Nachdem der Administrator nun den Brief an den Major gelesen, und sich gleichsam mit eigenen Augen von dem Geschehenen überzeugt hatte, sah er die darin enthaltenen Umstände wie mit andern an. Gesammelten Geistes hatte er eine lange Unterredung mit Sylvius, und betrieb dann seine Abreise, die in der Frühe des nächsten Tages statt haben sollte.

Die Offiziere in Corpore kamen, um dem Administrator ihr Beileid bei dem Hintritt seines Bruders zu bezeugen; auch die Nonne, die Repräsentantinn der schlafen gegangenen Geistlichkeit des Stiftes, fehlte nicht, seinem Verweser ein Wort des Antheils und der Herzlichkeit über den Entschlafenen zu sagen. Sie äußerte sich dabei in der ihr eigenthümlich milden Gelassenheit, die auf der Höhe des Alters und eines erhobenen Charakters mit Ruhe dem Wechsel des Lebens zusieht. – Veronica sprach: »besinnen Sie Sich einmal, Frau Fabia! sagte ich es nicht immer, daß die arme Therese noch nicht überhin wäre? solch glücklicher Leichtsinn ist oftmals zu großer Beschwerde bestimmt, und wer immer lustig und lässig seyn will, muß sich endlich durcharbeiten. Das Leben fordert Ernst, und selbst das Glück ist gewichtig und trägt sich schwer, wie vielmehr das Unglück! – Jener berühmte Maler aus Modena, derselbe, der die heilige Nacht gemalt hat, o wunderschöne! trug sich an einem Geldsack todt. Wollte man Therese anspannen, fleißig zu seyn, so käme es mir vor, als sähe ich einen Schmetterling an einer dräthernen Kette sein Futternäpfchen ziehen, wie man Vögel abzurichten pflegt. Ich gönnte es ihr, daß sie sich von Blumen nährte.«

Ein wenig Wermuth bitterte auf Fabiens Lippen, da sie antwortete: »wenn ich die Schwägerinn so eitlem Treiben hingegeben sah, so gänzlich unbekümmert um das Eine, was Noth ist, dann dachte ich wohl an jene Stelle in den Psalmen, die da heißt: es wird ein grausamer Engel über Dich kommen –«

»Das ist denn der Gasthof zum Engel für die Aermste gewesen –« entgegnete die Nonne mit einem stillen Seufzer. Die beiden Prophetinnen theilten sich flüsternd mit, was sie von der Zukunft der jungen Wittwe dächten. Veronicas Schauen war ein gläubiges im Geist der Liebe, die allen Menschen Gutes wünscht, und das Beste gönnt. Und weil das Versagte uns das Höchste scheint, und die Reinheit des Ideals uns für den Nichtbesitz entschädigt: so that sich der Himmel vor ihr auf, der Himmel auf Erden, als wofür sie eine Ehe hielt, aus gegenseitiger Neigung geschlossen.

Der Fernblick der Frau Fabia hatte die Erfahrung für sich. Indem sie wußte, daß eine Frau auch Tugend und Treue bedürfe, um ihren Mann auf die Dauer zu fesseln, setzte sie das Glück in den Selbstgenuß eines reinen Bewußtseyns, und Theresen deshalb in den Fall mancher trüben Stunde, die sich von vergangenen Tagen herleite.

Frau Fabia mag auf ihre Weise Recht haben. Aber eben so gewiß ist es, daß jenes schöpferische Genie des Glückes, daraus die Poesie des Lebens, ja, das Leben selbst hervorgeht – in etwas Unbewußtem besteht, und daß die Erfüllung unserer Pflichten nicht hinreicht, uns selig zu machen, hier und dort. –

Unter den Pensionairen des Klosterhauses von Sanct Capella hatte nur Einer keine Notiz von dem traurigen Ereigniß genommen: Hauptmann Moorhausen, und der Administrator, trotz seiner Zerstreuung, ihn doch vermißt, da der gutmüthige Fabulist einer wahrhaften Theilnahme an Allem, was diese Familie betraf, sonst nie zu ermangeln pflegte.

Gegen den Abend – Sylvius de Romana war von einem einsamen Spaziergange in die Wildniß des Waldes noch nicht zurück – Frau Fabia für ihren Schwager mit Einpacken beschäftiget, und Herr Prälat allein in seinem Zimmer, um einiges Nöthige für seine Abwesenheit zu besorgen; da trat der Hauptmann bei ihm ein.

Obgleich Jener verdüsterten Blickes von seinem Schreibpult aufsah, als ob der Flor um seinem Arm ihm vor den Augen läge, so bemerkte er doch, er sähe den Hauptmann in der Staatsuniform. Die weißen Glaçee-Handschuh, blendend neu, doch mit einem gelblichen Schein vom langen Liegen – glänzten leichenförmlich mit gekreuzten Fingern auf dem Invalidenstocke, und deuteten trauerfeierlich auf den Tact der Condolenz, da von festlicher Eleganz anderer Art hier nicht die Rede seyn konnte. Seine Miene drückte den Anstand des Bedauerns, und einen Hinterhalt von Selbstgefälligkeit und Absicht aus. Er versicherte seine Theilnahme, und gemahnte in dem allegorischen Schwunge, den er dabei nahm, an die Sprache eines altmodischen Neujahrswunsches, der unter seiner Vignette, gepreßt mit den Insignien der Zeitlichkeit, einen Amor mit flammendem Herzen verbirgt, das im Verhältniß seiner Größe zu dem kleinen Gott jenes zwanzigpfündige anschaulich machte, wovon er einst erzählt.

Der Administrator dankte in Kürze und lächelnd. Er erkundigte sich nach des Hauptmanns Befinden und sagte, daß, da er ihn diesen Morgen unter den andern Offizieren nicht bei sich gesehen, er beinahe gefürchtet, Jener, welcher bisweilen an krampfhaften Zufällen litt, hätte sein Zittern wieder bekommen.

Der Veteran erröthete, faßte unter die straffe Halsbinde, räusperte sich und sprach: »au contraire, Werthester! ich war nie gesünder, und fühle mich wie verjüngt. Meine Natur –« »ist vortrefflich; ich weiß es –« unterbrach ihn der Administrator, der sich heute nicht stark genug fühlte, den Kampf mit dem Riesen dieser Imagination zu bestehen.

»Von Zittern keine Spur –« setzte der Hauptmann die Ruhmrede seiner Gesundheit fort, »und nur aus einem festen Grundsatze kam ich nicht früher. Mir widersteht die übliche, oder vielmehr üble Sitte, daß man mit seiner Theilnahme zudringlich werde, und en Masse über Einen herfalle, dem ein Trauerfall begegnet ist. Leidtragende mögten auf diese Weise unterliegen – und Delicatesse in der Freundschaft geht mir über Alles.«

»Sie ist die Grazie des Gefühls –« entgegnete der Administrator wie mit trübem Spott; doch konnte er nicht umhin, in dem, was Moorhausen gesagt, zum erstenmale etwas Wahres zu finden.

»Grazie! ja, auf Ehre!« antwortete jener, »das ist das rechte Wort.« Und das fletschende Lächeln, womit er es aussprach, gab den Inbegriff weiblicher Anmuth in die widrige Gewalt eines Fauns. »Diese Eigenschaft,« setzte er mit Grimasse hinzu, »ist jedoch nicht Jedermanns Sache, und ich glaube, ihr verdanke ich es allein, daß mir alle Leute gut sind. Ich muß etwas Anziehendes an mir haben – wo aber steckt es? dachte ich oft. Mir selbst unerklärbar. Als ich ein Knabe war, schenkte mir eine alte Pathe einen Magnet, in Gestalt einer Seejungfer – wir können nicht ableugnen, in manchem Sinnbild wirkt Magie. Mein Glück bei dem schönen Geschlecht war enorm – ich könnte Ihnen zum Erstaunen davon erzählen.«

Herr Prälat entsetzte sich vor dieser Möglichkeit und sprach hastig in jener flüchtigen Tonweise, die nicht zweifeln läßt, man wünsche verschont zu bleiben: »zu besserer Zeit, Capitain! ein andermal wird mir das viel Vergnügen gewähren.«

Doch nichtsdestoweniger verfolgte dieser Unabweisliche den Lauf der Rede wie folgt: »die Weiber – ich sage Ihnen –«

»liefen davon?« fiel der Administrator mit verzweifelndem Humor ein. Der Hauptmann stutzte betroffen, und jener setzte vergütend hinzu, »ich meine, aus Furcht vor dem Sieger.«

»Ah so!« antwortete der Cäsar des Invalidencorps, zufriedengestellt, »diese kleinen Feinde wissen sich in ihren Waffen zu behaupten. Doch Wer sich stark fühlt, der hüte sich nur vor einer Delila, die ihn an die Philister verräth. Auch dem niedlichsten Satan hätte ich mich nicht bei einem Haare fassen lassen. – So oft ich sogar auf eine Dame im Spiel pointirte, Tausend gegen Eins: ich gewann. Aber ein Mann von Ehre benimmt sich auch discret, wo er gewiß ist, sein Fortüne nicht zu verfehlen.«

Der Administrator warf einen vielsagenden Blick auf den kahlen Scheitel dieses Simsons, und rief mit einem stillen Seufzer das Glück an, statt seiner ein Thor der Erlösung zu erschüttern, daß er frei würde. Es verließ sofort seinen Prahler, der den Stuhl heran schob, als wolle er dem Zwecke seines Besuchs näher kommen – und entrückte ihm das Ziel.

»Jetzt freilich,« sprach der Hauptmann, »habe ich manchen bedenklichen Augenblick, daß ich die Gunst der Gelegenheit mir entfliehen ließ. – Was nützt mir all' mein aufgespartes Vermögen? mein schönes Geldchen, und mein Gut? ich genieße es allein. Das macht grämlich vor der Zeit. Ich bedürfte Jemandes, der mich erheiterte.«

Der Administrator lächelte ein wenig skoptisch, indem er erwiederte: »Wer so Viel in sich trägt, wie Sie, dächte ich, kann kaum in den Fall kommen, durch Gesellschaft zu gewinnen.«

»Den Teufel auch, mein Freund!« antwortete der martialische Moorhausen, durch den leisen Stich, der ihm schmeichelnd versetzt worden, empfindlich gereizt. »Ein Mann von so ungeheuern Erfahrungen wie ich, ist nur um so mehr einsam, und bedarf seines Gegensatzes, eines kindlichen Wesens, dem er imponirt, das er glücklich macht, und welches ihn ergötzt – und so habe ich denn längst reiflich überlegt und erwogen – Hm! Hm! es wäre das Zuträglichste für mich, ich heirathete. Nur schwankte das Schiff meiner Gedanken, nach allen Richtungen der Windrose; ich wußte nicht recht, wohin mich wenden? bis ich denn endlich wie durch einen plötzlichen Ruck fest in meiner Wahl geworden bin.«

Der Administrator starrte den Hauptmann an. Er dachte an eine Windsbraut, und wie das Schifflein, dem darnach gelüstete, vermuthlich auf eine Sandbank gerathen wäre. So sprach er nicht ohne einen Blick mitleidigen Ernstes auf den kühnen Segler: »Heirathen? Sie scherzen, Capitain.«

»Nicht daß ich wüßte –« antwortete Dieser, und zog die Stirn kraus. »Mir ist wahrhaftig in Gott! nicht spaßerlich zu Muthe. Auch wäre das zur Unzeit, Freund! weil aber die rechte Zeit treffen, ein Punkt ist, den ich stets im Auge gehabt – weshalb man mich auch beim Regiment den glücklichen Zieler zu nennen pflegte: so zog ich mich diesen Morgen in mein Zimmer zurück, und wartete bis jetzt. Ist das Gemüth einmal afficirt: so wird auch der beste Mensch leicht in Harnisch gebracht gegen eines Andern Anliegen. Man sagt: Weilen bringt Gefahr; aber die Eile thut es nicht minder. So erinnere ich mich, daß als meine Mutter im Sterben lag – es dauerte lange, und es ist schrecklich, daß auch Leute von Rang so ringen müssen – kamen Schlösser, Schreiner, und so weiter – um die Arbeit für die Leiche, die es noch nicht war, zu erbitten. Darob ergrimmte mein Vater dergestalt, daß er einen jener armen Handwerker, die um das liebe Leben zu fristen, dem Tode vorausgeeilt waren, beinahe gemißhandelt hätte. – An diese Scene mußte ich unwillkürlich denken, da ich Anstand nahm, früher als in diesem Augenblick mich Ihrer gütigen Fürsprache bei der Wittwe Ihres Herrn Bruders zu versichern. Uf! nun war's heraus. –«

Der Administrator zweifelte jetzt nicht mehr, daß Moorhausen den Verstand verloren hätte. Er meisterte daher sein sprachloses Staunen, und indem er in diese fixe Idee einzugehen schien, sagte er so vernünftig als möglich: »in der That, Sie fühlen fein; es wäre wirklich ein Stückchen Arbeit, was Sie in Theresens Hand ansprächen. –«

Ein Lächeln der Selbstzuversicht verklärte den alten Ehestandscandidaten. »Sie meinen,« sprach er, »die schöne Frau würde mir den Kopf warm machen? thut nichts. Die kleine Hexe hat mir's angethan – werde schon mit ihr fertig werden. Eine Gardinenpredigt hält Die nicht, dafür stehe ich Ihnen. Und diese fatale Theologie macht nur verstockte Sünder und Langeweile. Wir liefern kleine Gefechte, allerliebste Scharmützel. Sie giebt mir Eins drauf – ich aber liebe das.« »Capitain Moorhausen,« versetzte Herr Prälat, dessen Stimmung nicht darnach war, diesen Unsinn länger auszuhalten, »Sie sind ein eben so einsichtsvoller als expediter Mann. Wie zeitig Sie auch in dieser Angelegenheit kommen, ich habe dennoch Grund zu glauben, es geschähe in jedem Sinne zu spät. Sollte meine Schwägerinn sich wieder verehelichen: so steht ihr der Mann, den sie wählt, zweifelsohne schon zur Seite. –«

Dem Hauptmann entfiel der Stock, sein Gesicht verlängerte sich zusehends. Der Administrator bückte sich nach dem Bambus, und legte ihn in die Hände, an denen jenes erwähnte Zittern sichtlich zu werden anfing. Und mit unverkennbarer Redlichkeit redete er sofort: »sehen Sie diese zutrauliche Erklärung meiner Seits nicht für einen Korb an; auch reiche ich Ihnen hiermit nicht den Stab zum Weitergehen in dieser Absicht. Nein! nur einen Stützpunkt auf dem einsamen Gange, der unter manchen Umständen, und in gewissen Jahren auch sein Gutes hat. Zuweilen borgt der Geist der Lüge die göttliche Stimme, welche einst sprach: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey.«

Der Hauptmann verstummte. Er bat nur noch, daß sein Vertrauter auch schweigen möge. Die Glaçeehandschuh platzten bei dem Händedrucke des Abschieds, den er bald darauf nahm. Der Krampf zog ihm die Brust zusammen, das Herz schlug Chamade. Er ließ die Flügel tief hängen – und selbst der kleinste Querpfeifer bei seinem ehemaligen Regiment würde diesen Preiswürdigen jetzt nicht »den glücklichen Zieler« genannt haben.

Josephine war nur ein paar Wochen in Bühle. Obgleich – nach der Zeitrechnung des Geistes – fast kein Augenblick verging, in welchem ihre Gedanken nicht hinüber schwebten nach St. Capella und weiter noch, da sie ihren Schutzfreund auf Reisen wußte –: so machte doch ihr jetziger Aufenthalt sein Recht auf dies empfängliche Gemüth geltend. Die traumhafte Stille des Schlosses, der melancholische Reiz seiner Umgebungen, die einsiedlerische Schwermuth der Gräfinn, die selbst der Umgang ihres liebenswürdigen Kindes nicht zerstreuen konnte – die unheimliche Welt ihres Vaters, welche schweigsam die magischen Kreise zog, wirkte, vereint mit der Stimme der Natur, auf das junge Mädchen, dessen Herz jedem tiefen Eindruck offen war. Der Frühling hatte sich indeß entfaltet, und prangte in völlig aufgeschlossener Schönheit. Auch in die dumpfen Zimmer und Säle des herrschaftlichen Hauses von Bühle drang sein milder Hauch, und die warmen Sonnenschatten von den aufknospenden Blättern der Linde spielten an den kalten Wänden, und mischten ihren lebendigen Schein mit dem todten Ernst der Ahnenbilder. Der Brunnenstrahl blitzte vielfarbig, wie ein Ueberfluß von Diamanten, und sein eintöniges Rauschen weckte eine Quelle der Ahnung in dem Herzen seiner düstern Anwohner, und floß mit dem Strom von Lust, Leid und Leben zusammen, der die verjüngte Schöpfung schwellte. An einem der schönsten Abende hob Graf Frankenstern den Blick vom Boden auf, über den die Sonne lange goldene Brücken schlug, so daß die Möglichkeit ihm einleuchtete, sie zu passiren. – Er hatte den lieben langen Tag mit so tief gesenktem Auge vor sich hin gesehen, als wolle er das Räthsel des Daseyns ergründen; doch als jetzt das himmlische Licht über diesen Abgrund schien, verlangte er, Josephine solle ihn in den Garten führen. Dies war unerhört. Seit Jahren hatte der Graf keinen Spaziergang gemacht, und nur den Sitz im Sessel mit dem Polster der Kutsche vertauscht. Freudig gehorchte das Mädchen, und reichte schnell, ehe der Vorsatz ihn gereue, Hut und Stock dar, und schlang ein kleines Tuch von Persischer Seide zur Fürsorge um seinen Hals. Die Gräfinn wollte nachkommen.

Vorsichtig leitete Josephine den schwachen Greis die Treppe hinab, und unterstützte ihn zart, doch jugendkräftig. Seine gleitenden Schritte, das fühlbare Wanken des verfallnen Körpers bewegten ihr das Herz im Busen, und ihr elastischer Fuß ging so langsam als möglich. Der Bediente öffnete das eiserne Gitterthor und geleitete seinen Herrn mit theilnehmenden Blicken von ferne. Sie traten in den grünen Bezirk. Alles stand hier noch unverändert; nur die jungen Bäume waren groß und stark geworden, seit der Graf sie zum letzten Male gesehen, einige hingen voll Blüthen, und schimmerten mit weißröthlichen Büscheln lieblich zwischen dem finstern Gehölz.

Josephine athmete tief – und ein leiser Seufzer, ein Odem von langem Weh, schwebte auf den stummen Lippen des Grafen, und vermischte sich mit der Wonne der süßen, ambrosischen Luft. Beinahe taumelnd vor Schwäche, strebte der Graf doch weiter und weiter, obgleich Josephine ihn bescheiden aufmerksam machte, es mögte ihm für's Erste wohl zu viel werden. So waren sie an einen Platz gekommen, der eine schöne Aussicht bot. – Unter einer breitästigen Esche winkte ein weißer Gartenstuhl, so hart und kunstlos, als hätte ihn ein Eremit geflochten – zur Ruhe. Der Graf ließ sich mit Hülfe seiner Führerinn darin nieder, und Josephine setzte sich schmeichelnd zu seinen Füßen. Es war eine kleine Anhöhe. Der Wind kräuselte sanft das grüne Meer der Saat, ein lindes Säuseln, wie von Geisterflügeln, regte sich in den Wipfeln des Baumes. Eine ahnungsvolle Stille rings umher! – Der Graf senkte das Gesicht, um sein Auge an dem frischen Anblick zu stärken. Er sah die Ernte im Geist – und die dünnen Halme seines Haupthaars weheten silberweiß auf und nieder, als wäre das Feld nun reif und der Schnitter in der Nähe.

»Die Welt ist doch schön!« sagte er nach einer beschaulichen Pause, »wenn das Leben so hervorgeht, und Alles wach wird: wach!« Und mit fallender Stimme setzte er scheu und furchtsam hinzu: »gehst Du gern schlafen, mein Kind?« –

Josephine fuhr aus träumerischem Sinnen empor. Sie antwortete: »ich? wenn ich müde bin, sehr gern. Der Schlaf, die Ruhe der Wesen, ist etwas recht Holdes. In sanfter Betäubung stärkt sein Labsal. Wer mögte ihn nicht lieben, diesen Wohlthäter? – Auch beunruhigt mich nie ein böser Traum – höchstens träume ich seltsam. In der verwichenen Nacht wärmte ich einen Schneekönig an meiner Brust – der war erstarrt; plötzlich flatterte er auf, und verschwand in den Wolken – und traurig sah ich ihm nach.«

»Schneekönig?« erwiederte der Graf, »das ist ein kleiner Vogel, nicht wahr?« Und wie aus einem Geklüft seines Gedächtnisses tönte ein Echo jener Stelle: »der Mensch wird geboren zu leiden, wie die Vögel schweben, emporzufliegen.« – In vergleichendem Sinne sagte er: »die Vögel des Waldes sind glücklicher daran als wir; sie steigen aufwärts mit fröhlichem Gesange – die Tiefe nur ist still und schrecklich. Wer aber schläft, ist allein, ist in Gefahr, und schließt sich sein Auge, dann –« Josephine sah mit offenem blauen Auge zu dem Greise auf, der unter einem Schauer verstummte, ehe er noch ausgeredet hatte. Sie sprach mit leidsamem Widerspruch: »das will mir nicht so vorkommen, lieber Herr Graf. Die Menschen sind einsam, und daß sie es wissen, ist ihr größter Schmerz. Wer aber schläft – und wäre es auch im Grabe – genießt unbewußt Frieden, und Gott schützt den Schlummer des Gerechten! –«

Graf Frankenstern schien sichtlich erschüttert durch diese Rede des Mädchens. Mit zitternder Lippe wagte er etwas auszusprechen, was ein halbes Säculum nicht laut in ihm geworden war: das Bannwort seines Dämons. Er sah Josephine dunkeln Blickes an, und sagte: »so fürchtest Du Dich nicht vor dem – Tode – mein Kind?«

Ein unsterbliches Lächeln verklärte mit der Abendsonne zugleich Josephinens reine Züge. »Nein! gewiß nicht!« versicherte sie mit Innigkeit. »Ich halte dafür, der Tod sey ein verkannter Engel; kein Bote der Schrecken. Er kommt ja auch nur auf Gottes Geheiß: wie sollte er einer kindlichen Seele nicht willkommen seyn – früh oder spät! – Das kleinste Blümchen zerstiebt, und wenn seine Zeit da ist, erblühet es auf's neue; die Sonne geht unter und schöner wieder auf, und das Herz, welches selbst im Traume den kleinen Schneekönig erwärmt, sollte erstarren – und nicht für den Himmel schlagen? – Könnte ich glücklich machen, Alle, die ich liebe, ich gäbe gern die kleine Blume meines Lebens hin.« Ein paar Thränen rollten, als Josephine dies sprach, von ihren Wangen, und der Thau auf einer jungen Rose glänzt nicht schöner.

Dies war der wunderbare Moment, der eine gequälte Seele erlösete. Der Graf athmete auf mit leisem Stöhnen, wie Einer der erwacht, und sprach: »ich sehe ein, daß Du recht hast, mein Kind, und wie bleiern meine Augen geschlossen gewesen. Mir ist, als ob ein Gespenst verschwände – als ob es Morgen würde. Mir ist recht klar. Nun will ich erst noch einmal zu leben anfangen. Sieh! was dort so golden funkelt, ist das nicht Sanct Capella? vorhin erkannte ich es deutlich. Wir wollen nun nächstens einmal hinüber fahren.« Josephine lächelte wehmüthig, und das Herz war ihr unsäglich schwer. »Und glaubst Du wohl,« fragte der Greis abermals nach einer stillen Weile, »daß ich die Abendglocke höre?« Dem Mädchen kam ein Grauen an: es war fast unmöglich in dieser Entfernung. »Ich bin doch müde von dem kurzen Gange,« sagte er mit matter Stimme, »laß mich ein wenig an Dich lehnen – oder ist Deine Brust auch krank? –«

Josephine umschlang mit weichem Arm seine Schulter, und drückte das sinkende Haupt sanft an sich. Sie schwieg bange, und schaute geängstet aus, wo die Gräfinn nur bleiben möge? Da kam Albane. Das leichte Rauschen ihrer Schritte, den Gang, der ihm so treu durch die Wüste des Daseyns gefolgt, vernahm ihr Vater noch einmal. »Mir däucht, ich sähe meine Frau –« stammelte er kaum verständlich, »warum sprichst Du so leise? – –« Und jetzt sprach der Graf nicht mehr, und athmete schwächer und schwächer. Die Gräfinn knieete in's Gras und faltete die Hände; ihr Gebet war ein unaussprechlicher Seufzer. Josephine glühte wie eine Fackel. Angst und Abendschein gaben ihr die flammendes Gestalt eines Cherubs. Sie glich dem Genius des Todes, wenn er sich des müden Menschen erbarmt: dem Sinnbild ihrer eigenen Vorstellung. Mit bebender Hand streichelte sie den kühlen Scheitel, den der Gedanke verließ, und dessen Sinne schon geschlossen waren. Sie legte den Finger prüfend an den Puls der Schläfe, und fand ihn stockend – nun stand er stille.

»Er ist gestorben –« sagte Josephine mit der allerleisesten Stimme, als könnte ein Laut ihn wecken.

Albane schwieg noch immer und weinte nur heftig. So blieb die Gruppe lange in heiligem Verstummen.

Jetzt schlief Josephinen der Arm ein; denn der Todte ward starr und schwer. Sie lehnte ihn zurück in den Sessel, und die Seinen schauten nun in sein erblaßtes Angesicht.

»O mein Vater!« sagte die Gräfinn mit heißen Thränen, »kann man leichter und schöner sterben, als Du? Dein ganzes Leben war nur eine Flucht vor Dir selbst, eine Furcht vor dem Tode, und freundlich erschien er Dir, und ereilte Dich zu lieblicher Stunde.« In zerrinnenden Bildern sah Albane sein hartes Geschick und was sie mit ihm ertragen. Und so ergoß ihr gepreßtes Herz sich in den bekannten Strophen: »schlummre wohl indeß, du träge Bürde seines Erdengangs! ihren Mantel deckt auf Dich die Nacht, und ihre Lampen brennen über Dir im heil'gen Zelte. – «

Es schien der Gräfinn bedeutsam, daß ihr Vater unter einer Esche verschieden wäre, welchem Holze dieses Baumes man eine wundstillende und schmerzheilende Kraft zuschreibt. –

Die Sterne brannten schon am Himmel, und ihr feierliches Licht fand jene Gruppe noch unverändert. Jetzt fing die Abendluft an kühl zu werden; die Gräfinn erschauerte in jenem Frösteln, welches man nur in der Nähe des Todes empfindet, und auch Josephinens blühende Wange war sehr blaß. – Auf einen Wink der Ersteren ward der weiße Gartensessel mit seinem stillen Inhaber sacht und sanft aufgehoben, und nach dem Schlosse getragen. Hier ließ man die Vorhänge tief herab, und die entseelte Hülle auf ein Lager nieder. Viele Kerzen wurden angezündet, auf daß es hell würde um den allerdunkelsten Schlaf. Albane und ihre Tochter setzten sich zu beiden Seiten des Verstorbenen, und blieben die Nacht hindurch bei ihm, weil sie fürchteten, er könne im Starrkrampf liegen. Hätte der Graf dies vorausgesehen: der traute Anblick dieser ersten Nachtwache würde ihn sein Lebelang beruhiget haben. An der Kerze, welche ihren geheimnißvollen Schein auf seine schweigsamen Züge warf, blühete ein glimmender Brief – dies Auge aber war geschlossen, und las keinen mehr. Es hatte sich für jenen Freibrief geöffnet, der nicht mit Dinte geschrieben ist, oder Funken, oder in den rinnenden Sand der Zeit, sondern mit dem Geiste des lebendigen Gottes.

Draußen erwachte der Gesang der Lerche, und vor der goldnen Leuchte des Tages erbleichte das nächtliche Licht. Ein purpurner Schimmer breitete sich mählig über den Leichnam aus – da verließ ihn die Gräfinn unter den Flügeln der Morgenröthe, und begab sich zur Ruhe, deren ihre erschöpften Kräfte bedurften. Auch Josephine wankte von hinnen, zu versuchen, ob sie ein wenig schlummern könne? doch ihre Pulse klopften wie im Fieber, und das Herz schlug hoch und ängstlich unter dem weichen Sterbepfühl ihres Großvaters.

Wie Albane es sich im Stillen gelobt: so geschah es. Die Section des Grafen ward, nachdem der Arzt die Auflösung desselben dargethan, ohne Geräusch vollbracht, und dann – da kein eigentliches Familienbegräbniß in Bühle vorhanden war, sein sterblich Theil in Sanct Capella beigesetzt. Das Herz ihres Vaters aber blieb, in einer Urne verwahrt, ihr Eigenthum. – Um jedes Aufsehen zu vermeiden, ging die Bestattung zu später Zeit vor sich, und nur das Heer der Sterne gab dem düstern Leichenzuge Glanz und Geleit. Still, wie der Thau der Nächte sinkt, fielen Albanens Thränen, und Josephine dachte mit Wehmuth daran, wie der Graf wenige Augenblicke vor seinem Abscheiden von der Fahrt nach dem Stifte gesprochen. –


Nachdem der Administrator seiner brüderlichen Pflicht vollkommen und nach bester Einsicht genügt, kehrte er, zufrieden mit dem Abschluß dessen, was ihn hierher gefordert, nach seiner Heimath zurück. Auf der langen Reise hatte er Muße, über dies Fragment seines Lebens nachzudenken, und auch die tiefsinnige Neigung dazu. Seine Brüder waren nun beide todt. Die Beschäftigung mit den Papieren des Jüngstverstorbenen hatte ihn dem Constanz inniger verschwistert, als das Vermächtniß der mütterlichen Natur ihn jemals fühlen lassen, daß sie ihnen Einen Vater gegeben. Er nahm ein besonderes Gefühl von Einsamkeit mit hinweg – er stand nun allein. Wunderbar genug war Therese, welche länger als zwei Jahre in häuslicher Verbindung mit ihm gelebt, ihm fast entfremdet worden, im Gegensatz zu der Erfahrung, nach welcher eine Auflösung durch den Tod Familienbande selten erschlafft, sondern sie vielmehr enger zieht. Auch hätte die Weite den Verknüpfungspunkten ihrer gegenseitigen Anhänglichkeit wohl am wenigsten geschadet. Ein anderer Schutzfreund nahm sich ihrer innigst an, und solch ein Edelstein für weibliche Fassung ist immer ein Solitair. Diese Regel ist ohne Plural. –

Es lag nicht in Theresens Wesen, Schmerz zu heucheln, mit Thränen Prunk zu treiben, oder sich in der Rolle einer Artemisia zu gefallen. Mit bewundernswürdiger Gewandtheit veränderte sie den Faltenwurf des Trauerflors, und verhüllte nur ganz leicht die Brust, voll von dem Wunsche, das Leben möglichst zu genießen, und kaum die Blöße der flatterhaften Schultern, welche keinen Kummer tragen könnten. So hatte die schöne leichtsinnige Frau es ihrem Schwager keinen Hehl, daß sie, sobald der Anstand es nur irgend erlaube, den Lieutenant Feldmeister heirathen werde, und sich von diesem Bündniß des Glückes Fülle verspreche. Mit jenem entziffernden Instinkt der Schlauheit, welche unser Geschlecht in den geheimsten Zügen eines Männerherzens lesen läßt, verschwieg sie ihm die Leidenschaft, welche diese Bürgschaft leistete, und sprach nur von den soliden Eigenschaften des künftigen Gatten, von seinem Erbvermögen, was sie über jeden Mangel hinwegsetze und sicher stelle; als ob sie darin die Gewähr fände, welche zunächst auf dem Grade ihrer eigenen Zuverlässigkeit beruhete.

»So dürfen wir auch hoffen,« setzte Therese wie zum Facit der aufgezählten Summe ihrer Hoffnungen hinzu, »daß die gute Baronin uns ihr schönes Gut vermache. Sie hat schon ein Wörtchen davon gemunkelt. Dann lebe ich den Sommer über hier, glückselig wie eine kleine Fee in meinem Blumenreiche. Den Winter aber bringe ich in der Stadt zu. Eine Offiziersfrau steht immer ein wenig auf freierem Fuß, auf halbem Sold ihres Standes gleichsam, und ist von den Philistern entlassen. – Sieh! so geht bei uns das Sprüchwort in Erfüllung, wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.«

Der Administrator hing schweigend an diesem geschwätzigen Munde, dem er so oft ein willigeres Ohr geliehen – und sprach jetzt wie von einem plötzlichen Ingrimm überrascht: »nun so spanne Deine Tauben vor den Wagen der Liebe, und sorge, daß ihrer keine der Geier hole.«

Therese sah ihren Schwager betroffen an. »Bist Du mir böse, Cölestin?« fragte sie, scheu geworden, »und dem Rudolph bist Du wohl auch nicht gut?«

Herr Prälat verneinte mit Hitze jede Animosität gegen den Nachfolger seines Bruders, und sagte dann: »wie sollte ich Dir zürnen, Therese? Du bist ein Weib! –« Er lächelte bitter. Es lag viel herbe Wirklichkeit in diesem Lächeln, der Zauber jener kleinen einschmeichelnden Gaukeleien, die das Urtheil eines Mannes so leicht verblenden, war verschwunden. – Er nahm einen kühlen Abschied von der künftigen Frau von Feldmeister; Theresen aber schossen ein paar warme Thränen in die Augen.

Die Baroninn Lenau empfand, vermöge der Sympathie ihres Geschlechts, den Kaltsinn, der ihre Schutzbefohlne betrübte, und sagte, als diese weinte: »das ist nun nicht anders, meine Goldtochter! wenn das Kind todt ist, hat die Gevatterschaft ein Ende.« Theresen aber fiel der Taufstein auf das Herz. –

Der Administrator hing, wie wir bereits erwähnt, seinen stillen Betrachtungen nach. Wie anders erschien ihm Therese als sonst! Nicht der Bruder ihres Mannes war in ihm gekränkt, sondern der Mann im Allgemeinen. Er bedauerte es nun nicht mehr, daß ein mitleidiger Tod den armen Constanz einer schlimmeren Verkältung entrissen. Er dachte an die Worte des Majors. Dabei konnte er nicht umhin, mit inniger Achtung Fabiens zu gedenken. Er gestand sich, daß der pflichtgetreue Sinn einer Frau wohl die Gabe aufwöge, den Augen eines Mannes zu gefallen, und Theresens Liebreiz sank gegen den charakteristischen Gehalt ihrer Schwägerinn tief in der Wagschale. – Doch man vergesse nicht, daß Therese abwesend war. –

Wenn nun Fabiens Gatte die Augen auf immer vor einem Phantom geschlossen, und Theresens Gemahl einem Schatten nachgejagt, der ihn vor der Zeit ins Grab stürzte: so mußte die philosophische Selbstfrage in dem letzten der drei Brüder entstehen: von welchem Geist und Wesen sein Streben sey? Er stieg bis in die Gründe seines Herzens hinab, und was er da gefunden, wollen wir einstweilen auf sich beruhen lassen. – Dort lag seine Jugendliebe unter tiefem Schutt in sich selbst zerfallen; aber der Glaube an diese göttliche Kraft stand noch fest, und die Freundschaft unterstützte ihn, wenn gleich als Kummersäule. Die Nachricht von der Ankunft der Gräfinn hatte seinen Freund Sylvius außer sich gesetzt, und der Administrator ihn in dieser äußersten Aufregung verlassen müssen. Jetzt dachte er bekümmert darüber nach, was aus diesem ganz einzigen Verhältniß nun werden solle? – In den zartesten Beziehungen hing ein Theil seines eigenen Glückes davon ab – und nicht der kleinste.

Mit aufgehobenem Gleichgewicht seiner Empfindungen kam er in Sanct Capella an, und das Erste was er vernahm, war: daß Graf Frankenstern unterdessen ein stiller Bewohner des Stifts geworden sey. Der Verweser desselben erschrak über diesen Verwesenden; denn daß Gräfinn Albane nun wegziehen und ihre Tochter mit sich nehmen würde, war die natürlichste Ideenfolge; aber sie führte ihn traurig ein. Er trat in das Kloster wie in eine Einöde. Seine Wohnung däuchte ihm unsäglich weit, und so war es ihm im Stillen lieb, daß er am Abend seiner Heimkehr mit Fabia nicht ganz allein wäre. Der Major und Schwester Veronica kamen, den Wirth des Hauses willkommen zu heißen. Der Administrator stattete Bericht ab, jedoch in Kürze, und hier und da sogar abgerissen. Fragen der Frauen, querfeldeingeschoben, konnten den Zusammenhang nicht durchaus ergänzen, wie sehr es auch der apostolischen Fabia zuwider war, daß ihr Wissen, wie das unser Aller, nur Stückwerk seyn solle, und wie auch Veronica, die fromme Tochter der Kirche, ihre Abstammung nicht verleugnete, und sich diesmal als Evens Tochter bewies. Wir sprechen die gute Nonne selig, aber von der Erbsünde einer kleinen Neugier gar nicht frei. –

Herr Prälat lief flüchtig über die Vorgänge der Krankheit und über den Hügel hin, darunter sein Bruder schlief, und hielt sich nur etwas länger bei dem Glück des jungen Feldmeisters und dem Gute der Baroninn auf, was auch zu diesem gehörte. Von Theresen sprach er vermeidlicher Weise so wenig als möglich. Man nahm das Geschick dieser Beiden als ein entschieden gepaartes an, und stellte unter mancherlei Bemerkungen dieser Ehe das Prognosticon.

Der Major hob an: »der Rudolph hat Glück, und ich gönne es ihm von Herzen, denn er verdient es auch. Er ist ein tüchtiger Mensch, ein ehrenwerther Soldat – doch mag er sich in Acht nehmen, daß er nicht zu einem verrufenen Regiment komme. Der Pantoffel ist sein Schicksalszeichen – und die verfängliche Devise nicht immer von Kraftmehl. Die Schleifen auf dem Schuh seiner alten Fee waren, wie mir die Obristinn erzählte, von gesponnenem Glase. Eine gefährliche Masse, das! man macht auch kleine Sprühteufelchen davon. Und dabei fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein. Als ich ein Knabe war, ließ ich einst zur Fastnacht einen Reserve-Pfannkuchen in die Tasche schlüpfen, worin solch ein gehörntes Ding stack. Alsbald fuhr der Grünliche durch die geschmorte Rinde in die schwarze Hölle der gegossenen Pflaumen hinein, und that wie zu Hause. Ich aber aß den leidigen Satanas wie zur gesegneten Mahlzeit, und würde es bis jetzt noch nicht wissen, wenn mir nicht ein Splitter von diesem heillosen Füllsel die Zunge geritzt hätte.«

»Gott behüte und bewahre!« rief die Nonne mit frommen Schaudern vor solch leiblicher und geistlicher Gefahr, und die Geberde des Entsetzens wurde in der Mechanik ihrer Finger zu einem Kreuz, »wie war es möglich, daß Sie ohne Schaden davon kamen?« Der Major lachte und sprach: »Was verdaut man nicht Alles, wenn man jung und gesund ist! – Mein Vater tobte, daß ich den Teufel im Leibe hätte; und die Mama kochte ohne Unterlaß Milchbrei, den sie mit mütterlichen Thränen salzte. – Aber um wieder auf das Vorige zu kommen: so will ich von Grund der Seele wünschen, daß die beiden Leutchen sich vertragen, und einander das Leben nicht versalzen mögen.«

Fabia lächelte ganz leise. Sie sprach: »Therese lässet ihre Lindigkeit kund werden Jedermann – und das Küchenwesen war nie ihre Sache.« Der Administrator bemerkte still, wie seine schriftkundige Schwägerinn sich glimpflich auszudrücken wüßte, indem sie doch verständlich genug andeutete, daß Coquetterie und Mangel an Häuslichkeit, diese Fehler, welche sie so oft zum Aerger gereizt hatten, der ehelichen Glückseligkeit, von der die Rede war, schädlich werden könnten. Und wie in unbewußter Gewohnheit, sich Theresens anzunehmen, nahm er das Wort und sprach: »der Geist einer guten Ehe kann dessenungeachtet bestehen. Wie manche treffliche Speisemeisterinn kocht Gift, vergällt ihrem Manne jede Freude, und brät ihn am langsamen Feuer! –« »Ach!« entgegnete Veronica, schauernd bei dieser Vorstellung, mit einem kühlenden Seufzer, »Das kann ich mir schrecklich denken. Zwar in der Welt, sagt man – soll es da oder dort so seyn. Die Frauen, hörte ich, trachten nach eitlen Dingen, sind fremd daheim und wissen nicht Bescheid, weder im eigenen Hause noch in der Herzenskammer des Mannes. Sogar die Kindlein – wenn es nicht etwa böser Leumund redet – sind ihren Müttern häufig eine Nebensache, und öfterer lästig als lieb.– Ich bin nur eine Jungfrau – aber daß mein Geschlecht dahin entartet wäre, scheint mir kaum möglich. So darf man sich jedoch nicht wundern, wenn heut zu Tage so viele Männer die schönste Gelegenheit links liegen lassen, das göttliche Gestift des Ehestands aufheben und leider Gottes! ledig bleiben. Wenn unsere Frauen fleißiger den Himmel bauten: so würde sich seltner ein Stein des Anstoßes für das Heirathen finden.«

Der Major ergriff die heilige Hand der Nonne, und drückte sie etwas derb, wenn auch mit Verehrung, indem er sprach: »Hoch hinaus wollen sie wohl; aber es wird ein Thurm zu Babel daraus, eine Sprachverwirrung ohne Gleichen. Wo eine Frau den Mann verstände: da wäre die Loosung: Ein Gott! Ein Herz! Eine Seele! Ein Glück und Ein Grab! – Dem Himmel sey's geklagt! es lautet anders – und tiefer besehen, denken sie nur an die Grube. – Sie, Schwester Veronica, wollte ich heute noch ehelichen. Sie würden jeden Mann nicht allein glücklich gemacht haben, sondern auch gut

Bei dieser Erklärung in Kürze erröthete Veronica durch die blasse Tünche des Alters so jungfräulich schön, als hätte dies rauhe Betasten ihrer zartesten Gefühle auf der feinen Zeichnung des Gesichts eine Spätrose abgerieben. Herr Prälat kam ihrer bescheidenen Antwort zuvor und sprach: »an den Motiven zur Ehe mag es zumeist liegen, daß so wenige Segen tragen. Auf welches Fundament werden sie gegründet? – Ich erinnere mich, daß meine Tante vermittelst einer Karte, der einzigen französischen Leichtfertigkeit, die das plattdeutsche Pfarrhaus aufzuweisen hatte, die innersten Herzensgedanken jedes Bräutigams in der Gemeine heraus brachte, indem sie dabei ein Sprüchelchen im Munde führte, wovon ich nur den Anfang noch weiß: der Eine thuts um der Ducaten, der Andre um ein schön Gesicht – wobei der Onkel, wenn er guter Laune war, die Reihenfolge unterbrach, und mit poetischer Freiheit darauf reimte: gerathennicht! – Zwölf Aussprüche enthielt dies psychologische Orakel. Zwölf? lieber Gott! das sind falsche Apostel. Legion heißt ihre Zahl, und dann wäre der Einzige noch nicht darunter, auf den sich bauen läßt: wahre Liebe

»Wahre Liebe!« wiederholte der alte Feldmeister, und es war, als ob das leise Spottlächeln, welches ihm auf der bärtigen Lippe schwebte, jenes Wort mit der Andacht des Gefühls ausgesprochen – hohnneckte. »Es ist damit,« fuhr er fort, »wie mit dem alleinseligmachenden Glauben: wie Viele bekennen sich bloß äußerlich dazu, ohne diese göttliche Mutter des Heils im Geist und in der Wahrheit zu verehren. Die Mehrzahl der Männer besteht aus heimlichen Mohamedanern – getaufte Weiber in Massen sind dem heidnischen Götzendienste zugethan; in der Ehe aber herrscht das Judenthum vor, und der Erlöser wird da tagtäglich gekreuziget, so daß ihm die Lust zur Auferstehung wohl vergehen mögte.«

»Wer Sie so hörte, Herr Major,« entgegnete hierauf die Nonne, welcher es leise beängstigte, so oft ein religiöses Bild, behuf der Rede gebraucht ward, »der sollte glauben, Sie sprächen aus Erfahrung. Und doch weiß ich von guter Hand, welch ein friedliches Stillleben Sie mit Ihrer lieben seligen Frau geführt haben, wie man diese allgemein als eine ganz vortreffliche Dame gerühmt – der Meriten ihres Ehemannes zu geschweigen.«

Dieser verbindliche Ausfall auf den seinigen, womit Veronica weiblichen Sinnes sich erwiedernd zeigte, schien von niederschlagender Wirkung auf den Major zu seyn. Die Menschen an ihre Verdienste wie an ihre Verluste zu erinnern, erreicht fast immer den Zweck, sie aus den Vortheil des Angriffs in jene leidsame Stellung zu versetzen, die der Geschmeichelte wie der Gerührte unwillkürlich annimmt. – Die buschigen Braunen des Majors zogen sich zusammen, und seine Augen wurden feucht; das sanfte Bild seliger Tage schwamm in seinem Blick. Mit schwankender Stimme antwortete er: »meinen Sie, Schwester Veronica, daß, wenn jene Erfahrung meine eigene wäre, ich sie ausgesprochen haben würde? – Meine Frau war gut und brav, und als sie todt war, da merkte ich erst, wie sehr sie es gewesen. – Doch deßhalb widerrufe ich kein Jota von dem Obigen. Gott besser's! es ist an der Zeit.«

Es war auch an der Zeit, dies Gespräch zu enden. Fabia, verstimmt durch die Vertheidigung des Schwagers, die er der abwesenden Therese nicht minder als der gegenwärtigen angedeihen ließ, hatte kein Wort mehr gesagt. Ihr däuchte, sie hätte die Kosten dazu getragen. Sein Urtheil schien ihr eine Geringschätzung derjenigen Verdienstlichkeiten zu enthalten, in denen sie sich auszeichnete. Sie wünschte, er mögte einmal zu der Einsicht gelangen, wie hoch eine gute Wirthinn zu halten sey. Sollte dies jedoch geschehen: so mußte er die treue Fabia vermissen. Und indem der Major davon sprach, daß er die abgeschiedene Gattinn erst vollkommen gewürdiget, regte dies den Gedanken in ihr an, zu scheiden. Sie legte in gekränktem Geiste das Amt der Schlüssel nieder, und ahnete nicht, daß diese Handlung in der Idee der Wirklichkeit nur um einen leisen Schritt vorauseilte.


Noch immer hatte Gräfinn Albane sich entschieden geweigert, ihren Gemahl zu sprechen, weil sie sich die Kraft dazu nicht zutraute. Sylvius, der das Heil seiner Beruhigung daran zu knüpfen schien, daß seine Frau ihm angehöre, ließ nicht ab mit Dringen, und setzte alle Hülfsmittel in Bewegung. Fabiens Zureden schürte den Funken, der in der Asche glomm, worin Albane büßte – und Josephinens rührende Fürsprache gewann endlich ihrem Vater die heißersehnte Gunst. Der Tod des Vaters hatte seine Tochter dergestalt erschüttert, daß sie glauben mogte, die heftige Bewegung, in welche die Zusammenkunft mit ihrem Gemahl sie versetzen mußte, werde drein gehen. Und so war der Entschluß dazu gleichsam ein Abschluß aller bisherigen Verhältnisse, und sogar erforderlich, um Josephinens willen.

In der Stunde, worin die Gräfinn ihren Gemahl in Bühle erwartete, saß sie am offnen Fenster und allein, von jener säuselnden und summenden Frühlingsstille träumerisch umwebt, welche aus dem Schlaf des Herzens, aus seinem innersten Düster herauf, Gefühle der Vergangenheit beschwört. Als sie den Hufschlag seines Pferdes vernahm, stand der Schlag in ihrem Busen stille, und nicht dies Herz selbst, nur ein Seufzer flog ihm entgegen. Jetzt hörte sie seinen Schritt auf der Treppe – sein Näherkommen – Zeit und Erfahrung hatten mächtige Fortschritte gemacht, seit sie den Besuch ihres Gemahls zum letztenmale in Bonna empfangen: dennoch drang dieser vertraute Hall wie einst an ihre Seele, und keine Empfindung, über welche er sonst Macht geübt, konnte ihm entweichen. Er trat langsam ein, Albane zitterte heftig, unvermögend sich aufrecht zu erhalten. Sylvius blieb wie gefesselt und gebannt an der Thüre stehen, und warf einen unaussprechlichen Blick nach der geliebten Gestalt, welche sein gewesen war – und eine weite wüste Welt lag zwischen ihnen. »Albane!« sagte er leise, und ein paar große Thränen rollten über seine Wangen, »bin ich Dir gar nichts mehr? –« O! welch ein Zauber liegt in der Stimme eines Menschen, der uns theuer ist oder war! – Solch eine Stimme enthält den Schlüssel zu jedem Geheimniß der Harmonie, und kann, ob sie durch tausend Mißverhältnisse hindurch klänge, nie zu einem Mißlaut für die Seele werden, darin einmal ihr Echo wohnte. Sylvius hatte seinen Jahren voraus gealtert, und Der, den die Morgenröthe der Jugend einst zu den Göttern erhoben, zeigte sich gebeugt von menschlicher Schwachheit; aber die Stimme war ihm geblieben, mit der er die Geliebte einst bewegt, daß ihr unsterblicher Antheil der seine würde. –

Die Gräfinn wendete sich nach ihm um, mit einem Lächeln der Verzeihung, der Abgeschiedenheit – wenn wir so sagen dürfen; es war das geistigselige Lächeln eines Schattens, was auf ihren Lippen schwebte, die so wenig eines Lautes mächtig schienen, wie ein körperloses Wesen der Rede fähig seyn mag. Endlich entrang sie ihnen die Kraft dazu, und sprach mit bebendem Munde: »vielleicht, Sylvius, wäre es besser gewesen, wir hätten die begrabene Liebe früherer Jahre ruhen lassen –; aber, da es einmal Dein Wunsch war, da Du meinst, es werde zu Deinem Frieden gereichen, daß Du mich sähest, so komm doch näher und laß uns freundlich zusammen sprechen!«

Diese Antwort zerriß Romanas männliche Seele. Was ist das Zürnen der Liebe gegen die stille Freundlichkeit der erkalteten! – Wir bemerken dabei, wie es Albanen selbst in dieser Minute nicht möglich war, ihr Geschlecht zu verleugnen, und in den ersten Worten, die sie zu ihrem Manne sprach, seit sie ihn in den Armen einer Andern gesehen, etwas Anderes zu fassen, als jene Erinnerung.

Sylvius verstand seine beleidigte Gattinn augenblicklich. Daß Albane jedoch ihrer Weiblichkeit ein Genüge leistete, ermannte ihn. Gefaßt entgegnete er nun: »ja, theure Albane! es ist die Bedingniß meines Fortlebens, und der Ruhe, welcher ich noch irgend theilhaft werden kann, daß ich Dir sage, auf welche Weise Du Zeuginn jener unseligen Scene geworden bist, in der Du mich betroffen. Du wirst mich dann vielleicht weniger schuldig finden, als Du wähntest, und mindestens – wie Dein Gefühl auch entscheide – mich bedauern müssen. Höre mich gutwillig an!« Hierauf erzählte Sylvius de Romana seine Geschichte mit Tony von Schütz, einfach und wahr. Er verschmähete, nach edelsinniger Art, Alles und Jedes, was jenem Verhältniß zur Beschönigung dienen können. – Diese Mittheilung hatte nicht den Stoff, aber seine Kraft, ihn zu bewältigen, erschöpft; und so eilte er zum Schluß und sprach: »Du weißt nun Alles – und doch auch Nichts: denn ich kann Dir nur die äußern Beziehungen nachweisen, die mich in jenes Netz verlockten. Gott aber, der es einst auflösen wird vor Deinem Blick, sieht ins Innerste, und weiß, daß ich Dich, das Weib meines Herzens! nur allein geliebt, und ewig lieben werde. Wäre es Dir nicht möglich, einen flüchtigen Augenblick zu vergessen, in welchem Du an mir zweifeltest? – Dein Vater ist nun todt. Was hindert Dich noch, für den Rest unseres Daseyns mein zu seyn, zu der öffentlichen Rechtfertigung unseres geheimen Bündnisses, und – lass' mich es hinzufügen: zu dem Glück unseres Kindes? –«

Die Gräfinn athmete tief. Sie schüttelte leise den Kopf, lächelte weinend und verneinend und sprach: »der Himmel sey mein Zeuge! ich zürne Dir nicht. Auch müßte ich mich zuvor selbst anklagen, denn mein Wegbleiben gab Dich ja frei. Doch jedes Zurückgehen ist unmöglich, des griechischen Sängers Gattinn verschwand vor einem Rückblicke. Ein erstorbenes Gefühl läßt sich nicht wecken – und jenes, mit welchem ich mich die Deinige wußte – ist todt. Aber Deine Freundinn bin ich noch – Deine beste Freundinn! ja, Sylvius, die will ich immer bleiben. Mache kein so unglückliches Gesicht, Lieber! frage Dich selbst, ob wir verdient haben, mit einander glücklich zu seyn? – Die Ehe ist ein Verhältniß der Heiligkeit, nicht aber der Heimlichkeit, und Gott ist gerecht. Nach seinem unerforschlichen Gesetz und Willen müssen Diejenigen ein Glück verschmähen, welche es sich anzueignen wagten, ohne höhere Befugniß, als die der Leidenschaft. – Wir versöhnen den Himmel durch ein freiwilliges Opfer. So werden unsere Väter uns von dorther segnen; hier glaubten wir dieser Weihung entbehren zu können, als das Band der Stola uns zusammenfügte. Ich werde nach Bonna ziehen, Sylvius! in jenes Haus, worin Du gelebt hast, und mich geliebt – mich allein. Still, mein Freund! ich glaube Dir. – Der Majoratserbe überläßt mir das kleine Witthum, und diese Angelegenheit ist längst berichtiget. Gönne es mir auch, in Frieden einsam zu seyn, und die stille Freude meiner Liebe. – Ich werde in Deinem Cabinet schlafen, an derselben Stelle, wo Dein Bett gestanden, und die alte Einrichtung wie zu den Zeiten Deines Vaters herzustellen suchen. So werde ich Deine Hausfrau seyn, ohne Gemahl – wie ich Deine Gattinn war, ohne Dein Haus zu kennen. Ein Theil jener früheren süßen Täuschungen wird mir wiederkehren, der Traum Deiner Nähe wird mich begleiten und beglücken, und so werden meine Tage gleichmäßig hinrinnen, wie das Bächlein unter dem Kreuze, welches dort die Wache hält.«

»Albane!« rief Sylvius mit heftigem, mit heißem Schmerz, »Du reißest mir mein Herz entzwei, und ich weiß nicht, ob gütiger als grausam? Vermag nichts, Dich zu bewegen, daß Du anderes Sinnes würdest?«

»Du solltest dies nicht einmal wünschen, viel weniger fragen –« antwortete die Gräfinn bedeutsam. »Sieh es doch ein, mein Sylvius, es geschieht zu Deinem Besten, daß ich mich Deinem Wunsche weigere. Willigte ich in Dein Begehr, es thäte nimmer gut. Nur auf jene Weise können wir vereint seyn – sonst nicht. Sänke ich in Deinen Arm: ein Gespenst, Dir innig angeschmiegt, scheuchte mich zurück, und so oft ich die Ebereschen Früchte tragen sehe, würde mein Herz bluten.« – Und Wer mögte sie zählen, die Tropfen Herzblut, welche bei dieser Erinnerung der tiefen Wunde entträufelten, die Albane geschlossen wähnte? – Doch nur ihre abgehärmte Wange war geröthet, und hellblinkende Tropfen standen in ihren Augen. Sylvius empfand, obwohl durch die Verhärtung des Vorwurfs, etwas vom Zartgefühl dieses Wehes, und wie jene Stunde nimmer ausgelöscht werden könne. – Und während eine unsichtbare Feder in der Canzlei seiner Gedanken diesen Ausspruch unterzeichnete, strebte er mit überredenden Worten noch dagegen an. Er erinnerte seine Frau an Josephine, und wie das Verhältniß des Mädchens sich bei dem Zwiespalt der Eltern nun gestalten solle? –

»Sieh!« antwortete die Gräfinn mit nachsinnender Miene, »auch die Mutter muß büßen, was sie gegen ihre Pflicht als Tochter gefehlt. Es ist als ob das liebe Kind mir nicht angehörte. Nur was man selbst gebildet hat, daran glaubt man ein Recht zu haben. – Josephine scheint sich im Stift sehr glücklich zu fühlen, so könnte sie zunächst unter Deiner Aufsicht dort bleiben. Noch bin ich durch die verhängnißvolle letztere Zeit zu befangen, als daß ich sogleich das Beste ausfinden könnte; aber Gott wird Alles zum Guten leiten! –«

»Wenn Du auf diese Weise am Ende bist –« entgegnete Sylvius, »so dürfte meines Bleibens in Sanct Capella nicht mehr lange seyn, und ich ziehe noch einmal von hinnen. Ruhe zu erwerben, hoffe ich nicht; aber vielleicht eine Ruhestätte. Du erwartest vom Zufall, er solle sich Josephinens annehmen, da Du selbst das natürlichste Glück abweisest?« – Die Gräfinn schwieg, und antwortete nur mit einem schmerzlichen Lächeln. Dann sagte sie: »ich liebe Josephinens Glück mehr als das meine – darin fühle ich mich wenigstens als Mutter.«

Ohne daß Beide es merkten, verlängerte sich dies Gespräch bis in den dämmernden Abend hinein. Jetzt stand Sylvius auf. Es war Albanen, als sollte sie ihn halten, so hatten sich während ihres trauten Zusammenseyns abgerissene Fäden aus dem Gewebe ehemaliger Beziehungen leise wieder angeknüpft: denn der Geist der Liebe – auch einer abgeschiedenen – webt geschäftig.

»Es wird mir nicht leicht, zu scheiden –« sagte Romana mit einem Ton, der diese Versicherung beglaubigte, »meine Füße sind wie Blei, und versagen mir ihren Dienst – und das Herz ist mir noch schwerer. Darf ich Dich wiedersehen, Albane?« Er sah sie dunklen Blickes an.

Das Auge der Gräfinn glänzte, ein Sonnenschein verschwundener Tage war darin; ein Strahl von Freude drang tief in Sylvius Herz. Sie antwortete: »wenn es Dich trösten mag –: so sollst Du mir willkommen seyn.« Darauf faßte er ihre zarte Hand, woran kein Trauring blinkte – er ergriff sein einstmaliges Eigenthum so furchtsam, wenn auch innig, wie man die letzte Hoffnung zu fassen wagt, und fühlte einen leisen Druck der seinigen. Dieser elastische Druck hob mit überirdischer Federkraft den Stein von seinem Herzen, von der Thür der begrabenen Liebe – und ein Engel des Trostes, mit Flügeln, sich zum Himmel seiner Heimath aufzuschwingen, ging daraus hervor.


Der Administrator stand in vollem Anzuge vor dem Spiegel. Er wollte nach Bühle hinüber fahren, und der Gräfinn seine Aufwartung machen, deren Schicksal mit dem der Seinen in wundersamer Verbindung zu stehen schien. Vielleicht hätte das Interesse für diese Bekanntschaft ihm dennoch Zeit gegönnt; aber das Verlangen drängte ihn, Josephine wieder zu sehen. Das Zimmer war voll Sonnenglanz – Herr Prälat aber blickte auf keine Weise verblendet, die schöne männliche Gestalt musternd an, welche auch ein mäßiger Grad von Selbstgefälligkeit tadellos gefunden haben würde. Er schaute vielmehr über aller Welt Eitelkeit hinaus, sich selbst so forschend ins Auge, als sollte ihm in diesem Spiegel der Seele die Wahrheit eine Gestalt gewinnen – und seine Finger knitterten noch an den Fältchen der feinen Halsbinde, während er gleichgültig dazu aussah, und gleichsam unbewußt der verbessernden Mühe, die er sich gab, nur an die Falten seines Herzens dachte. Er stand so ernst dabei wie auf dem Katheder. – Doch plötzlich schien unser Professor der Psychologie sein Studium zu wechseln, daran zu erkennen, daß er die Farbe wechselte, und daß ein so entzücktes Lächeln in seinem Gesicht aufging, als ob er einen Stern aufgehen sähe. Und wirklich war dem so. Die Thüre ging auf, und im Hintergrunde des Spiegels – als hätte, Der hinein sah, eben eine Frage an den Himmel gerichtet – erschien ein zauberhaftes Bild. Vor diesem Glanz jugendlicher Schönheit, erhöht durch einen Schimmer überirdischer Freude, den die Trauer nur wie ein Wölkchen umdüsterte – verschwand Alles.

»Josephine! mein einzig Mädchen!« rief der Administrator mit dem hellen Laut wonniger Ueberraschung, »wo kommst Du her? eben wollte ich nach Bühle.«

Sie lag in seinen umschlingenden Armen, ihr Herz schlug an dem seinen – und onkelhaft dreist küßte er die süßen Lippen. – Dieser Kuß – die glückselige Innigkeit dieses Moments, beraubte das Mädchen der Sprache. »Ach! könnte ich Dir doch nur meine Freude aussagen, daß ich wieder hier bin!« sagte sie mit einer Stimme, die diesem Wunsche entsprach, »Seit ich wußte, daß Du da bist, Onkelchen, hatte ich keine Ruhe mehr. Ich quälte die Mutter – sie sagte, es schicke sich nicht. Dies Wort wollte mir nicht zu Sinne. Ich bin ja das Kind des Hauses – sagte ich – da mußte sie endlich meinen Bitten nachgeben.«

Herr Prälat lächelte begeistert. »Du Herzenskind!« sagte er gerührt. »Also hält die Gräfinn doch so viel auf Anstand?« Man glaube nicht, daß in dieser Frage der mindeste Vorwurf für die arme Albane lag. Nein! nur eine leise Verwunderung, daß bei dem einsamsten Unglück noch dieser Sinn für das Schickliche gefunden würde.

»Nun, so ist es mir lieb,« setzte er schnell hinzu, »daß ich nicht zögern wollen, mich ihr vorzustellen. Du siehst, ich bin darnach angethan – nur mit der Halsbinde konnte ich wie gewöhnlich nicht zurecht kommen.«

»Das sehe ich!« sagte Josephine lachend, und schickte sich an, nachzuhelfen. »Es ist nicht allzuschön gerathen. Dieser Zipfel hier, nimm es mir nicht übel! sieht so pedantisch aus, wie die Schlafmütze des ehrwürdigen Ludimagister in Leidthal. – Ist es denn so schwer, solch ein Knötchen zu knüpfen?«

Aurorens Rosenfinger verbreiteten keine lieblichere Helle, als das Licht, welches dem Administrator während dieser verfänglichen Minute aufging. Sie standen wie ein trautes Ehepaar. Er hatte seine Hände an Josephinens schlanken Leib gelegt, die schwarzen Bänder ihres Hutes bewegten sich unter seinen tiefen Odemzügen – ihr Athem spielte fühlbar wie ein laues Lüftchen, und immer wärmer wurde ihm ums Herz. Er ließ sie zierlich gewähren, und verhielt sich schweigsam und lauschend.

Die magische Schleife war nun geschürzt – legen die Grazien jemals eine Cravatten-Fabrik an: so wird man das Modell dazu finden. –

»Auf bindende Künste –« äußerte Herr Prälat etwas gepreßt, »versteht Dein Geschlecht sich schon am Besten. Josephine!« er hob das Mädchen zu sich empor, »überhebe mich künftig dieser Mühe – heirathe mich, liebe, theure Seele! –«

»Onkel!« rief Josephine, und machte sich von ihm los. Ihre jungfräuliche Wange glühte zwischen Schaam und Zürnen. Sie hielt diese Sprache für einen Scherz.

»Ich bin Dein Onkel nicht!« entgegnete Jener heftig, »diesen Titular-Verwandten hat Dir Fabia aufgedrungen, um den Unterschied unserer Jahre durch gehörigen Respekt hervorzuheben. Aber Dein Mann kann ich werden, wenn ich Dir anstehe, Du mein Liebstes! – Ich dachte immer, Du wärst mir gut – so könnten wir zusammen bleiben, lebenslang – und Alles bliebe beim Alten.«

Da lag das Mädchen an seiner Brust und stammelte: »wenn es wahr wäre – o Gott im Himmel!«

»Es ist wahr!« wiederholte der Administrator im gefühltesten Entzücken dieser Versicherung, und drückte das holde hingebende Wesen innigst an sich, »ich liebe Dich redlich, Josephine! und will Dein bester Freund auf Erden seyn. Doch frage Dein Herz! ich möchte es nicht räuberisch an mich reißen, aus freier Wahl sollst Du es mir schenken – oder versagen. Wer weiß, ob ich Dir nicht zu ernst bin, zu kränklich – oder was Du sonst an mir etwa auszusetzen hättest. Mir hast Du nur Einen Fehler, meine süße Kleine! – Du bist noch sehr jung – aber ich finde Dich gewachsen. –« Er lächelte wie ein Liebender, indem er den schlanken Wuchs des Mädchens mit einem langen Blicke maß – »nicht nur wirklich ein Stückchen, seit ich Dich nicht gesehen, sondern überhaupt allen Forderungen und Wünschen an meine künftige Frau völlig gewachsen.«

In reizender Verwirrung antwortete Josephine: »es mag vielleicht geziemend seyn, daß ein Mädchen an sich hält: ich gebe Dir mein Ja ohne Weiteres. Wen könnte ich lieber haben? – Alle meine Wünsche sind erfüllt. In diesem Augenblicke weiß ich es erst ganz, wie unglücklich ich geworden wäre, wenn ich Dich und dieses geliebte Haus auf immer verlassen müssen! Jetzt bin ich Dein! –« Sie warf sich mit dem Ausdruck der liebevollsten Hingebung in seine Arme. – Er umpfing sie jauchzend, und der Spiegel verdoppelte ein Bündniß, magisch geschlungen, in dem einfachen Glück der Herzenseinigung, dem einzigen, was es auf Erden wie im Himmel giebt. –

Beide hatten in diesen seligen Minuten weder an die Gräfinn, noch an Fabia, oder Sylvius gedacht, die doch auch ein Wörtchen dazu sagen könnten. Es giebt einen Instinkt der Ahnung für unser Geschlecht, welcher uns einem unwillkommnen Vertrauen entrinnen läßt, wenn es unser Herz etwa wie ein Pfeil treffen könnte. – Auch Frau Fabia entrann auf leiser aber sicherer Spur Dem, was ihr Schwager ihr zu sagen hatte. Josephine flüchtete mit ihrem Glück in das Betstübchen der Nonne, und legte das Bekenntniß desselben auf diesem jungfräulichen Hausaltare nieder. – Sylvius war nicht daheim. Zeitiger, als es nöthig gewesen, brach Josephine auf, und der Administrator begleitete sie. »Hätte ich doch nicht geglaubt,« sagte das Mädchen mit jener Traulichkeit, in welcher auch die schüchternste Verlobte sich dem ausschließendsten Vertrauen annähert, woran der Geliebte ein Recht hat, »daß ich einmal Gott danken würde, von Sanct Capella weg zu kommen, und heute ist mir so. Ich konnte kein Auge aufschlagen – Fabia hat mir die heimliche Braut ansehen müssen. Lieber! versäume doch ja nicht, sobald als möglich mit ihr zu sprechen. Ich thue es bei der Mutter, und davor bangt mir weniger.«

»Meinst Du,« fragte Herr Prälat, »der bürgerliche Eidam werde der Gräfinn genehm seyn? – wenn diese Hoffnung nur nicht allzukindlich ist, Josephine! –«

Das Mädchen kopfschüttelte zu diesem Zweifel und sprach: »Du kennst die Mutter nicht, mein Freund! – Sie ist so gänzlich ohne Anspruch und Eigensucht – Fabia hingegen –« Josephine flüsterte diese Worte, »neigt ein wenig zur Eifersucht, und es ist eine ganz andere Zuversicht, die ich zu Jener habe als zu dieser. Ewig werde ich Fabien dankbar seyn: denn sie hat mich treu erzogen, und ohne sie wäre ich nimmer nach Sanct Capella gekommen; aber das Blut aus meinen Adern wollte ich verströmen, daß ich die theure Albane nur einmal lächeln sähe.«

Der Administrator entdeckte noch an demselben Abend auf einem einsamen Spaziergange dem Freunde sein Herz. Sylvius nannte sich seinen größten Schuldner, und gab ihm damit das gelegene Wort zur Hand.

»Wir könnten sehr bald mehr als quitt werden –« gab ihm jener zur Antwort, »Du nahmst mir einmal die Braut – gieb mir Deine Tochter zur Frau: so bin ich nicht mehr Dein Gläubiger, sondern schulde Dir zwiefach.«

»Wenn dies Dein Ernst ist –« entgegnete Herr de Romana, »so nimmst Du einen Kummer von meinem Herzen, und Niemand kann bei diesem Interesse des Deinigen froher betheiliget seyn, als ich. Es ist mir eine Sorge gewesen, das Mädchen werde die Jugend hinkümmern, bei der traurigen Mutter, und mit all seiner Liebenswürdigkeit der Bestimmung des Geschlechts verloren gehen. Was wird aber Albane dazu sagen? und bist Du Josephinens Neigung auch gewiß?«

»Ich denke doch!« antwortete der Bräutigam lächelnd, »so gewiß man irgend einer weiblichen Neigung seyn kann. –« Ein leiser Seufzer verwebte sich dieser bedingten Voraussetzung.

»Auch hoffe ich,« setzte er hinzu, »das Kloster werde mich schützen, das Invalidencorps – und endlich die fromme Veronica. Wisse! ein Engel der Treue wohnt in der Nonne, und wird, wenn diese seine kleine Herberge einst zusammenbricht, den Ort nicht verlassen, den er so lange heimlich gesegnet. – Sieh, Freund! ich habe Zeit gehabt, reiflich darüber nachzudenken, welche Eigenschaften der Frau einen Mann vor allen glücklich machen können, und da ist denn bei meinem Denken und Sinnen nur jener Satz heraus gekommen, den ich mir gemerkt: daß sich auf der Erde in jedem Beisammenleben der Kopf erschöpft, Witz und Phantasie und Verstand, nur aber nie ein gutes Herz, das eine ewige Quelle ist.«

Romana schwieg, und sein Freund fuhr nach einer Weile fort: »aus welchen wunderbaren Stoffen besteht eine einzige Mischung, die wir Liebe nennen! glaubst Du wohl, Sylvius, daß jene sympathetische Regungen der Freundschaft für Dich, nur zarter – mich zuerst an das Mädchen knüpften? die magnetische Kette der Gefühle, wie weit auch angelegt, läßt uns empfinden, wo unser Herz stark berührt war. Was mich ferner mit zärtlicher Innigkeit für das Mädchen erfüllt, ist nicht die holde Bildung allein, sondern auch der Einfluß ihrer Bildnerinnen. Darunter dürfte Fabiens der bedeutendste gewesen seyn, und Fabia ist mir doch sehr achtungswerth.«

»Und das mit Recht –« erwiederte Sylvius. »Sie gehört meines Erachtens zu den unerkannten Größen. Ihr Charakter, nur etwas zu schroff für eine Frau, ist ein Fels für das Vertrauen. Ich schätze Fabia sehr hoch.«

Der folgende Morgen war schon weit vorgerückt, ohne daß Herr Prälat einen Augenblick finden können, in welchem seine Schwägerinn zu sprechen wäre. Frau Fabia schien von kleinen geschäftigen Sorgen umringt, so daß sein Vertrauen nicht Raum gewann; eine finstere Zerstreuung in ihrer Miene ließ ihn den heitern Muth nicht sammeln, mit ihr über eine Sache zu reden, die ihm mehr am Herzen lag, als was zu Nutz und Frommen seiner Häuslichkeit geschehen mögte. Ihr Blick sogar war vermeidend – und wich ihm aus. Endlich haschte er den günstigen Moment und sprach: »gönne mir ein paar Minuten, Fabia! ich habe Dir etwas Dringendes zu sagen.«

Fabia machte ihre Hand, welche er sanft gefaßt hatte, leise los, setzte sich nieder, jedoch mit jener Art, die es deutlich macht, daß man sich nur auf flüchtiges Verweilen einlassen könne und wolle, und sagte: »nun, so lasse doch hören, wie dringend das sey, was ich vernehmen soll.«

Der Administrator war um seine Fassung zu dem Vortrage, er wußte nicht wie? – Er antwortete mit merklicher Verlegenheit: »Deine Stimmung Fabia, ist meinem Wunsch nicht freundlich, und wirkt auf mich zurück. Ich wollte Dir eben eröffnen, daß ich – daß Josephine –« Fabia lächelte, ihre Gesichtsfarbe war blässer als gewöhnlich. Sie sprach: »das käme zu spät, Freund – die Gräfinn hat mir diesen Morgen geschrieben, daß Du ihrer Tochter den Antrag zur Heirath gemacht. Sie giebt Dir ihre Einwilligung; ich aber habe nichts zu geben, als den Wunsch, daß der Herr Alles wohl gelingen lasse!« Und während Fabia diese Worte sagte, zerrann ihre Stimme und das Lächeln ihres Mundes in Wehmuth, in Wermuth – und ihr Schwager, erstaunt über die Taubenpost der weiblichen Mittheilung, fühlte ein heißes bitteres Aufwallen in seinem Herzen, über das er nicht ganz klar werden konnte. Er nahm noch einmal ihre Hand in die seinige und sagte mit ergreifenderem Ton: »Fabia, es scheint, Du zürnest mir. Glaube nicht, daß ich Dir zurückhaltend eine Absicht verschwiegen – ich bin mir keiner bewußt gewesen. Der Gedanke war nur ein Blitz, in welchem mir einleuchtete, Josephine werde als mein Weib mich glücklich machen. Und wenn diese Hoffnung wirklich wird, Wem werde ich es verdanken als Dir? Du hast das Mädchen erzogen. Dein frommer, fester Geist wird fortwirken zu meinem Glück. Ich denke, wir wollen freundlich zusammen leben – nicht? –«

Fabia sah ihn verdunkelten Auges an. »Nein, Bruder!« antwortete sie mit jener Besänftigung und Ruhe, die nur der Selbstgewißheit angehört: »das würde nimmer gut thun. Das taugt nichts – würde der Major sagen –« Fabia lächelte bei diesen Worten noch einmal, und zwar sehr schmerzlich. »Darum entlasse mich, Lieber! ich lasse Dir dafür meinen besten Segen. – Jenes Geheimniß, was mich unter Deinen Schutz stellte, ist gelös't – Was sollte Dich hinfort noch an mich binden? – Dein Herz hat an Einer Pflicht genug, und diese umfaßt der Trauring. Ich werde mit der Gräfinn ziehen. Die arme Albane wäre ja sonst ganz verlassen, und es ist billig, daß ein treues Gemüth ihr vergelte, was sie an dem Vater gethan. Der Herr hat den Willen dazu mir in den Sinn gegeben.«

Der Administrator stand stumm und sah zu Boden.

Fabia fuhr nach einer kleinen Pause mit steigender Bewegung fort: »wir wollen nach Bonna. Dort hat die Gräfinn einen Wittwensitz, den sie schwerlich tauschen mögte um einen Thron, das Vaterhaus ihres Gemahls, Heiland genannt. Dort ist mein Platz. Hier würde ich überflüssig seyn, das macht alt vor der Zeit. Die Heimath aber giebt auch in späten Tagen einen Theil der Jugend zurück. Ich werde die Wohnung meiner guten Eltern wiedersehen, und jener harmlosen Zeit gedenken, wo ich darin glücklich war. Ich werde in der Nähe ihrer Gräber leben – und den Garten des südlichen Daches pflegen, den der selige Oberförster Romana angelegt – die Sonne mag jetzt wohl eine Wüste darauf bescheinen. – Ich bin alsdann – Du weißt es – an geeigneter Stelle, und gleichsam wie auf meines Zions Zinnen.«

»Fabia!« antwortete ihr Schwager von einer seltsamen Rührung bewältiget, »besinne Dich anders – bleibe bei mir! es wird sich für die Gräfinn ein Ausweg treffen lassen. Du bist mir nothwendig geworden, Du gehörst zu meinem Glück. Auch ist Josephine noch so jung und unerfahren, als daß sie Deines Rathes nicht wohl entbehren könnte.«

»Sie hat Dich!« entgegnete Fabia mit einem Nachdruck, der alles Weitere behob, »und also den Rath und den Helfer dazu. Und was wirthschaftliche Leistungen anbelangt, darauf legst Du ja so wenig.«

Auch Fabia, meine Leserinnen, war eine Frau, und nur ein weiblicher Engel würde es verschmäht haben, ein verkanntes Verdienst geltend zu machen. Es ist eine göttliche Sphäre, allwo der Ruhm verschwindet, den wir vor den Menschen haben und vor uns selbst. Wir aber leben auf der mängelvollen Erde, niedergehalten von dem Bedürfniß menschlicher Schwachheit. Das alte Lied des Lebens singt uns in getragenen Tönen ein. Es war nur ein Aufschwung unterdrückten Gefühls, in welchem Fabia sich im Geist ihrer Sinnesweise zu erheben glaubte.

Der Administrator dachte beklommen dem Entschluß seiner Schwägerinn nach, denn es fiel ihm in Wahrheit schwer, sie künftig zu vermissen. Seine brüderliche Freundschaft für die getreue Fabia ließ ihn nicht ergründen, aus welchen Ursachen sie so fest auf dem Abschied beharre.

Es giebt nur Einen Dietrich, dem kein Aufschluß widersteht, der sich ohne Schwierigkeit in den Besitz der geheimsten Gedanken setzt. – Die Geheimnisse der Seele liegen unter magischem Schutz, und nur durch ihn selbst können sie beschworen werden. –

Freilich sah Herr Prälat ein, daß Fabia, im Ganzen genommen, Recht hätte, daß ihre häusliche Unfehlbarkeit, Josephinens schüchternen Versuchen, als Hausfrau für sich allein zu stehen, hinderlich seyn würde; daß die Gräfinn Jemandes bedürfe, der mit zarter achtsamer Sorge um sie sey – und wie es in der religiösen Bußfertigkeit von Fabiens Character liege, sich selbst zur Sühne zu geben, für das Unrecht, was Dieser geschehen; – aber dennoch gestaltete sich dies Verhältniß nicht nach seinem Wunsch, und es war ein Zwiespalt in seinem Herzen, als ob eine Flamme sich trenne. –

Frau Fabia nahm sich zusammen, auf daß sie ein achtungsvolles Gedenken mit hinweg nähme. Sie ordnete alles mit Umsicht, und stimmte nicht dafür, daß die Hochzeit weithin aufgeschoben würde. – Aus der Ferne kamen Briefe, welche den Zeitpunkt von Theresens zweiter Verbindung um nicht viel später anberaumten. Dann wollten die Neuvermählten im Herbst zum Besuch nach Sanct Capella kommen. Major Feldmeister verjüngte sich vor Vergnügen. Er hätte sich beinahe von seinem Sprichwort entwöhnt, denn er fand gut, wie das Schicksal seiner Freunde sich gewendet hatte, und – Alles taugte ihm. –

Hauptmann Moorhausen sprach von einem Urlaub über Winter. Vielleicht wollte er im gigantischen Eise seines Gutes die Schaamröthe abkühlen, womit er der Ehewerbung gedachte, und in diesem zersprungenen Weltspiegel nur ein Bild schauen, wie der Krystallpallast seines Wunsches, aus dem Frost des Alters erbaut, zu Wasser geworden wäre. –

Den Tag vor der Hochzeit brachte Fabia ihr Haushaltungsbuch ihrem Schwager, ihm Rechnung abzulegen; zu gleicher Zeit entledigte sie sich des Amtes der Schlüssel. Die Redlichkeit, womit sie beides geführt, gab diesem kleinen Act etwas Feierliches.

»Fabia!« sagte der Administrator gerührt, »wollte Gott! mein Facit wäre einst dem Deinen gleich, und wir Alle könnten in der Rechnung bestehen, wie Du! – Wie treu hat Deine liebe Hand auf meinem Nutzen gesehen! der Himmel möge Dich dafür belohnen!« Er küßte die nützliche Rechte mit einer größeren Wärme als der Dankbarkeit – und diese zuverlässige Hand zitterte ein wenig. –

Am Morgen der Trauung – Josephine war nur wenige Tage vorher von Bühle nach dem Stift zurückgekehrt – brachte Schwester Veronica ihrem Liebling den Brautkranz. Sie waren allein. Mit zitternder Stimme sagte sie: »Josephine! mein theures Kind! hier bringe ich Dir den Kranz, von meinen Händen sollst Du ihn empfangen.« Das zarteste jungfräuliche Bewußtseyn lag in diesen Worten. »Und indem ich Dir ihn aufsetze –« die Nonne that es mit leisem Beben, »ist es mir, als würde mein liebes Kloster mir wieder eingesetzt. Liebe und Treue sind doch Altäre, die der Himmel aufrecht hält! – Als ich im Frühling die Zweiglein von der Myrthe schnitt, zu dem Todtenkränzchen für die kleine Julie, und Perlen dazu fädelte: wenn mir das der Baum damals gesagt hätte! – Auch in diesen habe ich Perlen geflochten, Freudenperlen! Segensthränen! trage ihn zu lebenslänglichem Glück! die Krone der Unschuld, die Dir Dein Engel reicht, die trägst Du ewig! – Heute fühle ich wieder wie groß Gott ist! wie gut! – Ich bin Jungfrau, und Dein bräutlicher Anblick läßt mich das Entzücken einer Mutter empfinden. Ich werde nun nicht einsam sterben; Du, geliebtes Kind, wirst mir meine Augen schließen – und dann den Ring erben.«