Inzwischen waren ein paar Jahre vergangen. Man hatte wenig oder nichts von dem jungen Ehepaare gehört, ein Beweis, daß es glücklich lebte. Da ward die Gattinn des Cassirers eines Tages der Gräfinn Albane gemeldet, und alsbald stand jene bekannte Gestalt vor ihr. – Ein wenig fraulich hatte Fabia sich doch verändert. Sie war hagerer als sonst – die frischen Wangenrosen waren verweht und etwas eingefallen, und um den Mund hatte sich ein matronenhafter Zug von kleinen Falten gebildet, der um so schärfer hervortrat, als sie sich zu lächeln bemühte. – Doch ungleich deutlicher noch machte Fabia ihrerseits die Bemerkung, daß Albane kaum mehr zu kennen wäre. – Sie saß an dem einzigen Fenster eines Gemachs, das wie eine Laube gemalt, und deshalb düster war. Seltsam stachen die unbeweglichen Schatten der Malerei gegen das lebendige Farbenspiel der Tuberosen und grünen duftenden Stauden ab, die in einem kleinen reizenden Gartenflor an dieser sonnigen Stelle blühten. Der Wind strich leise durch die Zweige, und ihre Umrisse spielten warm auf dem Gesicht der Gräfinn, die, verbleicht, krankhaft zu frösteln schien, denn sie trug in dieser Jahreszeit – es war im August – einen weiten Mantel von Seide. – Dieser Anblick brachte Fabien um die ihr eigenthümliche Gegenwart des Geistes. Ihre Seele forschte in dem bestürzten Blicke nach der Ursache dieser Veränderung. Wie war diese unvergleichliche Schönheit zerstört! welches verwahrlosende Geschick hatte das Feuer dieser herrlichen Augen ausgelöscht? – Zwar hatte man lange schon von einer bedeutenden Unpäßlichkeit der jungen Gräfinn gesprochen, und wie diese selbst für die Diener des Hauses unsichtbar würde – die Amme war sichtlich geängstet, doch schweigsam wie das Grab, das sie für ihren Liebling fürchtete –: aber diese matte Blässe, diese kranke Stimme, aus Seufzern zusammengehaucht, deutete eben so sehr auf ein beladenes Gemüth, als auf unterdrückte Kraft des Körpers hin.

Mit Fabien stand der Gräfinn die Vergangenheit vor Augen. Das klare Ansehen der jungen Frau und ihrer reinen Verhältnisse bewegte das Herz im Busen der unglücklichen Albane. Ein tiefer Seufzer schwebte auf ihren Lippen, da sie nach dem Anlaß dieses lieben Zuspruchs fragte. – Darauf trug Frau Fabia bescheidentlich die Bitte vor, ihr gütigst eine blaue Camelia abzulassen, womit sie ihrem Manne, der ein großer Blumenfreund sey, eine Freude zu seinem Geburtstage zu machen wünsche. Die Gräfinn gewährte dies und mehr, jede schöne seltne Pflanze, die sich innerhalb der Glashäuser, oder im Bereich des Gartens überhaupt befinde, solle zu ihrer Auswahl stehn. Fabia bezeigte ein lebhaftes Vergnügen. Albane erkundigte sich nun nach dem Ergehen der jungen Frau, und kam der zögernden Antwort zuvor, indem sie schmerzlich lächelnd sagte: »doch diese Frage ist wohl vom Ueberfluß. Sie haben aus Neigung geheirathet. Sie sind die Gattin Dessen, den Sie lieben, vor der Welt die Seine, und begünstiget durch ein Stillleben, was ich mir über alle Maaßen traut und glücklich denke. Sie dürfen ihren Ehemann mit jeder Blume beschenken, mit jeder – selbst wenn sie unter Ihrem Herzen blüht –« hier stockte die Gräfinn. Fabia senkte tief das Auge, und es bedeckte eine aufquellende Thräne. Diese Seligsprechung einer Vermählten im Munde der gräflichen Jungfrau, die eine geistliche zu werden bestimmt war, mußte die Frau des Cassirers befremden, und jene höchste Blüthe der Liebe, worin Albane das, was sie dachte, verblümte, auf der schaamhaften Lippe eines Mädchens die züchtige Fabia allerdings Wunder nehmen. Sie sprach erröthend: »ich darf mein Loos nicht beklagen; doch auch die günstigste Lage läßt wohl etwas zu wünschen übrig. Mein Mann ist brav, und hat mich noch mit keiner Miene beleidiget; aber er ist peinlichen Gemüths, besonders was seine Geschäfte betrifft. Freilich ist sein Amt verantwortlich, da der gnädige Herr Graf –« Albane nickte, und Fabia fuhr fort: »dann mag die Erziehung meines guten Mannes hier und da verfehlt gewesen seyn – damit hat eine Frau auch zu kämpfen. Er verbittert sich manchen Lebensgenuß, mein Vater spricht, es komme von einer krankhaften Galle her. Schreckt er doch selbst mich nicht selten mit einer gewissen mißtrauischen Kälte ab – und der Himmel ist mein Zeuge! daß ich ihm gern die Sonne zuneigen mögte. Endlich wünscht er sich so sehnlich ein Kind – und es wäre hart für mich, wenn dieser Segen uns versagt bleiben sollte.«

Nichts lockt so sicher Aeußerungen des Vertrauens auch aus der verschlossensten Brust, als wenn der Schatz, den sie besitzt, überschätzt wird. In diesem Falle dürfte sich selbst der vorsichtigste Geizhals in einer ohngefähren Angabe seines Vermögens errathen.

Die weiße Albane ward wie mit Rosenblut begossen. Sie brach eine Knospe ab und zerpflückte sie in ihrem Schooße. Das Gespräch ward noch eine Weile mit Wärme fortgesetzt – dann ging Fabia. Später hörte man von ihr und ihrem Manne, sie hätten ein Pflegekind angenommen.

Wieder eine geraume Zeit war seitdem verflossen. Da ging Albane an einem milden Sommerabend spazieren, und wie gewöhnlich allein. Sie war kürzlich abermals sehr krank gewesen, und als sie zum Vorschein kam, sah man wohl, wie viel sie gelitten. Man beklagte die arme junge Gräfinn, die schwerlich zu völliger Gesundheit und Kräften kommen könne, in ihrer herzpressenden Lage, und der, allem Vermuthen nach – sich die Thüren der Gruft eher öffnen würden, als die Pforten des Klosters. –

Ein Hirtenknabe durchkreuzte ihren Weg, der weinte. Die Gräfinn fragte nach der Ursache dieser Betrübniß: ein junges Lamm war ihm von der Heerde abhanden gekommen. Albane bot ihm Geld, der kleine traurige Schäfer aber in Angst und Eile des Suchens schlug es aus und sprach: »wenn ich das Verlorene nur wieder hätte! das wäre mir lieber als Alles.« Dieser kleine Vorfall rührte wunderbar an Albanens Gemüth. Dort flog er hin, der kindliche Hirt! Albane sah ihn hinter dem blühenden Klee verschwinden; am Hügel tauchte er wieder auf, und hielt das gefundene Lämmlein mit beiden Armen umschlungen, und fest an seine Brust gedrückt. Er winkte aus der Ferne der Dame zu, daß es nun da sey, seine Miene lachte entzückt und der schlichte blonde Scheitel des Knaben glänzte im Schein der sinkenden Sonne.

Die Gräfinn sah thränenden Blickes und versenkt in tiefe Gedanken nach ihm hin; tiefer noch war die Quelle, die in ihren schönen Augen überfloß. – Sie setzte sich auf einen Feldstein, neigte das Haupt und starrte zu Boden. Da stand der alte Romana vor ihr, der unbemerkt heran gekommen war. Er hatte die Tochter seines Freundes lange nicht gesehen, und konnte seine Betroffenheit über ihren Anblick an dieser einsamen Stelle nicht bergen. Albane fühlte ihre Wange erkalten, und stammelte, daß sie von einer jähen Schwäche angewandelt worden sey, die ihr von der letzten Krankheit anhänge. Der Forstmeister betrachtete dies holde, tödtlich erblaßte Gesicht wie mit väterlichem Mitleid. Er bat, die Gräfinn wolle ihm erlauben, sie in seine Wohnung zu führen, die in der Nähe sey, auf daß sie sich daselbst erholen und eine kleine Stärkung zu sich nehmen könne. Er bat so herzlich, daß Albane seine Güte nicht ablehnen konnte. Während des Gehens unterstützte er die zarte Gestalt, deren biegsamer Wuchs wie bewegt von einem innern Sturme an seinem Arme schwankte. Er machte ihr sanfte Vorwürfe, sich als eine kaum Genesene, unbegleitet solch einer Anwandlung ausgesetzt zu haben. »Ihr Vater, liebe Comteß,« redete er treumüthig weiter, »dem die nächste Sorge für die theure Gesundheit seines Kindes zustünde, ist leider! dieser Obhut nicht fähig; vergeben Sie es mir daher, wenn ich Sie aufmerksam mache, auf die Pflicht sich zu schonen. Lassen Sie mich in dieser Mahnung Vaterstelle an Ihnen vertreten! – Was sollte aus meinem armen Freunde werden, wenn seine einzige Stütze vor ihm sänke in das Grab? – Und wenn das so fortgeht – –« Sie standen an dem Hause, Albane drückte die Hand des liebreichen Mannes, als wolle sie damit ein stummes Versprechen leisten. Sie sah empor; ihr Blick hing an dem südlichen Dach, das getragen von der heitersten Wohnung, einem der hängenden Gärten der Semiramis zu gleichen schien.

Der Forstmeister fragte: ob die Gräfinn sich wohl zu erschöpft fühle, um diese mäßige Höhe zu ersteigen? und als sie es als Wunsch äußerte, ließ er Brod und Wein hinauf bringen, den werthen Gast zu erquicken.

Es war ein himmlisches Plätzchen, und Albane genoß zum erstenmale den Reiz dieser Aussicht weitschauenden Blickes. »Wie schön ist es hier! eine wahre Augenweide!« sagte sie tiefathmend, und ihr Gedanke streifte in diesem Ausdruck noch leise an der Heerde hin, welche die wallenden Wolkenschäfchen ätherisch versinnlichten.

»Ja,« antwortete Romana innigst begnügt, »ich danke dieser Anlage manche Stunde, die ich mit einem goldnen Platz nicht tauschen mögte. Und an Gold mangelt es hier auch nicht.« Die Sonne goß eben ihren letzten Glanz blendend aus, der Himmel flammte und das Blut der Traube perlte im Glase wie ein flüssiger Rubin. »Wie Viele mögten in erträumter Größe mich beklagen,« setzte er mit heiterm Lächeln hinzu, »während ich mein Glück hoch genug zum Preise des Herrn anschlage. Wer die Einsamkeit liebt und mit sich selbst umzugehen weiß, entbehrt nie eines tröstenden Freundes. Wäre mein Sohn fortzubringen von hier, oder anders – er ist so wenig froh – so würde ich von keinem Kummer wissen, als an den ich mich aus vergangener Zeit erinnere. Im Revier des Waldes bin ich in meinem Element, und kenne jeden Baum. Wenn der frische Morgenhauch die grüne Haide durchschauert, dann athme ich wie ein Jüngling; und wenn ich des Abends hier sitze: welcher Odem des ewigen Lebens weht mich von diesem Holze da an?« Er deutete auf das Kreuz.

»Gräfinn!« fuhr Romana begeistert fort, und vergaß zu Wem er rede, »wie mag es doch Menschen geben, die ihr Heil in andern Dingen suchen, als bei dem Einen: dem Heiland? – Wie still ist die Seele, die Ihn liebt! Sie geht geführt von seiner Hand auf den Wogen des Lebens, wo Andere untersinken. Einst war es nicht so mit mir. Ich war ein leidenschaftlicher Mensch, ungestüm in meinen Wünschen, meinem Begehren; ich fürchtete das Geliebte zu verlieren, obgleich ich es noch hatte, ohne daß ich es eigentlich besaß. Die Leidenschaft betäubt, sie ist der Sturm in unsrer Brust, der unsre beste Habe verschlingt, der unser Glück zertrümmert, nur beschwichtiget von Dem, welchem Wind und Willen gehorchen.«

Diese Worte schlugen an Albanens Herz. Sie wagte jedoch hierauf zu entgegnen: diese Ruhe des Gemüths, diese Stille der Seele mögte wohl eine Frucht gereifter Jahre seyn.

Der Forstmeister schüttelte sein ehrwürdiges Haupt und sprach: »das wäre traurig, liebe Comteß. Dann wäre die Jugend ein ausgeschlossenes Kind, und das Alter ruhete der Liebe im Schooße. Nein! wir sind nur blind, bis wir sehend werden. Wer sich auch in der Verblendung gefällt: er wird früh oder spät merken, welcher Sinn ihm abgeht. Wage Jemand, ein Glück behaupten zu wollen, was Gott nicht billigt! ja, der Mensch ist so wundersam beschaffen, daß, wo Niemand ihm streitig macht, was er besitzt, er, er selbst es ins tiefste Meer würfe, zur Sühne für den Himmel! Schon die Gesetze der Welt müssen das Juwel unserer Freuden fassen, sollen wir es tragen können.«

Mit diesen Worten hatte der ehrenwerthe Mann das Innerste Albanens ausgesprochen. Sie schwieg, tief erschüttert, und als er ihr das Brod und den Wein wohlmeinend aufdrang, war ihr nicht viel anders, als genösse sie das heilige Abendmahl.

Die Unterredung nahm nun die Wendung auf Sylvius. Sein Vater klagte, und ahnete nicht, daß er die Seele der Gräfinn zerriß – wie vielen Kummer ihm dieser so treffliche Sohn verursache, durch stillen Trübsinn, durch sein eigensinniges Beharren, nicht weichen zu wollen von der heimischen Scholle, da ihm doch die weite Erde offen stände. »Es ist,« fuhr der Alte mit sorgenschwerer Stimme fort, »als ob ein Bann ihn hier gefangen hielte, den der Herr lösen wolle! – Was ihn hält und härmt: ich weiß es nicht, denn er hat kein Vertrauen zu mir, seinem einzigen und besten Freunde! –« Ein gekränkter Seufzer stieg aus dieser väterlichen Brust – Albane stand auf. »Aber was ist Ihnen, liebe Gräfinn?« fragte Romana bestürzt, »Sie weinen? Sie zittern?« Albane konnte den hervorbrechenden Thränen nicht wehren; das Herz wollte ihr zerspringen, und sie machte eine Bewegung, als wolle sie dem Forstmeister zu Füßen sinken. »Entlassen Sie mich –,« bat Albane sehr leise, »ich fühle mich krank.« Sogleich wollte Romana einen Wagen kommen lassen; die Gräfinn lehnte dies ab, und sich auf seinen Arm. Er führte sie sacht und sanft nach dem Schlosse, unwissend, daß er seine Schwiegertochter leite.

Ach! die arme Gräfinn war seit mehreren Jahren Sylvius heimlich angetraute Gattinn, und binnen dieser Zeit zweimal Mutter geworden. – Sie hatte den heißen Bitten des Geliebten nicht widerstehen können, sich mit ihm zu verbinden, und ihrer Bestimmung also zu entziehen. Nimmermehr, das wußte Albane, würde ihr Vater seine Einwilligung dazu gegeben haben, und auch der junge Romana hatte Ursache zu glauben, der seinige werde nicht minder entschieden dagegen seyn, wenn gleich der Grund diesseitiger Abneigung ihm verborgen war. Der Arzt und die Amme waren im Geheimniß dieser Ehe, und ihrer vereinten List gelang es, unter dem Schutz der Umstände eine Täuschung der Art zu ermöglichen, und bis dahin dauernd zu erhalten.

Tief in der weiblichen Natur begründet, liegt etwas Widerstrebendes, ein geheimnißvoller Wille, nicht zu wollen, was ein höheres Gesetz als sein Geschlecht von ihm fordert, während der Mann, wo er im Kampf begriffen scheint, mit der Welt und dem, was sie ihm weigert, nur seiner innersten Ueberzeugung gehorcht.

Der Gedanke an das Kloster war der Gräfinn stets furchtbar gewesen, und das Gefühl ihres Menschenrechts hatte sich gegen diese Bestimmung gesträubt. – Jetzt galt es, aus freier Wahl diese Nothwendigkeit aufzuheben. Der Vater wurde nicht davon berührt – er wußte nichts. Und wie mag ein weiblich Ohr, erfüllt von den Stimmen der Liebe, und in nervöser Scheu vor jenem Glöcklein der Kirche, das über der absterbenden Novize geläutet wird – auf das Flüstern religiösen Zartgefühls hören? – Dieser verschwiegene Bund, sein verstohlnes Verhältniß, ja selbst der Reiz einer gewissen Gefahr erhöhete die heimlichen Entzückungen desselben, da des Vaters Ruhe, wo nicht sein Leben daran hing, daß es unentdeckt bliebe, seine Tochter wäre vermählt. Diese Gattinn, das freie Eigenthum der Liebe, würde dem Sylvius der öffentlichen Stimme nach, nur ein kirchenräuberischer Besitz gewesen seyn; aber er trank von ihren Lippen Weihe und Wonne. – Als hätte eine schützende Gottheit einen Schleier über diese Ehe geworfen, so blieb sie jedem Auge verhüllt. Albane galt für eine Himmelsbraut, kein schnöder Verdacht schlich ihren Schritten nach; ihr kindlicher Ruf war über jeden Argwohn erhaben; wie hätte man denken können, sie wolle sich einer heiligen Pflicht des Glaubens entziehen, für den ihre Mutter gestorben? – Das Bedauern für die junge Gräfinn war so allgemein und innig, daß man ihr jede Seltsamkeit nachgesehen haben würde – und nachsah. Die Natur gab diesem Bündniß Unauflöslichkeit, und jetzt fühlte Albane zum erstenmale, daß das Einsseyn zweier Herzen, ob auch vereiniget durch Priesters Hand, unter den Schutz der Oeffentlichkeit gehört; denn schon die Gestalt einer werdenden Mutter heischt eine rechtliche Meinung, und macht es unmöglich, ohne Sünde oder Sorge den höchsten Segen des Weibes zu verheimlichen. Nur die Lage der Gräfinn, so gänzlich abgesondert von der Welt, und in diesem Vorzug – dieser Begriff gelte für jene Umstände – fast einzig und allein in ihrer Art, der blöde Geist ihres Vaters, das blinde Vertrauen dessen sie genoß, das vorsichtige Verfahren des Arztes und die erfinderische Klugheit der Amme halfen über jenen schwierigen Zeitpunct wiederholentlich hinweg. – So waren Jahre verflossen. Das Band dieser ehelichen Liebe schien an Stützen gebunden, die tiefer begründet waren, als für ein sterbliches Auge einzusehen möglich, es war so innig mit beruhigendem Schweigen verwebt, daß die furchtsame Besorgniß Albanens, es könne zur Kenntniß ihres Vaters kommen, allmählig nachließ. Sie ward endlich sicher.

Aber die Stimme in der menschlichen Brust, ein schwacher Vorklang jener, die einst schlafende Welten wecken wird, welche in den leisesten Bebungen des sittlichen Sinnes an ein betäubtes Herz dringt – ward laut. Die Gräfinn war längst nicht mehr glücklich, wenn sie es eigentlich jemals gewesen. Ihr Glück däuchte ihr nur ein entzückender Traum, unhaltbar zerronnen, aus dem sie schwerblütig erwacht wäre. Ihr ganzes Wesen, vom Sitz des Herzens aus, durchdrang ein traurig Sehnen, was sich selbst in Sylvius Armen nicht stillte; das Bewußtseyn ihrer, seiner Liebe genügte ihr nicht mehr. – Ein kränklicher Gram zehrte an ihrer Gestalt, und ein Gefühl unsäglicher Wehmuth, von trübem Grund der Seele, bedrängte ihren Busen. Sah sie ein junges Ehepaar neben einander sitzen oder gehen: so dachte sie mit einem alten Liede: »manches Herz geht ganz alleine seinem stillen Kummer nach –« Albane verkannte, daß der Liebe Geist, der treueste von allen Freunden, ihr zur Seite wäre. – Geschah es, daß sie Fabien von oder zu ihrem Mann reden hörte: so fühlte sie sich schmerzlich fremd, wie eine Taubstumme, Angesichts Solcher, denen das Vorrecht und die geistige Beziehung der Sprache gegeben ist. Ein weinendes Kind, geschmiegt an den Hals seiner Mutter, lockte bittre Tropfen in ihr Auge, und die arme Gräfinn hätte all ihr Blut verströmen mögen, wenn sie eine Thräne ihres Kindes, eine nur – tröstend hätte wegküssen dürfen. –

In dieser Stimmung dachte Albane oft an ihre Mutter, auf die sie sich wenig zu besinnen wußte. Zwar bebte ihr Gedanke vor diesem beleidigten Bilde zurück; aber es zog allmählig immer trauter und versöhnender ihr Denken und Sinnen an sich. Einst führte das Bedürfniß innerster Ansprache sie an die Familiengruft, deren Thür sie sich öffnen ließ. Auch den Deckel des Sarges ihrer Mutter ließ sie abheben, und diesem Willen der jungen Gebieterinn ward, wenn auch widerstrebend, doch Folge geleistet. Der Leichnam lag unversehrt, nur das weiße Kleid war in der linken Brustgegend hochroth gefärbt, als hätte der Todten das Herz geblutet; das rechte Auge war nicht ganz geschlossen: wie drang dieser erstorbene Blick in die Seele ihrer Tochter! – Um den eingefallenen Mund schwebte noch der Schatten eines Lächelns, womit die edle Frau die Welt gesegnet hatte. Albane stand in heiliger Rührung an dieser Stätte der Ruhe. Ein ganzes Leben voll Vorwürfe hätte nicht so dringend an ihr Herz reden können, als dieser stille Anblick, der den Frieden der Gottseligkeit schweigend offenbarte. Und hier war es, wo Albane den Schmerz der Leidenschaft als sündlich empfand. – Fuhr die Gräfinn des Sonntags nach der Kirche, so trat sie mit einem Schauer der Buße in die vergitterte Loge. Das Erbrausen der Orgel schwellte ihre Brust, ihr Gefühl war ein frommes Heimweh. Sie wünschte sterben zu können an diesen Tönen des Himmels. Und wenn die Sonne zu den hohen Fenstern herein schien, und in der Stola des Priesters flimmerte: dann leuchtete dieser Strahl auch in ihr Innerstes, und um den dunkeln Altar des Gemüths ward es helle. – Doch ein Blick der Liebe ihres Vaters, der kleinste Beweis seiner Zuversicht zu ihr, die sein Ein und Alles war, spaltete Albanen das Herz. – Wenn schon eine zarte Scheu sich in Acht nimmt, einem Blinden auf irgend eine Weise Anstoß zu geben: so wird ein zarterer Sinn Anstand nehmen, den geistig Blöden zu hintergehen. So war Albane sich nach und nach einer Schuld gegen ihren Vater bewußt worden, die sie in heißer Reue mit keinem Opfer der Liebe, auch dem größten nicht, sühnen zu können glaubte. – Die Unterredung mit dem Forstmeister, welche das Herz der Gräfinn erschütterte, fand daher den Tag der Reife, und lösete die Frucht der Selbsterkenntniß ab, in einem Gedanken, den sie lange getragen.

Auch Sylvius war unbefriediget, und konnte es nicht immer verhehlen. Er vergaß in der Heftigkeit seiner strebsamen Wünsche, daß Albane, indem sie ihnen nachgegeben, ihm das Ziel derselben als ein unabänderliches gezeigt. Das süße Geheimniß, der unsichtbare Trauring, war ihm eine Fessel, die er in männlichem Trotz abstreifen mögen – er fühlte sich beschränkt, und die Geliebte war es, die ihn hinderte, seine jugendlichen Kräfte an den Schranken der Welt zu versuchen.

»Ich las heute,« sagte die Gräfinn in der Späte jenes Abends, an dem sie seinen Vater gesprochen, zu ihrem Gemahl, »die entstehende Liebe ist in einem Nichts reich, die wachsende ist in den Wünschen bescheiden, nur die glückliche Liebe hat nie genug – da dachte ich an Dich.«

»Ach, Albane!« lautete seine Antwort, »wie könnte meine Liebe glücklich seyn, da Du es nicht bist? Umsonst verbirgst Du mir einen Kummer, als dessen Ursache ich mich ansehen muß – ich bin nicht im Stande, Dein Herz ganz auszufüllen. Lebten wir nicht in dieser unseligen lichtscheuen Vereinzelung: kein finstrer Gedanke würde Raum finden zwischen Dir und mir.«

»Wie Du mich quälst, Romana!« seufzte seine Frau, »gönne mir den Trost, das Leben meines Vaters zu schonen; an diesem schwachen Faden laß mich vorsichtig halten, das Gewebe der Verhängnisse ist zart. – Und damit Du das Wenige schätzen lernst, was Du an mir besitzest: so dürfte es gut seyn, wenn Du mich eine Zeitlang ganz entbehrtest. Der Arzt dringt in mich, den Vater zu einer Reise von längerer Dauer zu bereden, und auch Dir, mein Sylvius, dürfte eine weite Ausflucht eben einmal nöthig seyn.«

Albane stellte nun dem Gemahl diese Reise aus den verschiedensten Gesichtspunkten als eine allseitige Nothwendigkeit dar. Der jüngere Romana glaubte jedoch nicht, daß es dazu kommen würde; aber der Graf zeigte sich viel leichter entschlossen, als zu erwarten gewesen, ja, es war, als ob dieser Entschluß seine Kräfte aus ihrem lethargischen Zustande aufgerufen hätte. Er war zum Staunen der Seinen der besonnensten Maßregeln fähig, und Albane, welche diesen Lichtblick benützten zu müssen glaubte, förderte die Anstalten in drängender Eile.

Es gab mehr Leute, welche diesen günstigen Zeitpunkt zur Erreichung ihrer Zwecke absahen. Der Oberverwalter, Fabiens Vater, war vor Jahr und Tagen gestorben, und ein Mann an seine Stelle gekommen, der obgleich tüchtig für sein Fach, doch nicht als vertragsam gerühmt werden konnte, am wenigsten von dem Schwiegersohn seines Vorgängers. Dieser, ärgerlicher Art, that nur seine Pflicht, doch nichts, um ein freundlicheres Verhältniß einzuleiten; bei solcher Unfügsamkeit in nahem Verkehr waren Reibungen unvermeidlich, und es kam so weit, daß Fabia einsah, ihrem Manne würde nicht nur sein Amt, sondern das Leben verleidet. So redete sie ihm zu, den Grafen um Versetzung anzugehen. – Aber dieser Gutsherr war so wenig zugänglich, wie ein Fels im Meer, und einmal abgeschlagen, konnte jener Wunsch nicht wiederholt werden. Als nun Graf Frankenstern den Cassirer rufen ließ, und ihn dieser gesammelten Geistes und überaus gütig fand, erschrak er fast vor Freude, daß der Blüthenmoment für seine Angelegenheit so plötzlich gekommen wäre. Er trug seine Bitte vor, zugleich mit der Beschwerde über den Oberverwalter, und der Graf verfügte ohne Weiteres, daß der Antagonist desselben als Rentmeister nach Bühle versetzt würde. – Er hob bedeutende Summen aus, und fand das Rechnungswesen in musterhafter Ordnung; es ergab ein Facit gegenseitiger Zufriedenheit. Frau Fabia hatte, als ihr Mann vom Schlosse nach Hause kam, eine langentbehrte heitre Stunde; aber diese war auch für längere Zeit die letzte. Nachdem die Spannung nachgelassen, worin er sich zeither befunden, fühlte er sich krank, in Folge verhaltnen Aergers. Als der Graf nun Tages vor seiner Abreise den Rentmeister noch einmal zu sich rufen ließ, ihm Papiere von Wichtigkeit zu übergeben, raffte Dieser sich mühsam auf, die Befehle des Gutsherrn zu empfangen, und besorgt sah seine Frau ihm nach.

Graf Frankenstern war heute nicht völlig so klar, als er ihn das letztemal gesehen; er konnte sich auf Einiges durchaus nicht besinnen, und schritt nach dem Flügel, den seine Tochter bewohnte, Aufschluß von ihr zu fordern.

Die Gräfinn war nicht da – und als ihr Vater unverrichteter Sache in seine Zimmer zurückkehrte, sah er auf dem Gange ein Gewölbe offen, worin Silberzeug und kostbare Vorräthe verwahrt wurden. »Welche Unvorsichtigkeit!« murmelte der Graf; Niemand war zu sehen. Er bewegte die eiserne Thür nach Außen und trat hinein; sein Begleiter blieb auf der Schwelle. Eine Truhe war geöffnet, woraus Pelzwerk, wahrscheinlich zum Bedarf der Reise, genommen worden, denn ein feines Marderfutter hing über dem Deckel, Büschel getrockneten Lavendels lagen verstreut am Boden, und ein starker Geruch erfüllte den kühlen Raum. In einer schmalen Vertiefung der Mauer stand, etwas erhöht, jenes Schmuckkästchen, das unsre Leser kennen. Eine schöne, doch schadhafte Statue von Alabaster, das Haupt sinnig gebeugt, den Finger auf dem Mund – schien als Wache neben dies Depot gestellt; in der zerbrochenen Brust steckte eine kleine verwelkte Rose. –

Der Graf warf einen Blick in jenen Winkel und schauderte. »Freund!« sagte er hinter sich gewandt, »Sie könnten mir einen Gefallen thun – und Sie werden es!« setzte er mit unabweislichem Tone hinzu, »in jener Chatoulle dort ist der Familienschmuck – nehmen Sie ihn zu sich. Meine Tochter hat den Platz für die Kleinodien des Hauses –« hier lächelte der Graf düster –, »seltsam gewählt; ich muß diesen Fehler verbessern. Mitnehmen kann ich das Kästchen nicht, und muß es daher während unserer Abwesenheit gut aufgehoben wissen. Sie sind ein zuverlässiger Mann, ich weiß Niemand, zu dessen Redlichkeit ich größeres Vertrauen hätte.«

Der Rentmeister verbeugte sich. Er hatte den Grafen erbleichen gesehen, und gab dies dem Odem des Kampfers Schuld, der hier wehete, und den die kranken Nerven desselben nicht vertrügen. Auf einen Wink hob er das Köfferchen hinweg, und bat um den Schlüssel. »Albane wird ihn haben –« versetzte der Graf in Scheu und Hast, »verlassen Sie Sich jedoch darauf, ich sende ihn heut Abend noch; das Verzeichniß des Inhalts kann ich Ihnen sogleich suchen.« Auf seinem Zimmer suchte Graf Frankenstern nach dieser Liste, und es währte lange, ehe er sie fand.

Mittlerweilen hatte der Rentmeister sich gesetzt und hielt das Kästchen auf seinem Schooße; die Kniee zitterten ihm unter der kostbaren Last, denn die Stunde des schleichenden Fiebers, an dem er litt, war herangekommen. Endlich reichte der Graf ihm das Papier und sprach, als Jener es mit bebender Hand empfing: »das ist ein schlimmer Frost, und Sie sind so leicht gekleidet! – Wahrlich! ich hätte ihnen unter diesen Umständen den Ueberrock nicht übel genommen; vielmehr verbinden Sie mich durch Bedacht auf Ihre Gesundheit. Nehmen Sie einen Mantel von mir an! die Abendluft könnte Ihnen schädlich werden.«

Unter dieser gnädigen Fürsorge, obgleich sie gewiß redlich gemeint war, verbarg der Graf mit der eigenthümlichen Schlauheit Derer, die in der Regel geistesabwesend sind, den vorsichtigen Wunsch, der Rentmeister mögte die Chatoulle unbemerkt in seine Wohnung tragen.

Frau Fabia erschrak nicht wenig, als sie ihren Mann nun langsam kommen sah. Er war leichenblaß, unter einem dunkeln Mantel, der in der Dämmerung wie schwarz ließ, trug er einen zierlichen Kindersarg, und seine Schritte schwankten wie die des Trägers einer Bahre. – Erschrocken eilte seine Frau ihm an die klingelnde Hausthüre entgegen; aber schweigend trat er ein, stumm ging er in die Mitte des Zimmers, setzte das Kästchen auf den Tisch und sprach mit erschöpfter Stimme: »ich bin krank, Fabia, recht sehr krank. Der Weg vom Schlosse bis hierher – nun der Himmel weiß es – wie sauer er mir geworden! ich ging gleich dem heiligen Christopherus wie im Wasser, und als trüge ich eine Weltlast, die immer schwerer würde. – Ist denn das Kästchen wirklich so schwer? die Juwelen der gräflich Frankensternschen Familie liegen darin, und ich wünschte wohl, ich wäre der Ehre, sie zu bewahren, überhoben gewesen. Das Fieber scheint heftig im Anzuge – ich kam mir wie ein Todtengräber vor; nur die Citrone fehlte noch in meiner Hand.«

Fabia warf einen bekümmerten Blick auf ihren Mann, dann auf die Chatoulle, welche durch ihre Form diese wüste Idee erregt haben mogte, und um seinen Sinn auf Realien zu lenken, sagte sie: »das Kästchen hebt sich leicht; mir deucht, Edelsteine müßten schwerer in das Gewicht fallen.«

Nun drang Fabia darauf, daß der Kranke sich sogleich zur Ruhe begäbe; und kaum war dies geschehen: so fing er an zu phantasiren. Er klagte, der Oberverwalter hätte ihm die Demanten aus Christi Krone verfälscht, sprach vom Gott des Schweigens, der ihm den Finger auf den Mund gelegt habe – pflückte Lavendel von der Decke, und schalt auf seine Frau, daß sie ihm den Pelz auszuklopfen vergessen. Er sähe eine Unzahl Motten um das Licht flirren. –

Fabia, dies Muster häuslicher Ordnung, konnte die Vorwürfe des Fieberträumenden ungekränkt anhören. Sie lächelte beklommen, und starrte verstört in die ruhige Nachtleuchte, in deren mattem Schimmer die Beschläge der Chatoulle unheimlich blinkten. – Gegen den anbrechenden Tag hörte Fabia die herrschaftliche Reisekutsche über die Schloßbrücke dröhnen. Sie hatte die ganze Nacht am Bette ihres Mannes verwacht, und kein Auge geschlossen. Jetzt stand sie auf und trat ans Fenster. Da rollte der Wagen vorüber und verschwand in der grauenden Frühe, und Fabia sah zum Himmel auf und sprach mit der Inbrunst eines geängsteten Herzens: »Sey mir gnädig, Gott, sey mir gnädig; denn auf Dich trauet meine Seele! – wende Dich zu mir, denn ich bin einsam und elend, und Deine Güte ist tröstlich. Du meines Lebens Licht! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck –« Der Osten bekleidete sich mit Purpur, und der Morgenstern ging unter in schwachem Geflimmer.

Dem Krankenbette, dieser dunkeln Stelle – wendete Fabia die volle Lichtseite ihres Charakters zu, und es wäre heilsam für trübe Erfahrungen, wenn diese Eigenschaft an mancher Frau zu rühmen, die unsern Lesern oder den Augen der Welt vielleicht besser gefällt, als diese werkthätige Fromme. Nicht umsonst hatte die Vorsehung sie daher als Gattinn einem Hypochondristen zugetheilt, der auch in gesunden Tagen krank genug und voll wunderlicher Gramhaftigkeit war, um die Kraft der Geduld seiner Frau in beständiger Uebung zu erhalten. Kein Phantom seiner Einbildung schreckte ihren ruhigen Sinn. Ihr gelassener Muth siegte über jede Unbill verdrüßlicher Launen ihres Mannes, ihre klare verständige Handlungsweise lag offen da vor seinem mißtrauischem Blick; stets achtsam auf ihre Pflicht versäumte Fabia nie, was ihr zu thun oder zu lassen oblag, und der Glaube an die rechtliche Strenge, womit seine Gattinn alles Mögliche von sich forderte, und nicht viel weniger leistete, zwang ihrem Manne eine, wenn auch widerwillige – Zufriedenheit mit seinem häuslichen Glück ab.

Diesmal machte ein bösartig galligtes Fieber den Rentmeister für längere Zeit unfähig, sein Amt zu verwalten. Auch hierin trat seine Frau helfend ein. Fabia schrieb eine schöne, feste Hand; accurat bis ins Kleinliche, war sie unfehlbar in jeder Art der Buchführung, und deshalb wohl geeignet, einen Secretair ihres Mannes zu vertreten. Sie unterzog sich auch diesem Geschäft mit willigem Eifer, und theilte ihre Zeit zwischen seiner Pflege und seinem Beruf. Wir können uns nicht enthalten, hier zu sagen, wie wichtig es sey, daß eine Frau den Beruf des Mannes ehre. Wo dies geschieht, da ist in der Achtung dafür auch ein Gesetz der Unterordnung gegeben, nach welchem weibliches Wirken und Wollen bestimmt werden muß. – Auch von dieser Seite hätte ihr bitterster Feind unsrer Fabia nichts zur Last legen können. Dies, wie überhaupt den reellen Werth seiner Frau, wußte der Rentmeister auch zu schätzen, und vielleicht war es mehr ein Bedürfniß seiner Krankheit als seines Herzens, daß er die Freude an einem Kinde, ihrer ermangelnd – so gar tief empfand. Das liebenswürdige Pflegekind füllte diese Lücke nicht aus, die eine Wunde in Fabiens Herzen blieb; denn tief im Innersten verletzt, kämpfte sie oft mit Thränen, wenn ihr Mann mißmüthig gegen die Vorsicht grollte, und sich in Worten Luft machte, die eben so gut eine Anklage für sie selbst enthalten konnten.

»Wie aus einem Stein entsprungen,« sagte er dann wohl, »wie von der Sonne ausgebrütet, bin ich bestimmt, ohne Vater, ohne Kind zu leben und zu sterben. Der natürlichste Trost für eine verwaisete Jugend, der Trost, sein Daseyn fortzupflanzen, ist mir versagt. Wenn einst Deine Thräne, gute Fabia, versiegt ist, dann gedenkt man mein nicht mehr, und keine Blume sprießt aus der trocknen Erde meines Grabes.«

Da weinte Fabia schon jetzt. »Du schneidest mir mein Herz entzwei –« sprach sie mit unterdrückter Stimme. »Wir wollen uns nicht versündigen, Lieber! wenn uns nun ein Kind zu Theil geworden wäre, etwa behaftet mit einem Fehl, oder erbärmlicher Art, dessen klägliches Geschrei Tag und Nacht nicht zu stillen? Wie? oder wenn aber ein gesundes, das uns zu größerem Jammer bald wieder entrissen würde?–« Auch ein stummes, auch ein todtes Kind wäre ihm lieber als keines – gab der Rentmeister in eigenwilligem Trotze der besänftigenden Vorstellung seiner Frau zur Antwort. Fabia flehete hierauf ihren Mann an, sich solcher Reden zu enthalten, und warnte ihn mit christlichem Sinn, aber im Geiste jener heidnischen Worte: »ihnen zur Strafe erhören die Götter der Sterblichen Wünsche! –«

Dies war in den ersten Jahren der Verheirathung des Rentmeisters gewesen. Später hatten sich diese Eheleute der Hoffnung begeben, daß dies ersehnte Glück ihnen noch werden könne, und sich mit ganzer Liebe – so weit Fabiens Gemüth derselben fähig war, und der kränkliche Zustand ihres Mannes sie zuließ – der Erziehung der kleinen Josephine gewidmet. Sobald der Rentmeister sich von jener Niederlage erholt hatte, ging er mit den Seinen von Bonna ab. Fabien fiel das Scheiden von der Heimath doch schwerer, als sie gedacht. Der neue Wohnort war auch schön; aber so recht wohl wollte es ihr in Bühle nicht werden. Dazu kam, daß ihr Mann, obgleich von amtlichen Unannehmlichkeiten frei, doch sein verdrüßlich Wesen beibehielt, jeden erheiternden Umgang mied und verscheuchte, und endlich durch eine gewaltsame Entdeckung für immer verstört wurde. Jene Chatoulle deren unsre Leser gedenken – war unter dem Drangsal des hitzigen Fiebers, was sich unmittelbar an ihre Uebergabe schloß, abseits gekommen. Nach dieser Zeit fand der Rentmeister so viel Geschäfte, deren Abschluß ihm bei seiner Ortsveränderung dringend anlag, daß es ihm genügte, dies anvertraute Gut wohlverschlossen zu wissen. – Einst aber sprang ihm das Kästchen ins Auge, und er verlangte den Schlüssel dazu von seiner Frau. »Den Schlüssel?« fragte Fabia befremdet, »ich habe keinen je gesehen. Du brachtest das Kästchen ja selbst, wie es hier ist. O, ich weiß mich jenes schrecklichen Abends noch ganz genau zu entsinnen.«

Der Rentmeister besann sich jetzt, daß der Graf den Schlüssel hatte schicken wollen, und er muthmaßte, daß es in der Verwirrung der Abreise vergessen worden wäre. Einen Schlosser kommen zu lassen, daß dieser den innenliegenden Reichthum sähe, dazu war der Rentmeister zu furchtsam. Ein krankhaftes Mißtrauen verursachte ihm und Andern gar manche unnütze Qual – und so beredete Fabia ihn, das Geschmeide und dessen Richtigkeit einstweilen auf sich beruhen zu lassen.

Nach längerem Verlauf seitdem starb eine alte Jungfer in Bühle, die daselbst gelebt; die Tochter des Fiscal. Dem Rentmeister, als einem Bekannten der Wohlseligen, fiel ein kleines Legat mit dem Auftrag zu, ihren Nachlaß zu reguliren, und somit eine Menge Schlüssel in die Hände, darunter mehrere kleine waren. An einem Tage, wo Fabia auf die Bleiche gegangen war und Josephine mit sich genommen hatte, ihr Mann sich ungewohnter Weise ganz allein befand, beschlich ihn der Geist des Unglücks in dem Gedanken, einen jener Schlüssel an dem Kästchen zu versuchen, ob es sich öffnen ließe. Das künstliche Schloß widerstand dieser Probe, doch erhitzt vom bösen Feind, der nicht selten in Gestalt der Neugier den Menschen berückt, that er ihm Gewalt an. Die feine Stahlfeder sprang entzwei, der Deckel auf – und der Rentmeister blieb mit entsetztem Blick starr vor dem Inhalte stehen. Statt des verzeichneten Schmuckes funkelte ein Messer, daran Blut eingerostet war – und auf dem atlaßnen Kissen, wo sonst blitzende Rosetten und Brustschleifen geruht, lag, in weißem Battist gewickelt, der Leichnam eines Kindes, so mumienartig zusammengetrocknet, daß er kaum zu erkennen war. Nur wie ein brauner Gedanke, so unkörperlich, so gewesen – sah das winzige Gesicht unter einem tiefen Häubchen hervor, dessen Form für ein Mädchen zeugte. – Ein schwach gewürzhafter Geruch war die erstickte Luft dieses kleinen Grabmals.

Als Fabia mit heißen Wangen von der Bleiche heimkehrte, fand sie ihren Mann selbst erbleicht. »Sieh hin!« sagte er mit bläulichen Lippen, »der Hehler einer schauderhaften Mordthat bin ich gewesen, und nicht allein um die Ruhe meiner Seele, sondern auch um all mein Gut, wenn ich den Majoratsschmuck ersetzen muß. Wer wird mir denn glauben, daß ich dem Worte eines Wahnsinnigen trauete? – Darum fand sich der Schlüssel nicht, und ich – ich leichtgläubiger Thor! ladete mir ein fremdes Verbrechen auf. Wie oft hast Du meine argwöhnische Vorsichtigkeit getadelt? Du siehst nun, wie vorsichtig ich war! –«

Zum erstenmale verließ Fabien ihre Fassung. Sie stieß einen leisen Schrei aus, und stand entfärbt, Grausen im Blick, wie unbeweglich. »Mein Herr und Heiland!« stammelte sie, »das ist ganz erschrecklich! der Verstand steht mir still.«

»Der meinige ist hier zu Ende –« fuhr der Rentmeister fort, »Was soll ich nun anfangen! Anzeige davon machen? stillschweigen? daß ein Zufall diese Beweise einer Unthat bei mir entdecke, und mich zum Mörder stemple? – Ich habe nicht Lust, zum Lohne für Treu und Glauben auf dem Schaffot zu beschließen.«

Fabia kannte ihres Mannes Weise, sich selbst in furchtbaren Möglichkeiten zu überbieten. Sie sprach aus geängsteter Seele: »ach! warum bin ich heute nicht zu Hause geblieben! Wer hieß Dich dies Behältniß öffnen? – Das Kind läge fein stille vor wie nach, und wir wüßten von nichts. Das arme Würmchen! –« Und mit gewundenen Händen niederblickend darauf, dachte sie an den Wurm im Gewissen, der die unglückliche Albane wohl genagt haben mogte. –

»Was redest Du doch, Frau?« rief der Rentmeister erzürnt, »es hätte längst geschehen sollen, sage ich Dir. Unverzeihlich ist meine Saumseligkeit! ich bin wie mit Blindheit geschlagen gewesen. Deshalb wurden die Anstalten zu jener fluchwürdigen Reise so schleunigst getroffen, als wie auf der Flucht – der Sohn des Forstmeisters ist auch fort in die weite Welt; die Früchte ihres Leibes fallen Anderen zur Last, und von ihnen heißt es: Die sind besorgt und aufgehoben, der Graf wird seine Diener loben.«

»Du vergissest, lieber Mann,« fiel Fabia betäubt ihm in die Rede, »daß man die Gräfinn todt sagt. Ach! ihr wäre wohl, wenn solch ein Weh auf ihrem Leben gelastet hätte. – Graf Frankenstern aber und der junge Romana müssen doch einmal wieder kommen. –«

»Die werden sich hüten –« entgegnete Fabiens Gemahl. »Der Alte – ich meine den Grafen – hat um dies gräuliche Geheimniß gewußt: nichts ist gewisser. Die Hast, womit er mich nöthigte, das Kästchen anzunehmen, ist mir deutlich im Gedächtniß. Sieh, Fabia! ich habe eine Ahnung gehabt; denn es wollte mich erdrücken, als ich es mir nach Hause trug.«

Fabia sah diese verschwiegene Erfahrung als ein göttliches Strafgericht an. Wie oft hatte ihr Mann gegen den Himmel gemurrt! jetzt war ihm zu Theil geworden, was er für besser hielt, als das weise Versagen seines Wunsches: ein todtes, ein stummes Kind! – Sie selbst verstummte vor dieser Betrachtung und war sehr gebeugt.

Die unglückliche Fabia! dieser heimliche Gedanke schlug Wurzel in der Seele ihres Mannes, und wurde zum Polyp, der mit tausend Fasern seine Lebenskräfte umklammerte. Der Rentmeister ward nicht mehr gesund. Wir wissen, wie er nach kränklichen Jahren kurz vor seinem Ende die Beruhigung genoß, in dem Bruder, der sich zu ihm finden mußte, den Seinen eine Stütze hinterlassen zu können. Sterbend legte er in die Brust des wackern Administrators das Geheimniß nieder, was ihn zu Tode gedrückt, und die Pflicht, den ihm gespielten Betrug zu seiner Zeit offenkundig zu machen.

Nachdem sein Bruder bestattet worden, ließ Herr Prälat bei nächtlicher Weile den kleinen Schmucksarg unter den Altar der Capelle versenken, von der das Stift den Namen führt. Die Maurer mogten wähnen, sie vergrüben einen Schatz – aber diese Stelle stand unter heiligem Schutz. Schweigend verrichteten sie ihre Arbeit, und die dumpfen Schläge hallten schaurig von den stillen Wänden wieder.

Die Wittwe, gesenkten Hauptes, sah ihnen zu. »Was blickst Du so düster, Fabia?« flüsterte ihr Schwager, »verlasse Dich darauf, ich bin zwar nicht so bibelfest wie Du, weiß aber doch, daß, wenn ein finstres Werk zu Tage kommen soll, oder die Unschuld gerechtfertiget, die Steine reden müssen. Darin lasse Alles sich fügen, wie es des Himmels Wille ist! –«

Als die Gräfinn, der heimischen Gegend entrückt, fremde Luft sog, athmete sie doch etwas leichter auf, und es war, als ob hinter ihr die leidige Welt versänke. Zwar war nicht fester Boden unter ihren Füßen, und die Zukunft ihr nichts weniger als klar; aber der trübe Strom, worin Albane dem Versinken nahe gewesen, rann doch abwärts, so wie die Räder des Reisewagens entrollten. Nach einer folgerichtigen Nothwendigkeit müssen leidenschaftliche Gemüther zuletzt vor ihrem eigenen Glücke fliehen, und nur Ruhe suchen. Ruhe, der Friede stiller Seelen, dieser tiefe geistige Genuß, ist ihnen das einzige Bedürfniß. Weinend wenden sie das Auge von jenem süßen Taumel, jener Freudetrunkenheit, die nicht dauern kann, und streben nach Selbstbewußtseyn. Sie wissen, wie bald das schwache Herz erliegt, wie nöthig ihm eine Stütze sey. Das Glück aber fordert Kraft zur Ausdauer – des Himmels Seligkeit, unser höchstes Streben, währt ewig. Die überspannte Saite springt jedoch mit einem Wehlaut. – Vielleicht hatte eine gewisse Uebersättigung von Geheimniß das Verlangen in der Gräfinn erzeugt, öde zu bleiben, ohne irgend eine andere Beziehung als auf ihren Vater; ja, sie hatte in den verflossenen Jahren, trotz der befriedigten Leidenschaft und dem Gelingen ihrer kühnsten Plane – so viel gelitten und nur Gott bewußt –: daß ein völliges Nichtseyn ihr dagegen wünschenswerth erschien. Daß sie spurlos verschwände, sich und Andern, das hätte Albane wohl gewünscht. So war diese Reise vorläufig als eine Gestorbenheit zu betrachten, die von mancher Seite erlösend für sie wäre. – Auch waren Gründe dazu vorhanden gewesen, abgesehen von denen, die das Innnerste der Seele so zart verhüllen, daß nur der Finger Gottes sie aufzudecken vermag. Der Arzt, der Gräfinn vertrautester Freund, hatte ihr eröffnet, wie er von hoher Behörde aufgefordert worden sey, über den Gesundheitszustand ihres Vaters und sein geistiges Vermögen Zeugniß einzusenden. Der Staat trage billiges Verlangen, unter der Befugniß, für eine bedeutende Seelenzahl zu sorgen, deren Aufsicht unmöglich einem Geisteskranken anvertraut bleiben könne, das schöne Majorat bei Leibesleben seines derzeitigen Grundherrn zu ererben, und den Grafen Frankenstern anständig zu pensioniren. Zudem wisse er von guter Hand, daß der Bischof, in Kenntniß von dem Gelübde der Mutter Albanens, sich höchlich wundere, wie und warum dem Himmel eine Seele und der Kirche ein Brautschatz so lange vorenthalten werde? – Auch von dieser Seite drohe den Verhältnissen der Gräfinn ein Angriff. – Sonach sey es an der Zeit, sich diesen Anmaßungen zu entziehen.

Wie durch Inspiration jener Frage an das Gewissen seines Leibarztes kundig, beantwortete der Graf sie selbst. Nie war er gesammelter gewesen, als zu dieser Zeit, wo die Zerstreuung der Reise-Angelegenheiten seine verworrenen Gedanken auf gewisse Weise entschuldigt haben würde. Da war kein träges Säumen mehr. Gleich einem schlafenden Funken, den ein Hauch plötzlich weckt, leuchtete er auf, und entbrannte auch wohl im Zorn über so manchen Mißbrauch, der sich eingeschlichen. Die Beamten erstaunten, denen er sich edelstolz als Herr zeigte, als der gütige Schützer seiner Unterthanen gegen die Strenge der Verwaltung. Alles trat in ein anderes Licht – und erröthend vor Freude, schrieb der Arzt sein Attestat an die Regierung.

Doch nur für diesen Zweck schien der Graf durch die freundliche Ohrenbläserei desselben zu thätiger Umsicht entflammt worden zu seyn. Er sank alsbald wieder in seine gewöhnliche Apathie zurück, und fuhr mit geschlossenen Augen und Sinnen durch die Natur, ohne daß ihre schönsten Wunder vermogt hätten, nur mit einem Strahl göttlicher Offenbarung an seinen finstern Geist zu dringen.

Albane webte um ihn wie ein Schatten, und verließ ihn nie; die Pflicht der Sorge für ihren Vater erfüllte jeden ihrer Augenblicke. Auch bedurfte der Graf dieser Treue. Die Furcht vor dem Tode quälte ihn abwesend minder, und war zu der fixen Idee geworden, dieser Feind seiner Lebensruhe könne ihn nicht ereilen, so lange er von Ort zu Ort zöge, wie man nur in der Heimath schlafen zu können meint. Ein beständiges Fliehen trieb ihn rastlos umher, und die Geißel der Menschheit vereinigte sich mit diesem unstäten Drange, ihm keine bleibende Stätte zu gönnen.

Der Ausbruch des Krieges hatte das Land überschwemmt – die Güter des Grafen waren stark mitgenommen. Albane erkannte es als eine nicht genug zu preisende Wohlthat, dieser Usurpation entronnen zu seyn. Sie lebte in verborgner Stille mit ihrem Vater, bald hier, bald da. Ein, dem Grafen vormals befreundeter reicher Edelmann, der sein einsames Alter in der Hauptstadt gesellig erheiterte, hatte Albane und ihren Vater unterweges getroffen, und ihnen seine unbewohnten Schlösser in Auswahl zum Aufenthalt angeboten, welche sie zu Zeiten benützten. Der Oberverwalter sendete die verlangten Summen durch die dritte, vierte Hand gegen die Unterschrift des Grafen, an ein Handlungshaus, und mußte in Allem für sich selbst stehen. –

Ein Irrthum hatte die Nachricht, Albane sey todt, in Bonna verbreitet, leicht für wahr angenommen, da ja die Gräfinn immer kränklich gewesen. Eine authentische Bestätigung war unter jenen wüsten Umständen nicht einzuziehen. Niemand zweifelte, auch Sylvius nicht. Wir wissen, welche Folge dies hatte. Zweifel wäre hier Glauben gewesen – Glaube der Liebe! –

Als die Gräfinn daher ihren Gemahl in Tonys Arm erblickt, als sie die Geschichte der gestorbenen Frau aus seinem Munde vernommen: da war ihr Zustand der jener abgeschiedenen Gattinn vergleichbar, welche, wie eine sinnige Sage uns erzählt – nachdem sie ihren Gatten, den zu trösten sie aus der Unterwelt herauf gestiegen, an der Seite seiner Braut gesehen, ob auch nur einen Augenblick lang – willig in die Hölle zurückgekehrt sey, auf ewig. – Albane floh vor diesem Anblick, diesen Worten, unauslöschliche Flammen im Busen. Wie eine Verfolgte warf sie sich an den Hals ihres Vaters, und das ungestüm klopfende Herz begehrte Zuflucht bei ihm. Sie vergaß, daß der Graf ihr Geheimniß nicht kenne. Sie wußte nicht, daß Sylvius sie für todt hielt. Die Gräfinn dachte endlich nicht daran, daß sie selbst sich zuerst von ihrem Gemahl losgerissen hatte. Aber nichts destoweniger fühlte sie unter heißen Schmerzen, wie sehr sie ihn geliebt, und daß er sie nicht vergessen dürfen noch sollen. Jener Moment, der sie davon überzeugte, hatte eigentlich und weit anders als ihre Trennung, ein inniges Band zerrissen, und das Herz blutete nach.

»Dies also war die Liebe –« sagte Albane mit dem wunden Lächeln einer frischen Kränkung, »der ich mein Seelenheil geopfert!? – O Gott! so lieben Menschen, – Männer! O meine Mutter!«

Ihr grauete nun vor nichts mehr auf Erden, es wäre denn die Rückkehr nach Bonna gewesen. – Nach und nach spannten ihre Gefühle sich ab, und eine tonlose Stille, die keinen Anklang mehr von sich giebt, schwebte um das zertrümmerte Saitenspiel ihrer Empfindung. Wenn alle Schmerzen der Seele sich durch Mittheilung lindern: die Leiden gekränkter Liebe nicht. Diese tragen sich nur allein. Wo Menschen um eine verlorene, verrathene Liebe wissen, da wird ihr Verlust doppelt gefühlt, da ist der Schmerz jenes Wissens größer, als der ihrer Erfahrung. Wer getröstet seyn will, darf nur die Theilnahme der Engel ansprechen, und wirklich war ein Engel Albanens einziger Trost: ihre kindliche Pflicht.

Graf Frankenstern war allgemach ein Greis geworden. Sein Körper schien gesund, doch sein Geist bei zunehmenden Jahren die zerstörende Kraft verloren zu haben, und in einen gewissen Zustand der Kindheit zurückgegangen zu seyn. Seine Imagination war ein Spiel – aber mit ernsten Gegenständen. Er interessirte sich für Politik – allein nur in Gemäßheit seiner verworrenen Begriffe. Aus Mangel entsprechender Mittheilung berief er oft die Monarchen und ihre Feldherrn zu sich, und legte ihnen seine Ansichten und Plane vor. »Ach!« sagte er dann, und deutete traurig auf die hohen Stühle, »Sie schweigen, meine Tochter! ich hoffe wenig.« Albane schwieg auch. Sie hoffte gar nichts mehr. –

Die Gräfinn pflegte ihres Vaters treu und sanft wie eine Mutter. Sie schmückte sich geduldig, wenn er es für solch eine Zusammenkunft wünschte, sorgte für eine vornehme Bewirthung, die unberührt blieb, weil nur Geister zu Gast waren – und machte ihm allen Willen, wie man einem kranken Kinde thut. Mit träumerischem Lächeln starrte sie in die wüste Leere des Zimmers – nur der Spiegel zeigte ihr ein bleiches Bild. Aber jener Friede, welcher höher ist als alle Vernunft, fing an, bei ihr einzukehren.

Vorzugsweise beschäftigte den Grafen eine welthistorische Person: der beseitigte Schutzgeist Napoleons, die Exkaiserinn von Frankreich. Sie war die liebste Puppe seiner Gedanken, ihr Schicksal trug er im Herzen – und hätte lieber gesehen, daß Jedermann diese Erste Frau auf Händen trüge.

»Heut kommt Josephine – sie hat es mir geschrieben,« sagte der Graf und blickte in einen kleinen Zettel der vor ihm lag, »binde Dir ein besseres Halsband um, meine Tochter.«

Albane erblaßte. Dieser theure Name regte die tiefste Sehnsucht ihres Busens auf. »Wenn das wäre,« antwortete sie mit wankender Stimme, »dann hätte ich nur einen Schmuck –: zahllose Perlen! Perlen aus dem tiefsten Meer!« Und über ihre Wangen rollten Thränen, in denen ein Glanz von Freude schimmerte.

Die große Tragödie des Krieges war aus, die Völker steckten das Schwerdt in die Scheide, die Fürsten zogen ruhmgekrönt nach Haus. Gras wuchs über den Schmerz der Welt, und wo am meisten Blut geflossen, da blühte die segensreiche Aehre am schönsten. – Jetzt war dem Grafen zu Muthe, als wäre ein langer Kampf in ihm zu Ende, und er dürfe nun auch heimziehen. Er sehnte sich nach Ruhe – nach einer neuen oder vielmehr alten Ordnung der Dinge. »Albane,« sagte er, »ich habe es nun satt, dies Nomaden-Leben. Wir wollen fort, nach Bühle –« ein leiser letzter Schauer vor Bonna rieselte über seine Nerven – »hörst Du? meine Tochter?« Dann setzte er hinzu: »Sanct Capella ist nicht weit von dort.«

»Die Klöster sind aufgehoben –« antwortete die Gräfinn, indem sich bei dem Worte ihres Vaters der Schleier hob, worein sie, völlig entsagend, alle Wünsche, ihr irdisch Leid, vor der ganzen Welt verhüllt hatte.

»Nun, das Stift steht ja noch –« versetzte Jener, als wolle er sich nicht merken lassen, daß er daran nicht gedacht. »Nonne kannst Du nicht werden –« fuhr der Graf wie befreit fort, »nicht Seine päbstliche Heiligkeit, nein! der himmlische Vater selbst hat Dir Dispens davon gegeben, und Du bist mehr als eine barmherzige Schwester, Du bist eine wohlthätige Tochter geworden, für mich alten schwachen Mann!«

Da weinte Albane laut. Sie fühlte sich entsündigt, und daß die Liebe des Gesetzes Erfüllung sey.

Die Zurüstungen zur Reise wurden nun getroffen. »Wie werde ich Alles finden?« fragte die Gräfinn sich tausendmal. Das Thor der Möglichkeiten that sich weit vor ihr auf – doch der künftige Tag ist den Sterblichen verschlossen.


Wir finden Theresen auf der Reise nach ihrem künftigen Wohnorte wieder. Sie sitzt an der Seite des Gemahls, berührt von seinem Mantel; ihre Hand liegt in der seinigen –; aber die Jahre ihrer Entfernung, die Länder, welche Constanz durchreist, liegen fühlbarer noch für seine Gattinn, zwischen ihnen. Sogar seine Stimme klingt ihr fremd – wie von einem dunkeln Jenseits herüber. Jener rührende Zauber, womit die geliebteste Stimme an die Seele dringt: er war vernichtet durch eine Gegenkraft – und Therese hörte nur, daß ihr Mann etwas heiser sey. – Sie blickt in den Boden seines Hutes, den sie auf ihrem Schooße hält, weil Constanz, um besser zu ruhen, sich mit unbedecktem Haupte in die Ecke des Wagens geschmiegt hat; doch eigentlich blickt sie in die Tiefe ihres Herzens, das auch ohne Hut und deshalb übel gefahren ist – und ein fremder Meister hat dort auch seine dunkle Vignette angeheftet. – Die Fahrt geht rasch; aber Therese kann sich von dem Gedanken an das Stift nicht losreißen, und doch, so wie der unermeßliche Himmel sich vor ihr ausspannt, spannt ein geheimnißvoller Aether die Flügel ihrer Sehnsucht nach der Ferne. –

»Erzähle mir etwas Du Liebste! von Deinen Freunden –« sagte Constanz zu seiner schweigsamen Gefährtinn, »und vergönne, daß ich Dir still zuhöre. Es ist, als ob mir jedes Wort einen schmerzenden Reiz in der Luftröhre verursachte. Wie es scheint, hast Du sehr glücklich in Sanct Capella gelebt.«

»O sehr glücklich!« antwortete Therese mit einem Seufzer der Wehmuth; und der Accent dieser Versicherung hätte ihren Mann beleidigen müssen, wenn er innigere Ansprüche an seine Frau gemacht.

»Der Ort ist doch wirklich zauberisch schön gelegen,« fuhr Therese fort, »und läßt nichts vermissen. Wir bildeten eine kleine Gesellschaft unter uns, das ist denn ein ganz anderes Verhältniß, als die Verbindungen in Mitten der Welt. Wir waren Hausgenossen – Eine Familie gleichsam – und mit wahrer Lust im Bann des Klosters. Die Verschiedenheit der Charaktere, welche dazu gehört, um innig im Umgange zu seyn, gab unserm einfachen Zusammenleben vielseitiges Interesse. – Welch ein köstlicher Mensch ist der Bruder! nur gesunder möchte ich ihn wünschen, obgleich er sich in der letzteren Zeit erholt zu haben schien. Dann Fabia – wie eine Mutter war sie für mein Bestes bedacht. Man muß sie nur kennen. Wer sie aber kennt, schätzt sie gewiß. Sie gleicht einem süßen Kern in spröder Schale. Und etwas Lieberes, als die alte Nonne, die Du gesehen hast, kannst Du Dir gar nicht denken, Constanz. Das ist wahrlich eine heilige Jungfrau, die besser als der Papst die Sünde den Menschen verzeihen könnte! – Da ist nichts von der finstern Verdammniß zu spüren, die Niemand selig werden lässet, der die Welt ein wenig lieb hat. Schwester Veronica ist sanftmüthigen Geistes, mild gegen Jedermann – kein feindlicher Gedanke, kein gehässiges Gefühl fände Raum in ihrer friedenvollen Seele. Auch hat sie selbst geliebt, und ihr Herz dieser Liebe geopfert. Man kann diese kleine Geschichte nicht ohne die größte Rührung hören. – Dafür scheint ihr denn auch ewige Jugend geworden zu seyn, und ich habe zuweilen schon gedacht, die gute Nonne stirbt wohl gar nicht, und wird in ihrem Erdenleibe, worin sie himmlisch lebt, einmal von Engeln emporgetragen.«

»Deine Schilderung ist begeistert, meine Therese –« fiel hier Constanz seiner Gattinn in die Rede, »und ich hätte Dir so viel Sinn für klösterliche Vorzüge kaum zugetraut.«

Therese empfand die leise Ironie in den Worten ihres Mannes nicht. Sie sprach: »von der Clausur merkte man nicht das Geringste an ihr. Veronica konnte sehr heiter seyn, und sogar anmuthig scherzen. Wie oft hat sie über die tollen Lügen Moorhausens herzlich gelacht! wo selbst der Schwager ergrimmte, sagte sie nur: es ist ihm zur andern Natur geworden, ich denke mir, er genießt das Vergnügen eines Fabeldichters, der aus dem Stegreif erzählt, und gönne es ihm.«

»Und der Major?« mit diesen drei Frageworten störte hier abermals Constanz die Charakteristik, womit seine Frau ihn unterhielt, »dem scheinst Du ganz besonders wohl zu wollen.«

Therese erröthete; ein Widerschein von Purpur, von zarterem Anflug und höherer Farbe als das Futter ihres Hutes, hauchte ihre Wange an, und sie schlug die braunen Augen tief nieder. Sie sprach: »o! das ist auch ein excellenter Mann! Den solltest Du kennen. Er war mir väterlich gut, und ich hätte ihm zuweilen die Hand küssen mögen.«

Hier zog Constanz die seinige aus Theresens Hand, und schlang einen Knoten in das bastseidne Schnupftuch, als wolle er sich etwas in das Gedächtniß knüpfen. Eine Pause trat ein, dann sagte er: »dieser Major Feldmesser –«

»Feldmeister,« berichtigte Therese, und ihr Mann redete weiter, »hat mir auch sehr gefallen.« Seine Frau warf auf diesen Ausspruch ihm einen schönen Blick zu, und erwiederte: »er ist der beste Freund Deines Bruders, und diesen Rang wird ihm schwerlich jener Sylvius streitig machen, der mir immer unheimlich vorgekommen ist.«

»Nun der Schatten darf Deinem Gemälde auch nicht fehlen –« versetzte Constanz, »doch das Schönste, den Lichtpunkt, hast Du Dir bis zuletzt aufgehoben: Josephine. Dieses liebenswürdige Geschöpf, erquicklich in seinem Anblick und bescheiden, ist ein wahres Blümchen Augentrost.«

Es ist ein schlimmes Zeichen, wenn eine Frau, auch die beste – das Lob einer Andern ihres Geschlechts, ohne Eifersucht, aus dem Munde ihres Gemahls hört. Ohne Extase entgegnete hierauf Therese: »es ist ein seelengutes Mädchen, und gar nicht so simpel, wie man glauben könnte. – Sie wird strenge gehalten, die arme Josephine! und ihren zarten Kräften wird viel aufgebürdet, was nur durch diese stille Duldung zu ertragen möglich ist.«

»Das süße Lamm!« sprach Constanz mit regem Bedauern, »doch nach dem Sprüchwort und der Erfahrung: regieren gestrenge Herren nicht lange.« Ein diplomatisches Lächeln spielte um seinen Mund. Und weil dieses Bild von raschem Umschwung ihn in den Kreislauf seiner Vergangenheit zurück versetzte, so kam er durch eine sehr natürliche Association der Ideen auf die Frage: »wie brachtet Ihr denn sammt und sonders Eure Tage zu?«

»Du meinst, wir hätten Langeweile gehabt? nicht einen Augenblick, sage ich Dir!« versicherte Therese mit leuchtenden Augen. Und das Quecksilber ihres Temperaments machte ihre Seele zu einem Spiegel, der die kleinen Freuden des Stiftes glänzend verdoppelte; ihre Rückblicke zeigten Alles in erhöheter und reinster Potenz. »Des Abends waren wir zusammen, und spielten Whist oder Schach –« setzte sie mit fallender Stimme hinzu, und der Tagesbericht der muntern Kostgängerinn von Sanct Capella endete in einem leisen, ernsten Seufzer.

»Und da schlugst Du selbst den tapfern Feldmeister aus dem Felde – nicht wahr?« fragte Constanz, ihrer Fertigkeit sich entsinnend, und zupfte seine Frau an einem Löckchen hinterm Ohr. Aber es war Theresen, als ob sie am Gewissen gezupft würde.

»Nicht immer –,« antwortete sie halblaut, »ich war auch bisweilen im Verlust.« – War es der versteckte Sinn dieser Worte, oder der Geist der Liebe, der in der Erinnerung an das Schachspiel ahnungsvoll sein Herz bewegte? – Genug, die Wage seines unpäßlichen Gleichmuths schwankte, und der Ton war von Gewicht, als ob ein Vorwurf ihn herabzöge, womit er sagte: »da Deine Zeit so mit Vergnügen besetzt war, wie ich zu dem meinigen höre, – so fandest Du wohl wenig Muße, meiner zu gedenken?–«

So hätte Constanz jedoch nicht fragen sollen! Therese ward sich bewußt, daß ihr Gemahl beinahe drei Jahre abwesend gewesen. Sie antwortete tiefsinnig lächelnd: »es braucht viel Zeit, bis eine Welt untergeht.« –

»Wo hast Du die Phrase her, Therese?« fragte Constanz, erstaunt über das Wissen seiner Frau, und über die Anwendung, welche sie von jenen Worten machte.

»Ich schlug sie jüngst in einem Buche auf, worin der Bruder las –« sagte die schöne Frau, welcher der Verfall des ganzen römischen Reichs übrigens sehr gleichgültig war.

»So bin ich noch Deine Welt?« fragte er seltsam heftig, und neigte sich zu ihr, und Theresens Blick, ein Abglanz jener Sonne, die ihn einst erwärmt, fiel wie ein Mondstrahl, kühl und geheimnißvoll, in das Düster seiner Vorstellungen.

Während der längeren Dauer dieser Reise suchte Therese durch freundliches Geschwätz ihren Mann zu erheitern, der sich leidend dabei verhielt. Wenn sie beflissen schien, von Diesem und Jenem zu sprechen, so war's vielleicht, daß er ihre Absicht merkte, was ihn verstimmte. – Das Bedürfniß der Unterhaltung ist ein schlimmes Merkmal für die Liebe. Wo ein Liebender die Langeweile des Andern empfindet, da ist dieser Andere schon verkürzt. Ein Herz, ganz von seinem Gegenstande ausgefüllt, bedarf nichts als des Glückes, bei ihm zu seyn. Liebende sind – ist ihr Verhältniß in der Ordnung – Sich die Einzigen, die da leben: denn jede junge Ehe wiederholt die Schöpfung, und der Athem Gottes hat millionenmal das Paradies geschaffen, seit das erste verloren ging. Wenn daher Menschen, beseelt von diesem ewigen Hauch, etwas außer sich merken, und mit jenem Bewußtseyn, was der Liebe heiliges Glück vernichtet, ihr Gefühl verhüllen, o! dann blitzt der feurigste Gedanke, oder auch ein Witzfunken, nur von dem flammenden Schwerte des Engels, der an der Gartenpforte ihres Edens steht. Sie wandeln fortan zwischen Dornen und Disteln der Erbsünde, und das Kind der harten Erde wird mit Schmerzen geboren, wissend, daß es sterben muß! –

Nach mehreren Tagen, in denen der neue Legationsrath sich und seiner Gattinn nur wenige Stunden der Ruhe gegönnt, sahen sie die schöne Stadt nun vor sich, welche der Ort seiner Bestimmung war. In äußerster Erschöpfung freute sich Therese, endlich am Ziel zu seyn. Ihr Blut war durch das anhaltend rasche Fahren in Wallung, das feine Geäder am Halse hüpfte, in jeder Fingerspitze hämmerte ein Puls. Sie war zu müde, um sich ängsten zu können, da Constanz sich unwohl klagte. »Dein Husten pfeift ordentlich und hat einen schneidenden Ton,« sagte sie unter einem nervenfröstelnden Rückenschauer zu ihrem Manne. »Ich denke, wenn Du wirst ausgeschlafen haben, dann giebt es sich.«

»Ja, ich denke einen langen Schlaf zu thun –« antwortete Constanz mit mattem Lächeln, und schloß die entzündeten Augen vor dem Häusermeer, was der letzte Abendschein vergoldete.

»Das wolle der Himmel geben!« erwiederte Therese unschuldig auf jene berühmten Worte.

Indessen dämmerte es tief, ehe sie die Stadt erreichten. Es war zur Meßzeit, und trotz der abendlichen Späte ein wogendes Gewimmel in den Straßen. Der Reisewagen, dem der blasende Postillon Respect verschaffte, rückte jedoch nur langsam vorwärts, und hielt am Engel, einem Hotel, das hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit so hoch über die Adler und Sterne der besten Gasthöfe ragte, wie der Geist seines Sinnbilds über die menschliche Unvollkommenheit.

Therese erschrak, als die großen Laternen zu beiden Seiten des ätherblauen Schildes, worauf der weiße Engel, mit einer Palme in den Händen, schwebte, ihren Schein auf das Gesicht ihres Mannes fallen ließen; es war todtenblaß, Constanz war kaum noch im Stande, die bequeme Stiege hinanzusteigen. Im Zimmer angelangt, sank er beinahe ohnmächtig in einen Stuhl. – Hier, von einem erstickenden Husten, wobei ihm jede Muskel schwoll, convulsivisch erregt, konnte er lange nicht zu Worte kommen; doch als er eines Sylbenlautes mächtig war, forderte er einen Arzt, weil der Schmerz im Halse von Minute zu Minute furchtbarer wurde. Es ward bestellt. Alsbald rauschte unter den Händen eines flinken Dienstmädchens das Bett, wonach Constanz stöhnend verlangte; der Tisch war gedeckt, die kräftige Suppe dampfte – aber der Kranke schüttelte sich gegen den Genuß, und der armen Therese war aller Appetit vergangen.

Eine tödtlich lange Stunde war vorüber, und der Doctor noch immer nicht da. Das Kommen an der Hausthüre, das unaufhörliche Gehen auf dem Vorsaal, der Laut jeder männlichen Stimme im Flur, täuschte die peinliche Erwartung der harrenden Frau. Constanz lag ganz still, er seufzte nur. –

Unglücklicherweise hatte man für das Erkranken eines Herrn, der mit vier Pferden Extrapost angekommen, nur den vornehmsten Arzt passend gefunden. Leider aber war dieser der bequemste von Allen, der lieber seinen Leib pflegte, als den Derer, die sich seiner Kunst anvertrauten. In solchen Aerzten hat das Gefühl ihrer eigenen Unsterblichkeit die achtsame Sorge für das Leben Anderer verschlungen. Sie fußen fest auf der begrabenen Welt, die einen düstern Lorbeer für sie trägt. –

Jener Primus der Mediciner dieser Stadt saß bei einem Abendschmause, kaum frugaler als der in Voßens Idyllen, und gehabte sich gleich seinem Collegen aus Hamburg, den der Pächter redend darin einführt – als der Ruf aus dem Engel an ihn erging. Er that jedoch seiner Menschlichkeit zuvor volle Genüge und gütlich, ehe er ihm Folge leistete.

Endlich rollte sein Wagen vor. »Der Regierungsrath kommt –« rief der Kellner in das stille Zimmer, und ein stattlicher Mann keuchte die Treppe herauf. Therese war eines deutlichen Berichts fast unfähig, der Doctor verpustete inzwischen. Dann schritt er gravitätisch dem Bette zu, nahm Platz, seine Taschenuhr in die Hand und faßte den Puls des Kranken. Die ruhige Flamme der Kerzen zitterte im Zifferblatt, und warf einen prunkenden Schein auf den Orden an der Brust des Arztes. Theresens Herz schlug flüchtig; doch ihr Athem stockte. –

»Eine schlimme Halsentzündung ist im Anzuge –« war der Ausspruch, wobei Therese ihren schönen, freien Hals wie zugeschnürt fühlte. »Ein Wundarzt muß schleunigst herbeigerufen werden –« setzte der Doctor dictatorisch hinzu, und betrachtete einige Momente die Gesichtszüge des Kranken, der taub und glühend, wie in den Schmerz von Flammen eingehüllt, da lag, und kein Zeichen der Theilnahme an seinem eignen Wohl und Weh – von sich gab. Man brachte das verlangte Schreibzeug, der Doctor schrieb nach kurzem Besinnen einige Abreviaturen mit blasser Dinte, und schlang seinen Namenszug in eine großartige Hieroglyphe. Dann schnitt er – mit der Scheere der Parze – den Streifen Papier ab, und reichte ihn einem Aufwärter, der schon darauf wartete, das Recept in die Apotheke zu tragen.

Unterdessen kam der Wundarzt und empfing seine Instruction. Dann entfernte sich der Regierungsrath, um an die Tafel des Wohllebens zurück zu kehren; unbekümmert darum, ob auch wissend – daß ein bedeutenderer Mann hier stürbe.

»Verlassen Sie mich nur nicht!« flehte Therese den Wundarzt an, der, ein guter Mensch und viel sanfter als sein Beruf – ihr versprach, die Nacht über da zu bleiben. »Auch wird es nöthig sein –« sagte er, um diese Maßregel durch mehr als sein Mitleid, durch Erkenntniß der Gefahr zu rechtfertigen, »der Herr Gemahl haben die Bräune.«

Therese starrte den Chirurg mit ihren braunen Augen an, die auch wohl gefährlich werden konnten, und fragte furchtsam: »die Bräune? an der sterben doch wohl nur Kinder? –«

Der Wundarzt schwieg; ein Lächeln trüber Erfahrung, ein leises Achselzucken nur, war seine Antwort.

Mit einem kindischen Grauen sah Therese ihn die zappelnden Blutegel auspacken, die sich ihr wie kleine dunkle Schlangen an das Herz legten.

Welch eine Nacht! – doch auch die Schatten der bängsten zerfließen.

Als der goldne Morgen heraufstieg, zerfloß Therese in tausend Thränen: Constanz war gegen die dritte Stunde gestorben. Mit allen Schauern der Natur hatte seine Frau zum erstenmale den Tod gesehn, und in den Zügen Dessen, den sie einst geliebt. Dort lag er nun, ein starrer Leichnam! die bleierne Stille seines Anblicks wirkte zermalmend auf Theresens Leichtsinn – es waren die schwersten Stunden, die sie gelebt; denn an dem Todtenbette ihrer Mutter hatte die Liebe ihr zur Seite gestanden.

»Eine Stunde früher –« hatte der Wundarzt unbedachtsam geäussert, und der Kranke wäre zu retten gewesen; jene Stunde der Säumniß, am Tische des reichen Mannes, die dem armen Constanz himmlisches Manna zu kosten gab.

Das Geräusch des Tages erwachte, der Markt füllte sich mit Menschen, die Kaufleute legten heute bunte Waaren aus. Eine fremde, gleichgültige Welt bewegte sich unter Theresens verweintem Blick. Die Sonne schien frühlingsheiter – sah denn das Auge Gottes diesen Jammer nicht? – die furchtbare Eile dieses Vorfalls machte den Eindruck davon auf das Gemüth der beklagenswerthen Frau noch gewaltsamer, so daß sie zu erliegen glaubte. Sie fühlte sich fürchterlich allein. Sie dachte an die Bewohner des Stiftes, die ruhig träumen würden, es gehe ihr nach Wunsch. Endlich sank sie in eine fühllose Mattigkeit.

Wie ungemein dies traurige Ereigniß nun auch war, so konnte der Wirth zum Engel, bei dem Gedränge seines Hauses, sich nur auf flüchtige Beweise seiner Theilnahme einlassen. Er übernahm die Meldung bei den Behörden, die Besorgnisse der Bestattung, und hatte nun für weiteren Beistand keine Zeit; doch destomehr, seine Gäste mit jenem interessanten Vorfall zu unterhalten. Zum Tröster war der practische Mann ohnehin nicht geschaffen. Man denke Theresen! sie, die, selbst für den freudigsten Zweck, keines geschäftsmäßigen Bestellens jemals fähig gewesen, sollte eine Auskunft geben, wie sie wünsche, daß ihr Gemahl begraben werde, mit dem Tischler reden, der, das Maaß zum Sarge zu nehmen, kam, und dem Schlosser Gehör geben, für den der Wirth bat, daß er die Arbeit bekäme. – »Ich beschwöre Dich, Füßli« –, sagte sie mit gerungenen Händen zu dem Bedienten ihres Mannes, einer treuen, leidtragenden Seele, »überhebe mich dieser Menschen, die härter sind als ihr Holz und Eisen, was sie handhaben! ich halte es länger nicht aus, ihnen Rede zu stehen.«

In einem kraftlosen Zustande lag sie auf dem Sopha; unter ihren Fenstern summte das Gewühl. Sie glaubte, die Bewegung des Fahrens noch zu empfinden, zuweilen schrak sie auf, im Gefühl von einem tiefen Fall. Wie im Traume traten die Bilder vergangener Stunden zu ihr hin. Es war ihr, als ob Fabia spräche: »Du bist nun auch eine Wittwe, wie ich!« Eine Wittwe! diesem bangen einsamen Begriff widerstrebte ihre frische Jugend, und der harmlose Sinn, welcher sie bisher beglückt hatte. Die Glocken hallten mit tiefen Tönen dies Wort – die Stille flüsterte es nach, und die Reiseuhr, die noch regelmäßig ging, da die Zeit ihres Besitzers abgelaufen war, pickte mit sachter silberner Ruhe, daß es wirklich wahr sey. – Auf einmal fragte sie scheu und leise: »hörtest Du nichts, Füßli?« »Nein,« antwortete der Bediente, »ich glaubte, gnädige Frau wären eingeschlafen, und dankte meinem Gott dafür. Ach!« fuhr er sein betrübtes Herz erleichternd fort, »zur Messe ankommen und sterben, und in einem Gasthofe seyn: das ist Alles, was ein Mensch ausstehen kann. Das Leichenbrett sogar steht auf der Rechnung.«

»Ach laß es stehen! Sey nur still, um Gotteswillen – wenn Du nicht willst, daß ich selbst den Tod davon habe –« sagte Therese abwehrend, »es war mir, als hörte ich Jemand sprechen, dessen Stimme mir bekannt ist.« Sie lauschte nach der Wandseite.

»Eine Herrschaft vom Lande, eine alte Baroninn, war eben angekommen, und logirt daneben –« antwortete Füßli, und seine Dame nahm doch Anstand, ihm einen Auftrag der Neugier zu geben.