»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken nach ihr um – sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben, und die Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken.

»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau – »derselbe Ton und – Heinrich – soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen – er klang gerade wie meines Vaters Stimme.«

Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper zusammen.

»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf das linke Ohr, – »Unsinn – die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt und Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und zu hören. Wir wollen zu Bette gehen – es ist Schlafenszeit und morgen, mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? – aber was fehlt Dir auf einmal, was hast Du?«

Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung, nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem Herzen vorgehen müsse.

»Elise,« – sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte – »bist Du nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd das Zimmer verläßt? – Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und was das andere betrifft, wo –«

»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst, als mit ihrem Manne redend – »der Verwalter kann sich geirrt haben, und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber vielleicht natürlich erklären; nein, mir bewegt Anderes die Brust. – Der Schulmeister hat ganz recht – es giebt übernatürliche Kräfte – es muß sie geben, denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die ungeheuern Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze Weltall. – Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns regt es sich und treibt und wirkt – die uns fernstehenden Gebilde berühren uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nähe zu empfinden, oder ihre Kräfte – mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie ich es mir denke – ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen – vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein ihrer Annäherung zu bringen. – Das dauert aber nur so lange, bis wirklich einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berührt, oder durch die Stärke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird – dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten Systems und die Ahnung desselben, vielleicht auch nur das Bewußtsein dieses Gefühls entsteht und macht sie geltend –«

»Aber ich begreife Dich nicht –«

»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter beachtend, fort – »daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute – nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor Schlafengehen, den Brief von zu Hause – worin mir Mutter von des Vaters Krankheit schrieb.«

»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.«

»Kein Katharr, Heinrich, – die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich schreiben mochte – weshalb den Brief eilig gemacht – weshalb nun das Schweigen? – Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun Stunden hier sein.«

»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, – geh jetzt zu Bett, und morgen früh wollen wir ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt, bekommen wir vielleicht das schönste Wetter – komm Kleine – heb' das Köpfchen wieder und sei mein braves Weib – Du wirst Dich doch wahrlich nicht vor Spukgeschichten fürchten?«

»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau und starrte dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde, – »gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der Verwalter und Schulmeister erzählten, aber – in mir selbst fühle ich daß, und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht aus dem Sinn verlieren. – Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf- und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen, – was er nur that, wenn er krank oder leidend war – so deutlich höre ich dabei das leise klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir allein im Ohr – Du – Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.«

»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der Mann, komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde – die Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.«

Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde in diesem Augenblicke laut – man konnte nicht recht unterscheiden, ob er vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle – der Wind brauste und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die rechte zitternde Hand nach der andern Thüre ausstreckte, flüsterte:

»Sieh, – sieh dort!«

Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber liegenden Treppenthür fiel; aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt wurde, die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn sie auch nicht das mindeste Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden Thüre hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend von selber aufdrückte – gleich darauf öffnete sich eben so feierlich die Thür, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in Beider Adern stocken machte – der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen – die hohe, bleiche Figur – die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen – mit noch immer zeigend und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb überrascht – bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht ableugnen konnten – in der einmal genommenen Stellung.

Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm klammerte und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an seinem Arme nach und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht rasch umfaßt und gehalten.

Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden, und der Mond schien freundlich in das stille – leere Gemach.

Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann mit dem rasch entzündeten Lichte durch sein Zimmer, – riß die Thür auf, eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. – Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte es, wie mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab – den sonst unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen.

»Der Wind, – der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf. Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief, weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe. Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, – wie ein Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines künstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen.

Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen stärkenden Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.

Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob, reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. – Er riß ihn auf, sah nach der Unterschrift – er war von seiner Schwägerin Regine – und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen Zeilen:

»Lieber Schwager.

Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht. Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde vorsichtig mit – ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, sie noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist kommen Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine arme Schwester.

Ihre

Regine


Acht Wochen waren verflossen – draußen auf Feldern und Wiesen keimte und grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und Jugend, saftreiche Gräser und Halme und bunte, glänzende Blumen und Blüthen. – Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlichern Zonen waren die munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und friedlich mitsammen gehaust.

Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem blühenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene Frau, und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem erlittenen Anfall und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu scheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges Träumen und Brüten – die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe, sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.

Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute ihr wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch nicht den wunden Fleck zu berühren, der vielleicht geheilt werden konnte, vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit seiner Frau und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister doch endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall, und bestärke ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem, was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand übrigens,« meinte er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen; es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein nach höchst wunderbare Fälle, oft später und ganz zufällig, auf die natürlichste Weise aufgeklärt hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber so –« er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht zugeben.

Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend, augenblickliche Erledigung verlangte.

Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, während er aufstand und sich dem Hause zuwandte:

»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die Plaudereien aus dem Dorfe horchen.«

Der Pastor ging schnell ins Haus.

»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die weiße abgezehrte Hand entgegen. – Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus – die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir – bitte Schulmeister, nehmen Sie Platz – was macht Euer Gärtchen – Eure Kuh, Euer kleines Stück Feld? – wir haben uns recht lange nicht gesehen.«

»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und faßte und streichelte die ihm gebotene Rechte – »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht, wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, und Hammers, unten im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht und ich, meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut, am nächsten Mor – aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas? –«

»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch so bald als möglich abzuschneiden wünschte. – »Sie möchten lieber hineingehen in's warme Zimmer – soll ich Sie vielleicht geleiten? –«

»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt – zum ersten Male wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie der Gedanke daran erregte. – »Es war nur ein leichter Uebergang« fuhr sie dann mit einem halblächelnden Zug um den Mund fort – »ein leichter Uebergang sich oft einstellender Schwäche – ich habe meine alten Kräfte noch nicht wieder – es wird gleich vorbei sein. Doch – laßt Euch nicht irre machen, Münzer – Ihr nanntet jene Nacht eine böse – ist auch Euch – ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?«

»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister, »die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt, und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«

Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen. Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder Schnelle auf.

»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie und griff, die Hand des Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arme – »was ist, – sagt mir – was ist mit jener Nacht?«

»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und schnitt verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, – »geschehen gar nichts, aber – wenn Sie es denn wissen und – mich nicht auslachen wollen – – ich hatte eine Erscheinung.«

»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.

»Ihr saht – Ihr saht meinen Vater!« – rief diese mit heiserer, kaum vernehmlicher Stimme, – »gesteht es nur – gesteht – Ihr saht an jenem Abende meinen Vater – Münzer!«

Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und der Küster hätte Gott weiß was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben; doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat und bestürzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er gesehen, die Gewißheit wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen »und dann, dann« – meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten weißen Stirn – »werde sie ruhiger, – werde ihr besser werden.«

Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen.

»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, »wollte doch Gott, ich hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes über die Gestalt sagen kann.«

»Die Gestalt« – wiederholte, kaum bewußt, die Kranke – »wo war sie – wie sah sie aus?«

Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben – jetzt schien sein letzter Einwurf gehoben – und welchen Eindruck mußte eine solche Bestätigung auf die reizbare Kranke machen.

»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene noch Schauder erwecke; »doch – es wird vielleicht besser sein, Ihnen das Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem Abende schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das Wetter war stürmisch und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu da ich fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln, und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüber führt, sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte – ich hatte aber die Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen –«

Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an.

»– und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stören. So lag ich bis nach zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett – denn an der Linde, die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der großen Eckstube noch Licht ist – zog ich meine Filzschuhe und meinen alten Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf –«

»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor und die Lippen der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung –

»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« fuhr der Greis, die Frage nicht beachtend, fort, – »das stürmische Brausen um das Haus wurde hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann. Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich – das Blut stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke – ein leises Stöhnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, wie ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß – in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum lieben Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden wolle.«

»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des Pastors Hand.

»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an dem Abende hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«

»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich – sie zögerte einen Augenblick, – schaute noch zweifelnd – zaudernd vor sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten Brust.

»Meine gute Frau Pastorin,« bat der alte Mann bestürzt.

»Alterchen, rief aber jetzt der Schulmeister, und zog den Arm des erstaunten Küsters in den seinen; Ihr habt heute Morgen den gescheidesten Streich gemacht, der sich nur denken läßt; nun kommt aber, meine prächtige Geistererscheinung, hier ist Euer Dokument, heute Mittag müßt Ihr bei mir essen.«

»Aber Herr Schulmeister – ich begreife nicht –«

»Ist auch gar nicht nöthig, Schätzchen, – ist auch gar nicht nöthig, nur jetzt ein bischen die alten Knochen gerührt. Hurrah, Küster, ich bin so fidel, ich könnte, glaube ich, eine Menuet tanzen und mir die Melodie selber dazu pfeifen.«

Und ohne dem alten Manne auch nur Zeit zu lassen, noch ein einziges Wort an die weinende Frau zu richten, zog er ihn rasch den Gartenweg hinunter und verschwand mit ihm durch die hintere Thür.

Und die Kranke? –

Nur wenige Wochen sind seit jenem Morgen verstrichen, in der Pfarre giebts aber keine Kranke mehr – des Pastors wackere Hausfrau wirthschaftet wieder, wenn auch noch etwas bleich und angegriffen, doch mit vollen, rüstigen Kräften im Hause herum; auch der Schulmeister und Verwalter kommen, wie früher, manchmal Abends herüber und verplaudern ein Stündchen – nur Geistergeschichten werden nicht mehr erzählt, und der Küster – nimmt jetzt den Schlüssel zur Sakristei gleich Abends mit in seine Stube – damit der alte Mann nicht mehr Morgens die Treppen zu steigen braucht, sie herunter zu holen.

Schwarz und Weiß.
Aus dem Farmerleben Missouris.

Weit aus dem fernen Westen, da wo die eisgekrönten Berge ihre zackigen Kuppen in einander drängen und zweien Meeren, dem atlantischen wie dem stillen Ocean die schäumenden Quellen zusenden; weit von daher, wo er sich seine rauhe Bahn durch die entsetzlichsten Felsmassen bricht, die er entweder mit starkem Arm zerreißt, oder sich im tollkühnen Satz hinüberschwingt, um nachher, wie ob des gelungenen Wagestücks, meilenlang weiter zu tanzen und zu sprudeln, – kommt der gewaltige Missouri herab, »der schmutzige Strom,« wie ihn der Indianer des Raubes wegen nennt, den er an seinem eigenen Ufer vollführt, oder der »brüllende Strom« (roaring river), wie ihn erstaunt der Weiße taufte, als er da zuerst sein Bett erblickte, wo er Fall nach Fall, dem verfolgten Panther gleich, aus den Gebirgsschluchten sprang, und erst dort still und geräuschlos seine Bahn vollendete, als er das schützende Dickicht der Niederung erreicht hatte und nun zwischen den riesigen Stämmen des Urwaldes hin, dem starken Bruder, dem Mississippi, in die Arme glitt.

Dort nun, wo in dem Schatten der Eichen und Hickorys der wilde Wein seine mächtigen Ranken von Zweig zu Zweig schlang und in zähen Armen die stattlichen Bäume verband, während mit zwar prunkenderem Aeußeren, mit bunter schimmernden Blüthen und saftigeren Blättern, andere Schlingpflanzen ebenfalls hinaufstrebten zu den starken Aesten und sich ihnen liebend anzuschmiegen schienen, indeß doch Gift in ihren Adern floß und sie nur Macht zu bekommen suchten, das wackere Holz fest, fest zu umklammern und ihm Licht und Luft zu rauben, daß es endlich in ihrem Griff erstickte, verdorrte, – dort, in dem fast noch unentweihten Heiligthume, stand ein kleines, roh aufgebautes Blockhaus mit breitmächtigem, aus Lehm errichteten Kamine, die Nordseite dicht an den dunkeln Wald geschmiegt, dessen ungeheuere Wipfel hoch über das niedere Dach emporragten, an den drei anderen Seiten aber durch ein wahres Chaos gefällter Bäume, hoch aufgestapelten Busch- oder Oberholzes, abgeschlagener Stämme und knorriger, sich weit umher spreizender Aeste im wahren Sinne des Wortes verbarrikadirt.

Der Eigenthümer dieses Platzes mußte augenscheinlich erst seit kurzer Zeit hierher gezogen sein und die Urbarmachung des Bodens begonnen haben, was auch noch überdieß ein dicht am Hause stehender, mit Leinwand bespannter Wagen bewies, der wohl, nebst einem nicht sehr weit von ihm entfernten Karren, sämmtliche Habseligkeiten des Farmers in dessen neue Waldheimath eingeführt hatte.

Die Sonne schimmerte eben noch mit ihrem rothen Gluthenlicht durch die Wipfel der Bäume, als sich ein Reiter, auf kleinem indianischen Poney, einem schmalen Kuhpfad folgend, dem Platze näherte und endlich gerade da die Lichtung erreichte, wo Stämme und Aeste am tollsten umhergestreut lagen. Wenige Secunden hielt er auch wirklich sein schnaubendes Pferd an, und schien sich in den Steigbügeln hoch emporrichtend, nach irgend einer Oeffnung zu suchen, durch die er in diese Holzmasse eindringen und das Haus erreichen könnte. Der Wunsch mochte aber wohl unerfüllt bleiben; denn, einen leisen Fluch ausstoßend, preßte er seinem Thier den einen bespornten Haken in die Flanke und setzte über die ersten, ihm den Weg versperrenden Klötze hinweg.

Das kleine muntere Pferd sah auch bald was sein Herr eigentlich beabsichtige, und daran gewöhnt Hindernisse zu beseitigen, die bei fortwährendem Reiten im Walde fast stündlich vorkommen, wand es sich mit wirklich bewundernswerther Geschicklichkeit immer näher und näher dem Hause zu, hier einen Stamm überspringend, dort vorsichtig durch wild umher gestreute und zersplitterte Aeste dahinschreitend, bis es sich plötzlich, nach einem besonders kühnen Satz über, oder vielmehr durch den Wipfel einer gefällten Eiche, so von allen Seiten eingezwängt und von wirklich unübersteiglichen Hindernissen umgeben sah, daß es ruhig stehen blieb und, in der festen Ueberzeugung sein Aeußerstes gethan zu haben, ganz geduldig erwartete was jetzt der Reiter beschließen würde, der doch eigentlich auch bei der Sache interessirt war.

Dieser aber blickte vergebens nach einem Ausweg umher und that endlich das, was er von allem Anfang an hätte thun sollen, er rief das Haus an, und zwar mit einem kräftigen, weit hinausschallenden »Halloh!«, was augenblicklich im ohrzerreißenden Chor von zehn bis zwölf Rüden bellend und heulend beantwortet wurde.

Gleich darauf öffnete sich die Breterthüre, auf deren Schwelle eine schlanke, schon etwas ältliche Matrone erschien, die rings nach dem Rufenden, freilich vergeblich, umherschaute, während jetzt die durch den Anblick der Herrin immer noch mehr gereizten Hunde einen so fürchterlichen Lärm erhoben, daß er für kurze Zeit jeden andern Laut vollkommen übertäubte.

»Ruhig, Muse, ruhig, nieder mit dir, Watch, willst du still sein, Deik; Hunde, ihr bringt Einen noch zur Verzweiflung, ruhig da, hört ihr denn nicht!« rief die Frau, die Meute beschwichtigend, die sich denn auch endlich zufrieden geben wollte, als ein zweites »Halloh the house!« ihren Grimm aufs Neue erregte, der jetzt gar keine Grenzen mehr zu kennen schien.

Die Geduld der guten Frau mochte nun aber auch wohl ihr Ende erreicht haben; denn einen zum Trinkbecher ausgeschnittenen großen Flaschenkürbiß ergreifend, der in dem vollen, auf einem Gesims vor der Thüre stehenden Eimer schwamm, goß sie die klare, kalte Fluth über die Tobenden aus, die nun heulend und kläffend auseinander stoben.

Zum dritten Mal rief jetzt, diesen Augenblick der Ruhe benutzend, die Stimme ihr immer ungeduldiger werdendes »Halloh!« herüber, und nun erst ward die Matrone den Reiter gewahr, dessen Kopf nur wenig über das ihn umgebende Buschwerk hervorragte.

»Mr. Hennigs, sind Sie das?« rief sie lachend, als sie die Lage des jungen Mannes errieth, »wie, um Christi willen, haben Sie sich denn da hinein verloren?«

»Verloren?« rief dieser in komischer Verzweiflung, »ich möchte wirklich wissen, wie ich mich hier verlieren sollte; ich sitze so fest, wie der Wolf in der Falle. Wo zum Henker ist denn der Eingang zu Ihrem Haus? ich bin hier zwar auf dem Fußweg, er scheint aber nicht sehr begangen.«

»Sie hätten um die Lichtung herum, durch den Wald reiten müssen,« entgegnete die Frau, »mein Mann hat hier Bäume gefällt.«

»Ja, das läßt sich nicht läugnen,« lachte der Reiter, »die Beweise liegen zur Hand.«

»Bleiben Sie nur da halten, Mr. Hennigs,« rief jetzt eine kichernde Mädchenstimme hinter der alten Dame vor, und dicht neben ihr ließen sich in diesem Augenblick zwei allerliebste Köpfchen sehen, die neugierig die Lage des jungen Mannes erspähen wollten, »bleiben Sie nur da halten; Vater hat gesagt, daß er im Lauf der nächsten Woche das ganze Holz wegräumen will, und dann wird der Fußweg wieder frei.«

»Danke, Sally, danke!« rief Hennigs lachend, »die Zeit möchte mir aber doch lang werden, wenn ich Ihre liebe Stimme immer so ganz in der Nähe hören müßte und nicht hinüber könnte. Nein, mag mein Poney sehen, wie es allein heraus kommt; ich will's ihm leichter machen!« Und damit sprang er vom Pferd, schnallte Sattel und Zaum ab, hing sich beides über die Schulter und kletterte nun, wenn auch nicht ohne bedeutende Anstrengung, dem kaum sechzig Schritt entfernten Hause zu.

Das Poney blieb im Anfang, als es sich so von seinem Herrn verlassen sah, ruhig stehen, und spitzte nur sehr bedeutend die kleinen Ohren; als es jedoch fand wie sich die Sache eigentlich verhielt, und den Trog witterte, an dem es gefüttert zu werden hoffte, warf es den Kopf in die Höhe, wieherte ein paar Mal hell auf, und flog dann, jetzt durch keine Last mehr zurückgehalten, mit kühnen Sätzen über Stamm und Busch hinweg, bis es schnaubend und mit den Hinterbeinen wild nach den hier auf es einstürmenden Hunden schlagend, vor der Thüre der Hütte hielt, und dort seinen jetzt ebenfalls herankeuchenden Herrn freudig begrüßte.

Dieser aber warf Sattel und Zaum nieder, sprang schnell die aus über einander gelegten Klötzen bestehenden Stufen hinauf ins Haus und rief hier, die Hände der Frauen ergreifend und herzlich schüttelnd:

»Wie geht's, Mrs. Draper, wie geht's, Sally und Lucy, Ihre Hand, Alle wohl? seh'n wenigstens Alle kerngesund aus; doch – wo ist der Alte?«

»Vater ist noch draußen im Wald, er sucht die Pferde,« entgegnete, nach der kurzen Begrüßung, Sally, das jüngste der beiden Mädchen, die etwa siebenzehn und neunzehn Jahre zählen mochten.

»Haben Sie gar keine Spuren im Wald gesehen?« frug die Matrone, während sie ihr großes Baumwollenspinnrad in die Ecke schob und die Kohlen im Kamine mit dem langen Schürstecken zu neuer Glut aufschüttelte.

»Sie müssen heute Morgen aus den Hügeln herunter gekommen sein,« meinte Hennigs, »am Bach wenigstens waren die Fährten, und wenn ich nicht irre, so habe ich auch gleich oben über dem Kreuzweg die Schelle gehört.«

»Ah, dann findet sie Vater gewiß nicht,« rief Sally bedauernd aus, »er wollte an Potters Creek hinauf und von da an links in das Thal hinüber suchen.«

»Nein, er ist wohl schon auf den Spuren,« entgegnete der junge Mann; »denn im weichen Quellboden sah ich deutlich die Abdrücke eines Schuhes.«

»Vater trägt heute seine Mocassins,« sagte Lucy, »das muß Jemand Anderes gewesen sein.«

»Dann allerdings; aber wer will denn die Pferde brauchen? ist ein Tanz irgendwo? es scheint Sie ja Alle ungemein zu interessiren, ob der Vater die Pferde findet, oder nicht.«

»Tanz? pfui, Mr. Hennigs, ich dächte doch Sie wüßten, daß wir nicht tanzen,« erwiederte ihm, etwas pikirt, die Matrone.

»Ach, alle Wetter ja, ich habe davon gehört, Sie hätten sich der »Kirche« angeschlossen und wären »religiös« geworden; Vater auch?«

»Noch nicht,« entgegnete, mit einem tiefheraufgeholten Seufzer, Mrs. Draper, »wir wollen aber morgen früh zur Campmeeting, und davon hoffe ich das Beste: der liebe Gott wird ihn ja wohl erleuchten, daß er den rechten Weg findet.«

»Das wird er, das wird er, Mrs. Draper, ob aber auf solche Art, bezweifle ich fast; der alte Herr trinkt gern sein Gläschen, und wenn ihm einmal etwas in die Quere kommt, ih nun, dann flucht er auch wohl ein Bischen, und ich glaube kaum, daß er sich das so leicht abgewöhnen wird. Wozu braucht er aber auch wirklich zu einer »Kirche« zu gehören? 's ist so ein herzensguter alter Mann, wie nur je Einer seine Sohlen in den Missouri-Bottom drückte, er thut ja keinem Menschen etwas zu Leide.«

»Wir sind Alle Sünder, Mr. Hennigs,« sagte die alte Dame sehr ernst, »und mein armer Mann besonders, er schwört und flucht, genießt geistige Getränke und hat neulich den reisenden Prediger, der bei uns übernachtete und die Gebete las, einen Hypokryten genannt, ja sogar gelogen, als er während des Gebetes aufstand und, Nasenbluten vorschützend, das Haus schnell verließ; ich habe später das Tuch untersucht, es war nicht ein einziger Blutfleck darin, und der arme Fremde wartete eine volle halbe Stunde mit dem Gebet, ehe er fortfuhr, damit der böse Mensch keinen Vers des heiligen Wortes versäumte.«

Hennigs lachte laut auf.

»Der arme Draper; also half ihm seine kleine Nothlüge nicht einmal?«

»Kleine Nothlüge, Mr. Hennigs?« sagte die Matrone mit größerer Strenge, als sie es sonst wohl gewohnt war, »Sie reden da recht böse, recht unendlich böse Worte; abgesehen davon, daß der Augenblick, wo er sich mit seinem Gott beschäftigen sollte, keine Nothlüge zuließ, so giebt es gar keine Nothlügen; es darf Nichts in der Welt einen frommen Menschen zu einer Lüge bewegen, nicht einmal die Noth; denn das Herz, was nicht wahr und treu ist, kann dem Herrn kein wohlgefälliges Opfer bringen.«

»Aber beste Mrs. Draper,« entgegnete ihr Hennigs, »Sie werden mir doch gewiß zugeben, daß es Fälle im menschlichen Leben giebt, wo eine Nothlüge nicht allein keine Sünde, sondern sogar gut und –«

»Nein, das gebe ich Ihnen nicht zu,« unterbrach ihn die Matrone schnell, »das kann ich Ihnen nicht zugeben, und schon ein solcher Gedanke ist Unrecht.«

»Wenn aber nun zum Beispiel Ihr Mann, oder eines von Ihren Kindern recht lebensgefährlich krank wäre,« demonstrirte Hennigs, »und wenn Sie nun wüßten, daß jede Aufregung für sie oder ihn die traurigsten, nachtheiligsten Folgen haben könnte, würden Sie da nicht, wenn nun etwa ein lieber Freund des Kranken eben gestorben wäre und er darnach früge, ihm den Todesfall verheimlichen? würden Sie da nicht lieber zu einer Nothlüge Ihre Zuflucht nehmen, ehe Sie das Ihnen theure Leben aufs Spiel setzten?«

»Mr. Hennigs, Sie bauen da eine ganze Menge von Voraussetzungen zusammen, um nur eine, Ihren Ansichten günstige Antwort zu hören. Das sind die Fallstricke, die uns der Teufel legt, um uns irre zu führen in dem, was recht und gut ist, und reichen wir ihm dann einen kleinen Finger, so hat er bald die ganze Hand und mit ihr die Seele des ihm Verfallenen. Draper nannte auch den frommen Mann einen Hypokryten.«

»Hm, ja, Mrs. Draper; aber Draper sagte mir, er hätte an dem Gebet volle sieben Viertelstunden gelesen, das ist doch ein Bischen stark.«

»Es war sehr erbaulich, und er gedachte aller unserer Sünden, da mußte es schon lange werden,« erwiederte die Frau.

»Wollen Sie nicht mit uns zur Campmeeting gehen, Mr. Hennigs?« frug jetzt Sally den jungen Mann, und sah ihn bittend mit ihren großen dunkeln Augen an.

»Gewiß, gewiß!« rief dieser schnell. »In so angenehmer Gesellschaft führ ich selbst mit zur – Campmeeting,« verbesserte er noch zur rechten Zeit, da ihm schon ein sehr sündhaftes Wort auf den Lippen schwebte, »aber wahrhaftig,« sagte er, jetzt sich in dem kleinen Raume umschauend, »Draper muß ver – muß ungemein fleißig gewesen sein; er hat sich in den vier Wochen, die er hier ist, schon wirklich ganz behaglich eingerichtet; das Dach kann ja kaum vierzehn Tage liegen.«

»Mr. Draper ist auch in der That sehr fleißig gewesen,« erwiederte die Matrone, »wie lange wird's aber dauern, da packt ihn die leidige Wanderlust wieder an, und Knall und Fall verkauft er für wenige Dollar das, was ihm jahrelange Arbeit gekostet hatte, und zieht westlich, immer weiter westlich, und immer tiefer in den Wald zwischen wilde Menschen und Thiere hinein.«

»Nun, viel weiter westlich kann er jetzt nicht mehr gehen,« meinte Sally ganz ernsthaft, indem sie dem Gast einen Stuhl zum Feuer rückte; »Vater hat ja selbst gesagt, er wäre nun nicht mehr weit vom indianischen Gebiet, und in dem dürfen sich keine weißen Leute ansiedeln. Ueberdieß,« fuhr sie schelmisch lächelnd fort, »ist ja Mr. Hennigs ebenfalls hier in den Wald gezogen, und da muß die Gegend doch wirklich Vorzüge besitzen, die man ihr auf den ersten Anblick hin gar nicht zutrauen möchte.«

Lucy wandte sich ab und setzte ihre Arbeit an dem großen Baumwollenspinnrade fort.

»Das Wandern müssen Sie uns schon zu Gute halten,« erwiederte Hennigs, der ebenfalls Sally's Anspielung vermeiden zu wollen schien und jetzt in aller Verlegenheit mit seinem Taschenmesser an dem Stuhle herumschnitt, auf dem er saß. »Dafür sind wir ja eben Pionniere oder Squatter, wie uns der Ost-Amerikaner nennt. Amerika braucht aber gerade solche Leute, die weder wilde Thiere noch wilde Menschen fürchten, sondern keck hineinziehen mitten in ihr Bereich, und der Natur den Boden abtrotzen, der ihnen und ihrem Fleiß, nach Aussage aller klugen Leute, nun doch einmal gehört.«

»Ja, ja, das ist schon Alles recht schön und gut,« meinte Mrs. Draper, »aber lieber wäre ich denn doch in Illinois geblieben.«

»Was, in Illinois? in den ungesunden dürren Steppen? zwischen Prairie-Hühnern und Prairie-Wölfen, und in der Gesellschaft der wirklich weltberühmten Corncrackers!«[3] rief Hennigs erstaunt aus: »nein, da lobe ich mir das Kraftland unserer Niederung, das ist nicht todt zu machen, und wollen wir wirklich Prairien haben, nun, dann finden wir sie westlich von hier, schöner und herrlicher, wie sie der ganze Osten mit all seinen so hochgepriesenen Vortheilen aufweisen kann.«

[3]: Spottname für die Bewohner von Illinois.

»Das mag wahr sein,« entgegnete ihm Mrs. Draper; »aber Illinois ist doch kein Sclavenstaat, und, mag dieß Land so schön und gut sein, wie es will, es ist mir fürchterlich auch nur mit Menschen zusammenleben zu müssen, die ihre Brüder und Schwestern wie das Schlachtvieh verkaufen.«

»Ach Gott, ja, Madame, es mag viel Wahres daran sein,« meinte Hennigs kopfschüttelnd, »manchmal, wenn ich so recht allein darüber nachdenke, kommt's mir auch fast so vor, als ob es nicht ganz recht wäre, daß wir die Neger feilbieten und ebenso für sie, wie für andere Waaren, den möglichst höchsten Preis zu erhalten suchen. Für Sünde kann's aber doch auch nicht gelten; denn unsere Väter und Großväter haben's gethan, das Gesetz hat den Sclavenhandel geheiligt und die Bibel selbst scheint die Sache als etwas sehr Natürliches zu betrachten, wenigstens habe ich neulich einmal mit dem presbyterianischen Geistlichen, der auch Sclaven hält, darüber gesprochen und der behauptet, Gott selbst habe das so eingesetzt, daß die heidnischen Völker den Christen dienen müßten; das klingt auch eigentlich vernünftig genug.«

»Ich weiß es, ich weiß es,« sagte Mrs. Draper, »sie vertheidigen die Sclaverei, selbst aus der heiligen Schrift, aber nur Gott kann erkennen ob sie daran Recht thun; ich möchte nicht ein voreilig Urtheil fällen. Wir Frauen fühlen uns aber auch vielleicht weit näher darin berührt als die Männer; mir thut's ja schon in der Seele weh, wenn ich ein junges Huhn geschlachtet habe, und sehe nun, wie die alte Henne gluckend den ganzen Raum, den sie sonst zu begehen pflegt, durchläuft und das Verlorene sucht; wie vielmehr muß ich Mitgefühl mit einer Mutter haben, der fremde Menschen das Kind aus den Armen reißen, um es für wenige Dollar zu verkaufen, während sie selbst gern das eigene Herzblut dafür hingäbe, und doch zu arm ist es zu bezahlen. – Ich wollte, wir wären in einem Freistaat geblieben.«

»Nun, hier in Missouri wird die Sclaverei noch nicht so arg getrieben,« sagte Hennigs, »im Süden mag's freilich schlimmer sein; hier hören wir auch ganz selten von entflohenen Negern, und das, sollte ich denken, wäre ein ziemlich günstiges Zeichen. Wo ein Freistaat so nahe ist und die Sclaven trotzdem bei ihrem Herrn bleiben, da kann auch ihr Loos noch kein entsetzliches sein.«

»Und wie sollten sie denn entfliehen können?« frug Mrs. Draper, »muß denn nicht ein Neger, wenn er nur selbst auf eine andere Farm oder Plantage hinübergeht, einen Paß haben, ohne den er von jedem weißen Mann festgenommen werden kann? und liefert nicht selbst dann, wenn der flüchtige Neger den Freistaat wirklich erreicht hat, dieser, zur Schande der Vereinigten Staaten, den festgenommenen Sclaven an seinen Herrn aus? Wie also soll ein solcher armer Mensch denn entkommen, wenn er Niemanden weiß an den er sich wenden kann, wenn er Niemanden hat, der ihn unterstützt und ihm forthilft, und wer das thut – hat Zuchthausstrafe zu erwarten.«

»Das Ausliefern muß aber sein,« fiel ihr hier Hennigs in die Rede, »wie könnten denn die Vereinigten Staaten einig neben einander bestehen, wenn sie einander ihr Eigenthum vorenthalten wollten; das gäbe ja zu endlosen Streitigkeiten Anlaß, und müßte nach und nach zu Haß und Zwietracht führen. Nein, es ist allerdings schlimm, daß wir die Sclaverei haben, und ich selbst wollte Gott danken, wenn es ein Mittel gäbe ihrer los und ledig zu werden, und alle von Negern Abstammende wieder über die See zurück in ihre Heimath senden könnten, wie ja der Anfang dazu auch mit Liberia gemacht ist; da aber die klügsten Leute im Lande sich schon seit langen Jahren vergebens die Köpfe zerbrochen haben, wie Dem am Besten abzuhelfen wäre, so wird unser Einer doch auch nicht dagegen ankämpfen sollen. Das Bestehende, wie es nun einmal besteht, muß der Einzelne ehren.«

Lucy hatte indessen aus einer Spalte über dem Kamine ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt herausgenommen, schlug es jetzt aus einander und hielt es dem jungen Mann entgegen.

»Sie behaupten, es entflöhen hier in Missouri keine Neger ihren Herren?« sagte sie mit leisem Vorwurf im Tone, »da – überzeugen Sie sich selbst; hier stehen Drei angegeben, und vor jedem ein kleines Bildchen: ein armer Neger mit seinem Päckchen auf dem Rücken; der eine ist sogar von einem unserer Nachbarn, aus dem nächsten County, von Squire Wallis.«

»Das spricht für und wider mich,« sagte Hennigs; »wider mich, wegen dem Entlaufen, für mich, weil eben dieser Wallis auch Einer von Ihren sogenannten frommen Leuten ist; er hat sogar schon gepredigt, und die Presbyterianer halten ihn für ein besonderes Licht, das dem Staate und ihrer Kirche in diesem Manne aufgegangen sei. Gott bewahre uns vor solcher Beleuchtung!«

»Behandelt Mr. Wallis seine Sclaven wirklich so arg?« frug die Matrone.

»Dessen war Draper und ich neulich Zeuge,« erwiederte ihr Hennigs; »wir ritten gerade vorbei, als er einen seiner jungen Neger an einen Baum gebunden hatte und ruhig daneben seine Pfeife rauchte; dann und wann nur, wie um sich eine kleine Bewegung zu machen, stand er auf und peitschte den Unglücklichen höchsteigenhändig, daß ihm das klare Blut an dem Rücken hinunter lief. Wir frugen ihn, was ihn zu einer so fürchterlichen Strafe veranlaßt habe, er behauptete aber, er thue das aus christlicher Milde, es sei gegen seine Grundsätze einen seiner Sclaven im Zorn zu strafen, und da kühle er sich in der Zwischenzeit immer erst ein wenig ab, um ruhig zu bleiben und nicht hitzig zu werden.«

»Und das nennen Sie ein freies Land!« rief die Matrone entrüstet.

»Und das nennen Sie einen frommen Christen!« warf Hennigs dagegen ein; »ist Ihnen da nicht Ihr Mann mit all seinen kleinen Fehlern und Eigenheiten, meinetwegen Schwächen, zehntausendmal lieber, selbst wenn er dann und wann das untere Ende des Whiskeykruges höher hebt, als das obere, und seinem Herzen mit etwas rauh klingenden, aber keineswegs bösgemeinten Worten Luft macht?«

»Aber das viele gotteslästerliche Fluchen könnte er doch lassen,« sagte Mrs. Draper, freilich schon um Vieles milder gestimmt.

»Ja, und Sie auch, Sir,« lachte Sally, »Lucy hat schon oft gesagt, Sie wären ein ganz guter Mensch, wenn Sie nur nicht immer –«

»Sally!« rief Lucy, »wie kannst Du nur –«

Ein plötzliches Anschlagen der Hunde unterbrach hier jede weitere Rede, und gleich darauf trat auch, die Mütze fest in die Stirne gedrückt und die Büchse in der Hand, die er, ohne sich weiter umzusehen, auf die über der Thür eingeschlagenen Pflöcke legte, Draper ein.

»Da bin ich wieder,« sagte er, und drehte sich in diesem Augenblicke nach den Seinen um, sein Antlitz war aber auffallend bleich, sein ganzes Wesen schien erregt, und er fuhr merklich zusammen, als er einen Fremden an seinem Kamin erblickte, faßte sich jedoch augenblicklich und streckte dem schnell erkannten Freunde die Rechte entgegen.

»Und ohne die Pferde?« frug Hennigs, der die dargebotene Hand derb schüttelte, »mit leeren Zügeln? Die Damen hier scheinen deren Ankunft fest erwartet zu haben.«

»Dann müssen die Damen noch etwas Geduld haben,« lächelte der Alte, und nahm die Mütze ab, die er oben auf eine Ecke des Kaminsimses legte. Dabei schienen aber seine Gedanken wieder weit hinweg zu schweifen, und er starrte, die Hand noch immer oben an dem Brett, wohl mehrere Minuten lang, wie in tiefem Nachdenken versunken, auf die im Kamine glimmenden Kohlen nieder.

»Mr. Hennigs hat die Fährten im Potters Creek gesehen, Vater,« brach endlich Sally das Schweigen, »sie müssen nach der Niederung hinunter sein, und da, weißt Du wohl, wenn sie erst in den Schilfbruch kommen, findest Du sie immer nicht gleich wieder. Am Ende versäumen wir morgen den Anfang der Campmeeting.«

»Das wäre freilich entsetzlich,« lächelte der Alte, der jetzt seine volle Ruhe wieder erlangt hatte und sich behaglich auf dem für ihn hingeschobenen Stuhl niederließ, »und dann könntest Du und Lucy auch nicht eure neuen Kleider und Bonnets zeigen, und Mutter müßte das schöne Umknüpftuch noch ganze vierzehn Tage länger in der Kiste liegen lassen.«

»Aber, Mann!« unterbrach ihn vorwurfsvoll Mrs. Draper, »willst Du denn behaupten, daß wir solcher sündlichen Eitelkeit wegen zu der Versammlung reiten? Habe ich Dir dazu schon je Ursache gegeben?«

»Vater ist überhaupt heute so sonderbar?« sagte Sally plötzlich, indem sie auf ihn zuging und ihm scharf ins Auge schaute, »es fiel mir gleich auf wie er hereintrat; ich weiß nicht –«

»Aber ich weiß, was Jungfer Naseweiß zu thun hat,« sagte der Alte, und ergriff sie lächelnd beim Kinn; »draußen steht Mr. Hennigs Poney und wiehert nun schon, so lange ich im Hause bin, ganz ungeduldig um den versteckten Mais herum. Geh, und gieb ihm ein halbes Dutzend Kolben, und dann wollen wir das Pferd aushobbeln,[4] es mag sich hier herum sein Futter selbst suchen. Du mußt ihm aber vorher die kleine Glocke umschnallen, sie hängt hinten an der Hausecke.«

[4]: Aushobbeln nennt der Amerikaner das Zusammenbinden der Vorderbeine des Pferdes, damit sich dieses zwar langsam von der Stelle bewegen kann, sein Futter zu suchen, aber doch nicht im Stande ist fortzulaufen.

Sally sprang singend hinaus, den erhaltenen Auftrag zu erfüllen, Draper aber ging zu seiner Frau hin, strich ihr schmeichelnd die nur noch halb schmollend weggedrehte Wange und sagte gutmüthig:

»Bist nicht böse, Alte, weißt schon, wie's gemeint ist; ein Bischen eitel seid ihr aber Alle, wenn ihr's auch nicht wollt merken lassen; denn in ihrem Alltagskleid ginge keine von euch zur Campmeeting, so viel weiß ich.«

»Das würde sich auch nicht schicken, Draper, das würde sich auch nicht schicken; wenn wir zu dem Herrn beten, müssen wir auch zeigen, daß wir etwas darauf halten, mit anständigem Aeußeren vor ihn zu treten.«

»Das wäre dem lieben Gott, so wie ich ihn kenne, sehr egal,« lachte Draper gutmüthig: »doch, Du hast recht, Du meinst's ehrlich dabei, und bist auch sonst brav und wacker; nur das scheinheilige Pack kann ich nicht leiden. Aber, Hennigs, wo habt Ihr denn die Pferde gesehen?«

»Die Pferde nicht, nur die Spuren,« erwiederte dieser, »sie kamen aus den Hügeln herunter und gingen, über den Kreuzweg hinüber, der Niederung zu; wenn ich nicht ganz irre, habe ich sogar die Schelle gehört, die der Fuchs um hat.«

»Ja, die schellt am weitesten, 's ist wohl möglich; nun, dann finde ich sie heute Abend an der Buffalolick, dorthin gehen sie gewöhnlich, wenn sie überhaupt die Richtung einschlagen.«

»Ich sah auch dort oben die Spuren eines Mannes,« fuhr Hennigs fort, »und glaubte erst, als ich hier hörte Ihr wäret ausgegangen die Pferde zu suchen, es seien die euren gewesen. Der die hinterließ trug aber Schuhe; es wird wohl ein Jäger gewesen sein.«

»Ja, ja, es wird wohl ein Jäger gewesen sein,« sagte der Alte, stand auf und schritt dann ein paar Mal in der Stube auf und ab; »ja, fuhr er dann fort, ich habe sie auch gesehen, sie gingen nach Süden, den Ansiedelungen zu; wahrscheinlich ein Jäger; aber was ist das für ein Zeitungsblatt?«

»Dasselbe, was der Sheriff heute Morgen hier herein gelegt hat, Vater,« erwiederte ihm Lucy, »wir blätterten darin herum.«

»Nun, giebt es Neuigkeiten aus St. Louis?« frug der Alte, und fuhr sich mit der linken Hand über die breite, offene Stirne, als ob er alle anderen Gedanken daraus verscheuchen wollte; »wie steht's mit der Wahl? was sagt unser Demokrat da? hat Polk Aussichten?«

»Nun, Missouri läßt ihn sicher nicht im Stich,« lachte Hennigs. »Das war's aber nicht, wir haben uns nicht mit Politik beschäftigt, sondern nur über eine Frage debattirt, die das gute Verständniß der südlichen und nördlichen Staaten betraf – über die Sclaverei, und zur Erläuterung derselben lasen wir hier einige Anzeigen von entlaufenen Sclaven.«

»Von entlaufenen Sclaven? wo? zeigt her!« rief Draper schnell und zwar mit einem Interesse, das einem genauen Beobachter sicherlich hätte auffallen müssen; Hennigs aber, die Bewegung einzig und allein der Neugierde zuschreibend, hielt ihm ruhig das Blatt hin und sagte:

»Drei Stück – Wallis hat auch wieder Einen hineinsetzen lassen.«

»Neunzehn Jahr alt,« las Draper, »schlank gewachsen, mit freier, hoher Stirn und besonders wolligem Haar; Farbe: Ebenholzschwärze, Größe: fünf Fuß sieben Zoll – das stimmt alles.«

»Was stimmt?« frug Hennigs.

»Was stimmt? ih nun, die – o, ich kenne den Burschen, der wahrscheinlich entlaufen ist,« erwiederte Draper, und wandte sich, wie um besser lesen zu können, mit der Zeitung ab, dem Lichte zu.

»Ist es etwa der, den er vor kurzer Zeit so fürchterlich mißhandeln ließ?« sagte Hennigs.

»Derselbe, derselbe; sein Rücken ist noch jetzt blutig und zerfleischt, die Narben hatten noch keine Zeit, wieder zu heilen, der arme Teufel konnte Tag und Nacht kein Auge schließen vor Schmerz und Qual und – mußte dennoch arbeiten; Donnerwetter, Alte, wo ist denn eigentlich der Whiskey,« unterbrach er sich plötzlich und bog sich nieder, um unter den Fuß des Bettes zu sehen, wo die fragliche Steinkruke gewöhnlich ihren Platz hatte, »ich bin trocken wie eine Ohio-Chaussee, ich staube ordentlich. Glaubt ihr, man soll euch die Pferde suchen, und nachher nicht einmal einen Tropfen trinken? Ich verdurste, wenn ich nicht bald etwas bekomme!«

»Vater hat wohl die Pferde gesucht, hat sie aber noch nicht gefunden,« sagte Sally, und schöpfte dabei, als sie eben in die Thüre trat, den Flaschenkürbiß voll des klaren Quellwassers, das in einem Eimer auf dem dort angebrachten Regale stand.

»Ist mein kleiner Kiek in die Welt auch schon wieder da?« lachte der Alte. »Also, weil ich sie nicht gefunden habe, braucht' ich auch nicht trocken im Halse geworden zu sein? und Wasser soll ich trinken? Wettermädchen das, folgt der Alten aufs Haar. Nein, Kinder, einen Schluck Whiskey muß ich vorher aufsetzen, aber laß nur das Wasser hier, Sally, zum Nachtrinken giebt's nichts Besseres auf der ganzen Welt.«

»Bester Mann,« bat Mrs. Draper, »ist nun das klare, liebe Himmelsgetränk nicht viel besser und zweckmäßiger, selbst den brennendsten Durst zu löschen?«

»Liebe, beste Frau,« entgegnete ihr Draper, während er von der ihm gereichten Kruke den, aus dem holzigen innern Theil eines Maiskolben bestehenden Stöpsel abzog und dann etwas von dem goldklaren Inhalt in den großen, vor ihm auf dem Tische stehenden Blechbecher ausgoß, – »das Wasser ist eben ein Himmelsgetränk, wie Du ganz richtig bemerkst, für uns arme Sterbliche aber müssen wir etwas Feurigeres, Herz und Seele mehr Zusammenhaltendes haben, und da hat denn der liebe Gott den Whiskey erschaffen.«

»Den hat der Teufel erschaffen!« rief Mrs. Draper lebhafter, als es sonst gewöhnlich ihre Art war, »das ist des Teufels Erfindung.«

»So? in der That? – dann bin ich dem Teufel wirklich mehr verbunden, als ich bis jetzt habe glauben mögen; die Erfindung macht ihm alle Ehre, und söhnt mich theilweise wieder mit ihm aus,« sagte der unverwüstliche Draper mit größter Ruhe, und leerte etwa die Hälfte des Inhalts, wornach er den Rest an Hennigs hinüber schob. Dieser aber zögerte, ihn anzunehmen, und blickte sich halb unschlüssig nach Lucy um.

»Lucy sieht nicht her!« neckte ihn Sally, der des jungen Mannes Verlegenheit keineswegs entgangen war, »Sie können's riskiren.«

»Laßt Euch durch die Frauen nicht irre machen, Hennigs,« ermahnte ihn der Alte, »wenn ich denen glauben wollte, dann wäre das gute Getränk hier vor uns ein Haken, und meine Kehle ein Arm, die mich selbander und mit vereinten Kräften in den Pfuhl der Hölle hineinrissen; so hat's ihnen wenigstens neulich der Presbyterianer erklärt.«

»Du bist ein böser Mann, Draper, und drehst Einem immer die Worte im Munde herum,« sagte die Matrone, reichte aber dem Gatten dabei freundlich die Hand hinüber: »Du weißt ja doch recht gut, wie ich's meine, und daß es nur immer Deines eigenen Besten wegen ist, wenn ich ein Wort einwerfe über Dein –«

»Trinken und Fluchen!« fiel ihr Draper ins Wort; »ja, ja, ich weiß schon, wovon die Rede ist; übrigens habe ich heute noch nicht ein einziges Mal geflucht, und was den Trunk betrifft, den ich selten genug zu meiner Erholung thue, so bin ich allerdings davon überzeugt, daß Du ihn mir nicht mißgönnst, da ist aber der gottverdammte –«

Sally's kleine Hand lag auf seinen Lippen, und er zog sie gutmüthig lächelnd herunter und drückte einen herzlichen Kuß auf den kleinen gespitzten Rosenmund des lieben Kindes.

»Nun, schon gut, schon gut, Sally,« sagte er dann, »'bist mein gutes Mädchen; jetzt seht aber nach euren Kühen – ach, ja so, es ist erst eine da; nun, schad't nichts, besorgt die nur, ehe es dunkel wird, es sollen schon mehrere nachkommen, und nachher zündet auch die Lampe an, oder habt ihr die Lichter schon gegossen?«

»Ja, Vater, die letzten drei Hirsche, die Du geschossen hast, hatten gar viel Talg bei sich, und aus den Bienenbäumen, die hier Mr. Hennigs für uns umgehauen, ist auch ein recht schönes Stückchen Wachs gekommen, – die Lichter sind fertig.«

»Brav, Kinder, dann macht alles bereit, Hennigs und ich, wir wollen indessen noch einmal nach der Buffalolick hinüber gehen und die Pferde holen; vielleicht finden wir auch unterwegs irgendwo ein Volk Truthühner aufgebäumt, ich will auf jeden Fall den Rifle mitnehmen.«

Und der alte Mann hob die schwere Büchse von der Wand herunter, hing sich die kaum abgelegte Kugeltasche wieder um, setzte die Mütze auf und wollte eben mit seinem jungen Freunde das Haus verlassen, als er plötzlich zurückprallte und erbleichend ausrief: »Tod und Teufel!«

Erschreckt sprangen seine Frau und Töchter hinzu, sie sollten aber über das, was den Vater so überrascht hatte, nicht lange in Zweifel bleiben; ein junger Neger mit bloßem Kopf und nur einer dünnen Leinwandjacke und eben solchen Hosen bekleidet, die nackten Füße in groben, rindsledernen Schuhen, das schwarze Antlitz eingefallen und verzerrt von Todesfurcht und übermäßiger Anstrengung vielleicht, sprang auf die Schwelle, warf einen scheuen, wilden Blick über die ihn jetzt Umstehenden, und brach dann, die Kniee des alten Mannes krampfhaft umklammernd, vor diesem halbohnmächtig zusammen.

»Ben, Ben, um Gottes Willen, was soll das heißen?« rief Draper und sah ängstlich nach Hennigs hinüber, der ganz überrascht dastand und gar nicht wußte, wie er sich diese merkwürdige Scene deuten solle.

»Rettet mich, Herr, rettet mich, wenn Ihr nicht wollt, daß sie mich bei lebendigem Leibe verbrennen, wie sie's dem armen Nigger in St. Louis gethan haben, rettet mich um des Heilands Willen, sie sind dicht hinter mir!«

Er blickte flehend zu ihm empor, und Hennigs konnte jetzt zum ersten Mal seine Züge erkennen. Kaum hatte er ihn aber einen Moment scharf in's Auge gefaßt, als er vorsprang, den Knieenden bei der Schulter ergriff und ausrief:

»Alle Wetter, das ist Wallis entlaufener Neger, halt, Bursche, wo kommst Du her und wo willst Du hin?«

Der unglückliche Ben warf einen flehenden Blick auf den alten Mann und sank dann, seine Kniee loslassend, ohnmächtig zu Boden.

»Der Bursche hat wahrscheinlich nicht mehr weiter gekonnt!« sagte Hennigs, als er ihn umwandte und fühlte, wie der arme Teufel regunglos in seinen Armen lag, »nun, ein Bischen kalt Wasser wird ihn schon wieder zu sich selbst bringen. Sie werden ihn aber hier behalten müssen, bis wir Wallis davon benachrichtigen können. Der wird nicht wenig froh sein, daß er seinen Neger wieder hat.«

»Sie werden ihn doch nicht ausliefern?« rief Lucy entsetzt.

»Nicht ausliefern, Miß Lucy? – wir sollen doch wohl nicht etwa gar einem Nigger zum Fortlaufen behülflich sein und nachher das Vergnügen im Zuchthaus büßen?«

»Man will ihn lebendig verbrennen!« rief Sally und faltete in Todesangst die kleinen weißen Händchen auf der klopfenden Brust.

»O bewahre Gott,« lächelte Hennigs, »das wäre ja wider des Herrn eigenen Vortheil, einen seiner Sclaven umzubringen; nein, Sally, der kommt mit einer Tracht Schläge davon, und die hat der Schlingel auch eigentlich verdient, warum läuft er fort; er weiß, daß er doch am Ende wieder gefangen wird.«

Draper bog sich schweigend zu dem Unglücklichen nieder und wies auf seinen Rücken, die Dämmerung brach schon stark herein, aber deutlich konnten sie noch erkennen, wie rothes Blut durch die dünne Leinwandjacke gedrungen war, und diese in langen, theils erhärteten, theils noch frischen Streifen an dem Rücken des Unglücklichen festgeleimt hatte.

Die Frauen stießen einen Schrei der Angst und des Entsetzens aus, und selbst Hennigs wandte sich schaudernd ab.

»Der arme Teufel!« brummte er vor sich hin.

Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte:

»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom, und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen. – Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt, Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und mir bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen Lebensretter und überliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht behülflich gewesen zu sein, – das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«

»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte Hennigs, »Wallis weiß, daß ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, und wenn Ihr zu ihm hinüberreitet und ihm sagt, daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten nicht noch mehr züchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehört ja doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht den Tyrannen spielen.«

»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und Schläfe mit Essig eingerieben hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott, wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; Vater, wenn nun unser Sohn, der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«

»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper,« nahm Hennigs noch einmal das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern müssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen in so entsetzliche Unannehmlichkeiten stürzen sollten, wie daraus entstehen könnten.«

»Es ist nur ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte Sally mit bitterem Vorwurf im Ton, »das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war in seinen Augen auch nur ein Weißer, und er hat ihn doch aus dem Wasser gezogen. Das weiß ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten, und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswörtchen mehr mit Ihnen.«

»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren kratzte.

»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was hülfe es ihm denn, wenn wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen wollten, deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze ohne Paß? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn verwenden können, so fängt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst recht schlimm.«

Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen geöffnet und zu dem Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in den dunkeln Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer Stimme:

»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen der nach mir ausgesandten Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von hier wußte ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh nun, als letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rücken ist zerfleischt, meine Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann ist's vorbei, und ich habe dieß elende Leben überstanden.«

»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs gutmüthig, »wir wollen selbst zu Deinem Herrn hinüber reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; er soll Dich nicht weiter mißhandeln.«

»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und sah starr vor sich nieder, »das wäre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat mich mit Füßen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging, ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und – schlug meinen Master zu Boden.«

»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann bist Du allerdings verloren!«

»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt sein, wenn ich ihn ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, ich weiß was mich bedroht, wenn ich entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht haben, daß mich das Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, Tag und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen muß: der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf gefallen ist, daß er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«

»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder,« sagte warnend der junge Mann.