»Mein Kopf ist wüst –« sagte Therese, »und in diesem Gewirre der Angst werden Einem selbst die stillsten Gedanken laut.« Doch wie von jener Täuschung besänftiget, schlief sie nun wirklich ein.
Als Therese am nächsten Morgen zu einer dumpfen Besonnenheit erwachte, sagte sie: »mit Schrecken sehe ich, daß ich noch wie ein Regenbogen gekleidet bin – ich muß doch wohl ein wenig trauern? Mir ist ganz schwarz vor den Augen, wenn ich nur daran denke. Gehe Füßli, und kaufe mir einen Streifen Flor zur Binde – eine finstre Haube könnte ich nicht tragen, ich stürbe – Dann hole mir ein Paar Schuhe von Serge; nimm einen von diesen mit, sie passen mir am besten.« Sie schleuderte den Probeschuh – eine seidne Aurora – von dem zierlichen Fuß, und setzte mit einem herben Lächeln hinzu: »Wer mich so sähe, müßte glauben, ich wandelte auf Rosen. – Das Kleid will mir die Wirthstochter besorgen.«
Der Befehligte ging und kam lange nicht wieder. Endlich trat er ein mit einer gewissen Hast, der Athem schien ihm entgangen, und die Zornader stark angelaufen.
»Du warst lange, Füßli –« empfing ihn seine Dame im Klageton eines gütigen Vorwurfs, »wohl eine Stunde, und Du glaubst nicht, wie bange mir der Augenblick vergeht, den ich ganz allein zubringe.«
»Kann nichts dafür, gnädigste Frau,« entschuldigte sich jener, »es ist überall ein Gedränge, man kann nirgends zu. Aus einem Viertel machen sich die Kaufleute nichts – es wird Alles im Ganzen abgesetzt; da ließen sie mich stehen. Dann müssen kleine Füße bei großen Damen hier rar seyn. Des Suchens war kein Ende, und an Kinderschuhen von diesem Maaße kein Vorrath. Zuletzt hatte ich noch einen Auftritt auf offner Straße. Es ist hier eine verflixte Polizei.«
»Wie so?« fragte Therese, und schickte sich an, den Einkauf zu versuchen.
»Nun,« antwortete der Bediente mit entrüstetem Tone: »wie ich so im besten Gehen bin, kommt Einer von der Polizei daher – ich meine, das müsse er gewesen seyn – stiert auf meine Hand und ruft: Freund! wo hast Du den Schuh her? – Es fiel mich an. Mein Herr Offizier, gab ich ihm zur Antwort, gestohlen habe ich den Schuh nicht, und um das Weitere braucht sich Niemand zu kümmern. Nun legte er sich aufs Bitten, besah sich den Schuh von allen Seiten, so daß ich daran denken mußte, was mir, da ich noch ein kleiner Knabe war, meine Mutter seliger von einem bezauberten Prinzen erzählte, der – –«
»Ich weiß, ich weiß –« unterbrach ihn Therese mit einiger Heftigkeit. – Füßli starrte seine Dame an. Sie war wie mit Blut begossen – er meinte, es käme vom Bücken; nur über seinen Horizont ging es gänzlich, daß sie wissen wolle, was er aus dem tiefsten Winkel der Beilade seiner Mutter Goldamme hervorzusuchen im Begriff gewesen. »Wie sah denn der Herr aus?« fragte sie.
»Es war der hübscheste Polizei-Lieutenant, den ich noch gesehen habe –« antwortete Füßli, »lang und wohl gewachsen; aber seine Keckheit hatte mich verdrossen, deshalb gab ich ihm nur kurzen Bescheid.« Therese ließ sich die Uniform beschreiben. Sie hörte still zu, dann sagte sie mit rügender Stimme: »Du hättest ihm doch höflicher Auskunft geben sollen.«
Füßli, stumm gekränkt, schüttelte leise den Kopf. Er meinte in seinem subalternen Verstande, daß selbst die betrübteste Frau sich von der Aufmerksamkeit eines Mannes geschmeichelt fühle, die dem kleinsten ihrer persönlichen Reize zu Theil würde: er wußte nicht, wie viel feiner Therese combinirte, da sie ihrem Diener den Mangel eines verbindlicheren Benehmens vorhielt. –
Jetzt ward es laut auf dem Vorsaal. Therese öffnete die Thür, und trat hinaus. Die Dame vom Lande, ihre Wandnachbarinn, stand im Begriff abzureisen, von ihren Leuten und den dienstbaren Geistern des Hotels umgeben, welche mit Schachteln, Paqueten, Flaschen, und hundert unnennbaren Kleinigkeiten des Bedarfs zu einem behaglichen Leben, belastet waren. Sie selbst glich einem wandelnden Pavillon, blieb aber stehen, als die ätherische Gestalt Theresens, nur etwa wie ein Trauermantel mit leichtem Schwarz besäumt, aus der düstern Stille ihres Zimmers aufflatterte, und redete sie an. »Ach meine Liebe,« sagte sie mit einer Fülle von Gutherzigkeit in dem wohlgenährten Gesicht, »Sie sind gewiß die junge Dame, welche hier zu einer so traurigen Erfahrung gekommen ist? – Wie mich das gedauert hat! so jung Wittwe werden, das ist in Wahrheit betrübt. Wie gern hätte ich Ihnen meine Theilnahme bezeugt! aber man hat den Kopf so voll von Einkäufen, – sieh Dörtchen! o verzeihen Sie – den polnischen Gries, den haben wir ja nun doch vergessen!« Therese bedeckte mit der weißen Hand die Augen, vor all' diesem häuslichen Wust. Sie hätte keiner Erinnerung bedurft, an den unwirthbaren Boden ihrer Heimath. Mit leisem, verachtenden Stolz, wie er dem Schmerz und der Liebe gegen solche Geringfügigkeiten eigen ist, verbeugte sie sich, aber doch mit der Grazie des Kummers.
»Könnte ich Ihnen irgend womit dienen?« fragte die Baroninn im Tone erhöheter Achtung, da sie kein Sterbenswörtchen, kaum einen Seufzer, aus diesem schönen Munde vernommen, der ein so heiliges Recht zur Klage hatte, deren Zurückhaltung stets am stärksten an das Herz des Mitleids dringt. Therese dankte gerührt. Sie konnte den Wunsch, ein aufrichtiges Mitgefühl zu äußern, nicht verkennen.
»Die Zeit –« setzte die Baroninn, wie wenig sie deren auch zu haben schien, in der Weise einer erfahrnen Trösterinn hinzu: »die Zeit, glauben Sie das mir, meine Beste! lindert auch den größten Schmerz. Da mein guter Mann starb – er ist nun schon seit zwanzig Jahren todt – da meinte ich auch nicht, noch einen frohen Tag zu erleben. Es giebt sich jedoch Alles, auch das, was uns beugt. – Werden Sie, wenn man fragen darf – Sich lange hier aufhalten?«
»Ich fürchte nicht, daß ich das müßte,« antwortete Therese mit einem Blick voll Schauer: »der Boden dieses Hauses brennt unter meinen Füßen.«
Die Dame nickte, gleich einer unförmlichen Pagode auf diesem großartigen Kamin, worin ein frisches Leben zu Asche geworden war, und sprach: »sonst hätte ich Sie gebeten, zu mir zu kommen, auf mein Gut. Ich bin die Baroninn Lenau.«
Dieser Name schlug mit einem bekannten Klange nicht an Theresens Ohr, nein! an ihr Herz. Therese wußte von jenem Nicolaus, der ihn mit dichterischen Ehren führt, und würdigte ihn wohl höher als den Kaiser, den sie als einen Feind ihres zerstückten Vaterlandes betrachtete. Eine poetische Verwandtschaft so wenig wie eine andere, zwischen diesem Lenau und der Baroninn, ließ sich gleichwohl schwerlich voraussetzen, und doch – trotz der Prosa dieser Erscheinung, und wie versunken in sich selbst Therese auch war, so flüsterte, da sie ihn nennen hörte, ein zartes ob auch melancholisches Gefühl, wie das Schönste seiner Schilflieder es erregt, in ihrem Busen auf. –
Das Wohlwollen verbindet schnell. Mit einem Zuge von Wehmuth ließ Therese die Baroninn aus den Augen. Sie trat ans Fenster, und sah die bepackte Landkutsche, von ihrer aristokratischen Bestimmung zu einer anspruchslosen Victualienfuhre benützt – langsam und schwerfällig abfahren. Therese dachte dieser flüchtigen Begegnung nach, welche sie doch ein wenig zerstreut hatte. Sie besaß überhaupt eine gewisse Vorliebe für ältere Personen ihres Geschlechts, und die Gabe ihnen zu gefallen; hingegen Frauen von mittleren Jahren konnte sie nicht leiden, ohne sich eines Grundes dafür bewußt zu seyn. Diese Eigenheit, denen, die mit ihr lebten, so bekannt, daß, als Therese einst ein rüstiges Weib, welches ihr Erdbeeren feil bot, gegen ihre Gewohnheit ziemlich unfreundlich abwies, ihr Schwager lächelnd sagte: »die Arme hat wahrscheinlich nicht das rechte Alter, um Dir sammt ihren schönen Früchten anzustehen? –« hielt sie vielleicht theilweise von Fabia entfernt, während ein Verhältniß ungeheuchelter Zuneigung zwischen der alten Nonne und der jüngsten Schwägerinn des Administrators bestand.
»Es giebt sich Alles,« hatte die Baroninn gesagt, »auch das, was uns beugt.«
Was ist wohl starrer als der Tod? Und doch schmiegt der Gedanke an die Verstorbenen sich allmählig unsern Vorstellungen an, hausbequem wie ein Kleid, in dessen weiten Falten ein wenig Staub ruht, ohne daß auch das reinste Herz davon beunruhigt würde.
Therese blickte tiefsinnig in das Gewühl, welches geräuschvoll wie ein Strom, doch eben so unverständlich sich unter ihr bewegte. Stunde an Stunde verrann – gegen den Abend sollte Constanz still, doch feierlich beerdiget werden, und seine Frau begehrte, während dieses Acts allein zu bleiben. Füßli wagte bescheidenen Widerspruch; das Gefühl der Einsamkeit und eines gemeinsamen Verlustes hatte dem treuen Diener Freundesrecht dazu gegeben.
»Es ist so schön, gnädigste Frau,« sagte er beklommen, »wenn ein Ehegatte den letzten Gang mit dem Andern nicht scheut, sey er immerhin der schwerste. Ich mögte sagen, es sähe den Frauen so ähnlich. Die Mutter blickt zehnmal in die Wiege, ob ihr Kindlein gut schläft, eine Pflegerinn achtet darauf, ob die Kissen des Kranken recht liegen, und eine Wittwe sollte das Auge abwenden und nicht sehen wollen, wie man ihren Todten gebettet hat? – Was mich betrifft, so würde ich meinen Herrn begleiten, und wenn ich auf den Knieen seinem Sarge nachrutschen müßte.«
Therese erröthete beschämt, und ein Anflug von Zorn über den Vorwurf, der in diesen treuen Worten für sie lag, schürte die Flamme ihres Angesichts. Sie sagte mit Selbstvertheidigung: »daß ich mein blutend Weh vor den Augen fremder Menschen entschleiern, und der Neugier ein Schauspiel geben sollte: dies kann ich nicht. Es wäre eine Form, die meinem Wesen widerstünde; meinem Constanz hilft es nicht mehr, und Wem schadet es, wenn ich lasse, was zu thun er selbst unräthlich finden würde? – Jeder hat seine eigene Schicklichkeit, guter Füßli.« Und dabei lächelte sie todesängstlich, wie im Besserwissen einer höheren Stimmung.
Jener schüttelte den Kopf, und seine Miene würde ein Kundiger dieser Sprache der Seele in die Antwort übertragen haben: »aber die Liebe ist doch nur Eine!«
»Wäre nur der Schwager hier,« jammerte Therese, und brach in Thränen aus, deren Thau sie dem Gras des fremden Kirchhofs vorenthielt –, »oder ein anderer Freund, der sich meiner annähme!« Füßli schwieg gekränkt. Seine weinende Dame sprach: »verlassener als ich, ist wohl auf Gottes Erde Niemand – und war ich es eigentlich nicht immer? –« In dieser Frage, womit Therese sich gleichsam frei sprach von den zarten Pflichten einer Verbundenen, geschah dem Anspruch des Gemahls Eintrag, den der Tod von jedem irdischen Bande gelös't; aber die Stunde des Begräbnisses gab ihm sein volles Recht wieder. Erschütternd in Schluchzen, aufgelös't in Leid, saß Therese im einsamen Sopha, während Der, dem sie kraft des ehelichen Gehorsams hierher gefolgt war, zu seiner letzten Ruhestätte schwankte, und sie an fremder Stelle allein ließ. Jeder Glockenhall bewegte ihre Seele in einer Schwingung stürmischen Schmerzes; überwältigt von unbekannten aber furchtbaren Gefühlen, war sie keines klaren Gedankens fähig. Endlich lagerte sich eine dumpfe Stille um ihren müden Geist. Sie lehnte den Kopf hinten über, schloß die Augen, und ließ unbewußt einzelne Tropfen unter den Wimpern hervorrinnen. – Im Hause, was den todten Gast entlassen, herrschte eine ungewöhnliche und bange Stille; selten schwebte der Engel mit der Palme in solcher Ruhe.
Da eilte ein starker doch gedämpfter Schritt die Treppe herauf an die Thür von Theresens Zimmer; es klopfte, und ohne das Wörtchen der Erlaubniß abzuwarten, trat ein Offizier ein. Rudolph Feldmeister lag zu Theresens Füßen, und hauchte athemlos einen ehrerbietigen Kuß auf die schwarze Serge ihres Schuhes.
Wie von einem elektrischen Schlage geweckt schaute sie auf. Schweigend sah sie ihn an, nur der nasse Blick, die zitternde Hand redete in einem leisen Druck, der dennoch die gepreßte Empfindung verständlich machte, worin sie athmete. Therese glaubte, der Himmel habe sich geöffnet, ihr seinen sichtbaren Schutz zuzusenden. Nach einer unaussprechlichen Minute sagte sie mit wankender Stimme: »so eben begräbt man meinen Mann – und ich weiß nicht, ob es sich ziemt, daß Ihr Hierseyn, lieber Freund, seine Wittwe tröste? –«
»O Therese!« rief der Lieutnant leidenschaftlich versichernd, »wie hat dieser Todesfall mich ergriffen, ohne daß ich wußte, Wen er träfe! und nun sollte ein erbärmlicher Anstand mich fern halten, wohin mein Herz mich drängt, selbst wenn es anders schlüge, als für den einzigen Wunsch dieser geliebten Nähe?«
Therese weinte heftig, der Lieutnant stand langsam auf, und sah finster in den Fall ihrer Thränen. »Fürchten Sie nicht, Therese,« sagte er mit jener edelsinnigen Achtung, die einem höheren Gemüth der Anblick des Leidens einflößt, wenn gleich sich in seinen Ton ein wenig verbitternde Kälte der Eifersucht mischte, »daß ich die Heiligkeit dieser Stunde und ihrer Gefühle nicht genug ehren mögte, um von dem meinigen zu schweigen. – Aber – die Vorsehung scheint mich zu Ihrem Schutz berufen zu haben, den Sie in so seltsam unglücklicher Lage in dieser fremden Stadt bedürfen könnten. Mit unsäglicher Mühe und Eile bin ich einer zarten Spur von Ihnen nachgegangen, hoffend, daß ich Sie fände – – Therese! mein Wiedersehen so unvermuthet, freut Sie nicht?«
Therese erhob das quellende Auge zu ihm; ein warmer Strom floß in sein Herz, und machte es schwellen. Sie schüttelte den schönen Kopf, und diese verneinende Geberde sprach jene zuversichtliche Erwartung nicht ab. »Unvermuthet?« sagte sie mit dem leisen Accent magnetischer Ahnung, »nein mein Freund! ich wußte, Sie wären mir nahe. Wo ich bedrängt bin, da erscheinen Sie! – Habe ich doch schon ihre Stimme vernommen. Unmöglich scheint mir nichts, nachdem, was ich erfahren. Ach!« und bei diesem seufzenden Ausruf rang sie die zarten Hände in ihrem Schooße, »was habe ich gelitten seit unserer Trennung! ich werde es nie – nie! vergessen.«
Diese Versicherung spaltete sich in dem Gefühl des Empfängers. Der angegebene Zeitpunct schmeichelte, ob auch unbestimmt, seinem fordernden Herzen; doch das Unmaß von Weh, wovon der leichte Sinn dieses harmlosen Wesens betroffen worden, deutete wahrscheinlich nur auf einen Schlag des Schicksals hin, der zur Zeit seine eigenen Empfindungen unterdrückte. Seine Zunge war für einen Moment gelähmt, dann sagte er: »ich glaubte nicht, daß der Verlust eines Mannes, den Sie eigentlich nur dem Namen nach besaßen, Sie bis zu diesem Grade außer Fassung bringen könnte, da es nur auf Ihre Neigung ankommen würde, jenen hohlen Besitz zu behalten.«
Therese seufzte aus voller Brust und dachte: »am Ende nimmt er es wohl übel, daß ich traurig bin? – O über die Männer! ihre Eigensucht findet sich sogar durch die Aufregung beleidigt, welche Derjenige verursacht, der allen irrdischen Wallungen ein Ziel setzt! –« Sie antwortete: »als Constanz zurückkehrte – o Gott! wann kam er denn? da hätte ich im Voraus wissen können, was mir begegnen würde. Mir war so kalt und schauerlich zu Muthe, als ob der Tod mich in seine Arme schlösse. Nun ging es holter, polter fort. Unerbittlich für den Wunsch der Seinen, gönnte er mir kaum Zeit, mich zu fassen, da das Scheiden vom Stift mir sehr schwer fiel. Dort ist mir wohl gewesen, sehr wohl! kleine Uebelstände etwa abgerechnet, die gegen so vieles Gute nicht in Betracht zu ziehen sind. Mit freundlicher Vernunft ließ der Schwager mich gewähren, und mir kein Härchen krümmen. Er war mir ein Bruder, wahrhaftig ein Bruder! und Ihren Oheim, ja den Major, habe ich wie einen Vater geliebt!«
Sein Neffe lächelte kühl, wie mit der Indolenz eines dankbaren Vetters, denn die Wärme, womit Therese des Administrators erwähnte, that der Wirkung jenes kindlichen Gedankens Eintrag.
»Der Morgen, wo wir von Sanct Capella abreiseten,« fuhr sie fort, »war mir schrecklich. Die ganze Welt kam mir verändert vor, so auch mein Mann. Ich war wirklich ein wenig einsiedlerisch geworden – und der Gedanke, mich wieder in seine umherfahrende Weise einzurichten, widerstrebte mir. Unbeschreiblich abgemüdet, mehr am Geist als am Körper, langte ich hier an. Erlassen Sie es mir, daß ich Ihnen von der kurzen Krankheit erzähle, die den armen Constanz binnen wenig Stunden hinabwürgte; ich bin es nicht im Stande. Und wäre er mein Feind gewesen, und nicht mein Mann, ich hätte gern, als es ihm an Luft gebrach, den Athem meiner Brust ihm einhauchen mögen.« Ein langer zitternder Seufzer, aushaltend in sprachlosem Schmerz, schloß diese Rede.
»Ich glaube Ihnen –,« sagte Rudolph bewältigt. Doch von seinem Standpunkt aus, und nach der Behauptung jenes Kenners der menschlichen Seele, dessen genialem Blick diese dunkle Substanz durchsichtig war, so daß er ihre tiefsten Geheimnisse an das Licht brachte, wie zum Beispiel eine beschattete Stelle der Theilnahme, die da lautet: denn nichts scheint Denen trübe, die gewinnen –, setzte er hinzu: »jenes Bild des Grauens wird sich mildern, theure Therese. Wie sollte, wenn die Vorstellung des Todes haften bliebe, der Soldat bestehen, der ihn mit all seinen Schrecken ertragen, und in furchtbarer Masse sehen muß, ohne daß er bei diesem Anblick zagen dürfte? Ein stärkeres Gefühl bezwingt ihn. Mein süßes Leben! beruhige Dich! jetzt bin ich da.«
Ein Blick innigster Schutzversicherung ward zwischen ihnen gewechselt. Und mit dem schüchternen Aufschluchzen überwundner Aengste sagte Therese: »ich bin kein Held, lieber Freund! und mich in einer so ganz einzigen Lage zu benehmen, fehlt es mir an Umsicht, wie an Erfahrung. Mich mit dem Nachlaß des Verstorbenen zu befassen, ist mir rein unmöglich. Ich glaube, ich könnte die größte Erbschaft wegschenken, um nur nicht davon reden zu hören.«
Der Lieutnant lächelte wundersam in sich hinein. Und Therese sprach weiter: »ein feiner Mann vom Corps Diplomatique war bei mir, dem ich das Portefeuille meines Mannes aushändigen mußte. Ich wußte nicht, ob ich recht daran gethan, und ob nicht noch andere als staatsgeheime Papiere darin gewesen? – Wäre nur der Schwager hier? ich habe einen Brief an ihn angefangen – dort liegt er noch. Als ich mich dazu sammeln wollte, kam ein Sammelbruder, wie denn überhaupt Störungen begehrlicher Art hier unvermeidlich sind. – Die Gedanken versagten mir, kein Wort wollte aus der Feder fließen; aber Thränen sind genug auf das Papier geflossen.«
»Ich schreibe an den Major –« sagte der Lieutnant mit nachholender Hast, »heute noch! sogleich. Wir senden eine Estafette. Der Administrator muß her. Doch dürfte es bei der großen Entfernung eine ziemliche Weile dauern. O Therese, Muth gefaßt, holde Freundinn! es werden bessere Tage kommen; dann sind diese ein beklemmender Traum gewesen. Mir war, als hätte ich auch geträumt – aber feenhaft, und meine Zukunft wäre verwandelt. Ich wüßte Ihnen Gutes zu erzählen; allein es deucht mir unzart, daß ich in diesen Augenblicken von mir spräche, und von irgend einem andern Glück als dem, zu Ihrer Beruhigung beitragen zu können.«
Therese athmete erleichtert auf, reichte ihm herzlich die Hand und sprach: »so wäre mir denn geholfen; zweifeln Sie nicht, daß Ihre Gegenwart die größte Wohlthat für mich ist. Aber noch ist mein ganzes Wesen so von Furcht und Beben eingenommen, daß ich die Hoffnung nicht zu fassen vermag, ich würde mich wieder einmal freuen können. – Es ist mir, als begäbe sich der Trost, daß ich Sie sähe, nur im Fieber. Ihr Bild wankt vor meinen Augen, eine so jähe, so erschütternde Veränderung läßt uns fühlen, daß nichts Bestand hat. Und die Angst zuckt schreckend durch meine Glieder, ich könnte erwachen, und Sie wären verschwunden.«
»Nein ich bleibe!« rief der junge Mann mit fester Innigkeit, und der Ton entschiedenen Selbstvertrauens steigerte sich zur Leidenschaft, da er hinzusetzte: »ich bleibe ewig Ihr treuester Freund! und eher mögte ich mich wohl selbst verlassen, als von dem Platze weichen, auf den himmlische Gunst mich gestellt hat. – Ist es ein Zufall, daß wir uns in Polen, im Stifte, und nun hier, in öder Weite, abgerissen von allen vorigen Beziehungen, gefunden haben? Eine unsichtbare Hand hat uns verknüpft, Therese! ich halte meinen Schwur, und der Himmel selbst scheint es zu wollen.«
»Constanz –« flüsterte Therese, »wird mir auch sein Schatten zürnen?«
»Er war eine vermittelnde Macht zwischen uns –« entgegnete Rudolph, »sein Daseyn, nun nicht mehr begrenzt, erweitert sich für unendliche Wünsche. Ein Geist ist nicht engherzig mehr, daß er dem Liebsten, was die Erde für ihn hatte, einen Strahl von Seligkeit, die Liebe! mißgönnen sollte. Aber Therese – Sie sind krank, und ein Wunder ist es nicht. Wenn ich Sie nur besser aufgehoben wüßte, in weiblich schicklicher Pflege. Der Gasthof ist kein Asyl für eine Leidtragende. Nun, morgen wird es anders seyn. Ich schreibe die Nacht hindurch, und mit Anbruch des Tages lasse ich meinen Boten fliegen.«
Jetzt trat Füßli ein. Die Schwermuth der Dienstpflicht, von der er zurückkehrte, beugte ihn sichtbar, ein Grabeswehen düsterte um die beflorte Gestalt, und die Citrone in seiner Hand, deren Poren im Ausdruck starken Schmerzes lind geworden waren, hauchte einen leisen, bangen Geruch aus.
Eine wunde Röthe floß mit der Blässe Theresens zusammen, als sie den Diener ansichtig ward, an den sie während dieser Scene mit keiner Sylbe gedacht hatte. Und auch das erdfahle Gesicht des ehrlichen Schweizers überzog sich mit der Farbe der Empfindlichkeit, da er den fremden Offizier erkannte. »Füßli!« sagte Therese mit weichem Tone, »dieser Herr, ein naher Verwandter des Major von Feldmeister im Stift, wird so gütig seyn, in meinem Namen nach Sanct Capella zu schreiben, und Dir das Nöthige hierüber ertheilen.«
Der Diener verbeugte sich stumm, und indem seine Dame sich gleichsam zu einer Entschuldigung herabließ, über dies Zusammentreffen, wie über die Vollmacht, welche der Lieutnant von ihr empfangen, zwang eine zarte Stimme ihres Busens sie, sich solchergestalt gegen ihn zu erklären. – Wenn es eine Pflicht zu trauern giebt, so ist stumme Treue der beredteste Vorwurf. Wer sich schweigend härmt, versenkt in tiefen Gram, erhebt sich in jeder Sphäre über Den, der Ohr und Lippe dem Troste öffnet.
Rudolph ging bald darauf. Er beeilte sich, die Briefe zu schreiben, die keinen längeren Verzug gestatteten. Den folgenden Nachmittag wollte er wieder kommen, weil der Dienst ihn am Morgen nicht entließ.
Therese empfand sein Fortgehen selbst für die Frist einer kurzen Frühlingsnacht, und bei der Gewißheit seiner Wiederkehr, doch beängstend.
Füßli blieb stöckisch, und wartete mit finsterer Unterwürfigkeit seines Dienstes. O! warum kann keiner sehnenden Seele Erquickung zu Theil werden, ohne daß die Mißgunst irgend einen erbitternden Tropfen dazu mischte? – Vor Allem stehet der Genuß auch der schuldlosesten Liebe unter diesem weltlichen Fluch. Sie ist das himmlische Feuer, dessen Raub mit jener Strafe gebüßt wird, die sich täglich erneut. – Der Freundschaft – und ist diese weniger ätherischen Ursprungs? – wird ihre schmelzende Kraft eher verziehen. Sie – »die Freundschaft hat Stufen, die am Throne Gottes durch alle Geister hinaufsteigen, bis zum Unendlichen!« So hoch kann der gewöhnliche Begriff sich nicht erheben. Aber Liebe, hienieden gefühlt, erscheint den Menschen oftmals niedrig. – Und nicht immer sind die Beweggründe Derer rein, die im unberufenen Zweifel, ob ein Verhältniß lauter sey, ein Herz in Flammen läutern. – Hätte der Major anstatt seines Neffen sich zum Beistand Theresens gefunden, der Diener ihres verstorbenen Gemahls würde ihn gesegnet haben; der junge hübsche Offizier, der ihren Schuh sogar erkannt – war ihm ein Dorn im Auge.
Schon hatte Therese am folgenden Tage ihres Freundes geharrt, und die Minuten, welche er zögerte, berechnet, als Rudolph kam, und wie es schien im Drange einer willkommnen Nachricht.
»Ich habe über Sie verfügt –« sagte er mit einem offnen Blicke, und hörbar knitterte seine Hand ein Blatt Papier in der Tasche, was er aber stecken ließ, als bedürfe es zwischen ihnen des Beweises nicht, »werden Sie mir das Zutrauen verleiden, daß ich es durfte?«
Therese bat ihn, mit einer Miene der Vorausbilligung, niemals ungewiß darüber und jetzt deutlicher zu seyn.
»Hier können Sie nicht bleiben, mein süßes Kind!« sprach der Lieutnant, und dieser zärtliche Zusatz sänftigte den taktischen Ton, der die Vermuthung anschlug, dieser Feldmeister von Theresens Gegenwart werde sich, als ehelicher Feldherr ihrer Zukunft, gar wohl zu benehmen wissen. – »Selbst meine Besuche,« fuhr er fort, »würden einem ärgerlichen Aufsehen nicht entgehen, und ich – ich leugne es nicht – bin empfindlich gegen die öffentliche Meinung. Lieber aber mögte ich einen Flecken an meiner Ehre dulden, oder in der Pupille meines Auges, als daß Ihr Ruf, theure Therese! durch mich, und wäre es um den leisesten Hauch eines Wortes – verdunkelt würde. Da ist mir denn guter Rath nicht über Nacht, nein! gestern Abend schon gekommen. Eine Anverwandte von mir, die Besitzerinn eines hübschen Landgutes in hiesiger Gegend, und eine so wackere Frau, daß ich wohl manche weibliche Tugend neben der harmlosesten Gutherzigkeit an ihr verehre, ist freundlich bereit, Sie bei sich aufzunehmen. Meine Tante ist in jedem Sinne wie von Milch genährt, und der Aufenthalt bei ihr ganz geeignet, den Affect der Betrübniß herabzustimmen. Sie werden –,« dies setzte der Lieutnant mit einem gutmüthigen Lächeln hinzu, »Gelegenheit finden, sich zu beruhigen; ein Athem von pflegmatischer Behaglichkeit ist die Lebensluft dieses Hauses, und ich werde Fug und Recht haben, oft genug darin einzukehren.«
Es hätte dieses letzteren Antriebes kaum bedurft, um Theresen dem Vorschlag ihres Freundes geneigt zu machen. Das wilde Täubchen war völlig zahm geworden.
Füßli – so wurde beschlossen – sollte im Gasthof bei den Sachen bleiben, bis der Administrator in Person, oder doch Nachricht von ihm käme. Auch konnte von Seiten der Behörden noch irgend eine Forderung ergehen, zu deren Aufnahme Jemand an Ort und Stelle seyn müßte. Schon in einer Stunde – mit solch militairischer Kürze war dieser Aufbruch bestimmt worden – sollte die Equipage da seyn, worin Therese nach jenem Landgute abgeholt werden würde. Rudolph wollte sie zu Pferde begleiten. In fliegender Eil wurden nun die Anstalten zur Abreise getroffen. Therese säumte keinesweges, den Engel dieses Hauses zu verlassen, um dem zu folgen, den sie mit besserem Recht für den ihrigen, und für einen Boten des Himmels hielt. Sie zog den schwarzen Schleier über ihr Gesicht, und sich in den Hintergrund des Wagens zurück, so lange er durch das lärmende Getöse der Stadt rollte. Doch als auch das Geräusch der Vorstadt immer ländlicher wurde, bis endlich am letzten Häuschen die sausenden Räder an dem schwirrenden Rade eines Seilers vorüberflogen, der sein hartes Gespinnst durch die weichen Frühlingslüfte milderte, da bewegte diese Schnur Theresens Herz, und es schlug in der grünen Stille einsam wie eine Bilderuhr. – Wie sanft wallten die Saaten! wie weit vergoldete die Sonne den Gesichtskreis! in welcher erhabenen Ruhe mischte das Blaßblau eines fernen Amphitheaters von Bergen sich mit dem Horizont! – Die Natur senkte ihren malerischen Vorhang über Theresens Einbildungskraft, und den Tumult jener wüsten Scenen, denen sie entronnen war. Kein neugierig kalter Blick traf sie mehr, und hier und da fiel der ihrige auf ein unschuldiges Blumenauge, in der zarten Frische erster Färbung, und es schien mit Wärme zu sagen, daß es den Thau gar wohl kenne, der zu nächtlicher Zeit sinkt. –
Rudolph ritt nebenher, und zum erstenmale ein neues schönes Pferd, womit er ritterlich bei dem Geleit seiner trauernden Dame paradirte, und dessen charakteristische Uebermüthigkeiten sein Aufmerken erforderten. Therese saß allein in tiefen Gedanken. Wie wenig glich ihre dermalige Stimmung jener, in welcher sie einst nach dem Scheiden von ihrem Gemahl, in Begleitung seines Bruders, dem gastfreundlichen Kloster zuflüchtete. – Gänzlich unbekannt war ihr der Ort und die Person, denen sie nun eine schützende Aufnahme verdanken würde; aber sie überließ sich mit unbedingtem Vertrauen ihrem Führer. Die Gleichgültigkeit des Kummers und erschöpfter Kräfte, nahm dieser Hingebung auch das leiseste Bedenken. Das Fahren erinnerte sie an die jüngste Vergangenheit. Constanz lag nun still für immer. Welch ein kleiner bescheidener Raum genügte ihm zur langen Rast! sein ruheloses Leben voll glänzender Entwürfe war nun aus, wie ein fliegender Stern in Dunkelheit erlischt. Sie versetzte sich in die Empfindungen, welche sie bei seiner Ankunft und während der Reise gehabt hatte, und gestand sich, daß es Vorgefühle gebe. War die tiefe sehnende Ruhe, in welcher alle Aengste, alle Wünsche schwiegen, vielleicht Gewähr dafür, daß Furcht und Hoffnung nun erfüllt seyen? – Nie hatte Therese mit zarteren Regungen der Reue an Constanz gedacht, nie sein Verhängniß in so innigem Bezug auf ihr Gemüth empfunden; obzwar jeder Faden von Eintrag in dem Gewebe ihres gegenseitigen Lebens nun abgerissen war. Auch das Glück wird mit Buße getragen, nicht allein das Gefühl der Schuld und der Besitz, sogar der zu hoffende, giebt uns nicht selten erst eine vorwurfsvolle Schätzung dessen, was wir verloren haben. –
Der Abend begann, sich auf die Landschaft zu senken. Noch schwebte der feurige Sonnenball, jedes Lüftchen riß eine flammende Rose aus dem Kranz von Purpurgewölk, der Himmel glich einem Garten voll brennender Liebe. – Das Geläut der ziehenden Heerden vom frischen Anger scholl fernher, wie wandelnde Abendglöckchen, da der Tag sich neigte, und dieser friedsame begnügte Ton weckte ein traumhaftes Sehnen, dem Heimweh verwandt, in Theresens Seele. Wo war ihre Heimath auf Erden? Nirgend! – Als nun die Sonne hinunter war, die geschäftigen Schatten einschliefen, und ein dämmernder Duft sich über Feld und Wiese verbreitete, da erschien ihre selige Mutter vor Theresens träumenden Augen, und ihr überirrdisches Lächeln sagte: »mir ist recht wohl! laß mich schlafen, Kind!« Auch Constanz richtete sich auf, und seine gestorbene Gestalt blühete wie unter einem Veilchenschimmer, der vom violetten Schein der Höhen mit dem röthlichen Hauch noch nicht aufgebrochner Laubknospen zusammenfloß. Und der Abendwind flüsterte mit seiner Stimme: »ich habe nun Ruhe gefunden – was betrübst Du Dich?« Eine namenlose Wehmuth ließ Theresen wünschen, sie könnte auch sterben. – »Sterben? jetzt, wo ihrer treulosen Neigung nichts mehr im Wege steht?« frägst Du vielleicht meine Leserinn, und Deine Hand hebt den Stein des Anstoßes. Aber lasse mich den Zweifel Deiner Frage heben. Wisse! der Schmerz um Die, welche nicht mehr athmen, und das Entzücken des Lebens, die Liebe! mischen ihre tiefsten Einflüsse zu einem Quell, der verlangend strebt, sich in das Meer der Ewigkeit zu ergießen. In Beiden fühlen wir uns unendlich. So stirbt die Jugend leicht unter dem vollen Blüthenhang ihrer Hoffnungen; nur das Alter klammert sich fest an den entblätterten Stamm des Daseyns, hätte es auch nur bittere Früchte getragen. –
Bei einem Bug der Straße öffnete sich die Aussicht in ein reiches Dorf, von Obstgärten umgeben. Das Schloß, kein Rittersitz von architektonischem Prunk, nur ein stattlicheres Wohnhaus – lag kaum abgesondert und sehr freundlich.
Der Lieutenant rief in den Wagen: »Wir sind an Ort und Stelle, –« und bei dem ersten Hinblick auf die Fenster, welche ein Abglanz der Abendröthe in saffranfarbenem Mattgold erhellte, spürte Therese jenes Bangen, welches uns Frauen mehr oder minder vor dem Eingehen in ein neues Verhältniß ergreift, oder, was oft gleichbedeutend ist – wenn wir uns dem Ziele einer Reise nähern.
Der Spiegel eines schöngeformten Teiches dicht vor dem Schlosse, am vorderen Rande von einer Brustwehr eingefaßt, und zu beiden Seiten mit weißen Gartenbänken versehen, strahlte das schwache Geflimmer einzelner Sterne zurück, und daneben den leuchtenden Vollmond des runden, rothen Gesichts einer Dame, die über das Geländer gelehnt, Karpfen fütterte. Die auftauchenden Fische zogen dunkle Kreise über die glatte Wasserfläche, worin das Schloß winkte und wankte; die Dame aber wich nicht von ihrem Platze, und war so vertieft in ihre speisende Lust, daß sie den Wagen nicht kommen gehört hatte. Schweigend hob der Lieutnant Theresen heraus, und sie gingen dem Teiche zu. Die Dame wendete sich um – erleichterten Herzens erkannte Therese die Baroninn Lenau in ihr. Und jetzt wußte sie auch auf einmal, daß Rudolph schon im Stift ihr diese Verwandte genannt, und von ihr erzählt hatte.
Die Baroninn schien mit dem Begriff der Nahrung völlig identisch zu seyn. Ihre Gestalt war wie die Fülle von Gottes Segen, ein angeschnittnes Brod lag in ihrem derben Arm, und das Messer blickte nur wie zum Spott der ihr eigenthümlichen Milde, womit sie nie eine andere Schärfe handhabte. – »Sieh da!« sagte die Baroninn sichtlich erfreut, »mein einladender Wunsch kam von Herzen, und ist deßhalb zu Herzen gegangen – wenn gleich auf einem kleinen Umwege –« setzte sie mit einem Lächeln vergnügter Schlauheit hinzu.
Diese einfachen Worte, und eine begrüßende Umarmung ließen Theresen fühlen, wie herzlich es mit dieser Aufnahme gemeint sey.
Rudolph hatte nicht nöthig, das Kleinod seiner Sorge der gütigen Tante werth und wichtig zu machen, welche liebreich es in Gold fassen mögen.
Die Baroninn hielt in einer einfachen neidlosen Denkweise die Schönheit für einen Empfehlungsbrief ihres Schöpfers, und das Unglück für ein heiliges Recht. Sie benahm sich, diesem Glauben zufolge, so, daß Therese sich wie im Himmel fühlte. Selbst ihr Aufenthalt im Stift, wie geneigt wir auch sind, das Vergangene zu überschätzen – war von mancher Seite für sie und für manche kleine Blöße schonungsloser gewesen, als der gastfreie Schirm dieses Hauses. Die Baroninn war nicht minder ein Muster der Wirthlichkeit, als Du, häusliche Fabia! aber dies hausmütterliche Walten war ihr ein rühriges Vergnügen, ein vorbereitender Genuß, kein werkthätiges Verdienst, was sich geltend machte. Sie war auch fromm; doch ohne selbstgefällige Strenge. Ihr Christenmuth war kein abtödtender und absondernder Stolz, sondern guter Muth, und deshalb ein tägliches Wohlleben, wie die Schrift sagt. Die fröhliche Zutraulichkeit zu Gott, womit sie sich des Besten von ihm versah, belohnte sich durch Zufriedenheit mit allen Menschen. Sie ließ die ganze Welt gewähren – und Wer jemals unter intoleranten Bekehrungs-Versuchen gelitten, weiß diese köstliche Eigenschaft zu würdigen. Allein auch Therese hatte sich geändert, nicht nur, daß ihre Umgebung eine andere war. Wir dürfen es zudem rühmlich voraussetzen, daß Frau Fabia sich der verwittweten Schwägerinn gewissenhaft angenommen haben würde. Theilnahme an widrigen Erfahrungen ward nimmer bei ihr vergebens gesucht; nur der Mitfreude war dies verschlossene Gemüth nicht fähig. Ihre Tugenden schmeckten alle, – wenn dieser Ausdruck nicht profan wäre – ein wenig nach dem Essig vom Kreuz. So versüßte sie Niemandem das Leben, und selbst das Gute, was sie erwies, blieb nicht ohne eine säuernde Mischung. – Die Baroninn dagegen war ein christlich-weiblicher Epikur; ihre Glückseligkeitslehre lief auf unschädlichen Genuß hinaus, den keine Verbitterung trübte. Sie schlürfte Geist des Lebens mit jedem Athemzuge, und wandelte das reine Element in stärkenden Wein. – Einer Therese mußte dieses System freilich besser zusagen. Jener anmuthige Leichtsinn zwar, der zu so vielen Mißhelligkeiten zwischen den Schwägerinnen Anlaß gegeben, trug nunmehr einen Flor von Melancholie, der ihn niederhielt; doch wäre ihr bewegliches Naturell auch nicht durch diesen zarten Ueberhang von Trauer gehalten worden, das Geheimniß jener wunderbaren Gegenwirkung Anderer auf uns, würde hier, wo im Umgange einer frohsinnigen Matrone nichts von der jungen Frau gefordert ward, als daß sie sich erheitern möge, Theresen zu einem soliden Ernst für Pflicht und Nachdenken gestimmt haben. Und endlich die Hauptsache! welch eine scharfe Ehrenwächterinn war ihr Fabia gegen den Blick eines Mannes gewesen! wie kränkend hatte jenes wachsame Auge auf jeden Schatten gedeutet, wenn der wohlwollende Schwager die Schwächen von Constanz reizender Gattin in allzugünstigem Lichte zu betrachten schien! Und welcher stummen aber richterlichen Rüge war die bemerkte Leidenschaft Rudolphs verfallen! und wie streng war das Urtheil, was über den aufmunternden Gegenstand seiner strafbaren Flammen erging! – Die Baroninn gönnte das menschliche Glück, zu gefallen, von ganzem guten Herzen so gern, ohne deßhalb eine liebenswürdige Frau für einen gefallnen Engel zu halten. Jeder Vorzug, den Therese besaß oder empfing, schien ihr natürlich. Sie fand die öfteren Besuche des Lieutnants, die Begeisterung für sein Schutzamt, ganz in der Ordnung und rechtmäßig. Sie schalt, wenn er eine Stunde länger ausblieb, als zu erwarten gewesen, und Therese vertheidigte lächelnd den Freund, der sich zu ihr bekennen, und die Wirksamkeit ihrer anziehenden Kräfte beweisen durfte.
Der junge Mann war seiner Tante sehr ehrenwerth und ein Schooßkind des Geschicks; – den Neigungen der Günstlinge aber wird geschmeichelt, und vielleicht war die Baroninn es sich kaum bewußt, daß sie die Güte der Gottheit verehrte, indem ihre eigene ein Verhältniß heiligte, was außerdem dem Bannstrahl der Welt schwerlich entgehen können.
Und da wir Theresen einstweilen so wohl aufgehoben wissen, wenden wir uns nach Sanct Capella zurück.
An einem milden Abend jener Zeit, in welcher wir die abwesende Therese begleitet haben, befand Schwester Veronica sich mit Josephinen in demselben großen Zimmer, worin unsere Erzählung anhebt. Sie saßen feiernd am offnen Fenster einander gegenüber. Tiefe, ernste Dämmerung herrschte in dem bewohnten Raum, in schattigen Umrissen zeigten sich alle Gegenstände; die Miene des Reformators war nicht mehr kenntlich, und nur der Rahmen seines Bildes warf einen zweifelhaften Strahl in das uranfängliche Düster.
Fabia, welche die sogenannte Dunkelstunde nicht liebte, wie man dies – beiläufig gesagt – meistens bei Personen von vorwaltendem Verstande und äußerer Thätigkeit findet – war in die Familie eines der Unterbeamten des Stiftes berufen worden, wo eben ein Lebensfunke erlöschen wollte. Ein liebholdes Kind, das einzige der Eltern, lag im Sterben. Man hatte die Schwägerinn des Administrators, deren Umsicht und christliche Gemüthsfassung geachtet war, zum Trost der Mutter herbei geholt, und noch sollte sie aus der Wohnung des Jammers wiederkehren. Von diesem Fenster aus war jene Wohnung in einem der klösterlichen Seitengebäude zu übersehen, und von dem wankenden Lichte da unten schwebte der stille Schatten des Todes herauf um die beiden Gestalten. Draußen aber pulsirte das warme Leben der Natur, und das Firmament flimmerte frühlingskräftig. Prachtvoller hatte die Nacht ihren Bogen nie gewölbt; die grüne Erde, gestickt mit Thauperlen und einer Milchstraße von Blüthen, schien dunkelblau, und nur ein tieferer Himmel.
Veronica hing mit verklärten Zügen an der überirrdischen Welt, die – nach einem poetischen Gleichniß – wie eine heilige Nonne verschleiert aus dem Sprachgitter der Sterne blickte; Josephine hing das Köpfchen auf den Busen. Beide hatten bisher geschwiegen. Jetzt sagte die Erstere, wie in sich selbst zurücksinkend: »ich will doch warten, bis Frau Fabia kommt, obgleich ich kaum zweifle, welche Kunde sie uns bringen wird. – Die arme Mutter! noch schwach und angegriffen von einer schweren Krankheit, wäre es viel, wenn sie es ertrüge, daß ihre süße Blume gebrochen da liegt!«
Josephine lächelte sanft und sprach: »ich, liebe Veronica, kann das Sterben nicht so sehr bedauern. Es hebt uns leise empor über alles Schwere, und stillt unsre Sehnsucht. Muß uns Jemand sterben, müssen wir erst traurig werden, um diese Sehnsucht zu empfinden? mir erregt sie der auflebende Frühling, die Freude sogar. Ihnen, liebe Veronica, darf ich es gestehen: es gehet mir wohl, worüber hätte ich mich zu beklagen? und doch ist mir zuweilen so weh zu Muthe, daß ich es nicht zu beschreiben wüßte. Aber um alles Glück der Welt mögte ich dieses wehmüthige Gefühl nicht tauschen.«
»Mein Kind,« antwortete die Nonne, und die geistliche Jungfrau nahm in ihrer Seelenreine keinen Anstand, ein mütterliches Bild für ihre Erklärung anzuwenden, »das sind die jugendlichen Wehen des Herzens, aus denen der Mensch in zartester Bildung hervorgeht, und die Liebe, ein Kind ihres Schöpfers, wird zum Licht geboren.«
Hier rauschte der Wind, wie jener Geist, von dem man nicht weiß, von wannen er kommt – und ein zartes Erröthen Josephinens barg sich unter dem dunkeln Flügel der Luft. Mit einem linden langen Odemzuge sprach das Mädchen: »ach, und der Frühling! das lichte Weiß seines ersten Blümchens, sein Blüthenschnee, das rinnende Gewässer, kommt mir wie der reine Glanz eines Engels vor, der am Grabe der Natur: Auferstehen! singt, und die Erde gleichsam heiligt. Ein seliger Schmerz durchdringt meine Seele, ich liebe Alles, was mir angehört, inniger aber sehnsüchtig. Das Künftige zieht mich zu sich heran, und von dem Gegenwärtigen kann ich nicht lassen.«
»Und wenn nun,« fuhr Schwester Veronica fort, »die Farben aufglühen, und wie Töne zusammenklingen, so daß Eine Stimme der Unsterblichkeit uns vernehmlich wird, wenn alles Leben sich erneut und verjüngt, dann feiern wir das Gedächtniß der Todten, und die Sonne bescheint den Tag aller Seelen, der in den Frühling gehört und nicht in den Herbst, zur trüben Zeit, wo die letzten Blätter fallen. Nie habe ich für meine Verstorbene inbrünstiger gebetet, und ihre versunkenen Denkmale wieder aufgerichtet in meinem Gemüth, als wenn ich zum erstenmale den frischen Sproß des Grases aus ihrer Asche grünen und blühen sah. – Ich verstehe wohl Dein Gefühl, aber das meinige kannst Du noch nicht fassen. Die Jugend reißt der warme Strom des Lebens mit sich fort; doch das Alter steht am Ufer der Zeit, worin so mancher Wunsch einwinterte und erstarrte. Jenseits strecken die Vorangegangenen ihre Arme nach uns aus, und der Blick ihrer Nähe zieht uns zu ihnen hinüber.«
»Nein, nein!« rief Josephine lebhaft und ängstlich, und faßte das Gewand der Nonne wie ein Kind, was die davoneilende Mutter an diesem schwachen Stoff zu halten meint, »es ist, als ob dieser Gedanke schon Sie mir entzöge. Auch reißt mich nichts hinweg – diese Möglichkeit könnte ich nur fürchten, doch mich ihr willig hingeben? nie! o nie! – Als ich Sie am Sonntage auf ihrer Violine phantasiren hörte – ich saß auf der Bank im Klostergarten – war es mir, als ob ein Himmel unaussprechlicher Empfindung auf mich niederschwebte. Ich mußte weinen, und wußte doch nicht warum? Ich dachte, wie so mancher dieser entzückenden Klänge in den Mauern Ihrer Zelle schliefe, und daß, wenn einst ein Herz voll Liebe darin klopft, es diese Capelle aufwecken würde, um ihrer Heiligkeit und Ruhe theilhaft zu werden. Wer wird einst dieses Weihestübchen bewohnen? – O laß mich ruhn an dieser lieben Stelle – bat ich den lieben Gott. Wenn ich aber dennoch scheiden müßte –« ihre Stimme versagte für einen Moment –, »so werde ich jene Töne, die mich über das Irrdische hinaus trugen, lebenslang mit dem Athem meines Herzens tragen, und in diesem Herzen Alles, was ich hier geliebt, und für wenig Anderes wird Raum darin seyn.«
»Mein trautes Kind!« rief Veronica in einem Ausbruch der Rührung und Güte, »Du sollst meine Zelle erben, ich verspreche es Dir. Und meine Bücher, meine Blumen – die Violine, den Ring –: Alles, was ich habe. Es ist mein liebster Wunsch, daß Du mir die Augen zudrückest. Dann werde ich –« setzte sie leise hinzu, »wie eine Nonne sterben, von der man sagt, daß der Engel jungfräulicher Frömmigkeit sichtbar wird, wenn sie verscheidet – und wie eine Mutter zugleich. Du weinst, Josephine? es fiel ein Tropfen, und Deine Wange ist feucht. Beruhige Dich, Herzenskind! nimm Deine Guitarre, und singe mir ein kleines Lied, es ist lange nicht geschehen. Du fühlst sehr wahr: die Musik ist ein religiöses Geheimniß, und nicht auf Erden geboren. Die Töne, welche aus der innersten Fülle der Seele quellen, sind himmlische Eingebungen und die Sprache der Geister. So soll das ganz einzige Spiel des großen Violinisten – ich hätte ihn hören mögen – etwas Dämonisches gehabt haben, und alle Schönheit seines Vortrages würde mir höchstens nur gewesen seyn, als ob ich empfände, wie die Kunst verzweifelt. Nein! selbst Paganini hätte meine cremoneser Geige nicht erben dürfen; sie ist nur Dein Vermächtniß – keines Andern. Und wenn ein Zufall den Bogen zerbräche, und nur ein Seufzer Deines reinen Odems jemals über den stummen Steg hinstreicht: so ist ewige Harmonie darin, und das Werkzeug meiner innigsten Freuden kann schweigen und zerfallen, wie ich, oder wie Das, was lieblich an mir ist.«
Die Violine war – wie wir bemerken – eine schwache Saite dieser trefflichen Choristinn; eine Saite, welche leicht in nachtönende Schwingung gerieth. Sie wollte nächstdem das geschmeichelte Gefühl ihrer Virtuosität mit dem unerkünstelten Beifall vergelten, den sie den einfachen Melodieen ihres Lieblings zollte.
Josephine, gehorsam dem Wunsch der Nonne, lös'te das Instrument, ein Geschenk des Administrators, von der Wand, und griff einige Accorde. Dann setzte sie sich nieder, hob das schöne Auge aufwärts und sang mit jenem melancholischen Wohllaut der die tiefste Glückseligkeit anspricht: