hand und setzte mich in einem leisen Schwindel neben ihn auf das Bänklein. Der Regen lief in eiligem Geströme auf uns nieder, und wir waren ganz stille.
Dann sagte Gottfried: »Ich habe immer – immerfort an Sie gedacht, Fräulein Agnes. Und ich – wünsche mir etwas. Ich möchte einmal über Ihr Haar streicheln dürfen.«
Ich blieb regungslos sitzen; doch liefen mir, ohne daß ich's hindern konnte, die Tränen herunter.
Da fuhr er mir mit der rechten Hand einmal ganz scheu und schnell über den Kopf, und dann legte er beide Arme um meinen Hals und drückte sein Gesicht an meines, und beide waren naß vom Regen und von Tränen.
Währenddem hörte ich Frau Finkenlohr in der Küche. Ich stand schnell auf, holte meinen Schnittlauch und kochte weiter, als ob nichts geschehen wäre; und doch war plötzlich die ganze Welt verändert, schwankte und zitterte vor meinen Augen und war wie erhellt von tausend seligen Feuern.
Es war seltsam: auch jetzt noch glaubte ich nicht daran, daß zwischen mir und dem reichen, feinen Jungen eine Liebschaft werden könne. Doch war gerade diesem zum Trotz seit dem Geschehnis auf dem Bänklein ein Wille und Trieb in mir, beständig daran zu denken, – von einer erfüllten und glücklichen Liebe zu Gottfried zu träumen und diesen Traum mit der ganzen Kraft meiner Phantasie auszumalen und zu nähren. Vielleicht war es, mir selber kaum bewußt, gerade die Angst, aus diesem Traum doch bald aufwachen zu müssen und die traurige Gewißheit, die am Ende doch dahinterstand, daß ich meine beglückende Einbildung um so zäher festhielt und mich umso stärker in sie einspann.
Es war ja auch wahrlich nicht schwer, zu dem guten und feinen Menschen eine Liebe zu fassen, umso weniger unter den gegebenen Verhältnissen und bei meiner Veranlagung. So ließ ich nun in meinem Innern alle Gluten brennen und alle Ströme selig und ungehindert fließen; ich war so voll Gehobenheit und Ruhe, daß ich sogar Gottfried, wenn wir uns begegneten, herzlich und fast unbefangen grüßen und anblicken konnte. Wir sahen uns selten, zumeist vor andern und sprachen nie miteinander; Gottfried stand wenige Tage vor seiner Abreise.
Alles, was in meinem Leben war, kann ich beschreiben und kann versuchen, es euch nahe zu bringen; von jenen Tagen aber kann ich nur stümperhaft, grob und ungenügend reden; sie waren das Zarteste und Heiligste, das je in meiner Seele war, und es gibt nicht die rechten Worte dafür. Ich glaube, daß man das bloß einmal erlebt, und ich glaube auch, daß es nur wenig Menschen erleben.
Ich war jene Tage voll einem starken und ruhigen Glücke, und es war immerwährend ein Zustand um mich gleich einem schwebenden, schönen und feierlichen Traum; wachte ich auf, so war er sogleich da und köstlich über mir; schlief ich ein, nahm ich ihn selig in das Dunkel mit hinüber; die harten Aecker waren Paradiese, sobald ich darüber ging; war mir etwas schwer, so dachte ich: Gottfried –, und es wurde vogelleicht. Im kleinsten Nötlein wußte ich: Gottfried –, und allsogleich war es behoben.
Jeden Herbst und jedes Frühjahr reiste Frau Finkenlohr auf zwei Tage in die Hauptstadt, einesteils um nach ihren alten Bekannten zu sehen, besonders aber, um für das nächste Halbjahr die nötigen Einkäufe zu besorgen. Da sie nun eines kleinen Uebels am Fuß wegen in diesem Jahr am Reisen verhindert war, so wurde beschlossen, daß ich fahren sollte und zwar mit Gottfried zusammen, der nun wieder in sein Gymnasium einrücken mußte und die gleiche Strecke reiste. Ein paar Tage vorher brachte Gottfried aus der Zeitung die Nachricht, daß am selben Abend im Hoftheater der Faust gegeben werde; die Großmutter schenkte uns beiden das Geld dazu, und Gottfried bestellte strahlend die Karten.
In einer Frühe zogen wir los; Gottfried trug in einem Köfferlein mein schönes Kleid in Seidenpapier eingewickelt, auch ein Paar anständige Schuhe und für jeden von uns etliche Vesper; das Textbüchlein aber hielt er in der Hand und ließ es nimmer von sich. Frau Finkenlohr schaute im Morgenkittel aus ihrer Schlafstube, trug uns viele Grüße auf an das Bäslein Babett, bei dem wir nächtigen mußten, und wir sollten es doch bei Leib nicht vergessen, vom Unterland ein paar Traubenblätter zu den Rebhühnern mitzubringen, die sie übermorgen braten wolle.
Es war uns auf dieser ganzen Reise feierlich und still zumut; wir sprachen kaum, und je näher wir der Hauptstadt zufuhren, desto mehr wuchs in uns eine leise Bangigkeit vor dem Abend, und es war gut, daß wir keine übrige Zeit zum Drübernachdenken hatten, denn es gab vollauf zu tun, bis wir die verschiedenerlei Einkäufe und Besorgungen erledigt hatten. Gottfried trabte in unendlichem Vergnügen mit mir durch einige Läden; wir kauften eine neue Kaffeemühle und ein Bügeleisen, einen Ersatzteil zu Frau Finkenlohrs künstlichem Gebiß, sowie ein Röslein auf ihren Kapotthut und graues Fersengarn zu ihren Strümpfen, auch vergaßen wir die Kimmichküchlein nicht und die berühmten Schützenwürste des Metzgers Eichenwolf. Als wir noch die Traubenblätter hatten und endlich zu dem alten Bäslein kamen, erfüllten uns die festlichen Vorbereitungen, die sie uns zu Ehren traf, mit steigender Heiterkeit, darin vollends unser bängliches Herzklopfen auf ein paar Stunden unterging.
Das Jüngferlein hörte nimmer gut, und trotz einer ungeheuren Brille sah sie auch nimmer recht, – und sie hatte uns zum Empfang einen wunderbaren Tee gekocht; mit Vanille und Zimmet gewürzt, damit er doch ja recht gut wäre. Doch habe ich sie im Verdacht, daß sie infolge ihrer Kurzsichtigkeit statt des Zimmets ein anderes Gewürz erwischt hatte, denn der Tee schmeckte abscheulich. Da sie es uns aber tödlich übel genommen hätte, wenn wir ihn verschmäht hätten, ihn selbst auch ausgezeichnet fand, verlebten wir nun auf dem geschnörkelten Kanapee eine ergötzliche Stunde; das Bäslein trippelte ab und zu; war sie bei uns in der Stube, unterhielten wir sie mit Eifer und taten, als ob wir darüber das Trinken vergäßen – ging sie hinaus, berieten wir, wie man das seltsame Getränk am ehesten hinunter brächte; probierten bald kleine, bald große Schlücke, hielten auch beim Trinken die Nase zu, und schließlich nahm Gottfried ritterlich meine Tasse und begoß damit die Geranienstöcke vor dem Fenster, ehe die Alte wieder eintrat.
Unter großer Heiterkeit kleideten wir uns dann fürs Theater an, als ich mir vor des Bäsleins blindem Spiegel die Haare frisch aufsteckte, stand Gottfried am Fenster und las mir noch einmal den Prolog vor; da kam die feierlich bange Erwartung doch wieder. Die Base geleitete uns alsdann bis vors Haus, befürchtete, daß sie nimmer wach wäre, wenn wir heimkämen und gab uns den Hausschlüssel mit.
In den Straßen war eine seltsame Schwüle; der Sommer hatte seine Hitze noch einmal in einem sengenden Tage zusammen getan; am Himmel sah es aus, als ob's ein böses Wetter gebe. Wir gingen ganz still durch die Straßen und Plätze und die breiten Staffeln des Theaters hinauf, saßen dann stumm und tief beklommen, bis das Haus sich füllte und der Vorhang aufging.
Dann kam der Faust. Und indes von der Bühne der Gewaltige in seinen göttlichen Worten zu uns redete, jeden Kummer mit tiefen, leuchtenden Farben tränkte und was schmerzvoll war, vergeistigt und voll Süße und stiller Schönheit erscheinen ließ, alle Freude aber schäumend und vertausendfacht, – indes der Mächtige alles, was scheu, verschleiert und dunkel in uns war, zerriß und zerbrach, daß wir nackt, wissend und plötzlich in schmerzhaft blendendes Licht gestellt, vor einander waren, und doch von seiner lohenden, göttlichen Flamme erfaßt, in seligem Jubel uns zu seinen Höhen hinreißen ließen, – indes Szenen, Menschen, Schicksale an uns vorbeizogen und die abendlichen Stunden füllten, wandelte es sich in uns; wozu es sonst vielleicht Monate und Jahre gebraucht hätte, war nun in ein paar Stunden geschehen. Unsere Liebe war uns mit einemmal bewußt, körperhaft, nahe und groß geworden, und wir selber vermeinten, reif und andere Menschen zu werden.
Nach dem letzten Akt wurden die Lichter hell. Zitternd riß mich Gottfried empor, und wir liefen schnell durch das Haus; hinter uns brachen Lärm, Gedränge und Gelächter aus den geöffneten Türen; als wir aber die breiten Stufen ins Freie hinab schritten, heulte uns durch schwarze Nacht ein tobender Sturm entgegen, gleißendes Feuer schlug auf uns herunter, verzuckte wieder und die Nacht war noch finsterer, noch schauerlicher darnach.
Da war der alte Stadtgarten; unter Donner und kaltem prasselndem Regen liefen wir tief in das Dunkel der Büsche und hohen Bäume hinein. Erst hasteten noch eilige Menschen gleich flüchtigen Schatten an uns vorbei, dann waren wir allein. Zitternd und stumm vor Erregung hielten wir uns an den Händen; im sprühenden Flammen der Blitze sah ich zu Gottfried auf; sein blasses Gesicht war voll Farbe und Bewegung, und seine Augen so glänzend und schön, wie ich es nie mehr gesehen habe.
Dann standen wir in Blitz und Getöse, hielten einander umschlungen und waren rasend und trunken vor Liebe und Leidenschaft. Gottfried bedeckte mein Gesicht, meinen Hals und meine Brust mit Küssen, und ich hing zehrend immer wieder an seinem Munde. Wir nannten uns bei unseren Namen und stammelten Liebesworte, und nahm uns Sturm und Donner die Stimme von den Lippen, so schrien wir's stöhnend in das wilde Wetter hinaus. Und endlich, nach Stunden, als wir von dem lohenden Rausch gesättigt und müde waren, suchten wir durch die dunkeln und fremden Straßen, die voll kühlem, stürzendem Regen waren, unsren Heimweg zu des alten Bäsleins Wohnung.
Ich war die ganze Nacht froh und helle wach; die Base hatte mir in ihrer Schlafstube ein Bett gerichtet; lange saß ich aufrecht und unausgekleidet darauf; als ich merkte, daß jene wie ein Murmeltier schlief, zündete ich mir ein Licht an und ging damit in das Gaststüblein hinüber, wo Gottfried in erschöpftem Schlafe lag. Ich setzte mich an sein Bett, stellte das Licht daneben und sah lange in stummer, jubelnder Andacht auf den geliebten Jungen nieder. Das Stüblein war muffig und roch nach Mottenpulver, des Bäsleins Kerze brannte tief herunter, und es fror mich an den Füßen, der nassen Schuhe wegen; ich saß Stunde um Stunde und achtete es nicht. Brausender als je waren in mir die Ströme des Namenlos entfesselt, und zum erstenmal geschah es, daß ich ihnen in weiter, verschwindender Ferne, aber doch deutlich und feststehend ein Ziel gesetzt sah.
Als der trübe Morgen durch das Fensterlein kam, regte sich Gottfried und erwachte. »Bist du schon da!« sagte er voller Innigkeit, als er mich gewahrte; er ergriff meine beiden Hände und zog sie zu sich her. »Du, du Liebe.«
Und dann geschah etwas Seltsames: plötzlich standen seine Augen voll Tränen, er schlang seine Arme um meinen Hals und riß mich mit verzweifelter Wildheit zu sich herab, daß ich fast schrie vor Schmerz. Dabei zitterte er am ganzen Leib, stöhnte, schluchzte, und ich fühlte sein Herz durch die Decke des Bettes hindurch stürmisch schlagen.
Tief erschrocken hielt ich diesem Ausbruch stand und wußte mir nicht zu helfen. »Gottfried, Schatz, was machst du für Geschichten! Fehlt dir etwas, sag?«
»Nein,« schluchzte er; »aber – es ist – so – so viel – – ich ertrage es fast nimmer – – –«
Da nahm ich seinen Kopf an meine Brust und strich mit meiner Hand sanft und zärtlich drüber, und indem ich immer so fortfuhr und ganz leise war, wurde er ruhiger. Nach einer Weile lag er still und blaß und erschöpft da und lächelte mich an.
»Verzeih, Agnes! Es ist so mit mir durchgegangen.«
Dann lachte er voller Spott: »Das ist ein schöner Bräutigam, gelt! Kannst du denn mich noch lieb haben, wenn ich – so bin?«
»Ja,« sagte ich ganz ernst und sah ihn an, »gerade weil du so bist, deshalb habe ich dich lieb.«
Ich wandte mich ab, und es ging mir durch den Sinn, wie wunderbar es sei, daß nun dieser reine, glühende und schäumend junge Mensch mich liebe und zu mir gehöre, und als ich dies so recht erfaßte, geriet ich in eine so ungeheuerliche Seligkeit, daß es mir beinahe gegangen wäre, wie vorhin Gottfried.
– Wir faßten den Plan, daß Gottfried wieder zurück reise und den ganzen Tag noch mit mir zusammen sei, doch ohne daß die Großmutter es wisse; und wir freuten uns darüber wie die Diebe.
Die engen Häuser der Gassen drängten sich grau und steil vor unserem Fenster, wir beschlossen, noch ehe das Bäslein erwache, das Weite zu suchen. Ohne Scheu vor einander kleideten wir uns zusammen an; dieweil ich nachher die Betten und unsere Sachen in Ordnung brachte, war von Gottfried nichts mehr zu hören; als ich ihn suchte, fand ich ihn in der Küche, vor dem Herde sitzend und verzweifelt bemüht, mit dem Blasebalg der Base ein Feuer instand zu bringen.
»Ach, Agnes, ich wollte dir einen heißen Kaffee bringen; du mußt doch etwas Warmes haben, wenn du die Nacht nicht geschlafen hast. Aber es wird einfach nichts!« klagte er.
Mein Liebster mit dem Blasebalg aber wärmte mich mehr als des Bäsleins Rübenkaffee; lachend schrieben wir ihr noch ein Brieflein zum Hinterlaß und gingen eilig, um mit dem Frühzug noch fort zu kommen.
Vom Mittag an bis in den späten Abend trieben wir uns dann auf den Feldern fern vom Zinken herum; wir legten uns in eine Ackerfurche und sahen in den Himmel, der weit und helle über dem flachen Land aufstieg, und der herbstliche Sturm ging in mächtigen Stößen über uns weg. Wohl waren wir hungrig und voll Müdigkeit, spürten die Kühle des Sturms und die Härte der Erde und genossen doch die schwelgerische Lust, hier in der einsamen Weite Körper an Körper beieinander zu liegen, die Hände ineinander zu haben und uns Liebes zu sagen, ungemindert und kosteten sie aus bis zum letzten Augenblick.
Spät am Abend gingen wir zum Zinken hinüber; ich ließ Gottfried nicht fort, ohne daß ich nicht versucht hätte, ihm irgendwie etwas zum Essen zu verschaffen. Als wir ans Haus kamen, war alles schon stille, nur in der Küche brannte noch ein Licht, und wir sahen zum Fenster hinein. Frau Finkenlohr stand vor einer irdenen Schüssel und ließ einen Hefenteig an; und indes wir nun wie arme Sünder so in der einsamen Nacht draußen standen und die rundliche und zufriedene Alte in ihrer warmen Küche hantieren sahen, wie sie, eine weiße Schürze vorgebunden und die Milchpfanne samt einem großen Schmalzhafen zur Seite, ihren Teig klopfte, der ihr in mehligen Bärten von den Fingern hing, kam mich mit einemmal ein wunderliches Gefühl an. Ich bedachte mit Zaghaftigkeit und Kleinmut, wie unsere Liebe, die mir eben noch mächtig genug erschienen war, um alle Himmel zu stürmen, vor dieser soliden, tüchtigen und nahrhaften Welt der Großmütter und der Schmalzhäfen bestehen könne; und ich muß gestehen, daß mir jämmerlich dabei zumute war. Ich zog meinen Liebsten dicht zu mir her und sprach leise und eindringlich auf ihn ein.
»Gottfried, du mußt mir versprechen, daß du keinem Menschen etwas davon sagst, daß wir einander lieb haben; am wenigsten jemand vom Zinken und deiner Großmutter.«
»Wenn du es so willst, – ich kann schon schweigen.«
»Du mußt dir Mühe geben, daß du es nicht merken läßt, nicht wahr?«
»Du mußt es mir schwören, Gottfried!«
»Ich schwöre es dir.« Und wir besiegelten es mit einem Kusse. Dann nahmen wir leisen und zärtlichen Abschied; Gottfried verschwand um die Hausecke, um unter meinem Kammerfenster zu warten; ich aber ging mit Geräusche zur Haustür hinein und in die Küche, wo es eine laute und herzliche Begrüßung gab. Die alte Frau wusch sich die Hände, hieß mich in ihre Wohnstube gehen und trug mir dort einen gehörigen Imbiß auf; sodann setzte sie sich zu mir, ich mußte essen, auspacken, vorrechnen, erzählen und Grüße ausrichten, und es wurde mir immer wärmer und bedrängter, wenn ich an den armen Jungen draußen dachte. Als ich auf der alten Kastenuhr sah, daß eine halbe Stunde um war, hielt ich es nimmer länger aus; ich wußte mir nicht anders zu helfen, als daß ich plötzlich eine große Müdigkeit heuchelte und ein schmähliches Gegähne auffahren ließ, mit den Augendeckeln klapperte und hie und da mit dem Kopf nickte wie die alten Weiber in der Kirche, worauf Frau Finkenlohr denn auch richtig hereinfiel und mich schleunigst auf meine Kammer schickte. Brot, Butter und Rauchfleisch gab sie mir mit hinauf, damit ich neben dem Auskleiden vollends essen könne.
Strahlend vor Freude kam ich mit meinen Schätzen in die Kammer und zündete zitternd mein Licht an, was von unten mit einem leisen Pfiff quittiert wurde. Glücklich schnitt ich die Brote, strich und belegte sie und wickelte sie mit ein paar Äpfeln, die ich noch oben hatte, sauber in einen »Oberländer Boten«. Dann löschte ich das Licht und ließ mein Paket an einer Schnur zum Fenster hinab, wo Der unten es in Empfang nahm. Wenn er nun musikalisch gewesen wäre, hätte er vielleicht irgend etwas leise gepfiffen oder gesungen; so aber – und es war der Sicherheit halber fast besser für uns, begann er, indem er vom Hause weglief, mit seinem weißen Sacktuch stumm und wütend und herzbewegend zu mir herauf zu wedeln, rund herum, schräg und auf und nieder. Der Hofhund schlug an, war aber alsobald wieder still, da er ihn kannte, und durch die dunkle und von einem leisen Sturm bewegte Nacht sah ich ferner und ferner das gespenstische Liebessignal zu mir heraufleuchten.
Gottfried schrieb mir oft; mir wurde Kammer und Haus zu enge, wenn ich seine Briefe las. Ich lief voll strömenden Jubels in Schnee und Sturm und Regen hinaus und schrie es leise in die tosenden Wetter und zu den einsamen, stöhnenden und windverwühlten Bäumen im Wald hinauf, wie lieb ich diesen Menschen hätte! Und ich barg den Brief an meinem Herzen, bis der nächste kam.
Auf Weihnachten wollte er kommen. Ich freute mich drauf wie ein Kind, tat alle Arbeit verkehrt und lief zitternd immer wieder auf die Landstraße hinaus, zu sehen, ob der alte Postwagen noch nicht käme. Und einmal kam durch den Schnee ein einsamer Mensch angestapft; ich lief auf ihn zu, und er war es, wir schrien auf und lagen einander in den Armen.
Es war in diesen Weihnachtstagen bitter, bitter kalt; wohl brannten in Küche und Fremdenstuben und Frau Finkenlohrs großem Wohngelaß mächtige Feuer, doch saßen wir beide in einer abgelegenen Kammer, wo der Sturm eisig durch Tür- und Fensterfugen fuhr. Wir bauten uns klappernd vor Frost in ein Nest von alten Strohsäcken, Pferdedecken, Bettstücken und wollenen Tüchern ein, hatten Handschuhe an und Pelzstiefel, und Gottfried brachte strahlend eines Abends noch einen wattierten Schlafrock des seligen Großvaters Finkenlohr für mich.
In jenen Stunden lasen wir zusammen Gottfrieds Lieblingsdichter, Hölderlin; – seine Gedichte, den Hyperion und aus dem Empedokles, und es geschah, daß Gottfried mit einemmal aufsprang und sich zornig aus dem warmen Wall losschüttelte, die Handschuhe voller Verachtung an die Wand warf und laut mit ausbrechender Begeisterung des herrlichen Dichters Worte mir vortrug.
Jeder Tag dieser Weihnachtsferien war, wiewohl es ein böses, trübes, stürmisches Wetter war, voll innerlichen Glanzes und voller Schönheit, so daß wir am Ende ohne Traurigkeit, fast gesättigt von Glück, voneinander schieden.
Nun muß ich aber, ehe ich weiter gehe, noch etwas von jenem Winter schreiben, – und von einer Liebe sagen, die mir damals aufging und gleich der zu Gottfried helle und leuchtend in mein Leben schien.
Bei jenem einen Verslein, das mir damals, an jenem Morgen eingefallen war, war es nicht geblieben; je und je, in einer Sturmnacht oder wenn ein Brief von Gottfried gekommen war und ich bewegt in die einsamen, verschneiten Felder hinaus lief, kam es, daß es mich plötzlich gleich einer feinen, aufreizenden Lust ergriff, stehen zu bleiben, Worte, Gedanken, Reime in mir auf und nieder steigen zu lassen und eigentlich ohne mein Zutun dann auf einmal einen Vers fertig zu haben.
Es ging mir dabei ein wunderliches Geriesel durch den Leib und war eine halb reizende, halb wonnige Spannung in mir; ich brauchte fast gar nichts zu tun oder zu denken dabei, nur jenem stille zu halten und mich von ihm überlaufen zu lassen; nachher, wenn es vorbei war und ich klar und ohne Mühe den Vers in mir wußte, war ich manchmal wirklich körperlich müde und leicht erschöpft.
Mit den so entstandenen Gedichtlein wußte ich nicht viel anzufangen; sie glichen jenem ersten, waren simpel und wenig gehaltvoll; manchmal schickte ich sie Gottfried, doch war es mir peinlich, daß er so viel Wesens draus machte, und später schloß ich sie alle in eine alte Zigarrenkiste.
Das Dichten selber aber wurde mir allmählich zum gesteigerten Genusse und zur leisen Leidenschaft. Ich sehnte mich darnach, daß jene fremde Macht wieder über mich käme und mich wegführte, obgleich ich nichts dazu tat, solches etwa künstlich wecken und herbeiführen zu wollen. Spürte ich aber, daß es über mich kommen werde, war ich entzückt, ging, wenn ich unter andern war, schnell abseits und kostete die rieselnde Lust voll geheimem Glücke aus, bis sie mich wieder verließ, und das Leben dünkte mich durch diesen neuen Reiz beträchtlich höher und wertvoller.
Dazu kam noch, daß Gottfried mir seine Bücher dagelassen hatte, mir auch immer wieder solche schickte und zu Weihnachten ein ganzes Kistlein davon schenkte. Seither hatte das Leben kaum Beglückenderes für mich gehabt, als aus vollen Kräften arbeiten zu dürfen, dazu unter vergnügten Leuten zu sein und drunterhin einen Tanz und eine fröhliche Nacht zu haben, und an höheren Bedürfnissen waren in mir nicht mehr gewesen als in jedem gesunden Menschen überhaupt, – der Wunsch schließlich, eine Freundin oder einen Schatz zu haben. Und nur in seltenen Stunden war in mir der Gedanke an ein Reich des Geistes gewesen, mit Traurigkeit, freilich, und einem stumpfen Verlangen, aber ohne Feuer und Leidenschaft und Dazutun; so, wie man etwa von Palmen und weißen Elefanten und blauen Meeren träumt und dazu sagt, man möchte auch einmal gern eine Weile in Indien gewesen sein.
Nun aber lief ich in jene andere Welt hinüber mit vollen Segeln. Gottfried hatte mich hineingeführt und sie mir aufgetan, wie es kein anderer hätte können; durch ihn, durch die Zeit der stürmenden Liebe zu ihm, die ich erlebt hatte, und nicht zuletzt durch mein eigenes, wunderliches Versemachen war mir mit einemmal ein Sinn aufgegangen für das Reich des Geistes und der Kunst, vor allem für die wundersame Welt der Dichtung. Ach nein, nicht einer, alle Sinne, alle Fähigkeiten in mir, die staunen, bewundern und lieben konnten, zitterten nun wie taumelnde Nachtschmetterlinge diesem allmächtigen Lichtkreis entgegen, konnten jauchzen und rasen vor Entzücken drüber, daß es solche Gedanken gäbe, und solche betörende Musik der Worte, daß man sie damit umkleide.
Ja, ich glaube, es wäre mir oft genug über einem gliederschönen, reintönenden Verse, über einer Reihe süß und kraftvoll hingegossener Worte der eigentliche Sinn und Gedanke verloren gegangen, wenn mir nicht Gottfried in seinen Briefen sachte die rechten Wege gewiesen hätte. Aber ich finde heut noch ein Gedicht, dessen Sinn mir und anderen nicht recht behagt, wenn es nur Vers und Musik und fließend ist und den geringsten Wert hat, eben wundersam schön.
Doch war damals dieser übermäßige lyrische Rausch bald verflogen; ich ging nun die stilleren und tieferen Pfade der Erzählung, bewunderte und liebte auch da; aber es wehte durch die meisten modernen Bücher ein sonderbarer Geist, – Weltschmerzlichkeit, üppig wuchernde Mystik und oft auch allerlei Unsauberes, darein ich mich mit meinen gesunden, unverbogenen Sinnen noch nicht recht finden konnte. Mein Herz hing am Werther, am Wilhelm Meister; es hing an Gottfried Keller und an denen, die in seinen Fußstapfen gingen; wohl lag auch über diesen Büchern eine leise Schwermut und ein grübelnder Ernst, die meiner Jugend und Fröhlichkeit widersprachen; doch war es mir, als ob die Helden dieser Geschichten alle an einer wunderlichen, interessanten, geistigen Krankheit litten, an einer solchen, um deretwillen man sich nicht zu schämen braucht, sondern heimlich bewundert wird.