Als Constanz sich den Wäldern Polens näherte, drängte sich ein düsterer Ernst ihm auf. Ueberall traf er auf Spuren wilden Kampfes und verzweiflungsvoller Schritte. Die Zerrissenheit dieses Volkes dauerte ihn, er sah betrübt zu Boden, den so viel edles Blut besprengt, und jeder Ton dieser sarmatischen Mundart schlug dumpf und traurig eine tiefe Saite seines Herzens an.

Constanz sprach sehr geläufig polnisch, was ihn jenen heimathlosen Flüchtlingen naturalisirte, in deren rauhen Mienen ein Strahl vaterländischen Sonnenscheins bei seiner Anrede aufging. Man wies ihn überall freundlich zurecht; doch nicht in einen erfreulichen Port. Der kleine Edelsitz, auf dem die Freundinn des Gesandten residiren sollte, war eine wüste Brandstätte, ein trauriges Bild gänzlicher Verödung. Es war um die Mittagsstunde, als Constanz auf dem weichen Estrich dieser polnischen Wirthschaft anhielt. Diese verkohlten Gebälke schienen noch zu dampfen; doch kein Rauch stieg aus der Esse des Gemäuers, des einzigen auf dem Höfchen, was den Anstrich hatte, bewohnt zu seyn. Ein alternder Mann, in der Livree der Armuth, welche ein lustiges Bunt giebt und freie Schnitte – doch besseren Ansehens als Die, welche sie gewöhnlich tragen – stand in der niedern Thür, und sah tiefsinnig auf das leere Häuschen einer Hundehütte nieder, deren Kette gelös't daneben lag, und den Wächter frei gegeben hatte. Der Mann schrak zusammen, als das leichte Fuhrwerk schnell wie ein Pfeil von der Senne, durch den offnen Thorweg prallte, und gleichsam sein Herz zu treffen schien. Der junge Reisende trat wohlwollend auf ihn zu, und fragte nach der Herrin des Ortes. »Meine Dame schläft –« sagte der vermuthliche Diener, indem ein Seufzer seiner Rede voranging, welcher sie der Theilnahme des Zuspruchs anempfahl, »und ungern mögte ich sie wecken. Auch würde es« – meinte der Getreue, »wenig nützen. Seit den erschrecklichen Vorfällen allhier,« fuhr der Alte fort, »hat meine Dame das Gedächtniß verlohren, und kann sich auf nichts mehr besinnen.«

»Nun, vielleicht doch! wir wollen sehen –« erwiederte Constanz lächelnd auf diesen Bescheid, der beinahe abweisend lautete.

»Sogleich!« sprach der Alte in der reizbaren Empfindlichkeit seiner Nation und eigenen Unglücks, von diesem Lächeln, diesem Zweifel beleidigt, und stieß leise ein zersprungenes Fenster nach Innen zu auf, was nur angelehnt war. Der junge Fremde sollte Einsicht in die Wahrheit seiner Aussage bekommen. Constanz trat vor die Oeffnung, und als Schatten vor die Sonne, welche wie zum Spott Verhältnisse beleuchtete, deren Glücksstern untergegangen war. Welch ein Anblick! das nackte Sparrwerk der Wände war mit Teppichen behangen, die augenscheinlich einer besseren Bestimmung angehörten. Auf einem verstümmelten Pfeilertisch von Marmor stand eine massive Eßschale, trübe verblindet, darin ein Rest ärmlicher Speise war. Tausend Kleinigkeiten, darunter die meisten vom Ueberfluß, lagen – ein Quodlibet – wirr durcheinander, und eine Anzahl kleiner abgetragener Schuhe, wie vertretne Kinderschuhe – nahm den Fußboden ein. Alles schien nur für den Nothbehelf zu seyn. In einem Großstuhle, der schräg gegen das Fenster gerückt, voraussetzen ließ, er stände nur derweilen da – lag eine ältliche Frau mit geschlossenen Augen. Ein echter Schawl, an den der matte Kopf sich schmiegte, hing nachlässig über die Lehne geschlagen, und der Chinese des Gewirks, hielt seinen Schirm über diese eingesunkene Wange. Vielleicht war dieser phantastische Schutz der einzige, dessen die schlummernde Dame genoß. – Um ihren feinen Mund schwebte ein Lächeln – das Todeslächeln unbewußter Beruhigung; ihre rechte Hand lag auf dem Arme des Sessels. Eine zartere Hand, gewebt aus der feinsten Seide des Müßiggangs, hatte Constanz nie gesehen; aber er gewahrte jenes Nervenhüpfen daran, welches auf krampfhafte Zustände, und nicht selten auf eine nahe Auflösung schließen läßt. Im lebendigsten Contrast dieses abgespannten und verblichnen Bildes, saß ein junges schlafendes Mädchen zu den Füßen der Dame. Diese Sieste war eine andere; dieser volle Athemzug war ein trunkenes träumerisches Schöpfen aus der Ruhe süßestem Quell. Constanz ward berauscht vom Zusehen. Für einen jungen Mann giebt es keine größere Gefahr, als die Schönheit, wenn sie schläft, und die gesenkten Waffen blinkender Augen. – Doch nach einigen Secunden, die sein Leben wendeten – es giebt Momente, welche alle Verhältnisse der Zeit aufheben – trat Constanz zurück, denn der Anzug des Mädchens däuchte ihm nicht für die Nähe eines Mannes berechnet. Er wollte warten; doch jetzt regte sich die Dame, und der alte Diener führte ihn an die Thüre. Constanz mußte sich bücken, und sein Herz beugte sich, als die Dame ihre Augen aufschlug, und erschrocken fragte: ob wieder Feinde da wären? – Constanz versicherte ehrerbietig: er käme als ein Bote der Freundschaft. Die Dame legte die schneeweiße Hand an ihre Stirne, wie Jemand, der sich besinnt, und sprach: »Freundschaft – –?« Es war, als wäre der Begriff dieses vielsagenden Wortes ihr tief entfallen.

Während dessen war das Mädchen auch erwacht. Angesichts des jungen Fremden trat es vor den alten Mann, und ließ sich ungenirt das Kleid von ihm zuhäkeln. Diese polnische Unschuld verwirrte den entzückten Constanz, dem der kleinste Dienst weiblicher Toilette bisher wie das Werk geheimnißvoller Verwandlungen gewesen – so daß er mit Mühe nur seinen Auftrag auszurichten vermogte.

Es war eine helle Stunde für die Mutter, in der sie die Depeschen des Gesandten las. Und während sie wie aus den Wolken fiel – sehr dunkle hatten den Lebenstag dieser unglücklichen Frau verfinstert – daß jener Freund sich ihrer jetzt, und auf diese Weise erinnere, fiel das Rosenlicht einer schöneren Vergangenheit auf jede Zeile. –

Das Lesen geschah indeß so langsam, daß Constanz unterdessen völlig Muße hatte, sich der Tochter zu befreunden. Er bat um die Vergünstigung, bis zum andern Morgen hier verweilen zu dürfen. Die Mutter war über jede Verlegenheit ihrer Lage hinaus – das Fräulein bewies sich nur in so fern gastfreundlich, indem es bei der Sorge für die Bewirthung dieses angenehmen Botschafters doch nicht das Vergnügen über seine längere Anwesenheit verleugnete.

»Bonaventura –« so hieß der alte Kämmerer – »wird schon Rath schaffen,« sagte Therese – unsere Leser wissen ihren Namen doch. »Wir wollen die Mutter nur ganz außer Acht lassen –« flüsterte Therese ihm traulich zu. »Sie lies't zwei Stunden an dem Briefe – ich kenne das. Wäre es Ihnen vielleicht gefällig, eine Parthie Schach mit mir zu spielen? Sie mögen Rußland seyn – ich bin Polen.«

Constanz erstaunte über die Vortheile, welche Therese sieggewiß ihm vorausgab; doch nicht minder, daß er fände, wie dieser harmlose Leichtsinn vermengt wäre, mit patriotischer Tücke. – Nach wenigen Zügen war seine Niederlage entschieden, und nebenbei verlor er sein Herz.

Nachdem Theresens Mutter gelesen, versank sie in eine Apathie, welche ihre Gegenwart den ganzen Abend hindurch unwirksam machte. Und dieser Abend, er reichte hin, die flatterhafte Neigung der beiden jungen Leute unauflöslich zu knüpfen. Auf Constanz Seite stand unsichtbar sein treibender Genius, der ihn immer und überall drängte. »Spute Dich!« raunte dieser beflügelte Geist ihm zu, »wir haben Eile, und die Zeit entflieht.« Wie verwirrend die zarten Seile nun auch waren, die sich leise um dieses flüchtige Naturell legten, wie verworren das Verhängniß dieses Hauses vielleicht: Constanz blieb zum Aufmerken frei, wie zu einer und der andern Frage, die ihm sein Gönner an das Herz gelegt, bevor er die an das Fräulein richtete, welche ihn selbst betraf. Es geschah dies gesprächsweise. Therese stand auf, rüttelte sacht an der schwachen Mutter, und weckte ihre schlafende Seele mit den Worten: »sage einmal, habe ich Verwandte?«

»So viel ich weiß: nicht;« antwortete die Dame mit Resignation, und bat, daß ihre Tochter sie in dieser traumhaften Stille lassen mögte. Ein kühner Wurf des Gesprächs brachte es auf Religion, und Constanz begehrte zu wissen: zu welcher das Fräulein sich bekenne? »Eigentlich zu keiner,« antwortete Therese mit liebenswürdiger Freigeisterei, »ich habe meinen Glauben gern für mich, und meine Liebe auch. Doch bin ich mit Salz getauft –« Constanz lächelte gelinde.

Therese, die es zweifelnd ansah, stand abermals auf, ging zu dem Großstuhl, neigte sich über die blasse Gestalt, und sprach: »Mütterchen, bin ich catholisch?«

»Etwas –« antwortete die Dame kaum hörbar, »Du frägst mich viel. –« Therese stand beschämt. »Die Mutter hat eigentlich Recht –« sagte sie und nickte dazu. »Fasttage halte ich gar nicht, und auf die Beichte nicht viel; sie müßte denn freiwillig seyn, wie zum Beispiel jetzt. Wenn ich es Ihnen ehrlich gestehen soll –« fuhr Therese fort: »die Religion ist mir ein bischen zuwider. Erstens: des vielen Krieges und Streites wegen, den sie verursacht hat, und ich liebe es sehr, daß man sich freundlich begegne; dann habe ich einige Fromme kennen gelernt, die mir außerordentlich gehässig waren. – So kann ich auch nicht anders, als mir unsern Herrgott unter dem Bilde eines wohlwollenden alten Mannes denken, der eine großmächtige Schlafmütze trägt – als Symbol der ewigen Ruhe. Und in dem Himmel stelle ich mir eine ehrsame, aber höchst langweilige Gesellschaft vor.«

Für Constanz waren diese Aeußerungen, um der Anmuth und anspruchslosen Offenheit ihres Vortrags willen, Bekenntnisse einer schönen Seele. Ein aufrichtiges Herz schätzte er über Alles, und er wünschte, sich dieses arglose zuzueignen.

Was Therese dem Gast im Laufe des Abends erzählte, dürfte ohngefähr folgendes Ergebniß seyn. Therese war, seit ihrer frühesten Kindheit von ihrer Mutter getrennt, in einem großen Hause erzogen worden, ziemlich sich selbst und ihrer natürlichen Gutartigkeit überlassen. Jene Familie aber lebte, verwandtschaftlicher Verhältnisse wegen, wenig daheim, und so konnte sich auch kein weibliches Gefühl der Stille und Stetigkeit in Therese entwickeln. Dieser auswärtige Aufenthalt entfremdete sie der Mutter wie der Muttersprache, und eine fanatisch protestantische Bonne vermischte den catholischen Geist des Fräuleins so lange mit dem Wasser der reinen Lehre, bis Theresen das religiöse Element der Seele vom Ueberfluß schien. – Als die Gährungen in Polen ausbrachen, lös'te jene Familie sich theilweise auf; eine heimathliche Sehnsucht erwachte zum erstenmale in Theresen. Sie verlangte nach ihrer Mutter, und man hielt das Mädchen in der waldigen Steppe des mütterlichen Witthums besser aufgehoben, als im Mittelpunct einer wildbewegten Stadt. –

»Aber es war nur um so schlimmer –« sagte der alte Bonaventura, als er am Abend spät Constanz in dem dürftigen Verschlage bediente, wo sein Nachtlager bereitet war, und auf die warmen Erkundigungen des Gastes mit traurigem Bericht Theresens Aussage vervollständigte: »die Ankunft des Fräuleins war entsetzlich. Die Mutter sah ihr schönes Kind bei dem Feuerscheine seiner Habe wieder, und die Kraft meiner Dame ward davon verzehrt, wie unser weniges Heu von der Flamme. Nur der Entschlossenheit eines jungen feindlichen Offiziers verdanken wir persönliche Berücksichtigung und das, was wir aus diesem Wirrsal retten konnten. Ein lieber Mensch! die Andern waren nur wie reißende Wölfe gegen ihn; aber Gott haucht Milde ein, da, wo sie Noth thut, und mäßiget den Wind für das Lamm einer geschorenen Heerde.«

Constanz hatte jenes Offiziers auch von Theresen erwähnen gehört, und mit einem so bedeutsamen Interesse, daß dieser Antheil eine eifersüchtige Regung in ihm erweckte. –

»Seit jenem Tage nun,« fuhr Bonaventura fort, »vergißt meine Dame Alles! wohl ihr! das Gedächtniß verlieren ist für den kein Unglück, der nichts als Kummer zu vergessen hat. Jeder Augenblick, wo sie nun schläft, erquickt mein eigenes Herz, was ihr die Ruhe gönnt, und mit Freude werde ich ihr die Augen zudrücken, welche nicht viel gute Tage gesehen haben.« Die des alten Mannes standen voller Thränen, als er dies sagte. Diese treuherzige Gesinnung rührte Constanz und flößte ihm Achtung für den Diener wie für die Herrin ein. Er fragte, er wollte vornehmlich wissen, warum Therese ihrer Mutter entrissen worden sey? –

Bonaventura zuckte die Achseln. Er erzählte eine Geschichte jugendlicher Verirrungen, welche seine arme Herrschaft unter die Despotie ehelicher Tyrannei gebracht hätten. Dabei gerieth er in ein Labyrinth der Darstellung, verlor den leitenden Faden – und wußte am Ende nicht, wo aus noch wo ein? da es ihm zur Unzeit einfiel, ob es nicht verrätherische Geschwätzigkeit sey, die zarten Leiden seiner Dame einem fremden Ohr Preis zu geben? – Jene Geschichte gehört nicht in unsern Plan. Wir lassen ihren Stoff daher unter der großen Masse menschlicher Schwachheit und menschlichen Unglücks auf sich beruhen. –

Constanz wußte die gewissenhafte Aengstlichkeit des redlichen Mannes zum Schweigen zu bringen. Er entdeckte sich ihm ganz, und Bonaventura nannte ihn einen Gesendeten Gottes, und nicht des Gesandten.

Am Morgen mußte Constanz fort. Die Werbung um die Braut war bald geschehen und mit Erfolg: die Mutter befand sich fähig, ihn anzuhören. Constanz legte ihr einfach seine Verhältnisse wie seine Wünsche dar. Er wollte Theresen bei seiner Retour mit sich nehmen, unterdessen den Consenz des väterlichen Gönners dazu nachsuchen, und daß dieser seine Anstellung beschleunige. Doch war er eines weigernden Grundes der Dame von Seiten ihrer Kränklichkeit gewärtig. Aber nichtsdestoweniger war die Mutter bereit, sich ihrer kindlichen Stütze zu begeben. Sie sagte mit einem gewissen Heroismus, der für eine rettende Idee froh, wenn auch einsam, sterben lehrt: »grüßen Sie den Gesandten tausendmal von mir – wenn Sie ihm Theresen bringen, wird Ihr Glück ihm bestens empfohlen seyn. – Ich verlasse das Leben gern, da ich meine Tochter unter dem Schutze ihres natürlichsten Freundes weiß. Der da –« (sie wies auf Bonaventura) »begräbt mich schon.« Therese weinte wohl, allein nicht allzusehr. »Dann bleibt Dir Alles, guter Bonaventura!« sagte sie, reich in Hoffnung.

»Alles!« wiederholte Bonaventura, und lächelte traurigbitter wie der Verlust zu der Erbschaft: dieses Alles war so viel als Nichts. – Der gute Alte wußte nicht, daß die Liebe jeden Strohhalm zu den Mitteln des Glückes zählt, wenn auch nur als Medium die bunten Seifenblasen der Täuschung in die leere Luft zu hauchen. –

Als Constanz, der Verlobte Theresens, nun mit aufgeregten Gefühlen den öden Ort verließ, wo unter Schutt und Trümmern seines Lebens schönste Blume blühete: da dachte er an die verheißenden Worte der Gesandtinn, er würde einmal im Fluge die Braut heimführen. –

Im höchsten Schwunge seiner geistigen Kräfte legte Constanz die weite Reise zurück, und erreichte mit dem Ziel auch die Absicht. Er erstaunte selbst, wie leicht ihm alle Schwierigkeiten zu beheben gewesen; ein Gott hatte ihm Flügel geliehen, und den Schlangenstab der Klugheit. Er glaubte die Zufriedenheit des Gesandten bestens verdient zu haben, und in diesem kühnen Vertrauen fügte er daher seiner Meldung dessen, was er ausgerichtet, die Bitte bei, daß der Gesandte seine Verbindung mit Theresen genehmigen und die schriftliche Zusicherung ihm ohne Säumen entgegen senden möge. In der gewissen Voraussetzung, daß dies unverweigerlich geschehen werde, kam Constanz nach Polen zurück. Er fand eine so leidenschaftliche Aufnahme bei seiner Braut, als wäre seine Wiederkehr ihr dennoch zweifelhaft gewesen. Mit Thränen sagte sie ihm, er komme zur rechten Zeit, denn seit dem vorigen Tage lag die Mutter im Sterben und konnte nicht enden.

Bonaventura hatte indessen mit treuer Umsichtigkeit alles vorbereitet. Ein Weltgeistlicher in der Nähe war durch seine einfache Ueberredung gewonnen, die jungen Leute zu copuliren. Er war eben anwesend, und vertrat die Stelle eines Arztes für Leib und Seele zugleich. »Mein werther Herr,« sagte der Priester höflich zu Constanz, »ich verstoße gegen ein Staatsgesetz, wenn ich Sie ohne vorhergegangene Proclamation traue; aber – inter arma silent leges – sagen wir Lateiner, und ich verhoffe, Sie werden mich in so fern gegen alle Verantwortung sichern, daß Sie mir einen Schein ausstellen, worin Sie Sich verpflichten, jeden Einwand vertreten zu wollen, welcher möglicher Weise dieser Heirath mit Fug und Recht gemacht werden könnte. – Unter dieser Bedingung will ich mein heiliges Amt zu Gunsten Ihres Wunsches üben.« –

Constanz, im Gefühl, von Seiten des Gewissens völlig frei zu seyn zu diesem Schritt, verstand sich gern dazu, und der Geistliche beschied sie für den nächsten Morgen in eine kleine Capelle auf der Hälfte des Weges. Bis dahin, meinte der todeskundige Mann, – würde die Mutter des Fräuleins ausgelitten haben.

Aber als der Morgen erwachte, lag die Hochzeitmutter noch in Agonie. Es war eine schauerliche Stunde, die der Einsegnung. Der Sturm sausete unheimlich durch den Wald, das morsche Kirchlein wankte, die Lichter wollten verwehen, der Regen rauschte herab, die Braut schwamm in Thränen –, kein Zeuge war zugegen, als der Meßner und Gott! –

Sie kamen nach Hause; kein fröhliches Mahl war ihnen bereitet. Constanz sah ängstlich nach der Uhr, deren Zeiger, gleichgültig gegen die bange und dringende Erwartung umher, unaufhaltsam weiter rückte, und fand, daß seine Zeit abgelaufen sey. Nur jene Körner wollten nicht ausrinnen. Da bat Bonaventura, daß man ihm eine Vorstellung erlauben möge. »Meine Dame,« sagte er, »kann nicht sterben, so lange Sie hier gleichsam auf dem Sprunge stehn. Ist es doch mit einer Frau in Kindesnöthen gerade so. Die kann auch nicht genesen, wenn darauf gewartet wird, und der Tod soll ja eine neue Geburt seyn. – Ueberlassen Sie die Verscheidende mir; ich bleibe bei ihr, ich! es ist mein letztes Geschäft auf Erden.« Der gute Alte legte das ganze Gewicht seiner treuen Gegenwart in einem zitternd aushaltenden Accent auf dieses Wörtchen.

Constanz fand, daß er Recht hätte. Er gab ihm eine volle Börse und unbedingte Vollmacht. Dann beugte er sich weich über das stille Lager der Mutter, die langsam zwischen schweren Pausen athmete, und keinen Blick des Segens für ihren Eidam hatte. Therese küßte schluchzend ihre schlaffe Hand, fühlte aber auch nicht den leisesten Druck der Liebe mehr – und nun rollte der Wagen vor und fort. Kaum waren sie an ein steinern Kreuz gekommen, eine Viertelstunde von dem Oertchen und so gelegen, daß es einen Rückblick darauf gewährte, so sahen sie ein weißes Tuch vom Giebel wehen. Constanz bemerkte es zuerst. Er sagte ernst: »Bonaventura giebt uns ein Zeichen, die Mutter wird verschieden seyn. – Denke nur, sie schläft etwas tiefer wie bisher, und hat alles Leid auf ewig vergessen.« Und Therese dachte wirklich so. Die junge Frau nahm also über die Grenze ihres zerrissenen Vaterlands, wenn auch grade kein zerrissenes Herz – dazu war der natürliche Verband mit ihrer Mutter nicht innig genug gewesen – doch ein völlig aufgelös'tes Familien-Verhältniß, und keine andere Mitgift, als frühe Gewöhnungen, wie sie den Damen dieser Abkunft eigen sind. Es war, als hätte ein günstiges Geschick dies harmlose Wesen in die Arme der Liebe vor den Schauern des Grabes und der Pflicht zu trauern, retten wollen.

Seltsam genug bemächtigte sich des jungen Ehemanns jetzt, in der gesicherten Erfüllung seiner leidenschaftlichen Wünsche, der Zweifel, was der Gesandte zu dieser Heirath sagen werde? Vorher war Constanz der Zustimmung, ja des Beifalls seines Gönners gewiß gewesen. So verändern sich unsere Ansichten Anderer mit jedem unserer eigenen Schritte. Es gereichte ihm wie zum Trost, daß die Macht der Umstände ihn zu diesem, den er rasch gethan, gedrängt hätte. Er fühlte sich in einer geheimnißvollen, aber um so bindenderen Verwandtschaft zu seinem väterlichen Freunde, und bedurfte nur – so däuchte es ihm – das Siegel der Bestätigung zu erblicken, um Theresen mit jedem Recht als Gattin an seine Brust zu drücken. Doch kein Brief gab Antwort auf diese Frage, und mit wachsender Unruhe eilte Constanz einer endlichen Entscheidung entgegen. Eine leichte Unpäßlichkeit Theresens hielt die Reise um ein paar Tage auf, und ihr Gemahl fühlte, daß eine Frau Rücksichten erfordere, welche den Mann nicht fördern.

So waren sie in das Städtchen Leidthal gekommen und hielten an der kleinen Posthalterei daselbst. Constanz hatte auf dem letzten großen Postamte abermals kein Schreiben angetroffen. Er war jetzt resignirt – es mußte etwas von besonderer Wichtigkeit vorgefallen seyn; nichts war ihm dringender, als nur so bald als möglich an Ort und Stelle zu gelangen. Therese theilte diese Ungeduld indeß nicht. Die reizende Lage der kleinen Expedition, eine vollblühende Jelängerjelieber-Laube, welche den ländlichen Vorplatz schmückte – eine Pilgerruhe der Passagiere – entlockte ihr den Wunsch, hier einige Stunden ausruhen zu können, und Constanz zeigte sich gefällig dafür. Er trat zu dem Postmeister, als dieser im Begriff stand, das Felleisen auszupacken. Da sprang die ersehnte Handschrift ihm in die Augen, ein Brief an ihn vom Gesandten. Constanz beglaubigte sich, als den Empfänger. Er riß hastig in das Papier – aber der Inhalt zerriß das Blatt seiner Hoffnung noch heftiger. Sein Gönner schrieb ihm: ein Ereigniß von größter Bedeutung habe ihn genöthiget, seinen Standpunkt zu verlassen und nach dem Süden zu gehen. Er werde die Tour über B. – nehmen, woselbst er seinen Secretair erwarte, der ihn auf dieser Reise begleiten müsse; die Dauer dieser Reise wäre vorläufig nicht zu bestimmen, und hinge von Umständen ab, welche schwebten. Constanz sollte daher sein Eintreffen dort, so viel als möglich beschleunigen, der Gesandte harre sein. Was die fragliche Parthie anbeträfe, so werde dieser Punct zu gelegener Zeit zwischen ihnen zur Sprache kommen. –

Dieser Brief war in dem Tone jener Superiorität abgefaßt, die stets ein Vorbehalt Derer bleibt, welche in ihrer Persönlichkeit die Freundschaft mit der Protection für uns verbinden. Constanz war durch die frühesten Eindrücke für diesen vornehmen Ausdruck empfänglich geworden. Er war dem Gesandten in den zartesten Beziehungen verpflichtet: denen der Dankbarkeit. Auch war gewissermaßen das Wohl des Staates diesem Zusammenhange verknüpft, so konnte er sich seiner Pflicht nicht entziehen. Theresen mitzunehmen, daran durfte ihr Gatte nicht denken, denn so wie er den Gesandten kannte, war der Anhang, die Heirath betreffend, als abweisend anzusehen. So mußte dieser erst durch die Ueberredungsgabe seines Lieblings für Etwas gewonnen werden, was bereits geschehen war.

Constanz stand äußerst betroffen. Er theilte Theresen mit, was sie so nahe anging, und erklärte ihr diesen Ruf des Schicksals als unabweislich. »Nur diese Reise noch,« tröstete er die bestürzte Frau, indem das Gefühl der Selbständigkeit in ihm ansprach, »dann trennt uns nichts mehr, Du Liebste! – Erfüllt der Gesandte sein Versprechen nicht, mich zu versorgen, so reicht mein Vermögen hin, ihn entbehren zu können. Doch jetzt darf ich ihn nicht im Stiche lassen; ich muß die Resultate meiner Sendung in seine Hände niederlegen. Wer konnte dies voraussehen? wüßte ich nur, wo ich Dich einstweilen aufhöbe!« Er starrte nachsinnend in die blaue Weite, als wolle er einen Ausweg erspähen. Da trug ein Hauch der Luft einen Glockenton von ferne über die Mittagsstille der Felder; und dieser leise silberne Laut schlug an sein Gehör und klopfte an sein Herz. – Seine Augen folgten der Richtung dieses Schalles, und sahen die Thürme von Sanct Capella im senkrechten Strahl der Sonne verblendend blinken. Constanz fragte nach jenem Ort. Der Postmeister nannte das Kloster, und erwähnte gesprächig der gegenwärtigen Verhältnisse des Stiftes. Aber Der, zu dem er redete, hatte nichts Weiteres davon vernommen, und war einer eigenen Gedankenreihe gefolgt.

»Schade!« sagte Constanz, »daß die Klöster aufgehoben sind. Was man auch dagegen sagen konnte, sie waren doch immer ein schicklicher Aufenthalt für unbeschützte Frauen. Und Du bist ja ein wenig catholisch.« Er blickte seine Frau mit einem schmerzlichen Lächeln an, welches sie ermuthigen sollte. Therese aber hatte jetzt keinen Sinn für tragikomische Reminiscenzen, und keinen Glauben als den, daß sie sehr unglücklich wäre. –

Wie aus einem Traume erwachend, und in großer Zerstreuung, fragte Constanz den Postmeister, der sich abseits gewendet hatte: ob er recht vernommen, daß der Prälat dieses Ordens noch dort wohne? Jener berichtigte das Mißverständniß, und was er von dem Administrator zu sagen wußte, ließ dem Secretair des Gesandten kaum einen Zweifel übrig, daß er sich in der Nähe seines Bruders befinde. Von einem raschen Entschluß durchblitzt, forderte er Feder und Dinte, und schrieb in Hast ein französisches Billet an ihn, des Inhalts: ein Fremder wünsche den Stiftsverweser von Sanct Capella so dringend als unverweilt im Posthause zu Leidthal zu sprechen. Die Chiffre des Namens Constanz war so charakteristisch verschlungen, daß sie schwerlich von Jemand, der sie nicht kannte, zu enträthseln gewesen wäre.

Nach anderthalb Stunden, in deren Verlaufe Constanz sein Weibchen zu beruhigen gesucht hatte, kam ein stattlicher junger Mann neben dem reitenden Boten daher gesprengt, und der Postmeister rief: »da ist er schon, der Herr Prälat!« Constanz sah unter einem Freudenschauer auf, und Therese zog sich in einer kindischen Furcht der Erwartung, in die Laube zurück, und einen Behang von Blüthen über ihr reizendes Gesicht.

Constanz gab sich seinem Bruder herzlich zu erkennen, und in dem Anmuthen, Theresen so lange unter seinen Schutz zu nehmen, bis er sie abholen würde, einen brüderlichen Beweis. Diese Minute drängte stark an das Herz des Administrators. In dem Wesen seines jüngern Bruders lag bei freundlicher Offenheit etwas ersichtlich Vornehmes, ein gewisser Succeß des Zutrauens, was Jenem imponirte, der mitunter zurückhaltend, ja sogar blöde war. Unwillkürlich stellte er die finstere verschlossene Strenge des älteren Bruders daneben; er dachte leise an Fabia – und mit dem beengten Gefühl eines Ehemanns, der da Scheu trägt, die häusliche Kette der Gewohnheit um ein Glied zu erweitern. Um seinen schweigenden Mund spielte ein Lächeln gutmüthiger Ironie, daß er bestimmt seyn sollte, die Frauen seiner Brüder zu beschützen. »Wenn es der jungen Dame nur bei uns gefällt –« sagte der Administrator bedingungsweise, »es geht still zu, im Stift. – Die Wittwe unseres ältesten Bruders, die ich sammt ihrer Pflegetochter bei mir habe – ist – unseres ältesten Bruders,« unterbrach er sich selbst –: »Der, Du weißt ja –« aber Constanz sah den Administrator an, als hätte dieser fremd und romantisch vom Bruder Graurock gesprochen.

»Ich weiß von nichts –« antwortete Constanz, entschlossen, sich mit keinem weitläuftigen Verhältniß zu befassen, und seine cosmopolitische Seele streifte das Band der Natur sogar im Begriffe ab: »als – wir Menschen sind hier alle Brüder –« ein rüstiges Mägdlein, das kleinste Kind der Postmeisterinn an die Brust gedrückt, welche ein knappes Mieder von Leinewand umschloß, strich bei diesen Worten hurtig an ihnen vorüber, und eine schnelle Association der Ideen, in richtiger Folge jener Strophe und dieses Blickes, ließ ihn an den Bruder mit dem Ordensband denken, der er einst so dankbar als einflußreich diesem schlichten Schutzfreund seyn werde, wenn die Zeit dazu gekommen. »Sieh meine Frau nur selbst!« sagte Constanz, indem er auf die Laube zuschritt. Er bog ihre Zweige auseinander, und die schönere Blüthe von Theresens Angesicht lächelte durch das weiche Grün, und ihre Augen funkelten in Thränen, wie die Sonne im Thau. – Die Schönheit hat das Eigenthümliche, daß sie jedem Manne Muth einflößt. Das Herz des Administrators öffnete sich den gastfreundlichsten Gefühlen. Zudem behandelte Constanz die Sache so ganz in seinem Geiste, das heißt, so flüchtig, daß Herr Prälat glauben mußte, mit dem Asyl zu Sanct Capella sey es nur durchaus precair gemeint, und auf ein längeres Bleiben nicht abgesehen. So bewilligte er daher die Bitte seines Bruders, wenn auch nur mit einer gewissen widerstandlosen Passivität. Er sah dies Ereigniß für ein Fatum an, dem auf keine Weise zu entgehen gewesen wäre. Das leichte Gepäck war bald getheilt, ein Postwagen, worin Therese nach dem Kloster fahren sollte, geschirrt. Der biegsame Leib der schönen Gestalt, schwankte von ihrem Manne umschlungen, im Sturm des Abschieds. Zwei Ströme flossen von ihren Wangen – zwei Wochen waren erst und wie auf Rosen verflossen, seit Constanz der Ihrige war. – Mit gemischten Empfindungen ritt der Administrator neben der Chaise her, darin die noch weinende junge Frau saß. Er warf zuweilen einen mitleidigen Blick auf Theresen; die Jugend dieser Ehe rührte ihn, ihre gegenwärtige Trennung und der Zukunft ungewisses Loos. Nebenbei gedachte er und eben nicht leichten Herzens an die nächste Stunde – und hätte gern ein wenig älter seyn mögen.

Frau Fabia hatte heute nicht den guten oder schönen Tag ihres Geschlechts. Eine Nachtigall, welche sie sehr liebte, und die in einem dunkeln Thurmhäuschen wohnte, das, nicht unähnlich einer kleinen Kirche, an ihrem Fenster empor hing, war an diesem Morgen ihrer Haft entschlüpft. Das arme kleine Nönnchen sang die Hora der Nacht und Natur im vergitterten Chor ihres Kerkers so himmlisch klagend, als seufze der Engel der Melodie aus dieser befiederten Brust. Josephine hörte es mit süßem Erbarmen. Frau Fabia aber, die sich selbst zu den Gefangenen Zion zählte, hatte nicht Lust, die klösterliche Philomele zu Gunsten irrdischer Liebe in Freiheit zu setzen. Nun war sie entflohen, und auf dem Mädchen ruhte ein scharfer Verdacht, daß es mit lindem Urtheil, wie diesem kleinen Gottesgeschöpf himmelschreiendes Unrecht geschähe, seine Erlöserinn geworden wäre. – Es gab einen Lärmen der Entdeckung, und Josephine, die sich nie gegen einen Vorwurf vertheidigte, schwieg auch diesmal, und die Schuld blieb auf ihr haften, so wie auf Fabien der Mißmuth über diesen Verlust, geschärft durch ein zweifelhaftes Gefühl der Versündigung an dem lieben Kinde. Dieser Stimmung sich erinnernd, hätte der Administrator gewünscht, seine Schwägerinn vorbereiten zu können – aber da stand Fabia ganz gegen ihre Gewohnheit schon an der Thür, und ihr Gesicht – eine totale Sonnenfinsterniß – warf keinen Schein festlicher Empfängniß nach dem anrollenden Wagen. Dem Reiter ward es schwarz vor den Augen. Er sprang vom Pferde, der jungen Dame beizustehen, welche den schönsten Fuß, der jemals über diese Erde gegangen, hell und seiden beschuht, auf den schmutzigen Tritt der Postchaise setzte. Theresen an seiner Hand, trat der Administrator vor die Domina seiner Häuslichkeit und sprach: »liebe Fabia! ich bringe Dir hier eine werthe Verwandte, die Frau meines Bruders Constanz, und also Deine Schwägerinn, so wie Du mir. Lasse die gute Therese Dir herzlich empfohlen seyn, da sie einige Zeit bei uns verweilen wird.«

Frau Fabia brachte mühsam ein fremdes Lächeln der Bewillkommung auf; der Administrator war desto freundlicher. Die eisige Kälte dieses Empfangs versetzte ihn durch die natürlichste Gegenwirkung in einen Wärmegrad, der unter allen Launen dieser christlichen Juno dem Quecksilber der zweiten Schwägerinn Stand und Stange hielt. – Am Abend spät versuchte der Stiftsverweser jenes üblen Eindrucks Herr zu werden. Er sagte daher in einem Tone, der scherzhaft seyn sollte, aber doch anzüglich war: »nun Fabia! Du warst heute absonderlich schweigsam – Du bist es noch. Ist es Verdruß, daß Dir das Vögelchen entgangen? o gönne ihm die Freiheit, das edelste Gut! oder zürnst Du, daß ich Dir ein anderes eingebracht? –«

»Wenn Dich nur nicht selbst ein loser Vogel etwa angeführt hätte –« antwortete Fabia mit furchtbarem Ernste, »woher weißt Du denn, daß jener Constanz Dein Bruder war? und diese Therese wirklich seine Frau?«

»Großer Gott!« rief ihr Schwager, »welch ein Gedanke! woher ich es weiß? dieselbe Stimme hat es mir versichert, die mir sagte, daß Dein seliger Mann mein Bruder sey, und mir Bürgschaft leistete für die Wahrheit seiner Aussage. Es giebt eine innerste Gewähr dafür, Fabia!«

»Nicht jeder Stimme muß man glauben –« erwiederte Fabia, indem sie sich entfärbte, und unwissend, daß sie eine classische Stelle recitire, »der Lügengeist kann alle nachahmen. – Und wäre denn solch ein Betrug etwa unerhört? könnte jener junge Mann nicht ein Abenteurer gewesen seyn, der seine sogenannte Frau gern los seyn wollen? – Wie manches Kind –« Fabia stockte, immer mehr verblassend – »wie manches Kind, wollte ich sagen – ist durch höllische Spiegelfechterei arglosen Menschen als eine lebenslängliche Last aufgebürdet worden? Denke nur an mich! wir werden die Dame sobald nicht wieder los werden, und jedes fremde Einschreiten sollte wohl bedacht seyn. –«

Herr Prälat sah seine Schwägerinn mit leiser Beängstigung an; es war, als ob ein dunkler Schatten von Furcht an ihm vorüberschwände. »Fabia!« entgegnete er um so heftiger, als er sich von ihrem Tone ergriffen fühlte, »welch ein Geist des Mißtrauens und übler Weissagung ist heute in Dich gefahren? Du wärest im Stande, mich zweifelhaft zu machen, Wer ich selber sey. – Dein Betragen war nicht schwesterlich, auch nicht gegen mich. Du bewirthetest die arme Therese, an deren Stelle mir der Appetit zu diesem Auffenthalt vergangen wäre, mit kurzen Redensarten, einer sauersüßen Sauce, wie man sie zu einem Kalbskopf giebt, für den Du mich hältst. – Was meinst Du denn, das ich hätte thun sollen? dem Bruder etwa meine Hand weigern, da er mir die seinige zum erstenmale entgegen reichte? seine Bitte abweisen, oder warten, bis er mir den Taufschein zeigen könne? – Fabia! Fabia! Gastfreundschaft ist eine Blume der Humanität, welche auch von Horden und Heiden gepflegt wird. Jüngst las ich – und es hat mich innigst gerührt – in den ungeheuern Flächen Nubiens sind kleine Zelte gesteckt, darunter die Einwohner des nächsten Ortes ein Gefäß mit Wasser füllen, daß die Reisenden nicht verschmachten dürfen im heißen Sande – und dieser Gebrauch wird heilig gehalten von jenen Negern. Sollte denn die goldne Kuppel des Klosters, was man ein Gotteshaus nannte, einem matten Blick der das Nächste nicht absieht, nur ein Blendwerk seyn, und weniger probehaltig, als das Dach von geflochtenem Bast, womit der Wind der Wüste spielt? – Du sprichst den Ruhm einer guten Christinn an – besinne Dich, wie oft die Apostel die geheiligte Pflicht einer gastfreien Aufnahme den Bekennern ihrer Lehre empfehlen. Herberget gerne! Seid gastfrei ohne Murren – doch Du kennst die Vorschriften der Bibel besser, als ich. So gleiche denn der Wittwe von Sarepta, deren gesegneter Oelkrug nie erschöpft wird. Sey gelinde, Fabia! doch gieße nicht Oel ins Feuer. Du schlägst mir die Hoffnung nieder, daß Therese eine Schwester an Dir finden würde – doch schlägst Du mich damit nur zu ihrem Ritter, und zwingst mich, sie gegen Dich zu vertheidigen.«

Diese letzteren Worte ihres Schwagers wirkten am schlagendsten auf die Zweiflerinn. Sie hoffte, der Bruder ihres Mannes, auf den Frau Fabia ein mütterlich-eifersüchtiges Auge hatte, werde sich in der Anfechtung behaupten – und der Friede ward zwischen ihnen geschlossen.– Dieser erste Abend gab den Ton an, der sich während der Anwesenheit Theresens im Stifte nie in Harmonie auflös'te. Unsere Leser finden ihn in der Dissonanz, womit die Geschichte dieses Buches anhebt. Seltsam war es jedoch, daß die Vorhersagung der Frau Fabia sich als richtig bewährte, es ist traurig – aber es ist in Wahrheit, daß der Erfolg das Mißtrauen öfterer rechtfertiget, als die Zuversicht. Constanz schrieb nach langer Zeit – es mußten Briefe verloren gegangen seyn – aus weiter Ferne. Er war dem Interesse des Gesandten verkettet, und konnte die Fessel nicht sprengen; doch vertröstete er sich und sie wie ein Liebender. So hatte zweimal schon die Laube der Posthalterei zu Leidthal geblüht, und Therese, die sich behaglich in Sanct Capella eingerichtet hatte, und deren Sinn in harmloser Lebensphilosophie der Gegenwart angehörte, dachte je länger, je leiser an jenen Tag des Abschieds. Nur in bösen Stunden wünschte ein banges Gedenken ihres Mannes ihn zurück, und ein Gefühl, daß sie hier nur gelitten sey, und deshalb leide – kam über sie. Therese hatte mehr ein Gemüth für die heitere Lust des Lebens, die jeden Augenblick genießt, als für der Liebe tiefe Sehnsucht. Das letztere Schreiben hatte eine nahe Rückkehr hoffen lassen, die nur noch von einigen Ausgleichungen abhänge. Seitdem aber bestätigte kein Weiteres diesen Abschluß und daß auf seine baldige Ankunft zu rechnen wäre. Dies Alles hatte, in eine präcise Mittheilung gedrängt, der Administrator, dem wir vielleicht die schweigende Kürze der Erzählung ablernen mögten – dem Major Feldmeister vertraut. Und dieser erwiederte jetzt: »ich sehe wohl, Freund! Sie konnten füglich nicht anders – Sie können weder dafür, noch etwas ändern, obzwar, ich behaupte es redlich, solch ein Zusammenleben nichts taugt. Verlangen soll es mich aber doch, ob der Herr Bruder kommen wird? ad vocem! kommen! es kommt noch Jemand, Freundchen! mit Ihrer Genehmigung, versteht sich. Diesen Morgen schon wollte ich es Ihnen sagen; aber die lieben Schwägerinnen hatten mich in Mitleidenschaft ganz confus gemacht, und das Bein hier hat mir das Gedächtniß abwärts gezogen.« –

Der Major fuhr mit der Hand sacht an dem gichtischem Knöchel nieder, streichelte den Faust und hob an: »es giebt eine Sympathie der Erfahrung. Gestern früh erhalte ich ein Billet vom Obrist Milch; ein Name für ein Wochenkind, und nicht für einen Soldaten, nicht wahr? dieser mein alter Freund sollte Feuer heißen, denn er hat den Teufel der Bravour im Leibe. Also: er thut mir schriftlich seinen Wunsch kund und zu wissen, mich in der Posthalterei in Leidthal zu sprechen, da die Zeit ihm nicht erlaube, den Umweg über Sanct Capella zu nehmen. Er kam mit seiner Frau von D–. und hatte den Reitknecht von der letzten Station aus zum Behuf der Eile voraus gesandt. Ich machte mich alsbald auf. Die Obristinn saß, weil es draußen so hübsch und drinnen dunstig heiß war, in derselben Laube, und, ich wollte wetten, nicht einen Zollbreit weiter auf der Bank, als Therese. Ihr Gesicht war hochroth von der Herbstluft, der Obrist aber fror ein wenig, und trank ein Glas Wein; die offne Flasche stand auf dem Tische. Wir waren die Alten. Der Obrist scherzte über die Glut seiner Frau, und sagte, sie hätte meinetwegen wie auf Kohlen gesessen. Du könntest von uns sagen, setzte er hinzu, wir sähen aus wie Milch und Blut – das giebt ein zartes Bouquet, Du darfst es nur binden. Und dabei umarmte er mich derb und herzlich. Er ist so dick geworden, daß man ihn wie ein Faß binden mögte – taugt nichts, solche Corpulenz. Unterdessen verduftet dies Bouquet hier – antwortete ich, und steckte den Stöpsel in die Flasche. Du bist recht hübsch geworden in der Carthause, spöttelte der Dicke, das wird deinem Neffen drollig vorkommen. Er empfiehlt sich, und will Winterquartier bei Dir machen. Ist der Junge toll? platzte ich heraus; doch es wird wohl nur Dein Spaß seyn. Die Obristin lachte wie Dame Kobold. Nein, nein! versicherte ihr Mann, es ist dem Lieutenant voller Ernst damit, und daß Du es nur weißt, er will einer hoffnungslosen Leidenschaft entfliehen. Der Obrist machte eine seriöse Miene. Ich gerieth in Harnisch und sprach: das wäre mir gemüthlich, daß ich ihm Zuflucht gäbe vor einer dummen Liebschaft, die nichts taugt. – Er hat sich um einer Dame willen geschossen – entgegnete mir Jener kleinlaut: gönne ihm daher die Hospitalität Deines Klosters, daß er in dieser Abgeschiedenheit Ruhe habe, und an Seel und Leib genese. – Mögte Einem nicht gleich der Schlag vor Aerger rühren! rief ich entrüstet, und der Schrecken war mir wirklich in alle Glieder geschlagen; ich hielt den Rudolph für vernünftig. Erzürne mir den Major nicht – sagte die Obristinn begütigend, und erzählte mir nun eine närrische Historie, die den Lieutnant forttreibt und Ursach seyn wird, daß er um Versetzung anhält. In seiner Garnison lebt eine alte adelige Dame von wunderlicher Art. Ihre Wohnung ist ein Antiquitäten-Cabinet, sie selbst geht schlumpig einher, und stets wie ein Kinderspott der Redoute. Man hält sie für reich, doch auch für geizig, denn außer der Fliege, der sie das Leben schenkt, kann sich kein lebendes Wesen einer Gabe von ihr rühmen. Ihr Anblick muß etwas Unheimliches haben. Wer sie sieht, weicht ihr aus –, die Fee Fanferlüsche, diesen Namen führt sie. Und doch ist dies verrufene Mütterchen ein alter Ueberall. Vor Kurzem ist zu Ehren einer städtischen Feier großer Ball, und alle Honoratioren sind geladen. Alles ist im höchsten Glanz, die Damen im allerschönsten Putz sitzen wie am Faden gereiht. Da tritt jene Alte in den erleuchteten Saal, wie eine gespenstische Mode des vorigen Jahrhunderts – sagte die Obristin. Es entsteht ein Aufsehen, die kleine Gnädige kommt ins Gedränge, wird abseits geschoben und verliert einen Schuh. Doch was für einen? Frau von Milch hatte die Güte mir das corpus delicti zu beschreiben. Ein Pantöffelchen von geblümten Silbermoor, mit einer Schleife vorn von gesponnenem Glase. Ist es nicht, sagen Sie Freund, als ob man in der blauen Bibliothek aller Nationen läse?« Der Administrator nickte lächelnd. »Ein allgemeines Gelächter!« fuhr Major Feldmeister fort, »die Offiziere zerren den Schuh hin und her – da schwankt die Alte, wird bleich wie Asche, als würde sie auf der Stelle zusammensinken. Mein Neffe – ein braver Junge ist der Rudolph doch! stürzt wie ein Satan herbei, spricht davon, wie wenig Ehre dabei sey, eine kindische Matrone bloßzustellen – reißt den Pantoffel von der Säbelspitze, womit ein Jäger-Offizier ihn aufgespießt hat, hebt die Alte in einen Sessel, und zieht ihr vor vielen hundert Augen ihren Schuh wieder an.« Der Major athmete tief.

»Dies ist ein hübscher Zug vom Lieutenant Feldmeister,« fiel hier der Freund seines Oheims ein, »der mir sehr gefällt. Es gehört meines Bedünkens ein größerer Muth dazu, diesen kleinen Pantoffel zu fangen, als einen feindlichen General; und es mag dem braven Artilleristen leichter geworden seyn, sich einer tüchtigen Salve auszusetzen, als dem Arsenal des Spottes. Das Gefühl, was einen jungen Mann seines Gepräges gegen die Schmach einer schutzlosen alten Frau bewehrt, ist wahrhaft gloriös.«

»Das meine ich auch –« sagte der Major, und seine Augen funkelten. »Mein Neffe,« fuhr er fort, »war der Held des Abends, tanzte aber keinen Schritt. Jener Offizier hatte sich für beleidigt gehalten, und den Rudolph auf Pistolen gefordert. Er ward in die Achsel verwundet, aber nicht schwer. Sein Gegner kam auch nicht ungehuscht davon. Man witzelte leise: des Lieutnants Dame hätte einen Schuß, und er nun auch einen; doch Niemand wagte mehr ein lautes Wort an ihn; denn wie verträglich der Junge auch ist, er hätte sich mit dem ganzen Offiziercorps gerauft. Die gnädige Alte rauft sich die eisgrauen Haare aus, als sie erfährt, der junge Mann hätte ihretwegen mit blauen Bohnen gespielt. Die Geschichte machte Furore. Wie nun der arme Rudolph des Abends allein liegt, meint er, das Wundfieber stelle sich ein, und glaubt ein Phantom zu sehen. Vor seinem Bette bewegt sich ein Quantli, die Kammerfrau der Dame Fanferlüsche, klein und krüppelhaft wie ein verdorrter Zwergbaum. Sie sagt: wie es der Gnädigen doch so jämmerlich leid thue, daß der Herr Lieutnant sich Unannehmlichkeiten zugezogen hätten. Sie bitte ihn durch den Mund ihrer Dienerinn, seines jungen Lebens zu schonen, und beifolgende Kleinigkeiten zur Linderung seiner Schmerzen von ihr anzunehmen. Dabei packt sie aus. Binden, fein wie Battist, Charpie, Eingemachtes in Tassen, vom Superlativ einer Porzellain-Fabrik, wie sie der Kaiser von China von seinem Ahnherrn geerbt haben mag, Tamarinden zum Beispiel, deren eingesottner Zucker versteinert war, und die, wie mir die Obristin sagte, eine wirksame Kraft haben sollen, das Fieber zu vertreiben. Zugleich schickt sich die uralte Zofe an, meinen Neffen zu pflegen und die Nacht über bei ihm zu bleiben, und thut wie zu Hause. Darüber wird nun der Rudolph beinahe grob. Er sagt, sein Bursche halte Wacht bei ihm und auf Ordnung: so bedürfe er Niemandes. Nichtsdestoweniger bleibt die Servante freundlich und höflich, und kommt von nun an alle Morgen, die Gott der Herr giebt, um sich nach dem Befinden meines Neffen zu erkundigen, und immer bringt sie etwas zugeschleppt, eine Nachtlampe sogar, einen kleinen Fußteppich vor das Bett, damit er nicht hart auftrete, und hundert Kleinigkeiten, auf die ein Garçon nichts giebt. Der Regiments-Chirurgus sieht es, lächelt und schweigt – und dieses Lächeln schneidet dem Patienten tiefer ein, als sein wundärztliches Messer. Einmal nur sagt Jener: Sie scheinen die Wunderlampe überkommen zu haben, die dem Aladin verloren ging – nehmen Sie nur Ihr Glück besser in Acht – lieber Feldmeister. Aber dem Rudolph ist der Gedanke unerträglich, daß auf der Kugel, auf die er sein Leben gesetzt, solch eine gräuliche Fortuna stände. – Und als nun die Geschäftsträgerinn kommt, und ihm, Namens ihrer Dame, ein schönes Logis im Hause derselben anbietet, auf daß die Gnädige ihm ihre Dankbarkeit nahe und anders noch beweisen könne – da schüttelt er sich, und dies überhäufte Vergelten eines kleinen Dienstes, den er am liebsten vergessen mögte, wird ihm über allen Ausdruck widrig. So trägt der arme Junge, dem es in seinen Verhältnissen so wohl gefiel, darauf an, daß er versetzt werde, und einstweilen will er hierher kommen. Was meinen Sie nun dazu?«

»Ich kann es dem Lieutnant Feldmeister nicht verdenken –« antwortete der Administrator, »und würde in seinem Falle vielleicht eben so denken und handeln. Diese Erfahrung liefert wieder einen Beweis, daß man Jemand durch die stärkste Nothhülfe nicht halb so sehr verpflichtet, als wenn man ihn einer kleinen Verlegenheit überhebt. Und dann auch, daß die Ritterlichkeit im Benehmen eines Mannes das Geheimniß jedes Sieges über eine Dame enthält, sie möge nun eine Methusala an Jahren, und so geizig und hartnäckig seyn, wie sie nur wolle. Solcher Courtoisie widersteht Keine. –«

»Der Rudolph würde,« sprach der Major, »dem Verdacht der Erbschleicherei, dem niedrigsten, der auf einem ehrenwerthen Menschen haften kann – auf keine Weise entgangen seyn. So ist es gut, daß er Reißaus nimmt. Diese Retirade lasse ich mir gefallen. Sie haben als Vorstand unseres Invaliden-Hauses also nichts dawider, daß der wackere Junge für einige Monate meine Wohnung theile? –«

»Es wird für ein apartes Zimmer gesorgt werden,« sagte Herr Prälat, »und daß ihr Neffe sich hier so gemächlich als möglich fühle. Ist doch Raum bei uns da – wie im Himmel; und sollten wir alle Diejenigen aufnehmen, welche ihrem Vortheile entfliehen, so würden wir noch Gelaß übrig behalten.«

Des Majors Gesicht verklärte sich. Er blickte in helle Abende und sprach: »Wir spielen das l'Hombre alsdann mit dem Moor – der Moorhausen scheint mir in Eine Ihrer Schwägerinnen verliebt, denn er quält mich beständig, ihm Entree bei den Damen zu verschaffen. Nun – mit Dem hat es keine Gefahr. Aber – Hm! wird auch der Rudolph Unheil anrichten im Stifte? Frau Therese ist ein entzündbarer Stoff, und die Kleine wahrhaftig hübsch genug.«

»Die bewacht Fabia –« versetzte der Administrator mit trüber Ruhe.

»Was das betrifft –« entgegnete der Major, »meine Frau sang ein altes Lied, was ich immer gern hörte; es hatte einen Refrain: denn wenn ich nicht selbst mein Herz bewache, o so hilft kein Argus und kein Drache. Mit allem Estime gegen die Frau Schwägerinn gesprochen. Josephine ist ein stilles Wässerchen –«

»Und tief!« fiel Herr Prälat ein, »aber im reinsten und höchsten Sinne. Sie gleicht einem jener lichtentfloßenen Ströme, die Swedenborg entzückten Geistes fließen sah.«

Der Major sah seinen Freund nachdenklich an und sprach: »auch wünsche ich von Herzen, daß dies Bächlein in das Bette eines Flußgottes geleitet werden möge, der es nie in Thränen fließen läßt, sie müßten denn vor Freude geweint seyn. –« Jener schwieg.

Einige Wochen waren seitdem den Bewohnern von Sanct Capella gleichförmig vergangen. Jetzt war der Christmonat da, und mit ihm jene winterheimliche Stille, selbst in der Natur, wie sie um das heilige Dunkel dieser Zeit webt, die häuslichen Verbindungen enger schlingt, und die kleinen Geheimnisse der Freude und Liebe an das große Geheimniß der Weltbeseligung knüpft. Die Frauen beschäftigten sich einsam, vergnügliche Ueberraschungen zu bereiten, sogar Schwester Veronica fertigte einige klosterkünstliche Gaben in verschlossener Zelle an, zu Weihnachtsgeschenken für ihre Freunde. Dessenungeachtet fehlte es an geselligem Verkehr nicht, und mancher lichterfreundliche Abend ward traulich plaudernd, hier oder da, hingebracht. Bei dem Gerichtshalter Gottschalk – einer liberalen Familie, welcher, wie unsere Leser sich erinnern wollen, zu Anfange dieser Erzählung erwähnt wird – und der nicht im Kloster, sondern in einem dazu gehörigen Gebäude wohnte, waren die Staabsoffiziere von Sanct Capella freundlich aufgenommen, und auch Fremde öfters da zu finden. Therese gefiel sich sehr dort. Ihr Schwager hingegen nahm selten Theil an diesen muntern Zusammenkünften, und Frau Fabia gar nicht. Der Administrator hatte es aus Neigung wie mit Absicht vermieden, um vornehmlich Fabiens strengen stillen Geist nicht zu beleidigen, sein Wohnzimmer zu einer militairischen Ressource zu machen. Major Feldmeister gehörte nicht in jene ausschließende Regel; doch dachte er zart genug, um nur bescheidenen Gebrauch von einem Gunstrecht zu machen, das ihm zu jeder Zeit und Stunde den Eintritt in den weiblichen Hauskreis seines Freundes gestattete. So geschah es auch nur ausnahmsweise, wenn Einer oder der Andere der Offiziere ihn dahin begleitete. Das l'Hombre, wovon der Major redete, ward zumeist auf seinem Zimmer gespielt, und Hauptmann Moorhausen, ein Mann von lebhafter Phantasie und kühner Darstellungsgabe, war der Dritte von dieser Parthie. Deshalb stand der Letztere zu dem Stiftsverweser in etwas näherer Beziehung als die Uebrigen. Auch fühlte Herr Prälat, oft abgespannt und ermüdet von Geschäften, es als eine gesunde Wohlthat, daß sein Zwergfell erschüttert werde. Man hatte jeden Gedanken an eine kleine gesellschaftliche Ueberraschung zu dem Geburtstage des Administrators fallen lassen. Von jenem Streit an, der die Schwägerinnen entzweite, schien die Stimmung der beiden Frauen ausgewechselt zu seyn. Fabia gab sich alles Ernstes Mühe, Theresen den kleinen Vorfall vergessen zu machen, und sich ihr freundlich zu erweisen; so wie Therese ihrerseits sich hütete, Fabien zu nahe zu treten. Wenn nun jedes Wohlwollen heiterer macht und auch liebenswürdiger, so gewann Frau Fabia am meisten bei diesem Bestreben, auch in den Augen ihres Schwagers, da hingegen Therese durch leisen Bedacht eines ihres natürlichsten Reizes beraubt ward, jener Hingebung an die Freude, an das Vertrauen, daß alle Menschen von ihrer guten Gesinnung überzeugt seyn müßten, weshalb sie sich denn auch ganz unbefangen gehen ließ. Jetzt war sie in sich gekehrt, eine sehnende Stille hatte dies regsame Wesen beschwichtiget. Sie sprach davon, wie ihr eine innere Stimme sage: Constanz werde nun nächstens kommen, und nur den Wunsch damit aus, daß es geschehe. So oft ein Wagen vor das Kloster rollte, fuhr Therese mit der Hand nach dem Herzen, weil es hochauf klopfte – und dem Munde des Majors entfuhr gleichzeitig ein gelinder Fluch, wo der Rudolph nur bleiben möge? denn Zögern und Zaudern, meinte sein Oheim –, dies tauge nichts. –

Schwester Veronica beschenkte den Administrator zu seinem Wiegenfeste mit einer Rose, die sie mit unsäglicher Sorgfalt für ihn gezogen hatte. Als er sich in das Anschauen der Blume versenkte, wehete ihn ein Hauch aller Frühlinge an, die er gelebt, ein Auferstehungs-Athem gestorbener Freuden – und er äußerte, wie es doch nur möglich gewesen, dem starren Winter dies weiche zarte Leben zu entlocken? –

Schwester Veronica lächelte und sprach: »der Liebe und Freundschaft ist alles möglich; und ein warmes Herz ist ein gutes Treibhaus für die Blumen jeder Zeit. Diese Rose ist gekommen, wie ich es wünschte, auch das Knöspchen daran war mir lieb. – Heute, gerade heute, hatte sie ihren Kelch erschlossen, es rührte mich, da ich es sah – wie man die Brust öffnet einem frohen Tage: trinken Sie den göttlichen Odem der Freude daraus!«

Der Administrator drückte gerührt die Hand der alten Nonne und dankte ihr; ein stilles Bedauern ging durch seine Seele, daß diese treue Hand nur Rosenkränze von schwarzen Perlen umschlungen hätten.

Schwester Veronica hatte auf dringendes Bitten versprechen müssen, den Abend bei ihren Freunden zuzubringen. Auch Major Feldmeister und Hauptmann Moorhausen waren eingeladen. Josephine deckte den großen runden Tisch; der Wirth desselben brauete eine Bowle. Therese kleidete sich an, die Männer zu berauschen, Fabia schaltete in der Küche. Er sah das Mädchen geräuschlos hin und her weben; alle Bewegungen Josephinens waren leise und harmonisch wie ihr Sprachton, so daß, als sie aus einem Körbchen Gläser und Teller nahm, und achtsam niedersetzte, nur ein sanftes Klingen, doch kein Klirren, das, was sie that, verrieth. Herr Prälat verlangte die Citronenpresse, Josephine reichte sie ihm. Er forderte darauf ein Messer, und nahm es aus ihrer Hand. Er sah mit heißem Blick in die schönen Augen des lieben Kindes, der Gedanke an den reinen Himmel, der darin schimmerte, war diesem Blicke nicht fern. Und er sprach: »weißt Du wohl, was Abraham a Sancta Clara sagt? Ein Mädchen soll seyn wie eine Citrone, und auch nicht wie eine Citrone, es soll einen Stern im Herzen tragen, und doch Niemandem das Leben sauer machen. Das thust Du nicht, mein süßes Kind! Du bist biegsam – voll Kern – ein Zuckerrohr –« der Administrator warf im Verhältniß zu diesem Lobe ein blitzendes Randstück feinster Raffinade in die starke Mischung. Josephine lächelte, als hätte sie den Geist derselben oben weg geschöpft getrunken. Sie antwortete: »ach Onkel! dieses Urtheil giebt nur die Güte ab. Die Mutter klagt doch manchmal über mich! und tadelt mein träumerisches Wesen; so sagt sie oft, ich ginge so zerstreut umher, als wisse ich vom hellen Tage nichts, und könne nicht bis auf Drei zählen.«

Herr Prälat hatte, während Josephine diese Worte sprach, einen Löffel vom Eßtisch gelangt, ein schwarzes Pünktchen, was in der goldenen Fläche schwamm, damit zu fischen. Sein Auge umzirkelte im Nu die gastliche Tafelrunde, und er antwortete im Tone schmeichelhafter Mißbilligung: »da thut sie Dir nicht Unrecht, meine Kleine. Du hast acht Couverts gelegt. Wie viel sind Unserer? auf Sieben wenigstens kannst Du nicht zählen. Doch das ist auch eine böse Zahl, – dieser Irrthum, diese Achte geht in der Achtung Deiner lieben Seele für das Gute auf.«

Josephine erröthete und nahm das Gedeck hinweg. Sie erwiederte: »es wird ein Gast kommen, auf den wir nicht gerechnet haben. So oft ich einen Stuhl zu viel setzte, geschah es.«

»Nun, so möge es denn Constanz seyn –« sagte sein Bruder, »denn es will mich bedünken, als sehne Therese sich nun fort.«

Eben trat sie ein. Auch die Andern kamen. Man aß, trank, und war vergnügt. Auf einmal stieß Therese einen hellen Schrei aus, und fuhr mit der Hand nach dem Munde. Alle schrieen erschrocken auf, so daß auch Faust mit Geheul empor sprang. Sie hatte sich an einem Rebhühnerbeinchen die Spitze eines Seitenzahns ausgebissen, und zeigte mit weinender Wehklage den kaum sichtbaren Makel und das abgesprengte Stückchen Emaille. Man tröstete und spöttelte wirr durch einander; aber Therese lamentirte dessenungeachtet, als wäre ihr eine unersetzliche Perle aus der Krone des Lebens gebrochen. »Man bemerkt es gar nicht, ich schwöre es Dir!« betheuerte ihr Schwager, als Therese gestand, ihr zitterten alle Glieder. »Es ist ein hübsches Zähnchen und mehr nicht,« sagte der Major, »lassen Sie es geknikst seyn. Wie wollten Sie thun, wenn Ihnen das Herz bricht? – Um das Bischen Glasur so zu verzweifeln! das Zerbrechliche allzusehr lieben –, taugt nichts.«

Und die Nonne versicherte in einer Theilnahme, welche allein in der Stimme des Trostes sprach, Therese wäre ja noch schön genug.

»Beruhigen Sie Sich, meine Gnädigste,« sagte Hauptmann Moorhausen, »ich wünsche, ich könnte Ihnen Ersatz geben, auf Ehre! und mithin ein wenig von meiner Constitution. Das Naturell meiner Landsleute ist so vegetativ, daß es gar nichts Seltenes ist, wenn gesunde Personen drei bis viermal Zähne bekommen. Wie Sie mich hier sehen, sind das meine fünften.«

Er fletschte das Gebiß, dies gab seiner Physiognomie einen so affenartigen Ausdruck, daß die Damen anstatt zu bewundern, sich davor entsetzten. Theresens Thränen standen still. Der Major rief: »Sechser, Moorhausen, Sechser!« Der Hauptmann stutzte einen Augenblick, ließ sich aber, einmal im Zuge, nicht stören und sprach: »ich bin überhaupt mit einer gewissen Unzerstörbarkeit geboren. Als die Schlacht bei *** vorüber war –« »nun sind wir geschlagen –« murmelte der Major seinem Nachbar zu, »er rückt ins Feld –« »wir hatten den ganzen Tag hindurch gemetzelt –« die Nonne faltete die frommen Hände, und über Josephinens Gesicht lief ein banger Schatten, das gute Kind vergaß, daß jene erschlagenen Feinde auch nur Schatten wären –, »fühlte ich mich der Ruhe bedürftig. Man wird vom Todtmachen zuletzt mit todt;« redete der Hauptmann weiter. »Ein Stündchen nur hätte ich schlafen mögen; ich streckte mich auf einen ländlichen Kirchhof hin, und dachte, ich hätte brav gethan, und könnte mir nunmehr auch eine Güte thun. Das Schießen dauerte fort – ich hörte es dumpf im Traume. Als ich am folgenden Morgen erwachte, meinte ich, der jüngste Tag wäre gekommen. Zerstreute Glieder lagen um mich her, hier war eine Granate zerplatzt, dorthin eine Bombe geflogen: in meiner offnen Hand hatte sich eine kleine Kugel gefangen, und nur einen rothen Fleck nachgelassen.«

»Das war doch Münze, Alterchen?« rief der Major.

»Wie meinst Du das, Herr Bruder?« fragte der Hauptmann verblüfft, »glaubst Du vielleicht, ich flunkere? auf meine Ehre! die Kugel war noch lau

»Jeder Achill hat seine Ferse –« fiel hier der Administrator ein, dem diese Versicherung zu warm war, und der da wußte, daß der Major auch hitzig werden konnte, »der Ihrigen, Herr Hauptmann, verdanken wir das Glück, Sie zu besitzen.«

Der martialische Moorhausen, seiner unempfindlichen Natur getreu, beachtete den empfangenen Stich nicht. Durch einen geschickten Wurf schleuderte der Major den tapfern Hauptmann vom Champ de Bataille auf den Boden seiner Heimath, dessen ungemeine Ergiebigkeit ein Lieblingsthema seiner Rede war. Er sprach: »die Seeluft Eurer Provinz stärkt die Natur dort so riesenhaft – ist's nicht so, Moorhausen? was Du mir davon erzählt, ist wirklich zum Erstaunen.«

Der Hauptmann lächelte wie ein schaffender Gott. »Ueberall hervorbringende und ergänzende Kraft –« sagte er, unendlich glücklich. »Nach einem fruchtbaren Gewitterregen war in einer Nacht auf meinem Gute das Getreide um ein und eine halbe Elle gewachsen – auf Ehre!«

»Das wissen sich die ältesten Leute keiner Zone zu erinnern –« sprach der Administrator mit duldsamer Ironie, und der Major konnte sich nicht enthalten, zu bemerken: »wenn das in der Progression so fortgegangen wäre, so hätten die Engel im Himmel die Früchte Deines Feldes einsammeln können, während die Bauern das Korn an der Wurzel schneiden dürfen.« Alle lachten.

Dieser beispiellos gesegnete Gutsherr fühlte, ungekränkt, auf welche Weise er zu einem erheiternden Mittel für die Gesellschaft würde. Angeregt durch ihren Beifall fuhr er fort: »ein andermal hätte der Schaden eben so groß seyn können. Bei einem ungeheuern Sturme entstand ein gläsernes Krachen in der Luft – als wenn die Giganten Zank bekommen hätten, und sich Gletscher an den Kopf würfen. Es hatte geschloßt – die Felder lagen voll Eisklumpen, wovon der kleinste im Unfang dieser crystallnen Butterglocke war. Ich ließ das Eis auf Wagen an das Seeufer schaffen. Alles, was Hände hatte, mußte dran; es war eine Lustparthie, wie in den Gefilden von Nova-Zembla. Ein armer Mensch erfror sich die rechte Hand dabei, sie mußte abgenommen werden, und er erhält noch jetzt eine kleine Pension von mir. Und grade in diesem Jahre war es, wo mein Weizen schöner blühete als je! – Ich stand mit Resignation an jener Eiswüste, und dachte es nicht. Die Sonne schien wie in einen zersprungenen Weltspiegel, ich trug eine Augenentzündung davon.«

Die Damen schlugen die Augen nieder, der Major blinzelte, als sähe er selbst in Sonne und Eis – es herrschte eine große Stille, als wäre ein Engel durch das Zimmer geflogen, der Engel der Wahrheit aber war es nicht. – Hauptmann Moorhausen empfand dies Schweigen. Er wollte einen mildernden Schatten auf jene glänzende Weizenbreite fallen lassen, und sagte nach einer kleinen Pause: »es däuchte mir selbst ein Wunder. Von Mißwachs wissen wir in meiner Provinz gar nichts; doch eben so unbekannt – und das wird Ihnen nicht weniger unglaublich vorkommen – ist dort die Christfeier und das Osterfest. An eine Bescheerung denkt Niemand; weder vom heiligen Abend, noch vom heiligen Grabe, nimmt eine Seele Notiz. So erinnere ich mich, am Charfreitage auf einem brillanten Ball en masque gewesen zu seyn.«

»Heiliger Gott!« seufzte Fabia; ein mitleidiges Lächeln umspielte die Lippen der Nonne. Sie hielt den Hauptmann für verrückt.

Major Feldmeister hob seinen Blick an die Decke, und hielt sich die Seite. Selbst Therese vergaß ihre Betrübniß und sprach: »da machten Sie wohl den armen Schächer, Herr von Moorhausen? oder den Kriegsknecht mit der Lanze etwa? der Major bekommt schon Seitenstechen von diesem Gedanken – oder den Pilatus mit einem Täfelchen auf der Brust, worauf die Frage stand: was ist Wahrheit

Der kühne Moorhausen war doch vor sich selbst erschrocken, und vor dem Tone tiefster Indignation in Fabiens Ausruf. Dieser Seufzer zu Gott galt nicht der Verleugnung Christi, sondern dem Glauben an den Frevel der Lüge, den der Hauptmann ihnen zumuthete. Er fuhr auf, als empöre ihn der Gedanke, etwas Unrichtiges gesagt zu haben, »nicht am Charfreitage – wie ist mir denn? ich bitte tausendmal um Verzeihung! nein – da hatten wir einen andern Spaß – am Tage Charitas, den achten October, zum Anbeginn der Wintervergnügungen, war jene glänzende Redoute.«

Schwester Veronica athmete bei diesen Worten so erleichtert auf, als hätte ihr Jemand das Kreuz des Herrn von Brust und Schulter genommen, auf der sie es getragen – und Jener fuhr fort: »doch um noch einmal auf das Vorige zu kommen, Sie könnten leicht durch meine Schilderung einen falschen Vorbegriff von den Bewohnern meiner Heimath fassen. Denken Sie Sich nicht etwa ein Völkchen von barbarischen Sitten, Gott bewahre! es sind so charmante, humane Leute, selbst unter der gemeinen Classe – die Oefen im Schlosse – es fehlt an Töpfern in der Gegend, und an feinem Thon – hat mir ein Freimaurer gesetzt.«

Hier gab Herr Prälat, um Fabiens und der Nonne willen, dem Gespräch eine Wendung. Man gerieth in das Gebiet der Geheimnisse, und kam auf Träume, Ahnungen und dergleichen. Allen war dieser Stoff anziehend, Jedes gab seinen Beitrag.

»Es ist ein schöner Glaube,« sagte die Nonne, »daß es Geister giebt, die auf eine gottmögliche Weise dem blöden Auge des Menschen sichtbar werden können. Schutzengel giebt es gewiß; ich weiß ein Beispiel. Schwester Hedwigis, eine geistliche Jungfrau unseres Stiftes – sie ruhet längst – besucht als ein lebenslustiges Fräulein eine verwandte Familie. Sie liegt im ersten Schlafe, und fest, wie die Jugend schläft, nach einem ermüdenden Tage. Da hört sie sich bei ihrem Namen rufen, ängstlich und dringend. Sie wacht auf, und Niemand ist zu sehen. Kaum wieder eingeschlummert, wird dieselbe Stimme laut, und flehentlicher als zuvor: sie solle das Lager sogleich verlassen. Dem Fräulein kommt ein Grauen an; es springt aus dem Bett, und sieht bei hellem Mondschein eine lichte Gestalt die Urne des Ofens umklammern. Oft hat mir Hedwigis versichert, und ihrem Munde entging gewiß kein unwahres Wort – die Flügel dieser Erscheinung hätten geschimmert. Das Haus erbebt in einem fürchterlichen Getöse. Ein Theil der Decke, und der altfränkische Ofen war eingestürzt, und Hedwigis wäre im Schlafe erschlagen worden, wenn jene Stimme ihres Schutzgeistes sie nicht gerettet hätte. Man fand das Fräulein ohnmächtig im Nachtgewande auf den Stufen; alle Bewohner verließen, erschüttert von diesem Vorfall, das Haus, welches überhaupt schon baufällig gewesen seyn mag. Durch Hedwigis Seele bebte diese Erinnerung fort und fort. Sie dachte, daß der Himmel ihr Leben sichtbar beschützt hätte, und weihete es ihm.«

Josephinens Blick schimmerte auch, und hing noch an den Lippen der Nonne, als diese sich schon wieder geschlossen hatten, um einem Andern das Wort zu vergönnen.

»Auch ich wüßte eine merkwürdige Vorbedeutung zu erzählen –« sagte Frau Fabia mit tiefgesenkten Augen, denn sie schauten in die Geheimnisse der Gräber –, »die mich überzeugt, daß wir mit seligen Geistern, mit den Todten in naher Verbindung stehen. –« Aller Blicke richteten sich auf Fabia, kein Athem ward laut, und diese horchende Stille schien um die Mittheilung zu bitten. Sie begann leisen und langsamen Tones: »ich war noch im Hause meines Vaters, der auch Beamter des Grafen Frankenstern war, als der Justitiarius desselben starb. Er hinterließ schönes Vermögen, und eine einzige Tochter, den Abgott der Mutter, die noch lebte. Wir waren ein Herz und eine Seele, und wenn Minna einige Jahre mehr als ich zählte, und mir an Geistesbildung wie an Talenten überlegen war, so hatte ich häusliche Kenntnisse und den Starkmuth voraus, den eine christliche Erziehung mir gegeben, und war sonach dem Leben, wie es nun einmal ist, voll Angst und Mühe – besser als meine Freundinn gewachsen. Minna konnte sich nicht fassen, da ihr Vater der Welt Valet gab. Sie bedeckte seinen Leichnam mit Küssen und Thränen, wie sehr wir sie auch baten, ihm die Ruhe zu gönnen; denn es ist nicht gut, wenn man über einen Todten weint. Er nimmt dann heißen Schmerz mit in die kühle Erde – und geht vom Himmel aus, ihn zu stillen. – Meine Minna hatte sich einige Zeit vorher einem jungen Edelmanne verlobt, zwar mit Genehmigung der Eltern, aber der Vater sah diese Verbindung doch nicht ganz gern. Nicht, daß er etwas Wesentliches gegen den künftigen Eidam gehabt hätte, sondern, weil er aus mehr als einem Grunde ein Mißverhältniß darin fand. So war der Geliebte Minnas fast in gleichem Alter mit ihr, und noch abhängig von seiner Mutter, die ein kleines Rittergut besaß: dann konnte kaum ein Brautpaar, seinem Aeußern nach, so ungleich wie dieses seyn. Er, ein baumlanger Mensch, eine wahre Athleten-Gestalt; sie, ein zartes Heimchen, eine kleine Psyche, die ihm kaum bis an die Rocktasche reichte. – Ein Spötter sagte: Minnas künftiger Gatte werde seine junge Frau, wenn sie einst guter Hoffnung sey – in einem Kästchen mit sich auf Reisen nehmen können – wie in einem hübschen Mährchen zu lesen. – Wie nun das Testament des Justitiars eröffnet wird, findet sich, daß er als unumstößliche Bedingung der väterlichen Erbnahme den Punct gestellt hat, die Heirath der Tochter solle erst nach dem Ablauf dreier voller Jahre – er bestimmt sogar den Tag, denn dieser Vater war ein sehr determinirter Mann – vollzogen werden. Hieran war nun kein Jota zu ändern, und Alles wohl verclausulirt. Der Braut war dies Gebot ihres Vaters heilig; die Wittwe aber, die es nicht erwarten konnte, ihre Tochter als gnädige Frau zu sehen, war damit sehr unzufrieden. Sie hatte Respect vor ihrem Manne bei seinen Lebzeiten gehabt; seinen letzten Willen scheute sie weniger. – Eine Pietät, bei der dies in umgekehrtem Verhältniß Statt gefunden hätte, legte dieser Frau zarte Pflichten auf. Sie dachte, wie sie den Verstorbenen und selbst den Gehorsam seines Kindes überlisten könnte – und zog die Mutter des Bräutigams in ihr Interesse, der damals auf Reisen war. Was aber ein rechter Mann ist, meine Herren –« hier lächelte die ernste Fabia, und das männliche Kleeblatt lächelte mit, »der drückt auch mit der todten Hand einer widerspenstigen Frau den Daumen auf's Auge, und der Wittwe des Rechtsgelehrten lief eine schmerzliche Zähre heraus. – Ein Jahr fehlte noch zum Ablauf der festgesetzten Frist, da wollte nach einem schriftlichen Uebereinkommen zwischen beiden Müttern die Edelfrau ihrem Sohne das Gut übergeben, die Acte war schon fertig – und den Bräutigam heimlich zurückrufen – Minna und ihre Mutter dahin einladen, und dort sollten die jungen Leute am Geburtstage der Braut mit der Trauung überrascht, und gleichsam zu ihrem Glücke gezwungen werden. Alles war dazu vorbereitet. Nun hören Sie, was geschah! – Der Justitiarius hatte ein eigenes Haus auf dem gräflichen Gute, was seiner Frau als Wittthum verblieben war. Eines Tages besucht mich Minna. Sie sah sehr blaß aus, und besorgt fragte ich um die Ursache. Du wirst mich ein Kind schelten, sagte sie, aber ich kann einen ergreifenden Traum nicht los werden. Ich brachte meinen Schreibtisch in Ordnung, verschloß alle Schübe – da trat mein Vater ein, mit raschem Schritt, wie er kam, wenn er sich eine Minute für mich abmüßigte, ganz in der Manier seiner lebendigen Eile. Ach Fabia! sagte sie, und Thränen flossen über ihre Wangen, ich habe ihn leibhaftig gesehen; aber seine Miene war bekümmert. Er sprach: daß er mich nun nächstens abholen werde. – All' meine Sehnsucht nach ihm ist mit mir erwacht. – Ich suchte es dem lieben Wesen auszureden. Einige Wochen waren seitdem vergangen, das Wetter fing an, frühlingsschön zu werden, und jener einladende Brief, der die ahnungslose Braut an den Altar lockte, war gekommen. Da kam Marie, und vertrauete mir, daß jener Traum sich seltsam wiederholt hätte. Sein Auge zürnte, so erzählte sie von der Erscheinung ihres Vaters, als er den Brief meiner Schwiegermutter liegen sah. Er verlangte, daß ich ihm sogleich folgen sollte. Ich entschuldigte mich, daß ich ja nicht angezogen wäre. Er erwiederte: frägt darnach ein Retter? und verschwand. Ich muß gestehen, daß mich diese Worte sehr ängsten; es ist mir, als werde ich von irgend einem Unglück bedroht, und als wolle mein treuer Vater mir von Jenseits herüber ein treuer Warner seyn. Wüßte ich nur, was ich zu thun, oder zu lassen hätte! – Mich selbst bestürzte diese Aussage, wenn ich es auch verbarg, da Minna ohnedies verstört war. Acht Tage waren wiederum verflossen, binnen deren Verlauf wir uns wenig gesehen hatten – da – ich weiß es wohl noch wie heute – räumte ich meine Bodenkammer auf, und die Sonne ging unter, als ich mit diesem ermüdenden Geschäfte im Reinen war. Ich komme eben aufgeschürzt die Treppe herab, da steht Minna, weiß wie eine Taube, und bittet mich mit kranker Stimme, ein wenig mit ihr spazieren zu gehen. Gern, meine Minna, wollte ich das, gab ich ihr zur Antwort; aber Du siehst selbst, wie eingestäubt ich bin. So muß ich zunächst an ein Waschfest gehen, und dann mögte wohl die Feierstunde ausgeläutet haben. Es dürfte auf lange das letztemal gewesen seyn – sagte sie: den Donnerstag geht es fort – lieber Gott! auf das Gut, meinte sie. Ich muß mich zerstreuen, Fabia, sagte Minna mit einem krampfhaften Lächeln; denke nur, diese Nacht hat mich mein Vater wirklich abgeholt. Er trat eilfertig, in einen Pelz gehüllt, in mein Stübchen, seine Taschenuhr in der aufgehobenen Hand. Nun ist es Zeit – sagte er, und hielt mir die Uhr vor die erschrockenen Augen: sie stand stille. Ich eilte im Schlafrock an seiner Seite von hinnen. Vor der Thüre stand ein Schlitten, der Schnee lag wie ein Leichentuch – als ich einsteigen wollte, verlor ich einen schwarzen Schuh – er sank tief ein. Den Führer sah ich nicht; aber der Schlitten sausete auf den Kirchhof zu. – Mich überlief es kalt,« fuhr Fabia fort, und auch ihre Zuhörer schien ein Frösteln zu durchrieseln. »Am folgenden Tage,« redete die Erzählerinn seufzend weiter, »kehrten wir erst spät von einer kleinen Ausflucht heim; ich schlief daher den nächsten Morgen etwas länger als gewöhnlich. Der Vater stand vor meinem Bette, im blendenden Schein der Frühsonne, und ich sah nicht bald, wie betrübt sein Auge war. Du hast sanft geschlafen, Fabia! sagte er, das hat Dich denn für eine traurige Nachricht gestärkt. – Minna ist recht krank – – ich blickte in sein Gesicht und rief: o Gott! sie ist schon todt! – Er nickte schmerzlich-still. – Sie war in der verwichenen Nacht an einem Scharlachfieber gestorben, was nicht zum Ausbruch kam, und unsere kleine Promenade war ihr letzter Gang gewesen; denselben Abend noch hatte Minna sich gelegt. – Den Donnerstag, der zu ihrer Abreise bestimmt gewesen, wurde meine Freundinn begraben. Als der Sarg, mit Kränzen behangen, die jungfräuliche Ehrenkrone von silbernen Zitterblumen zu seinen Häupten, aus dem Hause schwankt, kommt ein Reisewagen angefahren. Es war der unglückliche junge Edelmann, der seine Braut abholen wollen auf das Gut der Mutter. Er kam nur gerade zurecht, ihr das letzte Geleit zu geben. Mit welchem herzzerreißenden Schmerze – davon will ich schweigen. –«