»Kaum hat mit frischem Thau die Nacht
Des Himmels dunkle Au begossen,
So seh ich tausend Lilien sprossen,
Verklärt von wundersamer Pracht.
Sie öffnen ihre Kelche weit
Und lassen ihre Strahlen regnen,
Die schlummermüde Welt zu segnen
Durch einen Traum von Herrlichkeit!
Ihr Lilien der heil'gen Nacht!
Wie sehn ich mich nach Eurem Garten,
Wo Engel liebend Eurer warten,
Ein treuer Gärtner Euch bewacht:
Gebt ihr so fern mit mildem Schein
Schon süßen Trost der Brust hienieden,
Wie süß, wie süß wird einst der Frieden
Im Schatten Eurer Blüthen seyn!«

»Welch ein köstliches Lied, mein süßes Mädchen!« sagte die Nonne mit schimmernden Augen, »es spricht für eine tiefe und heilige Empfindung. Kennst Du den Dichter?«

Josephine nannte ihn –*) und sprach: »es ist auch mein liebstes. Seit ich es habe, singe ich es fast nur allein, doch nicht oft, weil es weder gestört noch täglich werden darf, und eine Stimmung und Stille erheischt, die – wie jetzt –«

*): Heinrich Wenzel.

»Ein Schlummerlied im höheren Chor –« unterbrach Schwester Veronica die Rede des Mädchens. »Wenn das Kind etwa schon gestorben wäre: so könntest Du den Schrei des Schmerzes aus der Brust der Eltern damit eingesungen haben.«

Die Thür ging auf, und Fabiens dunkle Gestalt trat gespenstisch mit müden Schritten ein. Sie hielt einen Brief uneröffnet, verhängnißvoll in ihrer weißen Hand.

»Nun, Frau Fabia,« sagte die Nonne und erhob sich von ihrem Sessel, »was werden wir nun erfahren?«

»Die Kleine ist dem Herrn entschlafen –« antwortete Fabia mit jener dumpfen Ruhe christlicher Ergebung, die jedoch wachsam für ihren Ausdruck ist. »Noch ist die Mutter betäubt, der Vater hingegen scheint gelassen; nur fürchte ich, daß es nicht vorhalten werde. – Noch kein Licht, Josephine? wie kann man so gern im Finstern seyn! – besorge es geschwind, daß ich diesen Brief lesen kann. Ein Bote von Bühle ist angekommen, und die einfältigen Leute schickten ihn mir nach. Es war, als ob der Tod hörbar anklopfte, und Furcht und Schrecken kam uns Alle an, die wir still um das kleine Sterbebett standen und beteten.«

Josephine eilte, die Lampe anzuzünden, und indem der kaum entglommene Schein derselben auf Fabiens Gesicht fiel und ihr Auge von einer Zeile zur andern glitt, sah Veronica, daß ihre Züge sich veränderten. »Eine Neuigkeit, Schwester Veronica,« wendete die Pflegemutter Josephinens im Drange der Mittheilung sich an die Nonne, »Graf Frankenstern ist mit seiner Tochter endlich angekommen.«

»Graf Frankenstern!« rief Jene mit antheilvollem Interesse, und der Ton, den die Glocke dieser Nachricht anschlug, war ein Klang aus der guten alten Zeit des Klosters. »Der hochbejahrte Herr lebt also noch! und Comteß Albane kann auch nicht mehr jung seyn – wenn ich mir die Gräfinn Mutter bedenke – diese leutselige Dame war mir ein höheres Wesen und wie so ganz war sie für Sanct Capella eingenommen! – In Bühle, sagten Sie, hält die Herrschaft sich auf?«

»Ja –« antwortete Fabia schwach, und eine große Erschütterung dieser starkmüthigen Frau ward laut in der kleinen Sylbe, »reiche mir einen Stuhl, Josephine –« sagte sie sehr sacht, während das sichtliche Schwanken ihres Körpers verrieth, daß Fabia mit dem Gefühl der Ohnmacht kämpfe. –

Diese Botschaft wirkte nach, und ihr schlagender Eindruck hielt an. Die kleinen klaren Schriftzüge, von einer Hand kommend, welche, wie Fabia jetzt deutlich empfand – Gram und Herzeleid über ihr unbeflecktes Leben gebracht, verwirrten ihre Seele. Das Dunkel einer finstern That stieg vor ihr auf, daneben der Schatten ihres Mannes, kummerkrank und dräuend, daß seine Frau nicht vergessen möge, welch eine Last ihn ins Grab gedrückt, und Fabia glaubte mit ihm zu versinken.

»Jesus Maria!« rief die Nonne, als sie die Todesblässe auf dem Angesicht ihrer Freundinn sah, »was widerfährt Ihnen denn? Ein paar Tropfen Lebensgeist – wenn ich sie nur bei der Hand hätte – ein Trunk frischen Wassers –« das zitternde Mädchen flog hinab, ihn zu holen. Inzwischen hatte Frau Fabia sich schon erholt. Sie wehrte sich mit selbständiger Kraft gegen die Schwäche, von der sie einen Augenblick bewältigt worden war, wie gegen die mitleidige Angst, welche über sie verfügen wollte, und sprach, obgleich mit bebenden Lippen: »es ist schon vorüber. Seyn Sie außer Sorgen meinetwegen, Schwester Veronica. Und Josephine – Du siehst, mein Kind, es ist mir wieder besser. Aber trinken will ich doch. –« Sie stärkte sich durch einen erfrischenden Zug.

»Ja, ja!« sagte die Nonne, und ihre Rede nahm wider Wissen und Willen die Methode einer gelinden Strafpredigt an, »ein geistlich Amt, das der Tröstung und des Beistands in der letzten Noth, erfordert starken Odem, und Wer sich stark fühlt, ist es deshalb nicht zu allen Zeiten, und übernimmt sich wohl einmal. Sterben aber ist kein Kinderspiel, und man sieht nicht zu, daß man sich daran ergötze.« So ist aber – der geneigte Leser erlaube uns diese Episode – auch eine edle und geläuterte Seele nicht sicher, daß kleinliche und niedere Stoffe, welche die Scheidekunst eines gereinigten Charakters für immer aussondern müßte, sich in das Ergebniß ihrer Urtheile mischen. Wir sind uns selbst nicht klar. In der freundschaftlichen Aeußerung der Schwester Veronica, die wir vor Vielen ihres Gleichen heilig und selig preisen, dürfte ein kleiner Nonnendünkel kaum zu verkennen seyn, und der Glaube, daß, um in Todesängsten beizustehen, menschliche Theilnahme hiezu nicht genüge, und die Kraft zu solchem Beistand nur von einem Geiste ausfließen könne, der durch priesterliche Weihen dazu befähigt worden sey.

»Denn der Bote –« so fahren wir mit den Worten der Nonne fort, »ein Bote hat mir all mein Lebtag Schrecken eingejagt, und es war mir immer, als ob ich das Schicksal in Person kommen sähe, was mir ein neues Päckchen zu tragen brächte. Wer weiß auch, was der Brief enthält! – So viel ich mich erinnere, waren Sie in früheren Jahren in Verbindung mit Gräfinn Albane? –«

Fabia nickte schwer und schwieg. »Wenn nur der Schwager da wäre!« sagte sie, und ihr Auge starrte sinnend vor sich hin, »erst morgen Abend kehrt er zurück, dann ist es zu spät.«

»Wozu?« fragte die Nonne mit einem leichten Anfluge jener Neugier ihres Alters und Standes. Und mit aufrichtiger Liebedienstlichkeit setzte sie hinzu: »wenn Sie in Etwas bedrängt wären, Frau Fabia, worin ich Ihnen mit Rath und That nützlich werden könnte –«

»Das wird sich später finden –« antwortete Fabia mit einem bedeutenden Blicke nach Josephinen hin, und drückte dankbar die zellenzarte Hand der Nonne, wie aus Wachs gewebt, »für jetzt bedarf ich nichts als Ruhe.«

»Wie kalt Sie noch sind!« sagte Schwester Veronica besorglich, »ich dächte, ein Krampfpulver wäre nicht übel für die Nacht; es beruhiget die Nerven.«

Fabia lächelte seltsam bitter, als bedürfe ihre innere Aufregung ein anderes Opium. Sie verneinte den Gebrauch des Mittels, und begab sich in ihr Schlafgemach. Den folgenden Morgen war große Wäsche im Stift; eine der Haupt-Stadien dieser geregelten Oekonomie. An solchen Tagen ging Frau Fabia sonst gleich der Sommersonne früh auf, um sich mit wahrer Hoheit im Meere dieser Waschfluth zu bespiegeln. Ja, wir dürfen kühn behaupten, daß die Göttinn, an der wir Selbstgefälligkeit so natürlich finden, sich vielleicht in einem minderen Grade derselben aus dem Schaum der Wellen erhoben habe, als womit die Juno dieser häuslichen Sphäre sich von ihrem brausenden Element benetzen ließ. – Daß diese Wolke ihm vorübergehe, hatte der Administrator stets und so auch jetzt eine kleine Reise unternommen, und Therese ihm einst muthwillig gedroht, er werde einmal aus dem Regen in die Traufe kommen. In diesem Punkte war aber Therese gleich den Männern, und wendete am liebsten jener häuslichen Nothwendigkeit den Rücken. Sie badete wohl eher die Füßchen im Thau, als daß sie einen ihrer rosigen Finger zu Gunsten einer wirthschaftlichen Bemühung naß gemacht hätte. – Wir zweifeln daher, daß Therese selbst der Waschfrau Chamissos die poetische Seite abgewinnen mögen, wogegen sie gewiß den trockensten Gegenstand des versandeten Schlaraffenlandes geeigneter gehalten haben würde, besungen zu werden. –

Heute aber schwebte kein ordnender und waltender Geist über diesen Wässern. Fabia schien in tiefem Schlaf versunken zu seyn. Josephine klopfte leise an die Thür der Pflegemutter, und Fabia that auf. – Ihr Aussehen trug die Spuren einer schlummerlosen Nacht, ungewöhnlich achtlos war ihr Anzug; doch selbst in seiner Nachlässigkeit noch keusch und sauber. Ihr Auge, von Schatten vertieft, die sich darunter gelagert, glühte fieberhaft, und Miene wie Gebehrde war von jener Ermattung – der Feindinn jeder Thätigkeit – beschlichen, welche uns anhängt, sobald wir herzenskränklich sind.

»Vergieb, liebe Mutter, daß ich es wagte, Dich zu stören –« sagte Josephine, indem sie ihren betroffenen Blick in einen bittenden zu mildern suchte. »Es befremdete uns, daß Du noch nicht aufgestanden warst, weil es gegen Deine Weise ist.«

»Ich habe nicht viel geschlafen –« antwortete Fabia gemäßigt wie immer, »und mich auf Wichtiges vorzubereiten. Wir müssen heute nach Bühle auf das Schloß – mein Kind; doch fahren wir erst nach Tische. Ziehe Dir das neue luftblaue Kleid an, und ordne Dein Haar sorgfältig, ich will Dir gern behülflich dabei seyn. Das goldne Kreuzchen binde um den Hals, und wirf den gestickten Schleier über, er läßt Dir äußerst günstig.«

»Heute?« fragte Josephine bestürzt, und dachte, der Herold des jüngsten Tages habe die Stimme ihrer Pflegemutter geliehen. Nie war Frau Fabia an Tagen häuslicher Geschäftigkeit nur einen Schritt von der Schwelle dieses Hauses und von ihrer Pflicht gewichen; nie hatte das Mädchen ein eitles Wort aus Fabiens Munde gehört. Das Ende aller Dinge schien gekommen, oder doch nahe zu seyn. Scheu und bekümmert setzte daher Josephine jener einsylbigen Frage hinzu, deren Accent all ihre Verwunderung ausdrückte: »Du scheinst sehr unwohl, meine Mutter.«

»Und wenn auch!« antwortete Diese, indem ein herbes Lächeln der Gleichgültigkeit gegen alles Bisherige auf ihre Lippen stieg, »der Herr mein Gott wird mich stärken.« Sie heftete dabei einen durchdringenden Blick auf das Crucifix von Gußeisen, welches auf ihrem Nachttische stand. Dieser Blick enthielt ein angsthaftes Gebet, und besagte, soviel wir von dem flehenden Geflüster am Altar des innern Heiligthums verstehen: »Du! der Du uns rein gewaschen hast von unsern Sünden mit Deinem theuren Blut, gieb, daß Albane –« hier drang ein unaussprechlicher Seufzer durch das kalte Metall an das Herz des höchsten Erbarmers. Und von einem Gefühl ermuthiget, was sich erhob, sagte sie: »es muß Alles gehen. Wie wird es seyn, wenn ich nicht mehr da bin?«

»O sprich mir davon nicht!« bat Josephine, und küßte Fabiens mütterliche Hand.

»Eben jetzt muß ich recht sehr mit Dir davon sprechen,« erwiederte Fabia, selbst in dieser erweichenden Minute dem Grundsatz treu, dem Eigenwillen eines Kindes niemals nachzugeben. »Wir haben viel mit einander zu reden. – Doch siehe! daß Du die Thür zuvor verschließest. So! nun schiebe den Riegel vor.«

Von dieser Vorsicht geängstet, war Josephine voll Furcht und Warten der Dinge, die da kommen würden. Frau Fabia schien einer vorbereitenden Pause zu bedürfen, in der sie sich fasse, dann sprach sie mit einem Ton würdevoller Abbitte: »wenn ich Dich zuweilen hart angelassen, und Dir zeither strenger war, als daß ich Deinen unschuldigen Neigungen und Wünschen jemals geschmeichelt hätte – so geschah es –« ihre Stimme wankte.

»O geliebte Mutter!« rief Josephine, welche diese demüthige Sprache der tugendstolzen Pflegemutter nicht aushalten konnte, »es ist nur zu meinem Besten geschehen. Womit habe ich Dich beleidiget, daß Du Dich so fremd gegen mich ausweisest? bin ich nicht Dein Kind? – Ich will sie ablegen, diese Fehler, denen mein guter Wille noch manchmal unterliegt; habe nur ein wenig Geduld mit mir. Und wenn ich mich heute in Bühle etwa linkisch benehmen sollte –«

Ein Lächeln, worin mehr Rechtfertigung lag, als in jedem moralischen Beweise, flog Fabiens Miene an. Sie antwortete: »das fürchte nicht. Du hast ein Recht, dort zu seyn: die Gräfinn Frankenstern, der ich Dich zuführe, ist Deine Mutter.«

Josephine stieß einen leisen Schrei aus, als hätte ihr dies Wort einen Dolch in die Brust gestoßen. Der Name Derer, die ihr das Leben gegeben, schien diese Himmelsgabe zurück zu nehmen, und das liebliche Bild des Mädchens versteinte zu weißem Marmor.

»So ist's, mein Kind!« setzte Fabia mütterlicher als je hinzu, »die Stunde, darin das Band sich lös't, was uns so lange verknüpfte, reißt nicht allein an meinem Herzen – ich muß mich ernstlich zusammennehmen.«

»Mutter!« sagte Josephine furchtsam und leidenschaftlich, »ich hoffe zu Gott, Du willst mich nicht verstoßen.«

»Du brichst mir das Herz entzwei, Mädchen!« entgegnete Fabia schmerzlich. »Darf ich Dich denn jenen Ansprüchen vorenthalten? Es wird Alles darauf ankommen, wie wir die Gräfinn finden. Du bist die Tochter einer heimlichen Ehe, und dein Vater – der Onkel wird Dir sagen –«

»Der Onkel – ist mein Vater?« fragte Josephine mit schwacher Stimme.

»Der Onkel – komme doch zu Dir, Kind! ist auch Dein Onkel nicht, und es nur dem Namen nach gewesen. Dem Blute nach, gehst Du uns gar nichts an.«

Bei dieser Erklärung, welche Fabia nicht aus lossagender Kälte, sondern der vollständigen Erklärung wegen gab, sah Josephine aus, als wären ihr alle Adern geöffnet. Ihre Seele strömte in Liebe für die Menschen, mit denen sie gelebt, für den Ort, der ihr die trauteste Heimath geworden war. Sie empfand den Einfluß einer innigen Gewohnheit. Sie empfand ihn mit schwellendem Herzen, da sie den Abschied so nahe wußte. Die gräfliche Mutter stand wie eine verhüllte Gottheit von ferne, und scheue Ehrfurcht, ein fremdartiges Grauen war Alles, was Josephine für ihre Näherung hatte. Und der Administrator war nicht einmal da! es däuchte Josephinen, als ob sie diesem gütigen Freunde hinterrücks entführt würde. Ein Gefühl, zarter noch als Dankbarkeit, forderte in ihr, daß sie ihm diesen schnellen und gewaltsamen Abruf selbst sagen und klagen könnte, daß er Augenzeuge wäre der sträubenden Wehmuth, womit sie von hinnen schied. –

Als der Nachmittag nun kam, erschien Josephine in vorschriftlichem Anzuge. Sie war bei dem Werk der Toilette ihrer wenig bewußt gewesen, um so eifriger hatten ihr die Grazien gedient, welche zurückweichen, wo die Eitelkeit handreicht. Auch Fabia war ausnahmsweise festlich angethan. Sie trug ein dunkles Kleid von tannengrüner Seide; doch indem die verwittwete Frau bei dieser seltnen Gelegenheit ihr Licht leuchten ließ, trug doch der Christbaum ihres Gewandes kein einziges Flämmchen Flitterstaat zur Schau, sondern nur die Frucht bescheidener Einfalt, an der man erkannte, weß Geistes Kind sie wäre.

Der Himmel hatte sich mit Gewölk umzogen. Frau Fabia, im Begriff, sich in den Wagen zu setzen, schaute auf und sprach: »den guten Regenschirm wollen wir noch mitnehmen, zur Fürsorge. Wir könnten ihn brauchen, beim Aussteigen. Er steht, wenn ich nicht irre, in des Schwagers Zimmer, im Winkel wo die Pfeifen lehnen –« Und hurtiger flattert der Vogel nicht vom Zweig, als Josephine dahin flog, ehe es möglich war, ihr zuvorzukommen. Sie drängte die Seele des Abschieds, als den Inbegriff schmerzlicher Empfindung, in den heißen Blick, womit sie die stummen kalten Wände grüßte, und Wer weiß, ob nicht zum letztenmal! – Dort stand der braune Schirm, und neben dem Saum seines geschlossenen Zeltes, blickte der Kopf des Mustapha zu ihr hinauf, die in dem wehenden Schleier, eher der schönsten Blume des Harems, als, des goldnen Kreuzchens ungeachtet – einer jungen Braut der Kirche glich. Hier stand das Schreibpult des Administrators, und ein kleines weißes Blättchen lag lockend auf der grünen Fläche. Josephine warf einen Blick darauf – ein Sonnenstrahl fiel gleichzeitig in die Werkstatt ihrer Gedanken. Eine Feder war auf jenem Streifen Papier probirt: »Josephine,« stand in kalligraphischer Schönheit am Rande des Blättchens, und das Urbild dieses wohllautenden Namens stand mit schöneren Zügen davor. Sie ergriff die Feder, und schrieb mit fliegenden Fingern:

»Ich muß fort – verzeihe, daß ich mit Ich anfange; aber Stolz ist nicht in mir, nur eine sehr traurige Liebe, daß ich von Sanct Capella scheiden muß. Kannst Du etwas beitragen – –

Deine –«

Josephine vernahm, daß ein Eilbote ihr nachgeschickt würde. Sie mußte sich losreißen. Ein Fädchen aus dem Blondengewirk ihres Schleiers blieb an dem Gefieder der Schreibfeder hangen, und ein kleiner Dintenfleck an ihrem Finger.

Josephine wie ihre Pflegemutter sprachen wenig auf dem Wege nach Bühle. Fabia saß still in sich gekehrt, trübsinnig starrte Jene in die Ferne. Als aber jetzt der englische Garten sichtbar ward, und hinter dem Immergrün seiner Gehölze, vermischt mit der zarten Frische lebendiger Knospen, das graue, todte Schloß, eine verstorbene Einöde von Stein – als sie jetzt bei dem Postamente vorüber fuhren, worunter der todte Hund begraben liegt: da erblickte Josephine den stummen Wächter mit keinem minderen Schauer als eine abgeschiedene Seele der Vorwelt den Cerberus, und als sey dies festgehaltene flüchtige Bild nur allein ein Symbol ewiger Ruhe, und dies der Eingang in das stille Reich der Schatten.

Das eintönige Geräusch des Brunnens, auch nicht um den leisesten Tonfall eines Tropfens anders als sonst, weckte in Fabien bittere Gefühle der Vergangenheit. Dort war die Wohnung, in der ihr Mann gelitten und aufgehört zu leben – es däuchte seiner Wittwe, als ob das Lüftchen, welches die spielenden Wellen der Wasserkufe kräuselte, ihr seine letzten Seufzer zuwehete. Blüthenbäume streuten ihren Schmuck vor die Schwelle, über die Kummer und Gram mit ihm eingezogen waren, um nur den Todten zu entlassen –; und diese Gleichgültigkeit der Natur, welcher der Mensch unwillkürlich Theilnahme abverlangt, diese Wiederkehr ihrer unschuldigen Freuden, an dieselbe Stätte, wo die Schuld, eigene oder fremde, unsre besten hinweggenommen für immer – schärfte die Empfindung, womit Fabia sich jener Zeit bewußt ward, und des wichtigen Moments, der ihr jetzt bevorstand.

Um das Schloßgebäude schwebte die Stille der Einsamkeit und der Ehrfurcht vor dem Range, wie vor dem kranken Geiste seiner dermaligen Bewohner. Der Zustand des Grafen war bekannt, und seine Tochter galt kaum weniger leidend an Gemüth.

Das Unglück, wie mächtig es auch sey, hat stets eine kleine Hofhaltung. Nur ein einziger Bedienter stand, nicht unähnlich einer Statue seines Standes, an einer Säule des Flurs, harrend, wie es schien. Die Zeit hatte angemessen der altväterlichen Livree seinen Scheitel mit Puder bestreut, und mehr noch als diese greise Mode, gab ihm eine Miene unbewußter Geringschätzung gegen diese Etiquette adeliger Größe, und ein Zug von Schweigen in seinem erfahrungsvollen Gesicht ein ehrwürdiges Ansehen. Auf ihre Frage erhielt Fabia zur Antwort von ihm, daß sie erwartet würde – und Josephinens Blick hing dabei so ängstlich an den goldbesponnenen Knöpfen seines Rockes, als ob sie eine nahe wichtige Entscheidung davon abzählen wolle. Noch fragte Fabia, die niemals sicher genug gehen konnte: die Herrschaft sey doch – allein? – Der Bediente, ein alter Bekannter von ihr, lächelte nur; die Tochter des Oberverwalters von Bonna mußte fremd geworden seyn, dem Andenken der Lebensweise des Majoratsherrn. Er sagte mit schwermüthigem Scherz: »es ist zwar heute großer Galatag; aber diese hohen Gäste lassen Raum und Ruhe, und die Frau Rentmeisterinn dürfen sich ganz und gar nicht irren lassen.«

Indem Fabia die breite Treppe, mit Decken belegt, unter starkem Herzklopfen hinan stieg, erhob sie sich zu dem Gefühl, daß sie es nicht sey, welche die nächste Minute zu scheuen brauche. Doch wie kommt es, daß die Last auf dem Gewissen eines Andern den Athem des Rechtschaffenen hemmt? und warum wirft ein fremdes Erröthen, noch ehe es vor unserm Auge aufgeht, den Schein der Schuldverkündigung auf unser eigenes Gesicht? –

Sie standen auf dem öden Vorsaal. Eine Uhr, in langem weißen Gehäuse, nahm sich an dem dunklen Pfeiler, daran sie befestiget war, todtenhaft aus, und das Gleichmaaß des Perpendikels bewegte sich im Einklang mit dem Gesetz der Zeit und ihrer Schwere. Der Stundengott hatte hier keine Flügel. – In den Nischen der Wand entlang, erblickte man zwar beschwingte Gestalten; doch schienen auch diese seit manchem Jahr unregsam ihren Standpunkt einzunehmen, und nur in so fern, wenn Ruhe der Begriff des Himmels ist – dem Olymp anzugehören.

Der Bediente zog die Thür sacht auf, ein Strom von Licht und Luft aus dem ihr gegenüber geöffneten Fenster quoll durch die Spalte. Die Meldung geschah lautlos, und alsbald traten auf einen Wink des Alten die beiden Damen ein.

Frau Fabia, und hinter ihr das schüchterne Mädchen, sah sich in einem Zimmer, das füglich den Sälen des Schlosses beigezählt werden können. Zwei Reihen Ahnenbilder in Oel gemalt und tief nachgedunkelt, beschatteten die Seitenwände, und gaben der schweigsamen Leere dieses Prunkgemachs eine geisterartige Geselligkeit. An dem obern Ende des länglichen Zimmers stand ein antikes Canapee, breitgestreift, mit weiß und seladongrünem Atlas überzogen; davor ein Tisch, köstlich besetzt. Ein damastnes Tafeltuch, wie vom Webstuhl der kunstreichen Athene, hing in schimmernder Weiße bis auf das bunte Gewirk des Teppichs nieder, und um den Tisch herum standen mehrere Lehnsessel, deren jeder ein Großvater, bequem und doch galant, wie am Tage der goldnen Hochzeit. In einen Winkel geschmiegt saß der Graf, und dem Canapee gegenüber seine Tochter.

Bei dem ersten Blicke auf jenen unglücklichen Mann, auf den Schnee seines Hauptes, auf den Staatsrock, der so weit, so spottend weit entfernt zu passen, um die abgezehrten Glieder hing, zerschmolz aller Groll in Fabiens Herzen. Der Putz der Alten wie der Blinden hat etwas eigenthümlich Rührendes. Jener: weil ihr hinfälliger Anblick das Nichtige der Eitelkeit predigt; dieser: daß ihnen selbst unsichtbar, eine Huldigung der Welt beigegeben ward, die nur am Schein hängt. Und sind Blödsinnige nicht Blinde in geistigem Sinn? – Zwar könnte Graf Frankenstern für einen Seher gegolten haben, denn eben jetzt leuchtete sein Gesicht im Abglanz einer Vision; aber es war nur ein Blendwerk, nur das Irrlicht einer gespenstischen Imagination, daneben die Nacht seines innern Lebens nur um so finsterer erschien.

Auch Gräfinn Albane war älter geworden, als zufolge einer Berechnung von Jahren; doch war der Eindruck dieser ersichtlichen Veränderung durchaus ein anderer. Man könnte von ihr sagen, ihre Schönheit sey verwelkt, um verklärt zu werden. Ein weißes Kleid von wolkigem Mousselin umhüllte ihre zarte Gestalt, doch, im schärfsten Contrast zu dieser anspruchslosen Wahl, blinkte jener Schmuck, so schwer vermißt! so grausig ersetzt! auf dem feinen Halse und der Brust der Gräfinn, und hielt ihren schlanken Leib, ihre Arme umschlossen – wie wenn Kinder in eitlem Spiel sich mit dem Geschmeide ihrer Mutter zieren – und stach, bewaffnet mit allen Blitzen der Frühlingssonne und einer jähen Reflexion, Fabien ins Auge und durch das Auge in das tiefste Herz. – Ein kleines blankes Schlüsselbund an ihrer linken Seite stellte die Gräfinn als Wirthinn des Hauses und jener unsichtbaren Gäste dar, denen zu Ehren sie so geschmückt, und gleichsam nur dadurch verkörpert sich zeigte. Doch der schmale zackige Reif einer goldnen Krone auf ihrem reichen Haar, ließ phantastisch und in Zweifel, welch eine Fürstinn in der wüsten Ideenwelt ihres Vaters, sie, fremd sich selbst, vorstelle? – Und über dies häusliche Theater goß die wasserziehende Sonne einen trüben Glanz der Illusion aus. Die Blumen in dem damastnen Gedeck traten labyrinthisch und winterweiß hervor, wie durch einen Hauch von Frost entstanden – und der feurige Wein auf dem Tische glühte nur zum Schein. Das rothe Blut der Traube schwellt nur die Adern der Lebendigen; doch diese begeisternde Kraft leiht nimmer Denen eine Seele, welche keine Existenz haben. Der Graf fand nur Genuß in Gedanken, und schwelgte heute mehr als je in seinem Wahn; und Albane saß da so geisterhaft gesättigt und traumtrunken, mit einem herben verzichtenden Lächeln auf den bleichen Lippen, als hätten diese nie die Süßigkeit des Lebens gekostet, und jener edlen Gabe, die des Menschen Herz erfreut und stärkt! –

Als die reelle Fabia dieses Schauspiels ansichtig ward, rieselte ein eisiger Schauer an ihrem Rücken hinab, und ihr nähernder Gang erstarrte.

Die Gräfinn zeigte bei dem Eintritte derselben einen heftigen Ruck, so, als wenn eine Unbeweglichkeit mechanisch aufgehoben wird. Und indem sie dabei das Gleichgewicht verlor, fiel das Diadem, nur lose aufgelegt, von ihrem Haupte, und rollte zu Boden. Josephine bückte sich darnach. Doch achtlos dieses ominösen Vorfalls schritt die Gräfinn den Kommenden entgegen, und begrüßte sie mit sanfter, sehr bewegter Stimme. »Das ist Josephine?« fragte sie; aber das Epitheton für den Laut dieser Frage fehlt unserer Sprache und jeder. – Darauf berührte ihr Mund die Stirn des Mädchens, und dieser heilige Kuß, den das verleugnete, namenlose Kind als Sacrament empfand, firmelte es.

»Josephine!« rief der Graf mit dem herzschneidenden Tone der Ueberspannung, taumelte von seinem Sitz, und schwankte gegen die Gruppe, um in eine Kniebeugung zu sinken; aber Josephine kam ihm zuvor. Sie umschlang den Greis mit weichen Armen, und weinte über ihn. Gräfinn Albane überließ ihren Vater dem Entzücken, sein kaiserliches Idol, oder die Psyche desselben, in lieblicher Verjüngung vor sich zu sehen, und das Mädchen dem guten Geiste der Demuth und der Wahrheit der ihm einwohnte. Im Drange, ihr Herz zu öffnen, legte sie die zitternde Hand an den blanken Drücker einer Tapetenthür, und zog Fabien mit sich in ein anstoßendes Cabinet. »Wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, liebe Fabia!« sagte sie hastig und herzlich, »Josephine scheint ein Engel. Dieser Blick einer himmlischen Unschuld kann nicht lügen.«

Die fromme Fabia antwortete: »Gottlob! nicht umsonst war mein Gebet bei des Mädchens Erziehung: hilf, Herr! hilf! laß wohl gelingen! Josephine ist ohne Trug und Arglist; lauter und rein von Gemüth und Sinn, wie ein Wassertropfen aus dem Weihebrunnen der göttlichen Gnade.«

Wir lassen es dahin gestellt seyn, ob dieses Bild vom Tropfen, in welchem sich Frau Fabia zum Lobe der Tochter ergoß, ganz unvermischt und klar von einem Vorwurf ihrer Abstammung gewesen, der die erquickende Wirkung desselben trübte. –

Albane senkte die benetzten Wimpern, wie beschämt von der Verschuldung, die sie gegen Fabia wissend war, und mit einem erkenntlichen Seufzer glitt ihr Blick, zufällig vielleicht – auf einen Ring von großem Werth an ihrem Finger. Fabia fing diesen Blick im Brennpunkt ihrer Seele auf. – Sie sprach, und jede Fiber zitterte an ihrem Körper: »ich will nicht fürchten, Gräfinn, daß Sie mir ein Geschenk zudenken! – Die Sucht zu glänzen war nie mein Fehler, nie die zufriedene Eitelkeit sogar, daß mein Thun Werth vor Gott hätte. Einer Wittwe ziemt es vollends nicht, zu brilliren, und die da einsam ist, sorge nur, daß sie dem Herrn gefalle. Der Frau, welcher die Brust des Mannes fehlt, zu ihrem Schilde vor den Pfeilen der Welt, steht nichts besser an, als ein Flor der Trauer und Zurückgezogenheit, der sie gleichsam unsichtbar mache unter Denen, die nach dem Schein urtheilen, und spitzfindig einen Stein des Anstoßes sehen, wo nichts zu sehen ist. – Darum will ich ihn nicht tragen, und wenn er alle Schätze der Erde aufwöge! ist mir das Herz doch schon beschwert genug. O Gräfinn! diese Edelsteine hier haben meinen guten Mann in das Grab gedrückt und mir viel tausend, tausend Thränen gekostet!«

Der Gräfinn Gesicht erbleichte zu Schnee, eine ängstliche Verwirrung sprach aus ihrer Miene. Sie richtete das Auge, voll eines sanften Lichtes, forschend auf Fabien, als wolle sie ihre dunkle Rede beleuchten. Ein krampfhaft leises Zucken regte sich nur auf ihren Lippen, als ob ihr die Kraft gebräche zu einer Frage, deren anschuldigende Beantwortung ihr das Herz brechen müßte.

Es lag etwas Versöhnendes in diesem stummen Hinnehmen. Gemildert sprach Fabia: »Sie wissen wahrscheinlich, daß ihr Herr Vater meinem seligen Manne den Tag vor ihrer Abreise von Bonna, eine Chatoulle in Verwahrung gegeben, darin dieser Familienschmuck befindlich seyn sollte. Den Schlüssel dazu hatten wir nicht bekommen. Mein guter Mann ward gleich darauf so krank, daß ich fürchtete, das Grab werde sich ihm zunächst öffnen. Doch er genas. Nach Jahren, in denen er sich, peinlich wie dieser Redliche nun war, mit Zweifeln getragen, die ich jetzt für eine Ahnung halten mögte, gab uns der Zufall den Aufschluß in die Hände. Wir fanden in dem Kästchen nichts von Schmuck, nur eine todte Perle –: den Leichnam eines Kindes, und ein blutbeflecktes Messer.« Hier hielt Frau Fabia mit einem durchbohrenden Blicke bedeutsam inne.

Aber nicht die Farbe der Blutschuld zeigte sich auf den Wangen der Gräfinn, nur jener zarte unschuldige Anflug, den ein schneidender Wind etwa in dem Kelch der weißen Rose entblößt. Sie lächelte kalt und sprach: »so hielten Sie vermuthlich davor, daß ein Zusammenhang zwischen beiden Dingen statt fände, der – mich schaudert, es auszudenken. Wohl war jenes Kindlein das meine, ein zu früh Gebornes. Ich versündigte mich durch den Wunsch, es der Erde vorenthalten zu können – o! wie bestraft sich doch jeder Gedanke räuberisch gegen die Natur! – Der Arzt, vielleicht weniger aus Mitleid mit meinem mütterlichen Schmerz, als aus Leidenschaft für jedes Präparat, schlug mir vor, den Körper meines Kindes zu balsamiren, so könnte ich ihn in einem kühlen Gewölbe aufbewahren. Es geschah – ich legte das kleine Vergißmeinnicht, was der Tod mir vom Herzen gepflückt, in jenes sargähnliche Kästchen; darin ist es vertrocknet. Mit jenem Messer aber hat der Arzt, der nämliche, meiner theuren Mutter die kranke Brust abgelöst.«

Frau Fabia fühlte bei diesen erklärenden Worten einen Schnitt durch ihr tiefstes Innere. Nach einer verstummenden Pause sagte sie: »doch werden Sie zugeben, daß jenes Depot geeignet war, einen Geschäftsmann stutzig zu machen; zumal wenn er wie mein Seliger, von einem unseligen Mißtrauen heimgesucht, jeder Sache die schlimmste Seite absah.«

Die Gräfinn sah still vor sich nieder, und antwortete eine lange Weile nicht. Dann sprach sie: »ach ich verzeihe Ihnen – Wen man schwach gesehn, hält man gar bald eines Verbrechens fähig.«

»Gräfinn –« stammelte die Wittwe, »ich habe viel gelitten, dieser Geschichte wegen.«

»So wäre ich denn noch auf andere Art als ich meinte, in unabtragbarer Schuld gegen Sie!« erwiederte die Gräfinn mit dem herben Lächeln der Kränkung. Fabien stiegen Thränen in die Augen. Das Taschentuch entfiel ihr – die Gräfinn beugte sich es aufzuheben, und die Schlüssel an ihrem Gürtel erklirrten silberhell und leise. Und wie geringfügig diese kleine Dienstleistung auch war, so verlieh ihr doch die augenblickliche Stellung gegen die Beleidigerinn etwas Hohes.

Wie von diesem erklingelnden Laut erinnert, sonderte Albane nicht ohne Schwierigkeit einen kleinen Schlüssel von der Mehrzahl Derer, die der Ringhaken an ihrem Gürtel umfaßt hielt, bis es ihr gelang, ihn davon los zu machen; und sprach: »hätte ich diesen Schlüssel wohl so nahe an meinem Herzen tragen können, wenn dieses Herz noch ein strafbareres Geheimniß umschlösse, als dessen Mitwisserinn Sie sind? und wenn ich gewußt, welchen Kummer Sie deshalb trügen? – Nehmen Sie ihn denn hin mit der Versicherung, daß ich unschuldig an Ihrem Gram, und Ihnen ewig, ewig! dankbar bin! – Nein, gute Fabia! fürchten Sie keinen andern Lohn als dieses Wort, was bethätigen zu können, meine beste Hoffnung wäre. Ein Edelstein, und wäre es auch der erste Solitair der Welt – bezahlt weder Liebe noch Leiden. – Mit diesem Schmucke belade ich mich nur, um meinem Vater eine Freude zu machen. Wehe mir! o es ist schrecklich, wenn der Vater zum Kinde wird, und die Tochter zur Mutter! –«

»Wissen Sie schon,« sagte Fabia, durch eine sehr natürliche Association der Ideen zu dieser Mittheilung gelenkt, indem sie ihre Thränen trocknete, »daß Herr de Romana, Sylvius bei uns genannt – sich in Sanct Capella aufhält? Er ist der intimste Freund meines Schwagers.«

Bei dieser Nachricht ging eine Wandlung in den Zügen der Gräfinn vor.

»Um Gotteswillen!« sprach sie mit aller Dringlichkeit befürchtender Angst, »verhindern Sie, daß er hierher kommt! ich weiß nicht, ob ich es aushielte. Das geringe Maß meiner noch übrigen Kräfte reicht kaum zur Erfüllung der traurigen Pflicht, die ich meinem Vater schulde. Jenes Band ist gelöst. Wozu sollte er mich auch beunruhigen wollen? Für ihn bin ich todt. – Ich, ich selbst habe es gehört, wie er, ein jüngeres schönes Weib umfangend, davon sprach, daß eine gestorbene Liebe in ihrem Grabe bleiben müsse. – So sey es denn! und nimmer will ich ihn wiedersehen.«

Und indem die Gräfinn so sprach, schwand ein Schatten jener Scene, deren flüchtige Zeuginn sie gewesen, über ihr Gesicht. – Eine Eifersucht höherer Art offenbart sich nur im Verschwinden der verdunkelten Erscheinung.

»Wenn ich nur kann, liebe Gräfinn!« antwortete Fabia in Bezug auf das von ihr erflehte Verhindern, »wenn ich nur kann! – Aber wird Sylvius – oder Romana – nicht nach Josephinen fragen? und ist das Recht dazu ihm irgend verweigerlich?«

»Josephine bleibt einstweilen hier,« entschied die Gräfinn, ohne sich auf eine nähere Bestimmung über diesen Punkt einzulassen, »auf Sie aber, liebe Fabia, verlasse ich mich, daß Sie den Vater derselben mir entfernt halten.«

Frau Fabia versprach dies mit größerer Willfährigkeit als sie vielleicht früher gezeigt haben würde, eine Zusammenkunft der Liebenden zu ermitteln. Sie hielt den Schlüssel zur Chatoulle fest empor und sprach: »könnte ich nun – nicht den kleinen Sarg, der ist auch versenkt – nein! den großen Sarg meines Mannes damit öffnen und ihm sagen, wie so ruhig er hätte seyn können bei Lebzeiten, und daß er sich und mich unnütz abgequält. Ach! er würde so wenig auf mich hören als sonst.«

»Ja, die Todten schlafen tief –« sagte Albane mit verstörtem Lächeln. Das Bedürfniß dieser unaufregbaren Ruhe sprach eben jetzt lauter als jemals in ihr an.

Als die Frauen ihre geheime Unterredung hiermit beendigten, und wieder in das Zimmer traten, fanden sie den Grafen auf dem Canapee an Josephinens Seite, und in emsigem Gespräch mit ihr, welches anziehend seyn mußte, denn die Augen des alten Herrn hingen innig an dem lieben Kinde, und jener crasse Ausdruck geistiger Verworrenheit, welche seine schlaffen Gesichtszüge charakterisirte, und unter jedem Härchen des greisen Bartes hervorstach – war dem klaren Durchblick des Gefühls gewichen, womit die anmuthige Nähe eines Wesens auf ihn wirkte, was ihn so nahe anging.

Wir überlassen diese kleine Gesellschaft des Weiteren sich selbst, und eilen der späten Rückkehr Fabiens nach dem Stifte zuvor.

Zeitiger als er vermuthet worden, und ziemlich mißvergnügt, kam der Administrator mit seinem Freunde nach Sanct Capella zurück. Der Zweck dieser kleinen Reise war unerreicht geblieben, auf der ihnen einige Fatalitäten zugestoßen, und dies war es wohl nicht allein, was ihn verstimmte. Jenes geheimnißvolle Unbehagen, welches die Seele wie den Körper Dessen durchschleicht, Dem ein Uebel bevorsteht, der schwüle Schauer, der die Blitze ankündigt, die unser Herz treffen sollen, die ganze Atmosphäre trüber Ahnung beklemmte ihn heimlich, und verdunkelte seinem Blicke die Lieblichkeit der Natur. In solcher Stimmung gelingt uns fast nichts. Unsere Plane vereiteln, die sicherste Berechnung trügt – wir finden Hindernisse bei Allem. Und von der Zukunft leise beängstigt, wird es uns nicht deutlich, warum die gegenwärtige Minute den gewohnten Gang unserer Weise, unserer Wünsche, also erschwere? So wie im Gegensatz die Hoffnung ohne eine andere Gewähr als sich selbst, zu jedem Glück verhilft, und oft unsere kühnsten Erwartungen überflügelt.

Sylvius, der sich unpäßlich fühlte, begab sich sogleich in sein Zimmer, um noch einen Brief von dringendem Bezug auf das mißlungene Geschäft dieser Reise zu schreiben, und der weltliche Prälat von Sanct Capella schritt mit bewölkter Stirn dem seinen zu. Niemand hatte ihn willkommen geheißen – das kam ihm seltsam vor. Etwas finster von dieser scheinbaren Vernachlässigung fragte er eine dienende Person, die ihm begegnete, nach Fabien, und erhielt zur Antwort, daß sie verreist wäre.

»Verreist? meine Schwägerinn?« fragte der Administrator, und hätte nicht ungläubiger hohnlächeln können, wenn man ihm gesagt: das Stift, in höchsteigener steinerner Figur, sey bei dem schönen Abend ein wenig spatzieren gegangen.

Man erwarte die Frau mit jedem Augenblick zurück, setzte die Berichterstatterin hinzu; worauf Jener flüchtig vermuthete, nur ein wirthschaftlicher Grund von großer Erheblichkeit müsse eine so stete Haushälterin von Ort und Stelle gerückt haben. Doch um nichts heiterer durch diese Folgerung, trat er in die heimische Wohnung, entledigte sich des Reisebedarfs und alsbald ward sein umherschweifender Blick von jenem Blättchen auf seinem Schreibpult magnetisch angezogen. Er las diese wenigen Zeilen unzähligemale, ehe er den Sinn derselben zu fassen vermogte.

»Allmächtiger Gott!« rief er zu sich selbst, »das arme Mädchen in meiner Abwesenheit fortzuschaffen – gleichsam wegzustehlen! –« Ein Getümmel aufrührischer Gedanken bestürmte ihn, und Frau Fabia, welche sich im Laufe des verflossenen Nachmittags richterlich benommen, ahnete wohl schwerlich, daß ihr Andenken ob jener eigenmächtigen Gewaltthat, um wenig später vor Gericht gezogen – wo nicht zermalmt würde. – Aber der kindliche Ton des kleinen Brief-Fragments entwaffnete ihn, und keine Reihe thatsächlicher Beweise hätte ihn so vollständig überzeugen können, wie die schulmäßige Entschuldigung der ersten Zeile: daß es nimmer ein Wesen gegeben, so fremd jeden Egoismus, so ganz aus Liebe und Hingebung gebildet, wie Josephine. Beitragen sollte er? Wozu? – Er sammelte seine ganze Kraft für diese abgebrochene Bitte. Dabei nahm er das Fädchen an der Feder hangend wahr. Zarter sind die Fäden nicht, in denen der Sommer in die Lüfte flattert – doch nichts wirkt so ausnehmend fein wie die Zuneigung zu einem persönlichen Gegenstand: und so war denn jene Seidenfaser ein starkes Bindemittel seiner Ideen, ein Segeltau, was sein Herz schwellen machte. »Schwester Veronica wird es wissen –« dachte der Administrator, und eilte ohne Verzug aus dem Zimmer. Leidenschaftliche Hast, dieses räthselhafte Dunkel aufgehellt zu sehen, trieb ihn die öden Säle entlang, bis zur Thür der entlegenen Zelle, an welche die Abendsonne Verklärung mahlte, so daß dieser Eingang wirklich einer Himmelspforte glich. Hier stand er still, und Stille waltete ringsum. Ein Gefühl, der Andacht verwandt, ließ ihn zögernd dies Altarblatt betrachten, dahinter ein Geist wohnte, der mit dem Göttlichen vertrauten Umgang pflog. Sein Herz, heftig klopfend vom hurtigen Gehen, vom Drange der Erwartung, ward in dieser sanften Nähe wunderbar besänftigt. Er richtete sich hochathmend auf, während er den gekrümmten Finger leise und langsam an die Thür legte. Sie that sich auf. Der hereindringende Strahl vergoldete diese anspruchlosen Wände, und warf einen Schimmer von Glanz und Heiligkeit auf die Gestalt der Nonne, welche in frommer Einfalt mit einem Liebeswerk beschäftiget war. Ein Myrthenbaum von üppiger Schönheit, davon die Nonne mit wähliger Vorsicht eine Menge Zweige abschnitt, stand vor ihr auf einem Tische und daneben lag ein kleiner Namenszug aus altdeutschen Lettern in Perlen gereiht. Und wie die klösterliche Jungfrau den alten schönen Kopf, um den ein Nimbus der Gottseligkeit schwebte, an den Baum der Liebe schmiegte, der ihr nie geblüht, der ihr nur die bittere Frucht der Entsagung bereitet: gewährte ihr Anblick ein fast überirdisches Bild.

Wie selten hatte ein Mann diese einsame Schwelle beschritten! – Der aufgeregte Blick des Administrators schien den ewigen Bestand der Dinge umher aufheben zu wollen. Kein Stäubchen dieser reinlichen Clause ruhete noch so tief und lange, es tief empor bei seinem Eintritt, um gesellig in der plötzlichen Erleuchtung zu schweben, und eine größere als diese lautlose Unruhe störte nie die stete Geborgenheit dieser Wohnung, deren Luft nur ein Odemzug des Friedens war.

»Verzeihen Sie doch ja gütigst meiner Zudringlichkeit,« sagte der Besuchende nach ehrerbietigem Gruß, »Ihnen zu dieser Zeit vielleicht beschwerlich zu werden.« Man findet, in abgesondertem Verhältnisse werden die Menschen leicht eben so weitläuftig als förmlich gegen einander, wogegen die Welt der Umgangsweise eine drängende Kürze anschleift. Schwester Veronica ließ das Messerchen, womit sie Myrthen schnitt, ihrer Hand entgleiten, und bezeigte eine verwunderungsvolle Freude, den Vorstand des Hauses bei sich zu sehen, der ihr nach herzlicher Versicherung zu jeder Zeit willkommen wäre. Zugleich bemerkte sie still für sich, daß sein stattliches Aeußere etwas verstört sey – und die Stimmung der guten Nonne, seit einigen Tagen von stärkeren Eindrücken bewegt, spannte sich für den beziehungsvollen Ton, womit er anhob: »ich war verreist mit meinem Freunde und finde jetzt bei unserer Rückkehr die Schwägerinn nicht daheim. Das befremdet mich. Sie hat auch Josephine mitgenommen – –« Der Administrator stockte. »Eine hypochondrische Aengstlichkeit wandelte mich an – wenn nur kein unangenehmer Vorfall – ich meinte nun, Sie, werthe Schwester Veronica, würden mir des Näheren Auskunft geben können.«

»Was ich weiß, will ich ihnen sagen –« sprach die Nonne, und das tiefsinnige Lächeln in ihren Zügen drückte eben sowohl ihre bekümmerte Unwissenheit in dieser Sache, als eine Zuflucht der Gemüthsruhe aus, die sie dem Frager gäbe. »Frau Fabia ist nach Bühle gefahren, mit dem lieben Kinde. Dort ist die Gräfinn Frankenstern mit ihrem Herrn Vater angekommen – und trägt Verlangen, ihre gute Freundin hiesigen Orts baldigst zu sprechen. Ein expresser Bote –«

Das Gesicht des Administrators hatte sich während dieser Nachricht verändert. »Das ist ein großes Ereigniß!« unterbrach er die Nonne mit gesenkter Stimme; doch nur mechanisch schien er die Sylbenlaute dieses Wortes auszusprechen, das Muskelspiel seines Mundes schob krampfhaft der getroffenen Wahl des Ausdrucks einen andern unter, und sagte: »das ist ein großes Unglück!« Der Nonne ging die Ahnung auf, sie hätte ihm etwas höchst Wichtiges mitgetheilt.

Da jedoch Niemand, am wenigsten aber ein ältliches Frauenzimmer, dem Reiz des Bewußtseyns zu widerstehen vermag, das, was man sagen könne, habe Werth für den, der es höre: so konnte auch Schwester Veronica nicht umhin, den Schatz ihrer Neuigkeit in kleiner Münze auszuzählen. Vorerst aber mußte sich der Administrator auf ihr inständiges Nöthigen niederlassen. Er berührte kaum die Kante eines Stuhls, und saß dennoch wie auf Nadeln. – Schwester Veronica begann nun: »gestern Abend, da es dämmerte – das Schummerstündchen bringe ich gern drüben zu – ging ich hinüber zu den lieben Ihrigen. Es war uns Allen traurig zu Sinne: denn Gregors kleine Julie lag im Sterben – ich bin, wie Sie sehen daran, für ein Todtenkränzchen zu sorgen – die Mutter, hieß es, wäre außer sich, und man hatte geschickt, Frau Fabia mögte kommen, und in dieser Angst den armen Leutchen mit Rath und Zuspruch ein wenig beistehen. Sie ist, das muß man an ihr rühmen – von christlicher Geduld und gelassenem Wesen –« diese Tugenden seiner Schwägerinn hätte jetzt schwerlich ein Freund der Wahrheit dem Administrator nachsagen mögen. Er sah die Nonne mit einem weitschauenden Blicke beschleunigender Aufmerksamkeit an, und es däuchte ihm, seiner theilnehmenden Nächstenliebe ungeachtet, als ob sie von einem Falle spräche, der die ersten Eltern nach Erschaffung der Welt betroffen hätte.

»So blieb ich denn,« fuhr die geistliche Jungfrau fort, »mit Josephine allein. Das gute Kind war aber betrübt und äußerte sonderbare Gedanken, die ich jedoch für weiter nichts hielt, als jenen wehmüthigen Ernst, der ein jugendlich Gemüth ergreift, wenn es den Tod in der Nähe weiß, und gute Menschen in Schmerz und Leid um ein Liebstes und Einziges. Dann wird der Gedanke an jede mögliche Trennung, die uns selbst bevorstehen könnte, so natürlich. Wenn uns ein Verlust bewegt, dann scheint Alles um uns her zu wanken, und wir umfassen, was uns vorzugsweise am Herzen liegt, nur um so inniger. – Also wieder auf Josephine zu kommen, so sagte sie: wie weh es ihr thun würde, Sanct Capella zu verlassen, wo ihr nur allein wohl wäre. Wie gern sie hier sterben mögte oder wohnen in dieser Zelle, es ging mir nahe. Ich erwiederte ihr, daß an solch ein Scheiden vor der Hand doch nicht zu denken sey, daß sie mein Stübchen erben solle, mit Allem, wie es steht und liegt.«

Das Auge des Zuhörers schien dies Testament im Innersten seiner Seele aufzunehmen. Sein Blick spähte umher, als schätzte er die lieben Heiligen allzumal – und der geringste Gegenstand war durch den Gebrauch ein kleiner Heiliger geworden – nach ihrem Nennwerthe ab, und trüge die stummen Effecten in die Register seines Geistes ein. Dann ruhte sein Auge auf einem umgeschlagenen Notenblatte aus, als notire er dies Adagio, zähle die Pausen, und vergleiche den letzten hinsterbenden Ton mit der Rede der Erblasserinn, welche mit heiterem todesvertrauten Sinn an ihre Auflösung denken konnte. – Ein anderer Kranz von diesem Myrthenbaume, ein anderer Name in den Anfangsbuchstaben dieser Perlen schwebte ihm in einer gewissen Ideenverwirrung vor. Die Wünsche des jungen Mädchens, welche beide auf bittere Resignation deuteten, griffen schmerzlich an sein Gefühl, und er schwieg mit einem tiefen Seufzer. »Wie wir noch so über mein Vermächtniß sprachen,« fuhr die Nonne fort: »kam Frau Fabia zurück. Sie trug einen Brief in ihrer Hand und begehrte Licht, um ihn zu lesen. Und da sie ihn las – sehen Sie um Gotteswillen! wird uns die Frau schier ohnmächtig. Ich kann nicht leugnen, daß mir alle Glieder zitterten. Die Frau Schwägerinn ist nicht nervenschwach, nein! eine starkmüthige Person, häuslich erkräftiget, gesund an Leib und Seele: so mußte ihr der Brief hart angekommen seyn. Auch jagt der Sturm das Laub der Espe nicht geschwinder, als das Blatt in ihrer Hand flog. Sie ging alsbald zu Bette, und ich hatte ihretwegen eine unruhige Nacht. Am Morgen in aller Frühe wollte ich mich erkundigen, wie sie geschlafen: das Zimmer war noch zu. Ich kam wieder und fand es abermals verschlossen; doch vernahm ich drinnen ein leises Gespräch und unterschied Josephinens schluchzende Stimme. Nun halte ich Einbruch kaum so schlimm, als Eindrängen in das Geheimniß eines Andern, und habe mich mein Lebtag davor gescheut. Das Vertrauen muß ein Geschenk der Freundschaft seyn, nicht aber eine milde Gabe, die der Ungestüm davon trägt, wenn er die Gutherzigkeit überrascht. – Ich dachte, es wird wohl an mich kommen. Auch kam Frau Fabia, um mir zu sagen: daß sie für diesen Nachmittag nach Bühle fahren würde. Josephine stand stumm und blaß wie ein Marienbild daneben, und sah mich nur mit einem barmherzigen Gesichtchen an. Und da die Mutter meinte: sie denke nicht allzuspät wieder da zu seyn, konnte sie sich nicht enthalten zu weinen, als sollten wir uns niemals wiedersehen. Ich sprach ihr Muth ein und sagte: nun, wir scheiden ja nicht für ewig, mein Herzenskind! was wärs denn auch, wenn Du ein paar Tage drüben bleiben müßtest? bin ich doch in meiner Jugend, und noch dazu als Braut, auch bei der hochseligen Gräfinn Frankenstern gewesen, und würde heut noch Bescheid im Schlosse wissen, und Dir das kleine Gemach zeigen können, worin ich geschlafen. – Das schien dem lieben Mädchen denn traut und tröstlich zu seyn, und ein Mehreres, werther Herr Administrator, wüßte ich Ihnen nicht zu sagen.«

Es genügte jedoch. Der Administrator dankte zerstreut, wechselte in gebundener Rede – im Sinne der Zurückhaltung – einige Worte; denn es machte ihn beklommen, daß er gegen die herzliche Nonne nicht ganz aufrichtig seyn dürfte. So war es ihm nicht unlieb, daß der Zufall ihm über einen Moment hinweghalf, der sein Zartgefühl, das der Freundschaft wie der Verschwiegenheit, in die Probe nahm. – Er ward abgerufen, weil Jemand ihn zu sprechen begehre. Doch als der Administrator in sein Zimmer kam, fand er zu seinem Befremden keinen fremden Zuspruch, sondern seinen Freund, den Major Feldmeister, der im Gleichmaß starker Schritte auf und nieder ging. Es verändert seltsam unsere Stimmung, ob wir Besuch in unserm Eigenthum empfangen, oder von Andern darin empfangen werden. Demnach ließ eine gewisse erschrockene Verwunderung, gemischt mit einem dumpfen Gefühl getäuschten Erwartens, den Administrator an der Schwelle seines Zimmers zurücktreten, als er die Einquartierung desselben inne ward. –

»Bitte nicht übel zu nehmen, Freundchen, daß ich so sans façon Eingang gesucht –« sagte der Major, die Miene des Unmuths an Jenem bemerkend, und ein fremdartiges Lächeln lief hurtig wie Geflügel über die Furchen seines Angesichts, was in diesem Augenblicke einem Winterfelde glich, matt von der Sonne beschienen.

»Den rechten Eingang finden –« fuhr er fort, »ist schwer, und mancher folgerichtige, bei dem wahrhaftigen Gott! taugt dennoch nichts.«

Herr Prälat kannte seinen Freund und dessen Redeweise zu genau, um noch eines einleitenden Wortes zu bedürfen. Eine böse Ahnung kroch an sein Herz; aber er nahm sich zusammen, und sagte mit stoischer Stimme: »Sie haben mir etwas Schlimmes anzukündigen, Major! fassen Sie Sich in der Kürze, ich bitte! ich bin gefaßt. –«

Diese Voraussetzung brachte den Major aus dem Zusammenhang. In merklicher Verwirrung antwortete er: »Schlimmes? nun ja, aber vermengt mit Gutem, wie uns die bittersten Erfahrungen gereicht werden. Das Schicksal ist ein Mischling, Glücklich retournirt, Freundchen? waren Sie schon da, wie die Estafette kam? – Sehen Sie, da habe ich mir all mein Lebtag eingebildet, ein blasender Postillon müsse ein Glück verlautbaren: etwa des große Loos – die Ankunft des Königs – oder einen Ehrenaufzug und dergleichen. Daß eine Hiobspost mit solch fröhlichem Gebläse kommen könne, das hätte ich nimmer gedacht. So erinnere ich mich, daß, als ich, ein junger Offizier damals, in B– stand, hatten wir eine Schlittenfahrt en Masque mit solchem Vorklang. Der Zug war originell genug, und wir fuhren, so zu sagen, mit Furcht und Schrecken. Der Führer der ersten Dame, ein allerliebstes Mädchen, schön wie das Leben, war der Tod! –«

»Major!« sagte der Administrator in sichtlicher Pein, »nochmals bitte ich Sie, sagen Sie mir ohne Bild, ohne Masque, Wessen Tod ich erfahren soll? – Mein Bruder –«

Es wäre nicht genau zu bestimmen, ob der alte Feldmeister hierbei nickte, oder nur das Haupt senkte, da er alle Allegorien fallen ließ, und einfach sagte: »ja, wozu die vorbereitende Folter und ihren ausdehnenden Grad? Sie sind ein Mann. Ihr Bruder – ist nicht mehr, und nur an den Ort seiner Bestimmung gelangt, um auf das Schleunigste zu sterben. –«

Alles Blut wich aus den Wangen des Administrators. »Großer Gott! mein guter Constanz!« rief er mit blassen Lippen, und fühlte in diesem herzandringenden Moment, daß Eines Vaters Blut in ihren Adern flösse. »Nicht möglich! und an Sie, Major, ist die Nachricht gekommen?« Es war, als ob ein leiser Zweifel in dieser Frage läge.

»An mich!« antwortete der ehrliche Alte mit dem Vollbewußtseyn eines wahrhaften Freundes, »mein Neffe hat es mir geschrieben, da die arme Therese sich außer Stande dazu gefühlt, und Füßli nicht Zeit gehabt hat. Füßli! der Leichtfuß vergißt zu bemerken, Wer Füßli sey, als ob mir wie dem Allwissenden aller Menschen Namen in mein Buch geschrieben wären.«

Der Major berührte hierauf in Kürze, wie? und wann? der Gemahl Theresens gestorben sey.

»Ich träume wohl?« fragte sein Bruder und legte die Hand an die Stirne, auf der noch bleiches Entsetzen schwebte, »wie aber kam der Lieutnant Feldmeister in jene ferne Gegend, und zu einer so herben Dienstleistung?« Es war, als ob er diese sonderbare Fügung im Namen des Verstorbenen übel nähme.

»Sehen Sie,« erwiederte der Major, »das ist eine merkwürdige Geschichte, und ich gäbe meine Lieblingsschmarre darum, wenn ich in meiner Jugend Logik studirt hätte. Da könnte ich Ihnen Alles fein ordentlich entwickeln, statt daß ich hinten anfange, vorn ein Fädchen abreiße, – und so weiter. Der Rudolph hat ein enormes Glück gehabt, was mir bei dieser traurigen Gelegenheit kund geworden, und mein Glaube an die Fama der Estafette gewissermaßen doch Recht. Die Fee Fanferlüsche – Sie wissen schon – hat das Zeitliche gesegnet, und ihn zum Universalerben eingesetzt. Das hätte der Junge wohl nicht gedacht, daß, als er die alte Dame Wischiwaschi aus einer lächerlichen Verlegenheit empor riß, und sie vor aller Welt Augen in den Ballstuhl setzte, sie ihn dafür für zeitlebens jeder ernsthaften Verlegenheit überheben, und so weich setzen würde? – Man schätzt ihren Nachlaß auf hunderttausend Thaler. Gleichzeitig mit diesem Vermächtniß erfährt er, versetzt zu seyn, worauf er, wie Sie Sich vielleicht erinnern, angetragen, um nicht für einen Erbschleicher zu gelten. So spielt der Zufall. Daß der Rudolph grade an den Ort kommen mußte, wohin Ihr Bruder, begleitet von der lieben Frau, seiner gesandschaftlichen Ordre folgte, scheint mir jedoch nicht von Ohngefähr. Taugt nichts! rief ich unwillkürlich aus, wie ich das las.

Nun verursacht großes Glück auch im besten Falle eine kleine Narrheit. Und wie der Ritter Don Quixote ein Barbierbecken für Mambrins Helm hielt, so sieht nun Rudolph einen Damenschuh in Allem, was ihm begegnet. Ich glaube, würde die Armee auf Kriegsfuß gesetzt, er sähe sie auf Pantoffeln von Silbermoor marschiren. Der Pantoffelheld! Der! –«

Der Administrator empfand schmerzlich, daß des alten Freundes theilnehmendes Interesse an den gemeinsamen wichtigen Mittheilungen diesmal zu silbern sey, um mit dem seinigen in Einklang zu stehen. In diesen Augenblicken schien ihm kein todtes Metall beglückend. Er hatte nur Gefühl für den Verlust eines so kräftigen jungen Lebens, welches der Welt und ihren Freuden so im Umsehen entrissen worden war.

»Ich kann es noch nicht fassen –« schob der Administrator in die Pause jenes Ausrufs ein, und sein Ton ließ errathen, daß er von der Rede des Freundes wenig oder nichts gehört, und während ihrer Dauer nur an den Verstorbenen gedacht hätte. Er sah jetzt auf, in seinem erloschenen Blicke entglomm ein Funke – und so fragte er: »Sie meinen also, Major, daß Ihr Neffe in Verabredung mit Theresen dort eingetroffen wäre? –« Der Schatten, der in diesem Gedanken auf die Abwesende fiel, verfinsterte sein Gesicht tief. Aber mit dem Eifer der Selbstentrüstung trat der Major vor ihn hin, und sprach: »da sey Gott für! daß ich so etwas nur gedacht, geschweige denn geäußert hätte. Oder es müßte eine Verabredung der höheren Mächte darunter verstanden seyn, die vorausgesehen, daß Ihr Bruder sterben, und Therese fremd und verlassen allda, einen Freund brauchen würde, der wie mein braver Artillerist für sie durchs Feuer liefe. – Besinnt Euch Freundchen! es wäre ja nicht einmal möglich gewesen; denn mein Neffe ward früher versetzt, als der Legationsrath seine Frau von hier abholte. – Hätten Sie Acht gegeben, was ich gesagt: so würden Sie jetzt hören, wo ich hinaus gewollt – mein Schwadroniren hat mich jedoch zu weit abwärts geführt. – Da geht der Rudolph eines Tages über den Markt, und stößt auf einen Menschen, der einen Schuh trägt. Jener erkennt ihn – den Schuh nämlich – an der Farbe, an dem kleinen polnischen Maße; er kennt die Dame, der er gehört. Nun läuft gleichsam dieser niedliche Wegweiser vor ihm her, und führt ihn vor die rechte Schmiede. So ists, Freundchen. Und daß mein Neffe nun der armen Therese beisteht, so viel er kann, ist nicht mehr als billig. –«

Dies Letztere sagte der Major in dem Tone löblichen Gutachtens, und mit persönlichem Accent – als ob der Lieutnant nur bewogen von der Rücksicht, in welchem Verhältniß sein Oheim zu der Familie des Hingeschiedenen stände – sich der jungen Frau angenommen. Dennoch konnte der Administrator ein Lächeln, so bitter als traurig, nicht unterdrücken, als er sagte: »es wäre dessenungeachtet sehr möglich, daß mein seliger Bruder so wie die Welt, welche er verlassen, etwas gegen diesen Curator einzuwenden hätte. –«

Der Major zog die Braunen zusammen, und klemmte die Unterlippe ein. Er fühlte wohl, daß sein Freund recht hatte; wie hätte er aber das kleine Unrecht, was in dieser Erwiederung gegen ihn selbst lag, nicht lieber männlich verbeißen als rügen, und mit der Gereiztheit eines Betrübten Geduld haben mögen? Er antwortete demnach langmüthig: »das hat der Rudolph auch bedacht, und deshalb dafür gesorgt, daß Therese den Gasthof verließe. Sie hält sich jetzt höchst wahrscheinlich auf dem Gute der Baroninn Lenau, einer Schwester seiner Mutter auf. Dies war die Intention meines Neffen, als er den Brief an mich geschrieben. Doch die Hauptsache darin hätte ich beinahe vergessen. Therese läßt Sie flehentlichst bitten, wenn es irgend möglich wäre, hinzukommen. Sie wüßte sich nicht Rath und es gäbe Manches zu ordnen, was nur den nächsten Verwandten zustände. –«

Herr Prälat sah schweigend vor sich hin. Die Forderung dieser weiten Reise von solch traurigem Anlaß, geschah zu einer Zeit, die dem Entschlusse günstig war. Sein Herz war erschüttert, und nicht von der Seite allein, wo der plötzliche Schlag der eben vernommenen Nachricht es bestürzte. Die Zukunft schwebte im Ungewissen – und es war, als wäre der Bestand aller bisherigen Verhältnisse aufgelöst. Dann konnte Sylvius ihn jetzt vertreten. Wer wüßte, ob er jemals eine so lange Abwesenheit ohne Zeitverlust für sein Amt ermöglichen könnte? – Und wie er auf der Wage der Gedanken alles Schwierige der fraglichen Reise erwog, und dachte, ob er sich auch stark genug dazu fände, die kalten Geschäfte des Verstorbenen zu besorgen, und ein warmes Bad hysterischer Thränen hinzunehmen, die Therese etwa vergießen mögte, – fühlte er mit einem nervösen Schauer, daß ein Leben von so verhängnißvollem Gewicht, und in ewiger Pendel-Schwingung wie das seines Bruders, den Todten so früh hinab ziehen müssen. In Folge dieser Betrachtungen sagte er: »seine Rastlosigkeit – glauben Sie es! hat den armen Constanz aufgerieben.«

»Das sag' ich auch!« sprach der Major, »man bekam Schwindel, vom Hören bloß. Er flog ja, wie auf Fausts Mantel –« der Hund knurrte – »still da! Dich meine ich nicht, mein Alterchen – von einem Ende der Welt zum andern. Wären wir vom Schöpfer dazu geschaffen: dann hätte er uns Flügel gegeben wie der Schwalbe, oder uns luftig gemacht wie den Wind. So aber sind wir Wesen mit Fleisch und Bein, und ein standhafter Prinz ist Derjenige, der in der Tragödie dieses Erdenlebens am würdigsten aushält. – Wir schreiten bedächtig einher, oder fahren gemächlich mit Vieren. – In der Schrift steht, der Herr habe nicht Gefallen an Jemandes Beinen, noch an der Stärke des Rosses. – Oft habe ich über diese Stelle nachgedacht. Wenn ich die Gicht in meinem Bein spürte, da empfand ich, daß der gütige Gott und Heiland kein Wohlgefallen daran haben könnte.«

»Und jetzt,« sprach der Administrator, der nur wie im Dunkeln der Gedankenreihe seines alten Freundes gefolgt war, »wo er endlich festen Fuß gefaßt haben würde, mußte mein guter Bruder sterben!«

»Ebendeswegen!« erwiederte der Major mit verstärkter Stimme, »ebendeswegen starb er. Gebt Euch zufrieden, Freundchen! – Mit aller Hochachtung gegen den Legationsrath gesprochen; aber ein Mann der Ruhe war er nicht, und so machte er sich mit der Schnellpost des Todes davon. Vielleicht war dies der klügste Streich des Diplomaten, und jedenfalls besser als ein späterer Rückzug aus dem neuen Hausstaate. Er mogte die alte Urkunde der Liebe hervorgesucht und manchen Buchstaben darin verlöscht gefunden haben. Zum Ehestande dieser seßhaften Charge paßte er nur so wie der Vogel, der sich im Fluge vermählt, sein Weibchen dann in irgend einem Neste sitzen läßt, wo dann der Teufel nicht selten ein Ei in die Wirthschaft legt.« –

Hier trat Frau Fabia ein, und bei dem Anblick der frommen Domina des weltlichen Klosterhauses erstarb das böse Princip dem alten Feldmeister auf der soldatischen Zunge. Er grüßte, schlüpfte zur Thür hinaus, durch ein unverständliches Murmeln andeutend, er wolle den bewußten Brief holen – und Herr Prälat sah sich mit seiner Schwägerin allein. Er hatte den Wagen nicht kommen gehört, ihre Ankunft schien ihm ersehnt, obzwar sie allein kam. Auch entsprach Fabiens Gesicht der Empfindung, welche sie aufnahm. Der strenge Charakter desselben war einem Ausdruck von Schwermuth und Erleichterung gewichen, der sich wechselseitig aufhob, und ein sanftes Ineinanderfließen von Klarheit und Trübsinn über ihre Züge verbreitete, was Zutrauen einflößte, sie werde eine schmerzliche Erfahrung eben so wohl zu theilen fähig seyn, als zu beurtheilen wissen.

»Es ist mir lieb, Fabia, daß Du nun da bist!« sagte der Administrator ihr entgegen tretend; aber sein Gruß klang traurig. »Denke nur, mein guter Bruder ist todt! und Therese ist nun eine Wittwe, wie Du!«

Frau Fabia erschrak. Alles, was dieser Nachmittag für sie enthalten, trat vor der Bedeutendheit dieser Worte in den Schatten; aber ein leises Streiflicht zuckte auf ihren Lippen – der Geist der Wahrsagung erschien darin, und ein Gedankenblitz des Vergleichs: Therese werde nimmer seyn wie sie.

»Um Gott! was Du sagst, mein Bruder!« antwortete Fabia, »und wäre diese Nachricht mehr als ein Gerücht?«

»Diese Nachricht,« erwiederte Jener mit abgeschlossener Gewißheit in Blick und Ton, »ist diesen Abend durch eine Estafette an den Major gekommen. Constanz ist in der Nacht seiner Ankunft in – an der Bräune gestorben, und – also erstickt!« Dies Letztere setzte der Administrator mit erstickter Stimme hinzu. Das Wasser schoß ihm in die Augen, und vor Fabiens Theilnahme, welche sich mütterlich zu äußern pflegte, das heißt: ob auch zartsinnig, doch überlegen – schämte er sich der brüderlichen Thräne nicht.

»Denke Dir das nicht gar so schwarz –« sagte Fabia leidsam, und bemühte sich, obgleich unverhehlt der eigenen Rührung, ihren Schwager zu trösten. Sie machte dabei zu Gunsten einer dunklen Stunde eine Kraft geltend, welche gewiß zu den schätzbarsten dieser oft verkannten Frau gehörte. Fabia besaß die Gabe eines wunderbar wirkenden Zuspruchs. Vermöge solcher Erfahrungen, die, indem sie das Leben trüben, den Blick des Geistes schärfen, war ihr eine tiefere Einsicht in die Herzen vergönnt, als diese sonst selten gefunden werden dürfte, wo es an Weltkenntniß fehlt, die Fabia nicht erwerben können. – Zuweilen sogar sprach etwas Sibyllinisches aus ihr. Um ihrer Zuverlässigkeit willen glaubte man an sie. Und da Fabia es für eine Pflichterfüllung ihrer Religion hielt, sich der Betrübten anzunehmen: so versäumte sie keine Gelegenheit es zu thun; in ihrem Benehmen lag alsdann eine schmerzvergütende Innigkeit, deren sie gänzlich ermangelte, wo es darauf ankam, sich mit den Fröhlichen zu freuen. Gegen den Gottesdienst der Freude war Fabia stumpf. Und da sie im Geiste der Zerknirschung den Spruch vor Augen hatte: »ein zerschlagenes Herz wird Gott nicht verachten« –: so war ihr nichts von größerem Werth, sich linden und lieblichen Wesens daran zu beweisen, als – eine Wunde. So ging ihr des Schwagers Leid sehr nahe, und zwar um so näher, als sie bedachte, er traure jetzt in gleichem Grade wie um ihren Mann. Und obgleich der verstorbene Bruder desselben ihr ein Fremder gewesen: so empfand doch auch sie seinen Tod in einem Nachgefühl ihrer eigenen Verwittwung.

»Mein Herr und Heiland! was ist doch das Leben!« sagte nun Fabia beschaulicher Weise, als der Affect des Schmerzes besprochen schien, »hier stand er noch vor wenig Wochen – ich sehe ihn leiblich vor mir stehen. Ich habe es Dir nicht sagen mögen und Keinem; aber der Bruder kam mir übel vor. Es giebt einen gewissen Verfall des Aussehens, der doch selten trügt; indeß wähnte ich, er wäre nur angegriffen von den Strapatzen seiner Reisen, auch habe ich ihn früher nicht gekannt. Glaube nur, Bester! das Zusammenleben mit Therese hätte nicht mehr gut gethan. Sie waren einander entwöhnt, wo nicht gar fremd geworden. Und was ist denn die Ehe, wenn sie Jahre zuläßt, in denen man vergnügt ohne einander seyn kann, und nach dem Lebewohl vom Munde des Gatten nun wirklich wohllebt? der Ehe Bund ist so enge, daß er alles Fremdartige ausschließt, und wo Mann und Weib einander viel zu erzählen haben: da fühlt gewiß Eins für's Andre wenig

»Du gehst zu weit, Fabia –« entgegnete der Administrator, »Tausende von Ehegatten werden durch Pflicht und Verhältniß getrennt, und lieben sich dennoch.«

Darauf sprach Frau Fabia: »es mag eine Liebe geben, die in der Trennung sogar besser besteht; aber es ist nicht die, welche ich meine. – Was nun Theresen anbetrifft: so dürfte ihr ehelich Gefühl schwerlich unter den ersteren Fall zu rechnen seyn. Wer weiß, wie sehr wir Ursach hätten, für diese Auflösung den Herrn zu preisen! – Du weißt ja selbst, wie verbitternd Scheidungen anderer Art –« der Faden ihrer Rede riß bei dieser geschwisterlichen Beziehung ab, und der Administrator schaute düster wie in eine Ferne, der Zukunft oder der Vergangenheit.

»Was soll nun aus Theresen werden?« fragte Fabia, und wendete die Richtung ihrer Gedanken, »ohne Vermögen, ohne einen Halt, der Lust am Fleiß, wie jeder Geschicklichkeit ermangelnd, die da Nutzen schafft –«

Der Administrator lächelte dieser unnützen Sorge. »Ich glaube, gute Fabia,« sagte er mit jener Ironie der Duldsamkeit, die nur ganz schwach eine Schwäche andeutet, »wir dürfen deßhalb unbekümmert seyn. Das Glück selbst scheint sich ihrer angenommen zu haben, und Wen dies sich zu eigen macht, der braucht nichts als ein paar Flügel des Leichtsinns, und diese hat Therese schon.« Und nun erzählte er seiner Schwägerinn halblaut, was er vom Major erfahren. Er schloß mit den Worten: »so läßt sich nun absehen, wie Alles kommen werde. Wenn es nun ein schöner Zug von Dir ist, liebe Fabia, daß Du das Unglück achtest, und Dem vorzugsweise freundlich bist, Den – um in Deiner Sprache zu reden – der Herr heim sucht: so laß uns Theresen mindestens nicht zürnen, daß sie verdienstlos eine Begünstigte scheint; daß noch vor dem Verlust der Ersatz schon Wurzel gefaßt, wie ein neuer Kinderzahn schon glänzend dasteht, ehe der erste fast schmerzlos gebrochen. – Auch das Glück kommt von Gott, und wir schmähen den Geber, wenn wir vom Glücklichen nicht glimpflich denken.«

Mit einem bekränkten Lächeln antwortete Fabia: »o! ich will ihr alles Gute gönnen und wünschen. Der Allwissende sieht ins Innerste, und weiß allein, ob wir treu erfunden werden oder nicht. Daß ich mich fortan auch der leisesten Verurtheilung enthalte: das ist gelobt. Ach mein Bruder! welch ein erfahrungsreicher Tag der heutige! seit gestern Abend ist mein Herz nicht aus der Presse gekommen. Ich war in Bühle – Du weißt es. Frankensterns sind da, und die Gräfinn hatte mir geschrieben. Sie ist unschuldig – und sehr unglücklich. Eine Centnerlast ist von meiner Seele gewälzt; aber ich könnte doch nicht sagen, daß mir leicht zu Muthe wäre; denn der Vorwurf, wie Unrecht ihr geschehen, wenn auch in Gedanken nur, drückt mich nieder.« Und nun erzählte auch Fabia ihrem Schwager, wie sie die Gräfinn und ihren Vater angetroffen, und wie Albane sich erklärt, hinsichtlich jenes empörenden Verdachts. Sie endete ihren Bericht mit den Worten: »und so hat denn mein Mann um ein Nichtiges sein Leben verkürzt, und das meine mir verkümmert!«

»Sieh, Fabia!« sagte der Administrator nach einer ernsten Pause, »hätten wir die göttliche Kraft, einem Menschen zu vertrauen: dann wäre uns das nagende Gefühl bitterer und fruchtloser Reue erspart, und wir hielten uns an etwas Besseres, als an Beweise. Unsere Sinne sind falsche Zeugen – nur das Herz spricht wahr, in dem Glauben an das ewig Gute.«

Ein Gedenken an Sylvius, an das, was in seinen eigensten Angelegenheiten ihm einst das Licht dieser Ueberzeugung verdunkelt – schwebte schattenähnlich vor ihm auf. »Und Josephine?« fragte er mit verhaltener Stimme.

»Sie grüßt Dich – grüßt Dich tausendmal!« antwortete Fabia. »Sie wird für einige Zeit in Bühle bleiben?« fragte der Administrator abermals, und ein Gefühl, gemischt aus Wunsch und Zweifel, ließ ihn seiner Schwägerinn diese Antwort in den Mund legen. Aber Fabia sagte nicht ja, nicht nein. Sie legte die Hand an die Stirne, und sprach: »was wird nun Romana dazu sagen? Seine Frau ist ihm so nahe – und er hat es keinen Gewinn; die Tochter ist ihm entrückt, und er muß es geschehen lassen. Und wenn Albane Josephine nicht mehr von sich ließe: wer könnte es hindern? es ist einmal Ihr Kind!«

»Wer es hindern könnte?« entgegnete Herr Prälat lebhaft und mit Wärme: »Du, Fabia! unbeschadet des mütterlichen Vorrechts ist Josephine auch Dein, durch die treue Mühe der Erziehung. Du hättest, dünkt mich, auch ein Wort dagegen zu sagen, daß das arme Mädchen in jener unheimlichen Umgebung verkommen sollte. Josephine ist an uns gewöhnt – es wäre auch hart für den armen Sylvius, wenn er ihre Nähe – dies einzige Glück, was er ohne Vorwurf genießt – einbüßen sollte.«

»Wirst Du mit ihm sprechen?« fragte Fabia mit kranker, krampfhafter Stimme, »mein Kopf glüht und hämmert; ich werde nun gehen, und mir einen Umschlag von Kräuteressig geben lassen.«

Noch eine kleine Weile hielt ihr Schwager sie zurück und berieth, auf welche gleichlautende Weise diese unverweigerliche Mittheilung an den Freund beschränkt werden könnte und müßte. Dann eröffnete er ihr den Entschluß zur Reise, was der nöthigen Gestalten wegen auch nicht geeignet war, Fabiens tobenden Kopfschmerz zu beschwichtigen. Es giebt jedoch einen Zustand des Leibes und der Seele, der die Welt in Trümmer brechen sieht, ohne etwas mehr als aus Schwäche zu wanken. Mit diesem wankenden Schritte entfernte sich Fabia, und Herr Prälat mogte seinem Freunde die Ruhe der kommenden Nacht nicht stören. Ihm selbst kam und verging sie schlaflos. Als aber der Morgen frühlingshell und heilig erwachte, da ging aus dem Chaos seiner Gedanken ein neues Licht hervor, und der Gott in seinem Busen ordnete die finstern Kräfte. –