Major Feldmeister reichte dem Administrator mit einem gerührten Blicke die Hand und sagte kein Wort. Er dampfte nur einen unendlichen Qualm aus, als wollte er sagen: »bis an meinen letzten Athem werde ich Dir dies danken.«

Und der bürgerliche Prälat der einst gefürsteten Abtei sprach: »ich orientirte mich nunmehr. Das Drängen der ersten Einrichtung ließ mich wenig zu mir selbst kommen. Es waren Rückstände zu bearbeiten, mein Vorgänger hatte lange darnieder gelegen – auf den versäumten Gütern lag mehr als ein Feld der Nutzung brach. An geselliges Bekanntwerden in der Nachbarschaft zu denken, hatte mir noch keine Zeit geübrigt. Es war in einer Geldangelegenheit von Belang, wo ich gesprächsweise den Oberförster zu Rathe zog. Das wird Ihnen ihr Vetter, der Rentmeister in Bühle, am besten sagen können – meinte er. Mein Vetter? fragte ich befremdet; ich wußte von keinem. Nun ich dachte nur, antwortete Jener, weil er eben so heißt, Sie wären mit einander verwandt. – Dies gab mir ein Interesse mehr, dieser Weisung zu folgen, und den Mann meines Namens kennen zu lernen. Ich ritt desselben Tages noch hinüber. Es war im Mai. Ein Gewitter schauerte über die quellenden Saaten; doch sah ich wohl, es würde vor der Nacht nicht kommen. Ein eigenes Gefühl von Schwermuth oder Ahnung preßte mir die Brust, als laste ein nie getragenes Gewicht mir auf der Seele. So kam ich an den englischen Garten von Bühle. Die Sonne schoß eben einen goldrothen Pfeil auf das steinerne Windspiel, welches am untern Ende des Parks auf einem Postamente ruht. Es blickte mit todten Augen in den flammenden Köcher – ich weilte einen Moment an dieser Stelle und dachte: da liegt der Hund begraben! Gott weiß, durch welche Association der Ideen mich der Gedanke geisterhaft ergriff: es läge unter den dunkeln Schatten dieses Ortes irgend ein Geheimniß verborgen, was meiner Theilnahme angehöre! – Das große gothische Schloß, die Colonnade vor den Wohnungen der Beamten, schien mir schön aber düster, und ich gab dies Clair-obscure meiner innersten Auffassung der frühlingstrüben Atmosphäre Schuld. Innerhalb der Gehöfte war es auf die bängste Weise still, nur der Brunnen machte ein kühles Geräusch und die Wasserkufe schäumte über. Ich sah Niemand, den ich nach dem Rentmeister fragen konnte. Da öffnet sich leise eine Thüre hinter der Colonnade, ein Mädchen, kaum jungfräulich erwachsen, tritt hervor, ein feines Glas in der zarten weißen Hand, und wirft einen schüchternen Blick auf mich, den Mann zu Pferde. Es liegt etwas Poetisches, Major, in dem Anblick eines schönen Kindes am Brunnen; der Durst des Herzens, worin er auch bestehe, wird dadurch gelöscht. – Ich fragte höflich, ob ich den Rentmeister zu Hause anträfe? die Kleine nickte – es war Josephine.« Jetzt nickte auch der Major.

»Ich band mein Pferd an eine Säule und folgte ihr. Sie bat, daß ich einen Augenblick verziehen mögte, denn der Vater wäre krank, und sie müsse es ihm erst sagen, daß ihn Jemand zu sprechen wünsche. Ich wartete vor der Thüre zu ebener Erde; drinnen entstand ein ungastfreundliches Gemurmel, dazwischen hörte ich Josephinens Stimme wie vorbittend. Endlich winkte sie mir. Ich trat in ein tristes Zimmer. Grüne wollene Vorhänge verdunkelten es, und warfen noch bleichere Schatten auf einen kranken Mann, der bei diesen schwülen Wärmegraden in Betten eingehüllt auf dem Sopha saß. Eine Frau rückte ihm die Kissen zurecht, und schien, mit Sorgfalt um ihn beschäftigt, sich nicht um den Eintritt eines Fremden zu kümmern. Der Anblick dieses Kranken erschütterte mich. Ich stellte mich ihm vor, und fragte beklommen: ob unser Gleichname vielleicht Grund in einer entfernten Verwandschaft hätte! – Der Rentmeister lächelte – o! furchtbar lächelte er. Seine Antwort lautete: verwandt? nein, Herr Administrator, wir sind nur Brüder. – Mein Blick sah ihn mit – Entsetzen, mögte ich es nennen, auf die Wahrheit dieser Aussage an; dunkel hatte es mir vorgeschwebt, dieser Mann könnte der Sohn meines Vaters seyn. Er war gegen mich ein Greis, eine ganze Lebenslänge schien sich zwischen uns hinzuziehen; doch der verknüpfende Faden blieb und zerriß in jener Minute mein Herz. Jetzt wußte ich, warum mir so ahnungsvoll zu Muthe gewesen, was dieser Weg mir aufgebürdet hatte. Meines Vaters Freiheit hemmte mich wie eine Kette, deren tausendstes Glied noch getragen werden muß. Mein Bruder! und mir so todesfremd! – Getrennte Ehen sind es, welche eine Weltverbrüderung unmöglich machen, und das Band der Menschheit auflösen. Mit diesem stillen Bekenntniß legte ich mir selbst das Gelübde ab: scheiden lasse ich mich nimmer! – Ich wagte ein brüderliches Wort an den Rentmeister. Er nahm es nicht auf, und nannte mich Sie. Ihr Vater, Herr Prälat, sagte er, als ginge ihn dieser Name gar nichts an, verstieß mich im Mutterleibe, und wer einmal unter der Bank geboren ist, kommt nie auf. – Diese Worte deuteten mir langes Unglück an und einen zerbrochenen Geist. Eine Thräne schlich über die Wange seiner Gattin, welche sie verstohlen abwischte; Josephine schlich leise hinaus. Ich hatte nicht den Muth, nach seinen früheren Verhältnissen zu fragen. Spät ritt ich nach Hause. Der Donner rollte krachend, die Wolken waren Feuerschlünde, es regnete wie mit Giesbächen. Ich empfand wenig von der empörten Natur. Meine Seele bebte noch unter stärkeren Schlägen, und die einzige Thräne meiner Schwägerinn hatte mich mehr erweicht, als dieses Sturzbad. Sie werden leicht denken, daß ich nicht säumte wieder nach Bühle zu kommen; doch nur langsam gelang es mir, mich meinem Bruder zu nähern und Eingang in sein Vertrauen zu finden. Seine Frau, ob zwar auch zurückhaltend, war dennoch freundlicher mit mir. Ich merkte bald, daß sie zu den Stillen im Lande gehöre, und eben so, wie oft der Unmuth ihres Mannes über eine Frömmigkeit laut werde, die ihm doch in der Geduld, womit sie seine Leiden ertrug, zum Seegen gereichte. Aber mein Bruder war menschlichen Ansehens nach ein Mann des Todes, und sein Gemüth schien mir noch kränker. Wie viel die Frau für seine Pflege that: eine größere Kraftanstrengung entwickelte sie, seine Seele zu retten. Sie ließ seinen Eigensinn und die Natur gewähren, wenn er den Arzt nicht wollte; aber sie quälte ihn partout mit dem lieben Heiland.«

Der Major schüttelte den Kopf und sprach: »taugt nichts, daß solch heilige Liebschaft aufdringlich werde; der Mann muß dem besten Freunde die Thür des Hauses und Herzens selbst aufmachen.«

»Einst kam ich dazu,« fuhr der Administrator fort, »als Beide in streitendem Gespräch über die verstörende Ursache seiner jetzigen Leiden waren. Mein Bruder schwieg sogleich; aber Fabia, gestützt auf die Autorität ihrer Gottseligkeit, konnte nicht abbrechen, ohne weiblich das letzte Wort zu behaupten. Sie sprach: Sey nur getrost! es wird uns im Himmel wohl belohnet werden, so man uns um Gerechtigkeit willen verfolgen sollte. Da fuhr mein Bruder heftig auf. Um Gerechtigkeit willen? Frau, Du faselst! eine Schändlichkeit ist es, die ich werde verantworten müssen; ich sage Dir: es ist kein größerer Betrug erfunden worden. Der Glaube an eines Menschen Wort ist mein Unglück gewesen und mein Elend geworden – ich will Gott nun nicht mehr versuchen. Es lag eine Resignation darin, die mich mit kalter Hand durchgriff. Fabia entfernte sich; ihr Mann fiel erschöpft in einen fieberhaften Schlummer, ich ging seiner Frau nach. Sie stand im Gärtchen, begoß ein Blumenbeet mit ihren Thränen und rang in christlicher Verzweiflung die Hände über den weißen Lilien. Ich redete ihr zu. Fabia verklagte den unbeugsamen Sinn ihres Mannes, der jedem Gnadenmittel widerstände und nicht arbeiten möge an seinem Heil. Ein Luftzug führte die leise ängstliche Frage von ihren Lippen: ob er nur selig werden wird? Die Lilien nickten. Ich sagte, was ich dachte: daß diese Kinder ihres Schöpfers auch nicht arbeiteten im reinen Glanz ihrer Heiligkeit, und dennoch erständen zur Frühlingsfreude der verjüngten Erde. –

Fabia schien nicht einzugehen in diesen natürlichen Trost. Sie sagte: seine Mutter ist lediglich Schuld daran. Diese war ungewiß über den Vater – seinen Vater – darum zweifelt nun der Sohn an Gott! – So schob meine Schwägerinn ihren Scrupel, ob ihr Mann das ewige Leben haben werde, Denen zur Last, die ihm das irdische gegeben. Bald darauf ward es schlechter mit dem Bruder. Kurz vor seinem Tode übergab er mir die Sorge für seine Witwe, für sein Pflegekind, legte den Schlüssel zu einem wichtigen Geheimniß in meine Hände – dann drückte ich ihm die Augen zu. Das Recht eines Gestorbenen zu vertreten, darf ich keinen eigenmächtigen Schritt thun noch gestatten, eine schwere Verpflichtung hält mich an Fabia fest. Sie sehen also, wie viel mir daran gelegen seyn muß, Einigkeit unter den beiden Frauen zu erhalten: denn auch Therese – –« hier summte die elfte Stunde vom Klosterthurme. Der Major fuhr elektrisch zusammen, wie von diesem Schlage gerührt. »Elf! ich muß nun fort, und es wird mir den ganzen Tag seyn, als stäcke ich mit einem Arme nur im Aermel des Rockes. Ich habe dem Hauptmann Moorhausen eine Parthie Piquet vor dem Essen versprochen, und halte Wort, wenn auch ihm kein wahres Wort aus dem Munde geht. Das Genie dieser Art muß in den Endsylben dieses Namens wohnen: Moorhausen! Münchhausen! – Wie hat er uns vorgestern wieder belogen! er sprach von seinem Gute in P. – Wir lachten unvernünftig. Er nahm es nicht übel – das war honett. Aber – Ihre Geschichte, Freundchen ist mir in Wahrheit interessant; der Schutz, den Sie der Frau Fabia angedeihen lassen, hat seinen gediegenen Grund, ich bin nur curios, welcher Wind Ihnen die flatterhafte Therese zugewehet haben mag? – allzugroßmüthig seyn, taugt nichts.«

Das Reitpferd, worauf der Administrator täglich um diese Zeit die Ronde zu machen pflegte, ward vorgeführt. Der Major erhob sich mit steifem Gelenk, Faust schüttelte den schwarzen Mantel. Im Begriff zu gehen, sagte der Major: »da fällt mir ein, ich habe ganz vergessen, weshalb ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte ihnen auch ein Geschichtchen erzählen, was fabelhaft klingt: das Mährchen vom gläsernen Pantoffel. Mein Neffe – doch jetzt ist's zu spät; wo werden wir nur all' die Zeit zu den vielen Reden hernehmen?«

»Wir sprechen uns bald wieder –« vertröstete Herr Prälat, und griff nach seinem Hute. Er hatte sich die Brust doch etwas freier gesprochen. Es ist gut, wenn sich die Menschen zuweilen des Warums ihrer Bürden bewußt werden; die Nothwendigkeit, sie zu ertragen, wird ihnen alsdann klar und leichter.

Sanct Martin war und blieb gegen seine Gewohnheit hell und schön. Sonst hat an diesem Tage der Himmel Baumwolle feil, und die Luftgeister sind geschäftig, der Natur eine weiße warme Schlafmütze daraus zu weben. Doch heute schritt der Herbstheilige, der sonst winterrüstig erscheint, in heiterer Luftigkeit einher, und grüßte mit dem gelben Sommerhute so herablassend freundlich, daß die schläfrige Welt munter aufwachte und träumerisch hoffte, der Sommer wolle noch einmal wieder kommen. Hier und da zwitscherte ein schlaftrunkener Vogel, robuste Bäuerinnen verbauten die kleinen Fenster mit Moos, um im Grünen zu arbeiten – der klösterliche Invalidenstamm rückte lustig ins Feld.

Schwerlich dürfte der glänzendste Thé dansant im schönsten Salon der Residenz eine wichtigere, wenn auch andere, Beklommenheit der Erwartung erregen, als bei den Damen des Stiftes der simple Nonnenthee in Veronicas kleiner Zelle, wohin sie geladen waren. So sind die Vergnügungen der Geselligkeit, wie verschieden auch gestaltet und bedingt, sich doch in ihrer Wirkung überall gleich. Zudem machte der seltene Schritt aus dem engen Kreise heiliger Regel diese Einladung zu etwas Außerordentlichem, und die stille Geschäftigkeit der priesterlichen Jungfrau, der Opferrauch ihrer Küche oder Küchel, wie Veronica sie nannte – legten einen unbewußten und geheimnißvollen Altarwerth auf den kleinen Theetisch der Nonne.

Als es nun in den gewölbten Räumen des Klosterhauses zu düstern begann, die Schatten des Abends längs den kalten Wänden hinschlichen, flimmerte es schon lichterhell in Veronicas Stübchen. Mit dem Glockenschlage Fünf standen die Schwägerinnen und Josephine an dieser geweihten Thür, hier wußte man nichts davon, oder wollte nichts davon wissen – daß ein verspätetes Erscheinen für bedeutend gelte. Schwester Veronica empfing ihren Besuch erhitzten Angesichts und mit einer gewissen gastlichen Feierlichkeit. Die Zelle, noch immer ein geistliches Betstübchen, hatte nur einen Anstrich von Häuslichkeit bekommen, die jedoch in ihrer einfachen Beschränkung dem religiösen Charakter der Einrichtung nicht zu nahe trat. In einer Nische sah seit manchem Jahr die Mutter Gottes mit dem Kinde auf das jungfräuliche Bett herab; das Waschbecken und die Wasserflasche von englischem Zinn blinkten in Formen wie Geräthe der Sacristei, in die blendende Serviette über dem aufgeklappten Tisch war das Lämmlein mit der Kreuzesfahne gewebt, die Lichter von gelblichem Wachs warfen kirchlichen Schein, und bei jeder der drei Tassen lag ein kleiner Blumenstrauß, bei Josephinens aber der schönste. –

Therese, durch den gehabten Zwist und die spät erfolgte Versöhnung empfänglich gestimmt für den Eindruck solch einer Umgebung, sagte: »wie heimlich ists hier! wie hübsch! ich könnte gern hier wohnen, einzig und allein.« Josephine wußte hier Bescheid. Wie mit dem Vorrecht eines Kindes zog sie die grünen Bettvorhänge auseinander, schmiegte die warme Mädchenwange an die gesteppte Decke, schlug das blaue Auge gegen die dunkle Madonna auf – in diesem Wechselblicke lag eine Welt der Ahnung – und flüsterte: »wie traut! wie lieb! ich mögte ewig hier schlafen! –«

Frau Fabia sagte nichts der Art. Sie bewunderte das Compendiöse dieses Locals, lobte die Nützlichkeit des kleinen Sparofens, und sah dieser frommen Clause die häusliche Seite ab. Die Bouquets gaben dieser Winterstunde einen schwachen Hauch von Sommerduft, und die Damen freuten sich daran. Man wunderte sich, wie Veronica diese Blümchen so spät noch erhalten könne.

»Ich war von Kindheit an eine glückliche Gärtnerinn,« erwiederte die Nonne hierauf, »und schleppte mich mit Pflanzen hin und her, woraus mein Vater die Folgerung zog, ich würde eine treufleißige Mutter werden, die da Segen mit der Erziehung ihrer Kinder hätte.« Sie lächelte wundersam, wie über einen zerronnenen Traum.

»Schade!« sagte Fabia leise. Veronica hatte dies Wörtchen nicht gehört. Sie machte mit sichtlich gutem Willen, wenn auch nicht mit der Uebung einer Weltdame, die Wirthinn, schenkte Thee ein, warf Zucker in die Tassen, und besann sich alsbald, daß sich das nicht schicke, und das Maß der Süßigkeit dem Geschmack eines Jeden selbst überlassen bleiben müsse. – Dann präsentirte sie das lockende Backwerk, von den Schwägerinnen als trefflich gerühmt. Man bat um die Recepte, inzwischen las Josephine schon Eines. Sie hatte dies Papier an dem für sie bestimmten Platze unter dem Sträuschen liegend gefunden; es lautete: »nimm fünf Loth Ernst, zehn Loth Geduld, zwanzig Loth Sanftmuth, und hundert fünf Loth Demuth, dieses alles stoße wohl unter einander im Mörser des Glaubens, mit dem Stempel der Stärke, rühre ein Viertelpfund Hoffnung dazu, schütte es in die Pfanne der Gerechtigkeit, und lasse es bei dem Feuer der christlichen Liebe gar kochen. Alsdann bewahre es wohl, damit der Schimmel der Eitelkeit nicht ansetze. Mit dieser Salbe streiche Dich des Morgens und des Abends: es ist ein Mittel gegen die Hölle.«

Therese seufzte, als wäre der Athem ihres Busens mit all diesen Gewichten beladen. Die Nonne aber sprach: »ein Arcanum, der künftigen Hausfrau zu Nutz und Frommen! meine Mutter hielt es für probat.«

»Sagen Sie, Schwester Veronica,« fiel hier Therese ein: »sind Sie wirklich aus wahrem Klosterberuf Cisterzienserinn geworden? ich wüßte kaum, wie ich mir dies als möglich denken sollte.« Ihre Miene zweifelte. Die Nonne sah die lebenslustige junge Frau mit einem Blicke an, worin sich die schweigende Entgegnung aussprach: »Christum lieb haben, ist besser, denn alles Wissen –« und nach einem kleinen Besinnen antwortete sie: »die innersten Triebfedern kennt nur Gott allein, und das Herz mag sich zu tausendmalen eine sich der Welt entschwingende Seele bewegt haben; doch – wenn ich einen Rückblick auf mein langes Leben werfe, und auf den Gang meines Schicksals, der sich in diesen stillen Mauern endet, so mögte ich doch glauben, es sey des Himmels Wille gewesen, daß ich mich ihm weihe, und die frühesten Eindrücke des Gemüths, alle Umstände meiner Jugendzeit hätten dazu dienen müssen, daß meine Bestimmung erfüllt werde. – Im Keim der Zukunft ist die verhängnißvolle Blume eingeschlossen, und der Mensch entwickelt sich mit ihr. Unserer heiligen Märtyrer Einige, die in den Flammen gestorben, fingen damit an, den Finger in das brennende Licht zu halten, um zu versuchen, wie lange sie Feuerschmerz aushalten könnten. – Warum sollte ich es ihnen nicht erzählen? ist doch nun Alles überwunden.« Die beiden Frauen bezeigten ein neugieriges Interesse an dem, was ihnen Schwester Veronica mitzutheilen hätte, und setzten sich zum Hören zurecht; nur über Josephinens Gesicht glitt ein Schatten zarter Furchtsamkeit, als scheue sie es, daß ihre ehrwürdige Freundinn zur bloßen Unterhaltung Narben enthülle, die einst vielleicht schmerzlich geblutet hätten. Sie zog die schneebleiche Hand, welche keinem Mann angehört, sacht und seitwärts an ihre Lippen und küßte sie mit Ehrfurcht.

»Mein Vater,« begann die Nonne, »war ein gelehrter Mediziner und Arzt am Jesuiter-Collegio in B–. Sein einnehmendes Betragen, äußerst verbindliche Manieren, so weit ich mich deren erinnern kann – seine stattliche Gestalt und großen Kenntnisse, gewannen ihm aller Menschen Gunst und Zutrauen, weshalb er denn eine verbreitete Praxis besaß. So dächte man nun, meine Mutter müßte eine glückliche Frau gewesen seyn. Doch nicht also. Sie weinte oft still und bitterlich. Ich schmiegte mich dann als ein kleines Kind in die nassen Falten ihres Kleides, ohne zu verstehen, was sie so betrübe – späterhin ist mir die Quelle ihrer Thränen wohl klar geworden. Manche Zähre aus dem Auge der Gattin, was nicht blind war für die Abwege des Mannes, ist damals auf mein Haupt gefallen –: dies war die erste Salbung zur Klosterfrau. – Meine Mutter,« fuhr Schwester Veronica fort, »soll in ihrer Blüthe ausnehmend hübsch gewesen seyn.«

Die drei Zuhörerinnen sahen die Nonne auf den kindlichen Ruhm jener Schönheit an, die längst schon Staub war, im Einverständniß der Meinung, daß dies glaubhaft sey, und noch aus den dunkeln Umrissen des Alters ihrer Tochter erhelle.

»Mein Vater,« so war der weitere Verlauf der Erzählung, »hatte sie aus heftiger Zuneigung geheirathet, er scherzte zuweilen im Beiseyn der Freunde meiner Eltern oder Fremder über seine Bräutigams-Thorheiten – wie er sie nannte – die Mutter aber ging nie in diesen Ton ein. Sie blickte ernst und bekümmert dazu. Ich entsinne mich genau, daß dies eine Empfindung in meine Seele legte, als wäre die Liebe eines Mannes kein Glück, mindestens kein dauerndes Glück. Das Einkommen meines Vaters setzte sein Haus in Wohlstand. Wir sahen oft Gäste bei uns. Die elterliche Güte für mich, das einzige Kind, überschüttete mich mit kleinen Schätzen, ein unerfüllter Wunsch fand nicht Raum unter den angehäuften Spielsachen; dankbare Kunden meines Vaters beschenkten mich kostbar, und dieser Ueberfluß machte mich gleichgültig gegen den Besitz. – Meine Mutter hatte einen ältern Bruder, der war ihr Beichtvater und Erzpriester an der Stadtkirche. Niemand sah ich so gern kommen, als ihn, den freundseligen lieben Mann, dem der Trost unsichtbar zur Seite ging. Stets brachte er mir Etwas mit, woran ich besondern Gefallen fand, und immer war die Mutter ruhiger, wenn er einmal da gewesen. Diese Freude, dieser Frieden mischte sich in meine dämmernden Begriffe vom geistlichen Stande. Der Vater mogte ihn nicht leiden, und dies kränkte meine Mutter sehr. Einst zog mein Ohm, nachdem er mich lange hatte rathen lassen, was er in der weiten Tasche seines Rockes trüge, eine Puppe hervor, eine allerliebste Nonne von unserm Orden, und mein Entzücken darüber war unbeschreiblich. Ich küßte die Farben von dem kleinen Gesicht, daß es todtenweiß ward, und drückte die wächserne Brust mit solcher Innbrunst an die meine, daß sie zerspringen mußte. Am liebsten spielte ich Kloster, sang tiefe Weisen wie Choräle, was der Vater manchmal mit einem Fluche untersagte, indem er glaubte, ich spiele Begraben. – Er war, beiläufig gesagt, nicht von allem Aberglauben frei, hinsichtlich auf seinen Beruf.«

Therese unterbrach die Geschichte der Nonne mit den Worten: »man sagt, es soll von wesentlichem Einflusse auf das Geschick der Kinder seyn, an welchen Gegenständen sich ihr Liebessinn übe. Sie selbst, Schwester Veronica, liefern einen Belag zu dieser Erfahrung. Hätte ich einst ein Püppchen, ich ließe es nur mit Engeln spielen.«

Frau Fabia konnte nicht umhin zu erwiedern: »dann würde es nicht lernen, Menschen zu ertragen.«

Wir lassen es, der Wahrheit dieser Bemerkung unbeschadet, dahin gestellt, ob weiblicher Neid gegen das ihr versagte Mutterglück, oder verletzte Verehrung für die höhern Kinder Gottes, sie in Anregung gebracht habe.

»Die gute Mutter,« nahm die Erzählerinn den abgerissenen Faden wieder auf, »ließ mir ein kleines Sprachgitter machen, und lehrte mich in ahnungsloser Zärtlichkeit, wie ich mich dabei benehmen sollte. Gewiß ist es, daß diese kindische Spielerei mein Sinnen und Trachten richtete. – Doch hören Sie nur weiter. Zuvor aber noch eine Tasse Thee, ich bitte! er ist nicht stark.« Zeitweiliges Nöthigen. Das Geklirr der Tassen, der leise Guß des goldgelben Wassers, das Geprassel der mürben Brezeln und Mandelplätzchen, ein dankendes oder ablehnendes Wort, füllte die Pause der Geschichte, bis Veronica sie fortsetzte. »Das Haus meiner Eltern, worin meine Mutter geboren wurde, stand am Marktplatze, dicht neben dem sogenannten Rathskeller, den die Gebrüder Posca, ein paar Italiener, in Pacht hatten. Dort fanden sich die Patrizier der Stadt ein, und mein Vater ging jeden Abend – kaum machte der heilige Abend eine Ausnahme von dieser leidenschaftlichen Gewohnheit – in diese Tabagie, ein Gläschen Montefiascone zu trinken. Nur Geschäfte hielten ihn ab, doch nie Liebe für die Seinigen. Meine Mutter saß wie eine verwittwete früh und spät mit mir allein; es war dann so traurig und waisenhaft still um uns her, und die Uhr schlug manchmal schauerlich die zwölfte Stunde, ehe der Vater heimkehrte. –

Die Mutter ertrug zwar duldsam, was sie nicht ändern konnte, ich habe nie gehört, daß sie dem Vater deshalb Vorwürfe machte; dagegen nährte sie einen seltsamen Groll gegen die Menschen, die ihrer Meinung nach daran Schuld wären, daß sie so hintangesetzt würde, und ihr Haß erstreckte sich über ganz Welschland. Von einem italienischen Salat hätte sie nimmer einen Bissen angerührt; ich würde nur Gift und Galle essen – sagte sie einmal zu mir, als ich sie in Gesellschaft bat, von solch einer Schüssel ein wenig zu nehmen. – Mir war diese Nachbarschaft unbeschreiblich anziehend. So oft ich mit meiner Mutter im Dunkeln von einem Gange nach Hause kam, bat ich sie, vor den geöffneten Thüren dieser Unterwelt einen Augenblick stehen zu bleiben. Die Lampe, welche die feuchten Stufen erleuchtete, hatte einen zauberischen Schein, es zog mein Herz hinab – ich wußte nicht, wie? das fremdartige Rufen der dienstbaren Geister, die Glocke, welche geläutet wurde, wenn Einer der Weingäste etwas begehrte, brachte meine junge Seele in eine ganz eigene Schwingung. Die Mutter mußte mich mit Gewalt fortziehen, und ich erinnre mich, daß sie einst seufzend sagte: der Rathskeller hat Dir's angethan, wie Deinem Vater. – Einer der Brüder Posca hatte seine Familie noch in Verona, und nie ist dies sonderbare Verhältniß mir deutlich geworden. So war ich herangewachsen. Einst kam mein Vater in nächtlicher Zeit etwas benebelt heim – dies war sonst sein Fehler nicht. Ich lag zwischen Schlafen und Wachen mit dem Kopfe auf meiner Mutter Schoße und hörte das Gespräch der Eltern. Mein Vater erzählte, wie er diesen Abend dem Peter Posca die Hand darauf gegeben habe, daß, wenn sein Sohn, der das Geschäft fortführen sollte, nun käme, was zu erwarten, und hätte seinen Beifall: so solle er auch die einzige Tochter haben und sein Eidam werden. – Ich fühlte, wie meine Mutter erschrak, und elektrisch zuckte der Schlag dieser Worte durch meine Glieder. Du wirst doch unsere Clara – so hieß ich in der Welt – nicht einem Weinwirth geben? fragte sie mit bebender Stimme; solch ein Italiener, wenn er noch nicht gebleicht ist und kaum ein Wort Deutsch versteht, kommt mir vor wie ein Bandit. – Es gab eine feine Linie für meinen Vater, wo seine angetrunkene gute Laune in Jähzorn überging; auf dieser Linie schwankte sein Ton, womit er erwiederte: verlaß Dich darauf, mein Schatz! Clara wird den jungen Posca heirathen, und weder an seinem Kauderwelsch, noch an der schwarzbraunen Farbe seines Angesichts sterben. Wir haben mancher Flasche den Hals gebrochen, um dies Verlöbniß zu besiegeln. – Meiner armen Mutter mogte wohl das Herz dabei brechen. Es war mir, als hätte ich dies zu hören nur geträumt. Als ein Mägdlein von funfzehn Jahren, wußte ich mich die Braut eines Unbekannten, und dachte ich an die Vorstellung meiner Mutter, so durchbohrte ein ahnungsvoller Schmerz mir die Brust. Ich verlautete aber in jungfräulicher Schüchternheit nie eine Sylbe, daß ich davon Wissen hätte. Das Geheimniß, welches ich bewahrte, war jedoch nicht darnach, meine Aufmerksamkeit für die Nachbarschaft zu schwächen. Ein Geräusch am Rathskeller bewegte mich wie das Blatt der Espe, jede brünette Mannsperson brachte mich in Schrecken. Doch ging eine Zeit still hin. Ich hatte es von jeher geliebt, wenn die Frachtwagen mit den welschen Waaren kamen, dem Auspacken der Früchte und Delikatessen zuzusehen. Es geschah dies gewöhnlich in einem Hofraume, den das Fenster einer Hinterstube unsers Hauses bestrich. Die Atmosphäre vom Dunst feuriger Weine, die sich hier niemals verzog, betäubte mich angenehm, während sie meiner Mutter Kopfweh verursachte. Wenn ich die Citronen, sinesischen Aepfel, Datteln und Limonien aus Blätterschichten hervor nehmen sah und der südliche Duft herüber wehete: so war mir so sehnsüchtig zu Muthe, als wären diese Früchte vom Baum des Paradieses gepflückt; aber immer stand etwas Trauriges wie eine dunkle Gestalt mir vor der Seele. Beinahe war meiner Mutter so wie mir eine vergessene Sache, was ihr der Vater gesagt, als er eines Tages in das Zimmer trat, einen jungen Mann an seiner Hand, den er uns als den Sohn des Herrn Peter Posca vorstellte. Meine Mutter ward bleich wie der Tod, ich aber erröthete, daß mir die Stirn flammte. Der sah nicht aus, als könnte er Menschen berauben oder ermorden! ein wenig bräunlich nur war seine Gesichtsfarbe, wie ein schönes Oelgemälde, dem man es bewundernd verzeiht, daß der Künstler sich in etwas starken Schatten gefiel. Seine glänzend schwarzen Augen ruhten wie der höchste Gewinn eines Würfels auf mir – und der Wurf meines Schicksals schien mir ein erstaunenswerthes Glück.«

Bei dieser begeisterten Schilderung einer männlichen Persönlichkeit, im Munde einer alten Nonne, hustete die kühle Fabia, und sah bedenklich nach Josephinen hin, die gesenkten Blickes an ihrem Strickzeug eine Masche aufhob, welche ihr tief entfallen war. Therese aber rief erregt: »o das ist prächtig! der Gedanke des Vaters war so übel nicht. Mir däucht, die Frau eines Mannes, der offne Tafel hält, ohne daß sie sich mit Kochen und Backen plagen darf, und ein Lager für Gäste: müßte es gut mit haben und eine immer fröhliche Ehewirthinn seyn. Ich brenne vor Begierde zu erfahren, ob Sie den hübschen Jüngling noch genommen haben.«

Der schwache Schein einer längst gedämpften Flamme, wie wenn Asche ausglimmt, röthete Veronicas Wangen, als sie sprach: »was Sie äußern, schmeichelt dem Interesse meiner einfachen Erzählung. Sie vergessen jedoch, Frau Therese, daß ich eine Braut Christi geworden bin. – Ueberdies theilte meine Mutter Ihre Meinung nicht. Als der Besuch fort war und ich schweigend blieb, redete sie mich mit händeringender Geberde an: so ist es doch wahr! ich dachte schon, jener mir verhaßte Gedanke wäre mit deines Vaters Rausch verflogen, und hütete mich wohl, ihn daran zu erinnern. Mein armes Kind! jammerte sie, eine Kellerspinne sollst du werden, die hurtig hin und her läuft und darauf lauert, eine lose Fliege in das Netz zu bringen. Maria und Joseph! soll ich meine Tochter in den Keller betten? – Obgleich das mütterliche Herzeleid mich rührte und jenes Bild mir widrig war: so mußte ich doch lächeln, wie meine Mutter ein Sprüchwort anwendete, worin ihre tiefste Abneigung sich ausdrückte. – Von dieser Zeit an, besuchte uns der junge Nachbar zuweilen. Nie blieb er einen Tag länger aus, oder verweilte eine Minute über die gewöhnliche Frist. Diese Regelmäßigkeit ängstete mich heimlich; ich wußte selbst nicht warum? überhaupt war etwas in diesem Verhältniß, was mich wie ein leiser Zwang drückte. Von einer Heirath zwischen uns war die Rede nicht, und daß wir Brautleute wären, hätte uns Niemand angesehen. Ich leugne nicht, daß ich meinem Zukünftigen sehr gut war, und mir mit Vergnügen bewußt, wie ich zu ihm stände, wenn ich auch das Vorurtheil meiner Mutter schonte. Ludovico sollte sich erst in seine Lage eingewöhnen – hatte sein Vater gesagt. So saßen wir einander blöde gegenüber; ich fühlte ein ängstliches Bedürfniß, ihn zu unterhalten, als ob ich seine Langeweile empfände. Hatte ich auf sein Kommen gehofft: so sah ich nicht minder gern dem Augenblick entgegen, wo er aufbrechen würde – wußte ich ihn doch voraus. Manchmal preßte mir der Druck einer innerlichen Beklommenheit Thränen aus, die dann flossen, wenn er fort war. Dabei tröstete ich mich, daß er nicht recht fort könnte mit der Sprache – ich hoffte ohne Hoffnung –« die Nonne lächelte trübe: »die Liebe hilft auch einem Stummen aus.«

Eine Solche ward jetzt redend. »Aber liebe Veronica,« sprach Josephine, die ihren Mund noch nicht aufgethan, »was man am tiefsten fühlt, läßt sich oft am wenigsten sagen – der junge Herr kann auch aus Liebe geschwiegen haben.«

»Schweige Du, voreiliges Kind!« herrschte Fabia mit leiser Strenge ihrer Pflegetochter zu: »Du kannst hierüber noch gar nicht urtheilen.«

»Ich dächte doch!« meinte Therese, und ihr Lächeln nahm Partei für diese.

Veronica blickte das verschüchterte Mädchen zärtlich dankbar an. Sie wußte wohl, welchen Glauben Josephinens Worte ansprächen.

»Oft ist es so, mein bestes Kind,« sagte die Nonne zu dem Liebling ihres Herzens: »allein hier war es nicht der Fall. So oft Ludovico kam, beschenkte er mich mit einer artigen Kleinigkeit. Ich durfte nur etwas lobend erwähnen, so dauerte es nicht lange, es war mein Eigenthum. Dieser aufmerksame Sinn, mir eine Freude zu machen, täuschte mich in dem Gedanken, er wolle mein Glück. Ludovico trug einen Ring an seinem Finger, der mir in die Augen stach; er war vom feinsten Golde, mit dem Bildniß einer Mater dolorosa in Mosaik ungemein künstlich gearbeitet. Dieser Ring war das Einzige, was er meinem sichtlichen Wunsche vorenthielt, und zufällig sagte er einst, daß es ein Andenken von seiner verstorbenen Mutter wäre. – So war länger als ein Jahr vergangen, und jetzt äußerte mein Vater, daß unsere Verlobung in einiger Zeit vollzogen werden würde. Doch ehe ich mich meinem Ziel nähere, muß ich zuvor noch etlicher bedeutsamen Umstände erwähnen. Vielleicht war es in Folge der Unruhe meines Gemüths, daß ich mich damals etwas kränklich befand. Mein Vater glaubte nicht recht daran, wie denn Aerzte in der Regel Uebel, woran die Ihrigen leiden, für unerheblich halten. Die hochselige Gräfinn Frankenstern beehrte meinen Vater mit ihrem Zutrauen. Wenn sie mit ihrem Gemahl auf den hiesigen Gütern war, bediente sie sich seines Rathes, eines Schadens wegen, der, wie mein Vater meinte, leicht in ein Krebsgeschwür hätte ausarten können. Auch in jenem Herbste kam sie nach B–. Sie fand mein Aussehen verändert, und erkenntlich für geleistete Hülfe, forderte sie meinen Vater auf, mich ihr auf ein paar Wochen mit nach Bühle zu geben, zur Zerstreuung, wie die Gräfinn sagte. Mein Vater war zu höflich, um der vornehmen Dame diese gnädige Bitte abzuschlagen, meiner Mutter flehender Widerstand, mein eigenes Wollen oder Weigern kam dabei nicht in Betracht. Indessen gefiel es mir doch ganz wohl in Bühle. Die Gräfinn war die Leutseligkeit und Liebe selbst, eine wahre Seele von einer Frau! – Morgen, mein Clärchen, sagte sie am zweiten Abend, wird eine Novize in Sanct Capella eingekleidet; hast Du das schon gesehen? Wir werden hinüber fahren. Ich verneinte; es war mir unbeschreiblich lieb, daß es sich so träfe, und ich konnte den folgenden Tag kaum erwarten. Die geistliche Hochzeit wurde mit größter Pracht vollzogen. Die Nonne, welche Profeß that, war eine reiche Erbinn von Hardt. Die Sage ging, sie hätte sich die Untreue eines Geliebten zu Gemüth gezogen. Das wunderschöne Frauenbild von edlem Wuchs, im vollen Brautschmuck, flimmernd von Geschmeide, darin die Kerzen der Altäre widerstrahlten, die Gestalt des hochwürdigen Bischofs –: alles, was ich sah und hörte, machte einen mächtigen Eindruck auf mich. Wie nun die Orgel erbraus'te und bebte, lös'te sich mein Wesen in erschütternden Gefühlen auf. Ich wurde hingerissen von dem heiligen Strom. Alles Irdische versank, ich sah in den offnen Himmel der Kirche und in meiner Brust rief es: De profundis!«

»Schwester Veronica,« sagte Fabia, indem sie die Hand der Nonne faßte, als wolle sie ihr mit dieser Bewegung Einhalt thun, »werden diese Erinnerungen Sie auch nicht allzusehr angreifen? ich dächte –« sie redete nicht aus. Vielleicht war dem Protestantismus Fabiens jene Schilderung noch ungleich aufregender, als dem stillbegeisterten Gemüth der klösterlichen Jungfrau. Diese schüttelte den Kopf und sprach: »nein, nein! lassen Sie mich nur ruhig auserzählen. Ich sah das Kleid von Goldbrocat fallen wie eine verachtete Zier – die blonden Haare – der Bischof schnitt mir in das Herz – und das Fräulein aller Eitelkeit baar, der Welt absterben. – Während dieser ergreifenden Ceremonie wurde eine Glocke geläutet. Mir summte es schwer vor den Ohren, ich war einige Secunden ohnmächtig. Wenn ich an den Blick dachte, den die junge Nonne, ehe sie, von dem Convent in die Mitte genommen, auf das gefüllte Schiff der Kirche warf, und dann durch die Thüre verschwand, welche nach dem Innern des Klosters führt; so schwamm ihr Bild vor meinen Augen. Als ich am Abend jenes denkwürdigen Tages mich allein befand, und meine Haare auflösete, bemerkte ich, daß sie genau von derselben Farbe wären, wie die des Fräuleins von Hardt, welches knieend vor dem Bischof das stolze Haupt in seinen Schoß beugte, daß es seines Schmuckes beraubt würde. Während sich diese Scene meinem Gedächtniß wiederholte, entflocht ich die langen Zöpfe, und ließ sie wellenartig durch meine Finger gleiten. Da fällt etwas mit leisem Geklingel zu meinen Füßen – es war eine silberne Scheere, die ich unversehends vom Tisch gestreift hatte. Eine innere Stimme raunte mir zu, daß dieser kleine Zufall vorbedeutend wäre, und unter einem Nervenfrösteln legte ich mich zur Ruhe. – Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin einzuschalten, wie es mir vorkommt, als ob in jedem öffentlichen Opfer eine geheimnißvoll anziehende Kraft zur Nachahmung läge, welche verschwistert ist mit dem Reiz der Traurigkeit und der Gefahr. Und wie verschieden es auch sey – mein Heiland bewahre mich vor dem Vergleich! ein reines Herz am Hochaltar den Lockungen der Welt zu entziehen – oder ein verbrecherisches Leben auf dem Hochgericht in die Hände seines Schöpfers zurückzugeben: eine ähnliche Tiefe der menschlichen Seele ist es gleichwohl, darin es liegt, daß Todesstrafen weniger abschrecken als sie sollten. – Bei meiner Nachhausekunft fand meine Mutter, daß eine Veränderung mit mir vorgegangen wäre. Sie suchte mich durch allerhand erheiternde Mittel zu zerstreuen. Am Andreas-Abend gossen wir üblicher Weise geschmolzenes Blei. Der Geist Gottes, den wir solchergestalt versuchten – schwebte über dieser kleinen Wasserfläche. Ich zeigte der Mutter die Form, welche sich meinem Guß gebildet hatte. Nun das ist ja ganz natürlich wie eine Abtei mit Thürmen und Kreuzen – sagte sie: Du wirst uns doch nicht ins Kloster gehen wollen, Kind? und da die gute Mutter hinsichtlich meiner Zukunft keines Scherzes fähig war, der nicht ein wenig bitteres Salz gehabt hätte, so setzte sie lächelnd hinzu: viel eher hätte ich gedacht, Du würdest kleine Tönnchen, worin man Sardellen und Kapern voraussetzte, oder ein kugelrundes Weinfaß fischen. – Ich betrachtete schweigend mein bleiernes Schicksal. Doch genug hiervon; meine Erzählung mögte sonst ihre Geduld ermüden. Das Jesuiter-Collegium besaß ein uraltes Gebäude vor dem Thore, welches, seiner schönen Lage wegen, theilweise in wohnlichen Stand gesetzt worden war. Der schöne Garten daran, mit tropischen Gewächsen bepflanzt, war zu einem wissenschaftlichen Zweck eingerichtet worden, und mein Vater, der die Botanik leidenschaftlich liebte, durfte ihn gewissermaßen als den seinigen betrachten. Hier verlebten einige Familien der Professoren die wärmere Jahreszeit, zumeist solche, die ein kränkliches Mitglied hatten. Auch uns waren des Anrechts wegen, welches sich mein Vater an dem Garten erworben, ein Paar der besten Zimmer eingeräumt, und ich freuete mich stets auf den Tag, wo wir unser Sommerlogis beziehen würden. Unter dem Dache dieses Hauses wohnte ein Sprachmeister, Namens Tamdio, hoch genug, daß die hectische Brust des ungesunden Mannes, hier Luft des Himmels trinken konnte. Mein Vater hatte dem armen Tamdio dies bescheidene Plätzchen ausgewirkt, wo er gleichsam einen Thurmwart vorstellte, der, ob auch mit kurzem Athem, gegen Jedermann das Lob seines Arztes und Wohlthäters ausposaunte. Dieser hatte ihm den Unterricht verbieten müssen, weil das viele Sprechen seine kranke Brust angriff; nur einige wenige Stunden setzte seine Tochter fort, die allgemein für ein wackeres Mädchen, und für eine nette Stickerinn galt. Er hätte sonst ohne diese Sprachfertigkeit seiner Tochter und den Fleiß ihrer kunstreichen Nadel, verhungern müssen. – Wie groß nun auch der Abscheu meiner Mutter gegen meine heranrückende Verbindung war: so vergaß sie doch nichtsdestoweniger alle die kleinen und größeren Besorgungen, welche ein Brautstand in optima forma erheischt. Zwar hatte Ludovico bis jetzt noch kein Wörtchen gegen mich fallen lassen; aber eine Heirath war damals nicht das Recht gegenseitiger Zuneigung, sondern lediglich die Angelegenheit elterlicher Autorität und eine Pflicht des kindlichen Gehorsams. Sie lachen, Frau Therese? ja, und doch gab es zu jener Zeit weniger unglückliche Ehen als jetzt. Eines Tages sprach meine Mutter mit mir über die Geschenke, welche dem künftigen Bräutigam zu machen wären, und führte unter ihnen auch eine Verlobungsweste auf. Ich dächte, wir nehmen paille Atlaß, sagte sie, und ließen die Klappen und Taschen mit einer Borde sticken, und zerstreute Blümchen in die Mitte. Was meinst Du? – Wir wollen des Sprachmeisters Tochter herunter bitten lassen. – Die junge Tamdio kam. Ihr Aeußeres war mir sonst nie aufgefallen; da sie nun jetzt vor uns stand, erschien sie mir sehr interressant – wie man heut zu Tage zu sagen pflegt. Man hätte sie nicht schön nennen können, vielleicht kaum hübsch; aber es lag ein Ausdruck in ihrem Gesichte, der unbeschreiblich rührte. Was sie sprach, klang wie traurige Musik, und wendete mir das Herz im Busen. Meine Mutter redete im Tone ruhigen Bestellens über diese Arbeit, welche sie der äußersten Mühsamkeit der Stickerinn dringend empfahl, weil es ein Brautgeschenk werden solle. Bei diesen Worten ward das Mädchen todtenblaß, und ihr Auge erlosch, wie ein Licht ausgeht. Sie sind wohl unpaß, armes Kind, vielleicht vom vielen Sitzen? fragte meine Mutter, unbekümmert, daß sie diese Anstrengungen vermehre. Wie geht es denn mit ihrem Vater? Er hustet stark, antwortete das Mädchen mit schwankender Stimme, und meine Hoffnung wird täglich schwächer. Diese Nacht hat er wieder ein wenig Blut ausgeworfen – meine Mutter versprach, den Vater hinauf zu schicken, sobald er käme. Sie verlangte nun, ich solle die Blumen und das Dessein bestimmen. Mir that das Mädchen sehr leid, und so äußerte ich: wir könnten es ja noch lassen. Nein, sagte meine Mutter, es stehet geschrieben: was du thun willst, das thue bald. Ich wählte also ein Muster von Vergißmeinnicht. In dem niedergeschlagenen Blicke des Mädchens ging ein Schein von Beifall auf, die Mutter aber tadelte mich und sprach: Vergißmeinnicht! das hätte wohl keine Art, und sähe aus wie ein Andenken. Du vergissest jedoch, daß Dich der Bewußte so gut wie in der Tasche hat – womit sie darauf anspielte, daß ich mich nach dem Willen des Vaters heimlich für ihn malen ließe, und mein Bild ihm in die Westentasche gesteckt werden sollte. Das Mädchen griff rasch in die ihrige, und zog ein Tüchelchen hervor, mit welchem sie sich die Stirn trocknete. Ich achtete dessen nicht, es war sehr warm an jenem Tage. Eine Woche mogte seitdem vergangen seyn,« fuhr Schwester Veronica tiefathmend fort, »als eines Abends ein schweres Wetter aufzog. Auch der Odem meiner Seele war schwül; Ludovico war mir seit einiger Zeit sehr trübe vorgekommen. Ich legte mich ans Fenster, um in den Kampf der Wolken zu schauen; meiner Mutter schwache Augen vertrugen den Blitz nicht. Sie setzte sich in ihr Schlafgemach hinter verschlossene Läden und betete. Grade unter meinem Fenster war eine Mauerblende mit einem eisernen Gitter und steinernen Sitzen nach Außen. Ein breiter Ahorn wölbte sich schirmend um diesen kühlen Versteck. Ich starrte in die Finsterniß hinaus, mit Gedanken an meine Zukunft, die nicht viel heller waren. Da war es mir, als sähe ich bei dem schwachen Leuchten der Blitze den Schatten eines Mannes um die Blende wanken, und alsbald vernehme ich ein klagendes Geflüster, wie von Innen. Es dauerte nicht lange, daß ich in der antwortenden Stimme die meines mir zugedachten Bräutigams erkannte. Er nannte Diejenige, mit der er zu dieser unheimlichen Stunde Zwiesprach hielt, seine Clara, und an dem Tone, womit er diesen meinen Namen aussprach, der zu jener Zeit so allgemein war, daß ihn die meisten Töchter unserer Stadt führten, an diesem Tone hörte ich, daß ich seine Clara nie gewesen, noch werden würde. Schrecken und Eifersucht bewaffneten mein Gehör, so daß mir keine Sylbe entging, obgleich jede mein Herz durchdrang. Ludovicos Gegenstand mogte ihn bitten, sich bei dem näher kommenden Sturm nicht zu verweilen, denn er sagte, die Gewitterwache stände am Thor, und dieses bliebe offen, bis sie abziehen könnte. Dann schien er sich gegen zärtliche Vorwürfe zu vertheidigen. Er nannte mich ein liebes gutes Mädchen, welches er aber nicht lieben könne, weil es ihm aufgedrungen werde, und nur nehmen müsse, gezwungen durch den Willen seines Vaters, der den meinigen für einen Crösus halte. Er sprach sein Sträuben gegen diese Heirath aus, und wie er den Tag der Verlobung so lange als möglich zu hintertreiben suchen werde. Er betheuerte: die Mutter Gottes solle ihn in Angst und Noth verlassen, so er jemals Der vergäße, die einzig und allein seine Liebe besitze. Ich bin unglücklich, so lange ich lebe, sagte er, doch ewig werde ich Dein gedenken. – Reiche mir Deine Hand aus dem Gitter, bat Ludovico, daß ich Dir diesen Ring an den Finger stecke, das Liebste, was ich habe. So sind wir verlobt für den Himmel, jenes Gelöbniß hat nur irdische Dauer. – Ach! der Mensch sollte nie weder so bestimmt, noch so vermessen reden! Gott ists allein, der da bindet und lös't. Ein fürchterlicher Donnerschlag schlug ein, ich wünschte, dieser Blitz mögte mich zum Tode getroffen haben. Meine Seele war zermalmt, und betäubt taumelte ich hinweg. Diese Nacht war die schrecklichste meines Lebens. Ich rang zu Gott, daß er mich stärken möge zu einem Entschluß; denn Ludovicos Frau konnte ich nun nicht werden.«

»Arme Veronica!« rief Therese mitleidig, »es ist entsetzlich, aus einer hoffnungsvollen Täuschung so zu erwachen! –«

»Und doch war es gut, daß es nicht später geschah,« sprach Frau Fabia mit prädominirender Vernunft und Erfahrung. Nur Josephine wagte leise zu sagen: »ach! und auch der Ludovico dauert mich. Er ist doch wohl am unglücklichsten daran.«

»Das dachte ich auch!« äußerte die Nonne, und fuhr mit bewegter Stimme fort: »wie nun der Morgen tagte, der schönste Frühlingsmorgen! da fühlte ich, daß meine Blüthen gefallen wären, für immer. Die Natur war erfrischt, die Vögel sangen lustig in den Zweigen – wie mir zu Muthe gewesen, ich mögte es nicht schildern können. Es war sehr zeitig, die Eltern schliefen noch – da ging ich nach der Stadt auf den Pfarrhof, um mit meinem Ohm zu sprechen. Die wenigen Leute, welche mir begegneten, strichen gespensterisch an mir vorüber, meine Schritte wankten, wie über einem Abgrunde; ich hatte kaum Kraft die Klingel zu ziehen, die in der nüchternen Stille so nächtlich laut hallte, daß mir ein Grauen ankam. Mein Fuß zögerte, über die Schwelle zu schreiten, als gäbe es kein Entrinnen mehr für mich. Der gute Erzpriester war schon auf und im Garten beschäftiget, Ranken und Reben anzubinden, die der Sturm der verwichenen Nacht wild auseinander gerissen hatte. Sein Gesicht war voll Sonnenglanz. – Dieser traute Anblick überwältigte mich – ich sank an seine Brust, und weinte laut. Er hielt mich bestürzt in seinen Armen; kein Unglück war so groß, daß er es nicht in meiner Verstörung, in der schmerzbewegten Fluth von Thränen gesucht hätte, die an den Blumen seines Schlafrocks niederfloß. – Ich sagte ihm nun, wie, nachdem ich lange mit mir gekämpft, ich nun gewiß wäre, daß ich den jungen Posca nicht heirathen könnte, indem ich eine unbezwingliche Neigung in mir fühlte, den Schleier zu nehmen, und nur fürchtete, die Eltern würden mir ihre Einwilligung versagen. So bäte ich ihn denn inständigst, meines Wunsches Wort bei der Mutter zu führen. Was den Vater anbeträfe, so wollte ich erst Vertrauen und Muth fassen, da ich von seiner Seite auf starken Widerstand gefaßt seyn müßte; weshalb ich denn auch so zaghaft wäre.« –

Mein Ohm schüttelte den Kopf und sprach: »wäre mir dies doch nicht im Traume eingefallen! ist es auch nicht etwa nur eine flüchtige Einbildung von Dir? besinne Dich, liebe Clara! Nonne werden, und allen Freuden des Lebens absterben, ist kein Kinderspiel, und ich mache mir einen Vorwurf daraus, daß ich Dir vielleicht mit jener Puppe die erste Idee dazu an die Hand gegeben habe. Ist es mir doch nie so vorgekommen, als ob Du Deinem Liebsten abgeneigt wärest! ich fürchte, Du verschweigst das Wichtigste hierbei! – Doch um keinen Preis hätte ich meinem Ohm die Wahrheit entdecken können. – Wenn Gottes Absichten vollführt werden sollen: so muß es sich wunderlich schicken. Wer meinen Vater gekannt hätte, seinen Haß, o, daß ich es sagen muß! gegen die Geistlichkeit im Allgemeinen und gegen die klösterliche insbesondere – seine Ueberschätzung alles Eitlen, sein Trotz, wie er den Glücklichen dieser Welt eigen ist, womit er einen einmal gefaßten Vorsatz fest hielt: Der würde es für ein Unmögliches gehalten haben, daß er meinem Wunsch sich nicht nur füge, sondern ein williges und willkommenes Sühnopfer für sich selbst darin sähe. Und dennoch mußte ein gewaltsamer Umstand mir dazu behülflich seyn.« Hier hielt Schwester Veronica lange inne, und ein tiefer Seufzer ihrer Brust säuselte durch die hochgespannte Stille. Dann fuhr sie mit unterdrückter Stimme fort: »die Heiligen segnen die Seele meines Vaters! ich weiß nicht, ob es mir als Tochter wie als Nonne ziemt, daß ich einer Geschichte erwähne, die einen Schatten auf sein Grab wirft, obgleich die Zeit von funfzig Jahren Gras darüber wachsen lassen! Wenn ich es thue, so geschieht es in dem Vertrauen, daß die Ruhe seiner Asche nicht dadurch gestört werde. Sie mögen sich selbst überzeugen, wie es möglich war, daß ein Mann von so sanguinischen Meinungen, wie mein Vater, plötzlich so erschüttert werden können, daß sein ganzes Wesen eine totale Umwandlung erlitt. – Mein Vater hatte sich der Wittwe eines Chirurgen thätig angenommen. Die Frau stand nicht im besten Rufe und mogte auch leichtsinnig genug seyn; ihr seliger Mann, dessen Geschäft sie fortsetzte, in seinen niedrigsten Functionen wenigstens – hatte sie barbieren gelehrt, auch über den Löffel – zur Ungebühr, wie mir däucht; denn sie verstand es sehr von selbst, den Männern um den Bart zu gehen. Die arge Welt legte der Betriebsamkeit meines Vaters für das Beste dieser Frau, der Pünctlichkeit, womit er sie besuchte, und dem weichen Polster ihres Wittwenstuhls, eben keine bewegende Feder unter, die von gediegenem Golde gewesen wäre. – Dies Verhältniß war der stille Schmerz meiner guten Mutter. Als mein Vater eines Abends wie gewöhnlich zu dieser Wittwe geht und in die unverschlossene Stube tritt, ist es dunkel darin, nur der Mond scheint auf die Gestalt der Frau, welche schweigend mit verhülltem Kopf hinter der Thüre lehnt. Mein Vater, der da glaubt, sie habe Versteckens mit ihm spielen wollen, eilt scherzend auf sie zu – doch welcher furchtbarer Ernst schreckt ihn zurück! seine Freundinn hängt an ihrem Schürzenbande, und mein Vater – er selbst! muß sie mit einem Rasirmesser losschneiden.«

Die Zuhörerinnen schauderten – Josephine legte beide Hände vor ihr unschuldiges Gesicht. Und Schwester Veronica sprach! »ja, mein Kind, wir müssen wohl den Blick schonend bedecken, der auf solch einen tiefen Fall trifft! nie ist der Grund aufgefunden worden, warum die Frau sich ein Leides gethan. Mein Vater mußte, da der Kreisphisikus erkrankt war, der gesetzlichen Section ihres Leichnams beiwohnen, und diese Amtspflicht, der er sich nicht entziehen wollen, um sich vor den Augen der Menschen keine Blöße zu geben, hatte seine innersten Lebenskräfte angegriffen. Dieses unglückselige Ereigniß hatte sich an jenem Abend begeben, wo ich auf andere Weise Todesweh empfand. – Auch mir war es aus reinerer Schaam Bedürfniß, mich in der Achtung des Einen herzustellen, der mich höchstens bemitleiden können. Die Geschichte machte ein ärgerliches Aufsehen, es war, als ob der böse Würgengel vor meinem Vater herginge, und, um sein Unglück zu vollenden, starben ihm damals mehrere seiner bedeutendsten Patienten. Meine Mutter hatte in eben der Stunde, wo ich vom Pfarrhof zurückkam, die erste Kunde von dem Geschehenen erhalten. Sie würde es daher kaum gemerkt haben, wenn ich als eine Gestorbene aus dem Grabe wiedergekehrt wäre, und so bleich ausgesehen hätte, wie ich nun wirklich vor ihr stand. Wir finden es daher gewiß ihrer Stimmung angemessen, und auch folgerichtig, wenn wir ihr eingewurzeltes Vorurtheil gegen die Heirath mit dem Italiener bedenken, daß sie, als ich nach einigen Tagen ihr im Beiseyn des Erzpriesters meinen Wunsch eröffnete, mir zur Antwort gab: ich segne Deinen Entschluß, meine Tochter. Viel lieber will ich Dich im Schoß der Kirche, oder auch in den Mauern der Gruft aufgehoben wissen, als in den Armen eines Mannes. Willig reiße ich die Blume meiner Freuden aus dem mütterlichen Herzen, wenn ich weiß, daß Dir die Dornen der Ehe erspart bleiben. – In dieser Aufregung meiner Eltern unterdrückte ich möglichst den Tumult meiner eigenen Gefühle, nur das Verlangen sprach laut in mir an, zu wissen: Wer das Mädchen sey, dem Ludovico seine Liebe geschenkt, ich meinte ruhiger zu seyn, wenn ich es wüßte. Wie aber sollte ich es erfahren?«

»Ja,« rief Therese, und rückte unruhig auf ihrem Stuhle hin und her, »diese Neugier hätte mich auch gemartert, und ich würde jedem Mädchen im Hause auf die Finger gesehen haben.«

»Das that ich auch,« erwiederte die Nonne lächelnd, »aber leider fand ich wenig Gelegenheit dazu. Zu jener Zeit herrschte auch unter Hausgenossen eine gewisse Zurückhaltung des Umgangs; die Töchter der Professoren hielten zusammen und mich für stolz, womit so oft der Sinn für Einsamkeit verwechselt wird, und die Fähigkeit, sein eigener Freund zu seyn. Indem ich nun Tag und Nacht darüber nachsann, Wen ich mir zum Fürsprecher bei meinem Vater erwählen könnte, und – da die Zeit drängte, ich mit unschlüssiger Angst bald an die Gräfinn Frankenstern dachte, bald in Ueberlegung nahm, ob ich mich an den alten Posca selbst wenden sollte, der als ein bigotter Mann Scheu getragen haben würde, die Rechte seines Sohnes gegen den Herrn Jesum Christum geltend zu machen, war mir der Ring, und wer ihn trüge, wirklich ein wenig ins Vergessen gekommen. Den Ludovico hatte ich seitdem nicht wieder gesehen. Nach einigen Tagen kommt des Sprachmeisters Tochter und bringt die fertige Weste. Das Muster blühete nur so, und war mit dem reizendsten Gusto ausgeführt. Meine Mutter breitete den Atlas vor mir aus, und als ich die Vergißmeinnicht sah, die ich ahnungsvoll gewählt: da schwellten meine Augen und ein großer Tropfen fiel auf die abgezeichnete Tasche, die mein Bildniß hatte bergen sollen. O weh! sagte meine Mutter betroffen, was hast Du da gemacht? – O das schadet nicht, versicherte das Mädchen, die Farbe ist ächt, Sie werden es sehen. Darauf nahm die junge Stickerinn den äußersten Zipfel des Seidenzeugs, und rieb damit fadengleich die feuchte Stelle. Auf dem reibenden Finger aber – erblickte ich Ludovicos Mater dolorosa, und fühlte ihre sieben kleinen Schwerter in meiner Brust. – Ich besann mich, daß Ludovico bei dem Sprachmeister Unterricht genommen, ich wußte auch, daß seine Clara italienisch spräche. Dies arme, geringgeachtete Mädchen mit der kummervollen Leidensmiene stand vor mir, so glückbegünstiget, als ob ein Königreich an ihrem Finger funkelte. – Ich weiß nicht, in welche Verbindung ich es setzen soll, daß mir bei dem Lichte, was mir nunmehr über den ganzen Zusammenhang der Dinge aufging, jeder Schatten von Furcht vor meinem Vater verschwand. Noch an demselben Tage redete ich mit ihm. Ich unterstützte die getroste Bitte durch Alles, was meiner Meinung nach wirksam auf ihn seyn könnte, als zum Beispiel: daß ich aus guten Gründen glauben müsse, Herr Peter Posca halte ihn für unermeßlich reich, und solch ein Rechnungsfehler bei einem Kaufmann, ergäbe kein verläßliches Facit. Dann würde er wohl als Arzt bemerkt haben, wie dessen Sohn zum Heimweh hinneige, und wenn der Alte einmal das Zeitliche gesegnet, könnte es kommen, daß ich mit Ludovico über Berg und Thal in ein fremdes Land werde ziehen müssen. – Daß mein Vater mit den Italienern seit einiger Zeit nicht mehr auf dem alten Fuße stand, daß ihm die Idee unserer Verbindung selbst leid geworden, davon wußte ich nichts, als ich mit dringender Beredsamkeit an dem verknüpften Bande lockerte, als ob ich es Wunder! wie unauflöslich hielte. Sieh da! der Faden war schon gelös't. – Mein Vater ließ mich ausreden, tödtlich stumm. Dann sagte er: thue, was Du nicht lassen kannst! ich will Dich weder hindern noch zwingen. Dieser leichte Sieg war über mein Erwarten. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und rief: lieber Herr Vater! ist dies auch wahrhaftig wahr? – So will ich Gott mein Herz weihen, daß er Ihnen seinen Segen dafür gebe, lebenslang für Sie beten, und als Ihr treues Kind ersterben. – Diese Freude schien ihn zu erschüttern; thue es – sagte er mit erstickter Stimme; und zum erstenmale sah ich seine Augen benetzt. Mir aber hatte sich eine Compresse vom Herzen gelös't, und es blutete aus tiefen Wunden. Ich bat meinen Vater, daß er mir noch eine Bitte gewähre. Wenn der alte Tamdio ausgelitten haben würde, was nicht mehr lange dauern könne, dann mögte er die Clara an Kindesstatt aufnehmen, daß dies verlassene Mädchen elterlichen Schutz, und meine Mutter eine Tochter hätte, die ihres Alters Trost und Pflege würde. – Er versprach es mir. Nun übrigte mir noch das Schwerste. Kaum eine Stunde nachher kam mein zukünftiger oder gewesener Bräutigam, und warb in einer entschlossenen Rede um meine Hand. Ich bebte an allen Gliedern, da ich sprach: Herr Ludovico! ein langer Irrthum hat zwischen uns gewaltet: ich bin Willens, des Himmels Braut zu werden und keines Mannes. Hätte ich Einen gewählt, Sie würden es gewesen seyn, denn ich schätze Sie sehr hoch! – Hier ergriff er meine Hand – ich fühlte einen heftigen Druck, und mit gepreßtem Athem fuhr ich fort: ich habe meinen Eltern eine Nachfolgerinn gegeben, die an meine Stelle träte, Clara Tamdio – ein braves Mädchen, welches das beste Glück verdient. Wenn Sie künftig das freundschaftliche Verhältniß zu unserm Hause fortsetzen: so gedenken Sie auch meiner. – Ich wagte es, in sein Angesicht zu schauen; es sah aus wie von Marmor, sein Blick war gebrochen – und Freude war es nicht, was seine Züge versteinte. Clara, rief er, ist dies möglich? mein Name in seinem Munde, hatte bei dieser Frage einen andern Klang als sonst – dieser Augenblick war mein glücklichster.«

Die Nonne verstummte in bewegter Erinnerung. Alle schwiegen. Nach einer Pause fuhr Schwester Veronica fort: »an dem Tage, wo ich mein Noviziat antrat, begrub man den Sprachmeister. Seine Tochter zog in meiner Eltern Haus und in mein Zimmer. Sie trug meine Kleider mit Liebe, und die Schwächen meiner Mutter mit kindlicher Geduld. Die paille Atlaßweste mit Vergißmeinnicht aber hat der Ludovico an seinem Hochzeittage getragen. – Im Begriff, eine geistliche Jungfrau zu werden, war es mir gelungen, meine Eltern gleichsam noch einmal zu trauen. Ich genoß die unaussprechliche Beruhigung, daß sie die letzten Jahre ihrer Ehe einmüthig lebten. Mir aber war wohl – das mögen Sie mir aufrichtig glauben. Ich erkannte meine Bestimmung, und daß die Welt meiner Wünsche Ziel nicht gewesen wäre; in ihr würde meine Liebe mir verloren gegangen seyn, die ich mir nun wie ein werthes Kleinod gerettet hatte. Wenn ich den Ludovico heirathen müssen – und dem würde ich nicht haben entgehen können – ach! und eine ungeliebte Frau ist die unglücklichste von allen – dann würde ich in seinem Besitz zu beklagen gewesen seyn, und außer Stande, meine Pflichten mit Vertrauen zu erfüllen, nachdem ich wußte, Wem sein Herz gehöre, und daß ein armes verwaisetes Mädchen durch mein Glück leide. So dachte er gewiß mit Wohlwollen an die Clausur, welche ich gewählt, auf daß er frei wäre in seiner Wahl. Die Nothwendigkeit meiner Entschließung leuchtete mir also ein, wenn es doch dann und wann einen Augenblick für mich gab, wo ich meinte, es hätte vielleicht ein anderer Ausweg für mich ermöglicht werden können. Allmählig schloß ich die Augen meiner Seele für solche Rückblicke. Mir war wie Einem, Den mitten am hellen lichten Tage eine Sehnsucht nach Ruhe ergreift, der er nicht zu widerstehen vermag; der Sonnenschein da draußen blendet ihn nicht, und das Getümmel der Welt regt ihn nicht auf an der stillen Stelle, wo er Frieden träumt. – Gebet und Arbeit füllten meine Zeit, ich zog viel Blumen, welcher Neigung ich durch mein ganzes Leben treu geblieben bin. Mehrere botanische Werke aus der Bibliothek meines Vaters, waren mein fortgesetztes Studium. Auch lernte ich den Generalbaß und Latein – was – wie ein classischer Schriftsteller sagt: ein gutes Mittel gegen die Wollust seyn soll –« ein klares Lächeln, worin die Reinheit einer gottgeheiligten Seele schimmerte, ergoß sich über Veronicas Züge, da sie erläuternd hinzusetzte: »als worunter jener Autor vielleicht die Lust zum Wohlleben und schlaffe Unthätigkeit verstanden wissen will. Auch muß ich ihm gewissermaßen Recht geben, und es ist wirklich wahr, daß jene anstrengende Schule ein empfindsames Frauenzimmer sehr erkräftiget, und keinem weichlichen Versinken in sich selbst Raum giebt. Beide Kenntnisse, nachdem ich sie mit unsäglicher Mühe erworben, waren mir über die Maßen lieb. Ich konnte die Väter unserer römischen Kirche lesen, die heiligen Legenden – und der Generalbaß – der ist der Schlüssel zu aller Harmonie, und gleichsam das Thor zu der Welt der Töne. Man geht erst ein in das Geheimniß der Musik, wenn man ihn kennt. – So waren mir fünf Jahre still verrauscht. Als ich einst nach der Vesper vom Chore kam, die Violine im Arm, die ich zu einer Uebung mit auf meine Zelle nehmen wollte – ward mir gesagt, ein fremder Herr, der einen Auftrag an mich hätte, wünsche mich zu sprechen. Ein Herr! ein Fremder! dies sind Worte, welche ein Frauenkloster in Aufruhr bringen. Der ganze Convent sah mich mit Neid und Neugier an, und die Aebtissin bewilligte es, daß ich das verlangte Gehör gäbe. Es war im Herbst, zur Zeit des Zwielichts; der Mond schien schon blaß durch die hohen Fenster, die Reben daran wankten in der Abendluft, so daß sich Licht und Schatten zitternd in dem düstern Sprachzimmer mengten. Mein Blick fiel auf die Gestalt eines Mannes, der am Pfeiler lehnte, und dessen bleiches, verhärmtes Gesicht ich nicht sogleich erkannte. Um Gott! Ludovico! rief ich so erfreut als bestürzt, da ich ihn tieftrauernd sah; ich fühlte die Scheidewand zwischen uns – den Bogen ließ ich tönend auf die Saiten fallen und konnte mich des Instruments nicht geschwind genug entledigen. Sein Auge strich an meinem Ordensgewand und dann an der Violine herab, da er sprach: liebe Clara – nie werde ich Sie bei einem andern Namen nennen – und ich mißverstand ihn wohl, denn ich dachte, um seiner Gattinn willen – also setzte er hinzu: ich mußte Sie doch einmal wieder sehen. – Ich drückte ihm meine Freude darüber aus, und durfte ihm nun die Fülle der Liebe zeigen, die keinen Abbruch gelitten, als ich mir mit dem Grundstein seines Glückes eine Stufe in den Himmel bauete, denn er war ja einer Andern, und ich war Gottes. Das Herz war mir so voll – ich wußte nicht, wonach ich zuerst fragen sollte. Was mußte ich vernehmen! – Seine Frau war todt, in einem schweren Kindbett gestorben, und Ludovico Willens, mit seinen Kindern nach Italien zu gehen. So wollte ich denn Abschied nehmen, auch komme ich nicht mit leerer Hand – sagte er mit zermalmender Wehmuth, und bat, daß ich ihm die meinige reichen mögte. – Und durch das Gitter, wie es damals geschah – steckte er mir den Ring an meinen Finger, den er der Geliebten gegeben, den seine Ehefrau getragen, den Ring der Schmerzensmutter! – Empfangen Sie dies zum Andenken von mir und ihr! sagte er, dieses gottselige Bild darf eine Braut des Himmels tragen, ohne ihrem Gelübde treulos zu seyn. Und erinnern Sie Sich in frommer Fürbitte Eines, der mit einem Herzen, darin der Harm wühlt, und ein Wurm, der nicht stirbt, vergangener Tage gedenkt. – Ich weiß nicht, ob das meinige mehr leidvoll als entzückt war; ich hatte ein Gefühl von Verlöbniß, und doch nicht von irrdischer Art. Wir trennten uns auf immer – und doch nicht für ewig. Ich besaß ein Pfand, was den armen Leidenden an mich bände, und der Freund meiner Seele, mein Herr und Heiland! hatte nichts dagegen. Auch die Aebtissinn erlaubte, daß ich den Ring trüge. – Nach Jahresfrist erhielt ich eine Cremoneser Geige wohl verpackt, von Ludovico zugeschickt, die mir unbeschreibliches Vergnügen machte. Es war, als ob seine frühere Gewohnheit, mich zu beschenken, seit dem Tode der Frau wieder ihren alten Platz eingenommen hätte. Vor einigen Jahren,« so endigte Schwester Veronica ihre Geschichte, »zerbrach mir der Ring – ich konnte mich jedoch nicht entschließen, ihn einem Goldschmied zu geben. Wie bald – dachte ich, bricht nicht auch der Tod das Auge, das zu viel tausendmalen darauf geruhet! so möge er denn ruhen. Hier liegt er nun.« Bei diesen Worten zog die Nonne ein kleines Schubfach auf, nahm ein Döschen von Perlenmutter, in Form einer Muschel heraus, öffnete es, und drinnen schlief das Bild der allerseligsten Jungfrau auf ein wenig Watte. Die blanke Glätte des Goldes, und ein kleiner Bug am Ringe, zeigten, wie lange er getragen worden sey. Die Damen betrachteten ihn mit einem, obgleich verschiedenartigen, doch gemeinschaftlichem Interesse.

Frau Fabia hielt ihn lange vor ihr ernstes Auge, und seine Farben spielten unter mystischen Gedankenblitzen. Sie dachte an die geheimnißvolle Verkettung der menschlichen Schicksale, wovon dieser Ring als ein Glied anzusehen wäre – und daß selbst so winzige Steine reden müßten, als die, welche den kleinen Altar reinster Mütterlichkeit zusammenbauten, wenn es darauf ankäme, daß der Unerforschliche seinen Willen offenbare. Theresens Blick spiegelte sich leuchtend im hellen Golde dieser Fassung – unter Regungen des Flattersinns wie des Vergnügens, dachte sie: wie solch eine traurige Treue wohl möglich wäre? und nur ein leiser catholischer Schauer versenkte ihr Anschauen etwas tiefer in die durchbohrte Brust der kleinen Madonna. Josephine, als die jüngste, bekam den Ring zuletzt, und durfte ihn am längsten behalten; ihr war er eine Reliquie. Der todte Schmerz darin – das Leben und Leiden der Nonne – bewegte ihre junge Seele. Die Mutter Gottes, fest gefügt, schwankte, und ihr starrer Jammer lösete sich in der Thräne auf, die dem frömmsten Kinde der Christenheit in den klaren Augen funkelte. Josephine empfand, daß solch ein Ring den Schmuck der ganzen Erde aufwöge. Sie fühlte die Heiligkeit der Liebe, und den unvergänglichen Werth eines Herzens, das sich zu opfern vermag, auf daß die Welt selig würde, die es umfaßt.

Während dieser Theestunden war der Administrator bei dem Major Feldmeister gewesen, der ihm sagen lassen, es ginge schlimmer mit dem Bein, und er mögte ihm doch ein wenig Gesellschaft leisten auf seinem Zimmer.

Jener, der in der Abwesenheit der Frauen eine schwache Anwandlung von dem Unbehagen eines Ehemanns spürte, welcher den Zusammenkünften der Damen und ihrer gesetzgebenden Tyrannei nachstehen muß – hatte der Einladung augenblicklich Folge geleistet. Das Gespräch vom Morgen ward fortgesetzt, und der Major brachte die Frage wiederum in Anregung, wie der Erstere zu seiner zweiten Schwägerinn gekommen sey. Da es sich nun der Allgegenwärtige allein vorbehalten hat, aller Orten zugleich zu seyn, und, wie Einer sagt, der nach dem ersten Erschaffenen heißt: Adam im Dorfbarbier –, ein einzelner Mensch nicht an Alles denken kann, so müssen wir uns das Vergnügen versagen, unsere Leser als Zeugen dieser Unterhaltung einzuführen, weil und so lange wir in Veronicas Zelle verweilen. Indem wir nun den Inhalt derselben nachträglich mittheilen, ist uns der Vortheil gegönnt, auch das, was dem Erzähler selbst verschlossen geblieben, kraft des magischen Schlüssels, den wir dazu besitzen, unsern Lesern zu eröffnen. – Die Stiefmutter des Administrators hatte sich nach seines Vaters Tode mit ihrem Söhnlein in die Hauptstadt des Landes begeben, welches der Schauplatz dieser einfachen Geschichte ist. Die Dame mogte ihre guten Ursachen haben, so fern als möglich von ihrem ehemaligen Wohnorte zu leben, um persönlichen Vorwürfen zu entgehen, und die Früchte eines erlisteten Testaments unter dem Schutze der Unbemerktheit genießen zu können. Und wie es denn nun häufig geschieht, daß ein ungemeines Glück auf den Schmutz ungerechten Besitzes, und in befleckte Hände fällt, so waren ihrem Kinde seltene Gaben geworden. Der kleine Constanz war ein Ausbund in jedem Sinne, und unter keine Regel zu bringen. Er wuchs in genialer Wildheit auf, und seiner Mutter, wie Jedem, der an ihm erzog, über den Kopf. Seine Fähigkeiten überflügelten frühzeitig die Erwartungen der Lehrer, die nicht wußten, in welche Classe sie ihn setzen sollten. Seinen Mitschülern war er ein Abstractum – und mit einer wohlwollenden Seele sah Constanz sich nirgend verstanden, denn es fehlte selbst der Mutter an dem Maßstab der Liebe, den Geist ihres Kindes zu messen. Die Mutter befand sich nicht wohl, und zog, eine Frühlingscur zu gebrauchen, vor das Thor. Dicht neben dem Hause, darin sie wohnte, war das Hotel des ***schen Gesandten, mit einem prächtigen Garten. Der Knabe blickte zuweilen sehnsüchtig aus dem engen grünen Bezirk, den seine Eigenthümer ein Gärtchen nannten, und dessen Beete in seine strebsamen Wünsche hemmend einschnitten, in die freien Räume hinüber, wo die Söhne des Gesandten, etwas älter als er, unter hohen Schatten sich nach Willkür belustigten, und unter dem gesenkten Auge des Hofmeisters, der nicht weit davon in einem Buche las und mit vornehmer Ruhe seine Eleven gewähren ließ – ein wenig turnten. Es prickelte den Constanz oft in allen Gliedern, das Glück dieser Ungebundenheit zu theilen, denn die Mutter schrie schon ängstlich auf, wenn er einen Purzelbaum schoß, oder, die langsame Treppe zu umgehen, sich über das Geländer hinaufschwang. Jede solche Kraftübung ihres Söhnleins setzte ihren schwachen Kräften zu. Das Verlangen nach diesem Spielraum ward ihm denn nun auch erfüllt. Die Lebendigkeit des Kindes, was sich den stolzen Söhnen des Gesandten auf ihren Wunsch und Wink zugesellt, etwas Hinreißendes in seinem Wesen, die Art und Weise, wie der freundliche Knabe seinen Willen stets gegen den hochmüthigen Trotz der Andern durchsetzte, schienen dem Hofmeister bemerkenswerth. Er sagte dem Gesandten davon, und als dieser einst Gelegenheit hatte, den kleinen Constanz selbst zu beobachten, fand sein feiner diplomatischer Blick ein Talent an dem Knaben aus, was wohl der Mühe verlohnte, für seine Zwecke entwickelt zu werden. Der Gesandte ließ sofort die Wittwe artig ersuchen, ihren Sohn, der ihm lieb geworden sey, an dem Unterricht seiner Kinder Theil nehmen zu lassen. Es geschah, und mehr noch. Als der Sommer zu Ende ging, war auch die Mutter des kleinen Constanz an ihrem Ziele – und der Gesandte nahm den verwaiseten Knaben nun ganz zu sich. Die Söhne folgten ihrer Bestimmung, Constanz blieb das Kind des Hauses. Er ward Privat-Secretair des Gesandten. Diese Stellung machte ihn mit den geheimsten Staatsverhältnissen vertraut, er arrondirte die Rechte der Familie gegen einander, und ihr Oberhaupt setzte ein ungemessenes Vertrauen in die Klugheit seines Günstlings. Nur dessen Geschlechtsname war ihm zuwider, aus einem angestammten Vorurtheil gegen klösterliche Machthaber, und da nun Constanz von früher Kindheit an so und nicht anders genannt worden war, behielt er diese Benennung später und für immer bei, so daß man kaum mehr wußte, wie er eigentlich heiße. So ward es dem Constanz nicht schwer, die Prälation seines Namens gegen jenen aufzugeben, der im Hause mit französischem Accent ausgesprochen ward. Seine Persönlichkeit ging in der Bedeutung des Gönners unter, dem er Kopf und Feder lieh. Es war bekannt, daß der Secretair die rechte Hand des Gesandten wäre; doch die Frau desselben tadelte diesen Vorzug, wenn auch nicht laut. Sie liebte den Jüngling nicht gleicherweise, theils aus ein wenig Mutterneid, theils aus einem dunkeln Gefühl von Eifersucht auf die Gunst ihres Gemahls, endlich, weil er sehr verschwiegen war. Diese erforderliche Eigenschaft stand im Conflict zu einem Fehler der Dame: dem Mißtrauen. Sie argwöhnete, das Cabinet, dessen Geheimnissen der Secretair verpflichtet wäre, enthielte auch solche, welche nicht in anderer Herren Länder, sondern über die Grenzen des ehelichen Bereichs, in das Gebiet fremder Frauen, verhandelt würden. Und in wie weit dieser Verdacht begründet gewesen, wird die Folge lehren. So war das Verhältniß des begünstigten Constanz gegen die Dame des Hauses etwa das eines natürlichen Sohnes.

Wenn der Gesandte, was er oft zu thun pflegte – rühmte, wie expedit Constanz sey, wie er darin das Unmögliche leiste, dann bestrafte seine Gemahlinn ihn für den Aerger dieses Lobes, indem sie weniger mit einer Miene des Tadels, als übler Weissagung, entgegnete: »ich fürchte sehr, Constanz übertreibt Alles, und Sich zumeist. Solche Leute leben nicht lange. –« Dies Prognosticon, mit pflegmatischer Ruhe gesprochen, jagte den Gesandten in Furcht. Einst hörte er seine Frau zu dem Secretair sagen: »wenn Sie nur nicht immer so en carrière wären, Constanz! ich mag es nicht gern, wenn der Mensch weder Rast noch Ruhe hat. Denken Sie an mich, Sie werden einmal wie ein Wirbelwind heirathen, der den Leuten Staub in die Augen streut – und mit Extrapost gen Himmel fahren. –« Der Jüngling lächelte der Drohung, die ihn zügeln sollte, und sprach: nichts könnte ihm lieber seyn, denn alles Langsame wäre sein Tod. –

Der Gesandte dachte darauf, wie er den Constanz, ohne ihn zu verlieren, entfernen könnte, und alsbald traf dieser Wunsch mit den Interessen seiner Charge, wie mit denen seiner eigenen Angelegenheiten auf das Genaueste zusammen.

Es war um die Zeit der Aufstände in Polen, wo er den Secretair mit einem Auftrage von größter Wichtigkeit an einen entlegenen Hof sendete. Es war eine Courierreise. Doch zu Einem Auffenthalt erhielt der junge Mann geheime Instruction, und Constanz muthmaßte schlau, diese mache nicht den unbeträchtlichsten Theil seiner Sendung aus. An der polnischen Grenze lebte eine Freundinn des Gesandten, um die er in Sorgen war. Constanz sollte sich von der Lage dieser Dame und ihrer Tochter in Kenntniß setzen, und wie es Beiden in den kriegerischen Unruhen ergangen sey; dann ihnen Depeschen überreichen, welche der Gesandte ihm, unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit, übergab. Er versprach dagegen, wenn die Ausführung jenes Geschäfts – vielleicht meinte er auch dieses – den Beauftragten bewähre, so solle Constanz einer seinem Verdienst entsprechenden Versorgung im diplomatischen Corps gewiß seyn. – Es war, als ob der Landsturm jener Revolution eine alte Erinnerung in dem Herzen des Gesandten aufgestört, und seinen gleichmüthigen Bestand aufgelöset hätte. Dieser Protector, getäuscht von der innern Bewegung, wähnte, seinen äußern Zustand verändern zu müssen, und indem er die Anstrengung im Auge hatte, sich auf den Gipfelpunct seiner Wünsche zu schwingen, ging er von der Idee aus, den Protegé für diese Absicht zu nützen, bevor er ihn poussire.

Freudig, wie ein Vogel den goldenen Käfig hinter sich läßt, darin er eingeengt gewesen, flog Constanz durch die blauen Lüfte. Er war ganz in seinem Elemente; eine weite Aussicht that sich vor seinen Blicken auf. Er schwelgte gleichsam im Genuß einer pflichtmäßigen Eile. – Doch indem er der Ferne zustrebte, war er unversehends an die Marken seines Schicksals gekommen; und hier war es, wo der Horizont seiner Hoffnung Erde und Himmel für ihn abgrenzte.